Zu_Diogenes

Wege aus der Krise für Akademiker und Ingenieure - kurzfristige und längerfristige Perspektiven.

Von Chrisian Gizewski.

 

Zusammenfassung zweier Referate, die im Jahre 1998 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurden. Mitveranstalter war das Institut Technik - Theologie - Naturwissenschaften der LMU München.

A. Kurzinformationen zur Frage der Hochschullehrerarbeitlosigkeit oder -perspektivlosigkeit.

1. Gedruckte Literatur und WWW-Skripten zum das Thema 'Wissenschaftlerarbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland'.

2. Die wichtigsten und ausgearbeiteten Vorschläge und Forderungen habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen auf den Deutschlandtreffen und überregionalen Tagungen seit 1990.

a) Übersicht.

U. a. die folgenden Themenkomplexe haben überregionale Kongresse und Tagungen habilitierter Wissenschaftler (in ungesicherten Verhältnissen) seit 1990 beschäftigt und zur Entwicklung von Konzepten und Initiativen geführt, die - teilweise in Form von Denkschriften - auch den wissenschaftspolitisch verantwortlichen Ministerien und Organisationen in der ganzen Bundesrepublik übermittelt wurden.

1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.
3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.
4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.
5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur').
6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssystems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.
7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.
8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

b) Erläuterungen zu den Forderungen und Empfehlungen zu 1) - 8).

Zu a 1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.

Zu den Empfehlungen schon des 1. Deutschland-Treffens beruflich ungesicherter Hochschullehrer in Münster im Februar 1991 gehörte "der Aufbau eines für die besonderen Bedürfnisse und Probleme der ungesicherten oder wissenschaftlich nicht sinnvoll eingesetzten Wissenschaftler geeigneten bundesesweiten, auf der Zusammenarbeit von Hochschulen, Arbeitssamtsverwaltungen und Betroffenen beruhenden und den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt für alle inner- und außeruniversitären Interessenten durchsichtig machenden Informationssystems". Diese Empfehlung wurde auf den folgenden Kongressen und Tagungen beruflich ungesicherter Hochschullehrer unbeirrt wiederholt und ausgebaut. Sie ging - mit anderen grundsätzlichen Forderungen - allen wissenschafts- und sozialpolitisch in Frage kommenden Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder zu, ohne dort irgendeine erkennbare Resonanz zu finden. Bei der Einrichtung eines solchen Systems sind verschiedene rechtliche und organisatorische Fragen vorab zu klären. Dazu gehört u. a. auch die Frage, welcher Kreis von Hochqualifikationen erfaßt werden sollte. Dies läßt sich ohne eine genauere empirische Sondierung der in Frage kommenden Potentiale und eines potentiellen Bedarfs nicht von vornherein ganz sicher abgrenzen. Die Forderung nach entsprechenden Untersuchungen wurde daher ebenfalls immer wieder (und auch erfolglos) auf unseren überregionalen Treffen angeregt und gefordert. Generell kommen alle Träger von Qualifikationen in Betracht, die von irgendeinem Interesse für technologisch-wissenschaftlich fundierte oder begleitete Forschungs-, Lehr-, Untersuchungs- und Ausbildungszwecke in allen Bereichen des beruflichen Lebens - also nicht nur im Bereich der heutigen Formen organisierter Wissenschaft - sind oder sein könnten.

Zu a 2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.

Die für den Hochschulbereich sehr speziell ausgebildeten Wissenschaftler werden prinzipiell dort auch benötigt, selbst wenn die öffentlichen Finanzen das so nicht zulassen. Ihr Wissen entspricht oft zwar nicht einer 'unmittelbaren Marktnachfrage', wohl aber durchweg längerfristigen, investiven kulturellen und auch wirtschaftlichen Zielen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Daß dabei betriebswirtschaftsähnliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen schwer durchzuführen sind, macht sie nicht überflüssig. Sieht man im kulturellen, fachlichen und technischen Wissensniveau einer Gesellschaft einen Entwicktungsfaktor und sieht man in der Zahl von derzeit zusammen ca. 1,9 Mill. Studenten in der Bundesrepublik überwiegend nicht die Auswirkung einer überflüssigen Ausbildungsnachfrage, so machen die heute vorhandenen nur 900.000 ,Studienplätze' das Ausmaß der Unterversorgung allein der wissenschaftsbasierten Ausbildung ('Lehre') mit adäquat ausgebildeten Wissenschaftlern deutlich. Auch daß sich über diese Forderung Wissenschaftspolitik und Finanzpolitik seit längerem wegen der öffentlichen Haushaltslage nicht verständigen können, nimmt ihr nichts von ihrer Richtigkeit und Dringlichkeit. Es wird nur deutlich, wie kurzschlüssig es wäre oder ist, derzeit nicht bezahlbare und deshalb nicht einsetzbare wissenschaftliche Qualifikationen als angeblich unbrauchbar abzuschreiben.

Zu a 3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.

Ist die in der Wissenschaftstradition Deutschlands verankerte Habilitation bei korrekter Anwendung ihrer wissenschaftlichen Prinzipien ein geeignetes Verfahren, um Wissenschaftlern in politik-, interessen- und protektionsfreier Weise eine für die Berufung in das Professorenamt ausreichende Bewährung und Erfahrung in Forschung und Lehre förmlich zu bestätigen, so ist es im Interesse der Allgemeinheit sinnlos, die durch die Habilitation ermöglichte selbständige Vertretung des Faches (Hochschullehrertätigkeit im materiellen Sinne), welche im Rahmen einer Privatdozentur möglich ist, durch kleinliche Reglementierung zu behindern, wie es manchen Universitäten und Ländern leider vorgeworfen werden muß. Der Bundesgesetzgeber und die Landesgesetzgeber sollten Habilitation und Privatdozentur vielmehr so ausgestalten, daß die produktive Querverbindung zwischen beruflicher ~ und Hochschulwissenschaft, die der rein korporative Hochschullehrerstatus an sich ermöglicht, nicht behindert, sondern gefördert wird; dazu gehört auch die Lösung von Teilproblemen wie z.B im Bereich der Drittmittelbeschaffung oder bei der Unterstützung einkommensloser Privatdozenten nach dem Arbeitsförderungsgesetz.

Zu a 4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.

Die Wissenschaftlerförderung insbesondere der DFG, aber auch der privaten Förderungsinstitutionen stellt trotz der quantitativen Veränderungen im Bereich der Hochschullehrernachwuchserzeugung weiterhin, soweit ersichtlich, ausschließlich auf die Förderung junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler ab. Wenigstens teilweise sollten die Programme künftig den praxisorientierten Ausstieg von Wissenschaftlern aus Hochschullehrerkarrieren, etwa mit dem Ziel von (wissenschafstbasierten) Unternehmensgründungen oder für all gemeinnützliche (wissenschaftliche) Berufsfelder oder Kooperationszusammenhänge wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Art fördern.

Zu a 5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur'; siehe Nr.8 ).

Im Mittelpunkt der Suche nach Auswegen müssen stets vorrangig systemkonforme Ansätze zu Problemlösungen stehen. Zeigt sich allerdings, daß diese nicht tragfähig genug sind, so ist es nicht hinnehmbar, ihnen den Schein von Allheilmitteln zu belassen und die Suche nach effektiveren Gesamt- und Teillösungen aufzugeben.

Ein seit Jahren propagierter unternehmensbezogener Lösungsansatz, welcher die Wissenschaltlerarbeitslosigkeit bzw. -nichtbeschäftigung im Wege individueller Unternehmensneugründungen oder (im östlichen Bundesgebiet) durch 'Ausgründungen' aus vormals öffentlich organisierten Wissenschaftsbereichen beseitigen will, verdient dabei zuerst erörtert zu werden. Er beruht auch auf Grundgedanken über eine 'neue Unternehmerkultur' und liegt letztlich einem ganzen System öffentlich finanzierter Gründungsbeihilfen und Wagnisübernahmen auch für von wissenschaftlichen Grundideen ausgehende - primär allerdings für nicht-wissenschaftliche Unternehmens-Projekte - zugrunde.

Es wäre angesichts des vielfach öffentlich verbreiteten Optimismusses heute auch öffentlich zu diskutieren, ob der 'Ansatz Neue Unternehmenskultur' im Bereich der Wissenschaft das erreichen kann, was er generell anstrebt. Zu berücksichtigen sind folgende Einwände: Nur mittelfristig wirtschaftlich realisierbaren Projekten mit wissenschaftlichen bzw. technologischen Grundideen eröffnet er - rein abstrakt - eine Perspektive. Fur die meisten wissenschaftlich produktiven und zugleich gemeinnützigen fachdisziplinären Arbeitsgebiete kommt er folglich - jedenfalls generell - gar nicht in Betracht. Aber auch dort, wo die staatliche Wissenschafts- und Technologie-Förderung sinnvoll ein realisierbares Projekt unterstützt, muß nach dem derzeitigen Erkenntnisstand mit Verlusten des eingesetzten Kapitals in mindestens 50 % der Fälle gerechnet werden; die Gründe dafür können in der Unternehmensidee, in Webfehlern der Kapitaldecke, in betriebs-organisatorischen Problemen und in solchen der langfristigen Behauptung gegen die die Marktkonkurrenz liegen.

Wissenschaftler sind ganz überwiegend nicht geborene Unternehmer und entwickeln ihre Fähigkeiten schwerpunktmäßig in aller Regel abseits des wirtschaftlichen Geschehens. Nur dann, wenn unternehmerische Tätigkeit wirklich mit ihrer wissenschaftlich-fachlichen Entwicklung zusammenpaßt, hat eine berufliche Umstellung darauf einen wissenschaftlichen Sinn und zugleich eine wirtschaftliche Chance. Umgekehrt aber: die wirtschaftlichen Folgen eines Mißlingens, insbesondere etwa im Falle eines Konkurses oder einer stillschweigenden Unternehmensliquidation, sind für den persönlich haftenden Wissenschaftler-Unternehmer gravierend, weil dann die Verschuldung ggf. zur Arbeitslosigkeit hinzukommt, selbst wenn der Staat einen Teil des Risikos abdeckt.

Zu a 6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssvstems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.

Betrachtet man alle Einrichtungen der wissenschaftsbasierten Berufsausbildung im heutigen Deutschland zusammen, d h. nicht nur den Hoch- und Fachhochschulsektor, sondern auch die wissenschaftsnahen Lehrgänge im Rahmen privat oder öffentlich organisierter Berufsaus- und -fortbildung - vom dualen System der Lehrlingsausbildung über betriebsinterne Schulungen bis zu Berufsakademien aller Art -, so wäre an sich denkbar, daß optimal ausgebildete Wissenschaftler auch hier, außerhalb des Hochschulbereichs, aber als Wissenschaftler einige sinnvolle und nötige Aufgaben erfüllen könnten Dazu könnte gehören, daß es außerhalb der Studiengänge des Hoch- und Fachhochschulbereichs Typen wissenschaftsbasierter, aber sehr praxisnaher und aktuell -bedarfsbezogener Aus- und Weiterbildungsformen für Wirtschaft und Gesellschaft zu betreuen gäbe ('dynamischer Wissenschaftstransfer'). Doch würde dies in gewissem Umfang einen Reform-Umbau aller Zweige wissenschaftsbasierter Berufsausbildung voraussetzen, einschließlich des Hoch- und Fachhochschulwesens; dis könnte damit aber vermutlich auch von einigen unnötig aufwendigen Ausbildungsaufgaben entlastet werden.

Zu a 7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.

Angesichts der wissenschaftlichen Reservearmee ausgebildeter Hochschullehrer und der knappen Zahl von Arbeitsplätzen sind strikt chancengerecht ausgerichtete Stellenbesetzungsverfahren im Interesse der Gerechtigkeit ebenso wie im Interesse einer rein fachlich objektivierten Auswahl erforderlich. Protektion und Willkürauswahl bei der Besetzung von Wissenschaftlerstellen sind wegen der gesetzlich weithin ungeregelten Verfahrensweisen im Wissenschaftssektor leider nicht selten. Ein Beweis dafür ist die sog. Gleichstellungsgesetzgebung mancher Bundesländer: sie setzt das Vorliegen von Mißständen voraus, die über die Benachteiligung von Frauen weit hinausgehen. Aus diesem Grunde sind künftig Iückenlose gesetzliche Regelungen, die verfassungsgemäß den gleichen Zugang aller Bewerber zu allen öffentlichen Ämtern des Wissenschaftsbereichs sichern (Art. 33, Abs. 2 GG), unvermeidlich; ein juristisch ausgearbeiteter, ausführlicher Entwurf dafür wurde auf dem 4. Deutschlandtreffen (Leipzig 1996) vorgelegt. (2) Auch die nicht-öffentlichen Positionen des Wissenschaftsbereichs sollten auf geeignete Weise in eine solche Gesamtregelung einbezogen werden.

Zu a 8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

Es gibt unter den vielen nicht in dauerhafte Erwerbspositionen gelangten Wissenschaftlern ein Ausmaß an fehlender sozialer Sicherung, das heute grundsätzlich keiner anderen Berufsgruppe mehr zugemutet wird und eines Sozialstaats unwürdig ist. Nur weil diese Wissenschaftler nirgendwo eine wirkliche Interessenvertretung haben, werden ihre Probleme im Hinblick auf Altersversicherung, teilweise aber auch im Hinblick auf die Berufsunfähigkeits- und die Krankenversicherung sozialpolitisch ignoriert.

B. Thesen zu den Perspektiven der gesamtstaatlichen Wissenschaftsstruktur-, Arbeitsstruktur- und Einkommensstrukturentwicklung.

1. Vorbemerkungen.

a) Die vorgenannten Forderungen oder Vorschläge sind aus der Sicht der betroffenen Wissenschaftler formuliert und betreffen die deren verschiedenartige Gruppen besonders beschwerenden Probleme. Wir formulieren sie deswegen gesondert, weil sie in größeren Programmen und Konzepten, auch etwa größerer wissenschaftsnaher Gewerkschaften oder Interessenverbände, nach unseren Erfahrungen mehr oder weniger nicht ernstgenommen werden oder unterzugehen pflegen. Allerdings lassen sie sich in einer Zeit, in der es links und rechts von ihnen vergleichsweise noch sehr viel gewichtigere Problemlagen gibt, sinnvollerweise nicht nur für sich vertreten.Auf wichtigere Basisprobleme der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich indirekt auch im wissenschaftlichen Bereich auswirken, weisen ja nicht nur die im WS 1997/98 in der ganzen Bundesrepublik veranstalteten studentischen Aktionen, sondern vor allem die steigenden Arbeitslosenzahlen, auch der akademisch ausgebildeten Arbeitslosen, hin (siehe Nr.1). In einigen Punkten, wie z. B. in unserem Vorschlag zur Einführung eines bundesweiten Informationssystems, nehmen die von unseren überregionalen Kongressen und Tagungen entwickelten Positionen auf diese Gesamtsituation Bezug, und sie sind deshalb auch nicht nur für habilitierte Wissenschaftler gedacht.

b) Die gesamtgesellschaftlichen Hintergrundprobleme der gegenwärtigen Entwicklung im Hoschulbereich zu formulieren, fällt nicht leicht. Soll man deshalb aber gar nichts sagen, weil man sich nicht in allem, was für die Erklärung wichtig sein könnte, beispielsweise in Rechts- und Sozialpolitik, Wirtschaftsordnung und internationalen Beziehungen, gleichermaßen kompetent auskennen kann? Dies Schicksal scheint auch diejenigen zu treffen, die politische und wirtschaftliche Verantwortung tragen und möglicherweise, jeder auf seine Spezialistenweise, in wichtigen Punkten auch nicht weiterzuwissen scheinen. Ich möchte es deshalb wagen - mich aber auch darauf beschränken -, für einige in unserer m. E. immer uniformer und manipulativer werdenden politischen und medialen Öffentlichkeit progagierte Formeln der Gesellschaftsordnung und Gesellschaftspolitik eine energische öffentliche Neudiskussion zu fordern und dafür lediglich einige Thesen - also nicht mehr als kurzgefaßte Gedanken für Diskussionszwecke - aufzustellen.

c) Dabei gehe ich - vielleicht schon ganz illusorisch - von einer Möglichkeit staatlich regelbarer Verhältnissse aus. Die gesamtstaatlichen Einrichtungen sind m. E. jedenfalls nach wie vor m. E. der einzige wirklich rechtlich gestaltbare und politisch-praktisch erprobte Rahmen, in dem sich eine halbwegs planbare und politisch zu beeinflussende Entwicklung zumindest maßgeblicher Rahmenverhältnisse des wissenschaftlichen, des wirtschaftlichen und des sozialen Lebens eines Landes im Interesse der dort lebenden Bevölkerung - vorstellen läßt, und zwar nicht nur zweier, sondern aller Drittel der dortigen Bevölkerung. Die gegenwärtigen Vorgänge der internationalen Verflechtung von Wirtschaftsaktivitäten und Märkten, einschließlich der Arbeitsmärkte, schaffen, soweit ich sie verstehe, die heute überall geäußerte Besorgnis hinsichtlich zunehmender Arbeitslosigkeit und zunehmender Verschlechterung der Arbeitsbedingungen , zumindest an vielen Stellen und für viele Betroffene, dabei auch im akademischen Bereich, in keiner Weise beiseite.

Wenn sich die nachfolgenden Thesen auf den Bereich der Bundesrepublik beschränken, so wenden sie sich implizit daher auch in einem gewissen notwendigen Maße gegen Internationalisierungs- und Entstaatlichungstendenzen, und zwar deshalb weil und insoweit als die Gefahr besteht, daß andernfalls die Werkzeuge zur Gestaltung der Lebensverhältnisse des Landes im Interesse der hiesigen Bevölkerung möglicherweise verloren gehen könnten. Auch die gegenwärtige Lage an den Hochschulen könnte schon als intensivere Konsequenz internationaler Wirtschafts- und Arbeitmarktverflechtungen zu verstehen sein. Niemand von den derzeit vielen Propagierern einer 'freien Weltökonomie' oder auch nur einer europäischen Währungs-Gemeinschaft hat jedenfalls nach meiner Wahrnehmung bisher glaubhaft diese von vielen befürchtete, gegenwärtig von mehr als drei Vierteln der Bevölkerung und einer Vielzahl öffentlich hervorgetretener Ökonomie-Professoren mit Bedenken und Ablehnung wahrgenommene Entwicklung ausschließen können. Wozu dann eigentlich diese Politik? Und in wessen Auftrag?

Ich kome nun zu den Thesen: 

2. Die Thesen um einzelnen.

Die heutige Ausgangslage läßt sich kurz so zusammenfassen:

Hochschulen und Fachschochschulen in allen - von wem auch immer regierten - Ländern der Bundesrepublik Deutschland leiden, gemessen an einem begründbaren Bedarf für die angemessene Ausbildung der heutigen Anzahl der Studenten und für andere wichtige wissenschaftliche Dienstleistungen, an einer seit Jahren der Öffentlichkeit und der Politik aus dem Wissenschaftsbereich hinreichend deutlich gemachten chronischen Unterversorgung zumindest in sehr vielen Bereichen mit Geldmitteln und Lehrpersonal. Die 'Konsequenze' der Hochschulpolitik aller staatlichen Ebenen, die es angesichts der jeweiligen Finanzlagen sicherlich nicht leicht hat, waren haushaltslagebedingte Mittelstornierungen oder -kürzungen verbunden mit einigen eher spektakulären Reformplänen, die zudem in einigen Zügen auf - m. E. nicht genügend kritisierten - Prämissen von Hochschul-Über-Bürokratie, angeblich unnötig ausladenden Studiengängen oder angeblich normaler Professorenfaulheit oder -unfähigkeit ausgehen und auf Organisationsmodelle setzen, deren praktische Vereinbarkeit mit Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes (institutionelle und persönliche Wissenschaftsfreiheit) sich sowohl im Bereich der hochschulinternen Organisation der Beschlußwege als auch in bei sogenannten 'Evaluationsverfahren' verschiedener Art erst noch wird erweisen müssen.

Postive Perspektiven der Entwicklung könnten m. E.liegen:

a) im Ausbau und in der zureichenden Finanzierung des bestehenden Hochschulwesens durch Bund und Länder

verbunden mit

b) einer klar augesprochenen öffentlichen Zielvorstellung über den Bedarf an wissenschaftlich ausgebildeten Menschen, für den das Hochschulwesen ausgelegt sein soll, und

b) einer evtl. grundlegenden Reform der wissenschaftsbasierten Berufsausbildungen mit einer - ggf. berufslenkenden - Umlenkung eines Teils der heutigen Studenten in - allerdings - zukunftsfähige, praxisorientiert-wissenschaftsbasierte Berufsausbildungswege

Eine negative Alternative der Entwicklung wäre dagegen:

eine sich stetig verstärkende kaschierte, auch durch weitgehende Luft-Reformen (Stichworte: 'Entbürokratisierung der Hochschulen', 'Mehr Konkurrenz', 'Lehrevaluation') nicht zu verhindernde Leistungsminderung bei den seit anderthalb Jahrzehnten überlasteten und ohne angemessene Finanzierung nicht wesentlich verbesserbaren Ausbildungs- und Dienstleistungseinrichtungen im deutschen Universitäts- und Fachhochschulbereich.

3. Perspektiven der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsstruktur.

Die heutige Ausgangslage läßt sich so skizzieren:

Wir haben vor uns ein die Gültigkeit des sog. 'Leistunsgprinzips' als sozialer Orientierungsnorm widerlegendes und ad absurdum führendes, seit langem aber gar nicht mehr neues Massenphänomen bei der Arbeitslosigkeit: nämlich die Nichtverwendung oder längerfristige Nichtverwendbarkeit eines zunehmenden Anteils der an sich für die verschiedenen Bereiche der gesellschaftlichen Arbeitsstruktur zur Verfügung stehenden Hoch- und Höchstqualifikationen . Sie werden zwar generell für praktische oder wissenschaftliche Zwecke benötigt; ein stetig wachsender Anteil an ihnen ist jedoch - aus Finanzgründen - nicht einmal moderat-angemessen bezahlbar, oder sie werden - weil Wissenschaft unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Wert eben nur als ökonomisches Nachfrageobjekt einen 'Marktwert' hat - nicht so bezahlt. In der Perspektive fachkundiger Prognosen werden Akademiker-Arbeitslosigkeit, akademischer 'Arbeitskräfte-'Überhang' und sozial unakzeptable Bedingungungen akademischer Normarbeit in den nächsten Jahren gewaltig zunehmen, wie die folgenden Tafeln indizieren:

  ARBEITSMAKTBILANZ FÜR DAS BUNDESGEBIET-WEST UND -OST: PROJEKTION BIS ZUM JAHRE 2010.

(nach der unten zitierten Dokumentation der Bundesanstalt für Arbeit von M. Tessaring (Hg), S. 100 f.).

Trotz einer vorausgeschätzten Zunahme des Anteils von Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt (entsprechend einigen hunderttausend 'Stellen') über einen Zeitraum von 20 Jahren- dies allerdings zulasten anderer Qualifikationsgruppen - wird für das Jahr 2010 im Osten und im Westen des Bundesgebiets zusammen eine "Arbeitskräfteüberhang" allein unter den Hochschulabsolventen in einer Größenordnung von über 1,6 Mill. angenommen. Beide Prognosen sollten m. E. jeden sozial- und wissenschaftspolitisch aufmerksamen und gefühlsfähigen Zeitgenossen aufhorchen lassen und gegen die derzeitigen Entwicklungen politisch aktivieren. C. G.

 Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / Ost: Projektion fuer die Jahre 2000 und 2010.
 Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / West: Projektion fuer die Jahre 2000 und 2010.

Mögliche Perspektiven der Entwicklung sehe ich nur in großangelegten, staatlich als Zukunftsinvestition konzipierten und finanzierten - weil privatwirtschaftlich nicht organisierbaren - Beschäftigungsprogrammen, die über die sogenannten 'Reintegrations'-Zwecke und die Fristen des derzeitigen Arbeitsförderungsgesetzes weit hinausgehen. Für den Bereich wissenschaftsbasierter Hoch- und Höchstqualifikationen käme es dafür zunächst einmal an auf eine genaue, nicht beschönigende oder verdrängende empirische Untersuchung und Bestandsaufnahme der in der ganzen Bundesrepublik vorhandenen, nicht genutzten Potentiale hochqualifizierter Arbeitskräfte einschließlich derer mit Wissenschaftlerqualifikationen. Daran könnte sich ein Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für Hochqualifikationen anschließen. Dies wiederum könnte Basis sein für den Aufbau eines in einer unserer Denkschriften (siehe oben TEXT_4) so genannten 'Tertiären Wissenschaftssystems' für die Planung, Entwicklung und Durchführung wissenschaftsbasierter, wertschöpfender Projekte in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Ferner halte ich in einem gewissen, am Vollbeschäftigungsziel und am gesamten gesellschaftlichen Arbeitsbedarf orientierten Umfang, wenn es wirklich sein muß, aber auch in größerem Maßstabe und unter moderater Änderung der gegenwärtigen Verfassung, gesetzliche Berufslenkungsmaßnahmen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit und zur gerechteren Einkommenverteilung für denkbar. Auf Dauer sind sie vielleicht unvermeidbar. Ich weiß jedenfalls nicht, warum man einem marktwirtschaftlichen System die Treue halten soll, wenn es dauerhaft nicht funktioniert. Und dies scheint doch am jahrzehntelangen Problem der Arbeitslosigkeit jedenfalls für jeden deutlich erkennbar zu sein, der nicht von Berufs, Interessenverbands oder Politik wegen marktwirtschaftlich spezialisiert und engagiert ist, d. h. für schätzungsweise 70 % der Bevölkerung.

Die denkbar negativste Form der Entwicklung ist nicht nur denkbar, sondern nach den gegenwärtigen Verhältnissen sogar wahrscheinlich, nämlich

die - statistisch überaus wahrscheinliche - Beibehaltung und Vergrößerung

In diesem Zusammenhang wären dann, was besonders zu unterstreichen ist, auch die uns gegenwärtig im Hochschulbereich und im Bereich des - mit einer gewissen Problemverkürzung - so genannten 'wissenschaftlichen Arbeitsmarktes' bekannten, als Folge- oder Teilprobleme zu interpretierenden Schwierigkeiten m. E. nicht wirklich und dauerhaft lösbar,

nämlich

a) das Brachliegen und die Abschreibung vorhandener wissenschaftlicher Hochqualifikationspotentiale bei fortdauernder verantwortungsloser Nachwuchswerbung für Hochqualifikationen und bei deren unverhältnismäßig billigem Einkauf im Inland, ja in zunehmendem Maße, wo möglich, auch im Ausland.

und

b) das Fortdauern der derzeitigen problematischen Funktion der Hochschulen als Auffangbecken für einen letztlich arbeitsmarktbedingten Rückstau in der Nachfrage nach qualifizierten und existenzsichernden Berufen.

Diese zu a) und b) genannten Entwicklungstendenzen machen die zuvor erörterten Tafeln mit Prognosen zum Anwachsen des Arbeitskräfteüberhangs an wissenschaftlich ausgebildetem Personal bis zum Jahre 2010 aber leider wahrscheinlich .

4. Perspektiven der innerstaatlichen Einkommensverteilung.

Die gegenwärtige Ausgangslage hat u. a.folgende charakteristische Merkmale:

Eine schon jetzt große und sich, wie dargelegt, wahrscheinlich weiter vergrößerndeZahl an sich benötigter Hoch- und sogar Höchstqualifikationen findet keine Abnehmer, die sie - moderat-angemessen - bezahlen oder bezahlen können. Sie sind damit für produktive, wertschöpfende Zwecke im Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeitsstruktur letztlich nur begrenzt einsetzbar; d. h. sie können zeitweilig zwar - objektiv m. E. grob sittenwidrig - ausgenutzt werden, werden sich aber dieser Ausnutzung normalerweise auf Dauer durch Aufnahme nicht-wissenschaftlicher Erwerbstätigkeiten oder inaktiven Rentenbezug entziehen.

Mögliche Perspektiven der Entwicklung sehe ich letztlich nur:

in einer gesamtgesellschaftlich verbindlichen Rechts-, ggf. auch Verfassungsneuregelung über eine gerechte Einkommensverteilung unter allen zur Arbeit befähigten und arbeitenden Staatsangehörigen.

Ferner muß - jedenfalls nach meiner persönlichen Überzeugung - eine für die Herstellung einer Vollbeschäftigung erforderliche wirtschaftspolitische Gestaltungsmacht - was die Erstellung, Verwendung und Verteilung des Sozialprodukts betrifft - dem Staat im gegenwärtigen, in vielerlei Hinsicht erprobten und geregelten Sinne reserviert bleiben. Insoweit - aber nur insoweit - spreche ich mich auch für eine Einschränkung marktwirtschaftlicher Prozesse und der mit ihnen heute intensiv verbundenen überstaatlichen Wirtschafts- und Arbeitsmarktverflechtungen aus.

Die andernfalls m. E. wahrscheinlich unvermeidliche Alternative der Entwicklung wäre:

die Konsolidierung des Prinzips der 'Zweidrittelgesellschaft' unter immer stärkerer Einbeziehung auch voll leistungsfähiger und an sich zu hoher Produktivität befähigter Teile der Bevölkerung.

Christian Gizewski


Verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung der hier veröffentlichten Beiträge: Christian Gizewski [christian.gizewski@tu-berlin.de] .