'Lost Generation' - eine neue Generation Betrogener?*

Zur Aufforderung zweitausendzeihundert hochqualifizierter Jungwissenschaftler an die Bundesregierung, ihre Belange bei einer Hochschulrechtsreform nicht unter den Teppich zu kehren.

Von Christian Gizewski.

Diese ursprünglich unter der URL-Adresse http://wissenschaftlichernachwuchs.de/resolution.html mit einer WWW-Seite zugängliche Unterschriften-Initiative wurde von Anfang des Jahres 2001 bis zur Bundestagswahl im Okt. 2002 aktiv betrieben und sammelte bis dahin ca. 2200 Unterschriften unter Mittelbauangehörigen des gesamten Bundesgebietes. Im folgenden wird ihre Resolution d. J. 2001 kommentiert. Der Kommentar wurde in seiner ursprünglichen Form (d. J. 2001) belassen. Das Hauptanliegen der Betroffenen dauert fort, auch nachdem die hier interessierende von der Bundesregierung in den vergangenen Jahren betriebene und durchgesetzte Neufassung des Hochschlrahmenrechts vom Bundesverfassungsgericht mittlerweile komplett für verfassungswidrig erklärt wurde. Diese Hauptsache besteht in der verfassungsrechtlich gebotenen Nichtdiskriminierung der Habilitationsqualifikation und der anderen in sog. 'Mittelbaustellen' konventioneller Art erworbenen wissenschaftlichen Hochqualifikationen gegenüber den Begünstigungen, die für Inhaberinnen oder Inhaber sog. 'Juniorprofessuren' gesetzlich immer noch möglich sind. In Zukunft werden daher diejenigen, die eine scheinbar 'veraltete' Hochschullehrerqualifikation oder eine vergleichbare Hochqualifikation erworben haben, bei Berufungsverfahren, in denen ihnen weniger als sie geeignete Bewerber oder Bewerberinnen, welche den Status von Juniorprofessoren haben, vorgezogen werden, viel konsequenter als bisher im Wege verwaltungsgerichtlicher Konkurrentenklagen und letztlich ggf. auch im Wege von Verfassungsbeschwerden einer von Verfassungs wegen gesetzwidrigen Benachteiligung entgegenwirken müssen. C. G., im Jan. 2005.

In diesen Tagen (22. Mai 2001) wird der Bundesregierung, speziell dem Bundesbildungs- und -forschungsministerium (BMBF), eine Resolution überreicht, die in wenigen Wochen im gesamten Bundesgebiet von derzeit ca. 2500 Wissenschaftlern aus einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Fächer mit bereits vorhandener oder mit bevorstehender Habilitationsqualifikation unterschrieben wurde. Das ist eine schon quantitativ beachtliche Willensbekundung, auf die dieser Beitrag ausdrücklich aufmerksam machen möchte. Der Text der Resolution ist diesem Kommentar als Anhang beigefügt. Es ist möglich, über die URL-Adresse http://wissenschaftlichernachwuchs.de/resolution.html mit der Wissenschaftlerinitiative, die die Aktion organisiert hat, Kontakt aufzunehmen und die Resolution zu unterstützen.

Anlaß der Resolution ist der Entwurf einer Hochschulrechtsnovelle der Bundesregierung unter dem Titel 'Hochschuldienstrecht für das 21. Jahrhundert', auffindbar über: http://www.bundesregierung.de/frame/sonstige/Service/Suche/ix442_7626.htm? oder ggf. direkt abrufbar unter ftp://ftp.bmbf.de/dienstrecht.pdf .

Der Entwurf hat vielfältige Kritik, auch konstruktiv gemeinter Art, gefunden. Sie richtete sich sowohl gegen den Teil, der eine Revision des Dienstrechts für die bestallten Hochschullehrer betrifft, als auch - und insbesondere vonseiten jüngerer Wissenschaftler in 'ungesicherten Verhältnissen' - gegen den Teil, der den Qualifikationsgang und die Dienststellentypen für den sog. 'wissenschaftlichen Nachwuchs' der Hochschullehrerschaft betrifft. Dafür gibt es nicht nur gerechtfertigte materielle Interessen, sondern auch solche, die die tatsächliche Freiheit der Wissenschaft und die Eigengesetzlichkeit ihrer Qualifikationen durch den derzeitigen Entwurf in verschiedener Hinsicht ernsthaft bedroht sehen.

Zahlreiche Einwände dieser Art haben jedoch an dem Entwurf praktisch nichts geändert. Seit seinem Bekanntwerden durch ein Diskussionspapier der Kultusministerkonferenz vom 21./22. 10 1999 in Husum ist es prinzipiell ohne Abstriche bei allen Grundvorstellungen des damaligen Konzepts geblieben. Das hat u. a. den Deutschen Hochschulverband dazu bewegt, im Jahre 2000 die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung in der Frage einer Hochschulrechtsreform öffentlich und demonstartiv aufzukündigen und in diesen Wochen eine Unterschriftenaktion gegen den Entwurf zu organisieren, die bisher ebenfalls von mehreren tausend (nicht nur angehenden) Wissenschaftlern (am 22. 3. 2001: 3700) unterstützt wurde.

Auch auf dieser WWW-Seite, die sich seit einigen Jahren in ihrer wissenschaftskritisch-praktischen Abteilung (Cricetus criticus) u. a. als Forum für die Darstellung der Belange hochqualifizierter Hochschullehrer ohne gesicherte berufliche Perspektive versteht, wurden die zahlreichen Mängel des Entwurfs öffentlich und in scharfer Form zur Sprache gebracht (Zur politisch geplanten Neuordnung der 'Personalstruktur' der Hochschulen und der 'Qualifizierungsverfahren für den wissenschaftlichen Nachwuchs'), nachdem ihre sachlich-konstruktive Mitteilung an das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft ohne jegliche substanzielle Resonanz blieb.

Bei der nun vorliegenden Resolution junger Wissenschaftler mit vorhandener oder zu erwartender Hochschullehrerqualifikation muß ebenfalls in Rechnung gestellt werden, daß ihre Bedenken im weiteren ungehört verhallen oder in eine letztlich uneffektive Minimallösung abgeleitet werden, die die grundsätzlichen Mängel des Regierungsprojekts nicht in Frage stellt. Dies ist umso wahrschdinlicher, als die in der Resolution vorgebrachte gravierende Kritik eigentlich eine völlige Ablehnung des Regierungsentwurfs zur Konsequenz haben müßte. Es ist auch abzusehen, daß die Forderung nach einer 'Zwischenlösung' im wesentlichen nicht erfüllt werden wird, weil sie dem Konzept, das ganze mittlerweile jahrzehntelang kumulierte Habilitierten-Problem durch eine Art hochschulrechtlicher Währungsreform loszuwerden, widerspräche. Zu Recht zitiert der Resolutionstext aus dem Regierungsentwurf (RH, S. 29) wie folgt: "Es findet keine Überleitung vorhandenen Personals statt. Der Verjüngungseffekt soll vielmehr sofort greifen. Vorhandene Habilitanden und Habilitandinnen können das Habilitationsverfahren zu Ende führen." Die Perspektive dieser Kategorie(n) von Wissenschftlern bleibt im Entwurf nicht nur unerörtert. Sie wird vielmehr bewußt dem 'Arbeistmarkt' überlassen. Ihre Belange interessieren das Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) insoweit nicht. Aus der Sicht der betroffenen Wissenschaftler aber ist es ein Art Betrug: nämlich das Vorgeben, es handele sich um eine 'Reform', wo es in Wirklichkeit um eine treuwidrige 'akademische Enteignung', ja um eine in jeder Hinsicht ungerechtfertigte 'akademische Degradierung' geht.

Die grundsätzlich Handhabung der Habilitiertenproblematik durch die Bundesregierung ist nicht spezifisch sozialdemokratisch. Sie war im ganzen auch für die Vorgängerregierungen anderer Parteizusammensetzung bestimmend. Sie ist aber erst seit der Hochschulreform der 70er Jahre politisch selbstverständlich geworden und erreicht jetzt einen gewissen Höhepunkt der Bedenkenlosigkeit oder Kurzsichtigkeit. Letztlich ist sie gewiß die Folge einer unter den bestehenden institutionellen Möglichkeiten der Bund-Länder-Kompetenzen, der Hochschul- und der Arbeistmarktpolitik schwer zu organisierenden Verbindung 'massenhaft' vorhandener wissenschaftlicher Hochqualifikation mit den verschiedenartigen Bedürfnissen der Gesellschaft nach deren wirkungsvollem Einsatz. Aber ohne eine energische politische Beeinflussung dieses Systemzusamenhangs, die ein sozialdemokratisches Hochschulreformgesetz eigentlich an allererster Stelle hätte anzielen müssen, wird es auch in Zukunft eine nach mehreren tausenden zählende Menge hochqualifizierter Wissenschaftler ohne angemessene wissenschaftliche Einsatzmöglichkeit oder in deutlich unterbezahlten oder sonst ausgebeuteten Arbeitsverhältnissen oder in formeller Arbeitslosigkeit geben. Die Statistik, soweit zugänglich, deutet auf ein Wachstum hin. Eine Änderung erscheint wenigstens prinzipiell durchaus möglich, und aus der gedanklichen Arbeit betroffener Wissenschaftler in früheren Jahren sind allerlei nützliche und nötige, wenn auch im wesentlichen politisch unbeachtet gebliebene praktische Vorschläge hervorgegangen.

Da der hier behauptete Gesamtzusammenhang der Thematik den meisten mit dem Wissenschaftsbetrieb nicht vertrauten Zeitgenossen und auch vielen Jung- und Altwissenschaftlern ohne Erläuterungen vielleicht unverständlich, ja absurd erscheinen wird, sei im folgenden ein kleiner Exkurs zur Geschichte der Habilitiertenproblematik und zu früheren praktischen oder gedanklichen Ansätzen ihrer Lösung gegeben. Ich hielte es allerdings für wünschenswert, wenn nicht alle fünf bis zehn Jahre eine neue Generation junger Habilitierter mit ihren wissenschaftspraktischen und -politischen Überlegungen wieder ganz bei Null anfinge.


Historischer Exkurs zum besseren Verständnis der Entwicklung der Habilitierten-Probleme in einer 'modernen Wissenschaftsgesellschaft'.

A. Die klassische Privatdozentur.

Es ist nicht nur anekdotisch bemerkenswert, daß Gelehrte bzw. Wissenschaftler bereits im Altertum die Lehre 'privatim', d. h. in gesetzlich abgegrenzten, wenn auch ehrenvollen Betätigungsfeldern und ohne öffentliche Besoldung ausübten (vgl. Codex Theodosianus, Buch 14, Titel 8 'De studiis liberalibus urbis Romae et Constantinopolitanae'). Die insoweit traditionsreiche heutige hochschulrechtliche Form der Privatdozentur (und der mit ihr strukturell gleichen außerplanmäßigen Professur) geht aber im engeren Sinne auf das vergangene Jahrhundert zurück;, selbst wenn neuzeitliche Vorformen schon im 15. Jht. an deutschen Universitäten nachweisbar sind. Die Einkommenslosigkeit der Privatdozenten beleuchtet in ihrer Nützlichkeit für das öffentliche Hochschulwesen ein Zitat aus einer von dem berühmten Philologen und theoretischen Begründer des humanistischen Gymnasiums Friedrich August Wolf verfaßten Denkschrift zur Gründung der Berliner Universität aus dem Jahre 1807: "Sechzehn Professores ordinarii, d. h. die allein in Gehalt stehenden, würden ein hinreichendes Corpus der Universität ausmachen. Rechnete man für acht der vorzüglicheren 16000 Tlr. Gehalt, für andere acht aber 12000 Tlr., so blieben zu noch anderen Bedürfnissen 5000 Tlr. übrig. Nehmen wir dazu sechs Professores extraordinarii, die gewöhnlich auf Universitäten keine oder geringe Gehalte genießen und unter welche doch von obigem Rest leicht 1500 Tlr. verteilt werden könnten; nehmen wir endlich noch dazu acht bis zehn Privatdozenten, die nach der trefflichen deutschen Gewohnheit sich ohne Gehalt zu Lehrern qualifizieren, so wäre durch eine Zahl von dreißig Lehrern für die Notdurft der Lehrgegenstände und für den auf auf Universitäten üblichen Wohlstand hinlänglich gesorgt. Ein Corpus wäre sonach vorhanden... ." Berühmte Gelehrte bzw. Wissenschaftler sind im 19. und auch im20. Jht. nach der 'trefflichen deutschen Gewohnheit' über längere Strecken ihres Lebens oder auch lebenslang - wie Arthur Schopenhauer - Privatdozenten und ggf außerplanmäßige Professoren gewesen. Über ihre Zahl wurde niemals Bestand erhoben.

B. Die Diätendozentur und die Einführung der besoldeten wissenschaftlichen Assistentur nach dem 1. Weltkriege.

Die Privatdozentur beruhte als praktizierbares Modell von Anfang an auf dem Vorhandensein mehr oder weniger ausreichender Privatvermögen, die dem Privatdozenten sein Überleben gestatteten, während er sich selbstlos der wissenschaftlichen Tätigkeit widmete. Mit dem Ende des ersten Wekltkrieges und den Vermögensverlusten in seiner Folge fiel diese Form einer wirtschaftlichen Basis für viele Wissenschaftler fort. Um die als besonders wichtig und verdienstvoll geltenden unter ihnen dennoch nicht ganz unversorgt zu lassen und ihnen zumindest in bescheidenem wirtschaftlichen Rahmen eine wissenschaftliche Existenz zu ermöglichen, erhielt nun die - auch schon vor dem ersten Weltkrieg gelegentlich praktizierte - 'Notversorgung' über eine sog. 'Diätendozentur' größere Bedeutung. Auch die Einführung einer - besoldeten - wissenschaftlichen Assistentur als hochschulrechtlichen Stellentyps entsprang der veränderten Gesamtlage, d. h. den Vermögensverlusten in vormals gutsituierten bürgerlichen Familien. Diese stellenrechtlichen Institute wurden auch in der Hochschulverfassung der NS-Zeit fortgeführt und nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls nicht grundsätzlich verändert. Allerdings zeigte sich in den 70er Jahren erstmalig statistisch das Problem, daß die Zahl der habilitierten Wissenschaftler in der (alten) Bundesrepublik die Zahl der zur Verfügung stehenden Hochschullehrer und sonstigen adäquaten wissenschaftlichen Dauerstellungen erheblich zu übersteigen begann (siehe Nr. 3a).

C. Die Hochschulreform der 70er Jahre.

Das Instrument der 'Diätendozentur' und vielfältige andere fallbezogen sinnreich ersonnene Hilfskonstruktionen wurden deswegen immer häufiger eingesetzt, um den auch quantitativen Problemen so gut es ging abzuhelfen. Doch wurde die Lage dabei so unübersichtlich, daß schließlich das Bundesverfassungsgericht klären mußte, wer trotz fehlenden Professorentitels seiner tatsächlich ausgeübten Funktionen nach 'Hochschullehrer im materiellen Sinne' sei (vgl. BVerfGE 35, 39 ff. [79] v. 29. 5. 1973). Mit dem 1976 in Kraft getretenen Hochschulrahmengesetz des Bundes wurde - unter anderem Wichtigeren - eine neue hochschulrechtliche Stellentypologie eingeführt, die den 'Wildwuchs' vorheriger Entwicklungen in die Form eines abschließenden Typenkatalogs überleitete. In diesem waren verschiedene neue Stellentypen für Habilitierte vorgesehen. Es fehlte jedoch der der 'Diätendozentur'. Mit seinem Fortfall wurde letztlich und zunächst relativ unbemerkt von den Betroffenen im Wege der Hochschulreform eine Mitverantwortung des Staates oder der Körperschaft Universität für die wenigstens exzeptionelle Versorgung notleidender hochqualifizierter Wissenschaftler abgelegt. Angesichts steigender Habilitiertenzahlen (siehe Nr.3a ), denen nach dem verfassungsgerichtlich mehrfach unterstrichenen Verbot unnötiger öffentlich-rechtlicher Zugangsbeschränkungen zu Berufen aller Art (Art. 12 GG; vgl. BVerfGE 7, 377 aus dem Jahre 1958) im Wege einer Bedarfsprüfung aufseiten der Fakultäten nicht mehr gesteuert werden konnte, war dies auch sicherlich ein besonders schwer lösbares Problem --- schwer lösbar sicherlich, aber nicht prinzipiell und auf alle Zeiten unlösbar.

D. Die qualitative Zunahme des Problems seit den 70er Jahren und seine empirischen Teil-Untersuchungen, besonders die 'Karpen-Studie'.

Die neuen Probleme erzeugten einerseits aus verschiedenartigen Gründen, vor allem wohl wegen ihrer politisch-praktischen Schwerbehandelbarkeit und sozialpolitischen 'Geringfügigkeit', die in solchen Fällen eintretenden Verdrängungsprozesse unter den Verantwortlichen, zum andern hin und wieder aber auch Aufmerksamkeit, vor allem im Wissenschaftsbereich selbst. Auf diese gehen letztlich die sog. 'Karpen-Studie' und verschiedenartige andere Teil-Studien zurück. Ihre Ergebnisse (siehe Nr.4 ) hätten schon Mitte der achziger Jahre zu einem hochschulpolitischen Umdenken führen müssen. Doch kam es letztlich nicht so weit (siehe dazu auch TEXT 2).

E. Die Probleme seit der Wiedervereinigung und die vier 'Deutschland-Treffen' (Münster 14. und 15. Febr. 1991, Berlin 2. bis 4. Okt.1992, Leipzig 4. un d 5. März 1994, Leipzig 18. Okt. 1996).

Doch bildeten sich an einzelnen Universitätsorten im Laufe der achziger Jahren immer wieder einmal Gruppen nicht-professorierter Wissenschaftler, die über verschiedenartigen Anlässen innerhalb ihrer Fachgebiete und auch über deren Grenzen hinaus und manchmal sogar interuniversitär kooperierten, um bestimmten Problemen der beruflichen Benachteiligung und Unsicherheit durch gemeinsame Aktionen, z. B. gemeinsam finanzierte Muster-Prozesse, und durch sachlich fundierte Appelle an die Verantwortlichen zu begegnen.

Eine besondere Qualität erreichte diese Art der Selbstorganisation Ende der achziger Jahre, als zugleich die Wiedervereinigung - auch die der Wissenschaftslandschaften der alten und der neuen Bundesländer - anstand.

Schon der erste bundesweite Habilitiertenkongreß (Münster, 1991) war zugleich ein gesamtdeutscher, und die seither entwickelten Perspektiven gemeinsamen Handelns der 'Betroffenen' schlossen immer den Ost- und den Westteil der neuen Bundesrepublik ein, ohne daß jedenfalls hier der eine versucht hätte, den anderen zu übervorteilen.

 F. Die wichtigsten und ausgearbeiteten Vorschläge und Forderungen habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen auf den Deutschlandtreffen und überregionalen Tagungen seit 1990.

U. a. folgende Punkten haben überregionale Kongresse und Tagungen habilitierter Wissenschaftler (in ungesicherten Verhältnissen) seit 1990 beschäftigt und zur Entwicklung von Konzepten und Initiativen geführt, die - teilweise in Form von Denkschriften - auch den wissenschaftspolitisch verantwortlichen Ministerien und Organisationen in der ganzen Bundesrepublik übermittelt wurden.

1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.
3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.
4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.
5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur').
6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssystems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.
7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.
8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

Erläuterungen zu den Punkten 1 - 8.

Zu1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.

Zu den Empfehlungen schon des 1. Deutschland-Treffens beruflich ungesicherter Hochschullehrer in Münster im Februar 1991 gehörte "der Aufbau eines für die besonderen Bedürfnisse und Probleme der ungesicherten oder wissenschaftlich nicht sinnvoll eingesetzten Wissenschaftler geeigneten bundesesweiten, auf der Zusammenarbeit von Hochschulen, Arbeitssamtsverwaltungen und Betroffenen beruhenden und den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt für alle inner- und außeruniversitären Interessenten durchsichtig machenden Informationssystems". Diese Empfehlung wurde auf den folgenden Kongressen und Tagungen beruflich ungesicherter Hochschullehrer unbeirrt wiederholt und ausgebaut. Sie ging - mit anderen grundsätzlichen Forderungen - allen wissenschafts- und sozialpolitisch in Frage kommenden Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder zu, ohne dort irgendeine erkennbare Resonanz zu finden. Bei der Einrichtung eines solchen Systems sind verschiedene rechtliche und organisatorische Fragen vorab zu klären. Dazu gehört u. a. auch die Frage, welcher Kreis von Hochqualifikationen erfaßt werden sollte. Dies läßt sich ohne eine genauere empirische Sondierung der in Frage kommenden Potentiale und eines potentiellen Bedarfs nicht von vornherein ganz sicher abgrenzen. Die Forderung nach entsprechenden Untersuchungen wurde daher ebenfalls immer wieder (und auch erfolglos) auf unseren überregionalen Treffen angeregt und gefordert. Generell kommen alle Träger von Qualifikationen in Betracht, die von irgendeinem Interesse für technologisch-wissenschaftlich fundierte oder begleitete Forschungs-, Lehr-, Untersuchungs- und Ausbildungszwecke in allen Bereichen des beruflichen Lebens - also nicht nur im Bereich der heutigen Formen organisierter Wissenschaft - sind oder sein könnten.

Zu 2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.

Die für den Hochschulbereich sehr speziell ausgebildeten Wissenschaftler werden prinzipiell dort auch benötigt, selbst wenn die öffentlichen Finanzen das so nicht zulassen. Ihr Wissen entspricht oft zwar nicht einer 'unmittelbaren Marktnachfrage', wohl aber durchweg längerfristigen, investiven kulturellen und auch wirtschaftlichen Zielen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Daß dabei betriebswirtschaftsähnliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen schwer durchzuführen sind, macht sie nicht überflüssig. Sieht man im kulturellen, fachlichen und technischen Wissensniveau einer Gesellschaft einen Entwicktungsfaktor und sieht man in der Zahl von derzeit zusammen ca. 1,9 Mill. Studenten in der Bundesrepublik überwiegend nicht die Auswirkung einer überflüssigen Ausbildungsnachfrage, so machen die heute vorhandenen nur 900.000 ,Studienplätze' das Ausmaß der Unterversorgung allein der wissenschaftsbasierten Ausbildung ('Lehre') mit adäquat ausgebildeten Wissenschaftlern deutlich. Auch daß sich über diese Forderung Wissenschaftspolitik und Finanzpolitik seit längerem wegen der öffentlichen Haushaltslage nicht verständigen können, nimmt ihr nichts von ihrer Richtigkeit und Dringlichkeit. Es wird nur deutlich, wie kurzschlüssig es wäre oder ist, derzeit nicht bezahlbare und deshalb nicht einsetzbare wissenschaftliche Qualifikationen als angeblich unbrauchbar abzuschreiben.

Zu 3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.

Ist die in der Wissenschaftstradition Deutschlands verankerte Habilitation bei korrekter Anwendung ihrer wissenschaftlichen Prinzipien ein geeignetes Verfahren, um Wissenschaftlern in politik-, interessen- und protektionsfreier Weise eine für die Berufung in das Professorenamt ausreichende Bewährung und Erfahrung in Forschung und Lehre förmlich zu bestätigen, so ist es im Interesse der Allgemeinheit sinnlos, die durch die Habilitation ermöglichte selbständige Vertretung des Faches (Hochschullehrertätigkeit im materiellen Sinne), welche im Rahmen einer Privatdozentur möglich ist, durch kleinliche Reglementierung zu behindern, wie es manchen Universitäten und Ländern leider vorgeworfen werden muß. Der Bundesgesetzgeber und die Landesgesetzgeber sollten Habilitation und Privatdozentur vielmehr so ausgestalten, daß die produktive Querverbindung zwischen beruflicher ~ und Hochschulwissenschaft, die der rein korporative Hochschullehrerstatus an sich ermöglicht, nicht behindert, sondern gefördert wird; dazu gehört auch die Lösung von Teilproblemen wie z.B im Bereich der Drittmittelbeschaffung oder bei der Unterstützung einkommensloser Privatdozenten nach dem Arbeitsförderungsgesetz.

Zu 4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.

Die Wissenschaftlerförderung insbesondere der DFG, aber auch der privaten Förderungsinstitutionen stellt trotz der quantitativen Veränderungen im Bereich der Hochschullehrernachwuchserzeugung weiterhin, soweit ersichtlich, ausschließlich auf die Förderung junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler ab. Wenigstens teilweise sollten die Programme künftig den praxisorientierten Ausstieg von Wissenschaftlern aus Hochschullehrerkarrieren, etwa mit dem Ziel von (wissenschafstbasierten) Unternehmensgründungen oder für all gemeinnützliche (wissenschaftliche) Berufsfelder oder Kooperationszusammenhänge wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Art fördern.

Zu 5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur'; siehe Nr.8 ).

Im Mittelpunkt der Suche nach Auswegen müssen stets vorrangig systemkonforme Ansätze zu Problemlösungen stehen. Zeigt sich allerdings, daß diese nicht tragfähig genug sind, so ist es nicht hinnehmbar, ihnen den Schein von Allheilmitteln zu belassen und die Suche nach effektiveren Gesamt- und Teillösungen aufzugeben.

Ein seit Jahren propagierter unternehmensbezogener Lösungsansatz, welcher die Wissenschaltlerarbeitslosigkeit bzw. -nichtbeschäftigung im Wege individueller Unternehmensneugründungen oder (im östlichen Bundesgebiet) durch 'Ausgründungen' aus vormals öffentlich organisierten Wissenschaftsbereichen beseitigen will, verdient dabei zuerst erörtert zu werden. Er beruht auch auf Grundgedanken über eine 'neue Unternehmerkultur' und liegt letztlich einem ganzen System öffentlich finanzierter Gründungsbeihilfen und Wagnisübernahmen auch für von wissenschaftlichen Grundideen ausgehende - primär allerdings für nicht-wissenschaftliche Unternehmens-Projekte - zugrunde.

Es wäre angesichts des vielfach öffentlich verbreiteten Optimismusses heute auch öffentlich zu diskutieren, ob der 'Ansatz Neue Unternehmenskultur' im Bereich der Wissenschaft das erreichen kann, was er generell anstrebt. Zu berücksichtigen sind folgende Einwände: Nur mittelfristig ,wirtschaftlich realisierbaren Projekten mit wissenschaftlichen bzw. technologischen Grundideen eröffnet er - rein abstrakt - eine Perspektive. Fur die meisten wissenschaftlich produktiven und zugleich gemeinnützigen fachdisziplinären Arbeitsgebiete kommt er folglich -jedenfalls generell - gar nicht in Betracht. Aber auch dort, wo die staatliche Wissenschafts- und Technologie-Förderung sinnvoll ein realisierbares Projekt unterstützt, muß nach dem derzeitigen Erkenntnisstand mit Verlusten des eingesetzten Kapitals in mindestens 50 % der Fälle gerechnet werden; die Gründe dafür können in der Unternehmensidee, in Webfehlern der Kapitaldecke, in betriebs- organisatorischen Problemen und in solchen der langfristigen Behauptung gegen die die Marktkonkurrenz liegen.

Wissenschaftler sind ganz überwiegend nicht geborene Unternehmer und entwickeln ihre Fähigkeiten schwerpunktmäßig in aller Regel abseits des wirtschaftlichen Geschehens. Nur dann, wenn unternehmerische Tätigkeit wirklich mit ihrer wissenschaftlich-fachlichen Entwicklung zusammenpaßt, hat eine berufliche Umstellung darauf einen wissenschaftlichen Sinn eine zugleich eine wirtschaftliche Chance. Umgekehrt aber: die wirtschaftlichen Folgen eines Mißlingens, insbesondere etwa im Falle eines Konkurses oder einer stillschweigenden Unternehmensliquidation, sind für den persönlich haftenden Wissenschaftler- Unternehmer gravierend, weil dann die Verschuldung ggf. zur Arbeitslosigkeit hinzukommt, selbst wenn der Staat einen Teil des Risikos abdeckt.

Zu 6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssvstems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.

Betrachtet man alle Einrichtungen der wissenschaftsbasierten Berufsausbildung im heutigen Deutschland zusammen, d h. nicht nur den Hoch- und Fachhochschulsektor, sondern auch die wissenschaftsnahen Lehrgänge im Rahmen privat oder öffentlich organisierter Berufsaus- und -fortbildung - vom dualen System der Lehrlingsausbildung über betriebsinterne Schulungen bis zu Berufsakademien aller Art -, so wäre an sich denkbar, daß optimal ausgebildete Wissenschaftler auch hier, außerhalb des Hochschulbereichs als Wissenschaftler einige sinnvolle und nötige Aufgaben erfüllen könnten Dazu könnte gehören, daß es außerhalb der Studiengänge des Hoch- und Fachhochschulbereichs Typen wissenschaftsbasierter, aber sehr praxisnaher und aktuell -bedarfsbezogener Aus- und Weiterbildungsformen für Wirtschaft und Gesellschaft zu betreuen gäbe ('dynamischer Wissenschaftstransfer'). Doch würde dies in gewissem Umfang einen Reform-Umbau aller Zweige wissenschaftsbasierter Berufsausbildung voraussetzen, einschließlich des Hoch- und Fachhochschulwesens, das damit aber vermutlich auch von einigen unnötig aufwendigen Ausbildungsaufgaben entlastet werden könnte .

Zu 7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.

Angesichts der wissenschaftlichen Reservearmee ausgebildeter Hochschullehrer und der knappen Zahl von Arbeitsplätzen sind strikt chancengerecht ausgerichtete Stellenbesetzungsverfahren im Interesse der Gerechtigkeit ebenso wie im Interesse einer rein fachlich objektivierten Auswahl erforderlich. Protektion und Willkürauswahl bei der Besetzung von Wissenschaftlerstellen sind wegen der gesetzlich weithin ungeregelten Verfahrensweisen im Wissenschaftssektor leider nicht selten. Ein Beweis dafür ist die sog. Gleichstellungsgesetzgebung mancher Bundesländer: sie setzt das Vorliegen von Mißständen voraus, die über die Benachteiligung von Frauen weit hinausgehen. Aus diesem Grunde sind künftig Iückenlose gesetzliche Regelungen, die verfassungsgemäß den gleichen Zugang aller Bewerber zu allen öffentlichen Ämtern des Wissenschaftsbereichs sichern (Art. 33, Abs. 2 GG), unvermeidlich; ein juristisch ausgearbeiteter, ausführlicher Entwurf dafür wurde auf dem 4. Deutschlandtreffen (Leipzig 1996) vorgelegt. (2) Auch die nicht-öffentlichen Positionen des Wissenschaftsbereichs sollten auf geeignete Weise in eine solche Gesamtregelung einbezogen werden.

Zu 8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).

Es gibt unter den vielen nicht in dauerhafte Erwerbspositionen gelangten Wissenschaftlern ein Ausmaß an fehlender sozialer Sicherung, das heute grundsätzlich keiner anderen Berufsgruppe mehr zugemutet wird und eines Sozialstaats unwürdig ist. Nur weil diese Wissenschaftler nirgendwo eine wirkliche Interessenvertretung haben, werden ihre Probleme im Hinblick auf Altersversicherung, teilweise aber auch im Hinblick auf die Berufsunfähigkeits- und die Krankenversicherung sozialpolitisch ignoriert.


Aus der Geschichte der Habilitiertenproblematik und meinen eigenen Erfahrungen als Habilitierter in ungesicherten Verhältnissen ziehe ich persönlich folgende Konsequenzen, die ich in der Form eines Ratschlages an die Initiativisten der unten folgenden Resolution zusammenfassen möchte:

1. Sie sollten den Regierungsentwurf nicht 'prinzipiell befürworten' - was immer das angesichts ihrer massiven Kritik heißt - , sondern prinzipiell und explizit ablehnen, weil er in rücksichtsloser Weise ihre Interessen übergangen hat und weiterhin zu übergehen droht. Das schließt Gespräche mit allgemein- oder wissenschaftspolitischen Instanzen, sollten sie denn wirklich zustandekommen, nicht aus, nicht einmal mit der Regierung. Eine uneinsichtige und rücksichtslose Regierung sollte man auch uneinsichtig und rücksichtslos nennen, wenn sie sich nicht besinnen will.

2. Auch bei 'politischen Gesprächen' sollten sie nicht nur 'kleine praktische Teillösungen' anstreben oder sich aufdrängen lassen, sondern stets auch eine längerfristige und umfassendere Konzeption für die Lösung der hier umrissenen Gesamtproblematik anmahnen, die die Regierung mit ihrem Entwurf in keiner Weise berücksichtigt hat, sondern eher verdrängen will. Kleine Lösungen werden schnell zu Nullösungen.

3. Sie sollten - auch im Interesse einer autonomen Wissenschaft - 'Nagelprobenfragen' an das derzeitige politische 'Reformprojekt stellen und jedenfalls sich selbst schlüssig beantworten:

Kann man auf ein prinzipiell objektiv gestaltbares wissenschaftliches Prüfverfahren wie die Habilitation außerhalb der durchweg interessenbestimmten Rangeleien bei Einstellungs- und Berufungsverfahren überhaupt verzichten, wenn man künftig nicht nur noch Parteigänger, Anpasser und sonstige besonders 'geförderte Gruppen' in bezahlten und 'prominenten' wissenschaftlichen Positionen sehen will?

Wieso kommt es angeblich gerade für Wissenschaftler (deren Fähigkeiten doch erheblich auf dem Faktor Erfahrung, d. h. Zeit beruhen) so vordringlich auf Jungendlichkeit an, daß man 45-Jährige oder Ältere zur Erstbesetztung eines wissenschaftlichen Amtes für zu alt hält und deswegen die Habilitation ersatzlos streichen will? Müßte man dann nicht konsequent auch die Amtsinhaber, die über dieser Altersgrenze liegen, aus ihren Ämtern entfernen - und vielleicht auch die gleichaltrigen Politiker und sonstigen 'Verantwortungsträger' der Gesellschaft gleich mit? Warum reicht von Reform wegen nicht eine rechtzeitige und ausreichende Förderung des dafür in Frage kommenden Hochschullehrernachwuchses nach einem neuen, allerdings angemessen zu gestaltenden Modell aus - bei unbegrenzt alternativem Fortbestand eingeführter, wissenschaftlich angesehener und erprobter Qualifikationswege? Wieso muß -wenn der Entwurf den Fortbestand anderer Möglichkeiten, eine Professorenqualifikation zu erwerben, vorsieht - ausgerechnet die Habilitation ausnahmslos beseitigt werden?

Warum bedarf es auch einer Abschaffung der Privatdozentur bzw. der außerordentlichen Professur, die doch als Formen autonomer, wenn auch nicht-beamtenmäßiger und 'nur nebenberuflicher' Hochschullehrertätigkeit in ihrer Anlage zur Kombination mit anderen wissenschaftsnahen Berufsfeldern außerhalb der Hochschule durchaus zeitgemäß sind und deren Produktivität durch eine sozialversicherungsrechtliche Einbindung und durch eine gewisses minimales Leistungsentgelt erheblich gesteigert werden könnte? Stört irgendjemanden ihre Konkurrenz? Oder ihre völlig unkontrollierte wissenschaftliche Geltung und Autonomie?

Warum gibt es im Gesetzentwurf und auch im weiteren erkennbaren gedanklichen Horizont des BMBF und anderer gleichsinniger wissenschaftspolitischer Einrichtungen nicht den geringsten Ansatz für eine systematische Förderung des wissenschftlichen Einsatzes der massenhaft vorhandenen älteren habilitierten Wissenschaftler - auch außerhalb der Hochschule - in einer Gesellschaft, die angeblich so wissenschaftsbedürftig ist, daß sie sogar den Import wissenschaftlicher Hochqualifikation für nötig hält?

4. Die Initiativisten sollten nach ihren Möglichkeiten prinzipiell für alle Gruppen betroffener Wissenschaftler handeln. Wissenschaftler beiderlei Geschlechts, ältere und jüngere, solche aus dem Westen und solche aus dem Osten des Bundesgebiets leiden unter einer Problematik mit den gleichen Wurzeln. Dieser Kreis ist groß, aber nicht unüberschaubar und wartet nur darauf, politisch angemessen - und wenn nötig gegen die derzeitige Regierung oder irgendeine andere - organisiert zu werden. Das Internet macht es vielleicht besser möglich als in früheren Zeiten.

Christian Gizewski [christian.gizewski@tu-berlin.de]


Resolution des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland (Habilitanden und Privatdozenten aller Art).

Die Bundesregierung plant eine tiefgreifende Änderung desHochschuldienstrechts noch vor Ende der laufenden Legislaturperiode (2002). Ziel dieser von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn auf den Weg gebrachten Reform ist die Stärkung des Wissenschafts- und Forschungssystems und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschule auch im internationalen Vergleich.

Auf der Basis des Berichts der von Bulmahn eingesetzten Expertenkommission 'Reform des Hochschuldienstrechts' (RH) liegt unter dem Titel Hochschuldienstrecht für das 21. Jahrhundert (H21) auch bereits ein Konzept des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) vor.

Dort ist neben einer leistungsgerechteren Besoldung der Professorenschaft insbesondere die Förderung und Verjüngung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Einrichtung von 'Juniorprofessuren' bei gleichzeitiger Abschaffung der Habilitation vorgesehen. An der Arbeit der Expertenkommission sowie bei der Entwicklung des BMBF-Konzeptpapiers sind keine VertreterInnen des wissenschaftlichen Nachwuchses beteiligt worden.

Als HabilitandInnen und PrivatdozentInnen befürworten wirgrundsätzlich das Reformvorhaben. Jedoch kritisieren wir auf der formalen Ebene die fehlende Einbeziehung von VertreterInnen des wissenschaftlichen Nachwuchses in das Verfahren. Aus diesem Sachverhalt erklärt sich die fehlende Berücksichtigung des existierenden wissenschaftlichen Nachwuchses auf der inhaltlichen Ebene. Weder im Bericht der Expertenkommission noch im Konzeptpapier des BMBF ist an eine Übergangsregelung für den existierenden wissenschaftlichen Nachwuchs vom alten auf das neue System gedacht.

Die Generation der jetzt 35-45 jährigen HabilitandInnen und PrivatdozentInnen, deren hochqualifizierte Ausbildung in Lehre und Forschung die SteuerzahlerInnen viel Geld gekostet hat, droht der Universität aufgrund fehlender Übergangsregelungen verloren zu gehen. In der bisherigen Fassung schickt die geplante Reform den existierenden wissenschaftlichen Nachwuchs im Laufe der nächsten Jahre Schritt für Schritt auf die Straße. Im Bericht der Expertenkommission kommt das in der folgenden Bemerkung zum Ausdruck: „Es findet keine Überleitung vorhandenen Personals statt. Der Verjüngungseffekt soll vielmehr sofort greifen. Vorhandene Habilitanden und Habilitandinnen können das Habilitationsverfahren zu Ende führen.(RH, S. 29)

Die unter anderem geplante Streichung von C2-OberassistentInnenstellen und C2-Hochschuldozenturen zugunsten der kostenneutralen Einrichtung von Juniorprofessuren nimmt den HabilitandInnen und PrivatdozentInnen, die nach Abschluß des Habilitationsverfahrens im Regelfall nicht sofort eine Professur erhalten, die existentielle Grundlage. Diese Grundlage erlaubte es ihnen bisher, sich in einem angemessen Zeitrahmen von 4-6 Jahren am Wettbewerb um ausgeschriebene Professuren zu beteiligen. Zudem steht zu befürchten, daß auch Mittel aus eigentlich neu zu besetzenden C3- und C4-Professuren zur Finanzierung der Ausstattung von Juniorprofessuren abgezogen werden, so daß in den nächsten Jahren noch weniger Stellen auf dem Markt zur Verfügung stehen werden als dies ohnehin bereits der Fall ist.

Weiterhin haben auch die Institutionen, die Drittmittel vergeben, angekündigt, sich in Bezug auf die Vergabe von Fördermitteln der Reform in der Weise anzupassen, daß eine Förderung des sich habilitierenden bzw. habilitierten Nachwuchses nicht mehr bzw. nur noch in extrem reduzierter Form vorgesehen ist. So sieht die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits jetzt die Abschaffung von Habilitationsstipendien und die systematische Reduzierung von Heisenbergstipendien vor. Insbesondere ist eine strikte Altersgrenze von 35 Jahren selbst für die Vergabe reiner Forschungsstipendien vorgesehen.

Das bedeutet: Die Generation der heutigen HabilitandInnen und PrivatdozentInnen, ohne deren Einsatz und Engagement die akademische Lehre und wissenschaftliche Forschung in Deutschland zum gegenwärtigen Zeitpunkt schlagartig zusammenbrechen würde, wird in den nächsten Jahren aus dem Universitätssystem herausselektiert und durch jüngere Nachwuchskräfte ersetzt, die bereits nach dem neuen System ausgebildet wurden. Dabei soll die Ausbildung dieser zukünftigen Nachwuchskräfte noch von dem gegenwärtigen Nachwuchs mit durchgeführt werden. Über die Zukunftsaussichten des letzteren heißt es im Konzeptpapier des BMBF lapidar: „Habilitierte sind in Deutschland im Durchschnitt 40 Jahre alt. Eine berufliche Neuorientierung ist zu Beginn des fünften Lebensjahrzehntes so gut wie unmöglich.“ (H21, S. 12)

Das BMBF weist mit dieser Bemerkung zwar indirekt selbst auf die Dringlichkeit einer Übergangslösung für den existierenden wissenschaftlichen Nachwuchs hin. Es zieht aus der beschriebenen Lage, die für die betroffenen hochqualifizierten AkademikerInnen in die Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe führt, jedoch bisher nicht die notwendigen Konsequenzen.

Das mit 40 Jahren relativ hohe Durchschnittsalter der PrivatdozentInnen ist durch Mängel des alten Systems und nicht durchLangsamkeit des akademischen Nachwuchses verschuldet. Hinzu kommt, daß die gegenwärtige Generation der HabilitandInnen und PrivatdozentInnen den Neuaufbau der Universitäten in den neuen Bundesländern aktiv mitgestaltet und in Zeiten überfüllter Hochschulen unter höchster persönlicher Belastung und häufig unter Verzicht auf Familie und Kinder den Lehr- und Forschungsbetrieb aufrecht erhalten hat. Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß die Bildungspolitik in fast allen Bundesländern in den letzten Jahren einerseits rigoros Professorenstellen gestrichen und andererseits die Zahl der Habilitierten durch gezielte Fördermaßnahmen erhöht hat.

Es besteht grundsätzlich ein Anspruch auf institutionelle Sicherheit, der im Zusammenhang mit Strukturreformen normalerweise in Form von Übergangslösungen für die betroffenen Personengruppen berücksichtigt wird. Auch bei der Reform des Hochschuldienstrechts muß sich der Staat seiner diesbezüglichen Verantwortung stellen. Als Übergangsregelungen fordern wir:

- Keine Umwidmung von freiwerdenden C3- oder C4-Professuren in Juniorprofessuren, sondern umgehende Neuausschreibung und beschleunigte Nachbesetzung als C3- oder C4-Professuren (bzw. - nach der Nomenklatur des reformierten Systems - als W2- oder W3-Professuren).

- Keine Altersbegrenzungen bei der Erstberufung Habilitierter (d.h. diesbezügliche Gleichstellung der Habilitation mit einer Erstberufung).

- Bevorzugte Einstellung von PrivatdozentInnen (kein „Berufungskarussell“) in den Jahren bis zum Greifen der Reform und bis zur Verfügbarkeit berufungsfähiger JuniorprofessorInnen.

- Angemessene Übernahmeregelungen (z.B. in Form entfristeter C2-Stellen) für bis zum Zeitpunkt des Verfügbarwerdens berufungsfähiger JuniorprofessorInnen nicht berufene PrivatdozentInnen.


Weitere Beiträge zu diesem Thema unter:

http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/AnzA_DHV.htm
http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/ZuBMBF_E.htm
http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC3/DiogDial.htm

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