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Zum Projekt 'Anfangs-Deutsch'.

Teil II: Gründe für ein spezielles Konzept planmäßigen provisorischen Spracherwerbs für Zuwanderer.

[Bearbeitungsstand: 26. Juni 2015]


1. Generelle Überlegungen.

Der Anfang des Erwerbs einer fremden Sprache fällt besonders schwer. Denn wichtig dafür ist, daß Sprachunkundige sie nur von denen, die sie ausreichend kennen, lernen können. Fehlt es aber sogar an einem Anfangsbestand an Wort- und Regelwissen, so kommt der Lernprozeß - allein deswegen - nicht in Gang.

Selbst wenn schon ein gewisses Maß an Sprachkenntnissen mehr oder weniger zuffällig entstanden ist, kann die sprachliche Fortentwicklung stark behindert sein. Das gilt vor allem dann, wenn Sprachanfänger unrichtigerweise glauben, mit dem wenigen, was sie verstehen, künftig im Arbeits- und Erwerbsleben zurechtkommen zu können. Denn dazu müssen sie mindestens das lernen, was an Rede-, Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten in einer deutschsprachigen Grundschule erworben zu werden pflegt, wenn sie nicht in ihrer spraclichen Fortentwicklung behindert sein wollen.

Daher ist es wichtig, im Anfangsstadium des angeleiteten Spracherwerbs für weitgehend sprachunkundige Ausländer wenigstens ein provisorisches Minimum deutschsprachiger Rede-, Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten zu vermitteln, an die weiteres Lernen - ohne unnötige Rücksicht auf Korrektheit oder Perfektion - leicht anschließen kann.. Minderwichtiges muß zunächst außer acht gelassen werden, damit ein Lernprogramm möglichst schnell vermittelt werden kan und die Merkfähigkeit nicht überfordert wird.

Dazu muß man verschiedene praxisorienierte Typen vorläufigem Spravherwerbs für sprachunkundige Zuwanderer entwerfen und danach das Ausmaß des provisorischen, minimalen Sprachwissens bestimmen, das sie erwerben müssen. Sonst sind sie auf das Betteln als vorläufige und schnell dauerhaft werdende Lebensgrundlage angewiesen. Diese Typen müssen daher in ihrer praxusbezigenen Unterschiedlchkeit genau durchdacht werden. Es kommt vor allem darauf an, wo ein Zuwanderer ggf. Fuß fassen kann und will, ob - um nur einige Beispeke amzusprechen - in einem Lebensmittel-Kaufgschäft, auf einem Baumarkt, in irgendeiner Schwarzarbeit oder in irgendeiner 'ausgelagerten' Boten- und Transporttätigkeit. Auch kommt es oft auf sein etwaiges berufliches Vorwissen, sein Alter und Geschlecht an.

Hier soll zunächst einmal nur beispelhaft ein einziger Typ praxisorientierten provisorischen Spracherwerbs- erörtert werden.

Es geht um zwei des Deutschen im wesentlichen nicht kundige Frauen, die eine um 45, die andere um 23 Jahre alt. Beide haben keinen Beruf erlernt. Die ältere von ihnen kann selbst in ihrer Herkunftssprache nur mit Mühe schreiben und sich fast gar nicht auf deutsch verständigen. Die jüngere hat während ihrer seit einigen Jahren andauernden Betteltätigkeit ein gewisses Maß an 'Straßen-Deutsch'-Kenntnissen erreicht, die jedoch nicht ausreichen, um einfache alltagsdeutsche Texte richtig zu lesen und zu verstehen. Ihr Sprachvermögen ist in Wort- und Sprachregel-Kenntnis deutlich stark beschränkt. Sie ist aber, mehr als ihre Mutter, daran interessiert, mehr zu wissen als bisher. Die Mutter hat sechs Kinder, die Tochter ihrerseits eine kürzlich geborene Tochter. Beide leben gefühlsmäßig in familiärer Tradition und für ihre Familien. Die Anforderungen des Berufslebens sind beiden weitgehen fremd, auch wenn sich beide bemühen würden, sie kennenzulernen , wenn dies für sie auch nach ihrer Pberzeugung eine wirkliche Chance böte.

2. Zu überwindende rechtliche und soziale Schwierigkeiten.

Die rechtlichen 'Probleme' öffentlichen Betteln beleuchten allein schon die Lebensbedingungen von Ausländern, die weder beruflich noch sprachlich für eine 'normale Erwerbstätigkeit in Deutschland gerüstet sind.: Zumeist ist Betteln verboten. Als 'stilles Demutsbetteln' ohne jede aggressive Ansprache möglicher Spender ist es zwar rechtlich geduldet. Bei Verdacht 'bandenmäßigen', d. h. kalkuliert durchorganisierten gemeinschaftlichen Bettelns liegt jedoch eine Ordnungswidrigkeit nach § 118 OWiG vor, die im Rahmen eines Bußgeldverfahrens mit einer Verwarnung und einem Bußgeld belegt werden kann. Bettelbetrug (§ 263 StGB) und Nötigung bei der Bettelei (§ 240 StGB) sind sogar strafbar. Das Betteln von Kindern kann nach behördlichem Ermessen als sittnwidrig untersagt werden. Die Polizei kann wegen möglicher Rechtsverstöße aller Art Personenkontrollen vor Ort vornehmen und vorgefundene Geldspenden vorläufig beschlagnahmen. Auch kann sie Platzverweise aussprechen und ggf. dafür unmittelbaren Zwang anwenden.

Dies alles muß generell zu irgendeiner Oppositionshaltung gegenüber gelegentlichen Überforderungen und Unfreundlichkeuten einer deutschsprachige Umgebung führen und das Sprachlernen nsoweit indirekt erschweren.

Eine Hemmung des Motivs zum Spracherwerb dürfte gelegetlich auch in einer - allerdings amtlich schwer feststellbaren und verhinderbaren - 'professionell' betriebenen Form des Bettelns liegen, bei der es vor allem darum geht, in organisierter Weise bei dem angesprochenen Publikum auf alle situativ mögliche Weise die Bereitschaft zum 'Spenden' zu erzeugen. In solchen Fällen, soweit es sie gibt, dürfte ein Übergang in eine reguläre Erwerbstäzigkeit verbunden mit dem Erwerb der deutschen Sptache nicht im Vordergrund stehen.,

3. Zu den für eine provisorische sprachliche Eingliederung mitzubedenkenden Erwerbs-Typen und dem daran auszurichtenden Umfang provisorischer Minimalkenntnisse.

Um den Umfang angemessen zu begrenzen, wird eine Reihe sehr klein gehaltener Lernlisten zusammegstellt, die zu einer Minimalkenntnis an alltagssprachlichen Wörtern und an nützlichen Redewendungen führen können, die zusammengenommen für bestimmte Typen alltäglicher und beruflicher Verwendung geeignet sind. Diese Listen sind generell über die Lernlisten-Übersicht aiffindbar.

Dabei wird hier zunächst nur ecemplarisch von einer einzigen, nämlich der folgenden Fallgestaltung (im weiteren 'Typ 1' genannt) ausgegangen: Es geht um zwei jüngere, der deutschen Sprache nicht mächtige Ausländerinnen, die überwiegend keine deutschsprachigen Vorkenntnisse haben. Geringfügige Kenntnisse, eine Art 'Straßendeutsch', sind bei der täglichen Spenden-Bittstellung im öffentlichen Straßenraum, bei der Benutzung von Verkehrsmitteln und auch beim Fernsehen erworben worden.

In weiterer Perspektive ist daran gedacht, neben dem hier zunächst erörterten

Typ 1 - Hilfstätigkeit in einem Lebensmittelmarkt und ähnlichen Arbeiten

auch andere Typen von Erwerbsmöglichkeiten und Arbeitsbedungungen auf ihre deutschsprachigen Minimalerfodernisse hin zu durchdenken..

4. Zur Abgrenzung von Minimalkenntnissen.

Das bundesamtliche 'Konzept Alphabetierungskurs 2015' (> unten P. 6,) ist - unter anderen Zielsetzungen - auf eine gründliche sprachliche Integration von Zuwanderern ausgerichtet- Eine solche gründliche Integration ist in kurzer Einarbeitungszeit nicht erreichbar. Deshalb muß es Übergangslösungen für den Spracherwerb geben, die sinnvollerweisein wenigen Lernstufen aufgebaut sind und nur ein einziges Ziel antreben, nämlich stabile, im beruflichen Alltag praktisch brauchbare Minimalkenntnisse zu vermitteln. Anderes an sich Wichtiges kann und muß in diesem Zusammenhang zurückgestellt werden. Das bedeutet::

a) Flüssiges und grammatisch korrektes Sprechen kann in einer Anfangsphase nicht erreicht werden und ist hier auch nicht unbedingt nötig. Der Sprachanfänger sollte unter solchen Umständen deutschsprachige 'Normalsprecher' - ggf. höflich - auf seinen Lernstatus hinweisen..

b) Dagegen müssen in dem hier erörterten Bereich der Erwerbsarbeit unbedingt alle Warenbezeichnungen unf Gebrauchsanweisungen gelesen werden können und verstanden werden.

c) Wichtige Nachrichten - inbesondere des Lieferverkehrs, Kollegen-Mitteilungen und Kundenfragen oder -beschwerden - müssen besonders sorgsam entgegenenommen und weitergegeben werden können.

d) Der Lernanfänger muß sich aus eigenem Antieb und Interesse um ein gründliches sachliches Verständnis der wichtigen betrieblichen Abläufe und der darin zu handhabenden Hilfsmittel und Geräte bemühen. Dies ist auch für sein innerbetriebliches Fortkommen von besonderer Bedeutung.

e) Der Sprachanfänger ist besonders auf die - nicht nur sprachliche -Unterstützung von Kollegen und Betriebsleitung abewiesen und sollte sich - auch deswegen - um ein vertrauensvolles und menschlich offenes Verhältnis zu ihnen bemühen.

5. Zur Möglichkeit und Notwendigkeit des Ausbaus provisorischer Sprachkenntnisse.

a) Im weiteren sollte dem Sprachanfänger an einer für ihn persönlich interessanten, aber auch beruflich nützlichen Ausweitung seines - zunächst ja nur anfänglichen - deutschen Sprachwissens durch einen regulären, längeren Deutschkurs liegen.

b) Er sollte ständig sprachlich und sachlich informative deutschsprachige Rundfunk- und Fernsehensendungen - d. h. nicht primär Musik- und Unterhaltungssendungen - neben solchen in seiner der heimatlichen Sprache verfolgen.

c) Er sollte immer wieder einmal den informatorischen - d. h. nicht primär den 'unterhaltenden' - Teil deutschsprachiger Tageszeitungen ansehen und zu verstehen suchen.

d) Er sollte generell bebilderte deutschsprachige Texte in Sachbüchern und Bilderbüchern aller Art verstehen lernen.

5. Weitere Informationen zum Thema 'Spracherwerb von Migranten'.

Eine übersuchtlichr 'Wikipedia-Zusammenfaaung zum Problem-Komplex 'Alphabetisierung von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland' findet sich im Internet unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Alphabetisierung_von_Migranten_in_der_Bundesrepublik_Deutschland

Ein vom 'Bundesamt für Migration und Flüchtlinge' herausgegebenes 'Konzept für einen bundesweiten Alphabetierungskurs (überarbeitete Neuauflage Mai 2015), faßt in systemarischer Weise alle Aspekte einer sprachlichen, alltagskulturellen und 'politisch-adaptiven' Anfangsorientierung von Zuwanderern zusammen, befaßt sich jedoch nicht näher mit den praktischen Problemen einer allerersten provisorischen Spracheinführung. In seinem systematischen Charakter macht es dennoch deutlich, wieviel Zuwanderer in längerer Perspektive sinnvollerweise lernen müssen, um im deutschsprachigen Bereich in offenem Umgang mit ihrer Umgebung - also nicht begrenzt auf abgeschlossene Einwanderergruppen - leben und arbeiten zu können.

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Mitteilungen und Zusendungen, die das Projekt betreffen, sowie Fragen und Anregungen bitte an den Hg. dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Privatanschrift: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.: 030 8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .