Kommentar I


Das Städtische Goethe-Gymnasium Ibbenbüren in seiner heutigen Form hat viele historische Vorformen gehabt. Vor den Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen war es eine 'höhere Stadtschule', in der man außer am Elementarunterricht auch an einigen allgemeinbildenden Fächern teilnehmen konnte; dort war in begrenztem Umfang auch das Erlernen des Lateinischen schon damals möglich und gewünscht. Die Schule stand zu dieser Zeit, wie auch später noch eine Zeitlang, unter geistlicher Leitung, gehörte also wohl zum kirchlichen Verantwortungskreis.

Im Jahr 1819, in der Folge der preußischen ('Humboldtschen') Schulreformen (1810 - 1816), wurde dann eine Ibbenbürener 'Lateinschule' gegründet, deren Besuch bis zur Abschlußklassewohl schon damals, nach einer Abschlußprüfung, den Zugang zum Universitätsstudium eröffnete. 1859 wurde aus der Lateinschule eine 'Rektoratsschule', d. h. ihre Leitungs- und Kollegialstruktur änderte sich oder hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon geändert. Allerdings war sie damals noch kein 'Gymnasium' im Sinne der Schulreform 1819, d. h. sie war noch nicht für einen umfassend-allgemeinbildenden, dabei Griechisch und Latein in den Vordergrund rückenden Unterricht eingerichtet, der mit dem 'Abitur' endete. Den Charakter eines 'Neusprachlichen Gymnasiums mit altsprachlichem Zweig' erhielt die Schule erst in dem 1949 begründeten 'Amtsgymnasium Ibbenbüren'.

Im Hinblick auf die in den relativ jungen Vorgängerformen der heutigen Schule immer wieder hervorgehobene Bindung an das Lateinische ist es sinnvoll, diese Bindung einmal kurz in den Zusammenhang der weitaus längeren Wirkungsgeschichte der Antike zu stellen, die sich auch an einem in früheren Epochen abgelegenen und kleinen Ort wie Ibbenbüren immer wieder bemerkbar machte.

Die geistigen Auswirkungen der Antike auf diesen Ort beginnen schon im Frühmittelalter, zwangsweise eingeführt im Rahmen der vom Frankenreich ausgehenden Mission der nicht christlichen Sachsen und markiert durch den gewaltsamen Tod des Sachsen-Apostels Bonifatius um 755, wahrscheinlich bei Dokkum (Niederlande). Ibbenbüren (urspr. Bedeutung vielleicht: 'bei Ib(b)os [vermutlich von 'Eibe'] Haus / Hof / Burg') dürfte es als Ortschaft schon damals gegeben haben, es dürfte nicht größer gewesen sein als das damalige Dokkum. Die schulische Betreuung der ortsansässigen, sozialschichtlich höher zu liegen gekommenen Sachsenkinder, welche eine geistliche bzw. mönchische Laufbahn anstrebten oder anzustreben hatten, erfolgte vielleicht durch Missionsstationen und mit ihnen verbundene Klöster in Münster und Osnabrück.

Seit dieser Zeit gab es generell in dem neu erworbenen Teil des Frankenreiches einen der christlichen Katechumenen-Unterweisung und dem Muster der höheren antiken Schulbildung (nach Elementarunterricht ein 'trivium' und 'quadrivium') zugleich verbundenen klösterlichen Schulunterricht, der auch Lateinkenntnisse vermittelte oder teilweise wohl sogar voraussetzte. Diese schulische Tradition dauerte über das Hoch- und Spätmittelalter an, an dessen Ende allerdings wohl auch primär deutschsprachige Klosterschulen entstanden.

Die Entstehung deutschsprachiger Schulen außerhalb kirchlich-klösterlicher Leitung stand im Zusammenhang mit einem neuentstehenden Problembewußtsein für die Notwendigkeit einer besseren Bildung für breitere Bevölkerungsschichten auch außerhalb des engeren kirchlichen Lebens. Für diesen Zweck einer allgemeiner verbreiteten Bildung - das Wort 'Allgemeinbildung' entstand erst später und meinte auch sachlich etwas anderes - schrieb etwa Philipp Melanchthon (1497 - 1560) neben Kommentaren zu den griechischen und römischen Autoren der Antike auch schnell bekanntwerdende Lehrbücher zu einigen Fächern des antiken Bildungskanons wie Rhetorik, Ethik, Physik, Geschichte und Geographie, was ihm den Ehrennamen 'praeceptor Germaniae' zuteilwerden ließ. Allerdings ging Melanchthon noch von der Vorstellung aus, daß Unterrichtssprache in einer 'höheren' Schule das Lateinische sein müsse.

Das deutschsprachige Moment in der über den Elemenarunterricht hinausgehenden Frömmigkeits- und Wissensbildung wurde allerdings durch Martin Luthers Bibelübersetzung besonders bestärkt. Es verband sich mit seiner antipäpstlich-reformatorischen Theologie, welche mit der Devise 'ad fontes' (hebräische und griechische Bibeltextquellen) das Latein der 'Vulgata'-Bibel als Quellensprache ablehnte und zugleich das Deutsche als Sprache der deutschsprechenden Gläubigen, der Adressaten seiner Bibel-Übersetzung, in den Gebrauch der deutschsprachigen reformatorischen Kirche einführte.

Seither standen sich in Deutschland mindestens zwei Typen antikenverbundener höherer Bildung geistlich-kämperisch gegenüber, ein katholischer und mehrere protestantische. Erst durch die - auf die vorchristliche Antikentradition als Bildungsmaßstab zurückgreifenden - geistigen Säkularisationstendenzen der Zeit der 'Aufklärung' wurden seit dem 17. und 18. Jht. diese Kampf-Positionen relativiert.

Weiterhin stellte sich jedoch das im Rahmen der landesherrlichen Regimente politisch gewordene Problem der Verbreitung einer auch für die Landesentwicklung nützlichen Anhebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung. So wurde in Preußen schon 1717 die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Das dadurch entstehende landeseigene Bildungswesen enthielt mit der Zeit den Typus einer sehr einfach aufgebauten 'Ein-Lehrer-Elementarschule' für die breite Land- und Stadtbevölkerung, und den der 'höheren Schule', an der Geistliche oder universitär ausgebildete Lehrkräfte unterrichteten. Auch Ansätze für mittlere Schultypen (wie die spätere 'Realschule') gab es schon darin. Ende des 18. Jhts. soll die Zahl der Schüler höherer Schulen im gesamten Preußen bereits bei ca. 16000 gelegen haben. Sie begannen nach ihrer Schulausbildung normalerweise ein Universitätsstudium, das ohne weitere Voraussetzungen jedem Gebildeten möglich war.

Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon im Jahre 1806 kam es im Zuge der 'Stein-Hardenberschen Reformen' auch zu einer Bildungsreform, die maßgeblich von Wilhelm von Humboldt geprägt wurde.

Kern dieser Bildungsreform war das Konzept eines 'humanistischen Gymnasiums'. Darin standen das Latein und Griechisch der Antike und das historische Wissen über diese sowie die von ihr ausgehenden geistigen Traditionen im christlich-europäisch geprägten Bereich im Mittelpunkt. Darum herum waren die anderen Schulfächer angeordnet, deren Gestaltung den damals modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprach. Betont wurde ein nicht-materieller Wert der Bildung. Die berufliche und marktmäßige Nutzung von Wissen waren prinzipielle Nebensache. Betont wurde ferner die Zugänglichkeit der 'höheren' Bildung für Kinder aus allen Bevölkerungsschichten. Am Schluß der 'höheren' Schulausbildung gab es nach diesem Konzept eine 'Reifeprüfung' ('Abitur'), deren erfolgreiche Absolvierung Zugangsvoraussetzung für das Studium an einer Universität war. Auch das Universitätswesen wurde neu konzipiert.

Im Laufe des 19. Jhts. und späterhin gab es an dieser 'Humboltschen Idee' aus verschiedenen politischen und pädagogischen Grundsatzüberlegungen heraus eine teilweise vehemente Kritik, welche letztlich dazu führte, daß es bis heute immer wieder einmal neue Schultypen 'zwischen' dem fortbestehenden des 'humanistischen Gymnasiums' und der späterhin modifizierten sog.'Volksschule' gab ('Realschule', 'Mittelschule', 'Aufbauschule', 'Gesamtschule'). Diese Diskussion ist bis heute nicht abgeschlossen und erhält durch die föderale Struktur der heutigen Bundesrepublik Deutschland und deren Parteienspektrum eine stark landespolitische, 16-fache Ausprägung, welche die Übersicht über sie für einen Nicht-Spezialisten erschwert oder ausschließt.

Es ist jedoch bisher dabei geblieben, daß der Wert einer - in einem nicht-sozialstrukturellen Sinne - 'höheren' Schulbildung, die maßgeblich in der Antike wurzelt, pädagogisch und politisch nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Wer allerdings heute Studenten der Geschichte ausbildet, dem fällt ein 'praktisches Problem' des Studierens auf, das auch durch die Auswirkung von Schulreformen erklärt werden muß. Einem großen Teil dieser Studenten wurden keinerlei Lateinkenntnisse vermittelt. Sie sind folglich auf der Basis ihrer Schulbildung nicht in der Lage, antike und mittelalterlich-lateinische Texte als Quellentexte zu lesen. Sie gebrauchen - vielleicht wichtiger - die häufig der Antike entstammenden umgangssprachlichen und vor allem wissenschaftlich-spezialsprachlichen Fremdwörter falsch, können keine etymologischen Worterklärungen vornehmen und haben fast keine Kenntnisse der antiken und der mittelalterlichen Geschichte.

Auch im politischen und medialen Sprachgebrauch ist es häufig zu beobachten, daß Worte und Redewendungen aus der Antike, die man aus Prestigegründen gut brauchen könnte, unrichtig verwendet werden. Die Hohlheit und Geltungssucht einer politischen Rede - wo es sich so verhält - wird damit oft schlagartig deutlich, was ein wichtiger Erkenntnisgewinn für die aufmerksame Öffentlichkeit sein kann.


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