Christian Gizewski, Appell an die evangelische Christus-Kirchen-Gemeinde und an die Stadtgemeinde in Ibbenbüren wegen eines aktuellen Streits dort.

Das Kriegerdenkmal nordöstlich der evangelischen Christus-Kirche am Oberen Markt soll von seinem jetzigen Standort entfernt und an einem anderen Ort aufgestellt werden. Dort befindet sich ein Denkmal, das an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert. Die Form des Kriegerdenkmals - auf einer Plattform ein Quader für Inschriften und auf diesem eine Säule mit einem kleinen Adler - soll nicht verändert werden. Der Kirchenrat der evangelischen Gemeinde, der der Kirchplatz gehört, hat einen entsprechenden Beschluß gefaßt.

Maßgebliches Motiv scheint einerseits ein auf dem Denkmal nach 1945 angebrachtes Schiller-Wort zu sein ("Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein"), zum anderen die Überzeugung, daß man ein Kriegerdenkmal früherer Zeiten angesichts der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland nicht unkommentiert und unwidersprochen, was ein offenkundig nationales und militärnahes Selbstverständnis früherer Zeiten betrifft, auf seinem traditionellen Ort stehen lassen könne.

Es ist m. E. dennoch nicht nötig, das, was man in früheren Zeiten als 'nationale Tradition' im Sinne einer tiefreichenden, auch eine militärische Opferbereitschaft für das Vaterland einschließenden Loyalitätsbindung zu verstehen pflegte, übermäßig zu kritisieren oder gar zu verdammen. Denn was Kriegerdenkmale betrifft, weiß auch gegenwärtiges Geschichtsbewußtsein keine ethisch wirklich überzeugende, d. h. unwidersprüchliche Antwort darauf, ob, warum und wie es gerechtfertigte Kriege - oder sogar gerechtfertigte Aspekte in ungerechten Kriegen - früher geben konnte und heute oder künftig geben kann. Moral und Unmoral sind bei der Kriegführung notwendigerweise durchmischt, wobei es gewiß unterschiedliche Grade der Durchmischung gibt.

Die Kriege von 1866 und 1870/71 sowie der erste Weltkrieg waren m. E. auf allen kriegsbeteiligten Seiten dermaßen durchmischte Kriege. Der zweite Weltkrieg war einerseits ein von dem damals auf deutscher Seite diktatorisch herrschenden, politisch- militärischen Komplex begonnener, energisch betriebener, völkerrechtswidriger Angriffs-, Vertreibungs- und Vernichtungskrieg mit allen rechtlichen und moralischen Konsequenzen für die auf der Angreiferseite verantwortlichen Instanzen. Aufseiten derjenigen Kriegsgegner, welche in dem letzten Abschnitt dieses Krieges nicht nur zum Zweck der Beseitigung des NS-Regimes, sondern erklärtermaßen auch zum Zweck der territorialen Okkupation und der Bevölkerungsvertreibung kämpften, war er nach meiner Überzeugung insoweit vorsätzlich völkerrechtswidrig, mit allen moralischen und rechtlichen Konsequenzen, die dies für die verantwortlichen Instanzen der so kämpfenden Kriegsparteien hätte haben müssen.

Kein Krieg aber - dies ist m. E. heute die bei der Beurteilung des Sinns eines Kriegerdenkmals bleibende Unvermeidlichkeit - kann ohne todesbereite Soldaten geführt werden.Wenn und da es Kriege gibt, dürften die ihren Kern ausmachenden Gefechte immer wieder so ähnlich sein wie etwa die der Spartaner an den Thermopylen. Deren epochenprägende Denkmalsinschrift wurde ja ebenfalls von Schiller übersetzt ("Wanderer kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen sehn, wie das Gesetz es befahl"). Diese Inschrift gleicht im wesentlichen dem auf dem Kriegerdenkmal Ibbenbüren zitierten Wort. Beide machen m. E. deutlich, wie gering das wirklich ist, was die Gefallenen zur Aufopferung ihres Lebens brachte.

Auch in der Nähe Ibbenbürens in einem weitläufigen Bereich beiderseits der Paßstraße dorthin an den Dörenther Klippen, fand in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges ein für die deutschen Verteidiger gegen die vorrückenden britischen Truppen chancenloses Gefecht statt. Einige der damals Gefallenen liegen dort auf einem kleinen Friedhof begraben. Als das Kämpfen allerdings keinen Sinn mehr hatte, begaben sich die Verteidiger in Gefangenschaft und überlebten so. Dieses Gefecht und andere derartige Gefechte der damaligen Zeit mögen den Gemeinderat in Ibbenbüren nach dem Kriege - ohne daß die britische Besatzungsmacht dagegen gewesen wäre - bewogen haben, das derzeit so heftig umstrittene Schiller-Wort auf dem Kriegervereinsdenkmal anbringen zu lassen. Der britischen Seite mag in Erinnerung gewesen sein, daß ihre Truppen im Kampf denselben - gewissermaßen gemeinsamen - Prinzipien folgten wie die deutschen und daß die deutschen Verteidiger die Todesbereitschaft nicht unnütz übertrieben hatten. Ich meine deshalb, daß die Inschrift des Ibbenbürener Kriegerdenkmals in allem die Notwendigkeiten der damaligen Kriegszeit versteht und etwas moralisch Untadeliges in Erinnerung ruft und zu empfinden gibt.

Schon deshalb sollte das Kriegerdenkmal - anders als Umsetzungspläne einer derzeitigen Mehheit im Rate der evangelischen Kirchengemeinde, der der Kirchplatz gehört, es vorzusehen scheinen - unverändert auf seinem bisherigen Platz stehen bleiben und nicht irgendwoanders hin verrückt werden.

Alle Angehörigen der evangelischen Kirchengemeinde, die darüber zu befinden haben, seien aber darüber hinaus aufgerufen, ihren Glauben, wenn möglich, mit einem geschichtsbewußten Realismus zu verbinden. Sie mögen vielleicht, wenn sie es noch nicht getan haben, die abgewogenen Bemerkungen erwägen, die der Historiker und Geschichtstheoretiker Reinhart Koselleck in dem von ihm gemeinsam mit Michael Jeismann herausgegebenen, sehr materialreichen und zum Vergleichen anregenden Band 'Der politische Totenkult: Kriegerdenkmäler in der Moderne' zu bedenken gibt (München, Verlag Fink, 1994. ISBN 3-7705-2882-4') : "Erst wenn es keine Besiegten, und damit auch keine Sieger mehr gäbe, wäre das 'eherne Zeitalter' beendet. Aber das ist eine Utopie. Was bleibt, sind die getöteten Toten. Ihrer zu gedenken ist das Mindeste, ohne das weiterzuleben nicht möglich ist. Ob Denkmäler und welche dazu erforderlich sind, bleibt eine offene Frage."

Es ist dennoch etwas hinzuzufügen: Wenn man schon ein Denkmal hat, so kann man - durch dessen Versetzung in einen ihm nicht ursprünglich zugedachten Zusammenhang bzw. durch seine Entfernung aus einem ihm ursprünglich zugedachten Zusammenhang - die Toten gewissermaßen nochmals töten, indem man nachträglich auch noch den Minimalsinn des am Ende ihres Lebens stehenden Tuns für unbeachtlich oder bevormundungsfähig erachtet.

Solche Bedenken stehen einer vernünftigen, der städtebaulichen Bedeutung einer Stadtmitte entsprechenden künftigen Baugestaltung dieses Platzes nicht entgegen. Er sollte seinen Charakter als Parkplatz verlieren, für alle, die ihn begehen müssen, insbesondere etwa die Alten, mit Gehwegen gangbar gemacht, für Marktzwecke nutzbar und auch in geschichtsbewußter Weise - es handelt sich um einen Kirchhof früherer Epochen - ausgestaltet werden. Das bedeutet m. E. auch, daß man den anderswo in dieser Hinsicht öfters zu beobachtenden Besinnungs- und Entspannungskitsch etwa mit Steingärten, nichtssagenden Schmuckplastiken und poppiger Scheinlustigkeit möglichst unterläßt. Das Kriegerdenkmal und die alte Kirche stellen ein städtebauliches Ensemble dar, das man schon wegen seiner, was die Gegenwart betrifft, eindrucksvollen - und m. E. auch weisen - Andersartigkeit zum zentralen Motiv für die Platzgestaltung machen sollte.


Bilderklärungen:

Photo Kriegerdenkmal Ibbenbüren vor evangelischer Christuskirche (Aufname und E-Bearbeitung: C. Gizewski)

Karte Kriegsendkämpfe in Westfalen (aus Helmut Müller, Die Besetzung des Münsterlandes 1945, Aschendorff-Verlag Münster 1972, Buchdeckelinnendruck; E-Bearbeitung C. Gizewski).).

Photo Überlebende nach Kapitulation (aus Helmut Müller, Die Besetzung des Münsterlandes 1945, Aschendorff-Verlag Münster 1972, S. 118; E-Bearbeitung C. Gizewski).


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