Kommentar II.

Zu weiteren historischen Traditionen der Stadt Ibbenbüren.

A. Übersicht.

Außer der Tradition des gebildeten Unterrichts, welche in Kommentar I erörtert wurde, gibt es in Ibbenbüren weitere, teilweise stärker, teilweise schwächer sogar bis auf die Antike zurückführbare Traditionen. Dazu gehören

die Traditionen des religiösen Glaubens - vor allem Katholizismus und Protestantismus,

diejenigen der gemeindlichen und staatlichen Politik, Verwaltung, Polizei, Militärordnung und Gerichtsbarkeit

sowie - davon begrifflich zu trennen - die 'nationalen' Traditionen

als solche, die in den letzten 200 Jahren der wechselvollen Neuzeitgeschichte wesentliche Rahmenbedingungen auch der schulischen Ausbildung darstellten.

Von Belang für die Schulbildung - von der Berufsschulbildung bis zu der eines humanistisch, d. h. letztlich 'idealistisch' konzipierten Gymnasiums - sind ferner solche Traditionen wie die des Vereinswesens, der Presse, der industriellen und gewerblichen Wirtschaft (Beispiel: Bergbau), der verschiedenen Berufe, der Architektur, des Städtebaus (Beispiel: Kirchenbau) oder des Verkehrswesens.

Es ist unmöglich, all diesen Aspekten gerechtzuwerden, ohne dies Skript, das ein Beitrag zur Geschichte einer bestimmten Schule sein soll, systematisch zu überfordern. Es seien nur drei Punkte angesprochen.

1. Gewiß steht die Tatsche, daß die älteste Kirche Ibbenbürens, die heutige 'Christus-Kirche', in der Reformationszeit protestantisch wurde, für eine protestantische städtische Tradition, die in einem Kontrast zu der katholischen am Orte selbst und in seiner unmittelbaren Nachbarschaft stand. Es gab dort in der Reformationszeit und auch später unter preußischer Herrschaft zumindest zeitweilig eine Unterdrückung des katholischen Elements der Bevölkerung. Um so nötiger wird in Ibbenbüren immer wieder ein Ausgleich zwischen den Konfessionen gewesen sein, wie er sich im 19. Jht. auf Dauer einstellte und wohl auch Einfluß auf das dortige Schulwesen hatte. - Beide Strömungen des Christentums ebenso wie letztlich auch das eher philosophisch fundierte Toleranzgebot wurzeln in der Antike.

2. Daß es in Ibbenbüren - nicht erst im 19. Jht. - eine 'Lateinschule' gab, weist auf ein gewisses, bestimmendes bürgerliches Bewußtsein in der Stadt hin, das Wert darauf legte, daß Kinder an Ort und Stelle Latein und 'höhere' Bildung erlernen und dadurch die bildungsmäßigen und später auch rechtlichen Voraussetzungen für ein Universitätsstudium erlangen konnten. Das Muster einer Zweiteilung der Bevölkerung in 'honestiores' und 'humiliores (bzw. 'superiores und 'inferiores') wurzelt ebenfalls in der Antike, wie man ohne Antikenbegeisterung feststellen muß.

3. Wie in ganz Deutschland - und in vielen anderen europäischen Ländern - waren im gemeindlichen Leben Ibbenbürens 'nationale' Traditionen wirksam, wie sie etwa das im Jahre 1871 auf Beschluß der Stadtgemeinde Ibbenbüren errichtete Kriegerdenkmal auf dem Platz vor der heutigen 'Christuskirche' ausweist. Auch diese gehen - in bestimmten Zügen - bis auf die Antike zurück

Das Phänomen eines neuzeitgeschichtlich 'Nationalismus', wie er vor allem in den beiden letzten Weltkriegen besonders vehement hervorgetreten ist, läßt leicht übersehen, daß die 'nationalen Traditionen' auch wichtige, bis in die Antike zurückgehende Elemente eines recht alten Selbstbewußtseins heutiger europäischer Völker enthalten. Dieses 'alte Selbstbewußtsein' enthält - zumindest bei den größeren europäischen Völkern - auch schon in vorneuzeitlichen Epochen die Bereitschaft, eine durch feste Grenzen abgeschlossene Einheit nach außen zu bilden, tendenziell expansive, ja 'globale' Reiche ('Imperien' wie das insoweit musterbildende 'Imperium Romanum') zu bilden sowie staatlich und militärisch gut organisiert und diszipliniert zu sein. Sie sind dennoch mit 'Nationalismus', gerade wenn man ihn - wie etwa der Historiker und Geschichtstheoretiker Hans-Ulrich Wehler - als ein Phänomen der Neuzeitgeschichte definiert, nicht zu verwechseln, auch wenn sie sich mit ihm berühren.

Das zeigt sich am Beispiel der militärischen Disziplin, die - zumal in Kriegssituationen - ein äußerstes Maß an politischer Loyalität erfordert, welche bis zum Einsatz des eigenen Lebens, u. U. sogar in hoffnungslosen Gefechtslagen, geht. Sie ist ein besonders gutes Beispiel für die Verwurzelung auch neuzeitlichen Nationalbewußtseins in antiken Ausgangsformen und soll deshalb genauer besprochen sein.

B. Ein konkretes Beispiel für nationale Traditionen: das Kriegerdenkmal in Ibbenbüren.

Das Kriegerdenkmal nordöstlich der evangelischen Christus-Kirche am Oberen Markt macht dies anschaulich. Auf einem ehemaligen Kirchhof neben der mindetstens bis auf das Hochmittelalter zurückgehenden Kirche wurde nach 1871 auf einer Plattform ein Quader für Inschriften und auf diesem eine 'korinthische' Säule mit einem kleinen Adler darauf errichtet. Auf den verschiedenen Seiten des Quaders finden sich folgende Inschriften: a) unter einem Eisernen Kreuz: "Mit Gott für König und Vaterland fanden den Heldentod in dem Kriege 1866 H. Richter, W. Burkamp, W. Wolf, 1870 und 1871 C. Giese, B. T. Lofkemeier, D. C. Breithold, H. A. Mielke, J. B. Kortinghaus, H. A. Wietke, J. B. Kerlinghaus, B. P. Schrameier, T. Schmett, G. Rehlmann, A. W. Zopf.", b) "Dem Andenken ihrer in den Kriegen 1866, 1870 und 1871 gebliebenen Söhne widmete dieses Denkmal die dankbare Gemeinde, der Nachwelt zur Erinnerung", c) "1914 - 1918. Unseren gefallenen Kameraden zum Gedächtnis. Kriegerverein Ibbenbüren", d) neben einem weiteren Eisernen Kreuz die Jahreszahlen 1914 - 1918 und 1939 - 1945 und das Schiller-Wort "Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein" (Schußchor in 'Wallensteins Lager', Auftritt 11). Bereits Schillers Regieanweisungen - noch während der Chor singt, fällt der Vorhang - machen den traurigen - d. h. nicht jugendlich-unbedacht-heroischen - Charakter der Schlußbemerkung eines dramatischen Wortwechsels deutlich, der den Sinn des Soldatendaseins betrifft. Das 'gewonnene Leben' ist darin letztlich allein das Bewußtsein, eine unausweichliche Bestimmung erfüllt und dabei den Tod nicht gescheut zu haben - nichts weiter, also für einen Realisten und Pragmatiker gar nichts.

Diese Einstellung entspricht ungefähr der Inschrift auf dem Denkmal an den Thermopylen, das an die Schlacht d. J. 480 v. Chr. erinnert, in welcher eine 300 Mann starke spartanische Nachhut, geführt von dem König Leonidas, unter Selbstaufopferung den Rückzug des griechischen Heeres gegen die vorrückenden, übermächtigen Perser deckte. Ebenfalls auf Schiller geht die deutsche Übersetzung des bei Herodot (hist. 7, 228) überlieferten Denkmalstextes zurück: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen sehn, wie das Gesetz es befahl". Bei Schillers Wort in 'Wallensteins Lager ' ist ein wenig anders der Hinweis auf ein 'gewonnenes Leben', in dem man wohl eine säkularisierte Übersetzung der christlichen Vorstellung vom 'ewigen Leben' nach frommer, gläubiger Pflichterfüllung zu sehen hat, nicht primär eine innere Bindung an den Staat und seine Gesetze.

Daß ein Krieger-Denkmal an einer zentralen Stelle in einer immerhin mittelgroßen Industriestadt wie Ibbenbüren (heute ca. 50000 Einwohner) auf diesen Geist Bezug nimmt, ist Zeichen einer dort auch sonst - in Glaubens-, Sittlichkeits- und Bildungsfragen - zu bemerkenden tiefergehenden Bindung an alte Traditionen, die man in einem bedeutungsvollen Sinne als 'Konservativismus' bezeichnen kann. Eine solche Bindung muß in Kriegszeiten auch Einfluß auf das Bewußtsein junger Männer der Kriegsgenerationen gehabt haben, die zum Militär einberufen wurden.

Wie bei allen Traditionen, so ist es auch bei dieser: sie 'passen nicht ganz in die Zeit'. Die Gegenwart, die sich stets ohne Grund etwas klüger vorzukommen geneigt ist als das, was früher war, will sie einerseits ein bißchen zurechtbiegen, sieht aber andererseits auch durchaus stolz und gerührt auf das, was aus anderen Zeiten - ein wenig unverständlich - herübergekommen ist. Aus diesem Grunde läßt man ja auch Grabsteine früherer Zeiten stehen.

Forum.

Wer sich an dieser Stelle öffentlich zum Thema des Appells äußern will, wird gebeten sich deswegen mit dem Herausgeber dieser WWW-Seite (s. u.) in Verbindung zu setzen. In dies Angebot sind auch die Evangelische Christusgemeinde in Ibbenbüren und die Stadtgemeinde Ibbenbüren eingeschlossen. C. G. 23. 11. 2010.



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