Der nachfolgend wiedergegebene briefliche Bericht gibt eines der zahlreichen Ereignisse der Zeit der sowjetischen Besetzung Berlins und Brandenburgs im April 1945 wieder. Es ist vielleicht hervorzuheben, daß bei dieser Gelegenheit alle Beteiligten das Geschehen eher als einen trunkenheitsbedingeten Unglücksfall denn als wirklich ernst gemeinten Angriff auf einen Menschen und die Menschenwürde auffassen. Diese Zeit wird wegen ihrer unkontrollierbaren Gefühle imd Kurzschlußhandlungen wegen von allen damals Betroffenen als 'quälend' und 'schrecklich' geschildert. C.G.


Lehnin/ Mark, d. 6. I. 46
Klosterkirchplatz

Sehr geehrter Herr Violet!

Herr Superintendent Wiedow- Lehnin übergab mir Ihr Schreiben vom 28. Dezember (das ist der Geburtstag von Hedwig Violet gewesen, Anmerkung von Vroni*) v. Jahres zur Erledigung. Da ich wohl die einzige bin, die Ihnen Näheres über die letzten Lebensmonate und dem am 23. IV. 45 erfolgten Tod Ihrer Frau Mutter berichten kann. Um Ihnen ein abgerundetes Bild geben zu können, muss ich wohl etwas weiter ausholen u. mich Ihnen erst einmal näher bekanntzumachen. –

Ich bin die Sekretärin vom Superintendenten und werde demnächst festangestellt; meine Angehörigen (Eltern und Großeltern) u. ich sind Flüchtlinge aus Westpommern. Wir haben durch den unglücklichen Krieg alles verloren, Haus und Hof, Einrichtung und alles, was dazu gehört. Da ich meinen Dienst als Rentamtsleiterin in Pyritz/Pom. Bis zum letzten Tag versehen musste und auch auf Abberufung durch das ev. Konsistorium-Stettin warten musste, konnte ich nicht zusammen mit meinen Angehörigen fliehen und verlor sie ganz aus den Augen. Es waren für mich furchtbare Wochen und Monate der Ungewissheit. Glücklicherweise erreichte mich ein Telegramm in Anklam /Vorpom., und ich machte mich trotz der schlechten Verkehrsverhältnisse auf, um meine Eltern und Großeltern in Potsdam wiederzufinden. Meine Eltern waren schwerkrank in einer Baracke untergebracht und von meinen Großeltern erfuhr ich nur, dass sie nach Lehnin weitertransportiert wurden. Ich fuhr sofort hin und musste nun zu meinem Schrecken hören, dass die Großmutter bereits an den Folgen verstorben war. Ich unternahm daraufhin Schritte bei dem damaligen Bürgermeister von Lehnin und erreichte es, dass meinen kranken Eltern und mir ein Zimmer zugewiesen wurde. Und das war bei Ihrer Frau Mutter n der Waldstraße. Es bestand vom ersten Tag an zwischen uns ein sehr herzliches Verhältnis; Ihre Frau Mutter war rührend um meine kranken Eltern bemüht. Obwohl sie selbst nicht viel übrighatte, so brachte sie meiner damals bettlägerigen Mutter jeden Vormittag eine Tasse warme Milch und jeden Sonntag vorm. einen frischen Blumenstrauß von ihrem Spaziergang. Unser Flüchtlingsschicksal rührte sie tief und sie freute sich mit mir, dass ich hier beim Superin wieder eine feste Anstellung finden sollte und damit in der Lage war für meine Lieben ordentlich zu sorgen. Wir sollten bei ihr wohnen bleiben; sie stellte uns alles zur Verfügung und wir haben bei ihr auch eine zweite Heimat gefunden. Viel Ärger hatte sie allerdings mit den ebenfalls zwangsweise einquartierten Ukrainern in der Villa Priese. –
Am Tage zuvor, als die Russen in Lehnin einbrachen,, sprachen wir noch zusammen über die Lage und sie fragte uns, was wir zu tun gedächten; wir konnten nur sagen, dass wir aushalten müssten, denn wo sollten wir hin! Sie sagte dann, dass sie auch zu bleiben gedächte und außerdem würde sie niemals lebend aus der ihr liebgewordenen Wohnung gehen. –
Am Tage darauf fuhren gegen Mittag die russischen Panzer die Gartenstraße hinauf. Es war unbeschreibliche Aufregung! Ihre Frau Mutter hatte gerade noch Besuch von einer alten Dame (den Namen habe ich in der Aufregung vergessen, als sie uns bekannt machte) u. sie wollte noch Nachtquartier bei Bekannten besorgen. (Sie sprach oft von Ihnen und zeigte uns auch Bilder u. ihre größte Sorge war, ob Sie sich und Ihre Familie rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten u. ob Sie überhaupt noch am Leben seien.
Dann kam der Abend - und die Nacht des Schreckens heran. Prieses und wir gingen in den Keller, Ihre Frau Mutter blieb n ihrem Eßzimmer, und dann strömten die Russen ins Haus. Ihnen alle Einzelheiten zu schildern ist brieflich geradezu unmöglich. Sollten Sie aber, sehr geehrter Herr Violet, einmal nach hier kommen um den Nachlaß Ihrer Frau Mutter zu regeln, würden wir Ihnen gern Einzelheiten berichten, die hier zu weitführten. Sie untersuchten uns alle nach Wertsachen und dann waren oben Soldatenschritte und laute Stimmen; dann ein Schreien aus dem Zimmer Ihrer Frau Mutter. Die eine Ukrainerfrau, die bei Ihrer Mutter die Aufwartung mit ihren Töchtern besorgte, sagte: „Mein Gott, jetzt sind die Russen bei der Oma Violet, sie werden sie totschlagen, wenn sie nicht alles herausgibt. Ich gehe nach oben und will nachsehen!“ Das Gepolter wurde schlimmer, die betrunkenen Russen suchten uns Frauen aufzustöbern u. zu vergewaltigen. Ach lieber Herr Violet, was waren das für grauenhafte Stunden der Finsternis. Im dunklen Haus die gellenden Hilferufe und das Schreien der Frauen, dazwischen das Gröhlen der Russen und die Schießerei (?).
Wir suchten den Garten auf und versteckten uns zwischen den Sträuchern. Die obere Etage war erhellt; gegen morgens, es kann drei Uhr gewesen sein, ging das Getöse wieder los; Gröhlen, Brüllen, russische Kommandoraufe, dann dumpfe Schläge, wieder Schreien, wieder Schläge und dann ein nicht enden wollendes Gewimmer, das langsam in ein Stöhnen überging. Dann kam die Ukrainerin herausgehuscht und sagte: „Die Frau Violet hat ein junger Russenbengel erschlagen. Weil er eine <Uhrre> haben wollte und sie die ihrige schon durch einen anderen losgeworden war.“ Noch lebt sie, aber sie ist ohne Bewusstsein! Wir, die wir uns im Garten versteckt hatten, konnten nicht wieder ins Haus zurück; wir hielten uns drei Tage ohne Essen und Trinken im Garten verborgen, bis man uns aufstöberte. Der Wirt war mit Frau und Sohn geflohen und die Schwiegermutter von Herrn Priese war mit meinen Eltern zusammen. Die Ukrainerfrauen, die gut russisch sprachen, waren in den letzten Stunden um Ihre Frau Mutter herum. Sie haben die Schlagwunden gekühlt, haben mit ihre gebetet und ihre die Augen zugedrückt, nachdem sie den letzen Atem ausgehaucht hatte. Nachher gewaschen und angezogen. Die Russen, die große Angst vor Toten haben, trieben uns alle mit vorgehaltenem Gewehr zusammen, zeigten auf jeden von uns und mit du u. du u. du u. befahlen uns sofort, ein Loch am Haus zu graben und tote Frau hineinzulegen. Rasch, rasch, sonst abtransportiert, Zwangslager! Ob Sie das alles begreifen können, weiß ich nicht, aber wer es nicht miterlebt hat, weiß, dass es fürchterliche Stunden waren. Wir sträubten uns, sie so zu verscharren und mein Vater ging zum Friedhof , um den Totengräber aufzufinden; (auf einigen vergeblichen Gängen begleitete ich ihn;) niemand getraute sich aus dem Haus zu gehen; nur die Ukrainer, die überall waren und denen die Russen gaben (?), durften ungehindert die Straßen passieren. Nach dortiger Sitte gingen sie in die Häuser, wo Menschen erschlagen wurden, durchsuchten alles und begruben die Leichen. Also diese Ukrainer-Frauen überredete ich dann auch, Frau Violet doch auf den Friedhof zu bringen; sie besorgten einen großen Handwagen, schlugen ein weißes Tuch um die Tote und trugen sie die Treppe hinab auf den Wagen. Um uns herum die Russen! Einen Blumenstrauß hatten sie ihr in die gefalteten Hände gelegt. Die Straße menschenleer, um uns herum das Knallen von Maschinengewehren! Auf dem Friedhof angekommen fanden wir ein offenes Grab vor, in dem schon eine in Tücher eingehüllte Leiche, nur wenig von Erde bedeckt, ruhte; zu ihrer Linken betteten wir Ihre Frau Mutter. Lieber Herr Violet, lassen Sie mich im Gedanken an diese Stunde still Ihre Hände drücken! Dann ist mein Vater an das offene Grab getreten und hat laut ein Vaterunser gebetet und alle Anwesenden haben dann der lieben Entschlafenen Erde nachgeworfen. Die Tränen, die geweint wurden, flossen reichlich! Denn jeder von uns dachte: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!“ –
Wenige Tage darauf mussten wir das Haus räumen für die Russen; es folgten noch furchtbare Tage, Wochen und Monate, die wohl keiner von uns jemals vergessen wird. – Nachdem die Besatzungstruppen den Kampftruppen gefolgt waren, wurde es stiller in Lehnin. Bei unserem nächsten Gang zum Friedhof erfuhr ich durch den Totengräber, dass das Grab Nr. 74 ein Massengrab geworden war u. dass darin wohl 12 bis 14 Leichen ruhen. Auch heute nachm. War ich mit meiner Mutter zum Friedhof und fand eine Tafel darauf mit dem Namen: Professor Friedrich Sellin! Die Tafel gehört aber auf die andere Seite, denn unter ihr ruht unsere liebe Frau Violet.! –
Der Hauswirt, den wir heute Ihretwegen aufsuchten, sagte nur, dass von den Sachen wenig übriggeblieben ist. Die Ukrainer und die Russen hätten alles gestohlen. Die beigefügte Aufstellung gibt Ihnen einen Überblick über den zur Zeit noch vorhandenen Nachlaß. Morgen gehe ich zum Standesamt und lasse zwei Todesurkunden ausstellen, ich füge sie dann diesem Brief bei. –
Am 1. Advent haben wir auch meinen Großvater zu Grabe getragen; wir teilen alle das gleiche Schicksal. –
Vielleicht hat der Herrgott es so gewollt, dass wir das alles miterleben mußten. Sie, sehr geehrter Herr Violet hätten sonst niemals etwas über Ihre liebe Frau Mutter erfahren u. sie wäre irgendwo still verscharrt worden, ohne dass Sie jemals Näheres gehört hätten.
Ich werde morgen auch auf der Polizei Bescheid sagen wegen des Nachlasses, denn wie der wirt sagte, sollten die Sachen schon beschlagnahmt werden, da sich Angehörige nicht meldeten. -
Eine Frage u. Bitte habe ich noch: Sollten Sie den Nachlaß Ihrer lb. Mutter verkaufen wollen, bitte denken sie dabei an uns; wir sind im Begriff, eine Wohnung zu mieten u. wären Ihnen herzlich dankbar. Dann bitte ich, die Polizei zu benachrichtigen und den Kaufpreis uns mitzuteilen.
Ihre Antwort erwartend verbleibt mit den herzlichsten Grüßen

Vera Noetzel u. Eltern

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*) Der Klammersatz ist eine Anmerkung der Tochter Veronika des Briefadressaten.