7. September 2012

(Korrekturen 3. Februar 2014)

Einladung

zum dreißigsten Treffen des Arbeitskreises 'Projekt Ferch'

am Samstag, 29. Sept. 2012, 15.00

im Ausstellungsfoyer der Stiftung 'Topographie des Terrors', Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin.


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitwirkende im Arbeitskreis!

1. Am Samstag, dem 25. Aug. 2012 trafen wir uns wie gewohnt nachmittags in Neuseddin, diesmal vor allem zur Besichtigung eines Films, der die - von einem Bürgerkriegskonflikt zwischen dem kommunistischen und dem 'bürgerlichen' Flügel der polnischen 'Armia Krajowa' geprägte - Kriegsendzeit im historischen Brandenburg unmittelbar östlich der Oder betrifft: 'Asche und Diamant', Regisseur Andrzej Wajda (1958).

Als Ort des Filmgeschehens läßt sich die Stadt Kalisz (Polen) ausamchen. Außerdem ist in einer Verhör-Szenevon einem ausgedehnten Waldgebiet um eine Ortschaft herum die Rede, die polnisch 'Miedzyborze' genannt wird und im deutscher Zeit zu schlesien gehörte und 'Neu-Mittenwalde' hieß. Dort befand sich 1944/1855 ein Zentrum des mattionalpolnischen Widerstands gegen das deutsche Besatzungsregime, nach Vordringen der Sowjetarmee gegen das von ihr etablierte kommunistische polnische Regierungssystem.

Die Filmhandlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag, den 9. Mai 1945, den Tag der Kapitulation des Deutschen Reichs. Filminhalt ist ein Attentat, das in Kalisz auf den kommunistischen Beauftragten zur Neubegründung einer dortigen polnischen Wojewodschaftsverwaltung für die umgebende Region verübt wird. Die Attentäter entstammen dem national-polnischen Lager der damaligen polnischen 'Armia Krajowa', während der politische Organisationsbeauftragte die Seite des sowjetisch gelenkten, kommunistischen 'Lubliner Komitees' repräsentiert. Das Rückzugsgebiet der kommunistenfeindlichen Kräfte sind möglicherweise auch Bunkeranlagen der vom Deutschen Reich seit 1934 an seiner östlichen Reichgrenze zu Polen errichteten Grenzverteidigungseinrichtungen. Zu den von hier aus nach dem Kriegsende organisierten Bürgerkriegsaktionen gehört auch das Attentat, mit dem sich der Film befaßt. Es dürfte sich in dieser oder jener Weise tatsächlich zugetragen haben. Letztlich wird der Exponent der kommunistischen Seite erschossen, aber auch der - mit zunehmendem Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns - handelnde Attentäter Maciek.

Die Botschaft des Films ist ein 'nationalkommunistischer' Appell an das Publikum: "Das gegenseitige Sich-Erschießen führt zu nichts. Wir haben trotz aller Unterschiede eine wesentliche Gemeinsamkeit, nämlich daß wir Polen sind." Mit großer Feinheit sind von bedeutenden Schauspielern die Charaktere gestaltet, ihre sich in lauter eindrucksvollen Symbolen spiegelnden labyrinthischen Desorientierungen, vor allem die sich stetig und tragisch bis zur Ausweglosigkeit verengenden Handlungsgrenzen der zentralen Figur, des Attentäters Maciek und die gutmütige, freundliche Ratlosigkeit des Mädchens von der Hotelbar, Krystyna, des 'Diamanten' in all der sie umgebenden 'Asche'. Zu Recht pflegt der Film - wegen seiner Menschlichkeit und seines auf eine Art ernster, wenn auch nicht religiöser Besinnung gerichteten, atheistisch und 'existenzialistisch' geprägten Blickes für die allgegenwärtigen Symbole einer realen Irrwelt - auch bei denen, die ihn heute sehen, einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Dazu trägt auch sein medial schon damals 'unmodisches' und ideell in keiner Weise auf irgendein Publikums-Unterhaltungs-Bedürfnis eingehendes, technisch einfaches Schwarz-Weiß-Format bei.

Dem Regisseur Andrzj Wajda läßt sich allenfalls entgegenhalten, daß er, als er 1958, in der Zeit des langsam eintretenden 'polnischen Tauwetters' nach Stalin, den Film konzipierte, nicht zumindest ein wenig distanziert zum polnischen Geheimdienst und zur sowjetischen Besatzungsmacht Stellung nahm. Beide sind im Film lediglich durch zwei während eines 'Sieges-Banketts' auftretende, sympathisch-joviale Figuren verkörpert, obwohl doch die hinter ihnen stehenden Mächte nicht sympathisch waren. Die Allmacht und Rücksichtslosigkeit der polnischen 'Staatssicherheit' waren ähnlich wie die ihres DDR-deutschen Pendants gefürchtet und erfüllten insoweit völlig ihren politischen Zweck. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang aber auch ihre, der kommunistischen Seite, Verantwortlichkeit für ein Juden-Pogrom d. J. 1946 (in Kielce) sowie eine antiintellektuell-antisemitische Kampagne d. J. 1968 (des Generals Moczar). - Für den Regisseur entlastend ist gewiß, daß im Jahre 1958 die Entwicklung, die der polnische Nationalkommunismus (Gomulka, Gierek, Jaruzelski) später nahm, nicht erkennbar war wie auch nicht sein allmählicher Zerfall in den 1980er Jahren.

Die 1945, in dem Jahr, in dem das Filmgeschehen 'spielt', aus Schlesien, Ostpreußen, Danzig und Westpreußen, Pommern, Posen und Ost-Brandenburg - zwei Dritteln des polnischen Staatsgebiets nach 1945 - von polnischer Seite vertriebene deutschsprachige Bevölkerung ist in dem Film an keiner Stelle erwähnt. Dies ist gewiß auch die Auswirkung eines außenpolitisch auferlegten Tabus. Der Film befaßt sich gedanklich deshalb 'nur mit polnischen Angelegenheiten'. In der Trennung der 'politischen Lager' im Polen des Jahres 1945 zeigt sich aber unter anderen Bedingungen eine ähnlich erbitterte Frontstellung wie im geteilten Nachkriegsdeutschland. Sie wirkte trotz kommunistischer Vorherrschaft untergründig fort und war Ursache für immer wieder auftretende Widerstände gegen diese bis hin zu dem schließlich eintretenden Erfolg der Solidanosc-Bewegung.

2. Das nächste Treffen am 29. September findet jedoch zunächst wieder einmal in Berlin statt. Im Mittelpunkt soll diesmal die systematische Judenverfolgung stehen, die auch im Brandenburg der NS-Zeit letztlich bis Kriegsende andauerte. Die Gedenkstätte 'Topographie des Terrors' ist ein geeigneter Ort, um eine zusammenhängende Anschauung davon zu erhalten, was im damaligen, allseits gepanzerten, völkisch-totalitären Herrschaftssystem ideologisch und praktisch möglich und üblich war.

Bereits am 25. September, um 19.00 findet an derselben Stelle ein Vortrag mit Diskussion des Zeitgeschichtlers Prof. Dr. D. Pohl (Klagenfurt) zum Thema "Die Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen. Probleme einer Synthese" statt, der hiermit allen Interessenten, die kommen können, ausdrücklich empfohlen sei.

Fragen wegen der Organisation des nachsten Treffens: Telefon 030-8337810. Fragen wegen des Aufbaus und Umfangs der Ausstellung: Telefon 030-254509-50.

3. Ich bitte alle Interessenten, wenn sie dazu die Möglichkeit haben, sich, immer wenn das Monatsende und der routinemäßige Arbeitskreis-Termin naht, an die Internet-Adresse http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Pro_Ferch/Konzept.html (ZUM KRIEGSENDE IN BRANDENBURG: Christian Gizewski, Konzept einer Dokumentation des Kriegsendgeschehens in Brandenburg im April/Mai 1945) zu erinnern.

Bitte denken Sie generell daran, daß diese WWW-Seite - wie überhaupt das Internet - sehr viele interessante Informationsquellen erschließt, die bloß brieflich oder telephonisch nicht übermittelt werden können. Ohne das Internet wäre der Arbeitskreis überhaupt nicht entstanden. Sinnvolle Vorkehrungen gegen unerwünschte Ausforschungsversuche von außen, die der eine oder andere unter uns berechtigterweise befürchtet, sind für jedermann auch in unserer Zeit des ständigen Internet-Mißbrauchs durchaus möglich. - Wie immer danke ich für die mir erneut zugänglich gemachten schriftlichen Erinnerungen, die Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte vermerken Sie stets Ihren Namen und Ihre Adresse, ferner, ob Dokumente als persönlich von ihren Verfassern verantwortete im Internet veröffentlicht werden können oder nicht. Späterhin sollen, wie früher bereits besprochen, solche Texte und Bilder in einer Erinnerungsstätte, wohl in Halbe, archiviert werden. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir eine eventuelle Adressenänderung am besten schriftlich mitzuteilen - Wenn Sie Fragen haben oder Vorschläge machen wollen, lassen Sie sie mich jederzeit gern wissen. - Teilen Sie mir andererseits ggf. ruhig mit, wenn Sie nicht mehr informiert werden möchten. Ansonsten gehe ich von Ihrem fortbestehenden Interesse aus.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .