13. Oktober 2012

Einladung

zum einunddreißigsten Treffen des Arbeitskreises 'Projekt Ferch'

am Samstag, 20. Okt. 2012, 15.00

im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde Neuseddin, Waldstraße 33, 14554 Seddiner See (ggf. Tel.: 033205/50400).


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitwirkende im Arbeitskreis!

1. Für Samstag, den 20. Sept. 2012 hatte ich ein Treffen in der Gedenkstätte 'Topographie des Terrors' in Berlin, früher Prinz-Albrecht-Straße, heute Niederkirchnerstraße, auf dem Gelände des Gestapo- bzw. Reichssicherheitshauptamts-Zentrums der NS-Zeit vorgeschlagen, um die dortigen beiden Ausstellungen (1 - Außenbereich. Über die Entwicklung des NS-Systems von 1933 bis 1945, 2 - Innenbereich. Über Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt) zu besuchen.

Beide Ausstellungen befassen sich auf ihre Weise mit der für das NS-System ideologisch zentralen und von ihm deshalb nachdrücklich organisierten, 'völkisch' motivierten Aufspürung und Beseitigung 'fremder', zerstörerischer', 'krankhafter' oder 'lebensunwerter' 'Elemente' aus einem 'Volkskörper'. Warum so unterschiedliche Menschengruppen wie 'Zigeuner', 'Geisteskranke', 'Homosexuelle' oder 'Juden' auf verschiedene Weise einer kalten, systematischen Verdrängungs- und Beseitigungsenergie ausgesetzt wurden, dürfte schon in Zeiten des NS-Regimes nur denjenigen 'klar' geworden sein, die sich aus irgendeiner inneren Affinität mit der 'rücksichtslos'-'völkischen' Denkweise Hitlers, aber auch mit der der von diesem autodidaktisch studierten anthropologischen Theoretiker und 'national' orientierten Volkstumspolitiker, genauer vertraut gemacht hatten. Die alten gemeineuropäischen Traditionen der christlichen Distanz zu Juden, der Antipathie gegen Homosexuelle, der Furcht vor Zigeunern und anderen Fremdartigen und der Beseitigungsbereitschaft gegenüber irgendwelchen Formen 'lebensunwerten Lebens' waren zwar ein Untergrund, aus dem sich auch das hitlerische Denken hervorhob, führten aber im allgemeinen nicht zu dessen besonderen Aussonderungs- und Ausrottungs- 'Konsequenzen'.

Warum nun ein Mann von solch 'rücksichtslos-konsequenter' Denkweise wie Hitler, den distanziert berichtende ausländische Diplomaten wie der britische Botschafter Philipps (Oktober 1933) zumindest als "beunruhigend unausgeglichen" wahrnahmen, Mittelpunkt des NS-Regimes wurde und dessen 'Geist' maßgeblich prägte, läßt sich aus irgendwelchen korrespondierenden majoritären oder gar volkseigentümlichen Meinungstrends innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung nicht herleiten. Sympathien und Interessenübereinstimmungen mit dem NS-Regime - im Umfang von - maximal - 44 % der Stimmen bei den letzten Reichtsagswahlen im Januar 1933 - kamen vielmehr weitgehend aus anderen Quellen.

In der Zeit des Kaiserreichs betrug ein dezidiert 'völkisch-antisemitischer' Wähleranteil bei den Reichstagswahlen 1912 drei Prozent der Wählerstimmen, zusammengenommen mit 'völkisch' affin denkenden, aber nicht-antisemitischen Splittergruppen etwas über 10 %. Die Entstehung des NS-Regimes muß deshalb aus den politischen Verhältnissen in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg, insbesondere aus den politischen Strukturen in den letzten Jahren der Weimarer Republik erklärt werden. Für seine Erklärung ist aber vor allem die - seit dem Januar 1933 - 'entschlossen' vorangetriebene, mehrfach putschartige 'Machtergreifung' wichtig. Durch eine Koalition der NSDAP mit der DNVP zur Macht gelangt, setzte das NS-Regime zunächst im Wege einer präsidial verantworteten 'Notstands-Verordnung' die Weimarer Verfassung weitgehend außer Kraft, vereinigte nach dem Tode des letzten Reichspräsidenten dessen Amt mit dem des Reichskanzlers, verbot alle Parteien, Gewerkschaften, Rundfunkendungen und Zeitungen außerhalb der NSDAP-Kontrolle, 'schaltete' das Land Preußen und alle anderen Länder des Reiches durch Absetzung der dort legitim eingesetzten Regierungen politisch 'gleich', brachte die 'Geheime Staatspolizei' - so wie die gesamte Polizei des Reiches - personell unter seine Kontrolle und beseitigte damit alle Möglichkeiten der Gewaltenteilung, das bedeutet: überhaupt des legalen politischen Widerstandes. Dem diente außerdem die in der Weimarer Zeit gesetzwidrige SA, ein 'militär-ähnlich' organisierter Verband, der schon vor 1933 'politische Volksfeinde' bekämpfte und gegen deren nicht geringe Zahl und im politischen Spektrum majoritäre Gruppen gezielte öffentliche Einschüchterung ( 'Terror') betrieb. Seit der 'Machtergreifung' wurde er 'legal ermächtigt', dies zu tun. Dabei errichtete und 'verwaltete' die SA 'Konzentrationslager' für politisch opportun, also willkürlich Inhaftierte, die nach 'neuem völkischen Recht' ohne alle Rechte waren ('Schutzhaft'). Die singuläre 'Führer'-Stellung Hitlers in einem solchen totalitären System dürfte nicht nur durch den uneingeschränkten Zugriff dieses Systems auf die damaligen 'öffentlichen Medien', sondern auch durch die Herkunft des hitlerischen Denkens ('Mein Kampf') aus einer ursprünglich sehr kleinen und inhomogenen Gruppe des politischen Spektrums zu erklären sein.

Wegen einer - für 'moderne', 'totalitäre' Systeme exemplarischen - Herrschaftskonzentration war das NS-Regime damit nicht einfach nur, wie zunächst von außen angenommen, im Sinne der Weimarer Verfassung eine 'Notstands-Diktatur' auf Zeit, sondern vielmehr ein auf Dauer angelegtes, mehrfach stabilisiertes Machtgefüge, das nun auch mit seinen mehrfach maßlos werdenden 'großdeutschen' und insoweit weltmachtanstrebenden Zielen außenpolitisch unkalkulierbar wurde. Die beiden Ausstellungen zeigen, daß irgendein innerer Widerstand gegen ein solches System - außer aus den Reihen einiger ihm gegenüber relativ selbständig verbliebener Teile der Wehrmacht - nicht organisierbar war. Auch die 'Judenvernichtung' und andere Aussonderungs- und Vernichtungsaktionen des NS-Regimes, die noch bis in seine letzten Tage andauerten, konnten nicht aus irgendeiner 'Mitte' der Bevölkerung aufgehalten werden. 'Mutigeres Bekennen', 'treueres Beten', 'fröhlicheres Glauben' und 'brennenderes Lieben', wie es späterhin ein 'Schuldbekenntnis' der Evangelischen Kirche in Deutschland des Jahres 1945 - etwas zu 'klerikal-rhetorisch' (Walter Bodenstein) und zu unzulänglich erklärend - für eine ganze deutschsprachige Bevölkerung formulierte, würden nichts bewirkt haben. Ein auf diesem Bekenntnis aufbauender und ins Politische verallgemeinerter kollektiver Gesamtschuldvorwurf mit entsprechenden Straf-Konsequenzen für alle Teile der deutschsprachigen Bevölkerung erschien nach Kriegsende und erscheint bis heute in jeder Hinsicht unhaltbar.

3. Zur Lektüre für diejenigen von Ihnen, die nicht kommen konnten, aber an dem Thema ein weitergehendes Interesse haben, empfehle ich die beiden von der Stiftung herausgegebenen, von kompetenten Autoren sehr gut verfaßten und sehr anschaulichen Dokumentationen 'Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und der Prinz-Albert-Straße. Topographie des Terrors' (18.00 EUR) und 'Aufstieg und Niedergang des NS-Regierungsviertels. Die Wilhelmstraße 1933 - 1945 (12,00 EUR).

4. Das nächste Treffen soll wieder in Neuseddin stattfinden, und zwar am 20. Okt. 2012, weil der gewohnte Monatsendtermin dieses Mal schon vergeben war. Nach Erledigung alles vorrangig Nötigen und nach m. E. wünschenswerter Diskussion des Filmes 'Asche und Diamant', die beim letzten Treffen aus Zeitgründen unterblieb, werde ich, sollte Zeit sein, erneut einen zeitgeschichtlichen Film ('Deutschland zur Stunde Null') zur Vorführung anbieten.

5. Ich bitte alle Interessenten, wenn sie dazu die Möglichkeit haben, sich, immer wenn das Monatsende und der routinemäßige Arbeitskreis-Termin naht, an die Internet-Adresse http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Pro_Ferch/Konzept.html (ZUM KRIEGSENDE IN BRANDENBURG: Christian Gizewski, Konzept einer Dokumentation des Kriegsendgeschehens in Brandenburg im April/Mai 1945) zu erinnern.

Bitte denken Sie generell daran, daß diese WWW-Seite - wie überhaupt das Internet - sehr viele interessante Informationsquellen erschließt, die bloß brieflich oder telephonisch nicht übermittelt werden können. Ohne das Internet wäre der Arbeitskreis überhaupt nicht entstanden. Sinnvolle Vorkehrungen gegen unerwünschte Ausforschungsversuche von außen, die der eine oder andere unter uns berechtigterweise befürchtet, sind für jedermann auch in unserer Zeit des ständigen Internet-Mißbrauchs durchaus möglich. - Wie immer danke ich für die mir erneut zugänglich gemachten schriftlichen Erinnerungen, die Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte vermerken Sie stets Ihren Namen und Ihre Adresse, ferner, ob Dokumente als persönlich von ihren Verfassern verantwortete im Internet veröffentlicht werden können oder nicht. Späterhin sollen, wie früher bereits besprochen, solche Texte und Bilder in einer Erinnerungsstätte, wohl in Halbe, archiviert werden. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir eine eventuelle Adressenänderung am besten schriftlich mitzuteilen - Wenn Sie Fragen haben oder Vorschläge machen wollen, lassen Sie sie mich jederzeit gern wissen. - Teilen Sie mir andererseits ggf. ruhig mit, wenn Sie nicht mehr informiert werden möchten. Ansonsten gehe ich von Ihrem fortbestehenden Interesse aus.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .