2. Dezember 2012

33. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Dezember 2012)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessenten am Projekt Ferch!

1. Beim letzten Treffen am 24. Nov. 2012 sprachen Herr Lamprecht und ich fünf Stunden lang über meine Absicht einer Umorganisation des 'Projekts Ferch'. Es ging zunächst um den fortbestehenden grundsätzlichen Sinn des Projekts und dann um den Sinn einer thematischen Erweiterung auch auf den Bereich östlich der Oder, den größeren Rahmen der deutschen Kriegsendzeit- und Vertreibungsgeschichte und, soweit nötig, auch der vorhergehenden Geschichte des NS-Systems.

2. Was die Organisation der Projektarbeit betrifft, so stimmten wir darin überein,

a) daß an die Stelle regelmäßiger Monatsendeinladungen nach Neuseddin dort künftig nach Bedarf gelegentliche Treffen und im übrigen die Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen anderer Veranstalter im Raum Berlins und Brandenburgs treten sollen,

b) daß die auf die Vernetzung der zeitgeschichtlichen Erinnerungen örtlicher Archive im gesamten brandenburgischen Bereich gerichtete Arbeit des Dokumentationszentrums Halbe praktisch unterstützt werden soll, ohne daß unsere und meine Kräfte überfordert werden.

In diesen Rahmen stelle ich also künftig meine Arbeit und die WWW-Projekt-Seite http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Pro_Ferch/Konzept.html .

Alle Angehörigen des AK Ferch, nach Absprache auch andere Interessenten, können, wenn sie wollen, wie bisher allgemeine und konkrete Anregungen für die Projektarbeit geben und eigene Beiträge in der (letztlich von mir reaktionell zu verantwortenden) WWW-Projekt-Seite einbringen.

Die WWW-Seite wird auch künftig dem Zweck dienen, auf zeitgeschichtlich interessante Veranstaltungen, Ausstellungen und Filme, die mit den Projekt-Themen in engerem historischem Zusammenhang stehen, aufmerksam zu machen.

3. Am. 24. November blieb keine Zeit, den Film 'Unter den Brücken' (1945, Regie H. Käutner) zu besichtigen, einen deutschen, nicht-kitschigen Liebes- und Einsamkeitsproblem-Film des Frühjahres 1945. Er hat auch eine hintergründig-ambivalent gehaltene politische Seite, indem er ein 1945 nicht mehr bestehendes, weil zerbombtes Berlin in seiner noch intakten städtebaulichen Gestalt zeigt. - Er und viele andere die damalige Zeit betreffende Filme, auch polnischer Herkunft, stehen weiterhin für gelegentliche Vorführung und Diskussion in unserem Kreise bereit.

4. In den letzten Wochen wurde in der Berliner 'Stiftung Topographie des Terrors' eine Reihe von Filmen des polnischen Regiseurs Andrzej Wajda gezeigt, der sich immer wieder mit Themen der deutsch-nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen in Polen, aber auch des polnischen Widerstands - gegen die deutsche und die sowjetische bzw. polnisch-kommunistische Seite im Zweiten Weltkrieg und danach - befaßt hat. Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand dabei die kriegsbedingte innere Verfassung eines polnischen Volkes. Er betrachtet es jedoch nicht aus einem traditionsgebunden-nationszentrierten, sondern unter einem, wie man sagen könnte, 'national-existenzialistischen' Aspekt, d. h. unter Hervorhebung der Verletzlichkeit und Zerstörbarkeit allen Sinnes, der aus der Einsamkeit des auf sich selbst verwiesenen menschlichen - und auch nationalen - Seins kommt.

Für ein historisches Nachdenken über die Kriegsendzeitgeschichte auf deutscher Seite können gerade solche, aus dem Nachbarland Polen kommenden Gedanken wichtig werden für das Interesse daran, einen Weg zu finden, der über ethnozentrische Traditionsbindungen, Konfliktneigungen und Geistesbeschränkungen, wie sie allenthalben auf der Welt zu beobachten sind, vielleicht hinwegführen kann.

Gezeigt wurden Wajdas Filme 'Der Kanal' (1957), 'Landschaft nach der Schlacht' (1970) und 'Korczak' (1990).

In 'Der Kanal' geht es um den Warschauer Aufstand der polnischen 'Heimatarmee' gegen die deutsche Besatzung. Die Aufständischen versuchten bei Annäherung der sowjetischen Truppen an die Weichsel im September 1944 einen eigenen polnisch-nationalen Beitrag zur Befreiung Warschaus und Polens zu leisten. Doch wurde der Aufstand niedergeworfen, auch deswegen, weil die sowjetische Seite einen eigenständigen polnischen Einfluß im Kampf um Polen scheute und deshalb mit einem schnellen Angriff auf Warschau zurückhielt. Erzählt wird vom Schicksal einer Gruppe Aufständischer, die gegen Ende des Aufstands versucht, durch das Abwassersystem der Stadt dem Zugriff der deutschen Seite zu entkommen, und dabei aufgerieben wird. Das Verhalten und die Charaktere der einzelnen Personen - teils Soldaten, teils Zivilisten, teils erwachsen, teils noch ganz jung, auch eine junge Frau ist dabei - in dieser tragischen Lage wird manchmal bis zur Unerträglichkeit genau geschildert.

In 'Landschaft nach der Schlacht' geht es um die Befreiung eines deutschen Konzentrationslagers in Bayern (wohl Dachau) im Frühjahr 1945 durch amerikanische Truppen. Die dort inhaftierten Zwangarbeiter, auch aus Polen, werden von amerikanischer Seite versorgt, wissen aber nicht, wer sie noch sind und was ihr weiteres Schicksal sein wird. Nach unkontrollierten Racheaktionen gegen noch vorhandenes deutsches Lagerpersonal, einen Wachmann und eine Köchin, beginnen spontane, unerklärliche Streitigkeiten unter den im Lager Verbleibenden, derer niemand Herr werden kann, auch nicht der wohlmeinende amerikanische Lagerkommandant, der deshalb einen strengen, bewaffneten Wachdienst einführt. Die Mittel des frommen Trostes und der Anknüfung an vertraute Regeln des Zusammenlebens wirken nicht mehr auf die im Lager Zusammengebliebenen. Nur eines ist ihnen gemeinsam: sie wollen viel und ständig essen. Auch ein junger polnischer Dichter, exemplarische Hauptperson des Films, hat dieses innere Leiden. Seine Liebe zu einer anderen exemplarischen Hauptperson des Films, einer jungen Jüdin, die ihn zu einem gemeinsamen Ausbruch aus der Lagerexistenz bewegen will, zerbricht letztlich daran - und nur zufällig deshalb, weil sie von einem Wachmann in einer unübersichtlichen Situation erschossen wird.

Der Film 'Korczak' betrifft Janusz Korczak, den Leiter des in deutscher Besatzungszeit seit 1939 im Warschauer Ghetto untergebrachten 'Jüdischen Waisenhauses'. Vor dieser Zeit war er Kinderarzt und Autor pädagogischer Werke über Kindererziehung und zugleich Autor von Kinderbüchern. Seine Sorge für seine Mitarbeiter und die ihm anvertrauten 200 Kinder des Jüdischen Waisenhauses während der von NS-deutscher Seite immer schwieriger gemachten Handlungs- und Ernährungsbedinungen der Warscheuer Ghetto-Zeit werden eingehend und einfühlsam beschrieben. Sein beispelhaftes, vorbildliches Abwägen und Entscheiden in eigentlich völlig unentscheidbaren Lagen und Pflichtkonflikten geht bis zur Selbstaufopferung bei der Begleitung seiner Kinder in das Vernichtungslager Treblinka. Den besonders anerkennenswerten, heroischen Charakter dieses Menschen macht Wajda auf dem Untergrund eines existenzialistisch-hoffnungslosen Menschen- und Geschichtsverständnisses besonders glaubhaft.

5. Wie immer danke ich für die mir zugänglich gemachten Nachrichten, schriftlichen Erinnerungen, Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .