3. Januar 2013

34. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Januar 2013)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessenten am Projekt Ferch!

1. Zunächst darf ich noch einmal daran erinnern, daß meine persönliche, bisher auf die 'Region Ferch' konzentrierte Konzept- und Publikationsarbeit eine prinzipielle thematische Erweiterung erfahren hat, und zwar zunächst auf den Bereich östlich der Oder, d. h. in das heutige Polen hinein. Darüber noch weiter hinaus sollen meine Beiträge gelegentlich dem viel größeren Rahmen der deutschen Kriegsendzeit- und Vertreibungsgeschichte gewidmet sein. Auch.das allgemeine Geschehen des 2. Weltkriegs - zum Beispiel an der westlichen Front des damaligen Deutschen Reiches - soll gelegentlich zum Thema werden. Ebenso wichtig ist schließlich ein gelegentlich erweitertes Interesse gegenüber jahrhundertealten historische Perspektiven etwa des deutsch-polnischen oder des deutsch-russischen Verhältnisses.

2. Was die Organisation der bisherigen Projektarbeit betrifft, so darf ich nochmals darauf hinweisen,

a) daß an die Stelle regelmäßiger Monatsendeinladungen nach Neuseddin dort künftig nach Bedarf gelegentliche Treffen und im übrigen die Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen anderer Veranstalter im Raum Berlins und Brandenburgs treten sollen,

b) daß die auf die Vernetzung der zeitgeschichtlichen Erinnerungen örtlicher Archive im gesamten brandenburgischen Bereich gerichtete Arbeit des Dokumentationszentrums Halbe praktisch unterstützt werden soll, ohne daß unsere und speziell auch meine Kräfte überfordert werden.

Alle Angehörigen des bisherigen AK Ferch, aber auch alle anderen, an dem erweiterten Themenkreis Interessierten können Anregungen für die Projektarbeit geben und eigene Beiträge in die WWW-Projekt-Seite einbringen. Ich bitte um Verständnis, wenn ich dafür die bei mir liegende redaktionelle Verantwortlichkeit betone und Beiträge ggf. moderat redigieren und einordnen muß.

Die WWW-Seite wird auch künftig dem Zweck dienen, auf zeitgeschichtlich interessante Veranstaltungen, Ausstellungen und Filme, die mit den Projekt-Themen in engerem historischem Zusammenhang stehen, aufmerksam zu machen.

3. In diesem Sinne möchte auf zwei m. E. besonders beachtliche Ausstellungen hinweisen, die zur Zeit (noch) in Berlin zu besichtigen sind, nämlich

a) die Ausstellung 'Tony Vaccaro Retrospektive, 70 Jahre Photographie', vom 22. 11. 2012 bis 27. 1. 2013 im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, 10963 Berlin (nahe U-Bahnhof Hallisches Tor), Eintrittszeiten u. a. Auskünfte: Tel. 030-25993787, www.freundeskreis-wbh.de ,

b) die Ausstellung 'Russen und Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur', Neues Museum, Museumsinsel Berlin, Eingang Ostseite, vom 6. Oktober 2012 - 13. Januar 2013, Öffnungszeiten und andere Auskünfte über: http://www.smb.museum/smb/service/

Zu a) Von den vielseitigen Tätikeiten Vaccaros sind besonders die Photoaufnahmen bekannt, die er als Kriegsberichterstatter, etwa von den Kämpfen der US-amerikanischen Truppen mit der deutschen Gegenseite - von der Landung in der Normandie bis zu der zwischen den Alliierten vereinbarten militärischen Demarktationslinie an der Elbe bei Torgau - gemacht hat. Da Vaccaro, wenn er photographierte, dies zumeist in Gefechtssituationen, auf dem Marsch oder in kurzen Pausen tun mußte, hatte er nicht viel Zeit zum 'Gestalten' seiner Bilder. Er wollte dies aber erkennbar auch gar nicht in irgendeinem Kunstsinne. Was er mitteilt, ist deshalb durch den unerbittlichen Augenblick diktiert. Gerade deswegen sind die gezeigten Photos besonders bewegend und überzeugend. Sie haben auch keinerlei propagandistische Absichten, wie z. B. ein Bild über einen Gottesdienst (Tony Vaccaro Retrospelzive, 70 Jahre Fotographie, Katalog S. 8) für zur Landung in der Normandie befohlene, größtenteils todgeweihte und sich dieser Gefahr auch bewußte Soldaten zeigt. Die ganz Alten in unserem Kreise werden solche Photos an diejenigen eigenen Kriegserlebnisse erinnern, über die sie schwer sprechen können. In der Ausstellung läuft ständig auch eine über eine Stunde lange Dokumentation ('Schnappschüsse vom Krieg. Tony Vaccaro - der Soldat mit der Kamera'. Gesendet im MDR-Fernsehen am 8.5.2012 um 22:05 Uhr), in der Vaccaro in einer bemerkenswert gefaßten und ruhigen Weise die Entstehung einiger seiner Kriegsphotos erläutert.

Zu b) Die Ausstellung 'Russen und Deutsche' hat deutlich den Zweck, dazu beizutragen, die - auch durch die beiden Weltkriege - einander tiefstgehend entfremdeten Völker ohne oktroyierte, 'freundschaftliche' Schablonen einer Polit-Sprache mit erneutem Bemühen geistig und glaubhaft zu versöhnen.

Das geschieht mithilfe einer historischen Langzeitperspektive, die in einem ersten - größeren - Teil von den West-Ost-Kontakten zwischen Nowgorod und dem Raum der Hanse über die Beziehungen des Großfürstentums Moskau zum Wiener Kaiser-Hof und die Ost-West-'Modernisierungs'-Kontakte seit Zar Peter I. und seiner Tochter Katharina II. bis zu den in starkem Maße dynastisch, später auch industriell-wirtschaftlich geprägten Verbindungen des 19. Jahrhunderts reicht.

Die Ereignisse der großen geschichtlichen Strömungen werden stets mit den anschaulichen Aussagen der vielen 'kleinen' Objekte - nicht nur Kunstwerke, sondern auch Gebrachsgegenstände und archäologischen Relikte - interpretativ verbunden.

Der wesentlich kleinere zweite Teil geht auf die Zeit der Weltkriege und die von ihnen hinterlassenen vielen Narben im russischen und deutschen Kollektivbewußtsein ein. Eine Abteilung befaßt sich zum Beispiel besonders anschaulich mit den verschiedenen Komplexen beiderseitiger ethnischer Vorurteile. Die einschneidenden Probleme der gemeinsamen Zeitgeschichte wie das Hitler-Stalin-Arrangement über die Aufteilung Polens im Jahre 1939 - mit ihren auch von sowjetischer Seite begangenen mörderischen Skrupellosigkeiten (Katyn), der von deutscher Seite gegen die Sowjetunion seit 1941 geführte Angriffs- und Vernichtungskrieg, monatelange Rachemaßnahmen der sowjetischen Seite gegen die deutschsprachige Bevölkerung im Bereich ihrer Eroberungen am Ende des Zweiten Weltkrieges, all dies wird mit dem Recht einer höheren Vernunft gemeinsamer Besinnung nur kurz angesprochen. Es wird aber nicht verschwiegen. Schon rein optisch wird es als ein unübersehbares und nicht zu vergessendes dunkles Kapitel der gemeinsamen Geschichte deutlich gemacht.

Dies und vieles andere Gezeigte ist m. E. von bewundernswertem historisch-reflexivem, also auch friedenstiftendem Nutzen und dabei in seiner geschichtsdidaktischen Methodik beispielhaft.

4. Wie immer danke ich für die mir zugänglich gemachten Nachrichten, schriftlichen Erinnerungen, Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichen Neujahrsgrüßen

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .