15. Februar 2013

35. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Februar 2013)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessenten am Projekt Ferch!

1. Noch einmal möchte ich daran erinnern, daß meine bisher auf die - engere - 'Region Ferch' konzentrierte Projekt-Arbeit eine prinzipielle thematische Erweiterung erfahren hat. Sie soll künftig dem größeren Rahmen der deutschen Kriegsendzeit- und Vertreibungsgeschichte gewidmet sein. Auch das allgemeine Geschehen des 2. Weltkriegs - und zwar an allen seinen Fronten, nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Erdteilen, kann dabei wichtig werden. Wichtig ist auch immer wieder ein Verständnis der die deutsche Gegenwartsgeschichte mitprägenden jahrhundertealten historischen Perspektiven (wie z. B. der des deutsch-polnischen Verhältnisses).

Alle bisherigen und hinzukommenden Interessenten werden weiterhin um ihre Anregungen - z. B. auch für gemeinsame Ausflüge in der schöneren Jahreszeit - gebeten und können eigene Beiträge in die fortbestehende WWW-Projekt-Seite einbringen.

Weiterhin wird die WWW-Seite auch dem Zweck dienen, auf thematisch einschlägige Veranstaltungen, Ausstellungen, Filme und Literatur aufmerksam zu machen.

2. In diesem Sinne stelle ich in diesem Rundbrief zwei m. E. beachtliche Bücher zur jüngeren Kriegsgeschichte vor und empfehle sie auch zur ausführlicheren eigenen Lektüre. Es handelt sich um eine 'Novelle' und ein deren 'dramatisches Geschehen' historisch erklärendes und deswegen zumindest in Auszügen sehr lesenswertes geschichtswissenschaftliches Werk:

a) die Erzählung des US-amerikanischen Autors Norman Mailer 'Die Nackten und die Toten' ('The Naked and the Death', New York 1948), in deutscher Übersetzung von Walter Kahnert im Herbig-Verlag Berlin-Grunewald 1952 erschienen, und

b) das Werk des Kriegshistorikers Basil Liddell Hart, Geschichte des Zweiten Weltkriegs (History of the Second World War, London 1970), in deutscher Übersetzung von Wilhelm Duden und Wof-Hellmut Foerster im Econ Verlag Düsseldorf und Wien 1972 zweibändig erschienen.

Norman K. Mailer (* 31. Januar 1923,   10. November 2007) wuchs in Brooklyn / New York auf. Wegen seiner Begabungen begann er schon mit 16 Jahren ein Studium des Faches Flugingenieurwesen an der Harvard-Universität. Daneben interessierte er sich in ständiger Lektüre zunehmend für die zeitgenössische US-amerikanische Literatur, auch mit dem Ziel, selbst literarisch zu wirken.1943, also mit 20 Jahren, schloß er das Ingenieurs-Studium ab. Im Frühjahr 1944 wurde er zur Armee einberufen, aber erst 1945 in den Kriegseinsatz gegen Japan geschickt. In der Aufgabe eines Kochs diente er auf verschiedenen Kriegsschiffen im Pazifik. Er war selbst nicht an Kampfeinsätzen beteiligt. Was er aber vom Kriegsgeschehen selbst miterlebte oder von anderen dort Eingesetzten und ihren Schicksalen hörte, schrieb er später in einer zusammenhängenden Erzählung nieder, die damit auch zu einer Art literarischer Geschichte des Pazifik-Krieges aus Sicht der kämpfenden Truppe wurde.

Basil Henry Liddell Hart (* 31. Oktober 1895,   29. Januar 1970) diente seit dem Ersten Weltkrieg als Offizier in der britischen Armee. Er machte in dieser einige Jahre lang Karriere, wobei er u. a. auch für das britische Infanteriereglement zuständig war. Später, seit den 1930er Jahren, beriet er als ziviler Sachverständiger prominente britische Zeitungen in militärischen Fragen. Auch das britische Kriegsministerium suchte - insbesondere im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges - gelegentlich seinen Rat. Dabei entwickelte Liddell-Hart u. a. strategisch-theoretische Vorstellungen über eine 'indirekte Kriegführung'. Angesichts der bereits im Ersten Weltkrieg hervorgetretenen und späterhin an den 'neuen' totalitären Systemen wahrnehmbaren Unmöglichkeit, diese im Kriegsfalle über Entscheidungsschlachten zur Unterwerfung zu nötigen, betonte er die zentrale Wichtigkeit einer neuen 'indirekten' Strategie, bei welcher es um eine langfristige Destabilisierung der feindlichen Kräfte nicht primär an der Front, sondern vor allem im zivilen Hinterland gehe. Liddell-Hart publizierte viel auf seinen kriegsgeschichtlich-kriegstheoretischen Fachgebieten und schrieb dabei - späterhin - u. a. auch eine zusammenfassende 'Geschichte des 2. Weltkriegs', die erstmals 1970, also lange Jahre nach dessen Ende erschien.

Die Beschäftigung mit dem fernöstlichen Kriegsgeschehen, das im Jahre 1945 erst mit dem Abwurf von Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki endete, macht nicht nur den 'Welt-Kriegs'-Charakter der verschiedenenen Konfliktfolgen zwischen den damaligen Großmächten deutlich, sondern erklärt auch in einem größeren Rahmen die Entstehung einer Großmacht-Nachkriegsordnung, in deren polare Interessen unter anderem auch die unterschiedlichen Teile des vormaligen 'Großdeutschen Reiches' eingeordnet wurden.

Für eine Beurteilung der Kriegsendzeitgeschichte in Europa und Deutschland - des thematischen Schwerpunktes des Arbeits-Kreis-Projekts - ist der Vergleich mit den Kriegsereignissen im Fernen Osten in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich. Insbesondere tritt der Typus eines von modern-diktatorial verfaßten Regimen organisierten, imperial-expansiven und aus nationalistisch-rassistischer Selbstüberhebung motivierten unbeugsamen militärischen Angriffswillens besser hervor, als wenn man nur auf die neuere deutsche Zeitgeschichte abstellte. Auch die 'radikalen Konsequenzen', die dies für eine 'totale Kriegführung' der angegriffenen Gegenseiten hat, werden im Vergleich besser verständlich.

Der Pazifik-Krieg begann nach dem Überfall der expandierenden Großmacht Japan auf den Kriegsflottenhafen der USA Pearl Harbour (Hawai) im Dezember 1941. Verfolgte dieser Angriff das strategische Ziel, den bisherigen Einfluß der USA auf den ostasiatischen Bereich zu beseitigen, so folgte ihm auf US-amerikanischer Seite eine konzentrierte einjährige Umstellung der Friedenwirtschschaft auf die Kriegsproduktion und dann, seit 1942, eine dreijährige Folge gemeinsam mit der englischen und australischen Armee vorgetragener Gegenangriffe, das sog. 'Insel-Springen'. Dabei wurden die zuvor von japanischer Seite eroberten Gebiete Südöstasiens, Indonesiens und der zwischen Hawai und Japan befindlichen Inselgruppen zurückerorbert. Die letzte der vielen Landungsoperation brachte die 500 km südwestlich der japanischen Insel Kyushu gelegene Insel Okinawa unter amerikanische Kontrolle. Von hier aus war es leichter möglich als bisher, die japanischen Hauptinseln mit ihren Militäranlagen, Versorgungslinien und Großstädten zu bombardieren, d. h. die japanische Seite 'indirekt' (Liddell-Hart) bis hin zur Kampfunfähigkeit zu schwächen. Der im August 1945 vorgenommene Abwurf zweier neuartiger Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki schloß diese Angriffe ab und führte zur japanischen Kapitulation.

Diesen Krieg beschreibt aus der Perspektive einiger Angehöriger der an ihm beteiligten amerikanischen Landungseinheiten das Buch Norbert Mailers, eine immerhin 560 Seiten lange, reportageähnliche Prosaerzählung. Mailer vermeidet genaue zeitliche, geographische und organisatorische Angeben zum historischen Geschehen. Die Erzählung ist sogar bewußt fiktiv gehalten, allerdings nur an einer 'Oberfläche der Fakten'. In Wirklichkeit kommt es ihm auf das aus seiner Sicht Wesentliche des Kriegsgeschehens an, d. h. dessen menschlichen und kulturellen 'Untergrund'. Alle Elemente seiner Erzählung dienen diesem Zweck.

Die Erzählung betrifft 'irgendeine' Landeoperation amerikanischer Truppen auf einer von japanischen Truppen besetzten Pazifikinsel. Diese von Mailer - wohl in Anlehung an ein Wort einer südostasiatischen Sprache - fiktiv 'Anopopei' ('Unterwelt der Verdammten') genannte Insel läßt sich aufgrund einer dem Buch beigegebenen Planskizze wegen ihrer Form- und Längenangaben, aber auch wegen der im einzelnen geschilderten militärischen Ereignisse, als die oben erwähnte Insel Okinawa ausmachen, an deren Besetzung auch Mailer teilnahm.

Mailer wählt einen Aufbau, der an die Formen der antiken Tragödie erinnert. Die vier 'Teile' (i. S. von Akten') der Ereignisse tragen bildsymbolische Namen für das existenziell Belangvolle an dem Geschehen ('Woge', 'Stoff und Form', 'Planze und Gespenst', 'Kielwasser'). Zwischen ihnen stehen insgesamt fünf, jeweils kurze, 'Chor' genannte szenische Slang-Gespräche der direkt Handelnden und Leidenden (über: 'Essenfassen', untreue 'Weiber', 'Was ist eine Million-Dollar-Wunde?', 'Ablösung' und 'Was wir machen werden, wenn wir rauskommen'), aber auch insgesamt zehn Beschreibungen ihrer Persönlichkeit und ihrer zumeist zivilen Lebensgeschichte bis zu ihrem Kriegseinsatz.

So wird zum Beispiel der kommandierende General des Landungsunternehmens anschaulich nach seiner Herkunft aus einer reichen Kaufmannsfamilie, den Prinzipien seiner strengen Erziehung, seiner Westpoint-Ausbildung, seinem Bildungsstreben, seinen verschiedenen militärischen Karrierestationen, seiner gleichgültigen Beziehung zu seiner Ehefrau und anderen Frauen, seinem Ehrgeiz und seinem Vorgesetzten- und Befehlsverhalten untersucht und als 'Verkörperung typisch amerikanischer Konventionen' charakterisiert. (S. 314 - 333)

Ein anderer an dem Landeunternehmen Beteiligter, ein einfacher G. I. (wohl Abkürzung von 'Government Issue'), "mit einem Körper, wie ein Drahtbündel, was ihm ein knorriges und unwirsches Aussehen verlieh", wird vom Autor als 'Revolutionär von der anderen Seite' betitelt. Er stammt aus ganz anderem Milieu: "Meilenweit stehen in South Boston ... die grauen Holzhäuser in ihrem Schmutz, ihrer Trostlosigkeit und Einöde reihenweise nebeneinander .... . Von Bürgern gegründet und von Spießbürgern verwaltet; alles fließt mit einer glatten Oberfläche dahin, alles ist schön in Boston, den Zeitungen nach, die sich alle gleichen; alles geht gut in der Politik, weil sich auch die politischen Parteien gleichen. Jedermann gehört zur Mittelschicht ...." Zu dem in dieser Umgebung unruhig dahinlebenden, religiös und politisch richtungslos agitierenden, jungen Mann sagt seine Freundin: "Roy, du scheinst immer auf irgendetwas sehr böse zu sein, und es beunruhigt mich." Sein Wesen wird als zwiespältig beschrieben: "Er lauschte auf das Gefühl der Brandung. Ich liebe dich, Mary, sagte er plötzlich und fühlte sich kalt und steif dabei." (S. 204 - 252, S. 210f.)

Derartige Milieu- und Personenschilderungen scheinen bei Mailer verbindungslos neben der Kriegserzählung zu stehen. Doch ist es für ihn gerade die Gefahr eines schnellen Endes oder einer schweren Verletzung, die den Sinn - gelegentlich ebenfalls absurder - ziviler Lebensläufe im nachhinein völlig in Frage stellt und die Perspektive auf das 'normale' Leben damit grundsätzlich verändert. Denn nicht nur expansiv tragisch und sinnlos ist für Mailer das Kriegsgeschehen. Es ist auch prinzipiell leidenschaftslos gegenüber dem Leiden und Sterben kriegsbetroffener Menschen. Der Autor sieht es als nötig an, dies rücksichtslos - und zwar literarisch - auch in friedlichen Zeiten zum Ausdruck zu bringen.

Diese Art des Blickes auf das Kriegsgeschehen gilt nicht primär dessen Ursachen, Fronten, Ablauf und militärischer Strategie und Taktik. Es bleibt aber nicht aus, daß der Leser - gewissermaßen nebenher - auch über all dies informiert wird. Daher handelt es sich bei Mailers Erzählung auch um eine Kriegsgeschichte im engeren Sinne, bei der allerdings das Wesen maritimer Landungsoperationen, der militärischen Niederkämpfung eines abwehrbereiten Feindes in schwer zugänglichem Gelände, der Zerstörung von Befestigungen, des militärischen Umgangs mit der Zivilbevölkerung und nicht zuletzt auch der Behandlung Gefangener nicht theoretisch, sonden drastisch zur Sprache kommt.

"Gelegentlich machten sie Gefangene; aber wenn es schon spät war und die Patrouille Eile hatte, vor der Dunkelheit zurückzukommen, war es besser, sich nicht durch die Gefangenen aufhalten zu lassen. Eine Gruppe hatte am späten Nachmittag drei Gefangene aufgelesen und wurde durch sie erheblich behindert. Einer der Gefangenen war so krank, daß er kaum gehen konnte, und ein anderer, ein großer, verdrießlicher Mann, suchte nach einer Gelegenheit zu entkommen. Der Dritte hatte riesenhaft angeschwollene Hoden, die ihm so heftige Schmerzen bereiteten, daß er sich die Beinkleider an den Lenden aufgeschnitten hatte. Er humpelte schwerfällig dahin und stöhnte, während er die Hoden mit den Händen stützte. Der Zugführer sah schließlich auf die Uhr und seufzte: "Wir müssen sie erledigen", sagte er. Der verdrießliche Japaner schien ihn verstanden zu haben; denn er stellte sich neben den Weg und wartete mit abgewandtem Rücken. Der Schuß traf ihn hinter das Ohr. Ein anderer trat hinter den Gefangenen mit den geschwollenen Hoden und versetzte ihm einen Stoß, daß er sich am Boden ausstreckte. Er gab nur einen Schmerzensschrei von sich, als er starb. Der dritte war halb bewußtlos und begriff nicht, was ihm geschah." (S. 539).

Das andere zur Lektüre empfohlene Werk, Liddell Harts 'Geschichte des Zweiten Weltkriegs' enthält demgegenüber im engeren Sinne krieggeschichtliche Ausführungen, nämlich in Kap. 29 (Japanische Rückschläge im Pazifik) auf S. 623 ff. über das amerikanische 'Inselspringen seit 1942 und in Kap. 39 ('Der Zusammenburch Japans') auf S. 354 ff. über die 'strategische Luftoffensive' der USA gegen Japan, welche in der letzten Phase des Krieges die japanische Kriegsfähigkeit - im Sinne der Theorie Liddell-.Harts - 'indirekt' beständig schwächte. Sie führte schließlich - trotz allen japanischen Widerstandswillens - über fortgesetzte, im wesentlichen die nicht-kombattante Zivilbevölkerung treffende Flächenbombardements und den sie rationalisierenden Atombombenabwurf zur Kapitulation.

Die Schlußfolgerung aus diesen historischen Erkenntnissen kann nichts anderes sein als die Vorwegnahme ähnlicher Kriegsaktionen in gewaltsamen internationalen Konflikten der Zukunft. Sie ist deswegen auch für die Gegenwart wichtig.


3. Wie immer danke ich für die mir zugänglich gemachten Nachrichten, schriftlichen Erinnerungen, Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .