21. März 2013

36. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(März 2013)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessenten am Projekt Ferch!

1. Wie Sie wissen, werden alle bisherigen und hinzukommenden Interessenten am Projekt weiterhin um ihre Anregungen gebeten und können eigene Beiträge in diese WWW-Projekt-Seite einbringen.

Weiterhin dient die WWW-Seite auch dem Zweck, auf thematisch einschlägige Veranstaltungen, Ausstellungen, Filme und Literatur aufmerksam zu machen.

2. In diesem Rundbrief wird ein Werk kurzbeschrieben, das sich mit der Geschichte der Konzentrations- und Vernichtungslagerlager des NS-Systems befaßt, und zwar in einem Erfahrungsbericht eines persönlich Betroffenen. Der Verfasser stellte sein jüngst erschienenes Buch Mitte März in einer Lesung in der Stifrung 'Toüographie des Terrors', Berlin, vor:

Otto Dov Kulka, Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und Vorstellungskraft (1989). Aus dem Hebräischen übersetzt von Inka Arroyo Antezana, sowie Anne Birkenhauer und Noa Mkayton, Deutsche Verlagsanstalt, München 2013.

Der Verfasser ist der Sohn des israelischen Historikers, Schriftstellers und Publizisten Erich Kulka. Geboren 1933, erlebte und überlebte er als Kind das NS-System als Angehöriger einer verfolgten jüdischen Familie, die zum größten Teil im Konzentrationslager Auschwitz umkam. Nach 1945 lebte er in der Tschechoslowakei, wanderte aber 1968 von dort nach Israel aus. Dort wurde er Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. In den 1980er Jahren widmete er seine Forschungstätigkeit insbesondere dem Sonderkommando des KZ Auschwitz-Birkenau. Er erhielt für seine Arbeit mehrere bedeutende internationale Ehrungen und gründete einen 'Erich-Kulka-Fond' zur Förderung von Forschungen zur Geschichte der Vernichtung der Juden. Sein zweiter Vorname 'Dov' ist offenbar selbst gewählt und hat im Hebräischen die Bedeutung 'Bär'.

Sein ebenfalls als Historiker bekanntgewordener Vater, mit usprünglichem deutschsprachigen Namen Erich Schoen, im früher deutschsprachigen Böhmen (Karpaten-Bereich) geboren, war Kommunist und aktiver Gegner des NS-Regimes. Als solcher und als Jude wurde er mit seiner ganzen Familie während des Zweiten Weltkrieges nacheinander im KZ Theresienstadt, im KZ Dachau und im KZ Auschwitz-Birkenau inhaftiert. In Auschwitz-Birkenau arbeitete er aktiv im dortigen internationalen Lagerwiderstand mit. Im Januar 1945 konnte er bei Annäherung der sowjetischen Front mit seinem zwölfjährigen Sohn Otto aus diesem Lager entkommen. Nach Kriegsende war er als Schriftsteller tätig und verfaßte ein umfassendes Werk über Auschwitz-Birkenau mit dem Titel 'Die Todesfabrik' und späterhin weitere Publikationen zu diesem Thema. Er war Ehrenvorsitzender des israelischen Auschwitz-Komitees und sagte als Zeuge gemeinsam mit seinem Sohn im April 1964 im Frankfurter Auschwitzprozess aus.

Die vorstehenden Angaben zur Person des Verfassers und seines Vaters lassen sich in der 'Wikipedia' unter http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Kulka eingehender ausgefürt finden. In dem zu besprechenden Werk selbst finden sich nur wenige biographiche Angaben, wohl auch deswegen, weil sich der Verfasser mit seinem Schicksal eher als Typus denn als Individuum zu begreifen scheint.

Das hier zu besprechende Buch ist nicht primär als wissenschaftlich-historische Publikation zum Thema 'Judenvernichtung' gedacht, wie der Verfasser selbst deutlich zum Ausdruck bringt. Zwar pflegt er, wie er betont, als Wissenschaftler üblicherweise 'streng' wissenschaftlich zu publizieren. Doch brachte ihn ein Besuch des Jahres 1976 in den ehemaligen NS-Lagern Theresienstadt und Auschwitz dazu, seine ganz persönlichen und subjektiven Erinnerungen und Empfindungen beim Besuch dieser Todeslager, in denen er als Kind zusammen mit seiner dort umgekommenen Familie in den Jahren 1943 - 1945 gelebt hatte, Jahrzehnte später aufzuschreiben

Mit Bedacht schildert er die in ihm schon als Kind festgewordene Form seines Bewußtseins: für dieses waren grund- und sinnlose Demütigungen, die allmähliche Vernichtung der Person und die Erwartung eines feststehenden Todes selbstverständliche Bedingungen eines zur Ausrottung bestimmten eigenen Lebens.

Die im wesentlichen einfältige, ungebildete und deswegen besonders vorurteilsgeladene NS-Ideologie hitlerischer Denkweise, über die man unbedingt einmal etwas bei Hitler selbst nachlesen sollte, wenn man es noch nicht getan hat ('Mein Kampf', 1924, Kapitel 'Volk und Rasse' - S. 311 - 362), begründete letztlich eine aktive, moralisch völlig ungehemmte Ausrottungspolitik gegenüber 'minderwertigen', 'schmarotzerischen', 'krankhaften', 'volksschädlichen' und deswegen mit aller 'Härte' und 'Konsequenz' aus dem 'Volksorganismus' zu beseitigenden 'Fremdkörpern'.

Bei ihren vielen Opfern - wie Otto Kulka - hatte sie einen auch auf deren Seele 'durchschlagenden Erfolg'. Ihre inhaltlich-wahnsinnige 'Härte' erzeugte eine entsprechend wahnsinnige, dauerhafte innere Verfassung bei allen Gejagten und Verfolgten, welche andauerte, bis sie irgendwann, was meistens geschah, fast 'gesetzmäßig', wie Kulka sagt, ausgerottet wurden oder zufällig überlebten.

Bei Kulka sind die Erinnerungen - an die allmähliche Abtrennung von der natürlichen Außenwelt in Theresienstadt, an den von Vorahnungen begleiteten Transport nach Auschwitz, an die Vernichtung seiner Familie dort, an die mit Menschen überfüllten Lagerbaracken, an die Leichenberge wegen Lagerkrankeiten Verstorbener, an die zur Vernichtung in einer Schlange Anstehenden, an die nächtens daueraktiven Leichenverbrennungsöfen mit ihren noch aus den Schornsteinen hochlodernden Flammen - in einer Weise lebendig, die über die normale gelegentliche Präsenz der Vergangenheit weit hinausgeht. Sie haben einen 'metaphysischen' Charakter. Das kommt auch in der Wortwahl des Verfassers zum Ausdruck: 'Geistermetropole', 'Tor zum Gesetz', 'nicht zu überwindende Ströme', 'Suche nach Gedächtnis', 'der Große Tod', 'eingefroren in der Zeit' (von doktorierten Verbrechern), 'Gottes Schmerz'. Er spricht insoweit - sicherlich zutreffend - auch von einer 'persönlichen Mythologie'. Gelegentlich bezieht er sich dabei auf die Dichtung Franz Kafkas, dessen Denken und Empfinden genau zu der realen, existenziellen Absurdität des Konzentrationslagerdaseins zu passen scheint.

Hier begegnet Kulkas Denken allerdings gewissen besorgten Bedenken. Vielleicht liegt in ihm zu viel 'reflexive Ehrfurcht' gegenüber der einfachen historischen und gegenwärtigen Faktizität menschlicher Verbrechen und Dummheit, die hervorgeht aus der teilweise sehr unangenehmen menschlichen Natur.

Ähnlich übergewichtig wirkt übrigens die häufigere - heute zwar übliche, aber dennoch letztlich unverständliche - Verwendung des Wortes 'Holokaust' für etwas, was ja nichts weiter war als eine menschengemachte Brutalität gegenüber Mitmenschen. War denn die Ausrottung der Juden wirklich ein gottgefälliges oder wenigstens gottgewolltes 'Ganzopfer' im biblischen Sinne, wie die Übersetzung des Fremdwortes ins Deutsche besagt?

Das Buch hat nach einer Einleitung drei Abschnitte:

I. Landschaften der Metropole des Todes: Erzählung der persönlichen Erinnerungen,

II. drei Kapitel aus den vom Verfasser in späteren Jahren geführten Tagebüchern, in denen er Träume wiedergibt, die sich mit seiner Verfolgungs-Zeit befassen,

III. einen Anhang mit einem Aufsatz 'Ghetto im Vernichtungslager. Jüdische Sozialgeschichte zur Zeit des Holokaust', einem Abbildungsverzeichnis - das Buch enthält meherere Schwarz-Weiß-Photographien von Personen und Örtlickeiten, die es behandelt - und Anmerkungen.

Ausdrücklich sei abschließend hervorgehoben, daß das bereits 1984 (eine bewußt gewählte Anspielung auf George Orwell ?) und seither immer wieder nur in englischer Sprache erschienene Buch Otto Kulkas, erst jetzt, also nach dreißig Jahren, auch in deutscher Sprache erschienen ist.

Das ist zu bedauern, weil der Bericht Kulkas auch früher schon bei den majoritär und traditionell nicht-nationalsozialistisch gesonnenen Deutschen viel Interesse und Zuspruch gefunden hätte. Die deutsche Sprache - ebensowenig wie die gesamte deutschsprachige Bevölkerung - war und ist, so bin ich überzeugt, nicht für die ungeheueren Verbrechen verantwortlich, die an den vom NS-System Verfolgten in ihrem Bereich begangen wurden.


3. Mir ging zu ein Hinweis aus Russland (siehe auch Haupttext P. 6 Nr. 10 ) auf:

Die russischsprachigen gedruckten Erinnerungen von Oleg Klimenko und Sergej Tkatschow, Tarnopol / Ukraine, Ukrainer im Polizeidienst des deutschen Besatzungsregimes in Kremenez (1941 - 1944), Charkow, Ranok-HT-Verlag 2012, 272 S., Photodruck, ISBN 978-966-315-149-6, zugänglich auch über das Bumdesarchiv .unter BA-MA, RW 2/v. 151, 22.9.1941."Abteilung Wehrmacht-Propaganda. RW 4/v. 329 Sowjetrussland (Sammlung von Unterlagen), Juli - Dezember 1941",

Kurzzusammenfassung in englischer Sprache: The documents analysis shows that the Nazi regime at first didn’t plan a considerable military and political cooperation with the Ukrainians, and was in general against the idea that the conquered nations could arm. However, the collapse of the Blitzkrieg strategy and the exhaustion of the mobilization reserves of the Reich made the lower commandment of Wehrmacht renew the number of their representatives as soon as possible with the local people, including Ukrainian soldiers and support staff. Thus, the foundation of the local police apparatus in Reichscommissariat “Ukraine” was a forced action of Nazis. As the result, the completing of “Shuma” military units in Kremenets region was done with random people under direct or indirect pressure. Their troops with admission to the German army and police solved personal problems - survival, material well-being, struggle against bolshevism, and had no far-reaching political goals or other grounds for a closer connection of an own future with national socialism. That is why, the Ukrainian formation never became a reliable means of realization of the occupational policy and a support for Nazism in Ukraine.

Sollten Leser dieses Hinweises genügend Russischkenntnisse und zeitgeschichtliches Wissen haben, um eine sachgerechte Würdigung dieses Werks, möglicherweise sogar eine Übersetzung einiger seiner Passagen ins Deutsche, vorzunehmen, so sind sie eingeladen, sich mit mir - C. G. - deswegen in Verbindung zu setzen.


4. Wie immer danke ich für die mir zugänglich gemachten Nachrichten, schriftlichen Erinnerungen, Bücher, Schriften und Bilder, die das Projekt-Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach dazu paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .