23. April 2013

37. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(April 2013)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessenten am Projekt Ferch!

1. Alle bisherigen und hinzukommenden Interessenten werden weiterhin um ihre Anregungen - z. B. auch für gemeinsame Ausflüge in der schöneren Jahreszeit - gebeten und können eigene Beiträge in die fortbestehende WWW-Projekt-Seite einbringen.

Weiterhin wird die WWW-Seite auch dem Zweck dienen, auf thematisch einschlägige Veranstaltungen, Ausstellungen, Filme und Literatur aufmerksam zu machen.

2. In diesem Sinne stelle ich ein weiteres Werk vor, das die Endzeitgeschichte des Zweiten Weltkrieges betrifft, nämlich:

Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948. Mit einer Einleitung von Arno Surminski. Mit Beiträgen von Dr. Matthias Beer, Dr. Manfred Zeidler, Heinz Schön, Prof. Dr. Arno Herzig, Prof. Dr. Detlef Brandes, Dr. Malgorzata Ruchniewicz, Prof. Dr. Krysztof Ruchniewicz, Prof. Dr. Stefan Karner, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Dr. Helga Spranger ind Astrid von Friesen. - Erschienen ist es im Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2012 - wohl als ausgearbeitete Alternative zu einem früheren, von Frank Grube und Gerhard Richter verfaßten Werk mit dem ähnlichen Titel 'Flucht und Vertreibung - Deutschland zwischen 1944 und 1947', das 1980 im Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1980 gedruckt wurde (Autoren: Fritz Brustat-Naval, Peter Grube, Frank Grube, Gerhard Richter, Arno Surminski. Alfred M. de Zayas).

I. Zu den Verfassern und ihren Beiträgen.

Aus den Vertreibungsgebieten stammen die Autoren Arno Surminski, Mathias Beer, Heinz Schön, Arno Herzig, Bernd Faulenbach, Helga Spranger. Astrid von Friesen stammt aus einer Vertriebenenfamilie. Nach 1945 in den vormaligen Vertreibungsgebieten aufgewachsen sind und leben Malgorzata Ruchniewicz und Krysztof Ruchniewicz (Breslau). Detlef Brandes ist 1941 in Deutschland (Berlin) geboren und lebt seither dort. Manfred Zeidler ist 1956 in Deutschland geboren und lebt seither dort. Stefan Karner ist 1952 in Österreich geboren und lebt seither dort.

Arno Surminski tritt in einer Einleitung für eine nachdrückliche historische Vergegenwärtigung des Vertreibungsgeschehens ein. Seine Eltern kamen in einem Zwangsarbeiterlager in Tschuwaschien (Wolga-Region) um. Dem widmet er außerdem eine kleine Erzählung. Matthias Beer analysiert historisch Ursachen, Ablauf und Folgen der Vertreibung der Deutschen. Manfred Zeidler analysiert historisch die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, dem Warthegau und Hinterpommern. Heinz Schön beschreibt die Evakuierungsaktionen über die Ostsee nach Westen 1944/1945, die er selbst miterlebte. Arno Herzig beschreibt die verschiedenen Abschnitte der Flucht und Vertreibung aus Schlesien. Detlef Brandes schildert die ethnisch-vorurteilsgeladene Vertreibung aus der Tschechoslowakei ("Das deutsche Volk erscheint uns nur noch als ein einziges großes menschliches Ungeheuer"). Matthias Beer untersucht Gemeinsamkeiten und regionale Unterschiede bei der Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Südosteuropa (Rumänien, Jugoslawien, Ungarn) bei Kriegsende. Krzystof Ruchniewicz stellt im historischen Zusammenhang mit der weiteren polnischen Geschichte die Westverschiebung Polens am Ende des Zweiten Weltkriegs dar. Er weist dabei auf die vorgängigen Vertreibungs- und Vernichtungsmaßnahmen von deutscher Seite hin. Malgorzata Ruchniewicz schildert die von der Sowjetunion organisierten Vernichtungs- und Vertreibungsmaßnahmen gegen die polnische Bevölkerung in den Gebieten Vorkriegspolens zwischen 1939 und 1944. Stefan Karner befaßt sich mit den seit 1944 erfolgten Deportationen volks- und reichsdeutscher Zivilisten und Soldaten zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion und deren Opfern. Bernd Faulenbach, Helga Spranger und Astrid von Friesen untersuchen eingehend und einfühlsam in ihren Beiträgen die kollektiven und persönlichen Erinnerungen, psychischen Verletzungen und Spätfolgen der Vertreibungsmaßnahmen bei den von ihnen Heimgesuchten.

Viele Abbildungen und Anmerkungen, ein ausführliches Literaturverzeichnis, eine Begriffs- und Namenserklärung (Glossar), vier nützliche Übersichtskarten sowie eine Autorenkurzbeschreibung ergänzen die Berichte.

Eine eingehendere Betrachtung der einzelnen Beiträgen, die zumeist mit Herzblut geschrieben sind, ist an dieser Stelle nicht möglich oder sinnvoll.

II. Deswegen sei hier nur eine grundsätzliche Frage erörtert, die sich in allen Beiträgen stellt, nämlich, was unter 'deutsch' oder 'den Deutschen' zu verstehen ist. Das hat für alle in ihnen berührten historischen und moralischen Fragen große Bedeutung.

Nicht nur unter 'deutsch' wird dort offenbar eine bestimmte Staatsbürgerschaft oder Staatszugehörigkeit verstanden, etwa die zum früheren Deutschen Reich. Denn auch zu dessen 'großdeutscher' Zeit waren in ihm nicht alle in die geschilderten späteren Vertreibungsvorgänge einbezogenen 'Deutschen' vereint. Ferner gibt es im Sprachgebrauch der Berichte an keiner Stelle eine Deckungsgleichheit von 'deutsch' - in einem völkergeschichtlichen, ideellen oder kulturellen Sinne - und 'nationalsozialistisch' - in einem zeitgeschichlich-historischen Sinne.

Demnach verstehen alle Autoren unter 'den Deutschen' offenbar nicht mehr und nicht weniger als die Gesamtheit der Angehörigen einer bestimmten Sprachgemeinschaft, also eine Menschengruppe in einem nur linguistisch und philologisch klassifizierbaren Sinne. Eine Abgrenzung ist also nur von anderen Sprachgemeinschaften möglich.

Es stellt sich dann die Frage, ob es gerechte oder moralisch entschuldigende Gründe dafür geben kann, alle Angehörigen einer Sprachgemeinschaft in Vertreibungsmaßnamen einzubeziehen? Vertreibung bedeutet ja für die einzelnen von ihr betroffenen Menschen, daß ihnen ihre Heimat, ihre Behausung, ihre Habe, ihre Lebensleistung und ihre auf all dem beruhende Würde und Hoffnung entrissen wird. Nicht vor allem gesunde und kräftige Menschen werden davon betroffen, sondern zum größten Teil Kinder, Frauen, Alte und auch Haustiere. Menschliche Bindungen werden dadurch zerrissen, seelische Wunden geschlagen, der Glaube an Gerechtigkeit und Menschlichkeit wird zerstört - vor allem auch der an die Schutzbereitschaft und Redlichkeit des Staates. Es gibt keine einzige gesetzlich vorgesehene Strafe - einschließlich der Todesstrafe -, mit der alle derartigen Totalverluste, persönlichen Demütigungen und Racheexzesse gleichzeitig über einen Menschen verhängt werden könnten.

Wenn sich solche Vergeltungsaktionen gegen ganze Menschengruppen richten, widersprechen sie erst recht allen Regeln gerechter Bestrafung.

Denn ein einzelner Sprecher einer bestimmten Sprache kann zwar Unrecht tun und Schuld auf sich laden. Dies kann auch durch eine vorwerfbare Unterlassung geschehen. In diesem Fall ist es gerecht, daß er sich vor einem Gericht verantworten kann, das sein Tun beurteilt und mit einer angemessenen Strafe belegt. Eine ganze Sprachgemeinschaft kann aber schon ihrem Wesen nach nicht in dieser Weise schuldig sein und und haftbar gemacht werden. Eine ganze Sprache kann prinzipiell keine ihren grammatischen oder semantischen Strukturen innewohnenden Unrechts- und Schuldelemente enthalten. Allenfalls kann ein sprachliches Mitteilungssystem totalitär-politisch so gestaltet werden wie das 'newspeak' Orwellschen Denkens. Doch reichen selbst totalitäre Machtmöglichkeiten nicht dafür aus, außerhalb eines teilweise propagantisch beherrschbaren öffentlichen Raumes gesamtsprachlich regulative Wirkungen zu entfalten. Der propagandistische Einfluß auf eine Sprache erfaßt nur die Terminologie der politischen Akklamation und Orthodoxie. Die 'political pieties' (Noam Chomsky) in öffentlicher, amtlich oder medial verlautbarter Korrektheits-Sprache sind trotz ihrer politisch-ideologischen Bedeutung und Prägewirkung sprachgeschichtlich und -systematisch ohne bleibendes Gewicht. Sie verschwinden zumindest nach dem Ende sprachmanipulatorischer politischer Systeme umgehend aus ihrer sprachdominierenden Stellung.

III. Von den in dem zu besprechenden Werk dargestellten Vertreibungen wurden alle Angehörigen der deutschen Sprachgemeinschaft betroffen, soweit sie nicht in Staaten lebten, die dagegen besonderen Schutz boten. Betroffen waren vor allem solche, die in Staaten lebten, die dagegen keinen Schutz boten, sondern vielmehr die Vertreibung 'der Deutschen' zeitweilig zu einem zentralen Inhalt ihrer Politik machten.

Durch die 'Potsdamer Konferenz' im Juli und Augsust 1945, welche u. a. die Grenzen und Siedlungsverhältnisse derjenigen Gebiete in Europa regeln sollte, die vormals zum 'Großdeutschen Reich' gehört oder von ihm annektiert oder unter seiner militärischen Besatzung oder - wie die Slowakei, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien - in einem Bündnisverhältnis zu ihm gestanden hatten, wurde eine staatlich organisierte Vertreibung ("geordneter Transfer") eines Großteils der dort lebenden deutschsprachigen Bevölkerung völkerrechtsvertraglich festgelegt oder den dort neu entstehenden Nachkriegsstaaten im Rahmen einer konzedierten vorläufigen Territorialverwaltung nahegelegt.

Der größte Teil der vormals in den Gebieten Schlesiens, Pommerns, Posens, Danzigs, Ost- und Westpreußens sowie des Sudetenlandes lebenden, seit Jahrhunderten deutschspachigen Bevölkerung wurde so in die alliierten Besatzungszonen in Deutschland westlich der Oder-Neiße-Linie vertrieben, der größte Teil der im südlicheren Böhmen, in der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien seit Jahrhunderten lebenden deutschspachigen Bevölkerung in das Österreich der Nachkriegszeit.

Die in Osteuropa 1945 entstandenen neuen Staaten Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und Polen organisierten auf Weisung der Sowjetunion oder aus eigenem politischen Antrieb und Interesse diese Vertreibungen. Die Sowjetunion, die den nördlichen Teil des ostpreußischen Gebietes für sich okkupierte, organisierte dort die Vertreibung der bei Kriegsende noch verbliebenen deutschsprachigen Bevölkerung in die sowjetische Besatzungszone in Deutschland.

Auf zwischen 12 bis 14 Millionen 'Deutscher', d. h. deutschsprachiger Bevölkerung, ist die Gesamzahl derer zu schätzen, die zwischen 1944 bis 1950 einer Vertreibung unterworfen wurden. Mehrere hundertausend von ihnen wurden dabei in Lagern inhaftiert oder mußten 'wiedergutmachungshalber' Zwangsarbeit leisten. Eine große Zahl überlebte außerdem die Vertreibungen nicht. Derartige Zahlen lassen sich der historischen Verwirrungen dieser Jahre wegen nur schwer schätzen. Dennoch steht fest, daß einer Mehrmillionenzahl von Sprechern einer bestimmten, nämlich der deutschen Sprache derartiges zu Unrecht und unverschuldet widerfahren ist. Selbst ein im Einzelfall nachweisbares Verschulden wäre mit einer Vertreibung der damaligen Art übermäßig bestraft worden.

Die vonseiten vor allem des Deutschen Reiches der nationalsozialistischen Herrschaftspoche im Zweiten Weltkrieg vorgenommenen Vertreibungen und Ausrottungen im 'Reich' und in Osteuropa ließen sich nicht, wie die Geschichte gezeigt hat, von deutscher Seite durch militärische und zivile Widerstandaktionen verhindern. Selbst wo solcher Widerstand gelegentlich eine Chance hatte, gelang es dennoch - auch bei größter Entschlossenheit der Handelnden - nicht, ihn dem allseits gepanzerten NS-System gegenüber zum Erfolg zu bringen. Auch hieraus kann also keine Rechtfertigung für die Vertreibung ganzer deutschsprachiger Bevölkerungsgruppen aus dem traditionellen Ostdeutschland und aus den osteuropäischen Länder hergeleitet werden.

Vielmehr sind alle Staaten, welche im Laufe ihrer staatlichen Entwicklung in und seit dem Zweiten Weltkrieg Vertreibungen organisiert haben, aus völker- und naturrechtlichen Gründen auch heute noch gehalten, das dadurch den betroffenen 'Deutschen' geschehene Unrecht im Rahmen ihrer Möglichkeiten wiedergutzumachen, soweit diese nicht persönlich auf eine Wiedergutmachung verzichtet haben.

Auch für die deutschsprachigen Nachfolgestaaten des vormaligen Deutschen Reichs nach 1945 bestand und besteht ja aus völker- und naturrechtlichen Gründen eine Wiedergutmachungspflicht gegenüber denjenigen Personen, die durch die Kriegs-, Vertreibungs- und Vernichtungsmaßnahmen des nationalsozialistisch beherrschten Deutschen Reiches vertrieben, entrechtet und vernichtet wurden.

Die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz 1945, die die verschiedenen Vertreibungen der deutschsprachigen Bevölkerung aus dem Osten des vormaligen 'Deutschen Reiches' und aus Osteuropa sanktionierten, waren völker- und naturrechtswidrig.

Auch die Staaten, die nur aufgrund dieser Beschlüsse völker- und naturrechtswidrig gehandelt haben sollten, trifft eine Verpflichtung, die daraus heute noch oder wieder möglichen und zumutbaren Konsequenzen zu ziehen.

Ungerechtfertigte Folgen haben die verschiedenen Vertreibungen 'der Deutschen' auch in den Zielstaaten ihrer Vertreibung, in der heutigen 'Bundesrepublik Deutschland' und in der 'Republik Österreich', gehabt. Es sei dabei nur ein vergleichsweise kleiner Aspekt angesprochen: das dortige kollektive politische Bewußtsein. Es gibt eine durch nichts gerechtfertige, weitverbreitete, als politisch korrekt angesehene Zurückhaltung, ja Stummheit, wenn es um das 'den Deutschen' als Sprachvolk durch die Kollektiv-Vertreibungen und die damit verbundenen Gebietsokkupationen zuteilgewordene Unrecht geht.

Die von Willy Brandt im Interesse einer konfrontionsauflösenden 'Ostpolitik' demonstrativ zum Ausdruck gebrachte Bitte um Versöhnung oder Vergebung ist für ein teilweise 'stummes Verhalten' ein Beispiel. Ein anderes ist die politische Sprachgewohnheit, den Begriff 'ostdeutsch' wie selbstverständlich auf den Bereich der vormaligen DDR zu beziehen, statt auf die traditionell 'ostdeutschen' Gebiete östlich der Oder und der westlichen Neiße. Das ist ungefähr so, als ob man, wenn man durch Kriegseinwirkung beide Beine verlöre, die Gesäßbacken nunmehr als 'Fersen' bezeichnen wollte. Ein drittes Beispiel ist, daß in der deutschen Öffentlichkeit, insbesondere von den sich selbst so bezeichnenden 'Mitte'-Parteien, öffentliche Hinweise auf die Kollektiv-Vertreibungen 'der Deutschen' öfters als 'nationalistisch', 'rechtsextrem' oder gar 'rechtsextremistisch' fehleingeschätzt und -benannt werden.

Dies alles kann man erst in unserer Zeit - nach dem Ende aller besatzungsmachtbestimmten Auflagen für die öffentliche Meinungsbildung - in Deutschland ohne politische Repression frei äußern - und man sollte es auch, in einem den Nachbarn gegenüber stets moderaten und verständnisvollen Sprachgebrauch.


3. Wie immer danke ich für die mir zugänglich gemachten Nachrichten, schriftlichen Erinnerungen, Bücher, Schriften und Bilder, die unser Thema betreffen, und bitte weiterhin darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .