17. Juni 2013

39. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Juni 2013)


Sehr geehrte und Damen und Herren Interessenten am Projekt Ferch!

Das 'Projekt Ferch' verfolgt den Zweck, die deutsche Kriegsendzeitgeschichte 1945 im Zusammenhang mit der ganzen damaligen und später folgenden Zeitgeschichte. d. h. nicht nur als Geschichte der Militäraktionen, sondern auch als Geschichte der betroffenen oder venichteten Zivilbevölkerung jeglicher Herkunft, in heutiger Zeit, 68 Jahre nach 1945, in Erinnerung zu rufen. Die noch lebenden Zeitzeugen, d. h. die damals noch ganz Jungen, aber auch die heute ganz Jungen oder doch Jüngeren sollten mit ihrem jeweiligen historischen Interesse angesprochen werden. In diesem Rundbrief geht es jedoch wieder einmal primär um Militär- und Kriegsgeschichte, die genauer zu kennen auch für überzeugte Zivilisten wichtig ist.

1. Wie im letzten Rundbrief angekündigt, besuchte ich kürzlich das heutige 'Militärhistorische Museum der Bundeswehr' in Dresden. In früheren Zeiten war es das 'Haus der Nationalen Volksarmee der DDR', in welches seinerseits Bestände schon der kursächsischen Rüstkammer, des späterhin königlich-sächsischen 'Arsenals' Dresdens eingegagen sind. Dieses faßte auch nach 1919 Bestände aus mittelalterlichen und früheren neuzeitlichen Epochen, der Zeit des Bismarck-Reichs und seiner Nachfolge-Staatssysteme in Deutschland zusammen. Heute ist das Dresdener 'Militärhistorische Museum' - der Ausdruck 'Museum' paßt m. E. nicht zur Sache 'Krieg' - eines der größten Geschichtsmuseen - mit nicht nur militärgeschichtlichen Schaustücken - in Deutschland. Für historisch Interessierte ist es einen eigenen Tagesbesuch wert.

Es liegt, von den Autobahnabfahrten Dresden Flughafen oder Dresden Hellerau gut erreichbar, am heutigen Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden, innerhalb eines früheren weitläufigen Kasernengeländes. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Dienstag 10 bis 18 Uhr und Montag 10 - 21 Uhr; mittwochs ist geschlossen. Telefonische Auskunft: 0351 8232803. In der Nähe (500 m südlich) liegt ein Puppentheater-Museum, das sich ggf. für den alternativen Besuch durch Begleitpersonen eignet.

Vernichtung, Zerstörung, Verwundung und Tod - zu welch nötigen Zwecken auch immer - sind letztlich die wesentlichen Aufgaben von Armeen, auch der deutschen. Der Besucher ist, ob er es merkt oder nicht, davon letztlich tief bedrückt. Kindern sind die 'Objekte' der Ausstellung nach meiner Beobachtung oft gar nicht angemessen zu erklären. Als nur ein Beispiel aus vielen diene das 'Modell' eines Panzer-Spreng-Hundes, das - offenbar aus diesem Grunde - nicht beschriftet ist, sondern einer situationangemessenen mündlichen Erklärung bedarf. Dabei dürfte auch Erwachsenen gegenüber die Vermittlung manchmal schwer sein, was der Berichterstatter an verständnislosen oder uneinfühlsamen Reaktionen auf die Objekte (Ein-Mann-U-Boote, Schuhsammlungen aus Lagern) hat beobachten können.

2. Konzept und Aufbau der Dresdener Ausstellung.

Die Ausstellung besteht aus zwei Gebäudeteilen mit unterschiedlichen Aufgaben. In dem alten, über dem Erdgeschoß zweistöckigen 'Arsenals'-Bau ist der traditionell 'militärhistorische' untergebracht, in dem über dem Erdgeschoß 4-stöckigen, keilförmigen Libeskind-Neubau eine auch baulich-architektonisch sichtbar abgesetzte Zusammenfassung politisch-moralischer Überlegungen und Publikums-Belehrungen.

Nebenaufgabe der Ausstellung ist auch eine Darstellung der heutigen Militär-Verfassung der Bundesrepublik und der heutigen Bundeswehr.

Der Standort der Ausstellung schließt notwendig einen deutlichen Bezug auch auf die Dresdener Kriegsendzeitgeschichte ein.

Manche in dem Ausstellungsgesamtkomplex selbst nicht präsente Themen werden über die Literaturangebote im Buch-Laden im Forum zugänglich. Zur Ausstellung gehören auch verschiedene größere und kleinere, allgemeinere und speziellere Kataloge.

3. Bereiche der Dresdener Ausstellung in wichtigen Stichworten.

Es ist unmöglich, die Fülle der Objekte an dieser Stelle anders als nur stichwortartig zu beschreiben. Dabei werden die Ausstellungsabteilungen jeweils in kursiver Schrift nach Lage und musealer Benennung und danach in 'wichtigen Stichworten' skizziert, die vom Verfasser dieses Berichts stammen.

01 A(rsenal) - 1300 - 1914. Handwaffen, Fernwaffen, Torsions-Geschütze, Esxplosiv-Stoffe, Panzerungen, Helme und Schilde, Zug- und Lasttiere, Burgbau, Stadtmauer- und -wallanlagen, Söldnerheere, Wehrpflichtheere.

02 L(ibeskind-Bau) - Militär und Technologie. Prinzip des Wettlaufs der Wirkungssteigerung in Angriff und Abwehr, Schießpulver und fortentwickeltes Pulver, chemische Kampfstoffe, Dynamit, Motorfahrzeuge zu Lande, im Wasser und in der Luft. gepanzerte Schiffe, Unterwasserboote, schnelle Kreuzer, Bombenflugzeuge, Bombenarten, Bombenkrieg, automatisierte Schußwaffen, industrielle Waffenproduktion, weitreichende Nachschuborganisation, rationalisierte Pionierbauten.

03 L - Schutz und Zerstörung. Militärische Defensive und Offensive in Strategie und Taktik, Militärische Sicherung.ziviler Siedlungen, Produktionsanlagen und Verkehrslinien, Optimierung der Beschußresistenz bei Panzerungen und Bunkerungen, Kriegswaffeneinwirkung auf Menschen, Lazarettwesen und medizinische Versorgung..

04 A - Wechselausstellungen. Nach Bedarf zu allen Ausstellungsthemen und Veranstaltungen im Hause.

05 Außengelände - Bundeswehr und NVA 1955 - 1990. Die gegenüber der Zeit des 2. Weltkriegs immer vielseitiger, stärker und wendiger gewordenen Panzerfahzeuge und Aifklärungsfahrezeuge, Maschinenwaffen und Geschütze. Die Abhängigkeit der Waffensysteme von denen der jeweiligen Verbündeten im Ost-West-Konflikt.

06 Außengelände - Bundeswehr ab 1990. Transportable Waffensysteme für Auslandeinsätze. Kontinuität der Bewaffung für einen Defensiv-Krieg

17 A - 1914 - 1945. Entwicklung der Panzerwaffe, der U-Boote, der Luftwaffe, der Raketentechnik und der Atombombe, Kesselschlachten, Flächenbombardements, 'indirekte' Kriegfühung gegen die 'zivile Infrastruktur' (also auch die Zivilbevölkerung) der Feindmacht, Gefangenenlager, Konzentrationslager, Vertreibungen, Liquidierungen..

18 L - Tiere beim Militär. Pferde für die schnelle Fortbewegung und Aufklärung im Gelände, wo Fahrzeuge und vor allem Panzer und Zugmaschinen nicht weiterkommen. Hunde als Wach- und Spürhunde, gelegentlich auch als Waffen (Sprenghunde).

19 L - Leiden am Krieg. Verwundungen, Todesnachrichten, Kriegsgefangenschaft, Verlust von Wohnung und Eigentum, Flucht und Vertreibung.

110 L - Formation der Körper. Abhärtung, Wehrertüchtigung, Exerzieren, der 'kampfgestählte' Körper als Ideal..

111 A - 1945 - heute. Kapitulation der deutschen Seite, Blockbildung und Ost.Westkonflikt, Aufbau der Bundeswehr und der NVA, internationale Konflikte unf Bürgerkriege seit 1945, Interventionskriege westlicher und östlicher Mächte in Europa oder anderen Erdteilen.

212 L - Politik und Gewalt. Drohung mit Waffengewalt, Kriegserklärung, Lenkung der öffentlichen Meinungsbildung im Kriege, Kriegspropaganda.

213 L - Militär und Musik. Marschmusik, Hymnen, Feiern, Truppenbetreuung.

214 L - Militär und Mode. Uniform als Statussysmbol ind Wunschobjekt, Orden, Flaggen und Abzeichen von Truppenteilen und Einheiten, 'Antreten', Salutieren, Paradieren.

215 L - Militär und Sprache. Fahneneid, Befehlssprache, Telegramm-Stil, gefühlsvermeidende Sachlichkeit und Einsatzbereitschaft, gleichmütige Vorwegnahme von Verlust und Zerstörung.

216 L - Krieg und Spiel. Kinder-Kriegsspiele. Spiel-Soldaten und -Schlachtflelder, Spielkriegsschiffe, Spielkriegsflugzeuge, Spielwaffen, Indianer-Spiele.

317 L - Krieg und Gedächtnis. Photographien und Berichte Beteiligter, öffentliche kriegsbezogene Ehrungen, Feiern und Denkmale, Soldatenfriedhöfe.

418 L - Blick auf Dresden. Aus dem 4. Obergeschoß des 'Libeskind-Baus'. Nicht primär eine interessante 'Panorama-Aussicht', sondern eine symbolisch gefaßte Erinnerung an die Totalzerstörung Dresdens durch mehrere Fächenbombardements am 13. und 14. Febr. 1945. Die Lokalisierung an der obersten Seite der Spitze des 'Libeskind-Baus' macht unausgesprochen den Bezug auf die Stadt Dresden als Beispiel 'moderner', 'indirekter' und auch für die Zukunft zu erwartender Kriegführung deutlich..

4. Gesamtwürdigung.

Die mehrfach sehr beachtliche organisatorische Leistung der Ausstellung liegt

- in der Zusammenfügung und museumswissenschaftlich durchdachten Aufgliederung einer Menge von mehreren tausend Schaustücken und Archivalien für den Publikumsbesuch und die Publikumsbenutzung,

- in der oft eindrucksvollen Verbindung von bewahrender und erinnernder Aufgabenstellung,

- in der notwendigen, konsequenten Verfahrensweise exemplarisch auswählender Reduktion und Gewichtung der vorhanden Material-Fülle,

- in der klaren Unterscheidung von 'Arsenal'-Themen und 'Erinnerungs'-Themen.

Auch der Buchladen im Erdgeschoß des Gebäudes mit seinem vielseitgen Angebot, auch zu vielen Themen, die die Ausstellungbereiche nicht ansprechen, ist eine verdienstvolle Einrichtung. Auch empfindliche Themen - wie das Thema der Kriegsend-Vergewaltigungen - bleiben dort nicht unbelegt .

Kritik läßt sich üben

- an der manchmal.etwas zu soziologisch-psycholologisch-abstrakten Formulierung in Objekterklärungen und Bereichsbenennungen (Beispiel: 'Formation der Körper'),

- an der - allerdings heute museumsüblichen funzeligen - Belichtung der Schaustücke hinter Glas mit Spiegeleffekten, die es wenigstens dem älteren Betrachter und Leser - vor allem bei Schriftstücken - zur Qual macht, Kleineres, aber vermutlich Wesentliches von einem Objekt mitzubekommen.

Leider gibt es in der Ausstellung auch ein in unserer Zeit nicht mehr hinnehmbares Tabu. Es fehlen ausführliche Angaben über die in Großbritannien schon vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelte (Liddell Hart), später von dem britischen Premier W. Churchill und dann von allen Kriegsalliierten übernommene Konzeption einer 'indirekten Kriegführung', deren Inhalt es war - und noch heute ist -, die 'Infrastrukturen' einer Feindseite ohne Rücksicht auf deren Zivilbevölkerung durch Flächenbombardements zu zerstören, um auf diese Weise die Kriegführungsfähigkeit der Gegenseite 'effektiv' zu beenden, wenn das schon nicht durch bald wirkende Kriegshandlungen gegen die bewaffneten Kräfte des Feindes zu erreichen ist. Da Dresden selbst von den Auwirkungen dieser - im Laufe der Kriegsjahre immer häufiger und 'konsequenter' verfolgten, noch in den letzten Kriegsmonaten - vor der absehbaren Kapitulation der deutschen Seite - angewandten 'strategischen Konzeption' betroffen wurde, wäre es nötig gewesen, sie und ihre Übertreibungen als als eine wesentliche Ursache des apokalyptischen Kriegsendzeitgeschehens in Dresden und anderen bis dahin nicht bombardierten deutschen Städten zu benennen.

Die in Zeiten der Besatzungsregierungen bzw. ihrer später verbliebenen Regierungsvorbehalte in Nachkriegs-Deutschland und -Österreich politisch-obligatorische Doktrin, Dresdens Bevölkerung - ebenso wie die Bevölkerung anderer flächenbombardierter Städte - habe dies Schicksal wegen ihrer Unterstützung des NS-Regimes verdient, läßt sich nicht aufrechterhakten. Diese Doktrin ist heute ähnlich unvertretbar wie die andere des Inhalts, die später aus den östlichen Reichs- und anderen mittel- oder osteuropäischen Gebieten vertriebene deutschsprachige Bevölkerung habe das Vertreibungs-Schicksal wegen einer kollektiven, widerstandslosen Unterstützung des NS-Regimes verdient.

Der unausgesproche, nur bildlich-architektonisch gehaltene Hinweis des Liebeskind-Baus genügt im Dresden heutiger Zeit jedenfalls für all dies nicht mehr. Alle Regierungen aller beteiligten Völker sind ja heute besser als früher in der Lage, ihren Anteil an Verantwortung für das Kriegsgeschehen des vorläufig letzten Weltkrieges anzuerkennen, um damit auch zu befüchtenden Wiederholungen derartiger Kriege vorzubeugen, wenn es irgend geht.

Auch eine Anregung für die Dresdener Ausstellung läßt sich deshalb noch geben. Vielleicht sollte man auf Dauer den Versuch machen, wahrscheinliche Kriegsentwicklungen der Zukunft unter Mitbenutzung des in der Ausstellung angesammelten Materials in mehreren 'Szenarien' prognostisch begründet für ein normales Publikum darzustellen. Was bedeuten generell heutige Konflliktlinien zwischen den Weltmächten für evtl. spätere militärische Konflikte und heutige Formen der Ausrüstung, Bewaffung Organisation und 'Kriseninterventionseinsätze' für evtl. künftige Kriegseinsätze? Welche Kriegsformen sind wahrscheinlich? Wie wird sich eine fortentwickelte 'indirekte Kriegführung' in der Zukunft auswirken?

5. Wie immer bitte ich darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski


Verantwortlich: Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .