Ende September 2013

41. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(August und September 2013)


Sehr geehrte und Damen und Herren Interessenten am Projekt Ferch!

Das 'Projekt Ferch' verfolgt den Zweck, die deutsche Kriegsendzeitgeschichte 1945 im Zusammenhang mit ihren einschneidenden Nachwirkungen für die heutige deutsche Geschichte selbst heute noch, 68 Jahre nach 1945, in Erinnerung zu rufen. Zur Zeitgeschichte gehören auch Biographien. Diese können zum historischen Verständnis damaligen Denkens und Geschehens in manchmal überraschender Weise beitragen, wo man dies zunächst nicht vermutet.

Leider hat mich in den Monaten August und September eine Vielzahl von Aufgaben davon abgehalten, den ursprünglich für August vorgesehenen Rundbrief, wie gewohnt, rechtzeitig vor dessen Monatsende fertigzustellen. Mittlerweile ist es Ende September geworden. Ich verfasse daher diesen Rundbrief zugleich für Monat August und September 2013.

1. In ihm geht es vor allem um eine 'Randfigur' des politischen Geschehens der Zeit des NS-Regimes und der Nachkriegsgeschichte, nämlich Paula Hitler (1896 - 1960), die sieben Jahre jüngere Schwester Adolf Hitlers (1889 - 1945). Berichtet wird über das Buch

Afred Läpple, Paula Hitler. Die Schwester. Ein Leben.in der Zeitenwende, Druffel-Zeitgeschichte, Druffel und Vowinckel-Verlag, 82266 Inning am Ammersee (Österreich), Erstauflage 2001, 2. erheblich erweiterte Auflage 2005. Mit zahhreichen Photographien und anderen Abbildungen, Namens-, Stichwort- und Quellen- Verzeichnissen, Karten und Übersichten, 360 Seiten.

Die folgenden der Buchbesprechung voranzustellenden kurzen Angaben zur Person des kürzlich verstorbenen des Autors bauen durchweg auf Wikipedia-Informationen, die unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Läpple

- zusammen mit vielen weiterführenden Hinweisen und Literaturangaben - zu finden sind, auf:

Der aus kathollischem, bayrischen Milieu stammende Alfred Läpple (1915 - 2013) begann in den 1930er Jahren ein Studium der Philosophie, Pädagogik, Theologie und Kunstgeschichte, das ihn nach Freising, Würzburg, Münster und München führte. Durch die Vorkriegs- und Kriegszeit wurden seine Studien unterbrochen. 1938 wurde er zum Reichsarbeitsdienst, 1939 zum Kriegseinsatz bei der Luftwaffe einberufen. Dabei wurde er zweimal als Bordschütze über der Sowjetunion abgeschossen. Schließlich kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach der Rückkehr trat er in das Freisinger Priesterseminar ein; 1947 wurde er zum Priester geweiht. 1948 begann er, betreut durch den Professor für Moraltheologie Theodor Steinbüchel (1888 - 1949), ein Promotionsstudium, das er mit einer Dissertation 'Der Einzelne in der Kirche.Wesenszüge einer Theologie des Einzelnen nach John Henry Kardinal Newman' beendete. Joseph Ratzinger, der spätere Papst, war ihm im Priesterseminar als Schüler zugeordnet und seiher stets freundschaftlich verbunden; er wurde auch sein Nachfolger am am Priesterseminar Freising, an dem. Läpple von 1948 bis 1952 Dozent für praktische Sakramententheologie war. 1952 trat er Religionslehrer in den Schuldienst ein (Max-Planck-Gymnasium München). 1970 erhielt Läpple eine theologische Professur an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule in Landau (Pfalz). Seit 1972 hatte er Professor für Katechese und Religionspädagogik an der traditionsreichen Theologischen Fakultät der Universität Salzburg unne, bis er 1981 emeritiert wurde. Zu Seinen Publikationen waren vielfätig. Er war Mitbegründer und Schriftleiter der Zeitschrift 'Religionsunterricht an Höheren Schulen'. Er schrieb zu diesem Themenbereichr zahlreiche Fach- und Lehrbücher.Unabhängig davon erarbeitete er umfassende wissenschaftliche Abhandlungen zum Thema Kirchengeschichte, Exegese und Bibelkatechese.

Aus einer auch politisch-gegenwartsbezogenen, praltisch-hermeneutischen theologischen Grundorientierung heraus befaßte sich.Läpple, wie es scheint furchtlos auch mit einigen unter Korrektheitsaspketen politisch 'sensiblen' zeitgeschichtlichen Themen. So schrieb er etwa ein Buch, das sich nicht mit erwachsenen Adolf Hitler, sondern mit dessen Kindheit und Jugendbefaßte:

Adolf Hitler, Psychogramm einer katholischen Kindheit. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2001.

In diesen Zusammenhang gehört auch die - in diesem Rundbrief zu besprechende - Biographie über Paula Hitler, Hitlers Schwester.

Die Fragen, die sich ihm dabei stellten, sind natürlich von dem Blicki auf das spätere Leben und Handeln Adolf Hitlers mitbestimmt:

Hatte diese Schwester ähnliche Anlagen wie er zu historisch vereinfachendem Denken? War sie ähnlich lückenhar gebildet weir er? War sie dennoch wie er bildungsbeflissen und neigte sie dabei wie er zu eigenem, tieferreichenden Nachdenken? Hatte sie wie er österreichisch-großdeutsche Einstellungen? In welcher Weise war sie ihrer Herkunft gemäß katholisch-fromm? Wieweit ging sie religiös eigene Wege? Hatte sie eine judenfeindliche Gesinnung? Hatte sie irgendeine Affinität zu politisch-heroischem Führertum? Was wußte sie von Hitlers Verbrechen und was nicht? Wie stellte sie sich dazu ein? Wieweit wurde sie von Hitler über sein Tun informiert? Wie stand sie zu ihrer Familie und Verwandtschaft? Welche Berufstätigkeit übte sie aus? Welche Weichenstellungen ud Prüfungen gab es in ihrem Leben? Welchen persönlichen Eindruck machte sie auf ihre Umgebung?.

Abstrakt formuliert: wie wirkten sich die Prägemomente Herkunft, Familie und Verwandtschaft, Persönlichkeitsentwicklung, Dezisionszwänge im Lebenslauf, körperlich-geistige Anlagen, Bildung, soziologische Bedingungen, religiöse Traditionen und politische Einflüsse auf den Charakter, die Moral und die ideellen bzw. ideologischen Orientierungen dieser Frau aus?

Solche Fragen zu stellen, heißt mit Blick auf ihren Bruder, dessen persönlich-individuelle Bedeutung für das von ihm unheilvoll beeinflußte Zeitgeschehen zu beziehen auf prägende Hintergrundsmomente, die er mit seiner Schwester gemein hatte.

Dabei stellt sich ja nicht nur in seinem Fall, sondern generell bei 'berühmt' gewordenen 'Herrschaftsinhabern' aller Arten und Zeiten die Frage, ob sie notwendigerweise - gewissermaßen 'vorrsähungsmäßig' das taten und wurden, wofür sie 'berühmt' oder berüchtigt wurden.

Man braucht sich dabei ja nur deutlich zu machen, daß es bei jedem, der auf irgendeinem Wege in irgeneine Herrschaftsposition gelangt ist, Weichenstellungen in seinem Leben gab, die auch in andere Richtungen hätten führen können. Bismarck wäre vielleicht unter etwas anderen Umständen Gutsbesitzer geblieben und nicht Sozialistenvernichter geworden, Hitler hätte bei seinen trotz seiner späteren Enzwicklung feststellbaren, aber möglicherweise deswegen unterschätzten feinsinnigen Anlagen Maler, Architekt oder anderes dieser unpolitisch-zivilen Art werden können und nicht totalitärer Gewaltherrscher, Judenvernichter und bedenkenloser Angriffskriegsführer werden müssen.

Und ferner: Bismarck hätte leicht einem der mehreren gegen ihn unternommenen Attentate erliegen können, ebenso wie Hitler, gegen den es Dutzende - auch gut geplanter - Attentate gegeben hat.

Adolf Hitler hatte drei ältere Geschwister, die noch vor seiner Geburt starben, zwei jüngere, von denen nur seine Schwester Paula das Erwachsenenalter erreichte, sowie zwei Halbgeschwister aus der zweiten Ehe des Vaters Alois, nämlich Alois den Sohn und Angela. Diese wuchsen nach dem Tod ihrer Mutter im Haushalt von Hitlers Eltern auf.

Was nun Paula Hitlers Persönlickleit betrifft, so hat sie nicht wenig mit ihrem Bruder gemein, und dies hebt Läpple hervor. Allerdings gibt es auch größere Unterschiede - nicht nur des Geschlechts und des Alters, sondern auch des Lebenlaufs. Gemeinsamkeiten und Unterschiede sollen im folgenden kurz zusammengefaßt werden. Anlagen und äußere Prägungen beider treten im Vergleich besser hervor, als wenn man sich nur mit iner Person befaßte.

Beide entstammen derselben Beamtenfamilie und hatten nicht nur denselben standesbewußten und in der Erziehung gestrengen Vater - einen Zollbeamten von Beruf - , sondern auch eine gutartige und liebevolle Mutter (Klara Pölzl, die dritte Frau seines Vaters). Der Vater starb früh. Die Mutter, an der Adolf besonders hing, starb erst, als Hitler schon ein junger Mann war.

Adolf war als Schüler nur teilweise interessiert und aufmerksam, revoltierte aber - ebenso wie gegen den Vater - gegen ihm gegen seine Neigungen von außen zugedachte Ausbildungswege, sodaß er die Realschule in Linz, die er wie andere Schulen teilweise mit gutem Erfolg besucht hatte, ohne Abschluß verließ. Größere Bedeutung schien er dem beizumessen, was außerhalb der Schule zu erfahren war.

In Linz lernte Hitler über Lehrer und Zeitungen jedoch das damals dort populäre Denken des Gründers der Alldeutschen Vereinigung Georg von Schönerer kennen, in dem auch eine antisemitische Frontstellung deutlich hervortrat. Auch besuchte er dort Opern Richard Wagners, deren Helden , wie etwa 'Rienzi', ihn tief beeeindruckten.

Seit dieser Zeit, ungefähr seit 1906, entwickelten sich die Lebenswege Hitlers und seiner Schwester Paula markant unterschiedlich.

Adolf Hitler folgte zunächst seinen kümstlerischen Anlagen und Neigungen und ging nach Wien, um dort ein Studium an der Kunstakademie aufzunehmen. Da er zu diesem nicht zugelassen wurde, bestritt er in der Folge - bis zum Jahre 1913 unter ärmlichen Verhältnissen in Wien bleibend - seinen Lebensunterhalt mit Bildermalen und -abmalen. Eine Berufsausbildung und -ausübung, selbst eine einschlägige, als sie ihm angeboten wurde, schlug er als für sich unpassend aus. Die Jahre seines Wiener Lebens nutzte er jedoch zu autodiaktischen Studien all dessen, was ihn geistig interessierte. Seine Interessen lagen - von der Bildenden Kunst abgesehen - sehr stark im Bereich der Politik und Geschichte. Da er ihnen allerdings anleitungslos, unkorrigiert und unkritisiert tun wollte und tat, lernte er offenbar nicht den methodischen Zweifel an der eigenen Auswahl von Wesentlichem als grundlegendes Erkenntnisproblem kennen.Die spätere, oft unnötig brüsk wirkende Ablehnung philosophischer oder historischer Relativierungen bei der eigenen Positionsbestimmung in wichtigen 'weltanschaulichen', etwa in 'rassetheoretischen' oder 'nationalgeschichtlichen' Fragen dürfte darauf zurückzuführen sein.1913 zog Adolf Hitler, auch aus Abneigung gegen den 'Vielvölkerstaat der Habsburger Monoarchie, nach München. Dort meldete er sich zu Beginn der Krieges 1914 als Kriegsfreiwilliger auf deutscher (bayrischer), d. h. bewußt nicht auf habsburgischer Seite..An der Front wurde er in der verantwortungsvollen und gefahrenträchtigen Aufgabe eines Meldgängers eingesetzt, wegen seines Mutes ausgezeichnet und auch - bei einem Gasangriff - verwundet. Doch stieg er in den unteren Rängen des Frontdienstes über den Rang eines Gefreiten hinaus nicht auf, sei es. weil er dies nicht anstrebte, sei es, weil er seinen Vorgesetzten und Kameraden eher als Grüblertyp galt. Innerlich fühlte er sich jedoch erkennbar zu einem Totaleinsatz für die kämpfende Truppe und das selbst gewählte 'Vaterland' verpflichtet. 'Kapitulation' und 'Desertion' lagen ihm als Handlungsmöglichkeiten eines Soldaten auch moralisch fern. Die Waffenstillstandsverhandlungen des Jahres 1918 und die darauf folgenden politischen Umwälzungen im Deutschen Reich, in dere Mittelpunkt nicht nur eine langfristige Umstellung der Außenpolitik, sondern auch die Einführung einer republikanischen, demokratischen und parteienstaatlich-repräsentativen innerstaatlichen Verfassung standen, erfüllten ihn . wie einen Groteil der 'national' denkenden Bevölkerung mit Empürung und Abschau. Hitler suchte daher, aus dem Militärdienst entlassen, die Nähe entsprechender Bewegungen und Organisationen, was ihn 1919 zur NDP, der späteren NSDAP führte. In dieser Partein erhielt es eine 'führende' - insbesondere ideologisch-propagandistische - Stellung, die es ihm erlaubte, auch innerhalb eines natioalistischen Parteien-Spektrums an politischem Einfluß zu gewinnen. Im Mittelpunkt seiner Zielvorstellungen standen dabei Vostellungen von einem totalitär, also nicht demokratisch-republikanisch 'verfaßten' 'Führerstaat' und der Herstellung einer 'völkisch-reinen', insbesondere 'judenfreien', 'großdeutschen' 'Volksgemeinschaft'. Er scheute dabei auch nicht die Beteiligung an einem gegen die Reichsregierung gerichtetem Putsch, der jedoch mißlang, was ihm eine nur mehrmonatige 'Festungshaft'-Strafe einbrachte. Während dieser hatte er Zeit, sein Werk 'Mein Kampf' zu konziperen, das späterhin als eine massenhaft verbreitete Grundlage 'nationalsozialistischer Weltanschauung' Bedeutung erhielt.- Die politische Fortentwicklung Adolf Hitlers im Rahmen des innenpolitischen Ausbaus des NS-Systems nach der 'Machtergreifung des und der später von ihm ins Werk gesetzten Zweiten Weltkriegs bedarf - weil im allgemeinen ausreichend bekannt - an dieser Stelle keiner wiederholenden Kurzfassung. Sie brachte für Hitler, um nur davon zu sprechen, eine mehr als zwölfjährige Dauerverantwortung für schwierigste 'Führungs.'Aufgaben mit sich, die er offenbar gesundheitlich und psychisch weitgehend unbeeinträchigt bestand - fast bis zu seinem Ende im April 1945.

Paula dagegen erhielt nach dem Tod der Mutter einen Vormund, der dafür sorgte, daß sie in Linz eine Höhere Mädchenschule (Gymnasium für Mädchen) besuchte und zugleich eine praktische Ausbildung zur Sekretärin durchlief. Von 1920 an war sie als Angestellte in der Wiener Bundesländer-Versicherung tätig. Sie galt dort als hilfsbereit, bescheiden, aufmerksam und fachlich kompetent. Als 1930 bei ihrem Arbeitgeber, der im damaligen Österreich auf Seiten der den dortigen Nationalsozialismus bekämpfenden Regierung stand, ihre enge Verwandtschaft mit Adolf Hitler bekannt, wurde, entließ dieser sie aus ihrer Stellung entlassen. Bis 1938, dem Jahr des 'Anschlusses' Österreichs, wurde sie von ihrem Bruder mit einer monatlichen Pension in Höhe von 250 Schillingen, umgerechnet 1900,00 EUR heutiger Zeit, unterstützt, während sie politisch betont unauffällig arbeitslos in Wien lebte. Kinder hatte siee nicht. Von einer Ehe oder eheähnlichen Betuehung ist nichts bekannt. Nach 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs des Zweiten Weltkriegs wohnte sie allein in verschiedenen Wohnungen in Berchtsgaden. Ihr Bruder legte ihr eine Zurückhaltung im öffentlichen Auftreten nahe und empfahl ihr sogar, einen Tarnnamen ('Wolf') zu beniutzen, den er selbst vor 1933 gelegentlich benutzt hatte. Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs brachte sie in dem NSDAP-eigenen 'Dietrich-Eckart-Haus' oberhalb Berchtesgadens zu. Als ihr Bruder den Enschluß gefaßt hatte, die letzte Zeit bis zur absehbaren Kapitulation in Berlin zu bleiben, ließ er ihr durch seinen Adjutanten Schaub zum Abschied ein Vermächnis von 100000 Reichsmark in Geld zukommen. Als Berchtsgaden von amerikanischen Truppen besetzt wurde, wurde von deren Aufklärungsdienst CIC auch ihr Aufenthalt ermittelt. Sie wurde auf ihr Wissen über ihren Bruder Adolf und wegen ohrer eventuellen Beteiligung an NS-Verbrechen befragt. Dabei wurde nichts Belastendes ermittelt, und eine in Überprüfungszwecken besatzungsrechtlich zuständige 'Spruchammer' stufte ihre Person als 'nicht betroffen' ein. Danach mußte sie auf behördliche Anordnung in einen Almgasthof weit oberhalb des Dietrich-Eckart-Hauses umziehen, wo sie fünf Jahre lang zur Miete in einem einzigen Zimmer wohnte. Die dortigen Lebensverhältnisse und auch die schwierige Verbindung nach dem 500 m tiefer gelegenen Berchtesgaden, machten ihr zu schaffen. Erst 1949 durfte nach Berchtesgaden zurückkehren, wo sie zunächst jahrelang nur zur Untermiete und erst 1957 in einem regulären Mietverhältnis um leben konnte. Dabei lebte sie stets in ärmlichen Verhältnissen, weil ihre eigenen Vermögens- und ihre Erbansprüche nach ihrem Bruder bis kurz vor ihrem Tode ungeklärt blieben. Bereits auf dem Berggasthof hatte sie angefangen, neben ihren dortigen Mitarbeit im Betrieb auf einer Schreibmaschine, die sie sie stets bei sich führte, kleine Geschichten zu schreiben und zu lesen, was ihr wichtig war. Ein Zufall machte sie mit dem Buchhändler und Verleger Heinz G. Schwieger, der 1947 als Kurgast in Berchtesgaden auch die 'Almhütte' den besuchte. Durch diesen wurde sie von da an mit Lektüre versorgt, mit Zeitungsberichten und Büchern neuerer Autoren über das Dritte Reich, ihren Bruder und andere NS-Promenente. Aber auch vieles andere interessierte sie, wie etwa die Biographie Napoleons oder das Ödipus-Drama des Sophokles. Ihr Korrespomdenzpartner Schwieger ermunterte sie zugleich, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, und stellte in Aussucht, diese zu veröffentlichen. Doch kam es über einem Entwurf zu Meinungverschiedenheiten und 1950 zum Bruch zwischen beiden.. Mit dem Verleger Helmut Sundermann stand sie dann von 1954 bis zu ihrem Tode 1960 in einem Briefwechsel. In dieser Zeit stellte sie eine Erinnerungssammlung von 125 Seiten Länge fertig, deren Text jedoch nicht veröffentlicht wurde und, wie es scheint, verschollen ist. Eine Zusammenfassung ihrer Erinnerungen enthielten jedoch die Befragungen durch den militärischen Aufklärungsdient (CIC) der US-amerikanischen Truppen, die 1945 Berchtesgaden besetzten und unter anderen des Nähe zum NS-System Verdächtigen auch Paula.Hitler verhörten. Aus diesen und aus einer Anzahl weiterer disparater Quellen ergibt sich nicht nur ihre Persönliche Entwicklung, sondern dabei auch ihr Verhältnis zu ihrem Bruder in dessen verschiedenen persönlichen und politischen Lebensphasen.

Nur selten kam es zu familiären Treffen mit ihrem Bruder, nachdem dieser 'Führer' geworden war. Er legte ihr sogar schon zur Zeit der Olympischen Spiele 1936, also des Höhepunktes seiner außenpolitischen Reputation, nahe, ihre enge Verwandtschaft zu ihm in der Öffentlichkeit möglichst zurückhaltend zu behandeln. Mit Rücksicht auf ihn heiratete sie auch nicht, wie si selbst später erzählte, um 'Verschwägerungen' aus dem Wege zu gehen. Von den konkreten Plänen und Maßnahmen seiner Gewaltherrschaft innerhalb und außerhalb des Deutschen NS-Reiches und den Verantwortlichkeiten dafür erfuhr sie nichts, wie Ihre spätere Befragung erwiesen hat. Weder von der physischen Beseitigung der Gegner des NS-Regimes nach der 'Machtergreifung', noch von der der physischen Beseitigung der SA-Opposition gegen Hitler, noch von dem System und den Methoden der Konzentrationslager noch vom systematischen Charakter der Judenverdrängung und -vernichtung, noch von den Absichten und Maßnahmen der Unterdrückung fremder Völker und der Vernichtung ihrer Führungs- und Bildungsschichten wußte sie Genaueres. Sie wußte vielmehr im wesentlichen nur das, was in dem propagandistisch einheitlich gelenkten großdeutschen Presse- und Rundfunkwesen zu diesen Dingen gesagt wurde.

Nach dem Ende des Kreiegs und Ihres Bruders war sie daher vor die Aufgae gestellt, sich alle politisch-militärischen Verbrechen und unmenschlichen Denk- und Verhaltensweisen, die dem NS-System innewohnten, aus dem Wesen und Denken ihres Bruders und seiner engeren und weiteren Gefolgschaft zu erklären.. An erster Stelle stand für sie dabei das Bestreben, ihm persönlich die Treue zu halten und verzerrende Darstellung vonseiten der NS-Gegner, allenfalls gelegentliche Mißverständnissae und Irrtümer im NS-System selbst und schließlich auch den verhängnisträchtigen Lauf des Schicksals - wie in der Ödipus-Trgödie des Sophokles -als Gründe anzunehmen. Auch tiefe Trauer über das ganze Geschehen befiel sie öfters, und sie suchte und fand wohl auch manchmal Trost in persönlicher, stiller Andacht in abgelegenen Kapellen.

Ihre Auffassungen teilte sie nach 1945 - über ihre Verwandtschaft hinaus - auch zahlreichen anderen Korrespondenzpartnern mit. Daraus erklärt sich, daß sie - obschon zuvor nie politisch aktiv gewesen - in den informellen Mittelpunkt eines weiteren Kreises ehemaliger Stützen und Anhänger des NS-Systems rückte, die nach dem Kriege in Bayern und Österreich, aber auch in der weiteren Welt, wie zum Beispiel in Argentinien, lebten. Dazu trug auch bei, daß Paula Hitler in der Nachkriegszeit zumeist in Armut lebte und deswegen von früheren Anhängern ihres Bruders hin und wieder Unterstützung erfuhr.

Will man zusammenfassen, so kann man ihre Person und Entwicklung als stark familienverbunden, eigenwillig und doch anderen Menschen gegenüber aufgeschlossen, geistig interessiert, nachdenklich, schicksalsergeben und fromm charakterisieren. All diese Züge, die sie mit ihrem Bruder vermutlich in irgendeiner substanziellen Form gemeinsam hatte, haben mit dem System des Nationalsozialismus, in dessen Mittelpunkt wiederum Adolf Hitler stand, nur beiläufig, jedenfalls aber nicht zwingend zu tun. Vielmehr handelt sich um Eigenschaften eines Normaltyps eines deutschsprechenden, 'heimat'- und traditionsverbundenen Menschen, der von den 'vaterländisch'-'nationalen' Gesinnungen und Leidenschaften seiner Epoche geprägt war.

Der Autor Läpple hat sich mit der Persönlichkeit dieser Frau anerkennenswert angemessen, gründlich, einfühlsam und geschichtsbewußt und sprachlich oft originell, d. h. auch unideologisch befaßt. In eigenen Recherchen hat er viel Material, das bis zur Veröffentlichung seines Werks unbekanntwar, sammeln können.

Mit seinen Forschungen über Paula Hitler hat er so indirekt auch einen wichtigen Beitrag zu einer genaueren familien- und persönlichkeitsgeschichtlichen Beurteilung Adolf Hitlers aus einer Perspektive geleistet, die sich bisher überwiegend nur aus Adolf Hitlers eigenen Angaben in seinem Buch 'Mein Kampf' erschloß.

Die Gliederung des Buches bleibt trotz Detailfülle im ganzen übersichtlich. Sie folgt kapitelweise den Lebensabschnitten der Hauptperson Paula Hitler, nicht etwa denen Adolf Hitlers. Das Werk enthält manche für Lebenswelt und -zeit Paula Hitlers interessante Photos und Abbildungen nicht nur von Verwandten, Freunden und Bekannten, sondern auch von Ortlichkeiten, in denen sie lebte oder mit denen sie zu tun hatte.

Das Werk enthält einen Dokumenten-Anhang (S. 334 - 347), u. a. mit dem Protokoll des Counter Intelligence Corps (CIC) - der amerikanischen Armee des Verhörs Paula Hitlers im Juli 1945 , ferner einen ausführlichen Anmerkungs-Teil (S. 348 - 356), ein Personenregister (S. 357 - 360), eine Abstammungs-Übersicht der Verwandtschaft Hitler (Innendeckel vorne) und eine Karte der Maximalausdehnung des Dritten Reichs im Jahre 1942 (Innendeckel hinten).

2. Wie immer bitte ich darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski


Verantwortlich: Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .