Ende Februar 2014

43. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Januar und Februar 2014)


Sehr geehrte und Damen und Herren Interessenten am Projekt Ferch!

Nach wie vor verfolgt das 'Projekt Ferch' den Zweck, die deutsche Kriegsendzeitgeschichte 1945 im Zusammenhang mit ihren einschneidenden Nachwirkungen für die heutige deutsche Geschichte selbst heute noch, 68 Jahre nach 1945, in Erinnerung zu rufen.

Auch künftig werden daher möglichst regelmäßig - alle zwei Monate - Rundbriefe an die Interessenten an dem 'Projekt Ferch' auf den Internet-Weg gehen.

1. In diesem Rundbrief soll, wie im letzten schon angekündigt, das Buch von Joachim Schultz-Naumann, Die letzten dreißig Tage. Das Kriegstagebuch des OKW vom 23. April bis 22. Mai 1945, Verlag Druffel und Vowinckel, Stegen 2010, besprochen werden

a) Zur Person des Autors.

Joachim Schultz-Naumann (1913 - 1991), geboren noch im damaligen Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, begann nach seiner Schulzeit eine Ausbildung und Karriere als Berufsoffizier in der seit 1919 bestehenden 'Reichswehr', seit 1935 'Wehrmacht', in der er auch in der NS-Zeit verblieb. Seiner militärischen Laufbahn als Infanterie-Offizier folgte im Zweiten Weltkrieg eine Verwendung als Divisions-Generalstabsoffizier im direkten Fronteinsatz in den angegriffenen Gebieten Polens, Frankreichs und der Sowjetunion. Dabei verlor er durch Flieger-Beschuß im Jahre 1944 ein Bein. Nicht mehr fronttauglich, lebte er in der Folge einige Monate lang bei seiner Familie im damaligen 'Warthegau', mußte aber mit dieser nach Beginn der sowjetischen Januar-Offensive 1945 nach Westen fliehen.

In dieser Zeit wurde er offenbar 'reaktiviert', diesmal als Stabsoffizier beim 'Wehrmacht-Führungsstab', welcher die Aufgabe hatte, Lagebeurteilungen des Kriegsgeschehens an allen Kriegsfronten zu erarbeiten und dortige Operationen vorzubereiten, und der in Zossen (südöstlich Berlin) - in verschiedenen dortigen 'Sperrkreisen' und gesichert in den dortigen Bunkeranlagen - eingerichtet war. Nach Beginn der sowjetischen April-Offensive mußten seit dem 16. April 1945 die Zossener Einrichtungen in Eile aus dem Gefahren- und Schlachten-Bereich der sowjetischen Eroberungen in Brandenburg und Berlin verlegt werden, teilweise nach Prag, teilweise nach Schleswig-Holstein.

Dabei wurden auch die Einrichtungen des 'Wehrmachtführungsstabes' in Mitleidenschaft gezogen, darunter u. a. das 'Kriegstagebuch' und das 'Kriegslagebuch'. In diesen Dokumentationen, die seit 1943 von dem schon damaligen Geschichtsprofessor Percy S. Schramm zusammen mit einem Mitarbeiterstabe, später aber einige Wochen lang unter irregulären Umständen allein von dem Autor des zu besprechenden Buchs verwaltet und bearbeitet wurden, wurden in zumeist täglichem Abstand einerseits die für die Gesamtlage des Kriegsgeschehens 'wesentlichen' 'Ereignisse', zum anderen die erkennbaren 'Entwicklungsprozesse' - mit ihrer mutmaßlichen Entwicklungsrichtung - eingetragen.

Die Eintragungen des Autors, der dafür keine besondere wissenschaftliche Vorbildung hatte, sondern die Gesamtlage aus seiner eigenen Kriegserfahrung heraus zu beurteilen hatte, konnten dennoch in dem möglichen Maße ein gewisses Maß an detaillierter Dokumentation des Kriegsendgeschehens bis zum Tode Hitlers und dann der Vorbereitung und Durchführung der deutschen Kapitulation bis zum Ende der amtierenden deutschen Reichsregierung Dönitz in Flensburg bis deren Auflösung am 23. Mai 1045 sichern.

Stil und Sprache sind militärisch geprägt. Ein Beispiel aus der Aufzeichnung vom 26. April 1945 des 'Tagebuchs': "Um 12.20 Uhr Meldung, daß Beweglichkeit der zur Verstärkung des Angriffs der 25. Panzergrendadierdivision [zum Entsatz Berlins] befohlene Kampfgruppe 7. Panzerdivision aus Transportmangel nur unerheblich fortgeschritten sei." (S. 53). Oder aus der Beschreibung der 'Schlacht um Berlin': "Die bei Heeresgruppe Weichsel vorhandenen Reserven standen mit Masse hinter Mitte und linkem Flügel 9. Armee sowie rechtem Flügel 3. Panzerarmee. Es gehörten dazu im einzelnen LVI. Panzerkorps und 9. Falschirmjägerdivision, sodann 18.(SS) Panzergrenadierdivision Nordland. (S. 181 f. betr. deutsche Verteidigungsstellungen an der Oder vor dem 16. April 1945).

Der Autor vermeidet in seinen Aufzeichnungen zwar persönliche Gefühle, bringt sie aber über die Dokumentenauswahl zum Ausdruck. Ein Beispiel: "Um 12,30 Uhr [am 8. Mai 1945] richtet Großadniral Dönitz über den Rundfunk folgende Botschaft an das deursche Volk: 'Deutsche Männer und Frauen! ....Am 8. Mai, 23.00 Uhr schweigen die Waffen. Die in unzähligen Schlachten bewährten Soldaten der deutschen Wehrmacht treten den bitteren Weg in die Gefangenschaft an und bringen ihr letztes Opfer für das Leben von Frauen und Kindern und die Zukunft unseres Volkes. Wir verneigen uns vor ihrer tausendfach bewiesenen Tapferkeit und der Opfertat der Gefallenen und Gefangenen'....."

b) Aufbau des Buches

I. Teil: 'Die letzten 30 Tage im deutschen Oberkommando der Wehrmacht April/Mai 1945' (S. 27 - 143) mit Anlagen (S. 145 - 175) :Die nach dem 22. April 1945, soweit möglich tageweise, manchmal für mehrere Tage vorgenommenen Eintragungen des Autors in das Kriegstagebuch des Wehrmachtführungsstabes sind im militärisch üblichen Telegrammstil formuliert. Die Dramatik und Endzeitentwicklung des Kriegsgeschehens für die deutsche Seite werden immer wieder deutlich, so im Zusammenhang mit Hitlers Tod, dem Vollzug der Kapitulation imd der Gefangennahme der Regierung Dönitz. Im übrigen läßt der Autor die Dokumente in den Anlagen sprechen. Die Kapitulationsurkunden und verschiedene, die Kriegslageveränderungen der letzten Kriegswochen gut veranschaulichende Karten, eine Folge von Abbildungen (nach S. 64) sowie zwei Wehrmachtsberichte vom 29. April 1945 (letzter Tag vor Hitlers Tod) und 3. Mai 1945 (letzte größere Kampfhandlungen vor der bereits beabsichtigten Kapitulation) sind diesem Teil beigefügt.

II. Teil: 'Die Schlacht um Berlin' (S. 179 - 220). Diese nach dem Kriege, wohl schon 1951 im Zusammenhang mit den Kriegstagbuchaufzeichnungen des Autors, enstandene Zusammenfassung behandelt die sowjetische Eroberung Berlins und der auf deutscher Seite dagegen gerichteten Militäroperationen einschließlich der 'Mobilisierung' der Zivilbevölkerung des 'Verteidigungsbereichs' Berlins. Das kriegerische Geschehen und dessen Folgen, auch für die schließlich auf 2,5 Mill. zurückgegangene Einwohnerschaft Berlins und dessen baulichen Bestand, werden seit Beginn der deutschen Verteidugungsmaßnahmen im Frühjahr 1945 und dann vor allem seit Beginn der sowjetischen Offensive am 16. April 1945 in ihren einzelnen Phasen dargestellt. Sie enden mit der Kapitulation des letzten Stadtlommandanten von Berlin Weidling am 2. Mai 1945 und den darauf noch einige Tage lang footgesetzten letzten Kämpfen, die teilweise erfolgreich, zumeist aber vergeblich die Absicht verfolgten, in Befolgung eines noch vor der Berliner Kapitulation ausgegebenen Befehls nach Westen hin aus dem Belagerungsring um Berlin auszubrechen und dabei 'bis zum letzten' zu kämpfen.

Die Beschreibung ist knapp und auf die militärischen Aspekte konzentriert, aber im Stil historisch-fachlich (also nicht militärisch) geprägt. Auch hier tritt dennoch bei aller Nüchternheit die Anteilnahme an dem Schicksal der beteiligten deutschen Militäreinheiten hervor, deren einzelne Erwähnung den Charakter eines ehrenden Gedenkens hat.

Diesem Teil ist eine Folge von Abbildungen (nach S. 208) beigefügt.

III. Teil: 'Rückblende auf das Geschehen 1945. (S. 221 - 244) mit 'Biographischen Notizen' und Register (S. 245 - 256).

Hier steht im Mittelpunkt ein dokumentiertes Gespräch, das im Jahre 1980 der Verfasser eines dreibändigen Werks über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs Wolfgang Paul mit dem Autor über über dessen Führung des Kriegstagebuchs von 1945 führte. Es hat den Vorteil, die Person des Autors, die in seinen oben (Teil I und Teil II) bespochenen Beiträgen zurücktritt, etwas anschaulicher zu machen.

Dem dritten Teil sind beigegeben 'Biographische Notizen über den Autor' sowie ein auf Wichtiges beschränktes Namens- und Sachregister.

2. Von den Angehörigen des alten Kreises 'Projekt Ferch' ist kürzlich Pfarrer Wolfgang Stamnitz (3. April 1939 bis 30 Dezember 2013) gestorben. Aus einer schlesischen Vertriebenen-Familie stammend, die in der späteren DDR einen neuen Anfang suchen mußte, anteilnehmend an dem Schicksal der deutschen Zivilbevölkerung und Truppen am Ende des Krieges, aber auch an dem der sowjetischen Okkupationstruppen, ohne den Blick für das Unrecht beider Seiten zu verlieren, von realistischem Widerstandsstreben gegen den autoritär-sozialistischen Staat erfüllt, in diesem Sinne auch ein eigensinniger Student und Vertreter christlicher Theologe in einem geistig feindlichen DDR-Umfeld, tätig als Vermittler in der schwierigen Umbruchssituation des Jahres 1989 zwischen revoltiernden Armeeangehörigen der Beelitzer Kaserne und ihren dortigen NVA-Kommandeuren und großbrüderlichen Truppen, langjähriger Pfarrer in der Gemeinde Elsholz, war er auch einer der beständigsten und verständigsten Interessenten an unserer Arbeit.

Die Beerdigung fand am 8. Januar in kirchlichem Rahmen würdevoll geleitet von der Ortspfarrerin auf dem Friedhof in Elsholz im großen Kreise der Verwandten, Freunde, Weggenossen und Bekannten unter großer Beteiligung der Bevölkerung und im Beisein von Vertretern der Stadt Beelitz und der Gemeinde Elsholz sowie auch des bei Beelitz heutezutage stationierten Logistik-Bataillons der Bundeswehr statt.

Über soviel Beteiligung würde Herr Stamnitz zweifellos zufrieden, aber auch ein wenig skeptisch gelächelt haben, ja er tut es vielleicht noch heute.

3. Ich denke daran, Ihnen wieder einmal eine gemeinsame Unternehmung unseres früheren Kreises vorzuschlagen. In Frage käme ein geneinsamer Besuch im Industrie-Museum Teltow mit anschließendem geselligen Austausch. Wer daran Interesse hat, möchte sich doch bitte bei mir melden.

5. Wie immer bitte ich darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe Ihrer Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski


Verantwortlich: Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .