30. Juni 2014

45. Rundbrief

für den Arbeitskreis 'Projekt Ferch'

(Mai und Juni 2014)


Sehr geehrte und Damen und Herren Interessenten am Projekt Ferch!

Nach wie vor verfolgt das 'Projekt Ferch' den Zweck, die deutsche Kriegsendzeitgeschichte 1945 im Zusammenhang mit ihren einschneidenden Nachwirkungen für die heutige deutsche Geschichte selbst heute noch, 68 Jahre nach 1945, in Erinnerung zu rufen. Allerding gilt die Aufmerksamkeit auch größeren oder anderen historischen Zusammenhängen, die aus Gründen des Vergleichs für die Deutung der deutschen Kriegsendzeitgeschichte 1945 Bedeutung haben können.

Weiterhin werden in diesem Sinne möglichst regelmäßig - alle zwei Monate - Rundbriefe an die Interessenten an dem 'Projekt Ferch' auf den Internet-Weg gehen.

1. Treffen in Elsholz am 27. April 2014.

Zum Gedenken an die ca. 3000 Kriegstoten, die im Raum Beelitz im April und Mai 1945 starben, fand am Sonntag, dem 27. April, 17.00 Uhr auf dem Friedhof Elsholtz eine Feier statt, in deren Rahmen Günter Käbelmann, Initiativgruppe Beelitz, einen Rückblick auf die damaligen Kämpfe gab. Den anschließenden Gottesdienst betreute Pfarrer Bloedorn aus Wittbriezen . Anschließend wurde der Russische Militärfriedhof in Beelitz, Brücker Straße, besucht, wo im Beisein eines orthodoxeb Priesters, eines Meßdieners, einer Kirchensängerin und eines Vertreters der Russischen Bottschaft.Blumen an den Gräbern der - teilweise nicht bekannten - Toten niedergelegt wurden. Zum Schluß trafen sich Angehörige des früheren Arbeitskreises zu einem formlosen Treffen in einem benachbarten Reataurant.

2. In diesem Rundbrief soll, wie angekündigt, die erstmals 1928/1929 erschienene Kriegs-Erzählung von Erich Maria Remarque, 'Im Westen nichts Neues', besprochen werden. Wegen einer wochenlangen technischen Störung meiner aktiven Internet-Zugänge erscheint die Besprechung leider mit Verspätung.

Bezug genommen wird auf die und zitiert wird aus der im Verlag Kiepenheuer und Witsch im Jahre 2013 erschienenen Neuauflage, herausgegeben in der Fassung der Ende der 1920er Jahre zunächst als Zeitunsvorabdruck und dann in Buchform erschienenen Erstausgabe, nun aber von Thomas F. Schneider (Erich Maria Remarque - Friedens-Zentrum der Universität Osnabrück) mit einem Anhang und einem Nachwort, herausgegeben.

I. Zur Person des Autors.

Der 1898 in Osnabrück (heute Niedersachsen) geborene, ursprünglich Erich Paul Remark heißende Autor mit dem späteren Künstlernamen Erich Maria Remarque begann nach seinem Abitur und einer Ausbildung an eunem katholischen Lehrerseminar zunächst eine Berustätigkeit als Lehrer. 1916 meldete er sich aber - als Freiwilliger - zum Militär. Nach der militärischen Ausbildung wurde er im Juni und Juli 1917 an der 'Westfront' eingesetzt. Bald wurde er schwer verwundet und brachte 16 Monate, bis 1919, d. h. bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in einem Lazarett zu. Nach seiner Wiederherstellung und Entlassung aus dem Militärdienst wurde er zunächst wieder Lehrer. Doch hatte sich in ihm aufgrund seiner schrecklichen Kriegserlebnisse das Grundgefühl entwickelt, sein Leben nicht mehr richtig bestehen und vor allem nicht mit hinreichendem Sinn und Optimismus Kinder erziehen zu können. Aufgrund seiner guten, erkennbar auch sprachlich-literarischen Ausbildung und Allgeminbilduzng übernahm er vielmehr verschiedene sich ihm bietende Auftragsarbeiten an - auch etwa als Werbetexter - und wurde schließlich Redakteur bei der Berliner Sport-Zeitung 'Sport im Bild'. In den 1920er-Nachkriegsjahren entwickelte sich neben seiner Berufstätigkeit in ihm der Plan, seine Kriegserlebnisse in Form eines verallgemeinernd-typisierenden Erlebnisberichts in fiktiver Ich-Form literarisch zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Wesentlich war für ihn dabei die Absicht, öffentlich mahnend gegen die 'moderne' Kriegführung des 1. Weltkrieges - mit ihrem Einsatz massenvernichtender '0815'- Tötungsmaschinen und -vorrichtungen - zu wirken und damit dazu beizutragen, weitere Kriege dieser Art zu verhindern. Nach der Erstveröffentlichung des 'Romans' 1928 in der 'Vossischen Zeitung' wurde das Werk schnell bekannt und erzielte eine große öffentliche Resonanz, und zwar eine konfrontativ-gegensätzliche in den damaligen politischen Lagern, eine positive bei den Anhängern einer konsequenten deutschen Friedenspolitik in damaliger Zeit und eine ablehnende bei den Gegnern des Versailler Friedensvertrags, in deren offen deklariertem Denken stets auch die Idee eines 'gerechten Restitutionskrieges' gegen die vormaligen Feindmächte eine perspektivische Bedeutung hatte. Die Hollywood-Verfilmung des Romans 1930 führte dann zu einer weiteren Polariserung der politischen Auseinandersetzung in Deutschland. SA-Sturmtrupps der NSDAP versuchten seit 1931 beharrlich, dessen öffentliche Aufführungen zu verhindern, sodaß von den Polizeibehörden einiger Länder - aus vorgegebenen oder begründeten Sicherheitsbedenken - die Aufführung nur noch in geschlossenen Aufführungs- Diskussionskreisen gestattet wurde.

II. Zum Thema ds Werks.

Hauptanliegen des Buches ist die Darstellung der schrecklichen Kriegswirklichkeit des 1. Weltkrieges, in dem neue Waffen wie das industriell-chemisch produzierte Kampf-Giftgas, der 'normale', standardisierte Einsatz wirkungs-'optimierter' Maschinengewehre (etwa des deutschen Typs '0815') , Geschütze (großkalibrige Artillerie, Schrapnell- uns Minenwerfer) und deren - verschiedenartigen Vernichtungszwecken feinangepaßten . Geschosse - das Geschehen auf den Schlachtfeldern bestimmten. Auf beidem Seiten der jeweiligen Front eingesetzt, bewirkten diese Waffen mit ihrer totalen Kriegswirksamkeit nicht nur einen prinzipiellen Stillstand aller Truppenbewegungen durch gegenseitige unüberwindliche Blockaden, sondern auch eine große Anzahl dauernd Getöteter, eine nochmals - viel - größere Zahl Schwerverwundeter und darüberhinaus den Normalzustand einer Verwundung praktisch jedes Soldaten nach relativ kurzem Einsatz einiger Tage. Die Leichen auf dem Gefechtsfeld blieben oft unbeerdigt, zumeist in unmittelbarer Nähe der Schützengräben, in denen die zum Kampfeinsatz Befohlenen in provisorischer, gegen Artilleriebeschß letztlich nicht ausreichender 'Deckung' ihr Ende, ihre Verwundung oder ihre Ablösung abwarten mußten. Die Versorgung der kämpfenden Truppe war wegen des ständigen Beschusses der Frontlinie und ihres Hinterlandes dauernd gestört, die Versorgung der Verwundeten in Lazaretten im unmittelbaren Frontbereich wegen der Art ihrer Verwundungen oft unzureichend.

Die inneren Belastungen der Soldaten war entsprechend übermäßig, Ständige Todes- und Verwundungsangst, ständiger Mangel an Versorgung mit dem Nötigsten, die befohlene Aufgabe, ständig andere Menschen zu töten oder zu verwunden, führten bei allen dem Ausgesetzten zu der für sie unbeantwortbaren Frage nach dem Sinn des Geschehens und letztllch zu einer Gleichgültigkeit gegenüber allen Formen einer gängigen moralischen oder politischen Begründung eines abverlangten 'Kampfgeistes'.

Nur die kameradschaftlichen Bindungen der im Frontbereich Kämpfenden, so jedenfalls Remarques in eigener Erfahrung gewonnener Eindruck, gaben ihnen zeitweilig einen gewissen Halt, bis sie durch Tod, Verwundung oder Abkommandierung nach kurzer Zeit auseinandergerissen zu werden pflegten.

Die Bindung an die Familie und die unrealistische Hoffnung auf ein unbeschädigtes Überleben blieben das Einzige, was die Frontkämpfer, innerlich aufrechterhielt. Außer dem gab es nur bescheidene Ablenkungen, Schlafen und gelegentliches Träumen und Nachsinnen.

III. Zum Inhalt.

Mit all diesen äußeren Gegebenheiten und inneren Zuständen des Kriegsalltags an der Front.befaßt sich der Roman in entsprechenden Schwerpunktsetzungen seiner einzelnen Kapitel. Die handelnden und leidenden Personen, der fiktive Ich-Erzähler und seine Kameraden und Vorgesetzten, werden in ihrem Vorleben, in ihrer familiären Prägung und in ihren allmählich brüchig werdenden politischen Loyaliten und Überzeugungen geschildert. Das allgemeine Kampfgeschehen, die Waffen und ihre Verwüstunswirkung, die immer wieder einmal unzulängliche Versorgung, der persönliche Kampfeinsatz, die Belastungen, Ängste und Entbehrungen, die Verwundungen, die Leichenberge, das Kleinerwerden der Kampfverbände durch den beständigen Menschenverbrauch, der gelegentliche persönliche Kontakt mit der 'Feindseite', der Post- und gelegentliche Urlaubs-Kontakt mit der 'Heimat'. eine durch die Kriegserlebnisse eintretende innere 'Entfremdung' von ihrem Fühlen und Denken werden vom Autor überzeugend anschaulich und einfühlbar geschildert.

Der Stil der Darstellung, welcher eine dem Geschehen angemessene Knappheit und umgangssprachliche Direktheit mit überaus treffenden und einprägsamen Gedanken und Fomulierungen verbindet, ist öffenkundig gänzlich aus dem persönlichen Erleben des Autors hervorgegangen. Er ist daher trotz der Roman-Form in einem gewissen Sinne 'nicht-literarisch'. Vor allem ist er, einfühlend nachempfunden, ein Stil indirekter, ständiger politisch-moralischer Belehrung - anders als später dem Roman von Verlags wegen aufgedrängte Leitsprüche und irreführende 'Klarstellungen' suggerieren. So trifft sein generelles - ihm offenkundig aufgedrängtes - General-Motto bei näherer Betrachtung überhaupt nicht zu: "Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein.... Es soll nur ... berichten". Nein, es soll vielmehr anklagen, nämlich die Gleichgültigkeit, Unverantwortlichkeit und Schuld der für die Kriegführung und ihre Folgen auch für die Zivilbevölkerung (und die betroffenen Tiere) maßgeblichen Politiker und Militärs aller Seiten, und bekennen, nämlich die Nichtübereinstimmung der zum Kampfeinsatz Befohlenen mit den ihnen präsentierten offiziellen Kriegsrechtfertigungen.

Einige Beispiele dafür seien im folgenden gegeben und sollen das Werk jedem geschichtlich interessierten und politisch-moralisch engagierten, aber vor allem am menschlichen Leid teilnehmenden heutigen Leser empfehlen.

(S. 79) ...eine der Gestalten [dreier durch eine Granate getroffenen, notzutötenden Pferde] geht aufs Knie, ein Schuß - ein Pferd bricht nieder, - noch eins. Das letzte stemmt sich auf die Vorderbeine und dreht sich im Kreise wie ein Karussell, sitzend dreht es sich auf den hochgestemmten Vorderbeinen im Kreise, wahrscheinlich ist der Rücken zerschmettert. Der Soldat rennt hin und schießt es nieder. Langsam, demütig rutscht es zu Boden.

(S. 140) Haie Westhus wird mit abgerissenem Rücken fortgeschleppt, bei jedem Atemzug pulst die Lunge durch die Wunde. Ich kann ihm noch die Hand drücken; "is alle, Paul", stöhnt er und beißt sich vor Schmerz in die Arme. Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt, wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandsstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht; wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten; die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zuende.

(143) Er [der Kompanieführer] schweigt und ist etwas heiser, als er fragt: "Das sind alle?" Der Morgen ist grau. Es war noch Sommer, als wir hinausgingen, und wir waren 150 Mann. Jetzt friert uns, es ist Herbst, die Blätter rascheln, die Stimmen flattern müde auf: "eins - zwei - drei - vier" - und bei zweiunddreißig schweigen sie. Und es schweigt lange, ehe die Stimme fragt: "Noch jemand" - und wartet und dann leise sagt: "in Gruppen - ", und doch abbricht und nur vollenden kann: "Zweite Kompanie -", mühselig: "Zweite Kompagnie - ohne Tritt marsch!". Eine Reihe, eine kurze Reihe tappt in den Morgen hinaus. Zweiunddreißig Mann.

(225) Mehrere Male hole ich dem Sterbenden [einem im Nahkampf getöteten Soldaten der Feindseite] Wasser und trinke auch selbst davon. Es ist der erste Mensch, den ich mit meinen Händen getötet habe, den ich genau sehen kann, dessen Sterben mein Werk ist.

(242) Einige Tage später rücken wir aus, um eine Ortschaft aufzuräumen, Unterwegs begegnen uns die fliehenden Bewohner, die ausgewiesen sind. Sie schleppen ihre Habseligkeiten in Karren, in Kinderwagen und auf dem Rücken mit ich. Ihre Gestalten sind gebeugt, ihre Gesichter voll Kummer, Verzweiflung, Hast und Ergebenheit. Die Kinder hängen an den Händen der Mütter, manchmal führt auch ein älteres Mädchen diie Kleinen, die vorwärtstaumeln und immer wieder zurücksehen. Einige tragen armselige Puppen mit sich..Alle schweigen, als sie an uns vorübergehen.

(266) Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne vom Leben nichts anderes als die Verzweifkung, den Tod, die Angst und die Verkettung sinnlosester Oberflächlichkeit mit einem Abgrund des Leidens. Ich sehe, daß Völker gegeneinander getrieben werden und sich schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten. Ich sehe, daß die klügsten Gehirne der Welt Waffen und Worte erfinden, um das alles noch raffinierter und länger dauernd zu machen. Und mit mir sehen das alle Menschen meines Alters hier und drüben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt das meine Generation. Was werden unsere Väter tun, wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und Rechenschaft fordern? Was erwarten sie von uns, wenn eine Zeit kommt, wo kein Krieg ist? ... Was soll aus uns werden?

IV Verlegerische Entschärfungsversuche.

Der Verlag, der Ende der 1920er Jahre die Veröffentlichung des Buches betreute, der Ullstein- (Propyläen-) Verlag, verpflichtete den Autor zu einer Hereinnahme verschiedener Leitsprüche und Einfügungen in seinen Text, wie vor allem des oben zitierten Mottos, welche den politisch-appellativen Charakter des eindeutig 'pazifistischen', antimilitarischen und anti-nationalistischenWerkes nach außen hin - verunklärend - 'abmildern' sollten. Grund dafür waren in damaliger Zeit vermutlich wirtschaftliche Absatz-Überlegungen: Sollte das Buch im Verkauf auch nationalistische Leserkreise erreichen, so durfte es für diese nicht von vornherein völlig unakzeptabel sein. Die entsprechenden Einfügungen finden sich häufig am Ende einzelner - nicht aller - Kapitel und sind für den aufmerksamen Leser wegen ihrer dem echten Text gegenüber heterogenen, politisch-gedanklichen Formelhaftigkeit erkennbar. Darauf weist besonders der Kommentator der jetzigen Werk-Ausgabe, Thomas F. Schneider, in seinem eingehenden Beitrag auf den Seiten 330 - 353 hin.

3. Wie immer bitte ich darum, mir alles zukommen zu lassen, was Ihrer Meinung nach zu unserem Thema paßt. Bitte erinnern Sie mich notfalls an die Rückgabe von Unterlagen. - Vergessen Sie nicht, mir für meine Adressenliste Ihre Daten bzw. deren Änderung am besten schriftlich mitzuteilen, damit ich von mir aus zu Ihnen im Einzelfall Kontakt aufnehmen kann.

Mit freundlichem Gruß

Christian Gizewski


Verantwortlich: Christian Gizewski, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, TEL und AB: 030/8337810 oder (wenn eingeschaltet) 0151 26759056, FAX: 030/84309266, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de, WWW-Seite: http://www.AGiW/fak 1.tu-berlin.de.index.html .