Verborgene Zeilen aus der Kriegsgefangenschaft
Auf Großvaters Spuren
Film von Udo Pörschke, Jorin Gundler, 52 min., phoenix 2017

Udo Pörschke findet das Kriegs-Tagebuch seines Großvaters. Er entziffert es und macht sich auf, dessen Aufenthaltsorte während der letzten Monate des Zweiten Weltkrieges aufzuspüren und das ihm bis dahin unbekannte Schicksal seines Großvaters in Kriegsgefangenschaft auf einer Spurensuche in den Osten Deutschlands und nach Polen zu erkunden. Eine persönliche Reise, die exemplarisch das Schicksal von Millionen Kriegsgefangener lebendig werden lässt.
 
Im Jahr 2013 flatterte Udo Pörschke ein kleines Heftchen aus dem Soldbuch des Großvaters entgegen: „Notizen aus der Gefangenschaft 1945 bis 1949“. Ihm zitterten die Hände, als er die vergilbten Seiten mit den Erinnerungen durchblätterte, die 70 Jahre versteckt waren. Beim Lesen merkte er, dass er einen Schatz gefunden hatte. Pörschkes Großvater Martin Welz (1904-1987) war schon 40, als er 1942/43 zwangseingezogen wurde. Sechs Jahre blieb er verschollen. Damals wohnte er mit Familie in Schweidnitz in Schlesien. Diese hatte die Heimat verlassen müssen und wohnte mittlerweile in Weiden in der Oberpfalz. Dort stand er plötzlich im Februar 1949 vor der Haustür. Das Thema Krieg wurde nie wieder erwähnt.

Anhand des detaillierten Tagebuches begann Pörschke mit seinen Recherchen. Er schrieb unzählige Briefe, Mails und führte Telefonate, kontaktierte Gemeinden, Behörden, den Rot-Kreuz-Suchdienst, setzte Aufrufe in die schlesische Heimatzeitung – und machte sich schließlich mit seinem Freund und Kameramann aus Gerach auf die Spuren des Großvaters, zu seinen eigenen Wurzeln, aber auch auf eine lange spannende Reise in den Osten Deutschlands und nach Polen, auf der er Zeitzeugen traf, die über das Schicksal seines Großvaters Auskunft geben konnten.

Zitate der Autoren der historischen Spurensuche:

Udo Pörschke:
"Als ich die vergilbten Seiten erstmals in den Händen hielt, die mein Großvater vor Jahrzehnten beschrieben hatte, erhoffte ich mir Informationen über eine Zeit, über die in der Familie nie gesprochen wurde.
Spätestens auf meiner Spurensuche bemerkte ich, dass viele Menschen von ähnlichen Schicksalen erzählen können, dass wir mit dem Film auch die Geschichte der Eltern und Großeltern vieler Zuschauer erzählen.
Und das ist nicht mal eine rein deutsche Familiengeschichte. Vielleicht macht in 70 Jahren ein Syrer solch eine Reise auf den Spuren seines Großvaters. Ein Zeitzeuge bat mich: ‚Schreiben Sie das alles auf! Denn wer soll dann noch vor dem Krieg mahnen, wenn wir alle weg sind.‘ Und seinem Rat bin ich gefolgt."

Jorin Gundler:
„Am meisten faszinierte mich, wie Geschichte plötzlich lebendig werden kann. In der Schule hört man über den zweiten Weltkrieg nur nüchterne Zahlen und Fakten. Aber so etwas ist für Jüngere, die keinen Bezug zum Krieg haben, nicht wirklich fassbar. Erst durch die Interviews mit den Zeitzeugen und den Dreharbeiten an historischen Orten konnte ich mich in die Lage einer Kriegssituation auch emotional hinein versetzen und somit die wirkliche Bedeutung der Fakten für die Schicksale der Menschen jener Zeit viel besser verstehen.
Der Höhepunkt für mich war, als ich erst durch die Beschäftigung mit diesem Thema für die Dokumentation herausfand, dass meine Urgroßmutter damals aus Sagan im jetzigen Polen geflüchtet war und meine Oma auf der Flucht zur Welt kam.“


Biographie der Autoren:

Jorin Gundler wurde 1992 in Marktheidenfeld geboren. 2013 begann er eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton und widmete sich nebenher der Tontechnik sowie der Animation. Im zweiten Ausbildungsjahr begann er mit Udo Pörschke, seinem ehemaligen Lehrer, die Planung und Umsetzung der Dokumentation. Durch Verbindungen zu vielen Mediengestaltern wurde es ein gemeinschaftliches Projekt unter seiner gestalterischen Leitung.

Udo Pörschke wurde 1968 in Bamberg geboren und studierte für das Lehramt. Während seiner beruflichen Tätigkeit im In- und Ausland entdeckte er das Schreiben für sich. 2013 gelangte das Tagebuch seines Großvaters in seine Hände. Unzählige Stunden der Recherche sowie eine Reise auf den Spuren des Großvaters folgten. Aus dem Material entstand zunächst eine Dokumentation. Zur Zeit arbeitet der in Ungarn lebende Autor am gleichnamigen Buch zu seiner historischen Spurensuche, welches im Oktober erscheint.