'Wikipedia' und 'historische Bildung'
im Internet am Beispiel des Fachgebiets 'Alte Geschichte'.
Von Christian Gizewski.

Vortrag für eine Wikipedia'-Tagung am 10./11. Juni 2011 an der Universität Göttingen.

Tagunsprogrammprogram.

Rundbriefformular.

Stand 9. Juni 2011.


Der nachfolgende Vortragstext enthält Ausführungen einerseits über ein althistorisch-wissenschaftliches Gesamt-Projekt größeren Ausmaßes ('Alte Geschichte im WWW - AGiW') , das - seit 1997 an der TU Berlin stationiert - die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Internetpublizistik experimentell nutzt, und zum anderen über das seit 2001 - im deutschen Sprachraum seit 2003 - bestehende enzyklopäische Allgemeinbildungsprojekt 'Wikipedia'. Beide Projekte werden in ihrer strukturellen Ähnlichkeit verglichen, was ihr Interesse an der 'Altertumsgeschichte' betrifft. Zur strukturellen Ähnlichkeit gehört nach Auffassung des Referenten vor allem die Allgemeinzugänglichkeit, Allgemeinverständlichkeit, Unentgeltlichkeit und politische bzw. wirtschaftliche Unbeeinflußbarkeit der Informations- Leistungen. Auch grundsätzliche Organisationsfragen werden angesprochen, soweit das in einem zeitlich knapp bemessenen Vortrag möglich ist. C. G.

I. Zum Projekt 'AGiW (Alte Geschichte im WWW)'.

Zunächst möchte ich, weil eigens darum gebeten, etwas zu dem von mir ins Leben gerufenen und ausgearbeiteten WWW-Projekt 'AGiW (Alte Geschichte im WWW)' sagen, um dann - vergleichend und unterscheidend - etwas zum altertumsbezogenen Teil der 'Wikipedia', der auf dieser Tagung zur Diskussion ansteht, auszuführen

Seit zwei Jahrzehnten bin ich als Althistoriker an der TU Berlin tätig. Als solcher habe ich seit 1997 mit Unterstützung des dortigen Rechenzentrums ('tubit') das 'experimentelle Projekt AGiW' ('Alte Geschichet im WWW') entwickelt, ständig bearbeitet und ständig erweitert.

Am Anfang dieses Projekts standen persönliche Erfahrungen mit der im Wissenschaftsbereich verwendeten Computer-Technik, die ich - vor meiner Historikerexistenz - als Verwaltungsleiter an dem damaligen TU-Fachbereich 'Kybernetik' machte. Nach einem späteren beruflichen Wechsel zur heutigen Fakultät für Geisteswissenschaften der TU Berlin begann ich eine akademische 'Laufbahn' als Historiker und erinnerte mich in dieser an meine Computer-Erfahrungen. Ich bestand die Promotions- und Habilitations-Prüfungen und wurde schließlich zum 'außerplanmäßigen Professor' an der TU Berlin ernannt, blieb aber dennoch der Internet-Technik eng verbunden. So entstand das Projekt 'AGiW'. Es war zum einen konzipiert als ein Medium damals noch ungewohnter, technisch fortschrittlicher Veröffentlichung eigener wissenschaftlichen Leistungen. Das war es aber nur zu einem kleineren Teil. Vor allem interessierte mich daran vielmehr die Möglichkeit des persönlich völlig freien, d. h. von irgendeinem 'Außen' her unbeeinflußbaren, unreglementierbaren, nicht an irgendwelche Rahmenweisungen, Verlagsauflagen, Finanzmittelzusagen oder auch an nichtakzeptierte politische Orthodoxien oder Mehrheitsströmungen gebundenen Gestaltens. Dazu kam noch die fesselnde Möglichkeit, begründete Auffassungen aller Art räumlich unbeschränkt zu verbreiten. Ich hatte gewissermaßen eine eigene Zeitung - und eigentlich viel mehr - und war mein eigener Chefredakteur.

Das Projekt 'AGiW' konnte ich auf einem von mehreren für so etwas verfügbaren kleineren Rechnern des Rechenzentrums der TU Berlin einrichten, zu dem ich aus meiner vorherigen Berufstätigkeit am Fachbereich Kybernetik freundliche Kontakte hatte und noch heute habe. Bezahlen mußte ich nichts. Die eingerichtete WWW-Seite war ein neuartiges Instrument bei einer althistorischen Hochschullehrertätigkeit, und zwar für all deren Aufgaben und Vorhaben. Entsprechend entwickelten sich die Hauptabteilungen des 'AGiW'-Projekts:

  • das 'Auditorium' (WWW-Skripten zu Lehrveranstaltungsprojekten),
  • das 'Scriptorium' (Wissenschaftliche Publikationen im Internet.),
  • der 'Eratosthenes' (Hilfsmittel und Suchinstrumente für den Bereich 'Alte Geschichte'),
  • das 'Hospitium' (Gastautoren-Abteilung) und nicht zuletzt
  • der 'Cricetus criticus (Diskussionen und Aktionen betreffend den Wissenschaftsbetrieb, die Geistesfreiheit und die den Wissenschaftsbereich tangierende Politik).

Späterhin kamen einige teilweise innerhalb, teilweise außerhalb dieser Abteilungen stehende wissenschaftsbezogene oder wissenschafts- und hochschulpolitische Projekte hinzu. Sie seien hier, obschon langjährig betrieben und teilweise sehr materialreich, nur kurz erwähnt:

  • AKTIONEN 1 Schrift, Sprache und Denken ohne unzulässige oder unsinnige öffentliche Sprachregelungen (Art. 5 GG)!
  • AKTIONEN 2 Adversus Morbum Bononiensem. - Für eine wissenschaftsgemäße Hochschulpolitik, -gesetzgebung und -verwaltung.
  • AKTIONEN 3 Für eine öffentliche Wahrnehmung und Berücksichtigung beruflicher und sozialer Probleme für das Professorenamt qualifizierter Wissenschaftler.
  • AKTIONEN 4 In eam quae dicitur acephalia indifferentiam. - Aufgaben historischer Allgemeinbildung an der TU Berlin.
  • Für eine öffentliche Wahrnehmung und Berücksichtigung beruflicher und sozialer Probleme für das Professorenamt qualifizierter Wissenschaftler: a) Zu 'Karrierechancen' für junge Wissenschaftler.und einer diesbezüglichen Initiative 'KISSWIN' des Bundesbildungsministeriums b) Initiative zu § 48 III S. 2 BerlHG, einer unzweckmäßigen, ungerechten, verfassungswidrigen und bornierten Rechtsregelung.
  • 'Pro_Ferch': Ein Gedenkstätten-Projekt in Brandenburg.
  • Initiative 'FGW TUB': Zur gegenwärtigen Lage und zur Zukunft der Geschichtswissenschaft an der Technischen Universität in Berlin'.
  • Jubiläums-Projekt 'AsGymIbb': Umfängliches WWW-Skript zur Jubiläumsfeier im Oktober 2010 des altsprachlichen Gymnasiums in Ibbenbüren.

In jüngster Zeit entstand schließlich eine neue Hauptabteilung 'Encyclopaedia' (Beiträge zur historischen und politischen Allgemeinbildung). Diese Abteilung wendet sich primär an ein außeruniversitäres Leserpublikum, in Erfüllung einer durchaus universitären, geisteswissenschaftlich konzipierten Allgemeinbildungsaufgabe.

Für alle genannten Abteilungen des Projekts bedeuteten schon die Möglichkeiten digitaler Stoffgestaltung von Text, Bild Ton und später auch Film einen ungeheuren Fortschritt gegenüber dem zuvor normalerweise praktizierten Arbeiten mit Druckvorlagen, Karten und Kartenständern, gelegentlich Plattenspielern und Dia-Projektoren aus irgendwelchen Magazinen. Alles wurde schon dadurch leichter und viel effektiver. - Dazu kamen dann aber noch als zweiter Entwicklungsschub die Möglichkeiten des Internets, insbesondere der WWW-Seiten-Gestaltung. Die weltweite Publizierbarkeit wissenschaftlicher Arbeiten und sogar Vorlesungsskripten, ihre ständige Umgestaltbarkeit und Verbesserungsfähigkeit, die Möglichkeit, Text-, Bild-, Audio- und Video-Dateien miteinander in freier Zweckbestimmung für alle möglichen Vorhaben zu kombinieren, nicht zuletzt auch: sie durch Internet-Suchdienste anderwärts aufzufinden, ließen es endlich der Mühe wert erscheinen, sich mit ihnen fast berufsmäßig zu befassen. Denn sie waren nun nicht mehr letztlich nur für das Regal eines schwerzugänglichen Archivmagazinkellers bestimmt, sondern wurden prinzipiell Teil eines jederzeit für jedermann zugänglichen weltumspannenden 'Netzes' auch praktisch relevanter Informations-Verbindungen.

Stichwortartig läßt sich über die strukturellen Neuerungen eines Projektes wie 'AGiW' folgendes sagen:

A. Den traditionell üblichen Formen der wissenschaftlichen Publikation im Bereich 'Alte Geschichte', den üblichen Formen der Erstellung von Skripten und Unterrichtsmaterial für den Lehrbetrieb, dem üblichen, begrenzten Maß der Allgemeinzugänglichkeit eigener wissenschaflicher Leistungen und den üblichen Formen bibliothekarischer oder privater Ablage-Archivierung

stehen gegenüber

  • der infolge der praktischen Vorteile der 'kombinatorischen Logik' schnelle Zugriff auf digitalisierte Netzinformationen,
  • die mögliche Unterscheidung zwischen Annäherungsinformation, vertiefter Bearbeitung und systematischer Untersuchung,
  • die gesteigerte fachliche Eigenverantwortlichkeit und Produktivität des Wissenschaftlers,
  • der gesteigerte Nutzen für die Allgemeinheit,
  • die prinzipielle Abwesenheit von außen bestimmter, vor allem wirtschaftlicher und politischer Veröffentlichungsbedingungen, -interessen oder -rechte

B. Die Verantwortung für dieses Projekt liegt bei einem einzigen Autor und Koordinator. Auf diese Weise ist das Werk in jeder Hinsucht persönlich zurechenbar.

C. Die erhebliche, dauerende Arbeit an diesem Projekt erfolgt

1. ohne daß der Autor und Koordinator von irgendjemandem jemals irgendeine Vergütung dafür erhalten hätte,

2. auch ohne irgendwelche geschäftlichen Verwertungsinteressen und

3. folglich auch ohne Einflußmöglichkeiten irgendwelcher Geldgeber.

Wesentlich für sie ist also eine uneigennützige und allgemeinwohlbezogene Sinnbestimmung.

II. Zur enzyklopäischen Darstellung althistorischer Themen in der 'Wikipedia' und ihrem Wert.

Ich möchte nun einige Bemerkungen zur 'Wikipedia' machen, und zwar, wie von mir erwartet, zu demjenigen Teil der deutschsprachigen Wikipedia, der altertumsgeschichtliche Themen in einem weiteren Sinne betrifft, speziell zu deren Themenstruktur und Einzelbearbeitung; letzteres aber nur an zwei Themen-Beispielen.

Zunächst etwas zum Unterschied zwischen 'AGiW'-Projekt und 'Wikipedia'-Projekt

Sie unterscheiden sich nach meiner Einschätzung grundsätzlich in folgendem: Das 'AGiW'-Projekt kann man der Kategorie 'systematisch-wissenschaftlich begründeter und weithin wissenschaftlich-fachlich spezialisierter Werke' einordnen. Demgegenüber gehört das 'Wikipedia'-Projekt in den Bereich der allgemeinbildenden, wissenschaftsnahen, enzyklopädischen Literatur. Innerhalb dieser stellt es allerdings etwas grundlegend Neues dar, und zwar infolge seiner Digitalisierung und seiner Internetpräsenz.

Im 'Wikipedia-Bereich' kann man insoweit wichtige ähnliche Ausgangsbedingungen vorfinden wie im Projekt 'AGiW'. Hinzukommt noch als Genmeinsamkeit vor allem ein Selbstverständnis der Arbeit an den Projekten als unbezahlt, uneigennützig, politisch und wirtschaftlich der derzeitigen und hoffentlich auch künftigen Anlage nach nicht manipulierbar und insoweit allgemeinwohlorientiert.

Aber es gibt auch wichtige Unterschiede gegenüber dem Projekt 'AGiW':

1. die 'Wikipedia'-spzifische 'Allgemeinbildungs'-Intention, die das 'Wikipedia'-Projekt, Teilbereich 'Altertumsgeschichte', nicht als akademisch-wissenschaftliches versteht, sondern als den Versuch einer neuartigen Form betont auch dem Altertum zugewandter, internetvermittelter anspruchsvoller Allgemeinbildung für ein allgemeines Publikum,

2. die 'enzyklopädische' Intention als eine weitgreifende und entsprechend schwer zu verwirklichende Absicht, üblicherweise nicht leicht zugängliche Wissensgebiete und Einzelthemen - im Hinblick auf ein allgemeines Informationsinteresses an Übersichtsinformationen - 'vollständig' und zugleich knapp darzustellen,

3. das Prinzip einer changierenden Zuständigkeit einer unbestimmten Zahl von Autoren für den Inhalt der lexikalischen Einträge, d. h. das Fehlen einer klaren Einzelverantwortlichkeit für sie.

Hinzu kommt bei 'Wikipedia',

4. daß die Teilbereiche zwar an die wissenschaftliche Systematik angelehnt sind, aber zugleich auch einer praktisch motivierten Grobgliederung folgen, die sich aus mehreren 'Wikipedia'-spezifischen Zugangsformen zum Gesamtwissensstoff ergeben,

5. daß die einzelnen lexikalischen Einträge jeweils auf wenige Druckseiten beschränkt sind, auf welchen sich systematisch-inhaltliche und wissensgeschichtliche Informationen mit Literatur- und Medienhinweisen den oftmals allzu knappen Platz teilen müssen.

A. Zur Themenstruktur der 'Wikipedia', soweit sie das Fachgebiet 'Alte Geschichte' betrifft.

1. Die in der 'Wikipedia' bis heute (Mitte 2011) erschienenen Beiträge, die die 'Geschichte der Alten Welt' in einem weiten, den Mittelmeerraum und den asiatischen Raum bis Indien umfassenden Sinne betreffen, sind nicht wenige und schließen partiell die wissenschaftlichen Fachgebiete Archäologie, Altphilologie, Philosophie, Politikgeschichte, Rechtsgeschichte, Religionsgeschichte, Epigraphik, Papyrologie, Numismatik, Bau- und Kunstgeschichte ein.

Als in der 'Wikipedia' dafür zur Verfügung stehende Ordnungsbegriffe sind die folgenden auszumachen: 'Stichworte', 'Portale', 'redaktionelle Bereiche', 'Wiki-Projekte' und 'Grenzbereiche'. Diese Zugangsformen sind in der Praxis entwickelt, d. h. teilweise nicht Ergebnis einer systematischen Konzeption, was ihre Bedeutung für das Gesamtprojekt allerdings nicht mindert, sondern vielmehr unterstreicht. Angesichts des riesigen Wissensbereichs, der mit dem Wort und den verschiedenen wissenschaftsüblichen Begriffen von 'Altertum' angesprochen ist, stellt sich ja die Frage, wie dieser fast unermeßliche Bereich im Rahmen eines enzyklopädischen Allgemeinbildungsprojekts für die Interessen eines allgemeinen (d. h. nicht speziell wissenschaftlichen) Publikums zu strukturieren ist. Diese Frage ist durch die gewählten Ordnungsbegriffe pragmatisch vorentschieden.

Der 'Portal'-Begriff knüpft an die universitär-wissenschaftliche Fachgebiets-Einteilung an. Der Begriff 'Redaktioneller Bereich' meint die Bearbeitung eines Themenkomplexes durch eine 'Wikipedia'-interne Redaktion. Der Begriff 'Stichwort' kennzeichnet die von prinzipiell einzelnen initiierenden Autoren entwickelten thematischen Einzeldarstellungen, welche späterhin durch kooperierende Leser - nach einer innerorganisatorisch festgelegten Gegenkonrolle - modifiziert und ausgebaut werden können. Der Begriff 'Wikiprojekt' macht deutlich, daß von vornherein mehrere Autoren am Werk sind, einen bestimmten thematischen Bereich zu bearbeiten. 'Grenzbereiche' sind solche Wissensgebiete, die gleichzeitig verschiedenen 'Portalen' - also letzlich wissenschaftlichen Fachgebieten in einem 'Wikipedia'-definierten Sinne - zuzuordnen sind.

Die Einladung zur Tagung führt

a) als in dem redaktionellen Bereich 'Alte Geschichte' mit seinen Teil-Redaktionen 'Antike', 'Altertum' und 'Allgemeingeschichte' bearbeitete Themenkreise die folgenden auf:

die Portale
die Wiki-Projekte
die Stichworte

Gemeinsam mit anderen Wikipedia-internen Redaktionen werden bearbeitet die 'Grenzbereiche'

Von altertumsgeschichtlicher Bedeutung im weiten Wikipedia-Wirkungskreis sind ferner, so die Einladung zur Tagung, die Themenbereiche 'Musik', 'Kunst', 'Sprache', 'Technik', 'Theologie', 'Physik', 'Chemie', 'Biologie', 'Mechanik', 'Länder', 'Orte' in ihren verschiedenen, 'Wikipedia'-eigenen Zugangsformen.

Alle Stichworte sind im Internet zugänglich über die Suchfunktion http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite .

2. Der so definierte Gesamtthemenbereich 'Alte Geschichte' ist somit, wenn man bildlich und - nur scheibar respektlos - sprechen darf, eine riesige Fläche begrifflich abgegrenzten, eher wüstenartigen Landes, dessen allergrößter Teil notwendig leer und wüst bleiben muß. Nur an einigen wenigen, mehr oder weniger zufällig darin plazierten Oasen wird er bewirtschaftet. D. h. er ist 'systematisch-theoretisch' zwar zutreffend abgegrenzt. Aber diese Abgrenzung kann notwendigerweise nur eine Orientierungsgröße für die Einordnung einzelner enzyklopädischen Anstrengungen meinen. Der gesamte Raum wird nach meiner Einschätzung in dem vorgesehenen 'Wikipedia'-Rahmen kaum jemals ausgefüllt werden können.

Das ändert m. E. aber nichts daran, daß die Gesamtunternehmung dennoch richtig ist. Das hat vor allem einen prinzipiellen Grund: Das altertumsbezogene Gesamtprojekt in kleinere Teile aufzuspalten würde bedeuten, den notwendig sehr weiten, historisch-sachlich begründeten geschichtlichen Horizont einer über Jahrtausende hin und über den gesamten geographischen Bereich der mediterran-vorderorientalischen Welt zusammengehörigen 'Alten Geschichte' aufzugeben. Dies würde viele darin liegende, grundsätzlich wichtige historische Erklärungsmöglichkeiten sachwidrig ausschließen. Das 'Altertum' wissenschaflich 'als ganzes' zu behandeln hat m. E. nicht nur erhebliche inhaltlich-wissenschaftliche, sondern auch wissenschaftspraktische Konsequenzen, vor allem was die Gesamtkonzeption einer 'Allgemeingeschichte' und die fachdisziplinäre Gesamtorganisation ihrer thematischen Teilbereiche betrifft. Dazu gehört auch der Mut, Erkenntnislücken klar zu bestimmen und anzuerkennen.

B. Zwei Beispiele aus dem 'Wikipedia'-Gesamtbereich 'Alte Geschichte' für die dortige Themenbearbeitung im einzelnen.

Nun sollen einige Bemerkungen zu den das 'Altertum' betreffenden lexikalischen 'Wikipedia'-Einträgen folgen, und zwar zunächst etwas genauer nur zu zweien, nämlich dem ' Portal' 'Alte Geschichte' (http://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Geschichte, Bearbeitungsstand 27. Mai 2011) und dem 'Grenzgebiet' 'Römische Rechtsgeschichte' (http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misches_Recht ). Späterhin soll aber auch noch in Kürze etwas zu den anderen gesagt werden.

Zweck ist, exemplarisch Vor- und Nachteile einer kurzgefaßten Verarbeitung im 'Wikipedia'-Verfahren an konkreten Beispielen etwas eingehender kritisch zu würdigen.

Die 'Wikipedia'-redaktionelle Grundeinstellung verbindet ja einerseits viel abwägenden Mut zur Kürze mit viel sorgfältig eingesetzter Energie bei der Bearbeitung und verdient - schon als Prinzip, aber oft auch im einzelnen - insoweit große Anerkennung. Aber sie bringt andererseits auch Risiken mit sich.

1. Zum 'Portal' 'Alte Geschichte'.

Es enthält Ausführungen im Umfang von nur sechs Druckseiten mittelgroßem Schrifttyps, und zwar

Soll ein solcher Lexikon-Eintrag für ein allgemeines - d. h. nicht nur für ein akademisches - Publikum lesbar sein, das einerseits schnelle, aber andererseits doch auch genaue Orientierung sucht, so darf er wahrscheinlich die gewählte Länge von 6 Druckseiten nicht wesentlich überschreiten. Innerhalb dieses Rahmens ist dann alles Weitere vorherbestimmt. Die Schwerpunktaspekte 'Inhaltliche Bestimmung und Abgrenzung des Fachgebiets' nehmen 1 1/2 Seiten, die 'Wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung des Fachgebiets' 2 Seiten und das Literaturverzeichnis in Verbindung mit sonstigen Beleg- und Verweisangaben weitere 2 1/2 Seiten in Anspuch. In letztere sind CD-mediale Titel und WWW-Verweise einbezogen, welche für neuere, selbst im Fachgebiet 'Alte Geschichte' seit ca. 15 Jahren hin und wieder auftretende digital-mediale Publikations- und Informationsvermittlungsformen stehen. Der zum mittleren Teil des Eintrags gehörige Querverweis auf eine Liste bekannter Althistoriker, obschon wegen des durch ihn ermöglichten personengeschichtlichen Zugang zum Fachgebiet für die Leser sehr nützlich, kann dennoch bei einer Schnellinformation zunächst übergangen werden.

Diese formale Anordung des Stoffes ist m. E. nicht zu kritisieren, sondern - im Rahmen des 'Wikipedia'-Konzepts fundierter allgemeinbildender Schnellinformation - sinnreich und zweckmäßig.

Zu den vermittelten Informationen läßt sich feststellen, daß sie mit verschiedenen im althistorisch-fachdisziplinären Bereich vertretenen Positionen übereinstimmen und auch ein interessantes Profil haben, das vermutlich von einem fachwissenschaftlichen 'Wikipedia'-Autor mitbestimmt worden ist, welcher einer speziellen Konzeption eines in der griechisch- und lateinischsprachigen Quellenüberlieferung faßbaren Altertums folgt, wie sie im 19. Jht. etwa von F. A. Wolff akzentuiert vertreten wurde.

Dagegen lassen sich gewiß auch Einwände erheben.. Die Fachdisziplin 'Alte Geschichte' war, seit sie bestand, nicht nur durch altphilologische, sondern maßgeblich durch mehrere dem ganzen Altertum des mediterran-vorderorientalischen Bereichs entstammende geisteswissenschaftliche und auch 'sachwissenschaftliche' Traditionen geprägt, und zwar solche, die eine spätere allzu starke Spezialisierung des Faches auf den Kreis der interpretierbaren griechisch- und lateinischsprachigen Geschichtsquellen schon immer ausgeschlossen haben und auch heute noch ausschließen, nämlich

Ich selbst halte es daher - bei aller erforderlichen Spezialisierung - dennoch für nötig, an einer 'großen Einheit' des altertumsgeschichtlichen Gegenstandes festzuhalten. Es ist m. E. dafür prinzipiell nicht einmal nötig, daß ein einzelner Wissenschaftler alle dafür nötigen sprachlichen und spezialfachlichen Kenntnisse wenigstens generell überschaut, geschweige denn daß er sie hat.

Derartiges kann vielmehr nur ein wissenschafliches Gemeinschaftswerk sein und führt deshalb möglicherweise sowohl vom Prinzip der Einzelbearbeitung als auch vom Prinzip einer überschaubaren Fachdisziplin weg hin zu einer wissenschaftstheoretisch auf Dauer vermutlich intensiver zu bedenkenden Organisationsform 'wissenschaftlicher Gesamtautorenschaft'.

2. Zum 'Grenzgebiet' 'Römische Rechtsgeschichte'

Dieser Eintrag enthält Ausführungen im Umfang von knapp sechs Druckseiten mittelgroßen Schrifttyps, und zwar

a) eine halbe Seite begrifflicher Klarstellungen über 'die' römische Rechtsordnung und die entsprechende rechtswissenschaftliche Teildisziplin,

b) anderthalb Seiten über die Entstehung und Entwicklung des 'Römischen Rechts' in mehreren Epochen, die

Darin eingeschlossen zwecks exemplarischer Veranschaulichung ist noch eine gute halbe Seite über materiell- und prozeßrechtliche Aspekte des römisch-rechtlichen Eigentums- und Besitzschutzrechts.

c) Eine weitere Seite ist der mittelalterlichen Zeit der römisch geprägten 'leges barbarorum' im Westen, der byzantinisch geprägten Kontinuität im Osten, der mittelalterlichen Rechtswissenschaft im Westen an den italienischen und anderen europäischen Universitäten mit ihren rechtswissenschaftlichen Fakultäten und dem Fortwirken des römisch-rechtlichen Erbes im immer neuzeitlicher werdenden Umfeld europäischer Rechtsordnungen gewidmet.

d) Sodann folgen auf anderthalb Seiten fünf nützliche Hinweise auf andere 'Wikipedia'-Einträge, ein juristisches und ein rechtshistorisches Literaturverzeichnis mit 7 bzw. 10 bewährten Titeln sowie sechs Hinweise auf andere WWW-Adressen.

Zu den vermittelten juristischen und rechtshistorischen Inhalten läßt sich sagen, daß sie allesamt nützlich und anerkennenswert sind, aber ihre Autoren oder ihren Autor wegen ihrer Komplexität überfordern mußten. Nicht einmal rechtshistorischen Fachleuten, welche der Autor oder die Autoren meiner Einschätzung nach nicht waren, wäre dies leicht gelungen. Das ist ein Hinweis darauf, daß das 'Wikipedia'-Prinzip des knappen und trotzdem inhaltsreichen und sachlich richtigen Lexikon-Eintrags, welches ich bejahe, manchmal eben nicht auf Anhieb zu verwirklichen ist. Der jetzige Eintrag will zuviel und gerät darüber mit der oft übungsartig wirkenden Zufälligkeit seiner Informationen deutlich ins Wanken.

Es wäre vielleicht besser gewesen, sich nach einer kurzen Einführung zum Begriff des 'Römischen Rechts' - als historischen Gegenstandes und als wissenschaftlicher Fachddisziplin - auf eine Übersicht über die antik-jurisprudentiellen Gliederungen des gesamten römisch-rechtlichen Rechtsstoffes - d. h. nicht nur des Zivilrechts, sondern auch des - nicht erörteren - Strafrechts und öffentlichen Rechts - zu konzentrieren und eine klare Konturierung der verschiedenen Epochen der Entwicklung und Nachwirkung der römischen Rechtsordnung und ihrer Jurisprudenz vorzunehmen. Exemplarisch gemeinte Ausführungen über Eigentums- und Besitzschutz hätte man unter diesen Umständen weglassen müssen und können.

3. Bewertung der Gliederung und Einzelbearbeitung wissenschaftlicher Themen aus dem Fachgebiet 'Alte Geschichte'.

Was andere, hier, wie dargelegt, der Zeit wegen nicht erläuterbare 'Wikipedia'-Lexikoneinträge zur 'Alten Geschichte' betrifft, so fasse ich meine Eindrücke von diesen wie folgt zusammen:

Neben den zuvor erörterten 2 Einträgen gibt es im 'Wikipdeia'-Bereich mindestens ca. 40 weitere, die sich ausschließlich oder teilweise auf das 'Altertum' beziehen. Etwa zu einem Drittel sind sie ausführlicher ausgearbeitet, zur Hälfte ansatzweise, und zum verbleibenden Sechstel befinden sie sich noch im reinen Planungsstadium.

Die Ausarbeitungen entsprechen m. E. zumeist befriedigend, manchmal auch sehr gut dem Zweck einer verständlich und übersichtlich zugänglichen Allgemeinbildung und markieren damit eine anzustrebende, dynamisch zu verstehende Zielform.

Die im Zusammenhang mit dem Eintrag 'Römisches Recht' angesprochenen Schwierigkeiten sind im althistorischen 'Wikipedia' Bereich auch sonst manchmal zu beobachten. Die Themen sind eben allesamt sehr anspruchsvoll. Aber alles läßt sich natürlich durch stetige Überarbeitung verbessern.

Was Literatur-, Medien- und Quellenangaben zu den einzelnen lexikalischen Einträgen betrifft, so reichen sie schon jetzt m. E. für den 'Wikipedia'-Zweck einer schnellen Information durchweg aus.

Die Sprache ist durchweg allgemeinverständlich, also keine Spezialistensprache.

Es gibt auch kaum Schreibfehler und nur ganz selten grammatische, ein deutliches Zeichen für sorgfältige Gegenkontrolle.

Der große Vorteil der 'Wikipedia-Enzyklopädie' ist, daß Fehlerkorrekturen und sachliche Verbesserungen lexikalischer Einträge zu allem, d. h. auch zu althistorischen Themen, durch kenntnisreichere Leser, wenn diese sich dafür verantwortlich fühlen, jederzeit und selbständig in das Werk eingefügt werden können.

Das große Verdienst der 'Wikipedia'-Einträge für den Bereich 'Alte Geschichte' ist, daß vieles, was sonst nur in Lehr- und Einführungsbüchern aufgefunden werden muß, nunmehr für eine schnelle Vorabinformation für jedermann zugänglich geworden ist. 'Wikipedia' erweist sich darin wie auch sonst als eine besonders sinnvolle, anerkennens- und unterstützenswerte, wissenschaftsverbundene Allgemeinbildungseinrichtung.


Autor: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .