Zu: Dieter Eisentraut, Manets neue Kleider. Zur künstlerischen Rezeption der "Olympia", des "Frühstücks im Grünen" und der Bar in den Folies Bergères. [Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, NewYork 2014.]

Von Christian Gizewski.

Manets Bilder entstanden auch zum Zwecke des Verkaufs in dem zu seiner Zeit für den Absatz gehobener Kunst an ein kunstinteressiertes und vermögendes Publikum weithin maßgeblichen 'Pariser Salon'. Dort herrschten noch aus Zeiten eines vor-revolutionären Absolutismus stammende traditionelle Formen der Darbietung und Durchsetzung 'anspruchsvoller' und 'tonangebender Kunst', die eine gewisse Konformität mit der herrschenden Politik, eine gewisse Identifikation mit Repräsentations- und Lebensstil kaufkräftiger, vermögender und einflußreicher Sozialschichten und eine Vertrautheit mit 'maßgeblichen' Kunsttraditionen oder -moden voraussetzten und dabei stark selektiv verfuhren.

Obwohl sich die politischen Verhältnisse in Frankreich nach der Französischen Revolution geändert hatten, so blieb es offenbar doch noch einige Jahrzehnte lang bei einer dem kunstinteressierten, liberalen Publikum manchmal unverständlichen, 'strikten' Steuerung der Auswahl bei dem Zugang zu den begehrten künstlerischen Spitzenstellungen und ihren hohen Einkommensmöglichkeiten. Damit verband sich ein in Kunstakademien gepflegter und umstrittener 'akademischer' Kunstbegriff, der auf 'strikte' Einhaltung 'ästhetischer Regeln' und bewährter Kunstproduktionweisen Wert legte.

Dies führte zu Gegenbewegungen. Nachdem bis 1863 im 'Pariser Salon' - auch zum Mißfallen der kunstinteressierten Öffentlichkeit - 'strikt' ausgewählt wurde, initiierte sogar der damalige Kaiser Napoleon III. - zwecks Demonstration einer liberalen Kulturpolitik - die Einrichtung eines bewußt sogenannten 'Salon des Réfusés' ('Salon der Zurückgewiesenen').

Auf diese Weise konnte auch Édouard Manet - und zwar mit seinem von Eisentraut in seiner Arbeit besonders beachteten Bild 'Frühstück im Grünen' - als Künstler zu Prominenz gelangen, obwohl er im 'Pariser Salon' zunächst 'zurückgewiesen' worden war. Darauf scheint der Titel des Buches 'Manets neue Kleider' anzuspielen. Wie in der 1874 erschienenen Novelle 'Kleider machen Leute' von Gottfried Keller verdankte jedenfalls auch im Falle Manets ein Tüchtiger seinen Erfolg anfänglich nicht seiner Tüchtigkeit, sondern einem Zufall.

Wer wider Erwarten als 'Zurückgewiesener' eine 'Spitzenstellung' als Künstler erreichte, mußte sich allerdings wie alle anderen 'Zugelassenen' um politische Zurückhaltung gegenüber den damaligen Korrektheits-Anforderungen einer 'bürgerlich'-politischen Ideologie bemühen und zugleich marktgerecht auf den 'gehobenen Kunstbedarf' und Lebensstil vermögend-bürgerlicher Schichten, der Abnehmer seiner Bilder, eingehen.

Zeittypisches Kunstbewußtsein ist stets von untergründig sinngebenden Erlebnissen und Wertempfindungen bestimmt, d. h. von solchen, die außerhalb persönlich-bewußter Entscheidungsmöglichkeiten liegen und in vielen Bereichen kollektiven Bewußtseins zu wurzeln pflegen. In Form und Aussage haben sie notwendig gewisse zeittypische Gemeinsamkeiten. Untergründig sinngebende Erlebnisse und Wertempfinungen bedürfen gerade in ihren Gemeinsamkeiten einer Hermeneutik, um späteren Zeiten oder anderen Kulturen verständlich zu werden.

Auch Manets Umgebung und Zeit hatten ihre Grundtendenzen. Sie werden heute teilweise in den Begriff 'modern' eingeordnet. Manet mußte diese - 'modernen' - ideellen Eigenbewegungen eines damals virulenten und sich gegenüber einer 'akademischen' Tradition markant verändernden Kunst-Begriffs richtig erspüren, um sein Publikum zeitgemäß anzusprechen. Ein Moment dieser zeitgemäßen Veränderung bestand bei einer damals in großstädtisch-französischem ('Pariser') Milieu nachgefragten Kunst in ihren 'provokanten' Untertönen und Fingerzeigen. Provokant' bedeutet dabei zugleich 'nicht-aggressiv' und 'nicht-konfessorisch', sondern eher 'unverbindlich herausfordend nach Art eines Gesellschaftsspiels'. Die Anwendung des alten Begriffs 'modern' (Beispiel: 'usus modernus pandectarum') auf Kunsterzeugnisse dieser Epoche bedeutet nicht, daß es neben ihm keine andersartigen wichtigen Typen zeitgenössischen Kunstbewußtseins gegeben hätte und gäbe, insbesondere die politisch handelnde Kunst und die reflexive Ideen-Kunst, die beide bedeutsam in der politischen Symbolik oder in der Bildberichterstattung auxh dieser Epoche hervortreten. Doch bedeutet 'modern' - in Verbindung mit 'Kunst' - üblicherweise nur einen Komplex von Bildideen, die in einer gewissen provokanten und zugleich 'konzilianten' Distanz zur politischen und sozialen, kulturellen oder ideologischen Umgebung des Künstlers stehen. In diesem Sinne sind Themenwahl und Ausführung der Arbeit Manets 'modern'.

Was die 'modernen' Motiv-Komplexe Manets betrifft, die Eisentraut in ihrer Entstehung, Folgewirkung und kunstgeschichtlichen Bedeutung besonders eingehend untersucht, seien seine Ausführungen an nur vier Beispielen kurz kommentiert, nämlich den Themen 1. der befohlenen, kriegerischen, kaltblütig-indifferenten Tötung unterlegener Feinde, 2. der idyllischen Landschaftsphantasie, 3. des Spektakulären des Aktbildes und 4. des Zwingenden an der Schönheit schöner Frauen.

Diese vier Motiv-Komplexe sind literatur- und bildkunstgeschichtlich alt. Sie sind schon in der Altertumsgeschichte aufzufinden: Kalte Auslöschung und Erniedrigung besiegter Feinde (Babylonische Eroberung Jerusalems - Jer. 39, 1 - 12), das Paradies und die Vertreibung daraus (1. Mos, Kap. 2, 15 - 22 und Kap. 3, 1 - 24), der 'Akt' oder das 'Drama' als Zentralbegriffe des Theaters in der griechisch- und der lateinischsprachigen dramatischen Kunst sowie die schöne Frau und ihre überwältigende Wirkung, religiös verkörpert in der 'Liebes-Göttin' (Aphrodite - Venus) der griechisch-römischen Götterwelt und Tempel-Kunst) oder sittlich gewürdigt in der Geschichte von 'Susanna im Bade' - (Dan 13,1 - 64). Dies alles war traditionsbildend für ein okzidental-christliches und ein humanistisches Bewußtsein, das sich bis zur Zeit Manets hin und danach auch immer wieder zeit- und kulturtypisch gewandelt hat.

Selbst in der vergleichsweise kleinen Zeitspanne von Manet bis heute hat ein solcher Wandel der genannten Motiv-Komplexe stattgefunden, und zwar in erheblichem Maße unter einer Verzweigung der Entwicklungswege. Sogar extreme Entwicklungsendstationen der Vorstellung von der Feindvernichtung wie 'Massenerschießung' oder gar 'Massenvernichtung' hängen in irgendeiner Weise mit dem allgemein verbreiteten Ausgangs-Motiv zusammen, dessen sich unter anderen auch Manet annimmt. Als ein Verzweigungs-Ergebnis aus einem von Manet bearbeiteten Ausgangsmotiv - dem einer 'Salon-Landschaft' - können heutige Werbe-Phantasien von 'touristischen Traumlandschaften' gelten. Aus dem stets Spektakulären des Aktbildes hat sich - darüber weit hinausgehend - unter anderem ein Kampfplatz parteilich kontrastierender normativ-kollektiver Auffassungen über Eros und Sexualität entwickelt. Der indifferent-geduldige, für Alkohol-Absatz genutzte Frauencharme der schönen Verkäuferin 'an der Bar in den Fölies Bergères' hängt in motivischer Fortentwicklung mit dem Strom damaliger und heutiger Allerwelts-Werbung mit jungen oder sonst schönen Frauen zusammen.

Im einzelnen:

a) In seinem 1868 entstandenen, die Erschießung des Kaisers Maximilian III. von Mexiko betreffenden Bild nimmt Manet auf ein politisches Ereignis seiner Zeitgeschichte Bezug, das kurz zuvor, im Jahre 1867, stattgefunden hatte. Zur Wahrung französischer Interessen hatte der französische Kaiser Napoleon III. während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865), in Mexiko ein französisches Expeditionkorps angelandet, unter dessen Schutz er in Mexiko ein frankreichfreundliches Regime errichten wollte. Als Repräsentanten eines solchen Regimes gewann er ein Mitglied des habsburgischen Kaiserhauses, den Erbprinzen Maximilian. Dieser versuchte, sich in Mexiko gegen die dortigen, seinem Regime feindlich gegenüberstehenden republikanischen Kräfte unter dem Präsidenten Juarez durchzusetzen. Er unterlag jedoch dabei, als nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges auf Druck der nun geeinten USA das französische Militärkontingent aus Mexiko abgezogen werden mußte. Einer - an sich vermeidbaren - Gefangennahme und Verurteilumg zum Tode folgte die Erschießung Maximilians mit einigen Mitgliedern seines Gefolges am 10. Juni 1867.

Das diese Erschießung darstellende, großformatige Bild Manets will einerseits offenbar deutlich die Tragik einer als untadelig und edelmütig geltenden Persönlichkeit darstellen, die - allerdings freiwillig - in die Mühlen unerbittlicher Machtkämpfe geriet, andererseits wohl auch ein wenig provokant Zweifel an der Richtigkeit der damaligen französischen Politik in Mexiko äußern. Das ist in den als französisch fehldargestellten Uniformen des Erschießungs-Peletons erkennbar, da dieses ja in Wirklichkeit mexikanisch uniformiert war. Politisch agiert Manet mit dieser dezenten Geste dennoch nicht. Politisch wäre es gewesen, wenn er dem Hingerichteten den Kopf Napoleons III. aufgemalt hätte.

Hinrichtungsbilder dieser Art waren im Frankreich und im übrigen Eiropa der Revolutionen des 18. und 19. Jhts. nicht ungewöhnlich, sodaß ein 'liberales' Kunst-Publikum an ihnen vermutlich keinen grundsätzlichen Anstoß nahm und sie sogar kaufte.

Der Manet'sche Grundgedanke einer eher klagenden, aber nicht politisch verurteilenden oder gar angreifenden Kritik wird die Ursache für spätere vielfältige künstlerische Übernahmen des Motivs gewesen sein, die innenpolitischen Schußwaffengebrauch öffentlich zur Sprache brachten und bis heute zur Sprache bringen, aber wegen drohender staatlicher Zensur nicht direkt angreifen wollten und wollen.

b) Das Bild 'Frühstück im Grünen', auf dem eine normal schöne nackte Frau in einem, wie im Hintergrund ein weitläufiges, offenbar öffentlich zugängliches Waldgelände mit einem größeren Bade-See zeigt, bei einem Ausflug Betrachtungsziel zweier nach der Zeit Manets bürgerlich gekleideter Männer ist, dürfte wegen der gezeigten Übertretung der damals üblichen 'Anstands'-Normen in der Öffentlichkeit leicht provokant gemeint sein. Die polizeilichen Gewohnheiten des damaligen Europa gewährleisteten Sitte und Ordnung im öffentlichen Verkehr strikter als heute. Manet will wohl die Frage danach stellen, warum man nicht zu tun pflegt, was man eigentlich tun will und auch ganz alltäglich zu Recht wollen kann. Die Darstellung nackter Frauen hat zwar in der Aktmalerei eine lange kunstgeschichtliche Tradition. Aber in dieser wurden und werden sie üblicherweise in einen ästhetisch-sittlich vorgegebenen, oft kulturell oder religiös aufgeladenen Schutzraum versetzt, der den Betrachter von ihrem Begreifen als 'Pornographie' abhalten soll. Gegenüber solcher zu eng gefaßter Sitten-Tradition propagiert Manet mit dem Bilde wohl einen noch seiner Zeit nicht selbstverständlichen, 'liberalen',. 'modernen' Grundgedanken einer unfromm-säkularen Sexualethik.

Gerade hierin dürfte eine Ursache für die vielfältige Rezeption gerade dieses 'modernen Motivs - und nicht irgendeines der vielen Frauenakte der Kuntsgeschichte vorhergehender Epochen gewesen sein.

c) Das Bild 'Olympia' (1853) erscheint ebenfalls ein wenig provokant, und zwar nur durch sein bewußtes Abweichen von dem damals gewohnten Ideal einer Frauenschönheit in einem 'Akt'-Bild. Das lateinische Wort 'actus' ist jedoch im Sinne der Theaterkunst von derselben Bedeutung wie das griechusche Wort 'drama'. Im 'Akt' des Theaters werden Leiden und Gefühle, Irrtümer und Tugenden, Wesen und Schicksal' der 'dramatis personae' offen angesprochen und für viele Menschen dargestellt, weil sie für diese nicht nur faszinierend, sondern aus Gründen der Mitmenschlichkeit besonders sehenswert und lehrreich sind. Von dem Grundgedanken solcher 'Sehenswürdigkeit' leiten sich ja die ursprünglichen Bedeutungen der Worte 'Theater' und 'Spektakel' her. Die von Manet in seinem Akt-Bild dargestellte Frau hat wohl er, Manet, 'Olympia' genannt, was im Griechischen soviel wie 'olympische Göttin', vor allem 'Aphrodite', bedeutet. Ihr Schmuck ist in seiner Bescheidenheit anrührend und ihrer Schönheit dennoch genau angemessen. Aus fernem Afrika stammt eine schwarze Geschlechtsgenossin, die ihr einen üppigen Blumenstrauß überreicht. Im wirklichen Leben hieß Manets 'Olympia' Victorine und war wohl, wie ein späteres (1862) Porträt von ihr zeigt, eine gefaßte, etwas melancholische, in sich gekehrte und vielleicht auch enttäuschte Frau. Manets Botschaft könnte dann vielleicht lauten: das sind die Göttinnen, denen wir vertrauen dürfen, weil sie aus eigenem Erleben mit uns leiden.

Dieser Grundgedanke wird die vielfältigen Rezeptionen des Bildmotivs bestimmt haben, die sich öffentlich mit der an sich selbstverständlichen Kreatürlichkeit 'außeridealer' Sexualität befassen.

d) Das Bild der 'Bardame der Folies Bergères' spricht in, wie es scheint, leicht moral- oder kulturkritischer Absicht, vor allem die öffentliche Wirkung und Verwendung der Frauenschönheit an.

'Les Folies Bergère' ist eine seit 1872 in Paris bestehende Unterhaltungseinrichtung, die in zeittypischen Formen Konzerte einschließlich populärer Musik und 'komischer Opern', Varietétheater und Kabarett - heute vor allem 'Musicals' - anbot oder anbietet. Der Name 'Folies' bedeutet 'Dummheiten' im Sinne kleiner, unbedachter Unsittlichkeitetm im Rahmen 'ungewöhnlicher Vergnügungen'. 'Bergère' ist ein Straßenname in der Nähe seiner früheren und heutigen Adresse Rue Richer Nr. 32 im 9. Pariser Stadtbezirk. In den ersten Jahrzehnten seiner Existenz - vielleicht bis zur massenhaften Verbreitung des sprechenden Films und des privaten Fersehens seit den 1930er Jahren - war diese Vergnügungseinrichtung relativ singulär und - trotz hoher Eintrittspreise - entsprechend gut besucht

Die Programme enthielten vor allem neuartig Spektakuläres und Sensationelles aller Art - von Dressuren großer Tiere - wie Elefanten - bis zu Tänzen nur mit einem Bananen-Röckchen bekleideter, also nackter Tänzerinnen - wie Josephine Baker (1925). Schon in den Jahrzehnten des 19. Jhts. gab es außerdem zwei andere Attraktionen. Die Besucher der 'Folies' konnten offenbar polizeilich unüberwacht jede Art von Alkohol konsumieren und in einer polizeilich tolerierten sprachlosen Verständigungsweise Kontakt mit Liebesverkäuferinnen herstellen, denen ein unauffälliges Herumgehen und Tätigsein dort gestattet war.

Manet hat die Bardame aus den Folies Bergères künstlerisch so ins Auge gefaßt, daß ihre Frauenschönheit in jeder Hinsicht, wenn auch dezent, unterstrichen wird. Zugleich blickt die Bardame mit indifferentem Blick auf das vor ihr und einer Kollegin sitzende, in einem hinter ihr befindlichen Wandspiegel - dem Bildbetrachter zwecks Selbstreflexion erkennbare - Besucher-Publikum der 'Folies Bergères'. Sie wird nicht zu den unauffällig ansprechbaren Damen gehört haben, aber ausgeschlossen ist es nicht. Was Manet aber vor allem für darstellungswürdig gehalten haben wird, ist ihre trotz ihres desinteressierten Blicks in der Aufstützung der Arme zum Ausdruck kommende Wartehaltung und Magnetwirkung. Diese scheint bei Manet wiederum eine generelle Aussage über die Wirkung der Frauenschönheit zu enthalten, die sprachlich in den vielfältigen Facetten ihrer körperlichen Wirkungen - 'von Kopf bis Fuß', wie Marlene Dietrich es ausgedrückt hat - nicht leicht zu fassen ist. Generell tritt sie jedenfalls der Männerwelt kaum widerstehlich mit Geltungsselbstbewußsein und gewinnender Anziehung gegenüber, ungeachtet aller offenbar willentlichen Bemühung, beides als unerheblich oder unbeabsichtigt erscheinen zu lassen.

Dieser Bildgedanke ist eigentlich nicht provokativ, sondern seit jeher allseits selbstverständliche Lebenserfahrung. Provokativ ist vielleicht etwas anderes, nämlich die Werbe-Funktion der Frauengestalt, die in dem Bilde zum Ausdruck kommt. Sie wirbt - für den Variété-Betrieb, den Alkohol-Konsum, die Kontakt-Möglichkeiten, das angemessene Preis-Leistungs-Verhältnis - einfach nur durch ihre Präsenz, wie sie für viele andere Komsumartikel auch werben könnte. Manet wird dies nicht moralisch haben verurteilen, wohl aber in seiner Ambivalenz haben darstellen wollen: hier der 'einfache' Mensch weiblichen Geschlechts, dort die Frau als Werbungsfigur für beliebige Zwecke.

Diese Kontrastierung entspricht 'modernen' werbewirtschaftlichen Verhältnissen des 19. Jhts. und bestimmt insoweit die spätere Wirkungsgeschichte des Bildes, die das Motiv immer wieder in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen in irgendeiner Weise werbungskritisch-provokativ aufgreift

Die hier hervorgehobenen Bildmotive sind nicht die einzigen, mit denen sich Eisentraut befaßt. Insgesamt 130 Abbildungen analysiert er in ihren kunstgeschichtlich beachtlichen Inhalten, Entstehungsbedingungen und Wirkungszusammenhängen. In jahrelanger Tätigkeit hat er bei den vielen urheberrechtlich berechtigten Personen und Einrichtungen um Zustimmung zu einer Bildwiedergabe in seiner Arbeit geworben.

Ohne die Anschaulichkeit dieses vielfältigen Materials wären seine Ausführungen für viele Leser unverständlich geblieben. Anders gesagt: in der Sammlung dieser Genehmigungen liegt ein besonders hervorzuhebendes Verdienst dieser Arbeit und ihr dem entsprechender Wert für ein kunst- und kulturgeschichtlich aufgeschlossenes - auch ein nicht speziell kunstverständiges - Publikum.

Die zweite besonders wertzuschätzende Leistung der Arbeit für Wissenschaft und Allgemeinheit liegt in der Formulierung ihrer wirkungsgeschichtlichen Theoreme. Nur einige Kapitelüberschriften können dies hier andeuten.

a) "Manets Dekonstruktion von Giorgione und Tizian": Hier geht um den im kunstgeschichtlichen Sinne 'modernen', anti-'akademischen' Traditionsabbruch in der Malerei Manets.

b) "Porno-Attitüden": Hier geht es um 'tiefere', unter Umständen 'psychoanalytisch' deutungsbedürftige Ursachen einer demonstrativ antikonventionellen Anstandsüberschreitung bei der Darstellung nackter Körper, wie sie insbesondere in der zeitgeschichtlichen Kunst- und Bildkonsum-Welt üblich geworden sind.

c) "Warenästhetische Trivialisierung": Hier geht es um den gesellschaftlichen Prozeß der Ausblendung oder Beseitigung des philosophisch-wahrheitsorientierten Charakters der ideengeschichtlich seit alters traditionsreichen 'Asthetik' in den optischen Täuschungsmanövern beim massenhaften Warenabsatz und um ihre Reflexion in der 'modernen' Kunst.

d) "Sozioökonomische Recherche': Hier geht es um die Frage danach, wieso Manets Bilder schon während seines Künstlerlebens und erst recht späterhin - und bis heute - so hohe Preise auf dem 'Kunstmarkt' erzielten. Es wirkt schon als Widerspruch in sich, wenn ein ideelles, wahrheitsbezogenes Objekt überhaupt zur Kapitalanlage und somit zum Gegenstand des Handels werden kann. Es sind jedoch die 'Verwertungsrechte', die dies motivieren und mit einem schlechten Beigeschmack versehen. Eine Alternative wäre, ästhetisch wertvolle Kunst dieser Art ggf. dem Kunstmarkt zu entziehen und regelmäßig in öffentliches Eigentum zu überführen.

Die dritte beachtliche Leistung der Arbeit liegt in dem ständigen und notwendigen Bemühen um die sprachliche Parallelformulierung.der Bildaussagen. Gerade an dem vorliegenden Werk zeigt sich, daß die nüchterne, einfühlsame und auch erklärende sprechsprachliche Wiedergabe von Bildinhalten ein unerläßlicher 'zweiter Weg' zum Bildverständnis ist. Gerade hier bewährt sich Eisentrauts langjähriger Umgang mit dem von ihm bearbeiteten, mit Bedacht weit angelegten Thema.


Bearbeitung für das Internet : Christian Gizewski.

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