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Ratlose Erben: Die Erinnerung an die Antike und die Zukunft Europas

von Werner Dahlheim.

Der nachfolgende Beitrag ist entnommen aus: IMPERIUM ROMANUM. Studien zu Geschichte und Rezeption. Feststschrift für Karl Christ zum 75. Geburtstag. Mit Beiträgen zahlreicher (47) Autoren hg. von Peter Kneissl und Volker Losemann, Stuttgart 1978, S. 105 - 122. Die Veröffentlichung an dieser Stelle steht im Zusammenhang mit der Lehrveranstaltung Gizewski im SS 1998 Kap1.htm.

I.

Der Mensch steht bekanntlich zwischen Vergangenheit und Zukunft, und das Maß, in dem er sich dem einen oder dem anderen zuwenden mag, ist ihm freigestellt. So gibt es Zeiten, in denen er auf seine Tradition baut, da sie alles bereit hält, was er zur Selbstbestimmung und zur Orientierung braucht. Und es gibt Zeiten, in denen ihn das Neue zu überwältigen droht und am Horizont der Gegenwart kein Licht zu finden ist, das den Weg weist. In dieser Lage sehen sich die Europäer am Vorabend eines Tages, an dem sie nach dem Willen ihrer politischen Eliten gemeinsam in eine rosige Zukunft aufbrechen sollen. Daß dieser Tag mit dem Ende eines Jahrtausends zusammenfällt, macht die Sache nicht besser: Zu widersprüchlich klingen die Stimmen der Propheten, zu emsig buchstabieren sie die Zukunft meist nur in wirtschaftlichen Kategorien - zu allen Zeiten zu wenig, um einen großen Sprung zu wagen. Ist es also an der Zeit, sich an das Schicksal der römischen Republik zu erinnern, die an ihren Problemen zerbrach, obwohl ihre Bürger sie bewahren wollten? Ihnen hatte Livius, der Chronist ihrer Geschichte, zugerufen: "Wir leben in Zeiten, in denen wir weder unsere Fehler noch die Heilmittel dagegen ertragen." Ein Menetekel, gültig noch zweitausend Jahre später? (1)

Gründe dafür gibt es genug. Die Hoffnung auf himmlische Erlösung schwindet und mit ihr die moralischen Horizonte, die für viele Jahrhunderte die Grenze zwischen Gut und Böse, gültig für arm und reich, bestimmten. Die Macht irdischer Erlösungslehren ist dahin: Sie haben ihre blutige Spur durch das zu Ende gehende Jahrhundert gezogen und mit dem Untergang der kommunistischen Welt ihre letzten Gläubigen verloren. Die Versprechungen staatlicher Fürsorge für jedermann klingen plötzlich hohl, und ihre Glaubwürdigkeit schwindet mit der wachsenden Lautstärke, in der sie beschworen werden. Selbst die Demokratie, zu deren Verteidigung sich mehrere Generationen verschworen hatten und die als das ewige Fundament der Zukunft sicher schien, verliert im allgemeinen Unbehagen an der Politik ihren Glanz. Und schließlich und zu allem Überfluß fehlt seit 1989/90 der Gegner, dem zu widerstehen den freien Gesellschaften Bindung und Zusammenhalt gab. (2)

Selbst die Vision von einem geeinten Europa, lange mit fast religiöser Inbrunst beschworen und mit Herz und Verstand aufgenommen, verliert an Kraft. Schon die einfache Frage, wo es denn beginne und wo es ende, schafft Verwirrung. Denn wie alle Kontinente ist auch dieser ein Kind der Geographie und der Geschichte. Für die Geographen reicht er von der irischen See bis zum Ural, von Sizilien bis zum Nordkap. Für die Historiker sind seine Grenzen weniger leicht zu bestimmen: Das Reich Karls des Großen umfaßte nur ein Zehntel der heute geographisch begrenzten Fläche und reichte von den Pyrenäen bis zur Elbe, vom Golf von Tarent bis nach Friesland. Fünf Jahrhunderte später sah alles ganz anders aus: Dante, belehrt durch die Berichte italienischer Seefahrer, zeichnete Europa als Dreieck mit den Spitzen Skandinavien, Gibraltar und dem Schwarzen Meer.

Die Unsicherheit ist geblieben. Insbesondere verweigert die Moderne eine klare Aussage auf die Frage, ob Europa "vom Atlantik bis zum Ural" reiche, wie dies Charles de Gaulle wollte, oder ob Russland in ein europäisches und asiatisches Land zu teilen sei; ernstzunehmende Leute wie der Historiker Francois Furet oder der Soziologe Ralf Dahrendorf bestreiten gar, daß es überhaupt zu Europa gehöre. Die aktuelle Politik kämpft wie Laokoon mit den Schlangen, wenn sie entscheiden soll, ob sie die Türkei, von der die Geographen nur einen kleinen Teil, darunter aber Istanbul, zu Europa zählen, als europäischen oder ein asiatischen Staat behandeln muß. Und wem dies noch nicht verwirrend genug ist, braucht die Frage nach Europa nur mit dem boshaften Zusatz zu garnieren, New York sei doch wohl europäischer als das heutige Magdeburg.

Das Fazit ist schnell gezogen: Dieser europäische Kontinent entzieht sich, kaum daß man ihn betreten hat, jeder statisch-geographischen Definition, und er kann entschuldigend nur auf seine lange Geschichte verweisen, die ganz unterschiedliche Räume umfaßte. Wer aber sind wir in Europa? Denn irgend etwas haben die Europäer miteinander gemein, das selbst der Nationalismus und die ihm geschuldeten Bruderkriege nicht zerstören konnten.

Die Suche nach diesem "etwas" anzuführen, ist die originäre Aufgabe der Historiker. Von ihnen erhofft man Aufklärung, geeignet, heilsame Mittel gegen Zweifel und Unentschlossenheit zu finden. Denn wenn es die Geschichte ist, die Europas Identität ausmacht, so muß sich bestimmen und festhalten lassen, was in seiner Vergangenheit bewahrenswert und was zerstörerisch war. So sind viele bereit, zu langen Zeitreisen aufzubrechen, um ihre heutigen Sorgen mit historischer Anschauung zu füllen und von ihnen, wenn irgend möglich, befreit zu werden. Wo alles schwankt, verspricht der Rückzug auf die Ursprünge einen verrneintlich sicheren Halt. Zumindest kann er erklären, wie alles kam und warum zugrunde ging, was doch einst groß war. Der prophetische Blick in die Zukunft ist dem Historiker allerdings nicht gegeben. Wer in Versuchung gerät, halte sich tunlichst an Tesman, Hedda Gablers Mann, der, konfrontiert mit den genialen Zukunftsentwürfen seines Konkurrenten Lövborg, abwinkt: "Von der Zukunft! Herrjeh, aber von der wissen wir doch gar nichts!... Uber so etwas zu schreiben, das könnte mir nie einfallen!" (3)

 

 

II.

 

Europa: der Name ist griechisch. Er gehörte zunächst der schönen Tochter des tyrischen Königs Agenor; sie raubte Zeus in der Gestalt eines Stiers und entführte sie nach Kreta, um dort mit ihr Minos und Rhadamanthys zu zeugen: Der eine sollte im Reich der Toten das Szepter führen, der andere seine Heimat am Ende der Welt, im Elysium, finden. Aber auch die räumliche Anschauung der Griechen erhob Anspruch auf diesen Namen: Sie gab ihn erst wechselnden Orten in Griechenland, dann mit Hekataios und Herodot einem ganzen Kontinent. Beide teilten die Welt zunächst in Asien und Europa, dann in Asien, Lybien und Europa, beide konnten sich aber nicht erklären, was der geographische Begriff mit der Prinzessin aus dem asiatischen Tyros zu tun hatte. Der erweiterte Wortgebrauch entsprang einem wachsenden Bedürfnis nach Raumordnung und löste weitere Spekulationen über seine geographischen und ethnographischen Fixpunkte aus. Aber nur wenige quälte das Problem; die meisten hielten sich an Horaz, der an Kretas Strand die entführte und verzweifelte Königstochter von Venus selbst trösten hieß: "Lern, wie man trägt mit Würde ein so großes Glück! Wird die halbe Welt nach dir sich doch nennen." (4)

Herodot hat Europa definiert als einen Erdteil, der zum Objekt persischer Herrschaftsbegierde wurde und sich dagegen erfolgreich zur Wehr setzte. Dies deutet auf den ersten Blick auf eine Politisierung des Europabegriffes, ja auf die Ausbildung eines europäischen Bewußtseins; auf den zweiten zeigt sich jedoch sehr schnell, daß nur der Gegensatz zwischen Hellenen und Persern wirklich thematisiert wird: Es sind, so begründet Herodot einleitend seine "Forschungen", die Taten der Griechen und der Barbaren, die der Erinnerung wert sind; sie und die Gründe, warum sie Krieg gegeneinander führten, wolle er beschreiben. (5)

Mit den römischen Welteroberern veränderte sich der von Menschen erfaßte Raum. Ihr Ziel waren nicht die Vereinigten Staaten von Europa. Aber sie unterwarfen die Völker Spaniens, Galliens, Britanniens, Westgermaniens und des Balkans, verbanden sie mit den Menschen des Mittelmeerraumes, machten sie ihrer Sprache, ihrem Recht und ihren Lebensformen untertan und gaben ihnen das Bürgerrecht des Siegers. Was außerhalb davon blieb, wurde als Barbarenland charakterisiert, gelegen jenseits der eigenen kulturellen und moralischen Ordnung. Dort verschlangen Sumpf und Urwald alle Kultur. Aber auch die Unterschiede, die das unterworfene zentraleuropäische Binnenland jenseits der Pyrenäen, der Alpen und der Dinarischen Gebirge von den Ländern des Mittelmeers klimatisch, morphologisch, ethnisch und zivilisatorisch trennten, wußte Rom sehr genau zu benennen. (6)

In dieser durch Politik, Raum- und Kulturverständnis klar gegliederten Welt spiegelt sich ein erstes Abbild des späteren Europa. Die Zeitgenossen sahen natürlich nicht dies, sondern das Imperium, und was immer sie über Europa und seine Besonderheit gegenüber den anderen beiden Erdteilen herausfanden, gipfelte in einem Preislied auf die Herrlichkeit des römisch gewordenen orbis terrarum, in dessen Zentrum das Mittelmeer lag. (7) Aber es setzte sich in den Köpfen der Menschen fest, was schon die gewählten geographischen Begriffe nahelegten: Europa ist eine Welt besonderer Art, vielgestaltig und dank seiner geographischen Lage und seines Klimas besonders geeignet, die persönlichen und staatlichen Tugenden zu fördern. (8)

Was für die Ewigkeit geschaffen schien und so lange Bestand hatte wie die ganze Geschichte der sogenannten Neuzeit, zerfiel unter dem Ansturm germanischer und arabischer Krieger und im Streit christlicher Theologen. Von nun an gingen das Mittelmeer und Zentraleuropa ihre eigenen Wege. Das siebte Jahrhundert zeichnete schließlich drei Machtzentren auf die politische Landkarte: Byzanz, die Herrschaft der Kalifen und das Reich der Franken. Dessen Gründer, Karl der Große, war als Barbar gekommen. Sein Reich aber, obwohl weder römisch noch europäisch, sondern germanisch, bildete die Basis für das mittelalterliche Europa, dessen Herrscher sich ihren Untertanen als die Nachfolger des Augustus vorstellten und ihre Macht von der römischen Kirche segnen ließen. Sie wußten nichts von einem wie immer beschaffenen Europa-Gedanken: Die Leitideen, die ihrer Regierung den Weg wiesen, waren das Reich und die Christenheit. (9) Aber der Raum, den sie beherrschten, war die Wiege Europas.

Erst die äußere Gefahr durch die Türken und der Fall Konstantinopels 1453 hieß die christlichen Nationen näher zusammenrücken und machte ihnen bewußt, was ihnen allen gemeinsam war - von Aristoteles über Cicero bis hin zu den Kirchenvätern und dem Glauben an den einen Gott in drei Gestalten. Worte verlieh ihren Gedanken Enea Silvio Piccolomini, der als Papst den Namen Pius II. trug. 1454, die Trümmer Konstantinopels vor Augen pries er die Vielfalt Europas und die gemeinsame Herkunft seiner Völker und forderte Rache für die islamische Schändung der Hagia Sophia: "denn jetzt sind wir in Europa, d.h. in unserer Heimat (patria ), im eigenen Hause, in unseren angestammten Wohnsitzen heimgesucht und geschlagen worden." (10) Als die Bedrohung wich und mit ihr die Angst, die wie in den Perserkriegen die Griechen nun die europäischen Völker an das ihnen Gemeinsame gemahnt hatten, blieb die Erinnerung. Sie verstärkte sich bald in dem überschäumenden Gefühl, Europas Völker als Herren der Weltmeere zu sehen, berufen, allen Kontinenten ihre Ordnung zu geben. Im eigenen Hause aber verschärfte sich die alte Zwietracht, so sehr sich die Deutschen bis 1806 an die alte römische Reichsidee klammerten und so innig die Franzosen mit Napoleon von der Wiederauferstehung des weströmischen Reiches mit seinem Kaiser, seinen Senatoren und seinen Legionsadlern träumten.

Die Zwietracht siegte. Nichts mehr wollten die europäischen Völker von Gemeinsamkeiten wissen, kaum daß sie Napoleon auf die im Südatlantik verlorene Insel Sankt Helena verbannt hatten. Berauscht schließlich von dem Gedanken, daß Gott allein mit Volk und Nation sei, fielen sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts übereinander her und kamen erst wieder zur Besinnung, als der Sieg im Angesicht der angerichteten Zerstörung nichts mehr zählte. Jetzt, nach 1945, erklärten sich die ruinierten Völker bereit, das sie Verbindende höher zu schätzen als alles, was sie trennte. Zum Leitthema der Politik wurde, was man solange vergessen oder verleugnet hatte: Europa. Das Wort wurde zum Programm, ja es klang wie eine Verheißung, und es versprach, mit dem eigenen selbstmörderischen Schicksal doch noch fertig werden zu können. Und es gab zum erstenmal die Kraft, Einrichtungen zu schaffen und Maßnahmen zu treffen, die das Ideal mit Leben füllten und am Ende des Weges eine übernationale Großmacht Europa sichtbar machten.

 

 

III.

 

Es gehört zum Beruf des Historikers, solche Überlegungen anzustellen. Sie beweisen aber im Grunde nur eins: Europäer, die Wege in die Zukunft suchen, sind es gewohnt, Umwege zu machen und erst die Hütten und Paläste der Vergangenheit zu betreten, bevor sie handeln. Was Wunder also, daß sich auch jetzt die Versuche mehren, die großen Hoffnungen, die das Zauberwort vom geeinten Europa weckt, in den Tiefen einer langen Geschichte zu verankern. "Was bin ich für dich", will Seneca von seinem Verteidiger Diderot wissen, "welche Verbindung, die der Ablauf der Zeiten nicht zu zerreißen vermochte, kann zwischen uns bestehen?" (11) Romantische Schwärmerei oder die zeitlose Pflicht, den Toten ihre Ehre bewahren zu müssen? Nein, sagt der französische Historiker Jacques le Goff: ,,Ein geschichtsloses Europa wäre ohne Herkunft und ohne Zukunft", lockt er die zögernden Käufer einer Buchreihe mit dem programmatischen Titel ,,Europa bauen." Und er fügt hinzu: ,,Denn das Heute entstammt dem Gestern, und das Morgen entsteht aus dem Vergangenen."

Wie weit aber muß man in die Vergangenheit reisen, um die Wurzeln Europas zu finden, und - wenn man sie gefunden hat -: wozu sind sie gut?

Le Goff und mit ihm viele zweifeln keinen Augenblick, wohin es zu gehen hat. Entschlossen stürzen sie sich in die Geschichte der alten Griechen und Römer, um dort die ersten Spuren Europas und mit ihnen etwas über dessen künftige Perspektiven zu finden. (12 ) Es ist eine weite und beschwerliche Reise, die sie sich und ihrem Publikum zumuten. Nicht jeder versteht ihre Notwendigkeit, nicht jeder glaubt an den Nutzen von Zeitreisen, wenn die Probleme der Gegenwart auf den Nägeln brennen, und schon gar nicht jedem will ihr antiker Ausgangspunkt einleuchten, von dem ohnehin nur eine rasch schwindende Minderheit auf der Schule gehört hat. So tut man gut daran, das Unternehmen als Kavaliersreise anzutreten und sich bewußt zu sein, daß der erste Wegbegleiter der Gehorsam gegenüber einer langen Konvention ist.

Sie allerdings hat besonderes Gewicht. Denn in ihr spiegelt sich, was einmal ein wesentliches Stück europäischer Geschichte ausmachte, ja diese unverwechselbar bestimmte. Wann immer sich dort Menschen aufmachten, Abschied von ihrer eigenen Welt zu nehmen und eine bessere jenseits des eigenen Horizonts zu finden, wandten sie den Blick zurück in das ferne Land der Antike und baten ihre Bewohner um Hilfe. Ihnen gaben sie das Leben zurück, indem sie ihre Texte restaurierten, und von ihnen hofften sie eine Wahrheit zu erfahren, über die keine Tradition Macht haben konnte. Als sie fanden, was sie gesucht hatten, kehrten sie die Lehren der Antike gegen das als Fessel empfundene Herkommen.

Der Vorgang ist singulär und bedarf der Erklärung. Zunächst: Das antike Erbe hatten die Völker, die die Verteidiger des Römischen Reiches im 5. und 7. Jahrhundert besiegten, nicht völlig vernichtet. Zwar wandte Konstantinopel, das "zweite Rom", sein Gesicht nach Osten, aber es existierte und lebte von unmittelbarer römischer Kontinuität; zwar herrschten die Könige der neuen Reiche Nord-und Mitteleuropas über Barbaren, aber sie begehrten Autorität als römische Kaiser und Nachfolger des Augustus; zwar hatten die Christen nach ihrem Sieg über die Götter Roms den antiken Statuen die Köpfe abgeschlagen, um ihren Geist aus dieser Welt zu vertreiben, aber ihre Kirche blieb in Sprache und Verwaltung römisch. Und vor allem: Gott sprach in den alten Westprovinzen des Imperiums zu den Seinen ausschließlich in der Sprache Ciceros, seit Hieronymus am Ende des vierten Jahrhunderts die Bibel ins Lateinische übertragen und die Kirche Übersetzungen in die Volkssprachen verboten hatte.

So sah sich der Mensch des Mittelalters in eine Ordnung eingebunden, in der jedermann auf die Vereinigung mit dem unter Pilatus gekreuzigten Gottessohn hoffte und sich den Nachfolgern des Petrus und des Augustus beugte. Aber so verschwommen und bruchstückhaft die Kenntnisse von der Welt der Alten auch sein mochten, vergessen wurden sie nie. Ohnehin harrten die großen steinernen Bauten der Amphitheater, Thermen, Wasserleitungen und Straßen in den alten Römerstädten aus: Als Kirchen oder öffentliche Bauten übernahmen sie neue Aufgaben oder wehrten sich zäh gegen die Spitzhacken, die zumeist zu schwach waren, um ihnen ganz den Garaus zu machen. Und der kleine Mann, der nicht lesen und schreiben konnte und die Welt nahm, wie sie kam, hörte einmal im Jähr die Geschichte von der Niederkunft des Gottessohnes auf Erden in jenen Tagen, als "ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging."

Alles dies, so wichtig es für die historische Entwicklung des europäischen Mittelalters gewesen sein mag, ist nichts gegenüber dem, was sich seit dem 14. Jahrhundert in Italien und bald in ganz Europa bis hinein in das 19. Jahrhundert abspielen sollte. Am Anfang stand der Aufbruch der besten Köpfe Italiens in die Klöster des Nordens, um dort die Reste der verstreuten römischen Literatur zu bergen und mit den Künsten der Philologie wiederherzustellen. Dazu trieb sie nicht die Leidenschaft des Forschers, sondern der Eifer des Weltverbesserers. Denn jedes dem Vergessen entrissene Wort, jede den armseligen Resten abgerungene Erkenntnis diente als Anklage gegen die Tradition und als Rechtfertigung eines neuen Weges in die Zukunft. So feierten die Zeitgenossen alle in diesem Geist vollbrachten Totenbeschwörungen als einen Akt der Selbstfindung, über den die "aus dem Grab ans Licht" gebrachten antiken Klassiker als neue Heilige wachten.

Der Vorgang wiederholte sich in den kommenden Jahrhunderten in immer neuer Gestalt. Bald erfaßte er alle Bereiche der Literatur, der Kunst, der Theologie, der Philosophie und des Rechts. Vor allem aber steigerten die auferstandenen Alten ihre öffentliche Macht. Dabei boten sie ihre guten Dienste jedermann an - den regierenden Fürsten wie den Aufbegehrenden: Jenen in der Pracht und dem Ethos römischer Kaiser, diesen in den Helden der römischen Republik und den Idealen der griechischen Demokratie.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts schienen sie allgegenwärtig: in Versailles und Potsdam gastierten Cicero, Seneca, Mark Aurel und Vitruv, in Trianon hüllten sich die Königin Frankreichs und ihre Hofdamen in griechische Gewänder und spielten ihren Traum von Arkadien. Derweil kniete in Rom der Deutsche Winckelmann stellvertretend für den deutschen Bildungsbürger vor den römischen Kopien griechischer Statuen und verehrte sie als Sendboten eines Goldenen Zeitalters. Dort suchte er mit seinen Jüngern nicht den Staat, nicht eine die Welt bessernde normative Ethik, sondern jenes "zephirleichte reine Leben", das wenig später Schillers Hymnus an die Götter Griechenlands als Ideal beschwor. Über das trübe Jetzt legte sich ein Schleier weltflüchtiger Hoffnungen, die von allen sozialen Beschränkungen, die das Leben peinigten, befreien sollten.

Was in Deutschland zur Flucht aus der Welt verhalf, glimmte anderorts als Lunte unter einem Pulverfaß politischer und sozialer Mißstände. Als Winckelmann stolz darauf war, "der größte Grieche zu sein in Rom", riefen jenseits des Atlantik meuternde Kolonisten mit Polybios und Cicero in der Faust nach einer neuen Verfassung. Gleichzeitig verhöhnten in den Schulen Frankreichs die Helden des Livius und des Plutarch die Zensur und forderten herrisch selbst im kirchlich autorisierten Lehrplan einen zentralen Platz. Von ihnen geleitet und geschützt vor den mißtrauischen Augen staatlicher Spitzel studierten die späteren Führer der Revolution von Horaz bis Tacitus alles, was der klassische Bildungskanon hergab.

Dieses Rom, das ihnen hier begegnete, war ein ganz anderes als das, was in Versailles herrschte. Es sprach nicht von der Herrlichkeit absolutistischer Macht und lud auch nicht ein, von Arkadien zu träumen. In diesem Rom herrschten harte und fordernde Heroen, die ihr Leben der Republik und der Freiheit verschrieben und geopfert hatten. Dieses Rom verkündete seinen Jüngern einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft, an deren Wiege als Paten Umsturz und Revolution stehen sollten.

Als es so weit war, feierte die Antike ihren letzten großen Triumph. "Heben wir unsere Herzen empor zu den republikanischen Tugenden und zu den Vorbildern der Antike", beschwor am 25. Oktober 1793 Robespierre den Nationalkonvent und alle Franzosen. Als hätten sie es nicht bereits im Übermaß getan! Denn je tiefer die Revolution in unbekanntes, von keiner Tradition mehr berührtes Neuland vorstieß, um so heftiger klammerte sie sich an die antiken Vorbilder.

Diese versagten ihre Hilfe nicht. Sie waren da, als die Zeit gekommen war, einen von Gott gesalbten König unter das Fallbeil zu schicken, sie wiesen auf Cicero, als es galt, Modelle für eine neue republikanische Staatsordnung zu entwerfen, und sie sandten ihre Märtyrer, als der passive Untertan in einen aktiven Bürger verwandelt werden mußte, der bereit war, dem jenseits von König und Altar gegründeten Staat alles zu geben - selbst das eigen Fleisch und Blut. Am Ende spendeten sie Trost den Gescheiterten, denen, die wie Madame Roland im Gefängnis und in Erwartung des Henkers Abschied von der Revolution nahmen, die nicht mehr die ihre war:

"0 Brutus! dessen kühne Hand vergeblich die korrumpierten Römer befreite, wir haben uns geirrt wie Du. Diese lauteren Männer, deren glühendes Streben der Freiheit galt, die ihr dienten, indem sie sieh in strenger Zurückgezogenheit philosophischen Studien widmeten, diese Männer haben sich wie du vorgegaukelt, der Sturz der Tyrannei werde die Herrschaft der Uerechtigkeit und des Friedens einleiten; doch er war nichts als das Signal für den Ausbruch haßerfüllter Leidenschaften." (13)

Alle diese und beliebig andere Beispiele zeigen: Jeder Ruf nach der Antike kam aus der Not der Zeit. Sie wies denn auch einer Revolution den Weg in das ferne Rom, die ihre Ziele in Bilder kleiden mußte, die den breiten Massen Orientierung für das Ungeheuerliche bot, das sie ins Werk setzten. Auf historische Genauigkeit im Umgang mit der fernen Vergangenheit kam es dabei zuallerletzt an. Hier ging es nicht um Philologenwerk, sondern um praktische Politik, der aufgegeben war, die Fesseln der eigenen Geschichte gewaltsam abzuwerfen. So griffen die Revolutionäre Frankreichs ungeniert nach einem Bild der romischen Republik, das bereits Livius und andere antike Autoren liebevoll gefälscht hatten, um es der eigenen Zeit als leuchtendes Beispiel verlorener Größe vorzuhalten. Das, worauf der suchende Blick der Revolution fiel, war nicht die historische Wirklichkeit Roms, sondern seine Legende, und die Helden, deren Tugenden man folgen wollte, waren nur geisterhafte Gestalten der römischen Frühzeit.

Genug des historischen Parforceritts. (14) Er reicht aber aus, um auf die Frage zu antworten, wie weit man eigentlich in die Vergangenheit reisen müsse, um die Wurzeln des modernen Europa zu finden: Am besten bis in die Antike, zumindest aber bis in das 14. Jahrhundert. Denn von seinen Anfängen bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts, zwischen Petrarca und Robespierre, schwebten in Europa antike Schutzengel über jedem Aufbruch zu neuen Ufern. Je entschlossener er getan wurde, um so entschiedener wandten sich die Täter an griechische und römische Vorbilder. Nicht um sie nachzuahmen, nicht um deren ferne Welt wieder zum Leben zu erwecken, sondern um von ihnen gewappnet das überkommene Weltverständnis zu stürzen und das Neue wagen zu können. Kolumbus kannte die Einsicht des Aristoteles, daß die Erde eine Kugel sei, und fuhr nach Westen. Die Männer der Revolutionen lasen Plutarch und Cicero und kehrten das Unterste zuoberst. Ihre antiken Lehrer hatten sie zur Veränderung der Welt gedrängt und ihre Geisteshaltung so entscheidend geprägt, "daß es fraglich erscheint, ob sie ohne dieses leuchtende Beispiel überhaupt je gewagt hätten, sich auf das einzulassen, was dann doch beispiellos sein sollte." (15)

Dies ist europäisch im strengen Sinne des Wortes, d.h. es grenzt Europa gegenüber allen anderen Zivilisationen dieser Erde ab. Nur hier finden wir diesen einzigartigen Prozeß, "in dem die Besinnung auf klassische Vorbilder und der Aufbruch zu offenen Erkenntnishorizonten miteinander verschränkt und kausal aufeinander bezogen sind." (16)

 

 

IV.

 

Eine zweite Frage ergibt sich zwingend aus der Antwort auf die erste: Warum ist das heute ganz anders, warum fragt niemand mehr die Antike um Rat? Warum gäbe sich der Lächerlichkeit preis, wer der Jugend mit John Adams versichere, daß bei den Alten alles zu finden sei und bei Sallust, Cicero, Tacitus und Livius die für das Leben wichtigen Weisheiten und Tugenden gelernt werden könnten? (17 )Warum kann niemand mehr die sakrale Weihe verstehen, mit der noch die Klassiker die Hallen der Alten betraten? Weil der Nutzen dahin ist, den Goethe so schön beschrieb: "Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden" (Maximen und Reflexionen).

Die Verantwortlichen sind leicht auszumachen: Es waren zum einen die umstürzenden Veränderungen der Welt, welche der Industriellen Revolution folgten und wie das Haupt der Medusa das Leben in den Schriften der Alten versteinerten. (18 ) Zum anderen waren es die Historiker, die unerbittlich wie der Erzengel Michael die Heroen Roms aus der Gegenwart vertrieben und in ihre ferne Welt zurückkehren hießen. Verehrern wurde jeder Gedanken an Nachahmung verboten. "Die alte Geschichte", empörte sich Niebuhr, "ist in den verflossenen Jahren mehr denn einmal als Roman mißbraucht worden, um Anspielungen auf die gegenwärtigen Schicksale Europas vorzubringen: Eure königliche Majestät werden mir, wie ich hoffe, die Gerechtigeit widerfahren lassen, überzeugt zu sein, daß ich mich nicht einmal versucht finden könnte zu einem unsinnigen Betragen, welches ich verachte." (19)

Niebuhr dachte an seine eigene Zeit, als er diesen Brief schrieb, und seine Gegner waren die Revolutionäre Frankreichs, die ihre Forderung nach einer Neuverteilung von Grund und Boden mit dem Schlachtruf ,,loi agraire" (lex agraria) vorgetragen hatten. Der aktuelle Anlaß darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß in diesen Jahrzehnten ein Glaubenssatz zerbrach, der auf der Gewißheit ruhte, der Mensch, seine vergangene und jede zukünftige Geschichte seien grundsätzlich gleichartig und die Geschichte könne daher als Lehrmeisterin des Lebens befragt werden. ,,Betrachte einmal die Zeiten des Vespasian", versicherte Mark Aurel seinen Lesern, "und du wirst alles finden wie heute" (Selbstbetrachtungen 4,32). Nichts davon durfte jetzt noch gelten.

Vorboten des Abfalls vom Glauben an die grundsätzliche Gleichartigkeit geschichtlicher Abläufe waren bereits in den Jahrzehnten der Aufklärung aufgefallen. Deren Bannerträger wußten sehr wohl um ihre Einzigartigkeit im bisherigen Gang der Weltgeschichte. Endgültig stürzte die alte Gewißheit, als im 19. Jahrhundert die gesellschaftlichen Umbrüche fortschritten und die Schlote der neuen Industrielandschaften Vergleiche mit früheren sozialen Ordnungen nicht mehr zuließen. (20 ) Am Ende verfiel sie gar der öffentlichen Mißachtung, als in den Kriegen dieses Jahrhunderts dem Menschen ein Anschauungsunterricht sondersgleichen über die Abgründe erteilt wurde, in die er zu stürzen vermag. Dort liegen auch die alten Ideale des deutschen Gymnasiums begraben: Als es unter den Diktaturen hart auf hart ging und das nackte Dasein auf dem Spiel stand, zeigte sich erbarmungswürdig schnell, daß sie der verzweifelten Kreatur weder Halt noch Trost geben konnten. Dort ruht auch die von der überkommenen humanistischen Ausbildung tief geprägte Vorstellung, die Antike könne einen Ersatz für das verlorene christliche Weltbild bieten oder zumindest Orientierungspunkte bei der Suche nach einer Moral und Ethik liefern, die nicht mehr die Gebote Gottes, sondern die eigenen Fähigkeiten bestimmen sollten. (21)

Die Historiker taten das ihrige keineswegs zufällig just in dem historischen Augenblick, als die Industrielle Revolution den Bruch mit der Vergangenheit unheilbar gemacht hatte Mit Beginn des 19. Jahrhunderts rückten sie den Griechen und Römern mit wissenschaftlichem Ernst zu Leibe und stießen ihre Helden zurück in die Tiefe der Geschichte. Dort mußten sie ihre Blößen zeigen, Armut und Not, Machtgier und Krieg, Unterdrückung und Sklaverei bekennen und von Gemeinheit und Größe sprechen - kurz: unter den erbarmungslos kritischen Augen der Historiker verwandelten sie sich in Menschen aus Fleisch und Blut und verloren bereits wenige Jahre nach ihrem letzten Triumph in Revolution und Klassik ihren unsterblichen Glanz. (22)

Dieser Vorgang war in seinem Ergebnis europäisch und hatte allenthalben die gleiche Konsequenz: An die Stelle einer als Teil des eigenen Lebens anerkannten Antike trat die historisch erforschte. Sie ist "als Einheit und Ideal dahin", lautete bündig die im Jahre 1900 auf einer deutschen Schulkonferenz gezogene Bilanz, und ihr Sachwalter Wilamowitz fügte hinzu: ,,Die Wissenschaft selbst hat diesen Glauben zerstört, wir dürfen sagen im Hinblick auf die Kunst ebensowohl wie auf die Wirklichkeit. An die Stelle der ästhetischen ist die geschichtliche Betrachtung getreten." (23)

 

 

V.

 

Die Folgen liegen weitere hundert Jahre später offen zutage: Die Klassische Philologie verzehrt an Schulen und Universitäten ihr Gnadenbrot, und die antike Hinterlassenschaft liegt liebevoll eingesargt in frostigen Sälen von Bibliotheken und Museen. Durch sie drängen sich viele tausend Besucher, aber niemand mag mehr die pietätlose Frage an die stummen Zeugnisse richten, was sie denn mit uns noch zu tun hätten. Wer es gut meint, spricht von der Poesie der Ferne, beteuert aber sofort, alles dies sei doch sehr fremdes und für Ratsuchende gesperrtes Terrain. Denn Arbeit und Alltag, Leben und Tod der Alten hätten ihre eigene Würde und seien eingebettet in ein materielles und geistiges Bezugsnetz, das Vergleiche zur Gegenwart verwehre.

,,Nichts liegt weiter von uns entfernt," schreibt denn auch der französische Historiker Paul Veyne, berufener Wortführer dieser Position, ,,als diese antike Zivilisation; sie ist exotisch, was sage ich, sie ist der Vergangenheit anheimgefallen, und die Gegenstände, die unsere Ausgrabungen zutage fördern, sind so erstaunlich wie Aerolithen." Wozu sie also noch in die Hand nehmen? Um uns zu erlauben, sagt Veyne, "aus uns selbst herauszugehen", uns zu zwingen, "die Unterschiede zu explizieren, die uns von ihr trennen." (24)

Distanz heißt das neue Zauberwort. Distanz schaffen zur betriebsamen Gegenwart, Abstand gewinnen von scheinbaren Selbstverständlichkeiten, Kontraste markieren und nicht "die Vorahnung des zukünftigen Westeuropa zu beschwören." Nur dies könne dem Studium der Alten noch einen Sinn geben und das verlorene Publikum zurückholen. Dazu allerdings - der Einwand liegt so nahe, daß er Veyne selbst in den Sinn kam - taugen auch der Anblick der Pyramiden oder der Wigwame der Indianer. (25)

Es ist verführerisch, von der Anziehungskraft der Ferne zu sprechen. Enthebt doch der in den Vordergrund gerückte pädagogische Nutzeffekt der elenden Pflicht, immer von neuem begründen zu müssen, wozu gut sei, was man tue. Denn praktisch bedeutet das Preislied auf die Fremdheit der Antike die Aufgabe jedes Versuches, die Geschichte Europas in eine antike und nachantike Phase zu teilen und nach Verbindungslinien zwischen beiden zu suchen, die auch die Gegenwart erfassen.

Dieser Gedanke gefällt nicht jedem, und er ist auch schwer durchzuhalten. Das gebildete Publikum, das Vergil und Dante, Cicero und Montesquieu gelesen oder die Architektur europäischer Hauptstädte durchwandert hat, wird eher an Nähe als an Ferne denken. Soll man daraus also den entgegengesetzten Schluß ziehen und erklären, die Alten seien modern, hätten wesentliche Bedingungen unserer Existenz geschaffen und stünden noch immer als Lehrmeister bereit, den Weg in die Zukunft planbar zu machen? So mancher ist sich dessen sicher, und es fehlt nicht an Versuchen, die Modernität der Antike neu zu entdecken. Sammelbände zu diesem Thema mehren sich, in denen um ihre Existenz bangende Philologen, Historiker und Archäologen die Aktualität ihres Gegenstandes beschwören. (26) Ein jüngst gegründeter Arbeitskreis "Alte Geschichte für Europa" verkündet gar landauf, landab: "Europa braucht die Antike". Denn so sagen seine Gründer - es "braucht eine politische und kulturelle Vision seiner Einheit, die die Herzen der Menschen erreicht und ihre Phantasie beflügelt." (27)

Leider braucht jede Vision ein bestimmtes Maß an Haftung in der hier und jetzt bestehenden Wirklichkeit. Sie aber gibt es nicht mehr. Denn im öffentlichen Bewußtsein verschwinden die antiken Welten und ihre Geschichten und Mythen mit wachsender Geschwindigkeit im Nebel des Vergessens. Daran ändert nichts, daß auf den Bühnen der ganzen Welt antike Dramen wie nie zuvor aufgeführt werden (28) und allsommerlich ganze Trecks nach Süden aufbrechen, um in Athen, Rom oder anderswo die Reste der Alten Welt zu bestaunen. Weit aufschlußreicher ist das Schicksal des humanistischen Gymnasiums, in dem der Altphilologe regierte und dessen Stundenplan Latein und Griechisch dominierten: Es ist seit langem auf den Minderheitenschutz wohlmeinender Kultusbürokratien angewiesen, und dies keineswegs zufällig. Denn es verlor erst seine Autorität, dann den breiten Saum des Literarischen und Künstlerischen, mit dem es umgeben war und der ihm öffentliches Interesse verschaffte, und schließlich den zugkräftigen Ruf, Kaderschmiede künftiger Eliten zu sein.

Es bleiben andere Plätze, auf denen die Antike paradiert. Dort ist ihr auch eine gewisse Popularität sicher. Am Leben erhalten wird sie dies nicht - so besonders reizvoll alles dies sein mag: So steigen die Bürger des künftigen Europa in ein Auto, auf dem ,,Clio" steht oder dessen Sicherheit die römische Kampfform der Schildkröte garantiert; der angehängte Wohnwagen trägt den schwungvollen Namen "Karthago", die Rastätte unterwegs hört auf den Namen "Tantalos" und lädt zum "Römerpils", die dort aufgehängten Werbeplakate raten zu Hemden, die Zeus selbst trägt, und der unvermeidliche Hund wird mit "Hannibal", der "Jumbomahlzeit für Hunde" verwöhnt.

So viel Antike von der Wiege bis zur Bahre, frei von allen Fesseln eines schwer zu erlernenden Bildungskanons war sie nie. Aber sie ist für die meisten Menschen nichts als ein Ruinenfeld, das zu durchstreifen ab und an amüsant sein kann. Aber es bietet nichts, was imponiert.

Im Ernst: Europa braucht auf seinem Weg zu einer neuen Ordnung die Antike nicht - jedenfalls nicht die, die ihm zweihundert Jahre historische Forschung bar jeder Verklärung zeigt. Natürlich wird es der Antike auch künftig nicht an Verehrern mangeln, und gewiß wird sie eine schier unerschöpfliche Requisitenkammer für Kostümierungen in Literatur, Kunst, Architektur und Politik bleiben. Die Zeit der Renaissancen jedoch ist unwiderruflich dahin: Europa hat schon vor zweihundert Jahren Abschied von seinen antiken Schutzengeln genommen. 1904 bereits hatte es der Historiker Karl Lamprecht auf den Punkt gebracht: Die Antike vermag uns keine Ideale mehr zu bieten, "die über uns und unsere Entwicklungsstufe hinaus liegen. Das ist der Grund, warum auch so gewaltige Entdeckungen und neue Aufklärungen über die Antike, wie sie das letzte Menschenalter gebracht hat, keine neue Renaissance haben heraufführen können. Die normative Geltung der Antike war dahin."

 

 

VI.

 

Was also bleibt den europäischen Erben von der Welt der Antike, nachdem ihre Tore von den Historikern für ratsuchende Pilger für immer verschlossen wurden und die Erinnerung an sie schwindet? Zunächst: man kann von einem Erbe zehren, ohne viel davon zu wissen. Ob sie es nun gelernt haben oder nicht: Menschen handeln, denken und fühlen geleitet von einem Bewußtsein, dessen Wurzeln ihnen nur selten deutlich sind. "Rom ist an allen Enden die bewußte oder stillschweigende Voraussetzung unseres Anschauens und Denkens", heißt es bei Jacob Burckhardt. (29) Rechtsstaatliches Denken z.B. ist eine Erfindung der Römer, ebenso der Gedanke von der Überlegenheit einer übernationalen Ordnung, ebenso die Vision vom ewigen Frieden unter den Menschen. Alles dies hat der Lauf der Zeit tausendfach verwandelt, so daß nur wenige den eigentlichen Ursprung dieser Ideen erkennen. Es ändert dies nichts an ihrer Wirksamkeit.

Wer dies als Geisterbeschwörung charakterisieren will, hat nicht unrecht. Er wird für alles Folgende besonders nachdrücklich darauf drängen, scharf zu trennen zwischen dem, was die Antike für die Geschichte Europas einst bedeutete und heute verloren ist, und dem, was von ihr noch beanspruchen kann, lebendige Wirklichkeit zu sein. Das erste macht die Besonderheit der europäischen Geschichte aus und provoziert die bange Frage nach dem Preis, den Europa für die Emanzipation von seinen antiken Vorbildern zu zahlen hatte. (30) Das zweite kann die Suche nach Orientierung und nach Wegen in die Zukunft fördern. Beides zusammen mag sich zu einem Bewußtsein von Einheit verdichten, von Bindung und Zusammenhalt künden, kurz: eine Saite zum Schwingen bringen, die stumm bleibt, wenn der suchende Blick auf nichteuropäische Kulturen fällt.

Die Bedeutung der Antike für die Geschichte Europas ist dramatisch und prägend. Denn nur in Europa, so sahen wir, wurde an den entscheidenden Wegkreuzungen das jeweils Neue bewältigt durch den Rückgriff auf die antike Kultur, die doch weit jenseits des eigenen Horizontes lag. Keine andere Zivilisation der Erde, weder China noch Byzanz oder die islamische Welt, kennt in ihrem Geschichtsverständnis eine Hochkultur wie die Griechenlands oder Roms, die für Jahrhunderte abbricht, um dann wie Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen und den Vorkämpfern einer neuen Weitsicht den Weg zu bahnen. Anders: Jenseits und in bewußter Abkehr von der Tradition verbündeten sich für viele Jahrhunderte antike und europäische Geschichte; sie lösten sich erst wieder voneinander, als die Lebensumstände ihre prinzipielle Vergleichbarkeit verloren und die moderne Historiographie die gerufenen Schutzgeister wieder an ihren historischen Ort bannte.

Hier findet sich denn auch die erste Aufgabe, deren Lösung den professionellen Vertretern der altertumswissenschaftlichen Disziplinen die Hoffnung geben kann, ihren Fächern im öffentlichen Bewußtsein neue Autorität zu verschaffen. Die Althistoriker werden dabei von den Klassischen Philologen, den Rechtshistorikern und den Archäologen lernen müssen. Denn diese waren sich immer bewußt, daß die europäischen Renaissancen ihren Disziplinen Leben, Wachstum und Ruhm schenkten Und sie haben daraus die Einsicht gewonnen, daß Größe und Bedeutung der antiken Autoren auch und gerade in ihrem Fortleben faßbar wird: "Zu zeigen, was gewirkt hat und was zu wirken vermag, ist auch eine Aufgabe der Literaturgeschichte", steht richtungsweisend in der Einleitung der Geschichte der römischen Literatur von M. von Albrecht. (31) So werden auch die Althistoriker früher oder später ihre über zweihundert Jahre lang bearbeiteten Felder verlassen und die elementare Gewalt schildern, mit der sich die wiedererweckten Toten der Antike viele Jahrhunderte lang gegen die eigene Gegenwart ins Feld führen ließen.

Was als lebendiges Erbe blieb, erfährt bis heute jedermann täglich: das Christentum. Es ist ungeachtet aller Verwandlungen, die ihm die Geschichte aufbürdete, unverrückbar an seinen antiken Ursprung gebunden. Denn solange es Christen gibt, werden sie zu einem Mann beten, der als jüdischer Untertan Roms unter Augustus geboren wurde und unter Tiberius starb. Sein Befehl, die Botschaft von seiner Erlösungstat allen Menschen zu bringen, war abhängig von der universalen Macht Roms und wäre ohne sie nicht gesprochen worden. Und seine Apotheose als Sohn Gottes, der für die Sünden der Welt litt, von den Toten auferstand und sich mit allen Menschen am Jüngsten Tag vereinigen will, entsprang der griechisch-hellenistischen Vorstellungswelt. Im Lichte dieses Glaubens verwandelten die ersten Christen, obwohl willentlich Fremde in dieser Welt, alle bis dahin anerkannten Werte des menschlichen Lebens. Denn die versprochene Wiederkehr des Gekreuzigten und die Hoffnung, an der Herrlichkeit seiner Auferstehung teilzuhaben, gaben dem Leben eine neue Bedeutung und dem Einzelnen neue Würden.

Zwei davon prägen unverwechselbar zweitausend Jahre europäische Geschichte: Die Würde des Individuums jenseits von Herkunft und Stand und die Trennung von weltlicher und geistlicher Macht als Konstante des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. (32) Auch diese Grundsätze sind wie viele andere auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte vielfältig bereichert, den jeweiligen Erfordernissen angepaßt und schließlich säkularisiert worden, als das Christentum den Kampf um die geistige Vorherrschaft aufgab. Aber sie sind unverwechselbare Fäden, mit denen europäische Identität geknüpft wurde.

Hier findet sich das zweite Betätigungsfeld, auf dem Erfolge zu erwarten sind, welche die Antike aus dem Sumpf der allgemeinen Gleichgültigkeit ziehen: die Erforschung der Anfänge des Christentums unter historischen Vorzeichen. Dazu hatte schon 1936 A. Momigliano seine Zunftgenossen aufgerufen - nicht von ungefähr ohne Erfolg. Denn die Aufklärung und die in ihrem Gefolge wachsende Abkehr von allen religiös bestimmten Deutungen des menschlichen Lebens hat die Entwicklung der jungen Geschichtswissenschaft tief beeinflußt. Viele ihrer Vertreter waren wie ihr strenger Regent Mommsen überzeugte Liberale und den Idealen der Achtundvierziger Revolution zeitlebens verbunden. Die Zukunft, daran zweifelten nur wenige, gehörte den aufgeklärten Geistern und nicht den etablierten Dienern antiker Religionen. Diese schienen ohnehin von der modernen Welt Abschied nehmen zu wollen: Wer sich der protestantischen Lebensführung verschrieben hatte, "für den bekam alles einen wesentlich konservativen Zug", was auf die Bewahrung der Werte einer patnarchalisch-ständischen Welt hinauslief. (33) Die katholische Kirche sah sich besonders herber Kritik ausgesetzt: Als das Erste Vatikanische Konzil 1870 dem Papst in Fragen des Glaubens und der Sitte die Unfehlbarkeit zuerkannte, wenn er ex cathedra sprach, brachen die letzten Brücken zum aufgeklärten Bürgertum und seiner Intelligenz.

So wandten sich die Historiker guten Gewissens den Problemen zu, die schon Niebuhr ans Katheder der neu gegründeten Humboldt-Universität in Berlin getrieben hatte: Staat, Verfassung und Politik: "Die Begebenheiten der Geschichte setzen die Verfassung und Grundgesetze als Ethos der Nation voraus" (Römische Geschichte 1, 1811, Vorrede). Aber auch die Klassische Philologie hatte sich seit langem von der Theologie distanziert, die von ihrem Anspruch her natürlich immer mehr sein mußte als eine Philologie, die frühchristliche Texte erklärt. Der Bruch lag im Grunde bereits Jahrhunderte zuruck: "Der Humanismus hat sich konstituiert, indem er die humaniora demdivinum entgegenstellte, und er hat dabei mit Entschiedenheit auf die paganen Klassiker zurückgegriffen. Der anti-kirchliche Impuls konnte sich im Formalen verstecken. Man entdeckte das 'gute' Latein und blickte stolz von der Höhe der 'klassischen' Sprache aufs Mönchslatein herab - das immerhin eine Sprache lebendiger Kommunikation geblieben war. In welchem Sinne es überhaupt 'gute' und 'schlechte' Sprache geben kann, hat man nicht diskutiert; der Stolz der Humanisten ging bruchlos über in die Hybris des Noten verteilenden Gymnasiallehrers." (34)

Was Wunder also, daß die Mahnung Momiglianos ungehört verhallte. So beugen sich bis heute Althistoriker immer wieder über das Problem des Verhältnisses der aufstrebenden christlichen Gemeinden zu Staat und Kaiser oder traktieren emsig und durchaus mit Erfolg die Christenverfolgungen. Aber kaum einer sieht sich zuständig für Fragen nach dem Wandel der Glaubensinhalte oder nach innerkirchlichen Konflikten; Quellenstudien zu den Evangelien und anderen Texten oder biographische Untersuchungen zu Jesus und den späteren Führern der christlichen Kirchen bleiben ohnehin den Theologen vorbehalten. (35)

Dabei ist der Weg für eine Neubesinnung längst frei: Die historisch arbeitende theologische Forschung hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in den Werken von H. Lietzmann, A. Harnack und E. Troeltsch die christlichen Quellen mit der Methode Niebuhrs zugänglich gemacht und auch ihre Fragestellung unabhängig von jeder theologischen Gegenwartsproblematik formuliert. So konnte bereits 1921 Eduard Meyer darangehen, als Historiker die Quellenfrage des frühen Christentums zu erörtern (Urgeschichte des Christentums. Ursprünge und Anfänge). Inzwischen waren auch die Zeiten vorbei, in denen die historische Kritik der christlichen Quellen stets auch eine Erschütterung der theologischen Dogmatik provozierte: Die erfolgreiche Reflexion über den Unterschied zwischen dogmatischer und historischer Hermeneutik entschärfte dieses Problem. Neue türmten sich, als in der Theologie wie in der Geschichtswissenschaft die Spezialisierung fortschritt. Sie aber sind mit der Leidenschaft, ohne die Neues nicht begonnen werden kann, bezwingbar: "Vor uns lag", schrieb im Rückblick auf seine Anfänge Hamack, "wie ein gewaltiger Ozean das große Gebiet der alten Kirchengeschichte, eng verbunden mit der Reformationsgeschichte. Sonnenbeglänzt war dieser Ozean, und wir wußten, welches Schiff wir zu besteigen und welchen Kurs wir zu nehmen hatten. Die Sonne war die evangelische Botschaft, das Schiff die strenge geschichtliche Wissenschaft, der wir uns bedingungslos anvertrauten." (36)

Wer solches Pathos nicht mag oder die evangelische Botschaft für die antiken Gesellschaften vor Konstantin nicht sonderlich bedeutsam findet, wird eins nicht leugnen wollen: Zur Geschichte Europas gehört die Erforschung der geistigen Verfassung der Römischen Kaiserzeit. Denn in den Hütten und Palästen ihrer Menschen geschieht jener tiefgreifende Wandel der Religiosität, der durch eine weit verbreitete Sehnsucht nach persönlicher Nähe von Mensch und Gott und durch die Hoffnung auf Erlösung in einer besseren Welt angetrieben wurde. Es war ein langer Weg dorthin. Wer ihn heschreiben will, kann es nicht ohne genaue Kenntnis des Ringens der frühen Christen um eine neue Sicht von Himmel und Erde, von Glauben und Moral, von Herz und Verstand.

 

 

VII.

 

Die Erinnerung an die Antike und die Zukunft Europas - was hat das eine mit den anderen zu tun? Die Frage wird nur der sinnvoll finden, der auf dem Weg in die Zukunft wissen will, woher er kommt und was von dem, was den Vätern einst wichtig war, es noch heute ist. Die Antike hat die Zeitläufe überlebt allein in der Gestalt christlicher Grundsätze. Alles andere ist Teil der Geschichte. Lange Jahrhunderte haben die Alten in immer neuen Renaissancen den Aufbruch Europas begleitet und seiner Geschichte ein unverwechselbares Profil verliehen. Lehren aber erteilt sie schon lange nicht mehr. Denn ihre Kraft, zur Veränderung der Welt beizutragen, ist dahin, seitdem die technischen Revolutionen die Lebensumstände des Menschen so gründlich änderten, daß keine Gemeinsamkeiten zwischen alt und neu mehr feststellbar sind.

Eine Trierer Chronik aus dem 14. Jahrhundert berichtet, die Bürger der Stadt hätten antike Venusstatuen gesteinigt und ihre Reste vergraben. Fraglos fürchteten sie im Angesicht einer derart aggressiven Sinnlichkeit um das Heil ihrer Seelen. Es war Leben von ihrem Leben, das sie verfolgten, und dessen Lehren ihnen Angst einjagte. Heute ist eine Venusstatue ein Gegenstand exotischer Neugier oder der historischen Forschung geworden, sicher aber kein Teil unseres Lebens.

 

 

ANMERKUNGEN

Livius, Vorrede 9 f. Die Erinnerung daran beschwört Chr. Meier, Zustände wie im alten Rom? Überlegungen anhand einer anderen Epoche des Übergangs und der Ratlosigkeit, in: Merkur 51 (1997) S. 569 ff. Nicht minder klassisch ist der Vergleich mit dem Untergang Roms: S.Haffner, Im Schatten der Geschichte, 5. Aufl. Stuttgart 1985, S. l9 - 26.

2 Die Bedeutung dieses Tatbestandes betont J. Fest, Die schwierige Freiheit. Über die offene Flanke der offenen Gesellschaft, Berlin 1993.

3 Ibsen, Hedda Gabler (1890). Ganz anders Konrad Adenauer: "Ich verlange natürlich keine Prophezeiungen von einem Historiker, aber ich meine, seine Arbeit... sei nur wirklich getan. wenn er zukünftige Entwicklungen aus dem jetzigen Geschehen folgere" (Erinnerungen 1945 - 1953, Frankfurt 1967, S. 9). Grundlegend zum Verhältnis der Historiker zur Zukunft: E. Schulin, Die Frage nach der Zukunft, in: Geschichte heute, hg. G. Schulz. Göttingen 1973, S. 109 - 145.

4 Herodot, 4, 36 - 5; Horaz, Oden 3, 27, 74 f. Knapp und vorzüglich M. Fuhrmann, Alexander von Roes: ein Wegbereiter des Europagedankens?, Heidelberg 1994, S. 8ff.

5 1,1. Wenige Jahrzehnte später ist von Wesensunterschieden zwischen Asiaten und Europäern die Rede, die auf das unterschiedliche Klima zurückgeführt werden: so die hippokratische Schrift ,,Über Lüfte, Gewässer und Örtlichkeiten"; Aristoteles, Politik 1327b 24 ff. hat diesen Gedanken übernommen: Fuhrmann, S. 12f.

6 Tacitus, Germania 2,1; D. Timpe, RGA 7, 1989, S. 310 s.v. Entdeckungsgeschichte.

7 Alle einschlägigen Aussagen überprüfte D. Kienast, Auf dem Wege zu Europa. Die Bedeutung des römischen Imperialismus für die Entstehung Europas, in: Europa Begriff und Idee, hg. H. Hecker, Bonn 1991, S.15 - 31; vgl. auch H. Berve, Der Europa-Begriff in der Antike (1949), in: Gestaltende Kräfte der Antike, München 1966, S. 467 - 484.

8 So vor allem Strabon 2, 5, 26 und das astrologische Lehrgedicht des Manilius (4, 681 - 695).

9 W. Fritzemeyer, Christenheit und Europa - Zur Geschichte des europäischen Gemeinschaftsgefühls von Dante bis Leibnitz, 1931, S. 1 ff.; John R. HaIe, The civilization of Europe in thc Renaissance, London 1993, S.1 ff.

10 Türkenrede von 1454; Zit nach M. Fuhrmann, S. 39.

11 Diderot, Vorwort zu seinem 1778 - 82 geschrieben Essay über Seneca.

12 Le Goff verfolgt diesen Gedanken mit durchaus missionarischem Eifer, und er hält die Zeit für gekommen, die Jugend aufzurufen, Europa zu gestalten. Er tut es mit einem Buch, das ihnen die Geschichte Europas erzählt - von der Antike bis heute. L'Europe racontée aux jeunes, Paris 1996 (dt. Übers. Frankfurt 1997).

13 E. Schulin, Die Französische Revolution, 1988, S. 213 f.

14 Er ist immer wieder versucht worden, niemals aber wirklich gründlich oder gar erschöpfend; vgl. A. Demandt, Was wäre Europa ohne die Antike?, in: Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Darmstadt 1988, S. 113 - 129; W. Dahlheim, Die Antike, 4. Aufl. Paderborn, 1995, S. 669-734. Unverzichtbar sind u.a.: H. Hunger (Hrsg.), Geschichte der Teztüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur I, Zürich 1961 (darin grundlegend der Beitrag von H. Rüdiger zur Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance: S. 511-580); R. Pfeiffer, Die Klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen, München 1982; H.T. Parker, The Cult of Antiquity and the French Revolutionaries, Chicago 1937 (mit der Vorgeschichte) und die Aufsatzsammlung Latein und Europa (hg. K. Büchner), Stuttgart 1978.

15 Hannah Arendt, Über die Revolution, 2. Aufl. 1974; weiter über das Verhältnis der Revolutionäre zur Tradition: ,,Sie wandten sich an die Antike nicht aus Traditionsbewußtsein, sondern, im Gegenteil, weil ihnen klar war, daß sie dort etwas entdecken würden, was die Tradition ihnen nicht überliefert hatte" (S. 253f.). Franz Schnabel sprach von der inneren Einheit der Epoche von 1789 bis 1815 und beschrieb den Rückgriff des napoleonischen Kaiserreiches auf Rom als unvermeidlich: "Die Anlehnung des Empire an eine idealisch gedachte Antike, an ein strenges und nüchternes Römertum war mehr als nur Form; sie war der notwendige und letzte Ausdruck einer Kulturentwicklung, die in ununterbrochener Nachwirkung der Antike sich vollzogen hatte und schließlich in rationalistische Bahnen eingemündet war" (Empire und Klassizismus, in: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd. 1, 2. Aufl. Freiburg 1937, S.l 59).

16 H. Schulze, Die Wiederkehr der Antike. Renaissancen und der Zusammenhang der europäischen Geschichte, in: Weltbürgerkrieg der Ideologien, hg. Th. Nipperdey, Frankfurt 1993, S. 361 - 383; 374. Der Aufsatz ist grundlegend; er wurde bezeichnenderweise von einem Neuhistoriker geschrieben.

17 M. Reinhold, Classica Americana. The Greek and Roman Heritage in the United States, Detroit 1984, S. 174; Ähnliches wird von William Pitt dem Älteren berichtet: R. Sühnel, Homer und die englische Humanität, Tübingen 1958, S. 19.

8 Dazu H. Arendt, Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart, Frankfurt, 1957, S. 23ff.

19 Brief vom 4.7.1811 an König Friedrich Wilhelm III.; ähnlich brieflich an Goethe am 8.8.1812: Die Briefe B.G. Niebuhrs' hg. D. Gerhard / W. Norwin, 2 Bde, Berlin 1926/29; vgl. auch: Römische Geschichte, Vorwort zur zweiten Auflage.

20 Man versteht es, wenn man sich klarmacht, daß die Lebensverhältnisse der deutschen Klassiker viel besser zu denen Ciceros als zu den unsrigen passen.

21 Vgl. A. Heuß, Der Humanismus und die Geschichte (1973), in: Gesammelte Schriften III, Stuttgart 1995, S. 2072 ff.

22 Grundlegend K. Christ, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982 und A. Heuß, Barthold Georg Niebuhrs wissenschaftliche Anfänge, Göttingen 1981.

23 Zitiert nach H. Maier, Klassische Philologie und Politik, in: Anstöße. Beiträge zur Kultur- und Verfassungspolitik, Stuttgart 1978, S. 763. So führte auch die Erforschung des römischen Rechts konsequent zur Abkehr davon: "Indem die Historische Schule die volle Herrlichkeit des klassischen römischen Rechts restaurierte, war sie zugleich für unser Jahrhundert der wichtigste Faktor, um uns von der praktischen Geltung desselben zu befreien. Die geschichtliche Schule hat den Bruch mit der Geschichte fördern helfen" (R. Sohm, Einleitungsaufsatz zur Savigny-Zeitschrift 1880).

24 P. Veyne, Die Orginalität des Unbekannten, Frankfurt 1988, 8. 10ff.

25 ,,Die Römer sind gründlich verschieden von uns und brauchen, was Fremdheit und Befremdlichkeit betrifft, den Vergleich mit Indianern und Japanern nicht zu scheuen" (in: Geschichte des privaten Lebens 1, 1989, 8.8). Auf dem Prüfstand steht natürlich und zuerst die athenische Demokratie und die Frage nach der Kontinuität zu den Demokratien der Neuzeit. Sie leugnet ganz im Sinne Veynes E. Flaig, RJournal 13 (1994) S. 428 ff. in seiner Auseinandersetzung mit Chr. Meier, Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte, Berlin 1993.

26 Eine Auswahl aus den letzten Jahren: H. Cancik, Antik - Modern. Beiträge zur römischen und deutschen Kulturgeschichte, Stuttgart 1997; R. Stupperich (Hrsg.), Lebendige Antike, 1995; R.Faber / B. Kytzler, B. (Hrsgg.), Antike heute, Würzburg 1992.

27 So das Programm, für das E. Erdmann verantwortlich zeichnet. Der aufgestellte Forderungskatalog an die Schulbehörden macht unfreiwillig deutlich, daß Treibsand ist, auf dem gebaut worden soll: Rücknahme aller Pläne, den antiken Lehrstoff an den Schulen weiter zu kürzen.

28 Siehe dazu die beeindruckende Zusammenstellung von H. flashar, Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne der Neuzeit, München 1991. Vorzüglich auch 0. Taplin, Feuer vom Olymp. Die moderne Welt und die Kultur der Griechen, Hamburg 1991.

29 Historische Fragmente, ed. E. Dürr, Stuttgart 1957, 5. 13 f. Ganz ähnlich 1854 Ranke, Über die Epochen der neueren Geschichte. Vorträge dem Könige Maximilian II. von Bayern gehalten, Darmstadt 1954, S. 13; 19.

30 H. Schulze, aaO. S.380 nennt den furchtbarsten: "Der Verlust der Antike im 20. Jahrhundert ist eine der Bedingungen für den Weltbürgerkrieg zwischen Kommunismus und Faschismus."

31 2. Aufl. Bern 1994; zur Archäologie: H. Sichtermann, Kulturgeschichte der klassischen Archäologie, München 1996; zum Recht: H. Hattenhauer, Europäische Rechtsgeschichte. Heidelberg 1992.

32 Wer prüfen will, was dies für Europa bis heute bedeutet, blicke in die islamische Welt. Dort war und ist der Staat ein Werkzeug göttlichen Willens. "Keine Verfassung", lautete 1991 bündig und konsequent die Wahlparole der Islamisten in Algerien, "und keine Gesetze, die einzige Vorschrift ist der Koran, das Gesetz Gottes."

33 Th. Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd.I, München 1990, S. 475.

34 W. Burkert, Klassisches Altertum und antikes Christentum, Berlin 1996, S. 14 f.

35 Aber es gibt auch andere Beispiele. Nachdem sich bereits A. Heuß mit dem Christentum als eigenständiger religiöser und sozialer Größe beschäftigt hatte (Römische Geschichte, S. 398 ff.; 448 ff.; 464 ff.), räumten ihm J. Bleicken (Verfassungs und Sozialgeschichte des Rdmi schen Kaiserreiches) und K. Christ (Geschichte der römischen Kaiserzeit) breiten Raum mit dem erklärten Ziel ein, die von den Nachfolgern Gibbons vollzogene Lösung der Rel igionsgeschichte von der übrigen Geschichte rückgängig zu machen. Selbst die Schriften des Neuen Testaments rücken wieder in das Blickfeld von Althistorikern: H. Botermann, Das Judenedikt des Kaisers Claudius. Römischer Staat und Christiani im 1. Jahrhundert, Stuttgart 1996, und J. Molthagen, Die ersten Konflikte der Christen in der griechisch-römischen Welt, Historia 40 (1991) S.42-76 (beide zur Apostelgeschichte).

36 Der Briefwechsel zwischen Adolf von Harnack und Martin Rade: Theologie auf dem öffentlichen Markt, hg. von Johanna Jantsch, Berlin 1996.


 Bearbeitung für das Internet : Christian Gizewski.


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