17. November 2015 || Amerikas radioaktives Erbe
11. September 2014 || Wunderschöne Himmel – verheerende Folgen
21. August 2014 || Sollte Japan seine Atomreaktoren wieder hochfahren?
3. April 2014 || Radioaktive Partikel – Marco Kaltofen
26. Dezember 2013 || Strahlende Matrosen? – Von Arnie Gundersen
24. Oktober 2013 || Der andere Weg: Wahlmöglichkeiten für die Energieversorgung von morgen – Mit Arnie Gundersen
17. Oktober 2013 || Wie exakt arbeiten die Anzeigen von Atomreaktoren? – Lucas Hixson im Gespräch mit Dave Lochbaum
5. September 2013 || Vernachlässigte Wege: Energie für die Zukunft – Gast: Amory Lovins – Mit: Arnie Gundersen
28. August 2013 || Neueste Entwicklungen: Entergy schließt das AKW Vermont Yankee und ... – Mit Arnie Gundersen
8. August 2013 || Eine beunruhigende Wettervorhersage – Schwarzer Regen | In memoriam Ignaz Vergeiner, Österreich
1. August 2013 || 40 Jahre lang ein guter Nachbar? – Mit Arnie Gundersen
10. Juli 2013 || Japans schwarzer Staub – Mit Arnie Gundersen sowie Nathaniel White Joyal
2. Juli 2013 || Kein Zutritt – Gast Terry Lodge – Mit Maggie und Arnie Gundersen sowie Nathaniel White Joyal
27. Juni 2013 || Energieversorger zocken ihre Stromkunden ab – Gast Lou Zeller – Mit Arnie Gundersen und ...
22. Mai 2013 || Große Hast hinterlässt eine schwere Last – Die Anlage von Hanford ... – Mit Bob Alvarez
1. Mai 2013 || Strahlenverseuchung kennt keine Grenzen – Diesmal zu Gast: Dr Gordon Edwards
10. April 2013 || Was schließlich den Ausschlag gibt: Die Fukushima-Formel
3. April 2013 || Atomkraft und Erdbeben – Gast: Les Kanat
27. März 2013 || Heiße Luft – Mit Arnie Gundersen
24. Februar 2013 || Die vergessene Katastrophe: Fukushima zwei Jahre nach dem Unfall – Gast: Helen Caldicott
17. Februar 2013 || Whistleblower: Wie Insider ständig gegen Vertuschungen ankämpfen – Gast: David Lochbaum
3. Februar 2013 || Doppelmoral in der Atomindustrie – Mit Maggie und Arnie Gundersen
20. Jänner 2013 || Die Spielchen, die die Leute spielen – Mit Arnie Gundersen
6. Jänner 2013 || Fröhliches Neues Jahr 2013 – Mit Arnie Gundersen
23. Dezember 2012 || Nicht einmal die Atomaufsichtsbehörde (NRC) selbst befolgt ihre eigenen Regeln – Mit Arnie Gundersen
16. Dezember 2012 || Deja vu, ein weiteres Mal – Mit Arnie Gundersen
9. Dezember 2012 || Atomkraftwerke in einer aktiven Erdbeben­zone: Welche Folgen sind zu erwarten – Mit Arnie Gundersen
2. Dezember 2012 || 70. Geburtstag der Atomenergie: gestern und heute – Mit Arnie Gundersen
21. November 2012 || Kostendruck beeinflusst die Entscheidungen über Sicherheitsfragen ... – Mit Arnie Gundersen

Hier geht's zum Archiv mit weiteren Fairewinds-Übersetzungen aus dem Englischen (seit 2012).

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3. April 2014

Radioaktive Partikel
Marco Kaltofen

Arnie Gundersen: Hallo! Ich bin Arnie Gundersen. Heute will ich Ihnen den Ingenieur Marco Kaltofen vorstellen. Dies ist wohl eines der wichtigsten Videos, das Fairewinds jemals produziert hat. Vor drei Jahren war Fairewinds eine der ersten Organisationen, die von den „heißen Partikeln“ (hot particles) gesprochen hat, die nun über ganz Japan und über die Westküste der USA verstreut sind. Diese heißen [also radioaktiven; AdÜ] Körnchen sind gefährlich – und schwer aufzuspüren. Im folgenden Video spricht Herr Kaltofen über das radioaktivste Partikel, das er jemals gefunden hat; es wurde fast 500 km von Fukushima Daiichi entfernt entdeckt. Wenn es sich bei Fairewinds Energy Education um eine japanische Website handelte, dann würde uns das Gesetz über Staatsgeheimnisse sehr wahrscheinlich daran hindern, dieses Video zu publizieren. Ich werde am Schluss dieses Films noch eine kurze Zusammenfassung hinzufügen.

Marco Kaltofen: Ich bin Marco Kaltofen, ein Zivilingenieur, und arbeite an meiner Doktorarbeit am Worcester Polytechnic Institute. Der Schwerpunkt meiner Forschungsarbeiten liegt auf dem Gebiet von radioaktiven und chemischen Umweltgiften – und wie sie schließlich im Hausstaub landen. Ich mache das deshalb, weil dies einer der Hauptwege ist, auf dem die Öffentlichkeit mit radioaktiven Umweltgiften oder Ähnlichem belastet wird. Wenn wir uns Innenräume ansehen, so sind sie im Allgemeinen stärkerverschmutzt als die Umgebung außerhalb. Häuser wirken wie eine Falle, sie begünstigen die Anhäufung von Schadstoffen aus der Umgebung, und die Menschen werden so bis zu 24 Stunden am Tag belastet. Man muss das mit den kurzen Zeitspannen vergleichen, welche die Menschen im Freien verbringen; dort ist die Belastung in Wahrheit viel geringer.

Quelle aller Bilder: http://fairewinds.org/hottest-particle/

Einer der Vorteile der neuen sozialen Medien besteht darin, dass wir mit einer Menge Leute reden können. Wir können uns mit freiwilligen Helfern zusammentun, Zusammenschlüssen von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die uns Staubproben aus Innenräumen zusenden. Das kann ein Staubsaugerbeutel oder ein Filter der häuslichen Lüftungsanlage sein oder aber der Luftfilter eines Haushaltsgerätes wie zB der aus einer Luftkühlanlage (air conditioner) oder einem Heizlüfter, wie ihn manche Leute zuhause haben. Wir haben eine ziemlich simple Methode entwickelt, wie wir alle diese Proben aufbereiten, dadurch können wir die Belastungen in den verschiedenen Häusern vergleichen. Wir haben uns Proben aus dem Norden Japans angesehen, aus Tokio, aber auch Proben aus den USA und aus Kanada. Wir wollten eine Vorstellung davon bekommen, wie hoch die Belastung für die Leute tatsächlich war. Aus diesem Grund haben wir uns auf die Suche nach diesen heißen Partikeln gemacht.

Wenn man Strahlenbelastung vom gesetzlichen Blickwinkel aus betrachtet, dann wird dort nach der durchschnittlichen Belastung gefragt, welcher die Menschen ausgesetzt sind. Es wird versucht ein „sicheres“ Niveau zu finden, mit dem man die jeweilige Belastung vergleichen kann. Wenn diese Durchschnittswerte, die als sicher gelten, überschritten werden, erst dann muss man sich Gedanken darüber machen, wie man die Situation ändern könnte, entweder indem irgendwelche Richtlinien erarbeitet werden oder indem man eine Sanierung versucht. Der Unterschied zu unserer Arbeit besteht darin: Es ist uns natürlich klar, dass die Leute einer durchschnittlichen Konzentration ausgesetzt sind. Aber einige von diesen Menschen sind sehr viel höheren – oder auch niedrigeren – Konzentrationen ausgesetzt. Das ist von der Anzahl der radioaktiven Partikel abhängig, die ihren Weg vom Ursprungsort des Unfalls durch die Luft bis in jemandes Haus gefunden haben. Wenn diese Teilchen dann auch noch klein genug sind, um mit der Nahrung aufgenommen oder eingeatmet zu werden, dann muss man dies zu der durchschnittlichen Gefährdung, der die Leute ausgesetzt sind, hinzuaddieren. Man muss sich diese zwei verschiedenen Komponenten einer Belastung, der die Menschen ausgesetzt sind, genauer ansehen, einmal die durch die mittlere Belastung, ein anderes Mal die durch heiße Partikel. Die Belastung durch heiße Partikel ist seltener, denn die Anzahl dieser aus der Anlage ausgetretenen und dann weiterverbreiteten Teilchen ist relativ gering. Einige wenige Leute sind aber einem oder sogar mehreren dieser Partikel ausgesetzt. Die Belastung durch ein solches Teilchen kann größer sein als jene, der die Menschen im Schnitt ausgesetzt sind. Man muss also beide Komponenten berücksichtigen, wenn man messen will, was den Leuten tatsächlich widerfährt.

Wenn wir Proben erhalten, dann führen wir eine ganze Batterie von Tests durch. Wir machen ein paar grundsätzliche Tests, die uns annäherungsweise das Gefahrenpotential aufzeigen. Dafür verwenden wir etwas, das man Gammaspektroskopie nennt. Gammaspektroskopie gibt es nun schon seit fast 100 Jahren. Wir benutzen sie, um festzustellen, welche Isotope, welche Art von radioaktiven Materialien, sich in einer Probe befinden. Nach Fukushima sehen wir vor allem drei Isotope immer und immer wieder; zwei davon sind 134Cäsium und 137Cäsium. Wenn wir diese zwei Elemente in einem bestimmten Verhältnis zueinander feststellen, dann können wir ziemlich sicher sein, dass es sich um Material handelt, das vom Unfall in Fukushima stammt. Es handelt sich hier um Spaltprodukte und diese entstehen nur nach einer Kernreaktion. Des Weiteren sehen wir uns auch noch 226Radium an. Dieses Isotop steht in direkter Beziehung zu Uranbrennstoff, der die Kettenreaktion überhaupt ermöglicht. Das sind also die drei Dinge, nach denen wir in den Tests der Staubproben Ausschau halten. Wenn wir sie ausfindig machen, dann gehen wir zum zweiten Teil über und versuchen herauszufinden, ob sich heiße Partikel in der Probe befinden. Das geht dann folgendermaßen vor sich: Wenn wir einmal eine Probe für die zweite Phase herausgefiltert haben, in der wir die heißen Partikel aufspüren wollen, dann sieben wir einige der feineren Partikel heraus, verteilen sie auf einer Kupferplatte aus und lassen sie einen Röntgenfilm belichten. Die Belichtungsdauer beträgt eine Woche. Diese Technik ist auch schon recht alt, wahrscheinlich existiert sie schon seit mehr als einem Jahrhundert. Sie zeigt diejenigen Punkte in der Staubprobe auf, an der sich ein heißes Partikel verbergen könnte. Wir können diese Röntgenplatte entwickeln, und wenn es an einer Stelle zu einem positiven Resultat kommt, dann nehmen wir ein Messer und schneiden den betreffenden Teil heraus und geben ihn auf einen Aluminiumträger, der dann von einem Elektronenmikroskop gescannt wird. Es handelt sich dabei nicht um irgendein Mikroskop, sondern eines, das uns mit der Zeit eine Analyse aller enthaltenen Elemente liefert.

Stellen Sie sich also vor, Sie schauen in das Mikroskop – heutzutage wird das alles über Monitore gemacht und aufgezeichnet: dann kann man diese Partikel sehen, 5.000-fach, 10.000-fach, sogar 15.000-fach vergrößert. Während Sie so die Oberfläche absuchen, bedienen Sie einen Joystick und lenken damit ein Fadenkreuz – stellen Sie sich das wie einem Videospiel vor. Man kann auf jedes einzelne dieser Partikel einen Röntgenstrahl richten und so herausfinden, welche Elemente man vor sich hat. Wenn man dann anfängt, radioaktive Elemente zu finden, Plutonium, Americium, Uran, Radium, dann weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Wir können mit dieser Methode aus einer Probe, die vielleicht 500 oder 1.000 Gramm wiegt, eines oder zwei heiße Partikel isolieren und danach eine komplette Analyse durchführen, alle Bestandteile herausfinden. Das ist außerordentlich wertvoll für uns. Wir lernen dadurch eine ganze Menge darüber, was passieren könnte, wenn jemand so ein Partikel einatmen oder mit der Nahrung zu sich nehmen würde.

Es sind nicht alle heißen Partikel gleich. Manche sind lediglich ein klein wenig radioaktiver als die Umgebung. Diese sind nur sehr schwer zu entdecken. Andere sind aber um Größenordnungen (zigfach) stärker kontaminiert als der Hintergrund. Denken Sie an die Rich­terskala bei Erdbeben: Ein Beben der Stufe 5 ist um das Einhundertfache stärker als ein Beben der Stufe 3. Das sind die heißen Partikel, die wir suchen. Partikel, die nicht nur ein wenig stärker strahlen, sondern um vieles stärker.

Auch wenn diese Partikel nur sehr klein sind, so können sie uns dennoch viele Informationen darüber liefern, woher sie stammen. Wir können im Mikroskop nämlich die Größe des Partikels sehr gut erkennen, seine Form – wir können die Geschichte des Partikels rekonstruieren, was mit ihm wohl passiert ist, es ist wie der Fingerabdruck, der uns zeigt, woher dieses Partikel stammt. Und der letzte Schritt: Wenn wir die Größe des Partikels kennen, seine Zusammensetzung und das Ausmaß der Radioaktivität, die es ausstrahlt, dann können wir genau sagen, wie gefährlich dieses Partikel wäre, würde es eingeatmet oder verschluckt.

Man kann nun sagen: Sie wissen aber nicht, was mit einer Einzelperson geschehen wird, Sie kennen nur Durchschnittswerte. Nun, das ist für die Tests korrekt, die sich nicht mit heißen Partikeln befassen. Hier, bei diesem heißen Teilchen können wir aber sagen: Wenn die Person, die in diesem Haushalt lebt, das Partikel eingeatmet hätte, dann wäre ihre Chance 7% – oder 70% –, Lungenkrebs zu entwickeln; oder ein Epithelzellenkarzinom; oder ein Nasopharynxkarzinom. Man kann tatsächlich bestimmen, welche Krebsart wahrscheinlicher ist, wenn man eine Fotografie des Partikels kennt. Es ist also ein zeitraubender Prozess, kann uns aber sehr viel über die Gefahren zu verstehen geben.

Es handelt sich hierbei auch um eine gute Methode um vorherzusehen, in welchen Gegenden sich wel­che Gesundheitsprobleme entwickeln werden. Eine der Proben, die wir hier haben, stammt aus Nagoya in Japan, 460 km vom Unfallort entfernt. Das heiße Partikel hatte einen Durchmesser von 10 µm, das sind 10 Millionstel eines Meters, also etwas, das man nur mit einem starken Mikroskop sehen kann. Dieses Partikel hatte tatsächlich die richtige Größe, um eingeatmet zu werden und sich dann in der Lunge festzusetzen. Das ist das Ausschlaggebende. Wenn ein Strahlenschutzbeauftragter die Dosis be­rechnen will, die von diesem Partikel ausgeht, dann muss er bedenken, dass dieses Partikel sich einla­gern könnte und daher die Belastung ein Leben lang anhält. Man kann das mit Asbestarbeitern vergleichen, die Asbestfasern einatmen: Wenn sie schließlich aus irgendeinem Grund sterben, dann befindet sich das Asbest immer noch in ihren Lungen. So ein heißes Partikel verhält sich mit großer Wahrscheinlichkeit ganz ähnlich. Das Partikel, das wir in diesem Fall unter­sucht haben, war eine Mischung von Spaltprodukten aus einem Atomreaktor und Atombrennstoff. Wir ha­ben Materialien wie Tellur, 226Radium, 134Cäsium und 137Cäsium, 60Cobalt und einen ganzen Partikelzoo, von dem Sie auf CNN wahrscheinlich nie etwas hören werden – man muss Physiker sein, um das zu verstehen. Sagen wir es folgendermaßen: Gewichtmäßig bestanden 80% dieser Probe aus reinem Reaktorkernmaterial. Daraus schließe ich, dass etwas, das direkt von dem Unfall stammt, aus dem Reaktorkern, aus dem Sicher­heitsbehälter ausgetreten ist und dann auch noch eine ansehnliche Entfernung überwunden hat. Die Di­stanz ist beträchtlich, das Partikel ist aber so winzig, dass es in jedwedem Gas mitgeführt wird, von dem es umgeben ist. Der Wind trägt solche Partikel über weite Strecken. Je weiter man sich vom Reaktor entfernt, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, ein Partikel von dieser Größe vorzufinden. Unter den vielen Pro­ben aus Japan, die wir untersucht haben, ist dies allerdings diejenige, die den weitesten Weg zurückgelegt hat und auch die, die am stärksten strahlt.

Das muss ich noch in Zahlen ausdrücken: In Japan wird die Strahlung in Becquerel (Bq) gemessen. Das „Becquerel“ ist ganz offensichtlich nach jemandem benannt, nach Henri Becquerel; 1 Bq ist ein radioaktiver Zerfall pro Sekunde. In Japan werden Lebensmittel, die über 100 Bq pro Kilogramm enthalten, als nicht mehr für die Ernährung geeignet eingestuft. Dieser Grenzwert liegt in den USA etwas höher, aber wenn wir von 100 Bq/kg als Richtschnur für etwas ausgehen, das zu radioaktiv ist, um gegessen zu werden, so war dieses Material in der Größenordnung von Petabecquerel (1 PBq). Nun, diesen Vorsatz einer Maßeinheit hört man nicht sehr oft. Wir haben hier eine Zahl vor uns, die mit der Ziffer 4 beginnt und von 19 Nullen gefolgt wird – so viele Bq/kg. Es handelt sich also um eine extrem hohe Zahl; diese Zahlen tauchen auf, wenn man es mit Material aus dem Kern zu tun hat. Es ist aber ein winziges Partikel. Die Gesamtzahl an Becquerel, die von diesem Partikel ausgeht, lag bei 310 Bq. Als wir den Staubsaugerbeutel in Empfang nahmen, hat unser Messgerät 310 Bq angezeigt – das ist etwas höher als ein durchschnittlicher Staubsaugerbeutel in der Präfektur Fukushima. Wir waren also nicht besonders überrascht. Alle Arbeiten passieren in einem Handschuhkasten in Schutzkleidung. Als wir die Probe geteilt hatten – der erste Schritt, um festzustellen, ob ein heißes Partikel dabei ist – und die Teile analysierten, erwarteten wir natürlich, dass eine neuerliche Messung 155 Bq ergeben würde, 310 dividiert durch 2. Aber unsere Messung ergab – die Hintergrundstrahlung außer acht lassend – gar nichts, 0. Wir haben dann die andere Hälfte gemessen. Aber auch die andere Hälfte zeigte das gleiche Resultat: 0. Wohin war die Strahlung also verschwunden? Als wir die gesamte Probe wieder hineingelegt hatten, wurden wieder 310 Bq gemessen, was dann doch ein wenig rätselhaft war. Schließlich wurde uns klar, dass in der Mitte der zwei Proben die Rasierklinge, die wir verwendet hatten, auf das heiße Partikel getroffen und dieses an der Rasierklinge haften geblieben war. Wir konnten nun die Rasierklinge unter das Mikroskop legen und das Partikel isolieren. Danach konnten wir feststellen, wie dieses Partikel unsere Strahlenmessgeräte zum Klicken brachte. Wir haben den ganzen Prozess damit gewissermaßen kurzgeschlossen, aber das ist genau die Methode, die man anwenden muss, um ein heißes Partikel zu finden. Man teilt die Probe so lange, bis man das Partikel findet, welches die hohe Strahlung verursacht. Wenn man diesen schwarzen Staub ansieht – wir haben Proben aus Namie und Iitate und einer Reihe von weiteren Gemeinden im Norden Japans –, so ist dieses Material dem schwarzen Sand, den die Leute dort finden, sehr ähnlich. Auch dort handelt es sich um Partikel: ein Aggregat, eine Mischung. Wenn man an einen Betonbrocken denkt, so ist dieser eine Mischung aus Sand und Zement und kleinen Steinen. So sieht dieses Material unter einem Mikroskop aus.

Wir sprechen hier, wenn wir vom schwarzen Sand reden, bei diesem einen heißen Partikel vom schlimmstmöglichen Fall. Dieses Material wurde während des Unfalls verdampft, es kondensierte danach zu diesen kleinsten Teilchen, die sich daraufhin anhäufen, sie kleben zusammen, bilden Partikel, die groß genug werden, um aufgespürt zu werden. Sie werden durch die Luft fortgetragen, aber früher oder später treffen sie auf etwas und bleiben dort hängen. Im Fall von Nagoya ist die Probe mit der Luft von draußen in den Raum getragen worden und hat sich in einem Teppich oder einer anderen Struktur im Fußboden verfangen. Dann wurde gesaugt und das Partikel geriet in den Staubsaugerbeutel. Die gute Nachricht ist, dass wir auch nach wiederholten Proben von derselben Örtlichkeit nie wieder ein ähnliches Partikel entdeckt haben. Es gibt also kein spezielles Problem mit genau diesem Haus, unseren Messungen zufolge ist kein weiteres dieser Partikel in dem Zuhause – es sieht nicht so aus, als ob es weitere gäbe. Das heißt für mich aber auch, dass es lohnend sein dürfte, nach einem bestimmten Gebiet Ausschau zu halten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man dort auf ein heißes Partikel stößt? Diese Partikel haben außerordentlich gravierende Auswirkungen auf die Belastung der Menschen und die möglichen Gesundheitsfolgen. Bis jetzt haben die Proben aus der Präfektur Fukushima und aus Tokio in 25% der Fälle zumindest ein paar messbare, heiße Partikel enthalten. Nur eines war derartig radioaktiv, es stellt also keinerlei Durchschnitt dar – aber es zeigt, was alles passieren kann. Letztendlich ist es so: nun, da ich Zeit hatte, alle Proben zu verarbeiten und die Anzahl an heißen Partikel per Probe daher in Relation gesetzt werden kann, werde ich diese Daten einem Überprüfungsausschuss von Fachkollegen am Worcester Polytechnic Institute vorlegen und alle diese Daten für die Veröffentlichung vorbereiten. Es ist gut, dass man erkennen kann, dass es möglich ist, zu einer Zahl zu gelangen, welche die tatsächliche Belastung wiedergibt. Wir können also die Durchschnittsbelastungen hernehmen, mit denen wir zu arbeiten gewohnt sind, und dann noch die Wahrscheinlichkeit, einem heißen Partikel ausgesetzt zu sein, hinzufügen. Wir können so herausfinden, wie groß die wahren Gesundheitsbeeinträchtigungen nach einem schweren Unfall sind.

Arnie Gundersen: Es sind tragfähige wissenschaftliche Untersuchungen wie diese, die Sie in den traditionellen Nachrichten, bei Tokyo Electric oder der IAEO nicht zu lesen oder zu sehen bekommen. Fairewinds sagt schon seit langer Zeit, dass es in Japan als Folge des Unfalls von Fukushima Daiichi zu einem deutlichen Anstiegen der Anzahl von Krebsfällen kommen wird, und dieses Video, in dem nur ein heißes Partikel beschrieben wird, bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen.

Danke, dass Sie sich diese Sendung von Fairewinds Energy Education angesehen haben. Mein Name ist Arnie Gundersen und ich halte Sie auf dem Laufenden.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (nepomuk311,mv)
Quelle: The Hottest Particle. http://fairewinds.org/hottest-particle/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at   April 2014 / v1

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26. Dezember 2013



Strahlende Matrosen?
Von Arnie Gundersen

AG: Hallo, ich bin Arnie Gundersen von Fairewinds. Das bestimmende Thema dieser Woche, in einem Bericht nach dem anderen abgehandelt, war die Nachricht über Seeleute, die einer zu hohen Strahlenbelastung ausgesetzt wurden, und die nachfolgende Vertuschung durch die US-Regierung. Diese Matrosen zeigten alle Symptome von Strahlenkrankheit: Erbrechen von Blut, Haarausfall, die Entstehung von Tumoren. Die Tampa Bay Times hat soeben einen eindrücklichen Artikel veröffentlicht, wie Seeleute im Zuge ihres Dienstes einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt wurden.

In den Nachrichten waren die schrecklichen Belastungen, denen Matrosen der USS Reagan ausgesetzt waren, welche vor Japan die radioaktive Abluftfahne kreuzte, die von Fukushima Daiichi ausging. Diese Matrosen litten unter Haarausfall, Diarrhoe und all den Symptomen, die ich bereits genannt habe. Der Bericht in der Tampa Bay Times ist aber nicht über die Reagan. Die Geschichte in der Tampa Bay Times trug sich vor 50 Jahren zu. Sie spielt auf einem Schiff, das Atommüll im Atlantik verklappte, vor der Küste von New Jersey. Diese Seeleute zeigten genau die gleichen Symptome. Die Regierung behauptet, sie könne die entsprechenden Aufzeichnungen nicht finden. Die Regierung behauptet, die Strahlenbelastung wäre viel zu niedrig gewesen, um bei den Betroffenen die Symptome auszulösen, unter denen sie jetzt leiden. Tatsache ist, dass das Schiff, auf dem diese Seeleute dienten, derart radioaktiv war, dass es im Atlantik versenkt werden musste – zusammen mit den Fässern, die von diesem Schiff aus 20 Jahre lang am selben Ort verklappt worden waren.

Die Erfahrung, die diese tapferen Männer die letzten 50 Jahre hindurch machen mussten, gleicht exakt derjenigen, die Seeleute der USS Reagan heute mit der US-Regierung und der Navy machen. Die Symptome werden abgestritten. Die Strahlenbelastung wird bagatellisiert. Dieses Muster der Tatsachenverschleierungen durch die Regierung setzt sich nun schon 50 Jahre lang fort. Wir sehen sie in der Geschichte der Tampa Bay Times ebenso wie bei den Matrosen der Reagan. Es handelt sich hier um mutige Männer und Frauen, die ihrem Land ehrenvoll gedient haben. Es ist hoch an der Zeit, dass sich auch die Regierung ehrenvoll verhält und diese Veteranen betreut, dass sie diese Seeleute für die Belastungen entschädigt, denen sie während des Dienstes für ihr Land ausgesetzt waren.

Ich möchte Ihnen ans Herz legen, den Artikel der Tampa Bay Times zu lesen, um mehr über diese gigantische Vertuschungsaktion der Regierung zu erfahren, und unseren Veteranen zu helfen, indem Sie sich der Gemeinschaft rund um Fairewinds anschließen. Erheben Sie mit uns Ihre Stimme, wenn wir die Wahrheit über Strahlensicherheit und Strahlenrisiken aussprechen.

Ich bin Arnie Gundersen, ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)  Quelle: The Atomic Sailors: http://www.fairewinds.org/category/media/videos-mp3s/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).  www.afaz.at  Dezember 2013 / v1

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24. Oktober 2013


Der andere Weg:
Wahlmöglichkeiten für die Energieversorgung von morgen

Mit Arnie Gundersen


NWJ: Willkommen beim Fairewinds Energy Education Podcast. Der heutige Podcast enthält Arnie Gundersens Präsentation „Der andere Weg: Wahlmöglichkeiten für die Energieversorgung von morgen“. Diese Präsentation wurde Studenten am Johnson State College [nicht Universität, wie hier fälschlicherweise gesagt wird; AdÜ] in Johnson, Vermont, vorgestellt, von denen einige eine Berufslaufbahn in den Naturwissenschaften anstreben.

AG: Vielen Dank fürs Kommen. Ich bin Arnie Gundersen. Wenn Sie sich Aufzeichnungen machen: in Gundersen ist ein „e“ und auch in Fairewinds.

Ein paar Anmerkungen, bevor ich beginne: ein Großteil des Teams von Fairewinds ist heute hier anwesend. Nat, unser Medienexperte, Samantha da drüben im Eck – wir vergeben kostenlos ein paar Lesezeichen, wenn Sie sich auf unserer Liste eintragen –, und an der Rückwand dort ist meine Frau Maggie, sie ist die schöpferische Kraft hinter [allem], unser Internetauftritt und die Strategie von Fairewinds wurden von ihr entwickelt; und Les [Leslie Kanat, Geologieprofessor am Johnson State College; AdÜ] sitzt in unserem Aufsichtsrat. Es sind also fünf von den rund zehn Leuten, die sich aktiv engagieren, heute hier.

Nun gut, Les wollte, dass ich ein bisschen etwas zu meinem Werdegang sage, aber der Vortrag heute handelt von dem Übergang, mit dem Amerika, so wie die ganze Welt, im einundzwanzigsten Jahrhundert konfrontiert ist. Das Gedicht von Robert Frost spricht sehr eindrücklich von so einer Situation:

Und seufzend werd' ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich –
ich ging und wählt' den stilleren für mich –
und das hat all mein Leben umgedreht.

Wir sind nun an einer solchen Weggabelung, das entspricht der Lage der USA, gerade jetzt sind wir dort, an dieser Wegkreuzung: Wir müssen uns entscheiden, wie es mit unserer Energieversorgung weitergehen soll. Diese Präsentation handelt davon, wie Ihre Zukunft aussehen könnte – und das ist ganz anders, als meine Zukunft damals ausgesehen hat.

Jetzt aber ein bisschen etwas zu meinem persönlichen Hintergrund, wie Les vorgeschlagen hat. Ich wuchs in einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern auf, also ungefähr so groß wie Winooski bei Burlington. Mein Vater war ein Zimmermann, meine Mutter Hausfrau; als ich in der Oberschule war, wurde sie Arzthelferin. Ich war also der erste von meiner Familie, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits, der eine Hochschule besuchte. Damals, als ich die Hochschule besuchte, gab es noch keine Taschenrechner, wir benutzten Rechenschieber; interessanterweise gab es auch noch keine Handys, man musste also runtergehen und das Telefon in der Eingangshalle benutzen – einer der wichtigsten Leute in unserem Studentenheim war ein [angehender] Elektroingenieur, der einen Wählautomaten für das Telefon entwickelte, sodass wir ununterbrochen das Mädchenwohnheim anrufen konnten. Sobald also jemand auf der anderen Seite auflegte, wählte sich unser Telefon ein. Das war also zu einer Zeit, in der die Technologie noch in den Kinderschuhen steckte. Meine Abschlussarbeit schrieb ich zum Thema: Sichtbarkeit der Kühlturmabluftfahnen; der Computer, den ich dabei benutzte, war ungefähr so groß wie dieser Raum, dabei aber zwei Stockwerke hoch, ein IBM 360, der zwei Millionen $ gekostet hatte. Heute habe ich in meinem MacBook Pro mehr Rechenleistung, als dieser Computer jemals geleistet hat.

Es hat sich zweifellos viel verändert. Ich habe also mit einem Master in Atomtechnik abgeschlossen und erhielt die Lizenz, einen Forschungsreaktor zu bedienen. Dieser Forschungsreaktor verwendete Uran, das auch für den Bombenbau geeignet gewesen wäre. Wir hatten in unserem Reaktor genügend Uran, um fünf Atombomben zu bauen. Wenn man so einen Reaktor steuern will, muss man einen [entsprechenden] akademischen Grad vorweisen. Für alle die, die an einer Karriere in diesem Bereich interessiert sind: Vermont Yankee und andere AKWs verlangen keinen Collegeabschluss, um Reaktorfahrer zu werden – bei Vermont Yankee etwa reicht ein Grundschulabschluss vollkommen aus. Da es sich bei dem Forschungsreaktor aber um bombenfähiges Uran handelte, war der Master Voraussetzung. Ich wurde schließlich ein Vizepräsident in einem Betrieb der Atomindustrie. Ich hatte Teams unter mir, die in ca 70 AKWs arbeiteten.

Um es ganz kurz zu machen: 1990 wurde ich zum Aufdecker (whistle blower) – es gibt zu dieser Sache jede Menge Material im Internet – und ich musste mein Leben neu aufbauen. Maggie und ich wurden einigermaßen in die Knie gezwungen, wir verloren unser Haus und mussten einen Privatkonkurs anmelden; dann überwindet man diese Phase und das Leben geht weiter. Wir haben Fairewinds aufgebaut. Ursprünglich war es eine Website für an sehr speziellen Details interessierte Leute, für Expertenberichte. Aber dann kam Daiichi und ich wurde von CNN gefragt, ob ich bei ihnen als Experte sprechen würde. Am fünften Tag dieses Unfalls sagte ich aus, dass dieses Ereignis gleich schlimm sei wie Tschernobyl, möglicherweise sogar noch schlimmer. Zur gleichen Zeit erzählte die US-Regierung, dass er nicht einmal so schlimm sei wie Three Mile Island (TMI) – ein wesentlich geringfügigerer Unfall. Die Japaner gestanden aber nicht einmal ein, dass er mit TMI vergleichbar war. Die Fairewinds-Site aber vollzog einen Senkrechtstart: Wir veröffentlichten dort Videos und von 80 Besuchern pro Tag schnellten wir auf 10.000 hinauf – innerhalb von zwei Tagen! Das war ein wilder Ritt! Letztes Jahr sprach ich mit Shirin Ebadi, einer Nobelpreisträgerin, und Helen Caldicott, die für einen Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Ihre Organisation hat ihn auch tatsächlich bekommen [Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges; AdÜ], wir telefonieren drei Mal pro Woche. Erst letzte Woche war ich Teilnehmer einer Veranstaltung, bei der auch Naoto Kan anwesend war, der frühere Premierminister von Japan (er war zurzeit des Unfalls Premierminister), Ralph Nader und einige andere Leute. Wer hätte gedacht, dass der Sohn eines Zimmermanns aus New Jersey auf derselben Bühne wie Nobelpreisträger und Ralph Nader stehen würde? Das ist also meine Berufslaufbahn, mit einigen Schlaglöchern zwischendurch.

Aber nun zu dem, wovon wir wirklich sprechen wollen. Sie haben wahrscheinlich schon einmal die Phrase von einer „Renaissance der Atomindustrie“ gehört. Als das 21. Jahrhundert begann, ging der Impuls dahin, dass wir eine Menge neuer AKWs bauen würden, um eine Intensivierung der globalen Erwärmung zu verhindern. Der Unfall in Fukushima Daiichi hat all das verändert. Die [Atom-]Kraftwerke werden immer kostenintensiver; aber darüber hinaus wurde durch den Unfall von Daiichi der in der Öffentlichkeit weit verbreitete Eindruck zerstört, dass so eine Anlage nicht wie eine Bombe explodieren kann, dass sie absolut sicher ist. Im Wortsinn über Nacht kam es zu einer einschneidenden Umkehr in der generellen Wahrnehmung, besonders in Japan und Deutschland – darauf werden wir zu einem etwas späteren Zeitpunkt noch zurückkommen – in der Frage: „Sind wir zukünftig wirklich auf Atomkraft angewiesen?“ Auch das ein Fallout von Fukushima Daiichi.

Die Experten behaupteten, die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls läge bei 1 zu 1.000.000. Machen wir die Probe: wir schreiben eine Million in den Zähler und 400 AKWs in den Nenner: Das Resultat wäre ein Unfall alle 2.000, 2.500 Jahre. Wenn wir alle diese Atomkraftwerke also zur gleichen Zeit gebaut hätten, zu der auch der Parthenon errichtet wurde, dann hätten wir bis heute gerade einmal einen Unfall zu verzeichnen gehabt – den Zahlen der Experten zufolge. In den vergangenen 35 Jahren kam es aber zu fünf Kernschmelzen: 35 dividiert durch 5 ergibt einen Unfall alle 7 Jahre! Die Daten, die wir in der real existierenden Welt feststellen, zeigen also, dass die Experten falsch liegen; und zwar um mehrere Größenordnungen!

Der andere Punkt bestand aber in den Kosten, die Atomkraft nach sich zieht. Sie ist unglaublich teuer – weil sie unglaublich gefährlich ist. Beim Anblick dieser riesigen, robusten Anlagen mischen sich Größenwahn und Hochmut: „Unglaublich, schaut euch nur die Massivität dieser Anlagen an!“ Nun, der Grund für diese Massivität liegt darin, dass die Kräfte, die in ihrem Inneren freigesetzt werden, ganz ungeheuerlich sind. Wenn man diese Kräfte im Inneren nicht beachtet, so kann man sich von einer gewissen Selbstgefälligkeit einlullen lassen, eben in dem Sinne, dass diese Kraftwerke ja so unglaublich stabil und robust sind. In Wirklichkeit befinden sich im Inneren von Vermont Yankee in einer Kubatur, die in etwa derjenigen eines Schlafzimmers entspricht, drei Millionen Pferdestärken an Energie – in einem Schlafzimmer! Wenn also ein Kraftwerk explodiert, so wie Daiichi, dann deswegen, weil diese Pferde aus dem Tritt geraten und übereinander gestolpert sind und die Wände durchbrochen haben, die eigentlich dazu da waren, sie zurückzuhalten. Es ist ein Geschäft, bei dem diese Rückhaltefunktion lückenlos gewährleistet sein muss, jede Stunde, jeden Tag des Jahres. Fehlt auch nur ein Tag, dann kommt es am Folgetag zu dem, was in Fukushima Daiichi passiert ist.

Nun, diese alte Technologie, die Methode des 20. Jahrhunderts, wie Energie zu erzeugen ist, war, ein zentrales Kraftwerk zu erbauen. Hier zB ein Kohlekraftwerk, da ein AKW; sie sind sehr robust gebaut und es sind gewaltige Anlagen; normalerweise werden sie in einiger Entfernung von Bevölkerungszentren errichtet. Im 20. Jahrhundert musste man das so machen. In der Periode von 1990 bis 2010 kam es aber zu wichtigen Neuerungen, die dieses Muster grundlegend veränderten. Aber das Muster, mit dem ich aufgewachsen bin und mit dem Sie Ihr Leben begonnen haben, bestand darin, dass Energie in einem großen, zentralen Kraftwerk erzeugt werden musste und dass dieses ziemlich abgelegen war und daher lange Übertragungsleitungen benötigt wurden, um dieses Kraftwerk zu erreichen.

Einen kleinen Überblick hier nun zum Thema Atomenergie. Wir betrachten Vermont Yankee und es heißt: „Sauber, sicher, zuverlässig!“ Ich glaube, das wurde auch über Fukushima Daiichi einen Tag vor dem Unglück gesagt. Aber der Teil des Brennstoffkreislaufs, der den kleinsten Einfluss auf die Umwelt hat, ist der im Kraftwerk selbst. Das „front end“ [der Anfang; AdÜ] dieses „Kreislaufs“ bringt aber enorme Umweltverschmutzung mit sich, und das „back end“ [der Abschluss; AdÜ] des Brennstoffkreislaufs, wenn man den Atommüll wieder loswerden will, bedeutet eine Hinterlassenschaft, die noch Generationen nach uns zu schaffen machen wird. Man nennt das den Brennstoffkreislauf, die Befürworter beschreiben einen geschlossenen Kreislauf: Brennstoff wird eingeführt, dieser wird in einem Atomreaktor abgebrannt, dann wird er wiederaufbereitet und erneut durch den Reaktor geschickt. Man sagt also, es sei ein geschlossener Kreis, so wie ein Reifen. In Wirklichkeit ist dieser Reifen platt.

Dies hier ist der Brennstoffkreislauf, so wie ihn die Leute in der Atomwirtschaft Ihnen gerne weismachen wollen. Er beginnt mit dem Gesteinsabbau, das Uran wird isoliert und angereichert, darüber werde ich gleich noch sprechen. Das Erz enthält nur sehr wenig Uran, es folgt dann noch der Anreicherungsprozess, bevor das Kraftwerk durchlaufen wird. Danach wird der Brennstoff in Abklingbecken gelagert und zurzeit ist das der Punkt, an dem der Prozess abbricht. Der Atommüll wird weder wiederaufbereitet noch einem Endlager zugeführt. Wir stecken ihn in Abklingbecken, die sich mitunter 30 Meter über der Erde befinden, wie zB in Vermont Yankee und auch in anderen Anlagen. In Vermont Yankee lagert der Brennstoff von 35 Jahren in diesem Abklingbecken, das sich seinerseits weit oben im Gebäude befindet. In diesem Abklingbecken befindet sich mehr Cäsium, 137Cäsium, als in sämtlichen Atombomben, die jemals in der Atmosphäre gezündet wurden. 700 Bomben detonierten zwischen 1945 und 1980, als die atmosphärischen Atomtests aufhörten. Alle diese Bomben setzten Cäsium in der Atmosphäre frei. Aber im Abklingbecken von Vermont Yankee lagert mehr Cäsium als in all diesen Bomben zusammengenommen.

Ich will nun also ein bisschen etwas zum Uranabbau sagen. Eine Tonne des abgebauten Gesteines enthält ca ein Kilogramm Uran. Ich werde kg vermeiden und gleich von Pfund sprechen. In einer Tonne Erz sind also ca zwei Pfund Uran enthalten. Aber dieses Uran kann in einem Kernreaktor nicht verwendet werden, das Meiste von diesem Zeug ist Uran, das man nicht brauchen kann: 238Uran. Weniger als ein Prozent von dem Uran in diesen zwei Pfund kann man schließlich in einem Kernreaktor einsetzen. Es muss also angereichert werden. Wenn man dies also tut, so bringt diese Tonne zehn Gramm. Ein Gramm entspricht dem Gewicht einer Dollarnote. Eine Tonne Gestein bringt also schließlich eine Menge Uran von der Sorte, wie sie im Reaktor verwendet werden kann, die gewichtsmäßig in etwa zehn Dollarscheinen entspricht. Wenn man also eine Tagbaugrube wie diese sieht, dann ist zu bedenken, dass man für jede Tonne Gestein, wie sie hier aus dem Boden kommt, ein Ausbeute an verwendbarem Uran erzielt, die dem Gewicht von zehn Ein-Dollar-Banknoten entspricht. Es handelt sich also um einen äußerst arbeitsintensiven und umweltzerstörenden Prozess.

Man sieht hier diese Flüssigkeit; dabei handelt es sich um ausgesprochen säurehaltiges Wasser. Es gibt nun eine Menge von Studien, die belegen, dass AKWs sehr viel mehr Vögel töten als Windräder. Der Grund dafür liegt nicht bei den AKWs selbst. Bei den Windrädern sieht man die toten Vögel direkt unterhalb der Rotoren. Im Falle der Kernkraftwerke sterben die Vögel in diesem säurehaltigen Wasser. Zugvögel überfliegen diese Abwasser-Schlammteiche, landen auf ihnen, weil sie sie für einen natürlichen Teich halten, und sterben dann. Wenn man diese Technologien vergleicht, dann sind also Windräder sogar in dieser Hinsicht, der Auswirkung auf die Vogelwelt, die sehr viel gutartigere Technik als Atomkraft. Man kann hier eine Ahnung davon bekommen, wie viel Umweltzerstörung passieren muss, damit man genügend Uran erhält, um ein Kraftwerk wie Vermont Yankee 12 Monate lang zu betreiben.

Als nächstes muss dieses Erz dann angereichert werden. Sie werden sich daran erinnern, dass ich gesagt habe, dass dieses Erz nun Uran ist, aber 99% ist 238Uran. Man benötigt aber 235Uran, um einen Atomreaktor zu betreiben, und dafür gibt es etwas, das Anreicherung genannt wird. Zuerst wird ein Gas erzeugt, Uranhexafluorid (UF6), das danach in eine Drehbewegung versetzt wird, im nächsten Bild wird es dann um diese Drehbewegung gehen. Das Resultat ist dann angereichertes Uran, das in einem Reaktor wie Vermont Yankee zum Einsatz kommt, und abgereichertes Uran (depleted uranium, DU). Hat jemand dieses Wort schon einmal gehört, abgereichertes Uran? Ja? Einige Hände sehe ich dort drüben. Soweit es um den Brennstoffkreislauf geht, handelt es sich dabei um Abfall. Das Militär verwendet dieses DU aber in Sprengköpfen [für Gefechtsfeldwaffen], denn es ist „pyrophor“: es brennt mit einem Feuer, das durch Wasser nicht gelöscht werden kann. Die Projektile, die ein M1 Panzer in seiner Kanone verschießt, eine Munition namens „Flechettes“ – das sind Hochgeschwindigkeitsgeschoße –, enthalten keinen Sprengstoff; sie bestehen zur Gänze aus abgereichertem Uran, DU. Sobald sie aber auf der Stahloberfläche eines [gegnerischen] Panzers auftreffen, bewirkt die entstehende Reibung, dass sie spontan, also von sich aus, explodiert und dieses Feuer entsteht, das man nicht löschen kann.

Für uns hier in Vermont ist interessant, dass die Gatling-Kanone, die in Warzenschwein Flugzeugen eingebaut ist und jahrelang von der Nationalgarde genutzt wurde, hier in Vermont auf dem Truppenübungsplatz der Nationalgarde getestet wurde. Bei der Erprobung dieser Kanone kam DU-Munition zum Einsatz.

Aber gehen wir weiter in diesem Kreislauf. Dieser Teil des Verfahrens wird großzügig subventioniert. Vor drei Wochen war ich in Utah, bei einer Uranmine, und all die Abwasser-Schlammteiche, der Abfall der Uranmine, befanden sich unmittelbar neben dem Colorado River. Die Nuclear Regulatory Commission (US Atomaufsichtsbehörde NRC) bestand darauf, dass die Besitzer 6 Millionen $ für die Sanierung bereithalten mussten. Die Sanierung kostet aber 1.000 Millionen, also eine Milliarde $. Die Besitzer erklärten sich für bankrott, daher müssen wir nun für diese Milliarde $ aufkommen. Es handelt sich dabei folglich um eine Subventionierung dieses Brennstoffkreislaufes durch den Steuerzahler. Wenn man sich all diese Subventionen im Laufe der Jahre ansieht, dann ist Atomstrom nicht billig. Die Vereinigung besorgter Wissenschaftler (Union of Concerned Scientist, UCS) brachte eine Untersuchung heraus, dass Elektrizität im Ausmaß von 5 Cents/kW subventioniert ist. Was heißt das also? Vermont Yankee wollte Strom an Vermont für 6 Cents/kW verkaufen – doch es stellte sich heraus, dass dieser Preis dem Markt zu hoch war. Wenn wir aber die Subventionen streichen würden, dann sollte der Strom von Vermont Yankee 10 oder 11 Cents/kW kosten, was ihn viel zu teuer machen würde, sodass niemand ihn als Betriebsmittel in Erwägung ziehen würde. Der Grund, warum wir heute Atomkraft haben, ist also der, dass es 70 Jahre lang eine umfassend subventionierte Energie war. Wenn wir nun in die Zukunft schauen, dann sind die Subventionen bei neuen AKWs – wir sind dabei, eine neue Generation von AKWs zu bauen – diese Subventionen sind ebenso in einer Größenordnung von 5 Cents/kW. Wenn man also die Subventionen aus der Rechnung streicht, … Nun, man hört die Leute sagen, dass Windkraft subventioniert würde. Atomkraft ist der Energieträger, der am höchsten subventioniert wird. Wenn man das streicht, dann wären wir auf diese Schiene mit Atomkraft erst gar nicht gekommen, einen Weg, den wir in den 60er Jahren einschlugen, als ich im College war.

Ich habe ja versprochen, dass ich zeigen würde, wie die Geräte zur Anreicherung aussehen. Es handelt sich um Zentrifugen, die mit Uran gefüllt werden. Man denkt, Uran sei ein Schwermetall, aber in Wirklichkeit wird es in ein Gas umgewandelt und dann in Drehung versetzt, in eine unheimlich schnelle Drehung, 50.000 Umdrehungen pro Minute. Da 238U ein bisschen schwerer ist als 235U bewegt sich 238U nach außen, während 235U zurückbleibt, man reichert also 235U an. Diese Methode erzeugt aber nicht nur Uran für AKWs, sondern auch Bombenuran. Die Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen ist aber eine, die uns allen Sorge bereiten sollte, wenn es mehr und mehr uranbetriebene AKWs auf der ganzen Welt gibt, in Ländern, die bei weitem nicht so stabil sind wie die USA.

Dies ist eine Karte von Ländern, die Uran besitzen und Bomben hergestellt haben, in diesem hellen Rot die USA, Russland, China, Frankreich, England, Israel und auch Nordkorea. Es gibt auch Länder, die von der Atomenergie [sic!] Abstand genommen haben: Kanada, Australien, Japan, Norwegen … Sie haben nicht von der Atomenergie Abstand genommen, sie unterlassen die Anreicherung für Atomkraft. Schweden zB kauft sein Uran anderswo ein, dort wird der Anreicherungsprozess nicht durchgeführt, man will der Weiterverbreitung von Atomwaffen keinen Vorschub leisten.

Nun, wir haben alle bei Daiichi gelernt, dass AKWs explodieren können. Ich habe überlegt, ob ich eines der berühmt-berüchtigten Bilder eines explodierenden AKWs in die Präsentation einbauen soll, aber ich bin mir sicher, dass Sie diese bereits gesehen haben. Bei drei der Reaktoren kam es zu Wasserstoffexplosionen, welche die Sicherheitsbehälter (die Containments) zerstört haben. Sicherheitsbehälter sollten eigentlich die Schadstoffe zurückhalten, sie sind die letzte Verteidigungslinie, aber diese Sicherheitsbehälter haben in Fukushima versagt – nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal. Dabei handelt es sich nicht um eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, sondern um eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million mal einer Million mal einer Million, also einer Zahl mit 18 Nullen (1 : 1.000.000.000.000.000.000), dass es zu so einem Ereignis kommen kann – wenn man den Zahlen der Aufsichtsbehörde Vertrauen schenkt. Aber die Geschichte lehrt uns, dass es innerhalb dreier Tage zu drei Kernschmelzen kam, drei Explosionen mit nachfolgendem Versagen des Sicherheitsbehälters.

Ein weiterer Faktor sind die [dadurch entstandenen] Kosten. Dabei handelt es sich um eine weitere Subvention, die nicht in die Kostenrechnung einfließt. Die Sanierungsarbeiten nach Fukushima Daiichi werden eine halbe Billion $ verschlingen (500.000.000.000 $). Die Kosten, die sich Japan durch den Bau dieser AKWs gespart hat, sind aber geringer als diese Summe. Zur Behauptung, wir bräuchten Atomkraft, denn sie sei so billig, kann also gesagt werden, dass Fukushima Daiichi zeigt, wie durch einen einzigen Unfall diese Überlegungen ausradiert werden. Der Unfall von Daiichi kostet nun mehr, als Japan durch den Betrieb von 50 AKWs jemals einsparen konnte.

Ich sehe, dass sich einige Leute Notizen machen. Wir werden das alles online stellen und wahrscheinlich auch Les eine Kopie übergeben, es wird Ihnen also eine Kopie der Powerpoint-Präsentation zur Verfügung stehen.

Und dann kommt noch hinzu: diese halbe Billion, dabei geht es nur um Geld. Aber zusätzlich wird es zu ungefähr einer Million Krebserkrankungen wegen Fukushima Daiichi kommen. Es gibt keinen Wert, den man menschlichem Leben beimessen kann, um diese Gleichung jemals korrekt auflösen zu können.

Wir haben also mit den Rückständen beim Uranabbau begonnen, dann sprachen wir über das AKW selbst, und nun gehen wir weiter zum Punkt: Was tun mit dem Atommüll, nachdem er im Kernreaktor abgebrannt (also: erzeugt; AdÜ) wurde? Hier sehen wir ein Abklingbecken:

Es leuchtet tatsächlich in dieser blauen Farbe. Dabei handelt es sich um die sogenannte Tscherenkow-Strahlung. Ich war einmal am Brennelementbecken eines anderen AKWs, als die Lichter in diesem Becken und auch alle anderen Lichtquellen plötzlich erloschen – es handelte sich um einen kurzen Stromausfall – und es war wirklich sehr schön: Der ganze Raum wurde nun von diesem blauen Licht erhellt, das aus dem Wasser heraus aufstieg. Dabei ist es aber auch erschreckend, denn wenn man das sieht, dann erkennt man die massive Strahlung dort unten. Das Wasser wird also zur Abschirmung verwendet, um zu verhindern, dass die Leute sterben, aber auch, um als Kühlung zu fungieren. Wenn auch nur eines dieser Brennstabbündel [also ein Brennelement; AdÜ] herausgezogen würde, sodass es in der Luft hängt, dann müsste jeder in diesem Betriebsbereich innerhalb einer Stunde sterben – so stark ist die Strahlung, die in jedem einzelnen dieser Brennelemente steckt.

Hier sehen wir eine Wiederaufarbeitungsanlage in Frankreich:

Die Alternative zur Lagerung in Abklingbecken ist also die Wiederaufarbeitung. Frankreich versucht genau das, mit äußerst bescheidenem Erfolg. Die Nordsee wurde durch die flüssigen radioaktiven Abwässer der Anlage verseucht, und trotz aller Anstrengungen konnte ein großer Anteil des Atommülls nicht neuerlich nutzbar gemacht werden, sondern befindet sich entweder in Frankreich oder aber in Sibirien und wartet darauf, dass irgendjemand eine Idee hat, wie man mit diesem Müll weiter verfahren könnte. Es wird also ein Brennstoffkreislauf dargestellt, ein Brennstoffkreislauf, in Wirklichkeit aber handelt es sich um einen Reifen mit Plattfuß.

Es gibt einen großartigen Film, und wenn Sie sich nur einen Film über Atomenergie anschauen, dann empfehle ich diesen: Into Eternity: Wohin mit unserem Atommüll? Er handelt von der Endlagerung des Atommülls. Nachdem man das Brennmaterial aus dem Reaktor entfernt hat, sollte es den Planungen nach in die Erde versenkt werden – für zehn Halbwertszeiten. Eine Halbwertszeit von Atommüll beträgt 24.000 Jahre, wir sprechen also von einer Lagerungszeit im Boden von 240.000 Jahren. Der Film erkundet nun diesen Plan: Wie kann man etwas für eine Viertelmillion Jahre lagern? Die USA gibt es erst seit 250 Jahren, Zivilisationen, die bereits Schrift kennen, gibt es erst seit zwei-, vielleicht dreitausend Jahren. Die menschliche Hybris redet uns aber ein, dass wir dieses Zeug über einen Zeitraum von einer Viertelmillion Jahren lagen können.

Zu all dem gibt es aber eine Alternative. Ich verwende als Vergleich gerne einen Baum. Ein Baum besitzt nicht ein oder zwei richtig große Blätter, die all seine Energie erzeugen. Ein Baum besitzt tausende kleiner Blätter zur Energieproduktion. Nun, früher, im vorigen Jahrhundert, bestand die Methode darin, ein paar ausgesprochen große Blätter auf unserem Baum zu haben, aber die Zukunft schaut für mich anders aus. Die Zukunft scheinen tausende kleiner Energiequellen zu sein, die alle ihre Energie in das einspeisen, was man traditionellerweise das Verteilernetz nennt.

Die Energieerzeugung von heute geht von einer großen Kraftwerksanlage aus, und diese Anlage versorgt alles. Die Energieerzeugung von morgen – etwas, wozu es innerhalb Ihrer Lebenszeit kommen wird – wird Energieproduktionsanlagen in näherer Umgebung bringen, Kraftwerke werden in lokalen Industriegebieten entstehen, und wahrscheinlich werden auch ein paar große, zentrale Kraftwerke bestehen bleiben, wobei es zwischen diesen Einheiten zu einem permanenten Austausch kommen wird. Der große Unterschied gegenüber früher besteht in der Möglichkeit zur automatischen Datenverarbeitung: dem Computer. Der Computer erlaubt uns, das Stromnetz differenzierter zu gestalten, sodass die Photovoltaikanlage auf meinem Haus mit der Photovoltaikanlage am Nachbarhaus kommunizieren kann; wenn jemand Strom braucht, dann kann im Rahmen einer dezentralen Stromproduktion die Energie entsprechend zugeteilt werden. Dies ist also höchstwahrscheinlich die Methode, mit der im 21. Jahrhundert Energie produziert werden wird.

Nun gut; ich bin sicher, Sie sind mit den Eckpunkten der alternativen Energieerzeugung vertraut. Das gibt es einmal die Windkraft mit unterschiedlichen Gerätschaften. Hier sieht man eine Variante mit dreiblättrigen Rotoren, aber es gibt auch Windturbinen (Vertikalrotoren), die im Landschaftsbild etwas weniger störend wirken. Also Windkraft als eine Energiequelle.

Dann kennen Sie natürlich die Sonnenenergie. Dies ist eine Hybridanlage, bei der Wind- und Sonnenenergie zusammenspielen, unter der Annahme, dass es wohl windig ist, wenn die Sonne nicht scheint, und sonnig, wenn kein Wind bläst, was meistens so stimmt.

Es gibt dann noch eine Reihe von Energiequellen, über die man sich in Zukunft wohl Gedanken machen sollte: kleine Wasserkraftanlagen etwa. Zurzeit beziehen wir den Strom von großen Wasserkraftwerken, im Wesentlichen aus Quebec, aber auch vom Connecticut River, nicht von Kleinkraftwerken.

In Ontario denkt man über etwas nach, was man Unterwasser-Windturbinen nennen könnte, also Wasserturbinen. Sie befinden sich unter der Wasseroberfläche, und indem das Wasser über sie hinstreicht, werden sie in Drehung versetzt und Generatoren erzeugen den Strom – genau so, als ob die Propeller durch den Wind angetrieben werden. Wellen sind freilich eine weitere Möglichkeit, wenn diese Mechanismen sich im Wellengang heben und senken, dann würden sie die Wellenbewegung in Strom umwandeln, das Heben und Senken würde einen Generator antreiben, der wiederum den Strom erzeugt.

Hier in Vermont haben wir das Kraftwerk McNeil, kennen Sie das? Dort wird Biomasse verwendet, die im Kraftwerk verbrannt wird. Es erzeugt zwar auch CO2, unterscheidet sich aber von einem Kohlekraftwerk darin, dass die Bäume den Kohlenstoff aus der Luft gefiltert haben, den das Kraftwerk dann wieder an die Luft abgibt. McNeil gibt aber kein zusätzliches CO2 an die Luft ab, wie es bei Kohle der Fall ist, die aus der Erde herausgeholt wurde, irgendwelche Millionen Jahre alte Saurierknochen – nun es waren wohl keine Saurier, das stimmt schon, es waren wohl Pflanzen – jedenfalls, in dieser Kohle war das CO2 in die Erde eingeschlossen. Wenn man die Kohle aber verbrennt, dann wird zusätzlich CO2 in die Luft geblasen. McNeil verwendet Bäume von der Erdoberfläche (die übrigens nachhaltig geerntet werden), die dann verbrannt werden, wodurch kein zusätzliches Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt.

Eine weitere Möglichkeit besteht in der Geothermie. Island bezieht einen Großteil seiner Energie aus Geothermieanlagen. In Vermont könnte es am Connecticut River einen aussichtsreichen Standort dafür geben mit sehr heißem Grundwasser, im Allgemeinen denken wir in Vermont aber weniger an die Geothermie.

Die letzte Möglichkeit hier besteht in Wasserstoffzellen, die Wasserstoff direkt in Wasser umwandeln, bei diesem Prozess wird neben Wasser auch Strom erzeugt.

All dies ist Teil des zukünftigen Energiemixes. Zurzeit ist eine Wasserstoffzelle am Markt, die ungefähr so groß ist wie ein Klein-LKW. Damit könnte ein Wohnviertel mit ein paar hundert Häusern versorgt werden. Wir könnten also in unseren Wohnvierteln schlussendlich Wasserstoffzellen vorfinden, die mit Wasserstoff betrieben werden und Wasser sowie Strom emittieren.

Die große Frage, von der ich annehme, dass Sie alle schon einmal davon gehört haben, ist: Was tun, wenn die Sonne einmal nicht scheint und wenn auch kein Wind weht? Dafür braucht es das letzte Puzzlestück, das gerade jetzt marktfähig wird. Wie kann Sonnenenergie, wie kann Windenergie gespeichert werden? Wie überbrückt man die Zeit, in der einmal kein Wind bläst? Nun, meine Frage an Sie in diesem Zusammenhang wäre: Würden Sie lieber Atommüll eine Viertel Million Jahre lagern oder würden Sie lieber dieselbe Denkleistung dafür aufwenden, einen Weg zu finden, mit dem Elektrizität über Nacht gespeichert werden kann? Für mich ist die Entscheidung ganz eindeutig, ich würde lieber die bereits entwickelten Technologien einsetzen, um Energie zu speichern – und genau das wird gerade jetzt realisiert. Die Errichtung eines AKWs kostet etwa 5.000 $ pro Kilowatt Leistung, bei Sonnenenergie sind es 2.000 $/kW. Aber die Sonne scheint bekanntlich nicht immer. Die Speicherung kostet aber nun um die 1.000 $/kW. Sonnenenergie plus Speicherung ist mittlerweile also günstiger als Kernkraft: Das ist ein fundamentaler Wandel. Es ist auch einer der Gründe, warum wir uns von den großen zentralen Kraftwerken auf Solarpaneele auf den Dächern verlagern, auf Solaranlagen für Geschäftsbetriebe, man spricht sogar von Solarpaneelen in den Fenstern von Häusern.

Eine andere Möglichkeit ist, und Sie werden in der Zukunft noch viel mehr darüber hören, die V2G Technologie, also „vehicle to grid“ (vom Fahrzeug ins Netz). Man hat also ein elektrisches Auto, und wenn man daheim ist, verbindet man es mit dem Stromnetz, und das Netz schickt Strom an das Fahrzeug. Wenn das Netz aber Strom braucht und Sie Ihr Fahrzeug nicht benötigen, dann lassen Sie zu, dass Ihr Fahrzeug Strom zurück ans Netz schicken kann. Die Batterie, die Sie zur Arbeit bringt – oder zum Johnson State College – sobald Sie hier angekommen sind, verbinden Sie das Auto mit dem Netz. Das Auto lädt, wenn der Wind weht, und entlädt sich, wenn der Wind nicht weht. Man arbeitet bereits an dieser V2G Technologie.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Energie dazu zu verwenden, Luft zu komprimieren. Diese Druckluft würde in großen unterirdischen Kavernen gespeichert. Wenn also der Wind nicht bläst, dann wird diese Luft abgelassen und treibt dabei wiederum die Generatoren an – eine weitere Speichertechnik.

Eine andere Speichermethode besteht im Einsatz eines Schwungrades. Als Kind (es ist die Analogie eines Buben, tut mir leid) hatte man diese Spielzeugautos, [die man zuerst zurückzieht] und sobald man sie loslässt, preschen sie los: Eine Antriebsachse dreht sich. Wenn man diese Autos „auflädt“, entsteht ein Geräusch: Das ist das Schwungrad. Lässt man das Auto nun los, so bewegt es sich. Die Schwungradtechnik funktioniert genauso. Wenn der Wind bläst, wird ein Schwungrad beschleunigt, bläst er nicht, gibt das Schwungrad diese Energie ans Netz zurück.

Dieses Konzept der dezentralen Energie minimiert Übertragungsverluste. Vermont Yankee etwa befindet sich 150 km von hier entfernt. 10% der Energie von Vermont Yankee geht durch die Hochspannungsleitungen verloren. Das heißt also: wenn die Energie dort erzeugt wird, wo die Verbrauchslast anfällt, zB Solarpaneele auf Ihrem Dach, dann verlieren Sie diese Energie nicht – es kommt zu keinen Übertragungsverlusten. Wenn man zu einem dezentralen System überwechselt, so gewinnt man auf einen Schlag 10%, denn man ist nicht auf eine große, zentrale Versorgungseinheit angewiesen, die weit vom [Verbraucher im] Netz entfernt liegt. Das ist ein wichtiges Puzzlesteinchen für den Weg in die Zukunft.

Die dazu benötigte Technologie existiert. Ich möchte Japan als Beispiel erwähnen. Nach dem Unfall haben sie 54 AKWs abgeschaltet, es läuft zurzeit kein einziges AKW und das Leben in Japan geht seinen gewohnten Gang. Sie haben gleich einmal damit angefangen, Strom zu sparen. Ich war im letzten Jahr zweimal dort und im Sommer haben sie in ihren Gebäuden um die 27°. Das ist wesentlich wärmer, als man denken würde. Aber wenn man feststellt, dass außerhalb 36° herrschen, dann handelt es sich um eine ziemlich drastische Verringerung. Auch wir können das tun: bessere Leuchtmittel, besser isolierte Gebäude, die Temperatur im Sommer etwas höher, im Winter etwas niedriger halten, ist das erste, was wir tun können – und jeder in diesem Raum kann mitmachen. Es braucht keine hochtechnologischen Voraussetzungen, um hierbei Erfolg zu haben.

Ich habe mir eine Liste japanischer Hersteller angesehen und habe dabei herausgefunden, dass Sony überall in Japan die Nutzung der Windkraft vorantreibt. Mitsubishi und Hitachi arbeiten an Wärmepumpen, überall, in ganz Japan. Toyota befasst sich in überall in Japan mit dem Thema Sonnenenergie. Alle diese Technologien sind in Japan also vorhanden, sehr mächtige Strommonopolisten haben aber verhindert, dass diese Energie ins Netz eingespeist werden kann. Nun, nach Fukushima Daiichi, haben sich die Spielregeln geändert, die Monopole müssen nachgeben, und immer mehr von diesen Energiequellen werden ins Netz eingespeist.

Hier sehen wir, was ich als die Energie-Erfolgsgeschichte der letzten drei Jahre bezeichnen würde. Deutschland hat 9 AKWs direkt nach dem Unfall von Fukushima Daiichi stillgelegt, weil sie vom gleichen Typ und Alter waren wie Fukushima Daiichi. Die verbleibenden 20 werden in den kommenden 20 Jahren stillgelegt werden. Am 3. Oktober [2013], also vor drei Wochen, hat Deutschland 65% seines Spitzenstrombedarfs aus Erneuerbaren bezogen, also von Windkraftwerken und Solaranlagen. Das war mittags, zur Spitzenlast wurden also 65% in Deutschland [so produziert] – nicht gerade ein Dritte-Welt-Land, es ist eines der größten Exportländer der Welt. Andere Kraftwerke mussten entweder herunterfahren oder ihren Strom aus Deutschland exportieren, denn die Deutschen hatten 65% … Über den ganzen Tag gesehen, wurden an diesem 3. Oktober 33% ihrer Energie aus Erneuerbaren gewonnen. Die Deutschen sind also dabei herauszufinden, wie man so etwas macht, ein dezentrales Netzwerk. Gibt es dabei Hürden? Sicherlich. Aber gibt es auch Hürden bei der Atomkraft? Ich glaube, dass Daiichi uns gezeigt hat, dass es eine ganze Reihe an Hürden gibt, die wir erst einmal überwinden müssen. Wenn also ein großer Stromversorger sagt: „Wie können wir denn das machen?“, dann liegt es in der Mentalität dieser Einrichtung zu denken, dass der einzige Zugang zur Energieerzeugung in großen zentralen Kraftwerken mit einer Hochspannungsleitung zu Ihrem Haus sein kann. Deutschland und andere Länder – aber Deutschland bleibt in dieser Hinsicht das Vorzeigemodell – zeigen, dass Alternativen tatsächlich möglich sind, dezentrale Energieerzeugung ist höchstwahrscheinlich der Weg in die Zukunft. Wenn es den Deutschen gelingt, das in Deutschland umzusetzen, dann werden sie überall auf der Welt eine Menge Geld damit verdienen, denn andere werden das Gleiche wollen; es handelt sich um eine großartige Chance, Geld zu verdienen, was ich auch den Japanern so gesagt habe.

Ich habe ein Buch geschrieben (noch so eine Sache, an die der Zimmermannssohn niemals gedacht hatte), der Titel ist „Fukushima Daiichi: Die Wahrheit und der Weg in die Zukunft“. Wir sprechen ausführlich darüber, dass auch die Japaner die Möglichkeit haben, sich von der Atomkraft zu befreien und ein Exportweltmeister in Sachen Erneuerbare zu werden – sie haben die Wahl.

Zum Abschluss kehren wir zurück zu dem Gedicht von Robert Frost:

Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald
und, weil ich nicht auf beiden konnte gehn
und einer bleiben, macht' ich lange Halt
und schaute auf des einen Wegs Gestalt,
soweit ich durch die Büsche konnte sehn.

Und seufzend werd' ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich –
ich ging und wählt' den stilleren für mich –
und das hat all mein Leben umgedreht.

Wir stehen nun an dieser Abzweigung und es gibt für die USA und die Welt die Chance, einen anderen Weg einzuschlagen, als den, den wir im vergangenen Jahrhundert gewählt haben. Meiner Überzeugung nach besteht dieser Weg in Erneuerbaren und einer dezentralen Energieerzeugung.

Nun – danke schön; gibt es dazu noch irgendwelche Fragen?


Gedichtübertragung: Walter A Aue    Bildmaterial: Screenshots der Fairewinds-Präsentation      Satellitenaufnahme der Uranmine von McArthur River, Kanada: Google Earth
Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)     Quelle: A Road Less Taken: Energy Choices for the Future, http://www.fairewinds.org/category/media/videos-mp3s/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html   Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at    November 2013 / v1

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17. Oktober 2013


Wie exakt arbeiten die Anzeigen von Atomreaktoren?
Lucas Hixson im Gespräch mit Dave Lochbaum


MG: Hallo, hier spricht Maggie Gundersen von Fairewinds Energy Education. Wir machen heute eine sehr spezielle Sendung zur Überwachung des Wasserstandes innerhalb von Atomreaktoren. Unsere Gäste sind der Berichterstatter in Sachen Atomenergie Lucas Hixson (Enformable) und Dave Lochbaum, Nuklearexperte der Vereinigung besorgter Wissenschaftler (Union of Concerned Scientists). Dies ist insofern nicht einer unserer gewohnten Podcasts, als es hier um ein ganz spezifisches technisches Problem geht. Diese Sendung ist für alle jene, die auf vertiefte Informationen warten. Eine ganze Reihe von Ihnen hat uns geschrieben und uns um diese Art von Material gebeten. Aber selbst wenn Sie kein Fachmann sind, glaube ich, dass Sie das Folgende sehr interessant finden werden und so einen Einblick in die Schwierigkeiten gewinnen, die der Betrieb eines Atomreaktors mit sich bringt. Ich danke Ihnen, dass Sie wieder mit dabei sind.

LH: Einen schönen Nachmittag, ich bin Lucas Hixson, und ich bin heute hier mit Dave Lochbaum von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler. Wir wollen über das Überwachungssystem sprechen, welches Auskunft gibt über den Wasserstand innerhalb eines Kernreaktors. Wasser wird in einem Atomreaktor als Neutronenmoderator und als Kühlflüssigkeit verwendet. Die Höhe des Wasserstandes innerhalb eines Reaktors wird nicht direkt gemessen, sondern durch ein indirektes Überwachungssystem, das einen Zusatztank einschließt, ein Rohrleitungssystem, in dem sich der Messabschnitt befindet (reference leg). Über die Jahre hinweg gab es immer wieder einmal Berichte über Schwachstellen bei dieser Art des Kühlsystem[management]s, einige der bedeutsamsten wurden durch Paul Blanche in den 1990er- Jahren bekannt. Dave, kannst du erklären, worin diese Erkenntnisse bestanden?

DL: Ja. Paul deckte Probleme bei den Kontrollgeräten zur Ermittlung des Wasserstandes in Siedewasserreaktoren wie etwa Fukushima in Japan und Pilgrim oder Browns Ferry in den USA auf. Wie du bereits erwähnt hast, ist das Wasser bei diesem Reaktortyp innerhalb des Reaktorgefäßes am Kochen. Es ist aber nicht einfach, den Wasserstand zu bestimmen, wenn das Wasser sprudelnd kocht. Wenn man sich einen Topf mit kochendem Wasser am Herd vorstellt, dann sieht man auf die sprudelnde Oberfläche, aber wie hoch ist nun eigentlich der Wasserstand in diesem Topf?

In Siedewasserreaktoren benutzt man nun eine spezielle Rohrleitung als Messstrecke – im Grunde handelt es sich dabei lediglich um eine Wassersäule unterhalb des Siedepunktes – um dann den Druck bzw das Gewicht dieses Wassers mit dem Gewicht des Wassers im Reaktor zu vergleichen. Wir können die Dichte des Wassers im Reaktorgefäß leichter feststellen als den tatsächlichen Wasserstand. Den Druckunterschied zwischen dem Gewicht des Wassers im Reaktor und dem Gewicht des Wassers in der Messstrecke können wir nun nutzen, um zu bestimmen, wie hoch der Wasserstand im Reaktorgefäß ist. Es ist wie bei einer Flasche mit Sprudelwasser, die man zuerst schüttelt und danach den Schraubverschluss öffnet – plötzlich bleibt das Getränk nicht mehr auf dem vorhergehenden, normalen Niveau, sondern spritzt aus der Flaschenöffnung. Die nicht kondensierbaren Gase wurden durch das Schütteln freigesetzt. Weiters stellte Paul fest, dass umgekehrt im Falle eines plötzlichen Druckabfalls – zu welchem es bei einem Unfall kommen könnte – wie beim Öffnen der Sprudelflasche die austretenden nicht kondensierbaren Gase im Wasser der Messstrecke eben dieses Wasser durch die Blasenentstehung verändern. Der Druck fällt und dabei kommt es zur Blasenbildung. Dies wurde bei der Wasserstandmessapparatur nicht bedacht. Wenn im Betrieb diese Situation eintritt und sich Blasen bilden, dann kann der dem Reaktorfahrer angezeigte Wasserstand völlig falsch sein – und zwar um einige, um mehrere Meter. Wenn nun der Reaktorkern vier Meter hoch ist und die Anzeige liegt sieben Meter daneben, dann hat man ein massives Problem.

LH: Gibt es noch eine andere Möglichkeit für den Reaktorfahrer, die Höhe des Wasserstandes festzustellen, wenn das eigentlich dafür vorgesehene System keine korrekte Anzeige liefert?

DL: Die Reaktorfahrer werden in einem Siedewasserreaktor mit fünf Gruppen von Wasserstandsanzeigen versorgt. Sie sind kalibriert für heiße Betriebszustände mit hohem Druck und hoher Temperatur und für den kalten Betriebszustand, wenn der Reaktor heruntergefahren und der Druckbehälterdeckel geöffnet ist, wenn die Wassertemperatur also unter 100° Celsius liegt. Das Problem besteht darin, dass man bei einem Unfall von einem Zustand, der durch hohe Temperatur und hohen Druck gekennzeichnet ist, zu einem mit hoher Temperatur und niedrigem Druck gelangt, und zwar in dem Maße, in dem Rohrleitungen brechen und Wasserverlust entsteht. Die Reaktorfahrer müssen aus den fünf Anzeigentafeln nun diejenige herausfinden, die den aktuellen Zustand am besten repräsentiert; der entsprechende Hinweis wechselt von einem Instrument zum nächsten, der Reaktorfahrer muss raten, welches Instrument ihm gerade die besten Informationen liefert. Wenn man es aber mit einem Reaktorkern von 100 Tonnen zu tun hat und beginnt, über ihn herumzuraten, dann kann eine Fehleinschätzung ausgesprochen teuer kommen.

LH: Wenn ich mich recht erinnere, hat die Aufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) bis zu 75 cm Abweichung beim Messergebnis mit Hilfe dieser Messstrecke zugelassen. Die Messung kann aber um über sieben Meter daneben liegen, ist das korrekt?

DL: Bei Browns Ferry hatten wir zB drei Instrumente für das Wasserstandniveau, alle mit ihren Messstrecken, und die Instrumente differierten manchmal um bis zu 25 cm und mehr; sie alle maßen aber eigentlich denselben Zustand.

LH: Nachdem wir nun die Möglichkeit besprochen haben, dass Reaktorfahrer unter Umständen nicht im Stande sein könnten, den Wasserstand in einem Atomreaktor korrekt zu bestimmen, auf Grund der nicht kondensierbaren Gase, die gerade innerhalb der Messstrecke auftreten, möchte ich dich mit einem anderen glaubhaften Systemfehler konfrontieren. Allen Atomunfällen ist ein Phänomen gemeinsam, das meiner Meinung nach nicht genügend Beachtung findet: Wiederholt wurden Reaktorfahrer in Situationen gebracht, in denen sie den Instrumenten nicht mehr vertrauen konnten, auf die sie sich aber eigentlich stützen sollten, um zu erfahren, was im Atomreaktor vor sich geht. Sie haben entweder richtig oder falsch gehandelt, aber immer auf der Basis von fehlerhafter Information. Später wurden diese Reaktorfahrer für die Unfälle verantwortlich gemacht, da sie irgendeinen Bedienfehler begangen hätten. Im das zu illustrieren, Dave, könntest du uns etwas zu den Problemen mit den Anzeigen sagen, die bei den Reaktorfahrern in Three Mile Island aufgetreten sind?

DL: Selbstverständlich. Im März 1979 arbeitete der Reaktor von Three Mile Island mit einer Leistung von 97%, als es zu einer unerwarteten Abschaltung kam – einer automatischen Abschaltung, die den Reaktor innerhalb von Sekunden in einen unterkritischen Zustand versetzt. Das war im Vorjahr bereits 13 Mal geschehen, aber dieses, das 13. Mal, entwickelte sich besonders unglücklich. Als das Kraftwerk mit 97% Leistung betrieben wurde, war alles in Ordnung und bestens im Lot, bei einer Abschaltung kommt es aber zu starken Übergangsbelastungen im System, während versucht wird, die Leistung des Reaktors und den Verbrauch durch die Hilfssysteme auszugleichen. Während dieser Übergangsphase hatte sich ein Ventil im Reaktordruckgefäß geöffnet, um Wasser in einen Tank einzuspeisen und so einen Druckabbau zu erlauben. Das ist so weit ganz normal. Die Anlage funktionierte; ein paar Sekunden dauert so ein Übergang, dann ist das Gleichgewicht wieder hergestellt. In diesem Fall verklemmte sich das Ventil jedoch in geöffneter Stellung. Es hätte sich eigentlich wieder schließen sollen, nachdem sich der Druck verringert hatte, aber durch ein technisches Gebrechen blieb das Ventil geöffnet. Die Reaktorfahrer waren angewiesen, sie waren darauf trainiert, auch alle Verfahrensweisen und Anleitungen waren darauf ausgerichtet, dass der Tank, zu dem dieses Ventil den Weg freigab, niemals komplett mit Wasser befüllt sein sollte. Er wird teilweise befüllt, um die wechselnde Ausdehnung des Wassers auszugleichen, wenn sich der Reaktor erhitzt bzw abkühlt, in etwa so wie der Überlauf bei einem Automotor. Weil das Ventil in geöffneter Stellung festsaß, wurde der Wasserstand in seinem Inneren als randvoll, bereits am Überlaufen, angegeben. Das entsprach gar nicht dem tatsächlichen Wasserstand, aber weil das Ventil immer noch offen war, passierte Ähnliches wie vorher bei der Sprudelflasche: der Tank war nicht am Überlaufen, der „Überlauf“ entstand durch das Aufschäumen, ausgelöst durch das Ausgasen infolge des durch das offene Ventil verursachten Druckabfalls – eben ganz ähnlich wie beim Öffnen einer Flasche Sprudel. Die Reaktorfahrer beantworteten dieses falsche Signal, indem sie die Pumpen stilllegten, die sich eingeschaltet hatten, um den Wasserverlust im Reaktor auszugleichen und ihn zu kühlen. Sie schalteten die Pumpen ab, weil sie fälschlicherweise davon ausgingen, im Reaktor wäre zu viel Wasser – das Gegenteil war der Fall. Über die nächsten zwei Stunden gelang es ihnen, noch mehr Wasser aus dem Reaktorgefäß abzuziehen, weil sie ja fortgesetzt versuchten, den Wasserstand in dem einen Tank auf ein normales Niveau abzusenken. Die falsche Anzeige hielt sie dazu an, die nächsten zwei Stunden lang Wasser aus dem Reaktordruckgefäß abzuziehen, bis der Reaktorkern teilweise trocken lag und schmolz. Der Reaktorkern überhitzte und begann zu schmelzen. Diese Reaktorfahrer taten aber nichts weiter, als genau so vorzugehen, wie sie es gelernt hatten, wie es ihnen die Anleitungen vorgaben. Sie vertrauten auf falsche Anzeigewerte und kamen dadurch auf das ganz falsche Gleis.

LH: Gab es denn vor Three Mile Island irgendwelche Hinweise, dass dieses Ventil einmal in geöffneter Stellung festsitzen könnte?

DL: Wenig mehr als ein Jahr zuvor passierte im AKW von Davis Besse in Ohio, einer Zwillingsanlage von Three Mile Island, ein ganz ähnlicher Vorfall. Es kam zu einer [Schnell-] Abschaltung. Zu diesem Zeitpunkt lief der Reaktor mit 90% Leistung. Auch in diesem Fall öffnete sich das Ventil, um die für wenige Sekunden zu erwartenden raschen Druckveränderungen abzufangen, wonach sich das System wieder in einem stabilen Zustand befände. Es saß jedoch ebenfalls in geöffneter Stellung fest. Die Reaktorfahrer bemerkten aber in diesem Fall, dass das Ventil unplanmäßig geöffnet war, und sie schlossen ein anderes Ventil in der gleichen Rohrleitung, womit der Durchfluss zuverlässig gestoppt wurde. Der Druck im Tank fiel von der fälschlich angezeigten Überfüllung auf das effektiv vorherrschende Niveau zurück, somit wurde die kritische Situation mühelos überwunden. Das Problem dabei war: obwohl es zu diesem Störfall gekommen war und dieser ja auch erfolgreich gemeistert werden konnte, gaben weder der Besitzer noch der Reaktorbauer noch die NRC diese Information weiter, sodass die Bedienungsmannschaften in Three Mile Island und anderswo nicht vor dieser möglicherweise entstehenden Situation gewarnt wurden. Als sie dann ahnungslos hineinstolperten, interpretierten sie den Sachverhalt falsch – mit desaströsen Auswirkungen.

LH: Für mich hat das Anklänge an die Art von Fehlern, zu denen es auch in Tschernobyl kam, als Reaktorfahrer auf eine Weise reagierten, von der sie annahmen, dass sie angemessen war, aber auf Grund von anderen Konstellationen der Anlage eigentlich nicht den Abläufen folgten, die ihnen geholfen hätten, den Unfall abzuschwächen.

DL: Es handelt sich um ein gängiges Thema. Immer wieder stellen wir den Reaktorfahrern eine Falle. Wir geben ihnen ein Set von Anweisungen, die dafür gedacht sind, eine große Spannbreite von Situationen abdecken zu können. Wenn sich der Ablauf aber nicht an diese Drehbücher hält, dann werden die Bedienmannschaften [mit diesen Anweisungen] in die Irre geleitet. Das passierte, wie du sagtest, in Tschernobyl, es passierte in Three Mile Island, in gewisser Weise passierte es auch in Fukushima. Wir scheinen unfähig zu sein, aus diesen Katastrophen die richtigen Lehren zu ziehen.

LH: Meine Besorgnis besteht in dieser Hinsicht offensichtlich darin, dass wir die Bedienungsmannschaften, anstatt ihnen erfolgreiches Handeln zu ermöglichen, im Gegenteil in eine Situation bringen, in der sie unausweichlich das Falsche tun und so versagen müssen. Tokyo Electric zufolge, dem Betreiber des havarierten Kraftwerks Fukushima Daiichi, hatten auch sie Probleme mit der Reaktorwasserstandanzeige in den verschiedenen Blöcken, während sie versuchten, die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis vom 11. März 2011 zu bekämpfen. Speziell in Block 1 suchte die Mannschaft nach dem Stromausfall verzweifelt nach Ersatzmöglichkeiten, wie eine Energieversorgung für die Überwachungsinstrumente im Kontrollraum herzustellen wäre, um feststellen zu können, was sich im Reaktor überhaupt abspielte. Als sie zeitweilig die Wasserstandanzeige mit Hilfe von Batterien wieder zum Laufen gebracht hatten, zeigten die Messinstrumente den Reaktorfahrern, dass die Brennelemente noch mit Wasser bedeckt wären. Später fanden wir heraus, dass der Kern zu diesem Zeitpunkt in Wirklichkeit schon völlig trocken lag und bereits 90 Minuten trocken gelegen war, als die provisorische Stromversorgung hergestellt wurde. TEPCO zufolge hatte die Temperatur im Reaktorkern eine Höhe erreicht, bei dem die Kernschmelze einsetzt, und war auch schon so hoch, dass das Wasser in der Messstrecke verdampft sein musste. Auf Grund des Drucks im Reaktorgefäß hatten die Messgeräte während der provisorischen Stromversorgung falsche Werte angezeigt. Das sagt mir, dass diese Art der Feststellung des Wasserniveaus zwar im Normalbetrieb dazu im Stande sein mag, den Reaktorfahrern verlässliche Daten zu liefern; an einem schlechten Tag aber kann das System versagen, wie nach einer Kernschmelze. Kannst du uns dazu etwas berichten?

DL: Ich würde bis zu einem gewissen Grad zustimmen. Die Messgeräte für den Wasserstand und andere Systeme im Kraftwerk wurden in Hinblick auf den Normalbetrieb oder vorgegebene Unfallabläufe entworfen. Wenn Unfälle aber nicht den Drehbüchern folgen, so wie wir sie geschrieben haben, dann können diese Anweisungen und Anleitungen, die man den Reaktorfahrern mitgibt, schließlich mehr hinderlich als förderlich sein. Und das ist eine Situation, der wir sie [die Bedienungsmannschaften] nicht ausliefern sollten.

LH: Um auf Fukushima Daiichi zurückzukommen: Wir haben soeben festgestellt, dass Reaktorfahrer in Zukunft, wenn sie sich in einer Situation befinden, in der sie davon ausgehen müssen, dass es zu einem Schaden an den Brennelementen gekommen sein könnte, dass im Inneren des Reaktors bereits Temperaturen herrschen könnten, die ein so hohes Niveau erreicht haben, dass alles Wasser in der Messstrecke verdampft ist, dann würde anschließend die Öffentlichkeit in die Lage kommen, den Aussagen der Industrie vertrauen zu müssen – die aber ihren eigenen Daten nicht vertrauen kann. Stimmt das so?

DL: Unglücklicherweise: Ja! So wie es nun ist – und für die vorhersehbare Zukunft wohl weiter sein wird –, bleibt der beste Hinweis darauf, ob die Messungen des Wasserstandes korrekt oder falsch sind, der Umstand, ob man eine radioaktive Wolke aus dem Kraftwerk bemerkt – in dem Fall dürften die Messergebnisse dann wohl falsch sein. Wir brauchen aber eine bessere Anzeige als eine radioaktive Wolke, um feststellen zu können, ob wir den Wasserstand nun kennen oder nicht. Dieser Preis herauszufinden, dass wir uns geirrt haben, ist jedenfalls zu hoch.

LH: Dave, wird dieselbe Art von Wasserstandanzeigen bei Druck- und Siedewasserreaktoren verwendet?

DL: In dieser Form nur bei Siedewasserreaktoren. Druckwasserreaktoren benutzen ein ähnliches, aber etwas unterschiedliches Konzept. Bei Druckwasserreaktoren (PWR; pressurized water reactors) gibt es gar kein Messinstrument für den Wasserstand innerhalb des Reaktordruckgefäßes, weil wir ja, nach unseren Unfalldrehbüchern, niemals Wasser aus unserem Primärkreislauf verlieren. Die Messgeräte für die Wasserstandanzeige sind bei den PWRs Teil der Dampferzeuger im Sekundärkreislauf, außerhalb des Reaktorgefäßes. Bei den Dampferzeugern wird nun wiederum eine ähnliche Methode benutzt wie bei den Siedewasserreaktoren (BWR; boiling water reactors), um den Wasserstand innerhalb der Dampferzeuger festzustellen. Bei PWRs gibt es also eigentlich gar kein System, mit dem man den Wasserfüllstand im Reaktorgefäß überwachen könnte – nur dann, wenn sie heruntergefahren sind.

LH: Werden diese Probleme von jemandem bearbeitet? Können sie überhaupt gelöst werden? Und wer sollte sich mit Antworten auf diese Fragen befassen?

DL: Wir scheinen immer die vergangene Schlacht zu schlagen – was auch getan werden muss. Aber wir müssen unseren Blickwinkel erweitern, wie wir mit den zentralen Betriebsparametern verfahren, denjenigen, welche die Bedienungsmannschaften unter Kontrolle behalten müssen, und ob diese Parameter während der unterschiedlichen Stör- und Unfallbedingungen, die sich ergeben können, wirklichkeitsgetreu abgebildet werden oder nicht. Wir können die Reaktorfahrer nicht in die Verlegenheit bringen, raten zu müssen, was eigentlich vor sich geht – weil sie ja auch richtig raten könnten. Wenn sie aber falsch raten, dann zahlen eine Menge Leute einen hohen Preis. Meiner Meinung nach sollten die Bundesregierung, die nationalen Forschungseinrichtungen und auch die Atomindustrie jeden der ausschlaggebenden Parameter, sei es nun Druck, Wasserstand, Temperatur, Wasserstoffkonzentration oder was auch immer, welcher in der Unfallsituation kontrolliert werden muss, daraufhin prüfen, ob die Reaktorfahrer verlässliche Informationen über diesen Parameter erhalten, damit sie zur rechten Zeit die richtigen Entscheidungen fällen können. Die armen Reaktorfahrer in Fukushima etwa, die sich abmühten, die Stromversorgung für die Instrumente wiederherzustellen, nur um dann falsche Messwerte geliefert zu bekommen – man hätte sie von Anfang an nicht in diese Lage bringen dürfen; wenn wir es aber dennoch tun, so ist das eine Schande für uns alle.

LH: Die Öffentlichkeit hat die Verpflichtung, sich zu informieren und zu gewährleisten, dass die Aufsichtsbehörden ihre Arbeit tun und sich all dieser Probleme annehmen. Aber wie können die Bedienmannschaften die Aufsichtsbehörde NRC und auch die Atomindustrie darin unterstützen, diese Probleme zu bearbeiten?

DL: Die Betreiber dieser Kraftwerke, die Besitzer der AKWs, haben mit diesen Anlagen eine milliardenteure Veranlagung, die sie nicht verlieren wollen. Sie haben also jeden Grund, dafür zu sorgen, dass die Bedienmannschaften zuverlässige Informationen erhalten. Sie sollten nicht nur die Probleme von gestern regeln. Sie sollten die Sache mit den Anzeigen unter einem breiten Gesichtswinkel betrachten, darauf hinsteuern, die Ausrüstung zu verbessern. Beispielsweise tauschen viele Werke die alten analogen Apparaturen gegen digitale, da schlicht keine Ersatzteile mehr aufzutreiben sind. Wenn man also zu einer digitalen Ausrüstung überwechselt, wenn man einige der Messgeräte austauscht, dann sollte man sie gleichzeitig verbessern, sie zuverlässiger machen, sie so einrichten, dass ein weiterer Bereich an Unfallverläufen abgedeckt ist als durch die äußerst schmächtigen Drehbücher, wie sie derzeit vorliegen. Tun wir das nicht, so verlassen wir uns nur auf das Glück, um das nächste Fukushima oder Tschernobyl oder Three Mile Island zu verhindern. Die Tatsache, dass diese Liste immer länger wird, zeigt, dass Glück nur einen lausigen Schutzwall darstellt.

LH: Wenn wir über die Aufbesserung von analogen zu digitalen Messgeräten sprechen, so erinnert mich das an die Ereignisse in North Anna im Jahr 2012, wo ein paar der seismischen Instrumente digitalisiert worden waren; mit diesen war es dann aber nicht möglich, die tatsächlichen Erdschwingungen in der Anlage aufzuzeichnen. Man war deshalb für die Datengewinnung auf sogenannte „scratch plates“ angewiesen [ein rein mechanisches Gerät, welches Beschleunigungen in allen drei Raumachsen aufzeichnen kann; AdÜ]. Welche Art von Tests werden bei diesen digitalen Messgeräten eingesetzt, um sicherzustellen, dass sie dazu geeignet sind, Daten auch jenseits von normalen Betriebsbedingungen noch verlässlich aufzuzeichnen?

DL: Nun, die Hersteller dieser Messgeräte sagen natürlich, dass ihre Testmethoden hervorragend sind, aber die Anwender der Geräte belegen, dass diese Werbebotschaften die Wirklichkeit nur unzureichend wiedergeben. Das AKW von Browns Ferry hatte ebenfalls Probleme mit digitaler Ausrüstung: Dort war der Internetverkehr so hoch, dass er mit der Ansteuerung zweier Pumpen in Konflikt geriet, sodass Kühlwasser in den Reaktorkern gelangte, was zu einer Abtrennung des AKWs vom Stromnetz führte. Wir haben also ganz offensichtlich noch einige Hausaufgaben vor uns, um sicherzustellen, dass digitale Geräte im Alltagsbetrieb zuverlässig arbeiten – von Unfallsituationen ganz zu schweigen.

LH: Als Antwort auf den Unfall von Fukushima Daiichi hat die NRC die vorgeschriebene Einholung von Sicherheitsinformationen etwas ausgeweitet, insbesondere die Abklingbecken sind davon betroffen. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?

DL: Eines der Probleme von Fukushima bestand in dem Vorhandensein von sieben Abklingbecken. Während des Unfalls waren sowohl der Wasserstand als auch die Wassertemperatur den Bedienmannschaften im Kontrollraum unbekannt, denn es gab dort keine Messinstrumente, die diese Information hätten liefern können – selbst, wenn Strom zur Verfügung gestanden wäre. Die Bedienungsmannschaften verzettelten sich also darin, jemanden physisch dorthin zu schicken, um den Wasserstand festzustellen oder zu versuchen, einen Temperaturmesswert zu bekommen. Um diese Situation bei US-amerikanischen AKWs zu vermeiden, befahl die NRC den Besitzern im März 2012, zuverlässige Wasserstandmessgeräte zu installieren. Das klingt gut. Aber in dieser Anweisung, die den Besitzern die Anbringung dieser Messfühler auftrug, stand auch, dass die Temperatur nur bis in eine Tiefe von 30 cm oberhalb der Brennelemente gemessen werden muss. Wenn es also zu einem Problem kommt und der Wasserstand wirklich sinkt, dann weiß die Bedienmannschaft unter Umständen nicht, ob der Wasserstand nun unterhalb der Brennelementoberkannte angelangt ist und damit ein Schaden bei den Brennelementen unmittelbar bevorsteht [dass sie also in Brand geraten; AdÜ]. Sie wissen bestenfalls: „Jetzt ist die Wasseroberfläche noch 30 cm darüber“, danach nichts mehr. Es hätte sich hier eine Gelegenheit ergeben, Daten im gesamten Becken zu erheben, nicht nur in einem Teil. Ein weiteres Mal nehmen wir an, dass Unfälle unseren Drehbüchern folgen: „Wir werden das Wasser schon rechtzeitig wieder auffüllen können, bevor es dermaßen weit abfällt!“ Aber wir stellen den Bedienmannschaften hier eine Falle, sollte das Wasserniveau doch stärker absinken. Ein weiteres Mal wiederholen wir unsere früheren Fehler, ziehen keine Lehren aus vergangenen Katastrophen.

LH: Vielen herzlichen Dank, Dave. Nur um zu wiederholen: Ich bin Lucas Hixson und wir sprechen mit David Lochbaum von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler. Ich möchte dir noch einmal dafür danken, dass du für dieses Gespräch bei uns gewesen bist.

DL: Danke dir, Lucas, und danke dir für das Licht, das du auf diese Themen wirfst. Das ist einer der besten Wege, wie wir versuchen können, diese Probleme wenigstens teilweise vom Tisch zu bekommen und hinter uns zu bringen.

NWJ: Danke, dass Sie heute diesen Podcast von Fairewinds Energy Education angehört haben. Wenn Sie sich auf Fairewinds als Quelle unparteiischer Information zum Thema Atomindustrie verlassen, dann ziehen Sie bitte in Betracht, unsere Arbeit durch eine Spende zu unterstützen, damit wir auch weiterhin hochwertige Energy Education Programme wie dieses herstellen können.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: How Accurate Are The Instruments in Nuclear Reactors?, http://fairewinds.org/podcast/flat-soda-monitoring-water-levels-nuclear-reactors     
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Oktober 2013 / v1

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5. September 2013


Vernachlässigte Wege:
Energie für die Zukunft

Gast: Amory Lovins
Mit: Arnie Gundersen


AG: Amory Lovins war schon immer ein Vorreiter bei der Frage, wie wir Energie erzeugen, wie wir Energie erzeugen können und wie Energie gespart werden kann, und das nunmehr schon fast vier Jahrzehnte lang. Er ist ein Mitbegründer des Rocky Mountain Institute, hier in den USA die größte Denkfabrik, die Alternativen zum derzeitigen Energieparadigma vorschlägt. Ich bin daher sehr erfreut darüber, dass er heute hier bei Fairewinds ist, um mit uns ein Gespräch zu führen.

AL: Wenn Sie sagen würden, dass wir eigentlich große Zentralrechner benötigen, dann glaube ich, dass vor 10 Jahren die meisten Leute gesagt hätten: „Sie sind verrückt, der Markt verlangt dezentrale Computer. Wir müssen nicht alles zu ein paar Großrechnern schicken, wenn wir gut vernetzte Einzelrechner haben.“ In derselben Art und Weise kann eine moderne Industriegesellschaft durch dezentrale Stromquellen versorgt und am Laufen gehalten werden. Es ist sogar billiger und robuster, wenn man es auf diese Art macht.

Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis darüber, wie das Stromnetz funktioniert – sogar bei Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten. Dieses behauptet, dass ein konstanter Bedarf an Leistung besteht, der entsprechend durch konstante Versorgung abgedeckt werden muss. Es besteht aber freilich keine direkte Verbindung zwischen den beiden Faktoren. Die verschiedenen Stromquellen bedienen das Netz, und das Netz übernimmt die Versorgung der Strombezieher. Wenn man uns also sagt, dass wir die Kohle- und Atomkraftwerke benötigen, damit bei uns nicht das Licht ausgeht, da Sonnen- und Windenergie nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen und daher angeblich nicht zuverlässig sind, so ist dies ein gewaltiger Irrtum. Es gibt kein Kraftwerk, das ohne Unterbrechung läuft – sie alle entwickeln Defekte. Die zentralen Versorgungsanlagen sind ca 10% bis 12% der Zeit außer Betrieb, davon wiederum die Hälfte sind sogenannte Zwangsabschaltungen, die völlig unvorhersehbar sind, man verliert einfach 1.000 MW Leistung ohne jede Vorwarnung, innerhalb von Millisekunden, und dieser Zustand bleibt dann oft wochen- oder monatelang aufrecht. Das ist der Grund, warum das Netz seit mehr als einem Jahrhundert dafür ausgelegt ist, Anlagen, die heruntergefahren werden mussten, durch funktionierende auszugleichen. Genau so kann das Netz die vorhersehbaren Schwankungen von Wind- und Sonnenenergie ausgleichen.

Tatsächlich gibt es eine Anzahl von Vorgehensweisen, die man einsetzen kann, um diese Schwankungen beherrschbar zu machen. Zuallererst streut man die Standorte der Sonnen- und Windkraftanlagen, damit sie nicht zur selben Zeit von derselben Wetterlage betroffen sind; man nutzt verschiedene Kraftwerkstypen, denn Wetter, das schlecht für einen Typ ist, ist gut für einen anderen. Man kann hier Prognosen erstellen, wir können heute die Energieproduktion besser vorhersagen als den Energiebedarf. Man integriert dann sämtliche Erneuerbaren, die zur Verfügung stehen; das bedeutet, sie stehen zur Verfügung, wann immer man sie braucht. Man stattet das System außerdem so aus, dass es flexibel auf Leistungsnachfragen reagieren kann – man steuert also teilweise den Bedarf, aber so, dass es für den Verbraucher überhaupt nicht spürbar ist –, und man baut in das System zwei Arten der dezentralen Speicherung ein: die intelligente Aufladung und Entladung von Elektrofahrzeugen sowie Klimaanlagen mit Kältespeichern [high-storage air conditioning: Thermische Energie wird über verschiedene Wege in der Klimaanlage selbst gespeichert; diese kann also zu einem Zeitpunkt erzeugt werden, zu dem reichlich Energie im Netz vorhanden ist, um dann eingesetzt zu werden, wenn der Bedarf besonders hoch wird, zB an heißen Sommernachmittagen. AdÜ]. Wie sich herausstellt, reichen diese Maßnahmen aus, um im Stromnetz von Texas vollständige Zuverlässigkeit herzustellen, dem sogenannten ERCOT Energieverbund, und zwar in jeder Stunde des Jahres 2050, ohne dass irgendwo Strom in großen Mengen gespeichert ist und mit lediglich 5% Überschuss, der verloren geht. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht wäre die Umsetzung machbar.

Wenn man noch weiter gehen will, so könnte man flexible, schnell ansprechende Gaskraftwerke als Reserve einplanen, aber es gibt immer mehr Hinweise dafür, dass eine Energieversorgung, die großteils oder ausschließlich auf Erneuerbaren beruht, wenn sie gut durchdacht wurde und klug betrieben wird, weniger Speicher- und Reservekapazitäten benötigt als das, was die Stromerzeuger bereits aufgebaut und abbezahlt haben, um die Schwankungen in den Griff zu bekommen, die durch die unvorhersehbaren Ausfälle ihrer riesigen Wärmekraftwerke ausgelöst werden.

Jedes Kraftwerk, das dem Netz eingegliedert wird, erzeugt Einbindungskosten. Man muss sich hier beide Seiten ansehen. Wenn man das tut, dann findet man heraus, dass die Einbindungskosten für Wind- und Sonnenenergie relativ bescheiden sind. Typischerweise sind es ein paar Zehntel US-Cent pro Kilowattstunde, und das könnte sogar weniger sein, als die Netzeinbindungskosten für die großen, behäbigen Kraftwerksanlagen, die dann auch noch unvorhergesehen und ganz plötzlich ausfallen. Hat man eine Palette von Erneuerbaren zur Verfügung, so gibt es diese grobschlächtige Ausfallmöglichkeit nicht mehr.

AG: Die meisten Leute sind sich nicht um Klaren darüber, dass wir da draußen Kraftwerke haben, die hochgefahren sind und laufen, ohne dass sie dabei jedoch Strom produzieren, sondern einzig und allein um einzuspringen, wenn ein anderes Kraftwerk versagt. Wenn also irgendwo etwas schief läuft, dann übernehmen sie fast unmittelbar die Last.

AL: Wenn man Elefanten hält, um diverse Sachen herumzutransportieren, dann werden immer einige von ihnen krank sein, manche werden sogar sterben. Man benötigt also Aushilfselefanten, die einspringen können, um die Kadaver abzutransportieren und die Arbeit ihrer Vorgänger zu übernehmen. Elefanten fressen aber auch eine ganze Menge und kommen im Unterhalt ziemlich teuer. Es ist also viel besser, wenn man ein Portfolio mit breiter Streuung bei geringen Kosten hat - geringen Kosten bei Ausfällen, die überdies nicht alle zur gleichen Zeit passieren.

AG: Weißt du, Amory, wenn ich auf Vortragstour bin und über die Energieversorgung spreche, dann sagen viele Menschen: „Ja freilich, die Sonne ist super und der Wind auch, aber wie steht es mit der Grundlast, der Basisversorgung, die wir ständig brauchen, rund um die Uhr, jeden Tag?“

AL: Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis, was den Begriff „Grundlast“ angeht, das viele Fürsprecher der Atomindustrie als magisches Attribut für Kraftwerke verwenden, die vorgeblich ohne Unterlass in Betrieb sind. Ein Kraftwerk, das ununterbrochen in Betrieb ist, gibt es aber nicht. Sie alle versagen früher oder später. Der Begriff „Grundlast“ hat mindestens fünf Bedeutungen: den bereits genannten verwenden nur Journalisten und Propagandisten, die Industrie selbst aber nicht. Eine andere Bedeutung von Grundlast ist: eine anscheinend konstante Last. Eine Last, die anscheinend durchgehend angefordert wird; wenn man aber genauer hinsieht, dann sind manche Geräte eingeschaltet, andere sind gerade ausgeschaltet. Sie addieren sich aber anscheinend zu einem homogenen Anteil der Gesamtlast, im Gegensatz zu den individuellen Anforderungen, die nur zu gewissen Zeiten entstehen. Wenn man also die angeforderte Last bei Versorgungsunternehmen untersucht, dann könnte das mit „Grundlast“ gemeint sein. Wenn man aber Produktionskapazitäten für einen Versorgungsbetrieb einkauft, dann ist Grundlast diejenige Energiequelle, die über einen gewissen Zeitverlauf die billigste ist. Für einen Netzbetreiber ist es völlig unerheblich, wie viel ein Kraftwerk gekostet hat. Das einzige, was von nun an weiterhin zählt, das sind die Betriebskosten. Für einen Stromversorger bedeutet Grundlast jene Art der Stromerzeugung, die für ihn mit den niedrigsten Kosten verbunden ist, unabhängig davon, wie viel es gekostet hat, eine Anlage zu errichten. Herkömmlicherweise wurde diese Rolle – wenn man von großen Wasserkraftanlagen einmal absieht – von Kohle- und Atomkraftwerken ausgefüllt; im Allgemeinen waren AKWs sogar noch günstiger zu betreiben als Kohlekraftwerke. Nun werden aber beide Anlagetypen von den Erneuerbaren unterboten, denn bei diesen stehen praktisch keine Betriebskosten an, ebenso wie bei der Wasserkraft. Wenn man auf eine große Anzahl von Erneuerbaren zurückgreifen kann, dann kommen die Kohle- und Atomkraftwerke in einen Bereich, in dem sie nur mehr seltener in Anspruch genommen werden, ihre Laufzeiten verringern sich. Wenn man sich in einem Energiemarkt mit starkem Konkurrenzdruck befindet, dann erzielen sie außerdem niedrigere Preise, sie verdienen also weniger Geld, denn der Markträumungspreis wird in einem Markt, der von freiem Wettbewerb bestimmt wird und in dem das Angebot ausreichend und mit der Nachfrage im Gleichgewicht ist, von den Erneuerbaren festgesetzt. So ist es derzeit mit der Windkraft in weiten Teilen des Mittleren Westens der USA. Die Betriebskosten dort liegen praktisch bei null. Die Folge ist nun, dass viele Kohlekraftwerke, die sich gegen Erneuerbare und Gaskraftwerke nicht durchsetzen können, geschlossen werden. Kohle hat allein in den letzten zwei Jahren 19 % Marktanteil eingebüßt.

AG: In den letzten acht Monaten hatten wir auch gewaltige Umwälzungen in der Atomindustrie. Das Jahr hat mit 104 AKWs begonnen, nun halten wir bei 99. Das AKW von Kewaunee ist nicht mehr dabei, Crystal River 3, San Onofre 2 und 3, und erst letzte Woche [am 27. August 2013; AdÜ] hat Entergy verlautbart, dass das AKW Vermont Yankee stillgelegt werden soll.

AL: Auch eine Reihe von AKWs werden nun heruntergefahren, weil sie nicht wirtschaftlich betrieben werden können. Sie sind angesichts der Großhandelspreise für Energie nicht mehr konkurrenzfähig, unabhängig davon, wie viel ihre Errichtung einmal gekostet haben mag. Es handelt sich dabei um irreversible Kosten, die man nicht mehr ungeschehen machen kann. Ohnehin wurden diese Kosten wahrscheinlich schon abgeschrieben, denn die Kraftwerke sind ziemlich alt. Ich habe gerade neulich, im April 2013, einen Artikel für den Atomic Scientist über die wirtschaftlichen Hintergründe des Abbaus der Kernenergie verfasst – und dieser Abbau findet statt. Diese Entwicklung läuft gewissermaßen in Zeitlupe ab, aber jedes AKW, bei dem größere Ausgaben für Reparaturen anstehen, wie in Crystal River und San Onofre, hat sehr gute Chancen, stillgelegt zu werden.

Es ist ein bisschen so, als ob man bei seinem Auto einen schweren Motorschaden hat; es handelt sich um ein altes Auto, bei dem man sich überlegen muss, ob es sich rentiert, einen neuen Motor einzusetzen, man würde dann darauf wetten, dass kein weiteres essentielles Teil bei diesem Auto defekt wird über die Zeitspanne, in der man den neuen Motor nutzen will. Das ist aber eine ziemlich waghalsige Wette, denn im gleichen Maß, in dem diese Kraftwerke altern, nutzen sich die Komponenten ab, es kommt zu Materialermüdung und Korrosion, zu einer Reihe von altersbedingten Folgeerscheinungen. Es kam zu einem sehr raschen Anstieg bei den Kosten für umfangreiche Instandhaltungsarbeiten bei diesen AKWs, das nennt man „net capital additions“; es handelt sich dabei um eine Art von Investitionskosten, im Gegensatz zu Ausgaben für den laufenden Betrieb. Die Atomindustrie hat es ziemlich sorgfältig vermieden herauszufinden, ob es sich bei dieser Kostensteigerung im Wesentlichen um Aufwertungen handelt, damit mehr Energie produziert werden kann – also produktive Investitionen –, oder um immer größere Reparaturmaßnahmen aufgrund der fortschreitenden Alterungsprozesse. Das wären extrem schlechte Nachrichten für alle diejenigen, die soeben eine Laufzeitverlängerung bekommen haben bzw eine solche in Kürze erhalten, eine Laufzeitverlängerung von 20 Jahren, denn es würde bedeuten, dass zwar eine Betriebsbewilligung weiterhin vorliegt, sich die anstehenden Reparaturen aber nicht rechnen. Meiner Meinung nach gibt es immer mehr Belege dafür, dass dies im Falle einer ganzen Reihe von AKWs der Fall sein wird.

AG: In der New York Times hat Matt Wald einen Artikel verfasst, aus dem hervorgeht, dass die Gewinnspanne dieser AKWs zurzeit vernachlässigbar klein ist. Das betrifft insbesondere jene Anlagen, die nur über einen einzigen Reaktor verfügen, denn bei diesen fehlt eine zweite Einheit, mit deren Hilfe man das Personal effizienter nutzen kann; außerdem haben alle diese Anlagen bald 40 Betriebsjahre hinter sich. Das Ergebnis all dieser Umstände ist, dass die Leitung so eines Kraftwerks, sobald irgendwo ein Problem auftaucht, die Notleine reißen und das Werk stilllegen wird. Die Kosten, die daraus entstehen, dass die Belegschaft ein halbes oder ganzes Jahr durchgefüttert werden muss, zusätzlich zu den Kosten, die durch die Reparatur selbst verursacht werden, können in den 20 Jahren zusätzlicher Laufzeit nicht wieder hereingespielt werden.

AL: Ja. Die Verhältnisse bei den modularen Erneuerbaren liegen freilich ganz anders. Sollte ein Getriebe in einem Windrad kaputtgehen oder ein Stromrichter in einem Solarkraftwerk, das mit Sonnenkollektoren arbeitet, dann ist es im Allgemeinen eine Angelegenheit von Tagen oder Wochen, das Teil zu ersetzen, man baut das Ersatzteil ein und weiter geht’s. Man braucht sich nicht um Radioaktivität zu kümmern. Es ist keine besonders aufwändige Reparatur – es ist eine ganz gewöhnliche Reparatur, wie in jedem anderen Industriebetrieb. Außerdem ist nur ein Element der Anlage betroffen, es geht dabei vielleicht um ein paar Megawatt anstatt 1.000 Megawatt.

AG: Der Kernpunkt dieser Angelegenheit ist, auf welche Art wir in 50 Jahren unsere Energie produzieren wollen. Möchten wir große, zentrale Anlagen, die von noch größeren Unternehmen kontrolliert werden? Oder wollen wir Erneuerbare, die von den Menschen selbst kontrolliert werden? Diese Schlacht ist vor 100 Jahren ausgetragen worden, und die großen Industriegiganten haben gewonnen. Nun aber, durch die Erfindung von Computern und der Möglichkeit dezentraler Energieerzeugung, durch Sonnenenergie und Windräder, konnten wir die Entwicklung umkehren, und es ist an der Zeit, dass die Menschen wieder in die Energieproduktion einsteigen.

AL: Die größte Trendwende liegt darin, dass man, anstatt eine Art Kathedrale über zehn Jahre hinweg für Milliarden von $ zu erbauen, in derselben Zeit und für eine vergleichbare Geldsumme während der Bauzeit des Riesenkraftwerkes jedes Jahr eine Fabrik für Sonnenkollektoren errichten kann, welche dann in jedem Folgejahr eine Anzahl von Sonnenkollektoren herstellt, die ausreicht, um gleich viel Strom produzieren, wie es das Megakraftwerk getan hätte. Der Ausbau kann also extrem schnell vonstatten gehen. Nehmen wir Portugal als Beispiel: 2005 hatten sie 17% Erneuerbare; 2010 waren es 45%, 70% im ersten Quartal 2013, denn es war regnerisch und windig. Deutschland wird nun zu 23% durch Erneuerbare mit Strom versorgt, eine Verdoppelung innerhalb von 6 Jahren. Gleich nach dem Unfall von Fukushima wurden in Deutschland 8 Atomreaktoren stillgelegt, ca 41% der Gesamtkapazität. Aber bereits am Ende desselben Jahres war diese vollständig ersetzt. Zu drei Fünfteln wurde dieser Ersatz durch die sehr schnelle Ausbreitung von Erneuerbaren geleistet. Deutschland blieb ein Nettostromexporteur. Es blieb das einzige Land, das durchgehend Strom nach Frankreich exportierte, da der deutsche Strom nun billiger ist. Sie konnten verhindern, dass in Frankreich während der Kälteperiode im Februar 2012 die Lichter ausgingen, indem um die 3 Gigawatt dorthin geschickt wurden. Die CO2-Emissionen gingen zurück. Die deutsche Wirtschaft wuchs kräftig, 380.000 neue Arbeitsplätze wurden durch die Erneuerbaren geschaffen. Der Großhandelsstrompreis fiel dramatisch, im Laufe der letzten zwei Jahre um ca 30%. Inflationsbereinigt zahlt die deutsche Industrie heute denselben Preis wie 1978, und das macht Deutschland so attraktiv für energieintensive Betriebe. Dieser Preisverfall ist der mit Erneuerbaren aufgebauten Kapazität zu verdanken, manche deutschen Bundesländer beziehen heute die Hälfte ihres Strombedarfs aus Windkraft. Es ist eine wirklich beeindruckende Geschichte. Außerdem befindet sich mehr als die Hälfte der Energieproduktion durch Erneuerbare im Streubesitz vor Ort. Nur 2% der Energieproduktion in den USA sind im Besitz von einfachen Bürgern, Gemeinden oder Genossenschaften. In Deutschland ist es mehr als die Hälfte. 86% der dänischen Windkraft ist im Besitz der Menschen vor Ort, im Allgemeinen sind es Landwirte und ihre Gemeinden. Dänemarks Stromversorgung wurde 2012 zu 41% durch Erneuerbare gewährleistet, davon 30% durch Windkraft. Dänemark und, sogar geringfügig noch besser, Deutschland haben die verlässlichste Stromversorgung in ganz Europa und mit den geringsten Großhandelspreis vor Steuern; Strom für die einzelnen Haushalte wird jedoch hoch besteuert.

AG: Die drei Staaten, von denen wir in dieser Aufzählung der Länder mit den größten Fortschritten nichts gehört haben, sind Frankreich, die USA und Japan. Könntest du uns eine Ahnung davon geben, warum Frankreich, die USA und Japan sich von diesen Vorbildern unterscheiden?

AL: Frankreich hat beste Voraussetzungen für die Erneuerbaren, hat aber, ohne auch nur das Parlament zu befragen, Mitte der 70er-Jahre verwaltungstechnisch entschieden, auf Atomkraft zu setzen. Die Atomkraft machte 78% [der Stromversorgung; AdÜ] aus. Sie sind nun bei 75%. Dadurch haben sie sich eine Menge Schwierigkeiten eingehandelt. Die Folge ist, dass sowohl der Konzern, der für die Errichtung der Kernkraftwerke zuständig ist, als auch die Stromversorgungsgesellschaft – beide weitgehend vom Staat kontrolliert – praktisch bankrott sind. Gerade letzte Woche war ich in Frankreich, um einen Beitrag in der dortigen Debatte zur Energieversorgung zu leisten; dieser Diskurs findet nun zum ersten Mal in einer breiten Öffentlichkeit statt, und es greift die Erkenntnis um sich, dass eine Fortführung des bestehenden Systems nicht machbar ist. Es muss sich etwas verändern. Sie werden die Produktion von Atomstrom von 75% auf 50% zurückfahren, durch natürlichen Abgang und einige zusätzliche Maßnahmen. Das Interesse am deutschen Modell wird immer größer, denn – Frankreich hat eine besonders teure Option gewählt, bei welcher die Kosten unaufhörlich immer weiter ansteigen. Vor einigen Wochen erst gab es einen großen Bericht über den enormen Kostenauftrieb bei Strom, unter dem Frankreich zu leiden hat. Deutschland hat ein Portfolio billigerer Optionen gewählt, bei dem die Kosten weiterhin im Sinken begriffen sind. Wer also glaubt, dass billiger Strom für die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft wichtig ist, der sollte meines Erachtens zu dem Schluss kommen, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist, Frankreich aber nicht.

In den USA ist das Bild unterschiedlich. Die meisten Entscheidungen werden bei der Energiepolitik auf Ebene der Bundesstaaten gefällt, und es gibt – unter verschiedenen Gesichtspunkten der Revolution durch Erneuerbare – führende Staaten wie Kalifornien, New Jersey oder Texas. Man bemerke, dass es sich hier um eine in politischer Hinsicht äußerst inhomogene Gruppe handelt. Texas ist beispielsweise ein besonders konservativer Bundesstaat; dennoch ist er in Bezug auf Windkraft bundesweit und sogar international führend; in Texas ist man sehr gut darin, Geld zu machen – und das ist auch in Ordnung. Auf Bundesebene machen die Erneuerbaren nun mehr als 5% aus, aber das ist nicht besonders beeindruckend. Wenn man die Stromerzeugung in großen Wasserkraftanlagen dazuzählt, dann sind die USA im Zeitraum von 2005 bis 2010 von bei der Stromproduktion aus Erneuerbaren von 9% auf 10% vorwärtsgekrochen, während Portugal sich im gleichen Zeitraum von 17% auf 45% verbessert hat. Wir sind in einer gewaltigen Aufholjagd, speziell im Wettlauf mit China, das bei Erneuerbaren weltweit führend ist und auch in vielen Aspekten der Effizienz.

AG: Ein anderer Staat, den ich noch erwähnt habe, ist Japan. Weißt du, ich habe dieses Buch geschrieben: Fukushima Daiichi: Die Wahrheit und die Zukunft. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit einer Zukunft für Japan, die nicht auf AKWs aufbaut. Könntest du uns dazu noch ein bisschen etwas erzählen?

AL: Japan ist ein sehr interessanter Fall. Von allen bedeutenden Industriestaaten haben sie das größte Potential an Erneuerbaren, mehr noch als Frankreich. Verglichen mit Deutschland besitzt Japan pro Flächeneinheit das 9-fache an vorzüglichem Potential, um dort mit Erneuerbaren Strom zu produzieren; verglichen mit den USA, das Doppelte; verglichen mit Europa das 3-fache. Dennoch beziehen sie im Gegensatz zu Deutschland nur ein Neuntel ihrer Stromproduktion aus Erneuerbaren. Warum ist das so? Nun, Deutschland hat entschieden, aus der Kernkraft auszusteigen und stattdessen die Erneuerbaren und die Energieeffizienz zu fördern. Es gibt eine tragfähige nationale Übereinstimmung in dieser Hinsicht. Es wird zu keiner Umkehr kommen. Keine einzige Partei stimmte dagegen. Keine Partei wird sich in der Wahl vom September dieses Jahres dagegenstellen. Es ist sinnvoll und es rechnet sich. Im Grunde hat die Kanzlerin darauf gewettet, dass es klüger ist, das Geld, das für die Energieerzeugung gebraucht wird, an deutsche Ingenieure, Hersteller und Handwerksbetriebe weiterzuleiten, als das Geld ständig für Gasimporte nach Russland zu überweisen – und sie hat diese Wette gewonnen.

In Japan gibt es im Gegensatz dazu keine gesetzlichen Regelungen, die dafür sorgen, dass die Einspeisung durch Erneuerbare im Netz Vorrang genießt. Erst in jüngster Vergangenheit wurde ein System von Einspeisungstarifen eingerichtet, das dem deutschen sehr ähnlich ist, und bei dem die Gesellschaft entscheidet, welche Energieform sie bevorzugt – in diesem Fall, Erneuerbare – und wie sie dafür bezahlt, und zwar auf einer Basis, die Planungssicherheit herstellt. Tatsächlich wurde dieser Tarif in Japan viel höher als in Deutschland angesetzt, weil man dachte, dass die Erneuerbaren viel teurer kämen, als sie es in Wirklichkeit sind. Aber diese Tarife werden bereits in dem Maße, in dem die Preise fallen, abgesenkt.

Ich würde sagen, Japan wird sich gerade seines Potentials für die Erneuerbaren bewusst. Zum Teil ist das der Spaltung bei den japanischen Wirtschaftstreibenden zuzuschreiben, die in der Vergangenheit von den führenden Stromversorgern beherrscht wurden. Für einige von ihnen habe auch ich schon gearbeitet: Tokyo Electric, Kansai Electric usw. Nichts, was beim Unfall von Fukushima geschehen ist, war eine Überraschung, weder in technischer Hinsicht noch in institutioneller; tatsächlich haben wir solche Szenarien bereits in den 60er-Jahren diskutiert und sie haben nur gesagt, dass ihnen so etwas nicht zustoßen könne. Ich fürchte aber, da haben sie sich wohl geirrt.

Der reichste Japaner ist ein gewisser Masayoshi Son, der Gründer von Softbank, der das Telekommonopol geknackt hat. Er ist also gut darin, Monopole aufzubrechen. Nach Fukushima – er wusste nichts über Energie, aber hat sich bestens eingearbeitet –, nach ein paar Monaten hielt er eine Pressekonferenz und sagte: „Entschuldigen Sie, hier spricht Son, meine Geschäftsfreunde und ich haben bemerkt, dass TEPCO gerade in einer delikaten Situation ist, aber wir glauben, dass wir das Problem in ein paar Jahren durch den Bau von Solarkraftwerken und anderen Produktionsstätten erneuerbarer Energie beheben können. Hinter mir sitzen 34 Provinzgouverneure, die das Land dafür zur Verfügung stellen, hauptsächlich Brachland, und ich werde die erste Milliarde $ investieren und habe auch schon die Leute ausgemacht, welche die nächsten 10 Milliarden geben werden. Das Einzige, was wir verlangen, ist, dass die Versorgungsbetriebe unseren Strom annehmen und uns einen fairen Preis dafür bezahlen, der allerdings geringer ausfallen wird als das, was sie zur Zeit bezahlen müssen – was sagen Sie dazu?“ Nun, die Versorgungsbetriebe waren über die Vorstellung von Konkurrenz natürlich ganz und gar nicht erfreut. Sie haben alles getan, was sie konnten, um diesen Vorstoß abzublocken. In der Zwischenzeit hat die Regierung gewechselt und die neue Regierung teilt diesen Blickwinkel. In der Zwischenzeit haben aber die Einspeisungstarife dazu geführt, dass die Erneuerbaren, speziell die Solarenergie, abgehoben hat wie eine Rakete. Viele der Industriekapitäne beginnen, Kaidanren, den monolithischen Wirtschaftsverband, zu verlassen und zu sagen: „Eigentlich hat Son-san recht. Von diesen Leuten kann ich billiger Energie bekommen als von den anderen, damit ist Geld zu verdienen und das ist es, was ich machen will – ich bin dabei.“ In einem politisch hochkomplexen, im Verborgenen ablaufenden Prozess im Zeitlupentempo formiert sich in Japan ein neuer Konsens. Ich glaube, es geht voran.

Natürlich treibt auch das Beispiel China, das alle vor sich haben, diese Entwicklung an. China ist weltweit führend bei Windkraft, Biogas, thermischen Sonnenkollektoren für die Wassererwärmung, kleinen Wasserkraftwerken – sie beschäftigen sich mit allen Erneuerbaren. Allein bei der Windkraft haben sie ihre Kapazitäten in jedem der letzten 5 Jahre um das Doppelte erhöht. Windkraft erzeugt heute mehr Strom in China als Atomkraft, wobei China weltweit das aggressivste Atomausbauprogramm hat. 2006 haben die dezentralen Erneuerbaren sieben Mal mehr Kapazität erzeugt als die AKWs und sie sind siebenmal schneller gewachsen. 2010 hat sich diese Kluft weiter vergrößert. Was die Solarindustrie angeht, so besitzt China weltweit die größten Kapazitäten zur Herstellung von Solarmodulen, zweimal so viel, wie jedes Jahr installiert wird. Gerade eben wurde ihr nationales Ziel auf die Produktion von 40 GW installierter Leistung im Jahr 2015 hinaufgesetzt – 2015, das ist in bereits in nächster Zukunft. Dieses Ziel wird überschüssige Produktionskapazitäten sehr schnell abschöpfen. Der Weltpreis für Sonnen- und Windkraft wird dadurch immer weiter nach unten gedrückt. Lasst sie nur machen. Es ist gut für alle, was sie da tun – wobei sie langsam aus der Kohle herausgehen, denn es ist ein gigantisches, schwerfälliges System. Der Schwerpunkt liegt bei diesen Planungen aber auf einem immer deutlicheren Abschied von der Kohle. Das Gleiche passiert auch bei dem anderen großen Kohleverbraucher – Indien. Der Geschäftsplan für Kohlekraftwerke kollabierte 2012, allein in den ersten 9 Monaten dieses Jahres wurden 42 Milliarden Watt aus Kohlekraftwerken gestrichen.

AG: Amory, dein Wissen über Atomkraft und Kohle und Öl und Sonnenenergie erstaunt mich immer aufs Neue. Es ist mir bewusst, dass es auf der Website des Rocky Mountain Institute eine Menge Material dazu gibt, vieles davon ziemlich anspruchsvoll für Technikfreaks auf der ganzen Welt. Wenn Otto Normalverbraucher mehr erfahren will, gibt es dann noch eine andere Quelle, die er nutzen könnte?

AL: Ich danke dir, Arnie! Man kann blog.rmi.org ansteuern und sich den Blog über Asien und Deutschland vom März und April 2013 ansehen. Wir werden auch immer über neueste Entwicklungen informieren, sobald sie passieren. Ich würde auch empfehlen, reinventingfire.com und rmi.org zu besuchen, um mehr über dieses Wiedererfinden des Feuers zu erfahren. So heißt ein umfangreiches Wirtschaftsbuch, das wir 2011 herausgebracht haben, die Arbeit von 61 von uns über eineinhalb Jahre, unterstützt von der Industrie. Es hat ein Vorwort vom Direktor von Shell Oil und dem Vorsitzenden von Exelon, dem größten Betreiber von Atomkraft und dem drittgrößten Betreiber von Kohlekraftwerken in den USA.

Es könnte die Leute überraschen, wenn sie erfahren, was dieses Buch berichtet: und zwar, dass man 2050 eine amerikanische Wirtschaft betreiben kann, die um das 2,6-fache größer ist als die heutige, aber ohne die Nutzung von Öl, ohne Kohle und ohne Atomkraft, mit einem Drittel weniger Erdgas, um die 80% weniger CO2-Emissionen, 5 Billionen $ Kostenersparnis, wobei versteckte oder externe Kosten mit null angesetzt werden, ohne die Voraussetzung neuer Erfindungen oder die gesetzgeberische Einflussnahme durch den Kongress, ein Wechsel, der allein durch das Gewinnstreben der Wirtschaft entsteht.

Soweit es um den Strom geht, zeigen wir, wie man die Stromversorgung zu 80% auf Erneuerbare umstellt, davon die Hälfte dezentral und wesentlich robuster – bei Kosten, die ein Weitermachen-wie-bisher nicht übersteigen –, dafür aber alle die Risiken am besten beherrscht, die aus den verschiedenen Methoden der künftigen Stromproduktion entstehen könnten. Diese Zukunft, die von dezentralen Erneuerbaren getragen wird, kommt direkt auf uns zu. Versorgungsbetriebe und der Stromsektor als Ganzes befinden sich im dramatischsten Wandel irgendeines Sektors zu irgendeiner Zeit, soweit ich mich erinnern kann. Wir befinden uns im Herzen dieser Entwicklung und arbeiten mit führenden Kräften der Industrie zusammen, um herauszufinden, wie diese nachfolgende Industrie aussehen wird, während gleichzeitig die Lichter an bleiben.

AG: Danke, dass du bei uns warst, und danke dafür, dass du die Zukunft zu einem besseren Ort für uns alle machst.

Wie Sie wissen, ist Fairewinds eine Website, die von den Menschen selbst getragen wird, und wir würden es sehr schätzen, wenn Sie drei Dinge für uns tun könnten. Das Erste ist: Sehen Sie sich auf unserer Website um. Es gibt dort allerlei hervorragende Unterlagen. Das Zweite: informieren Sie auch andere darüber, über Twitter oder Facebook oder erzählen Sie es weiter. Und letztlich möchten wir Sie bitten, eine Unterstützung für Fairewinds in Betracht zu ziehen.

Vielen Dank! Ich bin Arnie Gundersen von Fairewinds.


Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)     Quelle: Breaking News: The Road Less Taken: Energy Choices for the Future, http://www.fairewinds.org/road-less-taken-energy-choices-future/    
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at    September 2013 / v1b

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28. August 2013


Neueste Entwicklungen:
Entergy schließt das AKW Vermont Yankee
und
das Gefahrenpotential von AKWs für Binnengewässer

Mit: Arnie Gundersen

NMJ: Hallo und willkommen bei einem Fairewinds Energy Education Podcast. Dieser Podcast ist eine Sondersendung, da wir gerade die Nachricht bekommen haben, dass Entergy beschlossen hat, das AKW Vermont Yankee zu schließen und stillzulegen. Es handelt sich dabei um die fünfte Atomanlage, die im laufenden Jahr stillgelegt wurde.

Arnie, was hat das zu bedeuten?

AG: Als San Onofre geschlossen wurde, sagte ich, dass es sich dabei um ein schweres Beben für die gesamte Atomindustrie handelt. Hier haben wir nun die nächste Erschütterung in diesem Beben. Die fünf Blöcke waren: San Onofre [zwei Blöcke; AdÜ], Crystal River, Kewaunee und nun Vermont Yankee. Sie alle wurden stillgelegt, weil es aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn machte, diese Anlagen weiterhin in Betrieb zu lassen. Diese Dinger werden alt, sie entwickeln Defekte und sie benötigen riesige Bedienungsmannschaften. Für ein AKW wie Vermont Yankee benötigt man um die 650 Leute, für San Onofre sogar noch mehr. Um eine vergleichbare Leistung mit einem anderen Kraftwerkstyp zu erzeugen, benötigt man vielleicht 100 Leute. Die Kosten beim Betrieb eines AKWs sind also um einiges höher.

NMJ: Absolut. Ist Vermont Yankee nicht auch derselbe Reaktortyp wie Fukushima Daiichi?

AG: Ja. Die Kosten der Umbauten, um Vermont Yankee sicher zu machen, hätten wohl deutlich mehr als 100 Millionen $ betragen. Zusätzlich hätten noch weitere Abänderungen durchgeführt werden müssen, und Ausgaben in der Höhe von 50 Millionen zum Ankauf von frischem Brennstoff standen an. Anstatt also eine Viertelmillion $ in das Kraftwerk zu investieren, wurde die Stilllegung beschlossen und die Schließung des Werks mit Ablauf des aktuellen Brennstoffzyklus. Bis dahin wird noch einige Zeit vergehen, wir sind noch 14 Monate von diesem Zeitpunkt im Jahr 2014 entfernt. Aber der Plan sieht nun vor, dass man dieses Kraftwerk trotz Betriebsgenehmigung aufgibt; der Betrieb ist einfach zu kostspielig.

NMJ: Ja; aber was bedeutet das nun, wie wird die Sache ablaufen? Wie wird die Stilllegung vor sich gehen, und was wird das für die öffentliche Gesundheit bedeuten?

AG: Nun, alle diese fünf Anlagen stehen jetzt vor dem gleichen Problem: Was ist zu tun, um diese Kraftwerke sicher stillzulegen? Alle sitzen da im selben Boot. Die Brennelemente müssen aus dem Reaktor entfernt und in ein Abklingbecken transferiert werden. Fukushima Daiichi zeigt uns, dass diese Abklingbecken für 3 bis 5 Jahre ständig aufgeheizt werden. Nach dem Ablauf von ca 5 Jahren kann der Brennstoff dann herausgenommen und in Brennelementbehälter umgelagert werden. Die Brennelementbehälter in Fukushima Daiichi haben sowohl das Erdbeben als auch den Tsunami problemlos überstanden – die sicherheitstechnisch richtige Vorgehensweise ist somit eindeutig, die Brennelemente aus dem Abklingbecken herauszuholen. Aber das geht nicht sofort. Man muss erst diese 5 Jahre abwarten, in San Onofre ebenso wie in Vermont Yankee oder Kewaunee oder Crystal River. Der Kernbrennstoff muss 5 Jahre lang abklingen, dann erst kann man zur sichereren Art der Lagerung übergehen, den Brennelementbehältern.

In der Zwischenzeit müssen die Systeme der Anlage überwacht werden, um sicherzustellen, dass sich keine neuen Lecks ergeben, welche die Umwelt belasten. Das heißt aber nicht, dass bisher unerkannt gebliebene, undichte Stellen nicht bereits bestehen könnten, aber sobald der Brennstoff aus den Abklingbecken entfernt ist und alle Flüssigkeiten aus den Rohrleitungen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich neue Lecks entwickeln.

NMJ: Du hast früher gesagt, dass unbeabsichtigt einiges passieren könnte, dass Radioaktivität auf anderen Wegen entweichen könnte.

AG: Das Problem ist folgendes: Wenn man so eine Anlage in einen Zustand versetzt, den die Atomaufsichtsbehörde NRC [Nuclear Regulatory Commission] SAFSTOR nennt – was wir bei Fairewinds aber LAZYSTOR nennen [also keine sichere Aufbewahrung, sondern eine Art der Einmottung, die lediglich aus Faulheit gewählt wird; AdÜ] -, dann ist das eine Möglichkeit, das Kraftwerk 60 Jahre lang einfach in diesem Zustand zu belassen, also für eine lange Zeit. Das passiert zB in der Anlage von Hanford mit Reaktoren, die noch aus der Zeit des Atombombenprogramms stammen. Wenn man ein solches Kraftwerk einfach abschließt und sich selbst überlässt, passiert es aber, dass Nagetiere eindringen, Wasser dringt ein, Wespen und Vögel, daher entdecken wir nun radioaktive Vogelnester, radioaktive Wespennester und auch radioaktive Kaninchenlosung draußen auf dem offenen Gelände. Wenn man so eine Anlage also in den SAFSTOR Modus versetzt, dann dringen alle möglichen Tiere ein – wie bei einem verlassenen Haus. Diese Tiere verbreiten dann die Radioaktivität. In Hanford können sie die radioaktive Kaninchenlosung von einem Helikopter aus messen, der ein paar dutzend Meter hoch fliegt – so radioaktiv sind diese Dinger. Wird diese Art Losung gefunden, dann werden Leute losgeschickt, das Kaninchen zu erlegen. Diese Leute werden ganz gut gezahlt – sie selbst nennen es „Bunnymoney“, wenn sie losziehen, um zu verhindern, dass diese Kaninchen in der Umgebung verschwinden. Ein Kraftwerk in SAFSTOR Modus zu versetzen, heißt also nicht zwangsläufig, dass die Radioaktivität auch wirklich im Kraftwerk verbleibt. Nager und Wespen und andere Lebewesen dieser Art können eindringen und die Radioaktivität nach draußen, in die Wälder, verschleppen.

NMJ: Die öffentliche Gesundheit ist also weiterhin bedroht?

AG: Ja. Das Beste wäre in allen fünf Fällen, bei denen Anlagen dieses Jahr stillgelegt werden, dass die Kraftwerke abgebaut würden. Fünf Jahre muss man warten: es gibt keine Möglichkeit, das schneller zu erledigen. Zum einen kann der Brennstoff nicht transportiert werden, zum anderen aber kann man es aus der Sicht des Strahlenschutzes nicht zulassen, dass Arbeiter unnötigerweise belastet werden. Nach 5 Jahren aber ist die Strahlung mehr oder weniger auf das Niveau abgeklungen, auf dem sie die nächsten 300 Jahren verbleiben wird – man kann daher ebenso gut gleich mit dem Abbau beginnen. Was passieren sollte ist also, dass die Anlage nach weiteren fünf Jahren wieder zur grünen Wiese wird. Der ganze Ablauf sollte nicht länger dauern als 10 Jahre. Die Menschen von San Onofre bekommen ihren Strand zurück, die Menschen hier in Vermont bekommen das Land direkt entlang des Connecticut Flusses zurück. Das kann schnell erledigt werden, es gibt keinen Grund, 60 Jahre lang zu warten – außer: Geld.

NMJ: Können wir ein wenig über andere Anlagen als Beispiele reden und darüber, ob dieses Unterfangen dort gelungen ist oder ein Misserfolg war?

AG: Ja. Wir haben gerade hier in Neuengland zwei Beispiele, eines davon ist ein sehr gutes: Maine Yankee wurde stillgelegt und innerhalb von 10 Jahren war der Rückbau abgeschlossen, und zwar innerhalb des geplanten Budgetrahmens. Jetzt ist dort einfach eine grüne Wiese. Auf dieser befindet sich allerdings all der hochradioaktive Brennstoff, denn es gibt dafür nirgends einen Ort. Vom übrigen Kraftwerk aber erahnt man nichts mehr. Das schlechte Beispiel ist ebenfalls in New England, am Connecticut Fluss, es heißt Connecticut Yankee: Mit dem Rückbau war bereits begonnen worden, als man eine undichte Stelle unter dem Kraftwerk entdeckte. Über 4 Jahre hatte niemand etwas von diesem Leck gewusst, durch das radioaktives Strontium ins Grundwasser gelangte. Dieser Umstand verteuerte die Sanierungskosten für die Anlage um eine Milliarde $. In Connecticut haben also die Strombezieher diese Milliardendollar-Rechnung beglichen, der Betrag wurde auf 10 Jahre aufgeteilt. Jedes Jahr war die Stromrechnung also um 100 Millionen $ zu hoch, damit man für diese Sache bezahlen konnte.

Das gute Beispiel ist also Maine, das schlechte Connecticut, beides Yankee-Anlagen. Maine hat die Aufgabe sogar besser gelöst als von der NRC gefordert. Die NRC erlaubt es, einen Standort für saniert zu erklären, wenn die Strahlung dort 25 Millirem [250 Mikrosievert; µSv] über jenem Wert liegt, der dort früher geherrscht hat. Maine Yankee hat aber gesagt: „Das finden wir nicht angemessen. Unser Ziel sind 10 Millirem [100 µSv] mehr Radioaktivität als zuvor.“ Es gibt den Ausdruck „grüne Wiese“ als rechtlichen Begriff, und dieser stammt ursprünglich von Maine Yankee. Ein sanierter Standort, eine „grüne Wiese“, ist es dann, wenn dort nicht mehr als 100 µSv gemessen werden als ursprünglich vorhanden waren. Wenn man die Entscheidung aber der NRC überlässt, so erklärt diese auch Örtlichkeiten für sicher, die zweieinhalb Mal stärker belastet sind, als es der Standard von Maine Yankee vorgibt.

NMJ: Wenn es bei Vermont Yankee zu einer Entwicklung ähnlich wie bei Connecticut Yankee kommen sollte, wer würde dann draufzahlen?

AG: Nun, von der Strahlung wären die Leute flussabwärts betroffen. Vermont Yankee befindet sich am Rand von Vermont, es wären also Menschen in Massachusetts, Connecticut und New Hampshire von jeglicher Radioaktivität, die in den Connecticut Fluss gelangt, betroffen. Die Zeche bezahlen müssten aber die Menschen in Vermont. Die NRC hat zugelassen, dass Betreiber von AKWs auch Gesellschaften mit beschränkter Haftung sein können [LLCs, limited liability corporations], und Vermont Yankee ist so eine. Wenn diese Gesellschaft nicht genügend finanzielle Ressourcen hat, so geht sie in Konkurs. Man kann über diese Gesellschaft aber die Muttergesellschaft nicht belangen. Vermont Yankee hat also jahrelang Geld an Entergy überwiesen, wenn es aber zu einem Bankrott kommt, dann wird diese Verbindung gekappt und Entergy muss von dem Geld nichts an Vermont Yankee zurückschicken. Die Leute, die in finanzieller Hinsicht den schwarzen Peter in der Hand halten, sind also die Menschen in Vermont, wenn es aber um die Radioaktivität geht, sind es die Menschen von New Hampshire, Massachusetts und Connecticut, die flussabwärts gelegenen Gemeinden.

NMJ: Die einen erhalten das ganze Geld, die anderen müssen sich mit den negativen Folgen herumschlagen.

AG: Richtig, aber wir haben keine Stimme in dieser Sache, es handelt sich hier um Bundesgesetzgebung. Die Menschen von Vermont können Vermont Yankee nicht dazu zwingen, mehr Geld für den Rückbau von Vermont Yankee zurückzulegen. Die NRC würde sagen: „Nein, nein, soweit wir feststellen können, ist die vorgesehene Summe ausreichend, und dem Bundesstaat fehlt hier jede Kompetenz.“ Ich stimme dem nicht zu, aber das Gesetz ist so formuliert, dass die Bundesstaaten nur sehr geringen Einfluss darauf nehmen können, wie schnell ein AKW zurückgebaut wird.

NMJ: Wie viel Geld wird für den Rückbau dieses Kraftwerkes nun benötigt und wie viel haben sie in ihrem Rückbaufonds?

AG: Also, die NRC verlangt bei einer Anlage wie der von Vermont Yankee 560 Millionen $, so will es die von der NRC benutzte Formel. Die Formel ist aber grob vereinfachend, in einem einzigen Paragraphen wird definiert, wie man die Kosten ermittelt, die beim Rückbau eines Kraftwerkes zu erwarten sind. Vermont Yankee hat 590 Millionen $ auf die Seite gelegt, nach den Richtlinien der NRC ist also mehr als ausreichend Geld vorhanden. In Wirklichkeit wird es aber ca eine Milliarde kosten. Die Rechenformel der NRC ist also nicht korrekt, dennoch setzt die NRC aber [nicht; AdÜ] durch, dass die Kraftwerke mehr Geld in den Fonds fließen lassen.

NMJ: Warum liegt die Formel der NRC so weit daneben?

AG: Das General Accounting Office [entspricht unserem Bundesrechnungshof; AdÜ] hat darüber einen Bericht verfasst, und die NRC hat zugesagt, ihre Formel im Laufe der nächsten Jahre zu überprüfen. Dennoch hat bislang noch jeder Rückbau eines AKWs die für diesen Zweck auf die Seite gelegte Geldsumme überstiegen. Schlussendlich mussten immer die Beitragszahler dafür aufkommen. Die NRC versucht, AKWs bezüglich der anfallenden Kosten konkurrenzfähig zu erhalten. Wenn sie wirklich darauf bestünden, dass die Rückbaukosten angemessen finanziert werden, dann wäre das ein weiterer Sargnagel für die Atomkraft. Es ist viel einfacher, diese Kosten auf Kinder abzuwälzen, die heute noch nicht einmal geboren sind, als zuzugeben, dass Atomenergie viel teurer kommt, als behauptet wird.

NMJ: Wir haben schon so viele Nachrichten aus Fukushima gehört, und wie wir in diesem Podcast bereits angemerkt haben, handelt es sich dort um das gleiche Reaktormodell. Was muss uns bei all den radioaktiven Freisetzungen dort beunruhigen?

AG: Ja, die Anlage von Fukushima ist ein einziges Chaos. Es wurden daneben Tanks aufgestellt, mehr als 700, von denen einige undicht sind. Letzte Woche hat es ein Tank in die Nachrichten geschafft, aus dem besonders viel ausgeronnen ist. Alle sind jedoch undicht. Diese sind aber gar nicht der bedeutsamste Herkunftsort des radioaktiven Wassers, das schließlich im Grundwasser landet. Das große Problem ist, dass die Bodenplatten der Atomreaktoren selbst geborsten sind, die Böden der Reaktorgebäude haben Risse. Auf diesem Weg gerät Grundwasser in die Gebäude, wo es verseucht wird, bevor es die Bauwerke wieder verlässt. Zusätzlich zu all dem Wasser, das in den Tanks gelagert ist, verseucht darüber hinaus das Werk selbst ebenfalls das Grundwasser.

Tokyo Electric versuchte nun, eine Mauer vor diesem Wasser zu errichten. Im Wesentlichen wurde eine Betonmischung in den Boden gespritzt, um ihn weniger durchlässig zu machen. Das ist nun aber keine gute Idee, sondern eine ziemlich schlechte. Es passiert das Folgende: der Berg hinter Fukushima drückt stetig Wasser in den Boden, dieses Wasser kann nun aber nirgends mehr hin. Das Grundwasser steigt und steigt und steigt daher und dürfte die Krone dieser Mauer bereits überflutet haben, mit Sicherheit dringt es aber über die beiden Enden der Mauer [in den dahinter liegenden Bereich] ein.

Wir haben es hier also mit radioaktivem Wasser zu tun, das nicht zurückgehalten werden kann und schließlich den Ozean erreicht. Es kommt aber noch schlimmer. Durch dieses radioaktive Wasser hat sich das Ansprechverhalten der Anlage im Falle eines Erdbebens geändert. Gebäude, die sich ursprünglich auf trockenem Boden befanden, stehen jetzt auf breiigem Boden. Wenn es nun also zu einem Erdbeben kommen würde, so wäre die statische Widerstandsfähigkeit der Gebäude (welche ja ohnehin schon stark eingeschränkt ist) einer noch größeren Probe ausgesetzt, da der Untergrund, auf dem diese Gebäude stehen, nun nass und wassergetränkt ist anstatt fest und tragfähig.

NMJ: Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass es bei Vermont Yankee zu vergleichbaren Beben kommen könnte. Wenn es aber bei Vermont Yankee zu Ereignissen kommen würde, die einen Austritt radioaktiven Materials zur Folge hätten, welche Auswirkungen müssten wir dann feststellen?

AG: Das ist eine Lektion von Fukushima, die niemand auf der ganzen Welt beachten will. Gordon Edwards und ich haben vor einigen Monaten in einem Podcast davon gesprochen: Wenn es bei einem Kraftwerk im Binnenland zu so einem Problem käme, wie es bei Fukushima Daiichi der Fall war, dann würde wahrscheinlich das Wassereinzugsgebiet von 40 Millionen Menschen verseucht. Nun, der Pazifik ist ein riesiger Ozean, so kann sich die Verseuchung in einer gigantischen Wassermasse verteilen. Stünde Fukushima aber an einem Fluss – dem Mississippi oder den großen Seen, an der Donau oder am Rhein, also an einem der wichtigen Ströme eines Kontinents –, so wäre dieser Fluss über Generationen hinweg nicht mehr für den menschlichen Gebrauch nutzbar. Menschen sind aber für ihre Trinkwasserversorgung auf dieses Wasser angewiesen. Die flussabwärts gelegenen Ortschaften würden zu Geisterstädten, denn sie könnten nicht mehr auf ihren Fluss zurückgreifen.

Die Konsequenzen des Unfalls für den Pazifik sind also ausgesprochen dramatisch. Wäre dieser Unfall an den Großen Seen oder an einem Fluss im Binnenland passiert, dann wären die Auswirkungen noch viel schlimmer. Die politisch Verantwortlichen sprechen aber nicht darüber.

NMJ: Es wird wohl zu keinem Tsunami am Connecticut Fluss kommen, aber es gibt natürlich andere Sicherheitsgefährdungen bei Vermont Yankee.

AG: Es ist tatsächlich so, dass Vermont Yankee kontinuierlich behauptet, dass es wohl keine Flutwelle geben wird, die den Fluss hinaufläuft, und auch kein Erdbeben, daher: „Macht euch keine Sorgen und seid fröhlich!“ Die Grundursache dieses Unfalls war aber der Verlust der Stromversorgung von außen. So etwas passiert bei AKWs ständig. Daraus leitete sich die sekundäre Ursache ab, nämlich der Verlust der Hauptwärmesenke. Auch so etwas kommt vor. Es gab Fälle, bei denen die Kühlsysteme von AKWs wirkungslos wurden. Wenn ein Kraftwerk die Stromversorgung von außen verliert, dann ist es auf die Notstromdieselaggregate angewiesen. Diese Dieselmotoren müssen gekühlt werden. Es könnte also ein Terroranschlag sein, es könnte ein Wirbelsturm wie Sandy sein, der dies fast in New Jersey angerichtet hätte; es gibt eine Reihe von Gründen, wie es zu einem Verlust der Energieversorgung von außen oder zum Verlust der Hauptwärmesenke kommen kann, es muss kein Erdbeben und ein dadurch ausgelöster Tsunami sein. Die Lehre, die die Menschen aus Fukushima ziehen sollten, entspricht also nicht dem, was die Atomindustrie sagt: „Es handelt sich hier um einen Vorfall, der mit einer vernachlässigbaren Wahrscheinlichkeit eintritt, so ein schweres Beben.“ Es geht gar nicht um das Erdbeben, es ging überhaupt nie um das Erdbeben. Es geht hier um den Verlust der Stromversorgung von außen (so etwas passiert andauernd) und um den Verlust der Hauptwärmesenke (das kann jederzeit passieren). Es gibt da eine Kraftwerksanlage in South Carolina namens Oconee. Diese Anlage befindet sich unterhalb eines gigantischen Damms, der seinerseits zur Stromerzeugung genutzt wird.

Quelle: Google Earth

Falls dieser Staudamm sabotiert würde oder aber aus anderen Gründen versagte, dann wären drei Reaktorblöcke in ganz genau derselben Situation, in denen sich die Blöcke in Fukushima befanden. Es ist also ganz egal: man braucht keinen Tsunami, um so ein Ereignis auszulösen.

NMJ: Im Laufe der letzten Wochen hat sich eine Reihe von Nachrichten mit Atomthemen beschäftigt. Wir wollen uns einen Moment die Zeit nehmen, um sie zusammenzufassen, und ihre Bedeutung für die öffentliche Gesundheit und die öffentliche Sicherheit erörtern.

AG: Es sind zurzeit 50 AKWs in Japan außer Betrieb. Diese werden aller Wahrscheinlichkeit nach noch längere Zeit außer Betrieb bleiben, denn die Neuigkeiten aus Fukushima sind so bedenklich, dass niemand auf einen Neustart erpicht ist, obwohl die Regierung genau das anstrebt. Hier in den Vereinigten Staaten kam es zu einer unerhörten Trendwende: 5 in Betrieb befindliche Anlagen wurden stillgelegt, 5 weitere, die sich im Zulassungsverfahren befanden, wurden ebenfalls geschlossen. Die Atomkraft befindet sich im Moment weltweit auf dem Rückzug. Das ist eine gewaltige Trendumkehr, die man im Kopf behalten sollte, und man sollte der Atomindustrie ihre Botschaft nicht abkaufen: „Macht euch keine Sorgen, alles wird gut“. Was die Menschen in Japan angeht und auch die Menschen an der Westküste [der USA; AdÜ], so arbeitet sich ein Keil von Radioaktivität gerade durch den Pazifik, ein Fahne von 137Cäsium, Strontium und anderen Isotopen. Diese Schadstofffahne ist noch ein Jahr von der Küste im Nordwesten entfernt. Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Es ist nicht so, dass dieses Ding ankommen und dann wieder verschwinden wird, das AKW setzt weiterhin ununterbrochen Radioaktivität frei. Das Wasser in dieser Schadstofffahne ist 10-mal radioaktiver als davor. Bislang war es nur das Cäsium aus den Atomwaffentests, doch nun ist es 10-mal so radioaktiv. Wahrscheinlich wird die Belastung noch ansteigen, denn die Anlage von Daiichi wird noch jahrelang undicht sein.

Ich glaube, wir alle sollten die folgenden Dinge verlangen: Zum Ersten sollte man Tokyo Electric loswerden; diese Firma hat weder das Recht noch die Fähigkeiten, die Anlage zu sanieren. Wir brauchen ein erstklassiges Ingenieurbüro vor Ort, um diese Aufgabe zu lösen. Das andere, was die Leute an der Westküste verlangen sollten, ist eine transparente Überprüfung der Fische. Es gibt keine staatliche Organisation, die Fischproben entnimmt, keine Regierungsorganisation, die diese Aufgabe erledigt und den Menschen offenlegt, wie die Zahlen eigentlich aussehen. Falls die Regierung Proben entnimmt, so informieren sie niemanden. Das bereitet mir einiges Unbehagen. Ich möchte wissen, wie die Zahlen aussehen, und meiner Meinung nach ist unsere Regierung den Bürgern gegenüber verpflichtet, sie darüber aufzuklären, wie radioaktiv der Fisch im Pazifik ist. Das passiert zurzeit nicht, dennoch werden wahrscheinlich ordentliche Studien durchgeführt – nur, die Bürger dürfen nicht erfahren, worüber die Regierung aber Bescheid weiß.

NWJ: Dieser Podcast war eine Produktion von Fairewinds Energy Education.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)     Quelle: Breaking News: Entergy pulling the plug on Vermont Yankee, http://fairewinds.org/podcast/breaking-news-entergy-pulling-plug-vermont-yankee
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at)     www.afaz.at    August 2013 / v1

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8. August 2014

Ignaz Vergeiner

Eine beunruhigende Wettervorhersage:
Schwarzer Regen

Mit: Magdalena Vergeiner und Maggie Gundersen

NMJ: Willkommen beim Fairewinds Energy Education Podcast von Donnerstag, dem 8. August 2013. Mein Name ist Nathaniel White Joyal. Heute sind Magdalena Vergeiner und Maggie Gundersen bei mir. Danke, dass ihr heute mit dabei seid!

MG: Gerne, es ist eine Freude, mit dabei zu sein, Nathaniel.

MV: Danke sehr!

MG: Ich möchte über eine Exkursion und das erste Treffen mit Magdalena berichten – und warum sie hier ist. Magdalena und ich haben uns anlässlich der römischen Uraufführung der Oper Three Mile Island“ getroffen. Die Filmsequenzen und das Grundkonzept wurden von Karl Hoffmann erstellt, einem Journalisten, Radiomacher und Italienkorrespondenten (er stammt ursprünglich aus Deutschland). Karl war ein persönlicher Freund von Magdalenas Vater. Die Musik schrieb der Komponist Andrea Molino, die Dramaturgie wurde von Guido Barbieri entworfen. Das Team hat Arnie und mich gebeten, hinüberzufliegen und bei verschiedenen Anlässen zu sprechen, dabei zu sein, sie kennenzulernen. Es war ein traumhaftes Erlebnis im Mai letzten Jahres. Dieses Jahr konnte Magdalena herüberkommen, bei uns sein und Hintergrundarbeiten in Bezug auf den Unfall von Three Mile Island (TMI) durchführen.

NWJ: Das hört sich nach einem sehr bewegenden Stück an. Hoffentlich werden wir es von unserer Website aus verlinken können. Magdalena, möchtest du ein bisschen etwas über die Arbeit deines Vaters sagen und darüber, warum du hier in den USA bist?

MV: Würde ich gerne. Warum ich hier bin? Ich glaube, er hätte es sehr gerne gesehen, dass ich hier bin, um Arnie und Maggie zu treffen, Marjorie und Norman Aamodt, mit denen er in seinen Untersuchungen über TMI zusammenarbeitete. Außerdem habe ich einen persönlichen Grund, hier zu sein: Ich wurde in Ft Collins, Colorado, geboren – auch wenn man das nicht unbedingt heraushört … [Lachen] Ich habe aber in Colorado den Kindergarten besucht und habe frühe Erinnerungen an meine Zeit hier; ich versuche, eine Verbindung herzustellen.

Zur Arbeit meines Vaters: Er war Meteorologe, aber bevor er sich für Meteorologie entschied, hatte er Mathematik und Physik studiert. Das ist für seine Arbeiten sehr wichtig, denn dort konnte er all sein Wissen zusammenführen. Er war ein theoretischer Meteorologe, und Schwerpunkte seiner Arbeit waren Fallwinde sowie die Ausbreitung von Schadstoffen jeglicher Art, von Gerüchen, Strahlung – oder was auch immer, denn als Meteorologe konnte er all diese Problemstellungen analysieren. Wenn etwas herauskäme, wohin würde es ziehen? Unter Berücksichtigung der Winde und landschaftlichen Gegebenheiten, wohin könnten diese Schadstoffe gelangen, wo könnten sie Menschen schädigen? Das war sein Spezialgebiet

NWJ: Er wäre also in der Lage gewesen vorherzusagen, welche Personen in einem gewissen Gebiet gefährdet sind, falls es zu einem Unfall kommt?

MV: Wenn er gefragt worden wäre, dann hätte er die Leute warnen können.

NWJ: Was denkst du, warum er nicht gefragt wurde?

MV: Ich glaube, Industrieunternehmen wollen nicht, dass jemand aufzeigt, was alles passieren könnte, und die Menschen warnt. Sie wollen, dass alles ruhig bleibt, sie wollen sagen, dass sie die Lage voll im Griff haben – sie haben kein Interesse daran, dass sich ein Experte einmischt. Das ist meine Meinung.

MG: Ich stimme diesen Gedankengängen zu. Seine Arbeiten darüber, wie sich Radioaktivität ausbreitet, waren bahnbrechend. Die Richterin, die mit dem Verfahren von TMI betraut war, hat diese Studien anfänglich nicht zugelassen. Sie hat es Dr Vergeiner untersagt, als Zeuge auszusagen. Dagegen wurde Berufung eingelegt, und schlussendlich konnte diese Zeugenaussage eingebracht werden, aber zu diesem Zeitpunkt war der Fall schon so entschärft, dass nicht mehr genügend Kläger und andere Dinge übrig geblieben waren, um den Fall weiter voranzutreiben. Am Anfang waren 2.000 Kläger involviert, aber es bröckelten immer mehr Leute ab, da es viele, viele Jahre brauchte, um die entsprechenden Nachforschungen anzustellen, und die [Atom-]Industrie jede neue Erkenntnis abblockte. Wir müssen feststellen, dass auch heute wieder dasselbe passiert. Arnie war als Expertengutachter am TMI Verfahren beteiligt, so erfuhr er auch von Dr Vergeiners Arbeit. All das wurde von der Atomindustrie vertuscht. Wenn wir uns heute mit dem Unfall von Fukushima Daiichi beschäftigen, können wir feststellen, dass die Modelle, die sich mit der Ausbreitung von radioaktiven Abluftfahnen beschäftigen, so wie sie von Dr Vergeiner entworfen wurden, korrekt sind, dass sie zeigen, wo die Radioaktivität hinzieht. Das macht es für Regierungen problematisch, denn es bedeutet, dass sie nun diese Messmethoden frühzeitig einrichten müssten, um so in der Lage zu sein, diese Schadstofffahnen zu verfolgen und die Menschen entsprechend zu warnen. Die Regierungen wollen das aber nicht machen. Die Industrie ist dagegen, und die Regierungen wollen ihre Bürger nicht verunsichern, sodass manche Leute eine Gegend verlassen und in eine andere umziehen, ohne dass sie selbst dies kontrollieren.

NWJ: Meiner Meinung nach wirft das zwei Fragen auf: Ich hätte gerne ein wenig mehr von der Arbeit deines Vaters über TMI erfahren und darüber, wie diese Zeugenaussage ausgesehen hätte, wenn sie zugelassen worden wäre; ich glaube, das wäre sehr wichtig. Ich würde auch gerne ein bisschen mehr darüber sprechen, warum es zu dieser hartnäckigen Vertuschung durch Industrie und Regierungen kommt.

MV: Ich würde gerne noch hinzufügen, dass er von 1982 an als Experte an mehreren Studien mitgewirkt hat, es gab also keinen Grund, ihn abzulehnen.

Nun, seine Untersuchungen haben gezeigt, dass die radioaktiven Wolken weite Distanzen zurücklegten, und zwar in verschiedene Richtungen, denn der Wind hatte gedreht. In den Hügeln blieben [diese Luftmassen] längere Zeit am gleichen Ort.

MG: Wenn man das alles miteinander verbindet, was Arnie herausgefunden hat, wie groß diese Freisetzungen eigentlich waren, was Dr Vergeiner aufgezeigt hat, wohin sich diese Freiset­zungen bewegten, und was Dr Steve Wing, mit dem wir schon früher einen Podcast gestaltet ha­ben, als Epidemiologe aufgedeckt hat, welche Leute von Krankheiten und verschiedenen Krebsfor­men heimgesucht wurden, erst dann kann man das ganze Bild erkennen. Und das ist eines unserer Ziele, der Ziele des Teams von Fairewinds: Publik zu machen, was wirklich in Three Mile Island pas­sierte, und auch in Zukunft mit Karl Hoffmann zusammenzuarbeiten, der weiter an seinem Film­projekt arbeitet. Es ist eine unglaubliche Menge an Material, das er zusammengetragen hat. Die Oper hatte wunderbare Aufnahmen von verschiedenen Leuten …

MV: Ja!

MG: … und wir haben einen Ausschnitt davon auf unserer Website. Wann ist dein Vater gestorben, Magdalena?

MV: Im Februar 2007.

MG: Karl hat aber zuvor über mehrere Monate hinweg Filmaufnahmen mit ihm gemacht. Waren das nur diese wenigen Monate oder …?

MV: Die Aufnahmen begannen im September 2006, es war ein halbes Jahr.

MG: Über ein halbes Jahr hinweg hat Karl also gefilmt und die Diskussionen aufgenommen, über Dr Vergeiners Leben und Arbeit, über TMI. Was ich so interessant finde ist, dass Arnie 2011 von Karl gefilmt wurde, Dr Vergeiner aber im Jahr 2006, doch auf den großen Monitoren sieht es so aus, als ob sie ein Gespräch miteinander führen würden.

MV: Ja.

MG: Das ist sehr bewegend! Beide kamen sie ganz unabhängig zu ihren wissenschaftlichen Ergebnissen, durch ihre Untersuchungen und ihre Arbeit, und wenn man nun sieht, wie beides zusammenkommt … Dann ist Karl Hoffmann noch hingegangen und hat Marjorie Aamodt aufgenommen, die in dieser Angelegenheit recherchiert hat, sowie einige der Hauptbeteiligten in diesem Verfahren. Es waren einige Kläger aus dem Gerichtsverfahren und Menschen, die durch die Strahlung erkrankt sind. Ich würde es mir von Herzen wünschen, dass diese Produktion in die USA kommt und vielleicht findet sich ja da draußen ein Zuhörer, der genau das ermöglichen will? Es war jedenfalls sehr ernüchternd und eindrucksvoll dieses Stück anzusehen, man konnte die Trauer spüren, die von dieser Technologie ausging, die außer Kontrolle geraten war, doch keiner wusste es.

MV: Man konnte spüren, wie die Spannung anstieg, während Arnie sprach, dann Ignaz, dann wieder Arnie, dann Ignaz – bis zum finalen Knall sozusagen.

MG: Wir haben also einen kleinen Ausschnitt, und ich möchte versuchen, etwas von dem Originalfilmmaterial zu erhalten. Ich habe einige der Schlüsselpersonen in dieser Angelegenheit angeschrieben, denn ich glaube, es gibt einen Film über die gesamte Aufführung, und ich würde diesen nur allzu gerne auf unserer Website anbieten. Für eine gründliche wissenschaftliche Darlegung, für unsere wissenschaftlich interessierten Hörer, würde außerdem Magdalenas Bruder, Johannes Vergeiner, mit uns sprechen, der auch ein Meteorologe ist und der einige dieser Arbeiten fortgeführt hat. Ich habe ihn in Italien gefilmt, und wir hoffen, dass er einmal in die Sendung kommt und wir mit ihm ein Interview durchführen können, vielleicht einen Podcast oder einen Film; für die wissenschaftlich interessierten Zuhörer könnte er die wissenschaftlichen Details besprechen.

NWJ: Das wäre großartig. Vielleicht können wir nun noch ein wenig über den emotionalen Bezug deines Vaters zu dem TMI Unfall sprechen?

MV: Ja. Ihm lag sehr viel daran. Im Dezember 2004 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, aber bereits vorher wollte er diese Angelegenheit richtig stellen. Er hatte die Idee gehabt, gemeinsam mit Marjorie Aamodt, mit der an diesem Fall gearbeitet hatte, ein Buch zu schreiben – es war wie sein letzter Wunsch, den Menschen zu Gerechtigkeit zu verhelfen, für die Opfer vielleicht ein wenig Geld herauszuschlagen. Als er dann erkrankte, musste er irgendwann feststellen, dass er dieses Projekt nicht mehr zu Ende bringen würde, und so zog er Karl hinzu. Karl hat ihn dann gefilmt, Interviews gemacht, über TMI, über Energiepolitik, über alles Mögliche, über Dinge, die ihm wichtig waren; er filmte ihn beim Gitarrespielen, er filmte ihn bei einem Besuch am Friedhof, auf dem seine Eltern begraben waren, und Ignaz war sehr froh darüber, als er sehen konnte, dass auch nach seinem Tod etwas weitergehen könnte.

MG: Ich denke, dass er ein unglaubliches Erbe hinterlassen hat, mit dem Arnie und ich, aber auch andere Wissenschaftler, nun arbeiten. Ich würde diese Arbeit gerne mehr bekannt machen und die Welt wissen lassen, dass an jedem Ort, an dem ein Atomunfall passiert, ganz gleich wie in Fukushima Daiichi die Radioaktivität nicht an Staatsgrenzen haltmachen wird. Es gibt keine Hinweistafel, die der Strahlung mitteilt: „Hoppla, hier endet Japan, hier enden die USA …“

MV: Oder: „Hier leben Menschen, hier ist eine Schule …“

MG: Genau! Sie wird mit dem Wind fortgetragen und zerstreut. Ich habe zum Beispiel Freunde in Wales, hunderte Kilometer von Tschernobyl entfernt, aber dennoch können sie keine Nahrung aus ihrem eigenen Garten essen. Sie können keinen Gemüsegarten anlegen, weil die Erde so stark mit Cäsium verseucht ist. Die Halbwertszeit der Radioaktivität in dieser Erde ist mehr als 300 Jahre [Die Halbwertszeit von 137Cs beträgt ca 30 Jahre; 10 Halbwertszeiten werden im Allgemeinen als die Zeitspanne angesehen, in der ein Isotop fast zur Gänze abgebaut ist; AdÜ].

NWJ: Diese Verteilung über Europa bzw die Verteilung über den Osten der Vereinigten Staaten durch TMI hat sich als ein Problem erwiesen, das wir noch lange nicht gelöst haben werden.

MG: Das ist richtig.

NWJ: Ich denke, das ist eine großartige Überleitung, um darüber zu sprechen, warum wir an dieser Technik festhalten – trotz alledem, was wir feststellen müssen.

MV: Kann ich noch einen Satz sagen?

NWJ: Bitte!

MV: Als Mathematiker war Ignaz freilich bewusst, dass ein Unfall eines Tages passieren könnte, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür noch so klein ist. Wie Arnie in seinem Podcast und Video vom Juli sagte: vierzig gute Jahre und dann ein fürchterlicher Tag. Das war ihm nur allzu bewusst, schon in den 1970ern.

NWJ: Es ist sowohl für unsere Zuhörer als auch für jeden anderen wichtig, das zu verstehen.

MG: Und es ist auch genau das, was Arnie und ich, als wir noch in der Atomindustrie arbeiteten, nicht wahrgenommen haben. Uns beiden war beigebracht worden, dass diese Systeme absolut sicher wären. Es wurde uns gesagt, dass sie mit einer so geringen Wahrscheinlichkeit für einen Störfall gebaut wären, dass ein Unfall niemals passieren würde. Und sollte es dennoch dazu kommen, dann würden die Folgen unter Kontrolle sein. Aber alle diese Systeme versagten in TMI, alle Systeme versagten in Tschernobyl, und alle Systeme versagen in Fukushima Daiichi. Bei Daiichi kann man das mitverfolgen, jeden Tag kann man im Internet die Bilder anschauen: Die Sicherheitsbehälter sind explodiert, sie konnten die Radioaktivität nicht zurückhalten. Diese Radioaktivität ist nun in der Nahrungskette, sie ist an Land, im Erdboden, sie ist auf den Schulhöfen und Kinderspielplätzen …

MV: Ja.

MG: Magdalena, du bist eine Lehrerin.

MV: Bin ich!

MG: Wie würdest du dich fühlen, wenn in Österreich, wo du unterrichtest, radioaktive Strahlung vorhanden wäre und du die Kinder zum Spielen hinausschicken würdest?

MV: Wenn Kinder an unsere Schule geschickt werden, dann müssen wir fragen: „Im Falle eine schweren Atomunfalls, sollen wir Ihrem Kind …“ Wie heißt es noch einmal?

MG: Jodtabletten geben, um die Schilddrüse zu schützen.

MV: Die Eltern müssen also „ja“ sagen, sonst können wir sie nicht verabreichen. Das ist doch …!

MG: Aber ihr habt sie dort auf Lager?

MV: Ja, allerdings.

MG: Ihr habt es gut! Unsere Lehrer dürfen sie nicht an der Schule haben, sie dürften sie nicht verteilen.

MV: Wir dürfen das, falls es die Eltern erlauben. Sie müssen das schriftlich bestätigen.

MG: Österreich nimmt dies also ernst genug, dass ihr als Lehrer dazu die Erlaubnis habt und die Eltern gebeten werden, dass ihr das tun dürft.

MV: Ja.

MG: Das ist verblüffend; ich hoffte, dass es bei uns so wäre. Ein Grund dafür, dass bei den Kindern in Japan so viel Schilddrüsenkrebs auftaucht, ist der, dass die Regierungsbehörden sich geweigert haben, die Ausgabe der Jodtabletten an die Kinder zu genehmigen.

NWJ: Wir verlieren mehr, als wir in unserer Gesellschaft jemals finanziell gewinnen können, in unserer Bevölkerung, bei unseren Kindern. Es ist erschütternd zu hören, was passiert, nicht nur in Fukushima, sondern auch in TMI.

MG: Ich bin sehr besorgt. Meine Kinder sind zwar schon erwachsen, aber ich hoffe eines Tages Großmutter zu sein, noch bin ich‘s nicht, aber ich habe eine Reihe jüngerer Freunde, die eben erst Eltern geworden sind, und sie sind sehr besorgt um ihre Kinder. Einige aus unserem Team haben kleine Kinder – wie kann man sie sicher aufziehen? Man kann die Strahlung nicht sehen, es ist nicht so wie bei einem Feuer in einem Ölkraftwerk, wo man sehen kann, wohin der Rauch zieht; man sieht sie einfach nicht.

MV: Man sieht sie nicht, man schmeckt sie nicht, man riecht sie nicht – aber sie ist da.

MG: Eine stille Bedrohung.

MV: Ja.

MG: Magdalena und ich werden weiterhin an einer ganzen Reihe von Punkten zu TMI zusammenarbeiten, aber Magdalena arbeitet auch mit einem der Teams, die deutsche Übersetzungen für uns anfertigen. Könntest du uns von ihnen noch etwas erzählen?

MV: Ja.

MG: Danke dir.

MV: Der Name dieser Gruppe ist AFAZ. Wenn man mich fragt, wie das zu übersetzen ist, so arbeiten wir für eine Zukunft, die von frei von Atomenergie ist – ich denke, so könnte man es sagen. Ich bin eine Unterstützerin dieser Gruppe, ein anderer spricht fließend englisch – sein Wortschatz ist viel größer als der meine! –, und er überträgt Arnies Podcasts jede Woche ins Deutsche, er erstellte auch einige Transkriptionen und Übersetzungen des Symposions in New York und des Blogs von Akio Matsumura; also, es ist so einiges los, und sie stellen das alles in Deutsch auf ihre Website. Wenn man daher all diese technischen Details in seiner Muttersprache lesen will, ob Deutscher oder Schweizer oder Österreicher, so kann man dorthin surfen.

MG: Wir haben noch ein anderes Team, welches das Gleiche in Frankreich macht, und wir hoffen, dass wir unsere japanischen Übersetzungen wieder online bekommen. Leider hatten wir ein paar Probleme mit unserer Website, wir hoffen also, dass wir mit unseren japanischen Übersetzungen weiter fortfahren können.

MV: Ich sollte vielleicht noch ergänzen, dass es sich dabei um unbezahlte Tätigkeit handelt, um reines Engagement.

MG: So arbeiten alle unsere Übersetzer, es ist eine Art von „crowd-sourcing“, wie ja auch wir selbst für unsere Podcasts nichts verlangen, wir wollen einfach diese Dienstleistung erbringen, es ist unsere Gabe an die Weltgemeinschaft.

NWJ: Wenn dies etwas ist, das Sie als Zuhörer von Fairewinds für wichtig erachten, dann hoffen wir sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, einen Blick auf unsere Website zu werfen und vielleicht eine Spende in Erwägung ziehen, damit wir weiterhin diese Podcasts zu Ihnen bringen können.

Ich danke euch beiden, dass ihr heute mit dabei wart. Danke Maggie und danke Magdalena, wir schätzen es wirklich sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, heute mit uns über die Arbeit deines Vaters zu sprechen.

MV: Danke schön!

NWJ: Und Maggie, es ist immer wieder eine Freude, dich bei uns zu haben.

MG: Die Zusammenarbeit mit dir ist stets sehr angenehm – danke dir, Nat!

NWJ: Dieser Podcast war eine Produktion von Fairewinds Energy Education.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)
Quelle: An Ominous Forecast: Black Rain, http://fairewinds.org/podcast/an-ominous-forecast-black-rain
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).      www.afaz.at     August 2013 / v2

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1. August 2013


40 Jahre lang ein guter Nachbar?

Mit: Arnie Gundersen

NMJ: Hallo und willkommen beim Fairewinds Energy Education Podcast von Donnerstag, dem 1. August 2013. Der heutige Podcast wird teilweise durch ein Video ergänzt, Sie finden den Link hier. Vielleicht möchten Sie es sich kurz ansehen.

AG: Hallo, ich bin Arnie Gundersen von Fairewinds Energy Education. Im Laufe der letzten eineinhalb Jahre bin ich ein paar Mal rund um die Erde gereist. Ich war zwei Mal 14 Tage lang in Japan; ich war auch in Italien und dann freilich auch wiederholt in Washington, DC, um vor der Nuclear Regulatory Commission [die Atomaufsichtsbehörde NRC; AdÜ] zu sprechen. Zuletzt war ich an einem Ort außerhalb von Toronto in Kanada eingeladen, um die Bauart kanadischer Reaktoren zu diskutieren. Wie Sie wissen, kann man 40 gute Jahre haben und danach einen schlechten Tag. Das war auch die Kernaussage, die ich der kanadischen Aufsichtsbehörde mitgeben wollte, als ich mich in der Nähe von Toronto aufhielt.

Es gibt eine Reihe von Aussagen in der folgenden Präsentation – bei der es sich um meine Rede vor der kanadischen Aufsichtsbehörde handelt –, über die ein bisschen nachzudenken ich Sie gerne einladen würde. Das Erste ist: In meinen Reisen rund um den Globus höre ich oft: „Naja, die Leute, die mein AKW betreiben, sind sehr gescheite Menschen“ oder: „Es sind ganz nette Leute! Bei mir kann es zu keinem Unfall kommen, weil diese Leute so auf Sicherheit bedacht sind!“ Ich konnte aber den Vertretern der kanadischen Aufsichtsbehörde mitteilen, dass es sich hierbei um kein stimmiges Argument handelt. Ich habe die Reaktorfahrer in Three Mile Island gekannt. Sie waren sehr nett, sie waren sehr auf Sicherheit bedacht, sie waren intelligent – und dennoch kann es zu einem Unfall kommen.

Wie ich also gesagt habe: bei dieser Technologie kann 40 Jahre lang alles bestens laufen – und dann hat man einen schlechten Tag. Die Frage ist dabei nicht, ob nette Menschen den Reaktor steuern. Es ist diese Technik, die einen schlechten Tag haben kann. Ich hoffe nur, dass sich nicht einer dieser schlechten Tage in Ihrem Hinterhof ereignet.

Das andere, was ich den Vertretern der kanadischen Aufsichtsbehörde sagen konnte, war, dass das System der Sicherheitsbehälter in Pickering bei Weitem nicht so robust ist wie jenes, das in Fukushima explodierte. Das Interessante in diesem Dialog war, dass sie mir zugestimmt haben! Es ist nun also allgemein bekannt, dass nach Ansicht der kanadischen Aufsichtsbehörde Canadian Nuclear Safety Board die Atomreaktoren schlechtere Sicherheitsbehälter besitzen als jene, die in Fukushima Daiichi explodiert sind.

Zuletzt ging es noch um die Notfallplanung. Die Reaktoren in Pickering sind etwa 30 Kilometer von den Außenbezirken Torontos entfernt. Toronto hat 4 Millionen Einwohner, im Auto sind es zwei Stunden nach Buffalo in den USA, im Bundesstaat New York. Es befinden sich dort also 8 Reaktoren, und 4 Millionen Menschen leben in einem Umkreis von 30 km. Wie sollen wir jemals im Stande sein, 4 Millionen Menschen zu evakuieren?

Es folgt nun also diese Präsentation. Was ich aber noch anmerken wollte, bevor wir zu meiner Präsentation zum Thema Pickering übergehen: Diese Art der Analyse, für die Fairewinds bekannt ist – sehr sachlich und ganz und gar nicht, was die Atomindustrie gerne veröffentlichen würde – diese unsere Analysen benötigen auch Geld. Maggie und ich machen diese Videos unentgeltlich, aber wir haben ein Produktionsteam, die können das nicht so machen. Daher bitten wir Sie, heute noch etwas zu spenden. Und wir bitten Sie, die Informationen über den Unfall von Fukushima Daiichi weiterzuleiten, indem Sie auf unsere Website hinweisen. Ich danke Ihnen vielmals, hoffentlich nutzen Sie die Schaltfläche zum Spenden.

Dr Michael Binder: … und soweit ich informiert bin, wird Herr Gundersen diese Präsentation halten. Ich bitte darum!

AG: Vielen Dank und bonjour. Mein Name ist Arnie Gundersen, das schreibt man: „S“, „E“, „N“. Ich bin der Chefingenieur von Fairewinds – auch da ist ein „E“ in der Mitte. Ich komme aus Burlington, Vermont, zu Ihnen. Das AKW, das meinem Haus am nächsten liegt, ist der erst kürzlich stillgelegte CANDU-Reaktor in Quebec. Ich bin auf Grund Ihres Programms gekommen, das es Experten erlaubt, mit Unterstützung öffentlicher Mittel an einer Anhörung teilzunehmen. Ich muss sagen, dass ich diese Möglichkeit sehr schätze, das ist so ganz anders als in den Vereinigten Staaten. Auch der Austausch bei diesen Anhörungen hier ist völlig anders als in den USA. Erst kürzlich habe ich vor der NRC gesprochen, ich sagte: „Danke sehr!“, und es gab überhaupt keinen Dialog. Ich schätze diese öffentliche Unterstützung ganz außerordentlich und auch den Umstand, dass es hier zu einem Dialog kommt.

Ich habe heute – und auch gestern – eine Menge über die Integrität der Belegschaften gehört, dass es sich bei ihnen um ganz wundervolle Nachbarn handelt, die so manches in ihren Gemeinschaften einbringen. Ich möchte hiermit klarstellen, dass dies nicht der Grund ist, warum ich heute hier bin. Ich habe die Reaktorfahrer von Three Mile Island persönlich gekannt, ich war ein Vizedirektor in der Atomindustrie mit einem Bakkalaureat und einem Master und einer Lizenz als Reaktorfahrer. Einige von meinen Leuten arbeiteten in Three Mile Island und ich habe die dortige Belegschaft auch kennen gelernt. Es waren großartige Menschen. Die Kinder spielten Fußball, sie gingen in die Kirche, es waren ganz integre Leute. Später habe ich auch Leute aus der Bedienungsmannschaft von Tschernobyl kennen gelernt; auch in diesem Fall lebten ihre Familien in der Umgebung, und auch sie waren integre Persönlichkeiten mit einer ausgefeilten Sicherheitsethik.

Ich habe ein Buch geschrieben, das in Japan ein Bestseller wurde: „Fukushima Daiichi: die Wahrheit und der Weg voran“. So habe ich auch viele japanische Reaktorfahrer kennengelernt, und auch in diesem Fall war es so: ausgezeichnete Ingenieure, die sich in ihrem Metier bestens auskannten und ihre Arbeit liebten, auch sie Menschen von hoher Integrität, und mit Tokyo Electric eine Firma, die ihre Gemeinden finanziell reichlich unterstützte.

Es geht hier also nicht um die Integrität der Betreiberfirmen oder um die Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter dort. Wir sprechen von einer Technologie, bei der 40 Jahre lang alles wie am Schnürchen klappt – und dann kommt ein schlechter Tag. Ich möchte erklären, dass dies der Grund ist, warum Sie heute hier sind: damit dieser eine schlechte Tag bei den Reaktoren in Pickering nicht eintritt.

Der Entwurf von Pickering ist gleich alt wie der von Fukushima Daiichi Block Nr 1. Daiichi 1 wurde im Jahr 1971 hochgefahren, der Entwurf stammt aus den Sechzigern, gebaut wurde er in den späten Sechzigern, bevor er dann ans Netz ging. Er hatte gerade eine Laufzeitverlängerung erhalten, um weitere 10 Jahre in Betrieb bleiben zu können. Ein Monat, bevor er sich selbst in die Luft gesprengt hat, feierte er sein 40-Jahr-Jubiläum. Das Versagen von Daiichi 1 unterschied sich von Nr 2 und Nr 3. Bei allen drei Blöcken ereignete sich Unerwartetes, aber Daiichi 1 versagte als Erster auf Grund von Problemen, die mit dem Entwurfsalter zusammenhängen. Es gibt somit größere Ähnlichkeiten zwischen Pickering und Block 1 in Fukushima als mit Block 2 und 3.

Ich habe mein Bakkalaureat und meinen Master in den späten Sechzigern und am Anfang der Siebziger erhalten und habe damals auch den CANDU-Reaktor studiert. Zum damaligen Zeitpunkt zirkulierte eine große Anzahl von Reaktorentwürfen und es handelte sich definitiv um einen Entwurf, der berechtigterweise vorangetrieben wurde. Es war ein cleverer Entwurf, mit seiner Möglichkeit, während des Betriebs neuen Brennstoff zu laden, der Verwendung von Natururan und dem Deuterium. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass diese Anordnung nicht so zuverlässig ist wie andere Varianten – auf Grund der hohen Komplexität: All diese Druckröhren und die dadurch entstehenden Probleme haben den CANDU-Reaktor mit der Zeit zurückfallen lassen. Es ist gewissermaßen eine entwicklungsgeschichtliche Sackgasse, fast so, wie es in Europa Neandertaler gab, die letztendlich ausgestorben sind, auch wenn sie sich mit den Menschen vermischten, die schließlich überlebt haben. Weltweit sind weniger als 10% aller Reaktoren vom CANDU-Typ. Diese befinden sich im Wesentlichen in Kanada und in Indien. Die Inder haben den CANDU-Reaktor genutzt, um Bomben zu fabrizieren. Bleiben diese zwei Länder unberücksichtigt, dann sind lediglich 3% aller Reaktoren weltweit vom CANDU-Typ und es wurden auch keine Einheiten vom neueren Nachfolgemodell geordert. Wir haben es hier also mit einer Technologie zu tun, die es zwar sehr wohl wert war, ausprobiert zu werden, die sich nun aber ingenieurstechnisch gesehen als evolutionäre Sackgasse herausstellt.

Ich möchte über zwei Probleme sprechen und darüber, wie man diesen einen schlechten Tag verhindern kann – das Ganze kann man auf zwei Themenkreise reduzieren. Der erste bezieht sich auf Alterungsprozesse, der zweite auf das Unvorhersehbare. Die erste Problematik führt uns zurück zur probabilistischen Risikobewertung, von der wir bereits etwas früher gesprochen haben. In einer vollkommenen Welt sind alle die Berechnungen, von denen Sie vorher gehört haben, tatsächlich korrekt. Sie müssen aber bedenken, dass in Bruce eine dieser Druckröhren nach sieben Jahren versagt hat. Sie hat keine 200.000 Stunden durchgehalten, der Schaden ergab sich bereits nach sieben Jahren. Es war eine unvorhergesehene Druckschwankung, die dieses Druckrohr versagen ließ. Wir haben gestern gehört, dass diese Druckrohre wegen des Neutronenflusses wachsen – sie sind an einem Ende fixiert und wachsen in die eine Richtung, und dann, wenn der Zyklus zur Hälfte um ist, werden sie am anderen Ende fixiert und wachsen nun in die andere Richtung zurück. In Darlington wurde festgestellt, dass 7 Druckrohre an beiden Enden fixiert waren. In einer vollkommenen Welt passiert so etwas nicht, in der wirklichen Welt aber sehr wohl. In Darlington hat man sich dann die anderen Reaktoren angesehen und hat herausgefunden, dass in jedem von ihnen drei Druckrohre an beiden Enden fixiert waren. Das Ergebnis davon ist, dass Spannungen erzeugt werden, die in den Präsentationen, die Sie vorher gehört haben, gar nicht vorhergesehen werden. In einer vollkommenen Welt werden diese Druckröhren also wohl 210.000 Stunden bei Vollbetrieb überdauern, in der Wirklichkeit kommt es aber zu betriebsbedingten Schwankungen, die ein Versagen herbeiführen können, wenn diese Grenze von 210.000 Stunden überschritten wird.

Eines der Probleme betrifft die Inspektionen. Es wurde erwähnt, wie viele der Rohre inspiziert werden, es sind 20 bis 30 Druckrohrleitungen pro Abschaltung, also werden zwischen 5% und 8% aller Druckrohre untersucht. Bei dieser Inspektion muss der ganze Brennstoff aus dem Rohr gepresst werden und kann nicht wieder eingefüllt werden – das ist ein Grund, warum der CANDU-Typ so teuer kommt. Man wirft damit guten Brennstoff für eineinhalb Jahre aus all den Druckrohren, die man prüfen will, einfach weg. Dadurch passieren aber zwei Dinge: die Rohre geraten in Schwingungen, denn sie sind ja nun leichter. Wenn man das Druckrohr dann neu befüllt, so ändert man damit auch den Neutronenfluss. Dieses Rohr ist nicht mehr so wie all die Rohre, die es umgeben. Wenn das Rohr zugänglich ist, wird eine winzige Probe heruntergekratzt und auf ihren Wasserstoffgehalt hin analysiert, aber diese Probe ist nur sehr, sehr klein – meiner Meinung nach beängstigend klein.

Diese Methode der probabilistischen Risikobewertung gründet auf Statistik. Wenn man aber die älteste Anlage, Pickering, betrachtet, so beziehen sich alle Daten, auf deren Basis die Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden, auf neuere Anlagen. Ich bin 64 Jahre alt und wenn ich zu meiner Ärztin gehe und sie frage: „Was wird mich umbringen?“, dann wird sie sich Menschen zwischen 50 und 80 ansehen und sagen: „Nun, in Ihrer Altersgruppe muss man mit Krebs und Herzanfällen rechnen.“ Pickering ist also am Ende einer Altersgruppe. Meine Ärztin untersucht mich nicht, um dann in der Zeit zurückzugehen und zu sagen: „Nun, Zehnjährige fallen oft von Dreirädern.“ Aber das ist es, was wir uns hier ansehen. Wir haben die älteste Anlage vor uns und gründen unsere probabilistische Risikobewertung auf Daten, die wir an einer der jüngsten Anlagen erhoben haben. Das älteste Werk, das noch in Betrieb ist, ist nun 46 Jahre alt. Es gibt also nicht sehr viele probabilistische Daten da draußen, um die Annahme zu stützen, dass auch in Zukunft alles funktionieren wird.

Es gab ein AKW in den USA, Big Rock Point, das bereits stillgelegt wurde – ein kleiner Reaktor, so um die 200 Megawatt. Er hatte ein System, das dem hiesigen recht ähnlich ist: auch bei CANDU-Reaktoren kann Bor rasch in den Reaktorkern eingeschossen werden, um ihn herunterzufahren. Der CANDU-Reaktor hat diesen schnellen Dampfblasenkoeffizienten, wie ihn nicht viele Reaktoren auf der Welt haben, soweit ich weiß. Wie auch immer, auch in Big Rock gab es diese Einrichtung einer schnellen Bor-Einspritzung; aber als das Kraftwerk abgebaut wurde, entdeckten die Ingenieure, dass die Rohrleitung schon seit acht Jahren blockiert gewesen war und nie funktioniert hätte. In einer vollkommenen Welt passen alle diese Zahlen zusammen. In der realen Welt können die Dinge aber auf Grund von unerwarteten Ereignissen funktionsuntauglich werden.

Es sind da zwei Zahlenwerte in meinem Report – glücklicherweise sind es nur zwei –, auf die ich Sie gerne aufmerksam machen würde. Auf Seite 10 meines Expertengutachtens … es wurde hier immer wieder davon gesprochen, man habe einen hohen Grad an Zuversicht. Nun, was das heißt, ist in einem der Berichte erklärt, auf die ich mich in meinem Gutachten beziehe, man findet die Aussage oben auf Seite 10: Ein hoher Grad an Zuversicht bedeutet eine Sicherheit von mehr als 70%. Ich unterrichte Mathematik an der in Burlington befindlichen Universität, und 70% bedeutet, dass man einen Test knapp geschafft hat, aber das wird hier als hoher Grad an Zuversicht bezeichnet.

Die andere Zahl findet sich auf Seite 13, und sie ist meiner Meinung nach die erschreckendste im Rahmen einer probabilistischer Risikobewertung. Die hohe Frequenz von Freisetzungen in Pickering kommt bis auf 20% an den Sicherheitsgrenzwert heran. Rechnerisch wurden 8 E hoch minus 6 ermittelt. Der Sicherheitsgrenzwert liegt bei 1 E hoch minus 5. Mir ist aufgefallen, dass der Bericht, dem ich diesen Wert entnommen habe, den Wert 1 E hoch minus 5 als „Sicherheitsgrenzwert“ bezeichnet hat. Die Grafik wurde gestern verändert, nun ist die Bezeichnung „Sicherheitsziel“. Meiner Ansicht nach ist ein[e Freisetzung am; AdÜ] Grenzwert absolut inakzeptabel, und wenn derart vorteilhafte Annahmen gemacht werden, dann sind die Wahrscheinlichkeiten [probabilities; AdÜ] ganz außerordentlich nah am Limit.

Die andere Facette des „schlechten Tages“, wenn man so sagen will, ist, dass man das Unerwartete erwarten muss. Wie ich bereits sagte, war ich im letzten Jahr zwei Mal in Japan und habe den Unfall intensiv studiert; der Unfall von Fukushima Daiichi ist nicht durch die Flutwelle verursacht worden. Das war nur der Auslöser. Was aber tatsächlich passierte war ein LOOP, loss of offsite power (Verlust der Stromversorgung von außen) gefolgt von einem LOUHS, loss of the ultimate heatsink (Verlust der primären Wärmesenke), das führte zum station blackout (die gesamte Anlage ist ohne Stromversorgung). Ohne Strom kann das Kraftwerk nicht gekühlt werden. Das AKW hätte auf jeden Fall versagt, auch wenn die Notstromdiesel nicht zerstört worden wären, denn der Bezugspunkt für das Wasser an der Wasserlinie war zerstört worden. Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Verlust der primären Wärmesenke verursacht werden kann. Das ist eben die primäre Wärmesenke – in Ihrem Fall ist es der See, in Daiichi ist es der Ozean. All dies würde also zu genau demselben Unfall führen, wie wir ihn in Fukushima Daiichi hatten.

Die Anlage von Pickering ist auch insofern sehr ähnlich zu Daiichi, als dass es zu Problemen bei mehreren Blöcken kommen kann. Einer der Blöcke in Daiichi ist explodiert und hat die Blöcke daneben beschädigt. Sie fielen wie Dominos. Das Vakuumgebäude in Pickering ist ein einzelnes Bauwerk, das nur für einen einzelnen schweren Störfall kalibriert ist. Wenn es also zu einem Unfall in mehreren Blöcken kommt – und Fukushima hat uns gezeigt, dass so etwas vorkommen kann –, so sind Sie auf dieses eine Vakuumgebäude angewiesen.

Nicht zuletzt ist da noch die Nähe zu einem bedeutenden Ballungsraum. Ich habe 70 Atomreaktoren im Land und auf der ganzen Welt besucht, Indian Point ist 40 Kilometer außerhalb von New York City. Das ist wohl die am ehesten vergleichbare Situation. Bei Ihnen sind es 30 Kilometer bis zur Stadtmitte von Toronto. Pläne für den Ernstfall zu erstellen ist hier, ebenso wie in Japan, ein erhebliches Problem.

Ich danke Ihnen.

NWJ: Danke, dass Sie sich dieses Video angesehen bzw diesen Podcast angehört haben. Ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass Fairewinds Ihre Unterstützung benötigt, um weiterhin zu versuchen, diesen einen schlechten Tag in ihrem Hinterhof zu verhindern. Wir benötigen Ihre emotionale Unterstützung. Wir brauchen Sie, um unsere Botschaft weiter zu verbreiten. Und schließlich benötigen wir auch Ihre finanzielle Hilfe. Wir können ohne Ihre Hilfe diese Arbeit nicht fortführen. Bitte helfen Sie uns, diese Welt zu einem besseren Ort für unsere Kinder zu machen, für unsere Enkel, für alle Menschen.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: 40 Years of Being a Good Neighbor, http://fairewinds.org/podcast/40-years-of-being-a-good-neighbor
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     August 2013 / v2a

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10. Juli 2014


Japans schwarzer Staub
Gast: Marco Kaltofen

Mit: Arnie Gundersen sowie Nathaniel White Joyal

Nathaniel White Joyal: Willkommen beim Energy Education Podcast vom Mittwoch, dem 10. Juli 2013. Unser heutiger Podcast ist mit einer Video-Transkription unterlegt, da die Aufnahmequalität variiert. Mein Name ist Nathaniel White Joyal. Meine Gäste sind heute Marco Kaltofen, Direktor von Boston Chemical Data Corporation und Forscher und Doktorand im Worcester Polytechnic Institute, sowie Arnie Gundersen, der Chefingenieur von Fairewinds.

Marco Kaltofen: Danke für die Einladung!

Arnie Gundersen: Danke für die Einladung, Nat!

Nathaniel White Joyal: Marco, ich hatte die Gelegenheit, den Bericht durchzublättern, den du über die Probe angefertigt hast, die von einer Stelle gerade außerhalb der Sperrzone rund um Fukushima stammt. Kannst du mich darüber aufklären, was genau du in dieser Bodenprobe gefunden hast?

Marco Kaltofen: Meines Erachtens ist einer der Aspekte, die diesen speziellen Unfall so einzigartig machen, dass so viele Daten von der Bevölkerung erhoben wurden. Es gibt eine Menge Leute, welchen die Mittel und das nötige Wissen zur Verfügung stehen, um hinauszugehen, Proben zu nehmen, Analysen durchzuführen, die Umgebung zu erforschen und so einiges an Daten über das, was sie finden, anzusammeln. Wir haben immer wieder von ganz unüblichen Beobachtungen gehört, einer Art schwarzem Staub auf dem Erdboden oder auch auf Straßen, der aber wesentlich stärker strahlt als die Oberflächen bzw Böden ringsum. Es schien fast so, als ob irgendein von dem Unfall stammender radioaktiver Schadstoff sich weigerte, sich zu zerstreuen, sich dagegen in manchen Abflüssen und Rinnsteinen konzentrierte, woher die Leute ihn dann bezogen. Wir haben also schließlich eine kleine Probe davon bekommen, eine winzige Menge, hauptsächlich aus Sicherheitsgründen, und haben damit eine ganze Batterie von Tests durchgeführt.

Arnie Gundersen: Wenn wir von diesen dunkelfarbigen Proben sprechen, die da in Japan aufgetaucht sind – was du da bekommen hast, mag vielleicht nicht charakteristisch sein, aber es ist auf jeden Fall einzigartig. Und vielleicht … Was sagt sie uns? Wir wissen, dass sie aus Daiichi stammt, weil sie 134Cäsium und 137Cäsium enthält? Ist das …

Marco Kaltofen: Ich werde ein bisschen weiter ausholen. Was wir in Worcester Polytech untersucht haben, waren ein paar hundert verschiedene Erd- und Staubproben. Wir suchen dabei nicht nur nach radioaktiven Isotopen, wie man sie als Konsequenz aus den Ereignissen in Fukushima Daiichi erwarten muss, sondern wir möchten feststellen, wie groß diese Staubpartikel sind, die eine derartige Strahlung transportieren, denn daraus können wir erschließen, wie weit sie sich verbreiten, welche Vorgänge in den Reaktoren sie erzeugt haben und wohin sie schließlich aller Wahrscheinlichkeit nach gelangen werden. Wir lösen diese radioaktiven Partikel also aus den Proben heraus, und danach fotografieren wir sie mit einem Rasterelektronenmikroskop. Wir haben dadurch wesentlich mehr über sie erfahren, als wenn wir lediglich einen Geigerzähler oder ein Gammaspektrometer eingesetzt hätten. Was ich aber sagen wollte: Im Gegensatz zu einer Vielzahl von Erd- und Staubproben, die wir erhalten haben, besitzt dieses Material eine große Einheitlichkeit. Es handelt sich um eine einzige Substanz. Es ist keine Mischung aus mineralischen Partikeln, Überresten toter Insekten, Pflanzenrückständen und Staubkörnern. Diese Substanz ist überaus homogen und gleichförmig, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet. Sie sieht auch anders aus als die umliegende Erde. Schlussendlich ist sie auch in höherem Ausmaß radioaktiv als jede andere Erd- oder Staubprobe, die wir aus der Region rund um Fukushima Daiichi erhalten haben. Dieses Material ist also anders. Es ist kein natürlicher Bodenbestandteil. Etwas Ungewöhnliches geht in diesem Zeug vor sich.

Arnie Gundersen: Ich lese nun schon seit Jahren von diesem Zeug und hartnäckig tauchen immer wieder Geschichten über diesen schwarzen Staub auf, der sich normalerweise in irgendwelchen Senken oder Höhlungen befindet, anscheinend wird er aus anderen Oberflächen ausgeschwemmt und sammelt sich dann dort an. Entdeckt wird er, wie du erwähnt hast, wegen dieser außerordentlich hohen Radioaktivität, die um so Vieles höher ist als alles andere, worauf die Leute sonst so stoßen. Hat der Umstand irgendeine Bedeutung, dass dieser Stoff schwarz gefärbt ist? Oder ist das ein bloßer Zufall?

Marco Kaltofen: Nun, dieser Umstand ist tatsächlich von Bedeutung. Wir konnten dieses Material in einem Mikroskop betrachten und es sind nicht einfach simple Bruchstücke. Eher schon sind es Gemenge. Hast du schon einmal Weichkäsebällchen gesehen? Tja, unter dem Mikroskop schauen sie so aus wie in Nüssen gewälzte Käsebällchen: Ein größeres Ding, das aus vielen, ineinander verschachtelten kleineren Dingern besteht. Genau so schauen sie aus. Wie zerstoßenes Eis – aus radioaktiven Partikeln. Diese Teilchen sind irgendwie zusammengeklebt – und sie bleiben das auch, sie zerfallen nicht, wenn wir mit ihnen in unserem Labor hantieren. Wenn man sie also im Mikroskop ansieht, dann ist es, als ob man hunderte kleinster radioaktiver Partikel genommen und diese zu verschiedene Formen und in verschiedenen Größen zusammengeleimt hätte. Das ist es, was dem Zeug die schwarze Erscheinung verleiht. Es könnte auch der Grund sein, warum es in der Umwelt so gut zusammenhaftet.

Arnie Gundersen: Das hört sich so an, als wäre dieses Zeug in Daiichi entstanden. Ich meine damit, dass es wohl nicht in Form dieser winzigen Partikel Daiichi verlassen hat und sich erst danach in diese Knäuel verwandelt hat.

Marco Kaltofen: Auch das wäre möglich, aber ein Hinweis darauf, dass dies wohl nicht der Fall ist, besteht darin, dass es so gleichförmig radioaktiv ist. Mit anderen Worten: die gesamte Probe ist radioaktiv; es handelt sich nicht um eine Mischung aus normaler, nicht radioaktiver Erde plus einem geringen Anteil von Verunreinigungen. Wenn wir etwas von diesem schwarzen Staub nehmen und auf einer Röntgenplatte verteilen, dann wird die Röntgenplatte durch die Radioaktivität, wie sie von diesen Staubpartikeln ausgeht, belichtet, und zwar ohne dass irgendein zusätzliches Licht oder Photonen oder andere Röntgenstrahlen im Spiel wären. Jedes einzelne Staubkorn aus der Probe belichtet dabei die Platte, es gibt also nichts Unverstrahltes in diesen Proben.

Arnie Gundersen: Das ist äußerst interessant. Wir sollten unseren Zuhörern wahrscheinlich eine Vorstellung davon geben, wie radioaktiv diese Probe war. Die Person aus Japan, die diese Proben an dein Labor geschickt hat, ist mit ihrem Geigerzähler unterwegs gewesen und hat einen hoch radioaktiven Bereich entdeckt. Sie ist dann mit uns in Verbindung getreten, und weil die Probe derart massiv strahlt, haben wir sie gebeten, nur eine winzig kleine Probe zu übermitteln. Das war dann ein Zehntel von einem Gramm. Um den Zuhörern auch eine Vorstellung von einem Gramm zu geben: ein Dollar wiegt ungefähr ein Gramm. Ein Zehntel des Gewichts einer Dollarnote entspricht also dem Gewicht der Probe, die wir per Post zugesandt bekommen haben. Ich würde dich bitten, Marco, nun weiterzuerzählen und uns darüber zu unterrichten, was dieses zehntel Gramm nun enthielt.

Marco Kaltofen: Die gesamte Probe ist vielleicht so groß wie eine Aspirintablette. Wir ermittelten hauptsächlich Beta-Strahlung, die von 134Cäsium und 137Cäsium herrührt. Die Gesamtintensität entsprach 1,5 Megabecquerel pro Kilogramm. Das heißt also, dass jedes Kilogramm von diesem Stoff 1,5 Millionen Zerfälle pro Sekunde erzeugt. Für diese sehr, sehr kleine Probe könnt man eine andere Einheit verwenden: Man könnte von 1.500 Zerfällen pro Gramm sprechen, und so weiter. Aber das sind riesige Zahlen! Sie sind viel höher als alles, was wir bis jetzt gesehen haben.

Arnie Gundersen: Ein Kilogramm sind ca 2,2 Pfund. 2,2 Pfund von diesem Material würden also ungefähr eineinhalb Millionen Zerfälle pro Sekunde generieren, in dieser Sekunde, in der nächsten und in der nächsten ebenso. Wir wollen nicht unterstellen, dass dort mehrere Pfund von diesem Material herumlagen, Gott sei Dank! Ein kleiner Bodenbereich war verseucht, und von diesem stammt unsere noch viel kleinere Probe.

Marco Kaltofen: Noch eine wichtige Zusatzinformation: dieser Stoff ist nicht repräsentativ für das ganze Gebiet. Die Probe wurde nur 10 Kilometern von der Unfallstelle entfernt gezogen, also gerade außerhalb der Sperrzone und innerhalb einer nur unter Auflagen zugänglichen Zone. Die Menschen können für kurze Besuche dorthin, aber sie können nicht bleiben. Was aber hier passiert, ist, dass dieses Material, das um Vieles radioaktiver ist als seine Umgebung, sich nicht in der Umwelt verteilt, sondern Anhäufungen bildet, dass es irgendeinen natürlichen Prozess gibt, der bewirkt, dass sich dieses Material anhäuft und Hotspots produziert. Das wiederum beweist aber, dass weiterhin Wachsamkeit erforderlich ist. Denn wenn es natürliche Vorgänge gibt, die es erlauben, dass Hotspots dieser Art zwei Jahre nach dem Unfall weiterhin bestehen, dann müssen diese Hotspots kartographisch erfasst werden und die Menschen müssen sich dieses Risikos einer überdurchschnittlichen Strahlenbelastung bewusst sein.

Nathaniel White Joyal: Was ist deine Annahme, wie es zu diesen Hotspots kommt?

Marco Kaltofen: Der Dreh- und Angelpunkt scheint mir in der Struktur zu liegen. Das radioaktive Material aus den Reaktoren ist an Partikel angeheftet, die zur Verklumpung neigen und sich nicht zerstreuen – in Regenwasser werden sie nicht aufgelöst. Sie werden auch durch Pflanzen nicht aufgenommen. Sie bleiben klebrig und widersetzen sich dem Zerfall, sie zerfallen nicht in kleinere oder simplere Einheiten. Es ist in diesem Zusammenhang auch interessant, dass sie nicht nur Cäsium enthalten. Wir haben auch eine ansehnliche Menge an Radium festgestellt. Diese Probe hatte einen hohen Gehalt an 226Radium. Nun, das ist kein Isotop, von dem wir sehr häufig hören. Das 226Radium ist in dieser Probe fast gleich aktiv wie das Cäsium. 226Radium ist ein Zerfallsprodukt von Uran, das Uran selbst können wir aber nicht direkt aufspüren. Uran hat so eine lange Halbwertszeit, dass es von einem Gammadetektor nicht wirklich registriert wird. Das ist auch der Grund, warum das Uran, das vor Milliarden Jahren, während der Erdentstehung, gebildet wurde, immer noch da ist. Aber eines der Zerfallsprodukte, einer der Stoffe, zu denen es zerfällt, ist 226Radium, das wesentlich radioaktiver ist als das ursprünglich vorhandene Uran. Das sagt mir, dass diese Partikel nicht nur Rückstände aus den Spaltvorgängen im Reaktor enthalten, sondern höchstwahrscheinlich auch ein konzentriertes Stückchen unverbrauchten, nicht abgebrannten Kernbrennstoffs. Das ist sehr ungewöhnlich. Diese Probe enthielt mit Abstand die meisten Uran-Zerfallsprodukte, die wir je in einer Staub- oder Erdprobe gemessen haben. Es könnte sehr gut sein, dass wir Material aus einem zerstörten Brennelement vor uns haben.

Arnie Gundersen: OK. Wenn ich das höre, dann ist mir klar, dass der Sicherheitsbehälter undicht geworden ist. Was ich aber interessant finde, ist, dass ich bei der Farbe Schwarz an Algen, Pilze oder etwas Anderes in dieser Richtung denke. Aber du sagst, dass es sich hier nicht um eine organische Substanz handelt, richtig?

Marco Kaltofen: Nein, es ist sicher keine organische Substanz. Es ist eine Mixtur aus sehr kleinen Elementen, und nur die Art, in der sie zusammengesetzt sind, ergibt den Eindruck von schwarz, es ist also wahrscheinlich – ich sage nicht, eine optische Täuschung, aber doch ein optischer Effekt, der aus der Größe der Partikel resultiert und aus der Art, wie sie miteinander verschmolzen sind.

Nathaniel White Joyal: Kannst du vielleicht noch etwas dazu sagen, warum die Menschen in Gegenden vorgelassen werden, in denen diese Hotspots zu finden sind? Oder kannst du uns etwas dazu sagen, welche Auswirkungen die Leute zu gewärtigen haben, die ihnen ausgesetzt sind?

Marco Kaltofen: Es gibt nichts an dieser fiktiven Linie, welche die Sperrzone und die beschränkt zugänglichen Gebiete umschließt, wodurch dieses Material daran gehindert würde, nach außen weitertransportiert zu werden, dorthin, wo weiterhin Menschen leben. Ich werde also zu den Strategien der Regierung nichts weiter sagen, aber ich kann festhalten, dass dieses Material offensichtlich weder politische Grenzziehungen noch irgendwelche in Regelwerken festgesetzten Grenzlinien beachtet. Es gelangt schlicht dorthin, wohin es durch Wind und Wasser verfrachtet wird. Diese Partikel sind allerdings ein bisschen zu groß, um mit Leichtigkeit durch den Wind weitergetrieben zu werden, dafür müsste der Wind schon ziemlich heftig blasen, aber offensichtlich kann es auch dazu kommen.

Arnie Gundersen: Diese Teilchen sind also zu schwer, um von sich aus den Pazifik zu überqueren; sie sind aber leicht genug, als dass sie vom Unfallort aus 10 bis 20 km weit geschleudert werden konnten.

Marco Kaltofen: Diese Probe stammt aus einer Entfernung von rund 10 Kilometern. Wenn es bis zu 10 km weit kommen konnte, dann sollten wir vielleicht auch in größerer Entfernung danach Ausschau halten und würden es auch dort vorfinden. Ich weiß, dass wir Berichte von diesem schwarzen Material erhalten haben, die von einer weitaus größeren Entfernung als 10 km sprechen. Wahrscheinlich bestand dieses Material ursprünglich aus winzigen Partikeln, die demgemäß mit Leichtigkeit größere Entfernungen überwinden können, und dann haben sie sich irgendwie miteinander verbunden. Dies ist an und für sich ein bei radioaktiven Partikeln ganz normaler Effekt, denn sie erzeugen Alpha- und Betastrahlen, deren elektrische Ladung in den Staubteilchen, in die sie eingelagert sind, ebenfalls eine elektrische Ladung induziert; das ist der Grund, warum sie sich gegenseitig anziehen. Alles ganz wie zu erwarten. Hier handelt es sich lediglich um einen Extremfall, bei dem wir sehr große, äußerst radioaktive Konglomerate vorfinden, die sich in kleinen Partikeln zusammengeschlossen haben. Da wir ja bei unseren Untersuchungen Zerfallsprodukte von Uran festgestellt haben, das 134Caesium und 137Cäsium in der für Fukushima charakteristischen Verteilung, und weiterhin eine Menge an Stoffen, von denen wir annehmen, dass es sich dabei um Spaltprodukte handelt, so ist es offensichtlich höchstwahrscheinlich, dass wenigstens einige dieser Partikel aus dem Reaktorinneren stammen.

Arnie Gundersen: Sind diese Partikel fein genug, dass die Leute sie mit der Nahrung zu sich nehmen oder auch einatmen können?

Marco Kaltofen: Sie können mit Sicherheit zusammen mit Nahrung aufgenommen werden. Es könnte so sein, dass … Ich meine, die Häufigkeit von Aktionen, in denen eine Hand zum Mund geführt wird, selbst wenn wir ausschließlich Erwachsene betrachten, ist für die meisten Leute ziemlich verblüffend. Aber für Kinder und auch alle Menschen, die mit Erdreich zu tun haben – Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder Bauarbeiter etwa – könnte dieser Aufnahmemechanismus ein nicht zu unterschätzender Pfad sein, wie dieses Material in den Körper gelangt. Was das Einatmen betrifft: zurzeit sind diese Partikel zu groß, um eingeatmet werden zu können. Aber so, wie sie sich verbunden haben, können sie auch wieder zerfallen, und in dem Fall könnten sie tatsächlich zu einer Gefahr in der Atemluft werden. Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich aber vermuten, dass die Hauptgefahr in der oralen Aufnahme besteht, davon wären dann Kinder und Bauarbeiter am stärksten betroffen.

Arnie Gundersen: Ich kann mich daran erinnern, dass du letzten Oktober [2012; AdÜ] eine wissenschaftliche Veröffentlichung für die American Public Health Association [ein Zusammenschluss von Mitgliedern verschiedener medizinischer Disziplinen, deren Zweck die Förderung der öffentlichen Gesundheit darstellt; AdÜ] verfasst hast. In diesem Bericht ist ein Foto von Kinderturnschuhen. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sagst du, dass dieses Zeug etwa an den Schnürsenkeln von Kindern auftaucht und dann über die Hände schließlich bis zum Mund hin transportiert werden könnte, dass es andererseits aber sehr unwahrscheinlich ist, es einzuatmen.

Marco Kaltofen: Die Aufnahme über die Atmung ist sehr unwahrscheinlich wegen der Größe dieser Partikel. Man muss jedoch stets im Auge behalten, dass uns eine Probe von lediglich 100 Milligramm zur Verfügung stand, dass diese aber so radioaktiv war, dass die Physiker am Worcester Polytechnic Institute sehr, sehr neugierig darauf wurden. Ein Kind nimmt an einem Tag durch Hand-zum-Mund Bewegungen durchschnittlich 100 bis 200 Milligramm Erde zu sich. Das muss man entsprechend in Betracht ziehen.

Arnie Gundersen: Mein Gott, das ist ziemlich atemberaubend. Es stünde den Behörden dort drüben sehr gut an, wenn sie weiterhin auch Gebiete überprüfen, die schon einmal gesäubert worden sind, weil dieses Zeug, wie du schon gesagt hast, weiterwandern kann – es hält sich an keine politischen Grenzen.

Marco Kaltofen: Wir können auf mehrere Arten vorhersagen und im Modell darstellen, wohin sich dieses Material bewegt. Das ist auch der Grund, warum wir so begeistert über die Probe waren, denn da wir nun die Partikelgröße kennen und ein wenig über die Dichte dieser Teilchen wissen, können wir bessere Hypothesen darüber aufstellen, wo dieses Material schlussendlich hingelangen wird. Dadurch können wir den Menschen die Möglichkeit geben, die Dekontaminationsanstrengungen ein bisschen schlauer anzugehen, vielleicht auch die Orte gezielt auszuwählen, in denen diese Partikel in größerer Konzentration auftauchen, was selbstverständlich auch eine größere Gefahr bedeutet.

Nathaniel White Joyal: Daraus ergibt sich für uns die Gelegenheit, über Lösungsstrategien zu sprechen und darüber, wie man die Dekontamination organisieren sollte. Was kann getan werden, um diese Partikel in den Hotspots wieder loszuwerden?

Marco Kaltofen: Ich war mein ganzes Arbeitsleben lang Ziviltechniker, es gibt so viele Technologien für Dekontamination und Sanierung. An vielen Orten wurde das bereits gemacht, oft auch gar nicht so schlecht. Es ist im Bauwesen, in der Erschließung, auf Grundstücken jeglicher Art zur Routine geworden, sich mit diesen Belangen zu befassen. Ein erster Anstoß in diesen Dingen muss aber stets von oben kommen, es muss angeordnet werden, dass diese Probleme zu berücksichtigen sind. Wir kommen nun also in den Bereich der politischen Absichten. Die Technologie und die Methoden für eine wirksame Sanierung existieren. Es ist aber unumgänglich, dass die Menschen dies auch verlangen, und die Regierungen müssen dieser Aufforderung auch Folge leisten.

Arnie Gundersen: Seit dem letzten Jahr habe ich wiederholt gesagt, dass die japanische Regierung wirklich … Um ein Riesenproblem bekämpfen zu können, muss man sich erst einmal eingestehen, dass man ein Riesenproblem hat. Ich habe diesen Willen einzuräumen, dass es sich hier um ein großes Problem handelt, aber zu keinem Zeitpunkt wahrgenommen. Man tanzt um den heißen Brei herum, aber geht nicht zielstrebig an die Sache heran, auch wenn es nur darum geht, sich einzugestehen, wie ernst die Lage ist.

Marco Kaltofen: Ich kann mich zu den Vorgehensweisen der japanischen Regierung nicht weiter äußern, dazu fehlt mir jegliches Wissen. Ich kann aber feststellen, dass es sich hier um ein Problem handelt, bei dem man nicht um den heißen Brei herumtanzen kann. Hier handelt es sich um ein Problem, das einer umfassenden, flächendeckenden Lösung bedarf – wir haben so etwas bereits mit Erfolg durchgeführt. Wir haben zB mit Blei in der Umwelt aufgeräumt. Blei war eine Geißel für unsere Kinder und wahrscheinlich eine der größten Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit, die wir erleben mussten. Wir sind als Nation und auch weltweit gegen dieses Problem vorgegangen und haben die Belastung drastisch reduziert. Das wurde von oben nach unten durchgesetzt, von ordentlicher Forschungsarbeit gestützt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir bei der Verseuchung von Fukushima nicht das Gleiche erreichen können.

Arnie Gundersen: Weißt du, Marco, dies ist jetzt bereits das zweite Mal in 14 Tagen, dass wir genau vom gleichen Problem hören: dieses Problem wäre lösbar, aber man müsste mit ganzer Kraft, ohne jede Halbherzigkeit, darangehen, die notwendigen Maßnahmen gründlich durchzuführen. Wir haben einen Bericht auf unserer Fairewinds-Website, in unserem Blog mit dem Titel: Die Kernkraft entzaubern, von einem Berufsjournalisten namens Art Keller. Der Titel ist: Dekontamination für Fukushima Daiichi: Technikkatastrophe oder Krise der Staatsführung? Falls einige Leute, die uns zuhören, also ein bisschen mehr zu diesem Thema wissen wollen, dann können sie zu unserem Blog wechseln und den Augenzeugenbericht von Herrn Keller lesen, welchen Hindernissen sich amerikanische Firmen bei dem Versuch gegenübersehen, die Anlage zu dekontaminieren.

Nathaniel White Joyal: Ist das ein isolierter Einzelfall, oder ist es eher wahrscheinlich, dass es noch weitere solcher Hotspots gibt?

Marco Kaltofen: Es ist ein Einzelfall. Man kann eine Statistik aufstellen, wie oft uns Proben wie diese hier unterkommen werden. Wenn man dies auf Basis der Proben, die wir erhalten haben, durchführt, welche natürlich einer gewissen Auswahl entsprechen, da sie von freiwilligen Helfern stammen, so sprechen wir bei dieser Probe vom obersten Prozent. Es ist also ganz unglaublich konzentriert und außerordentlich dicht, aber glücklicherweise auch einigermaßen selten. Es wird ganz offensichtlich viel umfassender Untersuchungen bedürfen um herauszufinden, wie viele dieser lokalen Hotspots tatsächlich existieren. Eine Möglichkeit, dies zu leisten, bestünde darin, dass alle ihre Daten zur Verfügung stellen, damit man Vergleiche anstellen kann, die ein bisschen mehr statistisches Gewicht erlangen, weil man alle Proben vergleicht und daraus seine Schlüsse zieht.

Arnie Gundersen: Meines Erachtens ist dieses Material zwar selten, aber nicht einzigartig. Berichte über hochradioaktives Pulver gab es jetzt schon länger als ein Jahr – relativ nahe beim Kraftwerk, in einem Umkreis von weniger als 20 km. Es ist allerdings das erste Mal, dass wir diesen Stoff etwas ausführlicher untersuchen konnten. Ich denke, was diese Probe einzigartig macht, ist der Umstand, dass wir das kleine Stückchen hier im Labor haben und ganz verblüfft über die Verschiedenartigkeit und Konzentration von Isotopen sind, die es aufweist.

Marco Kaltofen: Wir haben großes Glück, dass wir diese Probe erhalten haben. Wir haben von diesem Material nun schon seit langer Zeit gehört und sind sehr froh darüber, dass dadurch eine Gelegenheit zur Analyse zustande gekommen ist. Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, woher dieses Material stammt. Ich werde ehrlich sein: ich bin enttäuscht darüber zu erfahren, dass es wohl nicht einzigartig ist. Aber wenn man die Schwere des Unfalls in Betracht zieht, dann ist es gut nachvollziehbar, dass diese Art von Material freigesetzt wurde.

Nathaniel White Joyal: Mein Dank an euch beide, dass ihr euch heute die Zeit genommen habt, dabei zu sein!

Arnie Gundersen: Aber gerne, danke für die Einladung, Nat! Zuletzt möchte ich noch diese eine Sache hinzufügen: wir wurden von jemandem in Japan kontaktiert, den wir dann an Marco Kaltofen weiterverwiesen haben. Wir haben davon gewusst, dass diese Probe auf dem Weg zu uns war. Wenn Sie also glauben, dass Sie etwas haben, was von wissenschaftlichem Wert sein könnte, dann ist es sehr wichtig, dass Sie uns eine E-Mail zukommen lassen, bevor Sie die Probe an uns weiterleiten. Wir haben ein Formular, das wir im Voraus verschicken und das sicherstellt, dass wir mit der Probe sicher und angemessen umgehen, wenn sie im Labor eintrifft. Dieser Appell ist also an die Menschen in Japan gerichtet, speziell die aus der Präfektur von Fukushima: es gibt eine Vielzahl von Proben, die wir sehr gerne analysieren würden, aber bitte kontaktieren Sie uns im Voraus, damit wir sichergehen können, dass all die Verfahren eingehalten werden, die wir eingerichtet haben, um zu gewährleisten, dass die Sendung sicher verschickt wird, dass aber vor allem auch Sie selbst geschützt sind, wenn Sie eine Probe nehmen. Noch einmal danke, dass Sie die Sendungen von Fairewinds verfolgen!

Marco Kaltofen: Auf Wiedersehen allerseits!

Nathaniel White Joyal: Dieser Podcast ist eine Produktion von Fairewinds Energy Education.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)     Quelle: Japan’s Black Dust, with Marco Kaltofen http://fairewinds.org/podcast/japans-black-dust-with-marco-kaltofen
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).      www.afaz.at    Juli 2013 / v1

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2. Juli 2013


Kein Zutritt

Gast: Terry Lodge

Mit: Maggie und Arnie Gundersen sowie Nathaniel White Joyal

Nathaniel White Joyal: Willkommen beim Energy Education Podcast von Dienstag, dem 2. Juli 2013. Mein Name ist Nathaniel White Joyal. Heute ist der Anwalt Terry Lodge bei uns, sowie der Chefingenieur bei Fairewinds, Arnie Gundersen, und Maggie Gundersen, die Direktorin von Fairewinds. Ich bedanke mich bei allen fürs Dabeisein!

Terry Lodge: Ich danke euch!

Maggie Gundersen: Danke für die Einladung, Nat!

Arnie Gundersen: Nat, schön wieder dabei zu sein!

Nathaniel White Joyal: Nun, Maggie, würdest du den Anfang machen?

Maggie Gundersen: Gerne! Wie einige unserer Zuhörer wissen, bin ich als juristische Hilfs­kraft ausgebildet (paralegal), und Fairewinds Associates erstellt Fachgutachten. Ich arbeite also mit einer Reihe von Anwälten überall in den Vereinigten Staaten. Terry ist ein Anwalt, mit dem ich be­reits seit 4 oder 5 Jahren zusammenarbeite. Ich habe ihn zur heutigen Sendung eingeladen, weil ich gerne von ihm hören würde, wie sich für einen Anwalt die Auseinandersetzung mit Intervenienten [eine Art Streithelfer; AdÜ] gestaltet und wie außerordentlich aufwändig es ist, legitime sicherheits- oder konstruktionstechnische Bedenken vor die NRC zu bringen, sodass sie auf die Beschwerden auch tatsächlich eingeht und sich nicht einfach den Wünschen der (Atom-)Industrie beugt.

Ihr beide, du [Arnie Gundersen] und Terry, behandelt gerade zwei bedeutende Fälle – könnt ihr unseren Hörern darüber berichten? Und Terry, könntest du uns erklären, was unter dem Begriff „Contention“ [„Auseinandersetzung“, Fachterminus im US Rechtssystem; AdÜ] zu verste­hen ist, denn ich vermute, dass einige unserer Zuhörer mit diesem Begriff nichts anfangen können.

Terry Lodge: Selbstverständlich, mit Vergnügen. Die Vorgangsweise ist eine andere, als eine Klagsschrift zu verfassen und dann ein Verfahren vor Gericht anzustrengen. Die NRC kündigt in einer Verlautbarung an, dass sie gerade dabei ist zu untersuchen, ob eine bestimmte Genehmigung erteilt werden kann – beispielsweise ist nahe Monroe, Michigan, zwischen Detroit und Toledo, ein dritter Kraftwerksblock für die Anlage von Fermi geplant. Das ist einer der Fälle, bei denen uns Arnie unterstützt. Dies ist Teil jenes mehrjährigen, bereits sehr früh beginnenden Prozesses, über den wir sprechen. Wir haben einen Einspruchsantrag eingereicht, an dem sich Einzelpersonen und eine Anzahl von Verbänden beteiligen, wie zB der Sierra Club von Michigan [der Sierra Club ist die älteste und größte Naturschutzorganisation der USA; AdÜ], die Vereinigung „Don’t Waste Michigan“ [Zerstört Michigan nicht; AdÜ], Umweltschutzgruppen aus dem Westen Ontarios, eine ganze Reihe von Zusammenschlüssen, und im Falle von Fermi stießen auch um die 15 einzelne Nebenintervenienten (= Streithelfer) hinzu. Das wäre das Äquivalent zu Klägern in einem Prozess. Wir haben einen ausführlichen Antrag eingereicht, in dem erklärt wird, dass die Einzelpersonen in einem Umkreis von 80 km von dem geplanten AKW leben – die Begründung für das Beschreiten des Rechtsweges ist ziemlich unkompliziert. Die Vereinigungen wollen verschiedene Einzelpersonen vertreten, und normalerweise ist das keine große Sache – obwohl auch das vorkommt –, es wird also darüber nicht lange herumgestritten, aber je nachdem, wie der Fall liegt und welche Bedeutung diesen Vorgängen beigemessen wird, kann sich das auch ändern.

Die sogenannte 80 km Regel – und lasst mich hier zu einem anderen Fall übergehen, bei dem uns Arnie auch zur Seite steht –, diese 80 km Regel wird im Falle von Davis Besse heftig angefochten. Wir haben erst kürzlich den Antrag auf Einbeziehung bei der Vergabe einer Erweiterung der Betriebsgenehmigung (license amendment) gestellt. Der Stromversorger First Energy, der das AKW Davis Besse besitzt (45 km östlich der Stadt Toledo am Eriesee gelegen), möchte die zwei Dampferzeuger ersetzen. Es handelt sich dabei um ein erhebliches bautechnisches Unterfangen, und der Austausch findet mit Apparaturen statt, die konstruktiv geändert wurden. Die Behauptung besteht nun darin, dass wir nicht in der Lage waren, ein Unfallszenario darzustellen, bei dem eine Parteistellung von Menschen, die 80 km von Davis Besse entfernt wohnen, gerechtfertigt wäre. Es handelt sich hier also um ein Spiel, bei dem sich die Regeln ändern, je nachdem, wie gravierend man die möglichen Auswirkungen dieses Vorhabens einschätzt.

Nathaniel White Joyal: Terry, das hört sich wie eine ziemlich frustrierende Angelegenheit an. Gibt es irgendwelche anderen Beispiele im Land, dass so etwas passiert?

Maggie Gundersen: Ein Problem, das zB bei einem Fall in Florida aufgetaucht ist: Wir haben eine klare Spur von Freisetzungen außerhalb des Kraftwerksgeländes in ein Klärwerk entdeckt, der Rückstand aus den Klärbecken wurde auf dem Feld eines Farmers ausgebracht, und so gelangte die Strahlung ins Grundwasser und die Nahrungskette, und so sind eine ganze Reihe von Familien betroffen, dort findet sich auch eine Anhäufung von Krebsfällen (cancer cluster). Es wurde jegliche Möglichkeit einer chemischen Ursache vom Bundesstaat im Vorfeld untersucht. Der Fall wurde wegen einer Grille des frisch eingesetzten Richter abgewiesen. Seiner Ansicht nach sei für die NRC als Bundesaufsichtsbehörde keine andere Möglichkeit gegeben als die Wahrheit auszusagen.

Die NRC war aber an der Vertuschung beteiligt, die ganzen zurückliegenden Jahre bis in die 80er, als es zu dieser Freisetzung gekommen ist. Ich finde es abstoßend, durch wie viele Ringe die­se Menschen, die schwer krank sind, springen müssen. Aber auch die Arbeit an Fällen, an denen Fairewinds und du arbeiten, in denen Fairewinds Zeugenaussagen macht, vielleicht könnt ihr noch über andere Fälle berichten? In diesen Untersuchungen stellen wir fest, dass die NRC die Vertu­schungen durch die Stromversorger unterstützt, nur damit letztere durch das Genehmigungsver­fahren kommen.

Arnie Gundersen: Ich möchte ein Beispiel anführen: Im Fall von Yucca Mountain berief der Staat Nevada viele, viele Experten, die ebenso viele Fachgutachten schrieben. Es wurden in Bezug auf Yucca Mountain um die 195 Einsprüche [„contentions“; AdÜ) eingelegt. Das Energieministeri­um (DoE, Department of Energy) – es war der Antragsteller – hat geantwortet, und es hat festge­stellt, dass sich die Experten 195 Mal geirrt haben. Nun, das ist zu erwarten. Der Antragsteller weist die Experten zurück und die Experten den Antragsteller. Aber was dann passierte ist das Er­staunliche: Der „neutrale“ Schiedsgutachter, die Belegschaft der NRC, hat 195 Mal dem Energiemi­nisterium zugestimmt und ausgesagt, dass die Experten, die der Staat Nevada beauftragt hatte, alle falsch lagen. Glücklicherweise sagte der Richter des Atomic Safety and Licensing Board: „Das ist unmöglich!“ [Das ASLB ist ein unabhängiges Gremium, von der NRC einberufen, bestehend aus einem Richter und zwei Technikern, die in Streitfällen eine Empfehlung an die NRC abgeben kön­nen; AdÜ]. Es ist undenkbar, dass von einem Bundesstaat beauftragte Experten sich 195 Mal irren.

Das ist also nur eines von einer Unzahl von Beispielen, in denen die Belegschaft der NRC mit der Atomindustrie übereinstimmt und öffentliche Beiträge ablehnt.

Maggie Gundersen: Mir kommt es so vor, als ob die NRC gerne Verstecken spielt. Immer, wenn ich versuche, Unterlagen aufzutreiben … Fairewinds stützt sich dabei auf zwei Rechercheure, die uns bei einigen dieser Nachforschungen helfen, weil es derart aufwändig ist, die Unterlagen tu finden, die man benötigt. Sie verschwinden einfach, sind nicht katalogisiert, oder die NRC gibt sie an die Stromversorgungsunternehmen zurück, sodass sie überhaupt nie abgelegt werden, und dann beziehen sie sich auf diese Berichte, von denen keine Exemplare im öffentlich zugänglichen Dokumentenarchiv vorhanden sind, also dem Ort, der dazu da ist, der Öffentlichkeit Einblick zu verschaffen.

Terry Lodge: Eine andere Sache, auf die wir gestoßen sind, und was eine gewisse Zeit lang Einfluss auf den Verlauf des Einspruches („contention“) beim Werk Fermi hatte, in dem es um Qualitätssicherung ging, ein Verfahren, bei dem auch Fairewinds eingebunden war: Es kam zu einem ausgedehnten Briefwechsel – und damit meine ich nicht nur einen Brief von A an B, eine Antwort von B an A und eine weitere Entgegnung von A an B, sondern Wochen, in denen Akten, Berichte und Analysen ausgetauscht wurden, und erst Monate später wurden diese Materialien in das öffentliche Aktenverwaltungssystem namens ADAMS der NRC eingegliedert. Also erst 6 Monate (und manchmal auch länger), nach denen die Ereignisse stattgefunden haben, ja sogar, nachdem intern Entscheidungen gefällt wurden, entweder innerhalb der Belegschaft der NRC oder Vereinbarungen mit den Versorgungsbetrieben ausgehandelt wurden, erst dann kann man sie endlich zum ersten Mal ausheben.

Maggie Gundersen: Kommt es dazu auch in den Fällen, in denen bereits Nebenintervenien­ten beteiligt sind? Sollten die Anwälte nicht Kopien aller Eingaben zur Verfügung stellen?

Terry Lodge: Ja schon, aber der Knackpunkt ist, wann diese Materialien so abgelegt werden, dass sie der Öffentlichkeit zugänglich sind. Es kommt hier zu enormer, ganz unglaublicher Umständlichkeit, das ist etwas, worüber ich zusammen mit meinem Partner bei diesen Recherchen, Michael Keegan, Beschwerde geführt habe – und wir haben genügend Beweismaterial, um dies zu belegen.

Wenn ich mich recht erinnere, dann wurden Schlüsseldokumente … Als wir das Qualitätssicherungsgesuch für den Qualitätssicherungsantrag stellten (the quality assurance motion for the quality assurance contention) … Außerdem gelten bei diesen Anträgen strikte Fristen; wenn etwas öffentlich zugänglich wird, dann passiert das ohne Aufhebens, ohne Fanfare, die darauf aufmerksam macht, dass es sich hier um etwas handelt, wovon die Öffentlichkeit Kenntnis nehmen sollte. Man muss andauernd diese riesige, ausufernde Online-Bibliothek durchforsten, da jeden Tag hunderte von neuen Dokumenten hinzukommen.

Aber wie auch immer. Hr Keegan stellt diese Art der Debatte bloß. Er findet geringfügigere Beispiele für Lizenzübertretungen – nicht Lizenzübertretungen, sondern Missachtungen der Durchführungsverordnungen –, und wir erheben Einspruch. Aber während wir ein Einspruchsverfahren („contention“) einleiten, taucht plötzlich zusätzliches Material in dem Akt auf, das sechs Monate alt ist. Also nein, es kommt nicht alles in einem hübschen Paket, es ist eine Art Versteckspiel, ganz so, wie du sagst.

Nathaniel White Joyal: Welche Kompetenzen hat die NRC eigentlich? Ich meine, ich bin verwirrt, was nun eigentlich ihre Aufgabe ist.

Terry Lodge: Die Rolle der NRC ist zumindest zweischneidig. Der Mitarbeiterstab der NRC ist vermeintlich eine unabhängige Institution öffentlichen Rechts, die in Genehmigungsverfahren Parteistellung hat. Es gibt aber ein byzantinisches Gerichtsbarkeitssystem innerhalb dieser Behörde. Diese Art von Amtsgericht nennt sich ASLB, Atomic Safety and Licensing Board. Dies ist ein angeblich unabhängiges … Nun, es ist ein unabhängiges Gebilde, bestehend aus Richtern, die von der NRC ernannt werden (diese sind Angestellte der NRC). Die fünf Kommissionsmitglieder an der Spitze der NRC bestimmen also diese Richter. Im Übrigen stellen diese fünf Kommissionsmitglieder aber selbstverständlich auch das Aufsichtsorgan über die NRC-Belegschaft dar. Diese drei Richter des Genehmigungsausschusses (des ASLB) handhaben also all die verfahrenstechnischen Angelegenheiten, jede Berufung muss danach an die gesamte Kommission gerichtet werden. Nur nachdem es zu einer Entscheidung durch dieses Gremium gekommen ist, kann man außerhalb dieses Systems den Gerichtsweg beschreiten – das ist dann ein weiterer frustrierender Prozess für sich. Die Belegschaft der NRC hat also einen enormen Ermessensspielraum: dort gibt es Inspektoren, die technische Innenrevision und andere wissenschaftliche Fachrichtungen sind vertreten. Das ganze Genehmigungsverfahren ist auch kein durch klare zeitliche Abschnitte definiertes Verfahren. Es wird einmal ein Antrag gestellt, die Öffentlichkeit bekommt auch ihr Einspruchsrecht, aber buchstäblich zweieinhalb bis drei Jahren danach gehen diese Rechtsberatungen bei der NRC weiter, es kommt zu mehrfachen Revisionen zwischen der Behörde und dem Versorgungsunternehmen, aber es gibt keine eiserne Verpflichtung, Unterlagen zu veröffentlichen, die Vorgänge der Öffentlichkeit zu erklären oder mitzuteilen – sie müssen nur irgendwann in der ADAMS Bibliothek auftauchen.

Arnie Gundersen: Ich möchte dem noch zwei Beobachtungen hinzufügen. Die erste bezieht sich auf diese 10 Tage Regel: wenn es in einem AKW zu einem Zwischenfall kommt und die NRC davon weiß, ebenso wie der Besitzer des Kraftwerks, und zwar über einen Zeitraum von einem Jahr, und dann erscheinen die Unterlagen plötzlich in dieser öffentlichen Aktensammlung, dann hat die Öffentlichkeit 10 Tage, um die NRC zu benachrichtigen und ein bestehendes Verfahren zu erweitern oder ein neues Verfahren anzustoßen.

Nathaniel White Joyal: Unterrichtet die NRC die Öffentlichkeit, dass da etwas ist?

Arnie Gundersen und Terry Lodge: Nein!

Arnie Gundersen: Diese Dinge tauchen also plötzlich in ADAMS auf. Es können also 9, 10, 11 oder 12 Tage vergehen [bevor man sich der Tatsache bewusst wird, dass neue Informationen aufgetaucht sind; AdÜ]. Wenn man aber bis zum 12. Tag wartet, um etwas zu beeinspruchen, von dem die NRC bereits ein Jahr lang wusste, dann wird die NRC den Einspruch mit der Begründung abschmettern, dass dieser nicht fristgerecht erfolgt ist.

Terry Lodge: So ist es. Wie die Erfahrung bereits mehrfach gezeigt hat, ist es unglaublich, was dabei zum Vorschein kommt. Manche dieser Unregelmäßigkeiten, die da genannt werden, betreffen äußerst bedrohliche Unfallszenarien oder sehr bedenkliche Beinahe-Katastrophen (near-misses), die nur durch technische Hilfsmittel, die korrekt funktioniert haben, oder menschliche Intervention, die Arbeit der Reaktorfahrer, [vermieden werden konnten]. Es ist dies eine ziemlich verblüffende Regelung, denn im Grunde ist es unerheblich, ob es sich nun um die öffentliche Gesundheit handelt oder ob die Umwelt bedroht wird: wenn man nicht fristgerecht reagiert, heißt es: „Tut uns leid, aber das war’s dann.“

Arnie Gundersen: Das andere, worüber ich sprechen will, ist die Tatsache, dass die NRC immer die Position des Antragstellers vertritt [gemeint sind die Stromversorger; AdÜ].



Abbildung 1: Quelle: Flickr; historisches britisches Kinderbuch

Ich war als Experte zu einer Anhörung das AKW Pilgrim betreffend geladen, und ich war auf einer Seite des Raumes, zusammen mit der pro persona [ohne rechtliche Vertretung, in eigener Sache; AdÜ] agierenden Vertreterin von Pilgrim Watch [Mary] „Pixie“ Lampert und auf der anderen Seite des Raumes befanden sich zwanzig Sachverständige und Anwälte, die Pilgrim repräsentierten, und dann waren da noch zehn weitere Personen im Auftrag der NRC. Das Verhältnis war also tatsächlich 30 zu eins. Ich habe im Geiste die Gehälter all dieser NRC-Angestellten und die Honorare all dieser Gutachter zusammengezählt und kam auf eine Summe von ca 10.000 $ pro Stunde, um einen Bericht zu entkräften, den ich verfasst hatte. Das Problem, von dem wir wollten, dass es wahrgenommen und gelöst werde, war nur ein Problem in einer Größenordnung von 50.000 $. Diese Anhörung dauerte den ganzen Tag, sie haben also mehr ausgegeben, um die Öffentlichkeit niederzuhalten, als nötig gewesen wäre, um das Problem zu beheben. Das Verhältnis zwischen der NRC und dem Antragssteller ist also das von Tweedledum und Tweedledee.

[Arnie Gundersen nimmt auf Figuren Bezug, die mit Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ berühmt geworden sind. Die Namen beziehen sich auf einen Kinderreim, in dem es um eine Auseinandersetzung zwischen diesen zwei Personen geht. Anstatt einen Konflikt auszutragen, vervollständigen Tweedledum und Tweedledee aber in der Geschichte von Carroll sogar die Sätze des jeweils anderen. Mit anderen Worten: der Gegensatz ist nur ein scheinbarer, die zwei Figuren agieren in vollständiger Harmonie; AdÜ].

Maggie Gundersen: Bei dem Problem ging es um im Untergrund geführte Rohrleitungen und darum sicherzustellen, dass Tritium und andere radioaktive Isotope nicht entweichen und ins Grundwasser gelangen können. Es ging nur um Beobachtungsbrunnen innerhalb der Anlage. In Massachusetts ist jede Tankstelle verpflichtet, vier Beobachtungsbrunnen auf ihrem Areal anzulegen. Es gab aber für AKWs lediglich die Auflage, einen Beobachtungsbrunnen einzurichten – ein Kontrollbrunnen für ein ganzes Atomkraftwerk! Sie stellen sich als mit einer Tankstelle vergleichbar dar, ich meine – hallo?

Nathaniel White Joyal: Bitte korrigiert mich, falls ich da etwas falsch verstanden habe, ich möchte nur eine Sache mit all den Anwesenden abklären: als die NRC eingerichtet wurde, geschah das zu dem Zweck, die Öffentlichkeit zu schützen.

Maggie Gundersen: Die NRC wurde 1967 ins Leben gerufen, unter Präsident Ford wurden die entsprechenden Gesetze verabschiedet. Die Vorgängerorganisation, die Atomic Energy Commission AEC, hatte seit ihrer Gründung den Auftrag gehabt, die Atomkraft zu fördern. Die NRC wurde als Kontrollbehörde eingerichtet, deren Auftrag es im Speziellen sein sollte, öffentliche Sicherheit und Gesundheit zu gewährleisten. Die Angestellten blieben aber die gleichen, alles was passierte war, dass der Name an der Tür geändert wurde. Alle blieben in ihren Funktionen und alle behielten die alte Geisteshaltung, dass sie für die Industrie arbeiten sollten, aus der sie stammten und in die sie wahrscheinlich auch wieder zurückkehren würden. Nur zwei der führenden Kommissionsmitglieder sind nach ihrer Dienstzeit nicht wieder in die Atomindustrie zurückgegangen, das waren Victor Galinsky und Peter Bradford. Alle andere haben gemütliche, hoch bezahlte Posten in der Atomindustrie angenommen, ich glaube also, dass sie auf ihre persönlichen Einkommenschancen achten, wenn sie diese Entscheidungen treffen.

Nathaniel White Joyal: Die NRC scheint mir also lediglich ein Zweig der Atomindustrie zu sein, sie scheinen nur dazu da zu sein, der Atomindustrie dabei zu helfen, die Regeln zu umgehen.

Arnie Gundersen: Es hat sich herausgestellt, dass die NRC darüber im Bilde war, dass die Leute, die Fermi 3 errichtet haben, über keinerlei Qualitätssicherungsprogramm verfügten; zur gleichen Zeit erstellten sie die Genehmigungen.

Maggie Gundersen: Kannst du uns erklären, warum das bei einem AKW eine wichtige Rolle spielt?

Arnie Gundersen: Nun, einerseits ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Qualitätssicherungsprogramm vorhanden sein muss. Das bedeutet, dass alles, was man macht, nachvollziehbar sein muss, dass es eine lückenlose Dokumentation gibt, die alle Berechnungen stützt, die alle Probebohrungen enthält, welche im Umfeld getätigt werden, um eine Erdbebengefahr ausschließen zu können. Man muss sich vergewissern, dass diese Dokumentation besteht, um sichergehen zu können, dass alle Abläufe korrekt durchgeführt wurden. Michael Keegan hat einige Emails der NRC entdeckt, in denen die NRC festhielt: „Öha, ihr habt ja gar kein Qualitätssicherungsprogramm!“ Es wurde ein Nichteinhaltungsbescheid (notice of violation) ausgestellt.

Das Nächste, was passierte, war ganz erstaunlich: die Leute von Detroit Edison schrieben der NRC zurück: „Wenn ihr eure eigenen Regeln genau durchlest, dann werdet ihr bemerken, dass man kein Qualitätssicherungsprogramm benötigt, es sei denn, man ist der ‚Antragssteller‘.“ So steht es im Gesetz: Der Antragssteller muss ein Qualitätssicherungsprogramm vorweisen können. „Wir waren aber nicht Antragsteller, so lange wir den Antrag nicht gestellt haben. Wir haben also zu dem Zeitpunkt, als wir noch dabei waren, den Antrag zu formulieren, kein Qualitätssicherungs­programm benötigt. Am ersten Tag, an dem wir den Antrag einreichen, da erst könnt ihr beginnen, uns über die Schulter schauen.“

Hier haben wir also die NRC, die feststellt, dass kein Qualitätssicherungsprogramm vorhanden war, und dort ist Detroit Edison, die sagen: „Wir brauchten auch keines.“ Und die NRC fällt um und sagt: „Oje, wir haben unser eigenes Regelwerk bei den 200 AKWs, die diesen Prozess bereits durchlaufen haben, falsch ausgelegt! Wir haben uns in der Auslegung der Regeln getäuscht und ihr habt recht, ihr braucht gar kein Qualitätssicherungsprogramm, weil ihr habt ja bis zu dem Tag, an dem ihr euer Ansuchen eingereicht habt, kein Ansuchen gestellt.“

Terry Lodge: Und das in direktem Widerspruch, wie du schon ausgeführt hast, Arnie, zu den Regeln, die sich ganz eindeutig mit der Periode vor der Antragseinreichung befassen – und ein Qualitätssicherungsprogramm auch während dieser Phase vorschreiben. Aber trotz alledem: du hast vollkommen recht, sie sind ganz und gar umgefallen.

Arnie Gundersen: Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Litanei stundenlang so fortsetzen könnten, in der Tweedledee und Tweedledum sich gegen die Öffentlichkeit verbündet haben.

Terry Lodge: Eine grundlegende Beobachtung, die ich in dieser Sache mache, ist, dass Menschen, die mit dieser Art von atomarem Turnierkampf zum ersten Mal in Berührung kommen, zuerst einmal völlig verwirrt sind: „Ich dachte, die Aufgabe dieser Behörde ist es, uns zu vertreten? Verkörpern sie nicht selbst das Konzept öffentlicher Einspruchsmöglichkeiten?“ Aber das ist leider nicht so, bei Weitem nicht. Das ist einfach unwahr.

Das Ganze verwandelt sich in eine Art World Wrestling Federation, bei dem ein Tag Team [also 2 Kämpfer, die sich jederzeit abwechseln können; AdÜ] von Giganten auf denen, die Einspruch erheben wollen, herumtrampelt. Nur in den allerseltensten Fällen gibt die Belegschaft der Rechtsabteilung nach und rafft sich bezüglich der umstrittenen Sachverhalte zu einer Art Neutralität auf, bis hinunter zu solchen Einzelheiten wie der Verlängerung von Einreichfristen zuzustimmen.

Das ist noch ein Punkt: Die ganze öffentliche Abwicklung ist stets an die genaue Erfüllung von Zeitplänen und Abgabefristen gebunden. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten bei dem, was ich die wirkliche Prozessordnung nenne, bei der die Erstreckung einer Frist oft zugelassen wird und die tatsächlichen Umstände berücksichtigt werden, innerhalb derer die Leute agieren müssen – manchmal müssen Gerichtstermine wegen persönlichen Angelegenheiten zurückstehen, oder was auch immer der Grund sein mag –, aber hier muss man um Zeit regelrecht betteln! Man muss bitten und betteln, um ein paar Wochen mehr zugestanden zu bekommen, außerdem muss man auch bei der Gegenseite darum ansuchen, und der Stromversorger ist dann darüber im Bilde, dass du keine oder nur sehr spärliche Ressourcen zur Verfügung hast. Ob deine Experten entlohnt werden wollen, deine Anwälte oder Rechercheure, ist nach der offiziellen Lesart völlig irrelevant. Die Ungleichheit von Einfluss und Mitteln, so steht es in den Regeln der NRC, darf keinen Einfluss auf ihre Entscheidungsfindung haben. Dies beeinflusst unweigerlich die informelle Seite des Verfahrens, denn die Menschen fahren auf Urlaub, sie haben Arzttermine oder benötigen regelmäßige medizinische Betreuung, man kennt das ja alles, es gibt eine Unmenge möglicher privater Krisensituationen. Gerichtshöfe sind jahrhundertelang auf diesen Umstand eingegangen und haben gelernt, damit umzugehen, den Verhandlungsgegnern also auch Prozesspausen einzuräumen. Die NRC aber toleriert Derartiges nicht. Es ist allein schon schwierig, nicht aus dem vorgeschrieben Ablauf herauszufallen, immer am Ball zu bleiben und sich ein bisschen einen Spielraum zu verschaffen.

Maggie Gundersen: Ich bin über die Anzahl der im November und Dezember zur Verhandlung gebrachten Einsprüche („contentions“) sehr erstaunt, die schon eine lange Zeit anhängig gewesen sein dürften. Ich vermute, dass sich die NRC verschiedene Bereiche anschaut und sagt: „Oh, wir haben hier noch ein Budget, wir sollten das jetzt angehen.“ Wir wurden also speziell im November und Dezember aufgefordert, all diese Arbeiten zu erledigen, und zwar vor dem Jahresende, denn gleichzeitig wurden auch Abgabefristen eingefordert. Das verlangt dann natürlich ein derart intensives Engagement, dass Regenerationsphasen oder Zeit, sich der Familie zu widmen, in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie bleiben aber unerbittlich bei ihren jeweiligen Fristfestsetzungen. Ihre Forderungen sind einfach empörend.

Nathaniel White Joyal: Werden die Stromfirmen auch so hart angefasst?

Maggie Gundersen: Aber ganz und gar nicht.

Arnie Gundersen: Schauen wir uns noch einmal Fermi 3 an, denn der Zeitplan für Fermi 3 hat sich bis jetzt um drei Jahre verlängert. Sie [die Kraftwerksbetreiber; AdÜ] können also die Fristen überziehen, die NRC sagt einfach: „Das ist schon in Ordnung.“ Wenn die Öffentlichkeit aber um zusätzliche drei Wochen ansucht, um eine Antwort auszuarbeiten, dann ist das völlig inakzeptabel.

Terry Lodge: Das ist nur allzu wahr. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist dieses janus­köpfige Konzept, über das wir sprechen sollten. Die NRC muss im Federal Register [entspricht in Österreich und Deutschland dem Bundesgesetzblatt, in der Schweiz dem Bundesblatt; AdÜ] ihre Entscheidungen anzeigen und der Öffentlichkeit 60 Tage lang Einspruchsmöglichkeit gewähren (to file petition to intervene and propose contention). Sie haben aber absoluten Freiraum, wann sie diese Anzeige einstellen. Als es im Jahr 2010 um die Laufzeitverlängerung von Davis Besse ging, wurde diese Frist so angesetzt, dass sie in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr zu Ende ging. Man hat also einen Zeitraum von 60 Tagen zur Verfügung, um sich durch die voluminöse ADAMS Aktenablage durchzukämpfen, den tausende Seiten langen Antrag um Laufzeitverlänge­rung durchzulesen und zu entscheiden, welche Experten man konsultieren will und welchen Ein­spruch man erheben will. 60 Tage sind nicht allzu lange, wenn man all diese Aufgaben nur als ein teures Hobby betreibt, so wie viele von uns. Du hast nun also diesen unglaublich angespannten Dezember, der mit einer gewaltigen Eingabe endet, manchmal erst ein paar Minuten vor Mitter­nacht. Die ganzen Festtage hindurch – wenn es sich um 60 Tage handelt, dann muss man ja Ende Oktober mit der Organisation beginnen, man muss Schriftstücke in Umlauf bringen, versuchen, Leute aufzutreiben, die bei der Durchsicht helfen, denn das ist der einzige Hinweis, den du bekom­men wirst, dass der Antrag auf Laufzeitverlängerung nun endlich bevorsteht und abgehandelt wer­den wird. Übrigens gibt es hier noch einen Aspekt, der besonders beunruhigend ist: tatsächlich muss man sich jenseits aller begründeten Zweifel am Tag der Eingabe über die Beweisbarkeit des beeinspruchten Missstandes absolut sicher sein. Man muss so viele Beweise zitieren, wie man in öffentlich zugänglichen Quellen nur finden kann, denn man kann nichts hinzufügen, wenn darüber entschieden wird, dass der Einspruch gehört werden soll. Die angegebenen Begriffe müssen also den korrekten Suchbegriffen entsprechen, man muss die richtigen Experten befragt haben, alles muss perfekt vorbereitet sein, bevor der Einspruch eingereicht wird. Man muss seinen Fall zur Gänze bewiesen haben, was dem Modell eines Gerichtsverfahrens nicht im Mindesten entspricht. Ein Gerichtsverfahren läuft folgendermaßen ab: wenn du in mein Auto hineinkrachst und ich da­durch verletzt werde, dann kann ich das Gerichtsverfahren dazu verwenden, um zusätzliche Fak­ten aufzuspüren: den genauen Unfallhergang erheben, welche technischen Gebrechen im Spiel ge­wesen sein mögen … Ich muss an dem Tag, an dem ich das Verfahren anstrenge, noch nicht alles wissen. Ich muss all die Details noch nicht fertig ausgearbeitet haben. Diese Gepflogenheiten wer­den bei NRC-Abläufen völlig missachtet.

Maggie Gundersen: Ich gebe nun ein Beispiel dafür, was das wirklich Anstrengende bei einem der Fälle war, an dem wir zusammen mit dem Anwalt Terry Lodge gearbeitet haben.

Als Fachgutachter mussten wir große Informationsmengen durchforsten, sowohl öffentliche Angaben als auch das, was die Atomindustrie als Geschäftsgeheimnisse ausgibt. Manche dieser „vertraulichen Daten“, die wir auf den CDs gefunden haben, die uns zur Verfügung gestellt wurden, waren gar nicht vertraulich – sie waren bereits über ADAMS veröffentlicht worden. Aber es wurde versucht, diese Angaben als vertraulich darzustellen, denn sie wollten nicht durch die Fakten, die diese Papiere aufzeigten, in Verlegenheit gebracht werden. Wir mussten uns also damit herumschlagen.

Zusätzlich musste Fairewinds in diesem Fall äußerst weitreichende Geheimhaltungsverein­barungen unterzeichnen, und zwar mussten wir diese Erklärungen der Atomindustrie und auch der NRC gegenzeichnen. Die NRC hat diese Dokumente erstellt. Wir haben also unterschrieben, dass wir über diese Dokumente nicht sprechen werden, dass wir sie nicht veröffentlichen werden, wir werden sie niemandem zeigen – wir haben also all das gemacht und haben uns dieses Material einmal angesehen. Ich habe neun verschiedene Programme gebraucht, um sie zu öffnen, damit man sie durchsuchen konnte. Neun verschiedene Programme, aber die Dateien brachten laufend unsere Computer zum Absturz. Ich bin dann zu einem Computerexperten gegangen, in seine Fir­ma, aber auch er konnte sie nicht öffnen.

Wir konnten folglich nichts machen, da wir die Dokumente nicht lesen konnten. Wir haben also Rücksprache gehalten und sie haben uns schließlich lesbare Dokumente geschickt – die erhielten wir eine Woche, bevor der Bericht fertiggestellt sein musste.

Es kam also zu all diesem Gerangel um Papiere: Man sagt ihnen, welchen Zeitraum die Dokumente umfassen sollen, und sie sagen: „Das wird aber sehr lange dauern, bis wir die beisammen haben!“ Wenn sie das Material dann schicken, wird es auf eine Art und Weise verschlüsselt, dass man es nicht durchsuchen kann, man kann auch keine Auszüge erstellen, es ist einfach …

Arnie Gundersen: Währenddessen läuft aber der Countdown, und der hält auch nicht an, nur weil du die Dateien, die dir übermittelt wurden, nicht lesen kannst.

Nathaniel White Joyal: In jedem anderen Rechtsbereich würde das Verfahren dadurch für ungültig erklärt werden (declared as a mistrial).

Arnie Gundersen: Genau.

Terry Lodge: Nun, in jedem anderen Rechtsbereich wäre es selbstverständlich, dass alle zwei oder drei Parteien in dem Verfahren übereinkommen, dass die Abgabefrist verlängert werden muss, um diesen Zeitverlust auszugleichen. Es ist mir ein paarmal untergekommen, dass die Anwälte der Gegenseite, wiewohl es zu technischen Pannen in der Kommunikation zwischen ihren und unseren Computern gekommen war, leugneten, dass dies irgendwelche Probleme verursacht hätte, und man muss dann eine erweiterte Prozedur durchlaufen, ein ziemlich detailliertes Gesuch verfassen, in dem beschrieben wird, was man glaubt, wo das Problem liegt, um dem Gericht, in diesem Falle dem Genehmigungsausschuss (licensing board), gegenüber zu rechtfertigen, dass es zu diesem Riesenproblem gekommen sei und daher zum Ausgleich mehr Zeit notwendig ist.

Maggie Gundersen: In unserem Fall kam es noch zu einer weiteren Problematik: auf der CD, die sie uns geschickt hatten, war ein kleines Programm, das mit unseren Computern nicht kompatibel war. Wenn es hier lediglich um die PDF-Dateien ging, warum hat die Anwaltskanzlei, die diese CDs zusammengestellt hat, eine der größten und mächtigsten Anwaltskanzleien der Atomindustrie im ganzen Land, die alle möglichen Organisationen vertritt, die mit Atomkraft zu tun haben, warum haben sie diese kleine Software, die mit unseren Computern nicht kompatibel war, auf den Datenträger aufgespielt? Dieses Programm war vollkommen nutzlos, es hätten nur PDFs enthalten sein sollen, die man natürlich öffnen kann. Ich glaube, dass dieses kleine Programm unsere Computer ständig abstürzen ließ.

Arnie Gundersen: Lass mich diese Geschichte mit einem hoffnungsvollen Gedanken beschließen, dem Krokus, der aus dem Schnee herauswächst, und zwar, was in Bezug auf San Onofre im Laufe der letzten Monaten geschehen ist. Friends of the Earth, die mich zusammen mit John Large aus England als Experten angeheuert hatten, haben beim Atomic Safety and Licensing Board [ASLB, siehe weiter oben; AdÜ] Einspruch eingelegt, und der ASLB gab Friends of the Earth recht. Dabei handelte es sich für die Atomindustrie um ein gewaltiges Beben. Auch hier wurde versucht, den Krokus gleich wieder in den Schnee zu stampfen, die NRC mochte den Schluss, zu welchem der ASLB kam, ganz und gar nicht. Die NRC hat sich nun an die Kommission gewandt [die entscheidungsberechtigten Vorsitzenden der NRC; AdÜ], um zu versuchen, diese Entscheidung für ungültig zu erklären.

Maggie Gundersen: Wir reden nun von der Belegschaft der NRC?

Arnie Gundersen: Ja. Der Rechtsabteilung der NRC gefällt nicht, was der ASLB der NRC gemacht hat, denn dadurch wird der Öffentlichkeit zu viel Mitspracherecht bei den Genehmigungsverfahren eingeräumt. Die Rechtsabteilung beschwert sich also beim Vorsitz, dass der ASLB seine Kompetenzen überschritten habe. Nun, Friends of the Earth, der Bundesstaat Vermont und der Bundesstaat New York haben erst vor wenigen Tagen die Eingabe gemacht, dass der ASLB recht gehandelt hat und dass die Rechtsabteilung einem Irrtum unterliegt. Dies wird wiederum bis zur Kommission gehen, die dann eine Entscheidung fällen wird. Da die Mitglieder dieser Kommission im Wesentlichen von der Atomindustrie ernannt werden, ist es interessant, zu welchem endgültigen Entschluss sie kommen werden.

Aber es gab diesen Krokus im Schnee, und ich denke, dass wir alle froh sein sollten, dass ein ASLB wenigstens für einen kurzen Moment, im Fall von San Onofre, der Öffentlichkeit bedeutsame neue Rechte zugestanden hat.

Maggie Gundersen: Als wir an dem San Onofre Projekt gearbeitet haben, hat Southern California Edison (SCE sind die Inhaber von San Onofre; AdÜ) mehrfach Anspielungen auf Fairewinds und unsere Kompetenz gemacht, denn sie hätten 2.000 Ingenieure und hätten daher das alles schon bedacht. Es ist in diesem Zusammenhang von großem Interesse, dass ein Aufdecker Dokumente an Senatorin Barbara Boxer weitergegeben hat, welche alles bestätigt haben, was wir gesagt hatten, über Konstruktionsentwürfe, die bereits 2004 illegal waren, und diese Dokumente wurden von SCE nicht veröffentlicht, im Gegensatz dazu, was eigentlich hätte geschehen müssen. Senator Boxer hat nun eine Untersuchung angestrengt und Strafanzeige beim Justizministerium erhoben.

Nathaniel White Joyal: Muss man annehmen, dass die NRC weiterhin Barrikaden errichten wird, um eine Beteiligung der Öffentlichkeit möglichst zu behindern?

Terry Lodge: Eine der Angelegenheiten, die mir große Sorgen macht - wie ihr ja wisst, da ihr in dieser Sache auch mitgearbeitet habt -, ist der Einspruch gegen den anstehenden Austausch von Dampferzeugern im AKW Davis Besse. Etwas, was die Belegschaft der NRC zweifellos vorantreibt, ist, eine Argumentationskette aufzubauen, aus der folgt, dass man gar kein Recht auf eine Anhörung besitze, obwohl aus den Regeln klar hervorgeht, dass bei dieser Art der Betriebsgenehmigungserweiterung, wenn ein derart gewaltiges Projekt durchgeführt wird, um eine Betriebsgenehmigungserweiterung angesucht werden muss und die Öffentlichkeit eine Anhörung verlangen kann. Der Standpunkt der NRC-Belegschaft ist aber: „Oh nein, Sie wollen, dass Regeln umgesetzt werden, die zeigen könnten, dass unsere Mitarbeiter und Ingenieure und so weiter das Regelwerk nicht angemessen berücksichtigt haben!“ Damit die Öffentlichkeit also irgendeine Möglichkeit zur Partizipation erhält, muss um ein ganz anderes Verfahren angesucht werden, nämlich eine Petition nach § 10 CFR 2.206. Diese Art der Petition aber, das wurde im Zuge der Abwicklung der Bedenken gegen San Onofre klar (es gibt dafür Beweise im Urteil durch das ASLB Gremium), ist von vorneherein als eine Sackgasse konstruiert. Es liegt danach ausschließlich im Ermessen der NRC, ob sie irgendetwas unternehmen wollen.

Die Situation ist also, dass die Öffentlichkeit eine Anhörung beantragt, ihr Anrecht darauf scheint auch durch das Regelwerk garantiert zu sein, aber Mitarbeiter der NRC sagen: “Oha, Sie kritisieren unsere Arbeit, das bedeutet dann, dass Sie keine Anhörung beantragen, sondern Sie wollen, dass die Regeln umgesetzt werden, da müssen Sie dann schon den korrekten Antrag stellen!“ – und dieser korrekte Antrag führt auf das oben beschriebene Abstellgleis. Es gibt also Möglichkeiten, die Öffentlichkeit abzuwimmeln oder in völlig belanglose, nur scheinbar wirksame Verfahren zu verwickeln.

Nathaniel White Joyal: Es wirkt im Großen und Ganzen wie der Versuch, die Öffentlichkeit zu entrechten.

Terry Lodge: Stimmt, aber gleichzeitig existiert dieser kafkaeske formale Mechanismus, um sich so darzustellen, als ob man auf die Besorgnisse der Öffentlichkeit einginge.

Arnie Gundersen: Es wurden 400 Petitionen nach § 2.206 durchgeführt, wobei die NRC in zwei Fällen den Einsprüchen recht gegeben hat. Das entspricht einem halben Prozent. Als ich das letzte Mal in Washington an einer 2.206 Anhörung teilgenommen habe, ist der Vorsitzende des 2.206 Ausschusses während meines Vortrags eingeschlafen. Ich glaube, das ist ein guter Hinweis darauf, was die NRC von diesem 2.206 Prozess hält.

Nathaniel White Joyal: Es scheint also tatsächlich der Fall zu sein, dass diese von der NRC errichteten Hindernisse äußerst frustrierend und nur sehr schwer zu umgehen sind. Gibt es bei der NRC eine Tradition, die Öffentlichkeit auszuschließen?

Terry Lodge: Einen Prozess einzuleiten, der zu dem führt, was ich Beteiligung der Öffent­lichkeit nenne, ist bei dieser angeblich so offenen Vorgangsweise der NRC extrem schwierig. Die NRC hat eine interessante Geschichte von Schuldzuweisungen, um die extrem hohen Hürden, die einer Beteiligung der Öffentlichkeit entgegenstehen, zu rechtfertigen, und zwar wie folgt: Früher, in den 70ern, waren die Genehmigungsverfahren rund um zwei langwierige Verfahren zentriert: Die Betreiberformen mussten um eine Baugenehmigung ansuchen und später, gegen das Ende der Bauphase hin, um eine Betriebserlaubnis. NEPA, der National Environmental Policy Act [ordnet für allen Behörden der USA – mit Ausnahme des Präsidenten, des Kongresses und der Gerichte – die zwingende Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung bei all ihren Aktivitäten an; AdÜ], funktionierte aber ganz anders, und musste für die zweite Etappe angepasst werden. Es gab die Möglichkeit, dass eine Anzahl von Problemen, die in der ersten Etappe von den Genehmigungsaus­schüssen, dem Äquivalent zu Gerichtsabhandlungen, nicht berücksichtigt worden waren, während der zweiten Etappe wieder aufgenommen und von Neuem in die Verhandlung eingebracht wer­den. Wie wir heute alle wissen, war die Geschichte der Atomindustrie in den USA in dieser Hinsicht verheerend. Schon vor Three Mile Island wurden Dutzende von geplanten AKWs gestrichen, nie­mals gebaut, in der Tat wurden viele während ihrer Errichtung bereits wieder aufgegeben.

In den 80er Jahren gingen die Neuanträge auf Null zurück. Ein paar Reaktoren aus der Bau­phase der 70er erhielten noch ihre Genehmigungen, aber sobald diese Vorhaben abgeschlossen waren, wurde die Belegschaft in den 80ern vom Vorstand angewiesen, eine Analyse anzustellen, was in den 70er Jahren passiert war. In den Jahren 1990 und 1991 wurden eine Reihe neuer Abläu­fe festgeschrieben, denn der Tenor der Ergebnisse der Untersuchung durch die Belegschaft der NRC war damals, dass all die Einsprüche die Atomindustrie in den 70er Jahren zerstört hatte. Wenn also auch die Einbeziehung der Öffentlichkeit in mancher Hinsicht durchaus wünschenswert sei, so müsste sie doch beschnitten und streng überwacht werden. Eine spätere Generation von Mitarbeitern der NRC, welche die 70er in vielerlei Hinsicht gar nicht miterlebt hatten, bekämpfte nun diesen Geist und bestimmte, was zu tun wäre. Dabei haben sie meines Erachtens in ihrer Ein­schätzung die historische Entwicklung völlig verzerrt und die Geschichte neu geschrieben. Denn wie wir heute ganz objektiv feststellen können, waren es wirtschaftliche Gründe, Konstruktions­fehler und korrupte Vergabe- und Konstruktionspraktiken, welche die Aussichten der US-Atomin­dustrie großteils vernichtet haben; Three Mile Island und in vermindertem Ausmaß Tschernobyl waren dann nur mehr die letzten Sargnägel.

Wir haben also diese fast schon orwellhafte … Wenn wir uns die Entwicklung noch einmal ansehen: In den 90er Jahren kam es zu einer Neuordnung der Verfahrensmöglichkeiten, heute sind die Möglichkeiten auf ein Verfahren zusammengeschrumpft, das Jahre vor Baubeginn bereits anläuft und das dazu gedacht ist, alle Probleme oder Einwände oder Entwurfsschwachstellen anzusprechen, die von der Öffentlichkeit geltend gemacht werden könnten, und zwar Jahre bevor die endgültigen Entwürfe genehmigt werden, Jahre bevor die Auswirkungen auf die Umwelt überhaupt vorhergesehen werden können. Wie wir nach Fukushima gesehen haben, sind wir nun in der bizarren Situation, dass eine ganze Reihe von Vorschlägen für neue Anlagen eingereicht ist, während eine breite Koalition von zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen bei der NRC eine Petition eingereicht hat, bis auf Weiteres Betriebsgenehmigungen (Combined Construction and Operating Licenses) nicht mehr zu erteilen. Aber die NRC tut das nicht, wartet die Lektionen nicht ab, die aus den drei Kernschmelzen gezogen werden müssen und den Katastrophen, die potenziell in der Zukunft noch auf uns lauern.

Arnie Gundersen: Ich stimme mit dir völlig darin überein, dass es nicht die Beteiligung der Öffentlichkeit war, die die Atomkraft in den 70ern gestoppt hat – das Geld war’s. Kraftwerke wie Millstone oder Vogtle sollten ein paar hundert Millionen kosten und verteuerten sich dann auf mehrere Milliarden. Es war also unsinnig, diese Dinger zu bauen. Das hatte nicht das Geringste mit öffentlicher Beteiligung oder den Genehmigungsverfahren zu tun, es hatte aber sehr wohl etwas mit den exorbitanten Kosten zu tun, die der Bau so eines AKWs verschlingt, wenn man sichergehen will, dass es nicht explodiert und einen ganzen Bundesstaat radioaktiv verseucht. Der Öffentlichkeit die Schuld zu geben und die Mitwirkung der Öffentlichkeit zu minimieren ist also ein bisschen so, wie wenn man den Überbringer schlechter Nachrichten erschießt.

Terry Lodge: Ja. Es ist teilweise geradezu lächerlich. Mein guter Freund Harvey Wasserman hält daran fest, unter manchen Blickwinkeln zu Recht, dass die Bürgerbeteiligung damals ein bedeutsamer Aspekt bei der Verhinderung einiger der Vorhaben war. Aber in vielen Fällen wurde die Öffentlichkeit als Ausflucht verwendet. Öffentlicher Widerstand wurde als Begründung angegeben, warum ein Projekt, wie du gesagt hast, Arnie, 6 oder 8 Mal teurer wurde als ursprünglich angegeben.

Nathaniel White Joyal: Wir können also zumindest sagen, dass wir hier ein Verhaltensmus­ter bei der NRC finden: eine Entrechtung der Öffentlichkeit durch einen zwischengeschalteten Ver­fahrensablauf, der kompliziert und frustrierend ist.

Mit diesem Gedanken möchte ich das Gespräch für heute beschließen. Vielen Dank, Terry Lodge, danke, Arnie und Maggie, dass ihr euch heute Zeit genommen habt, mit mir dieses sehr wichtige Thema zu besprechen.

Terry Lodge: Gerne! Ich schätze diese Gelegenheit, darüber sprechen zu können, speziell mit Leuten, die wissen, worüber sie sprechen.

Maggie Gundersen: Danke, Terry, für deine Mitwirkung und danke, Nat, dass du diese Arbeit mit uns machst.

Maggie Gundersen: Und auch ein Dank an unsere Zuhörer, die nun bis ans Ende eines sehr wichtigen Podcasts gekommen sind, der ein äußerst wichtiges Thema behandelt hat. Geben wir das Schiff nicht auf – Menschen wie Terry Lodge sind unterwegs und kämpfen, und je mehr es von uns gibt, um sogrößer werden die Chancen, dass wir Erfolg haben.

Nathaniel White Joyal: Dieser Podcast war eine Produktion von Fairewinds Energy Education.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: Barrier to Entry  http://fairewinds.org/podcast/barrier-to-entry-with-terry-lodge 
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt wer­den (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at  Juli 2013 / v1a

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27. Juni 2013



Energieversorger zocken ihre Stromkunden ab

Gast: Lou Zeller

Mit: Arnie Gundersen und Nathaniel White Joyal

Nathaniel White Joyal: Hallo und willkommen beim Energy Education Podcast von Donnerstag, dem 27. Juni 2013. Mein Name ist Nathaniel White Joyal. Heute sind Arnie Gundersen, der Chefingenieur bei Fairewinds, und Lou Zeller von der Blue Ridge Environmental Defense League bei uns (Umweltschutzvereinigung im Osten der USA, kurz BREDL; „Blue Ridge“ bezieht sich auf eine Kette des Appalachen-Gebirgszuges, die sich von Pennsylvania über Virginia einige hundert Kilometer im Inland parallel zur Atlantikküste erstreckt; AdÜ).

Quelle: Wikipedia

Nathaniel White Joyal: Lou, erzähle uns ein bisschen etwas von der Environmental Defense League und womit ihr euch befasst!

Lou Zeller: Gerne! Die Blue Ridge Environmental Defense League entstand im Jahr 1984, als die Menschen im Westen North Carolinas und im Südwesten von Virginia von einem Vorhaben des Bundes erfuhren. Das Department of Energy (DoE - das Energieministerium; AdÜ) plante, eine kristalline Lagerstätte entsprechend der vom Kongress verabschiedeten Atommüll-Endlagerverordnung von 1982 einzurichten. Das Ziel bestand darin, einen Ort zu finden, wo man 70.000 Tonnen hochaktiven Atommüll abkippen könnte. Es geht hier um all die abgebrannten Brennelemente aus sämtlichen AKWs im ganzen Land, zurzeit sind das 104 Anlagen. Damals hat uns beunruhigt, dass verschiedene geologische Formationen im Gebiet der Appalachen untersucht wurden. Granit zB war eines der Medien, die dafür ins Auge gefasst wurden, um ein Loch ein paar hundert Meter hinunter zu bohren und das Zeug dort zu begraben.

Es wurden auch andere Gegenden im Land in Betracht gezogen, zB Salzstöcke; in Mississippi und Texas wurden Gesteinsschichten und geologische Gegebenheiten untersucht, in Maine, in Wisconsin – wie ich schon sagte, überall im ganzen Südosten, insbesondere befanden sich mehrere der ausgewählten Stätten in Virginia, North Carolina und Georgia. Eine der 12 Örtlichkeiten, die ersten Tests unterzogen worden waren und diese auch bestanden hatten, befand sich ca 30 km von meinem Zuhause entfernt in North Carolina. Das war der Moment, in dem ich Mitglied der Blue Ridge Defense League wurde, ich bin 1986 eingetreten und bin bis heute dabei.

Das Projekt der Lagerstätte für hochradioaktive Abfälle entwickelte sich über mehrere Jahre. Was passierte, war Folgendes: Der Aufschrei, den wir und andere in Gang brachten, auf Grund der ernsten Bedenken angesichts von ungelösten technischen Fragen, wegen der grundsätzlichen Probleme, welche die Idee mit sich bringt, Müll, der für eine Viertelmillion Jahre gefährlich bleibt, in ein Loch im Boden zu stecken, dieser Aufschrei bewirkte im Kongress, dass das Gesetz geändert wurde. Dies geschah 1987, durch das sogenannte „Bescheißen wir Nevada Gesetz“, in dem dann gesagt wurde: „Na gut, es gibt gar nicht so viel Atommüll, wie wir dachten, wir brauchen also nur ein Endlager.“ Ursprünglich waren nämlich zwei Endlager vorgesehen, eines im Osten und eines im Westen. Aber auch dieser Plan kollabierte vor ein paar Jahren, als festgestellt wurde, dass Yucca Mountain als Lagerstätte gleichfalls nicht geeignet ist.

Im Grunde sind stehen sie nun wieder dort, wo sie angefangen haben. Aber die Blue Ridge Environmental Defense League wurde, wie ich gesagt habe, bereits in den 1980er Jahren gegründet, wegen der Bedrohung der öffentlichen Gesundheit, für die Gemeinden in unserer Gegend.

Nathaniel White Joyal: Danke, Lou! Wechseln wir nun aber einmal die Richtung.

Sprechen wir über den Wechsel in der Führung der TVA (Tennessee Valley Authority), und wie die Fusion zwischen Progress und Duke Energy dazu passt. Vielleicht könntest du uns darüber berichten, was BREDL dazu meinte?

Arnie Gundersen: Die TVA hat einen neuen Vorsitzenden, der ursprünglich bei Progress beschäftigt war. Er hat Progress ruiniert, indem er zuließ, dass Block 3 in Crystal River vier Jahre lang einfach dastand, als er nicht repariert werden konnte. Außerdem hat er ein paar Milliarden $ in Levy County gepumpt, wo ein AP 1000 Reaktor errichtet werden sollte.

Lou Zeller: TVA verlautbarte im November 2012, dass sie William D Johnson engagiert hatten, also Bill Johnson von Progress Energy, um Präsident bzw Vorstandsvorsitzender von TVA zu werden. Das sollte im Januar dieses Jahres geschehen. Wie dieses Treffen ablief, als diese Entscheidung gefällt wurde, ist schon einmal ziemlich seltsam, Arnie. Berufen wurde der frühere Vorstandsvorsitzende von Progress, der von Duke Energy innerhalb von Stunden, nachdem die Fusion von Progress und Duke vollzogen war, gefeuert wurde. Dies geschah, ohne dass es zu einer formellen Abstimmung gekommen wäre. Was durchgeführt wurde, als man diesem Mann den Zuschlag gab, war eine Methode, die man „notational procedure“ nennt: das heißt, die Mitglieder des Vorstandes gaben ihre Stimme ab, ohne dass es vorher zu Beratungen oder einer Erörterung gekommen wäre. Jeder hat einzeln abgestimmt. Laut Aussagen von TVA und einer Überprüfung durch die Innenrevision bedeutete das, dass die Vorzüge des Kandidaten oder seine Qualifikation nicht diskutiert werden konnten - oder zumindest über die Auswahl beraten wurde. Im Grunde hat der Vorstand die Katze im Sack gekauft, hat also der Zahlung von Millionen $ zugestimmt, ohne darüber vorher auch nur ein Gespräch geführt zu haben.

Das ist äußerst fragwürdig und hat in allen Bereichen, in denen Blue Ridge arbeitet, die Alarmglocken läuten lassen, also in Tennessee, Alabama, Georgia und auch anderswo.

Arnie Gundersen: Einen Moment mal, Lou! Du erzählst mir, dass genau der Typ, der Progress Energy in den Graben gefahren hat, dann einen Job bei Duke innehatte, von dem er nach ganzen ungefähr 6 Stunden bereits entfernt wurde, nun von TVA ohne jede vorhergehende Beratung engagiert wurde?

Lou Zeller: Ja.

Arnie Gundersen: Ok. Ich wollte nur sicher gehen, dass ich das auch richtig mitbekommen habe.

Lou Zeller: Der Zusammenschluss von Duke und Progress ist ebenso verdächtig, wegen der Art und Weise, wie er zustande gekommen ist. Duke Energy und Progress Energy haben diese gigantische, im Besitz einer Investorgruppe stehende Versorgungsgesellschaft entstehen lassen. Tatsächlich handelt es sich dabei um das größte Energieversorgungsunternehmen weltweit, wenn man den Worten des jetzigen Vorsitzenden der fusionierten Duke Energy, Jim Rodgers, Glauben schenkt. Diese 26 Milliarden $ Fusion der zwei Konzerne, mit einer Firmenzentrale in North Carolina, aber Tätigkeitsfeldern überall im Osten der USA … Diese Fusion ging also über die Bühne, und, wie du gesagt hast, innerhalb von wenigen Stunden wurde dieser Mann, Bill Johnson, der eigentlich als Chef des neuen Konzerns vorgesehen war, gefeuert. Ich glaube, das Wall Street Journal sprach von einem Putsch durch den Aufsichtsrat. Ersetzt wurde er durch Jim Rodgers, der vor der Fusion der Chef von Duke Energy gewesen war. Es kam damals zu einer scharfen Auseinandersetzung, Briefe wurden hin- und hergeschickt, von Täuschungsabsicht war die Rede, und auch wir hatten Fragen zu diesem Vorgang. Vielen von uns in North Carolina, die die Entwicklung von Duke und Progress Energy über die Jahre eingehend mitverfolgt hatten, erschien das fragwürdig. Wir haben diese Ereignisse der bundesstaatlichen Kommission für Versorgungsbetriebe dargelegt. Aufsichtsratsmitglieder von Progress waren einigermaßen unzufrieden. Sie sagten, sie hätten nicht für die Fusionierung gestimmt, wenn sie gewusst hätten, dass der vormalige Chef von Duke, Jim Rodgers, zum Chef dieser neuen Firma gemacht würde.

Arnie Gundersen: Offen gesagt, ich glaube, Progress kam ganz gut aus dieser Sache heraus, obwohl sie ihren Spitzenmann eingebüßt haben: die Firma war stark angeschlagen. Crystal River war zu einem [finanziellen; AdÜ] Desaster geworden, Levy County wird nie gebaut werden, dort wurden aber Millionen von $ versenkt, und das von ihnen geführte AKW Brunswick zeigte eine schlechte Betriebsleistung. Es handelte sich also um eine Firma, die am Boden lag, und Duke hat sie wieder aufgerichtet. Mag sein, dass der Aufsichtsrat von Progress aufgebracht ist, aber offen gestanden hatten sie eine sehr schlechte Verhandlungsposition.

Lou Zeller: Vielleicht handelt es sich um Krokodilstränen. Bill Johnson wurde sehr großzügig bedacht, seine Abfindung beträgt wohl 44 Millionen $, welche 1,5 Millionen enthalten, ...

Nathaniel White Joyal: Es tut mir leid, wenn ich dich unterbreche, Lou – sagtest du 44 Millionen $?

Lou Zeller: Ja, als Abfindung.

Arnie Gundersen: Lou, der Typ hat sechs Stunden gearbeitet!

Lou Zeller: Inkludiert ist eine Zahlung von 1,5 Millionen $, mit der Auflage, dass er nichts Schlechtes über Duke Energy, die neue Firma, sagt – oder die alte Duke Energy [lacht].

Das ist also die Situation. All das, die Fusion, der Rausschmiss, das passierte zur Jahresmitte 2012. Ein paar Monate später erscheint Bill Johnson dann in der Zentrale von TVA in Knoxville, Tennessee, um deren Boss zu werden, und wieder spielen sich ähnlich krause Dinge ab. Worauf ihr aber richtigerweise schon hingewiesen habt, es gibt bedenkliche Vorgänge während des Vorsitzes von Bill Johnson bei Progress Energy, die man hätte ansprechen müssen. Anscheinend hat sich Duke Energy vor dem Zusammenschluss nicht darum gekümmert, mit anderen Worten, zuerst wurde er nominiert, dann aber gefeuert. Was geht hier vor?

Jim Rodgers ist ein ziemlich aggressiver Boss. Er hat vor zwanzig Jahren oder so bei einem Versorgungsbetrieb in Indiana angefangen, ich glaube, es war 1988. Von da an ist er immer weiter aufgestiegen, indem Versorgungbetriebe miteinander fusionierten. Public Service Indiana fusionierte mit Cincinnati Gas & Electric, daraus wurde Synergy, Synergy wurde 1994 von Duke Energy aufgekauft, Rodgers wurde CEO von Duke im Jahr 2006. Es gibt also diesen aggressiven Zug bei den Topmanagern der Wirtschaft, zu konsolidieren und Fusionen einzugehen. Das Objekt der Begierde ist also nun der größte öffentliche Versorgungsbetrieb, und das ist TVA. Alles läuft darauf hinaus. Als Bill Johnson zum Chef von TVA gemacht wurde, wurden bei uns alle Alarmsignale angestoßen, was ist hier im Gange? Ist Bill Johnson wirklich so ein großer Fang, dass sie ihn ohne jede Überprüfung einstellen wollen? Sein Rausschmiss bei der neuformierten Duke Energy war schon verdächtig genug, mit dieser äußerst großzügigen Abfertigung, die ihm zugestanden wurde, aber diese Nachfolge bei TVA ist äußerst suspekt. Oder anders gesagt: Wer ist nun in der besten Position, um die TVA zu schlucken, wenn TVA tatsächlich verscherbelt wird? In seinem Budget für 2014 hat der Präsident angeordnet, die Möglichkeit eines Verkaufes an die Privatwirtschaft zu untersuchen, obwohl TVAs Vorzug ausschließlich aus den Einkünften von Beitragszahlern besteht. TVA hat natürlich auch Schulden in der Höhe von 25 Milliarden $, aber diese Schulden … aber die Bundesregierung ist für diese Schulden nicht haftbar, Steuerzahler stehen also nicht in der Verantwortung – dennoch sind sie Teil der Gesamtverschuldung des Bundes. Man könnte also mit einem Federstrich 25 Milliarden $ Schulden verschwinden lassen. Aber liegt es im Interesse der Vereinigten Staaten, dies durchzuführen, wenn dadurch eine Einrichtung wie die TVA verloren geht, die trotz mancher Fehler, die begangen wurden, ein gutes Beispiel für einen öffentlichen Versorgungsbetrieb darstellt, der im Laufe seines Bestehens viele Vorteile gebracht hat? Ich denke da vor allem an den Hochwasserschutz und die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im ganzen Gebiet von Tennessee Valley.

Arnie Gundersen: TVA hat wie besoffen Geld für die Errichtung „neuer“ Atomkraftwerke ausgegeben, und ich sage „neu“ in Anführungszeichen, denn sie sind ausgezogen, um alte AKWs aufzustöbern, die sich selbst überlassen wurden, und diese versuchen sie wieder zum Leben zu erwecken. Watts Bar ist eine dieser Anlagen, Bellefonte eine weitere. Wir haben eine größere Sendung zu Bellefonte gemacht, unsere Zuhörer können gerne zurückgehen und sich das noch einmal anhören. Dieses Werk wurde geschlossen, nachdem es zu 80% fertiggestellt worden war. Danach wurde es für 20 Jahre eingemottet, wonach es als „Organspender“ benutzt wurde. Als die Ausschlachtungen anfingen, wurde die Betriebsgenehmigung von der NRC zurückgezogen. Zwei Jahre später aber, nachdem das Ausschlachten bereits stattgefunden hatte, sagten sie: „Hoppala, da haben wir einen Fehler gemacht, wir möchten unsere Betriebsgenehmigung zurückhaben; wir wollen auch kein neuerliches Anhörungsverfahren.“ Die NRC gab der Gegenstimme eines Kommissionsmitgliedes namens Jaczko recht, der später Kommissionsvorsitzender werden sollte.

Bellefonte wurde also wiederbelebt, aber der Kostenvoranschlag, der dem Aufsichtrat von TVA für dieses Projekt präsentiert wurde, war stark untertrieben: man benötige eine oder zwei Milliarden $. In Wirklichkeit dürfte es sechs oder sieben Milliarden $ kosten, Bellefonte fertigzustellen. Nun bekam der Aufsichtsrat wiederum Bedenken und hat Bellefonte neuerlich eingemottet. Sie haben ungefähr 100 Leute dort, die im Grunde nichts weiter tun, als die Böden zu kehren und aufzupassen, dass die Ratten nicht an die Elektroleitungen herankommen.

Dieselbe Geschichte ereignete sich mit Watts Bar. Auch bei Watts Bar war die Kosteneinschätzung ursprünglich bei ein bis zwei Milliarden, nun aber geht es bereits um fünf oder sechs Milliarden, und das wird noch nicht das letzte Wort gewesen sein.

TVA hat sich also diese Riesenschulden eingehandelt, indem sie „neue“ alte AKWs bauen, die schon vor Jahren gestrichen worden waren. Ich vermute, dass es diese Atomschulden sind, die TVA nahe an ihre Schuldenobergrenze heranführen.

Lou Zeller: Das glaube ich auch. Ich denke, das ist ein sehr gutes Beispiel. Bellefonte wurde zuerst begonnen, dann wurde es fallengelassen, eingemottet, wie du ja sagst, und dann sind sie in Schwierigkeiten geraten, als sie versuchten, zwei weitere, neue Reaktoren genehmigt zu bekommen, Westinghouse AP 1000 Modelle, die Bellefonte Block 3 und 4 werden sollten. Aber sie gerieten in Schwierigkeiten. Auch wir haben einige ernsthafte Einwände gegen die Vorgänge in diesem Genehmigungsverfahren erhoben. Was nun passierte, ist: Sie haben sich neu formiert und wiederum versucht, eine Genehmigung von der NRC zu erlangen, und zwar, um Block 1 zu bauen, diesen Uraltentwurf eines Reaktors, den sie bereits ausgeschlachtet hatten und bei dem sie Rohrleitungen und was nicht noch alles bereits für andere Zwecke entfernt hatten, aber Bellefonte hängt von der Fertigstellung des AKWs von Watts Bar ab, das stromaufwärts in Tennessee liegt. Bellefonte Block 1 würde nämlich mit den Mitteln errichtet, die durch den Verkauf von Watts Bar Block 2 lukriert werden.

All diese Informationen sind öffentlich einsehbar, man kann sie auf ihrer Website lesen. Ich könnte auch gerne noch länger darüber reden, aber es dürfte bereits klar geworden sein, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Wenn wir also noch einmal die Puzzleteile zu einem Gesamtbild verbinden: Wir sehen zwei der größten im Privatbesitz befindlichen Versorgungsbetriebe, die in diese Zusammenlegungsspielchen verwickelt sind, was sich in einem gefeuerten CEO niederschlägt, der nun der Chef des landesweit größten öffentlichen Versorgungsbetriebes wird, welcher jetzt möglicherweise zur Versteigerung freigegeben wird.

Nathaniel White Joyal: Lou, kannst du mir sagen, welche Auswirkungen das auf die Beitragszahler haben wird?

Lou Zeller: Es wird nun zuerst einmal Erhöhungen der Beitragszahlungen bei Duke Energy geben, die dritte Erhöhung vor der Kontrollbehörde für Versorgungsbetriebe von North Carolina seit 2009, der für einen durchschnittlichen Haushalt die Beitragszahlungen um 13,9% anheben dürfte, kleinere Betriebe sollten mit einem Mehraufwand von 10,7% rechnen. Die Tarife wären dann um 30% höher als 2009, und dennoch schraubt Duke-Progress Energy die Tarife weiter nach oben.

Es wird am 8. Juli ein Verfahren zur Beweisaufnahme in Raleigh stattfinden, denn die Einwohner der Carolinas fechten diese Tariferhöhung an.

Arnie Gundersen: 30% über vier Jahre mitten in einer Rezession!

Nathaniel White Joyal: Können sie das nicht von den 44 Millionen nehmen, die sie dem CEO gegeben haben?

Lou Zeller: Es ist wirklich empörend, was hier geschieht. Ein behüteter Monopolist, abhängige Beitragszahler. Duke, die einen garantierten Mindestgewinn von 11,25% einfordern, was die gängigen Gewinnmargen am Markt bei Weitem übersteigt.

Arnie Gundersen: Das ist ja wirklich äußerst spannend! Die kommende Anhörung in North Carolina ist also am 7.?

Lou Zeller: Sie ist am 8. Juli, das ist ein Montag.

Arnie Gundersen: Wir freuen uns schon darauf, deine melodiöse Stimme dort zu hören, um die Beitragszahler in North Carolina zu verteidigen.

Nun aber noch zum anderen Thema, den Beitragszahlern von TVA: Wenn TVA verkauft würde, dann wären sie weniger geschützt, als sie es heute sind. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass ihre Tarife ebenso steigen würden.

Lou Zeller: Das wäre auch meine Einschätzung. TVA hat einen eigenen Verwaltungsrat, die Firmenstruktur unterscheidet sich ein wenig von der einer Versorgungsgesellschaft in privater Hand.

Ich war bei einer Aktionärsversammlung von Duke Energy dieses Jahr, es war meine erste Aktionärsversammlung bei Duke, und ich habe die Veranstaltung kopfschüttelnd verlassen, denn es war wie in einer Diktatur. Jim Rodgers hatte uneingeschränkte Kontrolle, und selbst die Leute, die Stammaktien besitzen und somit stimmberechtigt sind, wurden wie Staffage behandelt. Alles war unter Dach und Fach gebracht worden, bevor die Versammlung für Fragestellungen durch Investoren freigegeben wurde. Das ist natürlich keine öffentliche Anhörung, das ist eine Versammlung, wie sie nach dem Aktienrecht vorgeschrieben ist.

Der Verwaltungsrat der TVA arbeitet nach einem etwas anderen Schema – er ist auch der Öffentlichkeit gegenüber viel aufgeschlossener. Ich war auf verschiedenen Versammlungen der TVA, wie sie in ihrem Geschäftsbereich abgehalten werden. Im Grunde handelt es sich um öffentliche Anhörungen, die vor der eigentlichen Versammlung abgehalten werden. Das Endresultat mag sich allerdings nicht wesentlich unterscheiden. [Lacht.] So scheint es jedenfalls zu sein. Ich kenne viele Leute, die schon oft auf Versammlungen der TVA waren und der Meinung sind, dass die TVA keinerlei Regeln außer ihre eigenen einhält, aber es gibt doch einen merklichen Unterschied, zweifellos in der Atmosphäre. Ich glaube, man sieht auch Unterschiede in den Ergebnissen, denn wenn die Anstrengungen der Aktivisten an der Basis, im Einzugsbereich des Versorgungsgebietes der TVA aufklärerisch zu wirken, ein Hinweis sind, so scheint die TVA tatsächlich ihre Pläne nicht weiter zu verfolgen, Bellefonte Block 3 und 4 zu errichten. Sie sind zwar ein zäher Brocken, aber schlussendlich ist eine andere Betriebskultur vorherrschend, das ist ganz sicher der Fall.

Wie dem aber auch immer sei, TVA ist ein begehrenswerter Besitz für private Gebilde wie von Investorgruppen geführte private Versorgungsbetriebe, und wenn es nicht Duke und Progress sind, dann gibt es noch andere, die über das nötige Kapital verfügen.

Arnie Gundersen: Was TVA so anziehend macht ist, dass die sehr viele Kunden haben – und dazu noch Kunden, die keine andere Wahlmöglichkeit haben. Es ist nicht so wie bei einem Lebensmittelladen: Wenn man mit dem einem nicht zufrieden ist, dann geht man eben zu einem anderen. Das war auch der Grund dafür, dass Duke Progress gekauft hat – um sich diese Kunden einzuverleiben. Dasselbe könnte man auch über den Kauf von TVA sagen.

Ich wollte außerdem noch gerne ansprechen, dass Progress Duke und TVA gemeinsam fast alle AKWs betreiben, die über einen Eis-Sicherheitsbehälter verfügen. Diese Eis-Sicherheitsbehälter sind die zweitgefährlichsten, die wir in diesem Land haben, die gefährlichsten Sicherheitsbehälter sind die Mark 1 Siedewasserreaktoren, also der Typ von Fukushima Daiichi. Von diesen gibt es bei uns 23. Ich habe wiederholt gesagt, dass diese AKWs stillgelegt werden sollten, denn diese Konstruktion ist einfach nicht sicher. Aber die zweitschlimmsten sind die Anlagen mit diesem Eis-Containment. TVA hat einige davon und Duke hat einige, zusammen sind es wohl sieben von den neun Ice-Containments im Südosten. Was unternehmt ihr in Bezug auf diese Eis-Sicherheitsbehälter?

Nathaniel White Joyal: Könntest du uns zuvor noch erklären, wie man sich diese Eis-Sicherheitsbehälter vorstellen muss?

Arnie Gundersen: Ja, das ist eine gute Idee.

(Siehe Grafik 1: http://media.tumblr.com/tumblr_l7cpj5yMv61qbnrqd.jpg ,
siehe Grafik 2:
http://media.tumblr.com/tumblr_l7cpk45dew1qbnrqd.jpg ,
siehe auch:
http://allthingsnuclear.org/fission-stories-11-no-knock-knock-joke/AdÜ)

Es ist kein riesiges Iglu aus Eis. Ein Sicherheitsbehälter besteht aus Beton und einer Stahlummantelung. Diese Eis-Sicherheitsbehälter sind aber viel kleiner als normale Sicherheitsbehälter. Um den Druck nach einem Reaktorunfall abzusenken, wird der Dampf durch Eis geleitet, das an den Seiten des Sicherheitsbehälters gelagert wird. Das Eis schmilzt, der Dampf wird abgekühlt und so der Druck verringert und daher auch der Stoß, der dem Containment zugefügt wird, geringer.

Nun, jeder, der in seiner Kühltruhe Eis 40 Jahre lang aufbewahrt hat, wird wissen, dass es nicht da sein wird, wenn man nach ihm sucht. Diese Sicherheitsbehälter sind aber dazu da, Eis 40 Jahre lang zu behalten. Eis sublimiert – es verschwindet mit der Zeit in die Luft. Diese Eis-Sicherheitsbehälter hatten im Laufe der Jahre alle möglichen Probleme: Das Eis „verklebt“, es verschwindet, es gibt alle möglichen technischen Vorrichtungen, um das Eis in gutem Zustand zu erhalten. Es ist noch nie ausgetestet worden – zum Glück gab es noch nie einen Unfall, bei dem man gesehen hätte, ob das System funktioniert. Meiner Ansicht nach ist es aber um einiges unterdimensioniert und zu klein. Wenn das Eis seine Aufgabe nicht erfüllt, dann ist das Containment zu klein, um der Druckwelle zu widerstehen.

Nathaniel White Joyal: Und das macht sie so gefährlich.

Arnie Gundersen: Ja, das macht sie gefährlich. Es gibt einige, die im Besitz von TVA sind, und es gibt einige, die von Duke betrieben werden. Sie sind alle in diesem Teil des Landes.

Lou Zeller: Das stimmt, und es ist ein kompliziertes System, wie du soeben erklärt hast. 2000 Metallkörbe voll Eis, Klappen und Kanäle, die verstopfen, Absenkungen innerhalb dieser Strukturen, und was sonst noch, das Eis staut sich in verschiedenen Bauteilen … Dies wurde gemacht, um Kosten einzusparen, denn Beton und Stahl sind teuer in der Herstellung. Auf diese Art konnten die Reaktorgebäude, diese mit einem Kuppeldach versehenen Gebäude, wesentlich schwächer dimensioniert werden. Dadurch widerstehen sie aber nur der Hälfte des typischen Druckanstieges, zu dem es in einem denkbaren Unfallszenario kommen würde. Diese Angaben stammen übrigens von den Sandia National Laboratories. Diese haben schon vor Jahren einen Bericht über Eiskondensatoren angefertigt. Es gibt bei dieser Eiskondensator-Technik also ein fundamentales Problem. Du hast außerdem recht, zwei davon stehen in der Anlage von Catawba, die von Duke in South Carolina betrieben wird, zwei laufen im AKW McGuire, North Carolina, das ebenfalls zu Duke gehört, zwei laufen in der Anlage von Sequoyah, die im Ort Soddy-Daisy in Tennessee liegt, nördlich von Chattanooga, und dann ist noch ein weiterer in Watts Bar, und noch einer in Bau.

Arnie Gundersen: Nun, ganz offensichtlich gibt es Haftungsprobleme, was die Konstruktion von Watts Bar angeht. Aber darüber hinaus sprechen wir vom zweitschlechtesten Sicherheitsbehälter im ganzen Land. Im Grunde haben wir alle unsere Eier in einem Korb im Südosten, denn dort wuchert dieser Containmenttyp. Zwei sind dann noch im AKW D C Cook im Mittleren Westen, aber wie ich schon sagte: 7 von 9 – oder 8 von 10, je nachdem, ob man Watts Bar dazuzählt – findet man dort.

Was geht nun aber in Sequoyah vor sich, welche Probleme gibt es dort mit dem Eis-Sicherheitsbehälter?

Lou Zeller: Nun, vor ein paar Monaten hat die Blue Ridge Environmental Defense League einen Einspruch bei der NRC eingelegt, weil TVA ein Ansuchen um eine Erneuerung der Genehmigung für die Sequoyah Point Reaktoren beantragt hat. Wir haben also eine Reihe von sicherheitsrelevanten Fragen aufgezeigt, eine Reihe von umwelttechnischen Fragestellungen, die mit der Verlängerung der Reaktorlizenz um 20 Jahre über die geplante Laufzeit von 40 Jahren zu tun haben, das würde dann eine Laufzeit bis 2041 bedeuten. Lizenzerneuerungen sind sehr stark limitiert in den Punkten, die überhaupt in Betracht gezogen werden können, aber ich glaube, wir haben acht sehr starke Einwände, teilweise gestützt auf deine Expertengutachten, Arnie, und das Resultat steht noch aus. Es könnte diese Woche noch zu einer Vorsprache vor einem Berufungsgericht kommen, das ist also die Woche vom 26. Juni. Möglicherweise kommt es aber schlussendlich doch nicht dazu. Wir warten darauf, dass eine Entscheidung getroffen wird. Wir haben eine Rückantwort von TVA erhalten, wir haben eine Rückantwort von den Anwälten der NRC Belegschaft in Bezug auf unsere Argumentation erhalten. Aber ich hoffe, dass einige dieser Beweisführungen standhalten werden, denn es geht um Fragen, die für den Betrieb der Kernanlagen essentiell sind, deren Entwurf auf diesen Eiskondensatoren beruht. Dann gibt es aber noch weitere Sachverhalte, die meines Erachtens eine Zulassung zum Verfahren nahelegen, und Einwände, die bei einer Beeinspruchung akzeptiert werden sollten, angesichts von ähnlichen Gegebenheiten, mit denen wir uns bereits befasst haben.

Nathaniel White Joyal: Könnten wir noch ein wenig darüber reden, was wir in Hinblick auf Fragen der öffentlichen Gesundheit erwarten können?

Lou Zeller: Die neuen Konstruktionen sind gar nicht sicherer als die alten, sie sind einfach nur neu. Vielleicht gibt es ein paar Pumpen weniger oder ein paar Rohrleitungen, aber das Grundproblem, das, wie wir gesehen haben, in Fukushima zur Kernschmelze führte, oder in Tschernobyl, oder in Three Mile Island, wurde nicht gelöst. Die Gesetze der Atomphysik konnten nicht so weit geändert werden, dass diese Neuentwürfe nun sicherer wären. Tatsächlich wurden sogar ein paar fundamentale Probleme kreiert, die bei den früheren Reaktoren gar nicht bestanden, weil sie sich auf Dinge verlassen, auf die man sich meiner Meinung nach nicht verlassen sollte. Beispielsweise ist anzunehmen, dass die Schwerkraft zuverlässiger arbeitet als eine Elektropumpe, um einen Reaktor im Störfall mit Wasser zu versorgen. Wenn man das Wasser aber oberhalb des Reaktors positioniert – wir sprechen hier von 3.000 Tonnen Wasser direkt über dem Reaktor, der Reaktor seinerseits wiegt lediglich 400 Tonnen –, dann hat man ein gigantisches Gewicht im obersten Bereich des Kraftwerks. Wenn sie das Ventil öffnen, dann wird das Wasser der Schwerkraft folgend nach unten fließen. Diese Kraftwerke werden nun aber in Erdbebenzonen errichtet: South Carolina, Georgia, North Carolina und an anderen Orten. Diese Art der Gewichtsverteilung bewirkt eine inhärente Instabilität. Die NRC Experten haben auch Probleme mit der Struktur des Sicherheitsbehälters beim AP 1000 Reaktor festgestellt.

Zentrale Überlegungen betreffen auch die Auswirkungen auf die Umwelt. Die sehr allgemein gehaltenen Stellungnahmen zur Umweltverträglichkeit, die für eine weitere Betriebserlaubnis eingereicht werden, müssen erweitert werden. Mit Bestürzung stellen wir fest, dass es Individuen gibt, die von den Auswirkungen geringer Strahlung überproportional betroffen sind. Rund um den Reaktor von Sequoyah gibt es eine höhere Rate von Todesfällen und Erkrankungen, nur um ein Beispiel zu nennen. Wir schauen uns die Gesundheitsstatistiken dort sehr genau an und werden diese Untersuchungen fortsetzen.

Falls die Dämme stromaufwärts versagen, gibt es Probleme mit dem Hochwasserschutz bei Sequoyah. Es gibt Probleme mit der Langzeitlagerung von abgebrannten Brennelementen; die sogenannte Waste Confidence Decision sollte die Laufzeitverlängerungen allein aus diesem Grund aufheben. [Das Bundesberufungsgericht hat die derzeitigen Bestimmungen der NRC aufgehoben, denen zufolge die Neuproduktion bzw Lagerung von Atommüll in Bezug auf Betriebsgenehmigungsverfahren oder Laufzeitverlängerungsansuchen keine Rolle spiele, weil „zu einem geeigneten Zeitpunkt“ ein Endlager zur Verfügung stehen würde. Bevor weitere Genehmigungen ausgesprochen werden können, muss die NRC nun beweisen, dass der vorhandene / neu entstehende Atommüll sicher gelagert werden kann; AdÜ]. Wir sprechen über die mögliche Verwendung von Plutonium als Brennstoff; das ist wieder ein ganz anderes Thema, Sequoyah und TVA sind Teil eines Programms des Energieministeriums, in dem über die Verwertung von Plutonium nachgedacht wird, unter anderem, indem Plutonium von den genannten Anlagen als Kernbrennstoff genutzt werden soll (das sogenannte Draft Surplus Plutonium Disposition Supplemental Environmental Impact Statement); die endgültige Entscheidung in dieser Angelegenheit steht noch aus. Sequoyah ist einer der Reaktoren, die dieses waffenfähige Plutonium, mit Uran vermischt, als MOX-Brennelement einsetzen sollen – aber hier ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Plutoniumbrennstoff würde zu weiteren Risiken bei einem der problematischsten Reaktordesigns führen, das wir ja bereits beschrieben haben. Plutonium-Brennstoff würde zu einer verstärkten Versprödung führen; falls es zu einem Unfall oder einer Kernschmelze käme, würde eine größere Menge an Strahlung erzeugt, die Art der erzeugten Strahlung wäre gefährlicher, zB Actinoide, welche die Auswirkungen der freigesetzten radioaktiven Gifte auf die öffentliche Gesundheit verschlimmern würden. Ich habe schon von den veralteten Managementplänen gesprochen, den entscheidenden Komponenten wie dem Eiskondensator-Sicherheitsbehälter, der Fähigkeit, schweren Störfällen zu widerstehen – und dann ist da noch die unzureichende Abwicklung der Beschwerden von Aufdeckern innerhalb der Firma; TVA hat Altlasten in dieser Richtung, die Jahrzehnte zurückreichen: all dies sollte zu einer Ablehnung des Ansuchens um eine Laufzeitverlängerung für Sequoyah führen.

Einige dieser Überlegungen, zB die Angelegenheit mit dem Eiskondensator-Containment, gelten auch für die Anlage von Catawba in South Carolina, McGuire in North Carolina und auch Watts Bar.

Arnie Gundersen: Wenn wir uns die Firmenkultur bei TVA anschauen, dann gehören drei der sechs auffälligsten Reaktoren im Land zu TVA, soweit es um Aufdecker geht. Die Nummer 1 ist San Onofre, das bereits stillgelegt wurde. Rechnet man diese Anlage nicht mit, sind es 3 der 5 meistbetroffenen Anlagen im ganzen Land. Wir haben also ein Problem mit der Firmenkultur bei TVA auf der Ebene der Arbeitsbienen, und wir haben das ausgabefreudige Verhalten eines betrunkenen Matrosen im Vorstand von TVA, der noch mehr AKWs anstrebt, all das bei einer nicht funktionierenden Firmenkultur.

Lou Zeller: Dem muss ich zustimmen. Es ist eine schlimme Situation.

Ich wünschte nur, TVA würde auf die guten Engel hören und sich zurückbesinnen auf das, was es gut gemacht hat: Hochwasserkontrolle und alternative, nachhaltige Energiequellen – sie machen in dieser Hinsicht wenigstens ein paar Sachen, aber ich denke, sie sollten mehr in diese Richtung arbeiten. Das gilt natürlich für die Versorgungsbetriebe in privater Hand genauso, aber TVA könnte ein Zugpferd bei der Revolution durch die Erneuerbaren sein; ich wollte, sie würden einfach aufwachen und den Kaffee riechen …

Nathaniel White Joyal: Damit wollen wir diese Sendung beenden. Vielen Dank, Lou, dass du dabei warst! Arnie: es ist immer eine Freude, wenn du dabei bist, danke vielmals!

Arnie Gundersen: Ok, danke, Nat!

Lou Zeller: Schon gut. Ich danke euch beiden, es war sehr angenehm.

Nathaniel White Joyal: Dieser Podcast ist eine Produktion von Fairewinds Energy Education.

Übersetzung und Lektorat: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: TVA & Duke Ice Ratepayers, with Lou Zeller http://fairewinds.org/podcast/tva-duke-ice-ratepayers-with-lou-zeller
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt wer­den (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Juni 2013 / v1

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22. Mai 2013



Große Hast hinterlässt eine schwere Last

Die Anlage von Hanford,
Geburtsort des Spaltmaterials für Atombomben

Mit Bob Alvarez


K.H.: Es ist Mittwoch, der 22. Mai 2013, und dies ist der Energy Education Podcast. Ich bin K.H.. Heute sprechen wir über ein radioaktives Leck anderer Art. Die Anlage von Hanford im Bundesstaat Washington war über Jahrzehnte hinweg eine Anlage zur Herstellung von spaltbarem Material. Sie wurde im Jahr 1943 als Teil des Manhattan Project eingerichtet. Dort wurde das Plutonium erzeugt, das für die Atombombe von Nagasaki verwendet wurde. Die Anlage von Hanford breitete sich immer mehr aus, bis schließlich neun Atomreaktoren und fünf Anlagen zur Plutoniumaufbereitung auf dem Gelände standen. Bis heute ist das allermeiste des bei der Aufbereitung angefallenen hochradioaktiven Strahlenmülls auf diesem Gebiet gelagert. Heute ist Bob Alvarez bei uns, um den Zustand dieser Einrichtungen zu besprechen.

Herr Alvarez ist ein früherer Regierungsberater des Ministers und seines Stellvertreters für Nationale Sicherheit und Umweltschutz. Heute ist er Mitglied des Institute for Policy Studies (eine in Washington angesiedelte Denkfabrik; AdÜ). Seine Schwerpunkte sind Abrüstung, Umweltbereich und die Energieversorgung.

K.H.: Bob, willkommen bei der Sendung!

Bob Alvarez: Danke für die Einladung!

K.H.: Und Arnie, herzlich willkommen!

Arnie Gundersen: Hallo! Schön, mit einem alten Freund dabei zu sein!

K.H.: Ich wollte es gerade sagen, Arnie Gundersen und Bob Alvarez verbindet eine alte Freundschaft. Kannst du uns mehr darüber sagen?

Arnie Gundersen: Ja. Ich habe Bob im Jahr 1993 kennen gelernt, als meine Aussagen als Aufdecker zu einer Anhörung im Kongress geführt haben. Der Vorsitzende dieser Anhörung war John Glenn im Rahmen einer Sitzung des House Committee on Oversight and Government Reform (ständig tagender Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses; AdÜ). Bob gehörte zum Stab dieses Ausschusses und ich erinnere mich an unser erstes Treffen in den Räumlichkeiten des Kongressgebäudes. Unsere Bekanntschaft besteht nun also bereits seit 20 Jahren.

K.H.: Bob, woran kannst du dich in Bezug auf das erste Treffen mit Arnie erinnern?

Bob Alvarez: Nun, einer meiner Aufgabenbereiche bestand darin, Nachforschungen bezüglich der Aufsichtspflicht der NRC (Nuclear Regulatory Commission) und des Atomprogamms des Bundes anzustellen. Im Zuge der Untersuchung jener Probleme, die Arnie in der kommerziellen Nutzung der Atomkraft aufgedeckt hatte, habe ich Arnie dann kennen gelernt.

K.H.: Die Anlage von Hanford aber hat nichts mit Stromerzeugung zu tun; die neun Reaktoren lieferten Plutonium für Atombomben. Aber das sind Nachrichten von gestern. Was sind nun die Neuigkeiten?

Bob Alvarez: Es wurde verkündet, dass es dort mehrere Tanks gibt, die undicht geworden sind; manche lecken schon seit Jahren. Es gibt hinsichtlich dieser Tanks eine lange Geschichte von Vertuschungen. In den späten 1980er Jahren, als ich für Senator Glenn in einem Regierungsausschuss gearbeitet habe, waren wir die Ersten, die die zuständigen Stellen gezwungen haben, das Ausmaß dieser Undichtigkeiten in den Tanks von Hanford offenzulegen. Es stellte sich heraus, dass mehr als 3.700 m3 bereits ausgeflossen waren, ungefähr ein Drittel der Tanks war undicht. Sie haben dieses Problem etwas gelindert, indem so viel Flüssigkeit wie möglich den Tanks entnommen wurde – zurück blieben die Salze.

Die Tanks, die bislang standgehalten haben, beginnen nun aber wieder undicht zu werden. Es wurde auch eine zweite Tankgeneration errichtet; diese sind doppelwandig, besitzen also eine doppelte Stahlhülle – aber sind dabei, Lecks zu entwickeln.

K.H.: Arnie, kannst du uns einen kurzen historischen Überblick geben, was in Hanford so vor sich gegangen ist?

Arnie Gundersen: Der Ursprung der Anlage von Hanford ist das Manhattan Project. Sie wurde in den frühen 1940ern entworfen und gebaut, um Plutonium für Atombomben herzustellen. In dieser Anlage gab es bis zu neun Reaktoren und im Brennstoff dieser Reaktoren entstand das Plutonium. Für den Bombenbau ist das aber nicht geeignet: man muss dieses Plutonium mit chemischen Methoden herauslösen. Die Reaktoren von Hanford erzeugten also die aktivierten Brennstäbe, anschließend wurden diese Brennstäbe chemisch behandelt, um die Bomben herstellen zu können.

K.H.: Diese abgebrannten Brennstäbe bestanden also aus Plutonium und einer Reihe anderer Isotope, die dann aufbereitet wurden …

Bob Alvarez: In Bezug auf radioaktive Elemente besteht zirka 1% dieser Brennstäbe aus Plutonium – damit sind Gewichtsprozente gemeint. Sie haben diese aktivierten Brennelemente also in diesen chemischen Aufarbeitungsanlagen in Salpetersäure aufgelöst und dann mit Hilfe von Lösemitteln das Uran und das Plutonium abgetrennt. Zurück blieb all dieses Abwasser, das größtenteils in die 177 Tanks geleitet wurde. Es handelt sich dabei um hochradioaktiven Atommüll.

K.H.: Woraus besteht dieser Atommüll?

Bob Alvarez: Nun, alle Elemente des Periodensystems sind in diesem Atommüll zu finden. Diese Rückstände ergeben ungefähr 200.000 m3. Ihre Aktivität beträgt zirka 194 Millionen Curie. Dieser radioaktive Schlamm in den Tanks enthält eine bis eineinhalb Tonnen Plutonium.

Arnie Gundersen: Nach dem Herausfiltern des Plutoniums bestand also Plan A darin, dass diese flüssige Schmiere in Tanks eingeleitet wurde, Plan B, bessere Tanks zu installieren – doppelwandige Tanks. Plan C besteht darin, dort eine Anlage aufzubauen – diese ist bereits Jahre über dem Zeitplan –, um den Inhalt dieser Tanks zu verglasen.

Bob Alvarez: So ist es.

Arnie Gundersen: Als Plan A erdacht wurde, gab es keinen Plan, wie man letztendlich mit all diesem Zeug verfahren sollte – man wollte es einfach in die Wüste kippen.

Bob Alvarez: An das Leeren der Tanks und die weitere Behandlung dieser Rückstände wurde nie gedacht. Diese Rückstände entstanden zum Teil noch während des Krieges, als man in größter Eile die ersten Atomwaffen herstellen wollte. Bereits ein Jahr, nachdem die erste sich selbst am Laufen erhaltende Kettenreaktion im Dezember 1942 an der Universität von Chicago in Gang gebracht worden war, hat man diese Anlage in großindustriellem Maßstab errichtet. Als sie begannen, das Plutonium aus den aktivierten Brennelementen herauszulösen, erhielten sie als Rückstand eine Säure. Säuren kann man nur in Tanks aus rostfreiem Stahl lagern. Da aber auf Grund des Krieges Mangel an rostfreiem Stahl herrschte, traf der Dupont Konzern, der mit dem Betrieb dieser weltweit ersten Reaktoren und Aufbereitungsanlagen betraut worden war, die Entscheidung, diese Rückstände mit Natronlauge und Wasser zu vermischen, um die Säure zu neutralisieren und dann für die Tanks einfachen Stahl einzusetzen. Zum damaligen Zeitpunkt dachte niemand daran, was das für Folgen haben würde, wenn man das Zeug wieder aus diesen Tanks herausholen will: zum Ersten wurde dadurch die Menge stark erhöht, dadurch hat sich dieser Schlamm am Boden abgesetzt, der sich daraufhin durch die Zerfallsprodukte aufheizte, was wiederum zu Rissen in den Tankböden führte, die daraufhin undicht wurden. Es wurde kein Gedanke an die Entfernung dieser Rückstände verschwendet und daran, was dafür notwendig sein könnte, noch weniger, wie man sie so weit stabilisieren könnte, dass man sie über lange Zeit in einem geologischen Endlager unterbringen kann.

Arnie Gundersen: Im AKW Perry (Ohio) wurde gerade im vergangenen Monat ein Goldfisch in einem Wasserkübel in einem Stollen einer der Hauptdampfleitungen entdeckt. Wenn dieser Goldfisch stattdessen in einen dieser Tanks geworfen worden wäre, was wäre dann mit ihm passiert?

Bob Alvarez: Er würde sofort sterben. Die Dosis, die einige dieser Tanks abgeben, ist in der Größenordnung von 100 Sievert pro Stunde.

Arnie Gundersen: Und 10 Sievert würden einen Menschen in einer Stunde umbringen. Das ist also eine 10-fach tödliche Dosis.

K.H.: Bob, wir haben des Öfteren über die Tanks für radioaktiv verseuchtes Wasser in Fukushima gesprochen. Wie würdest du die Radioaktivität vergleichen?

Bob Alvarez: Die Strahlung in den Tanks für hochradioaktives Material ist sehr viel höher. Diese Rückstände stammen ja von chemisch aufgelösten aktivierten Brennelementen; das Abwasser in Fukushima stammt hauptsächlich daher, dass Meerwasser über die Reaktorkerne gepumpt wird, die ja immer noch labil sind. Danach wird dieses Wasser durch Filterbatterien geleitet, Zeolithfilter und Ionenaustauschharze und kommt schließlich in die sogenannten Tanks, die aber in Wirklichkeit, wie ich vor Kurzem erfahren habe, nichts als dürftig verkleidete Erdgruben sind. Die Radioaktivität im Wasser, das in erster Linie zur Kühlung der Reaktorkerne von Fukushima dient, ist sehr viel stärker verdünnt als der hochradioaktive Abfall, der sich in Hanford befindet.

Arnie Gundersen: Das Problem in Hanford besteht darin, dass man mehr als 100 undichte Tanks hat. Es ist aber nicht so, dass es sich hier um eine Wüste handelt, mitten im Nichts. Einerseits ist da das Grundwasser und dann auch noch der Columbia River, dessen Verlauf relativ nahe an diesen Tanks vorbeiführt.

Bob Alvarez: Richtig. Der Columbia River fließt durch das Gebiet von Hanford. Die Tanks sind ca 15 km weit entfernt. 69 dieser Tanks, wenn ich mich recht erinnere, sind undicht, die radioaktiven Abwässer, 3,5 Millionen Liter, sind 60 Meter in Richtung des Grundwassers vorgestoßen, das mit dem Columbia River kommuniziert.

Arnie Gundersen: Wurde also bereits Radioaktivität im Columbia River festgestellt?

Bob Alvarez: Das ist mir bislang nicht bekannt. Radioaktivität wurde aber sehr wohl im Grundwasser gefunden, das sie zum Columbia River transportiert. Dieses Problem wird über einen größeren Zeitraum bestehen bleiben. Was sich anbahnt ist die Gefahr, dass das der Anlage zugewandte Ufer, der letzte Teil des unverbauten Columbia, der durch die Anlage fließt, vielleicht in weniger als 1.000 Jahren unbewohnbar wird.

K.H.: Und es handelt sich hier, wie du bereits gesagt hast, um hochradioaktiven Atommüll.

Bob Alvarez: Richtig. Dabei handelt es sich um Atommüll, der dafür bestimmt ist, in ein Endlager gebracht zu werden, damit er nicht in die Biosphäre gelangen kann – für Zehntausende von Jahren.

Arnie Gundersen: Das Energieministerium (DoE, Department of Energy; AdÜ) baut nun in der Anlage ein Werk, mit dem man den Inhalt dieser Tanks verglasen will. Soweit ich das verstanden habe, gibt es eine ganze Reihe von Problemen. In den Tanks gibt es verschiedene chemische Mischungen. Welchen Prozess auch immer man zur Verglasung des Inhaltes eines Tanks entwirft, diese Methode wird beim nächsten schon wieder nicht funktionieren. Ein anderes Problem besteht darin, dass all diese Verfahren noch nie ausprobiert worden sind. Wir haben also dieses riesige Chemiewerk da draußen, das ein einziges Experiment in Sachen hochradioaktivem Abfall darstellt.

Bob Alvarez: Die Abfälle sind nur unzureichend beschrieben – du hast also recht, wenn man keine gute Vorstellung vom chemischen Aufbau dieser Rückstände hat und man probiert diese in geschmolzenem Glas einzuschließen – einer ganz spezifischen Art von geschmolzenem Glas –, muss man mit den Verunreinigungen sehr sorgfältig umgehen. Andernfalls kann es in diesen Verglasungswerken zu ziemlich schwerwiegenden Unfällen kommen.

K.H.: Bob, warum sind gerade diese Rückstände eine so große Herausforderung?

Bob Alvarez: Diese Abfälle sind auch sehr heikel, wenn man sie transportieren will. Man muss einmal Wasser einleiten, wenn man sie abpumpen will, denn zurzeit haben wir es mit Salzen zu tun. Wenn man aber diese Rückstände mit Wasser vermengt, so kommt es in einem Vorgang, der als Radiolyse bezeichnet wird, zur Wasserstoffbildung. Man erzeugt also Wasserstoff und andere explosive Gase. Diese Rückstände enthalten auch Gase, die als Oxidatoren bezeichnet werden, wie zB Distickstoffmonoxid (Lachgas). Dieses verringert die Zündtemperatur und führt dadurch zu einer erhöhten Explosions- und Feuergefahr. Während des ganzen Ablaufs der Entsorgung in einem radiochemischen Prozess – damit diese Rückstände schließlich in dem Glas eingeschmolzen werden können – muss man sich bei jedem Arbeitsschritt um diese entzündlichen oder explosiven Gase kümmern.

Bei diesen Tanks kam es bereits zu Dampfexplosionen, zur Entwicklung von Überdruck einschließlich der Bildung von großen Mengen an Wasserstoff im Deckenbereich und anderen Vorkommnissen, wie wir bereits vor 20 Jahren herausgefunden haben. Die Tanks selbst sind also ein Sicherheitsrisiko.

Dennoch, eine Verglasungsanlage ist kein Reaktor. Sie ist nicht von einem dicken Beton- und Stahlschild umgeben wie ein Reaktorgefäß, der als Barriere ein Entweichen von radioaktivem Material während eines Störfalles verhindern soll. Eine Verglasungsanlage ohne gesondertes Containment hat an die 700 Filter, wobei in ihrem Inneren große Mengen, Millionen von Curie, an Radioaktivität in einzelnen Partien verarbeitet werden. Wenn man bestimmte Verunreinigungen nicht aus dem Atommüll entfernt, wie zB Chrom, Aluminium, Sulfate … Wenn diese Dinge in den Schmelzofen gelangen, so können Separationsprozesse und Dampfexplosionen auftreten, wodurch es zu einer katastrophalen Freisetzung von Radioaktivität kommen kann, welche die Aufsichtsbehörde NRC selbst als genauso schlimm wie einen Unfall in einem Atomreaktor einschätzt.

Arnie Gundersen: Wir haben also die Wahl zwischen Scylla und Charybdis. Lassen wir das Zeug in den Tanks, dann frisst es sich durch diese durch und landet im Columbia River. Wenn man aber versucht, es zu verglasen – ein technischer Begriff, der bedeutet, dass man diesen flüssigen Dreck in feste Pellets verwandelt, die dann in ein Endlager verfrachtet werden können –, wenn man das versucht, riskiert man eine Explosion, die mit einer Kernschmelze in einem Atomreaktor vergleichbar ist.

Bob Alvarez: Das Problem besteht auch darin, dass man hier versucht, möglichst rasch eine Anlage gleichzeitig zu entwerfen und zu errichten, für die es kein Vorbild gibt, deren Abläufe und Materialien nicht erprobt sind; wir verstehen von alledem noch viel zu wenig.

Es gibt auch ein Problem mit der Starrheit der Entscheidungen, wie man mit dem Projekt fortfahren soll. Der Glastyp etwa, für den sich die USA entschieden hat – Borosilikatglas – verlangt diese sorgsame Vorbehandlung. Wie ich schon gesagt habe: Es müssen Unreinheiten entfernt werden oder es kommt zu neuerlichen Schwierigkeiten bei diesem Verfahren.

K.H.: Gibt es irgendwo jemanden, der hier anders vorgeht? Gibt es etwas anderes, was wir probieren könnten?

Bob Alvarez: In Russland wurden bereits große Mengen vergleichbaren Atommülls verglast. Dabei kam ein Glastyp zum Einsatz, der viel weniger Vorarbeiten benötigt; es handelt sich dabei um Sodium- bzw Eisenphosphatglas, das sich in Bezug auf Verunreinigungen viel toleranter verhält. Aber es wurde nicht hier erfunden, genauer gesagt: man hat bei der Anlage von Hanford gar nicht daran gedacht. Es gibt einen heftigen Widerstand gegen alternative Technologien.

K.H.: Bob, wenn man dieses Vorhaben in deine Hände legen würde, wie würdest du es angehen?

Bob Alvarez: Nun, zuerst einmal müssen wir uns dessen bewusst werden, dass es sich hier um das größte, teuerste und möglicherweise auch das für die Umwelt gefährlichste Vorhaben im Atomsektor handelt, das von den USA jemals angegangen wurde. Wenn man sich die erwarteten Kosten für die gesamte Betriebsdauer dieses Projektes ansieht, geht es hier um eine Summe von ca 110 Milliarden $, 20% davon als Ausgaben für den Bau der Anlage, der Rest fällt während ihres Betriebs an. Diese Anlage müsste für viele Jahrzehnte klaglos funktionieren, um die Rückstände [aus den Tanks] zu entfernen und danach in einen dauerhaft stabilen Zustand zu bringen. Zurzeit behandelt man dieses Projekt quasi als eine ziemlich undurchsichtige Nebensächlichkeit, obwohl es ein Projekt von nationalem Interesse sein sollte, dem man gebührend Aufmerksamkeit zollt.

Ein Problem liegt daran, dass es in Bezug auf die Sicherheit keine unabhängige Oberaufsicht bei dieser Unternehmung gibt. Als dieses Vorhaben im zweiten oder dritten Anlauf 1996 schließlich ins Rollen kam, war ich noch im Energieministerium (DoE) tätig. Wir haben die NRC eingeschaltet, mit dem Ziel, dass sie diese Anlage lizensiert. Es wurden 75 Leute von der NRC mit dieser Sache betraut, die eine ganz andere Herangehensweise in das Projekt hineingetragen haben. Ich weiß, dass es eine ganze Reihe von Bedenken und Streitfragen im Zusammenhang mit der NRC gibt, wenn die Betreiber von AKWs und die Verflechtungen mit diesen das Thema sind.

In dieser Angelegenheit hatte die NRC aber kein eigenes Eisen im Feuer. Sie haben einigen ihrer besten Leute diese Aufgabe übertragen und begonnen, ein Regelwerk zu erstellen, das um Lichtjahre weiter fortgeschritten ist als alles, was aus dem Ministerium kommt. Die NRC entwickelt Sicherheitsauflagen, indem Standards vorgegeben werden, die auf einem ziemlich nachvollziehbaren Weg eingerichtet werden, entsprechend den nationalen Richtlinien für die Erstellung von Vorschriften (Administratice Procedure Act). Diese Vorschriften sind bindend.

Das Energieministerium aber behandelt Sicherheitsauflagen wie Vertragsklauseln, die ohne die Notwendigkeit, Dritte zu informieren, abgeändert werden können.

K.H.: Wenn ich das also richtig verstehe, dann wird dieser Atommüll mit Hilfe spezieller Glasmischungen verfestigt; das heißt, die Rückstände werden nicht in irgendwelche Behälter abgefüllt, sondern sie werden direkt mit dem Glas vermischt, wodurch ein fester Glaskörper entsteht, der von Robotern ohne Probleme manipuliert werden kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass diese Art der Konservierung nur für 100 Jahre stabil bleibt. Kannst du uns dazu etwas sagen?

Bob Alvarez: Ich glaube, dass alle Aussagen über die Haltbarkeit dieser Glasblöcke rein theoretischer Natur sind. Ich fürchte aber, dass folgendes passiert ist: Irgendwann in den frühen 70ern wurde die Entscheidung getroffen, diese spezielle Technik einzusetzen – damit war jegliches weitere Nachdenken über dieses Thema beendet. Aber diese Katze ist sozusagen immer noch im Sack, es wird sich erst zeigen, ob diese Entscheidung die richtige war.

Ein anderes Problem besteht darin, dass versucht wird, die Anzahl der Glasblöcke, die ins Endlager verbracht werden müssen, möglichst gering zu halten. Es geht hier ja um ein gewaltiges Volumen an Rückständen, die verarbeitet werden müssen.

Der Plan ist also folgender: Prinzipiell liegt dieser Atommüll in zwei Qualitäten vor. Es handelt sich entweder um lösliche oder unlösliche Rückstände. Unlöslich ist im Großen und Ganzen dieser Schlamm am Boden der Tanks, der über 90% der Schwermetalle wie Plutonium, 90Strontium und so weiter enthält. Die flüssigen Überreste und die löslichen Salzkrusten, die sich darüber befinden, enthalten 90% der höchstradioaktiven Elemente wie zB 137Cäsium. Derzeit sieht der Plan vor, lösliche und unlösliche Stoffe zu trennen, die Salze also irgendwie vorzubehandeln, damit so viel Cäsium wie nur möglich abgetrennt werden kann. Der Überrest soll dann verglast im Gebiet von Hanford verbuddelt werden. Das Cäsium aber soll mit dem restlichen hochradioaktiven Müll verarbeitet werden, also zusammen mit diesem Schlamm verglast werden. Dies ist aber schwieriger durchzuführen, als man ursprünglich gedacht hatte, denn dafür ist eine große Zahl an Vorbehandlungsschritten notwendig. Das große technologische Problem bei diesem Ansatz ist aber, dass man prinzipiell am ursprünglichen Entwurf der Anlage festhält, wie er damals von British Nuclear Fuels konzipiert wurde. Dieser Entwurf enthält sogenannte „black cells“ (schwarze Zellen). Dabei handelt es sich um hermetisch versiegelte Anlagenbauteile – sobald sie in Betrieb sind, kann sie niemand mehr betreten. Sollte dort nun irgendetwas schief laufen, wäre damit die Durchführbarkeit des gesamten Ablaufs in Frage gestellt.

K.H.: Diese Methode der Verglasung ist eine Idee, die bereits 35 Jahre existiert. Kannst du mir sagen, welche Erfahrungen man bisher damit gemacht hat?

Bob Alvarez: Sie haben diese Form der Verglasung seit West Valley genutzt, es war eine erste Testanlage, und es ging damals um den hochradioaktiven Inhalt eines Tanks. Es konnten damit Glasblöcke hergestellt werden. Auch die Anlage von Savannah River in South Carolina betreibt eine Verglasungsanlage, aber es gab große Probleme bei der Behandlung von 80 bis 90% des Volumens der löslichen Rückstände. Dieser Teil der Verglasungsanlage liegt bereits 20 bis 25 Jahre hinter der Planung zurück, die Kosten dafür sind explodiert.

K.H.: Bob, würdest du nun also sagen, dass diese Methode genügend ausgereift ist, um einsatzfähig zu sein?

Bob Alvarez: Ich glaube, das steht noch nicht fest. Es wird behauptet, dass diese Technik für lange Zeiträume geeignet ist – ich glaube, das ist noch nicht bewiesen.

Meiner Meinung nach ist dieses Problem sehr ähnlich jenem, das wir bei den abgebrannten Brennstäben in der Stromerzeugung haben. Wir tun so, als würden wir den Abfall beseitigen – wichtiger wäre es, eine sichere Endlagerung zuwege zu bringen. Wir sollten darüber nachdenken, Zusatztanks in Hanford einzurichten und eine wesentlich verantwortungsvollere Lagerstrategie für diese Rückstände zu erarbeiten, denn die Technik für die Endlagerung braucht noch viel mehr Zeit und Geld, bis bewiesen ist, dass sie auch funktioniert. Ich glaube weiters, dass wir uns auch alternative Methoden anschauen sollten, die in Pilotprojekten ausgetestet werden sollten. Es kann sein, dass wir auf diese Weise mehr Zeit brauchen. Aber selbst damals, als wir im Zweiten Weltkrieg Atomwaffen gebaut haben, haben wir Testanlagen aufgebaut. Wir sind nicht von den Haufenreaktoren in Chicago direkt zu den gigantischen Anlagen in Hanford gekommen – in Oak Ridge zB wurden Pilotanlagen gebaut, bevor dann in Hanford weitergemacht wurde. Diese Lektion scheint vergessen zu sein. Es gibt diese Hast, diese Großanlagen ohne jedweden Beweis ihrer Tauglichkeit zu errichten, ich nenne das den „Auf die Plätze, fertig, los“-Ansatz in Bezug auf Entwurf und Sicherheit. Es gab großen Druck hinsichtlich der Notwendigkeit, diese Rückstände zu stabilisieren, aber es wird weitgehend übersehen, dass diese Tanks nun schon Jahrzehnte alt sind, die meisten von ihnen wurden in den 40ern bis in die 60er gebaut, ein Drittel von ihnen ist undicht, ihr Zustand – was die Statik angeht – lässt viel zu wünschen übrig. Bis es so weit ist, dass wir diese Rückstände aus ihnen entfernen können, um sie anschließend zu stabilisieren, könnten diese Tanks in einem Zustand sein, in dem sie jeden Moment zusammenbrechen. Es existiert hier also eine eklatante Diskrepanz zwischen der Frage einer sicheren Verwahrung und der Endlagerung. Es gibt die irrige Annahme – und ich glaube, die Leute betrügen sich hier selbst –, dass die Endlagerung unmittelbar bevorsteht. Dem ist aber nicht so.

Ich möchte auch noch erwähnen, dass es äußerst wichtig ist zu verstehen, warum wir, wenn wir von hochradioaktivem Atommüll sprechen, damit unterirdische Endlager meinen. Es ist nicht nur diese besondere Qualität hoher Radioaktivität, die für hunderte Jahre bestehen bleibt, sondern es geht auch um die Giftigkeit von Stoffen wie Plutonium. Während in Hanford all dieses Plutonium produziert wurde, wurde gleichzeitig bis zu einer Tonne an Plutonium einfach vor Ort vergraben. Soweit ich informiert bin, hat die Regierung keine Pläne, dieses Plutonium sicherzustellen. Das bedeutet – wenigstens einigen Analysen zufolge –, dass das nahe gelegene Ufer des Columbia River innerhalb von 1.000 Jahren wohl unbewohnbar sein wird.

Was ich damit sagen will: in Hanford sind wir mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Die hochradioaktiven Stoffe sind möglicherweise das gefährlichste Unterfangen. Aber dann ist da noch die Herausforderung, große Mengen des radiotoxischen Plutoniums zu entfernen, das irgendwann bis zum Columbia River vordringen wird.

Arnie Gundersen: Meiner Ansicht nach hat der Kongress dieser Angelegenheit in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt haben wir in Senator Wyden jemanden, der sich dieser Sache endlich annimmt. Gibt es irgendetwas, das unsere Hörer machen können, um den Kongress zu überzeugen, dass es hier um ein wichtiges Problem geht?

Bob Alvarez: Es muss klar werden, dass es sich hier um eine Angelegenheit von gesamtstaatlicher Bedeutung handelt. Es geht hier um eines der bedeutendsten Binnengewässer der USA, den Columbia River.

Als ich für das Energieministerium gearbeitet habe, musste ich oft nach Hanford, und ich fragte dann die Leute dort: „Warum seid ihr hier?“ Es hat eine Zeit lang gedauert, bis sie verstanden haben, dass sie dort sind, um den Columbia River zu schützen, und das ist eine Angelegenheit von gesamtstaatlicher Bedeutung. Wenn die Leute die Ressourcen in diesem Land zu schätzen wissen, jenseits ihres eigenen Hinterhofs, dann sollten sie anfangen, solche Anlagen wie Hanford ernst zu nehmen. Das System des Energieministeriums ist, was Sicherheitsrichtlinien betrifft, zusammengebrochen. Dieses Ministerium plant gerade, eine Tonne konzentrierten Spaltmaterials in Form von 233Uran und 235Uran in Nevada in einer seichten Grube zu verbuddeln, da es nicht das Geld dafür ausgeben will, dieses Zeug so weit zu stabilisieren, dass es endlager-tauglich wird.

Wenn es dem Ministerium weiterhin offensteht, die Zielvorgaben so weit zu verschieben, dann muss man sich über die Vernachlässigung der Tanks mit hochradioaktiven Stoffen in Hanford nicht mehr wundern. Sie reden bei der Ablagerung von großen Mengen an Plutonium in unserer Umwelt beschönigend von einer „Ablagerung vor Ort“.

K.H.: Ich kann nun verstehen, warum du und Arnie alte Freunde sind: beide habt ihr keine guten Nachrichten.

Ich hoffe, dass du auch in Zukunft wieder bei uns in der Sendung bist, um uns über die neuesten Entwicklungen in Hanford zu unterrichten.

Bob Alvarez: Gerne.

K.H.: Danke für eure Mitwirkung!

Bob Alvarez: Danke dir!

K.H.: Arnie, danke für deine Mitwirkung.

Arnie Gundersen: Danke!

K.H.: Und so sind wir am Ende der dieswöchigen Sendung angelangt. Sie können uns in einer Woche und jede Woche wieder mit weiteren technischen Erörterungen und neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft hören. Besuchen Sie uns auch auf Facebook und begleiten Sie uns auf Twitter. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie K.H.. Danke für Ihre Auf­merksamkeit.

Übersetzung und Lektorat: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: Great Haste Made Great Waste at Hanford   http://fairewinds.org/podcast/great-haste-made-great-waste-at-hanford
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt wer­den (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at    Mai 2013 / v2c

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1. Mai 2013



Strahlenverseuchung kennt keine Grenzen

Diesmal zu Gast: Dr Gordon Edwards

K.H.: Es ist Mittwoch, der 1. Mai 2013, und dies ist der Energy Education Podcast. Ich bin Kevin. Heute nehmen wir die kanadischen Deuterium-Uran-Reaktoren einmal genauer unter die Lupe. Unter dem Namen CANDU Reaktoren bekannt, sind diese alternden Anlagen auf der kanadischen Seite der Großen Seen aufgereiht. Obwohl sie ganz anders funktionieren als US-amerikanische Reaktoren, teilen sie mit diesen eine entscheidende Schwachstelle: Wir wissen von Fukushima Daiichi, dass bei einem Atomunfall Wasser in ungeheuerlichen Mengen verseucht werden kann. Die Kernschmelzen in Japan hatten die Freisetzung einer gewaltigen Strahlendosis in den Pazifischen Ozean zur Folge. Heute wollen wir besprechen, wie so ein Unfall an den Großen Seen aussehen könnte. Wie könnte ein See, der sehr viel kleiner ist als ein Ozean, eine vergleichbare Freisetzung überstehen?

Um mit uns zu diskutieren, ist heute Dr Gordon Edwards hier. Dr Edwards ist der Vorsitzen­de des Kanadischen Bundes zur Überwachung der Atomindustrie [Canadian Coalition for Nuclear Resonsibility, CCNR]. Er und Arnie Gundersen sind bei uns, um uns die Situation mit unserm nördli­chen Nachbarn verstehen zu helfen. Dr Edwards, danke, dass Sie heute bei uns sind!

Dr Gordon Edwards: Mit Vergnügen!

K.H.: Und natürlich Arnie Gundersen; danke, dass du wieder dabei bist.

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin! Hallo!

K.H.: Heute wollen wir also über kanadische Reaktoren sprechen. Warum ist es für amerikanische Bürger wichtig, über diese kanadischen Reaktoren Bescheid zu wissen?

Dr Gordon Edwards: Nun, im Großen und Ganzen befinden sich die kanadischen Reaktoren am Ufer der Großen Seen [genau gesagt sind es 18 der 19 zurzeit noch in Betrieb befindlichen Re­aktoren. Die eine Ausnahme ist Point Lepreau am Atlantik; AdÜ].

Quelle: Wikipedia

Die Großen Seen betreffen Kanada und die USA gleichermaßen; 40 Millionen Menschen beziehen ihr Trinkwasser aus den großen Seen. Wie wir aber in Fukushima gesehen haben, kann ein schwe­rer Atomunfall riesige Mengen von verseuchtem Wasser in das angrenzende Gewässer spülen – in unserem Fall wären das dann die Großen Seen.

K.H.: Gordon, was sind nun die Unterschiede zwischen den US-amerikanischen und den kanadischen Reaktoren?

Dr Gordon Edwards: Also grundsätzlich sind alle Reaktoren dahingehend gleich, dass sie gleichzeitig Energie und radioaktiven Atommüll produzieren. Dieser Atommüll produziert Wärme, selbst wenn der Reaktor bereits „heruntergefahren“ ist. Auch Jahre nach der Stilllegung hat man noch das Problem, dass die erzeugte Wärme abgeführt werden muss, sonst kommt es zu Proble­men. In dieser Hinsicht sind die kanadischen Reaktoren also ebenso riskant wie die amerikani­schen.

Es gibt aber auch einen Unterschied: Kommt es bei einem kanadischen Reaktor zu einem Kühlmittelverluststörfall (LOCA: loss of cooling accident; AdÜ) – durch einen Rohrbruch etwa, bei dem das Kühlwasser ausläuft – in den USA würde beim Eintreten so eines Störfalles die Leistung des Reaktors sinken, im kanadischen Fall aber steigt die Leistung bei Verlust der Kühlung. Wir ha­ben folglich in dieser Hinsicht eine besonders empfindliche Technik.

Arnie Gundersen: Es gibt dafür einen ziemlich extravaganten Fachausdruck: den positiven Dampfblasenkoeffizienten. Wenn man den Effekt am Beispiel eines Autos verdeutlichen wollte, dann ist es so, als ob beim Betätigen der Bremse das Gaspedal bis aufs Bodenblech durchdrücken würde – das ist natürlich nicht die Art, wie wir normalerweise fahren.

Damals in den 1950ern gab es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Reaktorentwürfen. Die Kanadier hatten keine Möglichkeit zur [Uran-]Anreicherung – sie haben keine Bomben gebaut. Sie haben also ein System entwickelt, das kein angereichertes Uran benötigt, welches sie CANDU nannten. Dieses läuft mit Natururan. Wenn man aber Natururan verwendet, braucht man schwe­res Wasser, also Wasserstoffatome mit zwei Neutronen und einem Elektron, Deuterium genannt [Arnie beschreibt Tritium, meint aber Deuterium: dieses hat aber nur ein Neutron im Kern; AdÜ]. Das wiederum macht ständiges Nachladen notwendig, denn der Anteil von spaltbarem Uran im Brennstoff ist winzig. Bei den kanadischen Reaktoren werden die Brennstäbe seitlich eingescho­ben, in den amerikanischen von oben. Die kanadischen Reaktoren müssen stets nachgeladen wer­den – nicht, weil man das so haben wollte, sondern weil es so sein muss, denn ohne Anreicherung wird das verfügbare [spaltbare] Uran schnell verbraucht.

Die Inder aber fanden das großartig, denn es ist eine ausgezeichnete Methode, um Plutoni­um herzustellen. Die ersten indischen Atombomben wurden mit Hilfe eines CANDU-Reaktors er­zeugt.

K.H.: Du sagst, sie verwenden Natururan statt angereichertem Uran?

Arnie Gundersen: Ja. Natururan hat 7 Teile pro 1000 an spaltbarem 235Uran. Die amerikani­schen Reaktoren laufen mit angereichertem Uran, in dem ca 50 Teile 235Uran pro 1000 zur Verfü­gung stehen. Das erlaubt es den amerikanischen Reaktoren, wesentlich länger zu laufen, bevor man wieder frischen Brennstoff laden muss. In den kanadischen Reaktoren werden diese 7 Atome ziemlich rasch verbrannt, daher müssen andauernd verbrauchte Brennstoffelemente entfernt und durch frische ersetzt werden.

Das erzwingt einen veritablen Irrgarten von Rohrleitungen. An den Seiten ihrer Reaktoren ist eine unglaubliche Anzahl von Rohrleitungen, Druckrohrleitungen. Sie alle altern.

Fairewinds hat soeben einen Report für Durham Nuclear Awareness fertiggestellt. [DNA ist eine Bürgerinitiative in der Gemeinde Durham, östlich von Toronto, die auf die Gefahren der zwei nahe gelegenen Atomanlagen von Darlington und Pickering aufmerksam machen will; AdÜ.] Dieser berichtet von den Problemen, die entstehen, wenn man der Anlage von Pickering, drei Autostun­den von Buffalo im Bundesstaat New York entfernt, weiterhin eine Betriebserlaubnis erteilt. Sie läuft nun bereits seit 40 Jahren. 6 von den 8 Reaktoren sind in Betrieb, es ist eine der größten Re­aktoranlagen weltweit. Die Kanadier wollen sie aber nicht sanieren, sie wollen ein bisschen an den Berechnungen feilen und mehr Laufzeit aus einem Baumuster herauspressen, das am Ende seiner Bahn angelangt ist.

Quelle: Google Maps

[Anmerkung des Übersetzers: die Entfernung vom AKW Pickering bis zur Stadtgrenze von Toronto, Bevölkerung 2.600.000 Menschen, beträgt 5 km, bis zum Stadtzentrum sind es 30 km. Vom AKW Darlington aus sind noch einmal 30 km hinzuzuzählen. Einwohner des Großraums von Toronto: 6.200.000]

Dr Gordon Edwards: Wenn ich noch eine Klarstellung anfügen dürfte: beim amerikanischen Modell hat man einen großen Druckkochtopf, das sogenannte Reaktorgefäß. Dort befinden sich die Brennelemente und die Kühlung, und dort findet auch die Kernspaltung statt.

Der Reaktorkern bei einem kanadischen Reaktor ist unterteilt in hunderte von horizontalen Röhren, und in diesen Röhren ist der Brennstoff. Er ist also viel komplizierter, wie Arnie ja gesagt hat. Eines der Dinge, die die Leute nicht verstehen, ist, dass die Radioaktivität im Bereich des Reak­torkerns so groß ist, dass es tödlich wäre, sich irgendwo in seiner Nähe aufzuhalten. Daraus ergibt sich, dass es äußerst kompliziert ist, Rohrleitungen zu erhalten, deren Zustand sich aber immer weiter verschlechtert, wegen des hohen Drucks, der hohen Temperatur, vor allem aber wegen des andauernden Neutronenbombardements, also der durch die Strahlung im Laufe der Zeit verur­sachten Versprödung. Im Laufe der Zeit werden diese Rohrleitungen dadurch immer schwächer, sie verändern ihre chemische Struktur, ihre physikalischen Eigenschaften – aber die Strahlung dort ist so hoch, dass man unmöglich alle diese Rohrleitungen überprüfen kann. Es werden lediglich Stichproben durchgeführt. Das ist nun das fundamentale Problem: Wir wissen nicht, wie sehr sich der Zustand einiger dieser Rohrleitungen verschlechtert haben könnte. Deshalb ist es so proble­matisch, wenn die Anlagen länger in Betrieb gehalten werden sollen, als ursprünglich vorgesehen war: Wir wissen nicht, ob einige dieser Rohrleitungen kurz davor stehen zu versagen.

Arnie Gundersen: Die meisten Kanadier leben innerhalb von 350 km zur US-amerikani­schen Grenze. Die Reaktoren wurden dann an der Grenze zu den USA errichtet. Hier in Burlington, Vermont, ist der nächstgelegene Reaktor ein kanadischer, oben in Quebec, der gerade soeben endgültig stillgelegt wurde. Es ist aber von großem Interesse für uns am Nordrand der Vereinigten Staaten, dass der nächstgelegene Reaktor durchaus in Kanada liegen könnte.

Das Design dieser Reaktoren unterscheidet sich von allen anderen; nur 6% aller Reaktoren weltweit sind von dieser Bauart, also CANDU-Reaktoren.

Dr Gordon Edwards: Das Schöne ist, dass wir hier in Quebec den Reaktor endgültig stillle­gen konnten. Die Regierung hat sich dagegen entschieden, Milliarden von Dollar in die Sanierung des AKWs zu investieren. Sanierung ist ein apartes Wort, aber es bedeutet in Wirklichkeit, alle die­se alten Rohrleitungen gegen brandneue auszutauschen. Es wären also hunderten von Rohren, die durch den Reaktorkern hindurch führen, auszutauschen, ebenso wie hunderte von Leitungen, die an den Enden an die Druckrohre angeschlossen sind. Erst dann könnte man sicher sein, dass sie nicht kurz davor sind zu versagen.

Quelle: http://www.cnwc-cctn.ca/newsite/wp-content/uploads/2008/08/photo-darlington-reactor-face2-yellow.jpg

In Pickering bei Toronto aber, gerade außerhalb der Stadtgrenze am Ontariosee, will der Betreiber, Ontario Power Generation, bis an die absoluten Leistungsgrenzen herangehen und die­se AKWs 5 Jahre länger laufen lassen, ohne dass die Rohrleitungen ausgetauscht werden. Es wurde also entschieden, sich die Ausgabe für all diese neuen Rohrleitungen zu sparen, aber trotzdem wollen sie für weitere 5 Jahre eine Laufzeitverlängerung – darum geht es in diesem Streit.

Arnie Gundersen: Im gleichen Land gibt es also zwei verschiedene Standards: in der Provinz Quebec wird der Reaktor stillgelegt, in Ontario soll noch mehr Leistung aus den in die Jahre ge­kommenen Reaktoren herausgequetscht werden.

Dr Gordon Edwards: Ja. Das liegt teilweise daran, dass Ontario so abhängig von Atomstrom geworden ist. Sie haben derart viele AKWs gebaut, 8 vor den Toren Torontos in Pickering, weitere 8 am Huronsee, in der Anlage von Bruce, und noch einmal 4 in Darlington, auch am Ontariosee ge­legen. Ontario ist also von Atomstrom abhängig geworden. Das ist der Grund, warum sie in der Energiefrage keine simple Alternative haben. Sie möchten die Laufzeit für diese vier Reaktoren verlängern, damit sie in der Zwischenzeit die vier Reaktoren in Darlington sanieren können.

Es klingt ja wie eine einfache Aufgabe, irgendwo die Rohrleitungen auszutauschen, es hört sich so einfach an, die alten herausreißen und die neuen einbauen, aber das Problem besteht dar­in, dass sie alle hochradioaktiv sind. Sie sind zu langlebigem Atommüll geworden. Sie können nicht recycelt werden, obwohl einige dieser Materialien das Beste sind, was es von ihrer Art weltweit gibt, absolute Spitzenqualität – man wird sie als Atommüll behandeln müssen.

Das macht die Angelegenheit so kompliziert. Wenn sie entscheiden, dass sie es tun wollen, dann werden sie herausfinden, dass es eine ganze Weile länger dauern wird als vorhergesehen, und es wird auch sehr viel mehr kosten als geplant. Es wird mit Sicherheit zwischen 2 und 4 Milliar­den Dollar kosten, allein diese Rohrleitungen zu ersetzen.

K.H.: Wir haben in der Vergangenheit schon öfter über den sich verschlechternden Zustand dieser alten Reaktoren gesprochen. Fukushima liegt am Pazifik, aber wenn wir jetzt über diese kanadischen Reaktoren sprechen, von denen viele an den Ufern der Großen Seen stehen und auch immer älter werden, gibt es nun eine Lektion, die aus Fukushima für die Reaktoren an den Großen Seen gelernt werden kann? Was wären die Unterschiede, wenn es zu einem ähnlichen Problem kommen würde?

Dr Gordon Edwards: Ich glaube, das ist eine sehr gute Frage. Ich habe diese Angelegenheit während einer Anhörung vor der kanadischen Strahlenschutzbehörde angesprochen, ich sagte: „Schauen Sie, wenn wir hier in Kanada zB einen ähnlichen Unfall hätten, wohin würde das ganze verseuchte Wasser dann abfließen?“ Wir wissen, wohin es in Fukushima gelangte, es ist am An­fang alles im Pazifischen Ozean gelandet, und dann haben sie riesige Tanks gebaut, um das ver­strahlte Wasser aufzufangen. Jetzt, zwei Jahre später, besteht das Problem immer noch, es gibt je­den Tag mehr und mehr radioaktiv verseuchtes Wasser. Sie haben bald nicht einmal mehr genug Platz, um das ganze Wasser zu lagern. Sie schneiden ganze Wälder um, damit Platz für noch mehr Wassertanks geschaffen werden kann. Jetzt aber beginnen diese Tanks, undicht zu werden. Wir müssen uns also fragen, wenn es einen Unfall dieser Art in Kanada oder den USA gäbe, wohin dann mit all dem verseuchten Wasser?

Die Antwort scheint mir offensichtlich zu sein: das Wasser gelangt in die Großen Seen, Trinkwasser für 40 Millionen Menschen. Daher sollten wir unbedingt besser vorbereitet sein.

Arnie Gundersen: Ich habe mit Wissenschaftlern von Woods Hole gesprochen (Arnie sagt leider nicht, ob von der Woods Hole Oceanographic Institution oder vom Woods Hole Marine Biological Laboratory; AdÜ), die sagen, dass die Freisetzungen aus Fukushima groß genug sind, um den gesamten Pazifischen Ozean zu verunreinigen. Der Pazifik ist natürlich viel größer als die Großen Seen, obwohl die Großen Seen ja schon ziemlich groß sind. Wenn also der gleiche Eintrag wie der von Fukushima Daiichi in den Pazifik bei den Großen Seen passiert wäre, dann wären ausgesprochen ernste Auswirkungen zu erwarten auf die Gesundheit aller Leute, die dieses Wasser verwenden.

Aber das ziehen wir in unseren Unfallszenarien gar nicht in Betracht. Wir glauben nicht, dass das, was in Fukushima passiert ist, eine Lehre für die ganze Welt ist.

K.H.: Wenn so etwas bei den Großen Seen passieren würde, dann wäre das auch nichts, was man in den nächsten paar Jahren oder im nächsten Jahrzehnt wieder in Ordnung brin­gen könnte.

Dr Gordon Edwards: Nein, es würden sogar Anreicherungsprozesse stattfinden. Selbst wenn die AKWs ganz planmäßig funktionieren, tragen die kanadischen Reaktoren maßgeblich zur Verunreinigung der Großen Seen bei durch den Eintrag von einem radioaktiven Isotop des Wasser­stoffes namens Tritium. Dabei handelt es sich einfach um radioaktiven Wasserstoff. Wasser, H2O, besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff. Wenn also von einem kanadischen Reaktor Tritium abge­geben wird, dann entstehen daraus radioaktive Wassermoleküle. Diese radioaktiven Wassermole­küle verteilen sich in der Folge in alle Richtungen. Wasser ist einer der fundamentalen Bausteine aller lebenden Organismen, jedes Lebewesens. Es gelangt unweigerlich in die Nahrungskette. Der Anteil von Tritium ist selbst in der Mitte des Ontariosees um 3 % höher als im Oberen See. Das ist ausschließlich die Folge der Atomkraft und speziell der kanadischen Reaktoren. Wir produzieren ungefähr das 30-fache an Tritium für jede produzierte Energieeinheit, weil wir schweres Wasser [in unseren Reaktoren] verwenden, und das ist der erste Schritt in Richtung Tritium.

Im Vergleich zu einem schweren Atomunfall ist das aber rein gar nichts. Noch einmal, die meisten Menschen machen sich keine Vorstellung von der Intensität der Strahlung, wie sie in ei­nem Reaktorkern während des Normalbetriebs erzeugt wird. Das Uran, mit dem man die Anlagen beschickt, ist nicht annähernd so radioaktiv wie das Zeug, das dann wieder herauskommt – dieses strahlt nämlich um ein Millionenfaches stärker als vor seiner Verwendung. Der Grund dafür ist, dass die Uranatome gespalten werden. Es sind all diese Bruchstücke von Uranatomen, die so ge­waltig strahlen. Wenn man Begriffe wie 137Cäsium usw hört, dann handelt es sich dabei um die Bruchstücke von Uranatomen. Das ist das Zeug, das in Fukushima ins Meer gelangt, und genau das Gleiche würde auch hier in Kanada und in den USA passieren.

Arnie Gundersen: Ich bin aber davon überzeugt, dass ihr verhindern würdet, dass dieses „Zeug“ die internationale Grenze überquert. Ihr würdet sicher dafür sorgen, dass es auf eurer Sei­te der Linie bleibt.

Dr Gordon Edwards: Ja sicher, wir würden Schilder aufstellen: „Keine Strahlung da lang!“

Arnie Gundersen: Ich glaube, dass die Menschen in Toronto über diese Angelegenheit sehr besorgt sein sollten. Im Report von Fairewinds für Durham Nuclear Awareness steht das alles drin [siehe den Link weiter oben, AdÜ], aber es ist nicht nur ein Problem der Überalterung [der Kraft­werke].

Die Kanadier scheinen einige der bedeutsamsten Lehren, die aus Fukushima Daiichi zu zie­hen waren, nicht verstanden zu haben. Die erste ist: Die Aufsichtsbehörde in Japan steckte mit den Leuten, die sie eigentlich beaufsichtigen sollten, unter einer Decke. In Kanada sehe ich genau das Gleiche: die Verwaltungsstrukturen der Regulierungsbehörden stehen in einer allzu behaglichen Beziehung mit den Betreibern der Atomreaktoren – diese sollten sie aber eigentlich kontrollieren.

Dr Gordon Edwards: Ja, das ist auch gar keine große Überraschung, denn viele Bedienstete der Atomaufsichtsbehörde kommen direkt aus der Atomindustrie, die sie eigentlich beaufsichtigen sollen. Ein Gutteil der Vergangenheit dieser Leute ist somit, Teil der Atomindustrie gewesen zu sein, lange bevor sie dann zur Aufsichtsbehörde kamen. Es gibt also gar keinen Zweifel darüber, dass zumindest in Kanada die Mitarbeiter der Atomaufsichtsbehörde alle glühende Verfechter der Atomkraft sind. Sie wollen unbedingt, dass die Atomkraft Erfolg hat. Es gibt hier mithin eine „Ver­schwörung der Gleichgesinnten“, wenn man so will, das heißt, sie denken: „Das muss doch eine gute Sache sein, sie muss doch einfach einen Nutzen für die Gesellschaft haben. Wir wollen sie auch so sicher wie möglich machen, aber auf gar keinen Fall werden wir diese Technik abschaffen.“

Arnie Gundersen: Die zweite Lektion, die von den Kanadiern anscheinend nicht erfasst werden kann, besteht darin, dass ein Atomunfall nicht das Schlimmste ist, was passieren kann – in Daiichi waren es drei. In Pickering stehen 8 Reaktoren dicht an dicht – 6 davon laufen.

Quelle: Google Earth

Als Fukushima Daiichi #3 explodierte, wurden dadurch Daiichi #2 und #4 beschädigt. Die Kanadier ziehen aber eine gegenseitige Beeinflussung der Reaktoren nicht in Betracht, sie gehen immer nur von einem Atomunfall aus.

Der größte Schwachpunkt von Pickering im Lichte der Ereignisse von Fukushima ist der Um­stand, dass die ganze Anlage nur ein [spezielles] Containmentgebäude hat, das Vakuumgebäude genannt wird. Dieses Vakuumgebäude hat die Aufgabe, die Gase von einem havarierten Reaktor aufzunehmen. Aber Daiichi hat uns darüber aufgeklärt, dass mehrere schwere Störfälle parallel ab­laufen können: Der kanadische Entwurf ist dafür nicht eingerichtet.

Dr Gordon Edwards: Richtig. Teil des Problems ist, dass die Kanadier sagen: „Wir werden aber doch keinen Tsunami auf dem Ontariosee haben, daher brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“ Es handelt sich hier um eine trügerische Sicherheit. Es ist nicht der Tsunami an sich, der den Unfall verursacht hat, es ist der Ausfall der Stromversorgung, der Ausfall der Pumpen. Wenn man also – aus welchem Grund auch immer – den Reaktorkern nicht kühlen kann, dann wird es zu einer Kernschmelze kommen, Punkt. Dieser Zustand kann auf vielfältige Art eintreten, es muss nicht unbedingt ein Tsunami sein. Man wiegt sich also in falscher Sicherheit, wenn man meint, dass es hier ja ohnehin nicht nach dem gleichen Drehbuch laufen wird.

Arnie Gundersen: Darüber hat Fairewinds seit der ersten Woche des Unfalls gesprochen: es geht nicht um den Tsunami, der die Dieselgeneratoren außer Gefecht gesetzt hat. Es geht um den sogenannten Verlust der primären Wärmesenke. Das kann bei einem CANDU-Reaktor passie­ren, es kann genauso bei einem amerikanischen Baumuster passieren, und es ist tatsächlich in Fu­kushima Daiichi passiert. Wenn die Pumpen am Ontariosee funktionsuntüchtig werden – warum auch immer – dann können 6 Atomreaktoren nicht mehr gekühlt werden. Das ist gar nicht gut …

Toronto ist weniger als eine halbe Autostunde von diesen Reaktoren entfernt, verglichen mit Tokio, das in einem Abstand von mehr als 200 km von Fukushima liegt. Die Japaner hätten aber fast Tokio evakuieren müssen. Die Kanadier glauben, dass die 4 Millionen Menschen in To­ronto nicht gefährdet sind.

Aber auch die Amerikaner sollten sich Sorgen machen, denn drei Stunden entfernt liegt Buffalo.

Quelle: Google Earth

Buffalo ist mit 261.310 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des US-Bundesstaates New York. Im Bal­lungsraum Buffalo-Niagara leben über 1,2 Millionen Einwohner.

Dr Gordon Edwards: Ja. Es ist irgendwie ironisch: George Orwell, der britische Schriftstel­ler, hat den Begriff „Doppeldenk“ erfunden, und hier haben wir ein sehr schönes Beispiel dafür. Ei­nerseits sagt die Atomindustrie jedem, sowohl in Kanada als auch in den USA: „Macht euch wegen Atomunfällen keine Gedanken, sie sind derart unwahrscheinlich, dass es vernunftwidrig [also hys­terisch; AdÜ] ist, sich deswegen Sorgen zu machen.“ Andererseits gibt es spezielle Gesetze, die sie vor finanzieller Haftung bei einem schweren Störfall schützen. Es ist die einzige Industrie, die einer speziellen Gesetzgebung bedarf, um sich vor Haftungsansprüchen im Unglücksfall zu schützen. Sie sagen damit: Ihr, die Öffentlichkeit, sollt euch nicht um die Möglichkeit eines Unfalles kümmern, wir aber, die Atomindustrie, wir sind derart besorgt, dass wir spezielle Gesetze einfordern, um unser Geld zu schützen.

K.H.: Die Atomindustrie war also in Kanada dermaßen „unbesorgt“, dass sie ihre Lobbyisten beauftragt hat, sie vor etwas zu schützen, worüber sie sich keine Sorgen machten?

Dr Gordon Edwards: Ganz recht. Ich möchte dazu noch bemerken, dass CCNR (der Kanadi­sche Bund zur Überwachung der Atomindustrie, s weiter oben) auch eine Eingabe wegen der Lauf­zeitverlängerung der Reaktoren von Pickering gemacht haben – wir lehnen sie ab – und diese Eingabe ist auf unserer Website. Arnie wird von Fairewinds aus einen Link einrichten; wer also Interesse hat, kann auf diesen Link klicken und sich ansehen, was der Kanadische Bund zur Überwachung der Atomindustrie zu dieser Thematik zu sagen hat.

Arnie Gundersen: In den USA sind wir auf die 100 Atomreaktoren fixiert, die wir selbst ha­ben, und denken nicht wirklich daran, dass sich der nächstgelegene Reaktor möglicherweise gar nicht in den USA befindet, sondern dass wir ein bisschen weiter in den Norden schauen müssten, wenn wir ihn finden wollen.

Die Atomanlage von Bruce hat 8 Reaktoren am größten der Großen Seen – und gleichzeitig demjenigen, aus dem das Wasser in all die anderen abfließt.

Quelle: Google Earth

Pickering hat 6 Reaktoren in Betrieb. Wir sprechen also davon, eine bedeutende Wasserstraße zu gefährden, eine wichtige Handelsroute und die Trinkwasserquelle für 40 Millionen Menschen.

Dr Gordon Edwards: Es gibt noch ein anderes Thema, das ich einfach noch erwähnen muss: Man denkt gerade darüber nach, in der Anlage von Bruce auch noch ein Atommüllendlager zu bauen, also gerade am Ufer des Huronsees. Das ist eine geradezu aberwitzige Idee!

Ich hoffe also, dass die Amerikaner sich in Hinkunft etwas mehr für die Bedrohung aus dem Norden interessieren werden; wie auch wir immer vor möglichen Gefahren aus dem Süden auf der Hut sein müssen.

Arnie Gundersen: Es wird uns eine Freude sein, wieder einmal eine Einladung auszuspre­chen, um diese Angelegenheit genauer zu beleuchten.

Dr Gordon Edwards: Ok!

Arnie Gundersen: Danke für die Mitwirkung!

Dr Gordon Edwards: Sehr gerne. Auf Wiedersehen, Arnie!

K.H.: Die Zeit ist wieder einmal abgelaufen. Unseren Dank an Dr Gordon Edwards, er ist der Vorsitzende des Kanadischen Bundes zur Überwachung der Atomindustrie. Danke sehr, Dr Edwards!

Dr Gordon Edwards: Danke, Kevin!

K.H.: Und Arnie, danke wie immer.

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin. Ich bin froh, dass wir diese Sendung machen konnten.

K.H.: Und so sind wir am Ende der dieswöchigen Sendung angelangt. Sie können uns in einer Woche und jede Woche wieder mit weiteren technischen Erörterungen und neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft hören. Besuchen Sie uns auch auf Facebook und begleiten Sie uns auf Twitter. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Auf­merksamkeit.

Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)    Quelle: Nuclear Contamination Knows No Borders http://fairewinds.org/content/nuclear-contamina­tion-knows-no-borders
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Mai 2013 / v1a

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10. April 2013


Was schließlich den Ausschlag gibt:

Die Fukushima-Formel

K.H.: Es ist Mittwoch, der 10. April 2013, und Sie hören den Energy Education Pod­cast. Ich bin Kevin. Die Atomaufsichtsbehörde [US-] Nuclear Regulatory Commission (NRC) bewertet die Risiken und Nutzen von Atomkraftwerken nach einem komplizierten Schema von Formeln, Berechnungen und Computerprogrammen – SAMA genannt. In der dieswöchigen Sen­dung werden wir uns einmal genauer ansehen, wie die Algorithmen von SAMA arbeiten. Im Spezi­ellen werden wir uns darüber unterhalten, dass die Formeln selbst nicht das Problem darstellen, sondern was an dem Zahlenmaterial falsch ist, das in diese Formeln eingeht. Auch eine perfekte Formel kann keine perfekten Resultate ergeben, wenn die Eingabedaten fehlerhaft sind.

Heute sind bei uns Arnie und Maggie Gundersen. Arnie und Maggie, willkommen!

Maggie Gundersen: Danke Kevin!

Arnie Gundersen: Hallo Kevin! Danke für die Einladung!

K.H.: Ich möchte diese Folge unseres Podcasts mit einem, ja sogar mehreren Arti­keln beginnen, die kürzlich in der New York Times erschienen sind. Darin wurde der frühere Vorsit­zende der NRC, Gregory Jaczko, ausführlich zitiert. Jaczko sagt nun, dass einige der älteren AKWs stillgelegt werden sollten. Könnt ihr uns ein paar Details darüber erzählen?

Arnie Gundersen: Bis zum Sommer letzten Jahres hatte die NRC Gregory Jaczko als Vorsit­zenden. Die Atomindustrie wollte Einstimmigkeit bei den Entscheidungen der NRC [ein Gremium, bestehend aus dem Vorsitzenden und vier weiteren stimmberechtigten Kommissionsmitgliedern, hat letztendlich die Entscheidungsgewalt]. Jaczko stimmte in entscheidenden Fragen nicht mit den anderen Mitgliedern des Entscheidungsgremiums. Anstatt also der Welt sagen zu können, die NRC habe ihre Zustimmung bei diversen Atomfragen einstimmig gegeben, war das Resultat bei Abstim­mungen oft 4:1 – eigentlich fast immer, wenn es um kritische Sicherheitsfragen ging. Es wurde über den Kongress Druck auf ihn ausgeübt, und er musste aus dieser Funktion ausscheiden.

Letzte Woche wurde er mit einigen Aussagen zitiert zuerst einmal, dass diese alten Kraftwerke nicht länger als 40 Jahre in Betrieb blieben sollten. Eine Abmachung sei eine Abmachung: die Be­triebsgenehmigung wurde ursprünglich für 40 Jahre erteilt, und wir sollten sie nicht verlängern. Das brachte die Atomindustrie natürlich in Wallung, und sie machten ihn zur Zielscheibe der New York Times, speziell auch in dieser Geschichte.

Das andere, was der [Ex-] Vorsitzende Jaczko angesprochen hat, ist der Umstand, dass die Sicherheitsanalysen dieser Kraftwerke weder die Verseuchung der Erde noch die massiven Störun­gen sozialer Netze berücksichtigen, wie sie von Fukushima Daiichi verursacht wurden. Das ist in niemandes Kosten-Nutzen Rechnung enthalten, wenn man die Frage entscheiden will, ob man mit den AKWs weitermachen soll. Er war sehr direkt in seiner Aussage, dass die Kosten-Nutzen Rech­nung nicht aufgeht, dass alte Kraftwerke stillgelegt werden sollten und keine Laufzeitverlängerun­gen bewilligt werden sollten.

K.H.: Wie funktionieren also diese Kosten-Nutzen Analysen?

Arnie Gundersen: Nun, die Industrie spricht von SAMA – das steht für Severe Accident Mitigation Analysis (Analyse der Abmilderung[smöglichkeiten] schwerer Unfälle). Dort werden Kosten eingerechnet, die aus der Freisetzung von radioaktiver Strahlung entstehen. Wenn diese SAMA Analysen durchgeführt werden, dann wird angenommen, dass nur sehr wenig Strahlung entweicht. Es wird nicht etwa eine Fukushima-artige Belastung angenommen, die dann beispiels­weise die Evakuierung des gesamten Bundesstaates Connecticut erzwingen würde. Wenn man also eine SAMA Analyse durchführt, bei der keine großen Strahlenmengen freigesetzt werden, dann entstehen der Gesellschaft daraus auch keine Kosten. Wenn man dann den Nutzen der Atomkraft gegen ihre Kosten aufrechnet, so werden die Kosten heruntergespielt, und das gibt dann immer den Ausschlag dafür, diese Atomkraftwerke weiter laufen zu lassen.

Maggie Gundersen: In der „Widerlegung“ der Aussagen des früheren Vorsitzenden Jaczko, die von der atomkraft-befürwortenden New York Times und Matt Wald verfasst wurde, wird das Nuclear Energy Institute (NEI; der Hauptlobbyist der Atomindustrie in den USA) zitiert. Selbstver­ständlich sagt die Atomindustrie: „Das ist doch fürchterlich, alles ist ganz exakt.“ Sie sagen, sie hat­ten diese spezielle Untersuchungskommission, alles wird von einer Fülle von Sicherheits- und Leis­tungsindikatoren belegt, das ist heute genauso wahr wie gestern – aber genau das ist heute sicher nicht mehr gültig. Wir können das bei vielen AKWs in den USA und rund um die ganze Erde erken­nen.

K.H.: Wenn sie also darangehen festzustellen, was die Kosten einer radioaktiven Freisetzung wären, irgendeines Unfalls, worauf schauen sie dann?

Arnie Gundersen: Die Atomindustrie hat ein Computermodell entwickelt, das berechnet, wie viel Radioaktivität wohin freigesetzt würde.

Nehmen wir als Beispiel die Westküste und das Kraftwerk von San Onofre: die Ansiedlung von San Clemente ist in unmittelbarer Nähe:

In dieser Stadt gibt es einige 10.000 Menschen. 80 km weiter liegt Los Angeles, und dort leben 8 Millionen Menschen. Aber sehen wir uns die Sache nur einmal aus der Nähe an. Wenn es im AKW von San Onofre zu einem Unfall käme, dann wäre die Strahlenbelastung in San Clemente gi­gantisch. Die NRC geht jedoch nicht davon aus, dass die Häuser dort an Wert verlieren würden. Immobilien würden dutzende von Milliarden Dollar an Wert verlieren, wenn es zu einem Unfall in San Onofre käme – diese sind aber nicht Bestandteil der SAMA Analyse der NRC.

K.H.: Berechnet die SAMA Analyse denn die Kosten für ein Menschenleben?

Arnie Gundersen: Die NRC setzt in ihrer Bewertung eines Menschenlebens nur den halben oder sogar nur ein Drittel des Wertes ein, den andere Behörden verwenden. Die Umweltschutzbe­hörde EPA (Environmental Protection Agency) und andere Regierungsstellen verwenden einen Be­trag, der um das 2- bis 3-fache höher ist als jener der NRC.

Wann immer sie also diese Analysen veröffentlichen und aufzeigen, dass ein oder zwei Menschen, statistisch gesehen, auf Grund der Strahlung sterben könnten, so setzen sie für ein Menschenleben 2 bis 3 Millionen Dollar an, die EPA mehr als 5.

Wenn man das macht, dann hat das zur Folge, dass die Kosten der Aufrüstung durch die so möglicherweise geretteten Menschenleben mit Hilfe des Modells der NRC nicht zu rechtfertigen sind.

K.H.: Es ist also eine weitere Zahl, die sie ihrem Computermodell einfüttern, nur damit am Schluss herauskommt: „Bestens, das rentiert sich!“

Arnie Gundersen: Ganz richtig! Man muss auch mitbedenken, dass die Versicherungs-anstalten so subventioniert werden. Atomkraftwerke müssen für ihre Haftpflichtversicherungen nicht selbst aufkommen: all das wird von einem Regelwerk mit dem Namen Price–Anderson fest­gelegt. Die Bürger müssen im Fall eines Atomunfalles bezahlen, also müssen unsere Steuern er­höht werden; wenn es sich um eine Ölfirma handelt oder was auch immer, dann müssen die eine Versicherungspolizze haben, welche die bei einem Unfall entstehenden Kosten abdeckt. Die Atom­industrie ist darin einzigartig, dass die Aufsichtsbehörde, die NRC, in Einklang mit den Leuten, die eigentlich die Energieversorgungsunternehmen überwachen sollten, vorsätzlich und wider besse­res Wissen die Risiken herunterspielt, und gleichzeitig lobbyiert sie im Kongress dafür, dass die Bürger ihre Haftung übernehmen sollen.

Sie gewinnen also auf allen Seiten: Einerseits behaupten sie, es gäbe kein Risiko, aber an­statt dass sie versuchen, selbst ihre Kraftwerke zu versichern, können wir blechen, falls es zu ei­nem Unfall kommt.

K.H.: Du hast schon oft gesagt, der Schlüssel liegt in den Annahmen, wenn auch im Zusammenhang von technischen Fragestellungen. Aber dies hier scheint nach demselben Muster zu funktionieren: wo man Mist reinfüttert, da kommt auch Mist heraus – wenn man falsche Zahlen nimmt, dann kommt es zu einem falschen Resultat, einem Fehlschluss. Ist das also der gleiche Ab­lauf?

Maggie Gundersen: Absolut!

Arnie Gundersen: Ja, es ist das gleiche Prinzip, Kevin. Die Atomindustrie und die staatlichen Forschungseinrichtungen arbeiten zusammen, um diese hochkomplexen Computermodelle zu er­stellen, und diese Modelle geben natürlich genau das wieder, wozu sie programmiert worden sind. Wenn du also hohe Kosten eingibst, dann werden sie als Ergebnis eine Belastung ausweisen. Aber Daten, die eingegeben werden, stellen die Kosten immer als gering dar, daher kann die Atomin­dustrie den Mythos aufrechterhalten, dass dieses Zeug sauber, sicher und zuverlässig ist.

K.H.: Das hört sich an, als wenn ich ein Monatsbudget erstelle, indem ich eine Ex­cel-Tabelle produziere und dann alles zum Laufen bringe - und dann fülle ich lauter frei er­fundene Zahlen ein und tue so, als ob die real wären.

Maggie Gundersen: Es ist wohl so ähnlich.

Mary Lampert von Pilgrim Watch [gemeint ist das AKW Pilgrim bei Plymouth, Massachu­setts; AdÜ] hat ein Verfahren gegen die NRC eingeleitet, das noch läuft, welches auf­zeigt, dass die­se SAMA Analyse äußerst schwere Mängel hat und dass dieses Modell völlig unzurei­chend ist. Dennoch steckt die NRC den Kopf in den Sand und unterstützt weiter die Lobbyisten der Industrie.

K.H.: Was sagt nun der frühere Vorsitzende Jaczko über diese SAMA Analyse?

Arnie Gundersen: Weißt du, er sagt eigentlich nichts anderes als das, was er auch als Vor­sitzender schon gesagt hat. Ich habe an der RIC, der Regulatory Information Conference (Regulie­rungs-Informations-Konferenz) letztes Jahr teilgenommen, also ein Jahr nach dem Unfall von Fu­kushima Daiichi. Du wirst dich daran erinnern, denn du hast das Video von ihm gedreht, wie er der Atomindustrie erklärt, dass es gravierende Probleme mit der SAMA Analyse gibt.

Die Zuhörer saßen nur da und haben in sich hineingekichert. Ich war entsetzt, dass nicht der geringste Respekt für den Standpunkt des Vorsitzenden zu erkennen war, dass wir zur Kennt­nis nehmen müssen, dass ein Atomunfall das Leben einer Unzahl von Menschen schwer beein­trächtigen wird, dass Gemeinden auseinandergerissen werden.

Nichts davon ist in SAMA implementiert und der [Ex-] Vorsitzende Jaczko hat nicht erst da­von angefangen zu sprechen, als er zurückgetreten war. Die Atomindustrie hat ihn ignoriert, als er noch der Vorsitzende war, nun, da er nicht mehr Vorsitzender ist, versuchen sie ihn endgül­tig zu begraben.

Maggie Gundersen: Das ist wohl wahr, Kevin, es gab nur zwei Kommissionsangehörige vor Herrn Jaczko, die danach nicht in die Atomindustrie zurückgegangen wären, um dort für unglaubli­che Summen angeheuert zu werden und für die Atomindustrie auch tätig zu sein.

Es ist also ein Teufelskreis: sie kommen aus der Atomindustrie oder sie werden berufen oder sie haben große Spenden geleistet. Ein Vorsitzender, den wir kannten, hat riesige Wahlspen­den geleistet, und dann werden sie berufen und bekommen Posten bei Energieversorgungsunter­nehmen und -konzernen. Peter Bradford und Victor Gilinsky sind die einzigen zwei Kommissions­mitglieder, die das nicht getan haben, und Jaczko hat auch nicht begonnen, für die Atomindustrie zu arbeiten. Es sind also Bekehrte.

Arnie Gundersen: Ich hoffe, Jaczko hat einen Plan B. Wenn sein Plan darin bestand, von der Atomindustrie wieder angeheuert zu werden, so hat er diesen gerade zerstört.

K.H.: Allerdings. Niemand weiß das besser als du selbst, nicht?

Arnie Gundersen: Das stimmt. Meine Erfahrung ist wohl parallel zu der seinen in dieser Hinsicht.

K.H.: Wir haben nun über diese, ich sage: handverlesenen Zahlen gesprochen, die falschen Zahlen, die in eine Formel eingesetzt werden. Aber am anderen Ende dieser Formel steht das Resultat. Arnie, kannst du ein bisschen über den Kontrast reden, was die SAMA Analyse als Re­sultat vorgaukelt, im Gegensatz zu dem, was in der Wirklichkeit passiert; vielleicht ist Ja­pan ein gu­ter Ort, um zu beginnen?

Arnie Gundersen: Nun, wenn man sich ansieht, was nach Fukushima Daiichi passiert ist: die Verseuchung reicht dort mehr als 300 km weit. Zum Beispiel Tokio: Als ich in Tokio war, habe ich fünf Proben genommen: Diese fünf Proben wären hier in den USA als Atommüll einzustufen und müssten nach Texas verbracht werden, in ein Langzeit-Aufbewahrungslager.

Die SAMA Analyse aber geht von der Annahme aus, dass die Verseuchung keine zwei Kilo­meter von der betroffenen Anlage entfernt stoppt. Was uns Fukushima Daiichi also gezeigt haben sollte, ist, dass es Risiken für die Bevölkerung auch noch in einigen hundert km Entfernung gibt und dass massive Verstrahlung über 70 bis 140 km stattfinden kann.

SAMA aber inkludiert die Säuberungsarbeiten nicht. SAMA geht davon aus, dass die Erde einfach unberührt bleiben kann, dass keine Hochdruckwäsche von Gebäuden notwendig wird, kei­ne Entseuchung von Agrarflächen, keine Entseuchung von Brachland … Nichts davon scheint in der SAMA Analyse auf, nicht einmal nahe am Kraftwerk, und schon gar nicht in 100 km Entfernung.

Das heißt, was uns Daiichi hätte lehren sollen, ist: Wenn es zu einem Atomunfall kommt, wird die Gesellschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen – und zwar nicht nur 10 km rund um das Kraftwerk, sondern sogar in einer Distanz von über 100 km.

Die Kosten, die durch diese vertriebenen Menschen entstehen und durch die weitgehende Zerstörung ihres Lebens, scheinen in der SAMA Analyse aber nicht auf. Ich glaube, das war es, was Jaczko gesagt hat, als wir ihn bei der RIC aufgenommen haben, und das sagt er auch heute: er hat seine Botschaft nicht geändert. Die Atomindustrie will einfach nicht offenzugeben, dass ein Atom­unfall [viele] Leben ins Chaos stürzen kann.

K.H.: Denn zurzeit sagt ihnen ihre Formel ja, dass es das alles wert ist.

Arnie Gundersen: Der Schlüssel liegt in den Annahmen, Kevin.

K.H.: Ich denke, wir sollten doch wirklich gewusst haben, dass mehr Leute betrof­fen sein würden als lediglich die in der unmittelbaren Umgebung rund um das AKW. Warum wur­de diese SAMA Analyse in der Nachfolge eines der inzwischen eingetretenen Ereignisse nicht auf den neuesten Stand gebracht?

Arnie Gundersen: Nun, die Sprachregelung nach dem Three Mile Island Unglück war, dass niemand dabei umkam und das Containment gehalten hat. Die Three Mile Island Präsentation, die auf unserer Website zu finden ist und die ich in Harrisburg vor 4 Jahren gehalten habe, zeigt ganz klar, dass das Containment tatsächlich durch die Wasserstoffexplosion geborsten ist. Riesige Men­gen an Radioaktivität wurden freigesetzt. Aber die Atomindustrie hat das nicht zugegeben, und sie hat es geschafft, diese Tatsache zu vertuschen.

In Tschernobyl waren es die Kommunisten, die dieses Werk betrieben hatten, wenn also Kapitalisten das Werk betrieben hätten, dann wäre es besser gelaufen.

Das Resultat ist, dass die Atomindustrie Three Mile Island ignoriert hat, und sie haben auch Tschernobyl ignoriert und haben einfach weitergemacht. Jetzt haben wir Daiichi, das von Kapitalist­en betrieben wird, es ist ein moderner Reaktor und das Containment ist explodiert, und den­noch konfrontieren wir uns hier in den Vereinigten Staaten nicht mit der Wahrheit, dass die Kos­ten, die durch einen Unfall entstehen, wesentlich höher sind, als die NRC in ihrer SAMA Analy­se eingestehen will.

K.H.: Die letzte Frage an dich und Maggie: Wenn wir das Computermodell, diese Formel, die SAMA Analyse, mit den korrekten Zahlen beschicken würden – wie, denkt ihr, würde das die Art und Weise ändern, in der Atomkraft heute betrieben wird?

Maggie Gundersen: Ich glaube, die Veränderungen wären gewaltig, speziell hinsichtlich der AKWs mit diesen veralteten Siedewasserreaktoren, die ein so hohes Risiko wegen ihrer Abklingbe­cken bedeuten und der Menge an Strahlung, die sie freisetzen würden. Ich denke, aus wirtschaftli­chen Gründen müssten sie alle sofort stillgelegt werden.

K.H.: Arnie?

Arnie Gundersen: Ich habe dieses Argument dem beratenden Ausschuss für Reaktorsicher­heit gegenüber vorgebracht, in Zusammenhang mit dem neuen Kraftwerk von Vogtle - es geht hier um eine SAMDA Analyse, weil sich das Werk noch im Planungszustand befindet –, und habe argumentiert, ihr nehmt also an, dass das Containment (der Sicherheitsbehälter) nicht undicht wird. Und die NRC sagte zu dem beratenden Ausschuss für Reaktorsicherheit: „Ja, das ist richtig, Containments werden nicht undicht.“ Nun, wir haben gerade drei von ihnen in Fukushima Daiichi in die Luft gejagt, und dennoch hat die NRC ihre Annahme nicht der notwendigen Revision unter­zogen.

Das Ergebnis wäre also, dass diese Kraftwerke keine Bewilligung für eine Laufzeitverlänge­rung erhielten und keine neuen AKWs gebaut würden, wenn wir diese Kosten adäquat in die Kos­ten-Nutzen Analyse der Atomkraft einbeziehen würden.

K.H.: Es würde sich also ganz einfach nicht rechnen?

Arnie Gundersen: Es würde sich ganz deutlich zeigen, dass die Risiken den Nutzen überstei­gen. Aber das wollen die Regulierungsbehörde oder die Atomindustrie nicht veröffentlicht sehen.

K.H.: Arnie, Maggie, vielen Dank!

Maggie Gundersen: Danke für die Einladung, Kevin!

K.H.: Und so sind wir am Ende dieser Folge unseres Energy Education Podcasts, unserer Sendung. […] [Den Link zum Artikel mit Gregory Jaczko finden Sie im Text; AdÜ] Sie kön­nen uns stets am Mittwoch mit weiteren technischen Erörterungen und neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft hören. Besuchen Sie uns auch auf Facebook und begleiten Sie uns auf Twitter. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Quelle: Tipping the Scale – The 3/11 Formula http://www.fairewinds.org/tipping-the-scale-the-311-formula/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Verviel­fältigung und Verbreitung auch in geänderter Form sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at    April 2013 / v3

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3. April 2013


Atomkraft und Erdbeben

K.H.: Heute möchte ich Dr Les Kanat zur Sendung begrüßen. Dr Kanat ist Geologe und er ist auch ein Verwaltungsratsmitglied von Fairewinds. Dr Kanat, herzlich willkommen!

Dr Les Kanat: Vielen Dank!

K.H.: Und natürlich auch du, Arnie: herzlich willkommen!

Arnie Gundersen: Hallo Kevin! Hallo Les!

K.H.: Wir hatten eine Menge Anfragen zum Thema Erdbeben. Was ist der Unter­schied zwischen Erdbeben an der Westküste, von denen wir alle schon gehört haben, und Erdbe­ben an der Ostküste, die wesentlich seltener sind? Wie passt das alles ins Schema der Atomkraft?

Dr Les Kanat: Erdbeben sind das Resultat von Erdbewegungen. Es gibt in der Erdkruste Spannungskräfte, und wenn diese die Bruchfestigkeit der Gesteine übersteigt, dann bersten diese Steine und es kommt zu einem Erdbeben.

Es gibt mehrere Skalen, die wir verwenden, eine davon misst die Stärke eines Bebens , eine andere die Auswirkungen.

Erdbeben passieren überall auf der Erdkugel, aber am häufigsten sind sie an der Grenze von tektonischen Platten. Die Westküste der USA liegt an so einer Plattengrenze und dort sind Erd­beben recht häufig. Die Ostküste der USA hingegen war früher einmal an einer Plattengrenze, und auch dort gibt es Regionen, die seismisch ziemlich aktiv sind. Was man spürt, das ist die Intensität eines Erdbebens, das Ausmaß der Bodenbewegungen, und die hängt von der Gesteinsart ab. Erd­beben an der Ostküste spürt man über ziemlich große Entfernungen, vielleicht zehn Mal so weit, wie ein Beben ähnlicher Größenordnung an der Westküste.

Vergleich der Größe von Gebieten im Westen und im Osten der USA, in denen ähnliche Schäden
aufgetreten sind, bei einer fast identen Stärke des verursachenden Bebens (aus: Wikipedia)

Wie Arnie nur allzu gut weiß, gibt es 104 AKWs in den USA. Die meisten, alle bis auf acht, sind an der Ostküste, respektive in der östlichen Hälfte der USA. Nur acht befinden sich also im Westen oder an der Westküste.

Es ist nun wichtig, zwischen der Stärke eines Ereignisses und dem, was man dabei empfin­det, zu unterscheiden. Die Stärke eines Bebens wird nach seismografische Aufzeichnungen beur­teilt, das heißt, unsere Apparate in der Erde messen, wie viel Energie bei einem Beben erzeugt wird. Das aber, was man spürt, die Auswirkungen und Reaktionen auf der Oberfläche, das nennen wir Intensität. Analog könnte man sich vorstellen, dass die Stärke eines Radiosenders der Stärke eines Bebens entspricht, und die Stärke, mit der man den Sender empfängt, das ist die Intensität. Je nachdem, wo man sich befindet und wie die atmosphärischen Bedingungen sind, wird die Stär­ke des Signals im Radio unterschiedlich sein. Wenn wir nun Erbeben betrachten, so gibt es eine Stärke (Magnitude) für jedes Erdbeben, aber es gibt eine ganze Menge von unterschiedlichen In­tensitäten [auf der Erdoberfläche], abhängig von der Entfernung, der Gesteinsart und der Tiefe des Epizentrums.

Bei einem Erdbeben der Magnitude 7 wird gegenüber einem Beben der Magnitude 6 31 Mal mehr Energie erzeugt. Oft denken die Leute, der Unterschied zwischen Stärke 7 und Stärke 6 ist das 10-fache, aber es wird dabei um den Faktor 31 mehr Energie freigesetzt.

Arnie Gundersen: Ob ein Beben die Stärke 5,8 oder 6 hat, wie in Virginia, macht also einen großen Unterschied.

Dr Les Kanat: Es ist eine logarithmische Skala, aber es wird rund 6 Mal mehr Energie bei ei­nem Beben der Stärke 6 erzeugt als bei einem Beben der Stärke 5,8.

Für jede Einheit, jeden Punkt mehr, von 5 auf 6, von 6 auf 7, von 7 auf 8 usw steigt die Energie um das 31-fache. Nun, man braucht Energie, wenn Arbeitet verrichtet wird, und die Ar­beit, die hier geleistet wird, ist, dass Gesteinsschichten verschoben werden. Riesige Grundflächen wer­den verschoben – hoffentlich werden nicht große AKWs [mit-]bewegt.

K.H.: Die Leute an der Westküste sind sich der Möglichkeit von Erdbeben sehr be­wusst und der potentiellen Probleme, die das Aufstellen eines AKW in einer seismisch sensiblen Zone mit sich bringt. Wenn wir also über dieses Problem nachdenken, denken wir automatisch an die Westküste. Wer kümmert sich aber um die Erbebengefährdung der Kraftwerke an der Ostküs­te?

Dr Les Kanat: Es gibt eine Gruppe namens Central Eastern US Seismic Source Characteriza­tion. Diese Gruppe hat eine wirklich bedeutsame, gut durchdachte Publikation im Dezember 2011 herausgegeben. Der Ansatz war, die Beziehungen zwischen den neuen Erkenntnissen über die Erd­bebentätigkeit in den USA und der Existenz von Atomanlagen zu untersuchen.

Ich würde also glauben, dass die Nuclear Regulatory Commission (NRC; die Atomaufsichts­behörde) und der US Geological Survey (USGC; Amt für Kartographie der USA, angesiedelt im In­nenministerium) diese Untersuchung kennen – und tatsächlich, was passierte war Folgendes: We­gen dieser Studie mussten wir feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Problem kommen könnte, um ein Vielfaches angestiegen ist – um ein Mehrfaches! Die angenommene Wahrscheinlichkeit für ein Problem bei einem AKW an der Ostküste hat sich durch unsere neuen Erkenntnisse über Erdbebentätigkeit verdreifacht.

http://www.ceus-ssc.com

Arnie Gundersen: Als Ingenieur würde ich nun aber gerne wissen, was das schlimmste Erd­beben sein könnte, das ich in meinen Entwürfen berücksichtigen muss.

Schauen wir uns noch einmal dasjenige von Virginia an. Es wurde für ein Erdbeben der Stär­ke 6 gebaut. Das Beben, das dann tatsächlich auftrat, war von der Stärke 5,8. So wie ich darüber denke, war es also schon einigermaßen knapp, aber das Kraftwerk hat gehalten.

Bei einem AKW will man aber nicht Vorsorge für das Erdbeben treffen, das dann auch tat­sächlich eintreten könnte, weil es ja die Ereignisse von niederer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber mit gewaltigen Auswirkungen gibt: Der Tsunami von Fukushima wäre ein Beispiel dafür.

Wenn Ingenieure also von den Geologen gesagt bekommen, eine 6 ist wohl das Schlimms­te, was in Virginia zu erwarten ist, und dann passiert plötzlich eines der Stärke 5,8, dann fragt man sich natürlich, ob ein Beben mit einer Stärke größer als 6 nicht auch möglich ein könnte.

Dr Les Kanat: Es werden hier mehrere Themen angesprochen. Eines davon ist, dass Magni­tude nicht unbedingt das bedeutet, was man wahrnimmt. Der Unterschied zwischen der Stärke ei­nes Erdbebens und seiner Intensität beruht auf einer Reihe von Faktoren.

Wenn dieses Ereignis der Stärke 6 also näher am AKW gewesen wäre, oder sich die Schwin­gungen auf Grund der Gesteinsart anders fortgepflanzt hätten, dann hätte ein Beben der Stärke 6 großen Schaden anrichten können, während ein anderes Beben der gleichen Stärke, vielleicht ein bisschen weiter entfernt, ein bisschen tiefer, an einer anderen Gesteinsfalte, vielleicht auch an ei­ner andern Gesteinsfalte, aber in gleicher Entfernung, überhaupt keinen Schaden verursacht. Es geht also um mehr, als nur auf die Magnitude eines Erdbebenereignisses zu achten.

Es geht um den genauen Ort und dessen langjährige Vergangenheit. Was wir in dieser kürz­lich erstellten Arbeit, in der wir das Erdbebenrisiko an der Ostküste neuerlich untersucht haben, getan haben, ist, dass wir ein Zeitintervall gewählt haben, innerhalb dem wir alle Erdbebenereig­nisse einbezogen haben. Das Erdbeben in Virginia vom August 2011, ein Beben der Stärke 5,8 und damit das zweitstärkste in der ganzen Region, war in der Datenbasis gar nicht enthalten. Wenn man es aber mit hineinnimmt, so würde ich denken, dass das Risiko von Unfällen oder Schäden an der Ostküste höher sind.

Nun, die Antwort auf deine Frage, Arnie, ist vielleicht, dass alle von uns kurzsichtig sind, wir alle haben blinde Flecken. Wie weit zurück wollen wir also schauen und an welchem Punkt sagen wir: „Jetzt haben wir eine ausreichende Datenmenge zur Verfügung, um eine Entscheidung treffen zu können.“ So funktioniert Risikoabschätzung.

Arnie Gundersen: Ich kann mich an Bilder von den Abschirmbehältern (Castoren) in North Anna erinnern, dem AKW, das dem Erdbeben am nächsten war. Diese Abschirmbehälter wiegen mehr als 100 Tonnen. Man konnte sehen, wo der Behälter auf seiner Abstellfläche aus Beton ge­standen hatte, und man konnte sehen, wohin er sich bewegt hatte: diese 100 Tonnen schweren Behälter hatten sich um mehr als 10 cm verschoben. Die Presse machte daraus den „Tonnen-Tanz-Schritt“. Für einen Physiker ist es aber eher wie das Herausziehen einer Papierrolle unter einem Griffel. Die Abschirmbehälter haben sich überhaupt nicht bewegt – der Boden hat sich mindestens 10 cm zur Seite bewegt.

Dr Les Kanat: Ja, das ist die Grundlage für die Seismometer, die wir verwenden. Wir befes­tigen ... wir verwenden Pendel nicht mehr, aber wenn man ein Pendel in einer Apparatur aufhängt und der Boden bewegt sich, dann würde das Pendel in Ruhe verharren, es würde sich nicht bewe­gen, der Erdboden aber sehr wohl – wie du es also ausgedrückt hast, ist eine gute Möglichkeit, wie man sich das vorstellen kann.

Es sind die Beschleunigungen des Erdbodens, die wir messen, wenn ein Erdbeben auftritt; wie schnell bewegt sich der Boden relativ zu einem Objekt, das an einer fixen Stelle verbleibt? Man würde sicher lieber sehen, wenn massive, schwere Objekte, wie diese Abschirmbehälter, an ihrem Fleck stehen bleiben, auch wenn sich der Boden unter ihnen bewegt.

Arnie Gundersen: Wenn man ein AKW baut, muss man sich Gedanken darüber machen, wie schnell sich der Boden bewegen könnte, dann muss man diese Welle aber noch verfolgen, wenn sie sich durch das Gebäude nach oben hin fortsetzt. Je höher man im Gebäude hinauf­kommt, desto stärker gerät dieses Bauwerk in Schwingungen. Das nennt man vergrößerte Ant­wortspektren: je größer die Höhe, auf der man ein Gebäude betrachtet, desto größer werden dort die Schwingungen.

Bei Kraftwerken mit diesem Mark I Siedewasserreaktoren sind die riesigen Gewichte des Atomreaktors und des Abklingbeckens hoch droben im Gebäude. Die Mark I Reaktoren sind also erdbebengefährdeter: Sie sind schwerer zu konstruieren als andere Baumuster, bei denen das Ge­wicht geringer ist.

K.H.: Arnie, sind nun die Kraftwerke im Westen wegen den unterschiedlichen seis­mischen Gegebenheiten irgendwie anders gebaut als die im Osten?

Arnie Gundersen: Die Atomreaktoren selbst sind praktisch ident. Je ernster allerdings die Bebengefahr, desto stärker dimensioniert sind die Armierung rund um den Reaktor herum, etwa so wie Stoßdämpfer an einem Auto.

Aber die Frage ist nicht: „Sind sie an der Westküste stabiler gebaut?“, sondern wurde das schlimmst-mögliche Erdbeben, das man sich vorzustellen muss, einberechnet, im Gegensatz zum schlimmsten Erdbeben, das sich während der letzten hundert Jahren ereignet hat. Ich glaube, was Les gesagt hat, ist wirklich wichtig: man muss in der Geschichte lange genug zurückgehen, um eine vernünftige Risikoabschätzung durchführen zu können.

Als Konstrukteur interessiert mich nicht, was in den letzten 100 Jahren geschehen ist, ich möchte wissen, was während der letzten 10.000 Jahre los war, weil ich muss so bauen, dass ein Er­eignis, das zwar eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit hat, dafür aber verheerende Konsequenz­en nach sich ziehen würde, möglichst ausgeschlossen werden kann.

Dr Les Kanat: Richtig. Ich möchte noch zu dem, was du über die Resonanzfrequenz in Ab­hängigkeit von der Gebäudehöhe gesagt hast, folgendes hinzufügen: Ein Erbeben erzeugt verschie­dene Arten von Stoßwellen, unterschiedliche Vibrationstypen, und diese haben verschiedene Wel­lenlängen, also Vibrationsfrequenzen. Manche von diesen beanspruchen eher niedere Gebäude, andere wiederum ziehen eher Hochhäuser in Mitleidenschaft. Es hängt auch von der Entfernung [zum Epizentrum] ab, ob eher höhere oder eher niedere Gebäude betroffen sind.

In dem Maße, in dem Gebäudestrukturen älter werden, werden sie auch schwächer. Wenn ich da zB an mein Auto denke: je älter es wird, desto größer wird der Instandhaltungsaufwand und umso unwahrscheinlicher wird es, dass alles in Ordnung sein wird, wenn ich durch ein paar Schlaglöcher fahre. In dem Ausmaß, in dem unsere AKWs älter werden, könnten die Schäden, die ein Erdbeben anrichtet, größer werden.

Arnie Gundersen: Wir sehen das beim AKW in Seabrook [New Hampshire]: dort verschlech­tert sich der Zustand des Betons ziemlich rasch. Der Grund dafür scheint all das Salz zu sein, das im Boden gespeichert ist, auf dem das Kraftwerk gebaut wurde. Die Sicherheitsreserven, über die das Kraftwerk unmittelbar verfügt hat, sind nun also stark gemindert. Die Reserven, die einmal in den Entwurf eingeplant wurden, nehmen also im Verlauf der Zeit ständig ab.

Man kann jedes Kraftwerk so bauen, dass es jedes Erdbeben aushält – aber schlussendlich geht’s ums Geld. Wenn du an die Möglichkeit eines Bebens der Stärke 7 an der Ostküste glaubst, dann wirst du das Kraftwerk viel widerstandsfähiger auslegen, als es die sind, die heute dort ste­hen.

Das AKW in Virginia, das sich in unmittelbarer Nähe des Bebenzentrums befand, war für die Magnitude 6 ausgelegt und wurde von 5,8 heimgesucht. Es hat natürlich gehalten, denn die Inge­nieure haben es für diesen Annahmefall gebaut. Aber die eigentliche Frage ist doch, ist die Magni­tude 6 wirklich die höchste, die wir an der Ostküste erwarten sollten und hätten wir den Entwurf nicht einem viel strengeren Lastenheft gemäß auslegen sollen? Das ist der Grund, warum die AKWs an der Ostküste nach meinem Dafürhalten bedroht sind. Sie sind für die Stärke 6 nach Rich­ter ausgelegt und nach Virginia wissen wir, dass ein solches Erdbeben passieren kann.

Wenn aber ein Beben der Stärke 6 schon innerhalb der 20, 30 Jahre, die so ein AKW bereits auf dem Buckel hat, auftreten kann, dann könnte es innerhalb der Zeitspanne, für die diese AKWs ausgelegt sind, auch zu einem Beben der Stärke 6,5 kommen.

K.H.: Les, hat es im Osten jemals ein Beben der Stärke 7 oder noch höher gegeben?

Dr Les Kanat: Im Osten der Vereinigten Staaten gibt es eine Hochrisikoregion, die das Po­tential für gewaltige Bodenbewegungen in sich trägt, und zwar im Gebiet von New Madrid/ Charleston. Im Dezember 1811 kam es dort zu einem Beben der Stärke 7,7. Ein paar Wochen spä­ter folgte ein 7,5 und dann noch ein paar Wochen später ein weiteres Beben der Stärke 7,7.

Diese Art von Vorfällen sind im Bebengebiet von New Madrid also nichts Außergewöhnli­ches, sie passieren alle paar hundert Jahre. Das letzte bemerkenswerte Ereignis in diesem Gebiet war im Mai letzten Jahres ... nein im Mai 2011 war’s, glaube ich. Es war auch ein Beben der Stärke 7,7. Es gibt dort ein ausgedehntes Faltensystem, resultierend aus einem [darunterliegenden] Gra­benbruch, der sich vor 500 Millionen Jahren gebildet hatte.

Wenn man sich die Standorte der heutigen kommerziellen Atomkraftwerke und For­schungsreaktoren ansieht, so gibt es keine, die direkt in New Madrid Erdbebengebiet liegen. Sie machen praktisch einen Bogen rundherum, denn es wurde durchaus erkannt, dass das Gefahren­potential dort sehr hoch ist.

Dennoch verfolgen wir die Hinweise auf geologische Veränderungen nicht über einen aus­reichend langen Zeitraum. Unsere Überlegungen über das, was alles passieren könnte, sind nicht ausreichend langfristig angelegt. Wenn man an einen Geschäftsplan denkt, wie eine Firma die Zu­kunft einplant, so wird sie vielleicht fünf Jahre berücksichtigen, vielleicht zehn. Für geologische Zeiträume ist das vollkommen bedeutungslos. Man muss einen wesentlich längeren Zeitraum er­fassen und sich dann die denkbar schlimmsten Fälle anschauen, denn natürlich werden sie einmal passieren, und es geht hier um die Eintrittswahrscheinlichkeit.

Arnie Gundersen: Das Wichtige scheint mir zu sein, dass die Leute denken, 30 Jahre sei eine lange Zeit, jedenfalls bei dieser Art von Kraftwerken, die für eine Betriebsdauer von 40 Jahren ausgelegt waren. Wenn die Lebensdauer einer Anlage also 40 Jahre beträgt, und wir schauen uns zB das Jahrhunderthochwasser dort an oder das schlimmste Erdbeben, das dort in 100 Jahren stattgefunden hat, dann kommt dabei eine gewisse Zahl heraus. Wenn man aber einen längeren Zeitraum betrachtet, das stärkste Hochwasser in 10.000 Jahren oder das größte Beben in dieser Zeitspanne, dann verändert sich das Bild plötzlich.

Unsere Gesellschaft als Ganzes hat Schwierigkeiten dabei, sich vorzustellen, dass Ereignisse mit einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit dennoch passieren. Die Wahrscheinlichkeit beträgt nicht null. Fukushima Daiichi hätte uns das lehren müssen. Die Magnitude des Erdbebens, die Höhe des Tsunamis, beides waren keine Phänomene, die man in einer Zeitspanne von 10 oder 50 Jahren erwarten musste – aber es ist dennoch passiert.

K.H.: Arnie, wenn wir also auch nur von einem Ereignis sprechen, das einmal alle 1.000 Jahre eintritt, dann mag das für einen einzigen Standort, für ein einziges Kraftwerk immer noch als vernachlässigbares Risiko erscheinen. Wenn man dieses Risiko aber für alle AKWs an all ihren unterschiedlichen Standorten ausmultipliziert, verändert das dann die Sachlage?

Arnie Gundersen: Ja natürlich, das ist der Knackpunkt. Es gibt zurzeit 440 AKWs weltweit, und wenn man daran glaubt, dass es zu einer nuklearen Renaissance kommen wird, dann wären es 2.000 oder sogar 3.000 in 20, 30 Jahren. Es hat sich also nicht die Eintrittswahrscheinlichkeit geän­dert, sondern die Anzahl von Anlagen, die betroffen sein könnten, hat sich dramatisch vergrößert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine aller dieser Anlagen da draußen von einem Erbeben betroffen ist, das dieses betriebsuntauglich wird – für uns heißt das, dass der Reaktorkern Schaden genom­men hat – steigt signifikant an.

Wenn es um diese Wahrscheinlichkeit eines durch ein Erdbeben beschädigten Reaktor­kerns geht, so befindet sich das riskanteste AKW des ganzen Landes keine 40 Kilometer nördlich von New York City, das AKW von Indian Point. Nachdem das AKW gebaut worden war, wurde eine tektonische Falte ein paar Kilometer nördlich entdeckt, und wenn diese Erdfalte ein Erdbeben aus­lösen würde, würde es wahrscheinlich zu einer Kernschmelze kommen.

Dr Les Kanat: Sprichst du von Indian Point 3, Arnie?

Arnie Gundersen: Ja. Indian Point 2 und 3 befinden sich in der gleichen Anlage.

Dr Les Kanat: Richtig. Die neuen seismischen Analysen, die wir durchgeführt haben, haben zu dem Ergebnis geführt, dass sich der Risikofaktor um 72% erhöht hat. Es schaut jetzt so aus, dass es eine Chance von 1 zu 10.000 gibt, dass dieses Kraftwerk zu einem Problem wird. Aus irgendei­nem Grund scheint diese Verhältniszahl die NRC in die Gänge zu bringen, ich weiß nicht, warum. Genau an dieser Grenzlinie befindet sich nun also dieses Werk, das das Gefährdetste im ganzen Land ist.

Wenn wir von Risiko reden, dann geht es immer um Wahrscheinlichkeiten und um Statistik. Wie benützen die selben Konzepte, wenn wir Überschwemmungen analysieren. Wenn man sich beispielsweise statistische Wahrscheinlichkeit ansieht – auch wenn ein Jahrhunderthochwasser nicht bedeutet, dass einmal in 100 Jahren so ein Hochwasser auftritt – so gibt es doch eine kleine, eine 1% Chance, dass es zu diesem Hochwasser kommt; und zwar in jedem beliebigen Jahr! Es gibt, wiederum rein statistisch gesehen, sogar eine 18% Wahrscheinlichkeit, dass 2 dieser Ereignis­se innerhalb eines Zyklus auftreten. Statistik kann also eine Reihe von unerwarteten Resultaten ausspucken. Aber nur weil die Zahlen vernachlässigbar wirken, heißt das nicht, dass wir sicher sind.

K.H.: Wenn wir also von einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000 sprechen, von welcher Zeitspanne reden wir da? 1 zu 10.000, ist das pro Jahr, oder pro Jahrzehnt? Wann stellt sich die Uhr wieder zurück?

Arnie Gundersen: Es ist eine Chance von 1 zu 10.000 pro Jahr. Diese Anlagen bleiben für 60 Jahre in Betrieb, daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Ereignis während der Betriebszeit ei­nes AKWs eintritt, wesentlich höher als 1 zu 10.000.

Dr Les Kanat: Die neue Vorsitzende der NRC, Alison Mcfarlane, eine Geologin, begreift sehr gut, dass die Einschätzung des Erdbebenrisikos durch die Atomindustrie unzureichend ist. Ich glau­be also, dass die NRC langsam aufwacht, was dieses Problem betrifft, aber es wird eine interessan­te Diskussion werden, zu besprechen, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen.

K.H.: Gehen wir zurück zu Arnie. Arnie, was ist deine Hauptkritikpunkt an der NRC, wenn es um Vorkehrungen zur Sicherheit bei Erdbeben geht?

Arnie Gundersen: Im Kern geht es wieder einmal darum, dass das Geheimnis in den Annah­men liegt, ich habe das ja schon früher in einer ganzen Anzahl von verschiedenen Bereichen ge­sagt. Was wird als das schlimmst-mögliche Erdbeben angenommen?

Wenn uns das Erbeben von Virginia noch einmal vor Augen führen: Das Kraftwerk wurde für ein Beben der Stärke 6 konzipiert, es hat einem Beben der Stärke 5,8 stand gehalten, und aller­seits ist man mit diesem Ergebnis sehr zufrieden. Als Ingenieur sage ich, es hat dem Ereignis stand gehalten, für das es ausgelegt war, was überhaupt nichts beweist.

Die eigentliche Frage ist, wenn es nun schon zu einem Beben der Stärke 5,8 gekommen ist, dann könnte während der Laufzeit dieses AKWs auch ein Beben der Stärke 6,5 auftreten – niedere Wahrscheinlichkeit, gewaltige Konsequenzen. Ich denke also, die NRC beschäftigt sich nur ungenü­gend mit diesen Ereignissen, die nur eine kleine Eintrittswahrscheinlichkeit, dafür umfassende Konsequenzen haben. Ob Tsunami-, Erdbeben– oder Sturmflutrisiken (etwa durch Wirbelstürme ausgelöst): sie haben die Scheuklappen auf. Menschen tun sich schwer damit, sich die schlimmst-mögliche Entwicklung vorzustellen, jedenfalls, wenn es über einen Zeitrahmen von 10 Jahren hin­ausgeht. Die NRC sitzt leider auch in genau dieser Falle.

K.H.: Wir haben eine große Anzahl von Emails zum Thema Fracking und Hydro­fracking erhalten, und Fragen, ob dies mit der Entstehung von Erdbeben in Zusammenhang stehen kann oder nicht. Wenn also Fracking zu Erdbeben führen kann – ich weiß es nicht –, müssen wir dann vorsichtig sein, ob wir so etwas in der Nähe von AKWs unternehmen? Les?

Dr Les Kanat: Fracking, auch hydraulisches Aufbrechen, verursacht Erdbeben. Die Industrie benutzt dieses Verfahren, um die Porosität, die Durchlässigkeit von verdichteten Gesteinsforma­tionen zu erhöhen, damit wir dann die Rohstoffe herausholen können.

Es wurde auch dazu verwendet, flüssigen Giftmüll zu entsorgen, indem wir tief in die Felsen hinunterbohren und das Gebräu dann hinunterpumpen, um es los zu werden: Auch das verursacht Erdbeben.

In einem Artikel, der erst kürzlich im Journal für Geologie erschienen ist, erst letzten Mo­nat, hat zum ersten Mal einen Zusammenhang mit der Injektion von Abwässern und Erdbeben hergestellt. Es wurde nachgewiesen, dass ein Erdbeben der Stärke 5,7 durch diese Einbringung ausgelöst wurde.

Fracking erzeugt also Beben. Bei Bohrungen geht es darum, dass wir auch gerichtete Boh­rungen vornehmen können: Wir können also ein paar hundert Meter in die Tiefe bohren und dann in seitlicher Richtung weitermachen – und zwar für mehrere Kilometer! Wenn nun also der Bohr­turm in einiger Distanz – wir reden ja von AKWs – vom Kraftwerk steht, so können Beben auch nä­her zum Kraftwerk auftreten, je nachdem, wie sich die eingespritzten Flüssigkeiten verteilen. Es ist also nicht nur Wasser, das da hinuntergepumpt wir, sondern eine ganze Anzahl an Chemikalien. Außerdem fügt man noch Sand dazu, um diese Aufbrüche auch offen zu halten.

In jedem Fall erzeugt Fracking Erdbeben und dessen sind wir uns auch bewusst. Das war uns schon seit Jahren bekannt.

Fracking (Quelle: Wikipedia)

Arnie Gundersen: Wir haben nun schon eine längere Geschichte von einer ganzen Serie von Erdbeben der Magnituden 3 bis 4 durch Fracking in Ohio, aber in Nebraska hatte eines die Stärke 5,7. 5,7 ist nun schon sehr, sehr nahe an der 5,8 in Virginia.

Dr Les Kanat: Arnie, das war kein Fracking in dem Sinne, dass man damit Brennstoffe extra­hieren wollte. Das ist ja der Grund, warum Fracking in diesem Land einen derartigen Boom erlebt. Das war eine dieser Abwasserentsorgungsbohrungen, von dem das Beben mit der Stärke 5,7 aus­ging.

Es gibt aber keine großen Unterschiede. Es ist der gleiche Vorgang in der Hinsicht, dass das Beben in Oklahoma, das mit der Stärke 5,7, eine Abwasserentsorgung ... Der wesentliche Unter­schied ist wahrscheinlich der Zweck, zu dem man die Flüssigkeiten in die Erde pumpt. Tun wir es deshalb, weil diese Flüssigkeiten zu giftig sind, als dass sie an der Oberfläche verbleiben können, oder Pumpen wir Flüssigkeiten hinunter, um das Gestein aufzubrechen, damit wir die Ressourcen herausfiltern können. In beiden Fällen aber erzeugt diese Einspritzung von Flüssigkeiten und Che­mikalien unter hohem Druck Erdbeben.

K.H.: Wir haben also von Erdbebenrisiken rund um Atomanlagen gesprochen und wie man den Reaktor und das Gebäude und all das schützen kann. Wie sieht es aber nun mit dem Erd­bebenrisiko beim Thema Lagerung der abgebrannten Brennelemente aus? Wie lagern wir über­haupt die alten Brennelemente? Ein AKW mag 40 bis 60 Jahre lang laufen, aber den Atommüll müssen wir noch viel länger lagern und bewachen. Wie schaut es mit dem Erdbebenrisiko aus, wenn wir von der Lagerung abgebrannter Brennelemente sprechen?

Dr Les Kanat: Der Umstand, dass abgebrannte Brennelemente sich an einem bestimmten Ort für lange Zeitabschnitte befinden werden, 100.000ende von Jahren, macht es wahrscheinli­cher, dass es in genau dieser Gegend zu einem einschneidenden Ereignis kommen wird. Wir kön­nen nicht einmal ein Gebäude errichten, das einhundert Jahre verlässlich überdauert, von dutzen­den Jahrtausenden ganz zu schweigen. Das Problem der Atommüllendlagerung ist weiterhin welt­weit nirgends gelöst.

Arnie Gundersen: Das ist das Thema, bei dem Dr Macfarlanes Wissen der NRC einiges zu bieten hat. Sie hat sich sehr klar dazu geäußert, dass die Auswahl von Yucca Mountain unter seis­mischen Gesichtspunkten eine wirklich schlechte Wahl darstellt. Hoffentlich wird Dr Macfarlane die Behörde in die Richtung bewegen, dass auch stabilere Formationen in Betracht gezogen wer­den.

Aber so sieht das Problem bei uns aus. Aber da ist dann etwa Japan mit 50 AKWs, also halb so vielen, wie in den USA, in einer der seismisch aktivsten Zone der Erde. Die Japaner scheinen an­zunehmen, dass sie ein Atommülllager einrichten können, aber sie haben noch nicht einmal den Auswahlprozess begonnen. Es besorgt mich, dass sie damit fortfahren, einen Riesenmüllberg zu produzieren, wenn sie 1.: noch keinen Ort für ein Endlager gefunden haben, und 2.: auch nicht ein­gestanden haben, dass sie den Atommüll in die Mongolei oder an einen ähnlichen Ort transportie­ren müssen. In Japan selbst gibt es aber nicht einen einzigen Flecken, der seismisch nicht aktiv ist.

Dr Les Kanat: Die Vorsitzende der NRC, Dr Macfarlane, hat öffentlich ausgesagt, dass sie glaubt, dass ein Endlager letztendlich realisiert werden kann. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich weiß, dass Finnland an einem Projekt arbeitet, aber dieser Aspekt, die sichere Endlagerung, dar­über könnte man mehrere Stunden diskutieren.

K.H.: Nun, ich bin mir sicher, dass wir Sie in der nahen Zukunft wieder bei uns in der Sendung haben werden, um genau das zu tun. Dr Les Kanat, vielen Dank für Ihr Kommen!

Dr Les Kanat: Es war mir ein Vergnügen.

K.H.: Danke auch dir Arnie, dass du mit dabei warst!

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin, und auch dir, Les!

K.H.: Und so beenden wir diese Ausgabe unserer Sendung. Sie können uns stets am Mittwoch wieder hören mit weiteren technischen Erörterungen und neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft. Besuchen Sie uns auch auf Facebook und begleiten sie uns auf Twitter. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Quelle: Nuclear Power and Earthquakes  http://fairewinds.org/content/nuclear-power-and-earthquakes   Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung auch in geänderter Form sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     April 2013 / v2

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27. März 2013


Heiße Luft

K.H.: Es ist Mittwoch, der 27. März 2013 und dies ist der Energy Education Pod­cast. Ich bin Kevin. Nach dem Unfall in Fukushima Daiichi hat Tokyo Electric (TEPCO) Ab­schätzungen der Cäsiumfreisetzung veröffentlicht. Cäsium ist eines der gefährlichsten und langle­bigsten Isotope, die bei einem Atomunfall freigesetzt werden können. TEPCOS Einschätzung des freigesetzten Cäsiums basierte auf der Annahme, dass die Radioaktivität durch Wasser herausgefil­tert wurde. Wir werden darüber sprechen, warum die Berechnungen zu freigesetztem Cäsium so wichtig sind und warum TEPCOS fehlerhafte Annahmen zu fehlerhaften Dosisberechnungen ge­führt haben. Heute wieder bei uns: Der Chefingenieur von Fairewinds, Arnie Gundersen, der uns die technischen Details der Freisetzungen in Fukushima auseinandersetzen wird.

Willkommen bei der Sendung, Arnie!

Arnie Gundersen: Hallo Kevin! Es ist sehr angenehm, wieder mit dabei sein zu können, nachdem mich ein grippaler Infekt außer Gefecht gesetzt hatte.

K.H.: Vor ca zwei Wochen, bevor dich die Grippe erwischt hat, warst du mit einer Präsentation in New York City bei einer Veranstaltung, die von Dr Helen Caldicott organisiert wur­de. Sie fand zum 2. Jahrestag der Katastrophe von Fukushima Daiichi statt und nannte sich: Die medizinischen und ökologischen Konsequenzen des Unfalls von Fukushima. Kannst du uns ein biss­chen etwas darüber erzählen?

Arnie Gundersen: Ja, sie fand in einer medizinischen Hochschule in New York City statt und wurde außerdem live im Internet übertragen. Das Auditorium war voll, mehr als 400 Leute waren dabei, aber, was noch wichtiger ist: 4.000 Menschen haben das Symposion im Livestream online mitverfolgt. Die Experten, die von der Helen Caldicott Foundation versammelt werden konnten, waren wirklich bemerkenswert. Der ehemalige Premierminister von Japan, Naoto Kan, hat die Konferenz eröffnet. Er war zur Zeit des Unfalls in Japan an der Regierung. Er war es auch, der TEP­CO dazu gezwungen hat, in der Anlage zu verbleiben. David Lochbaum von der Vereinigung be­sorgter Wissenschaftler hat gesprochen, und auch Akio Matsumura, der frühere japanische Bot­schafter.

Auch eine Gruppe von Wissenschaftlern kam umfassend zu Wort, etwa Tim Mousseau von der Universität South Carolina, der sich auf die Auswirkungen von Radioaktivität auf Tiere speziali­siert hat. Dr Steve Wing von der Universität North Carolina sprach über die Schwierigkeiten der Dosisabschätzungen, so wie die Japaner das versuchen. Es war eine lange Reihe von Schwerge­wichten auf ihrem Fachgebiet, und die Aufzeichnungen sind alle online abzurufen.

K.H.: Heute werden wir auf der Fairewinds-Website deine Präsentation als Video herausgeben, jeder unserer Gäste kann sich das Video herunterladen und neben der Power-Point Präsentation anschauen. Kannst du uns etwas über deine Präsentation sagen?

Arnie Gundersen: Ja. Wenn man sich das Ganze auf der Webseite der Caldicott Foundation ansieht, dann sieht man nur diese Power-Point Grafiken, mit meiner Stimme irgendwo im Hinter­grund. Was du daraus gemacht hast, ist wirklich beeindruckend. Du hast einerseits das Bild der Ka­mera, die auf mich gerichtet war, und auf der anderen Hälfte des Videos kann man die Grafiken mitverfolgen, und wir konnten das Ganze so synchronisieren, dass es auch zusammenpasst. Das macht die Sache viel klarer – aber vielleicht haben Sie sich die Grafiken ja auch schon angesehen.

Es ist wirklich eine wichtige Präsentation, sie dauert eine halbe Stunde lang. Das war nicht ganz einfach, denn es gibt eine Menge neuer Informationen über die Konsequenzen dieses Unfalls für die Einwohner von Japan und vieles findet man da draußen in den Massenmedien einfach nicht. Insgesamt gibt es nur wenige Nachrichtenquellen, die von den Informationen Kenntnis ha­ben, die ich veröffentlichen möchte.

K.H.: Wenn du also alle Zeit der Welt hättest, wie lange würde deine Präsentation dann dauern?

Arnie Gundersen: Nun, weitere 20 Minuten hätte ich ganz leicht füllen können …

K.H.: Ich habe mir also selbstverständlich die Präsentation angesehen, und es gibt da eine Power-Point Grafik, die dir ganz besonders am Herzen liegt: das ist Bild 67. Was sieht man auf Bild 67?

Arnie Gundersen: Ich glaube, das ist die wichtigste Information, die auf dieser Konferenz an die Öffentlichkeit kam. Es geht um die Frage, wie viel Cäsium beim Unfall von Fukushima in die Umwelt entwichen ist. Die Atomindustrie möchte alle glauben machen, dass das viele Wasser im Containment das Cäsium aufgenommen hat. Das Bild auf der Grafik Nummer 67 zeigt aber ganz klar, dass dies nicht der Fall gewesen sein kann.

Es handelt sich um eine etwas verschwommene Infrarot-Aufnahme, auf der man das Kraft­werkgebäude #3 von oben betrachtet. An einem Eck sieht man das Abklingbecken, aber dort fin­det der Unfall nicht statt. Der kritische Punkt liegt mehr in der Mitte des Fotos: und dieser Flecken zeigt eine Temperatur von 128° Celsius. Das ist höher als der Siedepunkt von Wasser.

Ich muss nun ein bisschen ausholen und über Wasser am Siedepunkt sprechen, um das Ganze verständlicher zu machen. TEPCO, die derzeitige japanische Regierung und die ganze Ge­meinschaft von Wissenschaftstreibenden behaupten, dass nur 1% des Cäsiums, das freigesetzt werden konnte, tatsächlich auch freigesetzt wurde. Das Geheimnis liegt wieder einmal in den ge­troffenen Annahmen, die da benutzt werden.

Cäsium ist das unangenehmste aller Elemente, die da freigesetzt wurden – aber beileibe nicht das einzige. Das widerwärtigste also. Ich habe es in Tokio gefunden, man kann es nun auf der ganzen Erde nachweisen. Es ist das vorherrschende Isotop.

Ich glaube, dass möglicherweise 10% bis 20% des gesamten Cäsiums freigesetzt wurden, und ich habe auch den Beweis dafür.

K.H.: Du stimmst also nicht überein mit TEPCO, wenn es um die Menge an Cäsium geht, die freigesetzt wurde?

Arnie Gundersen: Ja, auf jeden Fall. Es betrifft auch direkt die öffentliche Gesundheit: wie hoch wurde die japanische Bevölkerung belastet und wie viele Menschen werden sterben?

K.H.: Welche Argumente werden von TEPCO angeführt, um ihre Abschätzung an freigesetztem Cäsium zu begründen?

Arnie Gundersen: Es gibt eine Menge veralteter wissenschaftlicher Belege: wenn man hei­ße Cäsium-Gase hat und diese durch Dampf leitet, kommt nur 1% des Cäsiums durch, das heißt, es funktioniert wie eine Filterung. Wir nennen das einen DF, einen Dekontaminationsfaktor von 100. TEPCO versteckt sich hinter all diesen uralten Versuchen, die zeigen, dass Cäsium, wenn man es durch Wasser leitet, von diesem eingefangen wird. Daraus schlossen sie, dass die Leute in der Um­gebung wohl sicher sind und dass es nichts ausmacht, wenn ein Containment undicht ist.

K.H.: TEPCO sagt also, dass das Containment zum Zeitpunkt des Unfalls mit Was­ser gefüllt war.

Arnie Gundersen: Ja. TEPCO glaubt, dass immer Wasser im Containment war. Das Bild 67 zeigt aber, dass dies nicht der Fall war. Es geht hier auch nicht um eine Meinung, sondern ganz schlicht um Naturgesetze.

K.H.: Warum also kann das nicht so gewesen sein?

Arnie Gundersen: Wenn man eine Pfanne nimmt und [Wasser darin] erhitzt, dann wird man kleine Bläschen sehen, die vom Boden aufsteigen; das nennt man Keimsieden. Wenn die Bla­sen dann größer werden, nennt man das den Filmsiedeabstand. Wenn dann das ganze Wasser hef­tig siedet, so nennt man das wallend kochen. Alle diese Vorgänge finden aber statt, wenn das Wasser bei 100° ist – am Siedepunkt. Wasser kann jedoch auf unserem Planeten nicht über die 100° hinauskommen, es sei denn, wir setzen außergewöhnlichen Druck ein. Wenn man aber eine Pfanne hat, die schon rot glüht, und man schüttet dann Wasser drauf, wird sich das Wasser nur auf 100° erhitzen und dann zu Dampf werden.

Nun kommen wir zum Bild 67. Dieses Foto zeigt ein Hitzehalo genau dort, wo das Contain­ment sein sollte. Es treten Gase mit einer Temperatur von 128° C aus. Das kann also kein Wasser­dampf sein, denn Wasserdampf kann nicht heißer werden als 100°. Die Temperaturdifferenz be­deutet, dass es sich um heißes Cäsiumgas handelt, das noch neun Tage nach dem Unfall aus dem Containment quillt.

K.H.: Wasser kocht also bei 100° C, das entspricht 212° Fahrenheit, nur zur Klä­rung.

Arnie Gundersen: Richtig.

K.H.: Wasser kocht bei 100° und es kann darüber nicht als Dampf auftreten. Die Temperatur, die auf diesen Bildern von TEPCO angezeigt wird, ist aber tatsächlich bei diesen aus­strömenden Gasen höher.

Arnie Gundersen: Genau. Das aber bedeutet wiederum, dass kein flüssiges Wasser im Con­tainment sein kann. Wenn aber kein Wasser im Containment ist, dann gibt es auch kein Einfangen von Cäsium. Was also auch immer an Cäsium in diesem Containment war, leckte nun nach drau­ßen.

Es gibt noch ein Bild in dieser Präsentation, auf dem TEPCO sagt, dass das Containment mit 300% pro Tag leckt. Was auch immer an radioaktiven Gasen in diesen Containment war, wurde in­nerhalb von 8 Stunden ausgestoßen und erzeugte diese Hitzespur.

Nun, das verändert die die Ausgangssituation ganz eklatant. Statt 1 % wurden wahrschein­lich 20% oder 30% freigesetzt. Das ist dann mit Tschernobyl unmittelbar vergleichbar. Ich habe auch immer schon gesagt, dass der Unfall von Fukushima sehr gut mit dem Unfall von Tschernobyl verglichen werden kann. Wir wissen jedenfalls mit Bestimmtheit, dass die Freisetzung von Edelga­sen in Fukushima 3 Mal so hoch war wie in Tschernobyl. Darüber rede ich ganz ausführlich in mei­ner Präsentation und ich möchte heute nicht weiter darauf eingehen.

Die Japaner haben das aber nicht gemessen, und so wurden die Gase zerstreut, daher sind sie wegen dieser Belastung der Menschen nicht beunruhigt. Wenn man sich die Cäsiumbelastung der Menschen heute anschaut, dann versuchen sie zu behaupten, dass nur 1% des Cäsiums freige­setzt wurde, denn das haben die alten Versuche gezeigt. Nun, diese uralten Experimente kann man mit Bild 67 nicht vergleichen, dem Infrarot-Foto. Dieses Infrarotbild zeigt, wie heiße, radioak­tive Gase direkt in die Atmosphäre freigesetzt werden, neun Tage nach dem Unfall.

Das ist eine wirklich wichtige Entdeckung, und ich hoffe, dass die Leute, die mit Dosisein­schätzungen zu tun haben, verstehen, dass sie es nicht mit einem Containment zu tun haben, das mit Wasser gefüllt ist. Sie haben es mit einem Containment zu tun, das mit heißem Gas gefüllt ist.

K.H.: Es geht also um Dampfblasen, soweit ich das verstanden habe, und du bist ein Experte auf diesem Gebiet, Dampfblasen.

Arnie Gundersen: Nun, wenn du ein Atomingenieur bist, dann musst du eine Prüfung zum Thema Blasenbildung ablegen. Ja, ich habe diesen im Lehrplan relativ wichtigen Kurs besucht und zugesehen, wie Dampfblasen entstehen. Die verschiedenen Arten, wie Wasser sieden kann, wur­den mir richtiggehend eingehämmert.

Das andere Thema, mit dem ich dich tödlich langweilen könnte, sind die Dampfschwaden aus Kühltürmen.

K.H.: Du weißt also, wann und wo es zur Dampfbildung kommen kann.

Arnie Gundersen: Das stimmt. Wir reden also nicht über irgendetwas, das unter rein wis­senschaftlichen Gesichtspunkten kontroversiell sein könnte, hier geht es einfach nur um Physik. Das ist Stoff, wie ihn Abiturienten und Studenten in ihren Anfangskursen lernen müssen. Es gibt kein Wasser jenseits von 100° C, und dieses Foto auf Bild 67 zeigt, dass irgend etwas hoch Erhitztes aus diesem Containment austritt. Es ist heißes, radioaktives Cäsiumgas.

K.H.: TEPCO argumentiert nun, dass das Wasser innerhalb des Reaktors das Cäsi­um ausgewaschen hat.

Arnie Gundersen: Richtig. Sie sagen auch, dass alles, was du da über dem Reaktor siehst, Dampf ist. Es kann aber kein Dampf sein, es muss sich um Cäsium handeln.

K.H.: Wir sprechen also über die Prozentzahl, den Anteil an Cäsium, der aus dem Reaktor freigesetzt wurde. Du hast da also eine andere Ansicht als TEPCO, aber wenn du am Ende recht behältst, was bedeutet das für die Menschen, auf welche Dosiswerte müssen sich die Men­schen in Japan gefasst machen?

Arnie Gundersen: Ja. Ich kann schon verstehen, dass es den meisten Japanern ganz egal ist, wie hoch nun die tatsächliche Dosis eigentlich war, aber sie würden sich brennend dafür interes­sieren, wie hoch die Belastung ihres Sohnes oder ihrer Tochter ausfiel. Es heißt also, dass die Cäsi­umdosis, mit der die IAEO und die japanische Regierung rechnen, viel zu niedrig ausfällt.

Vor hatten vor ein paar Wochen einen Anruf von einem Wissenschaftler, der über seine Ar­beit mit japanischen Kollegen sprach. Sie haben ganz bewusst die Strahlenmenge, die sie gemes­sen haben, zu niedrig berechnet, und zwar um eine Zehnerpotenz zu niedrig. Sein Instrument zeig­te die zehnfache Strahlenmenge wie dasjenige seines Kollegen direkt daneben. Als wir sie darauf angesprochen haben, sagten sie, ein Draht wäre locker gewesen. Es war natürlich kein lockerer Draht. Es geht hier um systematisches Vorgehen des japanischen Atomestablishments zurzeit, dass die Dosen zu niedrig eingeschätzt werden. Wenn man aber unterschätzt, was man misst, dann benötigt man eine theoretische Begründung, die diese Beobachtungen stützt. Um dies zu er­reichen, brauchten die Japaner nur zu sagen: „All das Cäsium ist immer noch im Reaktor, es wurde nur 1% freigesetzt.“ Aber in Wahrheit ist viel mehr freigesetzt worden, und meine Annahme der Freisetzungsrate passt viel besser zu den Belastungen, denen die Menschen in Japan in der Reali­tät ausgesetzt waren.

Die IAEO sagt, dass 100 Menschen wegen diesem Unfall sterben werden. Ich glaube, dass es 1000 Mal mehr sein werden; der Unterschied [dieser konträren Resultate] liegt in den Annah­men. Aber ich glaube, dass meine Annahmen durch die Daten, die draußen vor Ort gewonnen werden, viel besser unterstützt werden und dass die IAEA sich hinter irgendwelchen alten Versu­chen versteckt.

K.H.: Arnie, mein Lieblingsbild ist die Nummer 75 deiner Präsentation.

Es ist ein Foto von Tokio. Warum ist es Teil deiner Präsentation?

Arnie Gundersen: Ja, es ist ein prächtiges Bild der Stadt bei Nacht. Rechts sieht man übri­gens den TEPCO-Turm, aber davon wollen wir jetzt nicht sprechen.

In erster Line ist es ein wundervolles Foto, es zeigt auch die Lebensenergie von Tokio. Die Stadt Tokio mit ihren umliegenden Randbezirken beherbergt 35 Millionen Menschen. Da ist dann aber Naoto Kan am Beginn dieser Konferenz, der davon spricht, dass die Existenz Japans als unab­hängiger Staat in Gefahr war.

Der Punkt, den ich mit meiner gesamten Präsentation machen will, ist der, dass an einem gewissen Punkt die Risiken, die eine Technologie mit sich bringt, nicht mehr vertretbar sind. Das ist es, was der Unfall von Daiichi uns gezeigt hat, denke ich. Wenn wir das nächste Mal wieder eine große Stadt wie Tokio in Gefahr bringen, dann werden wir früher oder später einmal Pech haben. Wenn wir auch bei Fukushima Daiichi knapp daran vorbeigeschrammt sind, so wird es den nächs­ten kritischen Vorfall geben, wenn wir jetzt nicht die Pferde wechseln.

K.H.: Arnie Gundersen, danke für deine Teilnahme.

Arnie Gundersen: Danke für die Einladung, Kevin.

K.H.: Und so beenden wir diese Ausgabe unserer Sendung. Sie können uns stets am Mittwoch wieder hören mit weiteren technischen Erörterungen und neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft. Besuchen Sie uns auch auf Facebook und begleiten Sie uns auf Twitter. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Quelle: Hot Air   http://www.fairewinds.org/hot-air/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung auch in geänderter Form sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at    April 2013 / v1

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24. Februar 2013

Die vergessene Katastrophe:

Fukushima zwei Jahre nach dem Unfall


K.H.: Es ist Sonntag, der 24. Februar 2013, und dies ist der Energy Education Pod­cast. Ich bin Kevin. Heute begrüßen wir Dr Helen Caldicott in unserer Sendung, um das be­vorstehende Symposion zu besprechen, das in New York zum 2. Jahrestag der dreifachen Kern­schmelze in Fukushima Daiichi abgehalten wird. Dr Caldicott ist uns via Skype zugeschaltet, um uns eine Vorschau über das Symposion zu geben und einige der aktuellen Themen anzudiskutieren.

Ich möchte also damit beginnen, Dr Helen Caldicott zu unserer Sendung herzlich zu begrü­ßen: Helen, es ist uns eine Ehre!

Dr Helen Caldicott: Vielen Dank!

K.H.: Und natürlich Arnie Gundersen; danke, dass du wieder dabei bist.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin! Hallo Helen!

Dr Helen Caldicott: Hallo Arnie!

K.H.: Und Maggie Gundersen ist auch bei uns.

Maggie Gundersen: Danke Kevin; es ist eine Freude, mit dabei zu sein.

K.H.: Na dann los. Fangen wir mit dir an, Helen. Soweit ich informiert bin, bist du noch in Australien.

Dr Helen Caldicott: Ja, ich bin in Australien. Ich werde Ende nächster Woche abreisen, am 2. März. Zuerst geht es nach Seattle, dann gibt es Arbeit in Los Angeles, dort werde ich einen Vor­trag halten und Medien treffen und am 10. fliege ich dann nach New York, um alles für das Sympo­sion vorzubereiten, das am 11. und 12. März an der New Yorker Akademie für Medizin stattfindet.

K.H.: Dieses Symposion hat die medizinischen und ökologischen Folgen der Kata­strophe von Fukushima zum Thema. Es findet am 11. und 12. März an der New Yorker Akademie für Medizin statt. Helen, kannst du uns ein bisschen mehr über dieses Symposion erzählen?

Dr Helen Caldicott: Ja. Es ist mir gelungen, eine ganz außerordentliche Gruppe von Leuten aus allen Teilen der Welt zusammenzubringen: einen führenden Fachmann aus Polen [Dr. Marek Niedziela], dessen Spezialgebiet Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern ist. Das ist äußerst wichtig, denn es wurden ungefähr 100.000 Kinder in der Präfektur von Fukushima untersucht und bei ca 40% von ihnen wurden Probleme gefunden. Bei den Ultraschalluntersuchungen wurden Zysten und Knoten entdeckt, von denen drei bereits als Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurden: nur zwei Jahre nach dem Unfall. In sieben weiteren Fällen wird Krebs vermutet. Das alles ist sehr merk­würdig, denn in Tschernobyl hat es fünf Jahre gebraucht, bis es mit den Krebsfällen dann losging.

Die Kinder wurden wahrscheinlich mit einer besonders hohen Dosis belastet, hauptsächlich durch radioaktives Iod und wahrscheinlich auch Cäsium-137, das sich gleichfalls in der Schilddrüse anreichert.

Wir haben einen hervorragenden Evolutionsbiologen, Timothy Mousseau, der in den Sperr­gebieten von Fukushima und Tschernobyl unterwegs war, zu seinem eigenen … er hat damit seine eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt, denn es sind hoch verstrahlte Gebiete.

Er hat sich Vögel, Insekten und Pflanzen in diesen Gebieten angesehen und sehr auffällige Mutationen und Abnormitäten bei diesen Arten gefunden, speziell bei den Vögeln. Er fand Fälle von Gehirnschwund, viele der männlichen Vögel sind steril, die Schnäbel sind oft schief und es zei­gen sich weiße Federn, was auf Mutationen hinweist. Des Weiteren wurden merkwürdige Flügel- und Schwanzformen beobachtet.

In der Medizin werden diese Daten nachfolgend auf den Menschen umgelegt; so bestim­men wir, ob ein Medikament unbedenklich ist und Ähnliches. Diese Untersuchung von Herrn Mousseau ist also sehr, sehr wertvoll. Sie wird letztendlich die von der IAEO (Internationalen Atomenergie Organisation) und allen vergleichbaren Vereinigungen propagierten Standards der Strahlenbiologie völlig neu bewerten und umkrempeln. Das ist also extrem wichtig.

Außerdem haben wir Dr Wertelecki, der ein Dorf nahe Tschernobyl untersucht hat. Schon seit Jahrhunderten haben Menschen dort gelebt und sie essen ihre eigenen Nahrungsmittel: Bee­ren, Pilze und so weiter. Die Körper dieser Dorfbewohner sind voller Cäsium-137, das auch in Fu­kushima in großen Mengen ausgetreten ist. Das Vorkommen von schweren Erbschäden ist dort besonders hoch: siamesische Zwillinge, Babys, die ohne Gehirn zur Welt kommen, Anenzephalie [angeborenes Fehlen des Gehirns, AmÜ], Fehlentwicklungen des Nervensystems wie Spina bifida [Spaltbildung der Wirbelsäule, AmÜ], fehlende Augäpfel usw. Seine Arbeit ist wirklich ... er ist da­mit genau dort, wo das Wissen heute steht. Diese Missbildungen werden nach unserer Vorhersage sehr wahrscheinlich auch in Fukushima auftreten.

Wir haben auch einen wundervollen Russen, Alexei Jablokov, der 5.000 russische Studien über die Entwicklung in Europa und Russland nach Tschernobyl zusammengeführt hat: ein außer­gewöhnlicher Bericht, der von der Russischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wur­de. Er belegt, dass bis jetzt wahrscheinlich mehr als eine Million Menschen wegen Tschernobyl ge­storben sind – aber das wird nie thematisiert.

Arnie Gundersen: Helen, auf der Fairewinds-Site bekommen wir von Leuten überall im Nor­den Japans immer wieder einzelne Hinweise. Erst letzte Woche bekamen wir eine E-Mail von einer Frau, deren zwei Schwestern schwanger waren. Eines der Kinder kam missgebildet zur Welt, die andern zwei starben noch im Mutterleib. Sie waren zur Zeit das Unfalls schwanger gewesen, sie hatten einen metallischen Geschmack im Mund und all diese Dinge.

Mich beunruhigt, dass die japanische Regierung all dies nicht entsprechend aufzeichnet. Es ist das gleiche Problem, das auch Jablokov in der Ukraine hatte.

Dr Helen Caldicott: Ja. Die japanische Regierung ist tatsächlich – sie stecken den Kopf in den Sand, würde ich sagen. Sie vertuschen den Unfall sogar noch schlimmer, als es die russische Regierung getan hat. Die russische Regierung hat die Kernschmelze zehn Tage lang nicht zugege­ben und fünf Jahre lang haben sie die Opfer gar nicht untersucht. Stattdessen wurden viele Nach­weise, medizinische Nachweise über das, was da vorging, einfach abgestritten. Aber zumindest ha­ben sie die Leute fast sofort evakuiert. Die japanische Regierung hat das praktisch nicht gemacht. Kinder leben auch jetzt noch in Gegenden mit einer sehr hohen Radioaktivität. In der Tat ist es so, wie du, Arnie, weißt und auch nachgemessen hast, dass es Plätze mit sehr hoher Radioaktivität in Tokio selbst gibt. Die Leute leben in Wohnungen mit radioaktivem Staub und dergleichen.

Ich war in Japan und habe mit den Leuten gesprochen und sie wollten geradezu verzweifelt die Wahrheit hören – auch wenn diese bedrohlich ist. Sie wollen die Fakten darüber hören, was Strahlung anrichten kann, besonders, wenn Kinder betroffen sind, die ganz besonders gefährdet sind.

Es raubt mir den Atem, ich habe noch nie etwas so Abscheuliches in den 40, 50 Jahren, in denen ich nun Ärztin bin, gesehen – wie Menschen, die in großen Gefahr schweben, derart allein gelassen werden.

Arnie Gundersen: Etwas, das mir aufgefallen ist: Wenn ich die Diagramme anschaue, die Filme über den Unfall, so sieht man, dass die Abluftfahne am Boden vorrückt. Das war in Tscherno­byl nicht der Fall. Tschernobyl brannte, die Luft wurde nach oben gerissen. Natürlich gab es noch weitere dramatische Unterschiede: Tschernobyl ist von Land umgeben, glücklicherweise liegt Fu­kushima am Meer. Aber in Fukushima ist die Abluftfahne nach unten gerichtet ein wohlbekann­ter Effekt, wenn Gebäude Strömungen verwirbeln. Ich nehme also an, dass die Belastungen in der Nähe – und damit meine ich in einem Abstand bis zu 20, 30, 40 km – sogar höher sein werden als in Tschernobyl. Alle Schlote und andere Konstruktionselemente, welche die Radioaktivität in höhe­re Luftschichten hätten verbringen sollten, waren ja funktionsuntüchtig, da es keine Elektrizität gab, um die Ventilatoren anzutreiben.

Dr Helen Caldicott: Das ist sehr interessant.

Arnie Gundersen: Nun, du wirst dir meinen Vortrag anhören müssen.

Dr Helen Caldicott: Freilich, Arnie wird auch auf dem Symposion sprechen.

Als Ersten haben wir den früheren Premierminister Naoto Kan für die Eröffnung. Er war zum damaligen Zeitpunkt wirklich unter enormem Druck, er begab sich schnellstmöglich zu den Reaktoren in Fukushima, als er dachte, dass TEPCO die Arbeiter aus der Anlage abziehen wollte. Er sagte, dass sie nicht gehen dürfen, denn das wäre schrecklich gewesen. Er wird darüber sprechen, wie es sich damals anfühlte, Premierminister zu sein. Danach wird ein japanischer Atomingenieur sprechen, eine weitere Person, die das Ereignis äußerst beunruhigt hat, Dr Koide. Und danach wird auch Arnie sprechen, der die ganze Zeit über an vorderster Front stand, wenn es darum ging, die­sen Unfall zu erörtern.

Ein anderer großartiger Atomtechniker, David Lochbaum von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler, wird auch sprechen und erläutern, wie der Unfall zustande kam und was dieser sowohl für Japan als auch für die Vereinigten Staaten bedeutet. Ich glaube, du und David, ihr koor­diniert eure Vorträge, oder?

Arnie Gundersen: Ja, es wird keine Überschneidungen geben. Mein Fokus wird darauf lie­gen, dass es sich hier um eine Zeitbombe handelt, die in den 70er Jahren gestartet wurde – über die Probleme, die das Kraftwerk bereits an dem Tag hatte, als es hochgefahren wurde. Es war also ein Unfall, bei dem man darauf warten konnte, dass er passiert. Dann werde ich noch über die Freisetzung von Strahlung sprechen.

Dave wird referieren, wie Berichte in den 70ern, 80ern und 90ern all die Probleme voraus­gesehen haben. Ich glaube also, dass diese zwei technischen Untersuchungen gut laufen werden und den Evolutionsbiologen und den Dosis-Leuten, die später sprechen, eine gute Basis liefern werden.

K.H.: Ich dachte mir schon, dass der Umstand, euch beide in der Sendung zu ha­ben, mir nur selten sie Chance lassen wird, auch ein Wort zu sagen; aber kommen wir kurz noch einmal auf dich zurück, Helen. Sag, was motiviert dich, all dies zu machen? Du hast bereits eine ganze Weile an diesem Thema gearbeitet, was bewegt dich dabei so?

Dr Helen Caldicott: Der Grund, warum ich mich entschlossen habe, dies alles zu tun, ist, dass ich den Unfall mit angesehen und mir gedacht habe: „Oh mein Gott, das ist das Schlimmste, was jemals passiert ist! Jemals!“ Ich habe das auch nachkontrolliert, habe mir die schlimmsten In­dustrieunfälle, die jemals passiert sind, angesehen. Es ist irreparabel, die Strahlung in der Gegend kann nicht entsorgt werden. Aber das Wichtige ist: Es braucht normalerweise fünf Jahre, bis Leuk­ämie und Krebsfälle nach Strahlenbelastung auftritt. So oft aber wurde ich interviewt und ich bin sicher, dass es Arnie ganz gleich erging wurde ich also von anmaßenden Journalisten interviewt, die dann gesagt haben: „Aber es ist ja niemand gestorben.“ Das hat mich wirklich aufgebracht, denn wir erwarten auch nicht, dass jetzt schon jemand gestorben ist. Man stirbt [so­fort], wenn man eine gigantische Strahlendosis abbekommt, wie zB bei einer Atombombe. Diese Leute hinge­gen wurden keiner derart hohen Belastung ausgesetzt, aber sie essen ununterbrochen kontami­nierte Nahrung.

Ich war also äußerst frustriert von der medialen Behandlung des Themas und nun ist sie überhaupt eingeschlafen – dabei geht der Unfall weiter! Immer noch werden gewaltige Mengen an Strahlung in den Pazifik und in die Luft freigesetzt, die Strahlung ist in der Nahrung usw. Ich möchte also die Medien unterrichten, die nationalen und internationalen Medien, sie über Strah­lenbiologie aufklären, wie Strahlung Krebs und andere Abnormitäten verursacht, dem sich entwi­ckelnden Fötus schadet – damit sie anfangen zu verstehen, warum dies alles so schwerwiegend ist und dass die Grundbausteine des Lebens betroffen sind: die Gene in den Ei- und Spermazellen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Dieser Unfall hört also nicht nur niemals auf, sondern die Auswirkungen auf zukünftige Ge­nerationen durch die erhebliche Vermehrung von Krankheiten, welche auf Gendefekten basieren (es gibt über 2000), werden enorm sein. Das betrifft auch nicht nur den Menschen. Alle Pflanzen, alle Tiere besitzen Gene. Ich möchte also, dass die Menschen aus einem biologischen Blickwinkel heraus verstehen, was hier vor sich geht.

Daraus sollte man Schlussfolgerungen für die Reaktoren, speziell in Amerika, ziehen kön­nen, die Unsummen an radioaktivem Müll produzieren. Man muss also nicht einmal einen Unfall betrachten, um den genetischen Effekt für nachfolgende Generationen sehen zu können, falls die­ser radioaktive Müll undicht wird und in die Nahrungskette kommt.

Deshalb bin ich als Ärztin, speziell als Kinderärztin, so besorgt, denn Kinder sind besonders gefährdet, sie reagieren auf Strahlung besonders empfindlich. Für diese künftigen Generationen habe ich das Symposion organisiert.

Arnie Gundersen: Weißt du, Helen, als ich Gutachter für Three Mile Island war, musste ich meiner Regierung dabei zusehen, wie sie einen Unfall in den USA vertuschte, der wahrscheinlich 100 mal kleiner war als der von Fukushima Daiichi. Als ich dann den Unfall vom 11. März vor zwei Jahren miterlebt habe, als sie extra Batterien anforderten, da wusste ich, dass eine Kernschmelze im Gange war – also gleich am ersten Tag.

Ich habe mir vorgenommen, dass dieser Ablauf nicht wieder vertuscht werden kann, wie damals in Three Mile Island und Tschernobyl. Der große Unterschied zu damals ist natürlich, dass Bürger auf der ganzen Welt nun Zugang zum Internet haben, so können wir Information bei den Bürgern selbst einholen, trotz aller Bestrebungen der Regierungen, den Informationsfluss zu be­schränken. Dein Symposion ist nun eine Gelegenheit mehr, die Menschen in Japan wissen zu las­sen, dass ihre Erfahrungen und Gefühle gehört werden: der metallische Geschmack im Mund, die Krankheiten, das Nasenbluten usw – das ist nicht etwas, das nur in deinem Hirn abläuft, sondern das ist im Gegenteil eine erklärbare physiologische Reaktion, die aber von deiner Regierung nicht angesprochen wird.

Ich bin also froh darüber, dass du das machst. Die Japaner müssen wissen, dass es hier nicht um eine psychologische Angelegenheit geht. Dies sind ganz reale physiologische Wirkungen, die durch reale physiologische Belastungen erzeugt wurden.

Dr Helen Caldicott: Nun, wie du weißt, Arnie, hat das die Atomindustrie immer so gemacht: Wenn die Leute Symptome von Vergiftungen durch Strahleneinwirkung bekommen, dann sagen sie, das sei psychologisch bedingt, weil man gestresst ist. Ein Doktor hat sogar behauptet – es war der Mediziner, der für die Aufnahme aller Befunde in der Region von Fukushima zuständig war: „Wenn Sie lächeln, dann wird es Ihnen besser gehen! Die Strahlung wird Ihnen nichts tun.“ […] Das ist einfach nur obszön.

Nasenblut entsteht, wenn man einer ziemlich hohen Stahlendosis ausgesetzt ist. Eine Reihe von Kindern bekam Nasenbluten. Das ist, weil die Blutplättchen im Knochenmark angegriffen wer­den, die für die Blutgerinnung verantwortlich sind. Wenn die Blutplättchen also nicht zahlreich ge­nug sind, um die Blutgerinnung einzuleiten, dann bekommen die Leute Nasenbluten. Auch die Ein­geweide – der gesamte Magen-Darm-Trakt – sind betroffen. Es kann große Übelkeit verursacht wer­den […], Durchfall kann entstehen; und auch das ist einigen Leuten zugestoßen. Eine ganze An­zahl von Menschen sprachen davon, dass sie von Haarausfall betroffen sind – auch das ein Anzei­chen für hohe Strahlenbelastung. Weil sich teilende Zellen von der Strahlung abgetötet werden, die Haarzellen, die Zellen in den Eingeweiden und die Blutzellen.

Diesen Leuten also zu erzählen, ihre Symptome wären psychologisch bedingt ... Es ist, wie wenn man einem Krebspatienten sagt: „Schau, das bildest du dir alles nur ein. Du hast keine Meta­stasen in deinen Knochen oder in deinem Hirn du bildest dir das alles nur ein.“ Das ist Scharlata­nerie!

Arnie Gundersen: Etwas, das meine Aufmerksamkeit bereits recht früh erregt hat, war, als man das kleine ferngesteuerte Modellflugzeug über dem Reaktor losschickte, um Aufnahmen zu machen, da sagte ich mir bereits: „Ich hätte gerne den Luftfilter von diesem Miniaturflugzeug.“ Denn der Luftfilter würde uns alles erzählen. Er würde aufzeigen, was dieser Motor eingesaugt hat. Fairewinds und Safecast haben also bekannt gemacht, dass wir an Luftfiltern interessiert sind. Diese haben wir dann zur Analyse an Marco Kaltofen geschickt. Diese Luftfilter sind voll mit heißen Partikeln, mit Cäsium und anderen Isotopen. Nun, wenn die Luftfilter es „eingeatmet“ haben, dann kann man sicher sein, dass die Kinder, die in den Straßen herumlaufen, und ihre Eltern es auch eingeatmet haben.

Ich bin also ziemlich beunruhigt, mein Dank aber geht an Safecast und Marco Kaltofen für die Analysearbeit, diese Luftfilter zu untersuchen.

Dr Helen Caldicott: Ja. Weißt du, Wissenschaft ist in unserer Zeit so kompliziert geworden, selbst in meinem kleinen Spezialgebiet, der Mukoviszidose bei Kindern, konnte ich die ganze neue Fachliteratur einfach nicht mehr sichten, ganz zu schweigen von den Publikationen zum Fachgebiet der Kinderheilkunde insgesamt das heißt: die Wissenschaft lässt die Menschen hinter sich zu­rück, sie verstehen die genetischen und carcinogenen Implikationen von Atomenergie einfach nicht. Es ist fast so, als ob die ganze Welt ein Medizinstudium machen müsste, um darüber inform­iert zu werden. Aber weißt du, ich habe sechs Jahre studiert, gefolgt von drei Jahren Fachausbild­ung, es braucht also eine lange Zeit, bis man das alles gelernt hat, aber es ist doch einfach ge­nug für einen Arzt zu erklären, was Strahlung bedeutet. Vor allem Journalisten müssen Bescheid wis­sen, denn in Wahrheit sind es die Medien, die das Schicksal dieser Welt bestimmen werden.

Ich gehe immer darauf zurück, was Präsident Jefferson gesagt hat: „Eine informierte Demo­kratie wird sich verantwortungsbewusst verhalten.“ Wenn man eine Demokratie wie in Amerika hat, die von den Wissenschaften und der Medizin in dieser hoch technologisierten Zeit nichts versteht, und wenn es dann noch Politiker gibt, die keine Ahnung von der Wissenschaft haben, was kommt dann heraus? Man ist in der Hand der Konzerne. Diese können jede Menge Geld machen, indem sie schreckliche Dinge aufführen.

Arnie Gundersen: Helen, konntest du Marco Kaltofen als Sprecher gewinnen?

Dr Helen Caldicott: Ja, Marco Kaltofen wird 15 Minuten lang sprechen, um seine wichtige Arbeit vorzustellen, das Messen dieser Filter und was er gefunden hat, sowohl in Japan als auch in den Vereinigten Staaten. Er wird also sprechen, das ist sehr gut.

K.H.: Gehen wir nun noch zu Maggie Gundersen. Maggie, könntest du uns noch ein bisschen was zu diesem Symposion sagen? Ich weiß, du bist gerade bei der Sichtung des Pro­gramms. Was ist alles geplant?

Maggie Gundersen: Wenn ich mir das ganze Symposion im Internet anschaue – die Leute können zur Helen Caldicott Foundation gehen oder Nuclear Free Planet [.org] oder der Site des Symposions (http://nuclearfreeplanet.org/symposium.html) und sich ganz genau anschauen, was wann stattfindet.

Es ist eine verblüffende Konferenz mit einer ganzen Reihe von Vortragenden. Es gibt ver­schiedene Programmteile: Sitzung I ist der Beschreibung und Analyse des Unfalls gewidmet, Sit­zung II behandelt die medizinischen und ökologischen Folgen, Sitzung III beschäftigt sich sowohl mit den medizinischen Folgen von Tschernobyl als auch mit der Katastrophe von Fukushima Daiichi und was diese für die USA bedeuten und zum Abschluss wird die Abfallproblematik aufgenommen.

Du hast eine wunderbare Arbeit vollbracht, wie du das alles geplant hast, und ich war sehr ermutigt, ja berührt, von deinem Statement, dass die Wissenschaft die Menschen hinter sich zu­rücklässt. Dies ist nun eine Möglichkeit für die Menschen, die zugrunde liegende Wissenschaft kennenzulernen. Wenn Sie am 11. und 12. nach New York kommen – und bitte registrieren Sie sich vor Ihrer Anreise – aber kommen Sie nach New York und nehmen Sie an diesem Symposion teil. Treffen Sie all diese Experten aus allen Erdteilen, um die wissenschaftlichen Aspekte von Strahlung und Atomenergie zu verstehen.

K.H.: Nun, das ist schon so ziemlich die ganze Zeit, die wir heute haben. Danke Maggie und danke Dr Helen Caldicott für die Teilnahme an der Sendung.

Dr Helen Caldicott: Gerne. Ich freue mich schon drauf, alle zu sehen. Sie müssen sich früh registrieren, denn wir haben nur mehr 300 Plätze […].

Arnie Gundersen: Auf Wiedersehen, Helen!

Maggie Gundersen: Auf Wiedersehen, Helen!

K.H.: Nun, das ist also alles für den heutigen Podcast. Bitte vergessen Sie nicht, sich rechtzeitig für das Symposion anzumelden – die Adresse ist http://nuclearfreeplanet.org/symposium.html, denn es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen. Uns finden Sie auch auf Face­book und Twitter, die Mailing-List finden Sie unter www.fairewinds.org. Für Fairewinds Energy Edu­cation hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Quelle:
Forgotten Fukushima – Japan Two Years After the Daiichi Accident    http://www.fairewinds.org/forgotten-fukushima-japan-two-years-after-the-daiichi-accident/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung auch in geänderter Form sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at    Februar 2013 / v4

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17. Februar 2013

Whistleblower (im Deutschen keine Entsprechung verfügbar!):
Wie Insider ständig gegen Vertuschungen ankämpfen,
angefeindet von den Behör­den, die sie eigentlich in Schutz nehmen sollten

K.H.: Dies ist der Energy Education Podcast vom Sonntag, dem 17. Februar 2013. Ich bin Kevin. Heute dreht sich unser Gespräch um Aufdecker innerhalb der Atomindustrie – und auch innerhalb der Aufsichtsbehörden; insbesondere wird es um den speziellen Ablauf ge­hen, der ihnen mitunter auferlegt wird, wenn sie Fehlverhalten in der Atomindustrie publik ma­chen. Wir werden über den sog alternative dispute resolution process sprechen (also einen alter­nativen Konfliktbeilegungsmechanismus; ADR Prozess). Mitarbeitern der Atomindustrie, die von ihren eigenen Arbeitgebern verfolgt oder diskriminiert werden, soll dieser Mechanismus helfen, die Differenzen beizulegen. Häufig finden sich Arbeitnehmer der Atomindustrie, die auf Missstän­de aufmerksam gemacht haben, in genau dieser Lage wieder.

Heute nimmt David Lochbaum von der Union of Concerned Scientists (Vereinigung besorg­ter Wissenschaftler) an unserem Gespräch über diesen Konfliktbeilegungsmechanismus teil; mit ihm werden wir einige der Fälle durchgehen.

Hallo also David Lochbaum, der in Sicherheitsangelegenheiten für die Vereinigung besorg­ter Wissenschaftler arbeite. David, willkommen zu unserer Sendung!

David Lochbaum: Hallo Kevin!

K.H.: Und freilich ist auch Arnie Gundersen wieder dabei. Arnie, herzlich willkom­men!

Arnie Gundersen: Hallo Kevin! Hallo David!

David Lochbaum: Hallo Arnie!

K.H.: Dave, ich möchte mit Ihnen beginnen. Heute soll es also um Aufdecker gehen und um den ADR Prozess. Können Sie unseren Zuhörern einmal erklären, was unter einem ADR Prozess zu verstehen ist?

David Lochbaum: Dieser Mechanismus wurde von der Nuclear Regulatory Commission (US-amerikanische Atomaufsichtsbehörde NRC) vor ungefähr fünf oder sechs Jahren eingerichtet. Es ist ein Mechanismus für Mitarbeiter, die Missstände aufgezeigt haben und dafür von ihren Arbeitge­bern angegriffen und schikaniert werden: der Prozess soll ihnen die Möglichkeit geben, dieser Si­tuation abzuhelfen. Wurden sie zum Beispiel entlassen oder bei einer Beförderung übergangen oder wurde ihnen in irgendeiner anderen Weise Schaden zugefügt, nur weil sie ihrer Sorge über sicherheitsrelevante Vorgänge Ausdruck verliehen haben, so können diese Individuen und ihre Firmen in einen ADR Prozess eintreten, der von Angehörigen der Universität von Cornell durchgeführt wird, um die Streitigkeiten beizulegen, um eine Übereinkunft zu erzielen, in der die Ausgangsprobleme einer Lösung zugeführt werden können.

K.H.: Nun David, wie läuft so ein Mechanismus dann konkret ab?

David Lochbaum: Im realen Leben schaut es so aus, dass das Problem, mit dem der Aufde­cker konfrontiert ist - ob er nun seinen Job verloren hat oder Überstundenzahlungen nicht ausbe­zahlt wurden oder er irgendeinen anderen Nachteil zu verbuchen hat, nur weil er auf Sicherheits­mängel hingewiesen hat –bestenfalls korrigiert wird. Sobald dieser ADR Prozess durch die NRC ein­mal angestoßen wurde, zieht sie sich zurück. Die zu Grunde liegenden technischen Sachverhalte werden nicht untersucht; wenn es zu einer Einigung kommt, ist die Betreiberfirma damit aus dem Schneider. Die Atomindustrie kann sich auf diese Art und Weise von hunderten Aufdeckern tren­nen, in den Aufzeichnungen der NRC tauchen diese Zahlen nirgends auf – obwohl Bundesgesetze übertreten wurden. Vor allem aber interessiert sich die NRC nicht für die technischen Details und ob diese korrigiert wurden oder nicht.

K.H.: David, wenn nun also so ein Aufdecker zur NRC geht und dann auf den ADR Prozess verwiesen wird, wie wird darüber Buch geführt?

David Lochbaum: Eigentlich gar nicht, es es kommt gar nicht über die Aufmerksamkeits­schwelle der NRC. Vor der Einrichtung des ADR Prozesses stellte die NRC fest, ob gegen Aufdecker Maßnahmen ergriffen wurden, was gegen Bundesgesetze verstößt. Wenn sich bei einer Firma ein Muster ergab, also mehr als nur ein Einzelfall, dann schritt die NRC ein und verfasste einen speziel­len Brief. In diesem stand in etwa: „Bei euch wird reihenweise Bundesgesetz übertreten: Was wer­det ihr tun, um diesen Zustand in Ordnung zu bringen, sodass eure Mitarbeiter nicht das Gefühl haben müssen, sie dürfen sicherheitsrelevante Missstände nicht ansprechen?“

Beim ADR Prozess wird all das verborgen, vor den anderen Arbeitnehmern, der Öffentlich­keit und auch der NRC. Die Firmen können also Aufdecker im Rahmen einer rein wirtschaftlichen Entscheidung loswerden, sie selbst und auch die [Thematisierung der] technischen Sachverhalte, die von ihnen aufgezeigt wurden.

K.H.: Wenn einer dieser Aufdecker nun den Eindruck hat, dass der ADR Prozess keine zufriedenstellende Lösung darstellt, geht der Fall dann wieder an die NRC zurück?

David Lochbaum: Das ist richtig. Dann greift wieder der alte Ablauf, bei dem die NRC Un­tersuchungen anstellt, ob die betroffene Firma Bundesgesetze übertreten hat; wenn die Untersu­chungsabteilung herausfindet, dass diese Anschuldigungen zutreffen, kann die NRC beschließen, die Einhaltung der Gesetze bei der Firma einzuklagen und den Fall an das Justizministerium weiter­zugeben, um ein weiterführendes strafrechtliches Vorgehen abzuklären.

Ein Beispiel für den ADR Mechanismus: im Jahr 2007 hat ein Mitarbeiter des Atomkraft­werks von Callaway, Missouri einen Missstand aufgezeigt und dadurch seinen Arbeitgeber so er­bost, dass dieser Arbeitgeber Schritte gegen den Mitarbeiter einleitete, dafür, dass eine Sicher­heitslücke aufgedeckt worden war. Der Arbeitnehmer wandte sich an die NRC, weil er der Ansicht war, dass sein Arbeitgeber, indem er Repressalien ergriffen hatte, gegen Bundesgesetze verstieß. Es wurde der ADR Prozess eingeleitet, die Firma und dieser Aufdecker kamen zu einer Überein­kunft, es wurde nichts gegen die beteiligte Firma unternommen. Der Betreffende arbeitet nicht länger im AKW von Callaway, der zugrunde liegende Sachverhalt wurde nie untersucht, die NRC hat nie nachgesehen, ob die Probleme, die dieser Mitarbeiter aufgezeigt hatte, jemals angegangen wurden.

K.H.: Dieser Mitarbeiter hat also seiner Besorgnis wegen einer technischen Gege­benheit Ausdruck verliehen, aber nun erfahren wir, dass als Resultat des ADR Prozesses, in dem es zu einer Einigung gekommen ist, diese technischen Sachverhalte nicht weiter verfolgt oder unter­sucht wurden.

David Lochbaum: Es ist so, wie wenn jemand einen Mord begehen würde und der Mörder mit der Familie des Opfers zu einer Einigung käme, zB indem er sie ausgezahlt hätte, wofür sie jede Anklage fallen ließen, und weder auf Landes- noch auf Bundesebene würde sich jemand weiter darum kümmern. Das ist nicht … Es darf nicht sein, dass man jemanden umbringt und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wird – es sei denn, du bist OJ [Simpson; AmÜ].

Im Grunde können diese Firmen eine einfache Entscheidung treffen: Ist es billiger für mich, dieses Sicherheitsproblem zu beheben, oder zahle ich den Aufdecker einfach aus und entlasse ihn? Das ist aber nicht die Art, wie mit Sicherheitsbelangen in amerikanischen AKWs verfahren werden sollte.

K.H.: Das eigentliche Problem wurde also nie angerührt.

David Lochbaum: Nein. Es wird zugekleistert, unter den Teppich gekehrt – der Teppich wird in der Zwischenzeit aber schon ganz schön uneben. Die NRC bearbeitet etwa fünf bis zehn dieser Fälle pro Jahr. Das bedeutet, dass jedes Jahr zwischen fünf und zehn Sicherheitsprobleme nicht be­seitigt werden.

Arnie Gundersen: Die andere Seite von all dem ist: wenn jemand gefeuert wird, so hat die­se Person kein Einkommen. Also selbst, wenn es Sicherheitsbedenken gibt und sich so jemand denkt, dass es schon ganz gut wäre, wenn die NRC etwas unternähme, so gibt es keine andere Wahl, als eine Einigung anzustreben, denn sein Einkommen ist versiegt. Sie haben keine Mittel.

David Lochbaum: Absolut richtig. Die Firmen haben alle Karten in der Hand. Sie haben das Geld, sie haben Zeit – und die NRC hilft ihnen dabei und unternimmt nichts, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. Es ist eine verhängnisvolle Situation und wird immer schlimmer. Bei einer Be­hörde, die vorgibt, besonders transparent zu sein, ist es schon erstaunlich, wie viel sie zu verber­gen trachtet.

K.H.: Wenn wir zum Beispiel von einem Mitarbeiter sprechen, der in einer Angele­genheit Bedenken wegen der Sicherheit hat ...

David Lochbaum: Wenn es also nur um ein gerechtfertigtes Sicherheitsbedenken geht, ohne dass irgendeine Verfolgung oder Einschüchterung im Spiel ist, dann mündet das in einen Pro­zess der NRC für Behauptungen – dann soll innerhalb von 180 Tagen der Fall aufgegriffen und ab­geklärt werden. Aber dieser Fahrplan ist mehr als unsicher: Wir haben Fälle, die nun schon älter als zwei Jahre sind – anscheinend sind nicht 180 aufeinander folgende Tage gemeint.

Letztes Jahr haben zwei Angehörige des NRC, Richard Perkins und Larry Criscione, ihre Be­sorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, wie die NRC mit Fragen zur Gefahr von Überflutungen beim AKW von Oconee in South Carolina und 32 anderen amerikanischen Bundesstaaten umgeht. Perkins gab einen Bericht zur Überflutungsgefahr heraus und die NRC hielt das – gegen die Regeln – vor der Öffentlichkeit geheim, so jedenfalls die Behauptung von Perkins. Perkins ging nun zur In­nenrevision der NRC, der dafür zuständig ist, um herauszufinden, ob die NRC Informationen unge­rechtfertigt zurückhält oder nicht. Criscione war an diesem Bericht ebenfalls beteiligt. Er schrieb Briefe direkt an die Chefin der Behörde, Allison Macfarlane, und an die Senatoren Lieber­man (so­lange er noch im Amt war) und Boxer. Die NRC reagierte, indem sie eine Untersuchung ge­gen Larry Criscione einleitete, weil er Informationen nicht innerhalb der NRC gehalten hatte, an­statt zu un­tersuchen, ob diese Information überhaupt zurückgehalten werden hätte sollen.

Also. Kurz gesagt: Sie haben den Überbringer der Botschaft angegriffen. Der Überbringer schlechter Nachrichten wird geköpft.

K.H.: Hat nun Criscione innerhalb der Behörde um Absicherung angesucht?

David Lochbaum: Larry Criscione wurde bislang noch nicht benachteiligt oder ähnliches, daher konnte er auch nicht darum ansuchen, dass dies verhindert wird. Er ist Ziel einer internen Untersuchung durch die Innenrevision und es gibt die Sorge, dass, wenn diese Untersuchung zu ei­nem Ende kommt, Gründe gefunden sein werden, um ihn abzuschießen oder anderweitig zu ent­täuschen.

Larry hat einen Brief in seinem Dossier, der ihn davor warnt, Informationen an Personen außerhalb der NRC weiterzugeben, obwohl wir Larry und seinen Anwalt mit unzähligen Fällen ver­sorgt haben, wo NRC-Angehörige das Gleiche oder Schlimmeres getan haben, ohne dafür irgend­wie zur Rechenschaft gezogen zu werden. Er wird also grundlos zur Zielscheibe gemacht und das zeigt die NRC von ihrer absolut schlechtesten Seite. Larry Criscione sollte vom Präsidenten im Wei­ßen Haus irgendeine Auszeichnung bekommen, stattdessen muss er um seinen Job bangen.

K.H.: Sind diese zwei Aufdecker auch durch den ADR Prozess gegangen?

David Lochbaum: Die NRC hat keinen ADR Prozess für Leute, die diese Art von Sicherheits­bedenken aufdecken. Als Larry Criscione diesen Brief an die Vorsitzende Macfarlane schickte, wa­ren alle perplex, wie sie damit umgehen sollten, weil die NRC keinen festgelegten Ablauf hat, wie sie mit so einer Angelegenheit, die jemand an den Vorsitzenden heranträgt, umgehen soll. Man sollte meinen, dass so etwas im Laufe von 30 Jahren schon einmal passiert sein sollte, aber anscheinend ist das nicht der Fall. Die NRC ist also momentan damit beschäftigt herauszufinden, wie sie auf Larrys Brief vom 19. September 2012 reagieren sollen – bis jetzt sind sie noch gar nicht darauf eingegangen.

Wenn man sich das Thema etwas breiter anschaut: Alle drei Jahre befragt die Innenrevision die Mitarbeiter zu Belangen der Sicherheitskultur und des allgemeinen Klimas [Fragen, welche die Sicherheit betreffen, ansprechen zu können]. Im vergangenen Oktober wurde die letzte Umfrage präsentiert. Die Behörde bespricht die Resultate dieser Umfrage hinter verschlossenen Türen. Das ist nun die Grundstufe jeder Sicherheitskultur: wenn du in der Öffentlichkeit nicht dar­über spre­chen kannst, dann hast du keine gute Sicherheitskultur.

Die Resultate, als wir sie dann beschaffen konnten, zeigen eine große Kluft in der Einschät­zung von Sicherheitsangelegenheiten zwischen der obersten Führung und den restlichen Mitarbei­tern. Der Konsulent, der diese Umfrage durchführte, sagte sogar aus, diese Kluft beim NRCsei grö­ßer als alles, was er in anderen Behörden oder im Privatbereich jemals gesehen habe. Für uns heißt das, dass die Führungsebene der NRC Manager unfähig ist, Probleme zu erkennen, und na­türlich können sie Probleme, die sie nicht sehen, auch nicht beheben. Sie tragen keine rosaro­ten, sondern grün gefärbte Brillen: für sie schaut es so aus, als ob alles ganz ausgezeichnet läuft. Also bringen sie im eigenen Haus keine Probleme in Ordnung, sie tun das auch nicht in Oconee, es wer­den die Feuerschutzprobleme von Brown’s Ferry nicht angegangen, sie sammeln nur ihre Gehalts­zettel und warten auf ihre Pensionierung.

Arnie Gundersen: Und weißt du, die Situation für Maggie und mich war 1990 so – das war allerdings vor Einführung des ADR Prozesses: Ich habe einige Sicherheitsrisiken entdeckt, aber ich bin nicht zur NRC gegangen, ich bin zum Direktor der Firma gegangen, [fragte ihn, was man tun könne, um diese Verstöße zu beheben [? Schwer verständlich]. Stattdessen wurde ich gefeuert. Dann erst ging ich zum NRC – ich habe wirklich geglaubt, dass die NRC mir zu Hilfe kommen und mich retten würde. Stattdessen fing nun auch die NRC an, auf mich loszugehen. Sie haben ihre Überprüfung verpfuscht und keinen der Umstände, die ich aufgezeigte habe, anerkannt. Schlus­sendlich bin ich dann zum Kongress gegangen. Ich habe John Glenn und dem Government Over­sight Committee geschrieben (gemeint ist das United States Committee on Oversight and Govern­ment Reform, AmÜ). Es gab auch Anhörungen im Kongress; John Glenn wurde ziemlich aktiv und involvierte die Innenrevision. Diese bestätigte, dass alle von mir benannten Si­cherheitsrisiken (und darüber hinaus noch ein paar weitere) tatsächlich existierten und dass die NRC bewusst die In­spektion verschlampt hatte, im Grunde, weil sie sich all den Papierkram nicht antun wollten, der ansonsten fällig gewesen wäre. Sie fand auch heraus, dass die NRC Schmiergel­der von meinem Ar­beitgeber angenommen hatte. All das kam in den Anhörungen vor dem Kon­gress ans Tageslicht.

Danach kontaktierte ich die NRC neuerlich über meinen Anwalt. Es ging darum, dass mich der Direktor der Firma für eineinhalb Millionen Dollar verklagen wollte (wir hatten die Mitschrif­ten, in denen er das zu Protokoll gab), er verklagte mich, weil ich an den Kongress geschrieben hat­te.

Der Grund, warum ich an den Kongress geschrieben hatte, war natürlich, dass die NRC kor­rupt war und ihre Untersuchung verpfuscht hatte: und die NRC tat – gar nichts. Sie sagten, es handle sich um eine Privatangelegenheit, sie könnten da nichts machen. Wenn Sie Ihren Prozess gewinnen, dann können wir uns vielleicht etwas einfallen lassen. Aber sechs oder sieben Jahre später, ohne jedes Einkommen, war das natürlich irrelevant.

Das alte System hat also nicht funktioniert und es schaut so aus, als ob das neue System auch nicht funktioniert.

K.H.: Arnie, wenn du sagst: „Sechs oder sieben Jahre später war das natürlich irre­levant“, was meinst du damit?

Arnie Gundersen: Nun, 1990 habe ich diese Dinge aufgedeckt, und wir sind schließlich 1996 einen Vergleich mit meinem Arbeitgeber eingegangen. In der Zwischenzeit hatte man uns in den Ruin getrieben: wir haben unser Haus verloren, unsere Pensionsansprüche, und ich würde nie­mals mehr in der Atomindustrie eine Anstellung finden. Es war ein vernichtender Ablauf. Offen ge­sagt, die außergerichtliche Einigung hat uns auch nicht für unsere Verluste entschädigt, schon gar nicht für die Zukunft abgesichert. Aber irgendwann muss man einfach mit seinem Leben weitermac­hen. Die ganze Angelegenheit hat den Verlauf meiner Karriere völlig verändert, und den Verlauf meines Lebens genauso.

Das ist der Grund, warum wir jetzt Fairewinds betreiben. Letzten Endes ist die Arbeit für Fairewinds aber sehr befriedigend.

K.H.: Unglaublich. Dave, hattest du irgendwelche ähnlichen Erfahrungen?

David Lochbaum: Nun, es war schlussendlich nicht ganz so dramatisch wie das, was Maggie und Arnie durchgemacht haben, aber als ich für die Atomindustrie gearbeitet habe, haben ein Kol­lege und ich auch in einer Sache Bedenken geäußert – und dann ging es in etwa in die von Arnie beschriebene Richtung. Wir haben also unsere Bedenken klar geäußert, aber die Firma wollte nichts unternehmen; daraufhin sind wir zur NRC gegangen. Wie Arnie auch, haben wir gedacht, diesem Kaliber wird nichts widerstehen können, aber was sie dann unternahmen, war ein Witz. Auch wir sind schließlich beim Kongress gelandet, so wie Arnie, um diesen „trickle down effect“ zu produzieren, bei dem der Kongress Druck auf die NRC ausübt, damit dort endlich was getan wird, um die Angelegenheit zu beheben. Das führte dann auch zu meinem Austritt aus der Atomindus­trie, zu den besorgten Wissenschaftlern. Es ist, was einer meiner Kollegen „ethische Säuberungen“ nennt. Ethik und die Atomindustrie vertragen sich nicht.

Der Stelle bei den besorgten Wissenschaftlern gibt mir die Möglichkeit, immer noch an Si­cherheitsfragen zu arbeiten, ohne dass ich mir um den Gehaltszettel Sorgen machen muss.

Arnie Gundersen: Ich denke, eine große Anzahl von Menschen sollte sehr dankbar für die Arbeit sein, die du bei den besorgten Wissenschaftlern leistest.

David Lochbaum: Ich danke dir Arnie, ich glaube, genauso wie für eure Arbeit bei Faire­winds und die einer Reihe von weiteren Leuten, wie [?] und Jim Warren und anderen überall im Land. Ei­ner der Vorteile dieses Jobs ist es, mit großartigen Kollegen im ganzen Land zusammenzu­arbeiten.

Ich bekomme jede Menge Anrufe: von Mitarbeitern in Kraftwerken und von Angehörigen der NRC, die wollen, dass ich das öffentliche Gesicht ihrer Bedenken bin, sodass die Angelegenhei­ten verfolgt werden können, ohne dass ihre Karriere gefährdet wird. Ich tue das sehr gerne, denn zu viele Menschen wurden schon auf dem Atomaltar geopfert – wir brauchen nicht noch mehr. Wenn ich also an einem Problem arbeiten kann und ihre Karrieren dabei schütze, dann ist mir das ein Vergnügen.

Arnie Gundersen: Dave, wenn ich dich so höre, bekomme ich eine Gänsehaut.

David Lochbaum: Ich gratuliere Fairewinds zu eurer Arbeit. Ich meine, man kann Youtube anklicken und fast zu jedem Thema ist Fairewinds Nummer vier oder fünf der obersten zehn Ein­träge bei jedem Thema; ich glaube, das ist ein beredtes Zeugnis für eure Arbeit; ich bin froh, wenn ich Teil davon sein kann.

Arnie Gundersen: Ich danke dir, Dave!

K.H.: Na gut. Danke Dave, dass du heute mit uns diskutiert hast.

David Lochbaum: Danke dir, Kevin!

K.H.: Und auch dir wie immer danke, Arnie!

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin!

K.H.: Und so beenden wir diese Ausgabe unserer Sendung. Sie können uns am nächsten Sonntag wieder hören mit neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft und besuchen Sie uns auf Facebook. Für Fairewinds Energy Education hörten Sie Kevin. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Quelle: Are Whistleblowers Being Protected By The NRC? Not Really!  http://www.fairewinds.org/are-whistleblowers-being-protected-by-the-nrc-not-really/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,lg,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung - auch in geänderter Form - sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).   www.afaz.at   Februar 2013 / v4

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3. Februar 2013

Doppelmoral in der Atomindustrie

K.H.: Dies ist der Energy Education Podcast für den 3. Februar 2013. Ich bin Kevin. Diese Woche wollen wir über die Computerangriffe sprechen, die vor Kurzem gegen die Webserver von Fairewinds gestartet wurden. Wir sprechen davon, was wir wissen – und darüber, was wir nicht wissen.

Außerdem wollen wir über die Doppelmoral sprechen, die gegenüber Beschäftigten der Atomindustrie ausgeübt wird. Warum manche der dort Beschäftigten nicht so behandelt werden wie alle anderen und ob die Strafen in irgendeinem Verhältnis zu den Übertretungen stehen.

Später werden wir noch über ein Leck im japanischen Atomkraftwerk von Hamaoka disku­tieren: Ein spezielles Leck, über das Salzwasser in den Reaktor gelangte. Es wurde angenommen, dass dies der erste Defekt solcher Art ist. Arnie jedoch wird uns aus seiner Erfahrung von einem ähnlichen Problem berichten, das er selbst hatte, und zwar in Millstone 1 [Waterford, Connecticut; zwischen New York City {175km entfernt} und Boston {140 km}], und das schon vor Jahrzehnten.

Diese Woche gestalten wir die Sendung ein bisschen anders. Bei uns via Skype sind Maggie Gundersen und Arnie Gundersen. Danke, dass ihr Zeit gefunden habt.

Maggie Gundersen: Danke für die Einladung! Wir freuen uns schon auf dieses Gespräch.

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin!

K.H.: Heute also ist der Ablauf ein bisschen anders. Wie immer ist Arnie Gunder­sen mit dabei, aber außerdem noch Maggie Gundersen, die Gründerin von Fairewinds Energy Edu­cation. Wir dachten, dass es eine gute Idee wäre, wenn du nach dem kleinen Zwischenfall dabei bist, den wir diese Woche hatten.

Maggie Gundersen: Weißt du, es ist eine ziemliche Überraschung, so eine DoS-Attacke (De­nial of Service; ein Dienst wird blockiert), so ein Angriff mit Schadprogrammen. Ich fange an, eine Idee davon zu bekommen, was eigentlich passiert ist, als unsere Webseite torpediert wurde. Ich würde es wirklich begrüßen, wenn du unsere Hörer über diesen Vorfall unterrichten würdest, da das deinen technischen Bereich betrifft.

K.H.: Soweit ich die Ereignisse nachvollziehen kann, wurden wir auf eine Art ange­griffen, die man IP-Fragmentierung nennt. Was dabei geschieht ist, dass der Computer, anstatt eine vollständige Verbindung mit unserem Webserver zu etablieren, verstümmelte Datenblöcke sendet und damit den Teil des Servers überlastet, der die Verbindungen herstellt. Leider haben wir nicht viele Informationen, woher der Angriff kam bzw wer dahintersteckt. Auf jeden Fall unternehmen wir alle Schritte, damit so etwas nicht wieder passieren kann – jedenfalls so gut wir können.

Maggie Gundersen: Danke dir! Ich will auch den Web Server Administratoren und Inhabern ganz besonders danken, denn sie haben wahre Wunder vollbracht, um uns wieder online zu be­kommen. Dasselbe gilt für das Team, das mit dir gearbeitet hat; also noch einmal danke, Kevin!

K.H.: [lacht] Es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass wir ihnen einen ziem­lich hektischen Tag beschert haben. Ich habe wohl mindestens zwei Stunden mit ihnen telefoniert. Es ist natürlich auch daran zu erinnern, wer auch immer die Leute waren, die diesen Angriff gestar­tet haben, dass unsere Webseiten nicht die einzigen auf diesem Server waren. Wir teilen den Ser­ver mit vielen anderen Webseiten, die dann natürlich auch betroffen waren.

Wir waren also nicht die einzigen Leidtragenden, aber die Leute waren wirklich großartig – und sie haben uns bis jetzt auch nicht einfach rausgeschmissen. Also soweit nur gute Neuigkeiten.

Maggie Gundersen: Das klingt sehr gut. Ich fand es vergangene Woche interessant zu le­sen, dass auch die New York Times attackiert wurde, wenn auch aus einer ganz anderen Richtung, und das ist wohl eine der Schwächen einer offenen Technologie, wie es das Internet darstellt – aber ein stärker abgeschirmtes System würde ich auch nur ungern sehen.

K.H.: Nun, ich denke, wir sollten auch Arnie ins Gespräch hereinholen.

Arnie Gundersen: Hallo noch einmal, Kevin, danke für die Einladung. Was mich in an die­sem Vorfall besonders interessiert ist, dass ein anderer Ingenieur, mit dem ich zusammenarbeite, John Large in England, ebenfalls eine Attacke auf seine Server zu verzeichnen hatte. Das einzige aber, was uns verbindet, ist, dass wir beide an den Vorgängen im Atomkraftwerk von San Onofre arbeiten.

K.H.: Was für ein Zufall!

Ich möchte nun aber zu den Themen kommen, für die unsere Sendung eigentlich da ist. Ich möchte mich auch bei unseren Zuhörern entschuldigen. Letzte Woche hatten wir keinen Podcast, wir haben uns damit etwas verspätet, nur waren wir dann so spät dran, dass zu diesem Zeitpunkt die Server bereits nicht mehr funktionierten. Daher noch einmal unsere Entschuldigung an alle un­sere Hörer dafür, dass wir letzte Woche keinen Podcast hatten.

Das Thema dieser Woche ist die Doppelmoral, die im Arbeitsbereich von Atomkraftwerken herrscht. Warum werden einige von den Beschäftigten anders behandelt als ihre Vorgesetzten, wenn sie einen Fehler machen? Arnie, wenn du den Anfang machen könntest? Ich weiß, du hast eine ganze Reihe von Beispielen parat, aber wenn du vielleicht mit dem anfangen könntest, was ei­nem Angestellten von Oyster Creek passiert ist?

Arnie Gundersen: Ja. Es geht um einen einfachen Bediensteten von Oyster Creek, kein alt­eingesessenes Mitglied der Führungsriege, also jemand, der sich halt so langsam nach oben arbei­tet. Gerade diese Woche wurde dieser Person gekündigt, wegen etwas, das vor fast einem Jahr­zehnt geschehen war. Diese Person wurde wegen Trunkenheit am Steuer erwischt und hat diesen Vorfall seinen Vorgesetzten damals vor zehn Jahren nicht mitgeteilt. Schlussendlich rückte er da­mit heraus, da war aber bereits geraume Zeit verstrichen.

So etwas sollte nicht passieren. Man muss diese Dinge melden. Es gibt keinen Zweifel dar­an, dass dieser Angestellte vor einem Jahrzehnt im Unrecht war, als er den Vorfall unterschlug. Was aber passierte ist, dass die NRC ein hochnotpeinliches Verfahren durchzog, um dann zu ent­scheiden, dass diese Person in Oyster Creek nicht mehr arbeiten darf. Also wegen einer Verfeh­lung, die zehn Jahre zurückliegt. So sind ihre Regeln.

Nun, dagegen habe ich nichts. Dies Person hat die Unwahrheit gesagt und in der Atombran­che geht so etwas nicht. Aber da gibt es diese Doppelmoral bei der NRC: die Leute, die nicht dem Management angehören, werden mit einem Maß gemessen, einem besonders strengen Maß, während die oberen Chefs nicht weiter behelligt werden, auch wenn sie Dinge tun, die bei Weitem schlimmer sind.

Ich gebe dir ein Beispiel. Just zu der Zeit, als dieser eine Angestellte wegen Trunkenheit am Steuer erwischt wurde, gab es im Atomkraftwerk Davis Besse nahe Toledo, Ohio, einen „near miss“: das Reaktorgefäß war an einer Stelle schon fast ganz durchgerostet. Anstatt 20 cm Stahl hatte die Hülle nur mehr eine Stärke von weniger als einem!

K.H.: Wenn du von einem „near miss“ sprichst, dann meinst du: es kam beinahe zu einer Kernschmelze.

Arnie Gundersen: Ja. Wäre das Kraftwerk noch einen Monat länger in Betrieb gewesen, dann wäre es zu einer Kernschmelze gekommen, gerade außerhalb von Toledo [Die Stadt hat 300.000 Einwohner. Sie liegt keine 40 km vom Atomkraftwerk Davis Besse entfernt. AdÜ]

Das war also ein äußerst bedenklicher Vorfall. Dabei gab es eine ganze Reihe von Warnzei­chen, die vom Management aber alle übersehen wurden. Das Management hat deswegen wegge­schaut, weil sie wollten, dass das Kraftwerk bis zur nächsten Erneuerung der Brennstäbe weiter­läuft. Sie haben den ganzen Winter lang Geld gemacht, zu einer Zeit also, in der der Preis für Elek­trizität – und damit ihre Gewinne – am höchsten sind.

Das Management hat also alle Anzeichen ignoriert. Was aber passierte, als dieser Schaden endlich entdeckt wurde: die NRC brachte ihr Arsenal nicht gegen die Manager in Stellung, sondern gegen einen einzigen Ingenieur in diesem Unternehmen, der in einem Ablauf ein Kästchen nicht ausgefüllt hatte. Dieser Ingenieur wurde in einem Bundesverfahren aus der Atomindustrie ent­fernt. Aber keiner der Manager von Davis Besse war auch nur angeklagt, geschweige denn, dass ei­ner verurteilt worden wäre.

Nun, Davis Besse musste eine millionenschwere Strafe zahlen, das ist schon klar. Aber das ist für diese Leute nur Geld aus der Portokasse. Erst, wenn die NRC veranlasst, dass so jemand ins Gefängnis gehen muss, erst dann kann ich glauben, dass die NRC keine Doppelmoral hat.

K.H.: Die Situation in Davis Besse reduziert sich im Grunde auf die Tatsache, dass es Warnhinweise gab, dass sich hier ein Problem aufbaute, sie entschlossen sich aber, weiterzuma­chen. Als dann das Problem da war, ließen sie den Kopf eines ihrer loyalen Mitarbeiter rollen, ohne selbst die Verantwortung zu übernehmen – auf der Chefebene.

Maggie Gundersen: Ich frage mich auch, warum sie nicht dafür bestraft wurden, welche Kosten sie den [Strom-]Abnehmern verursachten. Ich meine, wie lange musste Davis Besse stillge­legt werden und wie viel hat das die Verbraucher gekostet?

Arnie Gundersen: Ja. Nun, dass das Unternehmen unter dem Vorfall gelitten hat, daran be­steht kein Zweifel. War dieses Leiden aber auch angemessen, angesichts der Tatsache, dass sie den gesamten Mittleren Westen in Gefahr gebracht hatten? Meiner Meinung nach: ganz und gar nicht. Erst wenn Manager wissen, dass sie für ihre Handlungen ins Gefängnis kommen können, dann werden sich die Dinge ändern.

Die NRC hat noch nie einen leitenden Manager für irgendeine Art der Verfehlung beim Be­trieb eines Atomkraftwerkes ins Gefängnis gebracht. Davis Besse ist da nur die Spitze des Eisbergs – es gibt noch viele weitere Beispiele.

Maggie Gundersen: Ein Beispiel, von dem ich persönlich Kenntnis habe: Eine Bekannte von mir hat über Jahre hinweg von Sicherheitsbedenken über Jahre hinweg aufgezeigt. Es ging um Si­cherheitsbedenken in einem Atomkraftwerk in ihrer Heimatgemeinde und sie hat diese Bedenken ihren Gemeindemitgliedern vorgelegt, der NRC und auch den zuständigen Behörden in ihrem Bun­desstaat. Sie hat alles dafür getan, damit der Betrieb des Kraftwerks sicher wäre, und auch dafür, dass das Kraftwerk die eigenen Regeln einhält.

Einer der leitenden Manager, ich glaube, er war ein Vizedirektor der Atomfirma, um die es hier ging, machte es sich zum Ziel, sie los zu werden. Er rief also ihren Boss an, bei der Firma, bei der sie angestellt war. Sie arbeitete in einem völlig anderen Bereich, da gab es also gar keine Ver­bindung, und er hat also ihren Chef angerufen – Boss zu Boss, oberes Management zu oberem Ma­nagement – und beriet ihren Chef dahingehend, dass er sie feuern sollte: sie wäre verantwor­tungslos und rachsüchtig.

K.H.: Aber natürlich hatte das gar nichts mit ihrem Job bei ihrer eigenen Firma zu tun. Er wusste überhaupt nichts über die Leistungen dieser Frau bei ihrer eigenen Firma. Er ver­suchte ihr die Mittel zu nehmen, als Aktivist arbeiten zu können, nehme ich an?

Maggie Gundersen: Ja. Ja genau. Sie war meiner Einschätzung nach aber gar keine Atom­kraftgegnerin. Sie war einfach nur pro-Sicherheit. Sie wollte lediglich, dass das Atomkraftwerk si­cher betrieben wird, dass es seine eigenen Regeln befolgt.

Dieser Vizedirektor redet also mit ihrem Boss. Da ihr Nachname aber ein anderer war als der des Chefs, konnte er nicht ahnen, dass dieser Chef, bei dem sie arbeitete - ihr Bruder war. Es war eine Art Familienbetrieb und beide hatten wichtige Funktionen inne. Ihr Bruder ging daraufhin mit diesen Anschuldigungen zur NRC und konnte auch belegen, was passiert war. Dieser Vizedirektor wurde aber nicht gefeuert, er wurde nicht eingesperrt – nichts passierte ihm. Stattdessen ließ man ihn ganz einfach seinen Ruhestand antreten und seine Pension genießen und mit seinem Leben weiter machen, als ob das alles ganz normal wäre.

Arnie Gundersen: Wie wir auf diese Geschichte gekommen sind, war dieser arme Ingenieur vom Kraftwerk in Oyster Creek. Die Karriere dieses Menschen wird zerstört, weil er einen Vorfall von Trunkenheit am Steuer nicht rechtzeitig gemeldet hat – und demgegenüber haben wir Verant­wortliche des Kraftwerks Davis Besse und Verantwortliche bei der Firma, über die Maggie gerade gesprochen hat, die einfach davonkommen. Sie bekommen ihre Pension, setzen sich zur Ruhe, in manchen Fällen behalten sie sogar ihren Job. Das meinten wir also, wenn wir davon sprachen, dass es hier ganz eindeutig eine Doppelmoral gibt. Dem höhere Management mit seinen Anwälten, die die NRC auch bekämpfen können, passiert nichts, während einfache Angestellte einfach dran sind.

Maggie Gundersen: Das ist auch gar keine Überraschung für mich. Die NRC geht mit ihren eigenen Leuten gleich um. Ein andermal würde ich gerne eine ganze Sendung mit euch gestalten über die NRC, über eine Generalinspektion, die herausfand, dass eine ihrer Führungskräfte unter Eid gelogen hatte, eine Untersuchung vertuscht hatte, dem nachgewiesen werden konnte, dass er eine Untersuchung vernachlässigt hatte und die Vertuschung veranlasst hatte. Er wurde befördert. Mehrmals. Und bezog weiterhin sein 150.000$-Einkommen bis zu seiner Pensionierung. Es ist ein­fach nur unverschämt.

Arnie Gundersen: Genau dieser hohe Beamte der NRC arbeitet nun für die Atomindustrie und behauptet regelmäßig, dass fast alle Atomkraftwerke, zu denen man ihn befragt, sicher genug sind, dass man sie noch Jahre lang weiter laufen lassen kann.

K.H.: Es wird jetzt ein bisschen technischer werden. Arnie, das Eindringen von Salz­wasser war plötzlich Thema in den Atomnachrichten. Das ist für mich ein bisschen zu vage. Ich ver­stehe nicht, was das eigentlich bedeuten soll. Kannst du mir erklären, was damit gemeint ist und warum es gerade in den Schlagzeilen ist?

Arnie Gundersen: Ja. Das ist ein großartiger Begriff der Atomindustrie, der nur dazu da ist zu vertuschen, worum es eigentlich geht.

Das Kraftwerk von Hamaoka in Japan hatte ein Leck im Kondensator (=Verflüssiger). Der Kondensator trennt das Meerwasser vom Reaktorkühlwasser. Er kühlt auch die Turbinen. Norma­lerweise sind da Rohre, die die zwei voneinander trennen. Nun, in Hamaoka sind solche Rohre ge­brochen, und dadurch gelangte Meerwasser, also nicht-radioaktives Salzwasser, in den Atomreak­tor. Es trat so viel Salzwasser in den Reaktor ein, dass man diesen herunterfahren musste – wahr­scheinlich für immer. Diese Geschichte machte vor 18 Monaten die Runde und die japanische Presse sagte, so etwas wäre noch niemals vorgekommen.

Ich habe die Geschichte gelesen und sofort gedacht: “Das ist doch Unsinn!“ Ich wusste ja, dass so etwas schon früher passiert ist, denn ich war damals in den 70ern, als es passierte, ein In­genieur. Ich habe also den Typen, der die Geschichte geschrieben hat, angerufen und ihm erklärt, dass in Millstone, Reaktorblock 1, im Jahr 1972 genau dasselbe geschehen ist. Ich stellte damals drei gekoppelte, teildifferenzierte Gleichungen auf, um zu erklären, wie es zu diesem Zwischenfall gekommen war. Ich benötigte einen Monat, um diese drei Gleichungen aufzuschreiben. Wir haben das Ganze dann in einem Supercomputer modelliert und das Problem gelöst.

Damals in den 70ern schrieb ich also den Bericht über Millstone, in der Ära der Schreibma­schinen. Ich ließ die Sekretärin schreiben, dass im Jahr 1972 im Kraftwerk von Millstone ein, ich zi­tiere, „bedenkliches Salzwasserleck“ aufgetreten war. Mein Boss hat den Bericht angeschaut, war beeindruckt von der Analyse, aber er ließ die Sekretärin das Titelblatt noch einmal tippen: er tauscht „bedenkliches Salzwasserleck“ um in „eindringendes Salzwasser“ („saltwater intrusion“).

Da kommt also der Begriff her. Arnie Gundersen war der erste, der es in ein getipptes Ma­nuskript schreiben ließ, weil sein Boss den Ausdruck „bedenkliches Salzwasserleck“ ausgetauscht hatte.

K.H.: Das hat dir damals nichts ausgemacht?

Arnie Gundersen: Ich habe nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Es ist Teil der Propagan­da, die du einfach akzeptierst, wenn du dich in der Atomindustrie bewegst. Alle beginnen, in der­selben Art zu sprechen. Es war einfach meine erste Lektion in „Atomsprech“, wenn du so willst.

Dieses Kraftwerk blieb dann ein Jahr außer Betrieb und die undichte Stelle war bei Weitem nicht so gravierend wie in Hamaoka. Aber anscheinend hat niemand die Japaner darüber aufge­klärt, dass ein Reaktor diese Art von Leck haben kann und es zu ernsthaften Schäden kommen kann, wenn so etwas auftritt. Salzwasser und rostfreier Stahl kommen gar nicht gut miteinander aus. Jeder, der einmal ein Boot auf dem Meer hatte, weiß, dass rostfreier Stahl ziemlich schnell be­schädigt wird. Der rostfreie Stahl im Reaktor hat außerdem eine Temperatur von 500°.

Hamaoka wurde also stillgelegt – aber sie hatten keine Ahnung, dass so etwas schon einmal passiert war. Die japanische Aufsichtsbehörde wusste genauso wenig. Ich sprach mit dem Repor­ter und der brachte mich dazu, mit der Aufsichtsbehörde und den Leuten in Hamaoka zu reden, um die Situation zu erklären.

Als Resultat meiner Beteiligung schickten die Leute von Hamaoka und die Aufsichtsbehörde schließlich eine Delegation zur NRC, wo sie die alten getippten Berichte fanden, die ich entwickelt hatte. Diese waren entscheidend für ihre Beurteilung, dass Hamaoka wohl nie mehr hochfahren wird.

Maggie Gundersen: Ich war über diese ganze Reihe von Ereignissen, so wie sie sich entfal­teten, sehr erstaunt, denn die Stromversorger, die Betreibergesellschaften haben Vereinigungen für die Besitzer von den diversen Reaktortypen und sie sind international organisiert. Diese Betrei­berclubs sollten also eigentlich zusammenkommen und technische Besprechungen haben, ihre Er­kenntnisse austauschen und dabei alle die konstruktionstechnischen oder sicherheitsrelevanten Mängel aufdecken, die sie finden – damit sie diese dann also besprechen und nach technischen Lö­sungen suchen können. Aber das passiert nicht.

K.H.: All das lässt mich an eine Webseite denken: alle Inhalte, die eine Webseite ausmachen, sind mit Stichwörtern und Meta-Elementen verlinkt; es sollte doch für die Aufsichts­behörden der verschiedenen Länder und die internationalen Atombehörden möglich sein, diese Art von Information in einer Datenbank abzulegen. Sie sollten also eigentlich nur „eindringendes Salzwasser“ eingeben müssen, um sagen zu könne: „Na also, da haben wir ja ein Memo von 1972, von Gundersen.“

Aber es ist dann wohl doch nicht so leicht zu bewerkstelligen.

Arnie Gundersen: Ich denke, du hast absolut recht. Die Atomindustrie sollte ein bisschen besser aufpassen, was auf der Fairewinds-Website so alles los ist, vielleicht würden sie ja auch ein paar technische Dinge noch lernen können. Das scheint aber nicht sehr oft vorzukommen.

K.H.: Ich denke, das war dann alles für diese Woche. Arnie und Maggie, danke, dass ihr dabei wart.

Maggie Gundersen: Danke für die Einladung an uns beide, das hat wirklich Spaß gemacht. Ich freue mich schon auf das nächste Mal. Danke dir!

K.H.: Ich möchte die Hörer noch an unsere Facebook-Seite erinnern. Sie können sie besuchen, indem Sie zu fairewinds.org surfen und auf den Facebook-Link klicken. Sie können auch auf den Facebook-Link klicken, wenn Sie unser elektronisches Rundschreiben beziehen.

Quelle: Nuke Industry Double Standards? http://www.fairewinds.org/nuclear-industry-double-standards/
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung - auch in geänderter Form - sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Februar 2013 / v3

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20. Jänner 2013

Die Spielchen, die die Leute spielen

K.H: Dies ist der Energy Education Podcast für den 20. Januar 2013. Ich bin Kevin. Diese Sendung ist ein Projekt von Fairewinds Energy Education. Fairewinds ist eine gemeinnützige Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Politiker, die Öffentlichkeit und die nächste Generation über Atomkraft und deren Sicherheit zu informieren.

In der heutigen Sendung wollen wir ein Treffen diskutieren, das letzte Woche vor dem Ausschuss des NRC für öffentliche Eingaben (Petition Review Board, PRB; in Hinkunft kurz „Ausschuss“) stattgefunden hat. Die Organisation Friends of the Earth [ein weltweiter Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen, in die jedes Land einen Vertreter ent­senden kann. Österreich: http://www.global2000.at/site/de; USA: http://www.foe.org/; AmÜ] hat die fortlaufenden Probleme im Atomkraftwerk San Onofre des Betreibers Southern California Edison zum Gegenstand dieser Anhörung gemacht. Hier bei uns, um all das zu besprechen, ist der Fairewinds Chefingenieur Arnie Gundersen.

Hallo Arnie, danke, dass du Zeit gefunden hast.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin, danke für die Einladung. Es ist heute ziemlich eisig in Vermont, -16°.

K.H:: Oje.

Arnie Gundersen ist uns über Skype zugeschaltet.

Arnie, dieser ganze Vorgang um San Onofre war derart verwirrend – für mich, aber ich neh­me an, auch für viele andere Leute. Du hast den Fall unlängst vor der NRC präsentiert, wäh­rend der Anhörungen vor dem Ausschuss vor ein paar Tagen in der Hauptstadt, Washington DC. Wie ich bereits gesagt habe: Dies ist Teil eines langen Prozesses. Kannst du mir und unseren Hörern helfen zu verstehen, wie dieser Fall zustande gekommen ist?

Arnie Gundersen: Ja. Du hast recht, es ist ein langer Prozess, und, meiner Meinung nach, auch ein ganz bewusst verwirrend gestalteter Prozess. Der Ausschuss ist Teil einer 2.206 Petition [lies „zwei-Punkt-zwei-null-sechs Petition; was damit gemeint ist kann man unter dem Stichwort Public Petition Process (NUREG/BR-0200, Rev. 5) nachlesen; AmÜ]. Die Öffentlichkeit hat nur durch eine Vorgehensweise Anrecht auf Regress bei der NRC, und das ist eine 2.206 Petition.

Es gab also einen Untersuchungsausschuss letzte Woche [am 16.01.2013], vor dem ich aus­gesagt habe. Das ist aber nicht, was Friends of the Earth eigentlich wollte. Friends of the Earth schrieb an die Kommissionsmitglieder [des NRC], um ihnen mitzuteilen, dass deren 2.206 Ablauf nicht funktioniert. Wir brauchen einen anderen Prozess. Die NRC aber hat ge­sagt: „Nein, es gibt nur diesen 2.206 Ablauf, mehr haben wir dazu nicht zu sagen.“

K.H:: Für unsere Zuhörer könnten wir vielleicht sogar noch ein bisschen wei­ter ausholen. Worum ging es eigentlich in dieser Petition der Friends of the Earth? Wodurch wurde dieser ganze Prozess ins Laufen gebracht?

Arnie Gundersen: Ja, das ist eine gute Idee.

Anfang 2012, also vor einem Jahr, versagten die Dampferzeuger von San Onofre, und zwar katastrophal. Es gibt auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares. Der Schaden an diesen Dampferzeugern ist gewaltig.

Friends of the Earth hat mich gebeten, mir das einmal anzuschauen, und ich habe mich in die Materie vertieft. Ich fand heraus, dass der Grund für das Versagen in 2012 der ist, dass vor vielen Jahren, als sie entworfen wurden, in 2003, ein paar wirklich miserable Annahmen ge­troffen worden sind: und diese führten dann zu einem Dampferzeuger, der schließlich versa­gen musste, was 2012 schließlich der Fall war.

Der Grund, warum man diese Annahmen bei der NRC nicht herausfiltern konnte war – und das ist nun wirklich der Kern der ganzen Debatte – die NRC hat Southern California Edison gestattet, selbst zu entscheiden, ob sie um eine Erweiterung ihrer Lizenz ansuchen müssen oder ob die Veränderung nur so gering ist, dass eine Erweiterung der Lizenz nicht von Nöten ist.

K.H:: Sie haben also die Rohrleitungen in ihren Dampferzeugern aufgerüstet, sie wurden modifiziert bzw ihre Konfiguration verändert. Und was du nun sagst ist, norma­lerweise würden sie um eine Erweiterung ihrer Lizenz ansuchen, damit so dramatische Ein­griffe in der Konfiguration der Geräte durchgeführt werden können.

Arnie Gundersen: Ja, genau so ist es. Sie wollten ihren Dampferzeuger austauschen, aber sie wollten keine Beteiligung der Öffentlichkeit bei diesem Vorgang. Noch bevor sie den Dampferzeuger gekauft haben, noch bevor sie ihre [technischen] Analysen durchgeführt ha­ben, haben sie in ihren Entwurfsrichtlinien schon festgelegt, was die Antwort sein würde: und zwar, dass es keine öffentliche Beteiligung bei diesem Ablauf geben würde: „Wir werden einfach behaupten, dass die Änderungen, die wir vornehmen, so klein sind, dass es zu keinen öffentlichen Anhörungen kommen muss.“

Diese Entscheidung wurde 2004 getroffen. Die NRC wurde erst 2006 darauf aufmerksam, dass das Kraftwerk tatsächlich modifiziert werden würde. Es ist also eine lange, finstere und gewundene Geschichte. Die Öffentlichkeit wurde über Jahre hinweg ausgeschlossen.

K.H:: Typischerweise würde ein Kraftwerk also eine Analyse in irgendeiner Form durchführen, wie stark die Veränderungen ausfallen, und diese dann bei der NRC ein­geben und somit um die Erlaubnis anfragen, ob diese Art von Aufrüstung durchgeführt wer­den kann.

Arnie Gundersen: Ja, genau so ist es. Wenn dein Dampferzeuger kaputt wird und du kaufst dir den gleichen wieder, dann brauchst du das beim NRC nicht einzureichen.

Das Problem aber ist, dass Edison Dutzende und Aberdutzende von Veränderungen vorgenommen hat. Sie haben damit beim Entwurf von Dampferzeugern komplettes Neuland betreten. Und das Ergebnis war, dass die Dampferzeuger, als sie eingeschaltet wurden, schnell defekt waren. Sie haben in katastrophaler Art versagt. Die NRC aber war über all die Änderungen, die durchgeführt worden waren, nicht unterrichtet worden.

K.H:: Als es dann also so weit war, gab es ein Problem in San Onofre, die Dampferzeuger wurden undicht, es gab ein Leck. Die Reaktoren mussten heruntergefahren werden. Das war der Zeitpunkt, als Friends of the Earth der NRC einen Brief geschrieben hat, in dem – was genau stand?

Arnie Gundersen: Friends of the Earth haben also letzten Sommer der NRC diesen Brief geschrieben, dass die Öffentlichkeit in die Angelegenheit einbezogen werden sollte – immer schon hätte einbezogen werden müssen: „Wir sähen es also gerne, wenn ihr den Li­zensierungsprozess in Gang setzt. Sorgen wir doch für eine Einbindung der Öffentlichkeit, wie diese Dampferzeuger zustande kamen!“

K.H:: Ist also die Position der NRC die gleiche wie die von Southern California Edison, dass Southern California Edison keiner Lizenzerweiterung bedurfte, oder ist dieser Ablauf nun dazu da, diesen Sachverhalt festzustellen?

Arnie Gundersen: Ja, beides. Sowohl Edison als auch die NRC sind zu dem Schluss ge­kommen, dass es zwar stimmt, dass die Dampferzeuger schadhaft geworden sind, aber es habe für Edison keine Möglichkeit gegeben, sich dessen bewusst zu werden, als sie um die erweiterte Lizenz ansuchen hätten sollen. Die NRC und Edison marschieren also im Gleich­schritt in ihrer Schlussfolgerung, dass es für eine Einbindung der Öffentlichkeit keine Not­wendigkeit gibt – nie gegeben hat.

Es sind also Friends of the Earth und Fairewinds, die sagen: „Nicht ganz so schnell, es gab jede Menge von Warnsignalen, dass diese Dinger in katastrophaler Weise versagen würden.“ Die NRC will uns die Belege, die ihre Position unterstützen, nicht zeigen. Es war außerordent­lich mühsam, Kevin.

K.H:: Aber die Belege, von denen du sprichst, sind die Unterlagen, soweit ich das nachvollziehen kann, die von Edison als Teil des 50.59 Ablaufs, den die NRC vorgibt, be­reitgestellt werden mussten. Und dieser Ablauf besagt, wenn ein AKW Modifikationen vor­nehmen will, dann müssen sie selbst, also der Kraftwerksbetreiber bzw der Lizenzhalter, ent­scheiden: Sind diese Veränderungen, die wir vornehmen wollen, nun so gravierend, dass wir um eine Lizenzerweiterung ansuchen müssen? Im Laufe dieses Prozesses, wenn ich es richtig verstehe, sind sie also zu dem Schluss gekommen, dass die Modifikationen nicht groß genug sind, als dass ein Ansuchen um eine Lizenzerweiterung notwendig wäre. Friends of the Earth und Fairewinds aber sagen: „Ja, die durchgeführten Veränderungen sind groß genug, dass ein Ansuchen um eine Lizenzerweiterung notwendig ist.“

Arnie Gundersen: Ja – nun, es ist sehr kompliziert und verwirrend. Was es aber so schwierig macht ist, das die NRC die Unterlagen, auf deren Grundlage sie ihre Entscheidung getroffen hat, nicht zugänglich macht – weil Edison sie ihnen gar nie gegeben hat. All diese Dokumente sind in einem Raum von Southern California Edison weggesperrt; die NRC betritt diesen Raum, schaut sich die Informationen an, ohne dass diese den Raum verlassen, und gibt sie dann an Edison wieder zurück. Sie nehmen die Papiere [im juristischen Sinne; AmÜ] also nie an sich. Das wiederum hat zur Folge, dass Parteien wie wir, Fairewinds oder Friends of the Earth, die Grundlagen für ihre Entscheidung nie zu Gesicht bekommen.

K.H:: Diese Unterlagen also, die bei Edison eingesperrt sind, sind eben jene, die sie dazu benutzen, zu begründen, warum sie nicht um eine Lizenzerweiterung anzusu­chen brauchen. Das sind eben genau jene Papiere, Edison zufolge, die klar machen, warum es für sie nicht notwendig war, um eine Lizenzverlängerung anzusuchen. Oder?

Arnie Gundersen: Das ist korrekt. Der Befund, dass sich diese Dampferzeuger in 2012 selbst zerlegt haben, sollte ziemlich klar machen, dass irgendjemand irgendetwas falsch ge­macht hat. Aber Edison lässt uns nicht an die Unterlagen, die 2003/04/05 verfasst worden sind, um festzustellen: Was haben sie gewusst und wann haben sie es gewusst?

K.H:: Zurück zu dem Brief, den Friends of the Earth nach dem Versagen der Rohrleitungen in den Dampferzeuger von San Onofre an die NRC geschrieben hat. Dieser Brief ist eigentlich keine 2.206 Petition, oder?

Arnie Gundersen: Nein, Friends of the Earth wollten keine 2.206, sie haben auch nicht darum gebeten.

Die NRC ist für vier Monate einfach auf dem Brief draufgesessen und im November haben sie dann gesagt: „Nun, ihr werdet zwar nicht das bekommen, was ihr eigentlich wolltet, aber wir geben euch eine 2.206 Anhörung“ – und diese hat letzte Woche stattgefunden.

K.H:: Eine Anhörung nach den Regeln von 2.206 ist also eine Treffen mit de­nen, die die Petition eingereicht haben, mit euch [Fairewinds] und Friends of the Earth und auch der Öffentlichkeit, die allesamt dem Ausschuss der NRC gegenübersitzen. Erzähl‘ mir von diesem Treffen!

Arnie Gundersen: Ich habe eine Powerpoint-Präsentation vorgeführt, die all die Knackpunkte aufgezeigt hat. Wir haben der NRC eine ganze Menge von neuen Informationen zugeführt, warum Edison bereits viel früher [um die Lizenzerweiterung] ansuchen hätte müs­sen, bereits damals 2003/04/05, weil es hier um bedeutende Modifikationen geht. Meine Power-Point Präsentation macht es kristallklar, dass dies der Fall ist.

Der ranghöchste bei dieser Anhörung aber, der Vorsitzende, ist während meiner Präsentati­on eingeschlafen. Seine Augen haben sich verdreht und sein Kopf nickte vor und zurück wie der von einer kleinen Puppe.

K.H:: Er ist also am Input durch die Öffentlichkeit besonders interessiert.

Arnie Gundersen: Genau. Der nächste in der Hierarche hat immer wieder gesagt: „Ich habe noch viele Termine und muss wirklich auf die Zeit achten. Sind Sie mit Ihrer Präsentati­on bereits am Ende angelangt? Wie viel Information müssen Sie uns noch geben, bevor ich die Entscheidung treffen werde?“ Es war also sehr frustrierend. Ich habe die Schlussfolge­rung daraus gezogen, dass die NRC bereits ihr Urteil gefällt hat, und egal, wie viel Informati­on wir auf den Tisch legen, wir blieben erfolglos.

K.H:: Eine Frage, Arnie: Es ist also so, dass die NRC sogar jetzt noch, nachdem die Prozedur so weit gediehen ist, sagt: „Wie viele neue Informationen werden Sie uns ge­ben?“ Aber vorher hast du gesagt, dass diese Unterlagen, die diesen 50.59 Prozess angehen, die von der NRC aber nie in Besitz genommen wurden und die die Grundlage für Edisons Ent­scheidung darstellen, NICHT um eine Lizenzerweiterung anzusuchen – wären diese Unterla­gen für Fairewinds hilfreich oder auch für Friends of the Earth, um die NRC mit mehr Analy­se und Information zu unterstützen?

Arnie Gundersen: Absolut. Sie halten die Information unter Verschluss, und gleichzei­tig sagen sie: „Was für Neuigkeiten habt ihr denn für uns?“ Es ist für einen Ingenieur als Sachverständigen äußerst frustrierend, nicht in der Lage zu sein, die Berechnungen einzuse­hen.

Aber auch so bin ich mir sicher, dass ich ohne jeden Zweifel beweisen kann, dass dieses Zeug vor 2004 oder 2005 lizensiert gehört hätte; das ist es aber nicht.

Man konnte aber anhand der Fragen durch die Zuhörer am Ende feststellen, dass sie genau­so frustriert waren. Wie kann man nur uns fragen: „Was habt ihr uns denn Neues mitge­bracht?“, wenn man uns auf der anderen Seite nicht zeigt, was sie wissen. Und das ist das Problem mit der NRC und diesem ganzen Ablauf: er ist dazu entworfen, die Öffentlichkeit zu vertreiben.

K.H:: Also wiederum eine Menge Verwirrung. Lass mich bei dieser 50.59 An­gelegenheit noch etwas tiefer schürfen: Du erklärst mir, die NRC hat die betreffenden Doku­mente gar nicht, die Edison dazu benutzt hat, nicht um eine Lizenzerweiterung anzusuchen. Wenn die NRC diese Unterlagen also gar nicht hat, wie können wir sie dann von ihnen ver­langen?

Arnie Gundersen: Du hast völlig recht, die NRC hat sie nicht, sie sind in irgendeinem Edison-Gebäude weggesperrt. Aber die NRC ist immerhin die Aufsichtsbehörde: Sie können die Papiere anfordern. Sie könnten sagen: die sind wirklich wichtig, also machen wir sie über unser Dokumentationssystem öffentlich zugänglich. Die NRC geht diesen Weg aber nicht, weil sie gar nicht will, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie dieser Vorgang 2004 bis 2006 abge­laufen ist.

K.H:: Nun, wenn sie die Dokumente anfordern würden, dann wären sie auch verpflichtet, diese öffentlich zugänglich zu machen?

Arnie Gundersen: Ja. Sie wollen die Papiere gar nicht, denn dann müssten sie diese für die Öffentlichkeit frei geben.

K.H:: Wenn du diese Dokumente vor dir hättest, was glaubst du, würdest du darin finden?

Arnie Gundersen: Nun, wie du weißt, liegt der zentrale Angelpunkt immer bei den zu­grunde liegenden Annahmen. Es geht natürlich nicht darum, dass eins plus eins zwei ergibt. Selbstverständlich ist das so. Aber die Annahmen, die sie getroffen haben, müssen unter­sucht werden. Was haben sie als Temperaturen, Druckverläufe und andere Schlüsselparame­ter veranschlagt? Meine Vermutung ist, dass sie nicht-konservative Einschätzungen vorge­nommen haben. Sie haben Annahmen gewählt, die das von ihnen gewünschte Resultat be­stätigt haben, während in Wirklichkeit bessere Annahmen verfügbar gewesen wären, die sie dann allerdings gezwungen hätten, zur NRC zu gehen. Es geht also nicht um die Berechnun­gen an sich. Es geht darum, welche Grundannahmen sie getroffen haben, nach denen sie dann ihre Berechnungen durchgeführt haben. Diese Annahmen sind der Schlüssel.

K.H:: Und glaubst du, dass diese Dokumente schlussendlich auftauchen wer­den?

Arnie Gundersen: Ich hoffe es – ich hoffe es wirklich. Aber ich glaube nicht, dass die NRC oder Edison oder die gesamte Atomindustrie möchte, dass es passiert. Es ist für die Öf­fentlichkeit also ein Kampf David gegen Goliath.

K.H:: Arnie, danke für deinen Bericht.

Arnie Gundersen: Danke für die Einladung, Kevin.

Es folgt nun eine einigermaßen detaillierte Zusammenfassung dieser Präsentation [Anmer­kungen in eckiger Klammer]

Der Vorsitzende der Anhörung, Dr. Sher Bahadur (NRC Vizedirektor, Abteilung Sicherheitss­ysteme), gibt einen kurzen Überblick über den vorausgegangen Prozess, darunter, dass die Antragsteller den in Gang gebrachten Ablauf für das zur Debatte stehende Versäumnis als nicht ausreichend erachteten, dass die NRC aber jede andere Art der Vorgehensweise ableh­nen, insbesondere soweit Lizenzerweiterungen und öffentliche Anhörungen nach „10 CFR 2.09“ betroffen sind. [Bezeichnenderweise irrt hier der Vorsitzende der NRC selbst: lt NRC Homepage gibt es keine Regel „2.09“. Gemeint ist vielmehr 10 CFR 2.309, die einem Antrag­steller die Möglichkeit gibt, bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit einen Ablauf anzusto­ßen, dessen Zweck es ist, die NRC dazu zu veranlassen, dem Lizenznehmer eine Fortführung des weiteren Betriebs, ohne um eine neuerliche Lizensierung anzusuchen, zu untersagen.] Er erinnert des Weiteren die Teilnehmer daran, dass alle sicherheitsrelevanten Aussagen sensi­bler Natur in einer öffentlichen Anhörung zu unterbleiben haben [was angesichts der zur De­batte stehenden Fragwürdigkeiten des Vorgehens der Betreiberfirma einen reichlich ironi­schen Beigeschmack hat] und fordert die Antragsteller auf, ihre „neuen“ Erkenntnisse dem Gremium zu Gehör zu bringen.

Es spricht nun Richard Ayres, der Rechtsvertreter von Friends of the Earth, welcher rasch zu Arnie Gundersen überleitet, der in den nächsten 45 Minuten darstellt, warum es zu der (nach Sicht des Antragstellers) fehlerhaften Einschätzung durch die NRC kommen konn­te, dass die Neuausstattung mit Dampferzeugern für den Betreiber von San Onofre nicht mit der Auflage verknüpft wurde, eine Lizenzerweiterung zu beantragen. (Seine Präsentation kann man unter http://www.fairewinds.org/nrc-presentation/ nachlesen.)

Er beschreibt, dass die Betreiberfirma im Jahr 2004 die lokale Energiebehörde über den geplanten Austausch der Dampferzeuger informiert hat und dass bereits Ende 2004 mit Mitsubishi Heavy Industries (MHI) der Preis für die Aggregate und alle mit der Genehmigung zusammenhängenden Prozeduren mit 670 Millionen $ vereinbart wurde. In diesen Spezifika­tionen wurde der Hersteller vertraglich dazu verpflichtet, dass es bei der Abnahme der Neu­aggregate zu keiner Notwendigkeit einer Verpflichtung zu einer Lizenzerweiterung kommen darf. Mit anderen Worten: die Betreiberfirma gibt an, dass ihr keine Nachteile aus der weiter oben genannten NRC Regel 10 CFR 50.59 erwachsen dürfen. Arnie Gundersen: „Damit wird der Karren vor das Pferd gespannt.“

Erst im Juni 2006 tritt Southern California Edison an die NRC offiziell heran, um ihr den geplanten Austausch vorzustellen. Über diesen Vorgang gibt es in den öffentlich einsehbaren Dokumenten bei der NRC keine Unterlagen. Das heißt, einen Großteil der Informationen, die der Antragsteller hier anführt und welche die Basis für die Petition darstellen, konnten nicht über die Aufsichtsbehörde erfragt werden, sondern mussten in mühevoller Detailarbeit erst auf anderen Wegen gefunden werden. Nur dadurch wurde bekannt, dass der 50.59 Prozess bereits bei diesen ersten Treffen ein Thema war: in welcher Art aber darüber geredet wurde, kann wegen der fehlenden Aufzeichnungen bei der NRC nicht festgestellt werden. Wenn man die Unterlagen des Betreibers aber betrachtet, so muss der Eindruck entstehen, dass alles getan wurde, um die NRC dahin gehend zu beeinflussen, dass die von SCE beabsichtigten Änderungen keine Notwendigkeit für eine Neulizensierung darstellen.

Arnie Gundersen gibt an, dass bereits sechs Monate vor der Anhörung durch FoE ein Antrag auf Veröffentlichung relevanter Dokumente im Rahmen des Freedom of Information Acts [FOIA: jeder Bürger hat das Recht, Papiere, die sich im Besitz irgendeiner Teilorganisati­on des Regierungsapparates befinden, anzufordern] gestellt worden war, um in diesem Punkt Klarheit zu erlangen – ohne jeglichen Erfolg.

In der Präsentation des Betreibers vor der NRC im Jahr 2006 ist nun von einer Reihe von „Verbesserungen“ die Rede – während Fotos von den bereits im Bau befindlichen Dampfgeneratoren davon zeugen, dass der Herstellungsprozess sich bereits in einem fortge­schrittenen Stadium befindet, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die NRC sich zu den beabsich­tigten „Verbesserungen“ noch gar nicht hatte äußern können. Angesichts der nicht unerheb­lichen Kosten dieser Bauteile bemerkt Arnie Gundersen , dass man doch eher erwarten soll­te, dass der 50.59 Prozess bereits abgeschlossen ist, bevor man im Produktionsablauf so weit fortgeschritten ist.

Jedenfalls bestätigt SCE in diesem Treffen vor der NRC auch, dass bei ihnen, also dem Betreiber, und nicht etwa dem Hersteller der Aggregate alle Verantwortung für die Erfüllung der verlangten Spezifikationen liegt.

Als nächstes werden Angaben von SCE an die NRC zu den neuen Dampferzeugern aus dem Jahr 2009 präsentiert, aus denen jedenfalls hervorgeht, dass die neuen Aggregate in ih­ren Kennzahlen deutlich von denen der Originalausstattung des Kraftwerkes abweichen. Für Gundersen ein klarer Hinweis dafür, dass die NRC sehr viel energischer hinterfragen hätte müssen, ob diese Veränderungen wirklich keiner Lizenzerweiterung bedürfen.

Erst 2011 werden die umfassenden Veränderungen, die SCE bei den neuen Dampfer­zeugern vorgenommen hat, in einem von SCE und MHI gemeinsam verfassten Report für die Öffentlichkeit sichtbar.

Daraufhin geht Arnie Gundersen auf die von SCE zu verantwortenden Veränderung im Detail ein. Er weist eingehend darauf hin, dass auch ein anderer Experte, der Brite John Large, in seinem detaillierten Befund [zu finden unter http://pbadupws.nrc.gov/docs/ML1302/ML13023A137.pdf] zu dem Schluss kommt, dass die Betriebserlaubnis trotz der massiven Konstruktionsmodifikationen eine implizite Lizenzer­weiterung darstellt [ein Ablauf, der aber so nirgends vorgesehen ist].

Unumstritten besagt 10 CFR 50.59, dass es zu einem Ansuchen um Lizenzerweiterung kommen muss, wenn das Betriebsrisiko in irgendeiner von acht in der Regelung spezifisch angeführten Kategorien durch die Veränderungen erhöht wird. In einer Tafel zeigt Gunder­sen auf, welche baulichen Veränderungen seiner Meinung nach diesem Tatbestand entspre­chen:

In 39 von 64 Kriterien sieht Gundersen die Bedingungen für die Erfüllung der Rege­lung 10 CFR 50.59 als gegeben an. Er führt weiter aus, dass der Prüfprozess durch die NRC wohl in dem einen oder anderen Punkt legitimerweise zu einem anderen Ergebnis führen konnte, dass eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für alle 39 Punkte aber höchst unwahr­scheinlich ist.

Es wird eine Aussage von SCE zitiert, in der behauptet wird, dass es zu den Defekten bei den Dampferzeugern wohl nicht gekommen wäre, wenn sich MHI an die Entwurfsrichtli­nien gehalten hätte. Gundersen weist darauf hin, dass die Kontrolle der Entwurfsrichtlinien ja immer bei SCE lag und dass sogar eine – nach Offensichtlich-Werden der Fehlkonstruktion – durchgeführte Untersuchung der NRC selbst zu dem Schluss kam, dass die Probleme nicht der Umsetzung der Pläne zuzuschreiben sind, sondern dem Entwurf selbst.

Hierauf wird die Konstruktion der Austauschaggregate von San Onofre mit denen des AKW Palo Verde verglichen und darauf hingewiesen, dass ein massives Element der Gesamt­konstruktion, der zentrale Stützzylinder, in Palo Verde beibehalten, in San Onofre aber ge­strichen und im Zentrum des Aggregates durch weitere wasserführende Rohrleitungen aus dem Primärkreislauf ersetzt wurde – dadurch würde nicht nur die Statik der Konstruktion kompromittiert, auch die Wärmeverteilung innerhalb des Dampferzeugers erführe eine er­hebliche Veränderung. Des Weiteren wurde im Fall von San Onofre die Konstruktion der Ab­standhalter zwischen den tausenden von Rohrleitungen verändert. Da es bei der Anlage von Palo Verde in der weiteren Folge nur zu vergleichsweise unerheblichen Beeinträchtigungen im Betrieb nach Installation der Austauschaggregate kam, läge der Schluss nahe, dass alle diese Designveränderungen ursächlich mit der Untauglichkeit des Entwurfs von San Onofre in Verbindung stehen.

In der Folge geht Gundersen auf den Umstand ein, dass ein weiteres Element, die AVBs (Anti-Vibration-Bars: gewellte Stangen, „nicht unähnlich einer riesigen Haarspange“) bei der 2. Einheit gegenüber der 1. verändert wurden. Dies weise darauf hin, dass es sich bei den Neuerungen um ein Experiment, einen Test handle [und wenn das der Fall ist, so kann es sich nicht um ein einfaches „Austauschaggregat“ handeln und muss daher entsprechend de­klariert und lizensiert werden...].

Auf Grund all dieser Überlegungen bezeichnet Gundersen die Aussage von SCE, dass die zu beobachtenden Probleme bei den Austauschdampferzeugern nicht vorhersehbar ge­wesen wären, als wenig glaubwürdig.

Die Glaubwürdigkeit von SCE wird auch durch den als nächstes angesprochenen Punkt nicht erhöht. Es wurde vom Betreiber nach Auftreten des Defektes eine Ursachenana­lyse durchgeführt. Gundersen weist nach, dass diese wertlos ist, da anstatt eines Vergleichs der ursprünglichen Dampferzeuger mit den neu eingebauten diese letzteren beliebig mit ir­gendwelchen anderen, nicht baugleichen Modellen innerhalb der Flotte der amerikanischen AKWs verglichen werden. Ein Vergleich von Äpfeln und Birnen also, den SCE aber heranzieht, um zu „begründen“, dass einzelne Konstruktionsmerkmale – wie die weiter oben genannten – eben nicht der eigentliche Auslöser für die Fehlfunktion sein können. Das eigentlich Beun­ruhigende aber ist, dass die NRC laut Gundersen diese fehlerhaften Analyse akzeptiert hat!

In einem letzten Abschnitt stellt Gundersen seine Schlussfolgerungen dar:

Die von SCE durchgeführten Veränderungen sind seines Erachtens nach so groß ge­wesen, dass SCE von sich aus um ein Lizenzerweiterungsverfahren hätte ansuchen müssen, da die Veränderungen unmittelbare Auswirkungen auf eine Barriere der ionisierenden Strah­lung (die Rohrleitungen im Inneren des Dampferzeugers) hatte, was eine gründliche Neube­wertung des Sicherheitsrisikos zwingend erforderlich mache.

Gundersen geht hier darauf ein, dass es ihm bewusst ist, dass es sich bei 10 CFR 50.59 nicht um eine retroaktive Regelung handelt. Er bemerkt aber, dass, wenn die Konstruktion rechtzeitig und ausführlich durch die NRC geprüft werden hätte können, der Defekt wohl ab­zufangen gewesen wäre, das Unentdeckt-Bleiben des Fehlers also wohl auch der von Anfang an bestehenden Verschleierungs- und Beschwichtigungstaktik durch die Betreiberfirma geschuldet ist.

In der Einschätzung von Arnie Gundersen ist dieser Vorfall ein Near-Miss, ein Vor­gang, der fast in die Katastrophe geführt hätte, und für ihn nach Davis Besse [bei dem eine fast durchgerostete Stelle im Reaktorgefäß [sic!] gerade noch rechtzeitig entdeckt wurde] das kritischste Ereignis dieser Art in der kommerziellen Nutzung der Atomenergie in den Ver­einigten Staaten.

Als größter anzunehmender Unfall im Bereich des Dampferzeugers sei man auf den Bruch einer einzigen Rohrleitung eingestellt gewesen. In der Druckprobe, die nach Auftau­chen einer leckenden Leitung bei allen Rohren durchgeführt wurde, bestanden aber gleich acht den Test nicht. Im Falle eines größeren Störfalles wäre es also wahrscheinlich zu einer Situation gekommen, auf die von den Eingreifmöglichkeiten der Bedienmannschaft bis zu den Evakuierungsplänen nichts vorbereitet war. Gundersen zieht den Schluss, dass San Ono­fre über Monate hinweg jenseits der Annahmen, unter denen eine Betriebsgenehmigung er­teilt wurde, gelaufen ist. Er kritisiert, dass dieser Umstand von der NRC niemals thematisiert wurde. Seiner Meinung nach hätte der Bruch von 8 Rohrleitungen bedeutet, dass der Reak­tor wegen des zu schnell entweichenden Wassers nicht mehr ausreichend gekühlt und eine Kernschmelze daher die unausweichliche Folge gewesen wäre.

Es wird noch aus einem Bericht der NRC zur Bestandsaufnahme nach Entdeckung der Schadhaftigkeit der Dampferzeuger zitiert, welcher auch zu dem Schluss kommt, dass sich der Konstruktionsfehler nicht zwangsläufig – wie erfolgt – durch das größer werdende Leck in einer schadhaften Rohrleitungen manifestieren musste, sondern genauso gut in der Form eines plötzlichen Leitungsbruches mit unabsehbaren Folgen.

Quelle: The Games People Play    http://www.fairewinds.org/the-games-people-play/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in ge­änderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Jänner 2013 / v5

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6. Jänner 2013

Fröhliches neues Jahr 2013

K.H.: Dies ist der Energy Education Podcast für den 6. Januar 2013. Ich bin Kevin. Dieser Podcast ist ein Projekt von Fairewinds Energy Education. Heute werden wir in unserem Programm ein paar haarsträubende Neuigkeiten aus Japan besprechen. Fast ohne ein weiteres Medienecho zu finden, hat die jüngst veröffentlichte Geschichte einer japanischen Nachrichtenorganisation offen gelegt, wie einige der Firmen, die mit Dekontaminierungsaufgaben betraut wurden, mit dem Atommüll verfahren, um ihn still und heimlich verschwinden zu lassen.

Außerdem: weitere Schwierigkeiten mit dem AKW von Ft Calhoun, nachdem ein NRC Inspektionsbericht aufzeigt, dass die Bauunterlagen, die ein reibungsloses Funktionieren der Anlage garantieren sollen, sich in keinem geordneten Zustand befinden.

Schlussendlich werden wir heute die Rückschlüsse einer Finanzanalyse, die von UBS Financial durchgeführt wurde, diskutieren, und ihre Bedeutung für einige Anlagen, wie sie den USA in Betrieb sind.

Auch diesmal bei uns im Studio um über alle diese Themen zu sprechen ist der Fairewinds Chefingenieur, Arnie Gundersen. Hallo Arnie, danke dir, dass du wieder bei uns bist.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin, danke dir, schön, wieder hier zu sein.

K.H.: Nun, Arnie, das ist unser erster Podcast für 2013, und ich möchte damit beginnen, unsere Zuhörer und Unterstützer wissen zu lassen, dass wir tatsächlich die Ziele, die wir uns für unsere Spendensammlung letztes Jahr gesetzt haben, erreicht haben. Und so möchten wir allen danken, dass sie uns bei dieser wichtigen Arbeit im kommenden Jahr unterstützen.

Arnie Gundersen: Ja. Ich möchte allen, die zuhören, danken, allen, die diese Website verfolgen. Wir haben das Ziel geschafft, das ist ganz außerordentlich. Das wird uns erlauben, 2013 weiterzumachen, und diese Art von Analyse, die man von uns erwartet, fortzusetzen.

Weißt du, die Erfahrung, seinen Briefkasten zu leeren und darin die Schecks von all den Leuten vorzufinden, die uns, Maggie und mir, für unsere Arbeit danken, ist etwas, das sehr bescheiden macht. Und so wollte ich sagen, wie dankbar wir, Maggie und ich, sind, auch im Namen von Fairewinds, für all die Spenden, die wir bekommen haben.

K.H.: Arnie, es ist aber nicht nur ein neues Kalenderjahr, es ist auch ein neues Jahr für dich ganz persönlich.

Arnie Gundersen: Ja, das ist richtig. Mein Geburtstag ist am 4. Januar, und ich habe meinen zwei hoch sechsten Geburtstag gefeiert. Ich überlasse es den Mathematikern unter ihnen, herauszufinden, was das heißt. Aber an meinem Geburtstag sind zwei fürchterliche Dinge im Bereich der Atomwirtschaft passiert – oder jedenfalls ans Licht gekommen. Von denen möchte ich diese Woche sprechen.

Das erste betrifft Japan und macht viele Menschen dort wütend. Es ist jedenfalls ein astreiner Skandal, und viele Leute in Japan sind äußerst besorgt. Die Massenmedien in den Vereinigten Staaten haben nicht davon berichtet, aber es ist eine sehr schwerwiegende Angelegenheit.

K.H.: Arnie, du sprichst von einem erst vor Kurzem erschienen Bericht, einer Enthüllung, die die Machenschaften japanischer Dekontaminierungsfirmen beleuchtet, die den radioaktiven Müll nicht in Säcke verpackt haben, sondern ihn vielmehr nur gesammelt haben, um ihn dann an verschiedenen Orten in der Natur wieder auszustreuen. Erst kürzlich wurden sie bei diesem Vorgehen ertappt.

Arnie Gundersen: Ja. Die japanische Berichterstattung war in diesen Dingen im Allgemeinen nicht sehr gut. Es gab jede Menge politischen Druck auf die Zeitungen, über Folgen des Unglücks in Fukushima Daiichi nicht zu berichten. Aber ich muss den Redakteuren und Reportern von Asahi Shimbun, einer der bedeutendsten Zeitungen in Japan, wirklich meine Anerkennung zollen. Dort wurde eine mutige, dreiteilige Serie über die Tatsache gemacht, dass Vertragsunternehmen, die für die japanische Regierung arbeiten, Atommüll nicht entsorgt und gelagert haben, sondern das verstrahlte Material, Laub und Bäume und Erde von Häusern und Straßen, einfach genommen haben, um es dann tiefer im Wald abzukippen; sie hatten nämlich nur 10 bis 12 Meter neben den Straßen zu säubern. Sie haben das verstrahlte Material also entweder einfach nur genommen, um es im Wald zu deponieren, oder aber, sie haben es zum nächsten Fluss gebracht und dort hineingeworfen. Es gibt nun von den Asahi Shimbun Reportern dokumentierte Fälle, in denen sich Flüsse wegen der Menge an radioaktiven Blättern und Schmutz braun verfärbten.

Das ist eine schwerwiegende Angelegenheit. Es zeugt von einem Mangel an Mitgefühl den eigenen Mitbürgern gegenüber, die den Auftrag erteilten und auch dafür bezahlen, dass diese Materialen entsorgt werden. Stattdessen schmeißt man den Müll einfach in den nächsten Fluss und schaut zu, wie er zum nächsten Dorf treibt.

K.H.: Diese Arbeiter waren also von Vertragsunternehmen. Wer hat sie beauftragt? Wer hat ihnen aufgetragen, diesen Strahlenmüll in der Gegend herumzuschaufeln, anstatt ihn einzusammeln und korrekt zu entsorgen?

Arnie Gundersen: Die japanische Regierung hat Verträge mit großen Baufirmen abgeschlossen. Viele dieser Baufirmen arbeiten auch an Fukushima Daiichi, was die Frage nahelegt, was sie dort eigentlich tun. Das Management dieser Firmen aber hat den Arbeitern befohlen, den Vertrag nicht weiter zu beachten. Der Vertrag stipuliert- also, Japan hat den Auftrag gegeben, dass der Atommüll verpackt wird, dieser dann gelagert wird, um dann in eine Entsorgungsanlage gebracht zu werden, deren Standort allerdings bis jetzt noch nicht festgelegt wurde. Aber anstatt den Atommüll einzusacken und zu lagern, haben diese Arbeiter, mit Genehmigung und Ermunterung durch ihr Management, die Säcke genommen und sie in Flüssen oder tiefer im Wald entleert, sodass das Land von Neuem verseucht wird.

Die Asahi Shimbun Reporter haben berichtet, dass ein Arbeiter ihnen sagte: „Ich bereue, was ich getan habe, aber meine Chefs haben es mir so befohlen.“ Nun, ich glaube, er hat nicht bereut, was er getan hat, sondern es hat in gereut, dass er erwischt wurde; und das ist natürlich etwas anderes, jedenfalls nach meinem Dafürhalten. Alle Links zu dem Bericht von Asahi Shimbun sind neben dem Podcast auf Fairewinds zu finden, sodass man die mörderischen Details selbst nachlesen kann.

Ich möchte also noch einmal dem Team von sorgfältigen Reportern meine Anerkennung aussprechen, das 130 Stunden mit ihren Kameras in den Wäldern gesessen ist, um Bilder von diesen Vorgängen aufzunehmen. Sie haben diese Aufgabe hervorragend gemeistert.

K.H.: Arnie, wie radioaktiv ist denn nun dieser Abfall, von dem wir hier sprechen?

Arnie Gundersen: Nun, der Zeitungsartikel gibt dazu keine Informationen. Aber ich bin mir sicher, dass es mindestens so schlimm ist, wie das, was ich gefunden habe, als ich in Tokio war: 7500 Bq/kg Cäsium. Und ich bin sicher, dass da noch weitere Isotope sind. Es handelte sich hier eindeutig um Atommüll. Hier in den USA würden wir solchen Müll nach Texas schicken, und er würde dann in Gruben, die anschließend überdeckt werden, gelagert, an einem der trockensten Orte auf dem ganzen Planeten. In der Präfektur von Fukushima gibt es aber jede Menge Regen. Indem sie das Zeug einfach tiefer in den Wald bringen oder in Flüsse kippen, machen sie das Problem nur noch schlimmer.

K.H.: Es ist dieses Material also in jedem Fall so radioaktiv, dass Messgeräte es anzeigen würden?

Arnie Gundersen: Ganz sicher. Es gibt auch tragbare Strahlenmessgeräte, und die sollten zwitschern wie Kanarienvögel in einer Kohlenmine.

K.H.: Arnie, das sind erschütternde Informationen. Ist das deinem Dafürhalten nach ein Einzelereignis, oder gab es so etwas auch schon früher?

Arnie Gundersen: Also in Japan ist es das erste Mal, dass sich eine bedeutende Zeitung des Themas annimmt. Aber: nein, so etwas gab es schon früher, es geschah auch in den USA. Wir sollten also nicht zu hart über die Japaner urteilen, es gibt eine lange Liste von Fällen, in denen Strahlungsereignisse hier in den Vereinigten Staaten unter den Teppich gekehrt wurden. Ich nenne dir drei Beispiele: eines davon betrifft Kalifornien, der Santa Susanna Strahlenunfall: der wurde jahrzehntelang vertuscht. Es gab einen in Florida, bei den Port St Lucie Reaktoren, der von der NRC vertuscht wurde. Wir werden diese Fälle zu einem anderen Zeitpunkt im Laufe des Jahres besprechen.

Heute möchte ich über die Vertuschung sprechen, von der ich persönlich bescheid wusste. Es passierte in New Brunswick, New Jersey. Damals im Jahr 1983 hatte ich als Vizepräsident einer Firma die Abteilung für Dekontamination unter mir, und das Energieministerium (DoE, Department of Energy) hat uns und noch ein zweite Firma (es waren nur diese 2 Firmen involviert, weil es hier um hochspezialisierte Aufgabenstellungen ging) eingeladen, einen Kostenvoranschlag abzugeben für etwas, das das Plutoniumlabor auf der Princeton-Avenue genannt wurde. Die Princeton Avenue war in New Brunswick, und an dieser stand ein altes Gebäude aus Beton, Teil des Manhattan Projects, in dem Plutoniumforschung betrieben worden war. Wir waren eingeladen worden, um es abzureißen- in einer kontrollierten Art und Weise, unter all den Vorkehrungen, die man einhalten muss, wenn man es mit radioaktivem Material zu tun hat.

Ich habe das Gebäude also betreten, und all die hochverstrahlten Stellen waren bereits herausgemeißelt worden. Man konnte in den Wänden sehen, wo Bruchstücke des Betons herausgebrochen worden waren, wo die Radioaktivität exorbitant hoch gewesen sein musste. Aber auch der Rest des Gebäudes musste abgerissen werden. Ich hatte einen anderen Ingenieur bei mir, und ich schickte ihn zum Rathaus von New Brunswick, und sagte: „Vielleicht können wir Blaupausen aus den Kriegsjahren von diesem Gebäude ausfindig machen, und nachsehen, ob jemals für eine Baubewilligung angesucht worden ist.“ Und tatsächlich, ungefähr eineinhalb Stunden später kommt der Mitarbeiter mit den Plänen zurück. Auf diesen waren aber nicht nur die Gebäude zu sehen- für die hatten wir auch Pläne- sondern es waren auch Abwasserkanäle darauf, die das Gebäude verließen und direkt in den Hauptkanal mündeten, der die Princeton Avenue entlanglief. Das heißt, das Abwassersystem von New Brunswick nahm all die radioaktiv verseuchten Abwässer von diesem Plutoniumlabor auf.

Ich habe diese Pläne dann dem DoE Projektmanager gezeigt, der daraufhin kreidebleich wurde. Er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass es unter der Anlage Abwasserkanäle gab. Er sagte. „Wir müssen dieses Treffen beenden, wegen diesen neuen Informationen muss ich die Ausschreibung zu einem späteren Zeitpunkt neu auflegen.“

Nun, das war mir recht, und der andere Angebotswerber verließ den Ort ebenfalls. Ich hörte nichts mehr vom DoE. Ungefähr ein Jahr später fuhr ich die New Jersey Turnpike, aus Pennsylvania kommend, hinunter. Ich entschloss mich, in New Brunswick abzufahren, und fuhr dann also die Princeton Avenue hinunter, aber- ich konnte das Laboratorium nicht finden. Wo ich dachte, dass es sein sollte, befand sich nur ein einfaches Feld. Ich fuhr die Princeton Avenue also vier Mal hinauf und hinunter, und hielt nach dem Plutoniumlaboratorium Ausschau, aber es war einfach nicht mehr da. Es war weg. Es war nie zu einer neuen Ausschreibung gekommen, trotzdem war es einfach weg.

Nun, einige Jahre später kam ich mit dem anderen Bewerber ins Gespräch- aber auch die wussten von nichts. Keinem von uns wurde also mitgeteilt, dass das Gebäude abgerissen worden war. Ungefähr vor 10 Jahren saß ich in einem Flughafen, und ich kam mit dem Reisenden neben mir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er vom DoE war und mich sogar kannte. Wir haben angefangen, über Princeton Avenue zu sprechen, aber er sagte: “Tut mir Leid, darüber kann ich Ihnen nichts sagen, diese Informationen sind geheim.“

Dies ist also ein Beispiel bei uns, mein Gott, im Herzen einer großen Stadt von New Jersey, in dem ein stattliches Gebäude einfach verschwunden ist; und niemand hat die notwendigen Aufräumungsarbeiten gemacht, hat die Kanäle abgesucht, um herauszufinden, was nun eigentlich wirklich die gesamte Verseuchung ausgemacht hat.

K.H.: Du sagst also, anstatt vor Ort das Problem zu untersuchen oder herauszufinden, ob sich die Radioaktivität ins Kanalsystem ausgebreitet hat, oder benachbarte Orte über die Kanäle erreicht hat, haben sie das Ausschreibungsverfahren einfach eingestellt, und sie ließen das Ganze verschwinden, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Arnie Gundersen: Ja.

K.H.: Wer aber sind „sie“?

Arnie Gundersen: „Sie“ ist die amerikanische Regierung, aber insbesondere das DoE, wahrscheinlich die atomkraftfreundlichste Abteilung des gesamten Regierungsapparates. Weißt du, um noch einmal darauf zurückzukommen, wie das alles mit Japan zusammenhängt: die Reporter vom Asahi Shimbun hatten den Mut, die Geschichte herauszubringen. Ich habe mit Reportern in New Jersey über diese Angelegenheit mehrfach gesprochen, aber die Massenmedien in New Jersey scheinen einfach nicht daran interessiert zu sein, ordentlichen investigativen Journalismus zu betreiben. Das hätte natürlich passieren müssen, um herauszufinden, was eigentlich mit dieser Anlage passiert ist- und was wirklich in den Abwasserkanälen von New Brunswick ist.

K.H.: Das ist alles sehr interessant. Arnie, du hast gesagt, es sind zwei Sachen, die dich an deinem Geburtstag besonders bestürzt haben, die eine ist Japan, was war das Zweite?

Arnie Gundersen: Ja, das andere betrifft uns unmittelbarer hier in den USA, unsere Zuhörer werden sich erinnern, dass ich seit den Überschwemmungen letzten Jahres wiederholt über das Atomkraftwerk von Ft Calhoun gesprochen habe.

Nun, die NRC hat soeben ihren Inspektionsbericht über die Anlage veröffentlicht, und die Probleme mit Ft Calhoun sind weitaus schlimmer, als die Behörden zugeben. Der Inspektionsbericht spricht von Bauunterlagen, im Fachjargon Konfigurationsverwaltung (configuration management)- ich weiß schon, die Gedanken wollen woanders hin, alleine schon, wenn man so ein Wort hört. Aber was es eigentlich bedeutet, ist folgendes: Flugzeuge haben ein Buch, ein dickes Serviceheft, und jede Veränderung an dem Flugzeug wird darin eingetragen. Nun, in Ft Calhoun haben sie kein Buch: es gibt einen ganzen Raum, einen riesigen Raum, mit allen Plänen und Detailzeichnungen- aber sie wissen nicht, was in diesem Raum eigentlich drin ist. Sie haben die Kontrolle über ihr Konfigurationsverwaltungssystem verloren. Es kommt heraus, dass einige Dokumente fehlen, einige, die sie finden, sind nicht vollständig, also, es fehlen einige Seiten; wenn sie aber auf die Blätter schauen, die sie finden, bemerken sie, dass die Berechnungen darauf falsch sind.

All das ist nun in dem Inspektionsbericht der NRC ans Tageslicht gekommen. Ich habe mir gedacht, ich verwende diese Gelegenheit, um ein paar Sätze aus diesem Bericht vorzulesen: „Die NRC ist auf eine Besorgnis des Personals von Ft Calhoun aufmerksam geworden, was die allgemeine Qualität der ursprünglichen Dokumentation der Auslegungsgrundlagen betrifft.“ Nun, was hier nicht gesagt wird, ist, dass diese Problematik bereits 1985 bekannt war. Diese Dokumente waren also fast 30 Jahre lang verloren, inkomplett oder inhaltlich falsch, und die Leute in Ft Calhoun haben davon gewusst. Und nun erst wird die NRC auf das Problem aufmerksam.

Ein anderer Satz in diesem Machwerk ist: die Analyse der zugrunde liegenden Ursachen in Ft Calhoun von 2012 hat ergeben, ich zitiere, dass „die Schutzmaßnahmen, um zuverlässige Entwürfe zu erhalten, und die Lizensierung der dem Bau zugrunde liegenden Dokumente versagt haben“. Die NRC führt aber folgendermaßen fort: „Die Analyse der eigentlichen Ursachen konnte aber nicht aufdecken, dass es sich hier um ein bereits lange fortbestehendes Problem handelt, das die Qualitätsmanagementrichtlinien nicht einhält.“ Wir könnten so weitermachen, aber der Report ist jedenfalls ziemlich vernichtend. Es ist, wie wenn ich versuchen würde, dir ein neues Auto zu verkaufen, und ich zu dir sagen würde: „Wir können nicht alle Aufzeichnungen zum Bremssystem finden, wir sind auch nicht sicher, ob die Berechnungen zu den Airbags vollständig sind, oh, und weil wir gerade dabei sind, die Berechnungen für die Sicherheitsgurte sind eindeutig falsch, aber wir wollen trotzdem, dass du damit wegfährst. Wer, der noch ganz bei Sinnen ist, würde so etwas zulassen? Und dennoch haben wir es hier mit einem Atomkraftwerk zu tun, das nun 40 Jahre in Betrieb war, und für die letzten 30 Jahre zumindest haben sie gewusst, dass nicht nachvollziehbar ist, wie es überhaupt gebaut worden ist.

K.H.: Meinem Verständnis nach, Arnie, kommt also jedes Atomkraftwerk, wie du sagst, mit einem Buch, in dem Aufzeichnungen zu jeder Lötstelle, jedem Rohr, jeder Dichtung, jeder Schweißnaht zu finden sind und auch all deren Veränderungen und Modifizierungen. Das alles wird in der Form einer Sammlung von Qualitätssicherungsunterlagen festgehalten. Meine Frage ist nun folgende: darf denn ein Atomkraftwerk ohne eine korrekte Dokumentation all dieser Veränderungen überhaupt in Betrieb sein?

Arnie Gundersen: Weißt du, das ist nicht das erste Mal, dass so etwas bei einem Atomkraftwerk geschehen ist, dass die Kontrolle über den Bau verloren ging. Es gab eine Anlage in Ohio, das sogenannte Zimmer Kraftwerk [nach William H Zimmer, AdÜ]. Dort wurden sie sich bewusst, bevor es hochgefahren werden konnte, dass nicht mehr rekonstruieren zu rekonstruieren war, wie es eigentlich gebaut worden ist. Sie haben drei Jahre und über eine Milliarde Dollar in den Versuch investiert, die fehlende Information zu rekonstruieren. Aber es ist nie gelungen. Je tiefer sie gegraben haben, desto mehr Probleme kamen ans Licht. Das Zimmer Kraftwerk wurde also nie in Betrieb genommen; es war ein milliardenschwerer Verlust.

Ich glaube, dass in Ft Calhoun die gleiche Situation vorliegt. Es ist an der Zeit, Ft Calhoun stillzulegen. Es ist nur ein relativ kleines Kraftwerk. Man kommt auch ohne seinen Strom aus. Es ist nun für 18 Monate nicht gelaufen, und in Omaha brennen die Lichter immer noch. All das wieder zu rekonstruieren ist teurer, als ein brandneues Atomkraftwerk zu bauen. Die eigentliche Frage ist aber: warum haben wir seit 1985 etwas gewusst, das wir auf der Ebene des Regulators aber erst 2012 „entdeckt“ haben? Die NRC hat Inspektoren in jedem Atomkraftwerk vor Ort. Es gab also 2 Inspektoren der NRC vor Ort in Ft Calhoun, seit 1985 schon, und die haben nie etwas davon bemerkt, dass die Entwurfspläne falsch waren? Sie haben nie gehört, dass grundlegende Berechnungen gefehlt haben? Daran kann ich nicht glauben.

Es gibt da außerdem noch eine andere Organisation, INPO, das Institut für die Nutzung von Atomkraft (Institute of Nuclear Power Operations). Das soll sogar noch pingeliger sein als die NRC. Aber wo haben die in den letzten 30 Jahren gesteckt? Wie kann ein Entwurffehler dieser Größenordnung sowohl von der Aufsichtsbehörde als auch vom Wachhund dieses Industriezweiges, der INPO, 30 Jahre lang unentdeckt bleiben? Mein Schluss ist, dass sie nicht hingeschaut haben. Und das spricht Bände über das allgemeinere Thema der Atomaufsicht.

K.H.: Aber Arnie, nun da sie also hingeschaut und das Problem gefunden haben, kann das Kraftwerk einfach weiter betrieben werden?

Arnie Gundersen: Nun, die NRC hat noch nie ein Atomkraftwerk stillgelegt. Die NRC hat Kraftwerke gezwungen, ihre Betriebsgenehmigungsgrundlagen neuerlich zu überprüfen und ähnliches, und schließlich ist es bei einer Reihe von Atomkraftwerken so gekommen, dass die Kraftwerksbetreiber das Handtuch geworfen haben und gesagt haben, dass es für sie in wirtschaftlicher Hinweise keinen Sinn mehr ergibt, das Kraftwerk weiter zu betreiben. Es ist also an der Zeit, es stillzulegen. Die NRC hat nie gesagt: „Wegen dem, was du da aufgeführt hast, wirst du deine Lizenz verlieren.“ Was die NRC gesagt hat, ist: „Nun, um weitermachen zu können, musst du das, das, das und das machen“, und an diesem Punkt sind wir bei Ft Calhoun angelangt. Ich hoffe, dass das Management in Ft Calhoun diesen Wust an Problemen erkennt, und daher sagt: „Dieses Kraftwerk ist nicht sicher, wir können nicht beweisen, dass es sicher ist, es ist also an der Zeit, eine geordnete Stilllegung herbeizuführen, und unserem Leben mit Hilfe einer anderen Energiequelle nachzugehen.“

K.H.: Arnie, du hattest eine ganze Menge über Atomkraftwerke in den USA zu sagen, und inwiefern sie finanziell praktikabel sind. Nun hat UBS Financial gerade kürzlich ihre eigene Analyse von mehreren Atomkraftwerken in den USA durchgeführt, und hat einige Informationen veröffentlicht. Kannst du mir mehr darüber erzählen?

Arnie Gundersen: Ja. Wir haben ja auf diesen Podcasts schon darauf hingewiesen, dass einige dieser alten Anlagen mit nur einem Reaktor wie Vermont Yankee oder Oyster Creek oder Ft Calhoun stillgelegt werden sollten, weil sie in ökonomischer Hinsicht keinen Sinn ergeben. Hörer, die unsere Sendungen schon länger verfolgen, werden mich so etwas schon die letzten 18 Monate lang sagen gehört haben. UBS Financial ist eine Investmentbank. Und die kamen letzte Woche mit einem Report heraus, der im Großen und Ganzen das Gleiche aussagt.

Das Schwergewicht lag auf Reaktoren, die zu Entergy gehören, im Speziellen, auf Vermont Yankee. Und sie haben bestätigt, dass sie keinen Weg finden können, wie ein weiterer Betrieb von Vermont Yankee irgendeinen wirtschaftlichen Sinn ergeben soll. Sie haben auch gesagt, wenn sie Entergy wären, würden sie den Stecker ziehen und das Kraftwerk stilllegen. Ich glaube, dass auch das Palisades Kraftwerk in Michigan, das ebenfalls zu Entergy gehört, ein altes, kleines, abgenutztes Werk, wahrscheinlich genau die gleichen Probleme aufwirft. Es ist also interessant, dass die Finanzwelt zur selben Schlussfolgerung gelangt, wie ich auch.

K.H.: Arnie, was für eine Art, 2013 zu beginnen, was für eine besondere Art, deinen Geburtstag zu feiern, mit all diesen Neuigkeiten.

Arnie Gundersen: Es scheint für die Podcasts nie einen Mangel an Nachrichten zu geben, über die wir sprechen könnten, und ich bin mir sicher, dass es das ganze Jahr 2013 so bleiben wird. Ich möchte noch einmal den Redakteuren und Reportern des Asahi Shimbun danken, und ganz besonders auch den Sehern und Hörern dieses Podcasts, die unserem Spendenaufruf letzten Monat gefolgt sind: danke sehr! Ich bin sicher, wir können Sie ein weiteres Jahr auf dem Laufenden halten.

K.H.: Arnie Gundersen, danke noch einmal dafür, bei uns gewesen zu sein, und schönen 2 hoch 6. Geburtstag!

Arnie Gundersen: Danke dir, Kevin!

K.H.: Das war es also wieder für diese Ausgabe unseres Energy Education Podcast. Sie können uns am nächsten Sonntag, und alle Sonntage, wieder hören mit neuen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft. Für neueste Informationen besuchen Sie unsere Website www.fairewinds.org. Für Fairewinds Energy Education spricht Kevin. Danke fürs Zuhören.


Quelle: Happy New Year 2013    http://www.fairewinds.org/happy-new-year-2013/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung - auch in geänder­ter Form - sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Jänner 2013 / v4

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23. Dezember 2012


Nicht einmal die Atomaufsichtsbehörde (NRC) selbst befolgt ihre eigenen Regeln

K.H.: Heute ist der 23. Dezember 2012 und dies ist der Energy Education Podcast. Ich bin Kevin. Dieser Podcast ist ein Projekt von Fairewinds Energy Education. Fairewinds ist eine gemeinnützige Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Politiker, die Öffentlichkeit und die nächste Generation über Atomkraft und deren Sicherheit zu informieren.

Heute in der Sendung: Wir sprechen über zwei US-amerikanische Atomkraftwerke, die jenseits ih­rer Entwurfsgrundlagen in Betrieb sind. Wir besprechen die Auslegung des Kraftwerks von Ft Cal­houn und dass die ursprünglichen statischen Berechnungen, die der Konstruktion des Contain­ments zugrunde liegen, sich nun als fehlerhaft herausstellen.

Wir sprechen auch über das Kraftwerk von San Onofre, für welche Belastungen es gebaut wurde und was tatsächlich vor sich geht.

Um diese Angelegenheiten zu besprechen, haben wir den Chefingenieur von Fairewinds, Arnie Gundersen, bei uns. Dies alles in Kürze.

Maggie Gunderson (Präsidentin von Fairewinds): Könnte es in den USA zu einer Kern­schmelze wie in der Anlage von Fukushima Daiichi kommen? Berichten die Massenmedien wirklich die Wahrheit über die Atomindustrie? Wenn Sie Antworten darauf suchen, was sich rund um die Welt an Neuigkeiten zum Thema Atomkraft ereignet: bei Fairewinds werden Sie fündig. Ihre Spen­den ermöglichen uns die Bereitstellung der notwendigen Mittel, Ihnen weiterhin sachliche Infor­mationen durch erfahrene Experten zu bieten. Bitte bedienen Sie die Schaltfläche für Spenden.

K.H.: Über Skype zugeschaltet ist uns nun der Chefingenieur von Fairewinds, Arnie Gundersen. Danke Arnie, dass du wieder bei uns bist.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin, danke für die Einladung und schöne Feiertage!

K.H.: Kommen wir gleich zur Sache: das Thema dieser Sendung sind Kraftwerke, die jenseits der Parameter in Betrieb sind, für die sie eigentlich gebaut wurden. Die zwei Kraftwer­ke, über die wir sprechen wollen, sind Ft Calhoun und San Onofre. Ft Calhoun ist ein AKW in Ne­braska, das im letzten Jahr von einem schweren Hochwasser heimgesucht wurde, was zu einiger Besorgnis führte. Arnie, du hast damals darüber gesprochen, aber einige neue Nachrichten führen nun zu neuen Befürchtungen. Kannst du uns darüber berichten?

Arnie Gundersen: Ja. Ft Calhoun ist bereits seit April 2011 außer Betrieb, seit dem schwe­ren Hochwasser. Man hat sich angeschaut, welche Auswirkungen das Hochwasser auf die Gebäu­de und deren Fundamente gehabt hat. Im Laufe dieser Arbeiten wurde herausgefunden, dass es Probleme innerhalb des Containments gibt, und es fand vor Kurzem eine Sitzung bei der NRC zu dieser Problematik statt. Das Faszinierende ist, dass die Probleme, die nun aufgetaucht sind, mit den Überschwemmungen gar nichts zu tun haben. Sie bestanden schon während der letzten Jahrzehnte.

K.H.: Vor wie vielen Jahren wurden diese Kraftwerke entworfen, wie kann man sich die Erstellung der Entwurfsgrundlagen damals vorstellen? Diese Kraftwerke stammen doch aus den 60ern und 70ern, oder?

Arnie Gundersen: Ja, sie wurden geplant, während ich noch studierte. Speziell dieses, Ft Calhoun, wurde noch auf Grund von Berechnungen, die per Hand oder mit einem Rechenschieber durchgeführt wurden, im Laufe der 1960er Jahre entworfen.

Was sie im Zuge der Untersuchung des Zustandes des Kraftwerkes nach der Überflutung herausge­funden haben ist, dass diese Berechnungen teilweise unrichtig sind, manche fehlen ganz, manche sind nur unvollständig. Wir haben auf unserer Website Bilder der NRC-Präsentation veröffentlicht, und die Zuhörer könnten das Bild Nummer 12 anklicken. Der Omaha Public Power District [einer der größten öffentlichen Stromversorger in den Vereinigten Staaten, kurz OPPD, in dessen Auftrag die private Exelon Corporation das Kernkraftwerk von Ft Calhoun betreibt] gibt offen zu, ich zitiere wörtlich: „Es gab fehlerhafte und unvollständige Berechnungen, Ungereimtheiten zwischen den Berechnungen und den Blauplänen, unvollständige Berücksichtigung aller möglichen Auflasten und einfache Übertragfehler“.

Nun, was haben sie eigentlich in den 60ern richtig gemacht, wenn sie alle diese Schwierigkeiten hatten? OPPD versucht das Ausmaß dieser Ungereimtheiten darauf einzuschränken, lediglich eini­ge Träger im Containment genauer zu analysieren. Aber, meine Güte, sie hatten alle diese Proble­me, die für fünf Jahrzehnte nun schon unentdeckt geblieben sind, wie viele andere dieser „Atom­berechnungen“ sollten demzufolge noch suspekt sein?

Ich hoffe, dass die NRC Fragen dieser Art stellen wird.

K.H.: Was wir nun also näher betrachten, sind Stützstrukturen innerhalb des Con­tainments, ist das richtig?

Arnie Gundersen: Ja, es geht um die Träger, die zB den Atomreaktor stützen, die Dampfer­zeuger, den Druckhalter. Es sind also essentielle, tragende Elemente. Was sie nun herausgefunden haben ist Folgendes: Im Alltagsbetrieb werden diese Bauteile wunderbar funktionieren, sollte es aber etwa zu einem größeren Rohrbruch kommen, dann werden die Beanspruchungen durch Vi­brationen und Erschütterungen so groß, das diese Träger im Containment wahrscheinlich versa­gen.

Nun, die Menschen in Omaha sind natürlich froh, dass es zu keinem solchen Gebrechen gekom­men ist, denn wenn es passiert wäre, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Erschütterungen in­nerhalb des Kraftwerkes so groß geworden wären, dass das Notkühlsystem für den Reaktorkern nicht funktioniert hätte.

K.H.: Es geht also einfach darum, das Gewicht des Reaktors auch im Falle eines massiven Störfalles tragen zu können.

Arnie, der OPPD rückte gerade jetzt mit diesen Informationen heraus. Sind sie selbst gerade erst drauf gestoßen?

Arnie Gundersen: Nun, Reporter die bei der öffentlichen Sitzung, in denen dieses Material vorgestellt worden ist, anwesend waren, gaben an, dass sie von diesen Dingen seit zwei Jahrzehn­ten gewusst haben. Es gab eine bestechende Präsentation zu diesem Thema durch eine Organisa­tion namens „SimplyInfo“ [Link in der afaz-Seitenleiste, AmÜ]. Offengesagt, ich war selbst sprach­los. Wie kann man von unrichtigen, unvollständigen und fehlenden Berechnungen und Übertra­gungsfehlern über zwei Jahrzehnte lang wissen und trotzdem nichts unternehmen?

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die „Aufsicht“, welche die NRC Reaktoren angedeihen lässt. Die NRC hat ihre eigenen Inspektoren vor Ort, und die NRC bekräftigt immer: „Wir haben unsere Leute immer in den Kraftwerken, rund um die Uhr!“ Aber in Wahrheit schaut es doch so aus, dass das nur zwei Leute sind - auf Seiten der Energieversorger sind es 700. Die Inspektoren vor Ort wer­den also zu reinen „Ankreuzern“. Sie laufen mit ihren Checklisten herum und schauen drauf, dass auf jedem i ein Pünktchen sitzt, aber sie gehen nie in die Tiefe, um sich fundamentalerer Fragen anzunehmen: wie wurde dieses Kraftwerk geplant, und sind die Berechnungen, auf die diese Pla­nungen zurückgehen, überhaupt richtig?

Wir finden nun also bei Ft Calhoun heraus, dass die grundsätzliche Auslegung des Kraftwerks, all diese händisch durchgeführten Berechnungen, von einem Grüppchen streberischer Ingenieure, bewaffnet mit Rechenschiebern, in den 1960ern ausgeführt, entweder falsch sind oder fehlen oder, dass sie einfach das Problem nicht vollständig durchdacht haben.

Nichtsdestotrotz ist von einem neuen Hochfahren im Januar die Rede.

K.H.: Es gibt also Probleme mit den alten Berechnungen beim Kraftwerk Ft Caloun. Es besteht die Besorgnis, dass die Stützen das Containment nicht tragen können, wenn es zu ei­nem größeren Problem kommen sollte. Was könnte das bedeuten? Ich meine, stürzt das Contain­ment dann ein?

Arnie Gundersen: All das bedeutet folgendes: Wenn es zu einem schweren Unfall gekom­men wäre, wenn eine große Rohrleitung gerissen wäre, dann hätten die zusätzlichen Kräfte, die nun auf die Struktur der Anlage einwirken (also nicht nur das Gewicht all dieser Bauteile, die, wenn sie normal ihre Funktion erfüllen, nur statisch auf ihren Stützstrukturen auflasten), die dyna­mischen Verwindungen und Erschütterungen des Baukörpers, die auftreten, wenn eine große Rohrleitung bricht, wahrscheinlich dazu geführt, dass diese Stützen versagt hätten.

Man hat sich einzelne Träger genauer angesehen. Sie haben gesagt: „Schauen wir uns diese sechs Träger einmal an, und finden wir heraus, ob es sich nur um ein vereinzeltes Problem handelt, oder tritt es regelmäßig auf?“ Sie haben also sechs angeschaut, und alle sechs waren nicht in Ordnung. Das ist ganz klar ein Hinweis auf ein systemisches Problem.

Dennoch: all das kommt aus dem Bereich IV der NRC, also der Abteilung der NRC, die den gesam­ten Westteil des Landes betreut. Aber Region IV formuliert nicht die grundlegenden Fragen, wie zB: Wenn all diese Probleme in dem kleinen Ausschnitt an Information, den wir gerade bearbeiten, auftreten, wie können wir uns auf irgendwelche der Sicherheitsberechnungen, die durchgeführt wurden, verlassen? Ich sehe nicht, dass diese Fragen, die den großen Zusammenhang betreffen, gestellt werden.

Die andere grundsätzliche Frage ist: Ihr habt von diesen Sachverhalten mehr als zwei Jahrzehnte lang gewusst; warum habt ihr uns nichts gesagt?

K.H.: Wenn du sagst, „ihr“ habt davon gewusst, meinst du damit die Belegschaft von Ft Calhoun oder die NRC?

Arnie Gundersen: Die Leitung von Ft Calhoun hat von dieser Angelegenheit seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, gewusst. Dennoch wird die NRC erst gerade jetzt eben darüber in Kennt­nis gesetzt.

Weißt du, wenn ein Mitarbeiter in der Atomindustrie von fehlenden, unvollständigen oder unrich­tigen Berechnungen weiß und nicht unverzüglich darüber berichtet, dann würde er gefeuert. Au­ßerdem gibt es ein Verfahren beim NRC, was bedeutet, dass man als Arbeitnehmer in der Atomin­dustrie für fünf Jahre gesperrt ist. Ich sehe nicht, dass die NRC so etwas für das Management von Ft Calhoun ins Auge fasst. Wenn ein derartiges Versagen einer Einzelperson unterlaufen würde, ihre Karriere wäre vernichtet: In Ft Calhoun aber erstreckte sich dieses Versagen wahrscheinlich über Jahrzehnte, berichtet SimplyInfo, trotzdem aber sehe ich niemanden beim NRC den Schluss ziehen: “Warum sollten wir euch 2013 - oder auch 2014, was das angeht - wieder weitermachen lassen? Wie können wir dem Management von Omaha Public Power vertrauen?“

K.H.: Also all diese… jedenfalls in diesem Fall, all diese alten Berechnungen, die Fehler in diesen alten Berechnungen, fehlende Informationen, vielleicht haben die Ingenieure sich in der Nachkommastelle vertan oder einen Übertrag vergessen, was auch immer, vermutest du jetzt, dass nur das Kraftwerke von Fr Calhoun betroffen ist?

Arnie Gundersen: Dazu gibt es zwei Dinge festzuhalten: Zum einen glaube ich nicht, dass lediglich das Containment von Ft Calhoun betroffen ist. Wenn sie in Ft Calhoun bei den Trägern in­nerhalb des Containments schon Probleme haben, so kann ich mir nicht vorstellen, warum sie nicht durchgehend, in allen Berechnungen, Probleme gehabt haben. Aber wir sollten Auslegungs­probleme in anderen Anlagen nicht ausschließen. Innerhalb der Region IV des NRC ist es nicht nur Ft Calhoun, denen sie unbedenklich ihr O K geben. Da ist also Ft Calhoun, und sie sagen: „Naja, wir denken ernsthaft darüber nach, dass ihr im Januar 2013 wieder loslegen könnt.“ Wir sehen dasselbe Verhalten der NRC Region IV in Bezug auf San Onofre.

K.H.: Ok Arnie, ich möchte freilich auch noch auf San Onofre zurückkommen. Vor­her möchte ich aber noch eure Spendenziele ansprechen. Fairewinds hat ein Spendenziel von 50.000 $. Wo stehen wir zurzeit?

Arnie Gundersen: Wie du weißt, haben wir mit dieser Aktion vor ca einem Monat begon­nen, um 2013 finanziell abdecken zu können. Ich bin mit den Resultaten sehr zufrieden. Wir haben 80% bereits geschafft. Nach unseren Einschätzungen werden ungefähr 50.000 $ notwendig sein, um uns 2013 über Wasser zu halten, und bis jetzt wurden uns um die 40.000 $ gespendet. Wir sind unserem Ziel also ziemlich nahe.

Es ist so befriedigend, die Post zu holen, und kleine Schecks von so vielen Leuten zu bekommen, denen die Botschaft, die Fairewinds aussendet, wirklich wichtig ist. Also all den Leuten, die uns un­terstützt haben: ich bin wirklich sehr dankbar!

Würden Sie bitte auch in dieser letzten Woche, bevor das Fiskaljahr endet, eine Spende für Faire­winds in Betracht ziehen.

K.H.: Wenn wir jetzt also zu San Onofre übergehen. Heute schauen wir uns The­men an, die mit der Auslegung dieser Anlagen zu tun haben. Sag, was ist in San Onofre gerade los?

Arnie Gundersen: Nun, wenn Sie ein regelmäßiger Besucher der Fairewinds-Site sind, dann wissen Sie, dass wir vier Berichte abrufbar haben, die für Friends of the Earth verfasst wurden, und zwar bezüglich der Dampferzeuger dort. Also in aller Kürze: Es geht darum, dass die Dampferzeu­ger ausgetauscht wurden. Nach weniger als einem Jahr versagten dann eine ganze Reihe der Rohr­leitungen in den [neuen] Aggregaten. Einen Dampferzeuger kann man sich wie einen Wald von dünnen Rohrleitungen vorstellen - nicht viel dicker als Ihre Finger, aber 10 bis 12 Meter hoch - ,die in Schwingungen geraten sind und sich dadurch gegenseitig beschädigt haben.

K.H.: Nur um das noch einmal klarzustellen: Innerhalb der Rohre des Dampferzeu­gers zirkuliert sehr heißes, radioaktives Wasser durch nicht-radioaktives Wasser, um so die Wärme abgeben zu können, während gleichzeitig die Radioaktivität nicht übertragen werden kann. Funk­tioniert das so?

Arnie Gundersen: Bei Gott, Kevin, wir werden doch noch einen Ingenieur aus dir machen!

K.H.: Ja. Mindestens seit letzter Woche. Aber bitte fahre fort, was ist nun mit die­sen Rohrleitungen?

Arnie Gundersen: Was also im Januar letzten Jahres passiert ist: Es ist ein Leck in einer die­ser Rohrleitungen aufgetreten, sie gingen hinein und führten Druckproben durch. Acht Rohrleitun­gen haben bei dem Test versagt.

Das aber bedeutet: wenn es zu einem Unfall gekommen wäre, wären acht Rohrleitungen höchst­wahrscheinlich geplatzt. Nun kommen wir auf die grundlegende Auslegung des Kraftwerkes zu­rück: dabei war mit maximal einer Rohrleitung gerechnet worden, die defekt werden könnte.

Mit anderen Worten: die Verhältnisse innerhalb des Kraftwerkes wären acht Mal schlimmer, als es irgendjemand jemals angenommen hat. Wenn es also einen Unfall gegeben hätte, etwas, das man konkret einen sogenannten Frischdampf-Leitungsbruch (FD-Leitungsbruch) nennt, wären nicht nur eine, sondern mindestens acht und vielleicht sogar noch viel mehr Leitungen geborsten. Sie haben schlussendlich 1.300 Rohre zugepfropft. Es ist also gut möglich, dass ein paar hundert Rohrleitun­gen versagt hätten.

Das Wichtige in diesem Zusammenhang ist aber, um auf die Entwurfsauslegung und die NRC Regi­on IV zurückzukommen, dass das Kraftwerk ganz offensichtlich jenseits der für einen Normalbe­trieb vorgesehenen Parameter in Betrieb war. Man ging davon aus, dass höchstens eine Rohrlei­tung defekt werden würde, aber es sind mindestens acht betroffen gewesen, vielleicht auch mehr.

Das wiederum bedeutet, dass alle Notfallpläne nutzlos gewesen wären. Wir sprechen ja von einem Unfall, der acht Mal schlimmer wäre, als der, auf den der Saat von Kalifornien vorbereitet gewesen wäre. Was bei so einem Unfall eintreten könnte ist, dass man das ganze Gebiet bis Los Angeles und hinunter bis zur mexikanischen Grenze evakuieren müsste.

Das Problem ist außerordentlich schwerwiegend. Wenn so eine Rohrleitung platzt, dann verliert sie fast 20 Kubikmeter Wasser pro Minute, das dann aus dem Reaktor an Orte gelangt, wo es nie­mals hinkommen sollte. Du hast dann radioaktives Wasser außerhalb des Containments, an Orten, die nicht dazu geeignet sind, es zurückzuhalten. Aber noch wichtiger ist, dass das Kraftwerk nicht dafür gebaut ist, den Verlust einer derart großen Wassermenge auszugleichen - mehr als 20 Kubik­meter im Reaktorkern. Der Brennstoff im Reaktorkern hätte also wahrscheinlich nicht ausreichend gekühlt werden können, was eine Kernschmelze zur Folge hätte.

Dieses Problem ist meines Erachtens also das gravierendste, das in den, sagen wir letzten zehn Jahren, bei uns aufgetreten ist. Die NRC, speziell Region IV, ignoriert einfach die Tatsache, dass San Onofre weit jenseits der Auslegungen, für die es entworfen wurde, gelaufen ist.

Die Position des NRC in dieser Frage ist folgende: Die NRC Region IV sagt: „Ja, wir wissen schon, dass acht Rohrleitungen wohl geborsten wären, wir wissen, dass es ein weit schwerwiegenderer Unfall gewesen wäre, als jemals angenommen wurde, aber die Wahrscheinlichkeit für einen FD-Leitungsbruch war nicht mehr als das Doppelte. Weil also die Wahrscheinlichkeit sich nicht allzu sehr vergrößert hat, geben wir unser Okay, wir sagen, dass der Betrieb bei euch nicht wirklich jen­seits der Entwurfsauslegung ist. Wenn die NRC zu dem Schluss gekommen wäre, dass der Betrieb als außerhalb der Entwurfsauslegung einzustufen ist, dann wäre eine Pönalzahlung von 150.000 $ pro Tag für die 18 Monate, an denen das Kraftwerk gelaufen ist, angefallen - was sich dann zu fast einer Milliarde$ [sic ! 1000 Millionen $, AmÜ] addieren würde. Das aber wollen sie nicht.

K.H.: Lass mich versuchen, das alles für mich ein bisschen greifbarer zu machen.

In diesen Rohrleitungen zirkuliert heißes Wasser unter hohem Druck, um Wärme abzugeben, die dann die Turbinen antreibt. Ihrer Planung nach hätte maximal eine dieser Leitungen bersten dür­fen. Du aber erzählst mir: Ja, da gibt es dieses Problem mit dem radioaktiven Wasser, das in einen nicht-radioaktiven Bereich auslaufen könnte, und das ist eines der Probleme, die zu lösen wären. Aber das Hauptproblem, zu dem es kommen würde, wenn nicht wie angenommen nur ein Rohrstrang, sondern gleich acht undicht würden, ist, dass zu viel Wasser dem System entzogen würde, und dieser Verlust könnte nicht ausgeglichen und damit die Kühlung des Reaktors nicht aufrechterhalten werden. Ist das so richtig?

Arnie Gundersen: Genau so ist es. Keiner der Reaktorsimulatoren ist dafür eingerichtet, diese Art von Störfall darzustellen, dass acht Rohrleitungen brechen. Es gibt einfach nicht ausrei­chend Wasser, das in den Reaktorkern eingespeist werden könnte, um die Brennelemente mit Wasser bedeckt zu halten, während dieser Reaktorkern gerade einen massiven Druckverlust erlei­det. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass im Fall eines Versagens von acht Rohrleitungen … ich sehe keine Möglichkeit, wie in diesem Fall eine Kernschmelze hätte verhindert werden können.

Es ist jenseits dessen, wofür die Anlage geplant ist, und es ist jenseits dessen, wofür die Reaktor­fahrer geschult sind.

K.H.: Und diese Rohrleitungen sind lediglich so dick wie ein Finger?

Arnie Gundersen: Ja. Sie haben in etwa den Umfang eines Fingers, sind 10 bis 12 Meter hoch und oben U-förmig gebogen. Wir haben ein Video auf unserer Website, das wir schon im Frühling gemacht haben, in dem wir davon sprechen, wie diese Rohrleitungen aussehen. Wer will, kann also dort nachschauen und sich ein Bild machen. [http://www.fairewinds.org/content/san-onofre-bad-vibrations]

Also ja, es ist geradezu ein Wald von diesen Rohrleitungen, es gibt 9.000 von ihnen in einem Dampferzeuger. Sie sind so heftig miteinander kollidiert, dass acht auf gutem Wege waren, zu ver­sagen - und sie haben dann auch versagt, als in San Onofre schließlich eine Druckprobe gemacht wurde, die simuliert hat, was passiert wäre, wenn es zu einem FD-Leitungsbruch gekommen wäre.

K.H.: Wenn diese Leitungen so viel Wasser verlieren können, dann muss das Was­ser in ihnen unter ungeheurem Druck stehen.

Arnie Gundersen: Oh ja, ein paar tausend PSI [=mehrere 100 kg/cm²]

K.H.: Arnie, wie wirkt sich all das nun auf die Katastrophenschutzpläne im dicht be­siedelten Radius rund um das Kraftwerk aus?

Arnie Gundersen: Es leben acht Millionen Menschen in einem Radius von 50 Meilen [80 km] um das Kraftwerk. Im Moment berücksichtigen die Katastrophenpläne nur einen Radius von zehn Meilen [16 km]. Aber innerhalb dieser zehn Meilen liegt zB Camp Pendleton, die größte Basis der Marines weltweit. Zu manchen Zeiten während des Jahres sind 50.000 Marines auf dieser Ba­sis stationiert.

Wir sollten darüber nachdenken, welche Auswirkungen es auf unsere nationale Sicherheit haben würde, wenn wir Camp Pendleton aufgegeben werden müssten. Das Kraftwerk liegt gerade in der Mitte von Camp Pendleton. Daher hätten, wäre es denn zu einem Unfall gekommen, 10- 50.000 Marines evakuiert werden müssen, ihre Ausrüstung hätten sie zurücklassen müssen. Aus dem Blickwinkel der nationalen Sicherheit ist das nicht etwas, was man anstrebt.

Wenn man der Straße aber nach Norden hinauf folgt, so kommt man zu Orten wie Irvine, Califor­nia, und nur wenig später folgt Los Angeles. Ein bisschen weiter im Süden liegt San Diego - riesige Städte, acht Millionen Menschen.

Genauso wichtig ist aber, dass LA der größte Import- und Exporthafen der USA ist. Wenn wir also LA wegen eines Unfalls in San Onofre dicht machen müssten, würden wir das Land vielleicht sogar unwiderruflich schädigen.

Das heißt, die Konsequenzen der Entwurfsfehler von Southern California Edison in San Onofre sind gewaltig. Und nichtsdestotrotz verhält sich die NRC wie ein Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, indem sie nicht zugeben wollen, dass im Grunde alle Systeme versagt hätten, die wir einge­richtet haben, um die Öffentlichkeit zu schützen - wenn es zu einem derartigen FD-Leitungsbruch gekommen wäre.

K.H.: Von diesem kleinen Rohr hängt also eine ganze Menge ab.

Arnie Gundersen: Ja, von diesem kleinen Rohr hängt eine ganze Menge ab, und auch von diesem kleinen Notfallplan.

K.H.: Arnie, vielen Dank, dass du auch diese Woche bei uns warst.

Arnie Gundersen: Ja dann, Kevin, danke für die Einladung, und trotz dieser bedrückenden Nachrichten hoffe ich, dass du, und auch unsere Hörer, schöne Feiertage vor sich haben.

K.H.: Danke Arnie, auch dir schöne Feiertage.

Und damit kommen wir zum Ende dieser Ausgabe des Energy Education Podcast. Sie kön­nen uns nächste Woche wieder auf Fairewinds.org hören; bitte vergessen Sie nicht: diesen Dezem­ber benötigen wir Ihre Unterstützung, wir bitten Sie um eine Spende, bitte betätigen Sie die ent­sprechende Schaltfläche. Danke.

Quelle: NRC Fails to Enforce its own Regulation    http://www.fairewinds.org/nrc-fails-to-enforce-its-own-regulation/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung - auch in geänderter Form - sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at    Jänner 2013 / v2

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16. Dezember 2012

Deja vu, ein weiteres Mal

K.H.: Dies ist der Energy Education Podcast für den 16. Dezember 2012. Ich bin Ke­vin. Der Podcast ist ein Projekt von Fairewinds Energy Education. Fairewinds ist eine ge­meinnützige Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Politiker, die Öffentlichkeit und die nächs­te Generation über Atomkraft und deren Sicherheit zu informieren.

Heute in der Sendung: Jeden Tag veröffentlicht die NRC (nationale Atomaufsichtsbehörde der USA) ein Protokoll aller aufgetretenen Ereignisse, den Event Notification Report, ENR. ENRs sind Benachrichtigungen an den NRC durch Atomkraftwerke, in denen ein besonderes Ereignis aufge­treten ist. Wir besprechen heute zwei kürzlich eingereichte ENRs; zufällig stimmen diese überein mit einem Videobeitrag, den Fairewinds in Kürze veröffentlichen wird.

Wie immer bei uns im Studio ist der Chefingenieur von Fairewinds, Arnie Gundersen. Dies alles in Kürze.

Maggie Gunderson (Präsidentin von Fairewinds): Könnte es in den USA zu einer Kern­schmelze wie in der Anlage von Fukushima Daiichi kommen? Berichten die Massenmedien wirklich die Wahrheit über die Atomindustrie? Wenn Sie Antworten darauf suchen, was sich rund um die Welt an Neuigkeiten zum Thema Atomkraft ereignet: bei Fairewinds werden Sie fündig. Ihre Spen­den ermöglichen uns die Bereitstellung der notwendigen Mittel, Ihnen weiterhin sachliche Infor­mationen durch erfahrene Experten zu bieten. Bitte bedienen Sie die Schaltfläche für Spenden.

K.H.: Nun, legen wir los. Danke Arnie, dass du auch diese Woche wieder bei uns bist.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin, danke, schön, wieder bei euch zu sein.

K.H.: Ich möchte mit der Erklärung von einem ENR beginnen. Was ist also so ein ENR? Ich weiß, dass du diese Veröffentlichungen der NRC fast jeden Tag durchsiehst, mitunter so­gar mehrfach am Tag. Soweit ich es also verstehe, sind ENRs Benachrichtigungen der Atomindus­trie an die NRC, wann immer ein Problem auftritt?

Arnie Gundersen: Ja. Wer interessiert ist, sie sind auf der NRC-Website abrufbar, und sie heißen ENRs, Event Notification Reports. Und jeden Tag werden alle Ereignisse in Atomanlagen, die in ihrer Bedeutung eine gewisse Schwelle übersteigen, in diesen ENRs gemeldet. Es sind aber nicht nur Atomkraftwerke betroffen. Es gibt 20.000 andere Lizenzhalter im ganzen Land. Es gibt welche, die ihre eigenen radioaktiven Hilfsmittel für die Untersuchung von Pipelines verwenden, und ähnliche Dinge. Es ist also eine Gruppe bunt gemischter Anlässe, zB von verlorenen Strahlen­quellen, die plötzlich auf Schrottplätzen auftauchen, aber eben auch Probleme in Atom­kraftwerken.

Diese ENRs werden also jeden Tag verfasst, und die NRC veröffentlicht sie. [http://www.nrc.gov/reading-rm/doc-collections/event-status/event/]

K.H.: Es gibt also tägliche Aktualisierungen.

Arnie Gundersen: Ja, das ist korrekt.

K.H.: Nicht unbedingt besonders interessant. Wie ist das also nun, zu 90% banale Dinge?

Arnie Gundersen: Naja, wahrscheinlich zu 95% banal. Ich lese sie jeden Tag, normalerweise zur ersten Tasse Kaffee. Aber immer wieder einmal weckt mich eine der Nachrichten so auf, dass ich das Koffein nicht mehr benötige!

K.H.: Der Grund dafür, dass wir diese Woche von ENRs sprechen ist also, dass du wirklich etwas Interessantes entdeckt hast?

Arnie Gundersen: Ja, es gab tatsächlich zwei faszinierende Beiträge diese Woche. Nun, die sind an und für sich schon sehr interessant, aber außerdem haben wir gerade eben ein Fairewinds -Video [http://www.fairewinds.org/more-lessons-from-the-fukushima-daiichi-accident-containment-failures-and-the-loss-of-the-ultimate-heat-sink-2/] abgedreht (es braucht ungefähr zwei Wochen, bis man so ein Video fertig hat) - wir haben also Anfang Dezember dieses Video produziert, und wir haben über zwei ganz außergewöhnliche Vorgänge gesprochen: Containments sind undicht und der Ver­lust der Hauptwärmesenke stellt ein Problem dar, das gar nicht in Betracht gezogen wird. Und, da schau her, kommen diese zwei ENRs heraus, das eine zum Thema undichtes Containment und das andere über den Verlust der Hauptwärmesenke.

Im Endeffekt hat die NRC dadurch eine Vorabwerbung für unser Video gemacht, das wir am Mon­tag Mittag online stellen werden.

K.H.: All das war also zu dem Zeitpunkt, als wir das Video gedreht haben, noch nicht bekannt?

Arnie Gundersen: Genau. Die Leute, die unsere Clips regelmäßig verfolgen, werden wissen, dass diese zwei Dinge zu unseren Hauptsorgen gehören, aber wir wollten das Jahr mit eben diesen zwei brennenden Problemen beschließen, und so haben wir es auch gemacht. Aber, was für ein Zufall, wir haben das Video noch gar nicht veröffentlicht, da kommt die NRC mit ihren Berichten heraus und bestätigt so im Wesentlichen all das, was wir zu sagen haben.

K.H.: Beginnen wir mit dieser ENR, die sich mit einem undichten Containment be­fasst. Bitte erzähle mir, worum es da im Detail geht.

Arnie Gundersen: Ja. Es gibt da im Staat New York einen Siedewasserreaktor, Nine Mile Point, der fast baugleich ist mit dem von Fukushima. Er liegt am nördlichen Rand des Staates New York. Interessanterweise habe ich dort Maggie vor über 35 Jahren zum ersten Mal getroffen, es war genau in dieser Gegend.

Wie auch immer. Jedenfalls, dieses Kraftwerk in Nine Mile Point hat ein undichtes Containment. Sie mussten also diese ENR verfassen und sie mussten den Reaktor herunterfahren, weil das Con­tainment undicht ist.

K.H.: Arnie, die NRC hat immer behauptet, dass Containments nicht undicht sein können. Das ist ja genau das Thema, zu dem du in dem Video am kommenden Montag sprechen wirst. Aber an diesem Beispiel sehen wir, dass Containments in der Tat undicht werden können. Kannst du mehr darüber sagen?

Arnie Gundersen: Ja, das Kraftwerk oben in Nine Mile, es wurde nun also heruntergefahren und sie haben die undichte Stelle bis jetzt noch nicht gefunden. Aber sprechen wir von einer Hand voll anderer, die in den letzten Jahren deswegen in ENRs auftauchten.

Gleich in der Nähe von Nine Mile ist ein weiteres Kraftwerk, Fitzpatrick. Auch dort ist ein Siede­wasserreaktor installiert, genau so wie in Fukushima Daiichi. Ein Angestellter ging am Containment entlang und hat einen mehr als 10 cm langen Riss an der Seite des Containments entdeckt. Der Rost ist daraus hervorgesickert. Der Riss war also schon so alt, dass Rost herausgekommen und an der Seite des Containments zu Boden geronnen ist. Interessant ist nun die Reaktion der NRC. Zu­erst einmal haben die Betreiber die Anlage nicht gleich heruntergefahren. Sie haben ein, zwei Tage gewartet und sich die Sache überlegt. Und die NRC hat sie nie dafür belangt, dass ein oder zwei Tage verstrichen sind, während denen sie kein Containment hatten.

Aber die NRC hat ihnen erlaubt, den Schaden zu reparieren, was ja in Ordnung ist, und ihnen auf­getragen, anschließend zu kontrollieren, ob die Dichtigkeit wieder hergestellt ist. Die NRC hat nie den Auftrag erteilt zu testen, bevor die Reparatur durchgeführt wurde.

Die Mitarbeiter des NRC haben dem Beratungsausschuss für Reaktorsicherheit gegenüber regel­mäßig versichert, dass noch jedes Mal, wenn ein Containment getestet wurde, dieses nicht un­dicht war. Aber sie haben ihnen immer dieses Schlupfloch eröffnet, die Reparaturen durchzufüh­ren, bevor der Test gemacht wird.

K.H.: Vielleicht verstehe ich das nicht ganz richtig. Die kommen also drauf und kontrollieren die Dichtheit. Und dann erlauben sie, dass die Reparaturen durchgeführt werden, be­vor sie die Dichtheit überprüfen?

Arnie Gundersen: Ja. Und das ist nicht nur in Nine Mile so, ich bin mir sicher, sie werden eine undichte Stelle finden und danach den Test machen, aber sie messen nie das Ausmaß des Lecks, bevor sie den Test machen. So war es auch in Fitzpatrick, sie haben den Riss verschweißt, und dann erst haben sie den Test gemacht und festgestellt: Wunderbar, das Containment ist dicht.

Und das ist nicht gut.

Das Gleiche geschah auch in Beaver Valley, wo ein 5 Zentimeter großes Loch an einer Seite des Containments entdeckt wurde. Es wurde nicht verlangt, die Dichtheit zu prüfen. Die NRC ließ sie das Loch stopfen, und dann haben sie einen Dichtheitstest durchgeführt und gesagt: „Schau dich an, es ist gar nicht undicht.“

Das ist also ganz klar eine Tendenz beim NRC. Es waren auch nicht nur diese Reaktoren. Ein paar in Virginia waren undicht, die Reaktoren von Turkey Point in Florida hatten vor nur zwei Jahren Lö­cher im Containment, aber niemand hat sie jemals aufgefordert festzustellen, welches Ausmaß diese Lecks nun eigentlich hatten. Sie haben es immer irgendwie geflickt und zugelassen, dass erst dann die Tests durchgeführt wurden. Aber klarerweise wird man das Problem, nachdem man es behoben hat, nicht mehr auffinden.

K.H.: Was also den Unterschied ausmacht: Es kommt mir so vor, als wenn ich zum Zahnarzt gehe, um mir ein paar Füllungen machen zu lassen, und danach erst zur Kontrolle gehe, ob ich irgendwo Löcher habe.

Arnie Gundersen: Ja. Schau Mutti, er hat gar nicht gebohrt. Das ist ein perfekter Vergleich.

K.H.: Nachdem das Problem behoben wurde.

Arnie Gundersen: Genau. Nachdem deine Löcher plombiert worden sind, kannst du be­haupten, dass du keine Löcher hast. Das ist genau die Art und Weise, wie die NRC bei den Dicht­heitstests von Containments vorgeht.

K.H.: Wenn wir nun noch zum zweiten Thema kommen wollen: Verlust der Haupt­wärmesenke. Dies ist etwas, worüber du nun schon seit geraumer Zeit sprichst. Gerade vor ein paar Tagen, oder vielleicht Wochen, hat die NRC eine ENR zu diesem Thema veröffentlicht. Kannst du das ein bisschen ausführen?

Arnie Gundersen: Ja, im Werk von Sequoyah in Tennessee haben sie gerade herausgefun­den, dass das Gebäude, in dem die Notfallkühlwasserpumpen untergebracht sind - manche nen­nen das das Notfall-Service-Wasser, im Sequoyah-Werk nennen sie es das „pure Notfallkühlwas­ser“, es pumpt jedenfalls Kühlwasser zu den Notstromdieselgeneratoren und zu den Wärmetau­schern, die den Atomreaktor herunterkühlen. Sie haben also gerade vor Kurzem herausgefunden, dass das Gebäude, in dem diese Pumpen untergebracht sind, undicht ist. Wenn es nun also zu ei­nem Hochwasser käme, so würde Wasser in das Gebäude eindringen, und die Lenzpumpen wären nicht stark genug, es wieder hinauszubefördern. In anderen Worten: das Hochwasser würde die Pumpen überfluten, die dafür da sind, das überschüssige Wasser abzupumpen.

Sie haben also einen ENR verfasst und die NRC darüber unterrichtet, dass sie ein Problem haben. Das ist genau das, was in Fukushima Daiichi passiert ist. Wasser hat die Pumpen für das Notkühl­system außer Betrieb gesetzt. Wir hatten viele Vorfälle wie den vorher genannten hier in den Staa­ten, aber die NRC scheint sich nicht sonderlich darum zu kümmern.

K.H.: Bekommt Sequoyah nun irgendwelche Bonuspunkte dafür, dass sie von dem Problem berichtet haben?

Arnie Gundersen: Nein. Im Prinzip haben sie gesagt, da es zur Zeit kein Hochwasser gibt, werden sie die Anlage weiter laufen lassen, sie werden dieses Manko beseitigen und halt ein Auge auf den Fluss haben, um sicher zu gehen, dass es zu keinem Hochwasser kommt.

Also, es wird von dir erwartet, dass du selbst die Berichte verfasst - das ist die einzige Art und Wei­se, wie das System arbeiten kann. Es gibt nur zwei NRC-Inspektoren in jeder Anlage, und in Se­quoyah gibt es wahrscheinlich fast 1.000 Beschäftigte, es ist also unmöglich für die zwei Inspekto­ren, alles im Auge zu behalten. Es muss also der Betreiber selbst die Reporte verfassen.

K.H.: Also, wir sprechen von den Pumpen, die den Reaktor kühlen, den Pumpen, von deren Funktionieren es abhängt, ob es im Falle einer Störung zu einer Kernschmelze kommt oder nicht. Soweit ich das verstanden habe, sind diese Pumpen in Sequoyah keine Tauchpumpen, sondern sie sind in einem Gebäude installiert, das wasserdicht sein sollte. Du sagst mir aber, dieser ENR von der NRC stellt fest, dass das Gebäude, in dem die Pumpen stehen, nicht wasserdicht ist.

Arnie Gundersen: So ist es. Es gibt also zwei Arten, wie man das Problem lösen kann: Man kann das Gebäude wasserdicht machen oder die Pumpe. In Sequoyah haben sie aber soeben be­merkt, dass sie keins von beidem haben. Wir wissen nicht, wie lange das Problem schon besteht. Ist es erst im letzten Jahr entstanden, oder war das Kraftwerk in den letzten 30 Jahren trotz dieses Problems in Betrieb? Wir wissen es einfach nicht.

Und ein anderer Aspekt davon ist, dass es sich hier um ein Hochwasser handelt, wie es nach den alten Normen zur Zeit der Erbauung des Kraftwerks angenommen worden war. Du wirst dich dar­an erinnern, dass die NRC die Leute dazu bringen will, die Parameter des größten anzunehmenden Hochwassers neu abzuschätzen. Niemand weiß also, was da draußen noch alles passieren wird. Jetzt wird einmal festgestellt, dass das maximale Hochwasser über einen Meter höher sein könnte als der Wert, für den das Werk gebaut worden ist. Solche Dinge werden nun öfter vorkommen.

Oder ein anderer Punkt, über den wir in dem Video, das am Montag erscheint, sprechen werden, ist, dass die NRC wie ein Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt hält und diese ganze Angele­genheit mit absaufenden Kühlpumpen, die aber dazu da wären, den Reaktor zu schützen, einfach ignoriert.

K.H.: Ich glaube, dass das Video diese zwei Punkte für die Seher ziemlich deutlich machen wird. Noch einmal: Dichtheit des Containments ist ein Thema und Verlust der Hauptwär­mesenke das andere. Beide Themen sind nun zumindest im Gespräch und wenigstens von TEPCO auch als Probleme anerkannt.

Kannst du uns noch etwas über das Video erzählen, eine kleine Vorschau geben?

Arnie Gundersen: Nun, wir haben diese Themen monatelang untersucht, unsere regelmä­ßigen Hörer werden wissen, dass wir seit April 2011, also der Zeit direkt nach dem Unfall, dran sind. Aber wir haben außerdem noch ziemlich schlüssige Beweise für eine Explosionsdruckwelle und auch ziemlich schlüssige Hinweise, dass die NRC das Problem des Verlusts der Hauptwärmesenke ignoriert. Das Video, das wir am Montag Mittag veröffentlichen werden, ist schlicht ein Exposé von verschiedenen Aussagen, die Fairewinds schon seit geraumer Zeit getätigt hat, und Beweisen, die ziemlich eindeutig aufzeigen, dass Fairewinds recht behalten hat: dass Containments durch eine Explosionschockwelle zerstört werden können und dass der Verlust der Hauptwärmesenke von unserer freundlichen Aufsichtsbehörde, der NRC, ignoriert wird.

K.H.: Na gut, dieses Video wird also morgen, am Montag Mittag, auf Faire­winds.org herauskommen. Sonst noch was für heute, Arnie?

Arnie Gundersen: Nein, ich denke, wir sind durch. Das war durchaus eine ziemlich intensive Woche.

K.H.: Arnie Gundersen, noch einmal danke, dass du diese Woche bei uns warst!

Arnie Gundersen: Danke für die Einladung, Kevin.

K.H.: Ein ungeheures Unterfangen, das den Japanern hier gelingen muss, eine äu­ßerst schwierige Aufgabe, die sie bewältigen müssen. Was sollten wir aus all dem lernen?

Arnie Gundersen: Nun, das war es für unsere dieswöchige Sendung. Nur als eine Erinne­rung: Fairewinds Energy Education benötigt ihre Unterstützung. Danke sehr.

Quelle: DEJA VU ALL OVER AGAIN!    http://www.fairewinds.org/deja-vu-all-over-again/    Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak,mv)
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung - auch in geänder­ter Form - sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at    Jänner 2013 / v1

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9. Dezember 2012

Welche Folgen sind zu erwarten, wenn Atomkraftwerke in einer aktiven Erdbeben­zone gebaut werden?

K.H.: Dies ist der Energy Education Podcast für den 9. Dezember 2012. Ich bin Ke­vin. Der Podcast ist ein Projekt von Fairewinds Energy Education. Fairewinds ist eine ge­meinnützige Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Politiker, die Öffentlichkeit und die nächs­te Generation über Atomkraft und deren Sicherheit zu informieren.

Heute in der Sendung: Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt richtet sich wieder auf Japan, nach­dem sich ein Erdbeben der Stärke 7,3 nach Richter vor der Küste Japans ereignet hat. Wir werden dieses neuerliche Beben erörtern. Außerdem: In der Anlage von Fukushima Daini, nur wenige Kilo­meter südlich von Daiichi, wurde ein Druckanstieg im Containment registriert. Auch darüber wol­len wir sprechen. Wir werden weiters über die Schwierigkeiten reden, auf die TEPCO bei dem Ver­such stoßen könnte, die Brennelemente aus den Abklingbecken zu entfernen.

Auch diesmal bei uns im Studio ist der Fairewinds Chefingenieur, Arnie Gundersen. Dies alles in Kürze.

Maggie Gunderson (Präsidentin von Fairewinds): Könnte es in den USA zu einer Kern­schmelze wie in der Anlage von Fukushima Daiichi kommen? Berichten die Massenmedien wirklich die Wahrheit über die Atomindustrie? Wenn Sie Antworten darauf suchen, was sich rund um die Welt an Neuigkeiten zum Thema Atomkraft ereignet: Bei Fairewinds werden Sie fündig. Ihre Spen­den ermöglichen uns die Bereitstellung der notwendigen Mittel, Ihnen weiterhin sachliche Infor­mationen durch erfahrene Experten zu bieten. Bitte bedienen Sie die Schaltfläche für Spenden.

K.H.: Danke, dass Sie bei uns sind. Es ist Sonntag, der 9. Dezember 2012. Sie hören den Energy Education Podcast. Nur als kleine Erinnerung: Wir würden gerne von Ihnen hören. Wenn Sie irgendwelche Fragen oder Anmerkungen haben, zu denen Sie von Arnie gerne eine Aus­sage hätten, wollen wir das gerne hören. Sie können eine kleine Aufnahme machen und diese an uns im mp3 Format weiterleiten. Die Emailadresse ist podcast@fairewinds.org. Bitte geben sie auch Ihren Vornamen an, und von wo aus Sie sprechen. Alle Fragen oder Kommentare sollten 30 Sekunden lang sein (oder kürzer). Noch einmal die Emailadresse: podcast@fairewinds.org.

Diesen Dezember bittet Sie Fairewinds auch um Ihre Hilfe. Fairewinds ist auf die Unterstützung von Hörern wie Ihnen angewiesen, um Energy Education weiter zu verbessern. Helfen Sie uns also bitte, unser Spendenziel während der Weihnachtssaison zu erreichen, indem Sie uns eine Unter­stützung weiterleiten. Nun aber wollen wir beginnen.

Arnie, danke, dass du heute zu uns ins Studio gekommen bist.

Arnie Gundersen: Hallo Kevin, danke, dass ich wieder bei euch sein darf.

K.H.: Kommen wir gleich zum Hauptthema unserer Debatte, dem Erdbeben vor Ja­pan, das vor nunmehr zwei Tagen [also am 7. Dezember 2012, AmÜ] stattgefunden hat. Es war von der Stärke 7,3 nach Richter, und alle sorgen sich um die Reaktorgebäude #4 und #3 in Fukushi­ma Daiichi. Kannst du etwas dazu sagen?

Arnie Gundersen: Ja. Es war zwar von der Stärke 7,3, aber 150 km vor der Küste. Das heißt, die Anlage selbst wurde nicht von einem Erdbeben der Stärke 7.3 erschüttert. Weißt du, es ist, wie wenn man einen Stein in einen Teich wirft: in der Mitte, dort wo der Stein auf die Oberfläche auf­schlägt, ist die Störung am größten, aber je weiter sich die Wellen davon entfernen, desto niederer werden sie. Die Anlage wurde also von einer beachtlichen Erschütterung heimgesucht, aber es war kein massives Beben.

K.H.: Keine 7,3 zu dem Zeitpunkt, als das Kraftwerk getroffen wurde - ist es das, was du sagst?

Arnie Gundersen: Ja, es hatte vielleicht Stärke 6.

K.H.: Aber auch, wenn es nur Stärke 6 war: Die Gebäude sind nicht mehr stabil, man macht sich also Sorgen. Was ist nun vor Ort geschehen?

Arnie Gundersen: Ja, ich habe gesagt, wenn es ein Beben der Stärke 7 direkt vor Ort gibt, dann muss man um die statische Integrität der Gebäude bangen. Das glaube ich auch weiterhin. Speziell #3: Es ist das am schlimmsten beschädigte Gebäude, und #4 hat natürlich den meisten Atombrennstoff. Es gibt da also zwei verschiedene Ausgangspunkte: #3 ist das Gebäude, das am einsturzgefährdetsten ist; wenn es aber #4 erwischt, dann wäre die größten Freisetzung von Ra­dioaktivität die Folge.

Aber das alles ist nicht passiert, und das sind natürlich gute Nachrichten. Die Abklingbecken sind weiterhin intakt. Ich glaube allerdings nicht, was TEPCO sagt: „Mach dir keine Sorgen, bleib fröh­lich, ist eh alles in Ordnung!“ Es gibt Hinweise auf ein Problem in #1, wir sind immer noch in Fukus­hima Daiichi, Reaktorgebäude #1 also, wo es zu einer Erhöhung der Wasserstoffwerte nach dem Unfall kam. Es ist sind noch keine explosiven Konzentrationen, aber sie sind dramatisch angestie­gen.

Es gab ein anderes Problem 10 km entfernt in der Anlage von Fukushima Daini: Im dortigen Reak­torgebäude #1 kam es zu einem Druckanstieg im Containment. Niemand weiß so recht, warum das geschah, aber es war kurz nach dem Beben, es besteht also ein eindeutiger kausaler Zusammenhang. Dann berichtete der Nachrichtendienst Nikkei, dass es in der Brennstoffwieder­aufbereitungsanlage, die sich ebenfalls nicht in unmittelbarer Nähe des Erdbebenherdes befindet, zu einer Spitze bei der Freisetzung von Radioaktivität gekommen ist.

Dies sind Probleme, die nicht passieren dürften, aber es sind keine katastrophalen Ereignisse.

K.H.: #4 steht also noch, alle waren wegen #4 besorgt. Sollten die Menschen nun dann wegen Fukushima Daiichi, speziell #4, besorgt sein?

Arnie Gundersen: Ja, ich bin immer noch wegen Fukushima beunruhigt, und dieses Beben der Stärke 7,3 ist wahrscheinlich nicht das stärkste, das als ein Nachbeben des 9,3 Bebens, wie es damals stattgefunden hat, passieren kann. Ein Beispiel ist das Sumatra-Erdbeben 2007: Das war ein Beben der Stärke 9, und 18 Monate später gab es ein Nachbeben der Stärke 8,6.

Ein Nachbeben der Stärke 7,3 nach einem Beben der Stärke 9 kann also erwartet werden, und wenn ich ehrlich bin, erwarte ich noch ein stärkeres Nachbeben irgendwann in der Zukunft. Es ist nur eine Frage, wann es so weit sein wird.

K.H.: Arnie, wir haben über die Gebäude #3 und #4 bereits ausführlich gesprochen und darüber, welche Gefahr sie für Japan darstellen. Um neue Hörer zu informieren, kannst du das noch einmal wiederholen? Warum richten wir so große Aufmerksamkeit auf #3 und #4?

Arnie Gundersen: #3 und #4 sind bautechnisch die durch den Unfall am meisten in Mitlei­denschaft gezogenen Gebäude. Die Explosion in #3 hat die statische Struktur empfindlich beein­trächtigt, und das zusätzlich zum Erdbeben und seismischen Nachwehen. Die Explosion von #3 hat außerdem die Struktur von #4 geschwächt; außerdem hatte #4 seine eigene Explosion und natür­lich die Folgen der Erdbebenereignisse. Diese Gebäude sind also in der Substanz am meisten ange­griffen.

Das Augenmerk auf #4 wird dadurch noch weiter verstärkt, dass derart viel abgebrannte Brennele­mente im Abklingbecken lagern. Auch in #3 gibt es eine Menge Brennstoff im Abklingbecken, aber #4 ist vergleichsweise noch übler.

Wenn man das also vergleicht: Bei #3 ist die Wahrscheinlichkeit eines Einsturzes höher, aber die Folgen sind kleiner. #4 ist etwas stabiler, aber die Folgen [eines Einsturzes] wären viel schlimmer.

K.H.: Was wären das für Folgen?

Arnie Gundersen: Wir wären wieder in der gleichen Situation wie am 11. März 2011, wenn #4 einstürzen würde. Das würde das Land von Neuem in die Knie zwingen und unvorstellbare Eva­kuierungen auslösen. Es würde dann auch ein globales Thema werden, wegen des Feuers.

Wir haben es da mit einem Feuer zu tun, wie es noch nie zuvor jemand erlebt hat. Feuer in Ab­klingbecken wurden zwar theoretisch dargestellt - wir haben ein Video aus einem Laboratorium gezeigt, wie ein Feuer im Abklingbecken aussehen könnte -, aber noch nie ist es wirklich vorge­kommen, und hoffentlich kommt es auch nie dazu. Aber die Menge an Radioaktivität, von der wir hier sprechen, ist gleich der von allen 700 atmosphärischen Bombentests zusammengenommen, also die Emissionen von 40 Jahren zusammengefasst in einem einzigen Ereignis. Das wäre also wirklich ernst.

K.H.: Das ist eine ganze Menge, woran die Leute in Japan nun also jedes Mal, wenn die Erde bebt, erinnert werden.

Arnie Gundersen: Ja. Es ist also wichtig … Die japanische Regierung muss sich darüber klar werden. Das Land erlebte Nagasaki und Hiroshima, aber es kam darüber hinweg und hat an die Prämissen der Atomkraft geglaubt. Obwohl sie bombardiert wurden und den schwarzen Regen miterleben mussten. Aber sie glaubten und vertrauten den Autoritäten. Nichtsdestotrotz ist es passiert. Es ist wieder passiert in Daiichi. Und anstatt diese Phase nun abzuschließen, die mit Na­gasaki und Hiroshima begann und nun in Fukushima endet, redet die japanische Regierung davon, denselben Fehler zu wiederholen und für die nächsten 40 Jahre weiterzumachen.

Aber man muss bedenken: Jedes Mal, wenn es ein Erdbeben gibt, woran werden die Japaner nun denken? Sie werden denken: „Mein Gott, es könnte wieder passieren!“ Und das kann es auch.

Japan liegt am Feuerring [der pazifischen Platte]. Es hat aber nur eine äußerst geringe Landmasse. Ein halbes Prozent der gesamten Landmasse des Planeten liegt in Japan. Dennoch finden dort 10% aller Erdbeben statt. Es ist also kein besonders günstiger Ort, um Atomkraftwerke zu beherbergen.

Zusätzlich ist der Großteil von diesem halben Prozent Land, das ihnen zur Verfügung steht, gebir­gig, eignet sich also nicht zur Besiedlung. Daher sind die Menschen gezwungen, an den Küsten zu leben, aber genau dort sind auch die Atomkraftwerke.

Die Inseln sind also prinzipiell ein schlechtes Testgelände für Atomkraft, und man muss die Bevöl­kerung entsprechend sensibilisieren. Ich glaube auch nicht, dass das Thema einfach verschwinden wird. Ich glaube wirklich, für die nächsten 40 Jahre werden die Leute, sobald die Erde bebt, die Luft anhalten und sagen: „Oh Gott, ich hoffe, das Kraftwerk in Oi (oder wo auch immer) steht das unbeschadet durch!“. Das ist ein psychologisch schwieriger Platz für eine Bevölkerung. Ich glaube, die japanische Regierung sieht den Stress noch nicht voraus, dem sie ihre Bevölkerung über Jahre hinweg aussetzen wird, wenn sie diese Atomkraftwerke einfach weiter laufen lässt, wie sie es vor­schlägt.

K.H.: Arnie, ganz allgemein, Erdbeben, die mit Hilfe der Richterskala angegeben werden: Soweit ich weiß, ist das eine logarithmische Skala. Kannst du uns etwas dazu sagen?

Arnie Gundersen: Ja. Du hast recht. Die ist nicht exponentiell, aber fast. Das heißt, der Un­terschied zwischen einer 8 und einer 7 ist nicht das 10-fache oder das Doppelte - es ist ungefähr die 30-fache Intensität. Schauen wir uns einmal die Stärke 7,3 gegenüber der 8,5 des Sumatra-Erd­bebens an. Das wäre ungefähr 40-mal stärker. Das Nachbeben in Sumatra war also 40-mal stärker als jenes vor Japan vor ein paar Tagen. Und wir sprechen von einem Nachbeben. Also, man muss immer bedenken, wenn man von einem Beben der Stärke 7 hört, dass Stärke 8 mehr als 10-mal stärker ist.

Dazu kommt aber noch der genaue Ort des Bebens. Als die Leute von einem Erdbeben in Japan hörten, begannen sie sofort, Fairewinds zu kontaktieren. Aber sie haben nicht nachgeschaut, wo denn das Beben stattfand, nämlich über 200 km weit entfernt. Die Bodenbeschleunigung in Fukus­hima scheint mir also nur im Zentimeterbereich gewesen zu sein, verglichen mit Dezimetern beim fatalen Beben.

Das heißt aber auch, dass Teile, die bis jetzt vielleicht gerade noch gehalten haben, nun herunter­gefallen sind. Teile, die vielleicht bis jetzt noch unter der Decke hingen, liegen nun am Boden. Sie waren vorher auch schon nicht mehr zu gebrauchen, jetzt sind sie es endgültig nicht mehr. Es ist fast wie nach einem Wirbelsturm. Äste, die noch im Baum stecken geblieben sind, fallen beim nächsten Sturm herunter.

Das Gleiche passiert nun in allen Einheiten von Daiichi. Man wird feststellen müssen, dass sich der Zustand von bereits beschädigten Elementen weiter verschlechtert, ja, dass manche sich einfach loslösen.

K.H.: Das heißt, wenn das letzte Beben in Daiichi auch keine Gebäude zum Einsturz gebracht hat, so macht es die Aufgabe, mit all den Problemen umzugehen, für TEPCO und Regie­rungsarbeiter sicher nicht leichter.

Wenn wir ein paar Kilometer weiter nach Süden schauen finden wir die Kraftwerksanlage von Dai­ni. Du hast gerade von einem Druckanstieg in einem der Reaktoren nach diesem Erdbeben gespro­chen. Kannst du aber etwas zu Daini vor zwei Jahren sagen? Welche Auswirkungen hat das Erdbe­ben vom März 2011 dort gehabt?

Arnie Gundersen: Nun, wir sprechen ziemlich ausführlich darüber in einem Video auf unse­rer Seite. Das Video heißt: „Es hätte noch viel schlimmer sein können“. Wir sprechen vom Verlust der Hauptwärmesenke und vom Tsunami, der nicht nur die Kühlpumpen von Daiichi zerstört hat, sondern auch viele in Daini. Es liegen ca. 10 km zwischen diesen zwei Anlagen. Speziell die Pum­pen, die für die Kühlung von Reaktor #1 zuständig waren, wurden zerstört - und auch die Dieselge­neratoren von #1 haben nicht funktioniert. Das bedeutet, es muss zu Schäden im Kern gekommen sein. Wir sprechen nun von Daini, Reaktor #1. Dies ist eines der Geheimnisse, über die TEPCO nicht spricht: Wie stark ist Fukushima Daini beschädigt? Wir wissen auch nichts darüber, wie stark Daii­chi #5 und #6 betroffen sind, davon hören wir ebenfalls nichts. Aber Daini blieb eine ganze Weile ohne Kühlung. Die Dieselaggregate waren nutzlos, wegen dem Verlust der Hauptwärmesenke. Und nach diesem Erdbeben sehen wir nun einen Druckanstieg im Containment. Diese Ereignisse sind miteinander verknüpft. Ich sage nicht, dass dies eine Katastrophe darstellt, ich meine nur, dass die Wissenschaft klare Aussagen von TEPCO benötigt. Schauen wir also nicht nur auf Fukushima Daii­chi #1,2,3 und 4, sondern auch auf #5 und 6: Was ist dort passiert? Und lassen wir die Einheiten in Daini nicht außer Betracht. Daini #1 hat mit Sicherheit einen beschädigten Kern. Ob Daini #1 also jemals wieder anlaufen kann, ist eine Frage, die von Leuten gestellt werden sollte, die mit der Pla­nung der Energieversorgung betraut sind. Mir ist nicht bekannt, dass diese Ungereimtheit ein The­ma für die Menschen in Japan ist.

K.H.: Um noch zu weiteren Themen zu kommen: Wir haben in der letzten Zeit vie­le Emails mit der Frage bekommen, warum TEPCO diese Abdeckungen über den Abklingbecken in Fukushima Daiichi einrichtet. Warum werden die Brennelemente nicht einfach so schnell wie mög­lich herausgezogen?

Arnie Gundersen: Ja, ich habe sie auch gelesen, und dies ist eine gute Gelegenheit, dazu ein paar Worte zu verlieren. Ich war ja auch in einem Geschäftsbereich tätig, der sich mit der Her­stellung von fuel racks (also den Metallgestellen, in die die Brennstoffbündel in den Abklingbecken eingeführt werden. AdÜ) befasst. Wenn man sich die Brennelemente als eine Art Spaghetti vor­stellt, dann sind diese Gestelle die Dose, in der die Spaghetti sind. Wenn die Nudeln kerzengerade sind und die Dose auch, dann kann man die Dose umdrehen, und die Spaghetti rutschen ganz ein­fach heraus. Wenn die Dose aber eingedrückt oder verbogen ist oder aber die Spaghetti nicht schön gerade sind, bekommt man die Spaghetti nicht aus ihrer Dose.

Das Gleiche gilt nun auch für den Atombrennstoff. Im Wesentlichen ist es wie Spaghetti: 4 Meter lang, und jeder Brennstab ist nicht mehr als fingerdick. Ich glaube, es ist ziemlich klar, dass die Ge­stelle der Brennelemente in Daiichi beschädigt wurden. Es gab ein Erbeben auf der anderen Seite Japans im Jahr 2007, betroffen davon wurde die Anlage von Kashiwazaki-Kariwa. Dort wurden die Brennelementgestelle beschädigt. Das war ein ziemlich schlimmes Erdbeben damals, aber es gab keinen Tsunami. Die Folge aber war, dass einzelne Brennelemente dort nicht mehr aus den Gestel­len gezogen werden konnten. Ich war in Niigata - das ist an der Küste, unmittelbar neben Kashi­wazaki-Kariwa, und ein Wissenschaftler sagte zu mir: „Das war unsere letzte Warnung, dieses Erd­beben in 2007. Wir sind gut durchgekommen, und alle haben erleichtert aufgeatmet. Aber es war der letzte Warnschuss.“ Und er hatte recht, denn vier Jahre später ist das alles wieder passiert, in Fukushima Daiichi.

Ich gehe also davon aus, dass wir zur Kenntnis nehmen werden müssen, dass die Brennelementge­stelle in Fukushima beschädigt sind. Das bedeutet, die Spaghettidose wird eingedrückt sein. Wenn sie also versuchen, die Brennelemente herauszuziehen, dann werden sie das nicht machen kön­nen. Einige von diesen Brennelementen werden stecken bleiben, wie die Spaghetti in ihrer Dose. Und ein Erdbeben, wie wir es zuletzt hatten, hat höchstwahrscheinlich das Problem noch vergrö­ßert, oder aber es hat dazu geführt, dass noch mehr Bruchstücke in die Becken gefallen sind. Und wenn Fremdkörper in die Becken fallen, dann werden sie die Zugkraft erhöhen, die notwendig ist, die Spaghetti aus ihren Dosen herauszuziehen, also die Brennelemente herauszuziehen. Ich glau­be, was passieren wird, ist Folgendes: Es gibt da einen langen Haken, mit dem man die Brennstäbe an ihrer Spitze einhängt. Wenn das Gestell und auch die Brennelemente unversehrt sind, dann gleiten die Brennelemente relativ einfach heraus. Wenn aber der Brennstoff oder das Gestell ver­bogen sind, dann ist dem nicht so. Was sie nun tun können ist, mit mehr Kraft zu arbeiten und stärker zu ziehen. Das Problem ist, dass es sich um abgebrannte Brennelemente handelt, und die sind spröde. Wenn man also zu fest daran zieht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Brennelemente zerbrechen. Das aber kann eine gasförmige Freisetzung von Radioaktivität zur Fol­ge haben.

Nun, das war eine lange Vorrede, um die Frage zu beantworten. Der Grund dafür, dass die Dächer über die Abklingbecken gebaut werden, ist, dass die Sorge besteht, dass einige der Brennelemente beim Herausziehen brechen werden, wodurch radioaktive Gase freigesetzt werden. Wenn aber ein Gebäudeteil darüber errichtet wird, dann können diese Gase gefiltert und anschließend über einen Schlot abgelassen werden, und somit gelangt weniger Strahlung in die Umwelt. Es ist also eine Vorsorge, damit jegliche Radioaktivität, die von den abgebrannten Brennelementen ent­weicht, abgefangen werden kann, wenn sie anfangen, diese herauszuziehen.

K.H.: Diese Abdeckung hat also den Sinn, die Öffentlichkeit vor Strahlung zu schüt­zen, die bei der Entfernung der Brennelemente entstehen könnte. Welchen Gefahren aber sind die Arbeiter ausgesetzt?

Arnie Gundersen: Es gab auch schon Fälle in den USA, bei denen der Bereich um Abklingbe­cken geräumt werden musste, weil ein Brennstoffbündel abgebrochen war. Dann hat man eine Freisetzung von Gasen in dem darüber liegenden Bereich, und die Personen, die am Abklingbecken arbeiten, müssen den Raum verlassen, bis das Ventilationssystem die Gase abgeführt hat.

K.H.: Arnie, vor mehr als einem Jahr haben wir davon gesprochen, dass die Explo­sion in Reaktorgebäude #3 eine prompte Kritikalität darstellte und dass es vielleicht durch die Ver­formungen der Brennstäbe so weit gekommen ist, dass die einen auf die anderen gedrückt wur­den, oder was sonst noch alles dort vor sich ging. Ist es denkbar, dass sie bei dem Versuch, den Brennstoff zu entfernen, unabsichtlich eine weitere Kritikalität verursachen?

Arnie Gundersen: Das ist eine ausgezeichnete Frage. Im vergangen Jahr war das Wasser im Becken wirklich noch reines Wasser. Die einzige Methode, wie Neutronen absorbiert wurden, war durch Paneele im Becken - im Wesentlichen die Seiten der Spaghettidosen. Sie sind aus Bor ge­macht, darauf ausgerichtet, Neutronen zu absorbieren. Ich habe eine Firma geleitet, die Brennele­mentgestelle gebaut hat, und die Dimensionierung dieser Teile ist essentiell. Wenn man die Brenn­elemente zu nahe aneinander quetscht, erzeugt man eine ungewollte Kritikalität, eine prompte, moderierte Kritikalität. Das gilt für sauberes Wasser. TEPCO hat seit damals Bor in die Becken ge­schüttet. Der Brennstoff ist nur 5 % angereichert. Es ist unwahrscheinlich, dass es zu einer weite­ren Kritikalität kommen könnte. Nicht, dass die Gestelle so gut sind, im Gegenteil, die werden im­mer schwächer. Aber zusätzlich zu dem Bor, wie viel auch immer in den Seiten der Kanister im Ab­klingbecken noch vorhanden sein mag, in den Seiten der Spaghettidose, wenn man es so sagen will, zusätzlich zu diesem Bor ist das ganze Becken nun so voll mit diesem Element, dass sich die Menge an Bor wahrscheinlich verdoppelt hat.

Wir wissen aber, dass der Brennstoff beschädigt ist. Das wissen wir deshalb, weil die Radioaktivität im Beckenwasser unglaublich hoch ist - und sie ist in den letzten 18 Monaten auch nicht nennens­wert gesunken. Ursprünglich dachten die Leute, dass es sich um Ablagerungen durch die Explosio­nen handeln könnte, die auf die Wasseroberfläche niedergingen. Aber in der Zwischenzeit wurde das Beckenwasser über Monate im Kühlsystem umgewälzt, und immer noch stellen wir hohe Ra­dioaktivitätswerte in den Abklingbecken fest. Das sagt mir, dass die Brennelementbündel selbst beschädigt worden sind, entweder durch das Erdbeben, die Explosion oder eine prompte mode­rierte Kritikalität, oder aber durch die Nachbeben.

K.H.: Es ist also Brennstoff im Becken bereits freigesetzt worden.

Arnie Gundersen: Wenn man an diese langen Spaghettiröhren denkt, so sind diese Rohre aus einer Zirkoniumlegierung. Diese Rohre haben Risse. Die individuellen Brennstäbe haben Risse bekommen - entweder durch die seismische Einwirkung, die Explosion oder die Erschütterungen des Gebäudes bei der Explosion. Sie können völlig zerborsten sein, aber sie haben sicher Risse. Wir nennen diese Stäbe „weaper“ (Tränende). Je größer der Riss, desto mehr Tränen. Ich bin mir si­cher, sobald sie anfangen, die Brennelemente herauszuziehen, werden sie viele dieser „weaper“ entdecken, eine große Anzahl beschädigter Brennelemente.

Und verschlimmert wird alles noch dadurch, dass es sich nicht um sauberes Wasser handelt. Es ist Salzwasser. All diese Einrichtungen wurden nie für Salzwasser gebaut. Man hat es also mit einer heißen oder zumindest warmen Zirkoniumlegierung und Bor und Salzwasser zu tun, und darin lau­fen alle möglichen chemischen Reaktionen ab. Die Stärke dieser Hülsen beträgt lediglich 0,6 mm.

K.H.: Arnie, welcher Hülsen?

Arnie Gundersen: Ich rede von den Rohrhülsen, den Wänden der Zirkoniumröhren, die das Uran umhüllen. Diese Röhren sind nur 0,6 mm stark. Nun, wir haben bereits 2011 ein Video ge­macht, in dem wir so ein Rohrstück angezündet haben. Es schaute ziemlich steif aus, weil es nur 12, 15 Zentimeter lang war, aber wenn es 4 Meter sind, dann wird es ziemlich biegsam, weil es nur so dünn ist. Und jede Röhre wiegt hunderte Pfund. Man hat also ein großes Gewicht in einem lan­gen, schlanken Rohr, und wenn man das in Schwingung bringt oder mit Salzwasser in Verbindung bringt oder einer Explosion aussetzt, dann ist der Effekt, dass man einiges von diesem Brennstoff beschädigen wird.

Nun, jemand hat gesagt: “Warum nehmen sie diesen Brennstoff nicht einfach, heben ihn heraus, verfrachten ihn in Abschirmbehälter (Castoren) und dann können sie ihn erst einmal vergessen“. Das stand in einer Email vor gerade einmal einer Woche. Die Antwort darauf ist, dass die Brennele­mente nicht in einem besonders guten Zustand sind. Sie werden den Brennstoff also zuerst einmal an einen weniger gefährdeten Ort bringen müssen, wo er dann, Brennstab für Brennstab, unter­sucht werden muss, um herauszufinden, welche davon gelagert und welche zerlegt werden müs­sen. Wir brauchen hier auch einen Plan B.

K.H.: Wenn du also sagst, dass diese Stäbe hunderte von Pfund wiegen, dann sprichst du nicht von einem Brennstoffbündel, du sprichst von einem einzigen Stab, der mit Uran gefüllt ist, umhüllt mit einer Zirkoniumlegierung. Der wiegt dann hunderte Pfund?

Arnie Gundersen: Das ganze Brennstoffbündel wiegt ungefähr eine halbe Tonne. In einem Brennelement sind 8 mal 8 Brennstäbe. Jeder einzelne Brennstab wiegt also ein paar dutzend Kilo­gramm, das gesamte Brennelement (Brennstoffbündel) wiegt ungefähr 500 kg.

Am Kopfende befindet sich eine Art Haken. Sie fahren also von oben hinein, befestigen das Brenn­element an diesem Haken und fangen an zu ziehen. Es ist, wie wenn du versuchst, den Reißver­schluss deiner Hose zuzuziehen, aber die ist sehr eng. Du ziehst und reißt und fummelst daran her­um, und irgendwann wird sich schon etwas bewegen. Nun, das wird wahrscheinlich passieren, wenn sie an dem Ding ziehen. Wenn sie einfach brutal anziehen, wird es schon herausgleiten, dabei aber wahrscheinlich neuen Schaden anrichten, was uns zum Anfang zurückbringt, warum wir über diese Frage diskutieren: Der Grund, warum sie die Abklingbecken überdachen, ist, dass sie mit einiger Sicherheit weitere Gase freisetzen werden. Wenn sie aber das ganze Gebäude abdecken, können sie dann diese Gase filtern, bevor diese dann durch den Schlot in die Umwelt entlassen werden.

K.H.: Ein ungeheureres Unterfangen, das den Japanern hier gelingen muss, eine äußerst schwierige Aufgabe, die sie bewältigen müssen. Was sollten wir aus all dem lernen?

Arnie Gundersen: Nun, die Erkenntnis, die daraus erwächst, ist, dass eine Versagen dieser Technologie extrem teure Konsequenzen nach sich zieht. In den Vereinigten Staaten haben wir nie die wirklichen Kosten evaluiert, die ein schwerer Unfall mit sich bringen würde. Die Annahmen, die bei diesen Anlagen als Berechnungsgrundlage hergenommen werden, sind so gestrickt, dass sie mögliche Kosten minimieren sollen, damit die Strategen der Atomindustrie behaupten können, dass Atomkraft der günstigste Weg in die Zukunft ist. Aber da ist eben dieses magische Wort „An­nahme“. Je nachdem, welche Annahmen du triffst, kannst du die Resultate ganz, ganz stark in Richtung auf ein für die weitere Errichtung von Atomkraftwerken förderliches Ergebnis hinmodel­lieren. Ich glaube, dass genau das in Japan gerade passiert.

K.H.: Meine letzte Frage: dieses Wort „Annahme“. Dies ist ein Wort, das wir immer und immer wieder genannt haben. Es ist freilich auch ein Wort, das die NRC verwendet, wenn sie irgendetwas berechnen, alles, von der Frage, wie groß eine Evakuierungszone sein soll, bis zu … Was soll es nun also heißen, wenn von Annahmen die Rede ist?

Arnie Gundersen: Ja, die NRC ist allerdings sehr vorsichtig in ihrer Wortwahl, anstatt von Annahmen würden sie wohl von Ausgangsbedingungen sprechen, den Umständen am Beginn ei­ner Abfolge von Ereignissen. Im Grunde nehmen sie an, dass Atombrennstoff, der leck wird, Radio­aktivität in einer gewissen Menge freisetzt. Und dann nehmen sie an, dass, wenn es einmal zu ei­nem Leck gekommen ist, nur ein gewisser Prozentsatz der Strahlung schließlich ins Wasser ge­langt, dann nehmen sie an, dass von dieser Radioaktivität im Wasser wiederum nur ein Bruchteil an die Luft abgegeben wird, und dann nehmen sie an, dass das Gebäude dicht bleibt.