Amerikas radioaktives Erbe: Atommüll findet sich an gut 6.000 Orten.
Und es werden immer mehr.


International arbeiten Staaten und Regierungen daran, unsere Energieproduktion aus ihrer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu befreien. Die Atomindustrie wittert daher überall Morgenluft und lanciert in dieser Debatte ihre Parolen. Totgeschwiegen werden die ökonomische Fragwürdigkeit einer weiteren Nutzung der Kernenergie und das enorme Risiko der radioaktiven Verseuchung der Umwelt nach jedem weiteren Super-GAU. Unerwähnt bleibt auch die komplette Unfähigkeit dieser Industrie, das Problem des von ihr produzierten hochgiftigen Abfalls zu bewältigen und ihn schließlich auch wieder loszuwerden. Bereits der bisher entstandene „Müll“ wird die Menschheit noch Hunderttausende von Jahren bedrohen.

In diesem Fairewinds-Video spricht Chefingenieur Arnie Gundersen mit Dr Marco Kaltofen, einem Atomexperten, der dem Thema mit kriminaltechnischer Präzision nachgeht. Dr Kaltofen, Direktor der Boston Chemical Data Corporation, und Arnie diskutieren die von den Lagerstätten erzeugten massiven Probleme: Es kommt weltweit reihenweise zu unkontrollierten Freisetzungen von Giftstoffen, denen Mensch und Umwelt hilflos ausgeliefert sind.

Seit den ersten Kernwaffentests im Südwesten der Vereinigten Staaten wächst der Berg an Atommüll, seit 70 Jahren. Der Nukleartechnik ist es in all dieser Zeit nicht gelungen, diesen radioaktiven Giftberg sicher in den Griff zu bekommen.

Im Gespräch gehen Arnie Gundersen und Dr Kaltofen näher auf das unterirdische Feuer in St Louis ein, wo Dr Kaltofen innerhalb der letzten 2 Jahre mindestens 350 Proben untersucht hat. [Der Brand in St Louis betrifft eine Abfallhalde, in der radioaktive Rückstände aus der frühen Atombombenzeit vergraben wurden; Anmerkung des Übersetzers] Weiters erinnert uns Dr Kaltofen an die nukleare Katastrophe, die sich 1957 in Kyschtym auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion ereignete. Damals kam es nach Ausfall der Kühlung in einem mit hochradioaktiven Abwässern gefüllten Tank zu einer chemischen Explosion. Der Unfall steht nur selten im Fokus der Aufmerksamkeit, doch Leben und Gesundheit der Menschen in den von diesem Unfall verseuchten Landstrichen sind nach wie vor bedroht.

Von der zerbröselnden, undichten Anlage in Hanford, die den Columbia River gefährdet, bis zum Plutonium und Americium, das im Hausstaub von Wohnungen nahe dem Rocky Flats Nuclear Arsenal in Colorado aufgefunden wurde: Arnie Gundersen und Dr Kaltofen stimmen darin überein, dass kein Land den Umgang mit seinen radioaktiven Abfällen unter Kontrolle hat.

Vielleicht die schlimmste aller Freisetzungen radioaktiver Stoffe ereignete sich aber unmittelbar an der Grenze zu Navajo-Land an einem Ort namens Church Rock in New Mexiko. Durch das Versagen eines Rückhalte-Damms auf einer Länge von 7 Metern ergossen sich mit radioaktivem Uran belastete, säurehaltige Rückstände einer schon lange außer Betrieb befindlichen Uranerzverarbeitungsanlage in den Puerco River. Der Fluss – von entscheidender Bedeutung für den Wasserhaushalt des Navajo-Landes in dieser Wüstenregion – wurde dadurch auf einer Strecke von über 100 Kilometern verseucht.

Arnie Gundersen und Marco Kaltofen führen uns die ernüchternden Tatsachen vor Augen: Die drohende wirtschaftliche Belastung, die finanzielle Bürde, verblasst gegenüber den nachhaltigen Verheerungen, die durch Atomkraft und Atomindustrie bei jedem Schritt der Brennstofferzeugung und -nutzung der Umwelt und den Menschen zugemutet werden.

Wir von Fairewinds Energy Education wollen Ihnen dafür danken, dass Sie Teil unserer engagierten Gemeinschaft sind. Wenn auch Sie davon überzeugt sind, dass es wichtig ist, die Machthabenden mit der Wahrheit zu konfrontieren, indem die Menschen über die tatsächlichen Risiken der Atomkraft aufgeklärt sind, wenn es Ihnen ein Anliegen ist, dass die Weichen für eine sichere, saubere und umweltverträglichere Energieversorgung gestellt werden können, dann unterstützen Sie bitte Fairewinds noch heute mit einer kleinen Spende. Mit Ihrer Hilfe können wir Sie auch weiterhin auf dem Laufenden halten.


MG: Guten Tag! Ich bin Maggie Gundersen, die Direktorin und Begründerin von Fairewinds Energy Education.

Heute ist Dr Marco Kaltofen zu Gast in unserer Videoproduktion. Arnie und Dr Kaltofen werden über all die verlassenen Atommülllagerstätten auf der ganzen Welt sprechen, die mit ihren radioaktiven Lecks die Umwelt belasten.

Jeden Tag arbeitet die Crew von Fairewinds hart daran, die Atomindustrie und die sogenannten Aufsichtsbehörden zur Rechenschaft zu ziehen. Viele von Ihnen schreiben uns, danken uns für die geleistete Arbeit und bestärken uns darin, weiterhin kritische Fragen zu stellen. Heute wollen wir Sie bitten, uns zu helfen, mit der Berichterstattung fortzufahren und unserer Rolle als Aufpasser gerecht zu werden. Bitte unterstützen Sie uns dabei, die Aufklärungsarbeit auch 2016 fortzuführen – drücken Sie auf den Spendenknopf neben dem Video und leisten Sie Ihren Beitrag, damit Fairewinds auch in Zukunft seine Aufgabe erfüllen kann: Über alles zu informieren, was mit Atomenergie zusammenhängt.

Nun aber weiter zu Arnie und Marco.

AG: Ich begrüße Sie. Mein Name ist Arnie Gundersen von Fairewinds Energy Education. Wir sind heute über Skype mit einem ganz besonderen Gast verbunden, Dr Marco Kaltofen von Boston Chemical Data in Natick, Massachusetts. Hallo Marco!

MK: Hallo Arnie, guten Morgen!

AG: Heute möchte ich über Atommülllagerstätten sprechen und über die Freisetzungen daraus überall im Land und überall auf der Erde. In der Atomindustrie spricht man beim Uranabbau vom sogenannten Front-End; was dann aus dem Atomreaktor wieder herauskommt, ist entsprechend das Back-End. Tauchen wir also in diesen Müllberg ein, sprechen wir sowohl von dem frischen Material, das aus der Erde geholt wird, als auch von den Rückständen aus den Reaktoren.

Marco, aktuell macht ein Feuer in St Louis Schlagzeilen. Kannst du uns mehr über diesen Fall berichten?

MK: Natürlich. Ich habe in Zusammenarbeit mit einigen anderen über circa zwei Jahre hinweg in St Louis und Umgebung Tests durchgeführt. Wir haben dort rund 350 Materialproben analysiert. Der radioaktive Abfall besteht aus Rückständen der Verhüttung von Uranerzen zur Produktion jener Uranmetalle, die zum Bau der ersten Atombomben benötigt wurden. Wir untersuchen also Substanzen aus dem 2. Weltkrieg, vom Manhattan Project. Im Laufe der Zeit wurden die Rückstände schließlich an unterschiedlichen Orten im Norden von St Louis verteilt. Einige davon landeten auf der Mülldeponie. Dorthin hätten sie nie geraten dürfen.

Unglücklicherweise ist diese Mülldeponie in Brand geraten. Doch das Schlimmste ist: Beim Zerfall von Uranrückständen entstehen neue Elemente. Eines dieser Zerfallsprodukte ist das Gas Radon. Die Anrainer müssen befürchten, dass das Feuer bis an den Atommüll herankommt und das Radongas so in die Atmosphäre gelangt.

AG: Diese Abfallprodukte der Bombenherstellung aus den frühen 40er Jahren, die schließlich in der Mülldeponie gelandet sind, dieser Atommüll wird nach 70 Jahren nun also deshalb zu einer unmittelbaren Bedrohung, weil ein unterirdisches Feuer immer näher kommt. Habe ich das so richtig verstanden?

MK: Ja, so ist es. Die Rückstände aus der Uranverarbeitung bleiben über mehrere Jahrhunderte bedenklich, und die Gefahr kann im Laufe der Zeit auf Grund der entstehenden Zerfallsprodukte sogar noch zunehmen, da einige dieser Elemente eine höhere Radioaktivität aufweisen als das Uran selbst. Dieser Prozess ist am Laufen.

Leider hatten wir in den 1940er Jahren keine Ahnung, was wir mit den Produktionsabfällen tun sollen. Schlussendlich wurde daraus eine Art Reise nach Jerusalem, in deren Verlauf der Atommüll auf verschiedene Orte nördlich von St Louis verteilt wurde. Ich nehme an, dass die Gegend zu dem Zeitpunkt, als der Müll verbuddelt wurde, mehr oder weniger unbesiedelt war.

Aber Städte wachsen nun einmal. Und heute umschließen einige der Vorstädte von St Louis die alten Deponien – Florissant, Hazelwood, Ferguson. Es leben heute daher sehr viel mehr Menschen in unmittelbarer Nähe dieser Müllkippen als zu der Zeit, als man den Atommüll verscharrt hat.

AG: Es gibt in diesem Gebiet somit mehrere derartige Lagerstätten, aber am meisten Sorgen bereitet jetzt diejenige, der sich ein unterirdisches Feuer nähert – richtig?

MK: (3:25) Ganz genau. Zuletzt landete dieses Zeug in der Westlake Deponie. Die Deponie war eigentlich für Hausmüll gedacht. Es wurden aber auch die Rückstände dieser Verarbeitungsprozesse eingelagert. Bei deren Zerfall wird Radon freigesetzt. Wenn man sich die Anlage ansieht, dann bemerkt man Vorrichtungen, mit deren Hilfe das Radon an mehreren Stellen entlüftet wird. Zu befürchten ist, dass die Freisetzungen ansteigen, wenn das Feuer die kritischen Materialien erreicht.

Die Umgebung ist jetzt aber dicht verbaut, viele Menschen leben rund um die Anlage. Unsere Studie hat das untersucht, wir haben sie an ein wissenschaftliches Journal weitergeleitet und warten nun auf eine Rückmeldung.

AG: Unglaublich. Gibt es denn jemanden, der eine Idee hätte, wie man verhindern kann, dass das Feuer den Atommüll erreicht?

MK: Die EPA (die US Umweltschutzbehörde) ist mit dieser Anlage nun schon seit einigen Jahren befasst. Es wird versucht, die Folgewirkungen abzuschwächen, sowohl was den Atommüll selbst angeht als auch das Problem durch das Feuer. Aber es ist um Vieles komplizierter, wenn sich die Ausgangsbedingungen derart verschlechtert haben. Man wird für die Sanierung der Anlage in dieser Situation wohl das Zehnfache dessen ausgeben, was nötig gewesen wäre, wenn man den Atommüll gleich ordentlich entsorgt hätte. Aber unglücklicherweise hat niemand wirklich an die Zukunft gedacht, als man dieses Material loswerden wollte.

So befinden wir uns nun in einer Sackgasse. Alle uns verbliebenen Alternativen sind schlecht; in jedem Fall wird es sehr teuer werden.

AG: Wow. Aber fahren wir fort. Du kennst diese Probleme mit Atommüll auch aus anderen Weltgegenden. Meines Wissens warst du beispielsweise in Russland. Dort passierte eine der schlimmsten radioaktiven Explosionen, die es jemals gegeben hat. Kannst du uns mehr darüber sagen?

MK: In den 1950er Jahren kam es in einer Atomanlage zu einer chemischen Explosion. Wir haben es also nicht mit einer Atomexplosion, sondern mit einer chemischen Explosion zu tun. Dabei wurde Plutonium aus Atommüll über ein gewaltiges Gebiet verstreut. Wir sprechen von der Katastrophe von Kyschtym. Die Ursachen dieser Verseuchung sind bis heute nicht beseitigt. Die Russen versuchen, Gemeinden zu evakuieren, bevor die sich immer weiter ausbreitenden Schadstoffe eintreffen.

Wir versuchen nun mit unseren Probenentnahmen und Untersuchungen herauszufinden, wie hoch die Radioaktivität ist, der die Menschen ausgesetzt sind, und mit welchen Isotopen die Umwelt belastet ist. Wir machen so etwas wie eine kriminaltechnische Analyse der radioaktiven Stoffe, um herauszufinden, welche Elemente sich heute in einer Entfernung von Dutzenden Kilometern, ja sogar hundert Kilometer vom Ausgangsort wiederfinden.

Jan Rieke, maps-for-free.com; Minimap: NordNordWest, Historicair, Bourrichon, Insider, Kneiphof

AG: Wir sprechen hier von der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente?

MK: Man muss sich die ursprüngliche Anlage so ähnlich wie unser Los Alamos während des Zweiten Weltkrieges vorstellen. Es wurde mit höchster Dringlichkeit gearbeitet, Abfälle wurden im Wesentlichen einfach in die Umwelt geleitet, zum Beispiel in Rückhaltebecken. Die Explosion hat eine enorme Menge an radioaktivem Material in die Umwelt freigesetzt, aber es war nie klar, aus welchen Stoffen genau diese radioaktiven Rückstände bestanden. Wir kennen die exakte Zusammensetzung des Atommülls, der da abgelassen wurde, nicht.

AG: Was wir wissen ist, dass es sich beim Ausgangsprodukt um abgebrannte Brennelemente gehandelt hat, dass also mit Sicherheit 137Cäsium und andere derartige Isotope darunter gewesen sein müssen.

MK: (6:37) Bei unseren Analysen fanden wir Plutonium, Cäsium, 90Strontium. Interessanterweise fanden wir aber auch durch emittierte Neutronen aktivierte Isotope wie beispielsweise 60Kobalt. Das hatten wir nicht erwartet.

Wir fanden diese Stoffe in den Ablagerungen von Flüssen, im Fluss Tetscha etwa, aber auch am Strand einer örtlichen Badeanlage in einem Dorf namens Musljumowo [ca 65km östlich von Kyschtym; AdÜ].

AG: Unglaublich! Zum besseren Verständnis für unsere Hörer: Bei der Kernspaltung in Atombrennstoff entstehen solche Dinge wie 137Cäsium. Aktiviertes Uran wird zu Plutonium. Strontium etwa ist ein weiteres dieser Spaltprodukte.

Marco sprach hingegen von einem aktivierten Stoff. 60Kobalt wird gebildet, wenn ein Neutron ein Eisenatom trifft. Es handelt sich hier also um einen anderen Entstehungsmechanismus. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Nun wisst ihr also nicht, was die Ausgangsmaterialien waren, daher bleibt euch nichts anderes übrig, als eure Messdaten abzuklopfen. Was ist dabei herausgekommen?

MK: Majak, das Werk bei Kyschtym, ist im Grunde einigen der größeren US Anlagen sehr ähnlich. Wir können nicht sagen, dass Russland es besser oder schlechter gemacht hat als wir. Wenn wir Hanford als Vergleich heranziehen, wo wir auch eine Vielzahl an Tests durchgeführt haben, dann finden wir genau die gleichen Dinge. Der Vorteil von Hanford liegt darin, dass das Gelände derartig weitläufig ist; der Großteil der radioaktiven Abfälle hat den Columbia River daher noch nicht erreicht. Es wird aber noch beträchtlicher Geldmittel und harter Arbeit bedürfen, um sicherzustellen, dass sich die Situation dort nicht verschlechtert.

AG: Da du nun Hanford erwähnst ... Ich habe die Entwicklungen dort über Jahre hinweg verfolgt und weiß, dass du immer wieder vor Ort warst. Ein Aufdecker dort hat seine Besorgnis mitgeteilt, dass es in den Tanks zu einer Wasserstoffexplosion kommen könnte, die das hochradioaktive Material in die Atmosphäre schleudern würde. Es ist also nicht nur eine Verseuchung des Grundwassers zu befürchten, es besteht auch die Gefahr einer Verseuchung der Luft.

MK: Die Probleme in Hanford sind sehr viel größer, als viele Leute denken. Oberste Priorität hat die Sanierung des Durcheinanders, das in den 1940er, 50er und 60er Jahren entstanden ist. In Wahrheit ist das alles, was in Hanford vor sich geht. Hanford ist mit der Sanierung von Hanford beschäftigt. Wir werden mehr Geld für diese Aufräumarbeiten ausgeben, als uns die Aufbereitung all dieses Plutoniums, Urans und Thoriums für die Waffenproduktion damals gekostet hat.

Es gibt in den USA eine ganze Reihe unterschiedlicher Anlagen, die stark verseucht sind mit konzentriertem, hochradioaktivem und dabei aber völlig unzulänglich deklariertem Atommüll. Wir haben nur das Glück, dass dieses Gebiet relativ weitläufig ist, was uns einige Pufferzonen beschert.

Klarerweise trifft dies keinesfalls für Menschen zu, die in Hanford arbeiten. Diese Leute, die durch ihre Arbeit mithelfen, Hanford unter Kontrolle zu bringen, sind im Zuge ihrer Tätigkeit mit all den verschiedenen Schadstoffen konfrontiert. Und dabei handelt es sich nicht nur um radioaktives Material, sondern auch um all die Chemikalien, die damals „entsorgt“ wurden, darüber hinaus um neue toxische Stoffe, die sich durch die jahrelange intensive Bestrahlung in der Zwischenzeit gebildet haben. Wir haben uns da ein Riesenproblem eingehandelt.

Es werden Milliarden in eine neue Anlage investiert, mit der dieser Atommüll verarbeitet werden soll. Sie würde dringend benötigt, aber nach all diesen Jahren und all den vielen Milliarden wurde noch kein einziger Liter verarbeitet – ja es ist sogar unklar, wann diese Verarbeitung beginnen könnte. Die Situation ist daher mindestens so verfahren wie um das russische Kyschtym.

AG: (10.33) Sprechen wir über diese Lagerstätten mit ihren Altlasten. Alle diese Anlagen ...

In der Anlage von WIPP (Waste Isolation Pilot Plant, New Mexico) lagert Uralt-Müll aus dem Bombenprogramm, und natürlich gibt es diese historischen Altlasten in Russland und auch in Hanford.

Die Anlage von Beatty in Nevada hat zivilen Atommüll aus den 1950ern, 60ern und 70ern angenommen, aber wer weiß, was da alles dabei ist.

Ich würde in diesem Zusammenhang gerne noch die Fabrik von West Valley im Staat New York anführen. West Valley war eine kommerziell betriebene Anlage zur Verarbeitung von Brennstäben. Mehrere AKWs schickten ihre Abfälle dorthin, geplant war die Wiederaufarbeitung. Die chemischen Abläufe, die dabei eingesetzt werden, sind unheimlich komplex und die anfallenden Stoffe hochradioaktiv.

In den 80er Jahren hatte ich ein paar Leute dort, 1981 wurden wir von einer Firma engagiert, die das Werk mit all seinen Altlasten übernommen hatte: NYSERDA (NY State Energy Research and Development Authority). Der Auftrag bestand darin, das Werk auf radioaktive Belastungen hin zu untersuchen. Unsere Leute hatten ihre Erfahrungen in AKWs gesammelt: Sie waren entsetzt über die in West Valley vorgefundenen Strahlungswerte. Durch meterdicke Mauern hindurch wurden mehrere Millisievert pro Stunde gemessen [Zum Vergleich: nur 1 mSv pro Jahr entspricht der von der internationalen Strahlenschutzkommission ICRP empfohlenen maximal zulässigen Strahlendosis für die Allgemeinheit; AdÜ].

Wir haben für unsere Umweltbelastungsstudie auch außerhalb der Anlage gemessen. Dort haben wir Plutonium gefunden – auf dem Parkplatzareal! Wie sich herausgestellt hat, ist die Kontamination dadurch entstanden, dass mit Gabelstaplern in die hoch kontaminierten Bearbeitungszellen hineingefahren wurde. Die derart verseuchten Gabelstapler wurden danach auf dem Parkplatz abgestellt, wo der Regen das Plutonium heruntergewaschen hat.

Es hat demnach den Anschein, dass wir überall im Land das Back-End des Brennstoffkreislaufs schlecht abgewickelt haben.

MK: Dem muss ich zustimmen angesichts der Ergebnisse meiner Forschung, der Resultate der Staubanalysen und anderer Proben aus verschiedenen Haushalten, in denen ich nach Americium, Plutonium, Uran, Thorium Ausschau halte. Diese Stoffe sind teilweise natürlichen Ursprungs, aber sie sind auch mit den Anlagen zur Herstellung von Atomwaffen oder mit der Erzeugung von Atomenergie in Verbindung zu bringen. Immer und immer wieder finde ich Plutonium und Americium – im Hausstaub, an Wohnorten, die sich in der Nähe von Anlagen wie dem Rocky Flats Atomwaffenarsenal von Colorado befinden, oder aber im Heim von Menschen, die in diesen Anlagen gearbeitet haben.

Die Problematik ist hier die folgende: Wenn Sie sich an Ihrer Arbeitsstelle befinden, dann sind Sie sehr darauf bedacht, sich keiner Radioaktivität auszusetzen. Bringen Sie diese Materialien aber zu sich nach Hause, entweder an Ihren Kleidern oder im Staub aus Ihrem Fahrzeug, dann setzen Sie nicht nur sich selbst einer erhöhten Belastung aus, sondern Sie gefährden auch Ihre Familienmitglieder, die niemals geschult wurden und auch niemals erwartet haben, mit radioaktivem Material in Kontakt zu kommen.

Ich werde jetzt einen weiteren Aspekt ansprechen, der alles noch komplexer macht. Im Zuge meiner Untersuchungen, die eigentlich darauf abzielten, Spuren der Explosionen in Fukushima im Hausstaub amerikanischer und kanadischer Gebäude zu finden, habe ich andauernd Spuren unserer eigenen Atomabfälle gefunden, Altlasten aus unserem eigenen Atomprogramm. Im Allgemeinen überstiegen diese Rückstände die Mengen des aus Japan stammenden Materials um Etliches.

Es gab also viele Sorgen und große Anspannung wegen der radioaktiven Staubpartikel aus Japan – und wenn man sich bemüht, dann kann man diese Partikel tatsächlich nachweisen. Man hat dabei aber jene Altlasten völlig ignoriert, die aus Anlagen stammen, die wir selbst geschaffen haben. Diese haben nämlich einen viel größeren Anteil an der Belastung, der die meisten Menschen ausgesetzt sind. Man kann da zum Beispiel Hausstaub aus Los Alamos in New Mexico nennen, Richland, Washington in der Nähe von Hanford oder Rocky Flats in Colorado. Man findet dort ganz handgreiflich die Beweise für Verarbeitungsmethoden, die damals unter dem Deckmantel der Geheimhaltung durchgeführt wurden. In der Folge gerieten diese radioaktiven Materialien in die umliegenden Häuser und Wohnungen. Dies war eine große Ernüchterung. Es ist etwas, das wir aus regulatorischer Sicht gar nicht nachvollziehen können.

AG: (14:45) Das ist wirklich bestürzend; aber nun ist das giftige Material in der Umwelt und kann nicht mehr korrekt – also etwa unterirdisch – entsorgt werden.

Wir haben bisher unser Hauptaugenmerk auf das Back-End des Brennstoffkreislaufes gelegt. Ich würde gerne damit schließen, dass wir auch noch das Front-End ansprechen. Wenn Uran abgebaut wird, dann findet sich in dem Erz nur ein sehr geringer Anteil dieses Elementes. Es muss erst herausgelöst werden. Dies geschieht in der Regel mit Säuren. Danach wird das Uran weiterverarbeitet, bis es eine Form annimmt, die man „Yellowcake“ nennt. Anschließend wird es weiteren Verarbeitungsschritten unterzogen und angereichert; erst dann landet es schließlich in einem Atomreaktor.

Die ersten zwei Arbeitsschritte am Front-End, das Schürfen des Erzes und das Herauslösen des Urans mit Hilfe von Säuren, hinterlassen vor Ort gewaltige Mengen an Rückständen.

Ich war vor Kurzem als Gutachter in Utah, in der Nähe einer Anlage namens Moab. Die Atomaufsichtsbehörde hatte den Besitzern des Bergbaubetriebes aufgetragen, für die Stilllegung einen mit sechs Millionen Dollar dotierten Fonds einzurichten – doch die tatsächlichen Kosten für die Sanierungsarbeiten beliefen sich bisher bereits auf über eine Milliarde Dollar. Die Steuerzahler müssen dafür aufkommen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass diese Müllhalde in ihrer Integrität unversehrt geblieben ist.

Die amerikanischen Ureinwohner, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sagen ganz klar, dass die schlimmste Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt an einem Ort namens Church Rock stattgefunden hat. Damals ist ein Rückhaltedamm in einer Länge von 7 Metern gebrochen, wodurch säurehaltiges Wasser, das mit jeder Menge Uranabraum versetzt war, in einen Fluss gelangen konnte, der daraufhin in einer Länge von 100 km verseucht wurde. All das geschah im Wesentlichen auf dem Land der Navajo.

Es passierte drei Monate nach Three Mile Islands, und natürlich bedeutete der Umstand, dass Three Mile Islands gerade alles andere zudeckte und dass spärlich besiedeltes Land auf dem Gebiet eines Indianerreservates betroffen war, wohin die Übertragungswagen der Nachrichtensender überdies nicht ohne Weiteres vorstoßen konnten, dass von diesem Ereignis in der Presse nicht sonderlich ausführlich berichtet wurde. Es handelte sich jedoch um eine schwere Umweltkatastrophe – und das bis heute. Hast du auch solche Abraumhalden untersucht, Marco?

MK: Ich war tatsächlich auch an solchen Orten, habe Proben genommen und diese dann untersucht.

Wir sind hier aber mit einigen Problemen konfrontiert. Eines davon ist technischer Art: natürliches Uran und Thorium sind Teil unserer Umwelt. Wir bauen die Lagerstätten ab, verarbeiten das Roherz weiter und erzeugen daraus neue Materialien. Man muss also sehr genau unterscheiden zwischen dem, was natürlicherweise schon vorhanden war, und dem, was unsere Verarbeitungsprozesse erzeugen.

Das ist nun an sich gar nicht so schwierig, solange man geeignetes Werkzeug einsetzt. Es wird aber schnell kompliziert, wenn man es dann mit Zulassungsbehörden zu tun hat. Dort neigt man eher zu Aussagen wie: „Nun, es handelt sich um ein natürlicherweise vorkommendes Material, daher ist niemand dafür verantwortlich, dass es nun gefunden wird. Es ist immer schon da gewesen, auch wenn diese oder jene Abläufe vor Ort durchgeführt wurden.“

Aber, wie bei allen Abbauvorhaben: Auch Arsen ist natürlichen Ursprungs, wir bauen das Erz ab, und so werden Menschen dem Material ausgesetzt. Wir haben die Verpflichtung, beim Abbau sorgsam zu arbeiten, um die Bevölkerung keiner Belastung auszusetzen. Wenn wir aber von Altlasten sprechen, so haben wir es unglücklicherweise mit einem besonders schwierigen Vermächtnis zu tun. Wir haben es zugelassen, dass Ureinwohner wie die Navajo und andere indigene Gruppen mit einigen höchst radioaktiven Substanzen belastet wurden, einerseits als Grubenarbeiter – denn viele Indianer haben in den Minen gearbeitet –, aber auch an ihren Wohnstätten. Das Grundwasser wurde kontaminiert, des Weiteren sind diese Menschen auch noch radioaktivem Staub und radioaktiven Gasen ausgesetzt. Meiner Meinung nach ist es wirklich eine amerikanische Tragödie, dass wir uns diesen Preis nie eingestanden haben.

In anderen Industriezweigen wird das sehr wohl gemacht, wenn man mit gefährlichen Stoffen arbeitet. Zum Beispiel Erdöl: Wir arbeiten andauernd mit Benzin. Es ist giftig, hochgefährlich, explosiv – aber wir bezahlen, was nötig ist, um es richtig zu machen. Fast immer gelingt es uns daher, diese Produkte ohne jeglichen Zwischenfall zu nutzen. Im Umgang mit den Ureinwohnern ist all dies beim Uranabbau nicht geschehen. Wir haben das Geld nicht in die Hand genommen. Wir haben nicht getan, was möglich ist, um die Belastung von Arbeitern und ihren Familienangehörigen durch radioaktives Material zu minimieren.

Ich glaube, die meisten Leute wissen nicht, dass es Ureinwohner sind, die Navajo, die von der größten Freisetzung radioaktiven Materials in der Geschichte der USA betroffen sind, einer Freisetzung, die aus den Rückständen des Uranbergbaus herrührt.

Wir sind in der Bewältigung dieser Geschichte gerade erst am Anfang. Selbst wenn wir völlig sichere, absolut saubere AKWs entwickeln könnten, so wäre da immer noch der Zoll, den die Bergleute entrichten müssen. Wir müssen uns klarmachen, dass der Abbau von Kohle und Uran eine gefährliche Unternehmung darstellt; aber nur deshalb, weil wir es zulassen.

AG: (19:55) Es zieht sich hier ein roter Faden vom Front-End bis zum Back-End des ganzen Kreislaufes. Wie ich unseren Hörern anlässlich der Sanierungsversuche nach dem Unfall in Fukushima immer gesagt habe: Verfolgen Sie die Geldströme. Es scheint, dass Profite recht schnell lukriert werden, dass aber nie genügend Geldmittel zur Seite gelegt werden, um die schließlich nötigen Aufräumarbeiten bewältigen zu können.

MK: Nun, ich spreche hier lediglich aus dem Blickwinkel des Ingenieurs. Meiner Meinung nach passierte der Fehler, der uns bei der Atomindustrie unterlaufen ist, bereits sehr früh. Wir haben sie mit besonderen Vorrechten ausgestattet. Sie musste einige Verpflichtungen nicht erfüllen, und daher hat sie nicht die nötigen Schritte unternommen, um ihre eigenen Arbeiter zu schützen – von Anfang an. So wurde nie ein entsprechendes Sicherheitsdenken entwickelt. Das war weniger ein technisches als ein wirtschaftliches Problem. Wenn man von diesen finanziellen Belastungen schon einmal befreit ist, welches Unternehmen würde sich so etwas freiwillig wieder aufbürden?

AG: Ich denke, dies ist die zentrale Botschaft des ganzen Videos, Marco. Ich möchte dir danken, dass du dir die Zeit genommen hast, heute mit uns diese Dinge zu besprechen.

MK: Ich danke dir!

AG: Unser Dank an Dr Marco Kaltofen in Massachusetts.


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311,mv
Quelle: America's Nuclear Legacy- More than 6,000 Nuclear Dumps...and Counting.  http://www.fairewinds.org/nuclear-energy-education/marco-interview
Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung:
www.afaz.at
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at  Februar 2016 / v1

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Quelle: http://www.nasa.gov/sites/default/files/images/344910main_SABER-aurora-full.jpg


Wunderschöne Himmel –
verheerende Folgen


Manchmal können die schönsten Naturphänomene von verheerenden Folgen begleitet sein. Wenn die Sonne heiße, geladene Teilchen ins All schleudert, entstehen hier auf der Erde Nordlichter. Manchmal kommt es auf der Sonne zu gewaltigen Eruptionen (Koronalen Massenauswürfen), bei denen riesige Mengen an Teilchen erzeugt werden; diese können die Stromversorgung auf der Erde beschädigen. Der bekannte Autor Mat Stein und Arnie Gundersen besprechen die Gefahren koronaler Massenauswürfe (im allgemeinen Sprachgebrauch: eines Sonnensturms) für das Stromnetz und die AKWs auf unserem Planeten.

Arnie Gundersen: Hallo! Ich bin Arnie Gundersen. Heute haben wir die besondere Ehre, einen bekannten Autor von Bestsellern mit einem akademischen Grad des [renommierten] Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei uns zu haben: Mat Stein. Mat hat uns besucht, um über elektromagnetische Pulse, als EMPs bekannt, und über Sonnenstürme zu sprechen. Mat, ich möchte Sie bei Fairewinds willkommen heißen und Ihnen auch gleich eine erste Frage stellen: Was ist eigentlich unter einem EMP zu verstehen?

Mat Stein: Danke für die Einladung. EMP steht für elektromagnetischen Puls. Zu diesem Phänomen, eben einem EMP, kommt es, wenn hoch aufgeladene Teilchen als Plasma eines Plasmas im Rahmen eines koronalen Massenauswurfes von der Sonne fortgeschleudert werden. Die Sonne stößt gleichsam auf und das Zeug wird mit der 1000-fachen Geschwindigkeit einer Rakete in den Weltraum katapultiert, fliegt dort immer weiter und trifft in seltenen Fällen den Planeten Erde. In den vergangen 152 Jahren kam es zu rund 100 nennenswerten geomagnetischen Stürmen, aber noch seltener, nämlich zwei Mal im Laufe dieser 152 Jahre, waren diese geomagnetischen Stürme von extremer Stärke.

Das Problem auf unserem Globus ist also, EMP-Ereignisse und Sonnenstürme zueinander in Beziehung zu setzen, denn der letzte wirklich große Sonnensturm auf unserem Planeten ereignete sich im Jahr 1921 – der große geomagnetische Sturm von 1921, seither sind nun bereits 93 Jahre vergangen. Seit damals sind unsere Stromnetze gewachsen und auch unsere Technik hat sich weiterentwickelt. Wir haben nun diese Achillesferse in unseren Netzen, die es 1921 noch nicht gab. Heute haben wir dieses gigantische, integrierte Netz mit riesigen Transformatoren, die extrem sensibel auf EMPs reagieren. Darüber hinaus haben wir nun Mikroelektronik. Ein Sonnensturm zieht zwar mikroelektronische Bauteile nicht besonders stark in Mitleidenschaft, da er nicht den E1 und den E2 Effekt eines EMPs erzeugt. [Mit E1 und E2 werden kurze elektromagnetische Pulse bezeichnet, die bei der Zündung einer Atombombe in großer Höhe in den oberen Schichten der Atmosphäre entstehen und von dort auf die Erdoberfläche niedergehen. Die Zeitdauer für diese Art von Impulsen liegt im Bereich von Nanosekunden bis zu einer Sekunde. Durch einen Sonnensturm ausgelöste Störungen des Erdmagnetfeldes dauern wesentlich länger und sind dem E3 genannt letzten Puls einer in großer Höhe gezündeten Atombombe am Ähnlichsten: E3 kann viele Minuten lang andauern; AdÜ]. Dieser EMP beeinträchtigt die Funktion elektronischer Bauteile also nur in geringerem Ausmaß. Aber ein Sonnensturm ist auf andere Weise noch viel verheerender, auch ohne dass Ihre Mikroelektronik betroffen ist. Es wird in den AKWs zwar nicht zur sofortigen Kernschmelze kommen; es werden aber beträchtliche Teile unserer Stromnetze ausfallen, in weiten Gebieten sowohl der nördlichen als auch der südlichen Erdhalbkugel – und dieser Zustand wird über einen sehr langen Zeitraum hinweg andauern.

Das Problem besteht nämlich darin, dass die riesigen Transformatoren – ein jeder von ihnen wiegt 100 Tonnen, kostet um die 10 Millionen Dollar und ist eine Einzelanfertigung, speziell auf seine spezifische Nutzung hin entworfen –, dass diese Transforma­toren also sowohl für Schäden durch EMPs als auch Sonnenstürme anfällig sind. Zurzeit gibt es eine 3-jährige Wartefrist, wenn man einen erhalten will. In anderen Worten: wenn einer durchbrennt – das pas­siert manchmal, es ist das zu erwartende Ende so eines Transformators –, dann benötigt man für einen Austausch mindestens ein Jahr, es kann aber bis zu drei Jahre dauern. Wenn alles klappt und es ein besonders dringlicher Auftrag ist, dann ist ein Jahr ausreichend. Aber im Normalfall, wenn man etwas sein Stromnetz ausweiten möchte, dann muss man drei Jahre vorausplanen.

Wenn es zu einem EMP kommt, werden also Dutzende dieser Transformatoren auf einen Schlag unbrauchbar werden, vielleicht sogar 50, 60 oder 70. Sollte es zu einem heftigen Sonnensturm kommen ... Es handelt sich hier um ein Ereignis, das mit Sicherheit eintreten wird, denn der letzte ereignete sich 1921. Zuvor waren nur 60 Jahre seit einem noch größeren Sonnensturm vergangen, dem sogenannten Carrington-Event von 1859. Es handelt sich also um ein mit Sicherheit eintretendes Ereignis. Wenn man von einem Ereignis spricht, welches das Ende der Welt bedeuten würde ... Freilich das Ende einer Welt, wie wir sie kennen.

Ein EMP ist also an und für sich schon schlimm genug, denn unsere gesamte Infrastruktur wird zusammenbrechen. Stellen Sie sich vor, 100 Wirbelstürme wie Katrina ereignen sich zur gleichen Zeit. Nun erinnern Sie sich an unsere Reaktion auf den einen Wirbelsturm Katrina. Nehmen wir aber 100 Katrinas an, zB in der östlichen Hälfte der USA, dem am dichtesten bevölkerten Teil des Landes. Es wäre so, als hätte Katrina diesen gesamten Bereich erfasst, die Infrastruktur vernichtet, das Stromnetz, sämtliche Mikroelektronik, unsere Produktionsanlagen: alles wäre für einen sehr, sehr, langen Zeitraum unbrauchbar, denn es gäbe weltweit nicht genügend Ersatzteile, um alles zu reparieren. Über Jahre hinweg.

AG: Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich war 2012 in Washington bei der RIC – der Regulatory Information Conference – und hatte dort die Gelegenheit, dem damaligen Vorsitzenden der [US-Atomaufsichtsbehörde] NRC, [Gregory] Jaczko eine Frage zu stellen. Ich fragte ihn nicht nach dem Bomben-EMP, sondern dem von einem Sonnensturm ausgelösten elektromagnetischen Puls und was die NRC in dieser Hinsicht unternimmt. Er sagte mir, dies sei der allerletzte Punkt auf seiner Prioritätenliste. Seiner Einschätzung nach war dies offensichtlich etwas, das ihn im Vergleich zu anderen Tagesordnungspunkten, etwa zu erstellenden Regelungen, nicht weiter zu interessieren hatte.

MS: Tja, ich habe hier in meinen Unterlagen einen Brief von Dr William Graham.


Nun, dieser Dr William Graham – ich möchte ihn immer Billy Graham nennen, aber das ist eine andere Art von Doktor [der Theologe Dr Billy Graham ist ein in den USA bekannter evangelikaler Pastor und Fernsehprediger; AdÜ] –, Dr William Graham war über Jahre hinweg Ronald Reagans führender Wissenschaftsberater. Er war mehr als 30 Jahre beim Atomprogramm des US-Verteidigungsministeriums beschäftigt. Er hat einen Doktortitel in Physik. Weiters war er Vorsitzender des von beiden Parteien gemeinsam ins Leben gerufenen EMP-Kongressausschusses zur Erforschung dieses Problems. Und er verfasste im Oktober 2011 einen Brief, der den Vorsitzenden der Nuclear Regulatory Commission, an welchen er persönlich adressiert war, im gleichen Monat auch erreichte – einige Monate, nachdem sich Fukushima ereignet hatte. Er warnte darin spezifisch vor der Möglichkeit mehrerer mit Fukushima zu vergleichender Ereignisse, ausgelöst entweder durch einen von Terroristen verursachten künstlichen EMP oder aber durch einen Sonnensturm, etwa einen, der mit dem geomagnetischen Sturm aus dem Jahr 1921 zu vergleichen wäre. Und er fragte sich, wie groß die Eintrittswahrscheinlichkeit für so ein Ereignis wohl sein könne.

Nun, wissenschaftlich gesprochen liegt die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines extremen geomagnetischen Ereignisses, also eines solchen, bei dem das Stromnetz im Großteil Nordamerikas zusammenbricht, pro Jahrzehnt bei 1 zu 7. Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber wenn man mir sagt: „Keine Sorge, steigen Sie ruhig in dieses Flugzeug, die Absturzwahrscheinlichkeit beträgt lediglich 1 zu 7“, dann würde ich dieses Flugzeug nicht betreten. Uns wird hier aber gesagt, dass pro Jahrzehnt die Wahrscheinlichkeit von 12,5% besteht, dass die Welt, so wie wir sie kennen, untergehen könnte – es sei denn, wir tun etwas dagegen.

Es gibt auch eine Abhilfe – sie ist nicht vollkommen, würde aber zumindest unser Stromnetz schützen. Alles in unserer Welt baut auf diesem Stromversorgungsnetz auf, all die Dinge, von denen ich gesprochen habe. Wenn das Stromnetz ausfällt, dann geht gar nichts mehr. Wir können unser Stromnetz zum Preis eines einzigen Tarnkappenbombers, eines einzigen B2-Bombers, schützen. Aber bisher wird darüber nur geredet.

50 Jahre lang hatten Angehörige des US-Amerikanischen Pionierkorps davor gewarnt, dass die Deiche rund um New Orleans instabil sind – nicht, dass sie versagen könnten, sondern dass sie bei einem Wirbelsturm der Stärke 3 versagen werden. Sie sagten, dies sei keine Frage ob, sondern eine Frage wann. Wir wissen nicht, wann uns der nächste Sturm treffen wird. 50 Jahre lang hatten sie gewarnt, dass dies passieren werde, es werde zu einer Katastrophe kommen; wir können aber etwas dagegen tun. Alles, was wir brauchen, ist Geld. Und 50 Jahre lang hatte man sie ignoriert; ja, man hatte die Gelder sogar schon genehmigt, aber dann wurden sie von den Politikern in andere Kanäle umgeleitet; denn das Projekt war nicht ausreichend „sexy“. Es war nicht mit der Errichtung eines neuen Veranstaltungszentrums oder einer großen Sportarena zu vergleichen. Hier ging es nur um Ausbesserungsarbeiten an den Deichen. Jeder kann sie sich anschauen – „Nun, die funktionieren doch, oder?“ Nichts geschah; alles in Ordnung.

Wir sind nun in der gleichen Lage: die Wissenschaftler und Techniker des Verteidigungsministeriums, der Oakridge National Labs, der Sandia National Labs, der Los Alamos National Labs – alle diese Leute stimmen darin überein, dass es sich hier um ein echtes Problem handelt. Wie ist noch einmal die Wahrscheinlichkeit? Eins zu sieben pro Dekade. Neun Jahrzehnte sind seit dem letzten Auftreten vergangen, sechs Jahrzehnte waren es bis zum Sonnensturm davor. Es ist nur ein Aufschub. Niemand weiß, wann es wieder so weit sein wird. Zurzeit haben wir ein sehr ruhiges Sonnenmaximum. Es ist nichts passiert. Aber in Wahrheit ist es doch so, Sonnenminimum, Sonnenmaximum – ein fürchterlicher Sonnensturm kann an jedem Punkt des Sonnenzyklus auftreten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zur Zeit eines Sonnenmaximums lediglich höher; und ja, dieses letzte Sonnenmaximum war eher ruhig. Das heißt aber nicht, dass der Ernstfall nicht schon nächste Woche eintreten könnte. Tatsache ist, dass es dieses Jahr bereits einen koronaren Massenauswurf gab – während dieses „ruhigen“ Sonnenmaximums –, der die Erde nur um Weniges verfehlte. Hätte dieser Sonnensturm die Erde getroffen, so wäre er mindestens so stark gewesen wie jener im Jahr 1921, und das wär's dann gewesen. Es fand zwar neuerlich ein starker Ausbruch statt, aber wir wurden nicht getroffen; die Partikelwelle verfehlte uns – aber nur knapp. Hätte sie uns getroffen, wäre das Spiel wohl vorbei gewesen.

AG: Wir haben da also diese Sonnenauswürfe, die zuerst auf die Erdatmosphäre auftreffen und dann in unser Stromnetz einschlagen, wodurch eine massive Spannungsspitze entsteht, sodass dann alle Transformatoren durchbrennen ...

MS: Nicht alle. Aber viele!

AG: … viele von diesen riesigen Transformatoren durchbrennen. Und so etwas passiert einmal alle acht Jahrzehnte – wir aber befinden uns bereits im neunten. Diese Art von Ereignis kommt also unweigerlich auf uns zu – wir leben quasi in geborgter Zeit. Wenn ich's recht verstehe, dann haben die Auswirkungen eines Sonnensturms schon einmal den Transformator eines AKWs zerstört.

MS: Ja. 1989 gab es einen starken Sonnensturm. Aber wie stark ist „stark“ eigentlich? Der Sturm hatte nur ein Zehntel der Kraft des Sturms von 1921. Wissenschaftler, die sich mit unterschiedlichen Fragestellungen befassen und geologisch gesehen verschiedene Stürme bewerten, kamen zu der Auffassung, dass der Sturm ein Zehntel der Intensität dessen von 1921 hatte. Und dabei wurde einer dieser gewaltigen Transformatoren in New Jersey irreparabel beschädigt. Ein anderer dieser riesigen Transformatoren wurde in Quebec zerstört, ein weiterer in Großbritannien. Was waren also die Auswirkungen? Nun, in Quebec gab es innerhalb der ersten 30 Sekunden – innerhalb der ersten 30 Sekunden nach Eintreffen des Magnetsturmes – 15 gleichzeitig auftretende Ausfälle im Stromnetz, einer davon war der Ausfall dieses riesigen Transformators. Die gesamte Provinz Quebec war 9 Stunden lang ohne Stromversorgung. 6 Millionen Menschen 9 Stunden lang ohne Strom. In manchen Landesteilen von Quebec konnte die Stromversorgung zwei Tage lang nicht mehr hergestellt werden. Das war also nur einer: ein Transformator.

In der Studie von Metatech, finanziert vom Verteidigungsministerium und überprüft von den Oakridge National Labs sowie der National Science Foundation, kamen alle diese Leute zusammen und entwickelten eine Computersimulation des Stromnetzes. Ihre Analyse basiert auf dem Sturm von 1921. Der Carrington-Event von 1859 war allerdings 50% stärker. Es wurde angenommen, dass es sich bei diesem um ein Ereignis handelt, das nur alle 500 Jahre auftritt. Man ist darüber also nicht so besorgt. Das Ereignis von 1921 wird aber als eines eingestuft, das alle 75 bis 100 Jahre – so in etwa in diesem Zeitrahmen – immer wieder auftritt: ein vergleichbarer Vorfall ist also bereits überfällig. Der Sturm von 1921 war also zehn Mal stärker als das Ereignis [von 1989], bei dem drei Transformatoren, jeweils einer in Quebec, in den USA und in Großbritannien, außer Gefecht gesetzt wurden.

2003 kam es zu einem weiteren Vorfall: die Intensität war zwar geringer, er dauerte aber länger an. Damals wurde ein Transformator in Schweden zerstört, in Südafrika aber verursachte er letztendlich den Ausfall von 14 Transformatoren durch Überhitzung und einen Verlust der Isolierung zwischen den Spulen. Nun gut. Aber was bedeutet der Ausfall von 14 Transformatoren? Ein ganzes Jahr lang kam Südafrika ohne diese 14 Transformatoren nur deshalb nicht zum Stillstand, weil die Elektrizität rationiert wurde. Im Jahr 2003 in Südafrika zu arbeiten bedeutete also, dass 5 oder 6 Stunden lang, zwei- oder dreimal in der Woche – an normalen Werktagen – kein Strom verfügbar war. Es gab dann kein Licht, keine Klimaanlage, kein Internet, keine Aufzüge, nichts funktionierte. Die Elektrizität musste ein ganzes Jahr lang reihum im gesamten Land verteilt werden, um den Staat funktionstüchtig zu erhalten; es war der einzig gangbare Weg.

AG: Dabei war das nur ein Babysturm.

MS: Die Stärke war lediglich ein Zehntel – weniger als ein Zehntel [des Sonnensturms von 1921]. Als Wissenschaftler und Ingenieur weißt du aber, dass es nicht zu der zehnfachen Anzahl an Ausfällen kommt, wenn man die Stärke einer Störung um den Faktor 10 erhöht. Man übersteigt plötzlich die Toleranzgrenzen von einer ganzen Reihe zusätzlicher Einrichtungen und Gerätschaften. Bei einer Verdoppelung der Störungsgröße wird der Toleranzwert vieler Dinge überschritten, dadurch verdoppelt sich die Anzahl der Störfälle ein weiteres Mal und steigt sogar noch weiter an. Das ist meine feste Überzeugung. Ich habe auch mit John Kappenmann gesprochen, der den Bericht über die Metatech Studie verfasst hat; er hat mir gegenüber zugegeben, dass die Einschätzungen sehr konservativ gehalten waren. Sie wollten Kritikern keinen Angelpunkt verschaffen. Wenn er also sagt, wir werden nur zwei Drittel unseres nationalen Stromnetzes verlieren, dann spricht er von einem langfristigen Ausfall.

Im Jahr 2003 kam es an der Ostküste der Vereinigten Staaten ebenfalls zu einem massiven Stromausfall. Zuerst wurde verlautbart, dies sei ein Werk von Terroristen gewesen; diese Terroristen, sie stecken dahinter! Nun, es stellte sich heraus, dass mörderisch veranlagte Bäume die Ursache waren. Man muss sich vor diesen Killerbäumen in Acht nehmen, sie sind sehr gut ausgebildet ...

AG: Killerbäume, aha.

MS: So ist es. Man hatte es also mit einem Killerbaum beim Kraftwerk in Niagara zu tun, der eine sich im Netz weiter fortpflanzende Störung verursachte, was bei 50 Millionen Menschen in den USA zu einem Stromausfall führte. Das war kein EMP, es gab auch keinen Terroranschlag. Es handelte sich einfach um einen Killerbaum, in dem sich einige Leitungskabel verfingen. Sie verhedderten sich, es kam zu einem Kurzschluss und dadurch zu den sich ausweitenden Ausfällen.

1996 hatten wir in Oregon einen Killerbaum. Es war damals ein sehr heißer Tag, die gesamte Westküste litt unter einer Hitzewelle, überall liefen die Klimaanlagen, das Netz war an seiner Leistungsgrenze. Auf Grund der außerordentlich hohen Temperaturen hatten sich die Leitungskabel gedehnt, sie hingen weiter von den Masten herab und so kam es in Oregon zum Kurzschluss und in der Folge zu der sich ausbreitenden Störung: Stromausfall an der gesamten Westküste, an einigen Orten über Tage hinweg, in den meisten Bereichen der Region über 7 bis 8 Stunden lang. An diesem Tag waren mein Bruder und meine Schwägerin im Auto im Central Valley Kaliforniens unterwegs, die Klimaanlage auf Hochtouren. Sie mussten Benzin tanken. Also steuerten sie eine Tankstelle an, aber dort: oh! Die Leute saßen im Schatten, alle waren in derselben Lage. Sie fragten sich, was wohl los sei. Nun, die Geldautomaten funktionieren nicht. Die elektronischen Kassen waren geschlossen. Niemand konnte sich etwas zum Trinken kaufen. Niemand kam an einen einzigen Liter Benzin heran.

AG: Natürlich funktionieren die Benzinpumpen auch nicht ...

MS: … sie sind auch ausgefallen, genau. Nichts geht mehr. Im Freien hat es an diesem Tag über 40°. Man könnte auf dem Asphalt ein Ei braten. Sie saßen 5 Stunden lang fest, so lange gab es keinen Strom.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen einen Tag lang fest. Stellen Sie es sich nur einmal vor. Stellen Sie sich vor, Sie seien in der Nacht unterwegs, sagen wir in South Carolina, und schauen zum Himmel hinauf – und erleben ein Spektakel, das Sie Ihr Leben lang noch nie beobachtet haben: Der Himmel ist blutrot – orange, goldene Streifen, er funkelt und flimmert. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel. Der Anblick des Himmels ist so erstaunlich, weil die Lichter der Städte fehlen. Der Himmel ist total beeindruckend, das ist atemberaubend. Die Städte bleiben an diesem Tag ohne Beleuchtung. Sie gehen also an Ihren Computer – aber es gibt keine Internetverbindung, auch das Telefon ist tot. Sie sind neuerlich erstaunt. Der Tag vergeht und am nächsten Abend ist der Himmel immer noch so hell erleuchtet.

1921 war der Himmel zwischen dem Nordpol und Hawaii bzw Puerto Rico sowie zwischen dem Südpol und Amerikanisch Samoa taghell. Die einzige Gegend, in welcher der Nachthimmel nicht aufleuchtete, war ein schmaler Streifen in den Tropen, rund um den Äquator. Im Jahr 1921 hat dieses Phänomen zwei Tage und zwei Nächte lang angehalten.

1859 war es zu zwei koronalen Massenauswürfen gekommen. Der erste hat den Planeten getroffen und elektromagnetisch so richtig aufgeladen; und gerade, als sich die Situation wieder zu normalisieren begann, traf die Wellenfront der zweiten Eruption auf der Erde ein – es ist wie eine Rechts-Links-Kombination – und der Planet wird neuerlich für 5 Tage elektromagnetisch geladen. Eine ganze Woche lang leuchtete also der Himmel. Im Hinterland von Colorado wachten die Menschen um 2 Uhr nachts auf und machten sich fertig, denn sie meinten, der Tag breche an.

AG: Soweit ich weiß, konnte man den Effekt sogar in Havanna beobachten.

MS: Auch dort, korrekt. Und dann beginnt man einmal, diese Zeitspannen zu recherchieren. Und zur eigenen Verwunderung entdeckt man, dass Atomkraftwerke verpflichtet sind, einen Treibstoffvorrat für die Zeitdauer von einer Woche vorrätig zu halten – denn das Stromnetz ist noch nie über einen so langen Zeitraum ausgefallen, nicht wahr? So etwas passiert einfach nicht.

In so einem Szenario sind, kann man annehmen, 370 Transformatoren in den USA nicht mehr zu gebrauchen, einige tausend weltweit. Dies entspricht einem Produktionsvolumen von 20 Jahren – wenn die Welt wie geschmiert läuft. Wenn man die heute bestehenden Kapazitäten als Maßstab nimmt, dann könnten diese Transformatoren in „nur“ 20 Jahren ersetzt werden. Aber in großen Teilen der Welt – eben denen, in denen diese Transformatoren hergestellt werden – ist es wie bei uns hier: es funktioniert nichts mehr, diese Regionen sind dabei, im allgemeinen Chaos zu versinken. Wenn man die Transformatoren, die ein einziger Sturm abgefackelt hat, ersetzen will, so benötigt man für die Bewältigung dieser Aufgabe die Produktionskapazität der Erde über 20 Jahre hinweg - immer unter der Voraussetzung, dass alle globalen Strukturen bestens funktionieren. Wir sprechen somit von einer Situation, die lange Zeit andauern wird.

Nach einer Woche beginnt der Reservetreibstoff bei den AKWs aber zur Neige zu gehen. Wenn man es nicht schafft, die Regierung und das Militär so weit zu organisieren, dass eine Treibstoffversorgung für die 104 AKWs im Land gewährleistet ist, dann werden fukushima-artige Abläufe anfangen aufzutreten. Vielleicht wird die Versorgung von einigen der Anlagen gelingen, aber von allen 104? Wenn das Chaos regiert, wenn Entführungen und Diebstähle an der Tagesordnung sind und nichts mehr funktioniert, glauben Sie wirklich, dass dann Tanklastwagen einfach die Straße entlang rollen können, um die Kraftwerke mit dem für den weiteren Betrieb notwendigen Dieseltreibstoff zu versorgen? Nun, einige der Leute aus diesen Kraftwerken haben mich angerufen und gesagt: „Gut, die NRC verpflichtet uns, Treibstoffvorräte für eine Woche einzulagern, wir aber haben Vorräte für einen ganzen Monat!“ Ok, dann habt ihr also Reserven für einen Monat. Glaubt ihr wirklich, dass nach einem Monat alles auf der Erde wieder im Lot ist? Der EMP-Ausschuss hat festgestellt, dass es seiner Einschätzung nach mindestens 6 bis 9 Monate dauern würde, wahrscheinlich aber mehrere Jahre, bis alles halbwegs wieder läuft. Wir sprechen hier von Chaos und davon, dass die Welt, wie wir sie kennen, lange Zeit ganz anders ausschauen wird. Wenn es aber nicht 100-prozentig gelingt, die AKWs am Laufen zu halten ... Und wir sprechen hier nur von einem Sonnensturm.

Im Falle eines EMPs ist die Situation wieder eine andere. Denn die gute Nachricht im Falle eines Sonnensturms besteht darin, dass die digitalen Steuer- und Kontrolleinrichtungen wahrscheinlich weiterhin einsatztauglich bleiben. Wenn man die Notfallgeneratoren zum Laufen bringt und am Laufen hält, dann hat man wahrscheinlich weiterhin die Lage notdürftig unter Kontrolle. Denn es fällt lediglich das Stromnetz aus und damit in den folgenden Wochen nach und nach die ganze Infrastruktur; all dies wird versagen.

AG: Das bedeutet also, dass der elektromagnetische Puls eines Sonnensturms alles von den langen Leitungen bis zu den Transformatoren lahmlegt, dass aber das AKW auf der anderen Seite des Transformators die Schockwelle des Sonnen-EMPs gar nicht wahrnimmt.

MS: Das wissen wir nicht mit Sicherheit, denn nichts von diesen Einrichtungen gab es 1921, als sich der letzte große Sonnensturm ereignete. Die Wissenschaftler glauben aber, dass ein Großteil der elektronischen Geräte unbeschadet bleiben dürfte. Sie sagen nicht, dass es nicht einige Pulse geben wird, die einige elektronischen Gerätschaften zerstören werden, sie sagen lediglich, dass ein Großteil dieser Apparate heil bleiben wird. Durchbrennen werden aber die riesigen Transformatoren, die Knotenpunkte in unserem Stromnetz, die dafür sorgen, dass der Strom fließt. Sie waren der Ursprung für massive Störungen im Stromnetz von Südafrika, sie verursachten Stromausfälle in Großbritannien, in Schweden sowie in den USA und waren die Ursache für einen [vergleichsweise] kurzen Stromausfall in der gesamten Provinz Quebec.

Das Problem besteht aber darin: verliert man so viele Transformatoren (nicht nur einen oder zwei sondern hunderte), dann wird die gesamte vernetzte Elektrizitätsversorgung zusammenbrechen – so gut wie überall. Dann werden Teile dieses Netzes abgekoppelt werden und manche Bereiche wieder angefahren – falls es dort vor Ort reichlich Stromerzeuger gibt, das Gebiet dünn besiedelt ist und die lokale Infrastruktur keine großen Schäden von dem Sonnensturm davongetragen hat. So wird man manche Gebiete abkoppeln und wieder hochfahren können. Für die meisten dicht besiedelten Gebiete und stärker industrialisierten Landstriche sagen die Modelle aber langfristige Störungen voraus; also nicht nur einen landesweiten, totalen Stromausfall für einige Tage und einen darauf folgenden Neustart an einigen Orten. Man wird die Stromversorgung in Teilen des Landes wieder herstellen können, aber weite Landstriche werden so viele Schäden aufweisen, dass dort ein Neustart unmöglich ist.

AG: Die NRC verlässt sich also auf Diesellieferungen, die unter Bedingungen eines absoluten Ausnahmezustandes ab dem 7. Tag durchgeführt werden müssen?

MS: Die NRC verlässt sich auf positives Denken – auf Wunschdenken. Ihr Wunschdenken besteht darin, dass es schon nicht so schlimm werden wird; dass dies alles nur von Endzeitkassandren in den Raum gestellt würde, aber so schlimm würde es schon nicht werden.

AG: In Sachen Katastrophenplanung sind die Japaner führend. Sie wissen, dass Tsunamis passieren; sie wissen, dass Erdbeben passieren. Dennoch hat das Katastrophenmanagement in Japan elendiglich, ganz grauenvoll versagt. Wenn wir uns also auf Untersuchungen der NRC verlassen, die uns einreden, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gäbe – wir werden den Diesel schon zu diesen AKWS bringen können, einmal die Woche, 3 oder 4 Jahre lang, bis [die Situation geklärt ist], daran zweifeln wir nicht im geringsten – bei so etwas handelt es sich nun wahrlich um reines Wunschdenken.

MS: Das sind also die Auswirkungen eines Sonnensturms.

AG: Das ist ein Sonnensturm. Wir haben keine Kontrolle darüber und es ist ein Ereignis, das einmal in acht Jahrzehnten zu erwarten ist.

MS: Richtig, so etwas tritt einmal alle 80 Jahre auf; 90 sind seit dem letzten Mal bereits vergangen. Wir leben auf Pump.

AG: Wie leben Sie damit, sich all dieser Dinge bewusst zu sein?

MS: Die Leute sagen, nun, Sie scheinen ja ein ganz fröhlicher Kerl zu sein. Sie spielen zwar die Kassandra – aber das mit einem Lächeln. Ich tue halt, was ich kann. Meiner Überzeugung nach ist es meine Aufgabe, mich der Gesellschaft so nützlich wie nur irgend möglich zu machen, so versuche ich mein Bestes. Das Motto, mit dem ich gerne schließe – ich sage es Ihnen aber gleich jetzt, weil Sie mich danach gefragt haben -, mein Motto also ist: Ich fordere jeden auf, sein Bestes zu tun, um die Welt zu verändern, und sich darüber hinaus möglichst gut auf die Veränderungen vorzubereiten, die sich in unserer Welt anbahnen. Ich gebe also mein Bestes, um die Leute wach zu rütteln.

Meiner Meinung nach stehen wir vor einer Vielzahl an Herausforderungen; wir sind dabei, unsere Welt zum Kippen zu bringen – die Geschäfte wie gehabt einfach nur weiterzuführen, zerstört unseren Planeten, vernichtet die natürlichen Systeme, die das Leben auf der Erde, so wie wir es kennen, aufrecht- und damit uns Menschen und alle Säugetiere am Leben erhalten. Wir haben nun diese Systeme entwickelt, deren Achillesferse ihre Anfälligkeit sowohl bei EMPs als auch bei Sonnenstürmen ist. Wir würfeln. Was wir anrichten, wird in einer nicht allzu entfernten Zukunft den Planeten zum Kollabieren bringen, falls wir einfach so weitermachen. Zusätzlich gibt es diese Achillesfersen, die zu einem sofortigen Zusammenbruch führen könnten - wenn wir nicht das Richtige tun.

Jetzt kommt das Verrückte: Für den Preis eines einzigen B2-Bombers hat man diese riesigen Vakuumröhren erfunden und zugleich getestet; der Name des Erfinders ist Curtis Brian Bartenbach – oder Burnbach, soweit ich mich erinnere [Curtis Birnbach, AdÜ]. Diese Einrichtung verfügt über die größte EMP-Versuchsanlage der Welt. Dort werden auch viele Aufträge des Verteidigungsministeriums bearbeitet, und er ist über all dies sehr beunruhigt - und mit gutem Grund. Er ist sowohl über EMPs als auch über Sonnenstürme besorgt. Die Leute dort haben also ein Gerät mit großen Vakuumröhren erfunden, das schnell genug anspricht und gewaltige Energiemengen verarbeiten kann, sodass die Energie fast ohne Verzögerung von den Transformatoren ferngehalten und in die Erde umgeleitet werden kann, wodurch sie sowohl vor EMPs als auch vor Sonnenstürmen geschützt wären.

Wir können natürlich nicht alle unsere elektronischen Geräte vor einem EMP schützen. Ein Sonnensturm hätte aber auf einen Großteil unserer Elektronik keinen Einfluss, wenn wir unsere Netze intakt erhalten. Wenn wir zumindest unser Stromnetz funktionstüchtig halten, dann können wir weiterhin unsere Pumpen betreiben, wir können zumindest einen Teil unserer Welt in Schwung halten, mit handbetriebenen Geräten, auch dann, wenn ein Gutteil der Elektronik nicht mehr funktioniert. Das wird zwar recht hart, ist aber machbar.

Für zwei Milliarden Dollar könnten wir also alle diese riesigen Transformatoren im Netz schützen und damit das Netz vor dem Zusammenbruch bewahren, sowohl im Falle eines Sonnensturms als auch im Falle eines EMPs. Und für eine weitere Milliarde könnten wir EMP-sichere Container mit Ersatzelektronik, Ersatzgeneratoren und einem Treibstoffvorrat von einem Jahr bei allen unseren 104 AKWs einrichten. Also: ja, es würde wohl das Chaos ausbrechen. Es wird schwer, auch wenn wir das Richtige tun. Aber es wäre nicht das Ende der Welt. Wenn wir aber das Falsche tun, dann könnte ein Sonnensturm oder ein EMP ... Ein EMP wäre das Ende Amerikas, wie wir es kennen. Auch ein Sonnensturm wäre das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Aber wir können das verhindern.

AG: Das erinnert mich an den Tsunami in Fukushima. Die japanische Geschichte kennt Tsunamis, die 30 Meter hoch sind, Tsunamis, die 10 Meter hoch sind. Im Lichte dieser Tatsache wurde die Schutzmauer gleichwohl nur 5 Meter hoch gebaut. Wir haben also die Möglichkeit, eine Tsunamimauer gegen Sonnenauswürfe [im Original: solar detectors!?; AdÜ] zu bauen, wir wissen ja, dass so etwas auf uns zukommt – und es wird uns auch nicht ruinieren. Ein paar Milliarden Dollar, und das Problem ist gelöst.

MS: Und hier ist ein weiteres Puzzlesteinchen – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: NERC, die North American Electric Reliability Corporation: das klingt, als ob es sich hier um die Guten handelt, nicht wahr? Es ist aber ein privater Konzern, beschickt von Insidern der Energieversorgungsunter­nehmen, die davon reden, wie sie das Stromnetz sichern und seine Zuverlässigkeit gewährleisten. Dann ist da noch FERC – die Federal Energy Regulatory Commission, eine Aufsichtsbehörde der Regierung, die sämtliche Entwicklungen beobachtet und regulierend eingreift.

Was ist also geschehen? Nun, NERC hatte so seine Bedenken zum Stromnetz. Sie veranstalten also eine Konferenz, bei der die verschiedensten Bedrohungen für das Netz untersucht werden, Terroristen, Hackerangriffe – Killerbäume, alles Mögliche, und dabei wird festgestellt, dass EMPs und Sonnenstürme die Gefahren Nummer 1 und Nummer 2 bei den Bedrohungen darstellen, also denen, die wirklich gefährlich werden können. Man nennt so ein Ereignis einen „Schwarzen Schwan“. So etwas passiert mitunter, nicht oft genug, um wirklich besorgt zu sein, man kümmert sich nicht allzu sehr darum; wenn so ein Ereignis aber einmal auftritt, dann kann es katastrophale Ausmaße annehmen. Es wird also ein sogenannter HILF-Report verfasst: ein Gutachten über Ereignisse mit massiven Auswirkungen, aber kleiner Eintrittswahrscheinlichkeit (high impact, low frequency events). Sie sprechen über diese Gefahren.

Danach wird im Kongress der Shield Act verabschiedet. Dieses Gesetz besagt, dass die Privatindustrie die zwei Milliarden bereitstellen muss – Geld aus der Gewinnmarge, ihr eigenes Geld -, um das Problem zu beheben. „Moment mal“, meint nun NERC, „das ist für die Privatindustrie eine Menge Geld. Das ist ein Riesenhappen aus unserem Gewinn.“ Was unternimmt NERC nun also? Naja, sie feuern kurzerhand die Leute, die den HILF-Report verfasst haben, in dem diese Gefahren beschrieben werden. Sie präsentieren einen neuen Report, dem zu entnehmen ist, dass alles bestens ist; es ist für alles vorgesorgt.

Das wird dann auch dem Kongress so unterbreitet. Sie erzählen dem Kongress also genau das, was dieser hören will, und die Abgeordneten dort sagen: „Das ist ja ganz toll, das ist großartig! Welche neuen Simulationen haben Sie durchgeführt?“ „Oh, Simulationen haben wir keine gemacht.“ „Nun, was ist mit der Studie von Metatech, der, die von Sandia und Oakridge kontrolliert wurde, die von der nationalen Wissenschaftsagentur National Science Foundation und dem Ministerium für Homeland Security gesponsert wurde? Was ist damit?“ Und sie sagten, dass es sich bei der Metatech Studie um firmeneigenen Computercode handle, daher habe man die Studie nicht berücksichtigen können. Aber dafür habe man mit den NERC-Mitgliedern gesprochen und entschieden, „dass wir alles unter Kontrolle haben.“ Ich sage nun aber, wenn 1989 drei Transformatoren durchgebrannt sind, bei einem Ereignis, das nur ein Zehntel der Stärke des Vorfalls von 1921 erreichte, der seinerseits wiederum 50% schwächer ausfiel als der Sturm von 1859, wie kann man da behaupten, dass man auf alle Eventualitäten vorbereitet sei?

Raten Sie einmal, was dann noch gemacht wurde! Im Juni wurde ein neuer Standard verabschiedet. FERC – die Aufsichtsbehörde – kam auf NERC zu und gab den Auftrag, eine Sicherheitsnorm bzw ein Sicherheitsprotokoll zum Umgang mit Sonnenstürmen zu erstellen. Die sagten natürlich: „Klar, machen wir!“ Sie haben diese Norm also verfasst, sie wurde beschlossen und NERC hat sie einfach übernommen. Diese Norm bestimmt nun, was im Falle eines Sonnensturms zu geschehen hat: Alle Elektrizitätsversorgungsunternehmen müssen eine Person pro Jahr im Mittel 20 Stunden lang schulen, um sicherzugehen, dass die Norm korrekt umgesetzt wird. Diese Norm verlangt nicht, dass irgendwelche neuen Geräte eingebaut werden, keine Spannungsmessgeräte, um festzustellen, wie stark der Sturm eigentlich ist und wie gefährlich er dem Netz werden kann. Sie haben also gar keine Grundlagen, um eine derart schwerwiegende Entscheidung zu fällen, wer wird schon eigenmächtig die Energieversorgung des gesamten Ostteils der USA lahmlegen? Wenn man sich da irrt, ist die Karriere vorbei, so viel steht fest.

Aber wie soll so eine Entscheidung überhaupt getroffen werden, wenn keine Geräte verbaut sind, welche die Stärke eines Sturmes erkennbar machen? Außerdem kam es 1989 innerhalb von 30 Sekunden nach Eintreffen des Sturms zu den 15 schweren Störungen im Netz, darunter dem Ausfall des Transformators – innerhalb von 30 Sekunden! Welcher Mensch ist in der Lage, innerhalb von 30 Sekunden eine Entscheidung dieses Ausmaßes zu treffen, dieses gewaltigen Ausmaßes, und dann auch noch die richtige? Das ist vollkommen unmöglich.

AG: Wir verfügen also über diese Satelliten, welche die Sonne beobachten. Diese Satelliten erkennen nun eine gewaltige Sonneneruption, deren Ausläufer möglicherweise die Erde treffen können, oder aber diese möglicherweise auch verfehlen. Die Wissenschaftler gehen nun zum Präsidenten und sagen: „Naja, vielleicht werden wir getroffen, vielleicht auch nicht. Wir brauchen einen Erlass des Präsidenten, um das Netz herunterzufahren, in der Erwartung, dass der Ernstfall eintreten wird. Wenn uns der Sonnensturm aber verfehlt, dann schauen wir alle schön blöd aus; lassen wir das Netz also laufen ...“ Das scheint das ganze Verfahren zu sein, über das wir zurzeit verfügen.

MS: Das ist richtig. Was wir zurzeit haben, hängt zur Gänze ab von … Aber sehen wir den Fakten ins Auge: kein Mensch wird jemals eigenmächtig so eine Entscheidung fällen. Wenn wir aber vom Sonnensturm ausgehen: Ein schneller Sonnensturm kann die Erde innerhalb von 12 Stunden erreichen. Beim durchschnittlichen Sturm sind es 2 bis 3 Tage; aber die schnellen schaffen es in 12 Stunden. Wir haben einen Tag, eineinhalb Tage. Langsame Stürme können uns auch erst nach 5 Tagen treffen. Im Allgemeinen wird uns aber eine Vorwarnzeit von 24 bis zu maximal 48 Stunden verbleiben. Es sind diese Leute, welche die Sonne beobachten, müssen entscheiden – und danach die richtigen Leute alarmieren, die wiederum schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich alle Menschen schützen werden, ziemlich gering.

[Arnie und Matt unterhalten sich in der Folge noch über 2 von Mat Stein verfasste Bücher: When Disaster Strikes: A Comprehensive Guide for Emergency Planning and Crisis Survival, Chelsea Green Publishing, 2011 und When Technology Fails: A Manual for Self-Reliance, Sustainability, and Surviving the Long Emergency, 2nd Edition, Chelsea Green Publishing, 2008. Beide Bücher sind auf Deutsch nicht erhältlich.]

AG: Nun, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin sicher, dass die Menschen, die unsere Videos ansehen, dies sehr schätzen; und ich werde heute Nacht nicht sehr gut schlafen.

MS: Tja, ich werde mein Motto ein letztes Mal betonen, welches lautet: Tu dein Bestes, um die Welt zu verändern, und tu dein Bestes, um auf die Veränderungen in der Welt vorbereitet zu sein. Ich danke Ihnen, Arnie, es war ein Vergnügen, heute hier zu sein.

AG: Schön, dass Sie gekommen sind.


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311,mv
Quelle: Beautiful Skies with Devastating Repercussions.  http://www.fairewinds.org/solarstorms-mat-stein/
E
rstveröffentlichung der deutschen Übersetzung: www.afaz.at
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at  September 2014 / v1

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21. August 2014

Sollte Japan seine Atomreaktoren wieder hochfahren?

Nur mit Glück und großem Mut konnte das Versagen der Kerntechnik in 14 Atomreaktoren entlang der japanischen Pazifikküste aufgefangen und so verhindert werden, dass die Strahlung das ganze Land zerstört.

Niemand spricht darüber, wie knapp Japan am 11. März 2011 drei weiteren Feuern in Abklingbecken der Anlage Fukushima Daiichi und vier Kernschmelzen in Fukushima Daini entging.

Als das Erdbeben der Stärke 9 vor der Pazifikküste einen seismische Schockwelle auslöste, die den Norden Japans erschütterte, schalteten sich die Atomkraftwerke des Landes wie geplant auto­matisch ab, so dass keine nuklearen Kettenreaktionen mehr stattfinden konnten.

Genau hier liegt die fatale Schwachstelle von Kernreaktoren, denn eine automatische Reakto­rabschaltung ändert nichts daran, dass im Inneren des Reaktors immer noch Hitze erzeugt wird.

Wenn Uranatome bei der sogenannten Kernspaltung zerteilt werden, werden sowohl gewaltige Energiemengen frei, als auch kleinere Teilchen. Auch wenn die Kettenreaktion aufgehört hat, geben diese Teilchen bei ihrem Zerfall noch Hitze ab. Die Abschaltung des Reaktors verhindert lediglich weitere Kettenreaktionen.

Nur 45 Minuten nach dem Erdbeben und der automatischen Abschaltung des Kraftwerks wurde die Westküste Japans bei Fukushima Daiichi von einem Tsunami überspült, der alle sechs Atomreaktoren beschädigte und die Notkühlpumpen entlang der Küste zerstörte.

Durch den Tsunami wurden die dieselbetriebenen Notstromgeneratoren von Fukushima Daiichi geflutet. Das wird als Ursache der dreifachen Kernschmelze dargestellt, da die Reaktoren ohne den Strom aus diesen Dieselgeneratoren nicht gekühlt werden konnten.

Verschiedentlich wurde vorgeschlagen, diese Generatoren an eine höhergelegene Stelle zu versetzen, um sie vor Tsunamis zu schützen. Allerdings handelt es sich dabei um die falsche Lösung für die falsche Problemstellung.

Als der Tsunami auftraf, verwandelte er das Kühlsystem entlang der Küste in einen Schrotthaufen voll verbogener Metallteile. Auch wenn die Dieselgeneratoren nicht überflutet worden wären – ohne funktionierende Kühlpumpen am Meer hätten sie nichts genutzt, weil die Reaktoren nicht gekühlt hätten werden können. In Wahrheit hat die Zerstörung der Kühlpumpen die dreifache Kernschmelze in Fukushima Daiichi verursacht.

Auch die Kühlpumpen von acht anderen Reaktoren in Fukushima Daini, Onagawa und Tokai wurden durch den Tsunami zerstört.

Vierundzwanzig der siebenunddreißig Dieselgeneratoren von vier verschiedenen Kernkraftwerken, die insgesamt vierzehn Reaktoren beherbergen, versagten während des Tsunami. Von diesen vierundzwanzig funktionierten nur neun deshalb nicht, weil sie unter Wasser standen, acht in Fukushima Daiichi und einer in Fukushima Daini. Die restlichen 15 Dieselgeneratoren wurden nicht überflutet, sondern konnten deshalb nichts ausrichten, weil die Flutwelle die Kühlpumpen an der Küste zerstört hatte.

Am Abend des 11. März 2011 sah die Situation in Japan düster aus. In Fukushima Daiichi waren in drei Reaktoren Kernschmelzen im Gang und drei Abklingbecken drohten mangels Kühlung Feuer zu fangen. Gleichzeitig verschlimmerte sich auch in den vier Reaktoren von Fukushima Daini die Situation.

Großes Glück und herausragender Mut haben Japan und seine Bevölkerung eine noch schlimmere Katastrophe erspart.

Zum einen blies der Wind auf die See hinaus anstatt aufs Festland. Experten haben festgestellt, dass nur 20 Prozent der Strahlung in der Luft landeinwärts geweht wurde, während 80 Prozent aufs Meer hinausströmten. Hätte der Wind in die Gegenrichtung geweht, wäre das Land fünfmal so stark kontaminiert worden, und man hätte Tokyo evakuiert.

Zum anderen ereignete sich das Erdbeben, das den Tsunami auslöste, an einem normalen Werktag, an dem fast 1,000 Menschen in Fukushima Daiichi und noch tausende mehr in Fukushima Daini arbeiteten. Die Arbeiter, die auf dem Werksgelände festsaßen, kämpften heroisch, um die Katastrophe einzudämmen. Wären sie nicht gewesen, hätte es in Japan zu zehn Kernschmelzen und Feuern in Abklingbecken kommen können.

Hätten sich das Erdbeben und der Tsunami in der Nacht ereignet, hätten sich nur 200 Arbeiter in den Meilern befunden. Die benötigten Helfer hätten auch nicht mehr zu den Werken gelangen können, weil Straßen und Brücken zerstört wurden.

Heute, mehr als drei Jahre nach der Katastrophe in Fukushima Daiichi, sind Kühlsysteme an den Küsten immer noch nicht vor Überflutungen oder Terroranschlägen geschützt.

Japan ist ein Land, das mit Erdbeben und Tsunamis rechnen muss. Ist das Wiederanfahren seiner Atomreaktoren das Risiko für die Bürger und ihre Heimat wirklich wert?

Das gleichzeitige Versagen der Technik in 14 Atomreaktoren aufgrund eines einzigen Natur­phänomens zeigt deutlich, dass die Planer und Konstrukteure der Atomkraftwerke eben nicht in der Lage waren, alle Eventualitäten vorauszusehen.

Leider propagiert die Atomindustrie noch immer, dass es möglich sei, die Sicherheit der Atomkraft zu erhöhen. Uns haben Fukushima und davor Tschernobyl gezeigt, dass Atomkraft immer die Gefahr in sich birgt, von einem Tag auf den anderen ein ganzes Land zu zerstören.


Übersetzung und Lektorierung: K. Bösch
Quelle: Should Japan Restart Its Nuclear Reactors? http://www.fairewinds.org/japan-restart-nuclear-reactors/
Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung: www.afaz.at
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at September 2014 / v1

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