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22.07.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat #161

UNSCEARs Fukushima-Strahlenbericht –
Eine scharfe Kritik von
Alex Rosen, IPPNW

Zum Mithören: http://lhalevy.audioacrobat.com/download/audioacrobat-10760-u-1716035-s-1.mp3

Libbe HaLevy: (12:10) Nun zum Interview dieser Woche: Als im April der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation, UNSCEAR) seinen Bericht veröffentlicht hat, der gravierend, wenn nicht kriminell, die Gesundheitsgefahren der Atomkatastrophe herunterspielt, wusste ich, welches Interview ich bekommen wollte. Es hat etwas Zeit gebraucht es zu bekommen, aber ich habe es bekommen und hier ist es. Alex Rosen ist ein deutscher Kinderarzt, der stellvertretender Vorsitzende der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V., Deutschland (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW) ist. Er ist auch der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes der Internationalen IPPNW. Auf Grundlage der Kritischen Analyse zum UNSCEAR-Bericht, den die IPPNW vor kurzem veröffentlicht hat, deckt er die Methoden des UNSCEAR-Berichts auf und zerstört in der Tat dessen Glaubwürdigkeit.

Alex Rosen, willkommen bei Nuclear Hotseat.

Alex Rosen: (13:04) Hallo, Grüße aus Berlin.

LH: Was ist die IPPNW und welche Position nehmen sie innerhalb dieser Organisation ein?

AR: (13:15) IPPNW ist eine internationale NGO, die 1980 von einem sowjetischen und einem amerikanischen Kardiologen gegründet wurde, die die verrückte Idee hatten, nicht nur ihre Patienten zu retten, sondern die ganze Welt, indem sie allen Menschen die wirklichen Gefahren hinter den Atomwaffen nahe bringen wollten. Sie brachten es zustande, dass die Oberhäupter ihrer beiden Länder Abrüstungsverhandlungen führten. Dafür erhielten sie 1985 den Nobelpreis. Die IPPNW gibt es seit den 1980er Jahren und hat ihren Aufgabenbereich dahingehend ausgeweitet, nicht nur gegen Atomwaffen zu arbeiten, sondern gegen alle Glieder in der atomaren Kette, und zwar: Uranabbau, die zivile Nutzung der Atomenergie, die militärische Nutzung durch Atomwaffen bis hin zum Problem des Atommülls. Innerhalb der IPPNW bin ich derzeit der stellvertretende Vorsitzende der deutschen Sektion. Wir haben mehr als 60 Sektionen rund um den Erdball. Die deutsche Sektion mit der Zentrale hier in Berlin hat 7.000 Mitglieder und wir haben einen Vorstand, in dem ich Mitglied bin.

LH: (14:20) Wie sieht die bisherige Beziehung und Position der IPPNW gegenüber der UNSCEAR aus?

AR: UNSCEAR, der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung, wurde wegen seiner Haltung zur Atomenergie umfassend kritisiert, nicht nur von der IPPNW, sondern von Ärzten und Wissenschaftlern rund um die Welt, besonders in Bezug auf den Unfall, die Katastrophe von Tschernobyl. Und das ist eine Geschichte, die sich nun anhand von Fukushima wiederholt, dass UNSCEAR Aussagen und Presseaussendungen herausgibt, von denen wir den Eindruck haben, dass sie im Grunde nicht der Realität entsprechen. IPPNW Deutschland kritisiert die UNSCEAR seit Tschernobyl für ihre atomfreundliche Haltung bzw. das Weißwaschen von Atomkatastrophen. Augenblicklich arbeiten wir mit mehr als einem Dutzend anderer IPPNW-Sektionen rund um die Welt zusammen, einschließlich der US-amerikanischen, um in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, was die UNSCEAR sagt und was an ihrem Bericht über die Katastrophe von Fukushima falsch ist.

LH: (15:31) IPPNW hat eine Kritik, eine kommentierte Kritik des UNSCEAR-Berichts veröffentlicht. Bevor wir ins Detail gehen – wie wurde diese Kritik erstellt?

AR: Wir sind eine internationale Organisation und haben deshalb auf der ganzen Welt Mitarbeiter, die an diesem Thema arbeiten. Am Inhalt des UNSCEAR-Berichts haben vor allem die US-amerikanische und die deutsche Sektion gearbeitet, indem sie sich regelmäßig per Skype getroffen, sich gegenseitig Dokumente zugesandt, ihre Ansichten ausgetauscht und Gutachten aus der ganzen Welt bekommen haben: aus Indien, aus England, aus Australien, aus Österreich und der Schweiz, aus einigen unserer afrikanischen Sektionen wie etwa aus Nigeria. Wissenschaftler und Ärzte aus der ganzen Welt tragen ihr Fachwissen über die gesundheitlichen Auswirkungen ionisierender Strahlung zusammen, um einen wirklich kritischen Blick auf die Untersuchungsergebnisse der UNSCEAR werfen zu können und öffentlich zu machen, wovon wir den Eindruck haben, dass es falsch ist bzw. was fehlt.

LH: (16:28) Die zehn konkreten Schlussfolgerungen der IPPNW, die in dieser Analyse des UNSCEAR-Berichts erarbeitet wurden – ich würde sie gerne einzeln durchgehen, sodass Sie uns die Gründe genau erklären können, die zu diesen Schlussfolgerungen und zu dieser Kritik an dem Berichts geführt haben. Der erste Punkt ist, dass die den Einschätzungen der UNSCEAR zugrunde liegenden Quellen zweifelhaft sind.

AR: (16:53) Als wir uns den Bericht von UNSCEAR angesehen haben, war für uns zunächst die naheliegende Frage, welche Daten sie ihren Berechnungen der gesundheitlichen Folgen von Fukushima zugrunde gelegt haben. Einer der wichtigsten Parameter bei der Betrachtung der radioaktiver Verseuchung ist natürlich, wie viel radioaktives Material bei dem Unfall freigesetzt worden ist. Es gibt mehrere Berechnungen oder Schätzungen, die von verschiedenen Organisationen international im Umlauf sind, und sie geben verschiedene Werte bei der Größe und beim Ausmaß der radioaktiven Freisetzungen an. Und was macht UNSCEAR? Sie nehmen nicht einen mittleren Wert zwischen der höchsten und niedrigsten Schätzung, sie nehmen nicht eine Quelle, von der man sagen kann, dass sie die glaubwürdigste ist. Sie nehmen als Quelle die Daten der Japanischen Atomenergie Organisation, deren Schätzungen zur Menge der freigesetzten Radioaktivität um ein Vielfaches niedriger sind als die Schätzungen von neutralen Quellen wie vom Norwegischen Institut für Luftforschung (Norwegian Institution for Air Research) oder vom Zentralen Institut für Meteorologie [Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, ZAMG] (Central Institute for Meteorology and Geodynamics) in Österreich. Um nur ein Beispiel zu geben: UNSCEAR behauptet, dass die Emission von Cäsium137 – und das ist ein ganz besonderes Radionuklid, das eine wichtige Rolle spielt, wenn von radioaktiver Verseuchung die Rede ist – 9 Petabequerel (PBq) beträgt, das sind 9 Billiarden Becquerel, während das unabhängige Norwegische Institut für Luftforschung 37 PBq herausbekommt, also mehr als das Vierfache. Wir sagen nicht, dass die Norweger vollkommen richtig liegen und die Japanische Atomenergie Organisation vollkommen falsch liegt. Alles, was wir sagen, ist, dass es unterschiedliche Zahlen gibt und dass man genauer hinschauen sollte, wer diese Zahlen und in wessen Interesse veröffentlicht hat, wie richtig ihre Berechnungen sind und ob es wirklich Sinn macht, den kleinst möglichen Wert zu nehmen, der direkt von der Japanischen Atomenergie Organisation kommt – einer Organisation, die vom japanischen Parlament schwer kritisiert und für das Atomdesaster in Fukushima mitverantwortlich gemacht worden ist. Und wenn man ihre Zahlen nimmt, ihre niedrigen Schätzungen, dann wird offensichtlich bei den Berechnungen, die man mit diesen Zahlen durchführt, eine systematische Unterbewertung der gesundheitlichen Folgen herauskommen müssen.

LH: (19:11) Es gibt ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Berechnungen bei der internen [inneren, inkorporierten, einverleibten] Strahlung.

AR: Das ist der nächste Punkt, den wir in unserem Report bzw. unserer Kritik zum UNSCEAR-Bericht behandeln, nämlich die Bedenken in Bezug auf die Berechnungen bei der internen Strahlung. Der nächste Parameter, nachdem man auf das Ausmaß der Freisetzungen geschaut hat, ist der, dass man feststellen möchte, wie viel von dieser Radioaktivität von den Menschen tatsächlich inkorporiert wurde. Mit „inkorporiert“ meine ich das Einatmen von radioaktivem Staub, der sich in der Atmosphäre befindet, oder die Aufnahme über Nahrung oder Flüssigkeit. Deshalb ist es in Japan sehr wichtig, auf die radioaktive Verseuchung in den Lebensmitteln und im Wasser zu schauen, besonders in der betroffenen Region im Nordosten der Honshu Insel, und darauf zu schauen, wie viel von dieser Radioaktivität tatsächlich von den Leuten aufgenommen bzw. eingeatmet wurde. Dazu braucht man Nahrungsmittelproben. Zu aller erst muss man auf Felder und Märkte gehen und Proben nehmen, um berechnen, um abschätzen zu können, wie viel Radioaktivität sich in den Lebensmitteln der Betroffenen befindet. Man muss also Annahmen treffen über die Menge und die Herkunft der Nahrungsmittel, die die Menschen essen.

Und was UNSCEAR zuallererst macht, ist, dass sie alle ihre Berechnungen zur internen Strahlung auf eine einzige Quelle stützen. Die Quelle könnte eine unabhängige wissenschaftliche Arbeitsgruppe oder Organisation sein, die unabhängige Untersuchungen gemacht hat – stattdessen hat UNSCEAR eine einzige Quelle für die Berechnungen zur internen Strahlung verwendet: die Internationale Atomenergie Organisation, die IAEA. Und wie wir alle wissen, wurde die IAEA gegründet, um die Atomenergie im zivilen Bereich zu fördern. Deshalb haben sie kein sehr großes Interesse daran, allzu viele negative Auswirkungen des atomaren Desasters in Fukushima aufzuzeigen. (21:05)

So gesehen kann man wirklich sagen, dass sie befangen sind und nicht die beste Quelle sind, auf der man Berechnungen zur internen Strahlung aufbauen kann. Die UNSCEAR geht folgendermaßen vor: sie nehmen als einzige Quelle für ihre Berechnungen die Nahrungsmitteldaten von der IAEA und nirgendwo in dem Dokument, in dem UNSCEAR-Bericht wird gesagt, wie diese Proben genommen wurden, wer sie genommen hat, wo sie genommen wurden, wann sie genommen wurden. Es wird nur auf eine Tabelle Bezug genommen, auf die Lebensmitteldatenbank, die nirgends in dem Dokument vorkommt und deren Veröffentlichung für einen späteren Zeitpunkt in einer Art Nachtrag in Aussicht gestellt wird. Dieser ist aber bis jetzt noch nicht verfügbar für Forscher und unabhängige Wissenschaftler, wie wir es sind, die sehen wollen, woher diese Daten wirklich stammen. So ist es nicht möglich, die Gültigkeit der Lebensmittelproben zu überprüfen, zu kontrollieren. Was wir wissen, ist, dass die Datensammlung der IAEA (von der schon bestimmte Teile von der WHO veröffentlicht worden sind) Höchstwerte von radioaktiver Verseuchung angibt, die sogar wesentlich niedriger sind als die Zahlen der japanischen Regierung.

Es beunruhigt uns sehr, dass damit – durch die Verwendung dieser Daten als einziger Quelle – die Auswirkungen der internen Strahlung heruntergespielt werden. Dazu kommt, dass die Annahmen der UNSCEAR, auf denen diese Berechnungen beruhen, die Annahmen über die Menge der Lebensmittel, die die Menschen in den betroffenen Gebieten verzehren, die Menge an Überprüfungen und Kontrollen, die in Fukushima stattfinden ... dass diese Annahmen ganz einfach falsch sind. Sie sind realitätsfremd und zeichnen aus unserer Sicht ein viel zu optimistisches Bild.

LH: (22:40) Ein anderes Thema, auf das in der Kritik am UNSCEAR-Bericht hingewiesen wurde, ist, dass man den Messungen der Strahlenbelastung bei den Arbeitern in Fukushima nicht trauen kann.

AR: Das ist ein weiterer Punkt, bei dem man wieder darüber sprechen muss, auf welchen Quellen die Berechnungen eigentlich beruhen. Wenn man auf die Gruppe der Arbeiter in Fukushima schaut, sollte man meinen, dass unabhängige Untersuchungsdaten von diesen Menschen verwendet werden, um die Auswirkungen auf ihre Gesundheit festzustellen. Stattdessen beruhen die Daten von UNSCEAR einzig und allein auf jenen Werten, die sie von TEPCO erhalten haben. Nun – TEPCO ist jenes Unternehmen, das Fukushima betrieben hat, bevor es wegen der Katastrophe bankrott gegangen ist. Das ist ein Unternehmen, das mehrere Atomkraftwerke in Japan besitzt, das Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar mit Atomenergie gemacht hat und das verständlicherweise kein Interesse daran hat, die Katastrophe schlimmer aussehen zu lassen als sie ist.

Wir stellen fest, dass sie die Leute nicht selbst anstellen, sondern dazu oftmals Subunternehmen verwenden. Und diese Subunternehmen heuern wiederum andere Subunternehmen an, sodass am Ende jene Menschen, die die schmutzige Arbeit bei und für TEPCO machen, Menschen sind, die soweit weg sind von TEPCOs Regeln und Vorschriften, dass es sehr schwierig ist festzustellen, ob die Sicherheitsstandards für diese Menschen eingehalten werden und ob ihre Strahlenbelastung sauber gemessen wird. Es gab Berichte über fehlende Dosimeter, es gab Berichte über Bleiabdeckungen auf den Dosimetern, um die Messwerte zu manipulieren, es gab Berichte über Verbindungen der Subunternehmen zur Mafia. So gibt es in dieser Sache eine Menge dunkler Machenschaften und Korruption. Und wenn man die Zahlen von TEPCO als einzige Quelle zur Berechnung der gesundheitlichen Auswirkungen auf die Arbeiter hernimmt, ohne dass irgendwelche unabhängigen Daten verwendet werden, nichts von der Regierung, nichts von unabhängigen Forschern, alles nur von TEPCO – das kann wiederum nur zu einer systematischen Unterbewertung der gesundheitlichen Folgen führen.

LH: (24:43) Entschuldigen Sie, ich brauch jetzt eine kurze Pause. Denn es ist eine Sache zu sagen, dass sie falsch liegen, aber es ist eine ganz andere Sache, detailliertest zu hören, wie sie manipuliert haben.

Ein weiteres Ergebnis, zu dem der [IPPNW] Bericht kommt, ist, dass der UNSCEAR-Bericht die Auswirkungen des Fallouts auf den nicht-menschlichen Lebensbereich ignoriert.

AR: Das bedeutet, dass wir nicht nur über Menschen sprechen, wir sprechen auch über Pflanzen, über Tiere. Tschernobyl hat uns gelehrt, dass es vor allem an der Tierwelt viel leichter möglich ist, die gesundheitlichen und generationsübergreifenden Auswirkungen aufzuzeigen – nicht nur an Hand der Tiere, die zum Zeitpunkt der Katastrophe gelebt haben und vor Ort waren, sondern auch an Hand des Nachwuchses, der Nachfolgegenerationen. Und es ist offensichtlich, dass man bei Schmetterlingen und Mäusen bessere Möglichkeiten hat, diese generationsübergreifenden Auswirkungen zu erforschen als bei der Bevölkerung, weil die Menschen dafür nicht als Versuchskaninchen geeignet sind. Wissenschaftler haben bereits in diese Richtung gearbeitet, es gibt da eine sehr aktive US-amerikanische Gruppe rund um Tim Mousseau, einen Wissenschaftler, der über viele Jahre nach Tschernobyl gefahren ist, um Vögel zu fangen und um sich verschiedene Tierarten und die Auswirkungen der radioaktiven Verseuchung auf deren Gesundheit anzuschauen. Und es ist ihnen gelungen, verschiedene bedeutende Auswirkungen auf die Gesundheit hinsichtlich Fruchtbarkeit, hinsichtlich Mutationen zu entdecken, und dieses Wissen ist draußen, es ist in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, es ist vorhanden und man kann es im Internet finden – aber es taucht nicht im UNSCEAR-Bericht auf. (26:19)

Was im UNSCEAR-Bericht gesagt wird, ist, dass es noch keine wirklichen Daten zu dem nicht-menschlichen Lebensbereich gibt und dass sie diesen deshalb auch nicht in Betracht gezogen haben. Und das kritisieren wir. Man darf natürlich nicht sagen: nur weil etwas bei Schmetterlingen passiert, wird das auch bei den Menschen passieren. Wir wissen aber aus pharmakologischen und anderen Gesundheitsstudien, dass man etwas ableiten kann, man kann sagen: „Wenn das bei allen Säugetieren auftritt, warum sollte es nicht auch bei Menschen auftreten können?“ Besonders die generationsübergreifenden Effekte, die bei der menschlichen Population so schwer nachzuweisen sind, können bei Tieren demonstriert, beobachtet, geprüft werden – und das wäre immerhin Futter fürs Denken, es ist zumindest etwas, das in Betracht gezogen werden sollte.

Man kann sagen: Gut, man sieht diesen Effekt bei Tieren, wir sehen diesen Effekt bei Pflanzen, wir erwarten einen ähnlichen Effekt bei Menschen. Wie stark er ist, das wissen wir in diesem Augenblick noch nicht, aber das ist zumindest eine Untersuchung wert. Aber das passiert nicht, das ist unsere Kritik. Was wir in unserem Bericht tun, ist die Forschungsergebnisse von Tim Mousseau und seiner Gruppe ganz einfach aufzulisten und die UNSCEAR aufzufordern, diese in zukünftigen Veröffentlichungen zu berücksichtigen.

LH: (27:26) Der nächste Punkt, der in der kritischen Stellungnahme auftaucht, ist die besondere Strahlenempfindlichkeit der Embryonen, die nicht in Betracht gezogen wird.

AR: Ja, das ist für mich als Kinderarzt ein sehr interessantes Thema. Menschen reagieren unterschiedlich auf Strahlung. Radioaktivität hat stochastische Effekte, das heißt, dass man nicht eine bestimmte Dosis oder eine bestimmte Menge an Radioaktivität als gefährlich definieren kann und das, was drunter ist, als sicher. Dem ist nicht so. Ähnlich verhält es sich, wenn man über das Rauchen spricht. Man kann nicht sagen: „Zwei Zigaretten sind gut und drei Zigaretten sind tödlich“. Es geht dabei um die Wahrscheinlichkeit. Und je mehr man raucht oder je mehr man einer Strahlenbelastung ausgesetzt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich eine Krankheit oder Krebs zu bekommen. Und wie beim Rauchen ist das sehr stark von den Genen, vom persönlichen Immunsystem abhängig. Es ist offensichtlich, dass bei jemandem mit einem sehr starken Immunsystem, der bei der Wiederherstellung von durch Strahlung oder Gift beschädigten Zellen relativ gut ist, eine geringere Wahrscheinlichkeit besteht, dass er wirklich Krebs bekommt, wenn er zum Beispiel einer Strahlung ausgesetzt war.

Es gibt Leute unter uns – zum Beispiel Menschen mit Immunstörungen, Menschen, die Medikamente einnehmen, die das Immunsystem schwächen, und es gibt Kinder, deren Immunsystem noch nicht vollkommen entwickelt ist –, die eine höhere Empfindlichkeit bei den Einwirkungen von Radioaktivität haben. Und das wurde nicht berücksichtigt, vor allem wurde das ungeborene Kind nicht berücksichtigt, das am empfindlichsten gegenüber Strahlung ist. Wir wissen das aus Untersuchungen, die in die 1950er Jahre zurückreichen. Ein Erwachsener kann sehr gut eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs verkraften, ohne hinterher Krebs zu entwickeln. Aber wir wissen, dass ein ungeborenes Kind im Bauch der Mutter sehr empfindlich gegenüber Radioaktivität oder ionisierender Strahlung ist, dass selbst kleine Strahlenmengen – wie etwa durch ein einfaches Röntgen – bei einem Kind die Wahrscheinlichkeit, dass es Krebs entwickeln wird, ganz wesentlich erhöhen. So kann eine einzige Röntgenaufnahme vom Bauch einer Schwangeren die Wahrscheinlichkeit, noch im Kindesalter an Krebs zu erkranken, um 50% erhöhen. Das ist nur eine Röntgenuntersuchung und bei Fukushima sprechen wir von wesentlich höhere Dosen.

Zu sagen, dass alle Menschen gleich sind, dass alle Kinder gleich sind und dass es keinen Unterschied gibt zwischen einem ungeborenem Kind und einem Kind im Alter von fünf Jahren ... dieses radiobiologische Wissen, das wir über Jahrzehnte angesammelt haben, wird im UNSCEAR-Bericht völlig außer Acht gelassen und sie tun so, als wüssten wir nicht, dass Kinder, insbesondere ungeborene Kinder, eine höhere Strahlenempfindlichkeit besitzen.

Das ist also ein Punkt, der mir als Kinderarzt ganz besonders am Herzen liegt. Da muss es zu einer Korrektur kommen. Es kann nicht sein, dass wir alle unsere Empfehlungen hinsichtlich der Höhe von Strahlendosen an gesunden Erwachsenen ausrichten, an gesunden männlichen Erwachsenen, anstatt an der empfindlichsten Bevölkerungsgruppe – dem ungeborenen Kind.

LH: (30:28) Hier ist ein weiterer Punkt, der mich in der Liste der Einwände, die von der IPPNW gegen den UNSCEAR-Bericht erhoben wurden, wirklich stark betroffen gemacht hat, und das ist, dass Nicht-Krebskrankheiten und genetische Auswirkungen von der UNSCEAR ignoriert werden.

AR: Ja, das ist ein weiteres großes Problem. Obwohl wir bereits seit einigen Jahren wissen, dass Strahlung, ionisierende Strahlung nicht nur Krebs hervorruft, sondern auch Nicht-Krebskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Glaukome [Grüner Star], psychologische und neurologische Krankheitsbilder, endokrinologische [Hormon] Krankheiten, Krankheiten der Schilddrüse etwa ... Wir wissen das alles bereits von den Opfern in Hiroshima und Nagasaki, aber auch von den Liquidatoren in Tschernobyl – jenen Menschen, die geschickt wurden, um das Durcheinander nach der Explosion aufzuräumen – und dieses Wissen wird von UNSCEAR komplett ignoriert. Sie tun so, als ob es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gäbe, obwohl es zahlreiche Studien gibt, die die signifikante Wirkung von Strahlung bezüglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schilddrüsenkrankheiten bei Menschen aufzeigen, die nach Hiroshima oder Nagasaki eine geringe Strahlendosis abbekommen haben.

Das gilt für die generationsübergreifenden Effekte, das gilt für die genetischen Auswirkungen bei zukünftigen Generationen, was ja an den Tierstudien von Tim Mousseau deutlich wird, die ich zuvor erwähnt habe. Das gilt aber auch für die Bevölkerung, bei der wir beispielsweise Auswirkungen bei den Kindern von englischen Atomarbeitern in Form von erhöhten Leukämie-Raten sehen, wenn ihre Eltern der Radioaktivität ausgesetzt waren. Diese Effekte können nicht einfach wegdiskutiert werden – statt sie wegzudiskutieren, werden sie von der UNSCEAR ganz einfach ignoriert.

LH: (32:13) UNSCEAR hat auch, laut ihrer Analyse, den atomaren Fallout in irreführender Art und Weise mit der Hintergrundstrahlung verglichen.

AR: Das ist etwas, was UNSCEAR und andere Organisationen oft tun. Sie sagen: „Wir sprechen nur von einer zusätzlichen Strahlendosis von einem oder zwei Millisieverts pro Jahr und pro Person, das kann doch nicht wirklich schädlich sein, weil die natürliche Hintergrundstrahlung ja auch bei einem oder zwei Millisievert pro Jahr liegt.“ Da liegen sie falsch. Tatsächlich kann man die Hintergrundstrahlung nicht vollkommen vermeiden und es gibt Regionen auf der Erde, in der sie höher, und Regionen, in der sie niedriger liegt. Aber Studien haben wiederholt gezeigt, dass in Regionen, in denen die Hintergrundstrahlung höher ist, diese tatsächlich mehr Krebs erzeugt, und in Regionen, in denen sie niedriger ist, die Menschen weniger Krebs haben. Bei Menschen, die in ihren Häusern einer höheren Belastung durch das Radon-Gas ausgesetzt sind, weil sie in einer Gegend leben, die im Boden sehr viel radioaktive Substanzen hat, gibt es höhere Krebsraten. Menschen, die viel fliegen, transatlantische Flüge hinter sich haben, also einer erhöhten kosmischen Strahlung ausgesetzt waren: sie haben öfter Krebs. Menschen haben aber auch vermehrt Krebs, wenn sie einer höheren Erdstrahlung ausgesetzt sind. Weil der Zusammenhang [zwischen Krebs] zwischen der Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen, und der Strahlendosis ein linearer ist, der nach unten keine Grenze hat, gibt es bis zur Null hinunter eine Wahrscheinlichkeit. Selbst kleinere Mengen an Strahlung führen zu einem messbaren Anstieg bei der Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen. Und es gibt keinen unteren Grenzwert, ab dem man sagen könnte, jetzt ist alles sicher – und das ist die Geschichte, die sie den Leuten verkaufen wollen: „Wenn es nur ein oder zwei Millisieverts pro Jahr sind, denen man wegen dem Fallout von Fukushima ausgesetzt ist, dann hat man doch gar nichts zu befürchten.“ Aber das ist nicht wahr. Das ist, wie wenn jemand sagen würde: „Hör zu, du rauchst bloß eine Zigarette pro Tag, das rauchen alle, da musste du dir keine Sorgen machen.“ Aber Menschen, die ein gesundes Leben führen wollen, Menschen, die keiner Strahlung ausgesetzt sein wollen, Menschen, die kein erhöhtes Krebsrisiko haben wollen – sie sollten das Recht haben, in einer gesunden Umwelt zu leben, die frei von jeder durch Fallout verursachten radioaktiven Verseuchung ist. Das ist etwas vom Menschen Gemachtes, das wäre vermeidbar. In Regionen, in denen es nicht vermeidbar ist, weil es zu einem Fallout gekommen ist, sollte man den Menschen die Möglichkeit geben, woanders hinzuziehen – aber das passiert nicht.

LH: (34:32) Das nächste Ergebnis, Nummer 8, ist – denke ich – von meisterhafter Zurückhaltung, wenn die IPPNW davon spricht, dass die Interpretation der Forschungsergebnisse durch die UNSCEAR eine fragwürdige sei.

AR: Was wir damit meinen ist: Es sind nicht nur die fundamentalen Berechnungen der Daten und Annahmen, es ist nicht nur die Art und Weise, wie sie das berechnen – am Ende ziehen sie Schlussfolgerungen und in diesen Schlussfolgerungen könnte zum Beispiel gesagt werden: „Nun können wir berechnen, wie viele Tote oder wie viele Krebsfälle zu erwarten sind.“ Aber das tut UNSCEAR nicht. Sie diskutieren nicht wirklich ihre Untersuchungsergebnisse.

Ich glaube, wir machen hier eine Gratwanderung. Auf der einen Seite kritisieren wir UNSCEAR wegen der systematischen Unterbewertung der Gesundheitsfolgen, auf der anderen Seite bitten wir sie, wenigstens die Ergebnisse, die sie haben, zu verwenden und sie in einer für Menschen verständlichen Art zu interpretieren. Es ist nicht wirklich hilfreich, wenn man den Leuten mitteilt, wie hoch die Bevölkerungs-Gesamtdosis ist, der die Menschen ausgesetzt sein werden, weil die Menschen mit dieser Zahl nicht wirklich etwas anfangen können. Aber wenn man diese Zahl nimmt und dann jene Risikofaktoren verwendet, die ja öffentlich zugänglich sind, und man berechnet, welche Auswirkungen das auf die Gesundheit hat, zu wie vielen Krebsfällen oder Krebstoten das führt, dann kann man den Menschen vermitteln, was sie tatsächlich erwartet. Im selben Atemzug müssen wir aber auch sagen, dass diese Erwartungen, diese Einschätzungen wahrscheinlich eine Unterschätzung sind, wenn man das berücksichtigt, was ich bereits erläutert habe.

LH: (36:07) Ein weiterer Kritikpunkt, der herausgearbeitet wurde, ist, dass die Hilfsmaßnahmen, die von den Behörden ergriffen wurden, falsch bewertet werden.

AR: UNSCEAR erwähnt in ihrem Bericht, dass die Strahlenbelastung für die Bevölkerung viel höher gewesen wäre, wenn die Regierung ihre Bevölkerung nicht so gut beschützt hätte. Auch wenn es wahr sein mag, dass die Bevölkerung Japans viel mehr Strahlung hätte abbekommen können, halten wir es für falsch, die japanische Regierung für ihre wunderbaren Anstrengungen bei den Aufräumarbeiten oder für ihre wunderbaren Vorsorgemaßnahmen zu loben, denn was tatsächlich in Japan geschah – und das ist nicht unsere Meinung, das wurde vom japanischen Untersuchungsausschuss des Parlaments geschrieben: „Die Hilfsmaßnahmen, die die Bevölkerung hätten schützen sollen, haben überhaupt nicht funktioniert, es herrschte völliges Chaos, die Menschen wussten nicht, was sie taten, es gab keine Pläne in der Schublade, der Premierminister war völlig überrascht. Er wusste nicht, dass es in Japan zum Beispiel ein Strahlenüberwachungssystem vor Ort gab, durch das die Menschen hätten wissen können, wohin die Strahlung gerade zieht. Stattdessen sind die Menschen aus Gebieten mit geringer Strahlung in Gebiete mit hoher Strahlung evakuiert worden, weil niemand in den oberen Führungsebenen von diesem System wusste.“

Wir alle wissen, dass Tabletten mit stabilem Jod das radioaktive Jod bei einer Atomkatastrophe daran hindern können, zur Schilddrüse zu wandern und dort Krebs zu verursachen, aber in Japan wurden diese Tabletten mit stabilem Jod nicht an die Bevölkerung ausgegeben, weil man eine Massenpanik verhindern wollte. So gab es eine Menge Probleme bei der unmittelbaren Reaktion auf die Katastrophe, bei den Evakuierungen, bei der Ausweitung der Evakuierungen, bei den Aufräumarbeiten, sodass es nicht gerade sehr hilfreich ist zu sagen, dass alles perfekt gelaufen sei und andernfalls die Katastrophe viel größer gewesen wäre. (37:55) Wir sind der Meinung, dass es an diesem Punkt gerechtfertigt ist, die Kritik des Untersuchungsausschusses des japanischen Parlaments zu teilen, wie schlecht die erste Reaktion eigentlich gewesen ist und was besser hätte gemacht werden können, weil ich der Meinung bin, dass wir es mit einem Problem zu tun haben, das in Japan – mit seinen 50 Atomkraftwerken und in einer Erdbeben gefährdeten Region gelegen – jederzeit wieder vorkommen kann. Das ist nicht etwas, das einmal passiert und dann nie mehr wieder passieren wird. Wir wissen von Tschernobyl, wir wissen von Fukushima, von Harrisburg, dass das jederzeit und in jedem Land wieder passieren kann. Im Hinblick auf Sicherheitsmaßnahmen und auf den allgemeinen Schutz der Bevölkerung ist es nicht sehr hilfreich zu sagen: „Dieses Mal ist alles gut gelaufen“, weil das nicht der Fall war.

In der Tat, es hätte viel schlimmer kommen können. Ja, Japan hatte großes Glück, wenn man das so sagen darf. Für die Menschen in Japan war es ein großes Glück, dass der Wind nach Osten gezogen ist und mehr als 80% der Strahlung auf das offene Meer hinaus getragen hat. Hätte der Wind nach Süden geblasen, und sei es nur für einen Tag, wäre die Metropole Tokio vom radioaktiven Fallout getroffen worden. Wir wollen uns gar nicht ausmalen, was das für Folgen gehabt hätte. Tatsächlich gab es einen Tag, an dem der Wind Richtung Nordwest geblasen hat, was heute die Ursache für die meisten Probleme ist, die wir in den schwer betroffenen Städten und Gemeinden erleben – gerade mal ein Tag mit radioaktivem Fallout. An all den anderen Tagen hatten die Japaner das Glück, dass der Wind nach Osten blies. Also kann man in gewisser Weise sagen, dass die Katastrophe hätte viel, viel schlimmer ausfallen können.

LH: (39:27) Der letzte Punkt ist, dass die Schlussfolgerungen aus den geschätzten Kollektivdosen nicht vorgelegt werden.

AR: Ja, wie ich schon vorhin gesagt habe, erwähnt der UNSCEAR-Bericht die geschätzten Kollektivdosen. Sie haben angegeben, mit wie viel Personen-Sieverts die japanische Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten belastet werden wird, aber sie haben es verabsäumt zu sagen, was das wirklich für die Menschen bedeutet. Um ein Beispiel zu geben, wir haben versucht, diese Schätzung zu ergänzen ... ein Beispiel, wie wir das gemacht haben: UNSCEAR sagt, dass es eine Kollektivdosis von 48.000 Personen-Sieverts geben wird. Die gesamte Kollektivdosis ist die Summe aller Individualdosen aller Menschen in Japan, die wegen Fukushima ein Leben lang einer bestimmten Radioaktivität ausgesetzt sein werden. Das ist die Gesamtkollektivdosis, das sind also diese 48.000 Personen-Sieverts. Und wenn man die international anerkannten Grenzwerte nimmt, dann wird das zu zusätzlichen 4.000 bis 16.000 Krebsfällen in Japan führen – wiederum: basierend auf den Unterschätzungen, die ich vorhin beschrieben habe. Diese Zahl dürfte allerdings viel höher liegen, wenn man die richtigen Daten und die richtigen Annahmen verwenden würde. Wenn man die Zahlen nimmt, die UNSCEAR offenlegt und berechnet, kommt man also auf 4.000 bis 16.000 zusätzliche Krebsfälle und auf 2.000 bis 9.000 Todesfälle. So hat man 16.000 Menschen, die wegen Fukushima Krebs entwickeln werden, die sonst keinen Krebs entwickelt hätten. Viele von ihnen werden durch eine Chemotherapie überleben, durch Operationen oder durch eine Strahlentherapie, aber es wird 9.000 oder etwas mehr als 9.000 Menschen geben, die auf Grund des Atomunfalls in Fukushima an Krebs sterben werden. Das ist etwas, das sie den Menschen mitteilen sollten. Das ist etwas, zu dem man sich bekennen muss. Und man muss sagen: „Hört zu, das war eine gewaltige Katastrophe und zu dem wird sie sich auswachsen.“

Was wir tun können, ist diese Zahl zu verringern, indem man strenge Strahlenkontrollen bei den Lebensmitteln einführt, indem man die Menschen, insbesondere junge Familien und Kinder, aus den radioaktiv verseuchten Gebieten wegbringt, indem man ihnen jede mögliche Unterstützung angedeihen lässt, um sie heraus zu bringen, und indem man sie gesundheitlich betreut und Gesundheitskontrollen durchführt, so wie es für die Früherkennung von Krebs und anderen Krankheiten empfohlen wird, um sie besser behandeln zu können. Aber nur sehr wenig passiert in dieser Hinsicht. Tatsächlich werden Menschen dazu ermutigt, aus wirtschaftlichen Gründen in die radioaktiv verseuchten Gebiete zurückzukehren. Sie wollen nicht, dass diese Regionen menschenleer werden. Sie versuchen zu vergessen, was geschehen ist, sie wollen, dass die Menschen so weiter machen und sie wollen sich nicht eingestehen, dass es in den kommenden Jahrzehnten Auswirkungen auf die Gesundheit geben wird. Sie wollen nicht zugeben, dass die Menschen daran leiden werden. Und mit „sie“ meine ich die Politiker des japanischen Atomdorfs hinter der Atomenergie, die Unternehmen hinter der Atomenergie, die staatlichen Aufsichtsbehörden, die von der Atomindustrie Geld bekommen. Sie alle versuchen, diese Katastrophe weiß zu waschen, und UNSCEAR spielt da mit. UNSCEAR hilft ihnen und das ist etwas, was wir als Wissenschaftler und Ärzte nicht akzeptieren können, dass eine UN-Körperschaft dabei ist, diese Katastrophe weiß zu waschen.

LH: (42:44) Das ist eine vernichtende Analyse an der UNSCEAR und an ihrem Bericht. Was ist ihre Einschätzung: Handelt UNSCEAR deswegen so, weil es Meinungsverschiedenheiten, eine weitere Auslegung der von ihnen verwendeten Daten gibt, oder spielt bei UNSCEAR eine Art von unverblümter Lüge und Propaganda eine Rolle, um die Atomindustrie zu schützen?

AR: Ich glaube, dass diese Frage nur sehr schwer zu beantworten ist. Man muss bedenken, dass UNSCEAR eine Körperschaft der UNO ist. Staaten, die Mitglieder der UNO sind, entsenden Delegierte, Vertreter in diese UN-Körperschaft. Die Frage ist also: welche Staaten entsenden Vertreter? Es sind die Atomstaaten, es sind die Vereinigten Staaten, es ist Kanada, es ist Deutschland, es ist Japan, es ist Indien. Es sind jene Länder, die Atomkraftwerke haben, die sich Atomprogramme leisten können. Und offensichtlich haben diese Länder ein begründetes Interesse daran, sich diese atomare Macht, diese atomare Stärke zu bewahren. Deshalb entsenden sie Wissenschaftler, die direkt aus ihren Atomprogrammen kommen, Wissenschaftler also, die mit diesen Atomprogrammen aufgewachsen sind, die eine Karriere in der Internationalen Atomenergie Agentur [IAEA/IAEO] gemacht haben, die für atomare Brennstofffirmen gearbeitet haben. Es sind keineswegs Leute, von denen man sagen könnte, dass sie kritisch gegenüber der Atomenergie eingestellt wären. Kein Wissenschaftler, der ein kritisches Schriftstück zur Atomenergie oder zu den gesundheitlichen Auswirkungen ionisierender Strahlung veröffentlicht hat, würde jemals in der UNSCEAR zugelassen werden. Die UNSCEAR ist ein Klub von Wissenschaftlern, die die Interessen der Atomstaaten vertreten. (44:19) Und das ist etwas, was den Menschen bewusst sein sollte. Die UNSCEAR ist keine unabhängige Forschungsinstitution, sie ist keine Körperschaft, die aus kritischen Wissenschaftlern einerseits und aus Atombefürwortern andererseits zusammen gesetzt ist. Sie ist vollkommen atomfreundlich. Es sitzen in der UNSCEAR nur Leute und es werden in ihrem Bericht nur Wissenschaftler zitiert, die in ihren Ländern lebenslang für die Atomindustrie gearbeitet haben.

Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass sie lügen, dass sie Propaganda machen. Aber sie habe ein Gruppendenken. Sie kommen aus Organisationen, die sehr atomfreundlich sind. Sie haben nie irgendetwas anderes gehört, sie haben eine bestimmte Prägung, aus der sie ganz einfach nicht heraus kommen. Was in der wahren Wissenschaft notwendig ist, dass es verschiedene Meinungen gibt und dass Wissenschaftler aus verschiedenen Arbeitsfeldern miteinander diskutieren und ihre Hypothesen auf die Probe stellen und ihre Meinungen gegenseitig austauschen, damit das, was am Ende herauskommt, so nah wie möglich an der Wahrheit ist – dafür ist die UNSCEAR nicht der richtige Ort. Die UNSCEAR erlaubt keine Kritik, sie erlaubt keine neutrale Position. Auch wenn ich nicht sagen würde, dass die UNSCEAR absichtlich lügt oder Propaganda verbreitet, muss ich aber doch sagen, dass ihre Mitteilungen und ihre Schriften sehr klar zeigen, wer die Geldgeber sind und woher die Mitarbeiter kommen.

LH: (45:41) Wie ist die kritische Analyse der IPPNW von den Medien aufgenommen worden, hat es auf Regierungsebene irgendeine Art von Antwort gegeben und wurde ihre Analyse von der UNSCEAR zur Kenntnis genommen und beantwortet?

AR: Das ist eine sehr interessante Frage. Wir waren vor der Veröffentlichung unseres Papiers mit der UNSCEAR in Kontakt. UNSCEAR hat im vergangenen Oktober eine Art Zusammenfassung, eine Art Teaser oder Vorschau auf ihren endgültigen Bericht bei der UN-Generalversammlung veröffentlicht. Und als wir diesen Entwurf gelesen haben, haben wir sofort auf die UNSCEAR reagiert und zu ihnen gesagt: „Also hört mal zu. Wir haben euren Entwurf gelesen und das sind die Punkte, das sind die Themen, mit denen wir Probleme haben, das sind die Punkte, die wir kritisch sehen, und wollt ihr mit uns ins Gespräch kommen?“

Was sie gemacht haben, war, dass sie tatsächlich einige unserer Argumente aufgenommen haben, und wir finden nun in der endgültigen Version einige unserer Formulierungen, einige unserer Argumente – die Schlussfolgerungen aber bleiben unverändert. In unserem ersten Brief an die UNSCEAR haben wir kritisiert, dass ihre Leute im Elfenbeinturm sitzen und Urteile über Menschen fällen – weit weg in anderen Ländern, ohne überhaupt auf das persönliche Leiden und die individuelle Situation einzugehen, und sie sagen nur: „Macht euch keine Sorgen, alles wird gut.“ Sie reisen nicht nach Fukushima und sie sprechen nicht mit den Menschen dort und sie fragen nicht, wie es ihnen geht. Was sie also in ihrer endgültigen Version sagen, ist unverändert: „Alles wird gut.“ Aber sie fügen den Satz hinzu, dass es tatsächlich sehr wichtig wäre zu realisieren, dass die Menschen leiden, und dass es wichtig wäre, den individuellen Geschichten der Menschen vor Ort Aufmerksamkeit zu widmen. (47:22) So sehen wir, dass die UNSCEAR in einer gewissen Art reagiert und einiges von unserer Kritik aufgenommen haben, aber bei den Schlussfolgerungen hat sich nichts geändert. Das ist etwas, das wir eigentlich auch nicht erwartet hätten, und wir halten keine großen Stücke auf diese Organisation, da die Mitarbeiter aus einem Umfeld kommen, das weder kritisches Denken noch kritische Standpunkte bezüglich Atomenergie erlaubt – damit verdienen sie nicht ihr Geld, deswegen sitzen sie nicht in ihrer Position und deswegen werden sie nicht im Auftrag dieser UN-Körperschaft um die ganze Welt geflogen. Denn sie sagen das, was die Regierungen von ihnen hören wollen.

Bezüglich des Interesses, das unser Papier bei den Medien gefunden hat: Es gab zwei große Pressekonferenzen, eine gemeinsam mit Human Rights Now vor der UNO in New York und eine in Berlin. Beide waren recht gut besucht, wir hatten einige TV-Auftritte, einige Zeitungsartikel und Radiobeiträge zu unseren Ergebnissen.

Alles in allem, es ist ein sehr wissenschaftliches und sehr spezielles Thema und ist nicht wirklich für die Mainstream Medien geeignet. Aber das war auch nicht unser Ziel. Unsere Absicht war es, dass, wenn der UNSCEAR-Bericht zitiert und in den kommenden Jahren über ihn berichtet wird, die Leute sagen: „Gut, in dem UNSCEAR-Bericht steht dieses oder jenes“ – unser Bestreben war es, den Menschen eine alternative Sichtweise anbieten zu können. Wir sagen: „Also, möglicherweise steht das so in dem UNSCEAR-Bericht, aber lies unsere Kritik und stell' dann die Frage, ob das, was im UNSCEAR-Bericht steht, die Wahrheit ist.“ Wir glauben nicht, dass wir alleine im Besitz der Wahrheit sind. Wir sind viel zu klein und viel zu eingeschränkt in unseren Möglichkeiten, um riesige Untersuchungen mit hunderten oder tausenden Menschen in Japan durchführen zu können, um heraus zu bekommen, was wirklich mit ihnen los ist. Aber was wir als Wissenschaftler, als Ärzte, als Menschen tun können, ist kritische Fragen zu stellen und zu fragen: „Kann man das wirklich glauben, ist das wirklich die Wahrheit?“ Und ich glaube, dass Journalisten, die aufgesprungen sind, die verstanden haben, dass wir nur Ärzte sind, die versuchen, ihre Patienten zu schützen, die versuchen gegen eine Industrielobby aufzustehen, die der öffentlichen Gesundheit Schaden zufügt, die eine Welt fördern wollen, die gesund und frei von atomarer Verseuchung ist – ich denke, diese Journalisten haben uns richtig verstanden und waren fähig, unsere Botschaft weiter zu verbreiten. Wir hoffen, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, wenn Leute einen Blick auf den UNSCEAR-Bericht werfen, dass sie auch unseren Bericht finden werden und dann vielleicht einen kritischeren und unvoreingenommeneren Blick auf die Ergebnisse der UNSCEAR bekommen.

LH: (49:49) Was können wir tun, um dieser wichtigen Analyse internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen?

AR: Was wir derzeit versuchen, ist diese kritische Analyse an die verschiedenen UN-Delegationen heran zu tragen, die bei der kommenden UN-Generalversammlung im Oktober den UNSCEAR-Bericht anschauen werden. Was jeder Einzelne, ein Blogger, ein Journalist, was jeder, der mit diesem Thema vertraut ist, tun kann, ist diese Information zu verbreiten und zu sagen: „Also, hier ist der UNSCEAR-Bericht, du kannst ihn lesen und du findest da drinnen eine Menge Informationen und hier ist eine kritische Analyse des UNSCEAR-Berichts, den du zusätzlich verwenden kannst, um besser zu verstehen, wo die Grenzen und Probleme im UNSCEAR-Bericht liegen.“

Wenn jemand in der Lage ist, diese Information zu verbreiten, zum Beispiel in Nachrichtenkanälen wie in dieser Sendung oder auf Blogs oder in Wikipedia-Artikeln – ich denke, es ist in erster Linie wichtig, dass diese Informationen die Menschen erreichen. Es kann ein Schüler sein, der für sein Klassenprojekt Recherchen durchführt, es kann ein Lehrer sein, der etwas sucht, das er seinen Schülern vermitteln kann, es können Politiker oder deren Berater sein, die nach Informationen für politische Konzepte suchen, es können Journalisten sein, die Hintergrundrecherchen anstellen, oder die Bürgerschaft, Menschen, die in der Nähe eines Atomkraftwerks wohnen und herausfinden wollen, was in Fukushima passiert ist. Alle diese Menschen werden von einer unvoreingenommenen, einer wissenschaftlichen Annäherung an den UNSCEAR-Bericht profitieren, die nicht von einem industriellen Interesse bestimmt ist, von den Interessen einer Lobbygruppe, einer sehr mächtigen Lobbygruppe – eine Annäherung also von Ärzten und Wissenschaftlern mit dem Ziel, ein klares Bild von den gesundheitlichen Folgen ionisierender Strahlung zu bekommen, die eine Folge des Fukushima-Fallouts sind.

LH: (51:38) Das war Alex Rosen aus Berlin. Er ist ein deutscher Kinderarzt, Vizepräsident der IPPNW in Deutschland und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des IPPNW Direktoren Vorstandes. Die kritische Analyse des UNSCEAR-Berichts, die er erwähnt hat, wurde von der IPPNW verfasst und ist in englischer, deutscher und japanischer Sprache verfügbar. Das alles wird auf der Webseite Nuclear Hotseat http://www.nuclearhotseat.com/Blog/ bei Abschnitt Nummer 161 verlinkt.


Originalquelle:  http://www.nuclearhotseat.com/2027/
Translation, Lektorat:
www.afaz.at  (lo,ho) | August 2014 /v1
Diese Übersetzung steht unter GFDL, siehe
www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).

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20.05.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 152

Stimmen aus Japan:
Katsutaka Idogawa, Bürgermeister von Futaba
Satomi Horikiri, Filmemacher


Quelle: http://2.bp.blogspot.com/-_pv0CLWEQcM/UOe__xgbUaI/AAAAAAAAAro/q7Xvtk25krQ/s1600/visiting-independent-who-s-vigil-in-geneva.jpg


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Diese Woche präsentieren wir eine neue Folge unserer Serie: Stimmen aus Japan. Nuclear Hotseat gibt Menschen in Japan, die von der andauernden Katastrophe in Fukushima betroffen sind, die Möglichkeit, der Welt das mitzuteilen, was wir ansonsten nicht zu hören bekommen, das, von dem sie glauben, dass wir es erfahren sollten. Ihre Worte sind in keiner Weise bearbeitet, ihre Beiträge unzensiert und wir veröffentlichen diese Botschaften in einer englischen und in einer japanischen Version.

Wir hören zuerst vom früheren Bürgermeister von Futaba, Herrn Katsutaka Idogawa. Als Hausherr von Fukushima Daiichi [die Grenze zwischen den Gemeinden von Futaba und Okuma verläuft zwischen den Reaktoren 4 und 5; AdÜ] wurde Futaba durch die Katastrophe mit verheerender Gewalt heimgesucht. In der chaotischen Folgezeit nach dem Unfall, als keine verlässlichen Informationen zu erhalten waren, unternahm Bürgermeister Idogawa als für seine Gemeinde Verantwortlicher den unüblichen Schritt, die Menschen an einen Ort außerhalb der Präfektur Fukushima zu evakuieren, um sie so vor der schädlichen Strahlung zu bewahren. Er hat seine Funktion als Bürgermeister in der Zwischenzeit zurückgelegt, übt aber nach wie vor unverblümte Kritik an der Regierung und an TEPCOs Verhalten während des Unfalls.

Kürzlich kam es zu Polemiken aufgrund der im Manga Oishinbo dargestellten Verhältnisse in Fukushima, diese Debatten erregten überall in Japan Aufmerksamkeit. Eine der zentralen Ursachen für die Erregung findet sich in den Worten, die einer der Figuren in den Mund gelegt wurden. Diese erinnert an Bürgermeister Idogawa und ihr Name im Manga ist Bürgermeister Idogawa! Nuclear Hotseat arbeitet an einem Exklusivinterview mit Bürgermeister Idogawa zu diesem Thema. Im heutigen Interview beschreibt er seine Enttäuschungen und Befürchtungen im Zusammenhang mit dem Unfall in Fukushima Daiichi und seine Besorgnis über das gesellschaftliche Unbehagen in Japan.

Katsutaka Idogawa: Drei Jahre sind bereits wieder vergangen. Das Bedauern und die Frustration, welche am 11. März 2011 durch die beklagenswerten Ereignisse begonnen haben, halten an. Am frustrierendsten ist, dass sowohl die Regierung als auch TEPCO versprochen hatten, dass dieses Kraftwerk keinen größeren Unfall auslösen würde. Als Bürgermeister saß ich diesen Leuten im Laufe der Jahre in meinem Büro oft gegenüber und wir besprachen die Möglichkeit eines Unfalls. Haben sie die Wahrheit gesagt? Sie haben stets beteuert: „Herr Bürgermeister, machen Sie sich keine Sorgen, es wird definitiv niemals zu einem Unfall kommen.“

Nun, das AKW hat während des Erdbebens und des Tsunamis ziemlich schnell versagt, nicht wahr? Es ist schlicht auseinandergefallen, nicht wahr? Der Betrieb der AKWs basierte auf einer Lüge. Dieser Unfall ist der Beweis dafür, dass es sich bei der Kernkraft um eine unausgereifte Technik handelt.

Im Übrigen hat dieses Kraftwerk unsere Stadt zerstört. Die Stadt ist ein öffentliches Gebilde. Ein privates Unternehmen, rein profitorientiert, hat öffentlichen Raum zerstört – unsere Stadt. Ich glaube, es gibt in der Geschichte keine Parallele. Schreckliches ist auch nach Tschernobyl passiert, aber in diesem Land waren die Voraussetzungen andere. In Japan haben wir das Recht auf Selbstverwaltung (self-government). Es war der Atomunfall, der dieses System zerstört und die Menschen ins Chaos gestürzt hat. Da sie nicht genügend Entschädigung erhielten, verloren sie ihre Zukunft. Den Dorfbewohnern, die sich von ihren Träumen verabschieden mussten, wurde das Herz gebrochen.

In all diesem Schmerz orientiert sich Premierminister Abe nach außen und fördert den Export von AKWs. Obwohl die Lage in seinem eigenen Land unklar ist, obwohl die Aufräumarbeiten nach dem Unfall nicht vorankommen, stellt Abe die schadhafte Ware als Technik der Spitzenklasse hin. Das ist beschämend, nicht wahr? Als japanischer Bürger schäme ich mich. Als Japan noch ein gesundes Land war, versuchten wir nicht, mangelhafte Produkte zu verkaufen. Als Japan noch Qualität mehr als alles Andere schätzte, wäre so etwas nicht passiert.

Außerdem verschmutzt das kontaminierte Wasser immer mehr den Pazifik. Ich werde gedemütigt, wenn Abe die Welt belügt und sagt, die Radioaktivität würde vollständig daran gehindert, weiterhin in den Ozean zu gelangen.

Wir müssen zu unseren Wurzeln zurückfinden. Wir haben das Recht, zurückzukehren. Es ist wirklich äußerst unglücklich, dass es keinen einzigen Politiker oder Bürokraten gibt, der imstande gewesen wäre, das Problem zu lösen.

Ich beschwöre die Menschen in aller Welt, einen Blick auf uns zu werfen. Was für ein Leben zu leben werden wir derzeit gezwungen? Obwohl wir nicht diejenigen waren, die den Unfall verursacht haben, leben wir nun unter Bedingungen, die uns für das Vorgefallene bestrafen. Unsere Träume, die Zukunft unserer Kinder, unsere Ortschaften wurden zerstört. Wir wurden an den Rand der japanischen Gesellschaft gespült und man hat uns gesagt, dass wir dort Leben sollen, stillschweigend. Ich wünsche, dass solch tragische Umstände niemanden mehr treffen sollen, niemals.

Atomanlagen bringen der Menschheit Unglück. Wir alle müssen unsere Stimme erheben und eine sichere Umwelt fordern, in der wir leben und unsere Kinder noch träumen können. Wir haben von unseren Eltern eine saubere Umwelt geerbt. Ich aber kann meinen Kindern keine saubere und schöne Stadt hinterlassen. So eine traurige Situation soll sich nie wiederholen. Bitte helfen Sie nicht uns – bitte helfen Sie der Menschheit.

Libbe HaLevy: Der vormalige Bürgermeister von Futaba, Katsutaka Idogawa.

Nun hören wir Satomi Horikiri. Sie hat als Laie einen Film gedreht. Ihr Film: Aus einer Atomstadt vertrieben, eine Dokumentation über die Flüchtlinge aus Futaba, hat im Jahr 2013 einen Yayori Journalismuspreis gewonnen. Der Film handelt von den schweren physischen und psychischen Prüfungen, denen die Gruppe von Bürgern aus Futaba ausgesetzt war, die Bürgermeister Idogawa gefolgt waren, um in einer verlassenen Mittelschule Zuflucht zu finden, weit entfernt von der Präfektur Fukushima. Horikiri hat ihren Film in ganz Japan gezeigt. Sie tritt oft zusammen mit Evakuierten aus dem Film auf.



Quelle:
http://www.nuclearhotseat.com/blog/

Satomi Horikiri: Ich habe einen Film mit dem Titel Aus einer Atomstadt vertrieben gemacht, über die Menschen, die sich aus Futaba nach dem Unfall vor drei Jahren in meine Heimatstadt geflüchtet hatten.

Mein Name ist Horiki.

Als ich erfuhr, dass Fukushima Daiichi explodiert war, war ich völlig schockiert. Ich dachte: „Das ist nun das Ende.“ Ich war über das Schicksal der Menschen, die nahe des Kraftwerks lebten, sehr besorgt, als eine Reihe von Leuten in die Präfektur von Saitama flüchteten, wo ich lebe. Über die letzten drei Jahre hinweg habe ich ihre Geschichten gesammelt und einen Dokumentarfilm gedreht.

Die Menschen aus Futaba wurden in die Kisai Mittelschule (High School) evakuiert, die nicht mehr in Betrieb war. Zwanzig Prozent der Einwohner von Futaba, um die 1.400 Menschen, mussten 300 km weit reisen, um dieses verlassene Schulgebäude zu beziehen.

Warum war Futaba die einzige Ortschaft, die auf diese Art flüchtete? Das kam daher, dass weder die Regierung noch TEPCO die spezifische Evakuierungsorder gaben, dass die Menschen spezielle Orte ansteuern sollten. Anstatt Anlagen für die Evakuierung bereitzustellen, überließen sie es den Gemeinden, zu entscheiden, wohin sie flüchten sollten.

In dieser Lage entschied der Bürgermeister von Futaba, Herr Idogawa, der einiges Wissen über Strahlung besaß, dass es wichtig wäre, die Menschen so weit als möglich von den enormen Radioaktivitätsmengen, die freigesetzt wurden, zu evakuieren. Er hat sich für das weit entfernte Saitama entschieden, denn er wusste, dass dies die einzige Möglichkeit war, die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Ich denke, er hat die richtige Entscheidung getroffen.

Ich begann, die Kisai Grundschule zu besuchen und mir die Geschichten der Menschen aus Futaba anzuhören. Es lebten dort 1.400 Menschen in den Klassenzimmern und Turnsälen – es gab absolut keine Privatsphäre. Ich glaube, das war sehr schwer für die Menschen. Sie wurden zwar mit Fertigmahlzeiten versorgt, aber sie hatten keine Arbeit und keine Privatsphäre, und sie hatten keine Ahnung, wann sie wieder nach Hause zurückkehren könnten. In Futaba hatten sie ihre Häuser, ihr Land, ihre Ahnengräber und ihre Gemeinde. Meines Erachtens war es wirklich schwer für sie, in Saitama ohne all das zu leben.

Wenn es sich lediglich um ein Erdbeben handelt, dann kann man am selben Ort wieder aufbauen, bei einem Atomunfall kann man aber nie mehr in seinen Heimatort zurück. Man muss an einem andern Ort neu anfangen. Was es im Falle von Futaba noch schlimmer macht, ist, dass die Häuser dort im Großen und Ganzen intakt sind, von kleineren Schäden durch das Beben abgesehen. Aber man kann dort auf Grund der Strahlung nicht leben – die sieht man aber nicht. Es ist eine paradoxe Situation.

Die Evakuierten in Saitama haben sich viele Gedanken zum Thema „Wiederaufbau“ gemacht. Was würde das für sie bedeuten? Sie waren den ganzen Tag im Evakuierungszentrum, untätig, arbeitslos. Sie wollten zurück nach Futaba, die Trümmer wegräumen, ihre Geschäfte wieder aufbauen oder die Familiengräber in Ordnung bringen. Wenn sie das machen könnten, dann wäre „Wiederaufbau“ irgendwie greifbar. Aber sie konnten ihren eigenen Besitz ja nicht einmal betreten. Das waren bittere und schmerzhafte Umstände.

Zuerst hatten die älteren Menschen die Hoffnung auf eine Rückkehr und sie fragten sich, wann es wohl so weit sein würde, aber seit Kurzem ist ihnen klar geworden, dass die Strahlenwerte einfach zu hoch sind, und dass sie niemals zurückgehen können. Sie haben keine Alternative, als aufzugeben.

Das Gefühl eines entsetzlichen Verlustes ist nicht nur bei den älteren Menschen verbreitet, sondern bei allen Altersgruppen.

Libbe HaLevy: Frau Horikiri, sie sind ja sowohl mit den Flüchtlingen aus Futaba als auch mit Bürgermeister Idogawa in Kontakt, was ist Ihre Meinung zur gegenwärtigen Kontroverse um das Oishinbo Manga?

Satomi Horikiri: Oishinbo? Nun... Was Bürgermeister Idogawa angeht, so hat ihn diese Sache wieder in die Schlagzeilen gebracht, nicht wahr? Ich bin eine Zeit lang mit ihm gereist, und soweit ich es beurteilen kann, war er einer ziemlichen Strahlenbelastung ausgesetzt. Aber es geht hier nicht nur um Herrn Idogawa. Es gibt viele Leute, deren Gesundheitszustand schlecht ist und die Symptome entwickeln, die sie zuvor niemals hatten.

Warum ist die Missbilligung so groß, wenn man Bedenken wegen seiner Gesundheit äußert und dies auf die Strahlung zurückführt? Das rührt daher, das es eine ausgemachte Sache ist, dass Fukushima sicher ist und kein Problem darstellt, dass es durch die Explosion des AKWs zu keinen Gesundheitsauswirkungen gekommen ist. Was wir durch den Tumult rund um das Manga erkennen können, ist, dass es eine ausgemachte Sache ist, sämtliche Einwände gegen die offizielle Sprachregelung vollständig und gründlich zu zerschmettern.

Libbe HaLevy: Das war Satomi Horikiri. Ihr Film wurde ins Englische übersetzt. Wenn Sie eine Aufführung planen wollen, kontaktieren Sie bitte Beverly Findlay-Kaneko, indem Sie eine Nachricht auf der Facebook Seite von Families for Safe Energy hinterlassen.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at   Quelle: Nuclear Hotseat #152 Voices From Japan: Katsutaka Idogawa, Futaba Mayor; Satomi Horikiri    http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at Mai 2014 / v1

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05.05.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 149

Sondersendung Südwesten der USA
Teil 1:
Don Hancock, Director of
Southwest Research and Information Center


Quelle: http://www.wipp.energy.gov/wipprecovery/Images/Phase%203%20Route%20Map.png

Erstes Vordringen von einem Untersuchungsteam bis zum Raum 7 im Lagerbereich 7
des unterirdischen Endlagers WIPP.


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: In den Interviews dieser Woche legen wir einen besonderen Schwerpunkt auf WIPP [das havarierte „Versuchs-Endlager“ des amerikanischen Militärs bei Carlsbad, New Mexico]. Falls Sie die Geschichte bisher noch nicht verfolgt haben, hier ein Rückblick: WIPP ist ein Atommüllendlager, das eine Betriebsbewilligung hat, bestimmte Formen von Atommüll aufzunehmen. Die Anlage wurde 1999 eröffnet und sollte den tödlichen Atommüll von Mensch und Umwelt für 10.000 Jahre fernhalten. Am 14. Februar aber – schöner Valentinstag! – kam es zu Strahlenfreisetzungen in die Umgebung durch eine nicht konkretisierte Menge an Americium und Plutonium. Weg mit der Nachbarschaft... Aber im Ernst. Es wurde mittlerweile bestätigt, dass 21 Arbeiter durch die Strahlung kontaminiert wurden. Es gibt keine klaren Messdaten, wie viel Radioaktivität freigesetzt wurde bzw wie weit sich die Strahlung ausgebreitet hat. Letzte Woche hat das Energieministerium (Department of Energy, DoE) einen Bericht über den Unfall herausgegeben – dieses Dokument stellt aber niemanden zufrieden, möglicherweise mit Ausnahme derer, die ihn verfassten und deren Mütter. Was ist nun der aktuelle Stand? Zu Beginn sprechen wir mit Don Hancock, er ist der Direktor des Southwest Research and Information Center, einer Vereinigung, die sich die Kontrolle der Einhaltung der Umweltschutzgesetzgebung zur Aufgabe gemacht hat. Sie hat ihren Sitz in Albuquerque, New Mexico. Don war uns von Anfang an eine verlässliche Informationsquelle über diesen Unfall. Er war schon in den Nuclear Hotseats 139, 140, 143 und 146 zu Gast – hier ist er nun von Neuem, im Nuclear Hotseat 149.

Don, seitdem wir uns zuletzt unterhalten haben, hat die Unfallkommission einen 300 Seiten starken Bericht herausgebracht. Was – wenn überhaupt – wird als Unfallursache angegeben?

Don Hancock: Sie haben meiner Ansicht nach keine sehr überzeugende Arbeit abgeliefert. Sie sagen, der Auslöser für die Freisetzungen unter Tage sei weiterhin unbekannt. Es wird in dem Papier jedoch spekuliert, dass der Auslöser wohl in einer eingestürzten Decke zu suchen sei. Nun, eine der Ungereimtheiten rund um diesen Bericht besteht darin, dass er zwar am 1. April fertiggestellt, aber erst drei Wochen später veröffentlicht worden ist. Der Bericht war also zum Zeitpunkt seines Erscheinens bereits drei Wochen lang überholt. Inzwischen waren Arbeiter unter Tag vor Ort. Sie berichten, dass es keinen Deckeneinsturz gab. Wie ich also sagte: Man kennt den Grund für die Freisetzungen immer noch nicht, die Hauptspekulation darüber scheint sich nicht zu bewahrheiten. Es wird weiterhin erklärt, dass die Freisetzungen zwar unter Tage passiert seien, der Grund, warum etwas davon an die Oberfläche gelangte, aber darin läge, dass die Lüftungsanlage einen Konstruktionsfehler gehabt habe. Zwei Klappen hätten sich nicht vollständig geschlossen und dadurch sei etwas von der Strahlung direkt in die Umwelt entwichen, anstatt durch die Hochleistungsfilter (HEPA-Filter) geleitet zu werden, wie es eigentlich vorgesehen gewesen wäre. Es wird ausgesagt, dass dieser Konstruktionsfehler eigentlich hätte auffallen müssen, das Ventilations-, speziell das Filtersystem habe aber einen grundsätzlichen Fehler gehabt. Das ist wahr. Wir wissen, dass ein Teil der Freisetzungen auf die nicht wie vorgesehen funktionierenden Klappen zurückzuführen ist. Dies sagt uns aber nicht, wie viel freigesetzt wurde, und ich bin misstrauisch, ob dies der einzige Weg war, über den es zu Freisetzungen kam. Es wird jedoch überhaupt nicht angesprochen, wie die 21 Arbeiter kontaminiert wurden. Es wird auch nicht erklärt, wie die alleinige Kontaminierung in dem bestehen kann, was 21 Arbeiter eingeatmet haben. Der Bericht besagt, es gäbe keine weitere erhebliche Kontamination als die, welche diese 21 Arbeiter betrifft. Das setzt sich freilich über die [Gesetze der] Logik, der Naturwissenschaft, der Physik usw hinweg. Was auch immer durch diese Klappen geschlüpft ist, ist nicht nur in diesen 21 Arbeitern gelandet, von denen einige zum Zeitpunkt der Freisetzungen nicht einmal auf der Anlage zugegen waren. Aber diese Ungereimtheiten werden im Bericht nicht einmal angesprochen.

Libbe HaLevy: Ich finde interessant, dass in dieser Feststellung das Wort „erheblich“ benutzt wird, obwohl keine Begründung für diese Qualifizierung existiert. Es gibt keine Hinweise dafür, dass die entsprechenden Daten ausgeforscht wurden. „Erheblich“ ist einer der schwammigen Begriffe, die den Ereignissen eine gewisse Färbung verleihen sollen, im Sinne von: „Sie brauchen darauf gar nicht besonders zu achten, belasten Sie ihr hübsches Köpfchen also nicht mit so etwas!“ im Gegensatz zu: Da ist wirklich etwas passiert.

Don Hancock: Nach meiner Meinung wäre dies aber sehr wohl im Rahmen des Berichtes zu klären gewesen: kam es zu diesen Kontaminationen auf Grund von unzureichender Ausrüstung? Haben die Arbeiter die vorhandene Ausrüstung nicht korrekt verwendet? War die Ausbildung mangelhaft? Warum wurde den Hinweisen nicht weiter nachgegangen, dass die Kontamination durch das Leck zu Freisetzungen in der Anlage geführt hat und dass diese Freisetzungen wohl nicht nur die 21 Arbeiter betroffen haben? Das Zeug war in der Luft, nun ist wohl das meiste davon in der Erde, aber wir wissen nicht wo, usw. Aber, wie ich schon sagte: Diese Fragen wurden nicht behandelt.

Meiner Meinung nach gibt es wenig neue oder nützliche Informationen in diesem Bericht, er ist völlig unzureichend bezüglich dessen, wofür er eigentlich gedacht war.

Libbe HaLevy: Ich finde es äußerst bemerkenswert, dass der Vorsitzende der Untersuchungskommission, Ted Wyka, in dem Bericht von einer 10-stündigen Verzögerung spricht, bis der Alarm schließlich ausgelöst wurde. Ich zitiere: „Schlussendlich ist es so, dass sie [also die Bedienmannschaft von WIPP] nicht glauben wollten, dass es zu einer Freisetzung gekommen war.“ Der Ablauf wäre dann so ähnlich wie in Three Mile Island, wo niemand glauben wollte, dass die angezeigte Strahlungsdosis tatsächlich so hoch war, wie sie es de facto war.

Don Hancock: Ja, genau. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass es sich um einen Vorfall handelt, der niemals eintreten sollte. Alles, was alle immer gedacht und gelernt hatten, war, dass nichts passieren könne. Der Bericht beschreibt richtigerweise, dass das Messsystem in den Stollen... Es hätten eigentlich 4 Luftmessstationen zu dem Zeitpunkt, als es zur Freisetzung kam, in Betrieb sein sollen. Nur eines der 4 Geräte war im Einsatz – und dieses Gerät hatte früher schon einmal versagt, gerade einmal ein paar Tage vorher. Die Unfallkommission stellte fest, dass das Problem darin lag, dass es durch diese Luftmessgeräte bereits zu einer Reihe von Fehlalarmen gekommen war. Die Leute hatten also sowohl die Einstellung, dass sowieso nichts passieren könne, und da es darüber hinaus in der Vergangenheit bereits zu Fehlalarmen gekommen war, war die Reaktion nun so, wie Sie das beschrieben haben: „Aha, wir haben wieder einmal Alarm – aber das kann ja gar nicht stimmen, denn unsere Geisteshaltung sagt uns, dass so etwas nicht vorkommt und außerdem wissen wir ja bereits, dass diese Monitore zu Fehlalarmen neigen.“

Beide dieser Blickwinkel sind natürlich höchst problematisch. Einmal, dass man denkt, nicht wirklich besonders umsichtig sein zu müssen; man muss sich bewusst sein, dass es gefährlich werden kann, dass Fehler auftreten können und dass man sich nicht erlauben kann, zu zuversichtlich zu sein. Zum Anderen, wenn man ein Überwachungssystem betreibt, von dem man weiß, dass einzelne Messstationen bereits früher versagt hatten, dann muss man für ausreichende Redundanz sorgen. Wenn 4 Stationen in Betrieb gewesen wären und eine Station zeigte eine Freisetzung an, während die anderen drei, die entsprechend platziert sind, signalisierten, dass es keine Freisetzung gibt, dann hätte man die Möglichkeit zu folgern: Nun, vielleicht handelt es sich um einen Fehlalarm. Wenn aber nur eines der Geräte funktioniert und dieses zeigt einen Alarm an, dann muss man sich so verhalten, als ob es sich hier in der Tat um einen Alarm handelt.

Libbe HaLevy: Das führt zu einem anderen Punkt, der in diesem Bericht gemacht wurde, dass nämlich bei Nuclear Waste Partnership schlechtes Management geherrscht hätte, die Sicherheitskultur vernachlässigt worden sei, die Instandhaltungsaufgaben unzureichend erfüllt wurden und die Überwachung von Strahlungsfreisetzungen ungenügend war. Das ist eine ziemlich bedrohliche Kombination, wenn man eine Atomanlage betreibt. Was wird nun mit dieser Firma passieren oder was könnte ihr in Folge dieses Unfalls und dieser Beurteilung ihrer Kompetenz passieren?

Don Hancock: Dazu sage ich zwei Dinge: Ich habe nun schon jahrelang davon gesprochen, was die Unfallkommission nun bestätigt hat. Man hat meine Aussagen zu diesem Thema ignoriert, sowohl bei Nuclear Waste Partnership als auch beim DoE, jahrelang. Die Unfallkommission hat auch nichts darüber gesagt, warum die Sicherheitskultur immer schlechter geworden ist. Meiner Meinung nach hängt das damit zusammen, dass sowohl Nuclear Waste Partnership als auch das DoE daran interessiert sind, das Einsatzgebiet von WIPP zu erweitern, damit Nuclear Waste Partnership mehr Geld machen und die Anlage länger betreiben kann. Der Grund dafür, dass es mit der Aufsicht mangelt, ist, dass die Aufseher damit beschäftigt sind, neue Projekte zu fördern, anstatt die Sicherheitsvorkehrungen zu überwachen. Das gilt sowohl für Nuclear Waste Partnership als auch die Leute vom DoE. Die Unfallkommission hat sich aber nicht dazu geäußert, warum sich die Sicherheitskultur derart verschlechtert hat.

Nachdem ich das nun festgehalten habe, möchte ich auf Ihre Frage noch näher eingehen. Meinen Erfahrungen zufolge werden die Konsequenzen für Nuclear Waste Partnership in einer Belohnung bestehen – sie werden mehr Geld bekommen. Jetzt müssen sie nämlich Sanierungsarbeiten durchführen, es muss das Training neu organisiert werden, neue Leute, die sich mit Atomsicherheit auskennen, müssen eingestellt werden... Nuclear Waste Partnership hat bereits angekündigt, dass sie genau das machen. Die Belohnung wird also sein: Da ihr versagt habt, müsst ihr mehr Leute engagieren, also werden wir euch mehr zahlen, damit ihr weitermachen könnt. Dieses Verhalten wäre für das DoE typisch, nicht nur bei WIPP, sondern auch in den anderen Anlagen des DoE. Viele von uns würden argumentieren: Da Nuclear Waste Partnership den Vertrag kürzer als eineinhalb Jahre lang hatte – der Vertrag läuft über fünf Jahre und besitzt eine Verlängerungsklausel – und ihn nicht erfüllen konnte, sollte dieser Vertrag aufgelöst werden. Ich glaube zurzeit nicht, dass das DoE so vorgehen wird, aber dies ist jedenfalls etwas, das in Betracht gezogen werden sollte, denn Nuclear Waste Partnership hat gezeigt, dass sie nicht in der Lage waren, die Anlage so zu führen, dass sie sauber bleibt und es nicht zu Strahlenfreisetzungen kommt. Das sollte seinen Niederschlag finden.

Weiter gefasst und wenn man die fortlaufenden Erfahrungen einrechnet, nicht nur mit WIPP, sondern mit Hanford, mit Oakridge, in Idaho, Nevada, South Carlina und all den anderen Standorten, in Los Alamos, dann kam es an allen diesen Orten zu Freisetzungen, Irrtümern, Problemen mit der Sicherheit, Menschen wurden kontaminiert und Auftragnehmer haben ihre Aufgaben nicht erfüllt – nun, in dieser Lage muss man sich fragen, ob das Energieministerium tatsächlich die richtige Bundesbehörde ist, wenn es um den Betrieb derartiger Anlagen geht. Man muss auch der Frage nachgehen, welche Rolle die Aufsichtsbehörden spielten, indem sie ihre Aufsicht über die Anlagen vernachlässigten.

Libbe HaLevy: Wenn wir nun zu den möglichen Ursachen für den Unfall kommen: Es gab Nachrichten, dass eine grüne Explosion [burst] im Gerätepark beobachtet worden war, wenige Minuten, bevor es zu den Freisetzungen kam, dass ein knallendes Geräusch vernommen wurde, und Rettungspersonal sagte aus, rotbraunen Dunst gesehen zu haben, wenige Stunden, nachdem die Freisetzungen begonnen hatten. Wissen Sie von diesen Dingen und wie könnte das unser Wissen über die Unfallursachen fördern?

Don Hancock: Das, was ich darüber weiß, ist das, was ich aus verschiedenen Quellen darüber gehört habe. Die Unfallkommission geht nur sehr rudimentär darauf ein, dieses ploppende Geräusch wird nur ganz kurz behandelt. Es wird nicht erklärt, warum, aber vermutlich deshalb, weil hier Anlagen über Tage betroffen sind, die mehr als eine Meile von der Stelle entfernt sind, wo die Freisetzungen passierten. Wahrscheinlich wird angenommen, dass da kein Zusammenhang bestehen kann. Auch bei diesen Dämpfen das gleiche Bild: Es gibt keine offensichtliche unmittelbare Verbindung. Also noch einmal: Der Bericht erwähnt einige dieser Vorkommnisse, hält sich aber nicht lange damit auf, abzuklären, was sich denn da ereignet hat, dieser Knall, die Beobachtungen der Arbeiter. Ich denke, es wäre in jedem Fall lohnend zu erforschen, was da los war. Ich glaube aber weiterhin, dass irgendwas unter Tage mit einem oder mehreren der 258 Atommüllbehälter im Lagerbereich Nummer 7 passiert ist. Wir wissen es aber nicht und das DoE stimmt damit überein und gesteht zu, diese Information auch nicht zu besitzen. Darum müssen alle Dinge untersucht werden. Offen gesagt, dies ist auch der Grund, warum wir eine unabhängige Untersuchung benötigen, nicht nur eine, die aus 5 Angestellten des DoE besteht und dann eine Unfallkommission bildet, wie es nun der Fall ist. Es ist also weiterhin so, dass viel noch nicht bekannt ist, viele Fragen nicht geklärt werden können.

Libbe HaLevy: Wie weit sind Trupps unter Tage vorgerückt, um die Ursache des Unfalls zu erforschen?

Don Hancock: Es waren in der Zwischenzeit Arbeiter unter Tag. Am vergangen Mittwoch sind sie bis an eine Stelle vorgedrungen, an der die bislang höchste Kontamination unter Tage gemessen wurde, in Richtung der 258 Behälter im Lagerbereich 7, Lagerraum 7. Sie sind bis zu der Stelle gegangen, wo zuletzt Behälter positioniert worden waren, und haben Strahlenmessungen vorgenommen. Es wurden 10.000 Zerfälle pro Minute in der Luft gemessen. Als sie sich umsahen, haben sie aber festgestellt, dass alle Behälter genau so aussahen wie zu dem Zeitpunkt, als sie dort abgestellt worden waren. Es gab also keine Behälter, die aufgebrochen waren oder etwas Ähnliches. Es wurden aber diese Strahlungswerte festgestellt.

Die Prozedur war die folgende: es waren Leitern mitgenommen worden, damit man über die Oberkannte der aufgereihten Behälter hinwegsehen kann. Die Behälter sind hintereinander eingeschlichtet, sind aber niedriger als die Decke des Schachtes in einer Höhe von 4 Metern. Wenn man auf eine Leiter steigt, dann kann man über die Reihen hinwegsehen. Sie konnten so der Decke entlang bis ans Ende des Raumes sehen. Es hatte den Anschein, dass die Decke in gesamter Länge intakt wäre. Sie sind dann wieder heruntergestiegen und zum rückwärtigen Ende gegangen, zur Rückseite von Raum 6, um aus der anderen Richtung die 258 Behälter zu inspizieren. Auch so konnte kein offensichtlicher Schaden festgestellt werden. Das dort gemessene Strahlungsniveau war allerdings doppelt so hoch, 20.000 Zerfälle pro Minute. Nach wie vor werden die höchsten Strahlungswerte also in der Nähe dieser Behälter gemessen, die Hypothese bleibt somit, dass dort die Quelle der Freisetzungen zu finden sein muss. Nach der bisherigen Sichtkontrolle ist aber weiterhin unklar, welche/r Behälter undicht ist/sind. Im nächsten Schritt sollen nun Kameras zum Einsatz kommen, die an Teleskopstangen montiert sind, um eine Kamera zwischen der Raumdecke und den Behältern zu positionieren und auf diese Weise ein besseres Bild zu erhalten. Diese weitere Vorgehen ist nun geplant.

Libbe HaLevy: Sollte man eine Fortführung des Betriebes in dieser Anlage gestatten? Wie hat sich die Situation nun für die Arbeiter, die in die Schachtanlage geschickt werden, verändert?

Don Hancock: Der Standpunkt unserer Vereinigung ist, dass diese Anlage so lange nicht in Betrieb gehen darf, so lange der Grund für dieses Ereignis nicht ausgeforscht wurde, solange wir die genaue Zusammensetzung der Freisetzungen nicht kennen und solange nicht durch irgend einen unabhängigen Prozess festgestellt wurde, dass es nicht neuerlich zu einer Freisetzung kommen kann. Die Verseuchung unter und über Tage muss zur Gänze beseitigt werden und alle kontaminierten Arbeiter müssen medizinisch adäquat untersucht und behandelt werden. All diese Punkte müssen nach Auffassung meiner Organisation – und der einer Reihe anderer Leute, wie ich meine – geklärt sein, bevor WIPP wieder in Betrieb gehen kann. Dies ist allerdings nicht die Position des Energieministeriums. Sie sagen, dass sie dabei sind, alles herauszufinden, was sie herausfinden können, und dann einen Plan entwerfen werden. Es soll bis zum 1. Juni ein Plan existieren, wie man eine Wiedereröffnung durchführen kann. So das Vorhaben.

Aber gerade heute hat die nationale Atomsicherheitsbehörde (eine Unterabteilung des Energieministeriums, die sich mit Atombomben befasst) einen neuen Bericht veröffentlicht, was mit 34 Tonnen an Plutonium aus Atombomben zu geschehen hat. Dieses Plutonium stammt aus abgerüsteten Atomwaffen. Das DoE setzt schon seit Langem auf ein anderes gescheitertes Projekt, nämlich eine MOX (mixed oxide fuel) Fabrik in der Anlage von Savannah River, South Carolina, um dieses Plutonium in Brennstäben für AKWs weiterzuverwenden. Dies ist eine schlechte, teure und letztlich nicht zielführende Idee, dennoch hat das DoE bislang 4 Milliarden Dollar dafür ausgegeben. Viele Menschen in South Carolina und auch meine Organisation haben dies angeprangert und waren strikt gegen das Projekt. Das Energieministerium hat nun schließlich letztes Jahr entschieden, dass dieses Vorhaben tatsächlich nicht funktionieren dürfte, da kein Stromproduzent den Brennstoff haben will, der sehr teuer ist. Die Anlage ist nun zwar im Bau, aber man weiß nicht, ob sie jemals ihren Zweck erfüllen wird, es wird daher nach Alternativen gesucht. Sie haben nun ihre Studie über Alternativen abgeschlossen und siehe da, laut diesem Bericht, der heute veröffentlicht wurde, besteht die beste Alternative darin, alle diese 34 Tonnen an abgerüstetem Plutonium, die niemals für WIPP vorgesehen war – an WIPP zu schicken.

Libbe HaLevy: [Lacht] Die linke Hand der Regierung weiß nicht, was die rechte macht. Aber das müssen wir nicht extra erwähnen, das ist ohnehin bekannt. Bitte sprechen Sie weiter!

Don Hancock: Wir sind hier also wieder einmal in dieser Alice-im-Wunderland-Situation, in der das Energieministerium sagt, alles sei wunderbar, es gäbe zwar ein paar unbedeutende Probleme, aber keine Sorge, es sei dennoch alles bestens, ja so gut, dass wir WIPP nicht nur für den Atommüll wieder freigeben können, der ursprünglich für WIPP geplant war, sondern wir können die Aufgaben für WIPP nach der Wiedereröffnung sogar ausweiten, sodass auch diese anderen Atommüllsorten noch Jahrzehnte dorthin geschickt werden können. Wir sind also in einer Lage, in der die Menschen in New Mexico, die sich dieser Entwicklungen bewusst sind, sich fragen müssen, was das eigentlich für Leute sind, denen hier die Verantwortung für dieses gefährliche radioaktive Material übertragen wurde, und ob es sich um die geeigneten Leute handelt, um diese Probleme zu regeln.

Libbe HaLevy: Wenn wir von den Menschen sprechen, die sich innerhalb oder rund um die Anlage aufhalten, den Menschen, die mittlerweile annehmen müssen, dass sie sich in der Abluftfahne von WIPP befinden, ist bei ihnen irgend eine Art von Protest, von Aktivität feststellbar, jenseits dessen, was Sie alles bereits aufgedeckt haben.

Don Hancock: Die Leute im Gebiet rund um Carlsbad und im Südwesten von New Mexico sind weder daran gewöhnt noch ist es ihre Art, zu protestieren. Es gab in dieser Region bereits seit vielen Jahren keine Proteste mehr. Was sich aber ein wenig verändert hat, ist, dass es nun diese Treffen im Rathaus gibt, die vom Carlsbader Bürgermeister und dem Energieministerium gemeinsam ein mal die Woche ausgerichtet werden. Jede Woche kommen Beamte des Energieministeriums und Repräsentanten der Betreiberfirmen, um in einer eineinhalb Stunden langen Präsentation die Lage in WIPP darzustellen und den Menschen im Publikum die Gelegenheit zu geben, Fragen zu stellen und, in eingeschränktem Maße, auch den Leuten, welche die Versammlungen online verfolgen – es gibt einen Livestream im Netz. Man kann das Ganze also im Internet mitverfolgen und es werden auch einige Fragen aus dem Netz zugelassen. Traditionell war es so: Wenn öffentliche Versammlungen abgehalten wurden oder Ideen vorgestellt wurden, wie die, von der ich gerade gesprochen habe – wir können nun Stoffe an WIPP schicken, die wir bisher nicht dorthin gebracht haben , dann gab es immer eine Handvoll Leute in Carlsbad, die bei diesen Versammlungen anwesend waren und auch Fragen gestellt und ihre Besorgnis ausgedrückt haben; aber das war auch schon alles. Nun aber kommt es bei diesen Treffen dazu, dass immer aufs Neue die Menschen zu diesen Treffen erscheinen und dann Fragen stellen, die denen, die Sie mir heute gestellt haben, nicht unähnlich sind, und die keinen Hehl daraus machen, wenn sie mit den erhaltenen Antworten unzufrieden sind. Das ist kein Protest, es handelt sich hier um Menschen aus einer Stadt, die von diversen Firmen abhängig ist, und an solchen Orten sagt man nichts gegen diese Firmen – in diesem Fall WIPP, Waste Partnership und das DoE. Aber es treten dort immerhin nun Menschen auf, die nicht so leicht abzublockende Fragen stellen, und auch nicht mehr gewillt sind, ihre Zweifel in der Öffentlichkeit zu verbergen. Einige der Nachrichtenbrocken im Bericht der Unfallkommission beschreiben, dass es zwei Arbeiter gab, einen, der in der Unfallnacht auf der Anlage war und einen, der am folgenden Tag zur Anlage kam, die forderten, dass medizinische Proben genommen werden; das war, bevor das DoE und die Betreiberfirmen sich dazu entschlossen hatten. Das, um es noch einmal klar zu sagen, ist nicht etwas, das in der Vergangenheit passiert wäre, dass Arbeiter sagten: „Wir sind uns nicht sicher, dass alles so ungefährlich ist, wie ihr uns immer mitteilt, wir wollen es selbst untersuchen!“ Mindestens 2 der 21 Arbeiter, von denen mittlerweile klar ist, dass sie kontaminiert wurden, haben von sich aus die Untersuchungen verlangt, bevor sie gebeten wurden oder ihnen angeraten wurde, dass sie dies tun sollten. Das ist ein Unterschied zu früheren Zeiten. Es gibt also keine Proteste, aber es wird nun hinterfragt, es gibt eine größere Skepsis bei den Menschen im Gebiet rund um Carlsbad, sie fragen nach Dingen, über die sich in der Vergangenheit niemand den Kopf zerbrochen hat. Das ist eine positive Entwicklung. Es gibt mehr Wissen und mehr öffentlich zur Schau gestellte Besorgnis in den umliegenden Gebiet als in den letzten 15 Jahren zu beobachten war.

Libbe HaLevy: Gibt es noch etwas, das Sie uns mitteilen möchten, und das wir nicht besprochen haben?

Don Hancock: Es gibt immer noch mehr zu berichten, aber ich schätze es sehr, dass Sie weiterhin Zeit und Interesse diesem Thema widmen, das, wie Sie ja wissen, nicht nur die Menschen in New Mexico sondern auch Menschen überall im Land interessiert. Ich bin Ihnen für Ihr anhaltendes Interesse daher sehr dankbar.

Libbe HaLevy: Oh, Sie werden mich bei dieser Geschichte nicht los, Don. [Lacht]

Don Hancock: Nun, die werden mich auch nicht los werden. Das DoE hat nunmehr seit mehr als 30 Jahren gehofft, mich in dieser Sache abschütteln zu können – sie werden mich also genau so wenig los werden. Ich schätze es sehr, mich mit Ihnen zu unterhalten.

Übersetzung und Lektorat: nepomuk311 für www.afaz.at     Quelle: Nuclear Hotseat #149: WIPP Radiation Leak SPECIAL w/ Don Hancock    http://www.nuclearhotseat.com/1884/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at     Mai 2014 / v1

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22.04.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 148

Tschernobyl

Janette D Sherman, Herausgeberin bei der New Yorker Akademie der Wissenschaften
Alexei Jablokow: Chernobyl

Quelle: Chernobyl; New York Academy of Sciences, 2009


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Meine folgende Interviewpartnerin ist Dr Janette Sherman. Sie ist bekannt für ihre Arbeiten mit dem Epidemiologen Joseph Mangano. In diesen Arbeiten wurde Daten nach Fukushima analysiert, die eine plötzliche Zunahme der Kindersterblichkeit und des Syndroms der Schilddrüsenunterfunktion in den USA nachweisen. Sie hat die englische Übersetzung von Alexei Jablokows bahnbrechendem Werk: Tschernobyl. Die Konsequenzen der Katastrophe für Mensch und Umwelt kuratiert. Bitte bedenken Sie, dass dieses Interview im April 2013 geführt wurde; dies erklärt den Kommentar, dass Tschernobyl 27 Jahre zurückliege und auch Dr Shermans „aktuelle Arbeiten“ mit Dr Mangano: Sie sind inzwischen bereits wieder ein Jahr älter geworden. [Dieses und das folgende Interview wurden im Rahmen des von der Helen Caldicott Foundation an der New Yorker Akademie der Medizin im März 2013 abgehaltenen Symposiums gemacht. Umfangreiche Materialien, Übersetzungen und Transkripte der meisten Sprecher dieser für ein Verstehen der Ereignisse rund um Tschernobyl und Fukushima essentiellen Veranstaltung finden sie hier auf AFAZ; AdÜ]

Dr Janette Sherman: Viele Leute meinen, dass wir, wenn wir von Tschernobyl und Fukushima reden, die Leute verschrecken. Darauf sage ich: Es wurden nicht überall Kontrollen gemacht. Haustiere und frei lebende Tiere, Fische, Vögel, Bäume, Pflanzen, Pilze, Insekten... viele von ihnen wurden untersucht und bei allen von ihnen konnten nach Tschernobyl Schäden gefunden werden. Aber keines von diesen Lebewesen ist auf der Couch eines Psychiaters zu finden, nicht wahr?

Libbe HaLevy: Es handelt sich also nicht um psychologische Auswirkungen, wenn Mutationen in Schmetterlingen und anderen Tieren festgestellt werden, oder etwa Radioaktivität in Wildschweinen auftaucht und ähnliche Dinge.

Dr Janette Sherman: Ja, das ist richtig. Mein Kollege Tim Mousseau war 25 oder 30 Mal in Tschernobyl und hat auch bereits des Öfteren Fukushima besucht, wo man dieselben Veränderungen bei Vögeln, Insekten und Bäumen findet, die man auch in Tschernobyl festgestellt hat. Aber dort wurden sie nun auch auf die Couch des Psychiaters gesetzt. Nun, wir wissen also, dass diese Veränderungen existieren und dass sie dauerhaft sind.

Libbe HaLevy: Wenn wir bei Tschernobyl bleiben: Worin bestehen denn diese Veränderungen? Natürlich kam es während der ersten Tage zu katastrophalen Belastungen. Aber wie ist es danach weitergegangen? Welches Bild ergibt sich heute [im Jahr 2013], 27 Jahre nach der Katastrophe?

Dr Janette Sherman: Nun, in Weißrussland etwa werden 80% der Kinder als nicht ganz gesund eingestuft.

Libbe HaLevy: Wie ist unter „nicht ganz gesund“ zu verstehen?

Dr Janette Sherman: Es gibt verschiedene Probleme [unverständlich, wahrscheinlich: Herzprobleme, Probleme des Atemtraktes, Geburtsfehler, einen niedrigen Intelligenzquotienten…]. Wenn eine Frau während des Unfalls schwanger war, dann sprechen wir nun bereits von der dritten Generation. Diese Frau kann heute eine Großmutter sein, sie war vielleicht 25, jetzt ist bereits die dritte Generation geschädigt. Weißrussland hat große Schwierigkeiten, das Land ist auch wirtschaftlich in einem bedauernswerten Zustand.

Libbe HaLevy: Die genetischen Auswirkungen betreffen also nicht nur die Leute, die den damaligen Belastungen ausgesetzt waren. Sie sagen, es handelt sich hier um permanente Mutationen, genetische Veränderungen, die nun in Weißrussland von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Dr Janette Sherman: Nicht nur in Weißrussland, auch anderswo. Ich habe vergessen, wer der Forscher war, der 20 Generationen von Wühlmäusen untersucht hat, kleine Nager, die einer Hausmaus sehr ähnlich sehen. Die genetischen Veränderungen waren über alle 20 Generationen hinweg stabil.

Libbe HaLevy: Ich denke gerade über diese 20 Generationen nach und frage mich, kann es nicht sein, dass sie sich ein bisschen verändert haben, dass sie sich der Strahlung angepasst haben?

Dr Janette Sherman: Es gibt tatsächlich Leute, die vermuten, dass es so etwas geben könnte, aber ich weiß nicht, ich glaube eher nicht.

Libbe HaLevy: Zu welchen Resultaten sind die Untersuchungen in Tschernobyl gekommen, wenn man diese mit denen von Fukushima vergleicht? Ist es wirklich eine Vorahnung von dem, auf was man sich in Fukushima einrichten muss? Ist es schlimmer in Japan, verlaufen die Veränderungen dort schneller oder langsamer?

Dr Janette Sherman: Biologie, Chemie und Physik sind wenig wandelbar. Wenn man sich das Periodensystem der Elemente ansieht und weiß, dass das ausgetretene 90Strontium in der selben Gruppe ist wie Kalzium, dann weiß man auch, dass es in Zähnen und Knochen eingebaut werden wird. Schaut man sich 137Cäsium an, das zur gleichen Familie zählt wie Kalium, dann werden Muskeln und Drüsen betroffen sein. Es ist also keine Überraschung, dass dies schädigende Auswirkungen auf alle Lebewesen haben wird, egal ob bei einer Pflanze, einem Tier oder beim Menschen. Man kann [die Gesetze der] Biologie nicht verändern. Wir wissen auch, dass eine gewisse Zeitspanne verstreichen muss, bis ein Isotop abgeklungen ist, dies dauert ungefähr 10 Halbzeiten; bei 90Strontium und 137Cäsium sind das rund 30 Jahre, wir sprechen hier also von drei Jahrhunderten – 10 mal 30, das sind dreihundert Jahre. Und dies ist unvermeidbar, man kann daran nichts ändern. Wir wissen das alles natürlich, wissen es seit den 40er Jahren, es handelt sich hierbei keinesfalls um neue Informationen. Zu behaupten, dass wir wüssten, was in Fukushima passiert, ist entweder Wunschdenken oder der Versuch, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen, denn wenn diese Isotope einmal freigesetzt wurden, dann kann man sie nicht mehr einsammeln.

Libbe HaLevy: Soweit die genetischen Schädigungen betroffen sind, die bereits ausgelöst wurden, wird es von Generation zu Generation schlimmer? Gibt es die Möglichkeit, dass sich eine Population erholen kann?

Dr Janette Sherman: Ich bezweifle das. Wir wissen zB, dass Kinder der sogenannten Liquidatoren, der Armeeangehörigen, denen dieser Einsatz befohlen wurde, nicht gesund waren. Viele sind gestorben, es kam zu einer hohen Rate an Fehlgeburten und Abtreibungen von Kindern mit schweren genetischen Schäden. Gibt es also eine Möglichkeit, diesen Prozess umzukehren? Ich glaube das nicht. Die Biologie ist so, wie sie ist; es ist nicht einfach, daran etwas zu ändern.

Libbe HaLevy: Diejenigen, die Tschernobyl überlebt haben – wenigstens, soweit man das oberflächlich so behaupten kann –, was bedeutet das für ihre längerfristigen Überlebenschancen? Ich meine, wir haben hier eine existentielle Frage vor uns. Wenn man die Folgen der langen Einwirkzeiten der Radioaktivität berücksichtigt, dann scheint es so zu sein, dass wir es mit einer Veränderung in der Natur des Lebens auf diesem Planeten zu tun haben – wenn nicht gar mit dem Potential, das Leben auf der Erde auszulöschen. Sieht es eher so aus, dass die Menschen über die Generationen hinweg die Chance auf Überleben haben, oder sind wir Teil einer biologischen Maschine, die so lange abgenutzt wird, bis nichts mehr funktioniert?

Dr Janette Sherman: Ich sage das ungern, aber ich fürchte, Sie haben recht, wir werden verschlissen. Wenn es Menschen gibt, die immunologische Abweichungen in sich tragen, und Kinder entweder mit Geburtsfehlern oder einer Hypothyreose auf die Welt kommen, wie mein Kollege Joe Mangano erst in der Vorwoche berichtet hat, dann sind dies Menschen... Die Babys, die so geboren werden, werden den Rest ihres Lebens auf Schilddrüsenmedikamente angewiesen sein. Wenn man diese Medikamente aber nicht bekommen kann, wenn man das nötige Geld dafür nicht besitzt, die Mittel nicht vorhanden sind oder man gar nicht weiß, dass man dieses Medikament benötigt, dann ist das eine Katastrophe. Zu glauben, dass wir eine große Menge an radioaktiver Strahlung in die Atmosphäre entlassen können, und dass uns das nicht schädigen wird, ist dumm. Ob Weizen oder Mais dadurch verändert werden, oder andere Pflanzen: Wir wissen es nicht. Es könnte aber bedeuten, dass der Anbau sehr viel schwieriger wird und wir massive Probleme bekommen werden. Was ist denn nun, wenn man in Japan lebt und das Gemüse isst, das aus Fukushima kommt – wobei Fukushima eine wichtiges Gebiet für die landwirtschaftliche Produktion darstellte. Wenn Sie aber viel Fisch essen und alle Fische sind verseucht – was essen Sie dann? Dies sind sehr ernsthafte Befürchtungen.

Libbe HaLevy: Wenn wir von Radioaktivität sprechen, was ist denn der größte Unterschied zwischen einer inneren und einer äußeren Belastung?

Dr Janette Sherman: Oh, das ist absolut entscheidend. Die Atomlobby erzählt immer, es wäre so, wie wenn man in einem Düsenflugzeug das Land durchquert. Der springende Punkt ist aber die Einnahme, dass sich die Strahlung nun im eigenen Körper befindet. Die Isotope, wandern in unterschiedliche Gewebe, 131Iod in die Schilddrüse, Cäsium in Weichteile wie etwa die weibliche Brust, 90Strontium in Zähne und Knochen: Dies ist das zentrale Problem. Gelangen diese Stoffe einmal in den Körper, dann setzen sie dort Alpha- oder Betateilchen frei, und diese verursachen den Schaden.

Libbe HaLevy: Kennen wir irgendwelche Methoden, mit deren Hilfe die Radioaktivität aus dem Körper wieder entfernt werden kann, nachdem sie von ihm aufgenommen wurde, entweder eingeatmet oder durch die Nahrung, durch eine Schnittverletzung oder eine Wunde?

Dr Janette Sherman: Die einzige Forschung, von der ich weiß, die in dieser Hinsicht betrieben wurde, geschah nach Tschernobyl. Man verwendete das Pektin aus Äpfeln, um das Niveau von 137Cäsium abzusenken. Ich weiß nicht, ob das in Fukushima gemacht wird; aber dies scheint die Anreicherung von 137Cäsium im Körper etwas abzusenken. Kinder aus der Gegend fortzuschaffen, in der sie jeden Tag mit belasteter Nahrung konfrontiert sind, scheint auch zu helfen. Man hat Kinder in die USA und in andere Länder gebracht und diesen Kindern schien es nach 6 bis 9 Wochen bereits besser zu gehen. Man hat einen Stuhl verwendet, in dem die Gammastrahlung im Körper der Kinder gemessen werden kann; auch diese Gammastrahlung wird von Cäsium erzeugt. Die Belastung der Kinder konnte so abgesenkt werden. Aber was kann man machen, wenn sie zurück kommen und neuerlich die belastete Nahrung zu sich nehmen?

Libbe HaLevy: Gibt es denn eine Technik, wie man die Strahlung aus der Nahrung oder aus dem Wasser entfernen kann?

Dr Janette Sherman: Soweit ich gehört habe, versucht man in Japan, die Radioaktivität aus dem Wasser zu entfernen und es dann zu lagern; was sie mit der herausgelösten Radioaktivität dann machen – ich habe keine Ahnung. Jedenfalls wird das Wasser anscheinend in Becken gelagert, die mit Plastik ausgekleidet sind. Wir wissen natürlich, dass dies nicht sehr gut funktionieren wird. Das Wasser gelangt so ins Meer und wir entdecken nun, dass Fische, Muscheln und Algen vor der Küste Nordamerikas bereits kontaminiert sind.

Libbe HaLevy: Was ist Ihrer Meinung nach die beste Methode, um uns zu schützen?

Dr Janette Sherman: Ich glaube, dass die einzige Methode, wie wir uns schützen können, darin besteht, diese AKWs stillzulegen. Wir hatten die Kernschmelze in Tschernobyl, nun die Kernschmelzen in Fukushima – aber damit ist die Sache nicht beendet, Fukushima entlässt immer noch eine enorme Menge an Strahlung in die Umwelt. Ungefähr vier Tage, nachdem der Unfall von Fukushima passierte, sagte Alexei Jablokow, der Hauptautor des Buches Tschernobyl, der damals zu mir in die Vereinigten Staaten gekommen war und fünf Tage lang mein Gast war, Herr Jablokow sagte also, ich zitiere: „Fukushima ist wesentlich schlimmer als Tschernobyl, denn das Land ist klein, die Bevölkerungsdichte ist sehr hoch. Das Gebiet rund um Fukushima war ein wichtiges Anbaugebiet für Nahrungsmittel, es gibt also keinen Ort, wohin man fliehen könnte.“ Nun, die Ukraine ist vergleichsweise riesig. Es ist ein wichtiges Getreideanbaugebiet, es gibt viele kleine Farmen [?]. Herr Jablokow kam schon ein paar Tage vor dieser Caldicott-Konferenz [nach New York] und bemerkte, dass es neuerlich zu einer Kernschmelze kommen werde. Ich fragte: „Wo?“ Er meinte, dass es sich um eine statistische Sicherheit handle, irgendwo wird die nächste Kernschmelze stattfinden. Es gibt ca 400 Reaktoren auf der Welt, davon um die 100 in den USA. Wir wissen nicht, welcher dieser Reaktoren betroffen sein wird, aber nur auf Grund des Alters dieser Anlagen und der Tatsache, dass Unfälle vorkommen, wird es wieder passieren. Aber was machen wir dann?

Libbe HaLevy: Nun, jede Woche bekommen wir Nachricht über Störfälle und immer wieder kommen wir mit einem blauen Auge davon, aber diese Unregelmäßigkeiten passieren eine nach der anderen, sodass niemand sagen kann, wann der nächste GAU fällig ist.

Dr Janette Sherman: Sie haben absolut recht.

Libbe HaLevy: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Alexei Jablokow an diesem fundamentalen Werk über Tschernobyl?

Dr Janette Sherman: Wie so Vieles in meinem Leben war auch dies ein Zufall. Vor ungefähr 15 Jahren hörte einer meiner Freunde Alexei sprechen und sagte: „Janette, du musst diesen Mann einfach treffen, du musst seinen Vortrag anhören, er ist nächste Woche in Washington.“ Ich bin also hingefahren, um seinen Vortrag zu hören – es war verblüffend. Es war hochinteressant, ich musste mich ihm vorstellen und mit ihm sprechen. Wir begannen, einander zu besuchen und blieben in Kontakt. 2008 war es dann, glaube ich, dass er wieder einmal herkam und mir das Buch über Tschernobyl auf Russisch mitbrachte. Ich verstehe aber leider kein Russisch. Er sagte, wir brauchen jemanden, der das ins Englische hinüberbringt. Ich sagte, vielleicht etwas naiv: „Nun, ich kann es ja editieren.“ Meiner Einschätzung nach würde ich drei oder vier Monate benötigen. Es waren dann schließlich vierzehn Monate. Er sagte: „Wir haben kein Geld.“ Ich antwortete, dass das schon in Ordnung gehe, mein Ehemann sei bereits verstorben, daher hätte ich Zeit für so etwas wie dieses Projekt. Ich hab's also gemacht. So wurde ich zur Herausgeberin – es war der pure Zufall.

Libbe HaLevy: Welchen Effekt hat dieses Buch weltweit gehabt? Wie groß ist seine Wichtigkeit für Forscher, für medizinisches Personal, für die Regierungen überall?

Dr Janette Sherman: Sofort nach seinem Erscheinen hat die Atomindustrie das Buch in der Luft zerrissen!

Libbe HaLevy: [Gelangweilt] Natürlich...

Dr Janette Sherman: [Etwas überrascht] Das Buch gibt aber einen Überblick über mehr als 5.000 Untersuchungsberichte von Forschern aus allen Teilen der Welt. Es ist die erste wissenschaftliche Publikation von Experten aus Weißrussland, Russland und der Ukraine, die nun in Übersetzung vorliegt und so für englischsprachige Menschen einsehbar wird. Es sind aber auch Artikel aus Griechenland, Israel und Deutschland enthalten, aus Italien, Schweden... von überall her. Meiner Meinung nach ist das Bedeutsamste, dass es die Auswirkungen auf so viele verschiedene Arten einschließt, nicht nur auf den Menschen – so viele Arten! Man kann die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass es sich hier um ein weltweites Phänomen handelt, auch wenn die Auswirkungen in Europa intensiver sind als in den USA oder in Kanada.

Libbe HaLevy: Dies ist nun eine Frage, die mich schon seit langer Zeit beschäftigt: Krebs schien eine ziemlich seltene Krankheit zu sein. Seit Mitte der 40er Jahre aber – und natürlich kam es damals zum Trinity Test und den Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki und damit zu einer Verbreitung von Radionukliden und ihrer Strahlung –, seit damals scheinen die Krebszahlen zu steigen, zuerst nur langsam, nun aber schnellen sie exponentiell in die Höhe, sodass mittlerweile von 41% der Bevölkerung angenommen werden muss, dass sie im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken werden. Mir als naivem und nicht wissenschaftlich gebildetem Menschen erscheint es so, dass es hier einen direkten Zusammenhang geben muss, aber was sagen Sie als Ärztin und Fachfrau in diesen Dingen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der steigenden Anzahl von Radionukliden und der höheren Krebsrate weltweit?

Dr Janette Sherman: Ich glaube, da besteht ein direkter Zusammenhang. Wir wissen, dass Krebs in keiner Bevölkerung rein zufällig verteilt ist – in keiner einzigen. Es wurden sehr viele Untersuchung dazu durchgeführt, dass es rund um Atomkraftwerke zu einer Erhöhung der Krebsrate kommt. Eine von ausgezeichneten Untersuchungen zu diesem Thema kommt aus Deutschland, wo es um Krebs und Leukämie bei Kindern rund um dortige AKWs geht. Die Arbeiten von Busby zeigen, dass es rund um AKWs in Großbritannien zu einer erhöhten Krebsrate kommt. Mein Kollege, Joe Mangano, hat eine Studie über Schilddrüsenkrebs in den USA durchgeführt: bei Männern und Frauen, weiß und schwarz, ist die höchste Rate an Schilddrüsenkrebs – wo glauben Sie?

Libbe HaLevy: Klären Sie mich auf...

Dr Janette Sherman: Im östlichen Pennsylvania!

Libbe HaLevy: Oh Gott!

Dr Janette Sherman Ja, in der Abluftfahne von Three Mile Island, bis hinauf ins südliche New Jersey. Diese Daten haben nicht wir zusammengestellt, es handelt sich um Daten der Regierung. Die Studie, die wir soeben über Hypothyreose bei Neugeborenen in den USA veröffentlicht haben, beruht ebenfalls auf Datenmaterial der Regierung. Wir benutzen nur Daten des Bundes oder der einzelnen Bundesstaaten. Die Bundesregierung unternimmt nichts, der Kongress wird, das wissen wir nur allzu gut, sehr wahrscheinlich schon gar nicht in die Gänge kommen, dabei gibt es genügend verzweifelte Familienangehörige, die kranke Angehörige versorgen müssen. Wir wissen freilich nicht alles über Krebsentstehung, einiges ist jedoch klar, aber wir tun trotzdem nichts.

Libbe HaLevy: Gehen wir genauer auf diese Studie zur Hypothyreose ein, die bei Neugeborenen an der Westküste der USA aufgetreten ist. Wie sind Sie darauf gekommen, gerade diese Untersuchung durchzuführen?

Dr Janette Sherman: Wir waren einfach nur neugierig, welche Auswirkungen Fukushima hatte. Etwas, das sehr gut dokumentiert ist... Meines Wissens werden in so gut wie allen Bundesstaaten der USA eine Anzahl von Krankheiten bei Neugeborenen erhoben, Krankheiten, deren Auswirkungen auf die Kinder abgeschwächt werden können, wenn sie sofort behandelt werden. Einer dieser Tests, den die Bundesstaaten verlangen, ist die Kontrolle der Schilddrüsenfunktion bei Neugeborenen. Joe Mangano – ich glaube, er hat die Daten aus 45 der 50 Bundesstaaten bekommen – und ich haben herausgefunden, dass es sich auch hier nicht um eine Zufallsverteilung handelt, eine Häufung trat an der Westküste und in höheren Lagen auf. Dies ist normal, denn in höheren Lagen gibt es mehr Fallout; dies gilt auch für Pestizide. Es gibt einen höheren Fallout in größeren Höhen und in kühleren Gebieten.

Libbe HaLevy: Weil es näher an dem ist, was aus dem Jetstream herunterkommt?

Dr Janette Sherman: Nun, es ist nicht nur die Höhe über dem Meeresspiegel, die kühleren Temperaturen verursachen Niederschläge. Wir haben also begonnen, uns das anzuschauen und haben gedacht: hm, das ist beeindruckend! Es ist auch etwas, was auf den Marshallinseln passiert ist, wie durch die Arbeit von Rosalie Bertell bekannt wurde. Es gibt fürchterliche Hypothyreose bis hin zu Kretinismus bei den Kindern, die nach den atmosphärischen Atomtests auf den Marshallinseln geboren wurden.

Libbe HaLevy: Kann man für diese Kinder noch etwas anderes tun, außer sie ein Leben lang mit Schilddrüsenhormonen zu versorgen?

Dr Janette Sherman: Das funktioniert schon. Man muss die Schilddrüse ersetzen. Es ist so wie bei einem Baby – oder einer anderen Person –, die Diabetes hat und insulinpflichtig ist: Man muss Insulin nehmen, aber das funktioniert.

Libbe HaLevy: So lange das Medikament verfügbar und leistbar ist und man zur rechten Zeit daran herankommt, die Versorgung also nicht stockt. Wenn so ein Kind, das von diesem Medikament abhängig ist, plötzlich keinen Zugang mehr dazu hat, was passiert dann?

Dr Janette Sherman: Sie entwickeln die Anzeichen einer Hypothyreose, sie werden krank und sind nicht mehr so leistungsfähig.

Libbe HaLevy: Ist das tödlich?

Dr Janette Sherman: Wenn dieser Zustand zu lange andauert, ja.

Libbe HaLevy: Dies sind unglaubliche Informationen.

Dr Janette Sherman: Wir bringen uns um!

Libbe HaLevy: Ja. Wenn ich mir Japan anschaue, dann sage ich mir, dies ist ein Land, das Genozid gegen seine eigenen Kinder betreibt, das seine eigene Zukunft dafür ruiniert, um das Gesicht der Atomindustrie zu wahren – welche eigentlich gar nicht verdient, diese Würde zu haben.

Dr Janette Sherman: Ganz genau. Ich stimme dem zu.

Libbe HaLevy: Wenn Sie eine Botschaft hätten, die sie nach draußen tragen wollen... Ich meine, ihre Informationen sind ganz hervorragend, Sie machen das schon jahrelang, aber wenn es eine zentrale Botschaft gäbe, die Sie gerne an die Leute bringen würden, was wäre dies?

Dr Janette Sherman: Es wäre, jede Gemeinde zu mobilisieren. Ich fürchte, im Moment wäre es sinnlos, eine Petition beim Kongress einzureichen, oder beim Präsidenten, oder irgend etwas dergleichen. Ich würde sagen, mobilisieren Sie die Menschen in Ihrer eigenen Nachbarschaft, mit dem Ziel, jedes AKW zu schließen, das sich in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometern befindet! Setzen Sie durch, dass diese AKWs stillgelegt werden! Aber selbst, wenn sie einmal außer Betrieb genommen sind, gibt es Probleme: es gibt da die Abklingbecken, in denen die sogenannten „abgebrannten“ Brennelemente unter Wasser gekühlt werden. Würden diese Brennelemente Feuer fangen, setzten sie massiv Strahlung frei. Diese Anlagen müssen heruntergefahren werden, aber so lange die Leute nicht ihre Stimme erheben, in den Straßen marschieren und ihr Missfallen laut hinausschreien, wird nichts passieren, fürchte ich.

Wie haben wir das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt? Wir sind in den Straßen aufmarschiert! Wie konnte sich die Bürgerrechtsbewegung durchsetzen? Wir waren auf der Straße! Wie konnten wir den Vietnamkrieg beenden? Es geht nur, wenn die Bürger sich einmischen. Die meisten Menschen sind einfach nur passiv und tun nichts.

Libbe HaLevy: Entweder das oder aber sie sind von all den Anforderung des täglichen Lebens so überwältigt, dass ihnen die nötige Energie abgeht, um sich gegen diese unsichtbare und doch lebensgefährliche Energieart zu wehren.

Dr Janette Sherman: Sie haben natürlich völlig recht – speziell, wenn man sich um einen krebskranken Familienangehörigen kümmert oder ein krebskrankes Kind; man wird einfach überwältigt.

Libbe HaLevy: Manchmal möchte ich mich einfach zu einem Kügelchen zusammenrollen, am Daumen lutschen und weinen – denn ich habe keine Kinder, und diese Entscheidung habe ich nach Three Mile Island getroffen. Aber jene Kinder, die nun auf der Welt sind, was für eine Zukunft bereiten wir ihnen? Welche Zukunft haben wir auf diesem Planeten und wer sind diese Leute, die glauben, dass sie durch dieses kurzsichtige, gierige, unverantwortliche Verhalten eine Zukunft hätten? Was lässt diese Leute glauben, dass sie eine Zukunft haben? Warum glauben sie, dass sie den Folgen gegenüber immun sind?

Dr Janette Sherman: Sie haben recht. Ich kann mir auch keinen Reim daraus machen. Ich verstehe auch nicht, wie Menschen all dies tun können. Sie wissen, dass es den hippokratischen Eid gibt, den Ärzte leisten und den ich vor Jahren auch geschworen habe: Schade niemandem! Ich glaube, wenn dieser Eid auch den Leuten abverlangt würde, die AKWs und die ganze Atomwirtschaft managen, dann würden sie sich vielleicht anders verhalten; aber ich weiß es auch nicht. Wenn man aber all diese Verheerung sieht, die weltweit angerichtet wird, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie wir als Menschheit die Atomkraft weiter nutzen können. Wir brauchen sie nicht! Es werden nicht mehr als um die 20% der Energie so erzeugt. Wenn man über unser Land fliegt, dann sieht man all diese Flachdächer, auf denen man Solarpanele montieren könnte. Man bräuchte sich auch nicht mit den Hochspannungsleitungen für die Verteilung herumschlagen, diese Dinger könnte man auf dem Dach eines jeden Geschäftsbetriebs aufbauen und den Strom im Gebäude nutzen. Auch die Windkraft wird immer attraktiver, ich sehe keinen Grund, warum wir Atomkraft brauchen – außer, dass die Atomindustrie davon lebt. Diese Industrie hat sehr viel Geld.

Libbe HaLevy: Darüber hinaus wird der militärisch-industrielle Komplex von ihr gestützt, denn sie liefert das Ausgangsmaterial für den Bombenbau.

Dr Janette Sherman: So ist es. Warum ist es ein Ärgernis für uns, wenn der Irak [sic! Gemeint ist wohl der Iran; AdÜ] ein neues AKW bauen will oder, dass Nordkorea eines besitzt? Nur ein AKW kann den Brennstoff produzieren, aus dem man eine Atombombe bauen kann.

Libbe HaLevy: [Lacht] Oh weh! Wir sind wirklich in der Bredouille!

Dr Janette Sherman: [Lacht ebenfalls] Genau. Das ist eben der Grund, warum die Menschen aktiv werden müssen. Mobilisieren Sie die Menschen, wir müssen diese Wahnsinn stoppen!

Libbe HaLevy: Dr Janette Sherman. Die Studie über Hyperthyreose bei Kindern an der Westküste nach Fukushima kann man auf der Strahlen- und Gesundheitsschutzwebsite radiation.org finden.

Ich hatte die Ehre, Dr Alexei Jablokow während des Dr Helen Caldicott Symposiums über die medizinischen und ökologischen Folgen der Katastrophe von Fukushima befragen zu können.

Dr Jablokow, können Sie uns kurz erklären, was sie dem Publikum hier mitteilen werden, worin sich Tschernobyl und Fukushima gleichen?

Dr Alexei Jablokow: Sowohl Tschernobyl als auch Fukushima kann man erst verstehen, wenn man die Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit betrachtet. Es hat den Anschein, dass die in Kraft befindlichen Regeln und Normen nicht ausreichend sind, um die Menschen vor den negativen Auswirkungen der Strahlung zu bewahren. Die große Frage dabei: Warum ist das so? Ich versuche, das zu erklären, aber es gibt mehrere Begründungen. Es ist unmöglich, alle Radionuklide abzufangen. Es ist ebenso unmöglich, die Strahlungswerte in den ersten Tagen, den ersten Stunden oder auch Wochen, festzustellen, sodass man die Werte um ein hunderttausendfaches, um ein millionenfaches unterschätzt. Als Resultat all dieser Schwierigkeiten erzeugen die Normen, die Sicherheitsbestimmungen keinen ausreichenden Schutz. Dies ist die zentrale Lektion aus Tschernobyl. Wir haben exakt dieselbe Situation in Fukushima.

Weiters, und das ist auch interessant, kann man den offiziellen Aussagen nicht vertrauen. Die offiziellen Aussagen und die Angaben der Repräsentanten der [Atom-]Industrie – sie lügen und verharmlosen, sie leugnen sämtliche Konsequenzen. Welche Antwort gibt es dann für den einfachen Bürger, für die Gesellschaft? Sie können weder den offiziellen Angaben trauen, noch den Angaben der Industrie. Das bedeutet für die Gesellschaft, dass wir ein unabhängiges System organisieren müssen, um die Strahlung zu kontrollieren. Es gibt mittlerweile AKWs rund um den ganzen Erdball. Das bedeutet, dass jedes Land, die Bevölkerung in jedem Land mit einer Atomwirtschaft die Möglichkeit aufbauen muss, unabhängig erstellte Messdaten über die Strahlungsintensität zu bekommen. Die Erfahrungen mit Fukushima zeigen, dass dies möglich ist. Während der Sowjetzeit war so etwas noch undenkbar: Die Geheimhaltung, der Geldmangel, Vertreter des lokalen KGB verfolgten alle Leute, die Messungen durchgeführt haben. In Fukushima zeigt uns die japanische Gesellschaft aber, dass es durchaus möglich ist, ein von Staat und Industrie unabhängiges System der Strahlenüberwachung aufzubauen. Das ist ein zentrales Thema für ein sicheres Leben – sogar in den USA. Warum? Schauen Sie, vor zwei Jahren haben einige befreundete deutsche Wissenschaftler gezeigt, dass ein AKW auch im Normalbetrieb zu gewissen Zeiten während des Jahres sehr viel mehr Radionuklide freisetzt, als die veröffentlichten Durchschnittszahlen vermuten lassen. Durchschnittswerte sind äußerst gefährlich. Durchschnittstemperaturen sind etwas für ein Krankenhaus [?], aber so werden keine Menschen geschützt. Wir benötigen diese Überwachung an allen Tagen. In jedem AKW findet zyklisch der Austausch der Brennstäbe statt. Während dieser Prozedur steigen die Freisetzungen enorm an. Wenn man sich die Durchschnittswerte von einem ganzen Jahr ansieht, dann gibt es keine Gefahr. Die Gefahr besteht aber sehr wohl für Menschen, die während dieser Freisetzungen in der Nähe sind.

Also: wir brauchen unbedingt eine unabhängige Überwachung. Das ist eine Lektion aus Tschernobyl und eine Lektion aus Fukushima.

Libbe HaLevy: Dr Alexei Jablokow. [Eine deutsche Übersetzung der vollständigen Präsentation von Dr Alexei Jablokow finden Sie zusammen mit einer englischen Transkription hier auf AFAZ; AdÜ].

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15.04.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 147

Karen Hadden, Leiterin der SEED Coalition (Texas)
Massimo Greco, Gründer von RNA (Rete Nazionale Antinucleare)
Beverly Findlay-Kaneko, Gründerin von Families for Safe Energies





Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Willkommen beim Nuclear Hotseat, dem internationalen wöchentlichen Nachrichtenmagazin, das Sie über alle wichtigen Anti-Atom-Themen auf dem Laufenden hält. Mein Name ist Libbe HaLevy, Produzentin und Moderatorin sowie Überlebende des Unfalls von Three Mile Island – ich war damals keine zwei Kilometer vom havarierten Reaktor entfernt. Ich weiß also, was passieren kann, wenn sich die sogenannten „Atomexperten“ irren.

Diese Woche wurden wir selbst überrascht. Wir haben eine Aktivistin in Texas kontaktiert, um ihre Meinung zu einer bestimmte Geschichte einzuholen, nur um von einer ganz neuen Entwicklung in Sachen Atom in diesem Bundesstaat zu erfahren. Karen Hadden, die Leiterin der SEED Coalition, bringt uns neueste Nachrichten von der NRC (der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission). Diese Behörde hat soeben zugestimmt, dass die Firma Toshiba zwei geplante neue Reaktoren in Texas sowohl besitzen als auch kontrollieren darf. Eine Erinnerung daran, wie international unsere Bewegung ist, ist das Interview mit Massimo Greco, einem italienischen Aktivisten, der wegen eines Anti-Atom-Protests in Sardinien mit Strafverfolgung bedroht ist. Beverly Findley-Kaneko schließlich erzählt uns von einem geeigneten Ansatz, die Menschen über die Probleme mit Atomanlagen oder auch Fukushima aufzuklären, ohne sie gleich zu verschrecken. Wir bringen weiters ein Nachwort über Michael Ruppert; kein Anti-Atom-Aktivist, aber ein Aktivist gegen den Irrsinn – und damit uns allen ein Freund. Interviews und Features, inklusive der tauben Nüsse des Monats, nun also in Kürze.

Heute ist Dienstag, 14. April 2014, und hier kommen die Antiatomnachrichten der Woche [in einer Zusammenfassung; AdÜ]:

Libbe berichtet in ihrem Nachrichtenblock über folgende Themen:

In Hanford mussten sich neuerlich Arbeiter, die sogenannten „chemischen Dämpfen“ ausgesetzt waren, in medizinische Behandlung begeben. Die Symptome, die von der Regierung und den Betreiberfirmen heruntergespielt werden, sind weitaus schlimmer als eine „Reizung“. Alle betroffenen Arbeiter sind weiterhin arbeitsunfähig. Libbe erklärt, dass alle aufgetretenen Symptome, die mit den Auswirkungen der „chemischen Dämpfe“ erklärt werden, ebenso ein Hinweis auf eine radioaktive Verstrahlung sein könnten. (http://www.king5.com/video?id=254461061&sec=583402)

Es folgt ein Update über die Seeleute der USS Ronald Reagan, die bei ihrem Hilfseinsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan 2011 durch die Abluftfahne von Fukushima Daiichi verstrahlt wurden. Der Angelpunkt des Verfahrens besteht darin, dass es zu den Verstrahlungen nur dadurch kommen konnte, da TEPCO den Unfallfortschritt und somit das wahre Ausmaß der Katastrophe in der Anlage von Fukushima geheim gehalten hatte. (weitere Artikel zum Thema auf AFAZ finden Sie hier und, den Bogen etwas weiter spannend, hier)

Ein weiteres Thema ist das Verhalten der US-Atomaufsichtsbehörde NRC angesichts der Tatsache, dass in der Folge von Fukushima das Erdbebenrisiko vieler Reaktoren im Osten der USA neu eingestuft werden musste: die bisherigen Annahmen wurden durchgehend als zu optimistisch entlarvt. Die NRC reagierte nicht etwa so, dass die Betreiberfirmen angewiesen wurden, durch bauliche Maßnahmen den neuen Erkenntnissen Rechnung zu tragen; diese wurden lediglich aufgefordert, Studien anzufertigen, um die Lage zu prüfen. Begründung der NRC für dieses Vorgehen: Es bestünde keine unmittelbare Gefahr...

Weiterhin wird Senator Ed Markey (Massachusetts) dazu zitiert, der [gemeinsam mit der Senatorin Elisabeth Warren; AdÜ] die NRC aufforderte, die eigenen Richtlinien einzuhalten und anstatt neuerlicher Studien vielmehr greifbare Verbesserungen einzufordern. Libbe HaLevy erinnert daran, dass es schlussendlich die Aufgabe der gewählten Volksvertreter ist, sowohl den staatlichen Behörden als auch den betroffenen Wirtschaftstreibenden gegenüber gesetzeskonformes Verhalten durchzusetzen

(http://www.markey.senate.gov/news/press-releases/markey-and-warren-seismic-risk-at-pilgrim-and-seabrook-greater-than-nuclear-reactors-are-licensed-to-withstand).

In einem zweiten Beitrag über die Machenschaften der NRC, also jener Behörde, welche den Schutz von Bevölkerung und Umwelt gegenüber der von Atomanlagen ausgehenden Gefahr zu verantworten hat, berichtet Libbe darüber, dass diese Behörde einen gemeinsamen Antrag von 37 Umweltschutzorganisationen und über 3.000 Bürgern, die sich einer Petition, die Katastrophenschutzbestimmungen nach Fukushima minimal zu verschärfen, angeschlossen hatten, mit der Begründung ablehnte, dass die bisherigen Bestimmungen weiterhin vollkommen ausreichend seien.

Libbe regt einen „nuke-out“ an, einen Tag, an dem die Einwohner in Cape Cod, deren einzige Evakuierungsroute bei einem Problem im AKW Pilgrim sehr wahrscheinlich blockiert wäre, den Ernstfall freiwillig proben (https://www.nirs.org/reactorwatch/emergency/emergencyhome.htm).

Als Nächstes wird eine Studie von Goldman Sachs zitiert, derzufolge Besitzer eines Einfamilienhauses in den USA ab dem Jahr 2033 auf Grund von Fortschritten bei der Solarpanel- und Batterietechnik keinen Netzanschluss mehr benötigen werden – früher in den Bundesstaaten, in denen die Strompreise hoch sind, wie in New York und Kalifornien (http://safeenergy.org/2014/03/18/goldman-sachs-sees-a-solar-future/).

Die IAEO berichtete am 8. April 2014 von einem noch nie zuvor dagewesenen, sprunghaften Anstieg der Radioaktivität im Ozean vor dem zerstörten Kraftwerk. Am 14. April wurde bekannt gegeben, dass eine Tonne an hochradioaktiv verseuchtem Wasser aus einer „Plastikflasche“ ins Meer gelangte. Und schließlich: TEPCO gab schlussendlich zu, dass eine Freisetzung im August letzten Jahres weitaus höher mit Betastrahlern verseucht war, als bisher verlautbart; die Freisetzung von Betastrahlern allein beläuft sich nun auf 84 Billionen (84.000.000.000.000) Bq. [Dieser Vorfall wurde mit den nun als falsch identifizierten Zahlen als Störfall der INES Stufe 3 eingestuft. Offen bleibt die Frage, wie er eigentlich hätte eingestuft werden sollen; Japan selbst hatte sich mit der Frage an die IAEO gewandt, wie die andauernden Freisetzungen mit Hilfe der INES Skala zu kommunizieren sind. Die IAEO spielte in ihrer Antwort den Ball an Japan zurück, nicht ohne zwischen den Zeilen durchblicken zu lassen, dass man sich, „um die Öffentlichkeit nicht zu verwirren“, doch besser eine Diktion einfallen lassen solle, welche den Begriff INES vermeide (https://www.nsr.go.jp/activity/bousai/trouble/data/20130828-1.pdf); AdÜ].

(http://www.iaea.org/newscenter/news/2014/f1issues080414.pdf; http://enenews.com/new-radioactive-leak-reported-at-fukushima-on-sunday-previous-leak-admitted-to-be-far-more-toxic-than-public-told-over-80-trillion-becquerels-flowed-into-pacific-already-rated-an-ines-l)

Libbe verweist nun auf den aktuellen Beitrag von Chiho Kaneko (Fairewinds) über den derzeitigen Gesundheitszustand der japanischen Bevölkerung (Deutsch auf AFAZ). In einem anderen Zusammenhang wird darüber hinaus darauf hingewiesen, dass auch Fairewinds schon lange darauf hingewiesen habe, dass die Kettenreaktion in den geschmolzenen Reaktorkernen über sieben Monate hinweg immer wieder angesprungen sein dürfte – ein weiteres Thema in den Nachrichten der Woche (http://enenews.com/experts-nuclear-chain-reactions-may-have-gone-on-7-months-at-fukushima-neutron-leakage-from-active-molten-fuel-core-producing-radioactive-sulfur-top-govt-official-mox-fuel-could-b).

In ihrem wöchentlichen Highlight, die taube Nuß der Woche, nominiert der Nuclear Hotseat diesmal die japanischen Schulbuchverlage, die in ihren Grundschullehrbüchern der Naturwissenschaft mit einer einzigen Ausnahme den Unfall in Fukushima und seine Folgen unterschlagen

(http://japandailypress.com/education-ministry-approves-of-only-1-elementary-school-textbook-mentioning-fukushima-disaster-1147137/).

Libbe HaLevy: Unsere Hauptnachricht heute: Es gibt diese Woche keine nennenswerten Veränderungen in der Anlage von WIPP nahe Carlsbad, New Mexico, aber wir haben uns mit Karen Hadden in Verbindung gesetzt, der Leiterin von SEED (Sustainable Energy and Economic Development Coalition, Koalition für eine nachhaltige Energie- und Wirtschaftsentwicklung), um uns über die Anlage von WCS (Waste Control Specialists) in Andrews, Texas zu informieren, wo der Atommüll, der eigentlich für WIPP gedacht war, nun zwischengelagert wird. Stattdessen haben wir aber aus Texas brandaktuelle Neuigkeiten erhalten. Wir erreichten Karen nur wenige Augenblicke, nachdem das Atomic Safety and Licensing Board (ASLB; es handelt sich dabei um einen speziellen Ausschuss der Atombehörde, der Streitfragen, bei denen das Vorgehen der Aufsichtsbehörde selbst zur Debatte steht, durch den Schiedsspruch dreier formal unabhängige Richter klären soll; AdÜ) entschieden hatte, dass die in japanischem Besitz befindliche Firma Toshiba, die zu 100% alle Aktivitäten finanzierte, um die Zulassung zweier neuer Reaktoren in Texas zu erreichen, nicht den Verboten über fremdländische Kontrolle oder Vorherrschaft bei Atomanlagen nach dem Atomgesetz (Atomic Energy Act) unterliegt. Es folgt, was Karen Hadden dazu zu sagen hatte, kurz nachdem sie von diesem Urteil erfahren hat:

Libbe HaLevy: Karen, Sie sind bei der SEED Coalition, einer Bürgerinitiative in Texas, die sich mit Atom- und andern Umweltthemen beschäftigt. Können Sie uns mitteilen, was gerade heute in Texas passiert ist, das so einen schwerwiegenden Rückschlag für die Interessen der Anti-Atom-Bewegung darstellt?

Karen Hadden: Wir hatten hier einen schweren Kampf, einen durchaus erfolgreichen, bei dem es um das South Texas Atomprojekt ging, genauer, die geplanten weiteren Reaktoren Nummer 3 und 4. Zwei Reaktoren befinden sich bereits auf der Anlage, aber der Bau von zwei zusätzlichen ist vorgesehen. Wir haben diese Pläne verzögern können und haben sie immer bekämpft. Es waren die ersten Reaktoren bundesweit, die im Rahmen der sogenannten Renaissance der Atomkraft (nuclear renaissance) zur Bewilligung eingereicht worden waren. Über Jahre hinweg ist es uns über Einsprüche von Bürgern gelungen, das Projekt aufzuhalten. Wir haben eigentlich erwartet, diese letzte Schlacht vor dem ASLB zu gewinnen. Aber gerade heute haben wir den unerhörten Schiedsspruch erfahren. Bei dem Streit ging es um ausländische Besitzrechte, Kontrolle und Vorherrschaft. Es ist ganz offensichtlich, dass Toshiba fast zur Gänze die geplanten Reaktoren besitzen und kontrollieren wird. Die Mitarbeiter der NRC waren in dieser Frage auf unserer Seite, zum ersten und einzigen Mal in so einem ausgedehnten Rechtsstreit und in Bezug auf eine ganze Reihe von Fragestellungen. Sie waren hundert-prozentig auf unserer Seite, da dieses Kraftwerk gegen die gültigen Bestimmungen verstößt, konkret, dass Atomreaktoren nicht in ausländischer Hand sein dürfen. Dennoch haben die Richter zugunsten des Antragstellers entschieden, der diese neuen Reaktoren erbauen will. Wir sind über diesen Präzedenzfall äußerst beunruhigt. Der Richter hat nur sehr spärliche Erklärungen zu seinem Urteilsspruch abgegeben.

Libbe HaLevy: Sie haben gesagt, dass viele Informationen nicht zugänglich sind und geheim gehalten wurden?

Karen Hadden: Ja. Bei diesem Fall wurde oft hinter verschlossenen Türen verhandelt, man musste einen Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben, wenn man teilnehmen wollte. Wir haben das nicht getan, weil wir nicht jedes unserer Worte auf die Waagschale legen wollten, wenn wir mit den Medien sprechen. Im Grunde ging es hauptsächlich um die Höhe der Geldsummen, die Toshiba bereits investiert hat, das war der Hauptgrund, die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen zu führen. Ich glaube, dass die Geldmengen erheblich waren. Dennoch ist Gesetz Gesetz. Das Urteil des Richters ging aber dahin, die Errichtung dieser Reaktoren zuzulassen, obwohl dies gegen die Richtlinien der NRC selbstverstößt. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, welche rechtliche Schritte wir nun unternehmen werden. Es war ein langer und teurer Kampf. Es dreht sich eigentlich nur darum, dass Geschäftsinteressen geschützt werden, die Anliegen der Öffentlichkeit aber nicht. Auch der Urteilsspruch wird nur in einer redigierten Form erscheinen, denn bislang haben wir lediglich erfahren, dass der Richter zugunsten des Antragsstellers entschieden hat. Man erhält so gut wie keine weiteren Informationen, bis entschieden ist, wie redigiert wird, welche Teile man vor der Öffentlichkeit geheim halten will.

Libbe HaLevy: Wann glauben Sie, dass diese Informationen – so beschränkt sie auch sein mögen – zur Verfügung stehen werden?

Karen Hadden: Es wird wohl ein Monat vergehen, bevor Näheres zu den Begründungen herausgegeben wird. Letztendlich scheint der Richter zu denken, dass man, wenn man eine gewisse Summe investiert hat, sich irgendwie ein Recht auf Zustimmung und schließlich auf eine Bewilligung erworben hat. Das ist jedenfalls die Botschaft für uns. Dies ist ziemlich entmutigend. Den Stromversorgungsbetrieben, die an diesem Projekt beteiligt waren, ist es nicht gut ergangen. Dies ist ein Vorhaben, das sich nun um mehrere Jahre hingezogen und verzögert hat. In San Antonio hat CPS Energy 400 Millionen investiert, bevor sie sich auf einen 7% Anteil zurückgezogen haben – sie waren ursprünglich zu 50% beteiligt. Danach ist auch NRG aus Houston abgesprungen, die ebenfalls bereits um die 400 Millionen investiert hatten. Für die Stromversorger häufen sich die Verluste also immer mehr, sie haben keine weiteren Gelder eingesetzt. Wenn nun aber eine Betriebsbeteiligung erteilt wird, dann werden wir den gleichen Kampf neu durchzufechten haben, obwohl wir eigentlich dachten, dass diese Meiler eigentlich schon erledigt sind.

Libbe HaLevy: Karen, wir werden auf jeden Fall mit Ihnen in Kontakt bleiben und ein wesentlich ausführlicheres Interview im Nuclear Hotseat in wenigen Wochen einplanen.

Karen Hadden: Danke sehr! Ich freue mich schon darauf, wir stehen zurzeit im Zentrum einer ganzen Reihe von Atomvorhaben, speziell was Atommüll angeht, da es Bestrebungen gibt, hochradioaktiven Atommüll nach Texas zu bringen.

Libbe HaLevy: Karen Hadden von der SEED Coalition in Texas. Wir arbeiten an einer Sonderausgabe des Nuclear Hotseat in zwei Wochen. Dieser wird die neusten Informationen über all das enthalten, was sich zurzeit im Südwesten des Landes abspielt. Don Hancock wir über WIPP sprechen, Karen Hadden über die Anlage von Waste Control Specialists in Andrews, Texas, wohin der Atommüll geschickt wird, der eigentlich für WIPP vorgesehen war, und möglicherweise sprechen wir auch mit einen bundesweiten Führer der Anti-Atom-Bewegung, der mit den übergreifenden Themen bei diesen Problemstellungen vertraut ist. Eine Sondersendung über den Südwesten der USA also, am 29. April beim Nuclear Hotseat.

Libbe HaLevy: Massimo Greco ist seit 1982 als Anti-Atom-Aktivist in Italien engagiert. Er produziert Videos und ist der Gründer von RNA.org, einer Organistation, die sich gegen Atomkraft und fossile Brennstoffe einsetzt. Er unterhält die Webseiten: nonukes.it und nonukes.eu. Er ist heute via Skype aus Italien bei uns zu Gast. Hören Sie genau zu – er hat einen betörenden italienischen Akzent; aber Tatsache ist: Sein Englisch ist besser als mein Italienisch... Massimo Greco, willkommen beim Nuclear Hotseat!

Massimo Greco: Und wilkommen zurück! Grüße aus Italien!

Libbe HaLevy: Wie lange sind Sie schon in die Anti-Atom-Arbeit in Italien involviert, in welche Richtung ging ihre Arbeit?

Massimo Greco: Es gibt da viele verschiedene Dinge. Ich habe 1983 angefangen, das war im Zuge des Kampfes um die erste Volksabstimmung, die in Italien 1987 stattgefunden hat.

Libbe HaLevy: Erklären Sie doch bitte unseren Hörern, worüber bei diesem Referendum abgestimmt wurde.

Massimo Greco: Unsere Verfassung gibt uns die Möglichkeit, mit Hilfe dieses äußerst wichtigen Werkzeugs Gesetze zu ändern. In Italien hat dieses Instrument nur aufschiebende Wirkung, man kann damit Gesetze verzögern, nicht mehr. Es ist nicht so wie etwa in der Schweiz, aber es ist dennoch ein wichtiges Mittel. Die Initiatoren eines solchen Referendums müssen eine halbe Million beglaubigter Unterschriften sammeln.

Libbe HaLevy: Man benötigt also 500.000 Unterschriften, bevor dieser Prozess fortgesetzt werden kann.

Massimo Greco: Mit der Erschwernis, dass alle diese Unterschriften beglaubigt sein müssen. Dadurch unterscheidet sich die Volksabstimmung von einer Petition, um die Sache klar zu machen.

Libbe HaLevy: Was stand bei diesem Referendum zur Debatte?

Massimo Greco: Die damalige Regierung wollte mit einem neuen Atomprogramm beginnen, eine ganze Reihe neuer AKWs waren geplant. Zur damaligen Zeit gab es eine massive Widerstandsbewegung gegen das Vorhaben. Viele Organisationen und sogar Parlamentarier unterstützten die Volksabstimmung. Es wurden drei Fragen gestellt, mit dem das Atomprogramm der Regierung zu stoppen war. Ein wichtiger Punkt bei diesem Referendum bestand darin, italienischen Firmen – speziell den staatseigenen Betrieben, davon gibt es in Italien ein ganze Menge – zu verbieten, Atomgeschäfte außerhalb von Italien zu machen. Auf diese Art konnte das Atomprogramm für mehr als 25 Jahre eingefroren werden. Das war damals gerade einmal ein Jahr nach Tschernobyl, die Menschen hatten also genügend Informationen zur Verfügung, um zu verstehen, wie wichtig dieser Kampf ist. Viele Jahre haben Firmen Atomprogramme außerhalb Italiens befördert, es ist nicht gelungen, diesen Geschäften Einhalt zu gebieten. Das in etwa ist die Geschichte zum Jahr dieses Referendums.

Libbe HaLevy: Das Referendum wurde also dazu genutzt, die Atomindustrie daran zu hindern, innerhalb von Italien zu wachsen.

Massimo Greco: Ja. Wir haben damit vier AKWs gestoppt.

Libbe HaLevy: Vier Atomprojekte wurden also aufgehalten. Waren die Anlagen schon errichtet oder lediglich in der Planungsphase?

Massimo Greco: Nein, nein, wir haben die Probleme dieser Technologie [? schwer verständlich] aufgezeigt, die Probleme mit dem Atommüll, mit der Verseuchung der umliegenden Landstriche usw.

Libbe HaLevy: Da diese Reaktoren also per Volksabstimmung gestoppt wurden, wie hat Italien die Stilllegung gemanagt und was ist mit dem Atommüll geschehen?

Massimo Greco: Wir haben viele Probleme mit dem Atommüll, das größte ist die Geheimniskrämerei. Vor einigen Jahren hat die Regierung Gesetze erlassen, welche die Geheimhaltung der Atommülltransporte ermöglicht. Wir wissen aus Chroniken, dass Atommüll per Bahn in den Norden Frankreichs und nach England gebracht wurde. Vor ein paar Wochen wurden Hinweise bekannt, dass Atommüll auch über die USA nach Kanada verschifft wurde.

Libbe HaLevy: Italien entsorgt den Atommüll also in andere Länder, darunter die USA und Kanada?

Massimo Greco: Das geht aus unseren letzten Informationen hervor. Ich habe gerade eben einen Artikel im Ottawa Citizen gelesen, einer kanadischen Zeitung, die solche Transportbewegungen bestätigt hat – und auch die Vertuschung dieser Transporte. Diese Transporte wurden über ein Frachtschiff abgewickelt, die Pacific Egret.

Libbe HaLevy: Italien hat seinen Atommüll also an andere Länder verschickt, nach Frankreich, Großbritannien und in die USA?

Massimo Greco: Ja. An den Transporten nach Frankreich und Großbritannien besteht kein Zweifel, auch an denen in die USA. Bei den Bahntransporten kam es an der italienisch-französischen Grenze zu Protesten. Ich habe einen dieser Proteste in 2011 näher verfolgt. Tausende Polizisten mussten den Transport absichern.

Libbe HaLevy: Wie ist die derzeitige Lage der Anti-Atom-Bewegung in Italien? Ist sie aktiv und lebendig? Und wenn sie es ist, was ist zurzeit der Schwerpunkt der Anstrengungen?

Massimo Greco: Ich fürchte, der Aktivismus ist nach dem Erfolg beim letzten Referendum so gut wie verschwunden. Wir haben vergessen, dass die betroffenen Firmen und der Staat nicht noch einmal 25 Jahre lang warten werden, um neuerlich die Atomagenda vorwärts zu treiben.

Libbe HaLevy: Zurzeit gibt es in Italien also kein Atomprogramm, ist das korrekt?

Massimo Greco: So ist es, zurzeit ist Atommüll das alleinige Problem.

Libbe HaLevy: Erzählen Sie uns doch von der Veranstaltung an der Universität, die Sie in eine schwierige Lage gebracht hat.

Massimo Greco: Vor drei Jahren haben wir eine Reihe von Aktionen in Sardinien organisiert. Dort gab es verschiedene Probleme und die damalige Regierung hatte versucht, einige Atomprogramme durchzupeitschen. All das passierte ein paar Wochen vor dem Referendum. Wir haben innerhalb der militärisch genutzten Gebiete einige Aktionen durchgeführt und wollten an der Universität darüber informieren. Man hat uns aber den vereinbarten Zugang zu den Räumlichkeiten verwehrt. Diese Einrichtungen werden vom Staat kontrolliert, also von der Politik. Wenige Wochen vor der Volksabstimmung wurde unser Projekt als politisch motiviert gedeutet, dies wurde als Begründung dafür angegeben, dass uns die Räumlichkeiten nicht zur Verfügung gestellt wurden. Es blieben uns nur wenige Tage, einen anderen Veranstaltungsort zu finden, dafür zu bezahlen usw. Viele Leute übten massive Kritik und ich gab ihnen Raum auf meiner Website, RNA. Man hat mich dafür belangt, was dort so gegen die Einrichtungen des Staates geschrieben wurde.

Libbe HaLevy: Wenn Sie sagen, dass Sie „belangt wurden“, so haben die Behörden das, was Sie nicht geschrieben haben, was von anderen Leuten verfasst und auf Ihrer Website lediglich veröffentlicht wurde, zum Vorwand genommen, um Sie wessen zu beschuldigen?

Massimo Greco: In Italien gibt es eine Reihe von seltsamen Gesetzen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten [lacht kurz auf], um Blogs zu behindern, usw. Wir haben immer noch Gesetze, die vor 60 Jahren, also im Faschismus, verabschiedet wurden. Bei all diesen Gesetzen geht es um die freie Meinungsäußerung. Wenn man daher mit jemandem eine Auseinandersetzung hat, nicht im Chat, nicht auf Facebook, sondern auf einer Webseite, dann läuft man Gefahr, belangt zu werden – Begründungen dafür gibt es viele. Ich glaube, die Anschuldigung war ganz typisch: Man hat gesagt, ich hätte den Direktor dieser Einrichtung beleidigt.

Libbe HaLevy: Welche Folgen hatte diese Anschuldigung?

Massimo Greco: Die Gesetzeslage ist so, dass ich im Sinne dieser Anschuldigung mit drei Monaten und, falls man ein Exempel statuieren will, mit bis zu drei Jahren Haftstrafe bedroht bin. Wenn man zB eine große Gesellschaft, die Kohle verstromt, angreift, und wenn die Informationen, die ich herausgebe, beginnen, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, dann können die mich mit der gleichen Anschuldigung in die Schranken weisen und von mir Schadenersatz fordern. Eine große Firma hat natürlich jede Menge Geld [unverständlich]. Sie haben freilich auch eine Reihe von Anwälten, selbstverständlich kann da kein einfacher Bürger mithalten.

Libbe HaLevy: Mit anderen Worten, es ist so, wie wenn man in den USA verklagt wird: Man sagt irgend etwas, was einem Anderen nicht gefällt, und man wird mit einem Gerichtsverfahren bedroht, in dem Schadenersatz gefordert wird. Was haben Sie in Italien auf Grund dieser Anschuldigung zu befürchten, welche Abläufe müssen Sie nun über sich ergehen lassen und welche Auswirkungen hat das auf ihr Leben?

Massimo Greco: Ich habe immense Ausgaben. Beim hiesigen Justizapparat kann eine derartige Geschichte im Mai beginnen und erst zwei Jahre später abgeschlossen sein.

Libbe HaLevy: Der Prozess kann sich über zwei Jahre hinweg erstrecken?

Massimo Greco: Ja. Bei uns ist es so: Man kann jahrelang warten, bis die Mühlen der Justiz alle Schritte einer Anklage abgearbeitet haben. Wir haben drei Stufen in unserer Rechtsordnung: Wenn ich in erster Instanz verurteilt werde, dann kann ich in Berufung gehen, das dauert dann wieder einige Jahre. Wenn ich aber gewinne, dann können die Gegenseite ebenfalls in Berufung gehen und der Prozess wird neu aufgerollt. Bis so ein Fall zum Obersten Gerichtshof gelangt, können problemlos 10 Jahre vorübergehen. Während all dieser Zeit muss man große Geldmittel für seinen Rechtsbeistand aufwenden [unverständlich]. Ich selbst bin freilich kein Geschäftsmann [lacht], mir stehen nicht hunderte von Anwälten zur Verfügung. Für einfache Bürger ist das also sehr gefährlich. Es gibt viele Gefahren, wenn man gegen Politiker oder Geschäftsleute ankämpft.

Libbe HaLevy: Kann es dazu kommen, dass Sie schließlich ins Gefängnis müssen?

Massimo Greco: Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das nicht sagen. Ich warte darauf, dass dieser Ablauf, das Verfahren vor Gericht, beginnt. Ich muss abwarten und die Dinge auf mich zukommen lassen.

Libbe HaLevy: Gibt es etwas, das die Hörer des Nuclear Hotseat tun können, um Sie zu unterstützen, während Sie auf den Beginn Ihres Verfahrens warten? Gibt es eine Möglichkeit, wie wir auf die Sache aufmerksam machen können, etwa eine Online-Petition, oder gibt es etwas Anderes, wie wir Sie unterstützen könnten?

Massimo Greco: Es gab da einen anderen Vorfall in Frankreich vor einigen Monaten. Nach einer Konfrontation auf Grund eines Atomtransportes wurde ein einziger Aktivist angeklagt. Es kam aber zu einem wundervollen Beispiel von Solidarität: Mehr als 30 französische Bürger erstatten Selbstanzeige, in denen sie darauf hinwiesen, dass sie die gleiche Art von bürgerlichem Ungehorsam ausgeübt hätten – sie gaben an, in gleichem Maße schuldig zu sein, da sie die gleichen Übertretungen begangen hätten. Das Gericht wies dies zurück, verurteilte den einzelnen Aktivisten aber nur zu einer Bußgeldzahlung, vergleichbar mit einer Verkehrsübertretung. Wenn wir eine Straßensperre errichten würden, um einen Atomtransport zu behindern, könnte das bei einer Verurteilung schwerwiegende Folgen haben, denn es ist auch eine Anklage wegen Terrorismus möglich. In dieser Lage konnte die Solidarität innerhalb der Bewegung die Vorgehensweise des Gerichts beeinflussen. Der Aktivist wurde lediglich zu einer minimalen Buße verurteilt, in etwa so, wie es einem Autofahrer passieren kann.

Libbe HaLevy: Lediglich eine Art Strafzettel also, im Gegensatz zu einer Haftstrafe.

Massimo Greco: Ja, ein sehr schönes Beispiel für Solidarität. In Italien kann ich mir so etwas nur schwer vorstellen, denn nach dem Referendum scheinen die Leute alles vergessen zu haben. Durch diesen Erfolg scheint jede Wahrnehmung der andauernden Atomprobleme ausgelöscht worden zu sein, die Leute kümmern sich nicht mehr darum. Aber viele denken so wie ich: dieses Mal wird die Politik und die Wirtschaft nicht wieder 25 Jahre verstreichen lassen, wie nach dem letzten Referendum.

Libbe HaLevy: Sehen Sie sich weiterhin als aktiven Teil der Anti-Atom-Bewegung in Italien, obwohl Sie von dieser Anschuldigung bedroht sind? Dürfen Sie das überhaupt?

Massimo Greco: Ich werde nie klein beigeben.

Libbe HaLevy: Das war Massimo Greco, der Gründer von RNA und ein langjähriger italienischer Anti-Atom-Aktivist, von dem wir hoffen, dass er nicht inhaftiert wird. Wir werden Sie weiterhin über seinen Fall informieren.

Libbe HaLevy: Für ein weiteres Update über die Aktivistenszene haben wir mit Beverly Findlay-Kaneko gesprochen, die den Hörern des Nuclear Hotseat ja keine Unbekannte ist. Heute berichtet sie uns über eine Veranstaltung, die sie am 27.April organisiert hat. Beverly, deine Vereinigung Families for Safe Energy (Familien für sichere Energie) richtet eine beachtenswerte Veranstaltung aus – jedenfalls empfinde ich sie als beachtenswert. Sie wird am Sonntag, dem 27. April, in Gardena, Kalifornien stattfinden. Kannst du uns darüber aufklären, womit sich „Eine Kindheit in Fukushima“ befassen wird?

Beverly Findlay-Kaneko: Wir haben den früheren Direktor einer Grundschule in Fukushima eingeladen, sein Name ist Sensuke Shishido. Herr Shishido ist auch in Japan bei Pädagogen sowie beim breiten Publikum ein gefragter Vortragender, der über die Kinder in Fukushima spricht. Sein Blickwinkel ist vielleicht etwas ungewohnt: Er ist kein Sprecher, den man als Anti-Atom-Aktivisten im engeren Sinn bezeichnen könnte. Sein Schwerpunkt ist das Schicksal der Kinder nach der dreifachen Katastrophe und auf diese Weise stoßen wir auf Themen, die im Allgemeinen vernachlässigt werden.

Libbe HaLevy: Wie können wir uns diese Veranstaltung vorstellen, deren Untertitel: „Hoffnung im Angesicht größter Schwierigkeiten“ lautet?

Beverly Findlay-Kaneko: Herr Shishido spricht über seine persönlichen Erfahrungen. Er war unmittelbar nach der Katastrophe Direktor einer Grundschule und musste mitansehen, wie die Kinder gezwungen waren, sich völlig neuen Rahmenbedingungen anzupassen: Sie mussten nun immer die Dosimeter bei sich tragen, durften nicht mehr im Freien spielen usw. Er hat sich des Weiteren jenseits seiner Vorträge im ganzen Land und seinen Gesprächen mit Kindern um das bemüht, was wir die „reisenden Klassenzimmer“ nennen. Damit ist eine Art Unterricht im Freien für die Kinder von Fukushima gemeint, es sollten offiziell Geldmittel von der Regierung dafür bereitgestellt werden, sodass die Schüler die Präfektur für kurze Exkursionen verlassen können, damit sie die freie Natur als Teil ihrer Ausbildung kennen lernen können.

Libbe HaLevy: Welche Veranstaltungen wird Sensuke Shishido während seiner Tour durch die USA noch bestreiten?

Beverly Findlay-Kaneko: Der größte Teil der Tour, die wir für ihn zusammengestellt haben, betrifft Bildungseinrichtungen. Er wird Grundschulen, Mittelschulen und Universitäten besuchen. Das eigentliche Ziel von Families for Safe Energies besteht darin, Gemeinden und Schulen dabei zu unterstützen, sich über sichere Alternativen bei der Energieversorgung zu informieren. Es ist nun aber zufälligerweise so, dass wir enge Verbindungen mit Japan haben, daher hat es sich ergeben, dass es eine unserer Hauptaufgaben geworden ist, die Vorgänge in Fukushima nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir wollen uns aber eigentlich darauf konzentrieren, nicht zu denen zu predigen, die bereits bekehrt sind. Um unsere Botschaft einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, arbeiten wir gerne mit Menschen wie Herrn Shishido zusammen, die sehr verständlich sprechen und den Menschen die Augen öffnen können, ohne sie gleich mit all den technischen Details zu verschrecken, mit denen sich die Anti-Atom-Bewegung auseinandersetzen muss. Im Herzen sind wir alle gegen die Atomkraft eingestellt, aber um mehr Menschen zu erreichen, müssen wir die Methode ändern, um unser Anliegen unter die Menschen bringen. Und das ist es, was ein Sprecher wie Herr Shishido zuwege bringt, wenn er diese Schulen besucht. Er hat keine besondere politische Botschaft; es geht um humanitäre Fragen, es geht um die Kinder.

Libbe HaLevy: Dies scheint mir äußerst wirksam zu sein, um Informationen über eine sichere Energieversorgung an die nächste Generation, die nächsten Generationen, weiterzugeben; sie werden es sein, die sich mit den Folgen der Atomtechnik auseinandersetzen und Strategien entwickeln und umsetzen werden müssen, um diese sichere Energiezukunft herbeizuführen.

Beverly Findlay-Kaneko: So ist es. Ich glaube, dass es auch dazu beiträgt, Mitgefühl bei den Kindern und Jugendlichen entstehen zu lassen, wenn sie erfahren, was an anderen Orten passiert, welche Auswirkungen unser Lebensstil hat und all das, was wir für selbstverständlich erachten. Wenn sie erfahren, was hier geschieht, dann geht ihnen ein Licht auf. Das ist das Wichtigste: Mitgefühl anderen Menschen gegenüber, ein erstes Bewusstsein für Fragen des Menschenrechts zu entwickeln.

Libbe HaLevy: Wenn nun Menschen, die dem Nuclear Hotseat zuhören, gerne mit Herrn Shishido Kontakt aufnehmen würden, um ihn zu einer Veranstaltung einzuladen, vielleicht eine weitere Reise in die USA [oder Europa?; AdÜ] zu organisieren, was wäre dann der beste Weg, um mit ihm in Kontakt zu kommen?

Beverly Findlay-Kaneko: Am besten setzen Sie sich mit uns in Verbindung, mit Families for Safe Energy. Sie können uns immer über unsere Facebook-Seite erreichen, wir haben auch eine Emailadresse, die Links findet man aber auch beim Nuclear Hotseat.

Libbe HaLevy: Nun, leider erst, wenn unsere Webseite wieder online ist... [lacht] Wir arbeiten daran. Es ist eine kleine Unpässlichkeit, das wird uns nicht aufhalten. Wie lange wird sich Herr Shishido für die Vortragsreise in den USA aufhalten?

Beverly Findlay-Kaneko: Er trifft am 25. April ein und wird uns am 3. Mai wieder verlassen. Es handelt sich also nur um eine kurze Reise. Während dieses Aufenthalts werden wir uns im südlichen Kalifornien aufhalten und den Grand Canyon besuchen, um dort eine weitere Schule zu besuchen. Außerdem werden wir mit dem Sierra Club und dem Grand Canyon Trust zusammentreffen, um uns auch selbst über die Probleme mit den aufgegebenen Uranminen zu informieren und die Menschenrechtsverletzungen, die in Arizona damit in Zusammenhang stehen.

Libbe HaLevy: Klingt nach einer großartigen Veranstaltungsreihe, einem großartigen Informationsaustausch, und hoffentlich wird es noch andere Möglichkeiten geben, Herrn Shishido zu uns zu bitten und seine Botschaft jenen zu nahezubringen, die gegenüber einem aktivistischeren und politischeren Ansatz kritisch eingestellt sind, aber dennoch über die Kinder etwas erfahren wollen.

Beverly Findlay-Kaneko: Ja, ganz genau.

Libbe HaLevy: Beverly Findlay-Kaneko von Families for Safe Energy.

Jon Stewart! Du musst auch Atomthemen behandeln, Jon! Ich kann dir dabei helfen. Ruf mich an! Und... ein frohes Pesachfest! [Running Gag bei Libbes Podcasts. Libbe spricht vom Moderator der Daily Show, einem der beliebtesten politischen Satireprogramme der USA. Das Format wurde auch anderswo abgekupfert, ein deutscher Ableger ist die heute-show; AdÜ]

Unsere abschließende Überlegung heute ist allerdings sehr ernst: Michael Ruppert war ein vorzüglicher Publizist, Interviewer, einer, der den Dingen auf den Grund ging. Er hat sich mit den wichtigsten Geschichten auseinandergsesetzt und mit den bedeutendsten Leuten – und hat ihre Machenschaften immer wieder bloßgestellt. Michael hat sich im Feld der Verschwörungstheorien weiter vorgewagt als ich das mache, dorthin konnte ich ihm nicht folgen. Aber es gab rund um das Thema Atom genügend Punkte, bei denen wir übereinstimmten. Er hat die Lifeboat Hour auf PRN produziert und gestaltet. Ich hatte die Ehre, am 16. März bei seiner Show zu Gast zu sein, vor gerade einmal vier Wochen. Nachdem er seine Sendung am vergangenen Sonntag, dem 13. April, abgeschlossen hatte, ging er nach Hause und beging Selbstmord. Sein Leben zu beenden war anscheinend schon geplant, eine Überwältigung durch das, was er wusste, was er uns mitteilte; die mächtigen Schatten, die sich über ihn legten, ließen ihn nicht mehr los. Er hat seinen Abschied auf Facebook gepostet, ich lese es Ihnen nun vor:

Michael Ruppert []: Mein Gebet wendet sich in alle Richtungen, an das, was wir erkennen, und an das, was im Verborgenen bleibt; an das, von dem man weiß, und an das, was sich uns entzieht: Denn wir alle sind eins. Die Prophezeiungen erfüllen sich. Die Stunde der Geburt steht bevor, die Wasser teilen sich und brechen auf: Blut tritt auf, Schmerzensschreie, Tod und Verzweiflung liegen in der Luft. Es steht schlecht um unsere Mutter und alle ihre Kinder. Die Wahrheit steht auf der anderen Seite des ewig vergehenden Schleiers, wo all die Schreie und das Durcheinander herrschen. Die Wahrheit breitet ihre Arme aus, um das Neugeborene liebevoll zu empfangen und zu trösten. „Ist das nicht wunderbar?“ meint die Wahrheit, „Ich werde dich leiten.“

Dies ist mein Bericht.

Libbe HaLevy: Ruhe in Frieden, Michael Ruppert. Meine Beileid all denen, die ihn geliebt haben. Es ist ein harter Kampf, in den wir verwickelt sind: Einer, der uns bis auf den Grund unserer Seele abschleifen kann. Ich möchte Sie daher ermuntern, hinaus zu gehen und einen Baum zu umarmen – oder bleiben Sie, wo Sie sind und umarmen Sie jemanden, den Sie gern haben. Seien Sie liebevoll und behutsam zu sich selbst und einerlei, wie ungeduldig Sie über einige in unserer Bewegung sind, wie wenig einverstanden Sie mit ihnen sind: greifen Sie niemals an! Wir alle sind zerbrechlich und sind wir einmal geschwächt, braucht es nicht viel, um schweren Schaden zuzufügen. Bleiben Sie also achtsam, sich selbst und auch anderen gegenüber, während wir für das kämpfen, woran wir glauben.

Und Micheal, wo auch immer du bist: Wir können all die Hilfe, die du uns zukommen lassen kannst, gut gebrauchen. Gute Reise.

Übersetzung und Lektorierung: www.afaz.at (nepomuk311, )
Quelle: Nuclear Hotseat #147 (http://www.nuclearhotseat.com/blog/); BREAKING: ASLB approves new Texas nukes with foreign backing! Plus: Massimo Greco, Beverly Findlay-Kaneko:
http://nuclear-news.net/2014/04/16/nuclear-hotseat-147-libbe-halevey-breaking-aslb-approves-new-texas-nukes-with-foreign-backing/ oder http://www.youtube.com/watch?v=nBsCtHfSQMY
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at  April 2014 / v1

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08.0 4.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 146

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock
vom
Southwest Research and Information Center

Teil 6


Vorlage: http://www.wmsym.org/archives/1997/sess20/20-07.htm


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Nun zum Interview der Woche mit jemandem, den wir wohl als unseren Sonderberichterstatter bezeichnen müssen, denn er war schon so oft bei uns in der Sendung: Don Hancock vom Southwest Reserch and Information Center war bisher stets eine vertrauenswürdige Quelle von neuesten Informationen über die Strahlenfreisetzungen der „Pilotanlage“ für ein Atommüllendlager WIPP und über die aktuelle Lage vor Ort. Ich erinnere daran, dass mit CMERC das Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center gemeint ist.

Don, als wir letztens miteinander gesprochen haben, war die Rede davon, eine Gruppe von Arbeitern in das Bergwerk hinunterzuschicken, um dort eine Art Basislager zu errichten und festzustellen, was unter Tage vor sich geht – oder zumindest erste Schritte zu unternehmen, dieses Ziel zu erreichen. Bitte berichten Sie uns vom aktuellen Stand der Dinge.

Don Hancock: Am 2. April sind zwei Teams losgeschickt worden, jeweils 8 Arbeiter. Sie sollten den nördlichen Teil der Mine auskundschaften, der ja nicht kontaminiert sein sollte. Es sollte sichergestellt werden, dass die Arbeiter sowohl den Salzschacht als auch den Schacht für die Luftzufuhr benutzen können, um in die Zeche hinein und wieder heraus zu kommen. Das ist also, was am 2. April versucht wurde, und diese Mission verlief erfolgreich. Am 4. April wurden neuerlich zwei Teams entsandt. Sie sind in den Stollen ca 500 m weit nach Süden vorgedrungen, dorthin, wo die Freisetzungen ihren Ursprung haben dürften. Sie sollten dort das einrichten, was Sie als Basislager bezeichnet haben, näher an der Stelle, wo die Kontamination vermutet wird. Um die Leute nicht mit Zahlen zu überhäufen nur das Folgende: Die Trupps sind 500 m in die Mine vorgedrungen, die Quelle der Kontaminationen wird in einer Entfernung von 670 m vermutet. Dieses Basislager ist also ca 170 m von der angenommenen Unfallstelle entfernt. Der nächste Schritt, intern als „Phase 3“ bezeichnet, besteht nun darin, Arbeiter diese verbleibenden 170 m vorrücken zu lassen – möglicherweise auch noch weiter, je nachdem, wie hoch die Strahlung ist, die dort vorgefunden wird, ob also die Schutzanzüge die Arbeiter auch tatsächlich ausreichend bei dieser Unternehmung, den Grund für die Verseuchung und ihren Ausgangspunkt herauszufinden, abschirmen können.

Libbe HaLevy: Ist Ihnen bekannt, ob bisher bei diesen unterirdischen Vorstößen Kontaminationen festgestellt wurden?

Don Hancock: Angeblich nicht. Ich würde vermuten, dass dies tatsächlich der Fall ist, andernfalls hätte das System unter Tage völlig versagt. Man ist bisher der kritischen Stelle fern geblieben, was auch richtig war. Ich bin also froh, dass so vorgegangen wird, wie es der Fall ist: langsam und in Etappen. Wir sprechen deshalb davon, dass wir Kontaminationen an einer bestimmten Stelle erwarten, weil wir wissen, welche der Luftmessstationen an jenem 14. Februar den Alarm ausgelöst hat. Wir wissen auch, wie die Luftumwälzanlage in der Zeche arbeiten sollte. Wenn wir also davon ausgehen, dass diese Systeme mehr oder weniger wie geplant arbeiten, dann werden die Stellen, an denen sich die Arbeiter bislang aufgehalten haben, mit Frischluft von außerhalb versorgt und bewegt sich somit in die Richtung, in der der Austrittsort vermutet wird. Es wäre also nur dann zu vermuten gewesen, dass an diesen Stellen Strahlung festgestellt wird, wenn die hereinströmende Luft verseucht wäre, was natürlich nicht der Fall sein darf, oder aber, dass das Lüftungssystem unter Tage nicht korrekt arbeitet, dass also die Luft auf eine Art zirkuliert, die nicht vorgesehen ist.

Libbe HaLevy: Gibt es irgend einen Fortschritt dabei, Messwerte von der EPA (Environmental Protection Agency, der Umweltschutzbehörde) zu erhalten, zu erfahren, was nun in die Umwelt freigesetzt wurde, in die Luft und ins Erdreich, irgendwelche Informationen über deren Vermutungen zu der Frage, wie groß die Freisetzungen waren?

Don Hancock: Nein – das ist die kurze und direkte Antwort. Die EPA hat aber eigene Leute diese Woche in der Anlage. Sie bringen angeblich mobile Luftmessstationen zur Installation mit. Sie werden diese Woche mit der Überwachung beginnen. Es wurde nicht gesagt, wie lange es dauern wird, bis die Resultate dieser Messungen ausgewertet sind. Die Antwort ist also, dass uns bislang keinerlei von der EPA erhobene Daten vorliegen. Die Daten, die wir über die Freisetzungen haben, sind somit immer noch jene vom Energieministerium (DoE, Department of Energy) und jene vom Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center.

Libbe HaLevy: In dieser Hinsicht gibt es also keine Veränderung zur Vorwoche?

Don Hancock: CEMERC hat heute weitere Messwerte ihrer Luftüberwachung veröffentlicht. Diese Daten sind in Übereinstimmung mit jenen, welche sie in den Vorwochen über die Freisetzungen herausgegeben haben. Es handelt sich um Daten darüber, wie viel Kontamination die unterirdische Anlage freigesetzt hat, Werte aus der Umgebung des Abluftschachtes und den anderen Messstationen an der Oberfläche. Ich habe CMERC heute gefragt, ob sie bereits wüssten, wann erste Resultate aus den Bodenproben vorliegen. Die Antwort war dahingehend, dass sie immer noch daran arbeiten, also noch keine Resultate aus den genommenen Bodenproben verfügbar sind. Auch die Umweltabteilung des Staates New Mexiko hat Bodenproben genommen, zusätzlich zu jenen, die das DoE eingesammelt hat. Weder CMERC noch das Umweltamt haben aber bislang irgendwelche Laborresultate erhalten, daher sind die einzigen Ergebnisse, die bislang vorliegen, jene, die das DoE zu einigen wenigen Bodenproben vorgelegt hat. Diese Ergebnisse wurden schon im Februar veröffentlicht und es wurde gesagt, dass nichts gefunden worden sei. Unglücklicherweise hatte das DoE aber auch behauptet, es sei nichts zu finden, obwohl 21 Arbeiter kontaminiert wurden. Die Verlässlichkeit der Daten des DoE ist also zum derzeitigen Zeitpunkt leider nicht sonderlich gut.

Libbe HaLevy: Einer der Punkte, die Sie letzte Woche angesprochen haben, war – Ihnen werden hier möglicherweise die Worte im Mund umgedreht –, dass die Freisetzungen unablässig andauern, wurde so interpretiert, dass es sich um eine kontinuierliche Freisetzung seit dem 14. Februar handelt. Wenn das so nicht stimmt, können Sie uns darüber aufklären, was gemeint war?

Don Hancock: Die Messwerte zeigen, und zwar sowohl die des DoE als auch jene von CMERC, dass kleinste, aber nachweisbare Mengen von Americium und vor allem 239Plutonium in der Luft enthalten sind, die aus der unterirdischen Anlage kommen. Es ist nun, während wir miteinander sprechen, also mehr Strahlung in der Luft als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt vor dem 14. Februar. Es handelt sich hier um eine Tatsache, die durch die Daten belegt wird. Das soll aber nicht heißen – und ich glaube auch nicht, dass ich es letzte Woche so gesagt habe, – dass weiterhin Strahlung in dem Ausmaß freigesetzt wird, wie es ursprünglich der Fall war. Der Grund, warum die Arbeiter, die unter Tag vordringen, Schutzkleidung tragen müssen, ist der, dass sie in Bereiche kommen werden, wo kleine Mengen an Strahlung in der Luft und wahrscheinlich größere Mengen – allerdings weiß niemand, wie viel, – an Kontamination im Salz, an den Wänden und Decken der Stollen vorhanden sein werden. Jedenfalls ist einige Strahlung in dieser Luft unter Tage, die von den Arbeitern eingeatmet würde. Noch einmal: Viel weniger, vielleicht tausend Mal weniger, als das, was ursprünglich in die Luft freigesetzt wurde. Aber die Luft unter Tag ist nicht rein, sie ist nicht frei von Strahlung. Das bedeutet nicht, dass die Behälter in der Stollenanlage weiterhin Strahlung freisetzen, obwohl dies in kleinstem Maßstab auch passieren könnte. Es ist jedenfalls genügend Strahlung unter Tage vorhanden, dass sogar die normale Filteranlage kleine Mengen an 241Americium, 239Plutonium und 240Plutonium in die Luft verfrachtet, nur durch die normale Luftzirkulation.

Libbe HaLevy: Schauen wir uns nun einmal an, was mit den schwach radioaktiven Abfällen passiert, die nun nicht zu WIPP gebracht werden können. Dieses Material wird ja überall im Land weiterhin produziert und muss irgendwo hin; es wird nun nach Texas transportiert. Können Sie uns sagen, was Sie über dieses neue Vorgehen und seine Auswirkungen wissen?

Don Hancock: Lassen Sie mich ein paar Dinge zu Ihrer Einführung sagen. In WIPP lagern unterirdisch ungefähr 90.000 m³ an hochradioaktivem Abfall.

Libbe HaLevy: So viel ist bereits dort.

Don Hancock: Das ist, was in den nun fast 15 Jahren eingelagert wurde, seit dem 26. März 1999, als die Anlage eröffnet wurde. Seit dem 5. Februar [dieses Jahres] konnte nichts mehr eingelagert werden, nachdem es unter der Erde zum Brand dieses Salzlasters gekommen war, wovon wir ja bereits gesprochen haben. Verstreut im ganzen Land befinden sich in verschiedenen Lagern des DoE weitere 60.000 m³. Es ist also nicht so, dass alle diese Standorte weiterhin hochradioaktive Abfälle produzieren, es wurde versucht, die bereits existierenden Lager zu räumen. Die Ausnahme bildet Los Alamos National Laboratory in New Mexico, das weiterhin Experimente mit Plutonium durchführt und frisches Plutonium produziert – all das im Rahmen der Atomrüstung. Los Alamos produziert also jedes Jahr einige hundert bis tausend Behälter dieses Abfalls zusätzlich. Bei den meisten Anlagen, die ihren Atommüll zu WIPP schicken, handelt es sich aber um Rückstände, die bereits vor Jahren angefallen sind, und in diesen Anlagen lediglich vorübergehend eingelagert blieben. Dies nur, damit Ihre Hörer realisieren, dass es sich hier um Material handelt, das bereits lange Zeit auf Entsorgung gewartet hat, dass aber auch ein kleiner Anteil aus aktueller Produktion kommt, hauptsächlich aus Los Alamos. Der Grund dafür, dass ich nun von Los Alamos spreche, ist der, dass dieses Material nun zu Waste Control Specialists gebracht wird. Diese betreiben eine Anlage in der Nähe von Andrews, Texas, welche hauptsächlich für schwach radioaktive Abfälle aus zivilen AKWs da ist. Die Anlage liegt übrigens fast in New Mexico. Die Grenze des Geländes von WCS ist auch die Grenze zwischen Texas und New Mexico. WCS nimmt also schon einige Jahre schwach radioaktive Abfälle auf, aber nicht die hochradioaktive Abfälle, wie sie zu WIPP gebracht werden. Dennoch haben die Betreiber der Anlage diese Möglichkeit geschaffen. Die Betreiber von WCS möchten natürlich Geld machen und mehr Abfälle bedeuten mehr Geld. Sie wollten daher schon vor der Inbetriebnahme von WIPP hochradioaktive Abfälle auf der Erdoberfläche lagern, bis diese schließlich an WIPP weitergereicht werden können. Bis jetzt, bis letzter Woche, hatten sie aber keine der hoch radioaktiven Abfälle, denn diese waren ja immer direkt an WIPP geliefert worden. Los Alamos National Lab, die Anlage, die ich bereits genannt habe und die eine Menge Abfall besitzt, welcher dort schon seit geraumer Zeit lagert und zusätzlich immer mehr Abfall generiert, hat vor mehr als zwei Jahren mit dem Bundesstaat New Mexico ein unverbindliches Abkommen abgeschlossen, in dem festgehalten wird, dass 3.706 m³ von hochradioaktivem Abfall aus Los Alamos bis zum 30. Juni 2014 abtransportiert werden sollen. Mehr als 3.000 m³ wurden bereits fortgeschafft, aber 546 m³ befinden sich immer noch in Los Alamos. Um die Übereinkunft einzuhalten, hätten diese zwischen Februar und Juni zu WIPP gebracht werden sollen. Das konnte aber freilich nicht geschehen, da WIPP seit Mitte Februar geschlossen ist. Es wurde Mitte März und der Abtransport konnte immer noch nicht fortgesetzt werden. In Los Alamos war man immer mehr beunruhigt. Das Umweltamt von New Mexico, das mit Los Alamos die Vereinbarung getroffen hatte, war besorgt, dass Los Alamos die Frist im Juni nicht einhalten würde, da bis zum 30. Juni diese ca 100 Lastwagenladungen ja Los Alamos verlassen haben sollten. Die Lösung, die dann herauskam, war, dass man WCS kolportierte 8,8 Millionen $ zahlte, um die rund 100 LKW-Ladungen Atomabfall zu übernehmen und in einem Gebäude von Waste Control Specialists einzulagern. Dieses Gebäude soll rund um die Uhr bewacht und mittels Kameraüberwachung abgesichert sein und durch gemeinsame Inspektionen von WCS- und WIPP-Arbeiter kontrolliert werden, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Das DoE hofft, dass diese rund 100 Lastwagenladungen rechtzeitig aus Los Alamos abtransportiert werden können, letzte Woche wurden 5 Ladungen abgeholt, aber in der kommenden sollen es 10 sein, sodass bis zum 30. Juni all dieser Abfall bei WCS eingetroffen sein wird. Dort soll der Atommüll ein Jahr lang verbleiben und danach an WIPP abgehen. Das letzte, was ich dazu sagen will, ist, dass dies nicht bedeutet, dass nun aller Atommüll aus Los Alamos entsorgt ist. Dafür gibt es zwei Gründe: Es gibt noch mehr Abfälle in Los Alamos: Diese wurden allerdings vergraben, wenige dutzend Zentimeter bis zu eineinhalb Meter tief, und diese Rückstände sollten meiner Meinung nach auch beseitigt werden. Zusätzlich, wir haben bereits davon gesprochen, produziert Los Alamos immer weiter hochradioaktiven Müll und dies auch noch auf absehbare Zukunft, da es sich hierbei um Teil des US-amerikanischen Atomwaffenprogramms handelt.

Libbe HaLevy: Wie sicher ist Ihrer Meinung nach diese Lagerung auf der Anlage von WCS in Texas?

Don Hancock: Es sollte wohl in etwa ebenso sicher sein wie an jedem anderen Ort, wo der Atommüll in Gebäuden gelagert wird – ob das nun in los Alamos ist oder bei WCS oder aber auch bei WIPP, wenn man die Überwachung usw in Betracht zieht. Die einzige Sorge, die ich dabei habe, ist, dass wir immer noch nicht wissen, was die Freisetzungen von radioaktivem Material in WIPP verursacht hat. Eine der Möglichkeiten besteht darin – aber noch einmal, wir wissen noch nichts mit Sicherheit –, dass einige der Behälter in den Stollen von WIPP explosive oder entzündbare oder chemisch aktive Substanzen enthalten; diese sollten natürlich gar nicht erst zu WIPP gelangen. Ein Szenario besteht deshalb darin, dass Stoffe, die gar nicht für WIPP vorgesehen waren, dorthin gelangt sind und dann diese Freisetzungen verursacht haben. Nun, wir wissen nicht, ob dies nicht geschah; wenn es aber so war, dann wissen wir nicht, ob die betreffenden Behälter aus Los Alamos, aus Idaho oder aus der Anlage von Savannah River stammen; das sind die drei Anlagen, die zuletzt Müll nach in WIPP anggeliefert haben. Es sind nun 19 Ladungen in WIPP über Tage abgestellt und 100 bis 120 Lieferungen, die von Los Alamos in die Anlage von WCS umgeleitet werden sollen. Wenn – wenn diese Lieferungen also an Waste Control Specialists geschickt werden und es sich dabei um einwandfreie Sendungen an WIPP handelt, wenn sie inspiziert wurden und in einem geschlossenen Gebäude lagern, das rund um die Uhr beaufsichtigt wird, dann sind sie wohl, wie bereits gesagt, ebenso sicher wie in Los Alamos oder WIPP. Wenn es aber in irgendeinem dieser Behälter zu Problemen kommt, dann sind sie weder in Los Alamos noch bei WCS noch bei WIPP sicher. Wir wissen das aber nicht.

Libbe HaLevy: All dies hängt natürlich auch davon ab, was „Sicherheit“ in diesem Zusammenhang bedeuten kann.

Don Hancock: Das stimmt freilich. Sicherheit ist ein relativer Begriff. Das Problem, das wir haben, entsteht dadurch, dass uns so viel an wichtigen Informationen abgeht, was denn nun in WIPP vorgefallen ist. Es sollte aber alle dazu anregen, diese Behälter auch an anderen Orten etwas kritischer zu betrachten, nicht nur in WIPP, bis wir wissen, was denn eigentlich passiert ist.

Libbe HaLevy: Gibt es noch etwas, was uns entgangen ist und was Sie noch hinzufügen wollen?

Don Hancock: Ich würde noch gerne bemerken, dass heute morgen in der Hauptstadt Washington DC David Huizenga, der Leiter des Umweltprogramms des Energieministeriums, also der höchste Chef für alle Vorgänge in WIPP jenseits des Energieministers, vor dem Kostenbewilligungsunterausschuss des Repräsentantenhauses ausgesagt hat (dort wird die Budgetierung für das DoE und jene Standorte, an denen Müll zu entsorgen ist, festgelegt). Es ist wenig erstaunlich, dass eine Reihe von Kongressabgeordneten ihn nach den Ereignissen in WIPP befragt haben, darunter, was denn die Freisetzungen ausgelöst habe. Er antwortete, dass er das nicht wisse. Auf die Frage, wann man bis in den verseuchten Bereich vorstoßen würde, antwortete er, wahrscheinlich noch in dieser oder aber der darauf folgenden Woche. Auf die Frage, wie lang WIPP geschlossen bleiben würde, gab er wieder zur Antwort, dass er dies nicht wisse. Wie viel dies wohl kosten werde? (Denn natürlich rätselt der Kongress, wie viele Geldmittel zusätzlich zur Verfügung gestellt werden und damit von anderen Projekten abgezogen werden müssen.) Auch darauf folgte als Antwort, er wisse es nicht.

Libbe HaLevy: [Lacht.] Es scheint hier ein Muster zu geben...

Don Hancock: Ja, das ist definitiv ein Muster. Einerseits ist es also sehr bedenklich, dass 7 Wochen nach dem Zwischenfall weder die Spitzen des Energieministeriums vor Ort noch in Washington zu den zugrundeliegenden Problemen etwas sagen können, obwohl sie doch informiert sein müssten. Das ist besorgniserregend. Andererseits bin ich auch froh, dass er nicht begonnen hat, so zu tun, als ob er Bescheid wüsste, denn eines der Probleme schon ganz am Anfang, am 14., 15., 16. und 17. war, dass die Leute, die in WIPP damals vor Ort waren, sich zu definitiven Urteilen in dem Sinne verstiegen hatten, dass es zu keiner Kontamination gekommen sei, dass weder Gebäude noch Ausrüstungsgegenstände belastet worden seien. Sie haben damals und auch später noch eine Reihe von Aussagen getätigt, die sich im Nachhinein als nicht den Tatsachen entsprechend herausgestellt haben. Ich habe also die Leute vom Energieministerium und andere dazu ermuntert, keine unwahren Äußerungen zu tätigen und Schlüsse zu ziehen, die nicht haltbar sind. Ich bin daher froh, dass der führende Mann in Washington keine irreleitenden Aussagen getätigt hat, so wie das andere Vertreter des Energieministeriums in der Vergangenheit getan haben. Aber andererseits, wir haben den Punkt bereits angesprochen, die Kongressabgeordneten, welche die Geldmittel für WIPP und andere Anlagen zuweisen müssen, waren nicht sehr zufrieden damit, dass so vieles noch im Unklaren liegt und haben wiederholt und mit einiger Deutlichkeit klar gemacht, dass sie benachrichtigt werden wollen, sobald weitere Informationen vorliegen.

Libbe HaLevy: Don, wir schätzen die Klarheit der Nachrichten, die Sie uns weitergeben, sowie die Aktualität Ihrer Informationen. Der Nuclear Hotseat wird weiterhin mit Ihnen in Verbindung bleiben.

Don Hancock: Vielen Dank!

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #146: NM Radiation Leak Update w/ Don Hancock http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at April 2014 / v1

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08 .04. 2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 146

Hackerangriff auf den Nuclear Hotseat

Libbe HaLevy
kommentiert das Geschehen

Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Symian_virus.png


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Heute ist Dienstag, der 8. April 2014, und hier kommen die Anti-Atom-Nachrichten der Woche.

Zuerst einmal möchte ich Ihnen allen für Ihre Unterstützung während der zwei Hackerangriffe danken. Die Website ist am Freitag, dem 4. April, zum ersten Mal gestört wurden und war 30 Stunden lang nicht erreichbar. Heute Morgen ist sie neuerlich angegriffen worden. [? Unverständlich] meiner Aufnahme dieser Folge, aber in Zukunft wird es so sein – mit viel mehr Sicherheitsvorkehrungen, das kann ich Ihnen versprechen. Inzwischen gehe ich davon aus, dass Sie diesen Nuclear Hotseat über eine der vielen Zugangsmöglichkeiten erreicht haben: via iTunes, Youtube oder als direkten Download von einem Eintrag auf der Facebook-Seite. Wir sind im Zeitalter des Internets, da gibt es immer Wege. Ich werde zu diesem Angriff von Eindringlingen am Ende im Rahmen meiner Schlussgedanken noch Stellung beziehen; diese finden Sie dann – wenigstens hier gibt es keine Überraschung – am Ende der Sendung.

[Es folgen die aus verschiedenen Medien in der Vorwoche zusammengesammelten Nachrichten sowie die Interviews. Diese sind teilweise an anderer Stelle in deutscher Sprache abrufbar. Wir konzentrieren uns hier aber auf diesen Hackerangriff und setzen daher mit den Schlussbemerkungen fort; AdÜ]

Libbe HaLevy: Jetzt zu den Schlussgedanken von heute: Nun, wenn ich noch irgendwelche Zweifel an Einfluss und Wirkung des Nuclear Hotseat gehabt hätte, dann sind sie nun absolut verschwunden. Ganz offensichtlich ist meine Arbeit in diesen Sendungen wirksam – wenn dem nicht so wäre, hätten sich die Trolle um mich gar nicht gekümmert. Im Gespräch mit meinen Kollegen innerhalb der Antiatombewegung ergab sich, dass wir alle glauben, dass der Grund dafür, meine Webseite stillzulegen, in den Strahlenfreisetzungen der Anlage von WIPP zu suchen ist. Jede Menge Geheimhaltung durch die Regierung, auch Milliardäre sind in diese Sache involviert: die ideale Spielwiese für Macho-Gauner, um sich in Pose zu stellen und mit steigendem Testosterondruck das Unentschuldbare zu verteidigen.

Ja, was denn? Sie hacken auf einer 64-Jährige herum, die sich bereits halb im Ruhestand befindet, und mit einem schlimmen Rücken und ihrem angegriffenen Adrenalinhaushalt zu kämpfen hat? Reife Leistung!

In Wahrheit geht es wohl darum: die Atomwirtschaft bröckelt. Die Technologie, schlampige Bauweise, die Lügen, das Image der gesamten Industrie, die Versäumnisse bei der Einholung von Daten, um die Möglichkeit einer Leugnung bereits vorweg einzuplanen, all das kommt nun ans Tageslicht, wie die Besenstiele des Zauberlehrlings, die sich in wilde kleine Unholde verwandeln. Je mehr sie auf uns einschlagen, um uns am Boden zu halten, desto mehr werden ihre Lügen entblößt. Ich habe diesen Lügen widersprochen, seit ich vor fast drei Jahren damit begonnen habe, den Nuclear Hotseat zu produzieren. Manchmal habe ich mich gefragt, ob dem überhaupt jemand irgend eine Aufmerksamkeit schenkt; oft habe ich die Sache fast beendet. Aber irgend etwas ließ mich weitermachen. Und nun kann ich es nicht nicht machen. Es gibt zu viele Geschichten, zu viele Leben stehen auf dem Spiel, es gibt zu viele Informationen, die von den Massenmedien nicht transportiert werden. Warum bin ich die einzige Reporterin jenseits der unmittelbaren Umgebung von Carlsbad, New Mexico, die über WIPP Woche für Woche berichtet? Das ergibt keinen Sinn! Aber so ist unsere Welt nun. Unwissenheit, Anschein und Redensarten triumphieren über Intelligenz.

Ich hatte gerade eine Auseinandersetzung auf Facebook mit einem meiner geschäftlichen Ratgeber, denn er war so begeistert über das Sushi-Essen, das er gerade zu sich genommen hatte, aber ich habe infrage gestellt, ob er sich der Probleme überhaupt bewusst ist, die beim Verzehr von Fisch aus dem Pazifik nach Fukushima auftreten können. Er hat mich als Spaßverderber bezeichnet.

Mag sein. Ich war die meiste Zeit meines Lebens der allgemeinen Betrachtungsweise gegenüber kritisch eingestellt. Ich halte weiterhin Ausschau nach Möglichkeiten, um etwas zum Positiven zu verändern, setze alle meine vielen Talente ein – diese sind allerdings karrieretechnisch nur schwer zu vermarkten –, um sie für mich nutzbar zu machen. Beim Nuclear Hotseat ist das der Fall. Die Website vom Nuclear Hotseat ist also zurzeit nicht erreichbar. Ja, und? Die einzelnen Folgen sind überall verstreut versteckt. Nichts davon geht verloren – nur ein bisschen Zeit. Und im Laufe dieser Geschehnisse habe ich ein paar wertvolle Lektionen gelernt. Ich delegiere nun gewisse Aspekte, die ich selbst nicht leisten kann. Ich bin äußerst ermutigt durch die Anzahl derer, die sich zu meiner Unterstützung zu Wort gemeldet haben, die ihre eigenen Fähigkeiten angeboten haben; auch durch die vermehrten Spenden (das haben die wohl nicht erwartet) und durch alle diejenigen, die ihren rechtschaffenen Ärger über das ausgedrückt haben, was mir zugestoßen ist. Ihnen allen möchte ich aus ganzem Herzen danken.

Was euch Atomtäter angeht (ihr wisst schon, wer ihr seid, die ihr mir zuhört und zufrieden in euch hineinkichert): ihr seid in Bezug auf die Konsequenzen eurer Handlungen nicht unantastbar! Strahlung macht zwischen den Körpern von Atomkraftbefürwortern und Atomkraftgegnern keinen Unterschied. Sie zerstört alles Lebendige, seine genetische Zukunft, macht keine Unterschiede. Eines Tages, vielleicht in gar nicht allzu weit entfernter Zukunft, werdet ihr aufwachen und begreifen, was ihr getan habt: wozu ihr euch selbst und eure genetischen Nachfahren verdammt habt. Zu diesem Zeitpunkt wird euch ein Bedauern überkommen, das ans Ende der Zeit anhalten wird.

Was mich aber angeht: Ich werde tun, was ich kann, wie auch immer und so lange wie nur möglich, denn ich weiß, dass dies es letztendlich sein wird, was erfolgreich sein wird. Gandhi hat gesagt: Zuerst ignorieren sie dich, dann machen sie sich über dich lustig, dann attackieren sie dich – und dann hast du gewonnen. Drei Stufen liegen nun hinter mir, es bleibt also nur noch eine.

Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Vergnügen; nicht mehr, seitdem ich die Anklageschrift gegen meinen Vergewaltiger eingereicht habe.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #146: Malware Attack: Statement By Libbe HaLevy http://www.nuclearhotseat.com/blog/: Access denied
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).   www.afaz.at April 2014 / v1

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01.04.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 145

Stimmen aus Japan:
Toshio Yanagihara: Anwalt

Katsumi Hasegawa: Vater und Flüchtling

T Yanagihara. Quelle: http://www.save-children-from-radiation.org/2013/02/23/evacuate-the-children-japanese-citizens-demonstration-takes-place-in-shinjuku-tokyo/


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Wir setzen unsere Serie über diejenigen fort, deren Leben durch die weiterhin andauernde Katastrophe von Fukushima durcheinandergewirbelt wurde. Stimmen aus Japan ist eine fortlaufende Serie, die mit Folge #142 startete, der Sondersendung zum Jahrestag des Atomunfalls in Fukushima. Nuclear Hotseat bietet Betroffenen die Möglichkeit, sich direkt an die Menschen rund um den Erdball zu wenden. Immer noch leben viele Leute in den verseuchten Gebieten in Fukushima. Sie sind gezwungen zu bleiben, weil sie familiäre Verpflichtungen haben oder aber aus wirtschaftlichen Gründen. Sie leben mit der Sorge, dass die ununterbrochene Strahlenbelastung in der Zukunft zu Gesundheitsproblemen führen wird; Regierung auf Ebene des Bundes und der Präfekturen haben aber keine Unterstützungen für eine Evakuierung gewährt. Sie sagen, dass eine Belastung durch Niedrigstrahlung – in ihren Augen alle Werte niedriger als 20 Millisievert (mSv) pro Jahr – keine negativen Gesundheitsauswirkungen haben. Die Gemeinschaftsklage ist der Versuch, in dieser Lage zumindest die Kinder vor einer weiteren Belastung zu schützen. Es wurde argumentiert, dass Kinder ein Anrecht auf Ausbildung an einem sicheren Ort haben, einem, an dem die Strahlungswerte kleiner als 1 mSv pro Jahr sind. Das Verfahren wurde bereits zwei Mal angestrengt und jedes Mal zurückgewiesen. Toshio Yanagihara ist der Anwalt, der die Klage eingebracht hat. Er erklärt uns in diesem Bericht mehr über die komplizierten Details in diesem Verfahren.

Herr Yanagihara, das von Ihnen angestrengte Verfahren landete nun ein zweites Mal vor dem hohen Gericht in Sendai, doch die Entschlussfassung fiel wieder nicht zu Ihren Gunsten aus. Die Begründung ist sehr schwer zu verstehen. Können Sie uns die Hintergründe näher erläutern?

Toshio Yanagihara: Diese Rechtsstreitigkeit wird auf zwei Ebenen abgehandelt: Zum einen gibt es ein wissenschaftliches Verfahren, in dem die wissenschaftlichen Grundlagen untersucht werden, die diesen Fall berühren, daraufhin wird eine Entscheidung getroffen. Erst auf der Basis dieser Entscheidung wird nun geprüft, welche Gesetze bei diesem Prozess zur Anwendung kommen. Der einzigartige Ausgang dieser Gemeinschaftsklage über die Evakuierung war, dass in diesem wissenschaftlichen Teil des Verfahrens 99% der Entscheidung in unserem Sinne waren. Wir haben argumentiert, dass Gesundheit und Leben der Kinder auf Grund der Belastung durch Niedrigstrahlung ernsthaft gefährdet sind. Das Urteil räumte sogar ein, dass die einzige Methode, wie die Gesundheit der Kinder geschützt werden kann, in einer Evakuierung bestünde. Anfänglich ließ uns diese offizielle Schlussfolgerung vermuten, dass wir den Fall gewonnen hätten. Man könnte sogar sagen, dass diese erste Phase für uns in geradezu idealer Weise verlaufen war. Als wir dann aber den zweiten Abschnitt erreichten, veränderte sich die Situation. Es wurden eine ganze Menge an Schlussfolgerungen aufgeboten, aber einfach gesagt, war der Gedankengang nun folgender: Obwohl es für Kinder gefährlich sei, sollten die Familie aus eigenen Stücken die Region verlassen, wenn sie der Ansicht sind, dass Gefahr droht. Aber die Regierung ist doch verpflichtet den Kindern für ihre Erziehung einen sicheren Ort zur Verfügung zu stellen! Diese Verpflichtung haben wir unterstrichen. Unglücklicherweise stellte sich die Verwaltung von Koriyama auf den Standpunkt, dass sie im konkreten Fall nicht verpflichtet sei. Ich war sehr überrascht, dass das Gericht auf der einen Seite sagen würde, die Kinder seien in Gefahr, anderseits aber die Schlussfolgerung ablehnen würde, dass eine Evakuierung erforderlich ist.

Libbe HaLevy: Es hat den Anschein, dass eine rechtzeitige Evakuierung der Kinder schwerlich durchführbar sein wird. Was wird Ihrer Meinung nach weiter passieren und gibt es irgendwelche Bemühungen, diesen Kindern trotz der verfahrenen Situation zu helfen?

Toshio Yanagihara: Ich möchte das eigentlich gar nicht sagen, aber in Tschernobyl dachten alle nach vier, fünf Jahren, der Unfall sei nun Geschichte, man könne wieder zum normalen Leben zurückkehren. Nach dieser Zeitspanne von fünf Jahren explodierten die negativen Gesundheitsauswirkungen aber geradezu. Die Menschen waren entsetzt. Sie hatten das Gefühl, dass man sie belogen, ja betrogen hatte. Sie wurden sehr wütend. Ihre Proteste führten schließlich dazu, dass Standards für die Evakuierung der Bevölkerung eingeführt wurden. Wir haben das Beispiel Tschernobyl. Ich will nicht wiederholen, was dort geschah. Daher haben wir die Gemeinschaftsklage zur Evakuierung angestrengt. Es war nicht leicht. Die Medien haben uns ignoriert und wir wurden falsch verstanden. Im Februar dieses Jahres wurde verlautbart, dass man bei 74 Kindern bereits Schilddrüsenkrebs festgestellt hat. Das ist verglichen mit Weißrussland die dreifache Anzahl von Kindern, nachdem drei Jahre verstrichen sind. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Gefährlichkeit der Situation. Neben Schilddrüsenkrebs wird es auch zu anderen Auswirkungen auf die Gesundheit kommen, wie Leukämie und Erkrankungen des Immunsystems. Schilddrüsenkrebs ist nur eine der Gesundheitsbeeinträchtigungen, es ist aber auch ein Indikator für Anderes, das ebenso im Argen liegen dürfte. In Weißrussland schnellten die Gesundheitsprobleme nach den ersten vier, fünf Jahren in die Höhe. Bald werden diese vier, fünf Jahre nach Fukushima vorüber sein. Ich will nicht wissen, wie groß die Panik dann werden wird. Ich denke also, die einzig gangbare Lösung besteht in der Evakuierung. Wir müssen mit unseren Anstrengungen daher zurück zum Ausgangspunkt und neu beginnen.

Ein Verfahren wie dieses anzustrengen ist sehr seltsam. Mitglied des Oberhauses Taro Yamamoto sagt: „Warum müssen wir so einen Prozess anstrengen? Wenn die Regierung eine klare Evakuierungspolitik hätte, dann müsste man dieses Verfahren nicht einbringen! Da die Regierung aber nichts getan hat, müssen die Bürger ihre Unzufriedenheit irgendwie ausdrücken können. Dieser Prozess sagt: 'Was um Himmels Willen tut ihr da?'Ich bin beschämt, dass ich einen Fall wie diesen einbringen muss. Es ist eine Schande für die japanische Regierung. Drei Jahre sind bereits seit dem Unfall verstrichenaber es gibt keine klare Evakuierungspolitik. Auf einen Gerichtsentscheid zu warten verzögert nur die Hilfe für die Kinder. Wir sind daher der Ansicht, dass wir über die Prozessanstrengungen hinausgehend ein Projekt auf den Weg bringen sollten, das freiwillige Evakuierungen unterstützt. Ab April dieses Jahres unterstützen wir ein langfristig angelegtes Evakuierungs-Internatsprojekt, zusammen mit der Stadt Matsumoto in Nagano. Der dortige Bürgermeister, Dr Akira Sugenoya, hat fünfeinhalb Jahre in Tschernobyl als freiwilliger medizinischer Helfer verbracht, wo er eine große Anzahl von Schilddrüsenoperationen durchgeführt hat. Dieses Projekt trägt den Namen Matsumoto-moro und es gibt weitere Gemeinden und Bürgervereinigungen, die ähnliche Programme einrichten wollen. Unsere Bemühungen, den Kindern zu helfen, ruhen nun auf zwei Säulen: Die Sammelklage bezüglich einer Evakuierung und dieses Internatsprogramm. Wir hoffen, dass uns alle mit Spenden aushelfen werden oder zumindest diese Projekte bekannt machen. Sie können uns gerne kontaktieren. Wir warten auf Ihren Anruf.

Libbe HaLevy: Ein Video von Toshio Yanagihara aus dem Jahr 2012 mit englischen Untertiteln, in dem Herr Yanagihara vor den Vereinten Nationen spricht, und weitere Links zu dieser Geschichte können Sie auf unserer Website http://www.nuclearhotseat.com/blog/, Folge 145, finden.

Katsumi Hasegawa lebte mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Koriyama City, gute 50 Kilometer von Fukushima Daiichi entfernt. Koriyama wurde durch den Unfall in Fukushima stark kontaminiert, aber die japanische Regierung hat keinen Evakuierungsbefehl gegeben. Im August 2011 sind Hasegawa und seine Familie aus eigenen Stücken nach Shizuoka geflohen, 300 Kilometer von Fukushima entfernt. Seither ist Herr Katsumi ein unverblümter Kritiker der Regierung und ihrer Programme geworden, ein rastloser Verteidiger der Kinder und ihrem Recht auf Schutz vor Strahlung. Am 4. März dieses Jahres war er Teil einer Delegation, die mit dem amerikanischen Sprachforscher, Philosophen und Menschenrechtfürsprecher Noam Chomsky in Tokio zusammengetroffen ist, um die schwierigen Bedingungen, denen die Opfer des Unfalls von Fukushima ausgesetzt sind, zu besprechen.

Katsumi Hasegawa: Fünf Monate nach dem Unfall von Fukushima entschloss sich meine gesamte Familie zur Evakuierung, obwohl sich Fukushima wirtschaftlich zu erholen schien. Bei dem Versuch, die Gesundheit unserer Kinder zu schützen, stießen wir auf viele Unwägbarkeiten. Es hat uns einiges abverlangt, uns für eine „freiwillige“ Evakuierung zu entscheiden. Nach vielen langen Unterredungen, die oft bis spät in die Nacht andauerten, haben wir uns dazu entschlossen. Auch wenn manche sagen würden, dass wir unsere Jobs, unsere Geburtsstadt und unsere Glaubwürdigkeit wegwürfen, so kamen wir zu der Überzeugung, dass das einzige, was wir nicht wegwerfen konnten, unsere Kinder sind. Wir waren auf diese Reaktionen vorbereitet und sind stolz auf unseren Entschluss. Wenn unsere Kinder in vielen Jahren krank würden, dann wäre es unmöglich, ihre Gesundheit zurückzugewinnen – auch dann nicht, wenn die Regierung für die Gesundheitsversorgung aufkäme. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Auswirkungen nicht nur unsere Kinder beträfen sondern selbst die DNA unserer Enkel in Mitleidenschaft zögen. Es gibt niemanden, der die Verantwortung für so ein Ergebnis übernehmen könnte. Ich kam also zu dem Entschluss, den Weg einer freiwilligen Evakuierung zu gehen.

Auch heute leben noch viele Kinder in Fukushima. Aber bis heute, drei Jahre nach der Katastrophe, lassen lokale Regierungen und der Bund eine Dosis von 20 mSv pro Jahr zu. Es gibt sogar Leute, die behaupten, es gäbe auch bei 100 mSv keine Beweise für Schädigungen, das wäre gar kein Problem. Ist das aber tatsächlich eine korrekte Einschätzung? Wenn keine absolute Sicherheit über die Richtigkeit dieser Annahme besteht, dann sollten wir besser das Vorsorgeprinzip beachten und unsere Kinder und Nachfahren schützen. Wir müssen zu dem elementaren Grundsatz zurückkehren, dass wir die Gesundheit und Zukunft unserer Kinder schützen müssen. Die Haltung der Lokal- und Bundesregierung sieht eine kollektive Evakuierung der Kinder nicht vor. Die Kinder sind die Opfer dieser von Menschen verursachten Katastrophe. Diese Politik, bei der eine freiwillige Evakuierung die einzige Wahlmöglichkeit ist, die uns bleibt, um Gesundheit und Leben unserer Kinder zu schützen, diese Politik verhöhnt das menschliche Leben und verstößt gegen das Menschenrecht. Ich hoffe, dass sich die Situation so bald wie möglich bessert und dass die Menschenrechte für die Opfer dieser von Menschen herbeigeführten Katastrophe wieder gelten werden.

Es gibt zwei Gründe, warum ich mich zu diesem Thema äußere und warum ich dies auch in Hinkunft tun werde: Der erste ist mein Blickwinkel als Opfer eines Atomunfalls. Der zweite ist meine Verantwortlichkeit als Verursacher dieses Unglücks. Ich hoffe, dass man sich uns überall auf der Welt anschließen und die Stimme erheben wird, damit den Kindern nicht die Zukunft genommen wird.

Abschließend würde ich gerne noch ein Gedicht vorlesen, das ich über die Situation geschrieben habe:

Früher Nachmittag.
Sohn und Tochter spielen an meiner Seite.
Mein kleines Mädchen kichert und krabbelt auf ihren großen Bruder zu.
Du liebst deinen großen Bruder, nicht wahr?“ sagt mein Sohn voller Stolz.
Ist die Strahlung bereits dabei, meinen Kindern etwas anzutun?
Ist sie in ihre kleinen Körper eingedrungen?
Habe ich irgendeine Möglichkeit, ihnen all dies zu ersparen?
Für welchen Zweck dient der Verstand der Erwachsenen – wenn nicht diesen Kindern?
Papa und Mama werden euch immer schützen.
Selbst wenn wir zuerst sterben, wir werden euch schützen – für alle Zeiten.

Libbe HaLevy: Katsumi Hasegawa. Der Link, um sich am Matsumura Projekt eines Internats für Kinder aus Fukushima zu beteiligen, wird auf Nuclear Hotseat unter Folge 145 zu finden sein. In den kommenden Wochen werden wir noch weitere Stimmen aus Japan hören – Aussagen von den Menschen, welche die Katastrophe von Fukushima direkt betrifft. Sie sprechen so zu Ihnen und zur ganzen Welt, denn in ihrem eigenen Land werden sie nicht gehört. Wir werden diesen Sendungsteil immer in einer englischen und in einer japanischen Version anbieten.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at   Quelle: Nuclear Hotseat #145: Voices From Japan: Lawyer Toshio Yanagihara   http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at April 2014 / v1

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01.0 4.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 145

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock

vom Southwest Research and Information Center

Teil 5

Quelle: http://ja.wikipedia.org/wiki/%E3%83%95%E3%82%A1%E3%82%A4%E3%83%AB:Waste_Isolation_Pilot_Plant_2004.jpg


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Es folgt das Neueste über die Entwicklungen bei der zurzeit wichtigsten Atomgeschichte in den USA, eine weitere Untersuchung der radioaktiven Freisetzungen vom 14. Februar durch die Pilotanlage für Atommüll-Endlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in Carlsbad, New Mexico. Wir sprechen ein weiteres Mal mit Don Hancock vom Southwest Research and Information Center, das seinen Hauptsitz in Albuquerque im gleichen Bundesstaat hat. Don war schon bisher wie ein Fels in der Brandung, der uns stets mit verlässlichen, glaubgwürdigen Informationen darüber versorgt hat, was in der Anlage von WIPP vor sich geht. Don, wie ist der aktuelle Stand bei WIPP?

Don Hancock: Nun, es hat sich nicht sehr viel verändert. Wir wissen immer noch nicht, was genau passiert ist und warum es passiert ist, also die wichtigsten Dinge. Mit dem heutigen Tage aber sollen einige Arbeiter – 8 Arbeiter, um genau zu sein – unter Tage geschickt werden. Sie sollen mit einem Ablauf beginnen, der Tage oder sogar Wochen benötigen wird (wahrscheinlich Wochen oder sogar noch länger), und versuchen herauszufinden, was eigentlich geschehen ist, und was weiter getan werden könnte. Die Arbeiter, die nun in das Bergwerk einfahren, werden mit diesem Prozess heute beginnen.

Libbe HaLevy: Welche Art besonderer Schutzkleidung werden sie tragen, wenn sie sich an diesem sehr speziellen Ort aufhalten?

Don Hancock: Angeblich wurden diese Arbeiter entsprechend geschult und es steht ihnen eine Anzahl an unterschiedlichen Ausrüstungsgegenständen zur Verfügung. Darunter befinden sich zwei verschiedene Atemschutzgeräte: Eines davon funktioniert ca eine Stunde lang, das andere sehr viel länger. Sie haben unterschiedliche zusätzliche Schutzausrüstung, vermutlich, um sich der vorgefundenen Situation unmittelbar anpassen zu können. Sie werden natürlich auch mit Strahlenmessgeräten ausgerüstet sein und, was besonders wichtig ist, Spürgeräte für [? unverständlich] Chemikalien und organische Verbindungen mit sich tragen, denn im Müll von WIPP befindet sich sowohl Radioaktivität (241Americium und verschiedene Plutoniumisotope, darunter 239), aber es finden sich dort ebenso eine Vielzahl von verschiedenen giftigen Chemikalien. Man benötigt also zusätzlichen Schutz und die passenden Sensoren für Chemikalien. Das Energieministerium (Department of Energy, DoE) behauptet, diese Leute wurden sorgfältig ausgebildet und sie seien mit allem Nötigen ausgestattet. Einer der Gründe, warum diese erste Vorhut gebraucht wird, um ein Basislager zu errichten, ist, dass man sicherstellen will, dass es zwei Wege gibt, auf denen man die Mine betreten und auch wieder verlassen kann, falls etwas Unvorhergesehenes passiert. Des Weiteren soll getestet werden, ob die Kommunikation mit der Oberfläche reibungslos verläuft, damit die Gruppe – falls nötig – auch wieder rasch aus der Mine herauskommt.

Libbe HaLevy: Was weiß man inzwischen über die radioaktiven Freisetzungen? Ich habe mehrfach gelesen, dass es sich um zwei unabhängige Spitzen [bursts ?; unklar; AdÜ] gehandelt haben soll, aber ich habe auch gelesen, dass eine ununterbrochen andauernde Freisetzung aus der Anlage über die Entlüftung möglich sein könnte. Was wurde von den Behörden zugegeben und was weiß man darüber?

Don Hancock: Das Energieministerium redet gerne von einem einmaligen Ereignis, obwohl ihre eigene Modellstudie, die im März veröffentlicht wurde, besagt, dass dieses „einmalige Ereignis“ mehr als 15 Stunden angedauert hat. Die Rohmessdaten davon von dem, was da aus dem Untergrund aufsteigt und was abgefangen wird, also ein Vergleich von dem, was vor und nach dem Filter gemessen wird, zeigt, dass es andauernd Freisetzungen gegeben hat – im Grunde rund um die Uhr. Es handelt sich hier um sehr viel niedere Werte als in den ersten drei bis vier Tagen, aber es kommt weiterhin zu Freisetzungen in der unterirdischen Anlage, die dann gefiltert werden. Etwa ein Becquerel kommt aus dem sogenannten B Filtersystem und wird in die Umwelt abgegeben. Die größten Freisetzungen scheinen also am Anfang stattgefunden zu haben, zwischen dem 14. und 15. Februar, vielleicht noch weiter bis zum 17., aber obwohl die gemessenen Werte nie konstant sind, also fluktuieren, so wird doch kontinuierlich Radioaktivität im Untergrund gemessen und dann in kleinerem Umfang in die Umwelt geblasen. Aber warum es nun dazu kam, wie viel Strahlung freigesetzt wurde und wie viel Kontamination unter Tage zu erwarten ist, wie lange diese Freisetzungen anhalten und ob es zu weiteren Freisetzungen kommen könnte, wissen wir nicht, da wir die Situation im Bergwerk nicht kennen.

Libbe HaLevy: Wurde das Erdreich [an der Oberfläche; AdÜ] bereits getestet?

Don Hancock: Das DoE, die Umweltschutzbehörde von New Mexiko und das Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center führten jeweils Bodenproben durch. Nur das Energieministerium hat Daten zu einer kleinen Anzahl ihrer Proben freigegeben. Diese geben an, dass die Kontamination unterhalb der Auflösungsschwelle der eingesetzten Apparaturen liegt. Wir sind der Meinung, dass es nicht sehr glaubwürdig ist, wenn 21 Arbeiter die Kontamination eingeatmet haben, dass somit die einzige Stelle, an der eine Verseuchung festgestellt wird, die Arbeiter selbst sind – es muss auch zu einer Kontamination des Bodens gekommen sein. Die vom DoE selbst erstellten Modellrechnungen zeigen, dass es rund um die Anlage zu weitreichenden Verseuchungen gekommen sein muss. Es müssen also noch sehr viel mehr Proben untersucht werden und die Messwerte, die bei diesen Proben eruiert werden, müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch das ist also eines der vielen Dinge, die wir nicht wissen, wie viel von diesem Zeug herausgekommen ist und wo es sich jetzt befindet.

Libbe HaLevy: Die Zahl der kontaminierten Arbeiter ist nun auf 21 gestiegen, um 4 mehr, als zu dem Zeitpunkt, als wir uns zuletzt unterhalten haben. Ist zu erwarten, dass diese Zahl weiter ansteigen wird?

Don Hancock: Wir wissen nicht, ob sie weiter ansteigen wird. Wir wissen, dass mehr als 40 Arbeiter immer noch auf die Ergebnisse ihrer Untersuchungen warten, der Urin- und Stuhlproben sowie der Ganzkörpermessungen. Mit anderen Worten: Die Tests wurden gemacht, aber die Laborberichte sind noch nicht da. Es ist also sehr wohl möglich, dass es schlussendlich mehr als 21 Arbeiter sein werden. Ja, wir glauben, dass es unglücklicherweise möglich ist, dass es dazu kommt. Das ist nicht zu akzeptieren; es waren 13 Arbeiter über Tage in der Anlage, als die Freisetzungen begannen, es gab keinen Grund dafür, dass andere Arbeiter zur Anlage kamen, die dann kontaminiert wurden. Es handelt sich dabei also um einen massiven Fehler auf Seiten des DoE und der für den täglichen Betrieb zuständigen Firma. Natürlich hätte überhaupt niemand kontaminiert werden sollen, denn es hätte auch in 10.000 Jahren zu keinerlei Freisetzungen kommen dürfen. Die Tatsache also, dass alle Arbeiter, die zum Zeitpunkt der ersten gemessenen Freisetzungen auf der Anlage waren, kontaminiert wurden, ist abscheulich und dass dann noch mehr Arbeiter verseucht wurden, ist einfach nicht hinnehmbar. Den ersten Arbeitern wurde am 26. Februar gesagt, dass sie kontaminiert wurden: 12 Tage nach dem Vorfall. Bei den letzten 4 Arbeitern ist mehr als ein Monat verstrichen, bevor ihnen gesagt wurde, dass sie kontaminiert worden seien. Diesen 4 Arbeitern war vorher aber gesagt worden, sie seien nicht kontaminiert worden.

Dies ist also ein andauernder, fürchterlicher Vorfall, bei dem weder das DoE noch die angeheuerte Firma weiß, was vor sich geht und auch die Arbeiter keine Informationen erhalten. Soweit wir auf dem Laufenden sind, hat das DoE keinem einzigen dieser 21 Arbeiter angeraten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist eine weitere der erschreckenden Praktiken, die das DoE zur Zeit anwendet.

Libbe HaLevy: Bekommen diese Arbeiter, soweit Sie informiert sind, denn überhaupt irgendeine medizinische Behandlung?

Don Hancock: Ich weiß es nicht. Wie ich bereits sagte, das Energieministerium hat sich nicht absolut eindeutig darüber geäußert, aber meinen eigenen und so manchen Nachforschungen der Medien zu Folge scheint es so zu sein, dass das DoE keinerlei medizinische Behandlung empfiehlt. Wir wissen, dass das DoE keine weiteren eigenen Tests oder Untersuchungen plant, nicht bei diesen 21 Arbeitern und noch viel weniger bei irgend jemand anderem. Öffentlich ist nichts darüber bekannt, dass die 21 Arbeiter medizinisch versorgt werden. Wir hoffen, dass dies geschieht, einige der Arbeiter sind gewerkschaftlich organisiert und es gab Diskussionen innerhalb der Stahlarbeitergewerkschaft über die Notwendigkeit einer medizinischen Behandlung bzw einer unabhängigen Gesundheitsberatung, aber wir wissen nicht, ob dies geschieht oder nicht.

Libbe HaLevy: Der frühere Direktor des Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center, James Conca, sagte, dass die Anlage wohl mindestens ein Jahr schließen müsse, während die bekannte Aktivistin Dr Helen Caldicott meinte, WIPP würde wohl nie mehr wieder in Betrieb genommen werden können.

Don Hancock: Für wie glaubwürdig halten sie diese Vorhersagen? Wir wissen es nicht, niemand kann das wissen, auch das Energieministerium selbst hat nichts darüber verlautbart, wann oder ob WIPP wieder in Betrieb geht. Es ist eine Tatsache, dass wir einige der fundamentalen Dinge – die wir aber in Erfahrung bringen müssen –, wie die Ursache für die Freisetzungen, ob man sie eindämmen kann, ob der unterirdische Bereich dekontaminiert werden kann, wie man die Erdoberfläche dekontaminieren kann, wie man mit den Gesundheitsproblemen der Arbeiter weiter verfahren kann, etc – nicht kennen. Wir wissen aber, dass es weltweit kein anderes Beispiel für ein Salzbergwerk gibt, das mit Radioaktivität und giftigen Chemikalien dermaßen verseucht wurde. Es gibt also keine Erfahrungswerte, wie man mit dieser Situation umgehen soll, es ist alles von Grund auf neu. Es wird schwierig werden, wenn nicht ganz und gar unmöglich, jedenfalls aber extrem teuer, die Mine zu dekontaminieren. Beruhend auf meinen eigene Erfahrung im Umgang mit dem DoE über 48 Jahre hinweg finde ich es absolut undenkbar... Ich hoffe, dass sie, wenn sie keine komplette Säuberung durchführen können, beschließen werden, die Anlage zu schließen. Aber meine Erfahrung sagt mir, dass wahrscheinlich verlautbart werden wird, dass eine Wiederinbetriebnahme möglich ist, dass eine gewisse Säuberung möglich ist, sie werden irgendetwas auf die Wände spritzen, um so zu versuchen, die Kontamination zu fixieren, damit eine Einfahrt der Arbeiter wieder möglich, usw usf. Diese Arbeiter werden dann durch die Strahlung belastet werden, so lange diese Anlage befüllt wird; aber das wird wohl „annehmbar“ sein. Ich bin nicht dieser Meinung, aber das ist, was möglicherweise passieren wird, und der Grund, warum ich und andere Leute die Ansicht vertraten, dass es zu einer technischen Untersuchung durch unabhängige Experten kommen sollte: Diese sollten feststellen, was passiert ist, wie man damit umgehen kann und ob eine Dekontamination möglich ist, welche Optionen für eine Dekontamination bestehen und wie man sich am besten um die Arbeiter (und möglicherweise die Bevölkerung) kümmert. Ich sagte ja bereits, dass es lange gedauert hat, bis die Arbeiter über ihre Kontamination informiert wurden, sie waren in der Zwischenzeit in ihren Fahrzeugen, in ihren Wohnungen, sie waren in Kontakt mit ihren Familienmitgliedern, daher benötigen wir meiner Meinung nach eine sorgfältige Untersuchung dieser Familienmitglieder, der Wohnungen und Fahrzeuge, aber wir benötigen auch unabhängige Analysen und Mediziner, und wir benötigen weiterhin unabhängige Techniker, um festzustellen, was passiert ist, warum es passiert ist und welche Form der Dekontamination durchgeführt werden könnte – falls das überhaupt möglich ist.

Libbe HaLevy: Vielen Dank, Don! Wir werden weiter in Verbindung bleiben, um weiterhin Neuigkeiten darüber zu erhalten, was in der Anlage von WIPP passiert.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #145: NM Radiation Leak Update w/Don Hancock update  http://www.nuclearhotseat.com/1853/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at April 2014 / v1

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25.03.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 144

Three Mile Island: 35. Jahrestag

Mit Beiträgen von: Arnie Gundersen, Mary Stamos,
Peter Bradford und Scott Portzline


Quelle: Dr Steven Wing; http://www.southernstudies.org/assets_c/2009/04/wing_tmi_cancer_map.html


[Sirenenton]

Libbe HaLevy: Was wir vergessen, ist unsere Angst.

Nach Fukushima erinnern wir Aktivisten, die wir für Vernunft im Umgang mit Atomkraft plädieren, aber auch die Medien, gerne an den Unfall, der sich im AKW Three Mile Island (TMl) ereignete: Am 28. März 1979. Aber wir gehen nicht weiter auf dieses Ereignis ein, berücksichtigen es nicht ausreichend. Zweifelsfrei gibt es unter den Hörern des Nuclear Hotseat einige, die damals noch nicht einmal geboren waren und daher nicht viel mehr über diesen Unfall wissen als das, was von den Medien, der Regierung und der Atomindustrie verbreitet wird: „Es ist nun einmal passiert, aber niemand ist gestorben, also eigentlich gar nicht der Rede wert.“ Und daraufhin wird man in einem typischen Gespräch zum Thema Atomkraft auf die offensichtlicheren Schrecken von Tschernobyl oder Fukushima überleiten.

Ich selbst kann Three Mile Island aber nicht einfach vergessen – denn ich befand mich vor Ort, nur einen guten Kilometer entfernt, zu Besuch bei einer alten Freundin, die [mit ihrem Partner; AdÜ]in diese Gegend gezogen war. Am ersten Tag hatte ich gar keine Ahnung von dem Unfall, denn ich war alleine im Haus meiner Freunde, beschäftigt damit, etwas niederzuschreiben, dabei lief weder das Radio noch der Fernseher. Da ich keine Medien wahrnahm, habe ich die ersten Warnungen versäumt. Das hörte sich damals so an:

Ein Störfall im Reaktorkühlsystem des AKWs bei Harrisburg in Pennsylvania zwang die Betreiberfirma dazu, einen allgemeinen Notfall auszurufen und Teile des Werkes für eine unbestimmte Zeitspanne außer Betrieb zu nehmen.“

Nur zwei Tage später eröffnete Walter Cronkite, einer der renommiertesten Nachrichtensprecher der USA in jener Zeit, auf CBS einen Sonderbericht mit den folgenden Worten:

Die Welt hat noch nie einen Tag erlebt, der mit dem heutigen zu vergleichen wäre: Sie ist mit den beträchtlichen Unsicherheiten und Gefahren des schwersten Atomunfalls in der Geschichte des Atomzeitalters konfrontiert. Der Schrecken besteht heute Abend darin, dass es noch viel schlimmer werden könnte. Es wird zwar keine Kernexplosion befürchtet; die Experten sagen, dies sei unmöglich. Aber das Schreckgespenst zweitgrößten anzunehmenden Atomunfalls steht im Raum, eine massiver Austritt von Radioaktivität. Die Atomaufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) sprach von der Möglichkeit einer derartigen Entwicklung. Wenn es auch wenig wahrscheinlich sei, so bestehe doch das Risiko einer atomaren Kernschmelze im Kraftwerk bei Harrisburg, Pennsylvania.“

Zu dem Zeitpunkt, als diese Aussagen Cronkites auf Sendung gingen, waren viele Ereignisse, die den weiteren Verlauf des Störfalles bestimmen würden, bereits passiert: die fehlerhafte Reaktion auf das Unglück und die Kette von Lügen, die daraufhin verbreitet wurden.

Der Unfall in Three Mile Island begann am Mittwoch, dem 28. März 1979, um 4 Uhr früh. Auslöser waren Defekte außerhalb des radioaktiv belasteten Teils der Anlage, bei sekundären Hilfsaggregaten. Daraufhin schloss sich auch noch ein Ventil nicht so, wie eigentlich vorgesehen, wodurch große Mengen von Kühlwasser aus dem Reaktor ausliefen. Das Versagen der Technik wurde durch Fehlverhalten des Personals noch verschlimmert, das anfänglich die Situation, nämlich einen Störfall, der durch Verlust von Kühlflüssigkeit hervorgerufen wurde (loss of coolant accident, LOCA), nicht richtig erkannteaufgrund von mangelhafter Schulung und menschlichem Versagen. Insbesondere führte eine nicht einsehbare Kontrolllampe dazu, dass einer der Reaktorfahrer das automatische Kühlsystem des Reaktors manuell außer Kraft setzte. Die Bedienmannschaft war zu dem Zeitpunkt nämlich zu dem Schluss gekommen, dass sich zu viel Wasser im Reaktor befände und dass es durch den Überdruck zu einem Abblasen von Dampf gekommen sei. Arnie Gundersen von Fairewinds Energy Education, der durch seine Expertisen eine angesehene Stütze der Anti-Atom-Bewegung geworden ist, war zur Zeit des Unfalls von Three Mile Island für die Atomindustrie tätig. Er ist inzwischen einer der weltweit renommiertesten Experten geworden, wenn es darum geht, zu beschreiben, was damals wirklich geschah. Die folgenschweren Fragen, die von ihm aufgegriffen werden, sind: Wie schwerwiegend war dieser Störfall von Beginn an? Wie viel Strahlung wurde in die Umwelt freigesetzt? Hätte eine Evakuierung angeordnet werden sollen und wenn ja, dann wann? Die folgenden Ausführungen von Arnie sind einem Video von Fairewinds.com entnommen, das sich Die drei Märchen über Three Mile Island nennt. Es ist im Hintergrund Marschmusik zu hören, die vor dem Veranstaltungsort des damaligen Symposiums aufspielte.

Arnie Gundersen: Um ca 7 Uhr früh kamen ein Ingenieur und sein Vorgesetzter durch allgemein akzeptierte Berechnungsmethoden zu dem Schluss, dass die Belastungen in Goldsboro 10 R [0,1 Gy?] pro Stunde betragen könnte. Es gibt da also eine anerkannte Methode, Leute haben sich jahrelang damit befasst, es war auch eine Methode, die in Three Mile Island zur Anwendung kam. Es handelt sich hier also um keine exotische Prozedur. Zufolge dieser Methode wäre eine Evakuierung zu veranlassen gewesen, daran gibt es gar keinen Zweifel. Es handelt sich um einen schriftlich abzuwickelnden Ablauf, der Leuten, die sich nicht in einer Krisensituation befanden, ebenso zur Verfügung stand. Um 7 Uhr, 7:30 Uhr wäre eine Evakuierung einzuleiten gewesen. Um 7:30 Uhr kontaktierte Three Mile Island die Regierung des Bundesstaates und gaben die 10 R pro Stunde durch, sagten aber dazu, dass diese Einschätzung wohl „zu konservativ“ sei. Eines der Dinge, die gesagt wurden, war, dass der Druck innerhalb des Sicherheitsbehälters nicht so hoch sei, wie eigentlich zu erwarten. Aber die Berechnungen zeigten, dass 10 R pro Stunde anzunehmen waren. In der Verwaltung des Bundesstaates wusste man also Bescheid,. Die Betrachtungsweise in Three Mile Island war aber die, dies sei „zu konservativ“, da der Druck nicht hoch genug sei. Nun, innerhalb dieser Berechnung gibt es keine vom Druck abhängige Variable. Es wurde also inmitten einer Krisensituation der vorgesehene Ablaufes nicht eingehalten, anstatt ihn der gegebenen Situation gemäß abzuarbeiten. Was in diesem Telefonat um 7:30 Uhr aber nicht weitergegeben wurde, ist die Tatsache, dass Mitarbeiter, die im Außenbereich arbeiteten, bereits eine erhöhte Belastung verzeichnen mussten. Es war in zumindest einem Fall bei einem dieser Angestellten, die sich auf dem Areal der Anlage aufhielten, zu einer Belastung von 20 mRem [200 µSv] gekommen. Es wurde den Behörden des Bundesstaates auch nicht mitgeteilt, dass bereits zu diesem Zeitpunkt alle Messstellen im Kraftwerk jenseits ihres Messbereichs angekommen waren.

Libbe HaLevy: Arnie Gundersen zufolge flog ein Helikopter um ca 7:30 Uhr nach Goldsboro, unmittelbar westlich des Kraftwerks von Three Mile Island, und es hieß, dass keine Strahlung gemessen worden sei. Aber es gibt ein paar Probleme mit dieser Einschätzung. An diesem Tag herrschte praktisch Windstille – der Helikopter war also bereits in Goldsboro, bevor die Schadstofffahne dort eingetroffen sein konnte. War die Radioaktivität also noch unterwegs? Ein weiteres Problem besteht darin, dass diese Abluftfahne wohl äußerst schmal und damit auch konzentriert war. Hätte sich der Helikopter nur um 6° neben der Abluftfahne befunden, also nicht direkt im Zentrum, dann wären die Dosismessungen um einen Faktor von 10.000 verfälscht worden. Und schließlich: Der Helikopter erreichte die Anlage um 8:30 Uhr, nicht um 7:30 Uhr. So wie ursprünglich kolportiert.

Zu diesem Zeitpunkt versuchten verängstigte Reaktorfahrer im Kontrollraum verzweifelt herauszufinden, was denn nun zu tun sei. Es folgen die Aufzeichnungen eines Diktaphons, das entweder unbeabsichtigt oder geplant in Betrieb war und somit aufgezeichnet hat, wie die Leute klingen, auf die wir uns bei so einer Art Unfall verlassen müssen, wenn sie versuchen herauszufinden, was eigentlich zu tun ist. Die Tonqualität ist nicht gut, hören Sie genau hin, wie das Problem besprochen und eine Evakuierung kurz in Erwägung gezogen wird.

...von was für einem Zeitmaßstab reden wir hier?“

Stunden.“

Stunden, vor was?“

Einer Kernschmelze.“

Einer Kernschmelze?“

Ah, Sie hätten Stunden, bevor die Spaltprodukte im Falle einer Kernschmelze durch den Sicherheitsbehälter vordringen. Ich glaube, ah, wisst ihr, das ist das Beste, was wir anbieten können, Joe. Aber ihr werdet's nicht glauben. Wir haben...“

Nun, glauben Sie nicht, dass vorsorglich eine gewisse Evakuierung eingeleitet werden sollte?“

[Lange Pause]

Wahrscheinlich, aber wir arbeiten hier im totalen Blindflug und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, dass ein Evakuierungsbefehl die Leute nicht an einen Ort bringen würde, wo sie mindestens die Dosis abbekommen, die sie dabei abbekommen würden, an diesen Ort zu gelangen und wo sie, ah...“

...einen weiteren Anteil, wissen Sie?...“

Sie werden 0,5 dem, was sie abbekommen, hinzufügen und sich nun zu einem anderen Ort begeben und Eins-Komma-Null abbekommen, äh...“

Joe?“

Jawohl, Sir!“

Ich glaube, ich sollte besser den Gouverneur anrufen?“

Ja, Sir, ich denke Sie sollten besser unverzüglich mit ihm sprechen.“

Machen Sie es gleich, wir sind hier so gut wie im Blindflug...“

Sie geben zu, dass sie ihre Entscheidungen so gut wie im Blindflug getroffen haben. Das war die Grundlage, auf der beschlossen wurde, keine Evakuierung durchzuführen.

Mary Stamos ist eine langjährige Einwohnerin von Middletown, Pennsylvania. Sie lebte – und lebt auch heute noch – gerade einmal 10 km Luftlinie von der Anlage entfernt. Sie befand sich genau im Zentrum der Abluftfahne, auch wenn sie dies damals nicht wusste.

Mary Stamos: Ich bin die Einfahrt hinuntergegangen und es war wirklich merkwürdig, denn die Luft war metallisch. Ich wusste nicht, atme ich das nun oder schmecke ich es nur, ich sah um mich herum, was denn da los ist. Besonders seltsam war Folgendes: Es war ein wunderschöner, sonniger Morgen, aber nirgends war ein Vogel. Am Tag zuvor hatten die Vögel überall gezwitschert. Ich habe gerätselt, was da wohl los ist, aber ich hatte keine Ahnung.

Libbe HaLevy: Mary Stamos wusste nicht, was da los war, und die Atomaufsichtsbehörde NRC wusste es genau so wenig. Peter Bradford war ein Kommissionsmitglied im Vorsitz der NRC zur damaligen Zeit und hatte zuvor eng mit Ralph Nader zusammengearbeitet. Hier sind seine Erinnerungen an diesen Morgen:

Peter Bradford: Am Morgen des 28. März erreichten die Kommissionsmitglieder einige Meldungen, aber ich kann mich heute nicht mehr im Detail erinnern, wie dringlich diese Meldung waren. Es war nichts besonders Dramatisches, es waren Meldungen über einen ungewöhnlichen Vorfall im Kraftwerk. Wenn ich mich richtig erinnere, dann war das eine Form der Benachrichtigung, wie wir sie fünf oder sechs Mal im Jahr über Ereignisse in verschiedenen AKWs erhielten. Es war ein Hinweis, dass etwas vorgefallen war, das nicht dem routinemäßigen Ablauf entsprach, aber es gab kein Anzeichen für die besondere Brisanz der Vorgänge auf Three Mile Island.

Libbe HaLevy: Arnie Gundersen sprach von einem zweiten Zeitfenster, in dem eine Evakuierung angeordnet werden hätte können, zwischen 10 und 11 Uhr an diesem Vormittag.

Arnie Gundersen: Der nächste Zeitpunkt, an dem ein Evakuierungsbefehl meiner Meinung nach angebracht gewesen wäre, war um 10 Uhr vormittags – zwischen 10 und 11 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war bekannt, dass einige Temperaturfühler im Reaktorkern 1.150° C anzeigten. Normalerweise wird dort um die 260° gemessen. 1.150° bedeutet, dass es bei den Brennstäben gerade zu einer Reaktion zwischen Zirconium und Wasser kommt. Die Brennstoffhüllen sind aus Zirconium, diese binden Sauerstoffatome aus dem Wasser (H2O), dadurch bildet sich Wasserstoff. Um 10 Uhr war also bekannt, dass Wasserstoffgas am Entstehen ist. Es gab im Kern nicht ausreichend oder gar keine Kühlung. Weiters waren die Unregelmäßigkeiten bei den Reaktorkühlpumpen massiv, es sind Pumpen mit einer Leistung von 3.000, 4.000 PS. Die Energieaufnahme war aber sehr nieder. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie nicht mehr Wasser pumpten, sondern Dampf oder Luft. Weiters befinden sich bei einem Druckwasserreaktor Neutronenmessgeräte sowohl innerhalb des Kerns als auch außerhalb. Die Neutronensensoren außerhalb des Reaktors zeigten eine hohe Anzahl von Neutronen an. Das wiederum bedeutet, dass kein Wasser mehr im Kern war, das die Neutronen moderiert hätte. Selbst wenn der Reaktor außer Betrieb war, waren niemals so viele Neutronen außerhalb des Reaktorkerns gemessen worden. Das ist also ein Zeichen, dass kein Wasser mehr im Reaktor war und dass die Brennstäbe frei lagen. Außerdem lieferten die Messgeräte in der Kuppel des Sicherheitsbehälters um 10 Uhr tödliche Strahlungswerte, tausende R pro Stunde, ein weiterer Hinweis auf ein Schmelzen der Brennstäbe. Um 10 Uhr forderte das ärztliche Personal im Werk auch die Leitung dazu auf, ein Nebengebäude zu evakuieren. All dies ging also vor sich. Die Behörden wurden jedoch nicht darüber informiert, dass die Situation außer Kontrolle geraten war.

Libbe HaLevy: Der Regierung von Pennsylvania wurde nicht informiert, die Atomaufsichtsbehörde wurde nicht informiert und wir, die Bürger, wurden auch nicht informiert. Der Direktor des Kraftwerkes war damals ein gewisser Gary Miller. Arnie stellte dar, wie sich Miller darüber, was in dieser Zeitspanne passierte, in den Jahren danach geäußert hat. Bitte beachten Sie, dass alles, was er sagt, ein Zitate sind. Er hat diese mit Fußnoten in einem Report belegt, den man auf der Three Mile Island Alert Website einsehen kann.

Arnie Gundersen: Der Leiter der Anlage war damals ein gewisser Miller. Ich zitiere nun, was er in den nachfolgenden Jahren über das, was in dieser Zeitspanne vorging, ausgesagt hat. „Sie waren so heiß, dass man es mit der Angst bekam.“ Er spricht über die Temperaturen im Reaktorkern. Nun, wenn man es mit der Angst bekommt, dann, so sollte man meinen, wäre eine Evakuierung angebracht. Er war also sehr früh schon verängstigt. „Strahlung war überall. Alle Anzeigen zeigten Maximalwerte.“ Ein weiterer Hinweis: Wenn man so verängstigt ist, dann sollte man zumindest der umliegenden Bevölkerung sagen, dass es an der Zeit ist, die Gegend zu verlassen. Und schließlich: „Wir waren nicht wirklich davon überzeugt, dass der Reaktorkern noch mit Kühlwasser bedeckt ist.“ Das ist ein weiteres Anzeichen, dass es nun an der Zeit wäre, der umliegenden Bevölkerung zu sagen, sie solle sich retten.

Nun, dies ist ein weiteres interessantes Zitat: „Wir wussten nicht, wie es mit dem Reaktor weiterlaufen würde.“ Miller sagte das in einem Telefonat mit Parsippany (in Parsippany war die Firmenzentrale) bereits am Morgen um 7:30 Uhr. Meines Erachtens ist ziemlich klar, dass Miller einen allgemeinen Notstand ausrufen wollte. Aber die Leute in Parsippany überredeten in, lediglich einen Notfall für Kraftwerksanlage selbst zu deklarieren. Er hat dann seine Pläne entsprechend geändert.

Libbe HaLevy: Wir werden am Ende dieser speziellen Reportage noch eine interessante Fußnote zu Kraftwerksmanager Gary Miller hinzufügen.

Was passierte inzwischen in der Außenwelt, während sich alle diesen Szenen innerhalb von Three Mile Island abspielten? Arnie Gundersen über eine Email, die er vor etwa einem Jahr erhalten hat.

Arnie Gundersen: Seitdem ich über Fukushima berichte, habe ich auch eine Email bekommen, die mich zu Tränen gerührt hat. Sie war von einer Frau, die damals die 10. Schulstufe besucht hat (also ca 15 Jahre alt war; AdÜ). Sie hatte gerade Chemieunterricht, man nahm auch Radioaktivität durch und so hatten sie einen Geigerzähler über das ganze Semester am Fenster montiert. Die Schüler kommen also um 10 Uhr am Tag des Unfalls in den Chemiesaal und der Geigerzähler rattert. Die Lehrerin geht als verantwortungsbewusste Bürgerin daher ans Telefon und ruft das Büro von Gouverneur Thornburgh an. „Ich bin in Middletown. Der Geigerzähler spielt verrückt, was soll ich tun?“ Das Büro von Gouverneur Thornburgh gibt die Antwort: „Tun Sie gar nichts. Wir wissen schon Bescheid.“ Die Kinder blieben also in der Schule. Evakuiert wurden die Kinder der Leute, die im Kraftwerk beschäftigt waren. Diese holten ihre Kinder ab und verließen die Gegend. Die Kinder, die keine Verbindung zu dieser Insiderinformation hatten, waren den Belastungen ausgesetzt.“

Libbe HaLevy: Ungefähr um diese Zeit erreichte Mary Stamos die Information, dass im AKW etwas vorgefallen war.

Mary Stamos: Um ca 10:30 Uhr bekam ich an diesem Morgen des Unfalltages einen Anruf von meiner Schwägerin. Sie arbeitete für eine Umweltschutzgruppe, bei der auch Anwälte tätig waren, Mitglieder von Three Mile Island Alert. Sie sagte, dass man ihr gesagt hätte, dass in Three Mile Island etwas passiert war, das Werk sei außer Betrieb, es sei zu irgend einem Störfall gekommen. Ich habe also erst Stunden nach diesem metallischen Geschmack etwas davon erfahren. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass ich weit genug entfernt wäre, und dass es deshalb keine Probleme gegen würde.

Libbe HaLevy: Um 12:20 Uhr rief die NRC im Kraftwerk an, um nach der Temperatur im Reaktorkern zu fragen. Die Leute von Three Mile Island riefen kurze Zeit später zurück und sagten: „Das wissen wir nicht. Der Computer druckt Fragezeichen.“ Sie behaupteten einfach, dies würde bedeuten, dass der Computer nicht korrekt funktioniere. Tatsächlich gaben diese Fragezeichen an, dass die Temperatur im Kern auf über 370° C angestiegen war. Sie wussten also zwar nicht, wie hoch die Temperatur tatsächlich war, sie wussten aber, dass sie hoch war – ein weiterer Hinweis darauf, dass eine Kernschmelze im Gange war. Einige Minuten vor 14 Uhr kam es zu einer Wasserstoffexplosion. Die Atomindustrie spricht von einem Wasserstoffabbrand, aber es handelte sich um eine Wasserstoffexplosion.

Aus einer Nachrichtensendung von damals:

Man hörte ein gewaltiges Aufbrausen von abgelassenem Dampf. Ich bin davon aufgewacht. Ich habe aus dem Fenster geschaut und diese riesige brüllende Dampfsäule aufsteigen sehen.“

Die NRC wurde erst zwei Tage später von dieser Explosion unterrichtet.

Das Folgende ist von Arnie Gundersens Präsentation Drei Märchen über Three Mile Island übernommen. Er sagt: „Der Leiter der Anlage, Miller, war zu dieser Zeit im Kontrollraum, dafür gibt es die beglaubigten Aussagen von 4 Reaktorfahrern. Sie alle sagten aus, dass Miller davon wusste, dass der Kontrollraum erschüttert wurde. Also, wenn so ein Gebäude erschüttert wird, dann ist dies nun wirklich ein klares Anzeichen dafür, dass man den Leuten in der Gegend zu Verstehen geben sollte, dass sie besser das Weite suchen. Nach diesem Vorfall war es skrupellos, an diesem ersten Tag keinen Evakuierungsbefehl zu erteilen.“

Die offizielle Reaktion von Three Mile Island-Angestellten und anderen Vertretern der Atomindustrie war freilich typisch:

Es ist alles unter Kontrolle! Weder gibt noch gab es jemals eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Es kam zu einer kleinen Freisetzung von Radioaktivität an die Umwelt. Alle Sicherheitsapparaturen funktionieren einwandfrei. Metropolitan Edison hat die Luft rund um das Kraftwerk seit dem Vorfall pausenlos überwacht. Es wurde keine Erhöhung der normalen Strahlenwerte festgestellt.“

Die Situation ist komplexer als es die Betreiberfirma ursprünglich dargestellt hat. Wir ziehen weitere Proben, aber zu diesem Zeitpunkt glauben wir nicht, dass irgendeine Bedrohung der Gesundheit zu befürchten ist.“

Wir haben absolut keinen Zweifel an der Sicherheit des Atomkraftwerkes nach dieser Panne. Wir sprechen hier nicht von einem Atomunfall, weil es keiner war. Wie ich schon gesagt habe: Alle System haben wie vorgesehen funktioniert.“

Wann ist also ein Atomunfall kein Atomunfall? Anscheinend dann, wenn die Atomindustrie dies behauptet.

Nichts von dem Tumult innerhalb des Kraftwerkes Three Mile Island, nichts über die Schäden, nichts von all diesen Informationen, die Arnie Gundersen zum 30. Jahrestag des Unfalls präsentierte, war der Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt bekannt. Mary Stamos:

Mary Stamos: In den Abendnachrichten sah man Walter Cronkite. Ich habe seinen Beitrag zwar nicht gehört, aber bald darauf wurde mir gesagt, dass über den Atomunfall in Three Mile Island gesprochen wurde. Am nächsten Morgen kam eine Nachbarin auf einen Kaffee bei mir vorbei; sie arbeitete in einem nahen Hotel. Sie sagte mir, dass am Donnerstag morgen, dem Tag nach dem Unfall – wir sprechen hier von 6 Uhr früh – Reporter aus der ganzen Welt anriefen, um aufgrund dieses Unfalls Zimmer zu reservieren. Uns aber war nicht gesagt worden, dass irgendetwas Ernstes vorgefallen wäre. Das Abendblatt vom 28. März hatte nur geschrieben, dass geringe Mengen von Radioaktivität ausgetreten wären, nachdem eine Pumpe ausgefallen sei, dass aber von dieser Freisetzung keine Gefahr für die Bevölkerung ausginge. Später am Donnerstag Nachmittag trat der Vize-Gouverneur im Fernsehen auf und sagte, es gäbe keine Probleme, man würde den Block in einigen Tagen wieder hochfahren. Eine Stunde später ist er dann wieder im Fernsehen und sagt: „Wir wurden irregeleitet, man hat uns angelogen. Der Atomunfall ist schlimmer, als man uns vorgemacht hat.“ Man hat uns gesagt, wir sollen Türen und Fenster schließen. Als ich das gehört habe, wurde mir wirklich bang, denn ich hatte von den Opfern des Bomben-Fallouts gehört, Sie wissen schon, wie es in Utah und Nevada damals zuging, wo man den Leuten gesagt hat, sie sollen Türen und Fenster schließen. Wenn nichts vor sich geht, dann kann man die Luft auch atmen, aber sie haben uns gesagt, wir sollen Fenster und Türen schließen. Wie gesagt, das war am Donnerstag Nachmittag und ich habe es mit der Angst zu tun gekriegt.“

Libbe HaLevy: Ich andererseits war überhaupt nicht beunruhigt. Und zwar deshalb, weil ich sämtliche Nachrichtenquellen nach wie vor einfach nicht wahrgenommen hatte. Von dem bisschen, das ich aufgeschnappt hatte, dachte ich, dass es sich hier wohl nur um die übertriebene Reaktion der Medien auf ein unbedeutendes Problemchen unten im Kernkraftwerk handeln könne. Natürlich hat mich das nicht davon abgehalten, mich als Teil genau dieser Medienlandschaft zu sehen. Ich war als unabhängige Journalistin nahe an einer großen Story dran und wollte meine Chance nutzen.

Am zweiten Tag des Unglücks, während der Reaktor unsichtbar seine Radioaktivität in die Umwelt verströmte, spazierte ich über einen Kilometer weit bis Middletown und dabei atmete ich tief die Frühlingsluft von Pennsylvania – völlig ahnungslos über die mögliche Gefahr, der ich mich dadurch aussetzte. Ich bin im Freien herumgestanden und habe die Menschen interviewt, wartete eine halbe Stunde lang an einer Straßenecke auf den Bus, und ging dann wieder von der Bushaltestelle zum Haus zurück.

Am dritten Tag des Unfalls, dem 30. März, war ich alleine im Haus und arbeitete an einem Musical, dessen Titel übrigens zufälligerweise Armageddon lautete, als ich einen Lautsprecherwagen am Haus vorbeifahren hörte, mit der gleichen Warnung, die auch in Fukushima zu hören war:

Der Bürgermeister von Middletown verlautbart, dass zur Zeit keine Notwendigkeit für eine Evakuierung besteht. Bitte verlassen Sie ihre Häuser nicht und verschließen sie Fenster und Türen.

Verlassen Sie das Gebäude nicht, in dem Sie sich gerade aufhalten. Schließen Sie Fenster und Türen. Gehen Sie nicht ins Freie, es sei denn, dies ist unumgänglich. Und dies ist der Grund:

Es begann heute morgen um 6:40 Uhr und dauerte bis 9 Uhr an. Es kam zu einer weiteren unerwarteten und massiven Freisetzung von Radioaktivität in die Atmosphäre aus dem Reaktor Nummer 2. Eine riesige Wolke von Xenongas ist ausgetreten, was Strahlenwerte zur Folge hatte, die 10 mal höher sind als jene Dosis, die über ein ganzes Jahr hinweg gerechnet als für die Bevölkerung ungefährlich angenommen wird.

Dies sind die neuen Informationen: Der Unfall hat ionisierende Strahlung durch die meterdicken Wände des Kraftwerkes ausströmen lassen. Daher dürfte das Metallschild, welches den Brennstoff abschirmt, wohl beschädigt worden sein.

Plötzlich war da alles, vor dem man mir im Kalten Krieg Angst eingejagt hatte aber nicht von den Russen, sondern es kam aus einer Entfernung von einem guten Kilometer – spendiert von meiner eigenen Regierung. Es gab keinen Ort, an den man fliehen konnte, keinen Ort, um sich zu verstecken. Soweit ich es beurteilen konnte, mochten die Strahlungswerte so hoch sein, dass ich praktisch schon tot war. Das frühere NRC-Kommissionsmitglied Peter Bradford:

Peter Bradford: Die Kommission wurde erst freitags am Morgen auf den Ernst der Lage aufmerksam. Wir erfuhren, dass Strahlung von einem Helikopter gemessen worden war, der über das Kraftwerk geflogen war. Niemand schien eine schlüssige Erklärung dafür zu haben, wo diese Strahlung herkam, ob es wahrscheinlich war, dass sich die Situation weiter verschlimmern würde, ob es zu weiteren Freisetzungen kommen würde. Zum ersten Mal musste eine Kommission nun die restlichen Landesbehörden informieren und eine Empfehlung an den Gouverneur von Pennsylvania verfassen, welche Evakuierungsmaßnahmen er einleiten solle, bzw entscheiden, ob solcherlei Maßnahmen überhaupt notwendig wären. Ich erinnere mich nicht sehr genau an die Debatten der Kommissionsmitglieder untereinander, ich weiß aber, dass wir dahingehend Übereinstimmung erzielten, dass schwangere Frauen und Vorschulkinder innerhalb eines Radius von 8 km dieses Gebiet verlassen sollten.

Libbe HaLevy: Auch außerhalb von Three Mile Island herrschten nun chaotische Zustände. Aber wenigstens waren die Reporter aus aller Welt auf ihrem Posten.

Was ist hier seit Mittwoch vorgefallen?

Es kam zu widersprüchlichen Aussagen zwischen dem Büro des Gouverneurs, der NRC hier vor Ort, der NRC in Washington und dem Konzern Metropolitan Edison, dem das Kraftwerk gehört.“

Es gibt ernste Schwierigkeiten, Informationen nach Washington weiterzuleiten. Ich war dabei als...“

Ich denke, wir sind nahe an einer chaotischen Situation. Der Grund dafür liegt teilweise in der Unglaubwürdigkeit dessen, was uns gesagt wird, zum Teil ist es pure Verwirrung, die nun zum Vorschein kommt. Es ist unverzeihlich, dass wir einer private Versorgungsgesellschaft, die durch ihre Struktur in alle möglichen Richtungen gezogen und zerbröselt wird, das Kommando in dieser Situation überlassen.“

Wie können Sie sagen, dass es sich nicht um einen Unfall handelt, wenn die Strahlung [unverständlich] 16 Meilen? [Unverständlich; AdÜ] Es handelte sich um eine Einspeisepumpe außerhalb des Reaktors. Nun, das war ein Defekt an einem Aggregat, daher war es ein Unfall hinsichtlich... Es war kein Unfall, es handelte sich um das Versagen einer Maschine.“

Im Reaktorgefäß ist eine Blase entstanden. Das bedeutet, das sämtliche Veränderungen der Hydraulik im Kern genau überwacht werden müssen. Wir beobachten ganz genau, auf welche Art der Betreiber versucht, eine Kaltabschaltung zuwege zu bringen.“

Es gibt zwischen dem, und was man unter einem Atomunfall versteht, keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang.“

Libbe HaLevy: Die Einwohnerin von Middletown, Mary Stamos:

Mary Stamos: Am nächsten Morgen, etwa um halb-neun oder halb-zehn, hörte ich auf einmal Sirenengeheul und das Läuten der Kirchenglocken. Ich habe so etwas noch nie gehört; alle Sirenen in der Gegend heulten und so habe ich den Fernseher eingeschaltet, aber da war nichts. Da habe ich das Radio eingeschaltet: Der Nachrichtensprecher Ron Dray [?] sprach von unkontrollierten Strahlenfreisetzungen in Three Mile Island – da ist dann wirklich die Panik in mir hochgestiegen. Etwas später hat jemand – ich weiß nicht, wer das war, aber für uns ist er Held – die Sirenen in Harrisburg eingeschaltet, die Leute bekamen panische Angst, als sie hörten, was da alles vor sich ging. Gouverneur Thornburgh wurde dadurch gezwungen, über die Strahlung zu sprechen und über die Belastungen, denen die Menschen ausgesetzt sein könnten.

Aufgrund der Ratschläge durch den Vorsitzenden der Atomaufsichtsbehörde und in dem Bemühen, jedwede Vorsicht walten zu lassen, rate ich all jenen, die auf Strahlung besonders feinfühlig reagieren, also schwangeren Frauen sowie Kindern im Vorschulalter, das Gebiet im Umkreis von 8 Kilometern rund um Three Mile Island zu verlassen. Dies gilt bis auf Weiteres.“

Mary Stamos: Wie ich ja schon sagte, ich befinde mich einer Entfernung von gut 6,5 km. Dennoch war ich beunruhigt.

Die ganze Idee, eine Gemeinde von dieser Größe zu evakuieren, ist absurd. Es war die ganze Zeit bereits absurd. Es ist also nur von der Regierung oder der Stromgesellschaft verbreiteter Nonsens, dass man die Situation durch Evakuierung in den Griff bekommen könnte, denn man wird die Leute niemals rechtzeitig rausbringen.“

Wir raten an, aufgrund von Informationen, aufgrund einer Empfehlung des Vorsitzenden der Atomaufsichtsbehörde NRC, dass die Leute einfach im Rahmen einer Vorsichtsmaßnahme in geschlossenen Räumen bleiben, bis wir eine neue Durchsage machen.“

Eine Menge Menschen verlassen zurzeit das Gebiet von Harrisburg. Meine eigene Familie ist nach New York gefahren um dort bei Verwandten unterzukommen. Ein Menge Leute... Die Tankstellen sind total überlaufen, die Banken hatten Hochbetrieb, viele Leute haben etwas von ihrem Geld abgehoben und sagen sich: Raus hier!“

Mary Stamos: An diesem Morgen hatte ich kein Auto zur Verfügung, daher sprach ich mit meiner Nachbarin. Sie sagte, wir könnten zum Haus ihrer Mutter fahren, daher habe ich meinen Buben fertiggemacht, bin zur Schule, um meine Tochter abzuholen. Ihre Lehrerin war ganz außer sich, denn sie selbst hatte Kinder, die sie nicht holen konnte, solange nicht alle Kinder in ihrer Obhut abgeholt worden waren. Wir fuhren also zur Schule, holten meine Tochter und fuhren weiter zum Haus der Mutter meiner Freundin. Das waren ungefähr 16 km. Mein Mann war nicht in der Stadt. Er arbeitete für eine Telefonfirma, aber selbst, als er versuchte, anzurufen, kam er nicht durch. Alle Telefonverbindungen waren völlig blockiert.

Libbe HaLevy: Ich hatte exakt das gleiche Problem, als ich nach draußen durchkommen wollte. Es war ein bizarrer Sirenenton in der Verbindung und ich kam nicht durch.

Mary Stamos: Oh, tatsächlich?

Libbe HaLevy: Meine Freunde haben mich schließlich doch noch per Telefon erreicht, nachdem die Leitungen die längste Zeit überlastet gewesen waren. Sie haben mich abgeholt und wir flüchteten uns zu einem Freund von ihnen, der 240 km entfernt wohnte. Wir hofften, das wäre weit genug...

Ich blieb noch die nächsten 10 Tage dort und flog dann zurück. Weg von Harrisburg, weg von Middletown, weg von Three Mile Island.

Ich hatte also keine Gruppe von Leuten um mich, mit denen ich das, was passiert war, besprechen hätte können, niemanden, mit ich gemeinsam trauern hätte können, und niemand, mit dem ich auf konstruktive Weise hätte wütend werden können: Auf jene Mächte, die in Three Mile Island am Werk waren. Mir entgingen auch die schlimmsten der erst später nachfolgenden Informationen.

Mary Stamos: Als ich meine Tochter eines Morgens vorbereitete, an die Schule zurückzukehren, bürstete ich ihre Haare. Sie hatte dickes, blondes, wundervolles Haar. Eine Menge Haare verfingen sich in der Haarbürste. Ich war bestürzt. Als ich meinen Sohn badete, bemerkte ich viele Haare in der Wanne, etwas, das noch nie geschehen war. Dann sah ich auf seinen Kopf; ich konnte die Kopfhaut sehen, es waren nicht einfach nur die Haare. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, denn ich dachte, dass Strahlung Kahlköpfigkeit verursachen würde, erst einige Jahre später habe ich erfahren, dass es auch nur teilweiser Haarausfall sein konnte. Ich wusste nicht, was auf uns in der Zukunft noch alles zukommen würde, ob wir alle Krebs bekommen würden oder sonst etwas...

Libbe HaLevy: Andere Probleme, die Mary Stamos nach Three Mile Island auffielen und die sie auch dokumentierte, umfassen: einen plötzlichen Größenschub bei manchen ihrer Pflanzen – bis zu 10 cm in einer Woche. Mutierte Blumen, die sich in Seitensträngen vervielfachten, wie sie in der Natur ansonsten nicht vorkommen. Eine Rose, die aus der Mitte einer Rosenknospe hervorwuchs – beide allerdings ohne sichtbare Geschlechtsteile. Und schließlich meterlange Löwenzahnblätter. All dies ist Teil eines Prozesses, der „Verbänderung“ genannt wird, Mutationen bei Pflanzen nach Strahlenbelastung. Verbänderung wurde auch nach Fukushima und Tschernobyl aufgefunden. In Three Mile Island kam es im auch noch zu verendenden Tieren.

Mary Stamos: Bei einem der ersten öffentlichen Treffen der NRC, an dem ich teilnahm, war eine Dame, die aufstand, um die NRC zu fragen, wann Met Ed – Metropolitan Edison, der Besitzer von Three Mile Island – sie für den Verlust ihrer Tiere entschädigen würde. Sie hatte eine Hundezucht, Pudel wohl. Ihre Pudel wurden ohne Augen geboren, die Augenhöhlen waren zwar vorhanden, hatten aber keine Augäpfel. Sie lebte gerade gegenüber von Three Mile Island, man hat ihr das Geld, das sie verlangte, vollständig bezahlt, aber ihr wurde verboten, darüber zu sprechen.

Libbe HaLevy: Mary Stamos engagierte sich und engagiert sich bis heute für Three Mile Island Alert. Als bekannt wurde, dass keine epidemiologische Studie gemacht worden war, um die Gesundheitsauswirkungen auf die ansässige Bevölkerung zu untersuchen, gingen sie und andere von ihrer Organisation in der Evakuierungszone von Haus zu Haus und befragten die Leute über ihren Gesundheitszustand. Sie war schockiert, als sie herausfand, dass 50% der Leute, die in einem Umkreis von 8 Kilometern um den Reaktoren zur Zeit des Unfalls gewohnt hatten, im Laufe der folgenden 5 Jahre weggezogen waren. Man kann diesen Leuten natürlich keinen Vorwurf daraus machen. Eine letzte Geschichte von Mary.

Mary Stamos: Die NRC und Three Mile Island kamen und hielten alle diese Veranstaltungen ab, wo die Leute über ihre Probleme berichten konnten. Sie behaupteten übereinstimmend, Strahlung sei als Ursache auszuschließen. Aber sie sagten niemals, was denn Strahlenauswirkungen gewesen wären. Sie haben den Gesundheitsbehörden die Schuld gegeben, der Regierung, das Meiste wurde als die Auswirkung von Stress erklärt. Dieser metallische Geschmack war mir aber zuvor unbekannt gewesen, Stress dagegen sehr wohl.

Libbe HaLevy: Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Tier aufgrund von Stress mutiert.

Was die rechtliche Aufarbeitung angeht, so waren Bürger mit einer Sammelklage gegen Three Mile Island erfolgreich. Es wurden ihnen in einem Vergleich 25 Millionen Dollar zugesprochen. Teil dieses Geldes wurde zur Einrichtung des Three Mile Island Public Health Fund verwendet. 1983 verurteilte ein Gericht des Bundes (Federal Grand Jury) Metropolitan Edison aufgrund strafrechtlich relevanter Tatbestände: wegen der Verfälschung von Sicherheitstests vor dem Unfall. Aber aufgrund eines Kuhhandels mit der Staatsanwaltschaft, bei dem Met Ed in einem Fall der Fälschungen auf „schuldig“ plädierte und sechs weitere Anschuldigungen nicht anfocht – von denen vier daraufhin fallen gelassen wurden –, zahlten sie eine Strafe von 54.000 $ und dann noch eine weitere Million, womit die Notfallplanung in der Umgebung von Atomreaktoren finanziert werden sollte. Man beachte dabei, dass eine Million Dollar den Gewinn eines Reaktors an einem Tag darstellt. Es hat also den Anschein, dass Met Ed äußerst günstig davonkam.

Eric Epstein zufolge, dem Vorsitzenden von Three Mile Island Alert, zahlten die Betreiber des Kraftwerks von Three Mile Island und die involvierten Versicherungsunternehmen allgemein nachvollziehbare Kompensationszahlungen in der Höhe von ca 82 Millionen Dollar für, ich zitiere: Geschäftsausfall, Geschäftsaufwendungen und Forderungen aufgrund von Aufwendungen im Gesundheitsbereich. Harvey Wasserman zufolge, einem langjährigen Anti-Atom und Pro-Sonnenkraft Aktivisten, hat es darüber hinaus noch hunderte von außergerichtlichen Einigungen mit Fallout-Opfern gegeben, 15 Millionen wurden an Eltern von Kindern mit Missbildungen ausgezahlt. Eine große Sammelklage, die darauf abzielte, die Opfer für Langzeitschäden zu entschädigen, wurde jedoch von einer Richterin in einem Bundesverfahren in Harrisburg abgeschmettert.

Es bleibt aber noch die Frage: Was hat den Unfall von Three Mile Island überhaupt ausgelöst? Eine spannende Deutung wird von Scott Portzline von Three Mile Island Alert vertreten, der mehr als 40.000 technische Papiere zu diesem Unfall gesichtet hat und zu einigen verblüffenden Schlussfolgerungen gekommen ist. Als der Unfall passierte, war er gerade in Grönland mit einer Band auf Tournee und begann erst nach seiner Rückkehr, das Geschehen kritisch zu hinterfragen.

Scott Portzline: Das erste, wonach ich nach meiner Rückkehr fragte, war: Was ist passiert? Wodurch wurde [dieser Unfall] ausgelöst? Ich war ein Atomkraftbefürworter und dachte, dass so etwas gar nicht passieren kann. Ein Verdacht in den Zeitungen war, dass Sabotage im Spiel gewesen sein könnte. Ich habe dem keine weitere Beachtung geschenkt. Erst fünf Jahre später, als ich begann, mich mit der Analyse des Sicherheitsregimes in AKWs zu beschäftigen, habe ich herausgefunden, dass es bei den Leuten, die den Unfall von Three Mile Island untersucht hatten, tatsächlich den Verdacht auf Sabotage gegeben hatte. Als mir also klar wurde, dass einige dieser Gerüchte doch einen gewissen Wahrheitsgehalt hatten, habe ich mich nicht wilden Verschwörungstheorien hingegeben, sondern habe das Nationalarchiv aufgesucht und andere öffentlich einsichtige Archive. Durch den Kemeny-Report, auch unter dem Namen Bericht der vom Präsidenten einberufenen Kommission zu Three Mile Island, erfuhr ich, dass diese tatsächlich einen Brief an das FBI geschickt hatte, in dem um eine Untersuchung des Sabotageverdachts angesucht wurde, da einige verdächtige Vorgänge aufgedeckt worden waren. Wenn ich ins Jahr 1984 zurückblicke, in dem ich diese Nachforschungen begonnen hatte, so hatte mich das Thema damals sofort in seinen Bann gezogen. Ich dachte mir, dass dies eine äußerst interessante Sache werden könnte, ich arbeitete da an einem Rätsel.

Libbe HaLevy: Scott führte nur ein paar der Punkte an, die den Verdacht auf eine Sabotage in Three Mile Island nahe legen.

Scott Portzline: Es gab zwei Hauptanhaltspunkte, warum die ursprünglich mit der Untersuchung beauftragten Leute der Kommission des Präsidenten Sabotage in Betracht gezogen hatten: Zum Einen begann der Unfall auf die Minute genau ein Jahr nach dem ersten Hochfahren des Reaktors, also nicht nur am selben Tag, sondern genau in der selben Minute; um 4 Uhr früh kam es zu den ersten Problemen. Dieser Umstand veranlasste die NRC nachzufragen, ob denn da gefeiert worden sei oder Alkohol im Spiel, oder was ging da ansonsten noch vor sich. Die Reaktorfahrer gaben natürlich an, sie hätten lediglich Kaffee und Doughnuts zu sich genommen und im Übrigen diesen Jahrestag gar nicht sonderlich wahrgenommen.

Der andere Punkt, der innerhalb der Kommission des Präsidenten für erhebliche Beunruhigung sorgte, war der Umstand, dass das Ventil der Notkühlwassereinspeisung geschlossen war. Durch dieses geschlossene Speisewasserventil verdampfte alles Wasser in den Dampferzeugern innerhalb von zwei Minuten. Dieser Zustand hat dann die Kernschmelze ausgelöst, denn die Wärme konnte nicht mehr aus dem Reaktor abgeführt werden.

Libbe HaLevy: Eine der eher beunruhigenden Erkenntnisse der Präsidentenkommission, die Scott ausgeforscht hat, war, dass die Notkühlwassereinspeisungsventile, die das Wasser an die Dampferzeuger schicken sollten, geschlossen waren.

Scott Portzline: Diese Ventile sollten eigentlich stets geöffnet sein. Dass sie aber, wie im vorliegenden Fall geschehen, geschlossen waren, war eine absolute Missachtung sämtlicher Regeln; das war allen bekannt. Weiters waren diese Ventile mindestens zwei Tage lang bereits verschlossen gewesen. Die NRC ist schließlich zu dem Schluss gekommen, dass die Reaktorfahrer diese Ventile zwei oder drei Tage zuvor aufgrund eines Tests hatten schließen müssen. Der Test wurde daraufhin durchgeführt, doch das Öffnen der Ventile wurde vergessen. Die Reaktorfahrer behaupteten, sie hätten die Ventile geöffnet, und haben entsprechende eidesstattliche Erklärung unterschrieben. Sechs verschiedenen Kontrollraumschichten müsste auf ihren Konsolen entgangen sein, dass diese wichtigen Ventile geschlossen waren. Das ist höchst unwahrscheinlich und macht misstrauisch. Die technischen Sachverständigen der Präsidentenkommission erbaten auch tatsächlich eine Liste von Angestellten, die einen Groll gegen die Betreiberfirma hegten und so etwas in die Wege geleitet haben könnten.

Libbe HaLevy: Für Scott Portzline steht fest: Wenn auch Sabotage am Beginn der Abläufe in Three Mile Island gestanden haben sollte, so war der Schweregrad des sich daraus entwickelnden Unfalls von den Saboteuren wohl nicht beabsichtigt worden.

Scott Portzline: Sabotage war nur der Auslöser für diese Krise, die Kernschmelze. Wenn [? unverständlich] recht hat – und es gibt einige Leute, die mit ihm übereinstimmen, was auch einige der ursprünglich eingebunden Sachverständigen inkludiert –, dann nahmen die Saboteure nicht genügend Manipulationen vor, dass der Unfall derartig gravierende Ausmaße annehmen konnte. Es gab Probleme bereits mit dem Entwurf und es kam natürlich auch zu Irrtümern durch die Bedienungsmannschaft. Aber ich habe eine List von neun oder zehn Sachverhalten, die noch darauf warten, auf Sabotage hin untersucht zu werden. Einige dieser Sachverhalte könnten immer noch nachgeprüft werden, wenn das jemand innerhalb der Firma, der FBI oder der NRC angehen würde. Ich glaube, dass sie nur dazu im Stande waren, das Ereignis einzuleiten, die Strahlenfreisetzungen aber nicht.

Libbe HaLevy: Die Themenbereiche, die Scott Portzline anspricht, sind zu viele und zu komplex, um sie in dieser Sondersendung gebührend zu berücksichtigen. Wir werden also in der nahen Zukunft ein Interview mit ihm zu diesem Thema führen.

Was mich betrifft, so benötigte die Reise zurück aus dem Schrecken von Three Mile Island Jahre. Darin enthalten war die lang anhaltende Beeinträchtigung durch eine posttraumatische Belastungsstörung, zu einer Zeit, als dieses Konzept noch gar nicht existierte; der zwanghafte, übermäßige Genuss von Alkohol und Nahrungsmitteln; und die Entscheidung, keine Kinder zu gebären, um nicht Gefahr zu laufen, Mutanten auf die Welt zu bringen. Wenn Atombefürworter also behaupten, dass niemand durch Three Mile Island getötet wurde, dann schlage ich vor, dass sie dieses Gespräch mit meinen Kindern führen – welche ich nie gehabt habe.

Wir vergessen die Angst, die viele Menschen durch das Wissen um einen außer Kontrolle geratenen Reaktor ergriffen hat. Diese Angst wütete an der gesamten Ostküste, wo die Menschen auf der Flucht die Überlandstraßen weg aus der Gegend von Middletown/ Harrisburg überlasteten. Menschen in New York flohen nach Neuengland – und die Menschen in Neuengland rätselten, ob sie sich in ausreichender Entfernung befänden. Diese Sorge hatten alle. Glücklicherweise waren die Medien damals noch nicht im Würgegriff einiger transnationaler Konzerne. Reporter konnten tatsächlich noch berichten, aufrichtig, klar – aber auch wütend, ohne besondere Behinderungen. Walter Cronkite gestaltete einen besonders guten und wütenden Bericht auf CBS. Ausschnitte davon waren hier zu hören, diese Sequenz ist auf Youtube abrufbar. Die Menschen fühlten sich bedroht, sie waren wütend, empört. Alle diese Gefühle sind eine angemessene Reaktion auf einen Atomunfall. Wir müssen uns an diese Angst erinnern. Es war diese Angst, die durch Three Mile Island erzeugt wurde, welche die finanziellen Schwierigkeiten, die diese Industrie bereits hatte, verschärften und ihre weitere Ausbreitung für die nächsten 30 Jahre zum Stillstand brachte. Es hat die Leute dazu gebracht, sich der Gefahren der Kernkraft bewusst zu werden, ihre Angst zuerst in Wut und Empörung, schließlich aber in Maßnahmen gegen die Reaktoren der Atomindustrie umzuwandeln. Das Ergebnis all dessen war, dass von 1979 bis 2011 keine neuen Reaktoren eine Betriebserlaubnis erhielten. Dann gewannen die Jahrzehnte hochsubventionierter Werbekampagnen – Desinformationskampagnen – in der öffentlichen Meinung die Oberhand. Uns, der Bevölkerung, wurde ein giftiger Cocktail an Behauptungen verabreicht, nämlich, dass Atomenergie, ihnen zufolge, sauber, umweltverträglich und nachhaltig sei, obwohl sie in Wahrheit die tödlichste Form der Stromerzeugung darstellt, die jemals erfunden wurde.

Was hat also den Unfall in Three Mile Island verursacht? Bewusste Sabotage? Ein Fehler der Bedienmannschaft? Ein Versagen von einzelnen Aggregaten? Unfähiges Management? Die atomare Hybris eines geldgierigen Stromversorgers? Oder alles hier Aufgeführte? Das ist letztlich einerlei: Die oben genannten Möglichkeiten sind lediglich Einzelheiten. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, welche davon ausschlaggebend waren, warum oder in welcher Reihenfolge – das interessiert mich auch gar nicht. Der springende Punkt ist, dass es nie so weit hätte kommen dürfen – aber es ist dennoch geschehen. Inzwischen öfter als ein Mal: Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima. Kleinere Störfälle und unvorhergesehen Ereignisse passieren jedes Jahr, jedes Monat, manchmal sogar jede Woche. Es kommt unentwegt zu Situationen, die zu einer neuerlichen Katastrophe führen könnten, es werden andauernd Störfälle vertuscht. Wird es also zu einer neuerlichen Katastrophe kommen? Wie kann das ausbleiben?

Wenn etwas ein Mal passiert, dann handelt es sich um einen Unfall. Zwei Mal, und daraus wird ein Muster. Drei Mal bestätigt eine Realität. Eine Entwicklungslinie wird gezogen, die unseren Weg zukünftig bestimmen wird.

Menschen sind bemerkenswert konsequent, das Gleiche gilt für technische Pannen. Was einmal passiert ist, kann wieder passieren. Wenn es an einem Ort passiert, kann es auch woanders passieren. Die Geschichte mag sich zwar nie in allen Einzelheiten wiederholen, aber die Auswirkungen werden wohl fast die gleichen sein. Diese drei anerkannten Unfälle sind lediglich Warnungen. Die Boten dessen, was unweigerlich kommen wird.

Wie schlimm könnte es werden? Wir wollen es uns nicht vorstellen!

Vielleicht bin ich durch die Strahlung verseucht. Vielleicht hat mich die Abluftfahne verfehlt. Aber der Stress alleine war ausgereichend, eine schwere Belastung meiner Gesundheit auszulösen und hat mich um Jahre der Fülle und um viele Eindrücke gebracht. Erinnern Sie sich an diese Angst. Denn sie ist es, die uns einholen wird, wenn die Sirenen losheulen, um anzuzeigen, dass es neuerlich in einem Reaktor irgendwo auf der Welt zu einem Unfall gekommen ist.

Wir sind bereits überladen mit dem, was uns Three Mile Island, Tschernobyl und ganz offensichtlich nun der andauernde Schrecken, der in Fukushima abläuft, aufbürden. Ich bete dafür, dass es nie mehr wieder zu einem Unfall kommen möge, der zu dieser Litanei der Schande eine weitere hinzufügt. Das letzte, was irgend ein Anti-Atom-Aktivist sagen will, ist: Ich hab's euch ja gesagt! Aber niemand von uns ist irgendwo sicher, solange Atomreaktoren weiterhin in Betrieb sind und radioaktiven Müll mit einer Halbwertszeit von zehntausenden Jahren erzeugen. Die angemessene Reaktion auf die Bedrohung, die von jedem Atomreaktor ausgeht, jeder Atombombe, jeder Atomwaffenfabrik und auch jeder Uranmine ist Furcht. Diese Furcht ist aber emotionale Energie. Wandeln Sie diese Energie, wenn Sie sie fühlen, in Wut um, und verwenden Sie die Energie aus dieser Wut dafür, tätig zu werden, um diesen Horror zu beenden. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als die Zukunft des Lebens auf der Erde.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #141: Three Mile Island Anniversary SPECIAL   http://www.nuclearhotseat.com/blog/  
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at März 2014 / v1

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18.03.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 143

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock
vom
Southwest Research and Information Center
Teil 4

Fran Williams, Vizedirektorin von URS (Hauptsubunternehmer des Energieministeriums, welchem der Betrieb der Anlage von WIPP übertragen wurde), ist Chefin der Abteilung Umweltschutz, Gesundheit und Qualitätssicherung. Zuvor hatte Fran Williams 28 Jahre für die Firma Westinghouse Savannah River Company gearbeitet. Im Rahmen einer Bürgerversammlung im Rathaus von Carlsbad beschreibt sie unter anderem die Methode zum Aufspüren inkorporierter Plutonium- und Americiumpartikel in der Lunge eines Menschen (es werden Detektoren an den Brustkorb angelegt; die Detektoren müssen aber auf den jeweiligen Körper geeicht sein. Da Messungen an Kindern zur Zeit nicht vorgesehen sind, fehlen die entsprechenden Einstellungen). Einer Mutter, die verzweifelt versucht, ihre Kinder testen zu lassen, antwortete sie folgendermaßen: Das mit der Strahlung sei fürchterlich kompliziert, sie wolle ganz unwissenschaftlich den Sachverhalt anhand einer Analogie erklären. Zwei der häufigsten Unfallquellen in den USA für Privatpersonen und in der Industrie seien Elektrizität und der Autoverkehr. Wenn auch sie selbst, Frau Williams also, daher niemals an einer Hochspannungsleitung arbeiten würde, denn Strom sei tödlich, so lade sie doch jeden Abend ihr iPhone und iPad an einer Steckdose auf – ja, sie könne das Kabel sogar ablecken, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Fran Williams fährt fort:

[...] Die Strahlungsniveaus am Gelände von WIPP sind gerade einmal über der Hintergrundstrahlung. Wir erwarten also nicht, dass diese Messungen bei Ihnen oder Ihren Kindern – oder bei irgend jemandem sonst – eine Belastung in der Lunge aufzeigen werden. Es ist so wenig, wie wenn Sie am Ladegerät ihres iPhones lecken würden. Und ich versuche nicht, spaßig zu sein. Ich versuche, Strahlenbelastung mit etwas zu vergleichen, was Sie verstehen können.(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=uM5wwQFkRFI&feature=player_detailpage#t=2973 | ab 55:48)


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!

Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Die Strahlenfreisetzung im Atommüll-Endlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in Carlsbad in New Mexico ist möglicherweise in den Massenmedien kein Thema mehr – beim Nuclear Hotseat ist das anders. Wir haben neuerlich Don Hancock kontaktiert, der für das Southwest Research and Information Center in Albuquerque, New Mexico arbeitet, eine Vereinigung zur Überwachung von Atomanlagen und mehr. Er war uns eine zuverlässige Informationsquelle über die unkontrollierten Freisetzungen am 14. Februar. Wir kommen nun zu den neuesten Erkenntnissen. Bitte bringe uns auf den derzeitigen Stand der Dinge. Welche Informationen sind in den letzten zwei Wochen über den Störfall in WIPP hinzugekommen?

Don Hancock: Nun, wir kennen die Antworten auf all die wichtigsten Fragen immer noch nicht, wie beispielsweise, was der Auslöser war, welche giftigen radioaktiven Stoffe unter Tage freigesetzt wurden, welche auf der Erdoberfläche. Wir haben ein paar zusätzliche Daten über die Filter, in der Hinsicht, wie viele Proben genommen wurden. Das ist uns bekannt. Das Energieministerium (Department of Energy, DoE) hat die meteorologischen Daten herausgegeben, wir wissen nun etwas mehr über die Windverhältnisse. Es gibt also in einigen Zusammenhängen bessere Informationen, aber, wie bereits erwähnt, die wichtigen Fragen sind immer noch ungeklärt.

Wir wissen nun, dass mindestens 17 Arbeiter kontaminiert wurden. 135 Arbeiter werden Tests unterzogen, es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass sich herausstellen wird, dass mehr als 17 Arbeiter verseucht wurden. Aber es gibt noch viel herauszufinden. Die Anlage ist weiterhin außer Betrieb, es war immer noch niemand im Bergwerk selbst, um herauszufinden, was dort eigentlich passiert ist. Ein paar Informationen sind also hinzugekommen, aber sehr vieles wissen wir nach wie vor nicht.

Libbe HaLevy: Gehen wir ein paar Punkte genauer durch, denn die Hörer unserer Sendung sind genau daran interessiert. Was wird derzeit über die Ursachen dieses Unfalls vermutet? Welche Theorien sind die plausibelsten?

Don Hancock: Früher sagte das DoE, dass auf Grund der Ausgangssituation, nämlich, dass zum Zeitpunkt des Unfalls niemand in der Mine war, es sich daher um keinen Irrtum bei den Arbeitsvorgängen und auch kein Problem mit der eingesetzten Ausrüstung handeln kann. Es bleiben also zwei Möglichkeiten, beide ziemlich unglaublich, da ihre Eintrittswahrscheinlichkeit mit einem Mal in 10.000 Jahren angegeben wurde (nun, da haben sie sich wohl geirrt). Die Szenarien beinhalten entweder den Einsturz einer Verwerfungslinie – es handelt sich ja um eine Salzmine, ein möglicher Unfall wäre also der Einsturz einer Saaldecke, die Trümmer, die auf die Behälter stürzen würden dann zu den Freisetzungen führen; oder aber, es ist bei einem oder mehreren der Behälter aus irgend einem Grund zu einer Explosion gekommen. Das sollte aber eigentlich gar nicht möglich sein, denn es gibt in den Behältern keine Sprengstoffe und die Behälter besitzen Filter, sodass es auch nicht zu einer Ansammlung von Wasserstoff kommen kann. Das DoE will also keine Spekulationen darüber abgeben, ob es zu einem oder beiden dieser Abläufe gekommen ist. Die Informationen, die wir bisher darüber erhalten haben, was in die Umwelt gelangt ist, und was von den Filtern abgefangen wurde, hilft uns nicht wirklich dabei, zu verstehen, was nun tatsächlich vorgefallen ist. Es scheint so, dass die Menge an Strahlung, die wir feststellen, aus mehr als einem Behälter stammen muss, es sind somit mehrere Behälter involviert. Der Umstand, dass sich einige der freigesetzten Partikel vom vermuteten Ort der Freisetzung durch die Stollenanlage und durch den Abluftschacht über ca einen Kilometer hinweg fortbewegt haben, deutet darauf hin, dass es wohl irgendeine Energiequelle, eine treibende Kraft hinter dieser Freisetzung gegeben haben muss – aber noch einmal, wir haben nach wie vor keinen tragfähigen Hinweis, und wenn es sich herausstellt, dass die Ursache in etwas ganz anderem besteht als einem Deckeneinsturz oder einer Explosion mit Feuerentwicklung, dann ist das nur ein weiterer Beweis dafür, dass Situationen eintreten können, die niemals vorhergesehen wurden.

Libbe HaLevy: Ich habe irgendwo gelesen, dass es vor zwei Jahrzehnten im Rahmen von Belastungsproben zu Einstürzen gekommen ist. Sind Ihnen diese Fälle bekannt?

Don Hancock: Es gab schon immer Probleme mit der Stabilität in diesem Bergwerk. Die Annahmen über Salz, wie schnell es sich bewegt, wie es sich bewegt, und was zu tun ist, dass es zu keinen Einstürzen kommt, war immer schon ein Problem. Soweit es um detaillierte Studien von Einstürzen von Verwerfungslinien geht: Es gab keine. Die Hauptsorge galt immer einem Deckeneinsturz, bei dem Arbeiter, Atommüll oder sowohl die einen wie auch das andere innerhalb einer Sektion betroffen sind. Die Tatsache, dass es mit der Stabilität unter Tage größere Probleme gibt, ist die Ursache dafür, dass drei der sieben Kammern im ersten Trakt (panel), dem ersten Abschnitt, in dem Atommüll eingelagert wurde, niemals verwendet wurden. Man hatte Bedenken wegen der Instabilität der Decke. Es wird angenommen, dass es in diesem ersten Trakt auch bereits zu Einstürzen gekommen ist. Da dieser Trakt aber bereits versiegelt wurde, wissen wir nicht genau was sich dort wann abspielte. Der Umstand, dass Decken einstürzen können, ist also bekannt – aber es sollte nicht bereits jetzt so weit kommen. Wenn sich dieser Deckeneinsturz in Trakt 7 ereignete, so wie das DoE auf Grund der Messstation, die den Alarm ausgelöst hat, vermutet, so handelt es sich hier um einen Trakt, der eben erst ausgeschachtet und freigegeben wurde. Wenn es also dort zu einem Deckeneinsturz gekommen sein sollte, dann würde dies darauf hinweisen, dass im DoE nicht einmal ein grundlegendes Verständnis darüber besteht, was in der Mine vor sich geht. Wenn Kammern, die eben erst fertiggestellt wurden und als sicher erachtet wurden, sodass mit der Mülleinlagerung begonnen wird, kurz daraufhin einstürzen, dann haben sie offensichtlich keine Ahnung.

Libbe HaLevy: Was die Strahlenfreisetzungen angeht: Am Anfang hieß es, dass die Verbreitung maximal vielleicht einen Kilometer betragen könnte. Andererseits habe ich Berichte darüber gelesen, dass die Strahlung sich sogar in Carlsbad über die Hintergrundstrahlung hinaus erhöht hätte. Was sind die derzeitigen Erkenntnisse, inwieweit ist Carlsbad von der Strahlung betroffen?

Don Hancock: Es gibt nur eine Luftmessstation in Carlsbad und die ist ca 40 km von der Anlage entfernt. Was diese Messstation also anzeigt oder nicht anzeigt kann kein Maßstab dafür sein, was in 40 km Entfernung passiert ist oder auch, ob sie all das aufzeichnen konnte, was möglicherweise in Carlsbad angekommen ist. Nun, die aufgezeichneten Daten zeigen eine erhöhte Strahlung im Vergleich dazu, was normalerweise als Hintergrundstrahlung gemessen wird. Als das DoE diese Daten in einer ersten Analyse in ihren Labors untersucht hatte, wurde in einem ersten Statement gesagt, dass sie keine Anzeichen für Atommüll aus WIPP finden konnten; sie haben uns aber nicht mit all den Daten versorgt, die wir gerne überprüft hätten. Eines der vielen Probleme, die dieser Zwischenfall aufzeigt, besteht darin, dass die Überwachungsmessungen in der derzeitigen Form nicht ausreichen. Möglicherweise waren sie ausreichend, als es – soweit wir das wissen – zu keinen Freisetzungen kam. Als es nun die Freisetzung gegeben hat, dann könnte es sein, dass diese auch bis Carlsbad vorgedrungen ist, oder dass sie Menschen zwischen der Anlage und Carlsbad erreicht hat. Wie ich sagte, die verfügbaren Kontrollmessungen sind unzureichend. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Arbeiter auf der Anlage selbst kontaminiert wurden, weniger als einen Kilometer von der Stelle entfernt, an der die Freisetzung angeblich stattfand. Wenn wir also nicht wissen, wie viele Arbeiter betroffen sind und welche Auswirkungen dort zu verzeichnen waren, so ist das enttäuschend, aber nicht wirklich eine Überraschung. Wir haben von Anfang gefordert, dass zusätzliche Messstationen eingerichtet werden sollten, das wäre hilfreich. Was aber wirklich notwendig wäre, ist eine aussagekräftige Untersuchung von Erdproben innerhalb und außerhalb der Anlage, um eine klareres Bild davon zu bekommen, was da nun im Boden ist. Wenn man in der Erde etwas entdeckt, dann bedeutet dies, dass Material durch den Wind verfrachtet wurde. Die Winde ändern sich aber, der Staub kann neuerlich verblasen werden. Wir sollten also darüber Bescheid wissen, ob sich etwas im Erdreich befindet, sodass man eventuell auch Säuberungsmaßnahmen durchführen kann und eine bessere Vorstellung von den Richtungen hat, die der Wind einschlug.

Noch eine Anmerkung zu dieser Sache: die Luftmessstationen sind im Großen und Ganzen nahe der Anlage: Im Westen, im Nordwesten und eine weitere im Südosten. Sollte der Wind die Partikel also nach Norden oder Nordosten getragen haben, so gibt es in dieser Richtung keine Messstationen, mit denen man ein Vorbeiziehen bemerken würde. Wenn man sich das Zeitfenster ansieht, während dessen es anscheinend zu den Freisetzungen kam, dann ist auch das ein schwerwiegendes Problem. Also noch einmal: es ist zwar wichtig, was die Luftmessstationen anzeigen, aber es wäre von noch größerer Bedeutung, dass eine gründliche Untersuchung von Bodenproben durchgeführt wird. Es wurden zwar einige Proben genommen, man hat aber noch keine Resultate verlautbart, wir wissen also nicht sehr viel darüber. Es gab Berichte darüber, dass es zu Evakuierungen und Verseuchungen in einiger Entfernung von der Anlage gekommen sei, aber es gab keine angeordneten Evakuierungen jenseits der Anweisung, keine Arbeiter zurück auf die Anlage zu lassen. Außerhalb der Anlage kam es somit zu keinerlei Evakuierungen. Wie ich also sage: Die Daten sind derart spärlich zum jetzigen Zeitpunkt, dass wir nicht wissen können, wie weit sich die Verseuchung ausgebreitet hat.

Libbe HaLevy: Sie könnten die Antwort auf diese Frage bereits gegeben haben, aber ich möchte noch einmal folgendes nachfragen: Der Direktor des Carlsbad Environmental Research and Information Center Russell Hardy hat ausgesagt, dass radioaktive Partikel nicht bis Carlsbad vorgedrungen sein können, da es sich um relativ schwere Partikel handelt, die nur 25 oder 30 km weit kommen würden; Carlsbad sei jedoch über 40 km von der Anlage entfernt.

Don Hancock: Nun, dies, wie so viel anderes, das Russell gesagt hat, sind Annahmen, die nicht bewiesen werden können. Jedenfalls sind 241Americium, 241Plutonium und 240Plutonium, die bei in den atmosphärischen Atomtests erzeugt wurden, nach ihrer Entstehung sehr viel weiter gewandert als 30 oder 40 km. Russell kann diese Behauptung nicht belegen. Zwar hat Russell in der Vergangenheit einige gute Arbeit geleistet, er hat aber andererseits in der Vergangenheit auch noch weitere Aussagen gemacht, die ich hinterfragt habe, und er konnte sie nicht belegen. Beispielsweise hat er am 15. Februar bekanntgegeben (was man ihm zugute halten muss), dass eine Messstation damals Freisetzungen angezeigt hat. Er sagte, dass es sich dabei wohl um kleine Mengen an Strahlung gehandelt haben müsse, die wohl freigesetzt wurden, bevor das Filtersystem ansprang. Als ich ihn danach fragte, woher er denn das wisse, sagte er, dass er es nicht wissen würde, dies sei lediglich eine Hypothese. Ich würde also meinen, alles, was er darüber aussagt, wie weit sich diese Partikel ausbreiten können, ist eine Hypothese – nichts, was beweisbar wäre.

Libbe HaLevy: Soweit die Arbeiter betroffen sind: Wir wissen nun schon von 17, dass sie kontaminiert worden sind, und dass weitere Arbeiter getestet werden. Wurden diese Untersuchung nun durch die URS in Auftrag gegeben, durch jene Firma, welche die Anlage betreibt, durch das DoE oder aber durch die Stahlarbeitergewerkschaft, die ihre eigenen Teams losgeschickt hat, um Tests durchzuführen.

Don Hancock: Bisher sind alle Stuhlproben, die bei den 17 Arbeitern eine Kontamination angezeigt haben, von der Betreiberfirma genommen worden, Nuclear Waste Partnership, wobei URS, die du erwähnt hast, so etwas wie die leitende Firma vor Ort darstellt. Wir haben nach den tatsächlichen Werten der Daten gefragt, die in den Feces aufgefunden wurden. Es wird weiterhin behauptet, man habe nichts im Urin aufgefunden und es gäbe auch keine Hinwiese auf möglichen Lungenkrebs in den durchgeführten Untersuchungen. Soweit ich weiß, haben die Gewerkschaften, die natürlich auch die Privatsphäre der Arbeiter schützen wollen, weder irgendwelche Daten veröffentlicht noch angegeben, welche unabhängige medizinische Unterstützung sie organisiert haben, was aber meiner Meinung nach der Fall ist. Die Tests wurden durch die Betreiberfirma angeordnet, in manchen Fällen könnten die Arbeiter einer zusätzlichen Prüfung unterzogen werden, aber das wurde nicht bekannt gegeben.

Libbe HaLevy: Wir alle sind daran gewöhnt, von Beamten stets nur schönfärberische Informationen zu erhalten, wenn in einer Atomanlage etwas passiert ist, aber ich fand die Aussage dieser Sprecherin von URS, dem Betreiber von WIPP, bemerkenswert: Sie verkündete, dass jedwede Freisetzung, ich zitiere: „gleich niedrig sind, wie wenn man das Ladegerät von seinem Iphone ableckt.“

Don Hancock: Nun, das ist keine medizinisch haltbare Aussage. Da wir die Messwerte nicht kennen, können wir auch nicht sagen, wie hoch das Belastungsniveau ist. Mediziner, die mit Strahlung zu tun haben, würden aber wohl in so einem Fall sagen: „Setze dich keiner Strahlung aus, wenn du nicht unbedingt musst, egal, wie nieder die Dosis auch sein soll. Jede zusätzliche Belastung erhöht das Risiko.“ Man tut also so etwas einfach nicht, es sei denn, es ist unvermeidbar. Was die Belastung der Arbeiter angeht, so war dies aber vermeidbar, es war insbesondere nicht notwendig, dutzende Arbeiter am Samstagmorgen, dem 15. Februar, kommen zu lassen, da man zu diesem Zeitpunkt von den Freisetzungen unter Tage bereits wusste, also mehr als 100 Arbeiter potenzieller Verseuchung ausgesetzt hätte. Es ist weiterhin unrichtig, dass Ärzte, welche die Arbeiter untersuchten deren Testergebnisse vorliegen hatten und weitere Tests anforderten, gesagt hätten, dass für diese Leute keine Gefahr bestünde. Ich bin also darüber besonders besorgt, dass die Betreiber... Es war unrichtig für alle 13 Arbeiter, die in jener Nacht des Valentinstages über Tage in der Anlage ihren Dienst verrichteten, also zu dem Zeitpunkt, als die Freisetzung begann. Alle diese 13 Menschen wurden kontaminiert, obwohl ihnen gesagt worden war, sie seien nicht kontaminiert worden. Erst 12 Tage später, am 26. Februar wurden sie darüber informiert, dass sie sehr wohl kontaminiert worden waren. Dann wurden am Samstag weitere Arbeiter auf die Anlage geholt, am 15. Februar. Es ist klar, dass dies absolut inakzeptabel ist. Der Betreiber sollte also, anstatt zu behaupten, dass die Freisetzungen klein seien und keine Auswirkungen hätten, sich viel mehr bei den Arbeitern entschuldigen, sollten nicht vorschlagen, weitere Arbeiter in die Anlage zu bringen (was sie aber weiterhin machen) und sollten für gründliche Untersuchungen aufkommen; auch dies haben sie nicht getan. Es geht auch nicht nur um eine gründliche Abklärung bei den Arbeitern, sondern auch um deren Fahrzeuge, Wohnstätten und Familienangehörige, denn wenn sie von innerer Kontamination betroffen sind, dann ist es höchst unwahrscheinlich dass all diese Kontamination in ihren Nasen und damit in ihren Lungen gelandet ist, um daraufhin ausgeschieden zu werden - oder auch nicht. Sehr wahrscheinlich haben sie etwas mitgetragen. Die anderen Arbeiter, die am 15. Februar kontaminiert wurden, bekamen die Nachricht, bei ihnen wäre eine innere Kontamination festgestellt worden, erst am 9. März, also erst drei Wochen später.

Die Art, wie hier mit den Arbeitern umgegangen wurde, ist meiner Ansicht nach völlig inakzeptabel. Die Firmensprecherin sollte also, anstatt von keinem Risiko zu sprechen, Geldmittel für eine gründliche Untersuchung der Arbeiter, deren Fahrzeuge, Wohnungen und Familienangehörigen zur Verfügung stellen, um sicher zu gehen, dass die Kontamination sich nicht auch noch auf diesem Weg ausgebreitet hat.

Libbe HaLevy: Wo stehen wir heute in Bezug auf die Frage, wie Arbeiter ohne Sicherheitsrisiko in die Stollen vordringen können, um feststellen zu können, welche Schäden vorliegen?

Don Hancock: Die Betreiberfirma hat verlautbart, sie hätten einen Plan. Dieser wird nun vom DoE überprüft. Es sollen bald ein paar Arbeiter losgeschickt werden, vielleicht schon nächste Woche, um sicherzustellen, dass das Ventilationssystem unter Tage funktioniert, dass die Stabilitätsprobleme, die möglicherweise vorhanden waren, vermieden oder behoben werden können, um den Grund für die Verseuchung festzustellen, und wie man ihn beheben oder abschwächen kann, ihn isolieren kann oder was auch immer. Meine Vermutung – wenn auch nicht mein Wunsch – besteht darin, dass recht bald einige Arbeiter unter Tag geschickt werden. Ich glaube, dass dies wahrscheinlich verfrüht ist. Das Niveau der Radioaktivität in den Filtern und bei den Messgeräten ist zwar viel niedriger, aber höher, als es vorher im Untergrund und an der Erdoberfläche war. Ich glaube also, dass es einige triftige Bedenken dagegen gibt, Arbeiter in das Bergwerk zu beordern.

Das ist die eine Seite. Andererseits können wir nicht annähernd so viel erfahren, wie wir aber darüber erfahren wollen, was denn da unten passiert ist, wenn wir keine Leute hinunterschicken.

Ein weiterer Grund dafür, nicht mehr Leute auf die Anlage zu lassen, als zum Betrieb absolut notwendig sind, ist der, dass mehr als 140 m³ in der Anlage abgestellt sind. Wenn, was wir ja nicht wissen, Teil des Problems unter der Erde darin bestand, dass ein Behälter undicht wurde oder explodierte, dann ist der Umstand, dass Behälter in verschiedenen Bereichen der Anlage abgestellt sind ein weiteres Problem. Aus meiner Sicht sollten wir besonders sorgfältig vorgehen, insbesondere die Betreiberfirma und das DoE, die sie derart viele Fehler im letzten Monat begangen haben.

Libbe HaLevy: Welche Vorkehrungen wurden getroffen, um weiteren Freisetzungen über die Abluftauslässe zu verhindern?

Don Hancock: Sämtliche Luft sollte aus dem Abluftschacht ausgeblasen werden. Eines der Dinge, die wir nicht wissen, ist, ob das auch tatsächlich so ist, denn die anderen drei Schächte sind nicht mit Messgeräten versehen. Wir wissen also nicht, ob irgendwas über diese Route in die Umwelt freigesetzt wird.

Was den Abluftschacht betrifft, so wird die Luft normalerweise an der Oberfläche über drei große Rohrleitungen abgelassen. Alle drei sollten nun, da die Anlage im Filterbetrieb arbeitet, abgeriegelt sein. Die Luft aus dem Untergrund wird also nicht mehr direkt in die Umwelt geblasen, sie durchläuft zuvor diesen Filterprozess mit Hilfe der Hochleistungsfilter (HEPA-Filter). Das DoE hat ursprünglich konsequent behauptet, dass alles nach Plan funktionieren würde. Erst drei Wochen später haben sie gesagt, dass ein Arbeiter ausgeschickt wurde, um Schaum auf den Abgasklappen der drei Leitungsschächte zu applizieren, den die Klappen waren nicht ganz geschlossen, sondern nur fast ganz geschlossen – es hat dort also ein Leck gegeben. Es ist also wiederum zu einer Freisetzung von Radioaktivität jenseits dessen gekommen, was durch die Filter abgegeben wurde. Jetzt behauptet das DoE, diese Klappen wären dicht, alle Abluft müsse also die Filter passieren. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass Proben mit Hilfe eines speziellen Teilsystems gezogen werden, die mächtigen Filter wurden selbst aber nicht ausgetauscht. Im Laufe der Zeit sammelt sich in ihnen also mehr und mehr Material an, und wenn sich zu viel angesammelt hat nimmt der Wirkungsgrad ab. Auch das sind wieder Faktoren, über die man nichts weiß, die aber ein Grund für die Besorgnis der Menschen darüber sind, was da weiterhin vor sich geht.

Libbe HaLevy: Was diese Besorgnisse angeht: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung vor Ort in Bezug auf diesen Störfall?

Don Hancock: Ich selbst bin in Albuquerque, 480 km weit weg. Ich weiß also nur über Gespräche mit anderen Leuten, wie die Stimmung rund um Carlsbad ist, ich selbst war seit diesem Störfall nicht mehr vor Ort. Soweit der allgemeinen Berichterstattung zu entnehmen ist, die Sie und viele andere gesehen haben werden, sind die Menschen nun mehr besorgt, als sie es traditionell angesichts der Anlage von WIPP waren. Im Allgemeinen gibt es aber immer noch große Unterstützung für die Anlage und die Arbeiter. Einige der Arbeiter können es anscheinend kaum erwarten, wieder auf die Anlage zu kommen usw. Manche der Arbeiter dürften wohl nicht so sehr daran interessiert sein.

Ich würde also zwei Sachen sagen: Carlsbad steht auf Seiten der Betriebsleitung von WIPP. Es war an diesem Ort immer schwer, etwas gegen die Anlage zu sagen. Wenn dann etwas schlimmes in so einer Stadt passiert, dann ist die erste Reaktion der Leute vor Ort immer, dass sie sich einigeln und sich gegenseitig Mut zusprechen, dass man auch diese Situation bewältigen werde. Ich denke, dass entsprechend den Informationen, die bekannt werden, etwa der Anzahl von kontaminierten Arbeitern, wie hoch ihre Kontamination ist, wie hoch die Kontamination auf der Anlage ist, wie hoch die Kontamination außerhalb der Anlage ist, ob in Carlsbad oder an anderen Orten, das wird großen Einfluss darauf haben, was die Menschen denken.

Libbe HaLevy: Nur noch zwei weitere Fragen: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung durch die Medien?

Don Hancock: Im Allgemeinen nicht sehr gut, jedenfalls von meinem Blickwinkel aus gesehen. Das ist teilweise verständlich. Es gibt eine Lokalzeitung, den Current Argus, ein kleines Blatt, das nicht über große Ressourcen verfügt. Sie haben so ziemlich alle Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, auf diese Geschichte angesetzt. Einerseits ist das wohl gut, andererseits standen sie meist hinter WIPP, sodass die meisten ihrer Geschichten bis zu dem Störfall und auch die danach im Grunde aus Presseaussendungen des Energieministeriums bestehen.

Sie haben also nicht ausreichend Ressourcen, um mit dieser Situation fertig zu werden. Andere Medien sind aufgetaucht und wieder verschwunden. Natürlich bin ich über jegliche Berichterstattung froh, sei es in der New York Times oder in anderen Medien im Land, wie dem Albuquerque Journal oder den Fernseh- und Radiosendern. Da WIPP aber nicht für längere Zeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, gibt es nicht sehr viele Reporter, die über die Story etwas detaillierter informiert sind. Es gibt nur wenige Reporter, die sich zum Thema Radioaktivität auskennen, dem Thema Strahlenkontamination, daher ist weder der Umfang noch die Gründlichkeit der Berichterstattung nicht so, wie wir das gerne sehen würden. Ich hoffe weiterhin, dass es noch zu einer genaueren Berichterstattung und größerer Aufmerksamkeit kommen wird, aber wie Sie und Ihre Hörer wohl wissen, wird immer weniger Geld in unserem Land in die Medien investiert, daher sind fachkundige Reportagen vor Ort rar geworden, das ist bei einer Reihe von Themen so, und auch dieser Vorfall wird nicht annähernd so sorgfältig berichtet, wie es eigentlich notwendig wäre.

Libbe HaLevy: Noch eine persönliche Frage: besitzen Sie einen Geigerzähler und wenn ja, haben Sie diesen in Gebrauch?

Don Hancock: Meine Organisation arbeitet viel auf dem Gebiet der Überwachung, sehr viel wird im Nordwesten und Nordosten von New Mexico gemacht, ebenso im östlichen Arizona, wo es zu eine erhebliche Belastung durch Uran gibt, aus dessen Abbau und der weiteren Verarbeitung herstammend. Wir haben 5 Mitarbeiter in unserem Team, die mit Strahlenmessgeräten ausgestattet sind und diese auch regelmäßig bei ihrer Arbeit einsetzen. Wir haben also diese Möglichkeit. Ich selbst habe kein Strahlenmessgerät in meinem Büro in Albuquerque eingesetzt und habe auch keinen Grund zu glauben, dass die Notwendigkeit dafür besteht. Wir könnten, wenn wir es müssten, aber noch einmal: wir sind von WIPP ziemlich weit entfernt, es gibt keine Anzeichen, dass die Kontamination sich bis hierher ausbreiten konnte. Unglücklicherweise sind einige unserer Leute regelmäßig an sehr stark verseuchten Orten. Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, Wohnstätten von Navajos zu überprüfen, einschließlich solcher von schwangeren Frauen, Neugeborenen, und so zu versuchen, dass diese Menschen es vermeiden, in einem verseuchten Umfeld zu wohnen. Leider leben einige dieser Leute sehr nahe an versuchten Orten. Die Konzerne und auch die Bundesregierung haben in der Vergangenheit die gigantischen Verschmutzungen durch radioaktives Material und Schwermetalle nicht saniert, welche durch den Uranabbau in den 50ern, 60ern, 70ern und 80ern zurückgeblieben sind.

Libbe HaLevy: Nun, das weist auf eine ganz andere Geschichte hin, die wir ein anderes Mal besprechen können.

Don Hancock: Selbstverständlich.

Libbe HaLevy: Vorerst aber wieder einmal meinen herzlichen Dank, Don, dass Sie uns derart ausführlich informieren. Wir werden uns bei Ihnen für weitere Aktualisierungen wieder melden!

Don Hancock: Sehr gerne! Ich danke Ihnen!

Libbe HaLevy: Don Hancock vom Southwest Research and Information Center. Wir werden bei Don weiterhin nachfragen, um von den neuesten Entwicklungen bei WIPP zu hören.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #143: NM Radiation Leak Update w/Don Hancock update http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at März 2014 / v1

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10.03.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 142
3. Jahrestag Fukushima
Stimmen aus Japan


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Willkommen beim Nuclear Hotseat, dem internationalen Nachrichtenmagazin, das Sie über alle Entwicklungen im Anti-AKW-Bereich auf dem Laufenden hält. Mein Name ist Libbe HaLevy, Produzentin und Moderatorin, sowie Überlebende des Unfalls von Three Mile Island - ich war damals keine zwei Kilometer vom havarierten Reaktor entfernt. Ich weiß also, was passieren kann, wenn sich die sogenannten „Atomexperten“ irren.

Heute ist der 11. März 2014, der dritte Jahrestag des Beginns der Katastrophe von Fukushima Daiichi. Wir begehen ihn mit einer Spezialausgabe des Nuclear Hotseat: Stimmen aus Japan. Wir befragten eine breit gestreute Gruppe von Menschen, die in Japan und mit den Menschen in Fukushima arbeiten, wie ihrer Ansicht nach die Situation dort ist, was das Wichtigste wäre, das die Menschen ihrer Ansicht nach über Fukushima wissen sollten, und welche Informationen einfach nicht nach außen dringen. Die meisten von ihnen sprechen Japanisch, man wird nur die Übersetzung hören. Sie alle teilen mit uns ihre Wahrheit über Fukushima.

Wir beginnen mit Hiroaki Koide, Assistenzprofessor am Reaktorforschungsinstitut der Universität Kyoto. Er wurde über 40 Jahre hinweg wegen seiner Kritik an der Kernkraft vom akademischen Establishment marginalisiert. Heute ist Professor Koide einer der gefragtesten Experten, fast mit einem Rockstar vergleichbar, mit einer gewaltigen Anhängerschaft in ganz Japan.

Hiroaki Koide: Ich bin Herr Koide von der Universität Kyoto, dem Institut für Reaktorforschung. Ich habe die Atombühne als einer betreten, der Hoffnungen und Träume mit der Atomkraft verband. Dann aber habe ich die ernsten Gefahren und die Probleme mit der Gerechtigkeit für die Umwelt, die von ihr ausgehen, begriffen.

Über die letzten 44 Jahre hinweg war ich der Überzeugung, dass die Atomkraft abgeschafft werden muss. Ich hatte gehofft, dass wir die Atomkraft stoppen können, bevor ein schwerer Unfall passiert. Unglücklicherweise ist dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen und am 11. März 2011 kam es zum Unfall in Fukushima Daiichi.

Es sind seit diesem Tag nun drei Jahre verstrichen – die drei Jahre sind wie im Flug vergangen. Auf Grund der Strahlung, die durch den Unfall frei geworden ist, wurde ein großes Gebiet in Japan – einem Land, das von Anfang an nicht besonders groß ist – verseucht. Auch heute noch driften 100.000 Menschen, deren die Existenzgrundlage mitsamt der Wurzel ausgerissen wurde, ziellos umher. Sie sehen nicht einmal ansatzweise, wie sie einen Weg in die Zukunft bauen könnten. Meiner Ansicht nach ist das ganz schrecklich. Es scheint aber so zu sein, dass die Bundesregierung diese Menschen einfach ihrem Schicksal überlässt.

Darüber hinaus befindet sich rund um die 1.000 km² umfassende Evakuierungszone, in welcher diese Menschen einmal lebten, ein weiteres Gebiet in der Größe von 14.000 km², das in ganz erheblichem Ausmaß verseucht ist. Wenn Japan ein Land wäre, in dem die Gesetze Geltung hätten, dann würde es sich hier um ein Gebiet mit eingeschränkter Zugangsmöglichkeit handeln, einem Gebiet, in dem zu wohnen den Menschen auf Grund der intensiven Verstrahlung untersagt sein sollte. Die Millionen von Menschen, die dort leben, wurden achtlos weggeworfen. Ihnen wurde gesagt: „Wenn ihr die Gegend verlassen wollt, dann nur zu – aber das ist dann eure Sache.“

Die Regierung schützt Unwissenheit vor. Diese Millionen von Menschen, Kinder und Babys eingeschlossen, leben ihr normales Leben, wobei sie aber andauern der Strahlung ausgesetzt sind, als ob da überhaupt kein Problem bestünde. Warum sind drei Jahre vorüber gegangen, ohne dass Entlastungsmaßnahmen eingeleitet worden wären? Meines Erachtens ist das mehr als bizarr.

Darüber hinaus kam es am Ort des Unfalls selbst gleichfalls zu keiner Lösung. Premierminister Abe hat behauptet, die Situation sei unter Kontrolle, aber von meinem Blickwinkel aus betrachtet, ist dieser Unfall keinesfalls unter Kontrolle, das Problem ist nicht gelöst. Aufgrund des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 sind die Kerne in den Reaktoren eins bis drei geschmolzen – wir wissen nicht, wo sie sich jetzt befinden. Wir können diese Gebäudeteile nicht einmal betreten, um sie zu inspizieren.

Nach drei Jahren dauert dieser Unfall immer noch an. Die Reaktoren wurden durchgehend gekühlt, um ein weiteres Durchschmelzen zu verhindern, aber je länger sie das machen, desto mehr verseuchtes Wasser müssen sie unter Kontrolle halten. Es gibt keine andere Wahl.

Meine Befürchtungen, was die Atomkraft betrifft, wurden durch die Ungeheuerlichkeit der Probleme, denen wir uns nun gegenüber sehen, bestätigt. Selbst nach drei Jahren können wir nichts tun. Der eine Silberstreif am Horizont besteht darin, dass mehr Menschen in Japan als jemals zuvor einsehen, dass die Hoffnung, die wir einmal in die Kernenergie gesetzt haben, ein Irrtum war. Dennoch ist die Anzahl der Menschen, die zu diesem Schluss gekommen ist, nicht sonderlich stark angewachsen. Premierminister Abe und die Liberaldemokratische Partei haben die Lage noch kompliziert. Dennoch liegen die Tatsachen dieses Unfalls offen vor uns. Ich hoffe, das wird uns dazu anspornen, eine bessere Zukunft anzustreben. Die wichtigsten Dinge, die wir nun angehen müssen, sind die Sanierung der Unglücksstelle, also der Anlage von Fukushima Daiichi, und die Verringerung der Belastung von Kindern durch die Strahlung.

Libbe HaLevy: Das war Professor Hiroaki Koide.

Midori Kiuchi ist eine beliebte Film- und Fernsehschauspielerin. Seit dem Unfall von Fukushima Daiichi war sie unermüdlich als Anti-Atom-Aktivistin unterwegs und war Teilnehmerin von vielen Demonstrationen und Konferenzen. Am 15. März wird sie durch das Programm der Demonstration „Sayonara, Atomkraft!“ führen, an der Größen wie der Nobelpreisträger und Autor Kenzaburo Oe teilnehmen werden.

Midori Kiuchi: Am 11. März des Jahres 2011, als das Erdbeben stattfand, hielt ich mich gerade im siebten Stock eines Krankenhauses auf. Es war das schwerste Beben, das ich jemals erlebt habe. An diesem Tag war es schwer, nach Hause zu kommen.

Wenn ich mich daran erinnere, zu welchen Neuigkeiten ich am nächsten Morgen erwachte, bin ich nach wie vor entsetzt. Die Welt vor und nach dem Unfall von Fukushima Daiichi ist eine völlig andere. Ich bin über mich selbst wütend, wenn ich daran denke, wie wenig ich über die Gefahren der Atomkraft wusste. Der Tsunami war eine Naturkatastrophe, aber der Unfall ist das Werk von Menschen. Wir hätten ihn verhindern können.

Ich lebe in Tokio, aber seit diesem Unfall habe ich große Angst. Ich habe mich mit Informationen eingedeckt und ich empfinde Fernsehen und Zeitungen gegenüber tiefes Misstrauen. Im März 2011 hatte ich die Gelegenheit, Professor Hiroaki Koide sprechen zu hören, seitdem verfolge ich seine Aussagen. Professor Koide ist eine weltweit anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Kernkraft. Am Anfang glaubte auch er, dass die Atomkraft uns zu einer glänzenden Zukunft verhelfen würde. Vor 40 Jahren wurden ihm die Gefahren aber bewusst und er ist seitdem einer ihrer schärfsten Kritiker. 30 Jahre lang wurde er völlig ignoriert, seit dem Unfall ist sein Fachwissen aber sehr gefragt. Ich bin ein großer Fan von ihm, und höre mir Podcasts seiner Vorlesungen jeden Tag an – was mitunter meiner Familie auf die Nerven geht. Von ihm habe ich gelernt, dass die Menschen die Atomkraft besser nie zur Erzeugung von Energie herangezogen hätten. Es fehlte uns aber an Bewusstsein. Professor Koide sagt, dass diejenigen, die sich nicht informiert haben, für den Unfall mitverantwortlich sind. Wenn wir vor 20 Jahren auf ihn gehört und die Gefahren erkannt hätten, dann hätten wir damals unsere Stimme erhoben und wären jetzt nicht in dieser Misere.

Aus diesem Grund empfinde ich eine persönliche Verantwortung für den Unfall. Seither habe ich versucht, meinen Beitrag zu leisten, indem ich an Demonstrationen teilnahm, Petitionen unterschrieb, Geld spendete, mehrere Anti-Atom-Veranstaltungen moderierte und Glossen für die Medien verfasste. Die kürzlich abgehaltenen Gouverneurswahlen in Tokio waren eine große Enttäuschung. Ich frage mich, wann die japanische Bevölkerung aufwachen wird...

Die Regierung selbst befürwortet die Atomkraft, es ist also nicht einfach, den Trend umzukehren. Die Menschen rund um die Welt müssen glauben, die Japaner sind schwachsinnig, sie müssen wütend auf uns sein. Ich jedenfalls bin wütend. Ich denke, dass alles, was wir tun können, darin besteht, unsere Kräfte weiter aufzubauen. Ich glaube fest daran, dass wir die Kernkraft abschaffen können.

Was die japanischen Massenmedien angeht, so habe ich da meine Zweifel. Ich habe das Fernsehen völlig aufgegeben, denn damit wird Gehirnwäsche betrieben. Während der vergangenen drei Jahre habe ich versucht dazuzulernen und für mich selbst zu denken. Das ist viel interessanter, mein Leben ist nun sehr viel praller.

Ich glaube, dass die Menschen, die an der Westküste der USA leben, vor der Verseuchung, die dabei ist, den Ozean zu durchqueren, große Angst haben – auch sie müssen wütend sein. Ich möchte Sie dazu ermuntern, die japanische Regierung und die Leute in Japan zu beeinflussen, wenn Sie dazu in der Lage sein sollten. Es ist wirklich sehr schwer, die Mehrheit der Leute hier in Japan zu bewegen. Wir tun aber, was wir können.

Am 15. März werde ich eine weitere Großdemonstration moderieren. Der Nobelpreisträger Kenzaburo Oe wird dort sprechen. Wir haben diese Demonstrationen mit dem Motto „Sayonara, Atomkraft!“ regelmäßig abgehalten und an einer Petition gearbeitet, in der 10 Millionen Menschen die AKWs verabschieden. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir 8.397.480 Unterschriften, wir benötigen also nur mehr rund 1,6 Millionen. Wenn wir 10 Millionen Unterschriften zusammenbringen, werden die Menschen vielleicht aufmerksam. Es könnte ein Wendepunkt sein, wie wenn alle Teile in einem Spiel Othello umgedreht werden.

Bitte geben Sie Japan nicht auf! Ich hoffe, dass die Menschen überall auf der Welt damit aufhören, andere Menschen zugunsten ihres eigenen Komforts zu Opfern zu zwingen. Dies gilt nicht nur für die Atomkraft, sondern auch für die Kriege, die überall stattfinden. Wir müssen alle diese Dinge als unsere eigenen Problem begreifen.

Libbe HaLevy: Das war die Schauspielerin Midori Kiuchi.

Kosuke Ito stammt aus Minamisoma in der Präfektur von Fukushima. Er war unmittelbar in die Katastrophenhilfsmaßnahmen eingebunden, sofort nachdem der Unfall begann. Er und seine Freunde aus der Oberschule (high school) gründeten die gemeinnützige Vereinigung Frontier-Minamisoma , um Bürgern dabei zu helfen, ihr Leben wieder aufzubauen. Seine Vereinigung organisiert Exkursionen... [abgeschnitten]

Kosuke Ito: Am 11. März war ich in Tokio, nicht in meinem Heimatort Minamisoma. Sogar in Tokio waren die Erdstöße schrecklich und es hat lang gedauert, bis ich den Ort erreicht habe, an dem ich damals übernachtet habe. Vom Tsunami habe ich ursprünglich durch das Fernsehen erfahren. Am 12., als ich von den Explosionen in Fukushima Daiichi hörte, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, dass meine Heimatstadt wohl nun verschwinden würde. Ich würde nie mehr nach Hause zurückkehren können. Mir war immer bewusst, dass sich dieses AKW in der Nähe meines Zuhause befand, aber nie, in welcher Distanz genau – bis sie damit begannen, von 20 und 30 Kilometerzonen zu sprechen. Da fand ich heraus, dass mein Zuhause 24 km von Fukushima Daiichi entfernt liegt. Am 12. hatte ich immer noch keine Nachricht von meiner Familie erhalten. Ich erinnere mich an meine Beunruhigung.

Sofort nach der Katastrophe haben mich Schulkollegen kontaktiert und wir haben eine gemeinnützige Vereinigung eingerichtet. 2011 war absolut chaotisch. Es gab so viel zu tun, aber nicht genügend Helfer. Wir hatten keine Ahnung, wie hoch die Strahlenwerte waren. Wir hatten eigentlich gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wir waren zu beschäftigt, den Leuten zu helfen. 2012 wurde es etwas ruhiger und wir konnten über unsere zukünftige Ausrichtung nachdenken. Während dieses ersten Jahres haben wir viele Verbindungen geknüpft und unsere Vorstellungen wurden klarer. 2013 war der zentrale Begriff für uns: Unabhängigkeit. Viele Hilfsorganisationen dachten über Unabhängigkeit nach. Mit dem dritten Jahr, so dachten wir, würden wir zu unseren Jobs in Tokio zurückkehren können und die verbleibende Arbeit den Menschen vor Ort überlassen. Es war aber immer noch zu früh. Es gab einfach nicht genügend Leute, die aushalfen.

Wir bekamen unsere ersten Zweifel in Bezug auf die Sanierungsarbeiten. Was bedeutet diese Sanierung für den Wiederaufbau? Speziell in Fukushima wurde begonnen, die Notwendigkeit einer Entseuchung in Zweifel zu ziehen. Menschen, die aus der Gegend geflüchtet waren, hielten sie zum Teil für unnotwendig. Die Meinungen der Leute begannen auseinanderzudriften. Ich glaube, es ist ganz in Ordnung, wenn es unterschiedliche Gefühle gibt. Großeltern, die wollten, dass ihre Enkelkinder auf den Ort, aus dem sie stammten, stolz sein konnten, arbeiteten sehr hart an der Entseuchung. Leute, welche die Stadt als einen begehrenswerten, dynamischen Ort sehen wollten, bemühten sich um ihre Geschäfte. Leute, die Kinder in der Stadt sehen wollten, haben sich darum gekümmert, dass Spielplätze geschaffen wurden und unterhaltsame Events inszeniert.

Wenn aber jemand evakuiert wurde, dann kann dessen Ziel auch sein, woanders hin zu ziehen und dort von Neuem zu beginnen. Es gibt auch viele Menschen, die nicht im Stande waren, diesen ersten Schritt in Richtung Sanierung zu gehen. Wir müssen die Leute respektieren, die bleiben wollen, und auch die, welche gehen wollen. Wir unterstützen weiterhin jene, die diese Hilfe brauchen. Viele Menschen leben noch als Evakuierte, ich hoffe, dass wir gemeinsam in diesem Jahr noch einige Fortschritte machen werden. Ich persönlich bin nach Hokkaido gezogen – das war am Anfang ziemlich hart. Für mich war es aber das richtige, wegzugehen. Dennoch kann ich die Menschen von Fukushima unterstützen.

Libbe HaLevy: Glaubst du, dass der Wiederaufbau dadurch verzögert wird, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorstellung in eine Gruppe zusammengefasst werden?

Kosuke Ito: Ich bin immer wieder nach Ishinomaki gereist, das in erster Linie vom Tsunami betroffen war. Ich habe wirklich den Eindruck bekommen, dass die Leute dort zusammenarbeiten und Fortschritte beim Wiederaufbau erzielen. In Fukushima zielen alle Leute in eine andere Richtung. Niemand weiß, welchen Weg er nehmen soll. Wenn wir die unterschiedliche Gefühlslage bei den Menschen nicht anerkennen, so wird das nur zu Konflikten und Spaltungen führen. Letztes Jahr konnten wir schließlich einen Dialog zu diesem Thema in Gang bringen.

Libbe HaLevy: Was meinst du, wenn du von „Konflikt“ und „Spaltung“ sprichst?

Kosuke Ito: Um es einfach zu machen: ich spreche von dem Konflikt, der dadurch entsteht, wenn einige Menschen in Fukushima bleiben wollen, während andere die Gegend eigentlich verlassen möchten. Manche, die in Fukushima bleiben wollen, titulieren die, welche wegziehen, als Verräter, die ihre Heimatstadt im Stich lassen. Die Menschen, die weggehen, machen die Sache noch schlimmer, indem sie diejenigen kritisieren, die vor Ort bleiben wollen, da sie sich dadurch in eine gefährliche Lage brächten. Es kann auch die Frage, ob entseucht werden soll oder nicht, zu Streitigkeiten führen. Ein anderes Beispiel: Die Menschen aus Futaba, das nahe am Kraftwerk Fukushima Daiichi liegt, streiten darüber, ob sie zurückkehren werden oder nicht.

Libbe HaLevy: Glaubst du, dass diese Streitigkeiten gelöst werden können?

Kosuke Ito: Das ist schwierig. Ich glaube, dass diese Schwierigkeiten weiter bestehen werden, bis Fukushima Daiichi in 40 bis 60 Jahren völlig stillgelegt und saniert ist.

Libbe HaLevy: Glaubst du, dass die Regierung für diese Zwistigkeiten verantwortlich ist?

Kosuke Ito: Ja. Ich glaube sie müssen klare Kriterien aufstellen, was „entseucht“ bedeuten soll. Sie gehen planlos vor, aber die Leute sehen, dass Arbeiten vorangehen und schöpfen wieder Hoffnung, dass sie vielleicht wieder zurückkehren können.

Libbe HaLevy: Als ihr mit eurem gemeinnützigen Verein begonnen habt, habt ihr das Problem der Radioaktivität nicht weiter beachtet und den Menschen geholfen, weil sie diese Unterstützung brauchten. Wie hat sich deine eigenen Ansicht über Strahlung und Wiederaufbau verändert?

Kosuke Ito: Am Beginn habe ich den Leuten einfach deshalb geholfen, weil sie diese Unterstützung dringend benötigt haben. Es musste etwas geschehen. Ich habe nicht daran gedacht, ob die Strahlenwerte hoch oder nieder waren. Ich sah nur, dass diese Leute Hilfe brauchten und war bereit, mein Leben zu riskieren. 2011 war ich wegen der Strahlung nicht besorgt; dann veränderte sich meine Lage aber. Ich habe geheiratet und wir haben ein Kind bekommen. Es geht jetzt nicht mehr nur um mich. Ich muss auch an meine Familie denken. Es wäre für mich sehr schwer, meine Frau und mein Kind in die Lage zu bringen, sich einer Strahlenbelastung aussetzen zu müssen. Es gibt eine große Kontroverse darüber, wie viel Strahlung sicher ist, und es schwer zu beurteilen, welchem der Experten man Glauben schenken soll. Meiner Ansicht nach ist sogar ein geringes Risiko zu hoch. Ich habe mich dazu entschlossen, dieses Risiko so gut es geht zu meiden.

Libbe HaLevy: Kosuke Ito. Aus Sorge wegen der Strahlung leben er, seine Frau und sein Kind nun in Sapporo.

Kaori Suzuki lebt in der Stadt Iwaki, in der Präfektur Fukushima. Vor dem 11. März 2011 war sie Hausfrau. Seit dem Unfall ist Kaori Suzuki die Direktorin des Tarachine Citizens Radiation Monitoring Center. Ihr Ziel ist es, den Menschen in Fukushima ein bisschen Sicherheit und Zuversicht zurückzugeben, indem sie ihnen hilft, die Strahlenbelastung möglichst zu minimieren.

Kaori Suzuki: Aus dem privilegierten Blickwinkel unseres Strahlenmesslabors heraus möchte ich die Veränderungen besprechen, die wir in der Haltung der Menschen und den allgemeinen Umstände seit 2011 beobachten konnten.

Was hat sich also verändert? Der Unfall hat unserem Leben viele Anpassungen abgefordert. Zuerst einmal ist es nicht normal, dass wir die Radioaktivität in unseren Nahrungsmitteln feststellen müssen. Wir müssen die Strahlung in der Erde unserer Felder messen, bevor wie den Boden bebauen können; auch das ist sehr seltsam. Wir können nicht ins Meer, wir können unsere Kinder nicht in den Parks spielen lassen. Die uns vertraute, nährende Umwelt scheint sich verabschiedet zu haben, ist irgendwo in weiter Ferne verschwunden. Das ist an sich schon eine gewaltige Veränderung.

Ich glaube, dadurch wurde auch eine Veränderung in der Gefühlswelt der Menschen ausgelöst. Wir fanden früher ein gutes Auskommen miteinander, selbst mit den Leuten, mit denen wir nicht immer einer Meinung waren. Wegen dieser besonderen Situation sind wir aber gezwungen, tief in die Herzen derjenigen hineinzublicken, zu denen wir in eine Beziehung treten. Dies hat eine Atmosphäre der Zwietracht entstehen lassen. Es ist etwas, was sich kurz nach dem Unfall ganz drastisch geändert und sich seither nicht wieder gebessert hat.

Ich glaube auch vor dem Unfall hat es schon Menschen gegeben, deren Grundhaltung diejenige war, dass „jemand anderer es sich um das Problem kümmern soll“. Daran hat sich nichts geändert. Was mich aber seit dem Unfall am meisten beunruhigt, sind die Kinder. Ich bin besorgt um ihre physische und psychische Gesundheit und die nächsten 30, 40 oder 50 Jahre, die benötigt werden, um die Reaktoranlage selbst zu sanieren. Diese Last bürden wir unseren Kindern auf. Es ist klarerweise Aufgabe der Erwachsenen, daran zu arbeiten, rasch eine Lösung für diese Krise zu finden und die Belastungen für unsere Kinder so gut es geht zu reduzieren. Unglücklicherweise denken viele Leute, dies sei nicht ihr Problem. Ich glaube, dass dies ein Grund ist, warum viele Dinge sich nicht bessern.

Ich warte auf den Tag, an dem Erwachsene von überall auf der Welt zusammenkommen, um die Verantwortung für die Lösung dieses Problems zu übernehmen. Ich bin aber da nicht sehr optimistisch. Ich bin nur eine einfache Bürgerin. Ich bin keine Absolventin einer angesehenen Universität oder dergleichen. Der Umstand, dass ich Direktorin des Strahlenmesszentrums geworden bin, ist in sich schon merkwürdig – es ist keine Position, die so jemand wie ich normalerweise einnehmen würde. Aber wir leben nicht in einer normalen Zeit. Wir sind auf einem Schlachtfeld und im Krieg kann alles passieren. Eine schwache Frau kann ein Maschinengewehr bedienen und einen Soldaten erschießen. Eine Hausfrau wie ich, gewohnt, drei Mahlzeiten zuzubereiten und ein Schläfchen zu halten, nimmt nun Strahlenmessungen vor.

Libbe HaLevy: Was beunruhigt dich nun am allermeisten?

Kaori Suzuki: Am meisten besorgt bin ich um die Kinder – nicht nur um meine eigenen, sondern um alle Kinder. Die Gesellschaft ist zurzeit wirklich ganz aus den Fugen. Anstatt über die Gesundheit der Kinder nachzudenken, machen wir uns Gedanken darüber, wie wir die Konjunktur zum Laufen bringen könnten. Symptome einer Strahlenkontamination, etwa Nasenbluten, das bei vielen Kindern auftrat, werden völlig missachtet. Ich bin über die Gesundheitsauswirkungen besorgt, aber auch darüber, dass sie in einer perversen Gesellschaft heranwachsen, in der die Erwachsenen den Bedürfnisse ihrer Kinder nicht die erste Stelle einräumen. Ich bin darüber besorgt, was für eine Art von Erwachsene diese Kinder in Zukunft wohl sein werden und welche Lasten wir ihnen aufbürden.

Libbe HaLevy: Kaori Suzuki vom Tarachine Citizens Radiation Monitoring Center.

Laura Inoue und ihr Ehemann Gichi sind die Begründer des Komoro Homestay Programme für Mütter und Kinder.

Laura Inoue: Hallo! Mein Name ist Laura Inoue. Zusammen mit meinem Ehemann und einigen anderen Leuten betreiben wir das Komoro Homestay Programme. Komoro ist eine kleine Stadt in den Bergen von Nagano in Japan.

Wir hatten großes Glück. Zum Zeitpunkt des Unglücks von Fukushima waren wir von der Strahlung durch einen gewaltigen Vulkan abgeschirmt, Mount Asama. Wir sind hier also sehr sicher. Wir haben unbelastete Nahrung. Wir haben also verpflichtet gefühlt, etwas zu tun, den Betroffenen zu helfen, und insbesondere die Gesundheit der Kinder zu beschützen. Das ist es, worum es uns geht: Die Gesundheit der Kinder zu beschützen. Das bedeutet freilich, ihren Familien zu helfen und diese zu unterstützen. Sie werden vielleicht glauben, dass der Unfall bereits vorüber ist.

Als Premierminister Abe diese Rede hielt, in der er versuchte, die Olympischen Spiele 2020 nach Japan zu holen, da sagte er: „Ich kann Ihnen versichern, dass alles unter Kontrolle ist.“ Ich aber sage Ihnen: das ist es nicht – weder technologisch, noch, was die Opfer angeht. Wir müssen die Opfer mindestens für weitere zehn Jahre unterstützen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Mutter mit kleinen Kindern. Es ist schon genügend Arbeit, nach ihnen zu sehen, das Essen einzukaufen, im Supermarkt herumzugehen, um nachzusehen, was in den Nahrungsmitteln enthalten ist, während schlecht gelaunte Kleinkinder Sie angreinen. Wenn man nun zusätzlich auch noch auf Strahlungsinformationen hören muss – die es aber nicht gibt –, dann können Sie sich vorstellen, wie erschöpft Sie wären.

Information fehlt, weil diejenige, welche von der Regierung verbreitet wird, reines Kauderwelsch ist, sie ist absolut nutzlos. Diese Information ist da, weil die Regierung den Eindruck hat, sie müsste halt Informationen herausgeben – sie haben aber keine Ahnung, wie sie diese Information so aufbereiten sollen, dass sie für irgend jemanden einen Sinn ergibt. Wir versuchen nun, die Zahlenangaben zu dechiffrieren; aber es bleibt eine komplizierte Angelegenheit.

Wir versuchen, ein Netzwerk zu bilden, eine Gemeinschaft, die den Opfern sagt, dass sie nicht allein sind, nicht vergessen wurden. Wir schicken frisches, unverseuchtes Gemüse zu denen, die nicht wegziehen konnten. Einige sind weggegangen, manche sind hierher gekommen, wir haben 33 Familien geholfen. Manche konnten aber nicht einfach gehen; sie haben Jobs, sie haben eine Hypothek. Vergessen Sie uns also bitte nicht! Wenn Sie irgend etwas für uns tun können, danke schön!

Libbe HaLevy: Das war Laura Inoue vom Komoro Homestay Programme für Mütter und Kinder. Sie können Laura hier kontaktierten.

Seiichi Mizuno ist ein Geschäftsmann und früheres Mitglied der japanischen Diet, des Oberhauses. Er war Direktor der Kaufhauskette Seibu und war im Vorstand vieler führenden Konzerne. Er, eine Person, die eine herausragende Rolle in der Entwicklung von Japans wirtschaftlichem Erfolg gespielt hat, ist über Japans Abhängigkeit von Atomkraft und die Auswirkungen des Unfalls von Fukushima Daiichi äußerst besorgt.

Seiichi Mizuno: Drei Jahre sind seit dem Unglück von Fukushima Daiichi vergangen, aber es gab nur sehr wenig Fortschritt bei den Aufräumarbeiten und bei der Sanierung. Speziell die andauernde Produktion von täglich 400 Tonnen an kontaminierten Wasser und die immer häufiger auftauchenden Lecks sind beunruhigend. Das größte Problem sind die durchgeschmolzenen Reaktorkerne der Reaktoren 1 und 2, welche aller Wahrscheinlichkeit nach das Grundwasser verseuchen. Wir haben also nicht nur immer mehr und mehr verseuchtes Kühlwasser, wir haben es darüber hinaus mit einer Verseuchung des Grundwassers zu tun. Und zusätzlich müssen wir eine Lösung für die Entsorgung all dieses verseuchte Wasser finden.

Im September letzten Jahres wurden die Olympischen Spiele 2020 durch das IOC an Japan vergeben. Ich habe ernste Bedenken, was einige der Inhalte der Rede von Premierminister Abe vor dem Olympischen Komitee angeht. Er sagte, er könne die Sicherheit garantieren, dass sich die Situation unter Kontrolle befände und dass sich die Verseuchung auf diese paar hundert Quadratmeter des Hafenbeckens beschränken würden. Er sagte sogar, dass das Wasser vor Fukushima selbst nach den Richtlinien für Trinkwasser der UN-Weltgesundheitsorganisation absolut unbedenklich sei, lediglich ein Fünfhundertstel des Grenzwertes ausmache. Er sagte, dass es keine Gefahr für die Gesundheit gäbe, dass es auch niemals eine Gefahr geben werde.

Es ist offensichtlich, dass all das völlig falsch ist. Die Idee, das verseuchte Wasser würde irgendwie durch das Hafenbecken blockiert, ist von ganz besonderer Absurdität. Das Wasser folgt nicht einer besonderen Route durch den Hafen, es gelangt auf direktem Weg ins Meer. Es gibt Beweise dafür, dass in mehr als 40 Hotspots extrem verseuchtes Wasser auf ungehindert ins Meer fließt.

Obwohl wir nach wie vor mit gravierenden Problemen konfrontiert sind, für die noch nicht einmal ansatzweise eine Lösung besteht, hat Abe seine Bewerbung für die Olympiade rund um die Behauptung konstruiert, dass die Situation unter Kontrolle sei.

Im Übrigen besteht das Risiko, dass im Falle eines neuerlichen schweren Bebens sich die Situation sogar noch weiter verschlimmert. Man versucht mit Nachdruck, die abgebrannten Brennelemente aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 zu entfernen, aber es gibt keine Garantie dafür, dass dieses Projekt rechtzeitig abgeschlossen werden kann.

Es besteht außerdem die Gefahr, dass das AKW von Hamaoka (südlich von Tokio in der Präfektur von Shizuoka) noch einen weiteren Unfall auslösen wird. Es ist als das gefährlichste von ganz Japan bekannt, denn es befindet sich in einem Gebiet, in dem das Großbeben der Nankai-Falte erwartet wird. Ich kann nicht verstehen, warum die Regierung Abe das Kraftwerk von Hamaoka unter diesen verheerenden Bedingungen wieder in Betrieb nehmen will.

Dies ist auch nicht allein Japans Problem. Wenn es zu einem weiteren Unfall kommt, werden auch Amerika und alle anderen Staaten der Welt betroffen sein. Bereits jetzt gelangt die Verseuchung aus Fukushima über den Pazifik an die Westküste der USA, wo hohe Strahlenwerte gemessen werden. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Fische, die dieses Wasser passieren, von der Strahlung in Mitleidenschaft gezogen werden.

Im Lichte der Tatsache, dass Fukushima weit davon entfernt ist, unter Kontrolle zu sein, empfinde ich es als unverzeihlich von japanischer Seite, zuzustimmen, eine Olympiade abzuhalten.

Ich hoffe, dass Menschen überall auf der Welt meine Besorgnis über den Zustand von Japans Kernreaktoren teilen und gemeinsam ihre Stimme erheben.

Libbe HaLevy: Seiichi Mizuno; hier ein Link zu seiner Website.

Ruiko Muto hatte in Tamura City, Präfektur Fukushima, ein Kaffeehaus betrieben, wurde aber dazu gezwungen, ihr Geschäft zu schließen. Sie ist seither eine Anführerin von Bürgern aus Fukushima geworden, die Strafanzeige gegen TEPCO und die Regierung eingereicht haben. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Ruiko Muto: Die Regierung und TEPCO haben Fakten unterschlagen und verharmlosen die Auswirkungen des Unfalls von Fukushima Daiichi, sie verändern die Grenzwerte nach eigenem Gutdünken. Das ist der Grund, warum wir der Strahlung ausgesetzt sind und dazu gezwungen sind, in dieser schwierigen Situation zu leben.

Drei Jahre sind vergangen und die Leiden, die durch die Katastrophe verursacht wurden, haben ihre Form verändert und sie sind zahlreicher geworden. Im Dezember 2012 hat der damalige Premier Noda den Wiederaufbau (recovery) verlautbart. Die Politik Japans und der Präfektur von Fukushima läge darin, zu sanieren, die Flüchtlinge wieder zurückzubringen, und für einen vollständige Wiederherstellung zu sorgen. Es wurde eine massive Entseuchungskampagne gestartet. Dennoch ist in vielen Gebieten der Standard einer Jahresdosis von einem Millisievert nicht erreicht. Trotzdem wird die Wiederansiedlung vorangetrieben.

Kürzlich war Miyakoji in der Gemeinde Tamura der erste Ort, in dem die Evakuierungsorder aufgehoben wurde. Es gibt viel Plätze in Miyakoji, an denen die Strahlenwerte hoch sind. In den Gegenden, in denen die Werte über einem Millisievert liegen, verteilt die Regierung Strahlenmessgeräte, überlässt ansonsten die Menschen aber sich selbst. Die Schulen haben ihre Tätigkeit außerhalb der Präfektur fortgesetzt, nun sind sie gezwungen, nach Miyakoji zurückzukehren. Manche Schüler, die immer noch in dem Gebiet leben, in das sie evakuiert worden sind, werden nun 40 Minuten mit dem Bus unterwegs sein müssen, um eine Schule zu besuchen, die näher bei Fukushima Daiichi liegt als ihr jetziger Wohnort.

Unmittelbar nach dem Unfall wurden die Schulessen mit Lebensmitteln zubereitet, die von außerhalb der Präfektur stammten; bereits seit dem zweiten Jahr aber stammen die meisten der Ausgangsprodukte aus Fukushima. Es gibt Leute, die vorschlagen, man solle doch das Programm der Schulspeisung dafür nutzen, den Gebrauch von Produkten [aus Fukushima] zu erhöhen, um so „schädliche Gerüchte“ über Strahlung zu zerstreuen. Die Bauern sind hin. Und hergerissen zwischen einer Fortsetzung ihrer Lebensgrundlage und ihrem Bestreben, sichere Lebensmittel herzustellen. Dieser Widerspruch lastet schwer auf der Würde der Bauern.

Weiters sind die Plastiksäcke, gefüllt mit kontaminierter Erde und Unrat, überall zu sehen, sie bedecken ganze Reisfelder und reihen sich entlang den Straßen auf, oftmals in drei oder vier Reihen aufgetürmt. Diese Säcke stehen neben Wohnhäusern, sie wurden unter den Spielplätzen von Schulen vergraben. Die Leute gehen zwischen ihnen ihrem täglichen Leben nach. Strahlender Abfall, der mit weniger als 8.000 Bq/kg (Becquerel pro Kilogramm) strahlt, wird in den bestehenden Verbrennungsanlagen „entsorgt“. Strahlenabfall, der mit mehr als 8.000 Bq belastet ist, soll zu speziellen Verbrennungsanlagen gebracht werden, wie sie das Umweltministerium überall in der Präfektur von Fukushima errichten lässt. Die Einwohner sind über diese Pläne nur teilweise unterrichtet.

Die Meinung der Menschen ist geteilt: Es gibt solche, die nach Hause wollen, und solche, die sich bei diesem Gedanken immer noch nicht recht wohl fühlen. Wenn sie zurückkehren, dann wissen sie nicht, ob sie weiterhin Landwirtschaft betreiben können, es fehlt auch noch an der Infrastruktur, wie etwa Geschäften und Krankenhäusern. Ältere Menschen, die bereits aufgegeben haben, leben immer noch in Notunterkünften, obwohl ihre Unterstützungszahlungen gekürzt werden. Sie haben nicht genug zu essen, und über Neujahr wurde ein SOS-Nothilfe-Projekt eingerichtet, um ihnen zu helfen. Menschen, die in diesen Notunterkünften leben, werden depressiv. Die Atmosphäre ist geladen.

Ministerien und Regierungsbehörden haben verschiedene Strahlenschutz- und Aufklärungskampagnen propagiert, die auf Kinder und junge Leute ausgerichtet sind. Die Situation in Fukushima ist nach wie vor sehr ernst.

Libbe HaLevy: Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem?

Ruiko Muto: Kinder halten sich in Gebieten auf, in denen die Strahlenwerte hoch sind. Ein anderes Problem besteht darin, dass in der Klage, die wir gegen die Regierung und TEPCO eingereicht haben, zwar ein Menge Kläger vertreten sind, aber es gibt keine spezifischen Personen als Täter. Als über 14.000 von uns ursprünglich diese Klage eingereicht haben, wurde sie abgewiesen. Obwohl es sich um eine durch Menschenhand ausgelöste Katastrophe handelt, gibt es niemanden, der Verantwortung übernehmen würde. Meiner Ansicht nach ist das wirklich merkwürdig. Außerdem ist die Rede davon, andere Reaktoren wieder hochzufahren und die Atomexporte zu intensivieren, während andererseits niemand die Verantwortung für diesen Unfall übernimmt. Die Opfer jedoch erhalten nicht genügend Unterstützung .

Libbe HaLevy: Können Sie uns etwas zu den Staatsanwälten in diesem Verfahren sagen?

Ruiko Muto: Nun, die forensische Untersuchung in diesem Strafverfahren, um die wir gebeten hatten, wurde nicht bewilligt. Ein weiteres Problem war der Wechsel des Gerichtsstandes. Wir haben das Verfahren in Fukushima eingereicht, es wurde jedoch an das Büro des Staatsanwaltes für die Region Tokio verwiesen. In Japan gibt es die Möglichkeit, dass die Entscheidung des Staatsanwaltes von einem Gremium überprüft wird, das einer Gruppe von Geschworenen ähnelt. Wir wollten, dass diese Überprüfung in Fukushima stattfindet, aber sie wurde ebenfalls in Tokio durchgeführt. Ich glaube, dass es Absicht war, diese Überprüfung nicht in Fukushima durchführen zu lassen, wo es sehr viele Ankläger gibt. Die Schlussfolgerungen der Staatsanwälte hörten sich für mich an, als ob es Anwälte im Sold von TEPCO wären.

Libbe HaLevy: Sie sagen uns also, dass eine grundlose Verlegung des Gerichtsstandes gesetzlich gedeckt ist?

Ruiko Muto: Es passiert nicht sehr häufig, aber das kommt vor.

Libbe HaLevy: Wurde eine Begründung angeführt?

Ruiko Muto: Uns wurde gesagt, dass die Angeklagten in Tokio wären, und dass der Staatsanwalt für die Region Fukushima den Fall an den Staatsanwalt der Region Tokio abgegeben hätte. Ich verstehe beide Begründungen nicht.

Libbe HaLevy: Allerdings, das ist nicht leicht zu verstehen!

Gibt es neben diesem Verfahren noch andere Dinge, in die Sie involviert sind?

Ruiko Muto: Ich bin die Hauptklägerin, daher ist dies meine Hauptbeschäftigung, aber ich bin in die Bemühungen um die Sammelklage der Evakuierten eingebunden. Ich helfe auch bei den Anstrengungen, um für die Kinder von Fukushima schulische Austauschprogramme zu ermöglichen. Außerdem halte ich Vorträge über Fukushima in ganz Japan.

Libbe HaLevy: Haben Sie eine Botschaft an unsere Hörer?

Ruiko Muto: Ja. Diese Katastrophe ereilte Fukushima. Aber diese Art von Katastrophe kann überall passieren. Ich würde mir daher wünschen, dass alle Menschen Fukushima auch als ihr eigenes Problem betrachten könnten.

Libbe HaLevy: Ruiko Muto. Links zu diesem Strafverfahren gegen TEPCO und die japanische Regierung finden sie auf der Website vom Nuclear Hotseat.

Als nächsten hören wir Setsuko Kida, die bereits im Nuclear Hotseat 127 interviewt wurde, am 25. November 2013. Setsuko Kidas Zuhause ist in der Ortschaft Tomika, die innerhalb der Evakuierungszone liegt, 8 km von Fukushima Daiichi entfernt. Sie ist nach dem Unfall nach Mito City in der Präfektur Ibaraki geflohen. Seither hat sie überall in ganz Japan und auch im Ausland über die Gefahren der Atomkraft gesprochen. Im Jahr 2013 hat sie als Atomkritikerin für die Grüne Partei im Oberhaus kandidiert und Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge gefordert.

Setsuko Kida: Wir sind nun bereits fast am 3. Jahrestag des 11. März 2011. Am Anfang, gleich nach der Kernschmelze, hatten die Atomflüchtlinge noch die Hoffnung, dass der Staat uns nicht vergessen würde. Viele Menschen haben uns geholfen, wir haben Unterstützung durch die Regierung erhalten, und so konnten wir unsere Lage irgendwie meistern. Wir waren sehr froh, dass man uns half, das gab uns Hoffnung. Aber drei Jahre sind nun um, und die Menschen, die in den Notunterkünften leben, versinken immer tiefer in Armut. Seit Fukushima explodiert ist, konnten sie nicht mehr nach Hause zurück. Außerdem gab es nicht einmal bei der Aufräumung der Schäden durch den Tsunami in den Evakuierungszonen sehr viele Fortschritte. Es macht den Eindruck, man habe die Flüchtlinge vergessen. So haben wir uns das anfänglich nicht vorgestellt.

Wie steht es um die Leute in den Städten? Unmittelbar nach der Katastrophe wurden sie Zeuge schrecklicher Zerstörung, sie waren sicherlich schwer geschockt. Ich glaube, dass ihre Sorge groß war. Es scheint aber, dass mit jedem 11. März die Wahrnehmung dieser Leute immer mehr schwindet.

Während des Wahlkampfs um den Posten des Gouverneurs von Tokio sagten zwei frühere Premierminister, die Atomkraft sei ein Fehler; während ihrer Amtszeit hatten sie sich allerdings nicht negativ zur Atomkraft geäußert. Sie schienen ernsthaft die vielen Probleme mit der Atomkraft in Betracht zu ziehen, wie etwa den Neustart der Reaktoren, das Fehlen eines Endlagers für den Atommüll und die Möglichkeit eines neuerlichen Fukushima, das durch einen der alten Reaktoren verursacht werden könnte.

Obwohl diese früheren Premierminister solcherlei Überlegungen propagierten, bewerteten die Bürger andere Themen als wichtiger. Ältere Mitbürger waren etwa mehr über die steigenden Gesundheitskosten und Pflegeheime besorgt, jüngere Frauen, die berufstätig sein wollen, über den Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen.

Mag sein, dass einige Leute immer noch an Fukushima denken, aber diese Wahlen haben gezeigt, dass die Sorge über die eigene Lage und die eigenen Probleme bei den Versorgungsleistungen des Staates bei den meisten überwiegt. Ich mache ihnen deshalb keine Vorwürfe. Unglücklicherweise ist das aber der Grund, warum die Kandidaten, die gegen die Atomkraft ausgerichtet waren, keinen Erfolg hatten.

Es scheint, dass die Menschen in Japan nur jene Probleme wahrnehmen können, die direkt von ihren Augen liegen – obwohl wir einen derart schwerwiegenden Atomunfall hatten. Die Regierung preist Japan als ein schönes Land mit einer starken Wirtschaft, aber Japan ist nicht so wohlhabend, wie alle Leute meinen. Japan ist im Grunde ein armes Land. Es ist nicht wirklich der Geist der Menschen selbst, der verarmt, aber die Regierung ist moralisch bankrott, daher sind die Menschen gezwungen, ihre eigenen, unmittelbaren Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

Libbe HaLevy: Setsuko Kida. Hier ein Link zu einem Interview (Nuclear Hotseat 135), in dem eine Fahrt zu ihrem Haus in der Evakuierungszone beschrieben wird.

Zum Abschluss: Taro Yamamoto ist Schauspieler. Er ist Mitglied der japanischen Diet im Oberhaus. Seiner Ansicht nach bietet der Unfall von Fukushima Daiichi die Chance, die Atomkraft abzuschaffen. Außerdem ist er bemüht, Anwohnern zu helfen, die unter der Strahlenbelastung zu leiden haben. Den Wahlkampf 2013 bestritt er mit einem Programm gegen Atomkraft und gegen Armut und erhielt 660.000 Stimmen.

Taro Yamamoto: Mein Name ist Taro Yamamoto, ich bin ein Mitglied des Oberhauses der japanischen Diet. Drei Jahre sind nun seit der Naturkatastrophe und den Kernschmelzen am 11. März 2011 vergangen. Wie haben sich die Bevölkerung Japans und die japanische Regierung seither verändert?

Nun, die japanische Regierung und die Politik in Japan haben sich fast gar nicht verändert. Wenn, dann sind sie bei ihren Lügen und Vertuschungen sogar noch durchtriebener vorgegangen. Bedauerlicherweise gibt es für das fortgesetzte Vertrauen der japanischen Diet immer noch mächtige politische Unterstützung. Unglücklicherweise wird die Atomkraft von den herrschenden Kräften im Parlament weiterhin vorangetrieben, trotz einer immer größer werdenden Ablehnung durch die öffentlichen Meinung. Einerseits ist es wirklich äußerst schwierig, den Willen des Volkes während einer Wahl wiederzugeben, denn die Themen werden vernebelt. Es gibt so viele Themen neben der Atomkraft, wie zB die Wirtschaft oder das soziale Netz. All diese Themen werden in einen Topf geschmissen, und Angelegenheiten, die das menschliche Leben direkt betreffen, wie etwa der Neustart der Kernreaktoren, gehen in diesem Durcheinander verloren.

Ich glaube, das ist überall auf der Welt gleich. Die Wirtschaft dominiert die Politik. Globalisierung und multinationale Konzerne kontrollieren die politischen Systeme eines jeden Landes. Es ist also ganz klar, dass wir die Atomkraft nicht abschaffen können. Es sind auch nicht nur die Energieversorger allein in die Atomkraft verwickelt – das betrifft ebenso gut Elektronikkonzerne (Mitsubishi, Toshiba, Hitatchi), Versicherungsanstalten, Stahlwerke und so weiter. Bei diesen Firmen Verluste zu erzeugen, ist für Politiker nicht sehr anziehend. Wir wiegen also schlussendlich Leben gegen Geld auf, die Politik, die politischen Parteien. Das ist der Grund, warum idiotische Ideen, wie der Neustart der Atomanlagen hier in Japan in Betracht gezogen werden.

Schlussendlich reduziert sich alles auf die Belastung durch Strahlung. Warum ist die Kernkraft so gefährlich? Weil sie die Menschen bei einem Unfall der Strahlung aussetzt. Hier in Japan kann man zwar über Atomenergie sprechen, aber das Thema Strahlung ist tabu. Dieses Thema wird fast niemals im Fernsehen oder anderen Massenmedien diskutiert. An verschiedenen Orten wird die Wahrheit über die Strahlenbelastung verschwiegen. Wenn die Bevölkerung Japans diesem Problem nicht Herr wird, dann wird dieses Land zerstört werden. Und es wird den Rest der Welt mitreißen.

Was sollen wir also tun?

Das japanische Volk und die Menschen überall auf der Welt müssen dieses Problem erkennen, jeder einzelne soll tun was er kann, um diese Nachricht zu verbreiten. Ich glaube, dass diese Gelegenheit, ein Interview für den Nuclear Hotseat zu geben ein Beispiel dafür ist, was wir tun können. Wir müssen in diesem Kampf zueinanderfinden. Meiner Ansicht nach ist es grundfalsch, wenn Menschenleben für Geld und Firmengewinne geopfert werden. Es ist wie die Occupy-Bewegung, allerdings dürfte ein Prozent zu hoch gegriffen sein. Es ist eher so, dass 99,99 % der Menschen den 0,001% geopfert werden.

Wir alle müssen uns die Hand reichen und dieses Problem angehen. Lassen Sie uns zusammenarbeiten!

Libbe HaLevy: Das war Taro Yamamoto, ein Schauspieler und Mitglied des Oberhauses der japanischen Diet.

Nuclear Hotseat hat noch einige andere Interviews mehr durchgeführt, viel mehr, als sich in einer Sendung unterbringen lassen. Wir werden diese Stimmen aus Japan in den künftigen Wochen als einen Fixpunkt in unserem Programm haben. Wir werden darüber hinaus ausführlichere Interviews mit vielen der Leute machen, die in dieser Sendung zu Wort gekommen sind. Diese Gespräche werden in Englisch und Japanisch abrufbar sein.


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #142: Fukushima Anniversary SPECIAL: Voices from Japan  http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at März 2014 / v2

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04.03.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 141

Erhöhtes Krebsrisiko rund um ein AKW im Normalbetrieb:
Studie über die Anlage von Diablo Canyon in Kalifornien

Interview mit Dr Jerry Brown
von der World Business Academy, Auftraggeber der Studie


Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Diablo_canyon_nuclear_power_plant.jpg


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Gestern, am 3. März, hat die World Business Academy aus Santa Barbara in Kalifornien eine Studie über die Gesundheitsauswirkungen der Kernkraft präsentiert, welche von Joe Mangano (Radiation and Public Health Project) durchgeführt wurde. Darin werden die schädlichen Auswirkungen aufgezeigt, die das AKWs Diablo Canyon allein durch Freisetzungen von Radioaktivität im Normalbetrieb verursacht. Diese Emissionen sind gesetzlich erlaubt und von der Umweltschutzbehörde EPA und die Atomaufsichtsbehörde NRC zugelassen. Dr Jerry Brown – er ist mit dem Gouverneur von Kalifornien nicht verwandt oder verschwägert – ist der Direktor des Projekt: Sichere Energie der World Business Academy. Zuvor war er an leitender Stelle in einer Anzahl von politischen Denkfabriken beschäftigt und ist Mitautor zweier Bücher: Profiles in Power: The Antinuclear Movement und The Dawn of the Solar Age (Profile der Macht: Die Antiatombewegung und Morgenröte der Solarzeit). Er ist nun exklusiv beim Nuclear Hotseat zu Gast und wird über Inhalt und Bedeutung der neuen Studie sprechen.

Dr Jerry Brown, willkommen beim Nuclear Hotseat!

Dr Jerry Brown: Ich danke Ihnen, es ist mir ein Vergnügen, mit dabei zu sein!

Libbe HaLevy: Dr Brown, erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihre Organisation, die World Business Academy, und welche Position Sie dort innehaben.

Dr Jerry Brown: Die World Business Academy war viele Jahre lang eine Denkfabrik und eine Anlaufstelle für die Vernetzung solcher führender Geschäftsleute, die Verantwortung für unseren Planeten übernehmen wollen, Menschen, welche die dreifache Bilanz: Population, Planet und Profit im Auge haben. Wir haben sehr viele angesehene Mitglieder in unserer Organisation, Visionäre wie Deepak Chopra, Barbara Marxs Hubbard auf dem Gebiet der Evolution, einige der Energie-Gurus wie Amory Lovins und Lester Brown. Letztes Jahr, als es zum Versagen des Kraftwerkes von San Onofre kam, entschlossen wir uns, vom Schreiben und Denken und Berichten zum Handeln überzugehen. In diesem Zusammenhang wurde ich zum Direktor für das Projekt: Sichere Energie bei der World Business Academy ernannt.

Libbe HaLevy: Erklären Sie uns bitte, was man sich unter diesem Projekt: Sichere Energie vorzustellen hat; welche Ziele verfolgen Sie damit und wie gehen Sie dabei vor?

Dr Jerry Brown: Das Projekt: Sichere Energie hat drei Ziele. Einmal, das AKW von San Onofre stillzulegen, was auf Grund des Drucks durch sehr viele Umweltschutz-Interessenvereinigungen im Juni 2013 gelungen ist, und die eineinhalb Milliarden Dollar wieder hereinzubekommen, welche die Besitzer des Kraftwerks von San Onofre den Stromkonsumenten aufbürden wollen. Diese Kosten liefen auf, weil die Anlage seit der Außerbetriebnahme im Januar 2012 stillstand. Erstes Ziel also: Stilllegung des Werkes und Rückerhalt der Geldmittel.

Libbe HaLevy: Sie sind also zur Hälfte bereits am Ziel.

Dr Jerry Brown: Ja. Das Zweite Ziel besteht darin, mit Hilfe von bundesweit und lokal agierenden Vereinigungen das AKW von Diablo Canyon zu schließen; es handelt sich dabei um jenes AKW, dessen Standort von allen AKWs in den USA wahrscheinlich der gefährdetste ist. Das ist also unser zweites Ziel. Diese Gesundheitsstudie gibt nun eine Reihe von Begründungen an – unter vielen anderen mehr –, warum dieses Kraftwerk eine Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung darstellt. Das dritte Ziel liegt in der Folgewirkung: wie kann man den Übergang zu einem System, das zu 100% ohne Atomkraft und ohne fossile Brennstoffe auskommt, beschleunigen, um so schnell wie nur irgend möglich in Kalifornien eine Zukunft durch Erneuerbare herbeizuführen, innerhalb der nächsten 10 Jahre, und gleichzeitig die Kommerzialisierung von Brennstoffzellen und deren Integration in unser Energiesystem ankurbeln?

Libbe HaLevy: Es ist großartig, dass Sie sich nicht nur gegen Atomkraft aussprechen, sondern zur gleichen Zeit daran arbeiten, uns in eine Energiezukunft zu führen, mit der wir leben können, also eine nachhaltige Energiezukunft.

Sie sind heute bei uns, weil die World Business Academy gerade eben die erste tiefgreifende Studie über die Emissionen des AKW Diablo Canyon anhand der umliegenden Postzustellgebiete durchgeführt hat. Stellen Sie bitte für unsere Zuhörer dar, wo sich dieses Kraftwerk befindet und wann es in Betrieb ging.

Dr Jerry Brown: Die zwei Blöcke des AKW von Diablo Canyon, im Besitz und betrieben von Pacific Gas and Electric (PG&E), gingen 1984 und 1985 ans Netz. Das Werk befindet sich in Avila Beach in Kalifornien, nahe der Stadt San Luis Obispo, ungefähr drei Autostunden nördlich von Los Angeles. Das Werk wurde über mehreren Erdbebenbruchlinien errichtet, in den letzten Jahren wurden drei weitere mächtige Bruchlinien entdeckt. Es wurde festgestellt, dass die Anlage außerhalb der erteilten Betriebsbewilligung operiert, mit anderen Worten: es wurde nicht entsprechend gebaut, um den möglichen Erderschütterungen standzuhalten, welche diese Bebenfalten nahelegen.

Libbe HaLevy: Das ist... Ich bin immer wieder über die Dummheit und Kurzsichtigkeit der Atomindustrie verblüfft. Es gibt aber noch weitere Probleme mit der Anlage in Diablo Canyon. Können Sie vom Alter der Reaktoren sprechen und den Problemen, die dadurch entstehen?

Dr Jerry Brown: Da diese Anlage schon seit geraumer Zeit besteht – wie viele andere im Land auch –, ist es zu Korrosionserscheinungen gekommen, die Lecks in den Dampferzeugern verursachen können; die Dampferzeuger wurden in beiden Blocks ersetzt, die Reaktordruckbehälterdeckel wurden erneuert... Man hat es also mit alternden Reaktoren zu tun, die eine Geschichte von Korrosion und möglichen Strahlenlecks aufweisen. Zusätzlich – und das ist meiner Meinung nach ein Punkt, der den meisten Leuten, sogar solchen, die sich mit dem Thema Atomenergie auseinandersetzen, gar nicht bewusst ist – gibt die EPA, die Umweltschutzbehörde, Grenzwerte vor und die NRC, die Atomsicherheitsbehörde, erlaubt dann allen Reaktoren in den USA, den 100 verbleibenden Atomreaktoren im Rahmen ihres Routinebetriebs eine gewisse Menge an gasförmigen und flüssigen radioaktiven Emissionen auszustoßen. Es handelt sich also nicht nur um die unbeabsichtigten Freisetzungen, die schlimmsten sind Tschernobyl und Fukushima, die fast gänzliche Kernschmelze in Three Mile Island und die vielen Pannen, von denen Ihre Hörer bereits erfahren haben dürften, sondern es geht hier um die routinemäßige Freisetzung ionisierender Strahlung in die Umwelt, welche diejenigen Menschen, die in einer Entfernung von 160 km rund um ein AKW leben, am meisten in Mitleidenschaft zieht – und das betrifft die meisten Menschen in diesem Land.

Libbe HaLevy: Ihre Organisation hat Joe Mangano angeheuert – einen guten Freund dieses Podcasts, wir haben ihn schon oft interviewt –, einen Epidemiologen, um die Daten durchzukämmen und einen abschließenden Bericht darüber zu verfassen, welchen Effekt Diablo Canyon tatsächlich auf die umliegende Bevölkerung hat. Erzählen Sie uns doch zu Beginn etwas darüber, welche Methodik Joe Mangano gewählt hat, um den Bericht zu erstellen.

Dr Jerry Brown: Am Wichtigsten ist es zu wissen, dass Joe Mangano als Epidemiologe über dreißig Artikel zu Strahlung und Gesundheit in wissenschaftlichen und medizinischen Fachblättern publiziert hat, weiters Briefe an die Herausgeber von Publikationen wie The Lancet, dem britischen Fachblatt für Medizin, aber auch andere. Er hat drei Bücher über diese Thematik veröffentlicht, er hat also auf diesem Feld eine Menge Arbeit geleistet. Das Zweite ist, dass die Daten, die Joe verwendet, jedem Bürger frei zur Verfügung stehen; vorausgesetzt, er weiß, wo man sie findet und wie man dann mit ihnen umgeht. Diese Daten sind Gesundheitsdaten, Zahlen zur Krebshäufigkeit, Sterberaten, Untergewicht bei Neugeborenen, Daten, die entweder vom Center for Desease Control oder vom Bundesstaat Kalifornien, aus dem kalifornischen Krebsregister stammen. Joe verwendet also die offiziellen, öffentlich zugänglichen Zahlen. Er hat diese Daten nach den Postleitzahlen aufgeschlüsselt. Kalifornien ist vielleicht der einzige, jedenfalls einer von wenigen Bundesstaaten, die Krebszahlen pro Postleitzahl zur Verfügung stellt. Joe konnte also eine vertiefte Analyse durchführen, welche Krebshäufigkeiten und welche Muster von Krebserkrankungen vorhanden waren, bevor Diablo Canyon in Betrieb ging, und was dann geschah, als das Werk angefahren wurde. Er konnte auch nachprüfen, wie sich diese Muster mit der Zeit veränderten, etwa bei den Leuten, die in größerer Nähe zu dem AKW leben, also denen, die 25 km entfernt wohnen, im Gegensatz zu denen, die weiter entfernt von den Reaktoren leben – ich selbst etwa in Santa Barbara, 150 km weit weg.

Libbe HaLevy: Was zeigt dieser Bericht auf?

Dr Jerry Brown: Ganz grob wurde einmal klar, dass in der Zeit, bevor Diablo Canyon in den 1980ern Betrieb ging, Krebs in der Gegend eher selten war, dass es danach aber zu einem Gebiet wurde, in dem Krebs häufig auftritt. Es gab ganz erhebliche Steigerungen bei Brust- und Schilddrüsenkrebserkrankungen, rasante Steigerungsraten bei Melanomen, einer erhöhten Anzahl von allen möglichen, bezüglich des Alters korrigierten Krebssorten, eine höhere Anzahl an Krebsfällen bei Kindern und Säuglingen. Zusätzlich haben sich auch andere Bereiche der öffentlichen Gesundheit... Einer der bedenklichen Aspekte dieser Nachforschungen ist, dass Kleinkinder und Föten gleichsam die Kanarienvögel im Bergwerk spielen müssen. Da wir ja wissen, dass Kleinkinder und Föten stärker als Erwachsene auf alle möglichen Arzneimittel reagieren, gibt es Aspirin für Kinder und Erwachsene, aber dies gilt gleichermaßen für jeglichen Giftstoff, alle krebserregenden Stoffe. Wenn also der Abstand zwischen einer Belastung und dem Ausbruch einer Krebskrankheit bei einem Erwachsenen Jahre und Jahrzehnte dauern kann, so kann es bei einem Kind sehr schnell gehen. Sichtbar wird eine größere Kindersterblichkeit, eine höhere Anzahl an Kindern, die im ersten Lebensmonat verstirbt, und weiters das häufigere Vorkommen von Frühgeburten. Wir stellen also sowohl eine höhere Krebsrate fest, als auch, dass andere Gesundheitsparameter beeinflusst werden.

Libbe HaLevy: Das ist verblüffend, denn diese Informationen waren alle frei zugänglich, es hätte sich lediglich jemand darum kümmern müssen. Es klingt aber so, als ob dies bisher nicht geschehen wäre, als ob die World Business Academy die ersten waren, indem sie Joe Mangano aufforderten, diese Untersuchung durchzuführen, dass also bislang nichts dergleichen passiert ist. Stimmt das denn so?

Dr Jerry Brown: Ich kann dazu nichts sagen, denn ich weiß nicht, ob die EPA und die Atomindustrie sich diese Statistiken angesehen hat. Sie ziehen es jedenfalls vor, diese Statistiken nicht anzuerkennen; ihre übliche Reaktion besteht darin, den Überbringer der Botschaft anzugreifen, einen renommierten Gesundheitsforscher wie Joe Mangano in Verruf zu bringen. Tatsache ist aber, dass Dave Lochbaum, ein anerkannter Atomingenieur, der das Atomsicherheitsprogramm der Union of Concerned Scientists leitet, einer von vielen Experten ist, der diesen Bericht überprüft und eine Stellungnahme dazu abgegeben hat. Der Kommentar von Lochbaum war sehr überraschend für mich, denn ich hatte davon bislang noch nichts gewusst. Er sagte, dass zu dem Zeitpunkt, als der Atomwirtschaft Laufzeitverlängerungen von 20 Jahren zugestanden wurden, er nachgefragt hatte, ob irgendwelche Gesundheitsstudien durchgeführt würden. Zu seiner Verblüffung antwortete ihm die Atomaufsichtsbehörde NRC, Gesundheitsstudien seien nicht Teil ihrer Aufgabe. Die Behörde, die angeblich für die Überprüfung des Risikos zuständig ist, die Ihnen Stapel von Studien überreichen kann über die eine Chance in 10 Milliarden oder Millionen Reaktorjahren, wie ein Unfall tatsächlich möglich sein könnte, beschäftigt sich nicht mit Gesundheitsstudien! [Hervorhebung durch den Übersetzer.] Ich glaube, der Grund besteht darin, dass eine derartige Anhäufung von Daten besteht, die bekannte krebserregende Stoffe, radioaktive Isotope, mit Krebs in Verbindung bringen, dass es das Ende der Atomindustrie bedeuten würde, wenn auch nur eine Studie es schaffen könnte, bundesweit Beachtung zu finden, kritisch hinterfragt bestätigen würde, dass diese Reaktoren Krebs bei Kindern und Erwachsenen hervorrufen und einen Beitrag zur US-Krebsepidemie leisten.

Libbe HaLevy: Ich kann Ihnen da nicht widersprechen, denn alles, was es bräuchte, um eine Umkehr in dieser Sache herbeizuführen, ist ein höheres öffentliches Bewusstsein. Das ist jedenfalls meine Überzeugung. Wenden wir uns nun noch dem Problem von 90Strontium in Milchzähnen zu. Dieses spielte eine bedeutsame Rolle bei der Unterzeichnung des Atomwaffentest-Sperrvertrages zur Zeit von Präsident Kennedy.

Dr Jerry Brown: Als Hintergrundinformation zu diesem Thema möchte ich folgendes kritische Thema noch erwähnen, das sich auf die Auswirkungen von niedrigen Strahlendosen auf den Menschen bezieht: Die Atomindustrie liebt es geradezu, darauf hinzudeuten, dass die freigesetzten Dosen zulässig seien. „Zulässig.“ Der Umstand, dass die NRC dies zulässt und die EPA Grenzwerte definiert, bedeutet nicht, dass diese Belastungen ungefährlich sind. Die äußerst angesehene Nationale Akademie der Wissenschaften hat durch ihren allseits geachteten Ausschuss, der sich mit den biologischen Auswirkungen von ionisierender Strahlung befasst, im BEIR VII Report festgestellt: „Alle Daten unterstützen ein lineares Modell ohne Schwellenwert in der Beurteilung des Risikos. Die Gefahr der Krebsentstehung ist somit direkt proportional bei geringen Belastungen, ohne jeglichen Schwellenwert. Die kleinste Dosis bedeutet also auch eine kleine Erhöhung des Risikos für den Menschen.“

Was bedeutet das nun? Das bedeutet, es gibt keine „ungefährliche Belastung“, soweit diese bekannten Krebserreger betroffen sind. Bei der Kernspaltung werden mehr als 100 verschiedene Isotope produziert, die sich in verschiedenen Körperteilen einlagern – ich komme langsam zum Thema 90Strontium. Plutonium wandert zu den Genitalien, radioaktives Iod, 131Iod wandert zur Schilddrüse, 137Cäsium wandert in Körpergewebe wie zB Muskeln, und 90Strontium, das der Körper mit Kalzium verwechselt, findet man in den Knochen und den Zähnen. Wissenschaftler können also Milchzähne sammeln, diese in einem Szintillationszähler messen und herausfinden, wie viel Strahlung sie enthalten, entweder in Becquerel oder Picocurie pro Gramm Kalzium angegeben. Während des kalten Krieges mit seinen fortgesetzten atmosphärischen Atomtests der 1950er und -60er Jahre, als die USA und die frühere UdSSR eine gewaltige Anzahl von Bomben in der Atmosphäre zur Explosion brachten, überschritten die Geigerzähler in den Universitäten ihren Messbereich. Damals, und man kann das im heutigen politischen Umfeld kaum glauben, hat das Gesundheitsamt der USA eine Studie über Kinder finanziert, die von der Washington University in St Louis durchgeführt wurde; Barry Commoner und andere Wissenschaftler waren an dieser Studie beteiligt. Sie haben folgendes herausgefunden: 90Strontium, das vor den ersten Atombombentests in Alamo Gordo nicht in der Umwelt vorhanden war, hatte sich in diesen Jahren um das 50-fache vermehrt; zur selben Zeit erhöhte sich die Häufigkeit von Krebs und Leukämie bei Kindern. Kennedy, der selbst Kinder verloren hatte, waren diese Daten bekannt; Chrustschow hörte das Gleiche von Sacharow, dem Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe: Wir vergiften unsere eigenen Leute durch diese atmosphärischen Atomtests. Am Höhepunkt des kalten Krieges überwanden Chrustschow, Kennedy und Großbritannien also den Eisernen Vorhang und unterschrieben 1963 das Abkommen zur Ächtung atmosphärischer Atombombentests, das ein Verbot aller Tests in der Atmosphäre oder im Wasser enthielt und dem Militär nur mehr unterirdische Tests gestattete. Man würde daher wohl vermuten, dass in den Milchzähnen, die von Joe Manganos Organisation gesammelt wurden (dem Radiation and Public Health Project, dort findet man auch die gesamten Daten), die Strahlenwerte inzwischen so weit abgesunken sein dürften, dass sie nicht mehr nachweisbar sind. Das Radiation and Public Health Project führte also eine weitere Studie mit Milchzähnen durch. Was herauskam, ist erstaunlich: sie belegt einen weiteren Anstieg der Werte für 90Strontium, der in den 1970er Jahren einsetzt. Zu diesem Zeitpunkt begann die aggressive Vermarktung der Atomkraft. Es existierte zwar bereits ein erstes Atomkraftwerk in Shipping Point, Pennsylvania, bereits in den 50er Jahren, aber die flächendeckende Kommerzialisierung der Atomkraft fand erst in den 70ern statt. Zu dem Zeitpunkt verringerte sich der Rückgang der Werte für 90Strontium, aber es beginnt in den 80er und 90er Jahren ein neuerlicher Anstieg. Man kann davon ausgehen, dass das Niveau der Zeit der Atombombentests wieder erreicht werden wird, wenn die momentanen Freisetzungen sich unverändert fortsetzen. Mit anderen Worten: durch die Atomkraft und die bei ihrem Einsatz routinemäßig freigesetzten Emissionen werden wir alle Gesundheitsvorteile, die durch die Ächtung der atmosphärischen Atombombentest 1963 ermöglicht wurden, wieder zunichte machen.

Libbe HaLevy: Wie steht es also nun um die Konzentrationen von 90Strontium in diesem Bericht?

Dr Jerry Brown: Der aktuelle Bericht – also die Daten über Milchzähne, die für die zweite Untersuchung zusammengesammelt wurden – zeigt, dass in den Gemeinden (counties) von San Luis Obispo und in jenen Gemeinden von Santa Barbara, die südlich an San Luis Obispo angrenzen, das Niveau von 90Strontium um 30 % höher ist als an jedem anderen Ort in Kalifornien. Es handelt sich dabei um gerade die Gemeinden, welche den Reaktoren am nächsten gelegen sind. Weiters ist 90Strontium in ganz Kalifornien wieder angestiegen: In den 1990er Jahren war das Niveau um 50% höher als in den 1980ern. Die meisten Daten, die Joe für diesen Bericht zusammengesammelt hat, zeigen eine Korrelation auf: Hier sind die Reaktoren, hier die Folgen. Diese Studien zum 90Strontium sind der einzige physische Beweis, den wir für die Veränderung der dieser Schadstoffkonzentration haben – in den Milchzähnen der Kinder.

Libbe HaLevy: Welche Besonderheiten sind aus diesem Bericht, der am 3. März veröffentlicht wurde, noch abzulesen?

Dr Jerry Brown: Lassen Sie mich noch erwähnen, dass der vollständige Bericht, eine Zusammenfassung und der Kommentar durch Fachleute, auf unserer Website abrufbar ist. Der Bericht hat aufgezeigt, dass im Bereich von 9 Postleitzahlen, die sich innerhalb von 25 km oder aber in der Hauptwindrichtung des AKWs befinden, die dramatischsten Auswirkungen zu finden sind. Nachdem Diablo Canyon in Betrieb gegangen war, kam es zu drastischen Anstiegen von Schilddrüsen- sowie Brustkrebs, und zwar in ganz besonderem Ausmaß im Bereich eben dieser Postleitzahlen. Nachdem dem Hochfahren von Diablo Canyon in den mittleren 80er Jahren kommt es zu einem signifikanten Anstiegen der Kindersterblichkeit, bei Babys, die im ersten Lebensjahr sterben. Nach der Inbetriebnahme von Diablo Canyon steigt die Rate an Krebserkrankungen bei Kindern und Säuglingen rasch an, ebenso wie das Auftreten von Melanomen. Diese Krebsart war ursprünglich nicht so häufig vertreten wie im Rest des Bundesstaates, liegt nun dort aber bei 130%! Einen weiteren eklatanten Anstieg gab es bei Kindern, die mit starkem Untergewicht zur Welt kommen, unter 1500 Gramm, diese Fälle sind nun im Gebiet der 9 Postleitzahlen rund um das Atomkraftwerk um 45% häufiger als im Bereich der weiter entfernt liegenden Postleitzahlen im gleichen Bezirk.

Libbe HaLevy: Ein weiteres Mal drängt sich das Wort „verblüffend“ in diesem Zusammenhang auf. Welche Schlüsse sollen wir aus dieser Untersuchung ziehen, sowohl, was Diablo Canyon betrifft, als auch den Umgang mit all den anderen 100 Reaktoren, die in den USA immer noch am Netz sind?

Dr Jerry Brown: Was man sich meiner Meinung nach merken sollte: Dies ist ein weiterer Grund, warum das AKW Diablo Canyon nicht irgendeine verschwommene, in ferner Zukunft liegende Gesundheits- und Sicherheitsbedrohung für die Einwohner von St Luis Obispo und Santa Barbara darstellt. Es ist einer aus einer ganzen Reihe von Gründen, warum Diablo Canyon stillgelegt werden sollte. Einmal ist es eine Gesundheitsgefährdung. Dann ist da noch das Erdbebenrisiko. Die Union of Concerned Scientists hat einen wichtigen Bericht namens Seismic Shift veröffentlicht: Darin werden alle Bruchlinien im Gebiet detailliert beschrieben, manche lediglich 600 Meter von den Reaktoren entfernt. Sie haben festgestellt, dass Inspektoren der Atomaufsichtsbehörde NRC selbst festgestellt haben, dass die Anlage die Bedingungen für eine Betriebserlaubnis nicht mehr erfüllt. Es wird gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit pro Jahr für ein Erdbeben von einer Stärke, dem die Anlage nicht gewachsen wäre, bei eins zu fünf läge. Der dritte Grund ist das Leben im Meer: Die Anlage besitzt keine Kühltürme, sondern verwendet zur Kühlung Meerwasser. 80% des Lebens im Meer wird durch Kraftwerke zerstört, nicht nur durch Atom-, sondern auch konventionelle Kraftwerke, durch die Wassernutzung an der kalifornischen Küste. 80% des Lebens im Meer wird also durch Diablo Canyon am Ort der Wasserentnahme zerstört. Wenn das erwärmte Wasser dann in den Ozean zurückgeleitet wird, so hat auch das negative Auswirkungen auf die Meereslebewesen. Der vierte Grund besteht darin, dass Diablo Canyon für die Stromversorgung von Kalifornien nicht notwendig ist. Die Einrichtung, die für die Aufrechterhaltung der Energieversorgung von Sekunde zu Sekunde, Minute zu Minute verantwortlich ist, die das gesamte Stromnetz in Kalifornien betreibt [es handelt sich um California Independent System Operator (CAISO); AdÜ], sagte in ihrem Bericht 2013-14, dass Diablo Canyon für die Stromversorgung in Kalifornien nicht wesentlich ist. Es gibt ausreichende Überkapazitäten. Sollte Diablo Canyon stillgelegt werden, würde das System weiterhin funktionieren. Es besteht ein Sicherheitsspielraum von 30%, die Atomkraft ist da noch gar nicht eingerechnet. Zusammengefasst also: Wegen der Gesundheitsrisiken, dem Erdbebenrisiko, um die Meeresorganismen zu schützen und auf Grund der Tatsache, dass die Anlage gar nicht notwendig ist, es also keinen Grund gibt, warum wir dieses fukushima-artige Risiko hier an der Westküste in Kalifornien eingehen müssen, das sind die Gründe, warum wir das Werk stilllegen sollten. Das ist der Schluss, den man für die Anlage von Diablo Canyon ziehen kann und der darüber hinaus auch nützliche Rückschlüsse bezüglich der restlichen AKWs in den USA erlaubt.

Libbe HaLevy: Es handelt sich hier um ganz entscheidende Informationen, die einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden sollten. Wie verbreiten Sie diese Informationen?

Dr Jerry Brown: Wir halten Informationsveranstaltungen hier vor Ort in Santa Barbara, aber auch in St Luis Obispo ab, wir geben die Studie an die Medien weiter, an die Gemeinderäte, an PG&E, an die Gesundheitsbeamten der Bezirke und hoffen darüber hinaus, dass die Medien den Bericht aufgreifen werden und für eine weitere Verbreitung sorgen werden – ohne dass sie von der Atomindustrie in die Irre geleitet oder davon abgehalten werden, auch nicht vom bundesweiten Arm der Atomindustrie, dem Nuclear Energy Institute, dem Lobbyisten der Atomindustrie, der versuchen wird, Joe Mangano anzuschwärzen, seinen Befund abzutun, indem angegeben wird, dass es sich ohnehin nur um die sicheren, erlaubten Freisetzungen handeln würde, dass man sich mit dem Inhalt dieses Berichts also gar nicht weiter auseinandersetzt. Dies sollte man aus dem Gesagten mitnehmen, denn daraus folgen Implikationen für jedes AKW in den USA und auch dafür, was Rachel Carson schon damals im Jahr 1962 gesagt hat, als sie 90Strontium als den stillen Partner aller Umweltgifte und Pestizide in unserer Umwelt nannte, eine der Gefahren für die menschliche Gesundheit. Dies ist ein unterstützender Faktor in unserer bundesweiten Krebsepidemie und ein weiterer Grund dafür, das zu tun, was Deutschland nach Fukushima gemacht hat, nämlich einen Plan auszuarbeiten, wie wir unsere gesamte Atomkraft schrittweise herunterfahren können, und zu 100% Erneuerbaren übergehen können. Dies ist ohne weiteres in Reichweite, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich.

Libbe HaLevy: Wenn die Leute den Report haben wollen [s. Link weiter oben, AdÜ] oder mit Ihnen in Verbindung treten wollen, wohin sollen sie sich wenden?

Dr Jerry Brown: Man kann unsere Website besuchen www.worldbusiness.org, dort findet man den Bericht zur Gänze und eine Zusammenfassung, weiters die Fachleute, die diesen Report unterstützen und Joe Manganos Zusammenfassung. Über die Website können Sie auch mit uns in Kontakt treten und das Projekt einer sicheren Energieversorgung unterstützen.

Libbe HaLevy: Dies sind bedeutende Informationen und für unsere Sache sehr wichtig. Ich möchte Ihnen, Dr Jerry Brown, für die von Ihnen geleistete Arbeit danken und dafür, dass Sie diese Woche mein Gast beim Nuclear Hotseat waren.

Dr Jerry Brown: Gerne, und meinen Dank für die Mithilfe diese grundlegenden Informationen über bundesweit bedeutsame Probleme bekannt zu machen!

Libbe HaLevy: Dafür lebe ich!

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #141: NM Radiation Leak Update w/Don Hancock update
http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at März 2014 / v1

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04.03.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 141

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock
vom Southwest Research and Information Center
Teil 3

Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Die Strahlenfreisetzung am Valentinstag im Atommüll-Endlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in Carlsbad in New Mexico bleibt weiterhin eines unserer wichtigsten Themen. Plutonium und Americium wurden aus dem einzigen in den USA zur Verfügung stehenden Endlager freigesetzt. Die Einrichtung sollte Sicherheit für tausende von Jahren gewährleisten, hat nun aber, nur 15 Jahre ihrer Inbetriebnahme, einen schweren Störfall. Die Anlage bleibt weiterhin geschlossen. Obwohl das Energieministerium (Department of Energy, DoE) durchgehend behauptete, dass die Freisetzungen von Radioaktivität weder eine Bedrohung der Umwelt noch für den Menschen darstelle, bleibt die Sorge bei den Anrainern in den benachbarten Ansiedlungen und bei Umweltschutzvereinigungen groß. Nuclear Hotseat hat dieses Problem in den vorangegangenen Episoden Nummer 139 und 140 bereits ausführlich behandelt. Um die neuesten Informationen über WIPP zu bekommen, kontaktierten wir ein weiteres Mal Don Hancock vom Southwest Research and Information Center in Carlsbad, New Mexico.

Don, seitdem wir uns letzte Woche unterhalten haben, wurde bekannt, dass 13 Angestellte von WIPP von den Strahlenfreisetzungen im Februar betroffen sind. Was kannst du uns darüber sagen?

Don Hancock: Nun, es steht uns nicht sehr viel Information zur Verfügung. Anscheinend wurden alle Angestellten, als der Alarm spät in der Nacht am 14. Februar ausgelöst wurde, mit einer internen Dosis belastet. Danach – und das hätte nicht passieren dürfen – kamen andere Arbeiter in die Anlage, am Samstag, dem Morgen des 15. Februar. Das Energieministerium behauptete immer noch, es hätte keine Freisetzung, keine Verseuchung stattgefunden. Meiner Meinung nach hätten diese Arbeiter am Samstag Morgen nicht zur Arbeit kommen sollen – sie sind aber ganz normal erschienen. Wahrscheinlich wurden zu diesem Zeitpunkt weitere Arbeiter verseucht, wir wissen aber nicht, ob das wirklich so ist. Wir wissen jedoch, dass eine Reihe dieser Arbeiter getestet werden, um festzustellen, ob sie Radionuklide aufgenommen haben. Die Resultate sollten im Laufe der nächsten Woche herauskommen. Dies war aber ein völlig unnötiges Risiko, dem die Arbeiter durch das Management ausgesetzt wurden. Es handelt sich also trotz der ursprünglichen Beteuerungen, dass es zu keiner Freisetzung und keiner Verseuchung gekommen sei, um einen ernsten Vorfall. Die Behauptungen waren eindeutig unrichtig. Wir haben nun eine Anzahl von Arbeitern, wenigstens 13, die eine innere Verstrahlung aufweisen. Für diese Arbeiter besteht das Risiko schwerwiegender Auswirkungen auf ihre Gesundheit in der Zukunft.

Libbe HaLevy: Ein springender Punkt dabei ist auch, dass diese Arbeiter nicht unter Tage waren, als das Leck auftrat.

Don Hancock: Richtig. Als der Alarm ausgelöst wurde, war niemand im Bergwerk. Es war auch seither niemand mehr unter Tag und wir wissen immer noch nicht, wann einige Arbeiter in den Schacht einfahren werden, um in der Stollenanlage nach dem Rechten zu sehen.

Libbe HaLevy: Es gibt da diese Karte, die herumgereicht wird und im Internet für Aufsehen sorgt. Die Karte zeigt eine Abluftfahne, ausgehend von WIPP in Carlsbad, die sich bis Texas und Oklahoma erstreckt. Ich frage mich, ob Sie die gesehen haben. Meine Frage ist, für wie stichhaltig Sie diese Karte halten?

Don Hancock: Ganz allgemeinen gesprochen ist es gar nicht möglich, festzustellen, wie stichhaltig diese Karte ist, denn wir wissen nicht, welche Daten ihr zu Grunde liegen. Wurde angenommen, dass 3 Partikel aus der Anlage entwichen sind? Oder 300? 3.000? 3 Millionen? Noch mehr? Es gibt also keinen Kontext. Das Modell beruht weiters auf der Annahme, dass die Freisetzung in einer Höhe von 50 Metern stattgefunden hat. Ich weiß aber nicht, ob der Person, die dieses Modell erstellt hat, bekannt war, was sich wirklich abgespielt hat. Ich bin mir zum jetzigen Zeitpunkt keiner Anhaltspunkte bewusst, dass radioaktive Partikel so hoch in die Luft getragen worden sind. Es ist also wie bei allen Modellen anzunehmen, dass man, wenn man einen anderen Schadstoffeintrag und eine andere Höhe annimmt, zu ganz anderen Resultaten käme. Das Energieministerium erstellt seine eigenen Modelle und sagt, dass sich nichts dergleichen ergäbe. Ich sage nicht, dass die Modelle des Energieministeriums zutreffend sind, denn ich habe sie nicht gesehen und kann daher nichts dazu sagen, aber meines Erachtens bräuchten wir eigentlich anstatt all dieser Modelle, wie wir von Anfang vorschlugen, eine engmaschige Entnahme von Bodenproben, um zu bestimmen, wie weit sich die Radioaktivität ausgebreitet hat. Das würde uns einige Hinweise geben. Damit könnten wir natürlich auch nicht feststellen, wo alle diese Stoffe gelandet sind, aber es würde uns wesentlich verlässlichere Hinweise geben, wie sich die Radionuklide tatsächlich ausgebreitet haben, ob sie sich weit von der Anlage von WIPP entfernt haben oder nicht, usw... Ich bin also sehr viel mehr an ausführlichen Entnahmen von Bodenproben interessiert als an den verschiedenen meteorologischen Ausbreitungsmodellen, die zurzeit im Umlauf sind.

Libbe HaLevy: Ich habe folgendes Statement von Scott Kovac von der Vereinigung Nuclear Watch New Mexico gehört: Er sagte, ich zitiere: „Es gibt vier Wege, wie Luft bei WIPP bis zur Oberfläche kommen kann: Der Abluftschacht, der Salzabbauschacht, der Luftansaugschacht und der Transportschacht für den Atommüll. Filter sind nur im Abluftschacht eingebaut.“ Dieser Schacht löste den Alarm aus. Diese Messstation ist aber über 2000 Meter vom Schacht entfernt, was impliziert, dass die Strahlenfreisetzungen ganz erheblich sind [Hr Kovac sagt, dass der offizielle Alarm im Lagerbereich 7 ausgelöst wurde, über 600 Meter vom Abluftschacht entfernt; AdÜ]

Quelle: http://pubs.rsc.org/en/content/articlelanding/2012/em/c2em30027c#!divAbstract

Don Hancock: Auch hierbei ist es so, dass wir nicht wirklich Bescheid wissen. Wenn das Ventilationssystem fehlerfrei gearbeitet hat, wie das DoE immerfort angibt, dann ist sämtliche Abluft, einerlei für welche Zeitdauer, aus dem dafür vorgesehenen Schacht ausgetreten. Es ist zwar richtig, dass der einzige Schacht, in dem gemessen wird, der Abluftschacht ist, das liegt aber darin begründet, wie dieses Ventilationssystem arbeitet – die gesamte Luft wird nach Plan durch den Abluftschacht ausgeblasen. Deshalb nehmen wir alle an (solange keine Daten vorliegen, die etwas anderes zeigen), dass logischerweise vermutet werden muss, dass die gesamte Abluft aus dem dafür vorgesehenen Schacht ausgetreten ist und sich von dort aus weiter verbreitet hat. Das bedeutet, dass es unter Tage zu einer erheblichen Verseuchung gekommen sein könnte. Wenn – und noch einmal, all dies sind zurzeit Spekulationen, denn wir wissen nichts sicher – die Freisetzungen in Lagerbereich 7 stattfanden, dann passierten sie in einer Distanz von zirka 450 Meter zur Messstation. Diese Luft hätte dann noch um die 600 Meter bis zum Abluftschacht zu überwinden gehabt und wäre weitere 650 Meter den Abluftschacht hochgestiegen um schließlich ins Freie zu gelangen. Das wissen wir mit Sicherheit, weil Proben von Plutonium und Americium in Messstationen festgestellt wurden, die ca 100 und 900 Meter von der Austrittsöffnung des Abluftschachtes entfernt sind. An diesen Stellen befinden sich die Luftüberwachungsgeräte, und wir haben die Bestätigung, dass Plutonium und Americium bis dorthin vorgedrungen sind. Bis jetzt wurden noch keine Resultate veröffentlicht, wie viel radioaktive Verschmutzung sich in den Filtern verfangen hat. Proben wurden genommen, aber die Ergebnisse stehen noch aus. Wir haben auch keine Ergebnisse von Erdproben, die an der Erdoberfläche genommen wurden. Diese würden uns einen besseren Einblick darüber geben, was nun wirklich freigesetzt wurde und wo die Verseuchung hinzog. Es gibt also immer noch eine ganze Menge, worüber wir nur unzureichendes Wissen haben.

Libbe HaLevy: Von außen beobachtet gibt es die Vermutung, das DoE und die Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) säßen auf diesen Informationen um sie ihren Bedürfnissen konform zurechtzubiegen, um die Medien und damit auch die Öffentlichkeit von bestehenden Sorgen abzulenken. Wie wird Ihrer Erfahrung nach mit dem Informationsfluss umgegangen?

Don Hancock: Er wird sehr schlecht gemanagt, was typisch dafür ist, wie das Energieministerium arbeitet. Es ist also so: Wir benötigen viel mehr Informationen, viel mehr Daten. Wie ich schon sagte, es war unverantwortlich vom DoE und der vom Ministerium beauftragten Firma, Personal am Morgen des 15. Februar zur Arbeit kommen zu lassen, da zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war, dass es einen Strahlenalarm gegeben hatte. Auch wenn sie dachten, wie sie gesagt haben, dass es zu keinen Freisetzungen gekommen sei, gibt es keine Erklärung dafür, warum sie zugelassen haben, dass Leute zur Arbeit in der Anlage erschienen sind. Vier Tage lang wurde behauptet, es habe keine Freisetzungen gegeben, bis die Luftmessstellen zeigten, dass es zu Freisetzungen an der Oberfläche gekommen war. Sie haben fast 12 Tage gebraucht, um die 13 Arbeiter, die am 14. Februar in der Anlage waren, darüber zu informieren, dass sie verseucht wurden. All diese Vorgehensweisen zeugen von einer schlechten Verfahrenspraxis und demonstrieren, dass die Regierung nicht präzise in ihren Aussagen war, in ihren Darstellungen, was der Fall ist – und was nicht.

Der Informationsfluss war also schlecht, ich kenne niemanden, der meint, der Informationsfluss wäre gut gewesen. Innerhalb der vergangenen 30 Minuten habe ich mit dem Umweltminister von New Mexico telefoniert, dem Angehörigen der Verwaltung auf Ebene des Bundesstaates, welcher die Letztverantwortung für WIPP trägt. Er sagte mir, er sei absolut unzufrieden auf Grund der Sparsamkeit, mit der ihm und seiner Regulierungsbehörde Informationen aus dem Energieministerium weitergeleitet werden. Man muss also den Mangel an Information für die Öffentlichkeit erst gar nicht erwähnen. Ich kenne somit niemanden, der diesen Informationsmangel verteidigt. Informationen sollten zugänglich gemacht werden, sobald sie erhoben wurden, und das betrifft auch die meteorologischen Daten. Es gibt in der Anlage von WIPP eine eigene meteorologische Station, sodass wir also wissen sollten, wie hoch die Windgeschwindigkeiten von dem Zeitpunkt an waren, als der Alarm ausgelöst wurde. Das würde helfen, genauere Karten erstellen zu können und auch zu wissen, wo die ersten Erdproben entnommen werden sollten. All das ist richtig. Es ist aber auch richtig, dass viele grundlegende Informationen fehlen: Was war nun die Ursache für diese Freisetzungen? Wie viel wurde freigesetzt? Wohin drifteten die Schadstoffe anschließend? Wie viele Arbeiter wurden außerdem noch über Gebühr belastet? Worin bestehen die ernsten Gesundheitsauswirkungen für die Arbeiter, die verseucht wurden? Und vieles mehr; niemand weiß die Antwort auf all diese Fragen.

Libbe HaLevy: Sind die Daten der meteorologischen Station von WIPP normalerweise ohne zeitliche Verzögerung verfügbar oder existiert nur eine kurze zeitliche Verzögerung?

Don Hancock: Die Daten wurden nie in Echtzeit veröffentlicht. Diese Daten werden im Kontrollraum von WIPP aufgezeichnet. Sie sind also verfügbar, wenn etwa die Aufsichtsbehörde des Umweltamtes von New Mexico sie einsehen will. Also nein, die Daten wurden nie in Echtzeit veröffentlicht, aber sie existieren und es sollte für das Energieministerium nicht sonderlich schwer sein, diese Informationen zu veröffentlichen. Dies wurde aber nicht gemacht. Es ist anzunehmen, dass das DoE diese Daten in seinen Luftausbreitungsmodellrechnungen verwenden. Noch einmal: Ich behaupte nicht, dass diese Modellrechnungen besser sind und die Modelle von irgend jemand anderem falsch, denn alle Modelle sind definitionsgemäß unzuverlässig. Einige Modelle verhelfen uns zu nützlicher Information, es wäre aber angenehm zu wissen, wie die Eingaben in diese Modelle aussehen und welche Resultate errechnet werden; dann hätten die Bürger eine Chance herauszufinden, welche der vorhandenen Modelle eher die Wirklichkeit abbilden. Es gibt noch dermaßen viel, was wir noch nicht wissen, viel mehr als das, was wir bereits wissen. Dieser Mangel wird also weiterhin ein Problem darstellen, wahrscheinlich noch monatelang.

Libbe HaLevy: Das war Don Hancock vom Southwest Research and Information Center.

Noch ein paar Bemerkungen zu dieser Geschichte: Arnie Gundersen, der Chefingenieur von Fairewinds Energy Education, ein ehemaliger AKW-Manager, der zu einem Aufdecker wurde, sagte, dass die Sprachlosigkeit des Energieministeriums möglicherweise ein Zeichen dafür sein könne, dass die Freisetzungen massiver waren, als ursprünglich angenommen wurde. Gundersen sagte: „Es gibt Anzeichen dafür, dass uns Daten vorenthalten werden. Wir müssen wissen, welche Messungen durchgeführt wurden. Wir bekommen nur einen Bruchteil der Daten.“ Gundersen sagte, die Behörden würden sehr wahrscheinlich eine ganze Batterie an verschiedenen Tests durchführen, die aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden. Er sagte, der Umstand, dass Strahlung 900 Meter von der Anlage entfernt festgestellt wurde, weise darauf hin, dass es sich um ein massives Leck handeln müsse. [Eine ausführliche Darstellung von Arnold Gundersen finden sie hier.]

Was die Haltung des Energieministeriums betrifft: Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag gab der Chef der Außenstelle des DoE in Carlsbad, Joe Franco, zu, das Ministerium wisse, Zitat: „nicht 100 prozentig, aber ziemlich sicher“, dass die umliegenden Ansiedlungen nichts zu befürchten hätten. Was die Vorliebe des DoEs angeht, die Strahlenrisiken der verseuchten Arbeiter mit einem Thoraxröntgen zu vergleichen, sagte Arnold Gundersen Common Dreams, dass so ein Vergleich nicht zulässig ist. Er sagte: „Der Unterschied besteht darin, dass die Röntgenstrahlen rein äußerlich über eine große Masse verteilt werden. Die Radioaktivität in der Luft ist aber in Partikeln enthalten. Diese können sich in den Lungen einlagern. Radioaktives Material wird vom Lungengewebe angezogen. Was eingeatmet wird, kommt nicht wieder heraus. Der Vergleich durch das Energieministerium berücksichtigt nicht die innere Belastung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.“ Er machte darauf aufmerksam, dass es immer wieder vorkomme, wenn Arbeiter verstrahlt werden, dass sie die Strahlung nach Hause verschleppen. Das Zuhause dieser Familien müsste daher so schnell wie möglich getestet werden.

Die Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers) entsenden eine Delegation von Wissenschaftlern aus ihrer internationalen Sicherheitsabteilung um Proben zu entnehmen und Arbeiter der Anlage von WIPP zu untersuchen. Vorwärts, Gewerkschaft! Von den 13 Arbeitern, bei denen bereits eine Strahlenverseuchung festgestellt wurde, sagte Rick Fuentes, Vorsitzender des 12. Bezirks der Stahlarbeitergewerkschaft: „Das Gewerkschaftslokal der Stahlarbeiter in Carlsbad ist verblüfft darüber, dass das Energieministerium und Nuclear Waste Partnership, die Privatfirma, die beauftragt wurde, die Arbeiten im WIPP durchzuführen, diese Überprüfungen der Mitarbeiter nicht durchgeführt hat und Hilfe von außen anfordert.“

Wir werden diese Geschichte weiter verfolgen.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #141: NM Radiation Leak Update w/Don Hancock update
http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at   März 2014 / v1

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25.02.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 140

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock
vom
Southwest Research and Information Center



Quelle:
http://www.cemrc.org/wp-content/uploads/2014/02/CEMRC-Ambient-Air-Sampling-Results-Following-2-14-14-Radiation-Detection-Event.pdf


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Die Nachrichten vom Atommüll-Endlager WIPP (Waste isolation Pilot Plant) in Carlsbad in New Mexico und über die kürzlich erfolgten Freisetzungen von Radioaktivität bleiben hochbrisant. Wir haben uns neuerlich mit Don Hancock vom Southwest Research and Information Center in Verbindung gesetzt, einem 43 Jahre alten, gemeinnützigen Verein in Albuquerque, New Mexico. Schon letzte Woche hat uns Don mit exzellenten Informationen versorgt und ich habe ihn heute Morgen angerufen, um die neueste Entwicklung zu erfahren. Don Hancock, willkommen zurück beim Nuclear Hotseat.

Don Hancock: Ich danke Ihnen!

Libbe HaLevy: Als wir uns letzte Woche unterhielten, war erst sehr wenig über dieses Strahlenleck in der Anlage von WIPP bekannt. Seither gab es einige alarmierende – manche würden sagen, alarmistische – Berichte im Internet: Die Strahlenfreisetzung seien katastrophal gewesen, die Menschen sollten das Gebiet verlassen. Was wissen wir denn zurzeit mit Sicherheit?

Don Hancock: Wir haben einige wenige Messwerte der Radioaktivität von Luftüberwachungsstationen. Die Daten kommen vom Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center CMERC und deren Überwachungsstation, sowie den Überwachungsstationen des Energieministeriums (Department of Energy, DoE). Beide zeigen – in der Fachsprache, die einige Ihrer Hörer wohl verstehen – Messwerte in der Höhe von ein paar Millirem (ein paar hundert Mikrosievert). Es gibt also Freisetzungen außerhalb der Anlage. Von vielen der Luftfilter, die in Labors geschickt wurden, haben wir noch keine Ergebnisse, es gibt also noch große Wissenslücken. Dennoch, die Mengen an Radioaktivität sind bisher keinesfalls als katastrophal zu bezeichnen. Aber das Problem ist noch nicht ausgestanden. Einer der wichtigen Punkte wird es sein, festzustellen, wie viel an Verunreinigungen auf der Erdoberfläche, am Gelände der Anlage von WIPP oder in deren Nähe aufgefunden wird, und was zu tun sein wird, um diese Flächen zu sanieren. Im Moment können wir aber nur diese Frage stellen, wir sind von Antworten noch weit entfernt.

Libbe HaLevy: In welcher Entfernung [von der Anlage] wurde die Radioaktivität entdeckt?

Don Hancock: Freisetzungen, die mit Sicherheit aus den unterirdischen Anlagen stammen, sind für eine Entfernung von einem Kilometer vom Abluftschacht bestätigt; dort müsste die Radioaktivität wohl ausgetreten sein. Dies bedeutet aber nicht, dass sie sich nicht noch weiter ausgebreitet hat. In der Tat weisen einige Messwerte des DoE hin, dass auch Punkte in größerer Entfernung betroffen sein könnten, obwohl die Messwerte sehr niedrig sind. Die Antwort ist also, dass wir nicht wissen, wie weit sich die Strahlung ausgebreitet haben könnte. Um zu wiederholen: Wenn man Americium oder Plutonium im Boden hat, so verbleiben diese Stoffe nicht unbedingt am selben Fleck, wenn Wind aufkommt. Winde könnten sie ziemlich weit verfrachten und das ist der Grund, weshalb ich so erpicht darauf bin, dass versucht wird, so viel wie möglich zu entfernen. Aber einiges von dem, was nun dort draußen herumdriftet, dürfte nur sehr schwer zu finden und schwer unter Kontrolle zu bekommen sein. Dies ist also ein Problem, das uns erhalten bleiben wird. Wenn man diesen Umstand aber einschätzen will, so ist er nicht mit dem Fallout der atmosphärischen Atomtests zu vergleichen. Die Bomben waren hoch in der Luft, die Schadstoffwolken zogen rund um die Erde usw. Es gibt zurzeit keine Veranlassung für die Annahme, dass die Strahlung von WIPP bislang eine große Strecke zurückgelegt hat. Aber, wie ich bereits sagte: Wir wissen nicht, wie weit sie sich verbreitet hat, das ist eine der Fragen, die noch geklärt werden muss.

Libbe HaLevy: Welche Anzeichen – wenn überhaupt – gibt es dafür, dass dieses Leck weiterhin besteht?

Don Hancock: Nun, weiterhin wird Radioaktivität in der Anlage von WIPP unter Tage gemessen. Das Energieministerium sagt freilich, das Filtersystem sei zu 99,997% wirksam. Wir wissen nicht, ob das so stimmt. Wir haben noch keine Ergebnisse aus den Labors zurückerhalten, wie viel Radioaktivität durch diese Filter abgefangen wird. Wir sind auch, wie bereits erwähnt, ziemlich weit davon entfernt, ausreichend Ergebnisse von Proben an der Erdoberfläche in Händen zu halten, um abschätzen zu können, wie viel Radioaktivität entweichen konnte. Es ist anzunehmen, dass minimale Mengen weiterhin durch das Filtersystem freigesetzt werden, selbst wenn diese Filter perfekt funktionieren. Die Filter bewirken keine 100-prozentige Reduktion, 99,997% ist sehr gut, wenn sie das denn wirklich schaffen, aber es bedeutet eben auch, dass ein Dreihundertstel von einem Prozent ins Freie gelangt. Es wird also so lange ein Problem bleiben, solange die Verseuchung in den Stollen und an der Erdoberfläche nicht saniert ist.

Libbe HaLevy: Sie sprechen von der Untersuchung dieser Filter, den Probenentnahmen aus diesen Filtern: Wer führt diese Untersuchungen durch und gibt es eine Überwachung von unabhängiger Seite?

Don Hancock: Das Carlsbad Environmental Monitoring & Research Center, CMERC, wird mit Mitteln des Energieministeriums betrieben, ist aber ein Teil der Universität von New Mexico. Es ist daher zumindest nicht zur Gänze vom DoE abhängig. Dort verfügt man über ein Labor, das schon seit geraumer Zeit besteht; es existierte schon, bevor WIPP eröffnet wurde. Dort werden die Proben untersucht. Das Energieministerium benutzt eigene Labors und der Bundesstaat New Mexico führt immer wieder Untersuchungen in eigenen Labors durch. Die Antwort auf diese Frage ist also, dass die Laboratorien, welche diese Untersuchungen durchführen, lizenzierte Laboratorien sind, es gibt also Auflagen, welche sie erfüllen müssen, Protokolle usw. Die übliche Vorgangsweise in diesem und anderen Fällen, in denen es um Proben geht, ist, dass man die Proben unter mehreren Labors aufteilt („split sampling“) um sicherzugehen, ein Teil der Probe geht an das eine Labor, ein anderer Teil zu einem anderen, sodass man danach die Ergebnisse vergleichen kann und ersichtlich ist, ob die Ergebnisse übereinstimmen. Dies wird also letztendlich die Überprüfung dessen sein, was hier vor sich geht. Wenn Sie mich fragen, ob ich mir noch weitere Sicherungen bei der Überprüfungen von Proben wünschen würde, dann ist meine Antwort darauf: Ja. Ich hoffe, dass es auf lange Sicht zu weiteren unabhängigen Überprüfungen kommen wird. Unter dem Strich haben wir zurzeit nicht mehr eine so intensive Überwachung wie früher, denn über die 14 Jahre, die WIPP nun bereits in Betrieb ist, wurde nie etwas gefunden, daher begannen die Leute sich in Sicherheit zu wiegen. Jetzt wissen wir, dass dies nicht stimmt, es ist zu einem Störfall gekommen. Unglücklicherweise kann es somit auch in Zukunft zu weiteren Störfällen kommen.

Libbe HaLevy: Zurzeit werden Vermutungen angestellt, dass ein Teil des Plafonds in einem der Salzschächte eingestürzt ist, welcher dann seinerseits einige der Atommüllbehälter beschädigt hat, wodurch es zu diesen Freisetzungen von Radioaktivität gekommen ist. Ist denn das ein wahrscheinliches Szenario, und wenn ja, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Art von Unfall erneut passiert?

Don Hancock: Wir wissen nicht, was geschehen ist. Man muss dem DoE und der mit dem Betrieb der Anlage betrauten Firma zugute halten, dass beide in einer öffentlichen Versammlung gestern in Carlsbad angegeben haben, dass sie nicht wüssten, was passiert ist. Sie werden das auch so lange nicht wissen, solange man nicht in das Stollensystem vordringen kann. Sobald Arbeiter unter Tage nachsehen können, wird man wohl herausfinden, was passiert ist, vielleicht aber auch nicht. Es kann einfach oder kompliziert sein, das herauszufinden.

Könnte sich nun Material aus einer der Decken in den Stollen gelöst haben? Ja. Tatsächlich wurden im ersten Abschnitt, in dem seit 1999 Atommüll eingelagert wurde, nur vier der vorhandenen Räume benutzt, da bei den anderen drei Räumen bezüglich einer Einsturzgefahr der Decke Bedenken bestanden. Drei der Räume, die man eigentlich zur Lagerung von Atommüll nutzen wollten, stehen also leer und werden leer bleiben. Die Annahme, dass Teile der Schachtdecke einstürzen und Arbeiter oder Müllfässer treffen könnten, ist also realistisch. All dies bedeutete aber nicht, dass damit die Ursache in diesem speziellen Fall bereits gefunden wurde.


Raumdecke im ersten Bauabschnitt von WIPP. Man beachte den Riss in der Bildmitte. - Quelle: http://www.cardnm.org/rooflrg_a.html

Libbe HaLevy: Meinen Nachforschungen zufolge haben die Sandia National Laboratories vor einiger Zeit bereits Sonartests durchgeführt, die erbrachten, dass sich unterhalb von 80% der Anlage von WIPP ein Reservoir von Salzlake befindet. Könnte ein Einsickern oder eine Art von Erosion durch diese Salzlake zu den Strahlenfreisetzungen beigetragen haben?

Don Hancock: Wir wissen nicht nur aus seismischen Aufzeichnungen, dass sich dieses Becken voller Salzlake unterhalb von WIPP befindet. Auch eine der Bohrungen, WIPP-12, welche 1981 durchgeführt wurde und sich eineinhalb Kilometer nördlich des Schachtsystems befindet, in dem zur Zeit Atommüll eingelagert wird, stieß auf Salzlake – Salzlake, die unter hohem Druck steht und vier Tage lang bis zur Erdoberfläche aufgestiegen ist; erst danach konnte das Bohrloch versiegelt werden. Es gibt also tatsächlich unter hohem Druck stehende Salzlake unterhalb der Anlage von WIPP. Es gibt auch nachgewiesene Erdöl- und Erdgasreserven direkt unterhalb des Endlagers. Die Annahme, dass dieser Atommüll ins Freie gelangen könnte, weil man ihn entweder anbohrt oder es zu einem Einbruch von unter hohem Druck stehender Salzlake kommen könnte, ist also nicht auszuschließen. All das ist möglich. Weiters gibt es aktuell über hundert Öl- und Gasbohrungen im Abstand von weniger als einer Meile rund um die Grundgrenze der Anlage von WIPP, und es werden laufend mehr. In dem ganzen Bereich wird intensiv Öl- und Gasförderung betrieben.


Quelle: http://enviroleaks.files.wordpress.com/2011/01/wipp_abandoned_drill_sites-large.jpg

Wenn also rund um WIPP Fracking betrieben wird, könnte das zu Problemen in der Anlage führen? Die Antwort darauf laute: Ja. Eine Menge kann passieren. Ob diese Sachen bereits passiert sind oder erst in der Zukunft passieren könnten? Soweit wir wissen, handelt es sich dabei nur um Sorgen für die Zukunft. Wie ich also bereits sagte: Ich kenne den Grund für die radioaktiven Freisetzungen unter Tage nicht. Es wurde allerdings gesagt, dass eines der Dinge, die geschehen sein könnte, obwohl so etwas eigentlich nicht passieren dürfte – es wäre ein Hinweis auf ein systemisches Versagen ... besteht darin, dass einer der Behälter, welcher es nun auch immer ist, bereits ein Leck gehabt haben könnte, als er in der Anlage ankam. Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass all der Atommüll von WIPP von anderen Örtlichkeiten stammt. Die letzten Lieferungen stammten aus dem Idaho National Lab, der Anlage von Los Alamos in New Mexico sowie der Anlage von Savannah River in South Carolina. Es ist theoretisch möglich, dass diese Behälter bereits undicht waren, als sie von WIPP übernommen wurden, dass sie undicht waren, als sie unter Tage verbracht wurden und dass es nur so lang gedauert hat, bis festgestellt wurde, dass ein Leck besteht. Theoretisch könnte das sein, ich glaube aber nicht, dass dies die Erklärung ist, dass das Strahlungsüberwachungssystem so schlecht ist, dass so etwas passieren könnte.

Die Leute können zu diesem Zeitpunkt natürlich über alle möglichen Dinge spekulieren, ich selbst aber – und ich würde allen Menschen dasselbe empfehlen – sage, wir sollten so viele Proben wie nur möglich genau analysieren und die Resultate an die Öffentlichkeit bringen, je mehr, desto besser, damit sich die Leute die Daten selbst ansehen können, nachschauen können, wie die Sache steht. Sobald es einen guten Plan gibt, sollten man einige Leute nach unten schicken, um nachzusehen, was dort vor sich geht, und sicherstellen, dass es nicht zu noch größeren Freisetzungen kommt. Das alles muss getan werden. Die Verseuchung unter und über Tage muss saniert werden, die Arbeitsabläufe innerhalb von WIPP müssen derart verändert werden, dass so etwas wie dieses Feuer und diese Strahlenfreisetzungen in der Zukunft nicht mehr vorkommen. Es gibt also eine Menge zu tun und es handelt sich hier um eine fortgesetzte Bedrohung für die Menschen, die noch lange Zeit andauern wird.

Libbe HaLevy: Letzte Woche haben Sie gesagt, dass es zu einer unabhängigen Untersuchung kommen sollte, um die Gründe dieses Unfalls herauszufinden. Wer sollte Ziel einer solchen Untersuchung sein und wären Sie auch ein Teil dieser Gruppe?

Don Hancock: Ich glaube und hoffe, dass es zu mehreren Untersuchungen kommen wird. Es wurde bereits formell eine Untersuchungskommission für den Brand eingerichtet. Die Firma, die WIPP betreibt, Nuclear Waste Partnership, hat unabhängige Leute beigezogen, es wurde allerdings nicht verlautbart, um wen es sich dabei handelt. Ich bin aber zuversichtlich, dass einige unabhängige Leute hinzugezogen werden. Das Energieministerium wird Leute entsenden, im Kongress gibt es ein Aufsichtsgremium, das Nuclear Facilities Safety Board (NFSB), das in den größten Atomwaffenanlagen wie Los Alamos, Lawrence Livermore oder der Pantex Anlage ständig Vertreter vor Ort hat. Das NFSB ist zwar in der Anlage von WIPP nicht vertreten, aber es hat in der Vergangenheit bereits Untersuchungen angestellt. Es wurden etwa Unzulänglichkeiten bei den Brandschutzmaßnahmen von WIPP festgestellt, seit dem Brand sind wieder Leute vom NFSB vor Ort, sie untersuchen nun auch die Strahlenfreisetzungen. Ich denke also, dass mehrere Untersuchungen am Laufen sind. Einige von uns denken wahrscheinlich, es sollten noch mehr sein. Ob ich selbst bei einer dieser Untersuchungen dabei bin, ist von meinem Standpunkt aus nicht so wichtig. Ich würde gerne sichergestellt wissen, dass unabhängige Experten involviert sind, und dass sämtliche Informationen veröffentlicht werden, damit Menschen wie Sie und ich, egal ob sie nun direkt in die offiziellen Untersuchungen eingebunden sind oder nicht, Zugang zu diesen Informationen haben und selbst Fragen stellen können, um zu eigenen Schlüssen zu gelangen, was eigentlich passiert ist und was geschehen sollte, um zu versuchen, das Problem zu beheben.

Libbe HaLevy: Das war Don Hancock vom Southwest Research and Information Center.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #140: NM Radiation Leak Update w/Don Hancock  http://www.nuclearhotseat.com/blog/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).    www.afaz.at Februar 2014 / v1

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18.02.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 139

Interview mit dem Regisseur Pradeep Indulkar
High Power

Yellow Oscar für den besten Dokumentarkurzfilm,
Uranium Film Festival 2013, Rio de Janeiro


Quelle:
http://www.uraniumfilmfestival.org/de/

Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Pradeep Indulkar ist ein indischer Filmemacher, der zurzeit in den USA mit seinem Film High Power unterwegs ist. Der Film handelt vom 40 Jahre alten AKW Tarapur in Indien und den Problemen, denen sich die Menschen dort gegenübersehen. Der Film gewann den Yellow Oscar beim Uran-Filmfestival 2013 für den besten Kurzdokumentarfilm. Ich sprach mit Pradeep, der sich gerade in New York aufhält – mitten in einem Schneesturm.

Pradeep Indulkar, willkommen beim Nuclear Hotseat!

Pradeep Indulkar: Danke, Libbe!

Libbe HaLevy: Beginnen wir mit ein paar Hintergrundinfos: woher in Indien stammst du und wie bist du auf Probleme mit der Atomtechnik in diesem Land aufmerksam geworden?

Pradeep Indulkar: Ich stamme aus Mumbai in Indien. Ich habe 12 Jahre lang in einem Atomforschungszentrum in Mumbai gearbeitet, von 1983 bis 1994. Dort habe ich im Zuge meiner Tätigkeiten die Atomprobleme kennen gelernt, insbesondere was die Gesundheit angeht. Ich habe während meines Dienstes nämlich selbst in den letzten drei oder vier Jahre einiges durchgemacht. Das war auch der Grund, warum ich diese Arbeit aufgegeben habe. Ich bin dann zu einem Umweltschützer geworden. Ich beteilige mich an den Anti-Atom-Protesten in Jaitapur; Jaitapur liegt nahe bei meinem Geburtsort. Das war also der Grund, warum ich mich der Antiatombewegung angeschlossen habe.

Libbe HaLevy: Was hat dich dazu bewegt, einen Film über das AKW Tarapur zu drehen? Was für Probleme gab es dort?

Pradeep Indulkar: Wir haben für die Menschen in Tarapur gearbeitet. Meine Hauptaufgabe bestand darin, Bewusstsein bei den betroffenen Leute zu erzeugen, bei denen, die gegen die Atomvorhaben protestieren. Ich habe bemerkt, dass es in den lokalen Sprachen kein gutes Material zu dem Thema gibt, Material, das den lokalen Gebräuchen angemessen wäre, sodass die Menschen dazu in Beziehung treten können. Wir hatten lediglich ausländisches Material, aus Europa, Amerika, Russland, über Tschernobyl und Fukushima. Ich selbst stand mit diesen Leuten in Tarapur in Kontakt. Tarapur war das erste AKW und es befindet sich in der Nähe von Mumbai, 120 km nördlich von Mumbai. Ich habe mich mit den Menschen in Tarapur unterhalten und ihre Probleme notiert. Irgendwann kam mir Idee, dass wir doch all dieses Material mit einer Kamera aufzeichnen könnten, um es dann auch anderen Menschen zeigen zu können, die ebenfalls gegen ein AKW kämpfen. Tarapur ist jenes AKW in Indien, das bereits am längsten in Betrieb ist. Die Leute dort haben viel gelitten. Ich habe also damit begonnen, die Interviews aufzuzeichnen. Meine ursprüngliche Idee war also gar nicht einen Film zu drehen, sondern nur, die Interviews durchzuführen.

Libbe HaLevy: Hast du denn irgend eine Ausbildung als Filmemacher?

Pradeep Indulkar: Nein, das Gebiet war mir völlig fremd. Ich habe einfach damit begonnen, die Interviews aufzuzeichnen. Als ich diese Interviews dann sah, waren sie derart eindrücklich, dass man über einen Dokumentarfilm nachdenken konnte. Natürlich habe ich den Film immer schon geliebt, ich habe in den letzten Jahren viele Dokumentarfilme angesehen, habe dadurch viel über das Drehen von Dokumentarfilmen gelernt, auch durch Bücher usw. Danach habe ich den Entschluss gefasst, aus diesem Material einen Dokumentarfilm zusammenzustellen.

Libbe HaLevy: Hast du das ganz alleine gemacht oder mit einem Team, mit dem du zusammengearbeitet hast?

Pradeep Indulkar: Als ich den Entschluss gefasst hatte, diesen Film zu machen, habe ich eine Reihe von Leuten kontaktiert. Ich hatte auch nicht die Mittel, diesen Film zu machen. In Indien finanziert niemand Aktivitäten, die der Atomkraft gegenüber kritisch eingestellt sind. Ich hatte also nicht das Geld, diesen Film mit einem großen Team von Fachleuten zu produzieren. Ich habe mich aber mit vielen Menschen in Verbindung gesetzt, Herausgebern, Tontechnikern, und habe das Projekt mit ihnen besprochen. Es handelt sich hier um ein soziales Thema, ich sagte ihnen, dass tausende und abertausende Menschen gegen Atomkraft ankämpfen, man sollte diesen Menschen also helfen und dies wäre eine gute Plattform. So sind viele Leute aus der professionellen Filmindustrie dazugestoßen und der Film hat Konturen bekommen. Zur selben Zeit legte ich sehr großen Wert darauf, dass Künstler, Schriftsteller und Musiker, die Berühmtheiten aus Bollywood, sich die Zeit nehmen sollten, sich mit diesem Problem eines gesellschaftlichen Bewusstwerdungs-Prozesses auseinanderzusetzen. Einige dieser Künstler, sehr bekannte Künstler, haben sich der Bewegung angeschlossen, Tom Alter hat der englischen Version seine Stimme gegeben und Vikram Gokhale die seine für die Marathi-Version, so wurden die Einzelteile zu einem regulären Film.

Libbe HaLevy: Welche Themen werden in diesem Film dargestellt?

Pradeep Indulkar: Ich verfolgte bei der Produktion dieses Films zwei Absichten, ich hatte zwei Zielgruppen vor meinem geistigen Auge: zum einen die Leute, die gegen die Atomkraft ankämpfen, zum anderen die große Gruppe derer, welche den produzierten Strom einfach nutzen. Diese Leute sind sich dessen nicht bewusst, was an dem Ort, wo dieser Strom produziert wird, vor sich geht. Meine Absicht besteht also darin, das Bewusstsein für diese Dinge zu schärfen und die Menschen mit dem Kampf gegen die Atomkraft, der an verschiedenen Orten in Indien tobt, in Kontakt zu bringen. Das waren also die Zielgruppen. Gleichzeitig wollte ich vor der ganzen Welt aufzeigen, dass die Unfälle in Fukushima und Tschernobyl nur die Spitze des Eisbergs sind. Immer, wenn von Atomkraft die Rede ist, dann kommt man auf Fukushima und Tschernobyl. Als Atomtechniker kann ich aber sagen, dass es nicht nur um Fukushima geht oder Tschernobyl, das vor 25 Jahren oder so passierte, sondern dass alle AKWs, alle rund 440 AKWs, die weltweit in Betrieb sind, kleine Fukushimas sind, sie sind kleine Tschernobyls. Darin lag meine Hauptabsicht, den Menschen auf der ganzen Welt zu zeigen, dass die Leute, die rund um ein AKW leben, an den selben Dingen leiden, an denen auch die Menschen in Fukushima leiden, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Es gibt also heute so viele kleine und kleinste Fukushimas und Tschernobyls überall auf der Welt.

Libbe HaLevy: Hast du, während du diesen Film gemacht hast, gegen irgendwelche Widerstände durch das Lager der Atombefürworter in Tarapur ankämpfen müssen?

Pradeep Indulkar: Ja, ich hatte tatsächlich während den Arbeiten an diesem Film eine Menge Probleme, denn wenn man in diese Gegend geht und mit den Menschen redet und zu drehen beginnt, die Filmkamera dabei hat, mit dem Team ankommt, dann wird es wirklich schwierig. Es gibt eine eng geknüpfte Überwachung in der Region, Fragen der Sicherheit müssen abgeklärt werden... Dennoch, es ist uns trotz allem gelungen, das Projekt zu realisieren. Für mich begannen die größten Schwierigkeiten, nachdem der Film bereits gemacht war, denn in Indien gibt es eine Zensurbehörde. Wir benötigten eine Genehmigung durch die Zensur, bevor wir damit beginnen konnten, den Film zu veröffentlichen, ihn in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich habe also um eine Genehmigung durch die Zensur irgendwann im Februar 2013 angesucht. Normalerweise wird jeder Film innerhalb von zwei oder drei Wochen beurteilt, in diesem Fall wurde ich aber nach drei oder vier Monaten davon informiert, dass es keine Bewilligung geben werde. Ich habe also gebeten, mir Gründe zu nennen, bestimmte Einstellungen, damit ich darauf eingehen kann, was es denn ist, das diesen Film anstößig macht. Sie sagten mir, dass es nicht irgend eine Sequenz, eine Einstellung oder ein Dialog anstößig wären, sondern das gesamte Thema sei anstößig. Ich sagte, dass ich nicht den ganzen Film verwerfen kann und dass ich gegen diesen Spruch Berufung einlegen würde. Ich habe also die übergeordnete Instanz angerufen. Diese hat dann wiederum monatelang gebraucht, hat mir aber schließlich, nach endlosen Diskussionen und Debatten über alle Aspekte des Inhalts dieses Films, dann doch die Erlaubnis erteilt – das war erst vor Kurzem, im August/September. Während all der Zeit vorher konnte ich den Film nirgends in Indien zeigen, aber ich konnte ihn in Brasilien vorführen, beim Uran-Filmfestival, wo ich den Yellow Oscar erhielt.

Libbe HaLevy: Wie wurde der Film von den Menschen, die ihn in Indien gesehen haben, aufgenommen?

Pradeep Indulkar: Während der letzten Aufführungen war die Reaktion sehr positiv, den Leuten war das Problem nicht bewusst. Es gibt nun eine große Debatte um dieses Thema. Da sind einmal die handgreiflichen Dinge, es gibt keine angemessenen Kompensationszahlungen für den Verlust von Land und Arbeitsmöglichkeiten; das größte Problem liegt aber auf dem Gebiet der gesundheitlichen Probleme. Die Menschen leiden an verschiedenen Krankheiten, sodass die Leute in Mumbai es mit der Angst zu tun bekamen. Natürlich kann auch den Menschen in Mumbai etwas zustoßen, wenn es zu einem Störfall in dem Werk kommt, denn Tarapur liegt nicht sehr weit von Mumbai entfernt, gerade einmal 120 km. Das Wasser, das in Mumbai genutzt wird, kommt zum größten Teil aus genau dieser Gegend. Wenn also etwas schief geht – und sogar heute: irgend etwas muss mit diesem Wasser daherkommen, man kann sich auch nicht abschotten: eine Reihe von Nahrungsmitteln kommen aus diesem Gebiet, auch Fische. Die Menschen in Mumbai sind also mit Tarapur verknüpft, es ist sehr nahe bei Mumbai.

Libbe HaLevy: High Power wurde mit dem Yellow Oscar 2013 für die beste Kurzdokumentation beim Uran-Filmfestival ausgezeichnet. Welche Auswirkungen hat das auf dich gehabt und was bedeutet das für die Zukunft dieses Films?

Pradeep Indulkar: Der Yellow Oscar hat sehr stark dazu beigetragen, dass dieser Film überall auf der Welt zur Aufführung kam; das begann gleich nach dem Oscar. Und auch während des Festivals in Rio [wurde er mehrfach gezeigt]. Nachdem der Film den Preis erhalten hatte, bekam ich viele Einladungen nach Europa, speziell nach Deutschland und Frankreich. Ich war besonders an Frankreich stark interessiert, denn Frankreich steht in direktem Zusammenhang zu Tarapur, die staatliche Firma Areva war Auftragnehmer in Tarapur. Ich bin also an Frankreich besonders interessiert und kam in Frankreich auch sehr gut an. Auch in Deutschland: es gibt in Deutschland 150 Firmen, welche Zulieferer für Areva sind, ungefähr 5.000 Menschen arbeiten in Deutschland für Areva. Nach dieser Tour durch Europa bekam ich viele Einladungen von amerikanischen Universitäten und nun befinde ich mich auf einer Tour durch die USA. Also: Ja, der Yellow Oscar war eine große Unterstützung.

[Es folgt eine Aufzählung der Städte in den USA, an denen der Film gezeigt wurde.]

Libbe HaLevy: Wenn High Power genau den Effekt haben könnte, den du eigentlich angestrebt hast, wie würde dieser aussehen?

Pradeep Indulkar: Der Film High Power soll die Menschen überall auf der Welt in Verbindung bringen, speziell in die USA, Europa und Japan, und die Menschen, die in Indien gegen Atomkraftwerke kämpfen, sowie die Leute, die in Indien wegen eines AKWs zu leiden haben. Die USA sind so besonders wichtig, weil so viel in der Atomindustrie Indiens direkt mit den USA in Verbindung steht. Die Aktivitäten der Atomindustrie haben sich in Indien seit 2005 intensiviert, nukleare Materialien, der Import und Export von Anlagenbestandteilen, all diese Dinge. Die indische Regierung möchte den Anteil der Stromproduktion von 3 Prozent auf 20 Prozent anheben. Meine Ansicht ist also, wenn die Menschen in den USA und in Europa und in Japan auf ihre Regierungen Einfluss nehmen würden, mit ihren Abgeordneten sprächen, überall auf der Welt – denn die Menschen lehnen die Atomkraft ab –, dann würden die Regierungen auf ihre eigenen Ressourcen zurückgreifen. Warum sollte sich die indische Regierung auf die Kernkraft einlassen? Indien besitzt gute natürliche Energiequellen wie Sonnen- und Windkraft sowie Biomasse. Die Menschen sollten also überall auf der Welt mehr Druck auf ihre Regierungen ausüben.

Libbe HaLevy: Wenn unsere Hörer den Film buchen wollen, vielleicht mit deiner Anwesenheit, oder auch eine DVD erwerben, was sollen sie tun?

Pradeep Indulkar: Man kann mit mir per Email Kontakt aufnehmen, pradeepindulkar@hotmail.com, dann kann ich ihnen eine DVD zusenden. [Link zur Hompage des Films; AdÜ].

Libbe HaLevy: Pradeep Indulkar, vielen Dank, dass du heute mein Gast beim Nuclear Hotseat warst.

Pradeep Indulkar: Ich danke dir vielmals, Libbe!

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #139: Carlsbad WIPP Radiation Leak w/watchdog Don Hancock + Indian filmmaker Pradeep Indulkar   http://www.nuclearhotseat.com/1737/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at).     www.afaz.at Februar 2014 / v1

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18.02.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 139

Strahlenfreisetzung aus der Pilotanlage zur Endlagerung
von Atommüll aus Atomwaffen (WIPP) in Carlsbad, New Mexico

Interview mit Don Hancock
vom
Southwest Research and Information Center und
eine Analyse von
Mimi German von
Radcast


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Waste_Isolation_Pilot_Plant


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Letzte Woche haben wir [im Nachrichtenblock; AdÜ] über das Feuer im Waste Isolation Pilot Plant (Pilotanlage zur „Abfallisolierung“, sprich Endlagerung, WIPP) außerhalb von Carlsbad in New Mexico berichtet. Das Feuer wurde angeblich durch einen Lastwagen ausgelöst, der unter Tage Feuer gefangen hat und ausgebrannt ist. Am letzten Samstag, dem 15. Februar, kam dann die Nachricht, dass es in der Anlage zu einer Freisetzung von Radioaktivität gekommen ist. Dieser Zwischenfall löste eine sofortige Unterbrechung der Luftumwälzung aus, um so eine Abgabe von radioaktiv verseuchter Luft an die Umwelt zu abzuwenden. Außerdem wurde der Zutritt auf das Gelände nur dem Teil des Personals gestattet, das zum Betrieb der Anlage unbedingt benötigt wird. Bis heute, also seit vier Tagen, wurden die üblichen Tätigkeiten in dieser Anlage, in der militärischer Atommüll eingelagert wird, durch das Energieministerium gestoppt. Die Ursache für die Strahlenfreisetzungen in den Salzstollen, in denen der Atommüll eingelagert wird, ist zurzeit noch nicht bekannt. Von offizieller Seite gab es nur wenige Aussagen über das Ausmaß des Problems oder darüber, wie es gelöst werden könnte, wie lange das Endlager geschlossen bleiben würde, oder die Auswirkungen auf das Entsorgungsprogramm des Militärs – all dies bleibt unklar. Edwin Lyman, ein langjähriges Mitglied der Union of Concerned Scientists sagte: „Das Ausmaß der Sanierungsmaßnahmen, die notwendig sind, um die Anlage wieder in Betrieb zu nehmen, hängt von der Intensität und Ausbreitung der radioaktiven Verseuchung in den unterirdischen Schächten ab. Es könnte ziemlich kompliziert werden. Wenn Plutonium in der Luft zu finden ist, dann ist eine umfassende Sanierung unumgänglich. Falls die Lüftungseinrichtungen mit betroffen waren, könnte sich die Verseuchung über einen weiten Bereich ausgebreitet haben.“ Dem Carlsbad Current Argus zufolge sind die Radioaktivitätswerte in der Luft noch nicht so weit abgeklungen, dass jenseits der absolut notwendigen Belegschaft weitere Arbeitskräfte ihre Arbeit in der Anlage wieder aufnehmen können. Russell Hardy, Chef des Carlsberg Environmental Monitoring and Research Center (einer Forschungseinrichtung der Universität von New Mexico), wurde diese Information am Montag durch einen Mitarbeiter des Atomlagers bekannt gegeben. Diese Forschungseinrichtung überwacht die Luftgüte in und um die Atomanlage WIPP seit den 90er Jahren. Eine mögliche Verseuchung der Anlage wird überprüft, indem jeden Morgen der Filter des Abluftschachtes untersucht wird. Die letzte Filterprobe, über welche die Forscher verfügen, datiert aber vom Freitag, bevor radioaktive Strahlung im Abluftbereich der südlichen Salzmine gemessen wurde (radiation was detected downwind in the south salt mine of Panel 7, Room 7, at 11:30 pm). Russell Hardy sagte: „Ich denke, dass wir in naher Zukunft die Erlaubnis erhalten, unsere Filter abzuholen, danach können wir eine Analyse durchführen. Unsere Aufgabe ist es, das Resultat dieser Analyse zu veröffentlichen, wie auch immer das Ergebnis aussehen mag.“ Um größeren Einblick in die Geschichte zu erhalten, kontaktierte ich Don Hancock vom Southwest Research and Information Center, einer 43 Jahre alten, gemeinnützigen Einrichtung, die in Albuquerque in New Mexico ihren Stammsitz hat. Sie arbeiten an einer Reihe von Themen im Bereich Energie, Rohstoffe und Naturschutz, was auch Atommüll und somit die WIPP-Anlage in Carlsbad einschließt. Heute vor der Sendung habe ich ihn in seinem Büro kontaktiert, um ihn über WIPP zu befragen.

Don Hancock: Es ist innerhalb der letzten zwei Wochen zu zwei Zwischenfällen gekommen, einem Feuer unter Tage – bei WIPP handelt es sich um ein Salzbergwerk, das Feuer befand sich im unterirdischen Teil der Anlage – und dann auch noch eine Freisetzung von Radioaktivität. Es handelt sich dabei um zwei Ereignisse, die in keinem Zusammenhang stehen, jedenfalls in der Hinsicht, dass dieses Feuer den Austritt von Radioaktivität nicht verursacht hat. Sie stehen aber dennoch insofern in Verbindung, als ich schon über die letzten Jahre hinweg besorgt war, dass WIPP, eine Atomwaffen-Einrichtung des Energieministeriums, derselben Krankheit erliegen könnte wie andere Anlagen dieser Art, welche mit der Handhabung von Atomwaffen zu tun haben, nämlich, dass sie in ihrem Vorgehen zu selbstgefällig werden und glauben, dass sie ohnehin so gute Arbeit leisten, dass sie andere Sachen auch noch tun können. Dies führt dann dazu, dass Unfälle passieren, denn einerseits ist die Aufmerksamkeit der Leute abgelenkt, sie konzentrieren sich nicht auf die Dinge, die im Fokus stehen sollten. Andererseits wird Zeit, Energie und Steuergeld in Projekte investiert, die außerhalb ihres Aufgabenbereichs liegen.

Libbe HaLevy: Welche Kritikpunkte gibt es zurzeit in Bezug auf die Sicherheitsvorkehrungen innerhalb der Anlage?

Don Hancock: Die zwei offensichtlichsten Sicherheitsprobleme bestehen darin, dass sie in den letzten zwei Wochen zuerst einmal mit einem Feuer unter Tage zu kämpfen hatten. Zu so einem Feuer hätte es eigentlich gar nicht kommen dürfen. Das Feuer hätte von den Arbeitern sofort unter Kontrolle gebracht werden sollen; dies war nicht der Fall. Als zweite Verteidigungslinie hätte das Feuer durch die installierte Brandschutzsysteme gelöscht werden sollen – auch das ist nicht gelungen. Wir haben es also mit einem Zwischenfall zu tun, der gar nicht hätte passieren dürfen, einem relativ kleinen Feuer, das durch keine der verfügbaren, angeblich narrensicheren Methoden, unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Letzten Freitag Nacht kam es dann zum ersten Mal zu einer Freisetzung von Radioaktivität. In anderen Worten, von diesem Atommüll unter der Erde, in diesen Salzstollen, die 650 Meter unter der Erdoberfläche liegen, wurde einer (oder mehrere) der Behälter, die dort gelagert sind, undicht. Die freigesetzte Strahlung wurde dann entdeckt. Wir wissen nicht, wie viel Radioaktivität freigesetzt wurde und wir wissen nicht, welche Radionuklide ausgetreten sind. 239Plutonium ist das wichtigste Radioisotop in der Anlage, aber es sind freilich noch viele weitere Isotope in diesem Atommüll enthalten. Wie dem auch sei, wir wissen weder welche Radioisotope tatsächlich ausgetreten sind noch in welchem Ausmaß, denn eigentlich sind drei Einrichtungen mit dem Testen der Luftfilter von WIPP betraut. Die Leute des Energieministeriums von WIPP führen diese Tests durch, aber auch zwei weitere Stellen: Das Carlsberg Environmental Monitoring and Research Center in Carlsbad und die Umweltbehörde des Bundesstaates New Mexico. So weit ich informiert bin, hat weder der Bundesstaat noch die Forschungsstelle in Carlsbad irgendwelche Filter erhalten, seit es zu dieser Freisetzung gekommen ist. Die einzige Stelle, die also zu diesem Zeitpunkt weiß, wie viel Strahlung ausgetreten ist und welche Radionuklide betroffen sind, ist das Energieministerium, und die halten sich bedeckt.

Libbe HaLevy: Welche Auswirkungen sind Ihrer Meinung nach zu erwarten? Aus der Distanz haben wir es nicht leicht, uns ein Bild von den Problemen zu machen, welche Schwierigkeiten Sie dabei haben, Informationen zu bekommen. Haben Sie irgendwelche direkte Kontakte zu Informationsquellen, die Ihnen über das Energieministerium oder seine Beamte Insiderinformationen liefern könnten?

Don Hancock: Nun, es gibt auf diese Frage zwei Antworten. Zum einen handelt es sich bei WIPP nicht um eine Anlage, die wegen ihrer Bedeutung für die nationale Sicherheit als geheim eingestuft würde. WIPP ist für den Atommüll aus Kernwaffen zuständig, nicht für die Kernwaffen selbst. Es sollte also bei dieser Einrichtung keine Sorgen wegen irgendeiner Geheimhaltungspflicht geben. Daher sollten ziemlich umfassend Informationen über diesen Zwischenfall zugänglich gemacht werden; wie viel Zeit bis dahin verstreichen wird, werden wir noch sehen. Ich glaube, es wird zu einer unabhängigen Untersuchung dieser zwei Zwischenfälle kommen, ich glaube, dass schlussendlich ziemlich viel Information an die Öffentlichkeit gelangen wird. Eine Antwort auf Ihre Frage ist also, dass wir uns wohl irgendwann in der Zukunft ein ziemlich klares Bild davon machen können, was da eigentlich geschehen ist. Zum zweiten Teil der Frage: Im Klartext fragen Sie, ob es irgendwelche Aufdecker oder andere Leute innerhalb dieser Einrichtungen gibt, die gewillt sind, mit mir zu sprechen. Die Antwort darauf ist: Ja, bisweilen. Das passiert aber eher dann, wenn die Leute glauben, dass etwas vor sich geht, was das Energieministerium und die Beamten von WIPP vertuschen wollen.

Libbe HaLevy: Haben Sie denn zurzeit den Eindruck, dass etwas vertuscht wird, also nicht nur mit Verspätung freigegeben, sondern aus den Aufzeichnungen ganz und gar eliminiert?

Don Hancock: Davon ist mir nichts bekannt. Wenn versucht würde, etwas zu vertuschen, dann nehme ich an, dass ich recht bald davon hören würde. Ich weiß, dass die Betriebsleitung heute Morgen mit den Arbeitern eine Lagebesprechung durchgeführt hat. Wenn also einige oder alle diese Arbeiter von dem, was ihnen die Vorgesetzten sagten, nicht überzeugt wurden, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass einer oder mehrere von ihnen mit mir oder Leuten wie mir darüber sprechen werden, sodass wir an mehr Informationen herankommen. Aber wie ich bereits sagte: im Moment gibt es nur sehr wenige Leute (wenn überhaupt), die wirklich wissen, was eigentlich vor sich geht, inklusive der Angehörigen des Energieministeriums und der Unternehmen, die auf der Anlage beschäftigt sind.

Libbe HaLevy: Werden jene Arbeiter, die für den Betrieb der Anlage nicht unbedingt erforderlich sind, weiterhin nicht auf die Anlage gelassen?

Don Hancock: Nein. Ich muss da ein bisschen weiter ausholen. Als die Strahlenfreisetzung unter Tage bemerkt wurde, in 650 Meter Tiefe, waren dort keine Arbeiter. Es waren zwar Arbeiter auf dem Gelände der Anlage – sie läuft freilich rund um die Uhr, ohne Unterbrechung. Auf dem Gelände über Tage war also Personal anwesend. Demzufolge, was ich gehört habe – und meiner Ansicht nach entspricht all das der Wahrheit –, wurden alle diese Arbeiter getestet, aber es konnte bei ihnen keine radioaktive Verunreinigung gefunden werden. Ich hoffe, dass dies so stimmt, gehe zurzeit jedoch davon aus. Das letzte, was ich hörte, ist, dass weiterhin kein Arbeiter die Anlage unter Tag betreten darf. Das ist insofern eine schlechte Neuigkeit, als es bedeuten könnte, dass die Lecks einigermaßen massiv sind. In anderen Worten: hätte es sich nur um ein kleines Leck gehandelt, bei dem sämtliche Strahlung sofort ausgetreten ist, in der Nacht vom Freitag und am Samstag Morgen, nun, dann hätte sich dieser Austritt mittlerweile verflüchtigen sollen und es wäre für die Arbeiter kein Problem, unter Tage weiterzumachen. Aber soweit ich weiß, durfte kein Arbeiter in die Stollen einfahren. Seit dem Zwischenfall sind nun aber mehr als 48 Stunden vergangen, und das ist insofern ein Problem, als anscheinend unter Tage immer noch einiges an Radioaktivität gemessen wird, und man daher nicht verantworten kann, Arbeiter dorthin zu schicken. Um nun in die Zukunft zu schauen: Wenn dieses Problem andauert und man sich dazu entschließt, einige Arbeiter unter Tag zu schicken, auch wenn dies nicht völlig gefahrlos sein sollte, dann wäre das wohl einigermaßen bemerkenswert. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, aber zurzeit können wir es auch nicht ausschließen. Darum sage ich also im Moment: Nein, zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich nicht an irgendwelche direkten Auswirkungen. Die indirekten Auswirkungen kennen wir allerdings auch nicht. Die Strahlung ist nun also unter Tage und erreicht durch einen 650 Meter langen Schacht auch die Oberfläche. Dort sollte sie fast zur Gänze durch Filter aufgefangen werden, sogenannte Schwebstofffilter (High Efficiency Particulate Airfilter, HEPA-Filter). Wir wissen nicht, wie zuverlässig diese Filter arbeiten. Das Problem bei 239Plutonium, dem gefährlichsten Isotop in der Anlage von WIPP, ist, dass ein Einatmen von mikroskopisch kleinen Mengen bereits zu tödlichem Lungenkrebs führt. Was wir also bei dieser Anlage von WIPP in kleinem Maßstab vermeiden wollen, ist, was wir bei den Atomtests im großen Stil zu verhindern versuchten, wir, die USA, China, Russland, Indien usw. Bei atmosphärischen Atomtests wird eine Menge 239Plutonium freigesetzt, welches über Tage, Jahre, eine lange Zeit ausgefällt wird, sodass die Menschen es einatmen. Das Ereignis in der Anlage von WIPP ist natürlich viel kleiner als eine Freisetzung durch eine Bombenexplosion, aber wir wollen auch eine kleinere Freisetzung in die Atmosphäre durch WIPP vermeiden, denn dann ist es nicht nur eine Gefahr für die Arbeiter, sondern, je nach Wind und Wetter, auch eine Gefahr für Menschen in größerer Entfernung.

Libbe HaLevy: Eine letzte Frage: Aus der Distanz betrachtet erscheint es als ein äußerst verwunderlicher Zufall, dass es zu dem kam, was als Lastwagenunfall mit nachfolgendem Feuer beschrieben wurde, und gerade einmal ein paar Tage danach zu einem radioaktiven Leck. Warum glauben Sie, dass es sich hier um zwei separate Ereignisse handelt, und nicht um Vorfälle, die zueinander in Verbindung stehen?

Don Hancock: Wie ich bereits sagte, sind sie insofern miteinander verbunden, als es sich in beiden Fällen um schlampige Arbeit und Gleichgültigkeit handelt. Die Vorfälle dürften aber nicht in einer kausalen Verbindung stehen, dass das Feuer also eine radioaktive Freisetzung ausgelöst hätte, aus zwei spezifischen Gründen: Unseren derzeitigen Informationen zufolge war das mit einem Dieselmotor betriebene Fahrzeug, als es Feuer fing, über 400 Meter von jeglichem Atommüll entfernt. Es gibt keine Möglichkeit, wie sich das Feuer über 400 Meter weit hätte ausbreiten können, und in der Nähe des Fahrzeuges befand sich nirgends Atommüll; das ist also der eine Grund. Der zweite Grund besteht darin, dass der Strahlungsaustritt innerhalb von einem oder zwei Tagen nach dem Feuer auftreten hätte müssen, es kam aber erst neun Tage nach dem Feuer zu diesem Ereignis. Allen Informationen zufolge gibt es nun aber kein Feuer mehr – zu diesem Zeitpunkt kann es im Grunde gar nicht mehr brennen, das Feuer muss bereits erstorben oder gelöscht worden sein –, Tage bevor es zu dieser Freisetzung von Radioaktivität kam. Das sind die Gründe dafür, dass es sich wohl um zwei in diesem Sinne unabhängige Vorkommnisse handeln muss; es sei denn, das Strahlenleck wurde neun Tage lang nicht erkannt. Es ist aber extrem unwahrscheinlich, dass so etwas passieren konnte.

Libbe HaLevy: Es hat also den Anschein, dass diese Ereignisse Indizien dafür sind, dass es eine Kultur der Gleichgültigkeit gibt – im besten Fall Gleichgültigkeit.

Don Hancock: Das ist richtig. Was aber typischerweise in diesen Einrichtungen des Energieministeriums passiert, ist, dass zuerst einige „kleinere“ Unfälle passieren, danach ein schwerwiegender. Nun, ich möchte nicht, dass es zu kleinen Unfällen kommt und ich möchte schon gar nicht, dass es zu einem schwerwiegenden Unfall kommt. Die Anlage ist somit erst einmal geschlossen, es kann kein weiterer Atommüll eingelagert werden. Es ist zwar schon eine Menge Atommüll vor Ort, aber es kann kein weiterer Atommüll eingelagert werden, wahrscheinlich eine ganze Weile nicht, voraussichtlich wenigstens einen Monat lang, vielleicht auch länger, falls notwendig. So hoffe ich jedenfalls, damit unabhängige Untersuchungen zu diesen beiden Ereignissen durchgeführt werden können, die Öffentlichkeit umfassend informiert werden kann, dass alles, was da passierte, aufgedeckt wird, und auch alles in die Wege geleitet wird, dass diese Art von Unfall in Hinkunft nicht mehr auftreten kann. Ich hoffe also, dass genau dies geschehen wird. Bis diese Untersuchungen abgeschlossen sind und all das veröffentlicht wurde, was wir heute noch nicht wissen, hoffe ich, dass diese Anlage geschlossen bleibt.

Libbe HaLevy: Das war Don Hancock vom Southwest Research and Information Center.

Was nun die Radioaktivität angeht, haben wir auch die Meinung von Mimi German von Radcast eingeholt, die für uns versucht hat, diese Strahlungswerte von der Umweltbehörde EPA zu beschaffen. Es folgt nun ihr Bericht.

Mimi German: Die Staatsbediensteten sagen uns, dass die Radioaktivitätswerte in der Luft über dem Atommülllager am Wochenende auf dem Gelände von WIPP sogar gefallen sind, dass aber nicht unbedingt notwendiges Personal nicht auf das Gelände darf. Ich habe über diese Angelegenheit mit einem Reporter aus Carlsbad gesprochen – ja, eigentlich war es sogar so, dass er mich angerufen hat, um zu fragen, ob wir Fragen hätten, die man dem Energieministerium stellen müsste. Ich habe ihm gesagt, dass das wichtigste, was wir aus diesem Vorgang lernen können, darin besteht, zu wissen, wie hoch die Strahlenwerte waren, als der Alarm ausgelöst wurde und wie stark diese Werte dann anstiegen. Die Messwerte, die wir benötigen, uns ein Bild zu machen, entweder über Vermittlung der Atomaufsichtsbehörde NRC oder über das Energieministerium DoE (Department of Energy), sind die tatsächlich gemessenen Werte, der, welcher den Alarm auslöste, und wie hoch dieser Wert daraufhin anstieg. Die zweite Angabe ist die Strahlendosis, welcher die Leute ausgesetzt sind, und welcher zur Evakuierung führte.

Nun, man hat uns diese Antworten nicht gegeben. Der Name des Reporters ist Zack, er hat gestern Nachmittag das Energieministerium befragt, und ihm wurde gesagt, sie wüssten nicht, wie hoch die Messwerte waren. Ich habe von dieser Sprache der Verschleierung der Atomindustrie bereits früher gesprochen, dazu zähle ich das Energieministerium, die NRC, die IAEO und die EPA. Wir sind nun wieder so weit. Das DoE hat angegeben, dass ihnen weder die Messwerte bekannt seien, die den Alarm auslösten, noch, wie stark diese Werte anstiegen, noch um welche Radioisotope es sich bei dieser Freisetzung handelte – aber irgendwie können sie uns dennoch sagen, die Werte seien noch nicht so weit abgeklungen, dass auch nicht unmittelbar benötigtes Personal auf der Anlage erwünscht wäre. Wie kann man die Messwerte nicht kennen, wenn man im gleichen Atemzug behauptet, die Messwerte seien nicht so niedrig, dass mehr als das unmittelbar benötigte Personal auf das Gelände gelassen werden kann? Wie kann man sagen, dass man die Messwerte nicht kennt, wenn man andererseits eine Evakuierung veranlasst? Das letzte Mal, als eine Evakuierung durchgeführt werden musste, weil die Messwerte zu hoch waren, war im Jahr 1999. Es handelt sich hier also nicht um ein gängiges Ereignis.

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #139: Carlsbad WIPP Radiation Leak w/watchdog Don Hancock http://www.nuclearhotseat.com/1737/
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at Februar 2014 / v1

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11.02.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat # 138

Die Seeleute der USS Reagan und ihre Klage gegen TEPCO

Anwalt Charles Bonner



Quelle: http://www.flickr.com/photos/16118167@N04/6832912924/in/photolist-bpNsXw-bCHoSH-bCHpfZ-9u6dWf-9uz9VD-9u6voJ-9rCgCC-9rCgnf-9rzhic-9rNDqt-9u3ubF-9rzgYx-9rzh2M-9rCfKf-9se4V3-9uiN3y-9rzhdn-9uC9dj-9u6fkG-9uzaWT-9u5NC5-9vQ1nJ-9vLXYt-9vLY2X-9vLXVD-9r5k99-9r2mra-9vYQaJ-9vRUUb-9rwyme-9r5jWL-9r2mnk-9wVojJ-9r2mgD-9u4nPG-9wVo8Y-9vREbg-9u3FmT-9u3dNZ-9vN2Tt-9vQ82M-9w2W17-9vT5tb-9xh46f-9vT9Qy-9sPaJU-9u2NG6-9r2msz-9r2mhF-9r5jBm-9u2LUx


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Am 20. Dezember 2013 war Charles Bonner im Nuclear Hotseat 129 bereits einmal zu Gast. Charles Bonner ist einer der Anwälte der Seeleute der USS Ronald Reagan, die ein Verfahren gegen die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) anstreben, welche sie bei ihrer Hilfsaktion nach dem Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 in Gefahr gebracht hat. Das Interview damals wurde zu einem wahren Publikumsmagneten und diese Geschichte dann auch von den Massenmedien weltweit aufgegriffen – jedenfalls von einigen. Am letzten Donnerstag, dem 6. Februar, wurde diese Rechtsangelegenheit neuerlich vor einem Gericht in San Diego anhängig gemacht. Nuclear Hotseat hat sich am Tag danach mit Anwalt Bonner in Verbindung gesetzt, um sich über die neuesten Entwicklungen bei diesem Verfahren zu unterrichten. Charles Bonner: Willkommen beim Nuclear Hotseat!

Charles Bonner: Danke Libbe, es ist sehr schön, wieder mit dabei zu sein, und dafür, dass du dir die Zeit nimmst, dich über dieses wichtige Thema und dieses wichtige Verfahren neuerlich zu informieren.

Libbe HaLevy: Wir haben zum ersten Mal im vergangen Dezember miteinander gesprochen, beim Nuclear Hotseat 129. Damals wurde eine Klage vor einem Gericht in San Diego gegen TEPCO im Namen von 28 Seeleuten der USS Ronald Reagan eingebracht. Gib uns bitte einen Überblick, wie sich der Fall damals gestaltete, und von diesem Ausgangspunkt werden wir dann die weitere Entwicklung nachzeichnen.

Charles Bonner: Als wir damals Klage einreichten, taten war das im Namen von ca 50 Personen. Der Richter was der Ansicht, dass wir durch die Art, in der wir den Fall aufbereitet hatten, in einen Bereich vordringen, der dem Präsidenten der Vereinigten Staaten vorbehalten ist, der Exekutivmacht. Es handelt sich dabei um die Anschuldigung, dass TEPCO die Regierung der Vereinigten Staaten betrogen habe, indem man das Ausmaß der Strahlenfreisetzungen verschwieg. Wir haben die Klage nun überarbeitet, die Anzahl der Seeleute, die Gesundheitseinbußen davon getragen haben, hat sich von 51 auf 81 erhöht. Nachdem wir den Antrag gestern eingebracht haben, haben sich heute zwei weitere Betroffene gemeldet. Es werden weiterhin Tumoren festgestellt, Krebserkrankungen, Leukämieerkrankungen und verschiedene andere Krankheitsbilder, die auf Strahlenexposition zurückzuführen sind. Der große Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Klageschrift liegt darin, dass es sich bei der ersten Klage um eine sogenannte „mass action“ handelte, nun aber haben wir eine „class action“ eingebracht. Der Unterschied bei diesen zwei Verfahrenstypen besteht darin, dass es bei einer „mass action“ um jeden einzelnen Kläger individuell geht, nur die in der Klageschrift aufgeführten Personen haben das Anrecht auf eine eventuelle Schadensvergütung; die nun eingebrachte „class action“ umfasst aber alle 70.000 Menschen, die dieser Belastung ausgesetzt waren, 70.000 Amerikaner, die der Strahlung dieser AKW-Katastrophe in Fukushima ausgesetzt waren. Unter diesen 70.000 Leuten sind 24.000 Seeleute, 5.500 von diesen wiederum waren auf der USS Ronald Reagan stationiert. Die USS Ronald Reagan war eines der ersten Schiffe der 7. Flotte, die bei diesem Einsatz vor Ort waren, um Katastrophenhilfe zu leisten.

Libbe HaLevy: Einem Artikel der [von den Streitkräften selbst herausgegebenen; AdÜ] Zeitschrift Stars and Stripes zufolge umfasst die Klage nun auch diejenigen, die an Bord der USS Essex und der USS Germantown stationiert waren, sowie die diesen Einheiten zugeordneten Marines. Sind diese dann auch durch die neue Klage gedeckt?

harles Bonner: Alle Seeleute der 7. Flotte, die Teil dieser Operation waren, sind durch die „class action“ mit einbezogen, das inkludiert also alle 24.000 Seeleute, aber auch andere Amerikaner, die in irgendeiner Art in die Hilfe für Japan eingebunden waren, ob es sich nun um Angehörige der Marine handelt, welche vor Ort stationiert waren, oder auch Soldaten, die mit dabei waren, aber auch die Seeleute auf den verschiedenen Schiffen, auf der USS Ronald Reagan, der USS George Washington, der USS Fitzgerald und den anderen Schiffen, die in der 7. Flotte sind, insgesamt handelt es sich um 10 bis 12 Schiffe. Bei diesem „class action“ Verfahren sind sie allesamt inkludiert. Des Weiteren sind 81 individuell namhaft gemachte Kläger dabei.

Libbe HaLevy: Können sich noch weitere Seeleute dieser Klage anschließen?

Charles Bonner: Ja. Alle Seeleute, die krank geworden sind, aber auch die, welche die Sorge haben, dass sie eine Krankheit aufgeschnappt haben könnten, welche sich aber noch nicht manifestiert hat, sollten uns kontaktieren, damit sie als namentlich genannte Kläger aufgeführt werden können. Es ist von größter Bedeutung, dass sie uns kontaktieren, auch wenn wir diese Klage als „class action“ eingebracht haben. Das Gericht muss dieses Verfahren nämlich noch als „class action“ zulassen. Falls das Gericht diese „class action“ ablehnt, dann sind es nur die namentlich genannten Personen, die ihre Ansprüche geltend machen können. Ich möchte also jeden ermuntern, der glaubt, dass er einen Klageanspruch hat, entweder auf Grund einer bereits manifesten, diagnostizierten gesundheitlichen Einschränkung oder aber auch auf Grund der Befürchtung, dass sich noch eine Krankheit entwickeln könnte. Auch Stress ist miteinbezogen [? schwer verständlich]. Die Schadenersatzansprüche, die wir geltend gemacht haben, umfassen auch die Beeinträchtigungen, die auf Grund einer Befürchtung, einer Beunruhigung, einer Sorge entstehen, zukünftig krebskrank zu werden oder eine andere durch Strahlung verursachte Krankheit zu entwickeln, etwa Leukämie oder Schilddrüsenprobleme, Schilddrüsenkrebs. Wenn jemand von diesen Seeleuten also zurzeit noch gar nicht krank ist, sich noch gar keine Krankheit manifestiert hat, aber dennoch besorgt ist, von Befürchtungen heimgesucht wird, dass er oder sie in Zukunft krebskrank werden könnte, dann kann man sich der Klage anschließen, um für diese Befürchtung entschädigt zu werden. Dies entspricht den Möglichkeiten der kalifornischen Gesetzgebung.

Libbe HaLevy: Was ist der aktuelle Status dieser Eingabe? Wie sieht der weitere Ablauf nun vor Gericht aus? Handelt es sich zu diesem Zeitpunkt bereits um eine zugelassene Klage oder muss man nun auf die Antwort des Gerichtes warten?

Charles Bonner: Kein Gerichtsverfahren kann als gegeben angenommen werden. Jedes Verfahren braucht die Zulassung durch das Gericht. Die Beschuldigten in diesem Verfahren, TEPCO, haben eine ganze Reihe von Anwälten, die Anträge stellen werden mit dem Ziel, dass das Verfahren abgewiesen wird. Wir werden diese Anträge ablehnen und schlussendlich wird der Richter entscheiden. Wir sind aber absolut überzeugt davon, dass wir diesen Prozess gewinnen werden, es ist einfach eine Frage der Zeit. Momentan ist die Lage also die, dass wir eine Klage eingereicht haben, und TEPCO nun die Gelegenheit hat, darauf zu reagieren. In der Zwischenzeit werden wir TEPCO drängen, für eine Abfindung vorzusorgen, einen Fonds einzurichten, um die medizinischen Bedürfnisse dieser Seeleute abdecken zu können. Das Hauptziel dieser Klage ist, die Einrichtung eines Fonds zu erreichen, mit dessen Hilfe die medizinische Versorgung dieser Seeleute gesichert werden kann. Die Frage besteht also darin, was im besten Interesse dieser US-amerikanischen Seeleute ist, dieser Ersthelfer, die gekommen sind, um humanitäre Hilfslieferungen zu bringen. In ihrem Interesse liegt, dass ihre medizinische Versorgung gesichert ist, dass die Gesundheitsversorgung für ihre Kinder und Nachkommen geregelt ist. Darin besteht der Zweck dieser Klage. Wir werden nichts unversucht lassen, um dieses Ziel zu erreichen.

Libbe HaLevy: Da du TEPCO erwähnt hast: Ich hatte die Möglichkeit, die Klageschrift zu lesen. Sie beinhaltet einen umfangreichen Abschnitt, der die Geschichte der Gesetzesübertretungen durch TEPCO innerhalb der Atomindustrie dokumentiert. Offen gesagt, ich fand all das ziemlich schockierend, denn eine Menge von diesem Material war mir weder durch den Nuclear Hotseat noch durch meine eigenen Nachforschungen bekannt. Kannst du uns zu diesem Aspekt der Anklage, die du zusammenstellst, etwas berichten?

Charles Bonner: Ja. Sogar als TEPCO kreiert wurde, in den späten 60er Jahren, war diese Firma bereits in fahrlässige Handlungen verwickelt. Die Ausführung und der Entwurf waren bereits schlampig, auch die Instandhaltung seit der Errichtung war nachlässig. All diese Fahrlässigkeiten schlugen sich in einer Reihe von Verletzungen und Unfällen nieder – 1981 zB wurden 300 Arbeiter einer viel zu hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Im Dezember 1995 kam es zu einer Verstrahlung, die durch schwere Schäden in einem der Reaktoren ausgelöst worden war. Im März 1997 wurden 37 Arbeiter durch Strahlung verseucht. 1999 kam es zu einer Betriebsstörung in einem der Reaktoren, der eine unkontrollierte Strahlenfreisetzung zur Folge hatte, ausgelöst durch eine Explosion in einem Reaktor. 1999 kam es dann noch zu einer weiteren Strahlenbelastung. Im Jahr 2000 wurden Risse in in den Anlagen festgestellt, Rohrleitungen verloren strahlenverseuchtes Wasser. In jedem Jahr von 2000 bis 2006 sind also Vorfälle belegt und es geht so weiter bis zum Jahr 2011 und somit diesem speziellen Ereignis. Es existieren mehr als 10 Fälle von fahrlässigem Verhalten, das sich in Strahlenfreisetzungen niedergeschlagen hat, wobei in einigen Fällen Arbeiter im Kraftwerk von Fukushima dadurch zu Schaden gekommen sind. TEPCO hatte also ein Problem nach dem anderen. Gleichzeitig machen sie Milliarden, indem sie Strom an Japan verkaufen. Dieses Geld verschwindet in den Taschen der Aktionäre. Zur selben Zeit zerstören sie die Umwelt, töten die Arbeiter; nun haben sie den US-amerikanischen Seeleuten Schaden zugefügt, die eigentlich gekommen waren, um zu helfen. Dies dadurch, dass vertuscht wurde, dass es bereits zu einer dreifachen Kernschmelze gekommen war, als die amerikanischen Einheiten eintrafen. Drei Reaktorkerne waren dabei zu schmelzen. Dies geschah bereits fünf Stunden nach dem Erdbeben am 11. März 2011, diese Information wurde jedoch vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, vor den Seestreitkräften der USA, sie haben schlicht gelogen, als sie sagten, es gäbe keine Gefahr einer Strahlenbelastung, dass es keine Freisetzungen gegeben hätte. Zur gleichen Zeit wurden 300 Tonnen radioaktiv verseuchten Wassers in den Pazifik abgelassen. Die Seeleute sind aber ins Wasser gesprungen, um Menschen zu retten. Auf den Schiffen wurde das entsalzte Wasser genutzt: Die Seeleute haben in diesem Wasser gebadet, es getrunken und damit gekocht, sich die Zähne damit geputzt. Die Seeleute wurden also über drei Wege belastet: Ein Mal durch die Luft, zum Zweiten durch Wasser, durch das Wasser, das in den Pazifik abgelassen wurde, und dann auch noch dadurch, dass die Seeleute dieses Wasser verwendet haben, um ihr Essen zuzubereiten, wodurch das Wasser unmittelbar in ihre Körper gelangte.

Heute, drei Jahre danach, haben wir Seeleute mit Leukämie, mit Schilddrüsen- und mit Hodenkrebs, Frauen mit den verschiedensten Problemen ihren Uterus betreffend, junge Leute im Alter von 21, 22 oder 23 Jahren mit Gehirntumoren, Piloten, die hervorragend sehen konnten, immerhin haben sie Flugzeuge geflogen, die heute durch Hirntumoren erblindet sind. Diese Anhäufung von Gesundheitsproblemen ist weit jenseits all dessen, was in einem üblichen Querschnitt von Leuten, sagen wir, auf einem bestimmten Schiff, zu erwarten wäre. Bei den 5.500 Seeleuten der USS Reagan etwa dürfte es nicht zu so einer Anhäufung spezieller Krankheitsbilder kommen, in so einer kleinen Gruppe. Andererseits sehen wir genau diesen Effekt nach einer Strahlenverseuchung. Wir haben es nach Tschernobyl gesehen, wir sehen es nach jeder bedeutenden Belastung durch Strahlung, eben so, wie sie auch im März 2011 nach den Kernschmelzen von Fukushima passiert ist.

Libbe HaLevy: Wenn du das erzählst werde ich richtig zornig. Da ich ja selbst in Three Mile Island anwesend war, weiß ich, was ich durchgemacht habe; dabei gibt es nicht einmal einen Beweis, dass ich tatsächlich Strahlung ausgesetzt war. Aber es reicht allein schon die Angst und der Stress, damit sich dieser posttraumatische Stress aufbauen kann, der einfach schrecklich ist. Jeder, der so etwas durchgemacht hat, egal ob er nun Symptome aufweist oder nicht, steht unter enormem Stress, welcher wiederum die Gesundheit beeinflusst.

Wenn du von diesem Verfahren erzählst, dann ist es fast so, als ob die Atomindustrie und die Atomtechnik selbst angeklagt wären. Ist das auch dein Verständnis deiner Arbeit?

Charles Bonner: Selbstverständlich! Wir klagen hier die Atomindustrie an, denn es sind die Falschaussagen der Atomindustrie, nämlich dass die Atomtechnik sicher sei, die es erst ermöglichten, dass es zu derartigen Ereignissen gekommen ist. Man hat dieses trügerische Gefühl der Sicherheit produziert, welches gewinnorientierte Unternehmen wie TEPCO in der Öffentlichkeit geschaffen haben. Die Menschen glauben, dass diese Kraftwerke absolut sicher seien, ja TEPCO hat der Öffentlichkeit sogar garantiert, dass dieses spezifische Kraftwerk sicher ist. Dabei wurde vertuscht, dass die Anlage über einer Erdbebenlinie errichtet wurde, und dass ein Berg – nicht wirklich ein Berg, ein Hügel, eine deutliche Erhebung – abgetragen worden war, damit man das Kraftwerk auf Seehöhe errichten konnte; und somit geradewegs in von Tsunamis bedrohtem Gelände. Die Wahrheit aber ist, dass diese Kraftwerke nicht sicher sind. Man kann sie nicht absolut sicher machen. Man kann kein Werk bauen, dass der Wut der Elemente gewachsen wäre, wenn es etwa zu Erdbeben und Tsunamis kommt. Diese Tatsache ist der Grund dafür, dass AKWs die ganze Erde bedrohen. Der gesamte Planet ist bedroht. Gerade jetzt, während wir dieses Gespräch führen, gibt es eine verstrahlte Fläche der Größe von Texas, die im Pazifik treibt. Unzweifelhaft wird sie am Ende dieses Jahres oder spätestens am Anfang des kommenden Jahres auf die nördliche Küste von Kalifornien, Oregon, Washington und Alaska auftreffen. Eine derartige Verseuchung bedroht den gesamten Planeten. Sie lässt eine Generation junger Leute verkrüppelt zurück – in genetischer Hinsicht ebenso wie in psychischer und physischer Beziehung. Wie du auch weißt, greift die Strahlung nicht nur den Menschen an sich an. Durch die genetischen Effekte ist auch die Nachkommenschaft betroffen, es werden die Kinder einer strahlenkranken Person ebenso in Mitleidenschaft gezogen. Das Unglück und der Schaden, den die Menschen erleiden, ist also umfassend. Darüber hinaus gibt es freilich auch die Schädigung der Umwelt, ein Prozess, der sich immer noch weiter fortsetzt. TEPCO entlässt immer noch 300 Tonnen radioaktives Wasser in die Umwelt.

Libbe HaLevy: Diese Menge wird jeden Tag freigesetzt.

Charles Bonner: Jeden Tag. Jeden Tag seit dem März 2011, was auch in der Klageschrift festgehalten ist, seit 2011, seit dem Erdbeben. Dies ist ein sehr ernstes Problem. Daher: Ja, diese Klageschrift richtet sich nicht nur gegen TEPCO, sondern gegen die gesamte Atomindustrie. Sie verlangt, dass die Bürger überall auf der Welt darauf bestehen, dass AKWs allerorten stillgelegt werden, denn es ist nicht möglich, sie völlig sicher zu machen.

Libbe HaLevy: Es ist offensichtlich, dass die beständigste Medienberichterstattung, die ihr außerhalb der Anti-Atom-Szene bekommen habt, durch die Militärmedien erfolgt ist, der Navy Ti­mes, Stars and Stripes, durch derlei Publikationen. Welche Unterstützung – wenn überhaupt – habt ihr von militärischen Einrichtungen erhalten, Hilfsorganisationen wie zB der Veteranenbehör­de?

Charles Bonner: Bislang haben wir von Veteranenvereinigungen oder anderen militärischen Gruppen keine Unterstützung erhalten, mit der Ausnahme von Stars and Stripes, die ziemlich umtriebig waren in der Veröffentlichung von Beiträgen zu diesem Prozess. Wir planen, diese Klageschrift auch an Mitglieder des Kongresses weiterzuleiten, an Senatoren ebenso wie an den Verteidigungsminister und den Präsidenten der USA. Wir werden darauf bestehen, dass die Regierung die Bedürfnisse dieser Seeleute vorrangig berücksichtigt. Die Regierung soll sich darauf konzentrieren, was im besten Interesse dieser Seeleute ist. Zurzeit können die Seeleute das Militär nicht klagen, es ist ihnen per Gesetz nicht gestattet, das Militär zu verklagen. Die Seestreitkräfte haben ein Register eröffnet, in dem die verschiedenen Symptome und Krankheiten aufgezeichnet und dokumentiert werden sollten. Dieses Register wurde nach sechs bis acht Monaten aber nicht mehr weiter geführt, es gibt dieses Register nicht mehr. Wir müssen also jetzt die US-Regierung dazu drängen und mit Hilfe der Öffentlichkeit verlangen, dass die Veteranenbehörde die verschiedenen Spitäler dazu bringt, diese Seeleute zu behandeln. Sie benötigen diese Behandlungen und sie benötigen die finanzielle Abdeckung der Kosten für diese Behandlungen durch die Regierung der USA. Es handelt sich hier um sehr teure medizinische Behandlungen. Diese jungen Leute können es sich aber nicht leisten, die kostspieligen Behandlungen, die sie benötigen, zu finanzieren. Es ist also erforderlich, dass die Regierung hier einspringt und die Gesundheitsversorgung übernimmt.

Libbe HaLevy: Soweit ich verstanden habe, hat der Kongress – keinen Befehl, aber doch eine mit starken Worten versehenen Empfehlung in Richtung des Militärs verfasst, dass dieser Sache nachgegangen werden muss, und dass man sicher stellen soll, dass die Seeleute die Hilfe, die sie brauchen, auch bekommen. Die Reaktion darauf habe ich – letzte Woche glaube ich – im Nuclear Hotseat kolportiert. Die Reaktion war derart, dass dies vom Militär und den Veteranenvereinigungen sehr ernst genommen wurde. Ist dir das näher bekannt?

Charles Bonner: Das ist uns freilich bekannt und es ist für uns eine beträchtliche Ermunterung. Das Ganze passierte vor einigen Wochen, als der Kongress die Untersuchung dessen, was diesen Seeleuten und Ersthelfern zugestoßen ist, die nun auf Grund der Katastrophe von Fukushima erkrankt sind, sogar in das letzte Budgetgesetz aufgenommen hat. Wegen dieses Interesses schicken wir nun die Klageschrift zusammen mit den Aussagen und medizinischen Unterlagen unserer Klienten an den Kongress und unterstützen den Kongress darin, die Behandlungen dieser Seeleute zu übernehmen, entweder durch die Veteranenbehörde oder durch eine Art Fonds, der vom Kongress eingerichtet werden sollte, damit die Seeleute innerhalb des privaten Gesundheitssystems Hilfe suchen können. Letztendlich also: Ja, es ist schon so, der Kongress zeigt sich nun endlich an diesem Fall interessiert.

Libbe HaLevy: Was können diejenigen von uns tun, die nicht Teil des Militärs sind, um deine Arbeit und diese Seeleute zu unterstützen, diese Seeleute, die so verzweifelt jedes bisschen Hilfe brauchen, das sie bekommen können?

Charles Bonner: Für uns wäre es eine Unterstützung, wenn die Leute Kongressangehörige kontaktieren würden. Kontaktieren Sie ihren gewählten politischen Vertreter. Kontaktieren Sie Präsident Obama. Schreiben Sie Briefe an Regierungsangehörige und erklären Sie, dass diese jungen Seeleute, diese Ersthelfer, medizinische Hilfe benötigen. Sie brauchen Hilfe, um die Rechnungen, die von ihren Behandlungen herrühren, bezahlen zu können, sie werden wohl auch den Rest ihres Lebens nicht mehr ohne medizinische Betreuung auskommen. Die Gesundheit ihrer Kinder muss überwacht werden und es muss eine fortgesetzte Möglichkeit dieser Behandlungen geben, auf Grund der genetischen Mutationen, von denen wir ja bereits gesprochen haben. Die Seeleute selbst und ihre Kinder sind also gefährdet und diese Probleme werden 50 oder 100 Jahre so weitergehen. Die radioaktiven Partikel verbleiben in ihrem Körper, nehmen fortgesetzt Einfluss, verursachen Genmutationen und erzeugen Krebs. Die Leute können also sehr einfach ihren Repräsentanten kontaktieren, ausgehend von der lokalen Verwaltung bis hinauf zum Präsidenten der USA. Das wäre eine Hilfe für uns.

Libbe HaLevy: Nun, Nuclear Hotseat wird dies selbstverständlich unterstützen, unsere Briefe losschicken und diejenigen unserer Zuhörer, die in den Vereinigten Saaten sind, dazu ermuntern. Dies ist eine internationale Sendung, aber für all diejenigen, die in den USA ihren Wohnsitz haben: schreiben Sie an ihren Senator, Ihren Abgeordneten im Kongress, berichten Sie all denjenigen, mit denen Sie im Kongress in Verbindung stehen, und wenn Sie ein Veteran sind, gesehen Sie zu Ihrer Veteranenvereinigung und klären Sie diese darüber auf, dass es sich hier um eine Aktion für die Veteranen der Operation Tomodachi handelt. “Tomodachi“ bedeutet „Freund“, das war der Codename für den Auftrag, beschaffen Sie diesen Seeleuten die Unterstützung, welche sie für den Rest ihres Lebens benötigen werden – und deren Kinder ebenso.

Charles Bonner: So ist es. Es ist einigermaßen ironisch, dass das Wort „Tomodachi“ „helfen wir unseren Freunden“ bedeutet. Nun, diese Seeleute, diese Ersthelfer und guten Samariter, die angereist sind, um Japan als Freund zu helfen, sie benötigen nun die Hilfe Japans. Japan muss seinen Freunden helfen, indem sie erst einmal zugeben, dass sie für die Verstrahlung dieser Seeleute verantwortlich sind, und dass sie weiterhin einen Fonds errichten, um die medizinischen Bedürfnisse dieser Seeleute abzudecken. Das Dritte ist, dass der Widerstand gegen diese Klage beendet werden sollte, deren Zweck es ist, für die medizinische Versorgung dieser Ersthelfer zu sorgen.

Libbe HaLevy: Nun, ich glaube nicht, dass dieser letzte Punkt sehr schnell zu erreichen sein wird, denn man kämpft gegen eine atomhörige Industrie und einen Ministerpräsidenten vom selben Schlag. Ihr habt also einen harten Kampf vor euch, aber ich bin dennoch bereit, mein Geld auf euch zu setzen, auf die Seeleute, denn es handelt sich hier um eine gerechte Sache, eine glaubhafte Begründung; die Gesundheit dieser Seeleute wurde kompromittiert und es ist unerlässlich, dass ihre Ansprüche anerkannt werden, dass sie unterstützt werden, und zwar so lange, so lange es eben notwendig sein wird.

Charles Bonner: So ist es. Das ist unser Ziel, das, was im besten Interesse dieser Seeleute ist, ist unsere Mission und wir benötigen Ihre Hilfe. Wir schätzen wirklich ganz außerordentlich, alles was du machst, Libbe, und wir brauchen die Hilfe der Menschen in den USA und der Menschen auf der ganzen Welt, um sicherstellen zu können, dass erst einmal diese Seeleute versorgt werden, aber auch, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Wir können uns eine neuerliche Katastrophe wie die Kernschmelzen im Kraftwerk Fukushima vom 11. März 2011 nicht leisten, wir können es uns nicht leisten, dass so etwas jemals wieder auf unserem Planeten passiert.

Libbe HaLevy: Wir hoffen, dass jemand an verantwortlicher Stelle deine Worte hört!

Charles Bonner: Ok!

Libbe HaLevy: Meinen herzlichen Dank, das du auch heute wieder unser Gast beim Nuclear Hotseat warst.

Charles Bonner: Danke vielmals, Libbe, danke für deine Arbeit und bitte mach' weiter so!

Libbe HaLevy: Keine Sorge, so schnell werde ich damit nicht aufhören!


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at

Quelle: Nuclear Hotseat #138: USS Reagan Sailors v. TEPCO Lawsuit Update w/Attny Charles Bonner http://www.nuclearhotseat.com/1724/

Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at Februar 2014 / v1


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04.02.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat #137

Susan Corbett (Sierra Club) kämpft

für South Carolina, den „nuklearen Abtritt“ der USA

Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:SavannahRiverSite_ISS012-E-16633.jpg


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Sue Corbett ist Vorsitzende der Arbeitsgruppe des Sierra Clubs für Atomangelegenheiten auf Bundesebene. Diese Tätigkeit umfasst die Aufsicht über verschiedene Atomthemen. Darüber hinaus ist sie auch die Vorsitzende des mehr als 5.200 Mitglieder zählenden Sierra Club von South Carolina. Sie ist mit beißendem Witz gesegnet und hat einen wunderbaren Südstaaten-Akzent. Heute war sie so zuvorkommend, trotz Erkrankung von ihrem Heim nahe Columbia in South Carolina aus zu uns zu sprechen. Susan Corbett, willkommen beim Nuclear Hotseat!

Susan Corbett: Danke für die Einladung!

Libbe HaLevy: Kannst du uns am Beginn vielleicht eine Vorstellung davon geben, wie es dazu gekommen ist, dass du dich bei Atomthemen engagierst und wie lange du schon auf diesem Gebiet tätig bist?

Susan Corbett: Nun, alles begann in den späten 70er Jahren, als ich in diese Gegend gezogen bin, wo ich heute lebe, nach Columbia, South Carolina; das war 1976. Damals bin ich darauf gestoßen, dass geplant war, in gut 15 km Entfernung von diesem wunderschönen Ort am Land ein AKW zu errichten. Natürlich hatte ich zu der Zeit noch wenig Ahnung; es war mir aber klar, dass mir der Gedanke nicht gefiel. Ich habe mich also im Kampf gegen die Bewilligung von Errichtung und Betrieb dieses Werkes engagiert. So bin ich mit dem Thema Atomkraft zum ersten Mal in Berührung gekommen, die Wurzeln liegen nun also bereits 35 Jahre zurück.

Libbe HaLevy: Was für ein Standort war das und hattet ihr Erfolg?

Susan Corbett: Es handelte sich um die Anlage VC Summer der Standard Corporation hier in Columbia, wir waren also nicht erfolgreich. Die Betriebsgenehmigung wurde von der NRC (der US-Atomaufsichtsbehörde) nie in Frage gestellt; es gibt keinen Antrag auf Betriebsbewilligung, dem die nicht stattgeben würden... Ich glaube nicht, dass eine Betriebsgenehmigung jemals verweigert wurde! Leider waren wir also nicht erfolgreich, konnten den Bau dieses AKWs nicht verhindern. Seither war dieses AKW durchgehend in Betrieb.

Libbe HaLevy: Du hast heute eine Funktion im Sierra Club inne, eine ziemlich verantwortungsvolle Position innerhalb der Organisation. Gib uns bitte eine Vorstellung von deinem Aufgabenbereich, danach werden wir uns die einzelnen Standorte und was dort vor sich geht genauer vornehmen.

Susan Corbett: Nun, ich war also schon viele Jahre, bevor ich mich dem Sierra Club anschloss, in der Anti-Atom-Bewegung aktiv. In den 70ern und 80ern gab es diese Allianzen – du hast sicherlich schon einmal davon gehört: zB die Clamshell alliance. Wir hatten die Palmetto alliance in South Carolina [Corbett spricht von regionalen Bürgerinitiativen, die sich nach dem Muster von Wyhl in Deutschland zusammengefunden hatten, um AKW-Projekte zu verhindern; AdÜ], und ich war in diese Allianzen damals eingebunden; erst sehr viel später bin ich zum Sierra Club gekommen, in den späten 90er Jahren. Damals wurde versucht, das Plutonium aus Rocky Flats hierher zu bringen – und ich habe versucht, meine eigene Organisation aufzubauen. Dies stellte sich als äußerst schwierig heraus. Der Sierra Club traf sich in der Kirche, die auch ich besuchte, die Universelle Unitarische Kirche von Columbia. Ich ging also zu den Treffen und habe ihre Positionen hinsichtlich des Naturschutzes studiert. Sie waren auch gegen diese ganze Atomgeschichte, und zwar schon seit den 70ern. Außerdem nutzten sie eine sehr eingängige Fachsprache auf ihrer Webseite, all diese Unterlagen zu den diversen Themen. Ich sagte mir also: „Schau an, die haben dieselben Überzeugungen wie du selbst!“ Ich trat daher dem Sierra Club bei, um an all diesen Themen mitarbeiten, insbesondere aber am Atomthema, denn dies ist Teil ihrer Umweltschutzbestrebungen, der Sierra Club lehnt Atomkraft ab. In den späten 90er Jahren bin ich also in dieser Vereinigung aktiv geworden; im Jahr 1998 bin ich beigetreten, ein paar Jahre später wurde ich Vorsitzende der Ortsgruppe. Heute bin ich die Vorsitzende des Landesverbandes, eine Funktion, die ich nun schon 6 Jahre lang inne habe. Ich werde immer wieder gewählt, sie wollen mich nicht gehen lassen – es ist eine rein ehrenamtliche Position. Der Landesverband von South Carolina ist nun zu dem Landesverband geworden, der innerhalb des Sierra Club am unverblümtesten kritisch gegenüber jedweder Atomtechnologie auftritt. Innerhalb des Bundesstaates von South Carolina sind wir die einzige Umweltorganisation, die dazu bereit ist, ihre Stimme gegen die Atomkraft zu erheben. Alle anderen Gruppierungen verhalten sich in etwa so wie der Umweltschutzbund (Natur Conservancy), die sich „agnostisch“ verhalten und nicht sehr viel über das Thema sprechen. Wir sind also die Einzigen, die bereit waren, eine klare Linie zu ziehen und direkt gegen Atomanlagen anzukämpfen.

Libbe HaLevy: Gib uns doch einmal einen Überblick: Welche großen Anlagen befinden sich in South Carolina und welche bereiten dir die meiste Sorge?

Susan Corbett: In South Carolina befinden sich sieben Reaktoren im Betrieb. Wir hatten sehr früh eine Allianz mit allen Atombewegten, denn hier, in diesem Bundesstaat, befindet sich die Anlage von Savannah River. Diese Anlage wurde in den 50er Jahren vom DuPont Konzern errichtet, in Partnerschaft mit dem Verteidigungs- und dem Energieministerium, um Atombomben herzustellen. Zusammen mit Hanford in Washington war es also die Anlage, welche die Ausgangsmaterialien für die Bombenherstellung bereit stellte: Das Plutonium, die Zündvorrichtungen – alles, was zur Produktion von Atombomben nötig ist. Hier in der Gegend wurde die Anlage schlicht „die Bombenfabrik“ genannt. Sehr früh schon war den Einwohnern von South Carolina daher eingetrichtert worden, dass die Atomtechnologie gut für sie sei, denn über viele Jahre hinweg – und vielleicht auch heute noch – war sie der größte Arbeitgeber im ganzen Bundesstaat. Die Anlage ist gigantisch. Es handelt sich um ein Gelände mit einer Fläche von 800 km² am Savannah River, an der Grenze zu Georgia. Das Energieministerium versorgt sie jedes Jahr mit Milliarden von Dollar, tausende Menschen haben dort ihren Job. Es hat also diese frühe Indoktrination in Bezug auf die Atomtechnologie gegeben. Als die Kampagne „Atome für den Frieden“ gestartet wurde, war es nicht schwer, hier Fuß zu fassen; die Leute in unserer lokalen Verwaltung haben sich dem Vorhaben mit Leib und Seele verschrieben. Wir haben in unserem Bundesstaat also sieben Reaktoren in Betrieb, wir hatten auch einen frühen Experimentalreaktor, den Parr-Reaktor, der in der Zwischenzeit stillgelegt wurde. Wir sind somit einer der am stärksten von Atomtechnologie geprägten Bundesstaaten. Ich glaube, Atomkraft deckt 55% unseres Strombedarfs ab. Mit den sieben Reaktoren und der Anlage von Savannah River, die übrigens ihrerseits... ich habe vergessen, wie viele Millionen Liter an hochradioaktiver Atommüll dort aus der Zeit des kalten Krieges weiterhin lagern und immer noch nicht entsorgt wurden.

Libbe HaLevy: Sind dort auch undichte Tanks zu finden, wie in Hanford?

Susan Corbett: Ja. Es ist dieselbe Geschichte. Die Tanks sind zwar ein bisschen anders gebaut als die von Hanford, aber sie sind um nichts besser und sie werden immer poröser und unzuverlässiger. Wir befinden uns nun in einem Wettrennen gegen die Zeit, um dieses Zeug aus ihnen herauszubekommen. Unglücklicherweise werden aber die Mittel immer weiter gekürzt, niemand erkennt die Wichtigkeit dieser Operation. So befinden wir uns nun in diesem Wettlauf, denn dieses Zeug wird nicht sicherer und die Tanks werden immer dünnwandiger und schwächer und es wird immer wahrscheinlicher, dass sie leck werden. Die Situation dort ist also der in Hanford sehr ähnlich. Und es gibt dort die verschiedensten Stoffe, wie zB Plutonium. Es ist ein schrecklicher Ort. Wenn wir von Curies reden, dem Strahlungsinventar, dann haben wir in der Anlage von Savannah River wahrscheinlich das größte Depot in den gesamten USA.

Jenseits der sieben Reaktoren haben wir auch eine Brennstofffabrik von Westinghouse – dort wurde ich vor vielen Jahren verhaftet. Sie transportieren die benötigten Materialien hierher und bauen die Brennstäbe, die dann in den kommerziellen AKWs zum Einsatz kommen. Das ist also auch noch in unserem Bundesstaat. Außerdem gibt es hier nun schon seit Langem eine Art Atomwäscherei, in der belastet Stoffe, wie zB Kleidungsstücke, die wiederverwendet werden sollen, aufbereitet werden. Und schließlich haben wir auch noch das Atomlager für niedrig belastete Abfälle in Barnwell. Wir sind gerade eben dabei, wegen dieser Einrichtung einen Prozess zu führen. Die Einrichtung ist nahe der Anlage von Savannah River, und dorthin bringt man schwach radioaktive Abfälle (low level waste, LLW). Diese Anlage wird nicht vom Energieministerium betrieben, es handelt sich um einen privatwirtschaftlich geführten Betrieb, der auf Gewinnbasis arbeitet. Dieser schwach radioaktive Atommüll – was das zu bedeuten hat, darüber könnte ich gleich noch sprechen, wenn du möchtest – wird also dorthin angeliefert, um beseitigt zu werden. Es befinden sich daher bei uns über den ganzen Bundesstaat verstreut eine ganze Menge Atomanlagen.

Libbe HaLevy: Am 9. Januar haben wir im Nuclear Hotseat eine Nachricht gebracht, dass die Abteilung für Umweltschutz der Landesregierung von South Carolina bestätigt hat, dass nicht nur das Grundwasser rund um die Anlage von Barnwell durch Tritium verseucht ist, sondern dass sich dieses Kontaminierung nach Südwesten bewegt, auf die Anlage von Savannah River zu.

Susan Corbett: Ja. Das ist eine Entwicklung, die schon lange zu beobachten ist. Lass mich noch einmal ein bisschen weiter ausholen: Jede Atommülldeponie in den USA wurde bislang undicht. Es ist nie erfolgreich gelungen, dieses Zeug an einer Ausbreitung zu hindern. Ursprünglich gab es 6 oder 7 Anlagen für schwach radioaktive Abfälle: Sheffield, Illinois; Maxey Flat, Kentucky; Beatty, Nevada; eine ganze Reihe. Aber sie alle wurden geschlossen – und sie waren alle undicht, als man sie schloss. Sie sind auch weiterhin undicht. Barnwell aber blieb in Betrieb, warum auch immer. Die Anlage läuft weiter und wir bekämpfen sie schon lange. Tritium hatte ziemlich schnell begonnen, sich über die Begrenzung der Anlage hinaus auszubreiten.

Libbe HaLevy: Könntest du uns schnell sagen, seit wann diese Probleme bereits andauern?

Susan Corbett: Sie haben schon vor einem Jahrzehnt Probleme bekommen. Die Anlage wurde in den 70ern eröffnet, nach 20 Jahren Betrieb haben die Umweltbelastungen schon begonnen. Hat also nicht lange gedauert. Als diese Anlagen gebaut wurden, hieß es, dass hunderte von Jahren vergehen würden, bevor diese Einrichtungen beginnen würden, undicht zu werden. Nun, man hat sich in all diesen Fällen total geirrt. In all diesen Fällen ist Material ausgetreten und ins Grundwasser gelangt. Erschwerend kommt bei der Anlage von Barnwell hinzu, dass es sich hier um extrem durchfeuchtetes Land handelt, eine frühere Küstenebene. Der Grundwasserspiegel liegt vielleicht 3 Meter unter der Erdoberfläche. Hier, wo ich lebe, ein bisschen weiter oben im [? unverständlich], könnte ich in meinem Hinterhof ein Loch in die Erde graben und das Wasser würde heraufkommen. Es ist hier im Süden schlicht viel zu einfach, ans Grundwasser zu gelangen. Es ist nicht so wie im Westen, wo man fast einen Kilometer (oder wie viel auch immer) hinunter bohren muss. Es ist also sehr besorgniserregend, dass diese Art der oberflächlichen Einlagerung unter den gegebenen Voraussetzungen gewählt wurde. Ebenso besorgniserregend ist es für die Anlage von Savannah River, auch dort liegt der Grundwasserspiegel sehr hoch, unmittelbar unter der Oberfläche. Außerdem gibt es diesen gewaltigen Aquifer, den Tuscaloosa Aquifer, den weitläufigsten Grundwasserhorizont im ganzen Süden, er erstreckt sich bis Atlanta; dieser liegt auch noch unter all den Schichten. Also ja, das Zeug entweicht schon seit langer Zeit. Dies ist einer der Gründe, warum wir die Sache weiterverfolgen, die Betriebsbewilligung anfechten, denn immer wieder muss die Betriebsgenehmigung erneuert werden. Du weißt schon, sie können die Anlage nicht einfach immer weiter betreiben. Jedes Mal, wenn sie um eine neue Betriebsbewilligung ansuchen, versuchen wir, diese in Frage zu stellen. Dieses letzte Mal ging dieser Prozess fast ein Jahrzehnt lang immer weiter. Der Verwaltungsgerichtshof hat sie immer wieder zurückgeschickt, wir haben sie immer aufs neue angefochten. Nun ist die Angelegenheit vor dem obersten Gerichtshof des Bundesstaates. Dort werden wir am Mittwoch sein und dann werden wir sehen, ob der oberste Gerichtshof die Idee sanktioniert, dass... Aber jetzt ist eigentlich sogar noch offensichtlicher, als zu der Zeit, als wir mit der Anfechtung begonnen haben, dass dieses Zeug aus der Anlage austritt.

Libbe HaLevy: Was wäre denn die Entschädigung? Was wäre das bestmögliche Ergebnis dieser Verhandlung, der du am Mittwoch beiwohnen wirst?

Susan Corbett: Schwierig zu beantworten. Ich weiß nicht, ob sie ihre Vorgehensweisen nun geändert haben. Die Technik ist besser geworden. Aber es werden immer noch diese Betonkammern genutzt, in diese wird das Zeug eingelagert. Sie haben Löcher im Boden und an der Decke. Das Material wird also nicht vor eindringendem Wasser isoliert. Aus irgend einem Grund wollen sie, dass das Wasser durchfließen kann.

Libbe HaLevy: Wahrscheinlich, um zu kühlen.

Susan Corbett: Das kann man annehmen. Aber auf diese Weise wird der Abfall immer mit Wasser in Kontakt kommen, ich kann mir daher nicht vorstellen, dass es für diese Schadstofffahnen jemals eine Lösung gibt. Ich vermute, man könnte hinunter graben und dort eine Barriere einrichten, aber ich weiß nicht, wie stabil oder wie tief so eine Barriere sein müsste – die technischen Details kenne ich nicht. An manchen Orten wurde es so gemacht, sie haben hinunter gegraben und diese Barriere errichtet, aber – ich weiß es nicht. Es gibt keine gute Lösung. Die Lösung ist, dieses Vergraben zu beenden und stattdessen etwas zu machen, was wir bereits vor vier Jahren forderten, nämlich eine Lagerung über Grund. Man errichtet Gebäude und diese Kammern stellt man in den Gebäuden auf: Dann ist unmittelbar ersichtlich, ob es zu einem Leck gekommen ist, ob eine neuerliche Umhüllung notwendig wird. Man verbuddelt die Sachen nicht einfach. Wenn sie dann anfangen, zu lecken, dann heißt es: „Ja, es rinnt wohl etwas aus, aber wir wissen nicht, wo die undichte Stelle ist, wir wissen auch nicht, wie groß das Leck ist...“ Es gibt keine Auskleidungen in all diesen Gräben, keine Sammelsysteme, alles steckt einfach im Erdboden. Wir nennen es das „Katzenklo“. Fahne hoch und los geht’s [lachen].

Libbe HaLevy: Nun, schon ein bisschen gefährlicher als das, was in einem Katzenklo zu finden ist, auch wenn wir gerade darüber scherzen.

Susan Corbett: Das andere, was bei diesem schwach radioaktiven Abfall bedeutsam ist: „Schwach“ ist eigentlich das falsche Wort für diese Stoffe, Libbe, denn „schwach“ ist es eigentlich ganz und gar nicht. Es mag sich um niedrige Konzentrationen handeln, aber jedes der unangenehmen, giftigen, karzinogenen Radionuklide, die von der Menschheit produziert worden sind, ist dort enthalten. Ich bin früher hingegangen und habe mir die Lieferpapiere der Transporte angesehen, nachgeschaut, wie viel Gramm Plutonium zB in einer Ladung enthalten sind, wie viel Gramm Americium und Neptunium und Californium und all die anderen dieser exotischen Partikel, die wir geschaffen haben, als es mit der Kernspaltung los ging. Sie sind alle da drin, alle in der Erde vergraben, in Betonkammern, drei Meter oberhalb des Grundwasserspiegels.

Libbe HaLevy: Wenn nun also der Oberste Gerichtshof von South Carolina am Mittwoch gegen die Vorgehensweisen dieser Firma entscheidet, nimmt er ihnen dann die Betriebserlaubnis? Welche Auswirkungen hat das auf die Betreiberfirma?

Susan Corbett: Ich bezweifle, dass die Betriebserlaubnis zurückgezogen wird, Was passieren könnte, ist, dass sie dazu gebracht werden, weitere Schritte zu unternehmen, damit nicht noch mehr Tritium austritt. [Die Richter haben in ihrer Schlussbemerkung verlautbart, dass die Argumente beider Seiten stimmig seien. Eine Entscheidung werde im Laufe der nächsten Wochen erfolgen.; AdÜ] Ob das nun durch eine Auskleidung der Gräben passieren soll? Ich weiß nicht, um ehrlich zu sein. Gute Frage! Ich weiß nicht, welche Abhilfe es noch geben könnte. Sie haben das nun schon so lange gemacht, es wurde dort schon derart viel abgelagert, man kann es wohl jetzt nicht mehr herausbaggern. Vieles von diesem Material ist so radioaktiv, dass es nur aus der Distanz in der Erde versenkt werden kann. Es gibt einen Kranführer, der hinter einer Mauer positioniert ist, um das Zeug anzuheben und dann [in den Graben] hineinzuheben. Man kann also nicht einfach mit ein paar Leuten raus gehen und dieses Zeug einfach ausgraben. Die Herausforderung wäre wohl – wenn sie mit dem was sie zurzeit tun, aufhören würden –, wie man dieses Material bei der Beseitigung handhabt... Ich hasse das Wort „Beseitigung“, denn eigentlich wird gar nichts beseitigt.

Libbe HaLevy: Wohin sollte man dieses Material denn bringen? Es gibt dafür nirgends einen Ort.

Susan Corbett: Nun, das Erste ist wohl, dass man die Produktion dieses Materials einstellen muss. Aber einiges davon ist auch medizinischer Müll. Ich muss schon sagen, dass es medizinische Anwendungen für einige der Isotope gibt. Ich selbst musste einen Scan machen lassen, der mit Radioisotopen durchgeführt wurde. Ich war von der Vorstellung angewidert, aber mein Arzt sagte, ich müsse es machen lassen. Es gibt also medizinische Anwendungen und wir müssen einen Weg finden, wie wir mit diesen Rückständen verfahren sollen. Das ist aber nur ein sehr kleiner Prozentsatz des Atommülls, mit dem wir es zu tun haben. Aber auch hier: Der Weg, den wir vorgeschlagen haben, besteht darin, überirdisch Gebäude zu errichten, große Gebäude, und die Betonkammern werden innerhalb dieser Gebäude eingelagert. So können sie überwacht werden. Man nennt das überwachte Lagerung mit der Möglichkeit, die eingelagerten Elemente wieder herauszuholen (monitored retrievable storage). In dem Fall ist es so, dass man einen Behälter, der undicht wird, herausholen kann und das Material neu verpackt werden kann. Danach kann man es wieder einlagern. Wenn dieses Material dann so weit abgeklungen ist, dass es nicht mehr gefährlich ist, wird dieser Platz dann wieder frei für einen anderen Behälter; so in dieser Art etwa. Wir haben also schon lange Zeit dafür plädiert, dass diese Art der oberirdischen Lagerung eine sehr viel bessere Lösung wäre, als ein Loch in die Erde zu machen und danach zu hoffen, dass nichts passiert, zu hoffen, dass das Grundwasser nicht aufsteigt. Das Grundwasser hat diese Gräben in der Praxis mehrfach überflutet. Es ist einfach ein ungeeigneter Platz, um Atommüll zu vergraben. Man muss damit aufhören.

Libbe HaLevy: Wurde kürzlich irgendeine Gesundheitsstudie für die umliegenden Gebiete durchgeführt oder gibt es zumindest anekdotisch Informationen über irgendwelche Orte, an denen gehäuft Krebs auftritt?

Susan Corbett: Ich glaube, dass niemand wirklich weiß, worin die gesundheitlichen Langzeitfolgen von Strahlenbelastung in der Umwelt bestehen. Eines der Vorkommnisse, die in diesem Zusammenhang interessant ist: Vor 15 Jahren haben wir uns darüber beklagt, dass diese langen Gräben ausgehoben wurden, die Behälter wurden eingelagert – aber der Graben wurde noch nicht wieder zugeschüttet. Manchmal dauerte es sechs Monate, manchmal ein Jahr, bis sie so weit waren. In der Zwischenzeit sammelt sich Regenwasser im Graben, der dann auch mit dem Atommüll in Kontakt kommt. Dieses Regenwasser sammelt sich also an; es ist voller Tritium. Das Regenwasser wurde dann in spezielle Entsorgungsteiche gepumpt, wegen des Tritiums. Aber auch diese Teiche waren undicht und das Wasser gelangte auf das angrenzende Anwesen der Kirche einer afro-amerikanischen Gemeinde. Das Erdreich dort wurde verseucht. Man musste das Erdreich rund um die Kirche abtragen und wegführen. Aber, wer weiß?

Das Niederträchtige an der Radioaktivität ist ja, dass ihre Auswirkungen nicht unmittelbar beobachtbar sind. Die Leute bleiben nicht an einem Ort. Sie ziehen dahin und dorthin, sie bleiben nicht. Meiner Meinung nach gibt es keine guten Krebsdaten, nicht innerhalb des Bundesstaates. Es gibt zwar ein Krebsregister, das ich über die Jahre immer wieder eingesehen habe, aber... Es gab [dennoch] einige interessanten Abweichungen. Einmal fand ich eine Karte, die aufzeigte, dass jede einzelne Gemeinde, in der sich eine Atomanlage befand, eine erhöhte Leukämie-Rate aufwies. Ich habe diese Karte immer noch. [? unverständlich] … vielleicht 2002. Aber die Daten sind nicht wirklich gut, das ist ganz sicher so. Die Gegend da unten ist ziemlich abgelegen, sehr ländlich, dünn besiedelt. Es passiert nun das Folgende: Der Mary's Branch Creek, der dieses Wasser aufnimmt, fließt dann in den Savannah River. All dieses Wasser, das aus der Erde austritt und durch die Anlage von Barnwell geflossen ist, endet im Mary's Branch Creek und anschließend im Savannah River, der das Trinkwasser für Hilton Head (wo eine Menge reicher Leute wohnen) und für die Stadt Savannah liefert [unverständlich]. Es gab auch ein paar Studien, die gezeigt haben, dass das Trinkwasser mit Tritium versetzt ist. Die Argumentationslinie ist natürlich: Verdünnung ist die Lösung bei Verschmutzung. (dilution is the solution to pollution).

Libbe HaLevy: Das ist ihr Spruch und sie denken auch noch, dass er gut rüberkommt...

Susan Corbett: [unverständlich]. Ihre Antwort ist also, dass die Konzentrationen nicht schädlich seien. Aber noch einmal: das Gemeine bei der Radioaktivität besteht darin, dass niemand weiß, welches Belastungsniveau für verschiedene Menschen gefährlich sein kann. Außerdem addieren sich Belastungen durch Radioaktivität; je mehr Radioaktivität man ausgesetzt ist, desto eher wird der Körper geschädigt. Man nimmt also ein bisschen was mit dem Wasser auf, ein bisschen was kommt vom Fisch aus Fukushima, den man gegessen hat, ein bisschen was kommt aus der Atmosphäre, von den Bombentests und alles addiert sich, es reichert sich in der Biosphäre und unseren Körpern an. Wer soll also voraussagen, wann der Grenzwert bei deinem Körper erreicht ist und eine Schwelle überschritten wird, wann sich der Körper gegen die Auswirkungen der Strahlung nicht mehr zur Wehr setzen kann, und du bekommst Krebs. Es ist aus wissenschaftlicher Sicht ein diffuser Vorgang, ganz anders als im Falle eines Mesothelioms, wie es nach einer Asbestbelastung auftreten kann, oder einem Lungenkrebs, der durch Zigarettenrauchen ausgelöst wird. Die Verbindung ist nicht so unmittelbar, man kann sie nicht beweisen. Das ist es, worauf sie bauen. Ich höre oft aus Kreisen der Atomindustrie, Strahlung sei eigentlich gar nicht so gefährlich, hat niemanden umgebracht, es sei niemand gestorben, und all diese Dinge. Diesen Gesundheitsauswirkungen nachzujagen ist also mit einer großen Grauzone überschattet, ist ein schwieriges Unterfangen. Dennoch wissen wir, alle Untersuchungen haben es nachgewiesen, dass Strahlung gefährlich ist.

Libbe HaLevy: Welche Strategie war deiner Meinung nach beim Kampf gegen die Atomindustrie in South Carolina am wirksamsten?

Susan Corbett: Nun, niemand mag es, wenn man ihm Müll vor die Nase kippt. Das ist nun zu einem Riesenthema in South Carolina geworden, denn wir sind heute gewissermaßen die Müllkippe des gesamten Südens – für eine ganze Reihe von Materialien. Zurzeit kämpfen wir gegen eine riesenhafte Mülldeponie, eine Deponie für Haushaltsmüll. Der Müllentsorgungsbetrieb ist aus einem anderen Bundesstaat, aber er hat entdeckt, dass unsere Deponiegebühren viel niedriger sind als die von – sagen wir Pennsylvania oder Virginia oder New York. Sie laden den Müll aus diesen Bundesstaaten im Norden also auf Züge und deponieren ihn hier in South Carolina. Im Kern ging es bei Barnwell also darum, dass man nicht neuerlich mit Müll zugeschüttet werden wollte. Man ist in South Carolina hinsichtlich der Idee, wir könnten der Abort des Südens sein, sehr empfindlich geworden; dies betrifft Hausmüll und Atommüll gleichermaßen. Das war also einer der Gründe, die uns in die Lage versetzt haben, die Menge von Atommüll, die nach Barnwell gebracht wird, vor ein paar Jahren zu beschränken. Die Firma, die Barnwell gekauft hat – dieselbe, welche die Deponieanlage für schwach radioaktiven Müll in Clive, Utah, betreibt –, versuchte, die Gesetze in South Carolina zu verändern, um zu ermöglichen, dass Barnwell für allen schwach radioaktiven Abfall der gesamten USA zur Verfügung steht. Sie wussten nämlich, dass sie ansonsten kein Geld machen würden, wenn nicht die großen Konzerne ihren Müll hierher transportieren können und entsprechend dafür bezahlen. Am Anfang sah es so aus, als ob sie gewinnen würden. Dann haben wir aber mit der Kampagne begonnen: „Wir wollen nicht, dass ihr diese Zeug einfach in South Carolina abkippt!“ – wir haben ein etwas deftigeres Vokabular verwendet...

Libbe HaLevy: [lacht]

Susan Corbettt: ...und es war ein langer Kampf. Als der Tag der Entscheidung kam, wurde innerhalb des Ausschusses der gesetzgebenden Versammlung, der mit dieser Angelegenheit betraut war, abgestimmt, ob diese Gesetzesänderung durchgeführt werden sollte: Der Antrag wurde einstimmig abgewiesen. Sogar der Initiator des Gesetzesvorschlags stimmte dagegen! Man war also sehr empfindlich geworden, wenn es um die Vorstellung ging, dass wir zu einem Deponie-Bundesstaat für allerlei Stoffe geworden sind, Atomabfall ebenso wie Hausmüll. Das war somit äußerst hilfreich und führt wieder zu der Philosophie zurück, dass die Leute sich um ihren eigenen Müll selbst kümmern sollen. Der, der ihn produziert, der soll ihn auch behalten. Ich benutze gerne die Analogie: Was wird wohl passieren, wenn man seinen Abfall einfach in den Garten des Nachbarn wirft? Wie würden die das aufnehmen? Nun, hier geht es um das Gleiche. Wenn wir diesen Müll machen, dann sollten wir ihn auch behalten – und zusehen, wie wir damit fertig werden. Das würde bewirken, dass wir alle dazu angehalten würden, weniger Müll zu produzieren. Leider ist das aber nicht die Art und Weise, wie die Müllindustrie in diesem Staat funktioniert, irgendwann werden wir das begreifen müssen. Dies war das wichtigste Element, das uns bei unserem Kampf geholfen hat. Es hatte gar nichts mit Gesundheitsauswirkungen zu tun, es ging einfach nur um die Vorstellung, dass wir in unfairer Weise als Bundesstaat behandelt werden, einen, den man als Abtritt benutzten kann, nur weil wir relativ klein und arm sind, weil wir daher irgendwie denken, das Geld könnte die Nachteile überwiegen. Aber die Menschen haben ziemlich einhellig „nein“ gesagt.

Libbe HaLevy: Ist das auch bei den Politikern im Bundesstaat und bei den Medien durchgedrungen? Was ich meine ist: Da die Atomindustrie so einen großen Anteil der Wirtschaft des Bundesstaates ausmacht, gibt es da irgendjemand, den man einsetzen kann, um die Durchschlagskraft bei den gewählten Mandataren oder den Medienleuten von den Zeitungen, dem Radio und dem Fernsehen, zu erhöhen?

Susan Corbett: Nun, es ist wirklich sonderbar, dass dieselben Leute, die dafür stimmen, dass es nicht erlaubt sein soll, Abfall in ihren Bundesstaat zu verfrachten, glauben, es sei eine gute Idee, wenn wir unseren Abfall in Nevada entsorgen... [lacht] Das ist doch scheinheilig! Sie zetern alle, dass Yucca Mountain unbedingt in Betrieb genommen werden müsse. Ich sage: „Nun, ihr habt zugelassen, dass all dieser Abfall produziert wird, und nun wollt ihr ihn irgendwo anders hin schicken?“ So ist das doch. Aber das ist nun eben eine Folge der vorangegangenen Entscheidungen. Wir haben 4.000 Tonnen Atommüll bei unseren Reaktoren, die nirgendwohin können. Langsam wird es nun doch offensichtlich, dass die Frage des Atommülls der Betonklotz am Hals dieses Industriezweiges ist. Es zeichnet sich auch keine Lösung ab. Ich glaube, dass die Politiker deshalb nun ein bisschen nervös werden. Diese Angelegenheit und die Kosten der Atomkraft sind definitiv zu ihrem Nachteil.

Libbe HaLevy: Siehst du selbst irgend eine Lösung für die Probleme, denen ihr und wir alle in Bezug auf Atommüll gegenüberstehen?

Susan Corbett: Meiner Meinung nach ist der Atommüll ein unlösbares Problem. Man kann ihn nicht weniger radioaktiv machen, Wiederaufarbeitung ist keine Lösung, man kann auch den schwach radioaktiven Abfall nicht wiederaufarbeiten. Das Problem kann nicht gelöst werden. Die einzige Lösung besteht darin, die weitere Produktion zu beenden. Ich glaube, zukünftige Generationen werden auf uns zurückschauen und sich fragen: „Was haben die sich eigentlich dabei gedacht?“ Sie werden dieses Zeug für Jahrtausende babysitten müssen. Wir haben gerade einen wirklich eindrücklichen Film bei unserem Sierra Club Treffen letzte Woche angesehen: Into Eternity. Die Geschichte spielt in Finnland. Die Finnen bauen das weltweit einzige Atommüll-Endlager. Wenn Sie diesen Film noch nicht kennen, dann würde ich Ihnen empfehlen, ihn anzusehen. Er war auch im Programm des Sundance Filmfestival. Die Geschichte erzählt von der Gewissenhaftigkeit, mit der die Finnen das Problem des relativ kleinen Volumens an Atommüll, den sie produziert haben, lösen wollen. Hier bei uns haben wir 70.000 Tonnen hochradioaktiven Abfalls – und Gott weiß, wie viel schwach radioaktiven Müll –, der in nicht zufriedenstellender Weise verbuddelt wird, wie eben in Barnwell. Es gibt aber überhaupt keine Lagerstätte für den hoch radioaktiven Abfall. Das Problem ist unlösbar, unglaublich teuer, für die Umwelt unglaublich schlecht. Die einzige Lösung besteht darin, nicht noch mehr zu produzieren, die Atomkraft in allen ihren Erscheinungsformen so schnell wie nur möglich abzuwickeln.

Libbe HaLevy: Deine Worte in den Gehörgang eines mächtigen Entscheidungsträgers...

Susan Corbett: [lacht] Hoffen wir wenigstens...

Libbe HaLevy: Susan Corbett: Ich danke dir vielmals, dass du diese Woche bei mir beim Nuclear Hotseat zu Gast warst.

Susan Corbett: Ich schätze es ganz außerordentlich, was du in deiner Show machst! Ich verfolge dich auch auf Facebook und finde deine Arbeit ausgesprochen hilfreich!

Libbe HaLevy: Nun, ich danke dir. Wir wollen hoffen, dass wir einiges in Bewegung bringen werden und diese Hampelmänner bekehren können...

Susan Corbett: Amen!

Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at
Quelle: Nuclear Hotseat #137: Sierra Club’s Nuke Nuker Susan Corbett vs. South Carolina! http://www.youtube.com/watch?v=ZPxWPPps1HQ&feature=player_embedded
Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form –sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at)    www.afaz.at   Februar 2014 / v1


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28.01.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat #136

Showdown in Washington

Dr Marvin Resnikoff (Radioactive Waste Management Associates)




Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!


Libbe HaLevy: Zu den heutigen Interviews: Radioaktivität ist dieser Tage des Öfteren in den Nachrichten, viele Menschen beschäftigen sich mit dem Thema. Aktivisten sind daher in der Hauptstadt Washington zusammengetroffen, um sich mit einzelnen Mitgliedern des Führungsgre­miums der Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission (NRC) zu treffen, mit Angehöri­gen der Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) sowie Vertretern des Se­natsausschusses für Umwelt und öffentliche Bauvorhaben.
Ich bringe Ihnen heute den Bericht zweier unserer Aktivisten. Der erste, Dr Marvin Resnikoff, ist ein leitendes Mitglied von Radioactive Waste Management Associates und ist bereits seit Jahrzehnten international als Berater in Fragen des Managements von Atommüll tätig. Marvin Resnikoff: Willkommen beim
Nuclear Hotseat!

Dr Marvin Resnikoff: Freut mich, mit dabei zu sein!

Libbe HaLevy: Sie waren vor Kurzem bei einer Reihe von Zusammenkünften in Washington, wo sich Anti-Atom-Aktivisten mit Spitzenbeamten getroffen haben, Mitgliedern der Führungs­mannschaft der NRC, der Bundesumweltbehörde EPA und Vertretern des Senatsausschusses für Umwelt und öffentliche Bauvorhaben. Zuerst einmal: Welche Strategie verbirgt sich hinter der Or­ganisation dieser Treffen und warum fanden sie gerade jetzt statt?

Dr Marvin Resnikoff: Wir haben versucht, Mitglieder des Senats über Hochabbrandbrenn­stoff (HAB; high burnup fuel) zu informieren. HAB verbleibt eine viel längere Zeit im Reaktor als man das früher handhabte. Das also haben wir im Senat gemacht. Was die Aufsichtsbehörde NRC angeht, so wollten wir Informationen von ihnen einholen. Wir wollten herausfinden, ob sie sich des Themas HAB bewusst sind, ob sie uns sagen können, wann dieses HAB eigentlich bewilligt wur­de (ganz speziell in San Onofre, wann wurde die Genehmigung erteilt?) und auf Grund wel­chen Datenmaterials wurde diese Entscheidung getroffen? Dies war der eigentliche Grund, warum wir nach Washington gefahren sind.

Libbe HaLevy: Bitte geben Sie uns einen kurzen Abriss, welche Probleme bei HAB auftreten, damit die Zuhörer die Wichtigkeit dieser Angelegenheit richtig einordnen können!

Dr Marvin Resnikoff: Sicherlich! Ich muss da allerdings etwas weiter ausholen und beschreiben, was in einem Atomreaktor passiert; ich hoffe, dass die Zuhörer dabei nicht einschlafen... Atombrennstoff besteht aus Uran, das in der Form von Pellets innerhalb einer röhrenförmigen Ummantelung gestapelt ist. Diese sogenannten Brennstäbe werden dann in Bündel, den Brennelementen, zusammengefasst. Diese Brennstäbe verblieben traditionell zweieinhalb Jahre lang im Reaktor. Alle eineinhalb Jahre wurde ein Drittel der Brennstäbe aus dem Reaktorkern entfernt. In jüngerer Vergangenheit beließ man die Brennstäbe aber sechs Jahre im Reaktorkern, jeweils zwei Jahre lang. Dadurch ist dieser Brennstoff viel heißer, er enthält viel mehr radioaktive Isotope wie zB Cäsium. Unsere Sorge betrifft aber die Ummantelung selbst. Um all das zu verdeutlichen, damit Sie ein Gefühl für die Relationen bekommen: die Ummantelung, die den Stapel von Uranpellets umgibt, ist nicht viel dickwandiger als etwas stärkere Alufolie; es handelt sich also um hauchdünnes Material. Im Laufe der Zeit kommt der Brennstoff im Reaktor mit dieser Ummantelung in Kontakt, die Wandstärke der Ummantelung nimmt mit der Zeit immer weiter ab, bekommt Risse. Dies ist nun unsere Hauptsorge: Die Ummantelung wird nicht nur rissig, sie wird auch spröde. Bei der Handhabung dieses Materials oder im Falle eines Unfalls könnte die Ummantelung bersten. Das heißt, die Ummantelung funktioniert nicht mehr als eine Barriere, wenn es zu einem Unfall kommt. Dies sind somit die Umstände, die uns Sorgen bereiten. Die Ummantelung versprödet, ihre Wandstärke nimmt ab, mit der Zeit entwickeln sich Risse. Das Problem besteht nun darin, dass die NRC keine Tests durchgeführt hat. Im Wesentlichen hat die Aufsichtsbehörde auf Grund der wirtschaftlichen Gegebenheiten, der Tatsache, dass Atomkraft durch Erdgas in die Enge getrieben wird, der Atomindustrie gestattet, sich in Richtung HAB zu bewegen und eine größere Anzahl abgebrannter Brennelemente in die Trockenlagerbehälter (Castoren) zu stopfen, welche sich auf dem Gelände der AKWs befinden. All das nur, um ein paar Groschen zu einzusparen.

Libbe HaLevy: Was für ein unglaublich kurzsichtiges Verhalten der Atomindustrie. Aber kommen wir noch einmal auf diese Treffen zurück. Ich nehme an, dass Gespräche über HAB erst vor ziemlich kurzer Zeit zum Thema von Gesprächen zwischen Aktivisten und der NRC geworden sind.

Dr Marvin Resnikoff: So ist es. Im Grunde hat die Aufsichtsbehörde NRC der Atomindustrie einfach gestattet, ihren Kurs weiter zu verfolgen. Grundlage dafür waren Studien, die sich nicht auf Hochabbrandbrennstoff sondern auf Brennelemente mit niedrigeren Abbrandwerten beziehen. Das ist natürlich beunruhigend. Die Oberaufsicht, die NRC, hat noch gar nicht analysiert, was in so einem HAB geschieht. Erst jetzt fangen sie damit an. In einem der Treffen sagte die NRC: „Nun, wir sind dabei, in Oak Ridge Studien durchzuführen. Wir sollten die Ergebnisse nächste Woche erhalten.“ Wir sagten: „Sie erlauben der Atomindustrie aber, weiterhin HAB einzusetzen, ohne zuvor die Sicherheitsstudien durchzuführen!“

Libbe HaLevy: Das erste Treffen in der NRC fand mit technischen Fachkräften der Behörde statt. Wie ist das gelaufen?

Dr Marvin Resnikoff: Das Treffen war extrem kontroversiell, was mich überrascht hat. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es zu einem informellen Meinungsaustausch kommen würde. Die Person, mit der wir sprechen wollten, brachte aber fünf andere Leute mit, einen Rechtsanwalt, einen Mitarbeiter für die Öffentlichkeitsarbeit. Ich war äußerst erstaunt, ich dachte, wir hätten ein informelles Treffen.

Libbe HaLevy: In den Augen der NRC ist das ja vielleicht ein informelles Treffen...

Dr Marvin Resnikoff: Das Treffen verlief jedenfalls unglaublich kontroversiell. Wir haben uns zwar Notizen gemacht, aber die Unterredungen wurden nicht aufgezeichnet. Das gilt übrigens für alle diese Treffen: keines davon wurde aufgezeichnet.

Ich habe vom Transport gesprochen und die Leute der NRC sagten: „Uns wäre es auch einerlei, wenn gar keine Ummantelung vorhanden wäre. Von unserer Warte aus könnte in diesen Behältern auch ausschließlich Bruchstücke sein.“ Das war ihre Aussage.

Libbe HaLevy: Das sagte jemand, der bei der NRC eine leitende Funktion innehat oder aber jemand, der für dieses Material Verantwortung trägt?

Dr Marvin Resnikoff: Nun, einer der etwas besser beschlagenen Leute, sein Name ist Bob Einziger, wirklich einer von denen, die ein etwas umfassenderes Wissen zum Thema der Ummantelung von abgebrannten Brennstäben haben, ein Werkstoffwissenschaftler.

Libbe HaLevy: Der sagte, die Sache kümmere ihn nicht?

Dr Marvin Resnikoff: Er sagte, dass es sich nicht um ein Sicherheitsrisiko handle. Aber ich entgegnete: „Doch, es ist eines. Wenn es zu einem Unfall kommt, dann kann das Material mit größerer Leichtigkeit aus dem Behälter austreten.“ Darauf meldete sich der Transportspezialist zu Wort und sagte: „Von was für einem Unfall sprechen Sie?“ Ich nannte ihm ein Beispiel, etwa wenn einer der Behälter an einem Bahnübergang seitlich getroffen wird. Darauf erwiderten sie: „Wenn wir es mit so einem Unfall zu tun haben, dann ist egal, in welchem Zustand die Ummantelung ist, sie würde auf jeden Fall durchbrochen.“

Libbe HaLevy: Das ist aber sehr beruhigend! Haben diese Leute irgendeine Art von Nachdenklichkeit erkennen lassen, oder dass sie etwas ernst nahmen, etwas, das nicht umstritten war hinsichtlich der Punkte, die eure Seite aufzeigen wollte?

Dr Marvin Resnikoff: Sie sagten, sie hätten Studien, die in Kürze abgeschlossen wären. In Oak Ridge würden Studien zur Ummantelung von abgebrannten Brennstäben durchgeführt, diese Studien würden in einer oder zwei Wochen beendet. Das war ihre Antwort.

Libbe HaLevy: Hatten Sie den Eindruck, dass in Bezug auf eine Bewusstseinsbildung irgendein Fortschritt gemacht wurde oder hat die Behörde Ihnen quasi den Kopf getätschelt und gesagt: „Das wird schon, Kinder!“ um Sie danach zu ignorieren?

Dr Marvin Resnikoff: Nein, nein, da gab es kein Kopftätscheln oder sonst etwas Kindliches. Sie waren extrem defensiv. Ich arbeite seit 1975 über Probleme beim Atommülltransport. Es ist, was dieses Thema betrifft, nicht so, als ob ich gerade erst gestern das Licht der Welt erblickt hätte. Ich bin Physiker. Ich habe 1975 mit Arbeiten zu diesem Thema für Attorney General Lefkowitz im Bundesstaat New York begonnen, als flüssiges Plutonium via den Flughafen Kennedy ausgeflogen wurde, in Behältern, die einem Sturz aus maximal 10 Metern standhielten. Flugzeuge fliegen in einer größeren Höhe als 10 Meter, die NRC aber verhielt sich ablehnend, bis der Kongress schließlich feststellte: „Es werden Flugschreiber hergestellt, die Flugzeugabstürze überdauern, man kann also auch Plutoniumbehälter entwerfen, die Flugzeugabstürze überstehen können.“ Das setzte die NRC schließlich um. Es ist aber für Außenstehende, Menschen außerhalb der NRC, sehr schwer, der NRC zu sagen, was zu tun ist.

Libbe HaLevy: Welche Treffen folgten noch bei der NRC nach dieser Unterredung mit technischem Personal und diesem wenig eindrücklichen Ergebnis.

Dr Marvin Resnikoff: Es kam dann noch zu einem einstündigen Treffen mit der Vorsitzenden Macfarlane und ein halbstündiges Treffen mit einem weiteren der fünf stimmberechtigten Leiter der NRC, [George] Apostolakis, und ich würde sagen, dass diese Treffen sehr viel positiver verliefen.

Libbe HaLevy: Positiv in welcher Hinsicht?

Dr Marvin Resnikoff: Die Vorsitzende hat uns angehört, sich Notizen gemacht – aber sie hat eben nur eine von fünf Stimmen in der Kommission. Sie ist eine Befürworterin der Lagerung von Atommüll, also dem Herausholen der Brennelemente aus den Abklingbecken und deren trockene Lagerung in Brennelementbehältern (Castoren). Sie hat aber nur eine von fünf Stimmen. Sie hat ihre Doktorarbeit zum Thema Trockenlagerung geschrieben und ist daher bei diesem Thema äußerst beschlagen. Aber wir werden sehen, wie es in dieser Sache weitergeht.

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass es nicht die NRC ist, die man überzeugen muss. Man muss den Senat überzeugen, und der sagt dann der NRC, was zu tun ist, die Atomsicherheitsausschüsse. Wir hatten einige Unterredungen mit Mitarbeitern dieser Ausschüsse, welche die NRC überwachen.

Libbe HaLevy: Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Gab es irgendeinen bedeutsamen Unterschied zum Treffen, das Sie mit Apostolakis hatten?

Dr Marvin Resnikoff: Nein, es war weltmännisch.

Libbe HaLevy: [lacht] In anderen Worten, es war völlig unverbindlich? [Im Original verwendet Dr Resnikoff das Wort „gentlemanly“. Libbe HaLevy macht daraus ein Wortspiel, Dr Resnikoff sei wohl „gemanagt“ worden; AdÜ].

Dr Marvin Resnikoff: Nun, er hörte uns an. Um offen zu sein, ich bin mir nicht sicher, wie er zu Hochabbrandbrennstoff steht. Die Vorsitzende war über dieses Thema viel informierter und sie war in Begleitung eines Mitarbeiters, der auch sehr gut Bescheid wusste.

Libbe HaLevy: Was könnten wir dem Gesagten noch hinzufügen, um zu verdeutlichen, was in Washington vor sich ging, was davon Ihrer Meinung nach nützlich war, und wie wir darauf aufbauen könnten?

Dr Marvin Resnikoff: Meines Erachtens ist es sinnvoll, mit der NRC in Kontakt zu bleiben, durchaus. Ein kontinuierliches Nachhaken bei der NRC ist notwendig, um ihnen klar zu machen, dass wir sie beobachten. Sie werden also verschiedene Studien vorlegen und wir werden sie sichten.

Libbe HaLevy: Nun, wenn Sie Ungereimtheiten entdecken oder Punkte, die kommentiert werden sollten, dann sind Sie herzlich beim Nuclear Hotseat willkommen, um uns auf dem Laufenden zu halten.

Dr Marvin Resnikoff: Sehr gerne. Danach kam es aber auch noch zu Treffen mit den Sachbearbeitern einiger Abgeordneter. Es sind die Mitglieder des Senats, welche die NRC überwachen. Diese Treffen halte ich für etwas nützlicher.

Libbe HaLevy: Sie trafen Mitarbeiter der Büros der Senatoren Boxer, Markey, Wyden und Sanders, stimmt das so?

Dr Marvin Resnikoff: Das ist richtig.

Libbe HaLevy: Warum handelte es sich hierbei Ihrer Einschätzung nach um nützlichere Treffen?

Dr Marvin Resnikoff: Auch wenn Sie und ich denken, dass der Kongress nichts tut, so sind sie in Wirklichkeit doch ziemlich beschäftigt. Der Mitarbeiterstab ist es jedenfalls. Diese Mitarbeiter werden in alle möglichen Richtungen gezogen. Es war also sicher sinnvoll, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Einige dieser Leute sind schon eine ganze Weile in diesem Umfeld tätig und haben uns geholfen, das Dickicht aus gesetzlichen Regelungen zu durchqueren. Zum Beispiel wollten wir wissen, wie viel HAB es im ganzen Land eigentlich gibt; im Grunde eine einfache Frage. Als wir der Vorsitzender Macfarlane diese Frage stellten, mussten wir erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass sie antwortete, diese Information habe sie nicht.

Libbe HaLevy: [lacht]

Dr Marvin Resnikoff: Wir sagten: das ist doch simpel! In jeder Reaktoranlage gibt es ein Verzeichnis, das darüber Auskunft erteilt, welches Brennelement sich an welcher Stelle des Abklingbeckens befindet. Sie wissen also genau, wo all die Brennelemente sind.

Libbe HaLevy: Möchte man jedenfalls hoffen.

Dr Marvin Resnikoff: Nun, die müssen es wissen, nur so können feststellen, wie viele Brennelemente sie in einen Brennelementbehälter füllen können. Diese Brennelementbehälter können überhitzen. Dem maximalen Wärmeeintrag in so einem Behälter sind Grenzen gesetzt. Sie müssen es somit wissen. Und die Inspektoren [der NRC] müssen das wissen. Man muss diese Information also nur abfragen. Wir waren sehr erstaunt darüber, dass diese Information nicht zur Verfügung steht. Das Energieministerium ist nun dabei, diese Information einzuholen. Das letzte Mal, dass eine solche Erhebung durchgeführt wurde, war 2003. Das war nun vor elf Jahren...

Libbe HaLevy: Man könnte einen temporären Mitarbeiter anheuern oder einen virtuellen Assistenten engagieren, und diesen dann mit den Anrufen und Emails beauftragen, sodass all diese Information innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne zur Verfügung stünde. Dieses „Versehen“ kann doch nur passiert sein, weil sie nicht nachgeforscht haben oder weil ihnen nicht einmal bewusst war, dass sie diese Zahlen brauchen!

Dr Marvin Resnikoff: Ja. Das ist alles genau richtig. Ich glaube es ist notwendig, dass der Kongress sie auf dieses Problem hinweist. Die Mitarbeiter der Senatoren sagten, sie würden sich das mit Sicherheit genauer ansehen. Sie haben uns gebeten, ein paar Briefe aufzusetzen, die sie durchsehen, überarbeiten und an das Energieministerium schicken können. Das ist also äußerst hilfreich. Zumindest finden wir so heraus, wie viel HAB in Atomanlagen existiert. Soweit uns bekannt ist, produzieren alle AKWs nun HAB, alle Atomreaktoren im Land!

Libbe HaLevy: Ich habe noch eine letzte Frage an Sie: Wenn die Hörer des Nuclear Hotseat sich auf diese Treffen beziehen und sie so unterstützen wollen, um die Effizienz dieser Treffen zu steigern, dass es sich hier also nicht nur um ein singuläres Ereignis handelt, sondern Teil einer fortgesetzten Bewusstmachung unseres Blickwinkels: Was schlagen Sie vor, dass wir tun können?

Dr Marvin Resnikoff: An jedem Reaktorstandort sollten die Menschen ihrem Senator schreiben und ihn fragen, wie viel HAB sich in „ihrem“ Reaktor befindet. Ich glaube, es wäre sehr förderlich, wenn eine Menge von Briefen im Senat einträfen, in denen diese Frage gestellt wird, denn das würde auch den Senat dazu bringen, sich auf das Thema zu fokussieren.

Libbe HaLevy: Ich glaube, es handelt sich hier um eine leicht durchführbare Strategie. Ich werde Informationen dafür auf der Website vom Nuclear Hotseat unter der Folge 136 veröffentlichen.

Noch irgendwelche letzten Anmerkungen?

Dr Marvin Resnikoff: Ich möchte noch einmal an den Beginn unseres Gespräches anknüpfen; ich finde es ganz erstaunlich, dass die NRC, die ja eigentlich die Aufsichtsbehörde sein sollte, im Grunde am Steuer schläft. Man sollte dort dieses Problem im Griff haben, man hätte die Sicherheitsaspekte dieser Praxis prüfen müssen, bevor HAB für die Verantwortung in Reaktoren zugelassen wurde – nicht danach.

Libbe HaLevy: Marvin, ich möchte Ihnen für die Arbeit über all diese Jahre hinweg danken, während so viele von uns nicht einmal an Atomkraft gedacht haben.

Dr Marvin Resnikoff: Woran habt ihr denn dann gedacht, wenn ihr nicht daran gedacht habt?

Libbe HaLevy: Haben wohl ein Leben mit Scheuklappen geführt, die erst durch Fukushima abgelegt werden konnten.

Dr Marvin Resnikoff: [lacht]

Libbe HaLevy: Wie auch so viele andere... Aber wissen Sie was? Besser spät als nie!

Dr Marvin Resnikoff: Ja.


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at

Quelle: Nuclear Hotseat #136 (http://www.nuclearhotseat.com/blog/); DC Smackdown! Resnikoff on NRC/High Burn-up Fuel, NIRS’ D’Arrigo on EPA/Radiation6

http://lhalevy.audioacrobat.com/download/d1348568-1be8-081f-c27b-eea02c423ea2.mp3

Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at  Januar 2014 / v1


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28.01.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat #136

Showdown in Washington, Teil 2

Diane D’Arrigo (Nuclear Information and Resource Service, NIRS)



Auszug aus einer Email der US-Umweltschutzbehörde EPA: „Die EPA-Zentrale hat entschieden, zurzeit keines der verfügbaren RadNet Strahlenmessgeräte nach Kalifornien, Oregon oder Washington zu entsenden.“
(Auf Grund des „Gesetzes zur Ermöglichung einer Einsichtnahme von Material, das durch öffentliche Stellen produziert wurde“ [Freedom of Information Act, FOIA] bekannt geworden. Der Antrag zur Einsichtnahme kam von Daniel Hirsch. Hirsch ist Lehrender an der Universität von Santa Cruz in Kalifornien [Fach: Atompolitik] und Vorsitzer des Committee to Bridge the Gap).


Libbe HaLevy: Hier bei uns mit ihrer Einschätzung eines Treffens bei der Bundesumwelt­schutzbehörde EPA ist Diane DArrigo, Leiterin des Atommüll-Projekts beim Nuclear Information and Resource Service (NIRS). Diane DArrigo, ich danke dir vielmals, dass du heute beim Nuclear Hotseat mit dabei bist!

Diane D’Arrigo: Ich bedanke mich für die Einladung!

Libbe HaLevy: Du warst bei einem Treffen zwischen Aktivisten und der EPA, das erst kürzlich stattgefunden hat. Erzähle uns, was dein Ziel für die Teilnahme bei diesem Treffen war und was du einbringen wolltest.

Diane D’Arrigo: Es liegt innerhalb des Verantwortungsbereichs der EPA, die Öffentlichkeit vor ionisierender Strahlung zu schützen. Die Atomaufsichtsbehörde NRC genehmigt Atomanlagen, AKWs, Bestrahlungsstationen bis hinunter zu Arztpraxen, die Röntgengeräte usw betreiben. Wenn es aber um Örtlichkeiten geht, die nicht mehr auf dem Gelände der durch die NRC zu lizensieren­den Einrichtungen liegen, dann ist der Schutz der Öffentlichkeit eigentlich Aufgabe der EPA. Als Fu­kushima passierte und wir wussten, dass Radioaktivität bis zu uns gelangen würde, über den Jet­stream und schließlich auch über den Wasserhaushalt, da läge es eigentlich in der Verantwor­tung der EPA, die Öffentlichkeit zu informieren. Diese Institution sollte uns theoretisch auch über die routinemäßigen Freisetzungen von Atomanlagen unterrichten. Alle Atomanlagen setzen im Normalbetrieb Radioaktivität frei, sie können überhaupt nicht in auf saubere Art funktionieren, also ohne jeglichen Schadstoffausstoß – sie sind dazu prinzipiell nicht in der Lage. Daher mussten die Behörden Regeln einführen, um die Verseuchung, welche durch die Brennstoffproduktion ent­steht, gesetzlich zu sanktionieren. Unser Treffen mit der EPA hatte daher eine Reihe von Zielen: ei­nes davon war, die neusten Nachrichten über die Schwächung des Strahlenschutzes erhalten, der von der EPA betrieben worden ist. Wir wollten herauszufinden, wie schlimm es nun wird. Das zweite Ziel bestand darin, eine bessere Überwachung, bessere Informationsübermittlung an die Öffentlichkeit, insbesondere die Weitergabe von Überwachungsdaten online und in Echtzeit, damit wir in diesem Bereich das gleiche Wissen haben, das uns auch bezüglich von Temperatur, Pollen­zahl und anderen Luftqualitätsmerkmalen zur Verfügung steht. Genauso wollen wir auch über die Radioaktivität in der Luft und in der Umwelt informiert werden. Das war also eine der Forderun­gen, die wir hatten. Dies überstieg das Ausmaß dessen, was sich die Gegenseite vorstellen konn­ten, freilich bei Weitem.

Libbe HaLevy: Es ist zumindest vielen in unserer Gemeinschaft nur allzu bekannt, wie erbärmlich, wie unangemessen – und das ist noch eine Untertreibung – die Leistung der EPA nach Fukushima war. Könntest du bei diesen Punkt ein bisschen vertiefen, um uns noch einmal vor Augen zu führen, was da vor sich ging?

Diane D’Arrigo: Natürlich! Als Überbleibsel aus der Zeit der frühen Atomtests, in der Radioaktivität ungehindert an die Atmosphäre abgegeben wurde, betreibt die EPA um die 100 Messstationen, die damals eingerichtet worden waren. Diese Daten werden über ein gewisses Radnet zusammengefasst. Es handelt sich dabei um ein System, das nur sehr schwer zu interpretieren und zu verstehen ist. Soweit ich weiß, werden die alten Daten auch nicht gespeichert und sind nicht zugänglich, wenn sie nicht überhaupt vernichtet oder verloren wurden. Wir haben also gewissermaßen ein Strahlenüberwachungsprogramm, das von der EPA betrieben wird. Wer sich also sehr gut auskennt, der könnte an einige Daten herankommen, um zu sehen, was da passiert. Aber es gibt lediglich 100 Messtationen im ganzen Land; es könnte also eine solche in Denver geben, lebt man aber 50 oder 80 km weit entfernt, dann können die Verhältnisse ganz andere sein; sogar ein paar hundert Meter vom Monitor entfernt, ja sogar in unmittelbarer Nähe des Messpunktes können die Verhältnisse bereits ganz anders liegen. Diese Messungen, die zurzeit gemacht werden, sind also nicht ausreichend. Als es mit Fukushima los ging – und ich sage das so, weil Fukushima immer noch weitergeht –, also im März 2011, hat die EPA mehr Messtationen eingerichtet, sie dann aber nicht eingeschaltet. Das so konfigurierte System läuft noch, aber es erzeugt nicht die Menge an Daten, die wir haben könnten, wenn die zusätzlichen Messstellen genutzt worden wären. Wir wissen auch nicht, warum das so ist und wer die Entscheidung getroffen hat, diese Messstellen nicht zu aktivieren.

Aber die andere Sache ist – um wieder auf die Dinge zurückzukommen, die wir in diesem Treffen angeregt habe: AKWs geben im laufenden Betrieb stets Radioaktivität ab, die Regierung räumt ihnen, wie ich bereits erwähnt habe, legale Grenzwerte für die Verschmutzung ein. Wir haben also gefordert, dass über diese Freisetzungen in Echtzeit Bericht erstattet werden sollte. Dies war ein völlig neuer Gedanke für sie! Es liegt also ein steiniger Weg vor uns. Jedenfalls ist dies ein Punkt, der sich nicht nur auf AKWs bezieht, es betrifft alle Atomanlagen, alle Glieder der Kette, vom Bergbau und der Gesteinsaufbereitung bis zur Brennstofffabrikation sind viele Schritte nötig, bis der Brennstoff schließlich im Reaktor landet. Danach bleibt uns dann der Atommüll noch auf ewig erhalten. Es existiert kein richtiges System, um die Öffentlichkeit zu informieren, nicht einmal sie selbst verfügen über die relevanten Daten, von einer Benachrichtigung der Öffentlichkeit kann also keine Rede sein. Wir hatten also eine doppelte Forderung: Man solle die Daten endlich erheben und man solle nicht nur Alpha-, Beta- und Gammastrahlen überwachen, sondern die einzelnen Isotope, die Elemente, die tatsächlich freigesetzt werden. Eine der Gruppierungen, welche die routinemäßigen und unvorhergesehenen Freisetzungen von TVA-Reaktoren überwacht [TVA ist die Tennessee Valley Authority; AdÜ], haben gefordert, dass man irgendeinen Farbstoff den Freisetzungen beimengen solle, um so auf Grund der Einfärbung ein Erkennen von Freisetzungen in Luft und Wasser zu ermöglichen, die Radioaktivität somit für die Menschen sichtbar zu machen. Dies war eine konzeptionelle Forderung. Diese Forderung wurde schon vor ein paar Jahren an die NRC herangetragen, welche sie zurückgewiesen hat – es wäre so ähnlich, wie etwa ein Duftstoff bei Gas eingesetzt wird, damit man das an und für sich geruchlose Gas es riechen kann. Die gleiche Funktion hätte eine Einfärbung.

Libbe HaLevy: Das hört sich nach logischen, vernünftigen Schritten an, die man von der EPA einfordern können sollte, damit sie ihrerseits das machen können, was sie machen sollen, nämlich uns zu schützen. Was war denn die Reaktion im Raum, wie wurden diese Vorschläge aufgenom­men?

Diane D’Arrigo: Wir saßen fünf Beamten gegenüber, lass mich nachdenken, vier Leuten, die auf Bundesebene arbeiten, relativ hoch in der Hierarchie angesiedelten Leuten, sie sagten, dass interessant sei, was wir zu sagen hätten, und dass sie über die Punkte nachdenken würden. Sie haben sich auch die Quellenangaben für unsere Vorhaben angesehen. Außerdem war da noch eine Person von einer der Regionalbüros der EPA, die sich damit einverstanden erklärte, neuerlich mit uns zusammenzutreffen und die Freisetzungen von Indian Point zu besprechen, die AKWs in New York und einige andere in dieser Region. Es gab allerdings keinerlei Zusagen. Sie haben höflich zugehört und gesagt, sie würden darüber nachdenken.

Die andere Sache, die wir ansprechen wollten, war die möglicherweise unmittelbar bevorstehende Schwächung der Regelungen für Wasserstandards durch die EPA. 2013 hat die Behörde sogenannte Protective Action Guides [in etwa Schutzrichtlinien; AdÜ] erstellt und zur Kommentierung veröffentlicht. Dabei geht es um Notfallmaßnahmen, welche nach einer Atomkatastrophe wie in Fukushima oder nach einem Bombenangriff zum Einsatz kommen sollen. Das ist der Ausgangspunkt für diese Notfallrichtlinien, welche die EPA schon jahrelang hatte, sie werden jetzt aber neu angepasst und wurden 2013 auf den letzten Stand gebracht. Was die Behörde dabei gemacht hat, ist Folgendes: sie haben die Grenzwerte nicht nur für Katastrophen, sondern auch für alle möglichen anderen Unfälle aufgeweicht. Es könnte sich um einen radio-chemischen Transportunfall handeln oder einen andern, lokal begrenzten Unfall, bei dem dann diese verwässerten, verschlechterten Schutzmechanismen zur Anwendung kämen. Diese wurden unter dem Deckmantel einer gigantischen Katastrophe verändert, einer unentrinnbaren Notfallsituation, in welcher die Einhaltung eines unbedenklichen Niveaus schlichtweg unmöglich ist. Sie haben diesen Ausgangspunkt dazu genutzt, Verschmutzungsgrenzwerte zu schwächen, die für Alltagssituationen gedacht sind. Die maximal zulässige Verseuchung von Trinkwasser wurde also verändert. Diese Veränderungen werden teilweise in Fußnoten definiert, wobei in Einzelfällen zehntausendfach höhere Werte von Radioaktivität im Trinkwasser erlaubt werden.

Libbe HaLevy: Um Gottes willen!

Diane D’Arrigo: Es gibt dafür überhaupt keine Rechtfertigung. Wir haben die EPA also ge­fragt, ob es zu einer weiteren Periode kommen wird, in der zu diesen Plänen Stellung genommen werden kann oder ob diese Abänderungen bei den Trinkwasserstandards einfach durchgeführt werden. Sie haben darauf gesagt, sie würden dies mit der Trinkwasserbehörde (Office of Water, OW; das OW ist eine Unterbehörde der EPA; AdÜ) besprechen. Nun, dies ist auf jeden Fall besorg­niserregend für uns. Wir bekämpfen diese Abschwächungen durch die Notfallregelungen bereits seit einem Jahrzehnt, seit den Jahren der Regierung Bush. In dieser Zeit wurden einige dieser Vor­schläge gemacht, aber unter der Regierung Obama wurden sie dann eingeführt. Gegen diese Safe Action Guides und die Schwächung unser Trinkwasserstandards haben wir also unsere Bedenken angemeldet. Weiteren Anlass zur Besorgnis gibt etwas, das zurzeit noch in den Startlöchern steckt: damals, als die Atomkraft in ihrer Entwicklungsphase war, wurden die Grenzwerte dafür, was eine tolerierbare Verseuchung durch Atomanlagen darstellt, derart ermittelt, dass danach gefragt wur­de, wie viel das Atomwaffenprogramm durch die atmosphärischen Tests freisetzte. Die gesetzlich zulässigen Grenzwerte für Radioaktivität wurden also danach festgelegt, was die militärischen Be­treiber Quartal für Quartal (so wurde das damals ermittelt) freisetzten. Die Standards wurden so festgelegt, dass man mit dem Bombenprogramm fortfahren konnte. Dies hat sich dann zu dem Re­gelwerk entwickelt, das die EPA nun verwaltet. Es ist eine Abgabe von 25 mrem Jahresdosis (250 µSv) für die Menschen durch jede der Anlagen in der Brennstoffkette zugelassen. Bei einem Reak­tor sind es also 25 mrem, bei zwei Reaktoren 50 mrem, wenn es sich um eine Urananreicherungs­anlage handelt, dann sind es 25 mrem auch dort, kurz: 25 mrem werden durch die Gesetzgebung der EPA für jede dieser Atomanlagen zugelassen. Diese Dosis, diese alte, berechnete Dosisleistung von 25 mrem, entwickelte sich aus den Bedürfnissen des Bombenprogramms. Nun, seither, näm­lich im Jahr 1992, hat die NRC die Definition von rem und mrem geändert, sodass jedes mrem nun mehr Strahlung zulässt. Das ist natürlich ziemlich schlau. Wir haben heute also diese neuen mrem, die effektive Äquivalentdosis.

Libbe HaLevy: Die Zahl bleibt also die gleiche, bezeichnet aber eine höhere Dosis?

Diane D’Arrigo: Für zwei Drittel der gemessenen Isotope. Für einige geht der Wert zurück, manche bleiben gleich, aber bei mehr als der Hälfte, bei zwei Drittel der Radioisotope ist der Wert höher. Es handelt sich hier um eine ziemlich technische Angelegenheit, aber dies ist es, was die EPA erwägt. Sie überlegen, die gestatteten Emissionen der verschiedenen Anlagen der Brennstoffproduktion „auf den neuesten Stand“ zu bringen, das inkludiert auch AKWs. Ein höherer Ausstoß von Radioaktivität wird dann legal sein. Als wir dieses Thema beim Treffen mit den Vertretern der EPA vorbrachten, wurde uns gesagt, dass innerhalb der nächsten Monate – wir sprechen hier im Januar 2014 –, dass also innerhalb der nächsten Monate die EPA eine Frist für Stellungnahmen eröffnen wird, was die Strahlenschutzbestimmungen von Atomanlagen betrifft, Paragraph 40 CFR 190, und in dieser Vorankündigung einer vorgesehenen Regelung eine ganze Reihe von Vorschlägen unterbreiten, wie dieses Gesetz geändert und angepasst werden könnte. Wir werden uns also ansehen, was sie vorschlagen und wir werden unsere eigenen Vorschläge aufzeichnen und die Menschen dazu ermuntern, Stellung zu nehmen, damit die EPA den Schutz vergrößert, nicht verkleinert. Aber es wird ein schwerer Kampf!

Libbe HaLevy: Wir werden davon in einem der folgenden Nuclear Hotseats berichten. Um aber noch einmal auf das Treffen zurückzukommen: Wurde irgendeine Stellungnahme abgegeben bzw angesprochen, dass es nun Bürgerinitiativen gibt, welche die messtechnische Überwachung selbst in die Hand genommen haben, die selbst proaktiv Messgeräte kaufen und die Messungen koordinieren, um so zu den Daten über die Strahlung zu gelangen, die sie von der EPA nicht erhalten.

Diane D’Arrigo: Einige Leute, die das Treffen bei der EPA besucht haben, haben der EPA davon berichtet, dass dies nun passiert, weil die EPA diese Daten nicht zur Verfügung stellt. Die Leute machen es jetzt also in Eigenregie. Es wäre schon recht nett, wenn die Regierung, die schließlich jene Anlagen genehmigt, welche die Radioaktivität freisetzen, auch tatsächlich dafür sorgen würde, dass die Radioaktivität draußen im Land gemessen und darüber berichtet wird. Wir haben aber freilich so unsrer Bedenken, wie diese Berichterstattung dann aussehen würde.

Libbe HaLevy: Dies ist ein so komplexes Problem. Welche Lehren sollte unsere Bewegung daraus deiner Meinung nach ziehen und was können wir, die wir dir hier zuhören, unternehmen, um dich in deiner Arbeit zu unterstützen?

Diane D’Arrigo: Es gibt da ein paar Dinge. Es ist einerseits kompliziert, andererseits auch wieder gar nicht. Wir haben es mit einer verschmutzenden Industrie zu tun, die ihre Gifte in unsere Umwelt entlässt. Die meisten von uns wollen das nicht. Wir sollten unsere gewählten Vertreter also wissen lassen, unsere Abgeordneten und Senatoren und die Mitglieder der EPA, dass wir keine Belastungen wünschen, die kleinstmögliche Belastung. Wir wollen einen größeren Schutz, wir wollen durch eine aufrichtige Berichterstattung darüber informiert werden, womit wir es zu tun haben. Wir fordern also eine unabhängige Überwachung in Echtzeit von Atomanlagen und der Radioaktivität in unserer Luft, unserem Wasser, unserem Erboden und in unsrer Nahrung.

Libbe HaLevy: Wir hoffen, dass deine Worte die Ohren der Machtausübenden erreichen – und wir werden dir dabei helfen, dass dies gelingt.

Diane D’Arrigo: Ja, dann werden wir sehen, was ich machen kann, um euch allen zu helfen!

Libbe HaLevy: [lachen gemeinsam] Du machst das ohnehin andauernd. Und das wars. Ich danke dir ganz herzlich dafür, dass du heute beim Nuclear Hotseat zu Gast warst.

Diane D’Arrigo: Danke für die Einladung!


Übersetzung und Lektorierung: nepomuk311 für www.afaz.at

Quelle: Nuclear Hotseat #136 (http://www.nuclearhotseat.com/1688/); DC Smackdown! Resnikoff on NRC/High Burn-up Fuel, NIRS’ D’Arrigo on EPA/Radiation http://lhalevy.audioacrobat.com/download/d1348568-1be8-081f-c27b-eea02c423ea2.mp3

Dieses Schriftstück steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at  Januar 2014 / v1


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21.01.2014

Libbe HaLevy: Nuclear Hotseat #135

Beverly Findlay-Kaneko:

Vor Ort in Fukushima



Mit radioaktivem Abfall gefüllte Beutel neben dem Haus von Kida-san. Wird der verstrahlte Müll schließlich hier gelagert bleiben? Es gibt kein Zwischenlager für diesen Müll. Die Grundbesitzer wissen: Sollten sie der temporären Lagerung dieses Abfalls auf ihrem Land zustimmen, so wird daraus höchstwahrscheinlich eine dauerhafte Übergangslösung, sie geben diese Erlaubnis also nur widerstrebend. Das ist der Grund, warum radioaktiver Abfall oft an dem gleichen Ort verbleibt, wo eine Dekontamination durchgeführt wurde. Kida-san sagt, dass niemand in eine so gefährliche Situation zurückkehren kann.
Fotos: Yuji Kaneko zum Gebrauch mit Nuclear Hotseat 135. Verwendung nur mit Erlaubnis gestattet.


Titelmelodie:

Nuclear Hotseat –
Was denken sich diese Leute eigentlich dabei?
Nuclear Hotseat –
Ist das alles Ergebnis einer Riesensauferei?
Nuclear Hotseat –
Das Corium, es ist entzwei!
Die Zeit, die uns zum Handeln bleibt, ist bald vorbei!
Aber: Die Aktivisten lassen’s laufen, sie sind so frei!
Nuclear Hotseat –
Es ist … die Bombe!

Libbe HaLevy: Beverly Findlay-Kaneko ist eine Journalistin und Pädagogin. Sie lebte früher in Japan, übersiedelte nach Fukushima aber in den Süden Kaliforniens. Sie arbeitet daran, Brücken der Verständigung zwischen den beiden Ländern aufzubauen, um Fukushima ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und Kindern zu helfen, welche durch die immer noch im Gange befindliche Katastrophe von Fukushima in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir sprechen miteinander, wann immer sie von ihrem letzten Japanaufenthalt zurückkehrt. Dies ist ihr Bericht.

Beverly Findlay-Kaneko, willkommen zurück beim Nuclear Hotseat.

Beverly Findlay-Kaneko: Danke, Libbe!

Libbe HaLevy: Du warst gerade kürzlich in Japan vor Ort, als im Internet eine große Aufregung losbrach; übertriebene Geschichten sprachen davon, dass es in Fukushima neuerlich zu Kernschmelzen gekommen sei, neuerlich Explosionen bevorstünden – über all das habe ich im Nuclear Hotseat 133 berichtet, dem ich den Titel gegeben habe: „Weltuntergang!?! Unsinn!“ Wie wurden diese überzogenen Berichte in Japan aufgenommen?

Beverly Findlay-Kaneko: Von unserem Blickwinkel aus waren diese Geschichten in Japan gar kein Thema. Wir verfolgen die Berichte im Tokyo Shimbun, mein Ehemann versucht, die Nachrichtenlage auf beiden Seiten des Pazifiks möglichst genau zu erfassen. In Japan haben wir nichts davon gehört. Ich war ziemlich erstaunt, als die Leute anfingen, diese Geschichten zu posten. Ich bekam sogar eine hysterische Email von jemandem, von dem ich eigentlich dachte, dass er über diese Dinge ganz gut informiert ist. Dann hat ein Freund, ein Professor, diese Geschichte mit der Bitte veröffentlicht, etwas zu publizieren, was sie bekräftigen könnte. So war das.

Libbe HaLevy: Was war deine Reaktion, als diese Person eine Bestätigung von dir erbat, als du diese Geschichte immer wieder hörtest?

Beverly Findlay-Kaneko: Nun, ich bin raus aus dem Bett [lachen] und haben sofort eine dreifache Überprüfung durchgeführt, was uns dann doch rasch beruhigte. Zuerst sahen wir uns die Website von TEPCO an; ich weiß schon, die Leute sagen jetzt: „TEPCO, das sind doch die Bösen?“ Aber wenn man ihre Daten über längere Zeitspannen nach Mustern absucht, dann sind sie recht nützlich. Es ist mir freilich bewusst, dass einige ihrer Messapparate an solchen Positionen angebracht sind, dass ein vorteilhaftes Bild entsteht. Wenn man sich aber eine ganze Reihe dieser Daten ansieht, dann kann das schon sinnvoll sein. Es gab keine abrupten Spitzen bei den Strahlenmessungen; die Zahlen waren allesamt etwas erhöht; das ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass es geregnet hat. Weiters haben wir unsere Bürgermesstation in Kanagawa abgerufen, das ist die Präfektur, in der Yokohama liegt. Wir haben auch mit unseren eigenen Geigerzählern (wir haben zwei davon) im Garten draußen nachgesehen, gemessen wurde 0,05 [µSv], was tatsächlich sogar niedriger ist, als in unserem Garten hier in Huntington Beach in Kalifornien, dort sind es 0,13 [µSv]. Das Wichtige ist in so einem Fall also, nach Trends zu suchen und nach ungewöhnlichen Spitzenwerten. In diesem Fall gab es aber nichts dergleichen, daher war uns klar, dass auch nichts Besonderes vor sich geht.

Libbe HaLevy: Du hast von einer Stelle gesprochen, an der die Radioaktivität ermittelt werden kann. Was machen die Menschen in Japan, um Verseuchung in der Nahrung, in der Luft und im Wasser festzustellen, was unternehmen sie, um sich zu schützen, insbesondere in Bezug auf die Nahrung?

Beverly Findlay-Kaneko: Nun, jene, die darüber besorgt sind, haben viele verschiedene Orte, an denen sie eine Kontrolle durchführen lassen können. Das ist eines der Gebiete, mit denen wir uns beschäftigen. Bei den Nahrungsmitteln machten wir unsere ersten Schritte auf dem Gebiet der Lebensmittelkontrolle mit der Hilfe von Greenpeace. Yuji hatte Fisch auf den Märkten vor Ort besorgt und an Greenpeace zur wissenschaftlichen Aufarbeitung und Sammlung von Daten weitergeleitet. Greenpeace untersuchte von Anfang an Stichproben, man kann auf ihre Website gehen und aktuelle Informationen auf Japanisch abrufen. Wir haben auch die Bürgermessstation für Radioaktivität in Yokohama genutzt. Yuji war persönlich vor Ort, besuchte die Betreiber und nahm ein paar Artikel mit, die getestet wurden. Sie haben auch eine Website, auf der alle Testergebnisse veröffentlicht werden. Unsere Einkäufe erledigen wir unter anderem in unserem lokalen Seikyo Co-op, viele Artikel dort tragen Hinweise, dass sie auf Strahlung getestet wurden. Ich war bei meinem letzten Besuch sogar ein wenig überrascht, dass auf den Regalen kleine Aufkleber angebracht waren mit der Aufschrift: „Auf Radioaktivität getestet.“ Auch ihre Website kann man besuchen und die Angaben zu den Artikeln auf der Website studieren. Wir weisen dann auch noch auf ein paar Bücher hin: Das eine ist die Serie Radioaktive Verseuchung von Nahrungsmitteln, das andere nennt sich: Wie man durch Radioaktivität unbelastete Nahrungsmittel erkennen kann. Ein weiteres Buch ist im Grunde von einem Blog, der sich Ok Food nennt. Etwas, das ich in diesem Buch sehr hilfreich fand, ist eine Aufstellung der wichtigsten Lebensmittelkonzerne und ihrer Richtlinien hinsichtlich der Kontrolle auf Radioaktivität.

Dennoch wollen Yuji und ich unterstreichen, dass die Bücher und die Websites nur das Werkzeug im Arsenal jedes Einzelnen darstellen, um ein informierter Konsument in dieser radioaktiven Welt zu werden. Man muss sich stets um neue Informationen bemühen und sich selbst schlau machen, man muss Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen. Es ist jetzt weder die Zeit für Nachlässigkeit, noch für uninformiertes, hysterisches Verhalten.

Libbe HaLevy: Dein Ehemann Yuji hat Iwaki besucht, gut 40 km von Fukushima Daiichi entfernt. Wer sind die Menschen, die immer noch dort leben und welche Kontrollen werden durchgeführt, um festzustellen, wie sicher das Gebiet dort ist?

Beverly Findlay-Kaneko: Iwaki ist einer der Orte in der Präfektur von Fukushima, an dem weiterhin Menschen leben. Menschen haben sich dorthin geflüchtet, Menschen sind dorthin aus Ortschaften in größerer Entfernung, in die sie ursprünglich geflohen waren, wieder zurückgekehrt. Es ist ein Bereich, in dem Einwohner von Fukushima heute leben. Du kannst dich vielleicht an die große Ankündigung des vergangenen Sommers erinnern, dass die Strände von Iwaki wieder geöffnet wurden, da sie nicht verseucht seien. Das Tarachine Bürger-Messzentrum hat den Sand und das Meerwasser dort aber untersucht und festgestellt, dass man auf radioaktive Verseuchung stößt, wenn man etwas tiefer in den Sand hineingräbt.

Libbe HaLevy: Ich sitze hier schüttle den Kopf: Das ist so traurig!

Beverly Findlay-Kaneko: Ja.

Libbe HaLevy: Welche Art von Tests werden in diesem Messzentrum durchgeführt?

Beverly Findlay-Kaneko: Das Tarachine Bürger-Messzentrum für Radioaktivität ist teilweise durch das Days Japan Photojournalism Magazin finanziert. Dieses Magazin hat eine Menge Spenden gesammelt und hat überall im Land Strahlenmessgeräte zur Verfügung gestellt. Das Strandlager auf der Insel Kumi in Okinawa im Süden für die Kinder von Fukushima wird ebenfalls von ihnen finanziert. Tarachine macht eine Reihe verschiedener Dinge: Neben den Lebensmitteltests werden auch unabhängige Untersuchungen von Erdproben durchgeführt, sie bieten Schilddrüsentests für Kinder - und auch für Erwachsene, soweit ich informiert bin. Es werden weiterhin auch Ganzkörpermessungen gemacht. Als Yuji dort war, hat er gefragt, ob man Trends erkennen könne, ähnlich denen, die von der Medizinuniversität in Fukushima aufgedeckt wurden. Tarachine ist aber sehr zurückhaltend bei Aussagen über ihre Daten. Sie wollen keine Resultate publizieren, bevor sie genügend Datenmaterial zur Verfügung haben und eine aussagekräftige Zeitspanne für eine epidemiologische Untersuchung verstrichen ist. Freilich ist da auch die Frage der Intimsphäre der Patienten. Ihrer Ansicht nach kann die Veröffentlichung isolierter statistischer Daten zu Missverständnissen führen, das Umfeld verändere sich laufend, die Rahmenbedingungen seien stetig im Fluss, was ebenfalls Auswirkungen habe. Sie warten also erst einmal ab und helfen den Patienten, Fall für Fall. Das allerwichtigste ist nämlich, den Menschen ein Gefühl der Gewissheit hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Verfassung zu geben, insbesondere, wenn Kinder betroffen sind.

Libbe HaLevy: Während deiner Reise bist du neuerlich mit Herrn Shinshuu Hida zusammengetroffen, einem Fotografen, der die Hilfsmaßnahmen in Fukushima dokumentiert hat. Erzähle uns von seiner Arbeit.

Beverly Findlay-Kaneko: Herr Hida hat Setsuko Kida im November hierher begleitet, um die Seeleute der USS Ronald Reagan zu unterstützen, die, wie gesagt, einen Prozess gegen TEPCO anstrengen. Ich glaube, er hat seine Karriere mit den Fotos von Handwerkern begonnen. Er wurde vom Asahi Shimbun veröffentlicht und hat ein paar Bücher mit den Bildern dieser japanischen Handwerker herausgegeben. Nach dem März 2011 war er bei den Hilfsmaßnahmen im Gebiet von Tohoku mit dabei. Er ist natürlich ein Fotograf, also hat er Bilder gemacht es war eine fürchterliche Zeit für ihn. Er war traurig, zornig, immer unter großer Anspannung. Er wusste, dass er das, was hier geschah, der Welt mitteilen musste. Seit damals war er also öfter auf Fotoexpeditionen im verstrahlten Gebiet, insgesamt acht Mal bis jetzt. Er macht Ausstellungen in ganz Japan. Sein Manager hoffte Geld zu sparen, indem die Ausstellungen in den Räumlichkeiten der Gemeinden vor Ort gemacht werden sollten. Dies ist sogar von Vorteil, denn so sehen viele Regierungsangestellte seine Arbeiten. Er wird von den Konsumenten der Massenmedien sehr gut aufgenommen. Wahrscheinlich wird er in Kürze auch im Rathaus von Tokio ausstellen.

Libbe HaLevy: Es muss eine Gefahr für ihn sein, in der verseuchten Zone zu operieren, umgeben von all dieser Strahlung.

Beverly Findlay-Kaneko: Das nehme ich auch an. Er hat Messwerte von 40 und 60 µSv pro Stunde angetroffen, was ausgesprochen hohe Werte darstellt. Er ist allerdings schon ein älterer Herr. Man sagt ja, dass ältere Menschen – es ist schrecklich, das so zu sagen, aber die Zeitspanne die notwendig ist, damit sich ein Krebs entwickelt, ist dann so groß, dass sie wahrscheinlich schon gestorben sind, bevor sie durch die Strahlung beeinträchtigt werden können. Er ist also mehr darüber besorgt, wie man die Botschaft verbreiten kann, und weniger über seinen eigenen Gesundheitszustand.

Libbe HaLevy: Welche Art von Dokumentationsfotos hat Herr Hida gemacht?

Beverly Findlay-Kaneko: Er wandert durch die Zone es gibt dort keine Menschen. Er hat also nur ein paar wenige Bilder, die Menschen zeigen; normalerweise trifft er auf niemanden. Er fotografiert Häuser, die langsam verfallen, entweder, weil niemand die Schäden, die durch das Beben entstanden sind, behoben hat, oder einfach nur, weil sie leer stehen. Er macht Aufnahmen von den Tsunami-Schäden, von den Tieren. Im Grunde dokumentiert er, wie die Zone jetzt aussieht. Er ist sehr sorgsam bei seiner Dokumentation dieser Geisterstädte und versucht, die Veränderungen der Umwelt einzufangen. Die Hoffnung ist, einen Katalog schaffen zu können, aus dem die jährlichen Veränderungen ersichtlich werden. Anzutreffen sind Inobuta, das ist eine Kreuzung zwischen Haus- und Wildschweinen. Diese können ziemlich aggressiv werden, wenn sie glauben, dass ihre Jungen bedroht sind. Die Schweine vermehren sich stark, da es keinen Jagddruck mehr gibt. Früher hat man diese Schweine gejagt, aber nun ist niemand mehr da, der das macht. So haben sich also die Schweine in diesem Gebiet gekreuzt. Sie streifen herum, geraten in die Häuser und setzen das Werk der Zerstörung fort. Eben dies sind jene Örtlichkeiten, an welche die Regierung die Menschen zurückschicken will, um dort weiterzuleben. Ich glaube aber, selbst wenn sie ihren fantastischen Plan umsetzen, das Gebiet zu entseuchen, dann kommt man an einen Ort zurück, an dem die Schweine gehaust haben. Das Haus wurde also stark in Mitleidenschaft gezogen, wer soll die Reparatur bezahlen? Herr Hida erzählte uns, dass er fast von einem Krähenschwarm attackiert worden wäre, wie in diesem Hitchcock-Film. So ist also die Situation dort draußen; es geht nicht nur um die Strahlung, sondern auch um die Verwahrlosung in diesem Gebiet.

Libbe HaLevy: Mr Shinshuu Hida hat eine Website und Bücher zum Verkauf, die Website ist hida-fukushima.com, die Links sind auch auf dem Nuclear Hotseat Blog unter dem Eintrag für Folge Nummer 135 zu finden. Ich möchte diesen Gedanken nun ein wenig fortspinnen, denn dein Ehemann hat auch die Ortschaft Tomioka besucht, die nur 7 km von Fukushima Daiichi entfernt ist. Erzähle uns doch bitte, was TEPCO und die Gemeinden vor Ort getan haben, um zu versuchen, uns davon zu überzeugen, dass sie die Örtlichkeit dekontaminiert haben.

Beverly Findlay-Kaneko: Die Fahrt nach Tomioka war Teil einer Reise mit Setsuko Kida, die du im November interviewt hast. Shinshuu Hida ist der Fotograf, von dem ich soeben gesprochen habe. Zurzeit lebt niemand dort, aber die Dekontamination der Wohngebiete hat am 4. Januar begonnen. Die ganze Gegend war Teil der gesperrten Zone, aber im Frühling letzten Jahres wurde die Ortschaft in drei verschiedene Klassifikationen eingeteilt. Die erste bedeutet, dass es zurzeit keine Pläne einer Wiederansiedlung gibt, der Grenzwert liegt bei 50 mSv pro Jahr. Die zweite Kategorie bedeutet, dass man Besuche dort machen kann, nicht aber über Nacht. Man kann auch zu Arbeitszwecken die Zone betreten. Es gibt allerdings eine Zugangsbeschränkung von 9 Uhr bis 15 Uhr. Man muss eine Maske und Schutzkleidung tragen. Es gibt aber keine Kontrollen, wie man sich geschützt hat, wenn man diese Zonen betritt, die mit einer Dosis von 20 bis 50 mSv pro Jahr belastet sind. Schließlich liegt der Grenzwert für eine Rückkehr, den Standards der Regierung zufolge bei 0,23 µSv pro Stunde - dieser Wert addiert die Zeiten, die in Gebäuden verbracht werden und jene, die im Freien verbracht werden. Setsuko Kidas Haus befindet sich in Zone zwei.

Libbe HaLevy: Mit anderen Worten: sie kann das Haus besuchen, darf dort aber nicht übernachten und muss Schutzkleidung tragen, solange sie sich dort aufhält.

Beverly Findlay-Kaneko: Korrekt. Sie konnten diesen Ort für einen Stippvisite also aufsuchen.

Libbe HaLevy: Wir haben ein paar Fotos, die auf dieser Exkursion gemacht wurden, und ich hoffe, dass ich einige davon im Nuclear Hotseat Blog zeigen kann. Die Bilder zeigen Setsuko Kida in ihrer Küche. Es hat mir das Herz gebrochen, sehen zu müssen, wie sie sich einhüllen muss, nur um bei sich zuhause sein zu können.


Kida-san ist überrascht, als sie sauberes Geschirr neben ihrer Spüle entdeckt. „Die Teller in der Spüle waren immer noch schmutzig, aber mein Mann muss Wasser mitgebracht und sie gereinigt haben,“ sagte sie, mit den Tränen kämpfend.
Fotos: Yuji Kaneko zum Gebrauch mit Nuclear Hotseat 135. Verwendung nur mit Erlaubnis gestattet.


Beverly Findlay-Kaneko: Ja. Als Yuji von der Reise zurückgekommen ist, war das erste, was er mir gesagt hat, am Schlimmsten sei gewesen, als er in das Haus mit seinen Schuhen eintreten musste. Du weißt ja, dass Japaner stets ihre Schuhe ausziehen, bevor sie eine Wohnung betreten. Es ist also eine fürchterliche Missachtung der anderen Person, wenn man ihr Haus mit den Straßenschuhen betritt. Er sagte, es war sehr schwer für ihn, das zu tun. Ich selber muss die Tränen zurückhalten, wenn ich dir das erzähle, es ist so traurig.

Libbe HaLevy: Erzähle uns von den Problemen, die Yuji in Bezug auf die Vorgehensweisen bei der Dekontamination gefunden hat.

Beverly Findlay-Kaneko: Das Gesetz gibt 0,2µSv pro Stunde als Grenzwert vor, wird dieser unterschritten, dann befindet die Regierung, dass eine Rückkehr in dieses Umfeld, um dort zu leben, in Ordnung ist. Ein wenig höher somit als der Wert, den wir in Huntington Beach in Kalifornien messen. Die Regierung hat als ersten Schritt damit begonnen, eine Säuberung von all den Bruchstücken und Unrat, die vom Tsunami verursacht wurden, durchzuführen, die Infrastruktur wird repariert, Bahnlinien und Straßen, es wird versucht, zu dekontaminieren. Leider ist Dekontamination ein Hirngespinst – eine Dekontamination ist nicht möglich. Hier werden Steuergelder zum Fenster hinaus geworfen. Arbeiter werden dadurch einer unnötigen Strahlenbelastung ausgesetzt. Wir haben auch alle die Berichte gelesen, dass sämtliche Arbeiten an Subunternehmer vergeben werden, man holt Obdachlose von den Straßen, es ist eine schreckliche Konstellation. Es werden Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn provoziert; werden: Wie ich bereits erklärt habe, gibt es drei unterschiedliche Klassifizierungen. Manche Nachbarschaften können also unter eine Klassifikation fallen, angrenzende aber unter eine andere. Die einen können mehr, die anderen weniger Kompensation erhalten, je nachdem, wie stark ihr Heim verseucht ist.

Ich kann dir ein Beispiel nennen: Kida-san hatte Probleme mit den Bemerkungen von Menschen, die in Notfallbehausungen untergebracht sind, als sie diese besuchte. Die sagten nämlich: „Du hast Glück! Du hast ja eine Kompensation erhalten.“ Ihr Mann arbeitet außerhalb der Präfektur und hat dort auch eine Wohnung. Sie konnte daher bei ihrem Ehemann unterkommen, der außerhalb der Präfektur lebt und arbeitet. Sie unterscheidet sich somit von den Leuten, die in diesen Notfallunterkünften untergebracht wurden und nach wie vor in provisorischen Wohneinheiten leben. Diese Leute haben sich ihr gegenüber einige verbale Gemeinheiten erlaubt. Es stimmt, sie hat Kompensation erhalten, aber da ist auch das Bild, das Kida-san vor der Eingangstür ihres Hauses zeigt: sie selbst hat ein Graffiti auf dieser Tür angebracht, eine Kostenaufstellung, mit schwarzem Marker geschrieben. Die Aufschrift lautet: Dieses Haus hat mich vor 21 Jahren 320.000$ gekostet. TEPCO hat mir 90.000$ gegeben und ich habe immer noch Schulden in der Höhe von 70.000$. Sie hat dann noch eine spezielle Botschaft für die Politiker: „Bevor Sie irgendetwas sagen, versuchen Sie einmal, eine Zeit lang hier zu leben!“

Die Strahlenwerte innerhalb ihres Hauses sind über 1 µSv pro Stunde. Wir sprechen hier von den Räumlichkeiten im Erdgeschoß, die Werte im Obergeschoß sind normalerweise noch höher. Das ist ein sehr hoher Wert für Innenräume.

Libbe HaLevy: Das ist wirklich bestürzend. Welche Probleme gibt es sonst noch bei den Dekontaminationsversuchen?

Beverly Findlay-Kaneko: Erstens: Es gibt keine Örtlichkeit für den Abfall, der bei der Dekontamination entsteht – nicht einmal einen Ort für eine temporäre Zwischenlagerung. Säcke stehen vor dem Nachbarhaus von Kida-san, Säcke sind in dreifacher Reihe übereinandergestapelt, sie bedecken große Flächen. Yuji hat zB Fotos von solchen Ansammlungen in Schulhöfen. Die Dekontamination erzeugt des Weiteren eine sekundäre Verunreinigung, hervorgerufen durch nachlässige Verfahrensweisen, die Verbrennung von radioaktivem Abfall. Die Säcke neben Kida-sans Haus etwa waren ganz eindeutig beschriftet mit: „Zur Verbrennung“ und „Keine Verbrennung“. Wie wird entschieden, was man verbrennen kann und was nicht? Ein großes Problem ein äußerst besorgniserregendes Problem sind die Projekte für „geheime“ neue Verbrennungsanlagen. Der Abfall wird in kleine Dörfer zu diesen neu errichteten Mini-Verbrennungsanlagen gebracht, die niemandem auffallen, die gesetzlich nicht erfasst sind. Einer der Orte, die in der Presseberichterstattung aufgetaucht ist, war Samegawa, und diese Vorgehensweise eröffnet neuerlich eine Büchse der Pandora. Es gibt Probleme mit der Beseitigung der hochradioaktiven Asche, der Weiterverarbeitung dieser hochradioaktiven Asche, Angelegenheiten, wie den Export von verseuchten Holzprodukten, etwa Hackschnitzel. Kürzlich wurde eine Geschichte bekannt, dass solche Holzschnitzel in den Biwa-See geschüttet wurden. Der Biwa-See liegt bei Osaka – wo sind diese Holzschnitzel hergekommen? Es gibt viele Probleme dieser Art.

Was Yuji in Tomioka vorgefunden hat, war das Folgende: In einer idealen Welt wäre Dekontamination wohl eine gute Idee. In einem stark verseuchten Gebiet aber, in dem die Belastungen so unterschiedlich sind, wie in Tomioka, wäre es sehr viel besser, man würde einfach aufgeben und den Bürgern eine abschließende Lösung bieten, damit diese Menschen wieder nach vorne schauen und ihr Leben neu aufbauen können.

Libbe HaLevy: Die Bewohner [der belasteten Zonen] sind nun schon seit fast drei Jahren evakuiert. Was muss ihren Forderungen nach erfüllt sein, bevor sie zurückkehren können?

Beverly Findlay-Kaneko: Einer erst kürzlich erfolgten Umfrage nach verlangen die Anrainer, dass die Belastung vor ihrer Rückkehr auf die Dosisleistung von einem mSv pro Jahr reduziert wird. 65% der Leute erhoffen sich dies. Das Zweite, was sie brauchen, ist eine funktionierende Infrastruktur, also eine funktionierende Elektrizitäts-, Wasser- und Gasversorgung. Drittens wird adäquate Kompensation von TEPCO und der Regierung eingefordert; die Wohnhäuser müssen repariert werden, Geschäfte neu aufgebaut, Arbeitsstellen müssen gefunden werden. Viertens müssen Sanitätsdienste wieder eingerichtet werden. Ärzte und Krankenschwestern haben das Gebiet verlassen, man müsste sie also wieder zurückberufen. Schließlich möchten sie, dass ihre Wohnstätten repariert werden, bevor sie wieder zurückkommen. Wir haben zuvor schon von diesen Schweinemischlingen gesprochen, die in der Gegend herumlaufen und die Häuser verwüsten – auch bei Kida-sans Haus gibt es im Außenbereich genügend Belege, wie diese Tiere das Anwesen verwüsten.

Libbe HaLevy: Klingt mir nach reinem Wunschdenken, wenn man [die Handlungen] von TEPCO und der Regierung in Betracht zieht. Um noch bei dieser Umfrage zu bleiben – was waren die schlimmsten Befürchtungen der Vertriebenen?

Beverly Findlay-Kaneko: Die Hauptsorge ist: Wann werden die Verhandlungen mit TEPCO ein Ende finden? Das Ganze ist eine unendliche Geschichte. Das Zweite ist, die Genehmigung zu erhalten, das Eigentum von solchen Anrainern zu dekontaminieren, die sich dazu entschlossen haben, nicht zurückzukehren. Was passiert also, wenn du zurückkehrst und alles dekontaminierst, aber der Nachbar hat sein Haus aufgegeben, gibt dir aber keine Erlaubnis bzw führt selbst keine Entseuchung durch – und wer bezahlt in diesem Fall? Das Dritte (wir haben bereits davon gesprochen): Es gibt kein Zwischenlager für den belasteten Abfall. Viertens: Auch wenn die Dekontamination fortgesetzt wird, so gibt es Menschen, die nicht zurückkommen, wenn das angestrebte Niveau nicht erreicht werden kann. Schlussendlich bedeutet die Zonierung der Ortschaft in drei unterschiedlichen Kategorien, dass dieser Ort nie mehr der alte sein wird. Offensichtlich werden einige der Einwohner niemals zurückkehren können. Kann man dieses Städtchen [14.374 Einwohner mit Stichtag 1. Dezember 2013 lt Wikipedia; AdÜ] also überhaupt wieder so aufbauen, wie er vorher bestand?

Libbe HaLevy: Ich denke, das ist nun eine rein rhetorische Frage, wenn man die Umstände betrachtet, die du bereits angesprochen hast. Diese Art der erzwungenen und sich hinschleppenden Evakuierung erzeugt bei den Vertriebenen besonders viel Stress. Was sind die psychologischen Auswirkungen auf die Evakuierten?

Beverly Findlay-Kaneko: Nun, die Leute reagieren unterschiedlich. Es gibt den Typus, der meint, dass eine Rückkehr wahrscheinlich nie mehr möglich sein wird, der sich entschlossen hat, nie mehr zurückkehren zu wollen. Ein anderer Teil der Betroffenen hofft, zurückkehren zu können, sie wollen auch zurückkehren. Andere wiederum glauben nicht daran, dass sie zurückkehren können, aber sie wollen es trotzdem. Der Typus, der am ehesten von einer posttraumatischen Belastungsstörung bedroht wird, ist der erste von den hier angeführten. Setsuko Kida ist wohl Typ A.

Libbe HaLevy: Ich kann nicht sagen, dass ich ihr daraus irgendeinen Vorwurf machen kann. Als ich in Three Mile Island war, hatte ich eine viel weniger aufreibende Situation zu meistern – wenn sie auch schlimm genug war, um mich einem posttraumatische Stresszustand auszusetzen. Diese Erfahrung ist wahrscheinlich ein Teil des Antriebs, aus dem heraus ich den Nuclear Hotseat betreibe. Es ist nicht etwas, was dich einfach wieder loslässt, was von sich aus wieder verschwindet.

Beverly Findlay-Kaneko: