Frage: Was haben Politiker davon, wenn die Bürger viel Auto fahren, viel essen, viel einkaufen?
Chomsky: Konsum lenkt die Menschen ab. Die eigene Gesellschaft lässt sich schlecht mit der Armee kontrollieren, aber sie lässt sich durch Konsum ablenken.
Noam Chomsky im Spiegel-Gespräch, 6.10.2008

Radioaktivität in Arlit – Gespräch mit Almoustapha Alhacen


Radioaktivität in Arlit

Gespräch mit Almoustapha Alhacen


Die Stadt Arlit wurde 1968 zu Beginn des Uranabbaus durch SOMAIR im Niger, einer Filiale der AREVA, gegründet. Die Stadt besaß damals weniger als 2000 Einwohner, heute sind es 140 000.

Arlit befindet sich in der Region Agadez im Norden des Niger, 1214 km von der Hauptstadt Niamey entfernt und 250 km von Agadez, der Provinzhauptstadt.

Vor dem Uranabbau war das Gebiet eine ländliche Region. Es lebten dort Tuareg-Nomaden, die Kamele, Ziegen und Schafe züchteten. Heutzutage setzt sich die Bevölkerung von Arlit aus zahlreichen Bevölkerungsgruppen zusammen, die hauptsächlich aus dem Süden des Landes stammen.

Arlit, zur Stadt geworden, besitzt einen Bürgermeister, einen Präfekten, staatliche Einrichtungen, zwei Krankenhäuser von AREVA und ein öffentliches.

Arlit setzt sich aus 2 Teilen zusammen, Arlit und Akokan, mit jeweils einer eigenen Verwaltung.

Arlit und seine Fabriken bekommen ihre elektrische Energie von einem Kohlekraftwerk in Tschirozerine, das 190 km südlich liegt. Das Wasser wird von der Firma AREVA an die lokale Bevölkerung verkauft.

Es gibt auch 2 Grundschulen und 2 weiterführende Schulen.


Unser Kampf und sein lokales und internationales Echo

Die ONG Aghirin´man (zu Deutsch „Schutz der Seele“ ) wurde 2000 nach zwei Staatsstreichen gegründet, bei denen das Militär 1996 und 1999 die Macht ergriffen hatte. Ende 2000 wurde ein demokratischer Präsident gewählt.

Unsere Organisation war mit einem Mangel an Verständnis auf Seiten der Politiker und auf Seiten der lokalen Bevölkerung konfrontiert. Wir begannen also mit Informationsveranstaltungen, die lokale und nationale Verantwortliche betrafen, wir schrieben Artikel für die nationale und internationale Presse und nahmen Kontakt mit gleichgesinnten nationalen und internationalen Organisationen auf.

2006 bis 2010 änderte sich die Politik des Staates, es wurden zahlreiche neue Uranabbaugebiete vergeben. Im ersten Abkommen zwischen Regierung und AREVA wurde das Abbaugebiet von Imouraren, 80 km von Arlit entfernt, vergeben. AREVA weigerte sich, die neuen Bergbaugesetze anzuerkennen.

Im Jahr 2006 war ein neues Gesetz beschlossen worden, nach dem 15% der Steuern, die durch den Uranabbau eingenommen werden, an die Region Agadez weiter gegeben werden. Diese Einkünfte betragen ungefähr 2 Milliarden CFA (ca. 3 Millionen Euro), die vom Staat an die Kommunen überwiesen werden.

Diese Periode war auch geprägt von den Gründungen ziviler nigrischer Gruppierungen, besonders was den Bereich des Bergbaus betrifft. Unsere ONG ist Gründungsmitglied innerhalb dieser lokalen, nationalen und internationalen Vereinigungen.

Heute, 2014, gibt es wieder Verhandlungen zwischen der nigrischen Regierung und dem multinationalen französischen Konzern AREVA.

Im Mai 2014 gab es ein Übereinkommen zwischen der Regierung und AREVA und ein neues Engagement von beiden Seiten.


Welche Bilanz ziehen Sie aus Ihrem Kampf seit der Gründung der ONG Aghirin´man?

Im Jahr 2000 gab es in Arlit keine einzige ONG für den Schutz der Umwelt und für ein besseres Leben. Aghirin´man wurde am 7. Jänner 2000 mit einem provisorischen lokalen Empfehlungsschreiben gegründet. Es brauchte drei Jahre voll komplizierter administrativer Prozeduren, um die nationale Anerkennung zu erlangen. Aghirin´man ist die einzige Umweltorganisation, die ihren dauernden Sitz in Arlit hat. 2000 wusste die Bevölkerung in Arlit nicht einmal, was eine ONG ist.


Unsere Organisation hat sich für Folgendes eingesetzt:

  • Organisationen wie SHERPA oder CRIIRAD zu motivieren, uns im Kampf für die Umwelt und für die Gesundheit der Bevölkerung in der Uranabbau-Region beizustehen. Das hat die Bergbauunternehmen gezwungen, Verbesserungen bei den Bedingungen im Abbau vorzunehmen.

  • Organisation von mehreren Missionen, um Gutachten zur Situation zu bekommen. Sie schrieben Berichte über die Umweltbedingungen und über die sozialökonomische und sanitäre Situation in den Bergbaugebieten.

  • Die radioaktive Verseuchung der Stadt Arlit aufzudecken. Das hat die Säuberung von radioaktiv verseuchten Stadtteilen zur Folge. Die Praktiken in den Krankenhäusern der AREVA wurden aufgedeckt.

  • Aufzudecken, dass Trinkwasserbrunnen in der Stadt Arlit radioaktiv verseucht sind. Diese Brunnen wurden sofort geschlossen.

  • Organisation von Aufmärschen und Treffen mit der Bevölkerung in der Nähe der Minen, um einen besseren Schutz der Umwelt und bessere Löhne von AREVA zu verlangen. Das hat zu einem Übereinkommen mit den Minengesellschaften geführt und zu deren Beteiligung am Umweltschutz im Rahmen von 700.000 Euro pro Jahr, dazu kommen 15%, die der Staat jährlich zuschießt.

  • Die Mobilisierung der Bevölkerung hat es ermöglicht, AREVA dazu zu bringen, die Uranstraße zur Hauptstadt zumindest teilweise wieder zu asphaltieren (sie wurde während der Rebellion durch Landminen total zerstört). Das hat das große Problem mit dem radioaktiv verseuchten Staub in der Stadt Arlit etwas verbessert.

  • Kontakt mit den Medien, um den Schutz der Arbeiter vor den ionisierenden Strahlen in den Minen zu verbessern.

  • Unsere ONG hat an der Herstellung einiger Filme (Arlit, das zweite Paris, La bateille de l´uranium) und Bücher (Das versteckte Gesicht des Urans) mitgewirkt.

  • Wir haben auch Dokumente verfasst, die sich an die europäische Kommission richten: Bergbau in Arlit: Dauerhafte Umweltverschmutzung.

Heutzutage ist es der Bevölkerung besser möglich, ihre Interessen gegenüber dem Staat und den Multinationalen zu vertreten. Die Betreiberfirmen reagieren auf den Druck unserer Aktionen, besonders was die Umweltfragen betrifft.

Indikator 1: Die Politiker sind sensibler für die Bedürfnisse der Bevölkerung geworden

  • Seit der Gründung der Betreiberfirmen vor einem halben Jahrhundert gibt es keinerlei Transparenz hinsichtlich des Vertrags zwischen dem Staat und den Multinationalen. Einzig die 15%ige Entschädigung wird nach unseren Kundgebungen jährlich bezahlt.

  • In den letzten 40 Jahren sind die Regierungen, auch wenn sie gewechselt haben, Komplizen der Multis geblieben. Seit 2006 haben die Berichte angefangen, weniger kompliziert zu sein, und sie lassen den wachsenden Willen der Regierung erkennen, die Interessen des Landes zu vertreten.

  • Es gibt weder eine Konvention noch eine Garantie für die Rechte der Bevölkerung. Einige Gesetze gibt es im Minensektor, es gibt das Gesetz zum Schutz der Umwelt – aber der Staat übt keinen Druck auf die Minengesellschaften aus, diese Gesetze zu befolgen.

Im Rahmen unserer Aktionen mit SHERPA, der CRIIRAD oder Den Ärzten der Welt gab es ein Übereinkommen, eine „observatoire de la santée(Gesundheitsplattform) zu gründen (OSRA). Diese Plattform hat zur Aufgabe, in der Abbauzone eine objektive epidemiologische Bilanz zu ziehen, die Gesundheit aller Arbeiter zu prüfen, Berufskrankheiten festzustellen und Erkrankte oder die Familien von Verstorbenen zu entschädigen. Vier Jahre sind seit der Gründung vergangen und diese Organisation vegetiert unserer Meinung nach an den Widersprüchen dahin. AREVA zu liebe werden Tatsachen verschwiegen. In dieser Situation hat unsere ONG vor einem Jahr beschlossen, die Zusammenarbeit mit OSRA zu beenden. Andererseits unterstützt der nigrische Staat vor der Europäischen Union die Errichtung eines Krankenhauses in Arlit. Dieses Krankenhaus ist beinahe fertig.

Indikator 2: Die organisatorischen Strukturen und die Vorbereitung der Konstruktion sind eingerichtet

  • Die ONG Aghirin´man hat seit 2006 an allen öffentlichen Veranstaltungen teilgenommen, in denen es um den Uranabbau in den in den Bergbaugesetzen beschlossenen Gebieten ging. Unsere Organisation nimmt jährlich an Versammlungen der lokalen Kommission teil, die von AREVA veranstaltet werden, und wir profitieren von dieser Gelegenheit, unsere Sorgen im Sinne der dort ansässigen Bevölkerung mitzuteilen. Die ONG Aghirin´man ist bei allen offiziellen Treffen im Bürgermeisteramt, der Präfektur und beim Gouverneur von Agadez eingeladen.

  • Unsere Organisation hat an der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in New York teilgenommen.

  • Die ONG ist Gründungsmitglied folgender Organisationen: Coordination de la societé civile in Arlit, ROTAB Niger, GREN Niger, Collectif mines d´uranium France.

  • Alle diese Netze funktionieren und sind aktiv, die ONG Aghirin´man hat den Vorsitz in der coordination des organisations de la societé civile in Arlit und den Stellvertretenden Vorsitz in der ROTAB inne.

  • Wir organisieren Aufmärsche wie den während der Verhandlungen zwischen der Regierung und AREVA, an dem 10.000 Personen teilgenommen haben.

Heute weiß die Bevölkerung in diesem Gebiet, was die Radioaktivität in den Minen bedeutet, wie man sich schützt, sie verlangt vom Staat und den Multis größere Investitionen in den nachhaltigen Schutz der Umwelt, sie verlangt immer bessere Gesetze, sie will informiert und aufgeklärt werden. Es werden immer mehr Organisationen gegründet, die sich hauptsächlich aus Frauen und aus Jugendlichen zusammensetzen, die Aufklärung verlangen.

Man konstatiert Verbesserungen im Minensektor und der Staat beginnt, den Sorgen der Leute zuzuhören. Nichtsdestoweniger gibt es noch viel zu tun, um die Interessen der Bevölkerung mit ihren natürlichen Ressourcen zu gewährleisten.

Quelle: http://eelv.fr/2014/07/03/radioactivite-a-arlit-niger-entretien-avec-almoustapha-alhacen/
Übersetzung: Astrid Hynek

Zurück

Zur Startseite

Nutzen wir das heilige Feuer der Atomenergie! (1)


Goldmaske der Inka 
http://www.etnografiska.se

Endlich Fortschritt und Entwicklung:
Bolivien will sein erstes Atomkraftwerk am Titicacasee bauen


Heute ist Mittwoch, der 8. Oktober 2014. Es ist Wahlkampf in Bolivien. Evo Morales, Mann des Volkes mit indianischen Wurzeln und somit Angehöriger der über Jahrhunderte unterdrückten Mehrheit im Lande, erster Präsident, der seine Macht nicht über das Militär oder die ausschließliche Unterstützung durch lokale Eliten erobert hat, spricht mit von den vielen Reden der vergangenen Tage angegriffener Stimme auf einer der letzten Großkundgebung vor dem Wahltag in El Alto, einer Stadt mit 800.00 Einwohnern in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hauptstadt La Paz, vor hunderten Anhängern. Er verkündet seine Vision für Bolivien: Die Energieproduktion soll das Land in eine bessere Zukunft führen, etwa durch die Erforschung der Nutzungsmöglichkeiten von Geothermie in der alten Bergbaustadt Potosi. Doch der Knüller kommt am Schluss: Evo Morales verspricht den Einstieg in die friedliche Nutzung der Atomkraft – und er weiß auch schon, wo das geschehen soll: „Hier, in der Provinz La Paz“, sagt er.

Es erheben sich Stimmen in der allgemein eher verhalten agierenden Menge der Zuhörer – begleitet wird die Rede von Präsident Morales vielmehr vom immer wieder aufbrandenden Lärm von Feuerwerkskörpern. Der Jubel, wenn es denn einer ist, klingt zwiespältig; Es ist nicht leicht auszumachen, wie viele der anwesenden Unterstützer in diesem Moment eher ein dumpfes „no“ als ein begeistertes „si“ ihrem Kandidaten zurufen.

In der Provinz La Paz also. Das macht Sinn. Nicht nur, weil allein in der Region rund um die Hauptstadt und das nahe El Alto ein Fünftel der bolivianischen Bevölkerung lebt (1,5 Mio Menschen); in der Provinz La Paz befindet sich auch der Zugang zum größten Wasserreservoir (und somit potentiellem Kühlbecken) des Binnenstaates: dem Titicacasee. Dieser ist freilich auch die Basis eines Großteils der Landwirtschaft im Altiplano und aufgrund seiner schieren Größe in diesem trockenen Landstrich von überregionaler Bedeutung. Ohne sein Wasser, ohne das von ihm geschaffene Mikroklima, wäre es in dieser kargen Hochebene mitten in den Anden wohl nie zu dem gekommen, wovon wir alle heute zehren: Die Kartoffel soll am Ufer des Titicacasees zur Kulturplanze herangezüchtet worden sein.(2)

All dies ist allerdings für technokratische Machthaber jedweder Couleur kein Grund für erhöhte Umsicht. Bereits in den 60er Jahren plante die peruanische Regierung bei Puno am Westufer des Sees die Errichtung eines Siedewasserreaktors von General Electric, also einem Reaktor des Fukushima-Typs. Dessen Energie sollte unter anderem dafür genutzt werden, eine Pumpstation zu betreiben, die Wasser in großen Mengen über einen Höhenzug in das Flusssystem des Rio Tambo eingespeist hätte, der dann seinerseits wiederum über mehrere Staustufen auf seinem Weg zum Pazifik zur Stromgewinnung herangezogen worden wäre. (3) Dieses pharaonische Vorhaben wurde niemals realisiert – bis jetzt nicht.

Im Juli dieses Jahres, also 2014, gleich nach der Fußballweltmeisterschaft, trafen sich die Führer der BRICS Staaten, also von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, im brasilianischen Fortaleza. Mit auf dem Programm: die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank.(4) Weltwährungsfond und Weltbank waren ja zwischendurch der Finanzierung von Atomprojekten in Entwicklungsländern nicht nur wohlgesonnen. Doch dies dürfte sich nach der Etablierung dieser „Neuen Entwicklungsbank“ (Novo Banco de Desenvolvimento [NBD], um sie gleich in einer der Sprachen der Teilhaber zu benennen) kein Thema mehr sein. Das einschlägige Branchenmagazin Nuclear News frohlockt bereits: „55 der 66 zur Zeit im Bau befindlichen Atomreaktoren befinden sich in BRICS-Staaten.“(5) Und tatsächlich dürften auf bilateraler Ebene bereits jetzt einige Projekte angestoßen worden sein: China hat eine Absichtserklärung mit Argentinien hinsichtlich der Errichtung eines neuen Reaktorblocks dort unterzeichnet, Russland hat mit Brasilien ein Abkommen über die Konstruktion eines neuen AKWs unterzeichnet – und ist auch mit Bolivien im Gespräch. (6)(7)(8)

Die Begründungen, die laut Telesur von Präsident Morales für die Entwicklung der Nukleartechnologie in Bolivien genannt werden, mögen zwar weniger pathetisch klingen, als die Phrasen seines Vizepräsidenten(9), man fühlt sich aber dennoch auch hier im kritischen Diskurs rund um die Atomkraft um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt: die Atomkraft sei „die beste Form, uns aus technologischer Abhängigkeit zu befreien“, sie schaffe die Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Krebsbehandlung, für die Konservierung von Lebensmitteln und Samen mittels Gammastrahlen und sei „nützlich für die Schädlingsbekämpfung“.(10)

Am Sonntag, dem 12. Oktober 2014, ist Wahltag, und alles deutet darauf hin, dass Evo Morales eine weitere Amtszeit erhält. Die Verdienste diese Mannes, der die Armut in seinem Land wirksam bekämpft und so zehntausenden Menschen bessere Chancen auf ein gutes Leben gegeben hat, stehen außer Zweifel. Es ist tragisch, dass er auf dem besten Weg dazu ist, durch eine verfehlte Energiepolitik diese für seine Landsleute gerade erst gewonnene Zukunft wieder aufs Spiel zu setzen.

nepomuk311

(1) Der bolivianische Vizepräsident Álvaro García Linera zum Abschluss des 7. Internationalen Kongresses für Gas und Energie in Santa Cruz, Bolivi en, am 21. August 2014. http://energianuclearenvenezuela.blogspot.co.at/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Titicacasee
(3) Energía nuclear para Bolivia. Iberoamérica , Juni 2006 http://www.21stcenturysciencetech.com/reir/nuclear_bolivia.pdf
(4) http://thoth3126.com.br/brasil-reuniao-do-brics-em-fortaleza/
(5) http://www.world-nuclear-news.org/np-brics-states-plan-energy-association-in-wake-of-new-bank-21071401.html
(6) http://www.buenosairesherald.com/article/168819/argentina-and-china-sign-nuclear-cooperation-deal-for-atucha-iii
(7) http://rt.com/business/173520-putin-latin-america-deals/
(8) http://www.telesurtv.net/news/Bolivia-desarrollara-energia-nuclear-como-estrategia-productiva-20141002-0080.html
(9) „Die Nutzung und Beherrschung der Atomkraft ist eine unserer Verpflichtungen als Gesellschaft und als Staat... (…) Wir werden eine Elite besitzen, (…) die es Bolivien ermöglichen wird, dieses Feuer des 21. Jahrhunderts zu nutzen, die Atomkraft. (…) Die Atomenergie existiert ganz unabhängig von uns, sie arbeitet in der Natur, im menschlichen Körper... (…) Zerreißen wir die geistigen und kolonialen Ketten, sprengen wir sie, wagen wir es, die Höhle zu verlassen, wie es vor 20.000 Jahren unsere Vorfahren taten... “
http://energianuclearenvenezuela.blogspot.co.at/
(10) http://www.telesurtv.net/news/Bolivia-desarrollara-energia-nuclear-como-estrategia-productiva-20141002-0080.html

Erstveröffentlichung auf www.afaz.at         Oktober 2014 / v1

Zurück

Zur Startseite

Ernest Sternglass
Ein Zeitzeuge bei der Entdeckung der Gefährlichkeit von Niedrigstrahlung

Originalvideo: www.youtube.com/watch?v=CLw2ISdx9eo

Download der gekürzten Übersetzung als pdf
Download des ungekürzten Transcripts und der ungekürzten Übersetzung als pdf


Die folgende Übersetzung ist leicht gekürzt!

Vorspann

Dr. Ernest Sternglass ist Professor für Strahlenphysik an der Medizinischen Abteilung der Universität Pittsburgh. Er wurde in Berlin geboren und floh mit seiner Familie 1939 aus Nazi-Deutschland. Professor Sternglass hat sein Leben einem Anliegen gewidmet: Hinzuweisen auf die tödlichen Auswirkungen von Strahlung, aber auch auf die Vertuschungspolitik von Seiten der Regierung. Sein Ziel ist es, die Auslöschung der menschlichen Spezies durch Atomwaffen zu verhindern.
Im Jahr 1963 überzeugte Professor Sternglass Präsident J.F. Kennedy und dann noch den Senat, allen oberirdischen Atombomben-Tests ein Ende zu setzen. Das führte zum Atom-Test-Sperr-Vertrag. Bis heute sind oberirdische Atomtests untersagt.
Dieses Video wurde am 10. März 2006 in Berkeley, CA anlässlich eines Zwischenaufenthalts von Dr. Sternglass auf dem Weg nach Japan aufgenommen, wo er dann als Zeuge vor dem Parlament auftrat.


Interview

00:40
Mein Name ist Ernest Sternglass und ich bin Professor an der Medizinischen Abteilung der Universität Pittsburgh – im Ruhestand zwar, aber immer noch sehr aktiv. Ich bin auf dem Weg zu einer Vortragsreise, die es mir möglich machen wird, auf die Gefahren der Atombomben-Tests, auf die Gefahren von AKWs und auf die Gefährlichkeit von Uran-Waffen hinzuweisen. Tonnen von abgereichertem Uran wurden im Irak verwendet, die nun die ganze Erde treffen. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit der Menschen.
01:25
Ich bin in großer Sorge darüber, dass wir die Zukunft unseres Landes vollkommen zerstören. In den letzten Jahren liefen die Reaktoren auf Hochtouren, um das letzte Quäntchen aus ihnen heraus zu quetschen und um möglichst viel Strom und Geld zu bekommen. Es hat sich herausgestellt, dass sie den Fallout der Atombomben ersetzen, den wir in den 1950er- und 1960er-Jahren erlebt haben. Tatsächlich wurden bis 1980 Bombentests in der Atmosphäre durchgeführt und es ist den meisten Leuten gar nicht klar, dass unser Land – die USA – die Bombentests unterirdisch fortgesetzt hat, wobei bis 1992 die Explosionen mehrfach aus dem Boden ausgebrochen sind. Der letzte unterirdische Atomtest wurde 1993 von China durchgeführt.
02:17
Die Auswirkungen waren 100- bis 1000-fach stärker als wir erwartet haben. Es ist sehr wichtig einzusehen, dass wir grob unterschätzt haben, was die Strahlung der Spaltprodukte betrifft – wenn Uran gespalten wird, was in der Bombe oder im Atomkraftwerk passiert … dass dieser Abfall, der immer wieder aus den Behältern entkommt, in den Körper aufgenommen wird und sich dann als viel, viel gefährlicher herausstellt als wir jemals erwartet haben. Und solange wir das nicht verstehen, erzeugen wir eine Generation von Kindern, die viel stärker behindert ist und die in vielfacher Art und Weise … wir stellen nun fest, dass Autismus und Dinge wie …
03:23
geringes Geburtsgewicht und Krebs bei Kindern und Kindersterblichkeit am meisten in jenen Staaten angestiegen sind, die Atomkraftwerke haben – mittlerweile aber auch in Staaten, die keine Atomkraftwerke haben, z.B. wegen der Teilchen aus Abgereichertem Uran, die immer dann erzeugt werden, wenn eine große Waffenladung, die aus Uranmetall besteht, auf Metall oder Felsen trifft. Es gilt als sicher, dass diese Ladungen sehr kleine Teilchen erzeugen, die sich wie Gas verhalten, die um die Erde ziehen und mit Regen und Schnee herunterkommen, die überall in die Nahrung gelangen und mittlerweile enorme Gesundheitskosten verursachen – und nicht nur Krebs. Das ist der wirklich wichtige Teil an der Sache.
04:10
Wir müssen uns darüber im Klaren sein – 20 Millionen Menschen sind in diesem Land zusätzlich gestorben, seit es die Atom-Bombe gibt. Und jetzt habe ich mich auf den Weg gemacht, um in Japan darüber zu reden. Das ist wirklich das Schreckliche an der Sache, dass die Menschen nur durch Leiden ihre Lektionen lernen – wie im Mittelalter.
05:04
Wir haben das Alles nicht verstanden, wir produzieren große Krankheits-Epidemien und mittlerweile sind wir soweit, dass wir das mit Uran in der Luft schaffen. Das ist eine Tragödie, die bekannt gemacht werden muss, weil wir als Land nicht überleben können, wenn wir eine Generation von Kindern mitsamt ihren Fähigkeiten zerstören.
05:39
Ich wurde in Berlin geboren, meine Eltern waren Ärzte. Mein Vater war Hautarzt und er unterhielt sich mit meiner Mutter, die Frauen- und Kinderärztin war, beim Mittagstisch, als ich noch ein Kind war. Sie sprachen über die Gefahr der Röntgenstrahlen, weil mein Vater Kinder, junge und ältere Menschen zu behandeln hatte, die Hautkrebs hatten. Er fand heraus, dass viele von ihnen wegen Akne mit Röntgenstrahlen behandelt worden waren und er deshalb ihren Hautkrebs zu behandeln hatte. Es ist eine üble Sache, herausfinden zu müssen, dass die Leute bei der Handhabung der Röntgenstrahlung in den frühen Jahren ihrer Entdeckung große Fehler gemacht haben, ebenso bei der Entdeckung von Uran und der Atomspaltung, was dann 1938, 1939 passiert ist – etwa zu der Zeit, als ich mit meiner Familie aus Hitlerdeutschland entkommen konnte.
06:42
Aber der Grund, warum ich mich für Strahlung zu interessieren begann – für ihre Nützlichkeit, aber auch für ihre große Gefährlichkeit –, liegt in meiner Kindheit, als ich in die Schuhgeschäfte gegangen bin und das habe ich wirklich gern getan ... weil es da Röntgen-Maschinen gab. Damit konnte man sehen, ob einem die Schuhe passten oder nicht. So lernte ich gleichzeitig den Spaß an den Röntgenstrahlen kennen samt ihren Vorteilen und natürlich auch ihren Gefahren. Und das gab mir für das restliche Leben Orientierung.
07:22
Als ich dann später auf das College ging, wurde mein Interesse für die Geschichte der Röntgenstrahlen und die Geschichte der Strahlenphysik geweckt. So machte ich mich zuerst einmal an einen Abschluss in Elektrotechnik. Aber mein Interesse bestand weiterhin, mein Interesse an der Medizin, an der Physik, an den Gefahren von Röntgenstrahlung als einer brutalen Strahlung, die meine Mutter in ihrer Praxis zur Behandlung von Patienten verwendet hat.
08:16
Aber als ich eingezogen wurde und zur Navy kam, beendete die Atombombe den Krieg. Wie tragisch das auch war, ich fühlte, dass das mein Leben gerettet hatte. Dieses Gefühl ist so zwiespältig: einerseits fühlt man sich gut, weil man noch am Leben ist, gleichzeitig ist man traurig über diese schreckliche Tat. So müssen wir aus unseren Erfahrungen lernen: Was können wir tun, damit verhindert werden kann, dass die menschliche Spezies mit Atomwaffen ausgerottet wird? Das ist es, dem ich mein Leben gewidmet habe.
09:09
Als ich die Navy verließ, arbeitete ich im [...] Labor. Nach ein paar Jahren verloren wir ein Kind. Die Krankheit war die T-Sex-Krankheit (?), wir beide haben – meine Frau und ich – eine beschädigtes Gen, wir hätten niemals Kinder bekommen. Deshalb weiß ich, was es heißt, ein kleines Kind als Baby zu verlieren.
10:00
Mit diesem Hintergrund ging ich nach Cornell zurück, studierte Technische Physik und machte meinen Abschluss und meinen Master und den Doktor der Naturwissenschaften über das Phänomen, dass ein Elektron eine Art Körper trifft und dabei mehrere Elektronen heraus schlägt.
10:41
Ich war interessiert an Angewandter Physik, an praktischen Dingen … Es war mir möglich, an einem großen Bildverstärker zu arbeiten, durch den die Dosis beim Durchleuchten der Lunge um das 100- bis 200-fache verringert werden konnte. Es war sehr befriedigend für mich, daran mitarbeiten zu können, dass viel unnötige Röntgenstrahlung, die ein Krebsrisiko erzeugt, vermieden wird.
11:50
Und ich wurde schon früh in meinem Leben dazu ermutigt von jemandem … ich hätte es nicht erwartet, aber es war Albert Einstein. Ein Professor, den ich kannte, ein entfernter Verwandter, war es, der mich fragte Warum schreibst du keinen Brief an Einstein darüber, wie deine Theorie, die du gerade zu entwickeln versuchst, in Beziehung steht mit seiner Theorie über den fotoelektrischen Effekt, für den er den Nobelpreis erhalten hat? Also schrieb ich ihm einen Brief und er lud mich ein, nach Princeton zu kommen.
12:44
Zu dieser Zeit war er schon beinahe 70 und ich war gerade 23. Wir sprachen 5 Stunden miteinander.
13:33
Das hatte eine große Auswirkung auf mein Leben, weil er mich ermutigte, meine Theorie weiterzuentwickeln.
14:11
Andererseits sagte er: Schauen sie, gehen sie nicht mehr an die Uni zurück. Dort wird jede Regung an Eigenständigkeit in ihnen erstickt, auf dass sie ein vertrottelter Professor werden.

[ … ]

18:17
Weiters wurde im Forschungslabor von Westinghouse an Bildverstärkern gearbeitet. Ich arbeitete 15 Jahre bei Westinghouse in der Forschung. Wir versuchten, die Strahlenmenge zu verringern, die die Leute beim Röntgen abbekommen.
18:58
Als der Auftrag für die NASA durch den Vietnamkrieg vernichtet wurde, nahm ich die Stelle an der Medizinischen Abteilung der Universität Pittsburgh an und ich bin da immer noch Professor.
19:57
Ich hatte Glück, dass ich die Arbeit auf dem Gebiet der Radioaktivität fortsetzen konnte, weil mir klar war, dass die Atombomben-Tests, die die Regierung fortsetzen ließ, für jeden Menschen ein Mehr an Strahlung bedeuteten. Und das war natürlich das genaue Gegenteil von dem, was ich gerade versuchte – nämlich die Strahlendosen zu vermindern. In der Folge begann ich also genau zu untersuchen, was der Fallout der Bombentests in New Mexiko und dann im Pazifik und in Nevada … was dieser radioaktive Fallout, der herunterkam, für Auswirkungen hatte und ich entdeckte schließlich, dass die Auswirkungen wesentlich schwerwiegender waren, als wir bis dahin angenommen hatten.
20:45
Ich verstand, dass jene Menge an Radioaktivität, die herunterkam, zwar gering war, aber die Auswirkungen der vorhandenen Strahlenmengen beim Fallout 100 bis 1000 Mal stärker waren als erwartet.
21:49
Es bedeutete, das eine Ende der Atombomben-Tests wichtig war. Um dieser Zeit, 1956, hatte eine Ärztin in England, nämlich Dr. Alice Stewart, eine Umfrage begonnen und zwar unter Frauen, die Kinder hatten, die vor dem 10. Lebensjahr an Leukämie oder Krebs gestorben waren.
23:02
Und sie fand, dass jene Frauen, die Kinder hatten, die in frühen Lebensjahren verstorben waren, Röntgenstrahlen während der Schwangerschaft abbekommen hatten. Dr. Stewart entdeckte, dass schon ein 1/50, wenn nicht gar 1/100 der Strahlung bei einem Kind in seiner frühen Entwicklungsphase im Mutterleib ausreichen kann, dass es Leukämie oder Krebs bekommt. Das heißt, dass sie eine enorm wichtige Entdeckung gemacht hat.
23:51
Unnötiger- und traurigerweise bekamen viele Kinder auf dieser Welt in ihrem frühen Leben Röntgenstrahlen ab. Das bedeutete aber auch, dass viel mehr Kinder Leukämie und Krebs entwickelt haben. Sie [Alice Stewart, AdÜ] entdeckte das und schrieb Artikel darüber und sie fand heraus – es ist interessant, dass ich zum gleichen Ergebnis kam –, dass es eine direkte Beziehung gibt zwischen den aufgenommenen Röntgenstrahlen und dem Risiko, dass ein Kind Krebs bekommt.

24:36
Ich war der Auffassung, dass das etwas ist, was alle wissen sollten. Aber erst viele Jahre, nachdem sie das entdeckt hatte, war es schließlich soweit, dass die Doktoren das akzeptierten, nachdem Dr. Brian MacMahon in Harvard die gleiche Studie für die Vereinigten Staaten durchgeführt hatte. Auch er erkannte, dass es die Röntgenstrahlen waren – in der hohe Menge, in der sie verabreicht wurden –, die diese Epidemie verursacht haben, die schlussendlich zu dieser Epidemie an Kinderkrebs und Kinderleukämie beigetragen haben.
25:16
Das war eine der Angelegenheiten, über die ich sehr aufgebracht war. Ich suchte neue Wege, um die Strahlendosen zu reduzieren. Deshalb war ich sehr besorgt, als die Atombombentests begannen – es war eine schlimme Zeit, es war ekelerregend, denn wir waren uns nicht wirklich darüber im Klaren, wie gefährlich das alles war. Wir waren im Glauben, dass das kein größeres Risiko als die Röntgenstrahlen darstellt und wir waren komplett falsch unterwegs.
26:01
Dann, als wir diese Raketenkrise in Kuba hatten, als die Russen in Kuba Atomraketen stationierten, die auf die Vereinigten Staaten zielten, wir dagegen Atomraketen in der Türkei stationiert hatten, die auf Russland gerichtet waren – da waren wir drauf und dran, einen schrecklichen Atomkrieg zu entfachen. Wie gesagt, zu dieser Zeit hatte ich bereits Studien zum Fallout von Atombomben durchgeführt und ich wusste, dass wir in dieser Sache etwas unternehmen mussten.
27:15
Das erste, das ich damals unternahm, war, dass ich einen Artikel schrieb, in dem ich sagte: Wenn Dr. Stewarts Entdeckungen, dass es für einen Anstieg von Kinderkrebs nur einen winzigen Teil von dem braucht, das es bei einem Erwachsenen braucht, um Krebs zu verursachen – wenn sich das auf Dauer als richtig herausstellt, dann werden wir genauso eine Epidemie an Kinderkrebs und Leukämie haben, vielleicht auch anderer Krebsarten, wenn wir nicht die oberirdischen Atombombentests einstellen. Das war im Jahr 1962. Den Artikel schickte ich an Science. Dort wollten sie ihn aber nicht veröffentlichen, weil der Herausgeber während des Kriegs für die Atomenergie Kommission gearbeitet und beim Bau der Atombombe mitgeholfen hatte. Er wollte nicht glauben, dass die Forschungsergebnisse von Dr. Stewart so bedeutend waren.
28:09
Deshalb musste ich gewaltig streiten, bis der Artikel veröffentlicht war. Unter den Leuten, die mir halfen, ihn veröffentlicht zu bekommen, war ein Freund aus der College-Zeit. Dessen Freund wiederum war Dr. Ralph Lapp, der zu dieser Zeit gerade im wissenschaftlichen Beraterstab von Präsident Kennedy saß. Ich ging also los, um Ralph Lapp zu treffen und zeigte ihm, dass es keine sicheren Grenzwerte gibt und dass jedes Bisschen an neuem Fallout aus den Atombombentests den Tod vieler Babies mit sich bringen würde.
28:51
Kennedy war geneigt, ein Abkommen zu unterzeichnen, nachdem ihm Ralph Lapp meinen Artikel gezeigt hatte. Und Kennedy hielt im Juli 1963 eine Fernsehansprache, in der er sagte: Wir müssen dem Strontium90 aus den Atombombentests in den Knochen unserer Kinder und der Leukämie in ihrem Blut ein Ende setzen. Er fordere die Leute auf, ihre Senatoren unter Druck zu setzen, damit sie den Vertrag ratifizieren, der – von ihm ausverhandelt – in Moskau zur Unterzeichnung durch die Russen, Briten und Amerikaner auflag und der die atmosphärischen Atombombentests beenden sollte.
29:59
Das war ein Hoffnungsschimmer, aber er musste das durch den Senat bringen. Und Dr. Teller, der einer von den Leuten war, die die Wasserstoffbombe entwickelt hatten, glaubte nicht, dass der Teststop für uns gut sei. Wir bräuchten die Tests, damit wir bessere und größere Atomwaffen bauen könnten. Man müsse den Schutz der nationalen Sicherheit im Blick haben. Er glaubte, dass es keine Auswirkungen hat, wenn man geradewegs durch einen Bombenkrater geht, auch wenn die Bombe kurz zuvor explodiert ist – das würde überhaupt keine Auswirkungen haben. Auf der einen Seite forderte Teller den Kongress auf, nicht zuzustimmen, und auf der anderen Seite war es Kennedy, der für die Zustimmung warb. Und ein paar Wochen nach seiner Juli-Ansprache bekam ich tatsächlich einen Brief, in dem ich eingeladen wurde, vor dem Kongress über jene Strahlengefahren für Kleinkinder zu sprechen, die ich in meinem Artikel beschrieben hatte und die von Dr.  Stewart entdeckt worden waren.
31:05
Ich fuhr also nach Washington und hatte diese Befragung vor dem Senat und glücklicherweise konnte ich begründen und aufzeigen, warum wir die Gefahren des atomaren Fallouts – im Unterschied zu den Röntgenstrahlen – so unterschätzt hatten.
33:17
Ich war sehr glücklich, als Dr. Brian MacMahon auftrat und sagte: Also – wir haben eine Studie in diesem Land gemacht, um das zu wiederholen, was Dr. Stewart bereits in England erforscht hat, und auch wir haben herausgefunden, dass es einen direkten Zusammenhang, ohne Grenzwerte, bei den Kindern gibt, die Krebs oder Leukämie … oder andere Arten von Krebs, Hirnkrebs, alles mögliche … entwickelt haben … Und wir haben auch herausgefunden, dass es keine sicheren Grenzwerte gibt. Deshalb – bei allen Vorbehalten gegenüber den Schlussfolgerungen von Dr. Sternglass – muss ich ihm zustimmen. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Atombomben-Versuche auch in Zukunft zu einer gewaltige Krebsepidemie führen können. Und zum Glück stimmte der Senat ein paar Wochen später ab und bestätigte den Vertrag über das Ende der Atombomben-Tests.
34:16
Seit damals habe ich das Gefühl, dass ich möglicherweise das Leben unserer Kinder und Enkelkinder und das unserer Freunde und das der Menschen auf der Erde habe retten können – eine wirklich gute Sache in meinem Leben. Und es war auch ein sehr glücklicher Umstand, dass ich meine Arbeit über so viele Jahre weiterführen konnte, wobei ich versuchte, die Menschen über die Notwendigkeit zu unterrichten, die Atombomben-Tests zu beenden und alle Atomwaffen zu beseitigen, weil sie wirklich die schlimmsten biologischen Waffen sind, die stärksten biologischen Waffen, die die Menschheit jemals entwickelt hat.
34:59
Aber die Regierungen dieser Welt, sie alle zeigten sich abgeneigt zuzugeben, dass ihre Atombomben-Tests – hunderte Bomben waren oberirdisch gezündet worden ... sie wollten es einfach nicht eingestehen, dass es nicht zu einer Explosion wie bei einer normalen Bombe kommt, sondern dass die Menschen unmittelbar verstrahlt werden, dass es einen ungeheuren Radioaktivitäts-Schub gibt, der viele Menschen erst Jahre danach tötet. Und die Bombentests hinterließen auch radioaktiven Fallout, der um die ganze Erde, überallhin zog und gewaltige Epidemien zur Folge hatte, die im Augenblick nicht erkannt wurden und die z.B. untergewichtige Kinder verursachten.
35:56
Das ist etwas, was wir erst viele Jahre später entdeckt haben und zum Glück wurden die Atomtests beendet, was an diesem Diagramm abgelesen werden kann. Das Diagramm hat den Titel Anteil der untergewichtigen Kinder von 1945 – 1995 im Staat New York und Strontium90 in den Knochen, das nur bei Atomtests produziert wird. Man sieht, dass der Kurve für niedriges Geburtsgewicht ansteigt und auf dem höchsten Punkt anlangt … bezeichnenderweise in den frühen 60er-Jahren und dann abfällt. Diese Kurve entspricht genau der Zunahme von Strontium90, die die Atomenergie-Kommission in New York festgestellt hat. Im ganzen Land gab es in den Knochen einen Anstieg bei Strontium90, genau das, wovon Kennedy in seiner Ansprache an die Nation gesprochen hatte. Und als [die Tests] ein Ende nahmen, ging das Strontium wieder zurück und – Gott sei's gedankt – ging es noch weiter zurück.

36:55
Aber wir mussten feststellen, dass es um 1985/85 plötzlich wieder zu steigen anfing und mehr wurde und aufhörte, wieder abzunehmen. Das war die Zeit von Tschernobyl, als die Katastrophe in Russland die Kinder, die in den Vereinigten Staaten geboren wurden, beeinträchtigte. Bislang sagt jeder Oh, Tschernobyl hat niemandem was angetan, maximal den 32 Männern, die im Atomkraftwerk verstrahlt wurden. Nein, Hunderttausende, vermutlich Millionen sind an den Folgen gestorben und werden in Zukunft an den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl sterben.
37:36
Wir haben grob unterschätzt, was wirklich in der Welt los ist und wir gefährden die Existenz unserer Gesellschaft. Denn wenn Kinder unter 5 ½ Pfund, speziell unter 2 ½ Pfund, geboren werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sterben, wesentlich größer. Das Tragische ist, dass der Anstieg in den Folgejahren weitergegangen ist und wir haben in meiner Arbeitsgruppe, die ich in meinem Ruhestand in New York unter dem Namen „The Radiation and Public Health Project“ aufgebaut habe, entschieden, die Zähne von Babies zu messen. Etwas, was die Regierung eingestellt hat. Die Regierung hatte die Zähne und die Knochen von Babies und von den Leuten bis in die frühen 70er-Jahre untersucht und sie hat dann damit aufgehört.
38:26
Über viele Jahre messen wir nun schon und führen Baby-Zahn-Studien durch und es hat sich herausgestellt, dass die Zähne … dass die Radioaktivität in den Zähnen während der Atombomben-Tests anstieg und so um 1965 den Höhepunkt erreicht hatte.

39:07
Als dann die Bombentests vorbei waren, gingen auch die Kindersterblichkeit und das niedrige Geburtsgewicht zurück. Und sie sollten bis in die späten 70er-Jahre verschwinden und praktisch auf Null gehen, wie es an vielen Orten auf dieser Welt auch geschehen ist. Aber in den Vereinigten Staaten begannen sie [Kindersterblichkeit und niedriges Geburtsgewicht] wieder anzusteigen. Strontium90 wird nur auf einem Weg erzeugt: nämlich durch Kernspaltung. Die Kernspaltung konnte nur mit der wachsenden Anzahl von Atomkraftwerken, die in den Vereinigten Staaten betrieben wurden, in Zusammenhang stehen. Je stärker sie „gefahren“ wurden, um Jahr für Jahr mehr und noch mehr Strom aus ihnen herauszuholen, desto größer wurde auch die Menge Strontium90, die wir in den Knochen gefunden haben. Schließlich mussten wir Ende der 90er-Jahre feststellen, dass die Radioaktivität in manchen Kinderzähnen so hoch war wie in den Zeiten der Atomtests in den 50er-Jahren.
40:09
So haben wir tatsächlich den Fallout der Bombentests, dem Kennedy ein Ende bereiten konnte, mit den Strahlenfreisetzungen aus Atomkraftwerken ersetzt. Freisetzungen, die als harmlos bezeichnet werden. Überall … an die 111 Atomkraftwerke wurden in diesem Land gebaut und 400 auf der Welt, rund um die Erde. So gesehen haben wir einen gewaltigen versteckten Genozid begangen, als wir mit dem Bombenbauen weitermachten und dem Bauen von Reaktoren, bei denen es möglich ist, dass sie soviel [Radioaktivität] freisetzen wie bei den Atombomben-Tests – freigesetzt beispielsweise für die Menschen in Utah und die, die in Windrichtung leben und die wegen all dieser fürchterlichen Zustände Krebs bekommen haben.
40:54
Unsere Welt hat sich vollständig durch die Erkenntnis verändert, dass wir nicht mehr so weitermachen können mit der Verwendung von Atomwaffen und von Atomreaktoren, denn es gibt nichts Kostbareres als das neugeborene menschliche Leben. Die Folge ist, dass es zu einem gewaltigen Kostenanstieg im nationalen Gesundheitswesen gekommen ist, denn wenn Kinder untergewichtig geboren werden oder wenn sie sterben und wenn das so weiter geht, dann müssen die Kinder oft von der modernen Medizintechnik in unseren Krankenhäusern gerettet werden – nur um autistisch zu werden, mit Entwicklungsstörungen zu leben, um alle möglichen Arten von Krankheiten im frühen Leben zu entwickeln, gerade so, wie uns Dr. Stewart vor Leukämie und Krebs gewarnt hat.
41:51
Wir haben keine andere Wahl, schauen sie sich an, was passiert ist. Was bewiesenermaßen in Bezug auf Kindersterblichkeit geschehen ist. An einem Ort wie New Hampshire, weit weg von den Atombomben-Tests, tausende Meilen entfernt. Hier kann man sehen, dass die Kindersterblichkeit seit 1935 wunderbar mit 4% pro Jahr abgenommen hat. Und plötzlich war es damit aus. Jedesmal, wenn es in Nevada einen Atombombentest gegeben hat, haben wir eine Spitze bei der Kindersterblichkeit in New Hampshire. Bis zum Ende der Atombombentests ging es mit der Abnahme [der Kindersterblichkeit] nicht weiter. Dann kamen die unterirdischen Tests und einer davon mit der Bezeichnung Baneberre brach durch den 800 Fuß [~250 m] starken Felsen und er spie Radioaktivität über die Arbeiter aus und über das nördliche Gebiet der Vereinigten Staaten. Das führte im ganzen Land zu einem weiteren Ansteigen [der Kindersterblichkeit]. Das also war in New Hampshire nachweisbar, tausende Meilen von Nevada entfernt, wo die Bombe explodierte – jene Baneberre Bombe, die schließlich der Behauptung, dass Atombomben friedlichen Zwecken dienen, eine Ende setzte.

43:34
Dieser Blödsinn war vollständig abzulehnen und er führte zu enormem Leiden und zu der großen Anzahl von Kindern in den Vereinigten Staaten, die unter allen möglichen Umständen frühzeitig gestorben sind, einschließlich Infektionskrankheiten. Wegen des Strontiums90, das wir gemessen haben und das die Regierung gemessen hat und das sich in den Knochen einlagert und das Knochenmark verstrahlt. Im Knochenmark werden die weißen Blutkörperchen erzeugt, die Polizisten des Körpers, die normalerweise die Krebszellen und die Bakterien töten. Wenn sie geschwächt sind, bekommen wir Krebs, weil die Abwehrkräfte im Körper durch das Strontium90 geschwächt sind – aber das ist nur ein Teil der Geschichte.
44:39
Noch größer war die Tragödie, weil nicht nur Kinder betroffen waren, sondern auch Erwachsene. In der Tat, eine der größten Tragödien, die sich in den 1950er-, 60er-Jahre ereignet hat, war die verblüffende Zunahme von Lungenkrebs unter Frauen, die niemals geraucht haben. Als die Atombomben-Tests stattfanden, führte die Vermehrung des Strontium90 dazu, dass Lungenkrebs bei Frauen zugenommen hat, während das Rauchen zurückging. Auf keinen Fall kann das Rauchen die Zunahme von Lungenkrebs bei Frauen erklären.

45:13
Was war da also los? Dieses Strontium90, das die Kindersterblichkeit über die ganze Erde hin verursacht hat und speziell auf der ganzen nördlichen Halbkugel – es hat sich herausgestellt, dass das Strontium90, wenn es sein starkes Elektron abgibt und dadurch ein anderes Element wird, sich in Yttrium90 verwandelt. Dass sich dieses Yttrium90 im Lungengewebe einlagert und zu jedem weichen Bindegewebe geht – es geht in die Niere, es geht in die Blase, es geht in die Leber und es verursacht unter anderem Lungenkrebs, Emphyseme und jede Art von Lungenschädigung. Eine Verfünffachung bei den Frauen, die an Lungenkrebs starben – nicht zu reden von denen, die gerettet wurden und nicht gestorben sind.
46:37
Wir müssen endlich verstehen: das ist keine Waffe, die wir ewig benützen können, wir können den Strom nicht auf diesem Weg erzeugen, von dem wir geglaubt haben, er sei sauber, wunderbar sauber und billig in der Herstellung – was ich selbst geglaubt habe, als ich noch ein junger Wissenschaftler bei Westinghouse war. Weil wir den Fehler gemacht haben zu glauben, dass Röntgenstrahlen dasselbe seien wie der Fallout einer explodierenden Bombe. Was in Japan zu einer Verzwölffachung von Bauchspeicheldrüsenkrebs geführt hat.
47:30
Der Grund wurde in den 1950er-Jahren in Deutschland entdeckt – 1958/59. Dort machten sie Versuche mit Tieren, verabreichten ihnen Strontium90, um zu untersuchen, was geschehen würde. Denn es ist bereits 1942 in den USA, als Hunde mit Strontium90 gefüttert wurden, entdeckt worden, dass diese nicht nur neugeborene Welpen hatten, die untergewichtig waren und früh starben, sondern dass es auch zu Knochenbrüchen führte. Osteoporosis ist eine schrecklicher Zustand, an dem viele Menschen leiden, viele Frauen im späteren Leben. Sie fanden also heraus, das das bei Frauen auftrat und bei Hunden, denen Strontium90 verabreicht worden war – übrigens das erste Abfallprodukt, das vom Atomreaktor an der Universität von Chicago im Jahr 1942 produziert worden war.
48:33
Das war geheim. Es war bis 1969 geheim, bis ich es herausfand. Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass die Regierung sehr wohl wusste, dass Strontium90 ein absolut tödliches Gift ist. Und dass es sich in Yttrium90 verwandelt, das sich hauptsächlich in der Bauchspeicheldrüse konzentriert, wie es Dr. [David H. Spodik?] in Deutschland entdeckt hat. Das erklärt auch, warum Bauchspeicheldrüsenkrebs am meisten zunahm. Die Bauchspeicheldrüse ist auch das Organ, in dem die Zuckerkrankheit entsteht – und diese wird von zwei Dingen verursacht:
49:15
Erstens kann die Bauchspeicheldrüse so geschädigt werden, das sie aufhört Insulin zu erzeugen. Jenes Insulin, das benötigt wird für die Kontrolle des Blutzuckers im Körper. Die Menschen bekommen ausgesprochen hohe Zuckerwerte im Blut, wenn die Bauchspeicheldrüse nicht genug Insulin erzeugt. Das ist der vorherrschende Diabetestyp, genannt Diabetes 2. Diabetes 1 ist hauptsächlich bei Kindern zu beobachten, bei jungen Menschen – vor allem in der [Pubertät] entwickelt sich diese Art am häufigsten. Wenn sie ausbricht, dann hört die Bauchspeicheldrüse mit der Herstellung von Insulin ganz auf, sodass die Menschen ein Leben lang Insulin spritzen müssen.
50:08
Niemand konnte den Zusammenhang mit dem Atombomben-Tests verstehen. Tatsächlich wollte niemand etwas davon hören, aber seit damals haben wir gelernt, dass es bei den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki eine Epidemie gegeben hat, nicht nur an Krebs, sondern an vielen anderen Krankheiten – sie litten auch vermehrt an Diabetes. Das gleiche galt für die Menschen in Weißrussland, die ebenfalls an einem fürchterlichen Anstieg nicht nur bei Krebs, nicht nur bei Schilddrüsenkrebs, nicht nur bei Leukämie litten, sondern auch im Besonderen an Diabetes.
50:48
Heute wissen wir, was passiert ist: Es war uns gänzlich entgangen, dass sich das Strontium in Yttrium verwandelt. Strontium hat eine Halbwertszeit, es verliert in etwa 28 Jahren die Hälfte seiner Kraft. Es sammelt sich im Körper einer Mutter an, wenn diese Milch trinkt, um möglichst viel Calcium aufzunehmen. Leider konzentrieren die Kühe das Calcium gemeinsam mit dem Strontium90, das über die Jahre aus dem Bomben-Fallout ins Gras kommt und in die Blätter gelangt und dort über viele Jahre bleibt, aber besonders lang in den Knochen einer Mutter oder eines Erwachsenen. Deshalb hatten wir eine Epidemie nicht nur bei Krebs, sondern auch eine Epidemie bei Kinderkrankheiten, Krebs und jetzt sogar Diabetes.
51:50
Was wir machen ist: Wir bringen uns selber um. In Connecticut wurde ein Atomkraftwerk gebaut und … in den 70-ern … 1976 habe ich herausgefunden, dass der Strontium90-Anteil in der Nähe, innerhalb von ein paar Meilen um das Atomkraftwerk Millstone in Connecticut, am höchsten war – um dann in jeder Richtung abzunehmen.

52:46
Wir wissen jetzt, dass solange wir nicht damit aufhören, wir diese Art von Epidemie erleben werden, wie wir sie in Connecticut erlebt haben. Die Rate bei Schilddrüsenkrebs wächst im ganzen Staat Connecticut. Wie haben es im ganzen Land gesehen. Wie auch immer, es steht in direktem Zusammenhang mit dem Strom, der in den Atomkraftwerken der Vereinigten Staaten hergestellt wird. Es gibt für uns keine andere Möglichkeit als damit aufzuhören, weil wir hier anhand der Diabetes die gleichen Auswirkungen sehen: In dem Maße, in dem die Stromproduktion pro Reaktor angestiegen ist, in diesem Maß ist auch die Rate bei Diabetes angestiegen.

53:50
Es gibt solange keine Hoffnung für die Menschheit, bis wir diese Lektion gelernt haben und es ist hoffentlich nicht zu spät. Zum Glück verringern sich Kindersterblichkeit und frühe Tod durch Krebs bei Kindern schnell, wenn ein Reaktor abgeschaltet ist. Aber die Regierung will das alles nicht zugeben. Sogar die Nationale Akademie [der Wissenschaften] führte 2005 auf Druck der Regierung eine Studie durch, genannt BEIR VII, in der von Beweisen für die Folgen von Niedrigstrahlung die Rede ist und dabei wurde keine der 21 Studien und keines der 5 Bücher, die wir zu diesem Thema geschrieben haben, erwähnt. Das ist eine Zukunft, um die man sich Kopfzerbrechen machen muss. Wenn wir weiterhin über die tödlichsten Krankheiten schweigen, die uns und insbesondere unsere Neugeborenen plagen – dann fällt dieses Land sein eigenes Todesurteil.

Download des Textes als pdf

Zurück

Zur Startseite

Atomsicherheitsgipfel Den Haag 25. März 2014: Nutzen wir die Chance!

Als größtes Nuklearrisiko unserer Zeit wurde in internationaler Übereinstimmung die Gefahr genannt, dass hochgiftiges, strahlendes Material, insbesondere Plutonium, in Form einer „schmutzigen Bombe“ zur Massenvernichtungswaffe wird – Obama sprach von der Gefahr eines solchen Szenarios für Manhattan.

Nach Tschernobyl und Fukushima ist klar, dass es sich bei jedem „zivilen“ Atomkraftwerk um eine potentielle schmutzige Bombe handelt. Wegen der erhöhten Strahlung auf unabsehbare Zeiten unbewohnbare Zonen befinden sich in Weißrussland noch in einer Distanz von 300 km zum Kraftwerk Tschernobyl, in Japan sind Landstriche in einer Distanz von bis zu 40 km zur Kraftwerksruine Fukushima betroffen.

Das AKW Indian Point liegt gut 40 Kilometer von der Grenze des New Yorker Stadtteiles Manhattan entfernt.

Nehmen wir also die Befürchtungen des Präsidenten der USA ernst und fordern wir in seinem Sinne und im Sinne der Weltgemeinschaft:

- Das Verbot jeglicher Wiederaufarbeitung, also von, wie es im Französischen so schön heißt, Plutoniumfabriken. Nicht nur, dass diese Anlagen schon im Normalbetrieb gesetzlich gedeckt die Umwelt pro Jahr mit einer im Vergleich zu einem einzelnen AKW immensen Menge an radioaktiven Freisetzungen belasten, also eine schmutzige Bombe darstellen, die im Zeitlupentempo explodiert; die Menge des dort angehäuften strahlenden Materials, zum Großteil in einfachen Fabrikhallen gelagert, muss in Bezug auf terroristische Aktivitäten als höchst bedrohtes und bedrohliches Ziel angesehen werden. Darüber hinaus stellt die Erzeugung des Bombenstoffes Plutonium das genaue Gegenteil davon dar, was international mit der bestmöglichen Vermeidung der Zugangsmöglichkeit zu bombenfähigem Material angestrebt wird.

- Das Verbot von mit Plutonium angereicherten MOX-Brennelementen, deren Inhaltsstoffe die ohnehin schon katastrophalen Auswirkung eines wodurch auch immer ausgelösten Störfalles in einem AKW noch weiter verstärken.

- Abschaltung aller noch laufenden AKWs, um die Gefahr einer „schmutzigen Bombe“ durch ein aus welchen Gründen auch immer explodierendes AKW auszuschalten (Kein Sicherheitsbehälter wurde jemals mit dem Wissen geplant, dass ein einzelner Terrorist mit einer modernen Panzerfaust in der Lage ist, einen Atomreaktor wirksam anzugreifen).

- Löschung der Klausel auf ein „Recht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie“ im Atomwaffensperrvertrag und Ersatz durch eine Klausel, welche die Errichtung eines Atomreaktors als potentiell kriegerischen Akt der Ächtung der internationalen Staatengemeinschaft aussetzt.

- Herauslösung der Belange der „friedlichen Nutzung der Atomenergie“ aus dem Verantwortungsbereich der IAEO, die in ihren Satzungen absurderweise immer noch die Förderung dieser überholten, todbringenden Technologie hat. Einrichtung einer neuen Organisation unter der Schirmherrschaft der UNO für eine möglichst schnelle und sichere Abwicklung aller Reaktoren weltweit. Dies ist im Übrigen der einzige Weg, uns dem Ziel einer atomwaffenfreien Welt einen realistischen Schritt näher zu bringen.

Die internationale Gemeinschaft ist dabei, die tödlichen Gefahren, die von der Nutzung der Atomkraft und den so produzierten Rückständen ausgehen, offiziell anzuerkennen. Tun wir alles, diese Botschaft aufzunehmen und ihren Geist zu bestärken.

Download des Textes als pdf

Zurück

Zur Startseite

Der weitere Betrieb von Atomkraftwerken ist ein Verbrechen

"Ich habe begonnen, darüber nachzudenken, wie man diesem Risiko effektiv begegnet, wie man das Risiko einer Massenvernichtung mit hundertprozentiger Sicherheit verhindert. (…) Mir ist klar geworden, dass wir eine Gesellschaft aufbauen müssen, welche die Atomkraft nicht nutzt."   Ex-Premierminister Naoto Kan1

"Wenn die LDP [die Partei, die derzeit Japan regiert] sich dazu entschließen könnte, von der Atomkraft abzurücken, dann wären sämtliche Parteien für diese Politik, denn die Opposition unterstützt jetzt schon diesen Weg. Was für ein großartiges, wundervolles Projekt wäre das! [Der Premierminister] kann seine Macht dazu einsetzen, die natürlichen Ressourcen zu nutzen. Es gibt keinen anderen Premierminister, der ein derartiges Glück gehabt hätte."  Ex-Premierminister Junichiro Koizumi2

"Der Mythos, dass die Atomkraft sauber und sicher sei, ist in sich zusammengefallen. Wir haben nicht einmal einen Ort, an dem wir den Atommüll lagern könnten. Ohne diesen wäre ein Neustart der AKWs aber ein Verbrechen gegen künftige Generationen."    Ex-Premierminister Morihiro Hosokawa3


Der weitere Betrieb von Atomkraftwerken ist ein Verbrechen

Gedanken zum dritten Jahrestag der dreifachen Kernschmelze in Fukushima Daiichi

von nepomuk311

Fukushima jährt sich dieser Tage zum dritten Mal. Noch immer setzt sich der Unfall fort, noch immer gelangt radioaktives Wasser in die Umwelt, das mit den geschmolzenen Brennelementen in Berührung gekommen ist. Damit ist eine Situation eingetreten, in der ein Unfall der INES Stufe 3 (im besten Fall) in drei unterschiedlichen Reaktoren jeden Tag stattfindet, jeden Tag stattgefunden hat, seit dem 11. März 2011 also 3.285 mal – all dies wird verdeckt durch eine einmalige Kategorisierung des Unfalls in 3 Reaktoren als INES Stufe 7. Der jetzt eingetretene Fall kann mit der vorhandenen Wertungsskala also nur unzureichend beschrieben werden, denn er ist so nie vorhergesehen worden. Vieles am Geschehen in Fukushima ist nie vorhergesehen worden. Vorhergesehen wurde nur eins: Atomkraft sei sicher.

Der dreifache Beweis, dass dem nicht so ist, wurde nun zu Lasten von Japan erbracht. Zu Lasten der Fische im Pazifik, zu Lasten der Kirschbäume in der Provinz Fukushima, zu Lasten ungezählter Kinder, die noch nicht einmal geboren sind.

Die Lektion wurde von den oben genannten Betroffenen, welche übrigens allesamt in ihrer persönlichen Geschichte einmal anderer Ansicht waren, verstanden. Man könnte daher meinen, dass die Lektion wohl deutlich genug war. Erstaunlicherweise wird die Atomkraft nach dieser furchbaren Mahnung aber nicht etwa geächtet: Die gleichen Stellen, die einmal behauptet haben, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze bei eins zu einer Million läge und die nun feststellen müssen, dass sie sich um einen Faktor von 1 mal 10 hoch 18 (1.000.000.000.000.000.000) geirrt haben, halten unbeirrt daran fest, dass die Kernkraft weltweit zu fördern sei, da sie „Frieden, Gesundheit und Wohlstand“ mit sich brächte.

Wer sich um eine Trillion verrechnet, den kann kein vernunftbegabter Mensch weiterhin ernst nehmen. Mit den Worten der Naturwissenschaft ausgedrückt: wer sich um einen Faktor von einer Trillion irrt, der betreibt keine Naturwissenschaft, der hat so viele Glaubenssätze und frei erfundene Annahmen in seine Gleichungen eingebaut, dass von einem redlichen Einsatz des Wissens um die Gesetze dieser Welt nicht die Rede sein kann. Vielleicht war es Wunschdenken, vielleicht das Bedürfnis, mächtiger sein zu wollen als die Naturkräfte selbst? Die Begründung für derart untaugliche Annahmen mag also im Bereich der Psychologie zu suchen sein – mit Mathematik und Physik hat sie offensichtlich nichts zu tun.

Eine lebensgefährliche Technik aber, die auf dem Boden menschlicher Eitelkeit errichtet wurde, kann nur ins Verderben führen. Einige Betroffene haben diese bittere Lektion bereits lernen müssen. Sie warnen uns in unmissverständlichen Worten: „Atomkraft ist ein Verbrechen“.

Lernen wir daraus, bevor wir die nächsten Opfer sind.

1) http://www.youtube.com/watch?v=nAYVK8_W2h4
2) http://www.reuters.com/article/2013/11/12/us-japan-nuclear-koizumi-idUSBRE9AB0HK20131112
3) http://www.businessweek.com/news/2014-01-21/hosokawa-targets-tokyo-s-economic-clout-in-japan-nuclear-debate#p1

Zurück

Zur Startseite

Hermann Scheer – Die Atomenergie war von Anfang an eine Irrfahrt ...

Die Atomenergie war von Anfang an eine Irrfahrt. Und zwar ist sie entstanden aus einer Wissenschaftsgläubigkeit gegenüber den bewunderten Atomphysikern und es ist ja in der Tat eine bewundernswerte Leistung, die Atomspaltung hinzubekommen – das war gewissermaßen der Höhepunkt der physikalischen Wissenschaft, und die Physiker haben sich sowieso gefühlt als die Könige der Wissenschaft und unter diesen Königen war dann die Atomwissenschaft das Absolute. Sie konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass etwas, was ein so hohes physikalisches Wissen erfordert und einen solchen Aufwand erfordert, was für die Atombombe gemacht worden war, dass dieses keinen nützlichen gesellschaftlichen Zweck haben könnte. Die Bewunderung der atomaren Wissenschaftspriester, die in der Politik da war, die in der Öffentlichkeit da war, diese Bewunderung hat zu einer völlig unkritischen Einstellung in den ganzen 50er und 60er Jahren geführt und damit begann eine Irrfahrt, denn es war nie so – nie so! –, dass es keine Alternative zur Atomenergie gegeben hätte, wenn man daran denkt, dass die fossilen Energien ja auch nicht die Alternative sein können. Die Alternative zur Atomenergie und zur fossilen Energie ist natürlich das solare Energiepotential. Dieses ist das überwältigend Große.

Und es gab in den 50er Jahren, als dann unter dem Stichwort der „friedlichen Nutzung der Atomenergie“ der Weg zu Atomkraftwerken geöffnet worden ist … gab es viele, viele, schon längst verfügbare Alternativen, Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren. Seit 1891 kennt man die Möglichkeit der Stromerzeugung aus Windkraft. Man kannte damals die Möglichkeit der Stromerzeugung schon aus solarthermischen Kraftwerken. Man kannte noch nicht die Photovoltaik. Man kannte die Wasserkraft. Man hatte also ein breites Spektrum zur Verfügung, das war schon verfügbar, das war teilweise sogar schon eingeführt, das wurde alles beiseite geschoben, das galt als „Low Tech“, nicht angemessen dem Anspruch der Hochenergiephysik, also dem Königreich der Physikalischen Wissenschaft, und deswegen wurde es in einer verachtungsvollen Weise beiseite geschoben, als wäre dieses Energiepotential gar nicht da.

Und wenn wir heute die Summe aus einer 60 Jahre dauernden Irrfahrt ziehen, dann muss man zum Ergebnis kommen, dass genau das richtig ist, was Friedrich Dürrenmatt in seinem Buch Die Physiker am Schluss in seinen Leitsätzen geschrieben hat ... in seinem Stück Die Physiker. Nämlich: Die Methode der Physik geht nur die Physiker an. Damit meint er, das können gar nicht alle verstehen. Dann setzt er aber fort: Die Auswirkungen gehen alle Menschen an. Was alle Menschen angeht, können nur alle lösen. Und eben nicht die Hochenergiephysiker. Und von Albert Einstein gibt es ja diesen doch sehr nachdenkenswerten, bleibend nachdenkenswerten Satz: Die Methoden, die unsere Probleme herbeigeführt haben, sind ungeeignet, die Probleme lösen zu können.

Wir müssen uns von dem gesamten Weltbild der Atomenergie verabschieden. Dieses Weltbild steckt in den Köpfen selbst bei Leuten, die die Folgen nicht mehr haben wollen, die eigentlich gegen die Atomenergie eingestellt sind. Sie meinen aber, etwas, was schon mal da ist, was in die Welt gesetzt worden ist, das ließe sich nicht mehr entfernen, das würde dann auf jeden Fall gebraucht werden. Und es würde niemand davon abgehalten werden können, wer es unbedingt wollte, tatsächlich die Atomenergie weiter zu führen. Heute ist es so, dass sogar sämtliche ökonomischen Versprechungen der Atomenergie sich als längst verlogen und unhaltbar jedenfalls herausgestellt haben.

Prinzipiell ist mein Standpunkt – und ich war mal 4 Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter, bevor ich in den Bundestag kam, des Kernforschungszentrums Karlsruhe, aber nicht als Atomenergie-Befürworter, sondern als jemand, der skeptisch eingestellt war und in diesen 4 Jahren mit der Beschäftigung mit dem Gegenstand immer kritischer geworden ist – damals hat sich meine Haltung ganz fest herausgebildet: Etwas, was hunderttausend Jahre lang Atommüll hervorruft – das ist fünfzig Mal mehr Zeit, als wir seit Christi Geburt hinter uns haben –, wer einen solchen Ballast künftigen Generationen überlässt, handelt in einer Weise vermessen, dass es nicht tragbar ist. Selbst wenn die Atomenergie überhaupt nichts kosten würde, wäre das für sich ein ausreichender Grund, auf keinen Fall diese Atomtechnik einzusetzen und Atomkraftwerke zu betreiben.

Das ist ein prinzipieller Standpunkt, ich diskutiere überhaupt nicht mehr über Kostenfragen. Ist es vielleicht tragbar oder akzeptabel, wenn es weniger kostet als etwas Anderes? Die prinzipielle Frage, ob es maßstabsgerecht ist für Menschen, die ist viel, viel wichtiger. Da, wo kein, nicht der große Unfall passieren darf, da darf man es auch nicht machen. Und der große Unfall kann passieren, wie Tschernobyl gezeigt hat. Morgen, in 5 Jahren, er kann 5 mal passieren, er kann in 30 Jahren einmal passieren, es gibt keine fehlerfreundliche Technik, es gibt keine fehlerfreundlichen Menschen. Und wenn dann der eine große Fehler – neben dem Atommüllproblem – nicht passieren darf, dann darf man es nicht anpacken. Das ist eine Frage humanen Augenmaßes und überhaupt nichts anderes und eines Verantwortungsgefühls für andere. Und das Verantwortungsgefühl muss noch nicht mal so groß sein. Es ist ein ganz normaler menschlicher Maßstab, der dazu führen muss, die Atomenergie zu verabschieden.

Warum sie heute nicht verabschiedet wird, das ist meines Erachtens der bedenklichste aktuelle politische Punkt. Warum wird immer wieder versucht, die Atomrenaissance voran zu treiben – immer wieder neue Anläufe? Das hat meines Erachtens seinen Grund genau darin, dass wir es eben neben dem Atomkraftwerk Problem mit dem Atombomben Problem zu tun haben. Meine These ist: Die letzten Staaten, die noch Atomkraftwerke betreiben, werden die Atombombenmächte sein, solange es noch Atombomben gibt. Und die endgültige Abwicklung des Atomzeitalters steht und fällt mit der weltweiten, politisch zu beschließenden weltweiten Atombomben-Abrüstung, dem weltweiten Atombomben-Verbot. Weil die ganzen Atombombenländer – es sind ja mehr geworden und nicht weniger seit dem Ende des Ost-West-Konflikts – die ganzen Atombombenländer werden niemals die Atomenergie, ihre Atomkraftanlagen, ihre Forschungszentren aufgeben, solange sie Atomwaffen haben. Denn sonst wird die Atomwaffe sündhaft teuer für sie und sie werden deshalb – nur aus diesem Grund – an der Atomenergie festhalten, aber diesen Grund öffentlich nicht zugeben.

Frankreich, Großbritannien, Russland, die USA, China – das sind die 5 ständigen Mitglieder im UN Sicherheitsrat. Das sind Atombombenmächte. Hinzu gekommen sind: Indien, Pakistan, ganz offiziell. Jeder weiß, dass die Nummer 8 schon lange Israel ist, Israel gibt es nur nicht offiziell zu, aber jeder weiß es. Sie scheuen sich, es offiziell zuzugeben, weil das dann einen offiziellen Grund geben würde für die arabischen Nachbarn, soweit sie das Geld dafür haben, auch Atombomben in Besitz zu nehmen. Nordkorea ist die Nummer 9. Andere Staaten, die sich als regionale Vormacht fühlen, halten Atombomben in ihren Köchern. Dazu gehört Brasilien. Es wurde immer verleugnet, aber es ist im Koffer. Dazu gehört Südafrika. Es wurde immer verleugnet, aber es ist im Koffer. Dazu gehörte Irak – gehörte Irak, was beendet worden ist nach dem Golfkrieg, weil sie das nicht mehr weiterführen konnten. Und ich schließe noch nicht mal aus, dass, wenn das mit der koreanischen Atombombe weiter geht und wenn das Schule macht, wenn aus den ursprünglichen Fünf mehr als Zehn oder Fünfzehn geworden sind, dass irgendwann mal sogar in Japan das Tabu fallen gelassen wird.

Das heißt, es ist eine zwingende Sache, nicht Atombomben, Atomwaffen und Atomkraftwerke getrennt zu sehen. Man muss es wieder viel stärker im Zusammenhang sehen. Und der Zusammenhang ist: Alle Länder, die keine Atombomben haben, werden es leichter haben, aus der Atomenergie auszusteigen. Alle Länder, die Atombomben haben, werden wahrscheinlich nur dazu veranlasst werden, wenn parallel zu allen Bemühungen, Atomenergie auszuschalten, Atomenergie nicht mehr zu akzeptieren, zu verhindern, wo sie ist und abzuschalten, wo sie ist – neue Atomkraftwerke zu verhindern – neben all diesem muss es eine weltweite Druckbewegung, eine weltweite Bewegung geben, dass die Frage der vollständigen Abrüstung aller Atomwaffen endlich auf die Tagesordnung kommt. Das muss wieder eine Weltbewegung werden, weil sonst wird das Atomenergiezeitalter wahrscheinlich immer weiter geführt werden wollen. Nicht von allen, aber von denjenigen, die ich hier anspreche.

Der Preis, der gesellschaftliche Preis, der politische Preis, der ökologische Preis der Atomenergie war in den 50er Jahren das systematische Auslöschen des Gedankens an erneuerbare Energien – wenn man mal von großen Wasserkraftwerken absieht. Dreißig Jahre lang war in der Energiediskussion, und zwar in der wissenschaftlichen Energiediskussion, der Begriff „Erneuerbare Energie“ verschwunden. Von Windenergie war keine Rede, von Bioenergie war keine Rede, es war keine Rede von Solarenergie, es war einfach verschwunden. Das kann man noch bis in die Schriften und Forderungen von sogar Umweltorganisationen bis in die 80er Jahre hinein feststellen. Wo zwar dann von Energieeffizienz, von Energieeinsparen, von Energiesuffizienz die Rede war, um damit zu zeigen, dass man ohne Atomenergie auskommen kann, aber der Begriff „Erneuerbare Energien“ tauchte erst allmählich auf. Und es war ein Auslöschungsversuch und dieser Auslöschungsversuch war offensichtlich nötig, denn eine der Begründungen der Atomenergie war doch, dass man dann ohne Schornsteine Strom produzieren könne, ohne Abgase Strom produzieren könne. Die saubere Energie. Die Alternative zur Kohle. Die Alternative zu all den Verbrennungsanlagen mit dem Einsatz fossiler Brennstoffe. Das Saubere – das war der Versuch, Atomenergie attraktiv zu machen. Und dann störte die wirklich saubere Alternative, die keinen Müll hinterlässt, wo kein Uranbergbau notwendig ist, wo es keinen GAU geben kann, wo keine Waffenproduktion damit in Verbindung gebracht werden kann. Das störte!

Jedwede Laufzeitverlängerung, die ja dann das Atomausstiegsgesetz des Jahres 2001 verändern oder sogar aufheben müsste, halte ich für unverantwortlich aus einer ganzen Reihe von Gründen. Es gibt keinen sachlichen Grund. Jede Laufzeitverlängerung ist gleichzeitig ein Aufschub gegenüber erneuerbaren Energien. Das heißt, man will ja Zeit gewinnen, um den Strukturwandel hin zu erneuerbare Energien – der dann nicht mehr in Großkraftwerken realisiert wird und mit Großkraftwerken realisiert wird –, um den möglichst nicht zustande kommen zu lassen oder in die Ferne zu schieben. Das wäre die Funktion der Laufzeitverlängerung.

Abgesehen davon, die Atomkraftwerkbetreiber sind ja in keiner Weise vertragsfähig, sie haben ja gar keine Vertragsloyalität. Das haben sie ja grade mit dem Versuch ... beweisen sie grade mit dem Versuch, das Ausstiegsgesetz wieder aufkündigen lassen zu wollen. Denn die müssten sich ja eigentlich daran halten, sie haben ja dafür kassiert. Das Atomausstiegsgesetz des Jahres 2001 konnte ja nur zustande kommen, in der Weise, wie es gemacht worden ist, über einen Konsens mit diesen Atomkraftwerkbetreibern. Warum? Solange die Sicherheitsbestimmungen, die gegeben sind, eingehalten werden, hatten sie ja keine befristete Laufzeit. Und daraus ergab sich, wenn man vorher aufhören will, also abschalten will und das politisch erzwingen will, hätten sie Klagegrund gehabt. Also musste man aus diesem Grund einen Konsens versuchen. Diesen Konsens haben sie sich bezahlen lassen, nur darüber wurde geschwiegen. Sie haben darüber geschwiegen, weil das Geschäft nicht besonders sauber war. Die Rot-Grüne Koalition hat darüber geschwiegen, weil das hätte ein bisschen das Licht getrübt über den Ausstiegs-Gesetzeserfolg. Denn sie haben drei Gegenleistungen bekommen.

Die erste Gegenleistung war und ist, dass die [steuerfreien] Rückstellungen für die künftige atomare Entsorgung, die heute bei einer Größenordnung von 30 Milliarden Euro liegen, dass diese Rückstellungen unangetastet bleiben. Und das ist aber ein sehr wichtiger Punkt, denn diese Rückstellungen sind steuerfrei! Sie sind so etwas wie steuerfreie Gewinne, denn sie können mit diesem Geld machen was sie wollen, bis irgendwann mal eine Endlagerung kommt. Und damit kriegen sie soviel Kapital, haben sie soviel Kapital in der Hand, dass sie damit den ganzen Konzentrationsprozess, der in den letzten 10 Jahren ja massiv gesteigert worden ist – der Stromwirtschaft –, finanzieren konnten, bis hin zum Aufkauf von Stromgesellschaften in anderen europäischen Ländern, in Ungarn und anderen Orts. Also ist es ein unglaublicher Vorteil, den sie damit gesichert bekommen haben. Denn diese Rückstellungen standen längst in Frage. Ich habe einen Gesetzesentwurf damals gemacht, der gesagt hat, diese Rückstellungen müssen in einen Fonds gelegt werden, damit sie nur für die Entsorgung, die ja irgendwann notwendig ist, von dem was ohnehin da ist, nur dafür zur Verfügung steht. Aber nicht für irgendetwas anderes.

Dann ist verzichtet worden auf eine Atombrennstoffsteuer.

Und dann ist darauf verzichtet worden, die Haftungsfrage nun endlich einigermaßen angemessen zu regeln. Im Atomgesetz wurde dann zwar die Haftungsobergrenze erhöht auf 2,5 Milliarden Euro, aber es ist nicht so, wie es im Gesetz sich liest, in der Praxis – dass diese 2,5 Milliarden Versicherungs-Haftungsobergrenze, dass dafür … für jeden einzelnen Atomreaktor die Versicherungsprämie bezahlt werden muss. Bei 2,5 Milliarden Haftung wäre die Prämie im Jahr 250 Millionen, die man an die Versicherungswirtschaft zahlen muss. Aber sie haben eine Sonderregelung unter sich, die Atomkraftwerkbetreiber. Nämlich, dass sie alle sich wechselseitig stützen, sodass man eine einzige Prämie für einen Reaktorunfall für alle 17 Reaktoren zahlen muss. Das heißt, jeder zahlt nur 13 Millionen im Jahr statt 250 Millionen. Jeder Reaktorbetreiber für jeden Reaktor. Und dieses ist ein einzigartiges Privileg. Und wenn nur jeder einzelne Reaktor so versichert werden müsste, für sich, mit der entsprechenden Prämie, würden sie sofort alle Atomkraftwerke schließen, weil das ein Zuschussgeschäft sein müsste.

Und insofern – das widerlegt nicht nur die These von der billigen Atomenergie oder sonst etwas – es zeigt, sie können eigentlich nur existieren mit öffentlicher Hilfe, mit einer unglaublichen, bis heute versteckten Subvention. Und das haben sie weiterführen können, es wurde nicht angetastet. Das haben sie kassiert und ihre Gegenleistung, nämlich tatsächlich wie vereinbart abzuschalten, wollen sie jetzt auch nicht einlösen, trotzdem nicht einlösen. Das heißt, sie haben keinerlei Vertragsloyalität. Sie sind nicht vertragswürdig. Es fehlt ihnen jede Vertrags- oder Verhandlungswürdigkeit. Und dass die Politik sich das gefallen lässt, finde ich unglaublich.

Ich habe im Jahr 2000/2001 ... deswegen hab ich damals den Gesetzentwurf gemacht gegen die steuerfreien Rückstellungen und ihre beliebige Verwendbarkeit. Ich habe damals einen anderen politischen Weg empfohlen ... des Atomenergieausstiegs – nämlich nicht verhandeln über Restlaufzeiten und dafür einen Preis zahlen müssen, einen politischen, sondern die wirtschaftlichen Privilegien ihnen sofort zu nehmen. Darüber muss ich nicht verhandeln, verhandeln musste man nur wegen Fristen. Aber wenn ich auf Fristen verzichte und ihnen die wirtschaftlichen Privilegien nehme, dann wird das ganz anders. Dann wären ihnen die Rückstellungen verloren gegangen, das war die erste Forderung. Dann hätten sie eine Atombrennstoffsteuer zahlen müssen, bei einem Cent pro Kilowattstunde wären das pro Atomreaktor alleine im Jahr 80 Millionen. Und dann müssten sie eine volle Versicherungsprämie zahlen, gemessen an der Haftungsobergrenze, das wären dann pro Atomreaktor 250 Millionen.

Das heißt, sie hätten in der Summe eine Zahlung im Jahr – oder einen Fehlbetrag, gemessen an dem, was sie heute haben – pro Reaktor von etwa 500 Millionen Euro. Das heißt, hätte man diesen Weg gewählt, hätte man zwar keine Fristen zeigen können, aber meine These war, es dauert dann keine 10 Jahre und alle sind geschlossen. Es wären heute alle schon nicht mehr da. Und stattdessen stehen wir heute vor der Situation, dass man einfach nur ... dass sie alles verzögert haben, verschleppt haben, filibustert haben und auch ein paar Atomkraftwerke ein paar Monate länger stillgelegt haben, als es vielleicht aus technischen Gründen nötig war – immer im Warten darauf, dass ein Regierungswechsel kommt, der sogar das Atomausstiegsgesetz wieder zunichte macht, um weiter zu machen. Und das heißt, wenn das jetzt kommt, die Laufzeitverlängerung, dann war das Atomausstiegsgesetz des Jahres 2001 ein Debakel. Denn dann hat das nicht zum Atomausstieg geführt, sondern es hat zum Mästen der Atomwirtschaft geführt. Das wäre natürlich ein Treppenwitz der Geschichte.


Dieses Interview mit Hermann Scheer [ † 14. Oktober 2010] fand am 14. Juni 2010 statt.

Zur Person von Hermann Scheer: Deutscher Politiker der SPD und wissenschaftlicher Publizist. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Solarpapst, Träger des Alternativen Nobelpreises, Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, Ehrenpräsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien (Eurosolar). 1980 bis 2010 Mitglied des Deutschen Bundestages.
Seit Ende der 1980er Jahre setzte sich Scheer auf nationaler und internationaler Ebene für die generelle Ablösung atomarer und fossiler Energien ein. Er war von 1982 bis 1990 Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Abrüstung und Rüstungskontrolle und danach von 1991 bis 1993 Vorsitzender des Untersuchungsausschusses Abrüstung und Rüstungskontrolle des deutschen Bundestages. Seit 1983 gehörte er der Parlamentarischen Versammlung des Europarates an. Er war Vorsitzender des Internationalen Parlamentarier-Forums für Erneuerbare Energien.


Transcript: KMö
Quelle: DVD 2 (Bonusinterviews), die dem Film „Friedlich in die Katastrophe“ von Holger Strohm, Marcin El et al. beigelegt ist. Weitere Informationen unter
www.friedlich-in-die-katastrophe.de

Download des Textes als pdf

Zurück

Zur Startseite

RADIOAKTIVE ISOTOPE SIND GUT FÜR DICH – SIND JA AUCH IN DER BANANE!
ODER?


Das macht Appetit? Na dann los, essen wir eine Banane mit Hilfe des Internets, lesen wir nach!

"Kalium ist ein für die Erhaltung des Lebens essenzieller Mineralstoff (Mengenelement). Als wichtigstes intrazelluläres (= innerhalb einer Zelle) Kation ist Kalium an den physiologischen Prozessen in jeder Zelle beteiligt." 1)

"ich hab immer meinen shakerbecher auf der waage stehen, wenn ich anfange zu mixen, deswegen weiß ich auch, wieviel sie ohne schalen wiegen! eine "normale" wiegt ziemlich genau 100g, wobei so richtige monster schonmal 200g erreichen können!" 2)

Nehmen wir also einmal an, die geschälte Banane in unserer Hand ist eine kleine, also eine mit 100 Gramm. Aber wie viel Kalium enthält die eigentlich? Es sind pro 100 g (wie praktisch!): 420 mg 3).

"Kalium besteht zu 0,012 % aus dem radioaktiven Isotop 40Kalium und hat daher eine spezifische Aktivität von 31.200 Becquerel pro Kilogramm." 1)
"Becquerel, abgekürzt Bq, ist die SI-Einheit der Aktivität eines radioaktiven Stoffes (Formelzeichen A). Die Aktivität gibt die mittlere Anzahl der Atomkerne an, die pro Sekunde radioaktiv zerfallen."
4)

Im Falle unserer 100 g Banane sind das dann 13,1 Bq – oder noch einmal anders:

Ein Gramm Kalium hat eine Aktivität von 31 Bq

"Der Kaliumgehalt unseres Körpers wird durch verschiedene Regelmechanismen konstant gehalten. Die Niere kann in 24 Stunden etwa 1 mmol / kg Körpergewicht mit dem Harn ausscheiden." 5)

Wir halten fest: man kann gar nicht zu viele Bananen essen und sich so mit Kalium vergiften. Der Körper scheidet überflüssiges Kalium einfach wieder aus. Der Körper kennt Kalium – es war schon immer Teil seiner Umwelt.

Wie verhält es sich nun mit Cäsium?

"Radioaktives Cäsium wird vom Körper mit Kalium verwechselt, das heißt, nach der Aufnahme wird es vom Magen-Darm-Trakt vollständig resorbiert, verdrängt dann das im Körper befindliche Kalium und wird stattdessen von den Körperzellen aufgenommen und wie Kalium eingebaut. Vor allem in Muskel-, Nieren-, Leber- und Knochenzellen, aber auch im Blut reichert sich das gefährliche Cäsium an." 6)

Aha. 137Cäsium wird vom Körper nicht als Gift erkannt – dieses Isotop gab es vor der Atomtechnik auf der Erde nicht. Trotz der Ähnlichkeit zu Kalium funktioniert daher der Regelkreis anders: es wird wesentlich schlechter ausgeschieden 7), es reichert sich an.

Na, was soll‘s. Wir haben ja gerade gehört, auch 40Kalium strahlt, dann strahlt‘s halt ein bisschen mehr, worin besteht der Unterschied?

Darin: Ein Gramm 137Cäsium hat eine Aktivität von 3,215 TBq (Terabecquerel).8) Der Vorsatz für Maßeinheiten für den Faktor eine Billion ist Tera mit dem Zeichen T. Der Zahlenname Billion steht im deutschen Sprachgebrauch für die Zahl 1.000 Milliarden oder 1.000.000.000.000 = 1012. 9)

Ein Gramm 137Cäsium hat eine Aktivität von 3.215.000.000.000 Bq

Wir dividieren: pro Gewichtseinheit strahlt das künstliche Isotop 137Cäsium also unvorstellbare 103.044.871.794 Mal stärker! Wer daher das natürliche Kalium mit dem künstlichen 137Cäsium vergleicht, vergleicht nicht nur einen Apfel mit einer Birne: Er vergleicht einen Apfel mit 103 Milliarden Birnen!

Obwohl uns nun der Appetit vergangen ist, folgen wir den Tatsachen noch bis zum bitteren Ende. In der Natur ist 0,012% des vorhandenen Kaliums das radioaktive Isotop 40Kalium. Wenn eine Bananenstaude aber auf verseuchter Erde steht, dann weiß natürlich kein Mensch, wieviel Kalium durch das hochgiftige Cäsium ersetzt wurde. Na, sagen wir einmal ... ein Millionstel, es wurden lediglich 0,000.001% der Kaliumatome durch Cäsiumatome ersetzt. Nun, in diesem Falle würde die Banane mit 1,35 Millionen Becquerel strahlen, das sind 17 mSv 10) – Atommüll.

Aber diese letzte Annahme ist freilich nur ein Rechenbeispiel, denn: Bei so viel Strahlung (ein Millionstel der Kaliumatome ist durch Cäsium ersetzt) würde der Bananenstrauch wahrscheinlich sofort eingehen.

Und vor allem: in Fukushima wachsen sowieso keine Bananen, oder?

[Hervorhebungen durch den Autor]

  1) http://de.wikipedia.org/wiki/Kalium
  2) http://www.muskelbody.info/forum/ernaehrung/4821-gewicht-banane.html
  3) http://www.jameda.de/naehrstoffe/kalium/
  4) http://de.wikipedia.org/wiki/Becquerel_%28Einheit%29
  5) http://www.dr-gumpert.de/html/kalium.html
  6) http://www.n-tv.de/wissen/Wie-wirkt-radioaktives-Caesium-article2988881.html
  7) http://www.reisen-leben.com/lexikon/die-halbwertszeit-definitionen-fur-physikalische-biologische-und-effektive-halbwertszeit/
  8) http://www.internetchemie.info/chemiewiki/index.php?title=Caesium-137
  9) http://de.wikipedia.org/wiki/Billion
10) http://de.wikipedia.org/wiki/Dosiskonversionsfaktor


11) http://afaz.at/downloads/symp/starr_caesium_folgen_japan.pdf

Zurück

Zur Startseite


Niedrigstrahlung – beginnen wir bei Sacharow (1958)

Wohin mit den in nuklearen Reaktionen erzeugten Isotopen, wohin mit all dem hochgiftigen, lebensbedrohenden Atommüll? Die IAEO empfiehlt Ende 2013: ins Meer damit.

Seit es die Kerntechnik in Form von Atomwaffen und Atomkraftwerken gibt, besteht dieses Problem. Seit es diese Technologie gibt, haben wir keine Lösung. Sind die Stoffe einmal vorhanden, so bleiben sie uns erhalten, es gibt keine Entsorgung, keine Aufarbeitung, keine Sanierung.

Die Gefahr wird durch zwei Faktoren noch weiter verstärkt: die unvorstellbare Langlebigkeit mancher dieser Stoffe und die ebenso unvorstellbare hohe Zahl an Zerfallsprozessen, mit denen wir es zu tun haben. Wie einfach es ist, die Bedrohung durch diese langlebigen Gifte zu vergessen, zeigt die Geschichte des künstlich erzeugten Anteils an radioaktivem Kohlenstoff 14C.

Schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die durch die Freisetzungen dieses Isotopes in den atmosphärischen Atomtests zu erwartenden Opferzahlen berechnet – und obwohl auf Grund der langen Halbwertszeit von 14C die meisten dieser Opfer erst noch zu beklagen sein werden, scheinen wir das Problem völlig vergessen zu haben.

Dies ist die Geschichte von 14C und wie man erkannt hat, was für ein Problem die Freisetzung von langlebigen Schadstoffen für die Organismen auf unserem Planeten bedeutet. Es belegt die unglaubliche Fahrlässigkeit, mit der heute wieder vorgeschlagen wird, ebensolche Umweltgifte einfach zu „verdünnen“ – ein Euphemismus, denn, egal wie verdünnt, bleiben sie ja in voller Anzahl erhalten – und schlicht in die Umwelt zu kippen.

1.
Überblick: Andrei Sacharow, Frank von Hippel, 14C
2. Andrei Sacharow: Radioaktiver Kohlenstoff aus Atomexplosionen und die schwellenunabhängigen biologischen Auswirkungen, 1958
3. Endlager Mensch: Die Fallstricke der Vorstellung von Verdünnung – die IAEO besucht Fukushima

Zur Startseite


14C: Das vergessene Isotop – ein Überblick

Zu Andrei Sacharow

Andrei Dmitrijewitsch Sacharow (1921 - 1981) war als Physiker maßgeblich an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beteiligt. Seine außerordentliche Begabung und wissenschaftliche Kompetenz befähigten ihn zu einer ganzen Reihe von grundlegenden Schriften über ein breites Themenspektrum: Fusionstechnik, Magnetfeldgeneratoren, Teilchenbeschleuniger, aber auch solchen zu Kosmologie (Baryonenasymmetrie) und Quantengravitation. Wie er selbst beschreibt1, entstand die hier vorgestellte Arbeit Radioaktiver Kohlenstoff aus Atomexplosionen und die schwellenunabhängigen biologischen Auswirkungen (1958) ursprünglich aus politischen Gründen, um westlichen Erklärungen über die Möglichkeit einer „sauberen“ (und damit tatsächlich auch einsetzbaren) Atombombe entgegenzuwirken. Die Erkenntnisse, die er bei der Untersuchung dieser Fragestellung gewann, gingen jedoch weit über die propagandistisch erwünschten hinaus und trugen bei Sacharow selbst zu einem Umdenken über die Einschätzung der Sinnhaftigkeit des Konzeptes des sogenannten Gleichgewichts des Schreckens bei. Auf Grund der neuen Bewertung der Folgewirkungen der Bombentests wurde die Explosionskraft der RDS-220 („Zar“-) Bombe von den ursprünglich geplanten 100 Megatonnen (MT) auf 50 MT halbiert. Wenige Jahre später unterzeichneten die USA und die damalige UdSSR ein Abkommen zum Verbot oberirdischer Atomtests.

Sacharows Überlegungen zur Notwendigkeit einer Zusammenarbeit statt einer Konfrontation zwischen den Nationen angesichts der Bedrohungen durch die Waffentechnik und seine daraus resultierende, kritische Einstellung gegenüber jedweder Ideologie, die das Wohlergehen des Einzelnen einer auf Hegemonialmacht ausgerichteten Staatsräson unterordnen will, manifestierten sich 1971 in der Gründung des Komitees zur Durchsetzung der Menschenrechte. Dadurch kam es endgültig zum Bruch mit der sowjetischen Führung, nachdem Sacharow bereits 1968 wegen seines öffentlichen Eintretens gegen die Entwicklung von Raketenabwehrsystemen (die seiner Meinung nach eine gefährliche Destabilisierung der geopolitischen Lage nach sich ziehen würde) die weitere Mitwirkung am sowjetischen Atombombenprogramm entzogen worden war.

1975 erhielt Sacharow den Friedensnobelpreis, nach dem Umschwung unter Gorbatschow war er als Mitglied des Volksdeputiertenkongresses an den Arbeiten zur Erneuerung der Staatsverfassung beteiligt.

Zu Frank von Hippel

Frank von Hippel studierte am MIT in Boston Physik und promovierte 1962 in Oxford, England. Ein Schwerpunkt seiner beruflichen Laufbahn liegt im Bereich der Verhinderung der weiteren Verbreitung (non-proliferation) von Atomwaffen; er hat mehrere amerikanische Regierungen, aber auch den früheren Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, in Abrüstungsfragen beraten. Von Hippel ist heute Professor und Ko-Direktor des Programms für Wissenschaft und Weltsicherheit der Universität von Princeton, wo er auch Mitvorsitzender des Internationalen Ausschusses für spaltbares Material (International Panel on Fissile Materials, IPFM) ist, einer Vereinigung, die sich zur Aufgabe gesetzt hat, alle Materialien, die sich zur Herstellung von Nuklearwaffen eignen, möglichst zu reduzieren und jedenfalls unter gesicherter Aufsicht zu behalten. Schon im Jahr 1974 schrieb er (gemeinsam mit Joel Primack) ein Buch mit dem Titel: Beratung und Widerspruch: Wissenschaftler in der politischen Arena, in dem die Mechanismen dargestellt werden, mit denen die Machthabenden politisch ungewollte wissenschaftliche Erkenntnisse übergehen und neutralisieren können. Die Erfahrungen von Sacharow stehen geradezu mustergültig für diesen Zusammenhang, es ist daher nur naheliegend, dass von Hippel das Vorwort zum Wiederabdruck des bahnbrechenden Artikels Sacharows von 19582 verfasste.

Zur 14C Problematik

Die Gefahren, die durch die Produktion von 14C für das Leben und die Gesundheit der Menschheit ausgehen, sind weitgehend dem Vergessen anheim gefallen. In der Schrift des bayrischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Radioaktivität und Strahlenmessung von 2006 etwa heißt es: „Der relativ kurzlebige Kohlenstoff-14 (T = 5730 a) und das Tritium, H-3, (T = 12,3 a) werden durch die Höhenstrahlung ständig nachgebildet. Für die Strahlenexposition spielen beide keine besondere Rolle, wohl aber für viele wissenschaftliche und praktisch-technische Erkenntnisse.“ (S. 14). Nun mag eine Halbwertszeit von 5.730 Jahren zwar kurz bemessen erscheinen, wenn man sie in den Kontext von 238Uran oder 232Thorium stellt (mit Halbwertszeiten von mehreren Milliarden Jahren), doch liegt die besondere Qualität von 14C in der Tatsache, dass biologische Gewebe aus Kohlenstoffverbindungen bestehen und somit das radioaktive Isotop vom Körper in gleicher Weise wie das stabile Element 12C zum Strukturaufbau genutzt wird. Die Strahlenquelle wird also Teil des Körpergewebes, was das Risiko einer Schädigung der Zellen im unmittelbaren Umfeld durch die andauernde Belastung massiv erhöht3. Der Anteil von 14C in der Atmosphäre war durch die Atomtests bis zur Beendigung der oberirdischen Tests verdoppelt worden. Wenn auch die Sonnenaktivität einen fluktuierenden Einfluss auf die Gesamtmenge des konstant neu erzeugten 14C ausübt und der Anteil an 14C in der Atmosphäre seit 1963 wieder gefallen ist, so besteht das Problem insofern weiter, als 14C einer der Stoffe ist, die beim Betreiben eines Atomreaktors routinemäßig frei gesetzt werden4,5.

Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Carbon-14
Man beachte, dass die Werte für Österreich, welche die nördliche Erdhalbkugel repräsentieren sollen, mit dem Jahr 1984, also noch vor Tschernobyl, enden.

Dadurch wird der unvermeidlich natürlich in der Atmosphäre entstehende Anteil an 14C ständig künstlich erhöht. Das 14C wird von Pflanzen und Algen in der Form von 14CO2 aufgenommen und gelangt so in die Nahrungskette, wo die 14C Atome, entsprechend der langen Halbwertszeit, immer und immer wieder „recycled“, also neuerlich in lebendigen Strukturen verbaut werden – wenn man von 10 Halbwertszeiten ausgeht, die benötigt werden, um dieses zusätzliche 14C wieder los zu werden, sprechen wir hier also von einem Zeitraum von zirka 57.000 Jahren!

1) Andrei Sacharow: Memoiren. Kapitel 14: Schwellenunabhängige biologische Wirkungen
2) Science & Global Security, 1990, Volume I, pp.175-187
3) 2010 Recommendations of the European Committee on Radiation Risk (ECRR): The Health Effects of Exposure to Low Doses of Ionizing Radiation
4) W. Burkhard, C-14: Radiologische Umweltbelastung durch Kernkraftwerke. Eidg. Institut für Reaktorforschung Würenlingen, Schweiz 1977
5) Estimation of Carbon-14 in Nuclear Power Plant Gaseous Effluents, EPRI, 2010

Zurück

Zur Startseite


Radioaktiver Kohlenstoff aus Atomexplosionen und die
schwellenunabhängigen biologischen Auswirkungen

von  Andrei Dmitrijewitsch Sacharow

Vorwort von Frank von Hippel

In diesem Artikel, der im Juni [! sic: im Juli; AdÜ] 1958 im sowjetischen Journal Atomenergie erschienen ist, berechnet Sacharow, dass in Folge einer oberirdischen Atomexplosion mit der Sprengkraft von einer Megatonne schlussendlich rund 10.000 Menschen durch die Radioaktivität an Krebserkrankungen, genetischen Defekten und anderen Störungen zu leiden haben würden. Diese Einschätzung bedeutet für den 1961 durch die Sowjets gezündeten Atomtest mit einer Sprengkraft von 58 Megatonnen (MT), dass auf lange Sicht nur durch diese eine Atomexplosion etwa eine halbe Million Menschen geschädigt werden bzw. den Tod finden. Die Detonation der Bombe erzeugte außerdem 10 % des Fallouts aller bis dahin durchgeführten oberirdischen Atomexplosionen.

Sacharow drang mit seinen Begründungen gegen diese Art von Tests bis zu Chruschtschow vor. Er wurde aber – laut eigenen Angaben – von Chruschtschow in schroffem Ton darauf hingewiesen, dass die Verantwortung der Wissenschaftler beim Entwurf der Waffen liege, dass es aber die Verantwortung der Regierung sei, darüber zu entscheiden, wie diese Waffen einzusetzen sind. Damit war es mit Sacharows Glauben vorbei, dass über den Dienstweg etwas zu erreichen sein könnte.

Obwohl das sowjetische Journal, in dem dieser Artikel erschien, übersetzt wurde und in englischer Sprache erschien, und obwohl auch unabhängige US-amerikanische Wissenschaftler, insbesondere Linus Pauling, zu einer ähnlichen Einschätzung kamen, wurde dieser Aufsatz von Sacharow im Westen fast nicht wahrgenommen.

Hat sich Sacharows Einschätzung über die Jahre also bewährt? In einem kurzen Anhang vergleiche ich seine Annahmen über die Strahlenbelastung und deren biologische Auswirkungen auf die Bevölkerung mit den neuesten Einschätzungen bei gleichen Ausgangsbedingungen. Sacharows Einschätzung der Dosisbelastung der einzelnen Mitglieder der Bevölkerung scheint etwas zu hoch zu sein, der Parameter, der die Gesundheitsauswirkungen durch die Belastung angibt, aber zu niedrig. Sein Ergebnis ist in guter Übereinstimmung mit den Annahmen, die heute für richtig gehalten werden, nämlich, dass die Niedrigstrahlung, die von dem bei den Explosionen erzeugten Kohlenstoff-14 (14C) ausgeht und anschließend über Jahrtausende in der Biosphäre zirkuliert, pro Megatonne Sprengkraft bei atmosphärischen Atomtests 10.000 Tote zu erwarten sind, sowie darüber hinausgehend die unterschiedlichsten Gesundheitsbeeinträchtigungen.

Frank von Hippel
Vorsitzender des US-amerikanischen Redaktionskollegiums


Dieser Artikel ist ursprünglich in der sowjetischen Zeitschrift Atomenergie (Атомная энергия), 4, 6, im Juni [sic!] 1958 erschienen und wurde von der Firma Consultants Bureau ins Englische übersetzt. Sie wurde in der Zeitschrift Science & Global Security 1, 4 im Jahr 1990 veröffentlicht. Der Neuabdruck erfolgte im Zuge des 20-jährigen Jubiläums dieser Zeitschrift.


1. Einleitung

Bei jeder Atomexplosion, und das schließt die sogenannten „sauberen“ (nicht auf Atomspaltung basierenden) Wasserstoffbomben ein, wird eine gewaltige Anzahl von Neutronen an die Atmosphäre abgegeben (siehe § 2), die dann von dem dort vorhandenem Stickstoff in der folgenden Reaktion

n + 14N → p + 14C

eingefangen werden, wodurch das langlebige radioaktive Kohlenstoff-Isotop 14C entsteht. Dieser radioaktive Kohlenstoff gelangt in menschliches Gewebe, wo er zerfällt und dadurch Strahlenschäden verursacht, und zwar mit einer Dosis von 7,5 * 10-4 R [1 R ~ 1 rad ~ 0,01 Gray ~ 10 mSv] pro Megatonne Sprengkraft (siehe § 3).

Um das Ausmaß des Schadens für die Menschheit durch diese Produktion von radioaktivem Kohlenstoff abschätzen zu können, werde ich folgende Annahmen treffen:

   - Die Bevölkerung der Erde über die nächsten paar tausend Jahre wird bei 30 Milliarden Menschen liegen
   - Eine Belastung der Keimzellen mit 1 R führt in 10-4 Fällen zu Erbkrankheiten
   - Andere schwellenunabhängige biologische Effekte verdreifachen die Anzahl von Opfern (siehe § 4)

Die Gesamtzahl der Opfer von radioaktivem Kohlenstoff liegt also bei obigen Annahmen bei 6.600 Personen. Diese Anzahl verteilt sich über einen Zeitraum von zirka 8.000 Jahren. Hinweisen in den Daten von O.I. Leipunsky zufolge1 erhöhen schwellenunabhängige biologische Effekte durch radioaktives Strontium und äußerliche Strahlung durch radioaktives Cäsium die Anzahl der Opfer in unserer Generation und in der darauf folgenden um den Faktor 1,5. Die Gesamtanzahl der Opfer auf Grund der bereits durchgeführten Tests (einer Sprengkraft von 50 Megatonnen) wird auf 50.000 geschätzt. Dies scheint eine konservative Annahme zu sein. Man kann legitimerweise nicht ausschließen, dass die Gesamtzahl von Opfern bereits bei einer Million liegt und dass diese Zahl jährlich um 200.000 bis 300.000 Menschen ansteigt.

Die Fortsetzung der Tests und alle Bestrebungen, Kernwaffen und deren Tests zu legalisieren, widersprechen der Humanität und dem internationalen Recht. Die von sogenannten „sauberen“ (nicht auf Atomspaltung basierende) Bomben ausgehende radioaktive Gefahr entzieht jeglichen propagandistischen Beteuerungen, dass es sich auf Grund des speziellen Charakters dieser Waffe nicht um ein Instrument der Massenvernichtung handle, die Basis.

2. Die Bildung von Neutronen bei Kernexplosionen

In einer Atomexplosion (durch Atomspaltung) wird jeder Zerfallsakt von einer Vergrößerung der Neutronenanzahl um den Faktor ν – 1 begleitet (wobei ν der Anzahl der erzeugten Neutronen durch die bei der Spaltung eingefangenen Neutronen entspricht). Eine unbedeutende Zahl von Neutronen wird vom umhüllenden Material absorbiert (wobei Plutonium entsteht). Wir nehmen an, dass bei jeder einzelnen Spaltung (bei 180 MeV) die Anzahl der erzeugten Neutronen ν – 1 = 1,5 beträgt. Im Sprachgebrauch des Militärs wird die Explosionsenergie als TNT-Äquivalent angegeben. Eine Explosion von einer Megatonne TNT entspricht der Spaltung von 60 kg Uran oder Plutonium, mit einer Abstrahlung von 2,25 x 1026 Neutronen.

Es gibt zwei verschieden Arten von thermonuklearen Bomben, und zwar solche, die flüssiges Deuterium, und solche, die ein chemisches Gemisch von Deuterium mit dem leichten Isotop 6Lithium nutzen. Die erste dieser Bomben erzeugt viel mehr Neutronen pro Energieeinheit. Wir werden jedoch unsere Überlegungen auf den zweiten Typ beschränken, denn es scheint, als ob es gerade dieser Typ ist, dem zurzeit am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die grundlegenden Reaktionen, die in dieser Bombe ablaufen, sind:

D + D
D + D
n + 6Li
3H + D
→  3He + n
→  3H + p
→  4He + 3H
→  4He + n
(1)
(2)
(3)
(4)

Die effektive Wahrscheinlichkeit (also der Querschnitt multipliziert mit der Reaktionsintensität) ist bei den Reaktionen (3) und (4) ungefähr hundertmal größer als bei den Reaktionen (1) und (2).

Die meiste Explosionsenergie kommt von den „schnellen“ Reaktionen (3) und (4). Diese Reaktionen unterstützen sich gegenseitig, und zusammengenommen lassen sie die Gesamtanzahl von Neutronen und Tritiumkernen unverändert. Die „langsamen“ Reaktionen (1) und (2) sind die anfänglichen Neutronen- und Tritiumquellen.

Eine detaillierte Untersuchung der Kinetik der Reaktionen (1) – (4) zeigt, dass, sobald das 6Li ausreichend abgebrannt ist, ein Zyklus der Reaktionen (3) und (4) ungefähr 0,2 Neutronen und 0,2 Tritiumkerne hinterlässt, die als Resultat aus (1) und (2) entstehen. In diesem Zyklus werden 22 MeV Energie frei, was bedeutet, dass ein Neutron pro 110MeV Puls frei wird. Diese Zahl ist der von 180 MeV / 1,5 = 120 MeV für eine einzelne Atomspaltung sehr nahe.

In einer Wasserstoffbombe mit einer Uranummantelung resultiert ein großer Teil der Energie aus der Spaltung von 238Uran durch schnelle Neutronen aus den Reaktionen (4) und (1). Da aber die Anzahl von Neutronen pro Energieeinheit für eine Kernspaltung und einen thermonuklearen Puls fast gleich sind, können wir sagen, dass in letzterem Fall ebenso 2,25 * 1026 Neutronen pro Megatonne entstehen.

3. Berechnung der Strahlungsdosis

Wir werden experimentell erhobene Daten benutzen, die sich auf 14C natürlicher Herkunft beziehen2,3. Die kosmische Strahlung löst eine Vielzahl an atomaren Reaktionen in den oberen Schichten der Atmosphäre aus, und ein Resultat dieser Reaktionen ist die Bildung von Neutronen mit einer Rate von 2,6 – 2,4 Neutronen pro cm2 und Sekunde. Ungefähr 95% davon werden, nachdem die Neutronen abgebremst wurden, von atmosphärischem Stickstoff eingefangen, wodurch mittels nachfolgender Reaktion 14C entsteht:

n + 14N → p + 14C

Die Halbwertszeit von 14C beträgt 5570 Jahre. Auch in biochemischen Abläufen verhält sich 14C sehr ähnlich wie stabiler Kohlenstoff. Während dieser Verweildauer erreicht die Konzentration von 14C ein Gleichgewicht mit dem stabilen Kohlenstoff im sogenannten Austauschreservoir, also atmosphärischem Kohlenstoff in Form von CO2, dem Kohlenstoff in Flüssen und Meereswasser in löslichen Verbindungen und schließlich dem Kohlenstoff in Lebewesen. Die Konzentration von natürlichem 14C wurde experimentell festgestellt. In 1 Gramm natürlichem Kohlenstoff aus dem Tauschreservoir finden 0,25 Zerfälle pro Sekunde statt, was 6 * 1010 Atomen 14C in 5 * 1022 Atomen Kohlenstoff entspricht. Die Oberfläche der Erde misst 5 * 1018 cm2. Daraus ergibt sich, dass die Wahrscheinlichkeit für den Zerfall eines einzigen 14C Atoms in der Atmosphäre pro Gramm Kohlenstoff im Austauschreservoir bei 0,25 / (2,6 * 5 * 1018) = 2 * 10-20 liegt.

Wir werden annehmen, dass sich das geochemische Umfeld der Erde über die nächsten paar tausend Jahre nicht wesentlich verändert. Dann aber gilt die Zerfallswahrscheinlichkeit für ein Gramm Kohlenstoff, welches wir für natürliches 14C ermittelt haben, auch für die Kohlenstoffisotope, welche bei der Detonation von Atombomben entstehen.

Die gleiche Aussage kann auch durch lineare Gleichungen beschrieben werden. Jede Lösung eines linearen Gleichungssystems (mit den unabhängigen Variablen x und t), dessen rechte Seite q(t) am Punkt x = 0 ist, kann durch eine Superposition von einzelnen Lösungen nach folgender Art ausgedrückt werden:

wobei gilt: τ = t – t0 und n eine Greensche Funktion ist.


Für den speziellen Fall eines steten Ausgangs q0 am Punkt x = 0 ist die Lösung für x = x0

In unserem Fall beschreibt x die Koordinaten von Punkten im Austauschreservoir und x = 0 die oberste Schicht der Atmosphäre; q0 = 2,6 / 4πR2  Neutronen cm-2  s-1 ; N0 = 0,25 Zerfälle s-1 g-1; R = 6,3 * 108 ist der Radius der Erde in Zentimetern; n(x0, t – t0) ist die Anzahl von Zerfällen pro Gramm natürlichen Kohlenstoffes pro Sekunde am Punkt x0 zur Zeit t dividiert durch die in der Atmosphäre zum Zeitpunkt t0 produzierte Anzahl von 14C Atomen.

Wir erhalten somit  n dτ = 2 * 10-20 pro Gramm.

Bei einer Explosion von einer Megatonne erhalten wir (2,25 * 1026) * (2 * 10-20) = 4,5 * 106 Zerfälle pro Megatonne und Gramm.

Wir drücken die Strahlungsdosis in Röntgen aus, setzen ein Röntgen ungefähr einem Rad (rd) gleich, also jener Dosis, die zirka 100 erg ionisierender Energie pro Gramm Gewebe entspricht.

Die maximale Energie des 14C Beta-Zerfalls beträgt 0,154 MeV, von dem ungefähr zwei Drittel durch Abgabe eines Neutrinos entweichen. Daher werden im Gewebe rund 0,05 MeV frei, oder 8 * 10-8) erg pro Zerfall.

Unter der weiteren Annahme, dass Kohlenstoff einen Anteil von rund 18% am Körpergewicht hat, ergibt sich als Gesamtenergie, die pro Gramm Gewebe als Resultat einer 1 Megatonnen-Bombe frei gesetzt wird: 0,18 * 4,5 * 106 * 8 * 10-8 = 7,0 * 10-2 erg/g = 7,5 * 10-4 R

Die Daten sind nicht so gut, wenn wir zur Verteilung des Zerfalls auf der Zeitachse kommen, also dem Aufbau der Funktion n(x0, t). Unter der Nutzung von Andersons3 Schätzung von 8,5 g/cm2 für die Masse im Austauschreservoir können wir annehmen, dass sich ein Gleichgewicht in relativ kurzer Zeit einstellt, jedenfalls gemessen an der Halbwertszeit von 14C, und dass das 14C das Reservoir nur in einem vernachlässigbaren Ausmaß wieder verlässt. Auf Grund dieser Annahmen wird die Zeitabhängigkeit des Zerfalls ein Exponential der Form exp(-t/8000 Jahre) sein.

4. Schwellenunabhängige biologische Auswirkungen von Strahlung

Ein thermonuklearer Krieg beinhaltet die potentielle Gefahr, dass die gesamte Menschheit einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt werden könnte (ungefähr 600 rad). Diese Gefahr scheint durch die Atombombentests nicht gegeben zu sein, da bei der jetzigen Anzahl von Tests die Dosis pro Person 1 Röntgen nicht übersteigt. Nichtsdestoweniger werden Milliarden von Menschen dieser Dosis zusätzlich zur Hintergrundstrahlung ausgesetzt und sie werden es (im Falle von 14C) für hunderte Generationen bleiben. Das Maß an Krankheit, das durch die zusätzliche Strahlung der Atombombentests unter diesen Bedingungen hervorgerufen wird, ist durch die sogenannten schwellenunabhängigen biologischen Effekte gegeben. Die Anzahl ist proportional zur Gesamtdosis für die ganze Menschheit (also die Dosis in Röntgen pro Person multipliziert mit der Anzahl von Menschen), unabhängig von der Aufteilung der Strahlung in der Population oder ihrer Abhängigkeit von der Zeitachse.

Der einfachste schwellenunabhängige Effekt der Strahlung ist die Auswirkung auf das Erbmaterial4-6. Die Erbeigenschaften werden durch die Gene weitergegeben, eine spezielle Struktur in den Chromosomen der Zellkerne. Eine einzige Ionisation ist ausreichend dafür, dass es zu einer unumkehrbaren Veränderung in einem Gen kommen kann (eine sogenannte Mutation), sodass genetische Veränderungen als Resultat von schwächsten Strahlungsdosen auftreten können, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit, die sich zur Dosis streng proportional verhält.

Jedes Gen ist in gewisser Weise ein Buchstabe im biochemischen Ablauf der Entwicklung eines Embryos. Daher kann eine Veränderung in einem Gen in manchen Fällen (im Falle von dominanten Mutationen oder einer Häufung von Mutationen) zu sehr bedeutsamen erblichen Veränderungen führen.

Zum jetzigen Zeitpunkt sind vielleicht 2 % der Geburten von Erberkrankungen betroffen, die durch eine Mutation ausgelöst wurden (Schizophrenie, Hämophilie, Diabetes, und viele andere). Die Anzahl von tatsächlichen Mutationen ist kleiner, denn einige Menschen mit Erbkrankheiten pflanzen sich fort, und eine einzige Mutation kann Auswirkungen über mehrere Generationen hinweg haben. Dies stört allerdings nicht die Proportionalität zwischen der Anzahl von Mutationen und der Anzahl von Erberkrankungen. Der heute akzeptierten Ansicht zufolge, die sich auf die Mäuseexperimente von Meller stützt, werden 5 Prozent der Mutationen, also auch der Erberkrankungen, durch die natürliche Radioaktivität bedingt (10 R über ein Menschenleben von 60 Jahren gerechnet). Wenn wir diese Zahlen bedenken, können wir einen Koeffizienten erstellen, der den durch Strahlung verursachten Anstieg von Erbkrankheiten beschreibt:

(0,02 * 0,05) / 10 = 10-4 pro Röntgen

Die durchschnittliche menschliche Bevölkerung während der Zeit, in der das 14C abklingt, wird wahrscheinlich 30 Milliarden Menschen betragen (ca. 10- oder 11-mal mehr als heute). Diese Schätzung ist nicht unvereinbar mit der Erhöhung der Produktivität der Erde durch den wissenschaftlichen Fortschritt.

Wenn wir diese Zahl benutzen, erhalten wir (nur für radioaktiven Kohlenstoff) 3 * 1010 * 10-4 * 7,5 * 10-4 = 2.200 Fälle von Erbkrankheiten für eine Bombe der Größe von einer Megatonne, oder 110.000 Fälle durch alle bereits durchgeführten Tests.

Bei Tieren und Pflanzen entstehen durch Mutationen manchmal auch höhere Formen. Es ist denkbar, dass Mutationen beim Menschen (und auch Erbkrankheiten) gutgeheißen werden sollten, da sie für ein notwendiges Übel in der biologischen Fortentwicklung des Menschen gehalten werden könnten. In Wahrheit aber verändert sich die menschliche Natur nun viel stärker durch soziale Faktoren. Wir neigen also dazu, unkontrollierbare Mutationen schlicht für etwas Böses zu halten, und Experimente mit Atomwaffen lediglich als einen zusätzlichen Grund für den Tod von zehntausenden, ja sogar hunderttausenden von Menschen.

Ein weiteres Beispiel für den schwellenunabhängigen Effekt der Auswirkungen von Strahlung ist möglicherweise die Anzahl von Krebserkrankungen7 und von Leukämiefällen.

Es konnte gezeigt werden, dass die krebserzeugenden Effekte verschiedener karzinogener Stoffe sich addieren. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die aktiven Radikale, die durch die Ionisation entstehen, sich qualitativ irgendwie anders verhalten. Daher wird der Anstieg von Krebserkrankungen oder, was das Gleiche ist, das Absinken des Alters, in dem der Krebs auftritt, eine lineare Funktion jener Dosis sein, der die Menschheit ausgesetzt ist. Der Gesamtkoeffizient für alle Krebsarten und Leukämie, so wird angenommen, ist in derselben Größenordnung wie der für genetische Schäden, also 1 – 2 * 10-4 Fälle/R. Teilweise bestätigt wird diese Vermutung durch die Unterlagen zur Häufigkeit von Leukämiefällen, einer Berufskrankheit von Radiologen und in mancher Hinsicht dem Krebs verwandt. Der Effekt von Strahlung auf diese Krankheit ist einfach zu studieren, denn sie tritt in der Natur nur selten auf. Eine Dosis von einem einzigen Röntgen im Jahr ergibt einen Anstieg von Todesfällen durch Leukämie um einen Faktor von 2 * 10-6, und über die Spanne von 30 Jahren der Berufsausübung ergibt das 6 * 10-5. Dieser Faktor hat die gleiche Größenordnung wie derjenige, der für andere Krebsformen angenommen wird.

Ein möglicher (wenn auch nicht experimentell bewiesener) schwellenunabhängiger Effekt der Strahlung ist eine Verringerung der immunologischen Reaktionen des Organismus. Höchstwahrscheinlich sind auch vorzeitiges Altern und Tod eine schwellenunabhängige Auswirkung. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Radiologen (die einer durchschnittlichen Belastung von wahrscheinlich nicht mehr als 1000 R ausgesetzt sind) beträgt 5 Jahre weniger als für den Bevölkerungsdurchschnitt. Das bedeutet, dass ein vorzeitiger Tod mit einer in 10-4 Fällen pro Röntgen eintreten dürfte.

Weiters sollten wir vielleicht anmerken, dass Mutationen zwar für die Menschheit nicht sonderlich erstrebenswert sind, bei Viren und Bakterien aber die Überlebenswahrscheinlichkeit stark erhöhen können. Ein Beispiel ist die Mutation, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Diphterie auftrat, weitere Beispiele die periodisch auftretenden Grippeepidemien, die einen großen Anteil der Weltbevölkerung erfassen. Es ist schwer, diesen Effekt einzuschätzen, obwohl es plausibel erscheint, anzunehmen, dass er genauso schädlich ist wie der genetische.

Alles in allem beträgt nach unserer annäherungsweisen und wahrscheinlich konservativen Einschätzung der Verlust an Menschenleben durch alle schwellenunabhängigen biologischen Effekte mindestens das Dreifache der genetischen Auswirkungen, das bedeutet eine Rate von 3 * 10-4 pro Röntgen. Die Summe aller oben genannten Faktoren (ohne Abzüge für „Unklarheit“) ergäbe 6 * 10-4 pro Röntgen.

Der Radiokohlenstoff aus den Tests, die bereits stattgefunden haben, wird sich daher auf zirka 330.000 Menschen auswirken.

Wie bestens bekannt, ist ein wichtiger Faktor der Fallout von radioaktivem Strontium und Cäsium. Leipunskys Ergebnissen zufolge erwarten wir, dass die Schäden am Knochengewebe durch Strontium und die externen Effekte durch Cäsium in etwa 0,5-mal die von 14C sind. Der Vollständigkeit halber geben wir hier noch einen kurzen Überblick über die entsprechenden Berechnungen. Wenn die Tests auf dem jetzigen Niveau fortgesetzt werden (also 10 bis 15 Megatonnen pro Jahr), wird die Konzentration von radioaktivem Strontium in den Knochen ungefähr 65 Strontium-Einheiten (pCi/g Kalzium) ausmachen, was bedeutet, dass die Strahlungsdosis pro Jahr 160 * 10-3 R/Jahr oder 1 - 1,5 * 10-2 R pro Megatonne beträgt. Diese Dosis ist krankheitserzeugend mit in etwa der halben Häufigkeit der 7,5 * 10-4 R pro Megatonne für Radiokohlenstoff, da sie eine Population von 2,5 Milliarden Menschen (entspricht einem Faktor von 1/12) und dort nur das Skelett betrifft, das ergibt einen Faktor von 1/3. Der Effekt von äußerlicher Bestrahlung durch Gammastrahlen auf Grund von Cäsium ist in der Größenordnung von 10-3 R pro Megatonne, und wenn man die kleinere Population einrechnet, so führt das zu etwa 10 % des 14C-Effektes. Daraus folgt, dass der Verlust an Menschenleben bei einer Explosion von einer Megatonne rund 10.000 Personen betrifft und der Verlust insgesamt, in Folge aller Atomtests, rund 500.000. Dies ist eine konservative Schätzung; wenn wir noch weitere radioaktive Isotope einschließen würden, andere Arten der schädigenden Wirkung von Strahlung und eine umfassendere Berechnung aller schwellenunabhängigen und schwellenabhängigen Effekte, dann wäre die Zahl noch größer. Wir können nicht ausschließen, dass die Gesamtanzahl von Opfern bereits eine Million von Menschen erreicht hat und dass jedes Jahr der Fortsetzung von Atomtests diese Anzahl um 200.000 bis 300.000 Menschen erhöht.

Welche Moral und politische Schlussfolgerungen ergeben sich auf Basis der obigen Zahlenwerte?

Eines der Argumente, das von denen präsentiert wird, welche die Theorie vertreten, Atomtests seien „harmlos“, ist, dass die kosmische Strahlung zu Dosen führt, die größer sind als jene der Tests. Dieses Argument berücksichtigt nicht, dass wir das Ausmaß von Leid und Tod auf dieser Welt erhöhen, das Leid und den Tod von hunderttausenden zusätzlichen Opfern, einschließlich derer in neutralen Staaten und in zukünftigen Generationen. Zwei Weltkriege haben die Sterberate auch nur um weniger als 10 % erhöht, aber das macht den Krieg nicht zu einem normalen Ereignis.

Ein anderes Argument, das in der Literatur einer ganzen Reihe von Ländern zu finden ist, besagt im Kern, dass der Fortschritt der Zivilisation und neue technische Errungenschaften in vielen Fällen zu menschlichem Leiden geführt haben - zum Beispiel werden oft Autounfälle als Vergleich herangezogen. Aber dieser Vergleich ist nicht zulässig. Das Automobil erhöht den allgemeinen Lebensstandard, führt aber nur in Einzelfällen zu Unfällen, und zwar in direkter Folge von Unvorsichtigkeit einzelner Personen, die dann auch rechtlich haften. Das durch die Atomtests verursachte Leid aber folgt unauslöschlich nach jeder Explosion. Dem Autor scheint es, dass alle moralischen Implikationen des Problems in der Tatsache gründen, dass das Verbrechen nicht bestraft werden kann (da unmöglich nachzuweisen ist, dass ein spezifischer Todesfall durch Strahlung ausgelöst wurde), sowie in der Wehrlosigkeit zukünftiger Generationen unseren Handlungen gegenüber.

Ein Teststopp führt direkt zur Rettung von hunderttausenden Menschenleben und wird das noch wichtigere indirekte Resultat mit sich bringen, die internationalen Spannungen abzubauen und damit die Gefahr eines Atomkrieges, der grundlegenden Bedrohung in unserer Zeit.

Dank
Der Autor möchte die Gelegenheit wahrnehmen, O. I. Leipunsky seinen Dank für seine wertvollen Erörterungen auszudrücken.

Redigiert am 8. Juli 1958


Anmerkungen und Literaturhinweise

1. O. I. Leipunsky: Atomenergie (Атомная энергия) III, 12, 530, 1957
2. E.C. Anderson: Annual Review of Nuclear Science 2, 63, 1953
3. W. F. Libby: Radiocarbon Dating, University of Chicago Press, 1953
4. H. J. Müller: Acta radiologica 41, 5, 1954
5. N. P. Lubinin: Strahlung und menschliches Erbgut (Радиация и наследственность человека), Manuskript
6. S. N. Ardaschnickow, N. Schapiro: Mögliche Einflüsse der durch Atomwaffentests erhöhten Strahlung auf das menschliche Erbgut (О возможности влияния на наследственность человека повышения уровня радиации, вызванного испытаниями атомного оружия), Manuskript
7. Biologische Gefahren der Atomkraft (Biological Hazards of Atomic Energy), herausgegeben von Glucksmann, Clarendon Press, Oxford, 1953


Anhang: Sacharows Annahmen noch einmal aufgerollt
Frank von Hippel

Sacharows Einschätzung ist das Produkt zweier Faktoren:
  - Die Strahlendosis für die Gesamtbevölkerung: die Summe aller Strahlenbelastungen von Einzelpersonen durch Radioaktivität als Folge oberirdischer Atomexplosionen bis zu deren Abklingen
  - Die Summe von dosisabhängigen Koeffizienten, die für jedes einzelne Individuum die Wahrscheinlichkeit von Gesundheitsauswirkungen angeben

Ich möchte nachfolgend einen Überblick darüber geben, was wir über diese Fragen wissen.

Strahlendosen für die Gesamtbevölkerung
Der Report der Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahr 1982: „Ursprung und Auswirkung Ionisierender Strahlen“ (S.243) enthält die Einschätzung, dass die Weltbevölkerung durch atmosphärische Atomtests einer Belastung von 0,26 rad durch 14C und ca 0,12 rad durch andere Spaltprodukte ausgesetzt ist (1 rad = 10-2 Sievert). Die Dosen werden im Wesentlichen auf die gleiche Art berechnet wie von Sacharow. Die wirksame Dosis ist dann über die durchschnittliche Belastung definiert, integriert über die Zeit:

Fast die ganze wirksame Dosis des 14C steht noch aus. 14C hat eine Halbwertszeit von 5.600 Jahren und verschwindet nur äußerst langsam, über Jahrtausende hinweg, aus dem Kreislauf zwischen Atmosphäre und Wasseroberflächen der Biosphäre in tiefe Ozeanschichten. Ein Großteil der wirksamen Dosis aus kurzlebigeren Spaltprodukten ist bereits aufgetreten. Dem gleichen UN Report zufolge (S. 227) lag die gesamte Sprengkraft aller atmosphärischen Atomtests bei 545 Megatonnen. Daher führen die obigen Annahmen zu einer wirksamen 14C Dosis von 0,26 / 545 = 5 x 10-4 rad pro Person für jede Megatonne. Sacharows Annahme ist etwa 1,5-mal größer.

Die Bevölkerungsgesamtdosis erhält man, wenn man die individuell wirksame Dosis mit der anzunehmenden Weltbevölkerung für den Zeitraum multipliziert, in dem die Belastung anhält. Eine angemessene Weltbevölkerung, mit der man die Belastung durch die Spaltprodukte multiplizieren könnte, ist um die 4 Milliarden (1960 war die Bevölkerung ca 3 Milliarden, und heute [1992] sind es über 5 Milliarden). Im Falle des dominanten Isotops 14C aber werden 90 % der Belastungen erst nach 2050 auftreten. Die angemessene Größe für die Weltbevölkerung in einer derart fernen Zukunft ist unbekannt.

Sacharow nahm das Eintreten einer Stabilisierung der Weltbevölkerung bei 30 Milliarden an – sechs Mal so groß wie in den späten 1980ern. Diese Zahl erscheint heute als zu hoch gegriffen. Die Vorhersage der UN ist rund 10 Milliarden. Wenn wir von dieser Zahl ausgehen, so wäre die Bevölkerungsgesamtdosis durch 14C bei einer 1 Megatonnen-Bombe 5 * 10-3 * 1010 = 5 * 106 rad pro Person – ein Sechstel von Sacharows Annahme. Die Strahlendosis durch andere, bei Atombombenexplosionen freigesetzte Isotope würde diese Zahl wegen der geringeren Weltbevölkerung zur Zeit ihrer Wirksamkeit um nicht mehr als 20 % vergrößern.

Dosis-Wirkungs-Beziehung
Dem Report der National Academy of Sciences (NAS) von 1990 zufolge, „Gesundheitsauswirkungen durch Niedrigstrahlungsexposition“, liegt die Einschätzung des Risikos für Krebstod durch Ganzkörperbelastung von Gamma- und Betastrahlen in niedrigen Dosen bei 0,9 * 10-3 pro rad, mit einem Unsicherheitsfaktor von 30 %. Diese Einschätzung könnte vermutlich auf 1,8 * 10-3 verdoppelt werden, wenn nicht tödlich verlaufende Krebserkrankungen ebenfalls inkludiert werden. Der NAS Report geht weiters von einem Risiko von 0,06 * 10-3 Fällen schwerer Gendefekte in künftigen Generationen pro rad aus, allerdings mit einem großen Unsicherheitsfaktor.

Diese Parameter resultieren also in einer Annahme von ungefähr 2 * 10-3 Krebserkrankungen und Gendefekten pro rad. Zum Vergleich: Sacharow benutzte eine Annahme von 3 * 10-4, Effekte wie die Beschädigung des Immunsystems und der Mutation von Grippeviren sowie von Bakterien eingeschlossen, für die ich aber keine offiziellen, neueren Einschätzungen finde. Aber auch so ist Sacharows Dosis-Effekt Koeffizient nur ein Sechstel der heutigen offiziellen durchschnittlichen Einschätzung für Krebs und Gendefekte.

Zusammenfassend erscheint Sacharows Einschätzung bei der Bevölkerungs-Dosis zurzeit als um einen Faktor von vier zu hoch und die Summe seiner Dosis-Wirkungs-Beziehung um einen Faktor von sechs zu niedrig, aber das Produkt dieser Faktoren hat sich nicht wesentlich verändert, besonders, wenn man die großen Unsicherheiten bei beiden in Betracht zieht.

-----

Quellen:
http://scienceandglobalsecurity.org/ru/archive/sgsr01sakharov.pdf
http://scienceandglobalsecurity.org/ru/archive/sgsr17sakharov.pdf
http://scienceandglobalsecurity.org/archive/sgs17sakharov.pdf

Zurück

Zur Startseite


Endlager Mensch

Vom Wesen der „Verdünnung“ im Maßstab der Atomtechnologie: Anmerkungen zum Vorschlag der IAEO, das radioaktive Wasser von Fukushima Daiichi verdünnt ins Meer abzulassen

Wie wir alle wissen, wird im Labor von Fukushima Daiichi mit der Zukunft der Menschheit und der Zukunft der gesamten Biosphäre experimentiert. Das Problem liegt darin, dass die in Fukushima außer Kontrolle geratenen, abgebrannten Brennelemente an einem Punkt so viele hochtoxische, radioaktive Elemente konzentrieren, dass das Schadenspotential dasjenige der gesamten atmosphärischen Atomtests übersteigt. Die Bedrohung der Menschheit durch diese Bombentests ist bekannt: es ist kein Zufall, dass sich auf der Höhe des kalten Krieges die Hauptkontrahenten des Konflikts, die USA und die UdSSR, darauf einigen konnten, von einer Fortsetzung atmosphärischer Atomtests Abstand zu nehmen; mit einer gewissen Verzögerung kamen auch alle restlichen Atommächte zur gleichen Einsicht.

Was macht die radioaktiven Isotope, die sowohl bei der Explosion von Atombomben wie auch beim Betrieb von Atomkraftwerken entstehen, so gefährlich? Nun, jedes einzelne Atom der so entstehenden künstlichen Elemente – sei es Cäsium oder Plutonium, 129Iod oder Strontium, um nur einige zu nennen – zerfällt, und bei diesem Zerfall (= ionisierende Strahlung = „Radioaktivität“) wird ein Energieimpuls frei, der wesentlich stärker ist als die Bindungskräfte innerhalb der Moleküle, welche die Bausteine des Lebens ausmachen. Mit anderen Worten: trifft diese spontan frei werdende Energie auf ein Molekül, das zB Erbinformation enthält, also den Bauplan, ohne den keine einzige Zelle existieren kann, so wird dieser Bauplan des Lebens beschädigt oder zerstört. Ist die Beschädigung nur leicht oder ist nicht eine zu große Anzahl dieser Bausteine gleichzeitig betroffen, so besitzt der Körper gewisse Möglichkeiten, den Schaden wieder zu beheben. Diese Mechanismen arbeiten aber nicht verlässlich und nicht dauerhaft: es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der Reparaturmechanismus selbst so stark geschädigt wird, dass er nicht mehr funktioniert. Die bekannteste Folge: Krebs. Die Palette der nachgewiesenen Schäden im menschlichen Organismus ist aber noch wesentlich größer:
jede Zelle kann betroffen sein, und damit jedes Organ, jedes Gewebe, jede Stoffwechselfunktion.

Es ist also für ein Überleben der Menschheit unerlässlich, dass die gigantischen Mengen an Spaltprodukten, die die Menschheit angehäuft hat, niemals mit der belebten Umwelt unseres Planeten in Kontakt kommen: nicht heute, nicht morgen und auch nicht in 100.000 Jahren, denn so lang und noch länger bleiben die tödlichen Zerfallsprozesse in einigen der von uns erzeugten Isotope aktiv. In der Praxis bedeutet dies, dass diese lebensfeindlichen Elemente irgendwie unter Verschluss gehalten und sicher aufbewahrt werden müssen, da jede Freisetzung, und sei sie auch noch so klein, zwangsläufig im Laufe der Zeit einen immer höheren Verseuchungsgrad bewirkt. Damit steigt unausweichlich die Wahrscheinlichkeit, dass eines der letalen Atome auf eines der schutzlos ausgelieferten Moleküle des Lebens trifft und dieses zerstört.

So weit, so klar. Doch das Unangenehme besteht nun darin, dass wir es hier mit so großen Zahlen zu tun haben, die jede menschliche Vorstellung bei Weitem übersteigen: die Gesamtanzahl von Zerfallsprozessen, also der zerstörerischen Energiequanten, die bislang (nach groben Schätzungen, ich nehme einen Mittelwert; die tatsächliche Zahl weiß niemand) freigesetzt wurden, lag bis Dezember 2013 bei ca 10.000 Petabecquerel (PBq). Nun, wie viele Zerfälle sind das also, 10.000 PBq? Es sind 10.000.000.000.000.000 Zerfälle. Man braucht erst gar nicht zu versuchen, sich eine so gewaltige Zahl vorzustellen: es fehlen uns für diese Dimensionen jegliche konkrete Zugangsmöglichkeiten, dem menschlichem Verständnis sind sie jenseits eines rein formelhaften, abstrakten Verständnisses, also leeren Platzhaltern, Zeichen auf einem Bildschirm oder Blatt Papier, nicht „begreiflich“ zu machen. Diese Abstraktion, diese „Unfassbarkeit“ mag einer der Gründe sein, warum wir in diesen Dingen so sorglos sind, so unglaublich naiv: Wir sind schlicht völlig überfordert.

Menschen, die es gewohnt sind, diese Überforderung mit Hilfe von weiteren Abstraktionen irgendwie „in den Griff“ zu bekommen, werden nun einwerfen, dass es ja andererseits eine noch viel größere Zahl von Molekülen in der Biosphäre gäbe, dass also die Wahrscheinlichkeit, dass sich eines der giftigen Isotope in einen Menschen verirren könnte, und dann noch dazu so unglücklich, dass dieser Mensch dadurch zu Schaden kommt, vernachlässigbar gering sei.

Gemütsmenschen dieser Art belegen mit derartigen Aussagen die bereits angesprochene geistige Überforderung, von der offensichtlich auch gerne als „Experten“ titulierte Personen betroffen sind. Dass bei Atombombenexplosionen auch 14C entsteht, war allgemein bekannt. Man ging aber davon aus, dass erstens 14C ohnehin in großen Mengen in der Atmosphäre vorhanden sei, also zweitens ein zusätzlicher Eintrag rasch „verdünnt“ werde und daher unbedenklich sei. Der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und spätere Friedensnobelpreisträger, Andrei Sacharow, berechnete genau diese Verhältnisse bereits 1958 und war über die Ergebnisse entsetzt: Nach seinen Untersuchungen waren bereits damals als Auswirkung der bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführten Atomtests 1.000.000 Menschen an den zusätzlichen Freisetzungen von 14C gestorben! (Eine aktuelle Einschätzung der Lage finden Sie auch hier).

1.000.000 Menschen, die das rein statistische Pech hatten, zum falschen Zeitpunkt eingeatmet zu haben, das falsche Glas Wasser getrunken zu haben, das falsche Brot gegessen zu haben. Da es sich bei diesem Ergebnis um das Resultat symbolischer Transformationen handelt, also statistischer Operationen, die durch die allgemein festgelegten Regeln der Mathematik bestimmt sind, kamen in etwa zur selben Zeit Physiker auf westlicher Seite zur gleichen Einsicht der drohenden Gefahr. Wie gesagt: zum Höhepunkt des kalten Krieges, im Jahr 1963, ein Jahr vor der vielleicht kritischsten Situation dieses Zeitraumes, der Eskalation im Laufe der sogenannten Kubakrise, einigten sich die verfeindeten Parteien auf einen Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Man hatte die Bedrohung, die durch eine unbesorgte Belastung der Biosphäre mit radioaktiven Isotopen ausgeht, scheinbar begriffen.

Die Größe Sacharows, des Physikers, zeigte sich aber noch in einer weiteren Überlegung: da Lebewesen trotz Schädigung durch ionisierende Strahlen umso überlebensfähiger sind, je simpler sie gebaut sind, befürchtete er, dass die nun auch bei Viren und Bakterien erhöhte Mutationsrate zu einer immer schnelleren und häufigeren Entstehung von Krankheitserregern führen müsse, die früher oder später die Abwehrmechanismen höherer Lebewesen überfordern würden. Die sich über Jahrtausende hinweg in beständigem Gleichschritt entwickelnde Ko-Evolution von Angreifern und Verteidigern komplexer Organismen gerate aus dem Lot, der Zeitraum, in dem immer neue, veränderte Krankheitserreger aufträten, wäre zu klein, als dass die körpereigene Abwehr mit den vervielfachten Angriffen fertig werden könne. Es handelt sich hier um eine Annahme, die auch heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert später, von der Wissenschaft nicht entkräftet wurde – die Zunahme von Allergien bzw von sogenannten Autoimmunerkrankungen ist allerdings bekannt (natürlich ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass sich die Belastung der Umwelt mit den verschiedensten Schadstoffen seit den 1950er-Jahren drastisch erhöht hat; bekannt ist allerdings auch, dass die Kombination verschiedener Schadstoffe den Körper sogar noch stärker belastet, als es bei einer bloßen Addition der einzelnen Effekte zu erwarten wäre).

Angesichts all dieser Fakten wäre nun zu erwarten, dass einschlägige Organisationen wie die WHO und die IAEO auf Grund der ungeheuerlichen Bedrohung, welche die Produktion radioaktiver Elemente für das Fortbestehen der Menschheit darstellt, eine sofortige Stilllegung aller zurzeit noch in Betrieb befindlichen Reaktoren mit Vehemenz fordern und umsetzen müssten. Dem ist leider nicht so. Wenn sich die IAEO auch in Bezug auf die Eindämmung der Verbreitung von Kernwaffen (non-proliferation) verdient gemacht hat, so betreibt eben diese Organisation, ihrer Charta entsprechend, die Förderung und den Ausbau der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomtechnik – eine einmalige Schizophrenie. Vollends unverständlich aber ist der Abschluss eines Knebelvertrages mit der WHO, der auch der Weltgesundheitsorganisation verbietet, eine eigenständige Position zu den Gefahren ionisierender Strahlung zu formulieren – und entsprechend zu handeln. Stattdessen wird mit veralteten Modellen und realitätsfernen Annahmen die Bedrohung einfach „weggerechnet“. Ein Beispiel dafür ist die unzulässige Anwendung von Durchschnittswerten, eine spezielle Methode, eine „Verdünnung“ herbeizurechnen. Entgegen dem Glaubenssatz der sogenannten Experten (sogenannt, weil es sich bei den Anwendern dieser Methode in übergroßer Mehrzahl um Physiker und Techniker, kaum aber um Biologen und Ärzte handelt), die mit der verzerrenden Simplifizierungen operieren, dass „die Lösung des Problems der Entsorgung in der Verdünnung liege“ („dilution ist the solution for pollution“), verhalten sich biologische Strukturen so, dass sie die Schadstoffe in ihren Körpern anreichern. Und auch nicht überall in ihren Körpern, sondern den einen Schadstoff bevorzugt im einen, den anderen in einem anderen Gewebe. Endgültig ad absurdum geführt werden die weltfremden, theoretischen Modelle unserer „Strahlenschutzexperten“ dann, wenn man sich die Verhältnisse nach größeren Freisetzungsereignissen ansieht: sobald Schadstoffe der Macht der Elemente ausgeliefert werden, werden sie von diesen nicht nur verfrachtet, sondern auf buntscheckige Art verteilt: Der Ausbreitungs- und somit Verdünnungseffekt, reduziert sich niemals auf die einfache geometrische Formensprache, wie sie in den Modellrechnungen eingesetzt wird, stets scharf abgegrenzt, stets nach wenigen Kilometern durch die bis dahin angeblich stattgefundene Verdünnung sich im Nichts auflösend. Wir erinnern uns an die ursprünglich nach den Modellen der „Experten“ in Japan ausgerufenen Evakuierungszonen?


Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Iitate_vs_Fukushima_evacuation_zones_zoomed.png


Nun, bereits die Grafik auf Wikipedia sieht etwas anders aus, die so säuberlich postulierten Kreislinien mussten bald korrigiert werden: In dem 7000-Einwohner-Dorf Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, maßen die Beobachter von IAEO und Greenpeace besonders hohe Kontaminationen beziehungsweise Strahlenbelastungen. Greenpeace forderte daraufhin die japanischen Behörden auf, die Evakuierung auf Iitate auszuweiten, während die IAEO zu einer Prüfung der Situation riet. [Hervorhebung durch den Verfasser]

Wie wir also alle wissen, hält sich die tatsächliche Ausbreitung der Verseuchung nicht an das für sie von amtlicher Seite vorgeschriebene theoretische Modell:


Quelle: Google Maps / Yukio Hayakawa, Universität von Gunma


Wer nun glaubt, dass das im Meer anders sei, der irrt:


Quelle: http://www.pnas.org/content/early/2012/03/26/1120794109.full.pdf+html


Wie der Meereschemiker Dr Ken Buesseler weiterhin bemerkt und anhand von japanischen Fischereistatistiken aufzeigt, haben viele Lebewesen außerdem die Eigenart, nicht ihr ganzes Leben an einem einzigen Standort zu verharren. Das hat nun für den Fischfang zur Folge, dass auch in „unbelasteten“ Gebieten immer wieder einzelne Individuen auftauchen, die sich durch eine besonders hohe Verstrahlung auszeichnen. (Eine deutsche Zusammenfassung Ken Buesselers Vortrags beim Fukushima Symposium 2013 in New York mit weiteren detaillierten Angaben finden Sie hier.)

Den gut verdaulichen, „ungefährlichen“ Durchschnittsfisch gibt es also nicht. Die Gesetze der Statistik bleiben allerdings unerbittlich: Wenn ich die Schadstoffmenge X an giftigen Radioisotopen in die Umwelt ausbringe, werden Y Leute erkranken und Z Leute versterben. Wir können nicht sagen, wer Y oder Z sein wird, auch nicht, wann es Y oder Z treffen wird – wir können nicht einmal im Nachhinein bestimmen, welche Dose Sardinen Y besser für sich und kommende Generationen in einem Endlager entsorgen hätte sollen, in welchem Thunfischsalat das Stäubchen Plutonium war, das in Z den tödlichen Krebs ausgelöst hat. Alles was wir sagen können ist: je mehr der hochgiftigen, lang- und kurzlebigen, künstlichen Radionuklide wir in die Umwelt entlassen, desto mehr von uns werden darunter leiden, desto größer wird das Risiko für uns alle, für jeden Einzelnen von uns und noch viel größer für unsere Kinder und Kindeskinder.

Es ist unverantwortlich, die Umwelt weiterhin mit Radionukliden zu belasten.

Es ist unverantwortlich, eine Technologie weiterhin zu gestatten, die zwangsläufig zur Produktion eben dieser Radionuklide führt, hoch wirksamen Zellgiften, die das Leben auf unserem Planeten beständig bedrohen werden – nach heutigem Wissenstand: für immer.

Zurück

Zur Startseite


Vom Wasser-Laufen-Lassen und einem Geheim-Haltungs-Gesetz

Anfang Dezember 2013 kamen zwei Nachrichten aus Japan:
 I) Die IAEA empfiehlt, die Wassertanks in Fukushima vielleicht doch mal in Richtung Pazifik zu entleeren.
II) Das neue Geheimhaltungsgesetz wird vom Parlament verabschiedet.

 I) Nicht zum ersten Mal steht in diesem Jahr in Japan das Verklappen von radioaktivem Wasser in den Pazifischen Ozean auf der Tagesordnung. Bereits im Mai (TEPCO) und im August (Japansiche Atomenergiebehörde) stand dieses Thema zur Diskussion.

Es beleuchtet die verfahrene Situation in Fukushima, wenn die IAEA jetzt mit der Empfehlung an die Öffentlichkeit gehen muss, das Einleiten von radioaktivem Wasser doch endlich einmal anzudenken. Die IAEA hat die Aufgabe, die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie, wo immer möglich, zu fördern. Mit ihrer Empfehlung reißt sie die Türen weit auf für die Verklappung im Ozean. Die Bereitschaft, sogar einen irreparablen Imageschaden durch diesen Vorschlag hinzunehmen, lässt ahnen, wie verzweifelt die Situation in Fukushima ist.

Die zentralen Probleme in der Anlage von Fukushima sind
   1.) die Entsorgung der Brennelemente
   2.) die mit radioaktivem Wasser gefüllten Tanks (inzwischen mehr als 1000)
   3.) die 3 geschmolzenen und vagabundierenden Reaktorkerne
   4.) das Grundwasser, das durch die Keller der Reaktorgebäude in Richtung Pazifik fließt

Bei 1.) werden Handlungsversuche gesetzt, im Reaktorgebäude 4 werden Brennelemente ausgelagert. Das Problem bei 2.) wächst seit 2 ½ Jahren kontinuierlich. Zu 1.) und 2.) gibt es eine (zumindest noch schwache) öffentliche Diskussion.

Die Diskussion zu 3.) und 4.) wurde im Sommer 2013 in den Medien aufgemacht, mittlerweile herrscht Funkstille. Gibt es Perspektiven? Etwa bei den geschmolzenen Reaktorkernen, deren Lage niemand kennt, von denen niemand weiß, ob sie sich bereits durch die Fundamente gefressen haben, ob und wo sie unmittelbar mit den Grundwasserströmen in Kontakt kommen.

Die Wassertanks bedrohen die fragile Stabilität der Anlage. Sollten sie im Falle eines starken Erdbebens bersten, verseuchen die Wassermassen die Anlage radioaktiv, was den Arbeiten auf dem Gelände ein Ende setzen und die Anlage unkontrollierbar machen kann.

Die IAEA hat im November die Anlage und die Arbeiten unter die Lupe genommen. Am 4. Dezember gab es von Seiten der IAEA eine Pressemitteilung, in der es u.a. heißt:

"Regarding the growing amounts of contaminated water at the site, TEPCO should bolster its efforts to treat this water and then examine all options for its further management, including the possibility of resuming controlled discharges in compliance with authorized limits. To pursue this option, TEPCO should prepare appropriate safety and environmental impact assessments and submit them for regulatory review."
"In Hinblick auf die wachsende Menge von kontaminiertem Wasser auf der Anlage sollte TEPCO seine Anstrengungen bei der Aufbereitung des Wassers verstärken und zudem alle Alternativen prüfen, wie mit diesem Wasser anschließend verfahren werden kann, einschließlich der Möglichkeit, ein kontrolliertes Ablassen unter Einhaltung der offiziellen Grenzwerte wieder aufzunehmen. Um diese Variante zu verfolgen, sollte TEPCO entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfungen erstellen und diese an die Aufsichtsbehörde weiterleiten."

Auf globalpost.com wird von einer Pressekonferenz berichtet, die Herr Lentijo [Leiter der IAEA-November-Untersuchungen in Fukushima] in Tokyo abgehalten hat:

"Controlled discharge is a regular practice in all the nuclear facilities in the world. And what we are trying to say here is to consider this as one of the options to contribute to a good balance of risks and to stabilize the facility for the long term ..."
"Kontrollierte Freisetzungen sind eine reguläre Praxis bei allen Atomkraftwerken auf der Welt. Unserer Ansicht nach ist diese Option für eine gute Abwägung der Risiken und für die langfristige Stabilisierung der Anlage in Betracht zu ziehen ..."

Die altbekannte Lösung also: "Dilution is the solution to pollution."

II) Genau in diesen Tagen Anfang Dezember passierte unter heftigen Protesten das neue Geheimhaltungsgesetz beide Häuser des japanischen Parlaments. Fakt ist nun, dass auf Geheimnisverrat 10 Jahre Gefängnis stehen und es der Regierung möglich ist, unter den Deckmantel der Geheimhaltung zu bringen, was sie drunter haben will.

Das wird die bereits fragwürdige Informationspolitik zu Fukushima nicht verbessern. Im Gegenteil, es ist zu erwarten, dass hinter dem Vorhang der Geheimhaltung die Aufräumarbeiten in Fukushima unter Missachtung globaler Grundrechte und in der für Japan finanziell günstigsten Variante weiter gehen.

Es besteht nun die Gafahr, dass wir nichts Ernstzunehmendes mehr erfahren werden und lernen müssen, an den Folgen abzuschätzen und zu rekonstruieren, was in Fukushima abläuft.

Das Geheimhaltungsgesetz ist aber nur eine Etappe. Es geht der demokratischen Verfasstheit Japans an den Kragen, wie es im Entwurf einer neuen Verfassung zum Ausdruck kommt: "Japan is a nation with a long history and unique culture, under a tenno who is a symbol of the unity of the people ..."

Back to the future?

Zurück

Zur Startseite