fukushima

Übersetzungen, Skizzen und Links

Akio Matsumuras Blog:
 – Акио Матсумура, 3 апреля 2012: содержание цезия 137 в 85 раз выше, чем при аварии в Чернобыле (pdf)
 – Gordon Edwards, 25. Oktober 2011: Die Notwendigkeit einer unabhängigen Lagebeurteilung von Reaktor 4
 – Akio Matsumura, Bob Alvarez, 21. Februar 2012: Korrespondenz zum neuen Foto von Reaktorgebäude 4 ...
 – Toshio Nishi, 6. April 2012: Auf der Cäsium Straße. Erstpubliziert im Hoover Digest
 – Akio Matsumura, 11. Mai 2012: Die Lage dürfte unkontrollierbar bleiben, solange das Militär nicht einschreitet
 – Akio Matsumura, 11. Juni 2012: Worauf wartet die Regierung der Vereinigten Staaten?
 – Акио Матсумура, 11. июнь 2012: Чего ждет правительство США? (pdf)
 – Akio Matsumura, 31. Juli 2012: Angesichts der Opferung unsere Kinder: Atomunfälle stellen die Prioritäten ... (pdf)
 – Helen Caldicott, 24. August 2012: Le sacrifice nucléaire de nos enfants: 14 recommandations pour aider le Japon ...
 – Michiko Kimura, 30. November 2012: Offener Brief: Warum ich Akio Matsumura unterstütze und warum Sie das auch tun sollten (pdf)
Fairewinds Energy Education:
 – Arnie Gunderson, 12. Mai 2012: Die Wahrheit und die Zukunft
 – Arnie Gunderson, 14. August 2012: CCTV Live um Fünf mit Margaret Harrington und Arnie Gundersen (pdf)
 – Arnie Gunderson, 30. August 2012: Es hätte schlimmer kommen können (pdf)
 – Arnie Gunderson, 20. September 2012: Es geht mit der Zerstörung und der Bedrohung in Fukushima weiter (pdf)
Anthony Hall, Kolumnist für Veterans Today:
 – Anthony Hall, 28. März 2011: From Hiroshima to Fukushima, 1945–2011
 – Anthony Hall, 28. März 2011: Von Hiroshima zu Fukushima, 1945–2011 [Teil 1]
 – Anthony Hall, 6. Juli 2012: Fukushima Nr. 1 – Vom Atomkraftwerk zur Atomwaffe Nr. 1
Helen Caldicott:
 – Helen Caldicott, 20. November 2012: ... medical effects in Fukushima ... is medically criminal (Video, 10 min)
Johannes Hano:
 – Johannes Hano, 18. November 2012: "Ihr wolltet doch Mess-Stationen haben!" (Video, 3 min)
Washington Blog:
 – Robert Alvarez, 20. April 2012: Warum Fukushima eine größere Katastrophe als Tschernobyl und ein Alarmzeichen ...



Akio Matsumura: Fukushima Daiichi - Cäsium137 Anteil ist 85 mal höher als bei Tschernobyl


Fukushima Daiichi Site: Cesium-137 is 85 times greater than at Chernobyl Accident
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/04/682.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (lg,hs,ho)

Japans ehemaliger Botschafter in der Schweiz, Mitsuhei Murata, wurde eingeladen, bei der Öffentlichen Anhörung des Budget-Komitees im Oberhaus über den Fukushima-Unfall zu sprechen (22. März 2012).

Botschafter Mitsuhei wies zunächst eindringlich darauf hin, dass durch ein Kollabieren des Reaktorgebäudes 4, in dem sich 1.535 Brennelemente 100 Fuß (30 Meter) über dem Boden befinden, nicht nur die Kontrolle über alle sechs Reaktoren verloren gehen würde, sondern auch das nur 50 m entfernt liegende Allgemeine Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente bedroht wäre. Darin befinden sich 6.375 Brennelemente. In beiden Fällen werden die radioaktiven Brennelemente nicht durch ein Containment geschützt, sie liegen äußerst gefährdet unter freiem Himmel.

All diese Umstände können mit Sicherheit zu einer globalen Katastrophe führen, wie wir sie noch nie zuvor erlebt haben. Der Botschafter wies auf die unbeschreibliche Verantwortung Japans in Hinblick auf die ganze Welt hin. Eine solche Katastrophe hätte uns für Jahrhunderte im Griff. Zu bedenken sei auch, dass sich in der gesamten Anlage in Fukushima Daiichi 11.421 Brennelemente befinden, wobei jene in den Reaktorkernen [und Lagern für frische Brennelemente, Anm. afaz.at] nicht eingerechnet sind.

Ich bat den Experten für Abklingbecken und früheren Berater des Sekretärs für Nationale Sicherheit und Umwelt beim US-Ministerium für Energie, Robert Alvarez, um eine Beschreibung des Gefahrenpotentials der 11.421 Brennstelemente. Ich erhielt von ihm folgende bestürzende Antwort:

"Erst in letzter Zeit wurden genauere Informationen zu den abgebrannten Brennelementen in Fukushima-Daiichi bekannt. Nach meinem Wissensstand sind von 1.532 [1.535, Anm. afaz.at] Brennelementen in Reaktor Nr. 4 304 [204, Anm. afaz.at] unverbraucht und noch nicht bestrahlt. Die übrigen 1.231 [1331, Anm. afaz.at] liegen im Abklingbecken des Reaktors 4, der 37 Mllionen Curie (~1.4E+18 Becquerel) an langlebiger Radioaktivität enthält. Das Abklingbecken Nr. 4 befindet sich 100 Fuß über dem Boden, ist beschädigt und liegt offen da. Bei einem weiteren Erdbeben oder einem anderen Ereignis könnte das Becken auslaufen, was ein katastrophales radioaktives Feuer entfachen würde, das die 10-fache Menge an Cäsium137 im Vergleich zu Tschernobyl freisetzen würde.

Die Einrichtungen, um dieses Material sicher entfernen zu können, wurden – wie bei den anderen drei Reaktoren auch – zerstört. Abgebrannte Brennelemente können nicht, wie bei anderen Lasten üblich, einfach mit Kränen in die Luft gehoben werden. Um eine Ausbreitung von Radioaktivität, um Feuer oder mögliche Explosionen zu verhindern, müssen diese ständig von Wasser umgeben sein und anschließend in trockenem Zustand in strahlensicheren Castoren gelagert werden.

Das Auslagern von Brennelementen aus zerstörten Reaktorgebäuden wie in Fukushima wurde noch nie durchgeführt. Es bedarf ausgiebiger und zeitaufwändiger Reperaturarbeiten – das Ganze führt in unbekanntes Land. Die enormen Zerstörungen in Daiichi scheinen die Trockenbehälter [Castoren, Anm. afaz.at], die auch eine geringere Anzahl von Brennelementen enthalten, unbeschadet überstanden zu haben.

Nach Informationen der US-Energie-Behörde lagern 11.138 abgebrannte Brennelemente im Fu­kushima-Daiichi Reaktorkomplex, fast alle in Abklingbecken. Sie enthalten grob 336 Milionen Curie (~1.2 E+19Bq) an langlebiger Radioaktivität. Über 134 Millionen Curie stammen von Cäsium137, das ist – verglichen mit der Tschernobyl-Katastrophe – in etwa die 85-fache Menge an Cäsiums137. Das gesamte Inventar an Brennelementen in Fukushima-Daiichi enthält etwa die Hälfte der Menge an Cäsium137, die bereits weltweit durch Atombombentests, Tschernobyl und alle Wiederaufarbeitungsanlagen an die Atmosphäre abgegeben wurde (~270 Millionen Curies bzw. ~ 6.6E+18 Becquerel).

Es ist wichtig, dass die Allgemeinheit verstehen lernt, dass durch Reaktoren, die seit Jahrzehnten in Betrieb sind – wie etwa in Fukushima-Daichi – einige der größten Ansammlungen an Radioaktivität auf unserem Planeten geschaffen wurden."

Für manchen Leser mag es schwierig sein sich vorzustellen, was eine 85 Mal höhere Freisetzung von Cäsium137 als bei Tschernobyl letztendlich bedeutet. Es würde unsere ganze Umwelt und unsere Zivilisation zerstören. Das soll keine Schwarzmalerei und keine Kampfrhetorik bezüglich Atomenergie sein - diese Frage ist ganz einfach eine Frage des Überlebens der Menschheit.

Am 26. und 27. März fand in Seoul eine Nukleare Sicherheitskonferenz statt. Botschafter Murata und ich versuchten in gemeinsamer Anstrengung, jemanden zu finden, der die Teilnehmer aus 54 Staaten über die Gefahr einer globalen Katastrophe, die vom Reaktor 4 ausgehen kann, informiert. Wir baten verschiedene Teilnehmer, den Vorschlag zu unterstützen, ein internationales und unabhängiges Expertenteam aufzubauen, das sich dieser dringenden Angelegenheit annimmt.

Ich möchte Ihnen den Brief von Botschafter Murata an UN-Sekretär General Ban Ki-moon vorstellen [ ... ]. Er betont darin, dass wir alles Menschenmögliche unternehmen sollten, um diese beispiellose und bedrohliche Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

Wir hatten den Eindruck, dass die Nukleare Sicherheitskonferenz auf die Themen "Nukleare Gefahr Nordkorea" und "Sicherheit vor terroristischen Anschlägen" fokusiert war. Unser Appell, dass es eine unabhängige Einschätzung zur Situation von Reaktor 4 braucht, wurde als weniger wichtig eingestuft. Wir befürchteten bereits im Vorfeld dieses Ergebnis. Ich nehme an, dass die meisten Teilnehmer sehr wohl die drohende Gefahr für ihr Land verstanden haben. Dennoch entschieden sie, sich nicht für dieses durchaus delikate Thema stark zu machen – vielleicht aus Angst, die diplomatischen Beziehungen zu Japan zu gefährden.

Ich bin von Muratas Mut, dieses Problem in Japan zur Sprache zu bringen, beeindruckt. Zu gut weiß ich, wie schwierig es für einen ehemaligen Diplomaten ist, so etwas zu unternehmen, vor allem im eigenen Land. Jetzige und frühere Regierungsbeamte wie Botschafter Murata dürften in ihrem Handlungsradius recht eingeschränkt sein, aber es liegt in ihrer Verantwortung, sich für das Wohl der kommenenden Generationen in den nähsten Jahrhunderten einzusetzen – eine Welt, die sicherer ist als jene, die unsere Vorfahren uns übergeben haben.

Wenn die japanische Regierungsspitze nicht realisiert, in welcher Gefahr unser Land schwebt, wie sollen dann wir – das Volk – davon überzeugt werden, dass ein Desaster heraufzieht? Und wenn dann auch wir zuletzt nicht die Katastrophe, der wir kollektiv von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, sehen wollen – wer sollte dann noch handeln?


Brief an Generalsekretär Ban Ki-moon
Tokio, den 25. März 2012

Sehr geehrter Generalsekretär Ban Ki-moon,

[ ... ] Bitte erlauben Sie mir, Ihnen meine Hochachtung für Ihre Bemühungen um Nukleare Sicherheit auszusprechen. Zweifellos profitiert der gegenwärtige Nukleargipfel in Seoul von jenem Treffen auf höchster Ebene, das Sie im vergangenen September einberufen haben.

Ich wurde gebeten, bei einem Hearing vor dem Haushaltsausschuss des Ständerates [Schweiz, Anm. afaz.at] am 23. März eine Stellungnahme abzugeben. Ich wies eindringlich auf das zentrale Problem im Reaktorgebäude Nr. 4 hin: es enthält 1535 Brennelemente. Dieses Gebäude könnte auch durch wiederholte Nachbeben vollkommen zerstört werden. Hinzu kommt, dass keine 50 m entfernt das Allgemeines Abklingbecken für die 6 Reaktoren steht – es enthält 6375 Brennelemente.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass das Schicksal Japans und das der ganzen Welt von Reaktor 4 abhängt. Dies wird von höchst glaubwürdigen Experten wie Dr. Arnie Gundersen oder Dr. Fumiaki Koide bestätigt.

Ich erlaube mir, Sie auf die Initiative eines früheren UN-Beamten hinzuweisen, die darauf abzielt, dass der Nukleare Sicherheitsgipfel sich des zentralen Problems von Reaktor 4 in Fukushima annimmt. Es sollte – so der Vorschlag – ein unabhängiges Expertenteam gebildet werden. Ich denke, dass diese Bemühungen große Bedeutung haben, weil sie gezwungenermaßen die Aufmerksamkeit jener Persönlichkeiten, die die Welt lenken, auf diese lebenswichtige Angelegenheit richten.

Gemeinsam mit Herrn Matsumura schreibe ich koreanischen Freunden, dass diese Angelegenheit die persönliche Aufmerksamkeit von Präsident Lee Myung-Bak verdient. In meinem heutigen Brief an Premierminister Yoshihiko Noda ersuche ich diesen, die Initiative dahingehend zu ergreifen, dass angesichts der Probleme in Reaktor 4 das Wissen größtmöglich und auf breitester Ebene mobilisiert wird, mit dem Ziel vor Augen, ein unabhängiges Expertenteam zu bilden.

Die Welt ist so zerbrechlich und verwundbar geworden. Die Rolle der Vereinten Nationen wird deshalb immer lebenswichtiger. [ ... ]

Mitsuhei Murata
Ehemaliger Botschafter Japans in der Schweiz und Senegal
[ ... ]

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Senator Ron Wydens Brief an Ichiro Fujisaki, den Botschafter Japans in den USA


Letter to Ichiro Fujisaki, Ambassador of Japan
Quelle:
http://www.wyden.senate.gov/download/letter-to-japanese-ambassador-on-fukushima-recovery-efforts
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (lg,ho,ak)

[head of letter]

Sehr geehrter Herr Botschafter,

unmittelbar nach meinem von ihrer Regie­rung so großzügig unterstützten Besuch der Atomanlage von Fukushima Daiichi möchte ich Ihnen meine tiefste Anteilnahme für die Menschen in Japan angesichts der Tragö­die, die durch das Erdbeben und den Tsuna­mi am 11. März ausgelöst wurde, ausdrücken, aber auch meine Sorge über die weiterhin bestehende Gefahr. Das Aus­maß der Zerstörungen an der Kraftwerks­anlage und in der Umgebung übertraf weit meine Erwartungen. Die Größe der Aufga­be für die Eigentümer, die japanische Re­gierung und die Menschen in dieser Region ist beängstigend. Der labile Zustand der Gebäude in Fukushima Daiichi und das Ge­fahrenpotential, das die gewaltige Menge an radioaktivem Material und an abge­brannten Brennelementen in Hinblick auf künftige Erdbeben darstellt, geben uns al­len Anlass zur Besorgnis und verlangen nach einer groß angelegten internationalen Unterstützung und Hilfe. Ich werde an die entsprechenden Stellen in der US-Regie­rung herantreten, um sicher gehen zu kön­nen, dass alle nur denkbaren Ressourcen freigemacht werden, um Tokyo Electric Power (TEPCO) und die japanische Regie­rung bei ihren Anstrengungen zu unterstüt­zen.

Als leitendes Mitglied im Senatsausschuss für Energie und natürliche Ressourcen und als Senator einer Region, die ebenfalls von Tsunamis bedroht ist, weiß ich ihre Unter­stützung, die es mir erlaubt hat, die Anlage persönlich zu besichtigen, zu schätzen. Wie wir auf unserer Fahrt durch die Evakuie­rungszone zum Atomkraftwerk beobachten konnten, reichen die Auswirkungen weit über die Atomanlage hinaus und es ist wichtig, aus dieser Situation die Konse­quenzen für den künftigen Gebrauch und für die Entwicklung dieser Technologie zu ziehen.

Die Schäden, die an allen sechs Einheiten durch das Erdbeben, den Tsunami und auch die daraus resultierenden Wasser­stoffexplosionen in den havarierten Kraft­werksgebäuden entstanden sind, ha­ben of­fensichtlich eine äußerst schwierige Sanie­rungsarbeit zur Folge. Nach der Stabilisier­ung der Reaktoren selbst und nach­dem es gelungen ist, das bei der Kühlung von Re­aktoren und Abklingbecken anfallen­de kon­taminierte Kühlwasser wieder unter Kontrol­le zu bekommen, scheinen nunmehr An­strengungen, die eine sichere Lagerung des radioaktiven Materials und der abge­brannten Brennelemente zum Ziel haben, von allergrößter Dringlichkeit. Vier Reaktor­gebäude befinden sich in nächster Nähe zum Pazifik, keine 10 Meter oberhalb des Meeresspiegels. Diese Gebäude – die alle den Eindruck schwerer Beschädigung machten – beherbergen noch viele abge­brannte Brennelemente. Während die Ent­fernung des beschädigten Brennmateri­als aus den Reaktorkernen wahrscheinlich noch viele Jahre benötigen wird, sollte der Entfernung der abgebrannten Brennele­mente aus sämtlichen Abklingbecken in der gesamten Anlage und deren Überführung in sichere Lagerung, entweder in Brennele­mentbehälter (Castoren) oder das neue Zentrallager in Mutsu, Vorrang eingeräumt werden, speziell wegen der Möglichkeit ei­nes weiteren schweren Erdbebens während der mehreren Jahrzehnte, die TEPCO nun als zu erwartende Zeitspanne für die Ber­gungsarbeiten angibt. Ein Verlust der Ab­schirmung durch das Wasser der Abkling­becken, insbesondere im Fall des Abkling­beckens über Reaktor Nummer vier, das die größte Menge an heißesten Brennele­menten birgt, könnte ein Freisetzung von Strahlung zur Folge haben, die jene des ur­sprünglichen Unfalls sogar noch übertrifft.

Der am 21. Dezember 2011 von TEPCO vorgelegte Sanierungsfahrplan veran­schlagt zehn Jahre für die Auslagerung aller Brennstäbe aus den Abklingbecken auf der Anlage. Angesichts der durch die Ereignis­se vom 11. März geschwächten Bausub­stanz geht dieser Zeitplan im Falle weiterer schwerer Erdbeben ein sehr großes und anhaltendes Risiko ein. Das tatsächliche Erdbebenrisiko für diese Anlage war erheb­lich unterschätzt worden und bleibt weiter­hin unklar. Ich warte darauf, von ihnen zu hören, welche Anstrengungen von ihrer Sei­te unternommen werden, damit der Zeitplan verkürzt wird, und wie die Vereinigten Staa­ten den zuständigen Behörden helfen kön­nen, damit die von TEPCO gesetzten Maß­nahmen überprüft werden können. Außer­dem bin ich an Maßnahmen interessiert, die helfen sollen, die Einschätzung des Gefah­renpotentials kommender Tsunamis für die Anlage zu verbessern.

In den Augenblicken solcher Schicksals­schläge ist die gegenseitige Hilfe für die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft wichtig. Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März haben Zerstörung und Ver­wüstung in einem Ausmaß zurück gelas­sen, das als außerordentlich bezeich­net werden können. Viele Nationen – ein­schließlich der Vereinigten Staaten - verfü­gen über ein ausgereiftes Wissen im Be­reich der Atomtechnologie. Die ganze Bandbreite internationaler Fachkompetenz sollte für die Krisenbewältigung in Japan verfügbar gemacht werden.

In diesem Zusammenhang werde ich auch den U.S. Sekretär für Energie, Steven Chu, Staatssekretärin Hillary Clinton und Grego­ry Jaczko, den Vorsitzenden der U.S. Nu­klearen Aufsichts-Behörde (NRC) bitten, detailliert weitere Unterstützungsmöglich­keiten ihrer Behörden für TEPCO und für Ihre Regierung aufzulisten, damit techni­sche und humanitäre Hilfe für die Atomanla­ge und für die Region geleistet werden kann.

Erst durch meine persönlichen Eindrücke auf der Reise wurden mir das Ausmaß der Tragödie und die weiterhin bestehenden Gefahren und Herausforderungen in einer Weise deutlich, wie das durch Pressemel­dungen allein nicht vermittelt werden kann. Ich stehe für jede erdenklichen Hilfe zur Verfügung, damit die Fukushima-Daiichi An­lage und die weitere Umgebung gesichert und saniert werden können – eine Region und eine Bevölkerung, die die schreckliche Dreifachkatastrophe durch Erdbeben, Tsuna­mi und Zusammenbruch der Mehr­fach-Atomanlage haben erleiden müssen und weiterhin damit leben werden müssen.

Abschließend möchte ich Ihnen, dem japa­nischen Wirtschafts-, Handels- und Indus­trieministerium und TEPCO für die Hilfe danken, die mir beim Besuch der Anlage zuteil wurde. Viele Menschen arbeiten sehr hart daran, unter schwierigen Bedingungen die Anlage in einen stabilen und sicheren Zustand zu bringen. Ihr Entgegenkommen, das ich bei meinem Besuch erfahren durfte, weiß ich zu schätzen.

Hochachtungsvoll
Ron Wyden
[Cc: Steven Chu, Hillary Clinton, Gregory Jaczko]

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Robert Alvarez: Warum Fukushima eine größere Katastrophe als Tschernobyl und ein Alarmzeichen für die USA ist


Why Fukushima Is a Greater Disaster than Chernobyl and a Warning Sign for the U.S.
Quelle:
http://www.ips-dc.org/blog/radioactive_risks_in_japan_from_spent_nuclear_fuel_storage
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak)

Die riesigen Bestände an hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen in den Abklingbecken von Fukushima bedeuten ein weit größeres und gefährlicheres Problem als die geschmolzenen Reaktorkerne selbst

Nach der weltweit schwersten nuklearen Katastrophe der zivilen Nutzung der Atomenergie dringt nun allmählich die Erkenntnis zu den internationalen Informationsmedien durch, dass die von Fukushima Dai-Ichi ausgehenden Gefahren nicht nur für Japan allein, sondern auch für die Welt im Ganzen keinesfalls gebannt sind. Nach wiederholten Warnungen durch ehemalige japanische Spitzenbeamte, Fachexperten und zuletzt auch einen Senator im amerikanischen Abgeordnetenhaus wird immer klarer, dass die in der Kraftwerksruine in Abklingbecken halbverschütteten abgebrannten Brennelemente möglicherweise für die Umwelt eine weit größere Bedrohung darstellen als die geschmolzenen Kerne selbst.

Nach seinem kürzlich beendeten Besuch in der massiv beschädigten Anlage schrieb Senator Ron Wyden (demokratischer Senator des Bundesstaates Oregon) an den japanischen Botschafter Japans in den USA, dass “ein Verlust der Abschirmung in nur einem der Abklingbecken zu einer größeren Freisetzung von Radioaktivität führen könnte als das ursprüngliche Unglück selbst“. Und zwar aus folgenden Gründen:

– Jedes einzelne Becken enthält den strahlenden Brennstoff mehrerer Betriebsjahre, was tausende von Brennstäben dicht an dicht in hunderten von Brennelementen bedeutet, denen nun die Umhüllung durch ein widerstandsfähiges Reaktorgefäß fehlt;
– Einige der Becken sind nun in direktem Kontakt zur Atmosphäre, weil die Reaktorgebäude bei Explosionen teilweise eingestürzt sind; sie befinden sich durchgehend in oberen Stockwerken in einer Höhe von etwa 30 Meter; bei einem neuerlichen starken Beben ist in Anbetracht der geschwächten Statik eine Rissbildung oder auch ein völliger Kollaps nicht auszuschließen;
– Ein Verlust der Wasserüberdeckung, ein Trocken-Liegen der Brennelemente würde diese überhitzen lassen, was ein Schmelzen auch dieses Spaltmaterials sowie eine Entzündung der es umschließenden Einfassungen aus Zirkonium auslösen würde - das resultierende Feuer würde daraufhin riesige Mengen des radioaktiven Materials über hunderte von Kilometern verteilen.

Der im Reaktor verbrauchte Kernbrennstoff, die „abgebrannten“ Brennelemente, zeichnen sich durch eine besonders hohe Radioaktivität aus. Ein Mensch, der sich ohne Schutzvorrichtung in einem Abstand von 30 cm zu einem frisch abgebrannten Brennelement befindet, würde innerhalb weniger Sekunden eine tödliche Dosis erhalten. Als eines der gefährlichsten Materialien der Welt bringt verbrauchter Reaktorbrennstoff immense langfristige Risiken mit sich und erfordert daher die Abschottung in einer unterirdischen Lagerstätte, die so beschaffen sein muss, dass sie unsere Umwelt über einen Zeitraum von zehntausenden von Jahren hindurch schützen kann.

Es ist fast 26 Jahre her, seit der Reaktor in Tschernobyl explodiert und sofort in Brand geraten ist, wodurch enorme Mengen radioaktiven Materials freigesetzt wurden. Dieser Unfall deckte den fatalen Leichtsinn auf, einen Reaktor ohne Umhüllung durch dicke Betonwände und Stahlverkleidungen (Containment) betreiben zu wollen, wie sie für moderne Anlagen in den USA, Japan und anderswo mittlerweile vorgeschrieben sind. Der Unfall von Fukushima Dai-Ichi zeigt nun die Unsinnigkeit der Lagerung von riesigen Mengen in hohem Grade radioaktiven Brennstoffs in den verletzbaren Abklingbecken – hoch über dem Boden – auf.

Was beide Unfälle als Folge gemeinsam haben, ist die Verseuchung weiter Landstriche durch Cäsium-137. Cs-137 ist ein Beta-Strahler mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Einmal in die Umwelt entlassen, kann es auf Grund seiner strukturellen Ähnlichkeit den Platz von Kalium in Organismen und somit auch in der menschlichen Nahrungskette einnehmen, wo es sich über viele Jahrzehnte anreichert. Gelangt es in den menschlichen Körper, werden rund 75 Prozent im Muskelgewebe eingebaut. Der wichtigste Muskel ist dabei wohl der Herzmuskel. Studien zur chronischer Belastung mit Cs-137 bei Menschen nahe Tschernobyl zeigen eine Besorgnis erregende Häufung von Herzproblemen, speziell bei Kindern.

Weil inzwischen genauere Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, wissen wir heute, dass in der Anlage Fukushima Dai-Ichi 10.833 Brennelemente gelagert werden. Diese enthalten ungefähr 327 Million Curie langlebiger Radioaktivität, davon circa 132 Million Curie Cäsium-137, was fast 85 mal der Menge, die Schätzungen zufolge in Tschernobyl frei wurde, entspricht.

Wir sehen uns mit dem besonderen Problem konfrontiert, dass fast alle abgebrannten Brennelemente der Anlage Dai-Ichi sich in leicht verwundbaren Abklingbecken in einer Zone erheblicher Erdbebentätigkeit befinden – hohes Risiko trifft hier auf hohes Gefährdungspotential. Die Dringlichkeit der Situation wird durch die laufende seismische Aktivität im Nordosten Japans unterstrichen: an den 4 Tagen zwischen 14. und 17. April etwa sind in diesem Gebiet vor der Küste von Honshu 13 Erdbeben der Stärke 4.0 - 5.7 gemessen worden. Diese Häufigkeit ist seit dem ersten Beben und Tsunami vom 11. März 2011 die Norm. Größere Beben sind leider auch in kleinerem Abstand zum Kraftwerk zu erwarten.

Letzte Woche hat die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) Pläne vorlegt, nach denen 2.274 Brennelemente aus den beschädigten Reaktoren entfernt werden sollen, was vermutlich jedoch mindestens ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen dürfte. Die höchste Priorität ist die Sicherung des Inhalts von Abklingbecken 4. Dieses wurde strukturell beschädigt und enthält ungefähr die zehnfache Menge des in Tschernobyl freigesetzten Cäsium-137. Optimistischerweise wurde der Beginn der Entfernung von Brennelementen aus Becken 4 mit Ende 2013 angesetzt. Zuvor jedoch wird ein erheblicher baulicher Aufwand notwendig sein, um einerseits Schutt und Abfall zu beseitigen und andererseits die angegriffene Substanz der Reaktorgebäude entsprechend abzusichern, insbesondere in dem Bereich, in dem die Brennelemente zu handhaben sind.

Genauso unsicher ist es aber, 1.882 abgebrannte Brennelemente, die circa 57 Millionen Curie langlebige Radioaktivität und somit fast 15 mal mehr Cs-137 als in Tschernobyl freigesetzt wurde enthalten, in den Becken hoch über dem Erdboden neben den Reaktoren 5 und 6 zu belassen; hier sind diejenigen Reaktoren gemeint, die nicht von Kernschmelzen und Explosionen betroffen waren. Des Weiteren befindet sich in den oberen Stockwerken eines separaten Gebäudes östlich von Reaktor 4 ein zusätzliches Abklingbecken, das von allen Einheiten auf dem Gelände gemeinsam beschickt wurde.

Der Hauptgrund, warum überhaupt eine so große Anzahl abgebrannter Brennelemente in der Anlage Dai-Ichi lagern, liegt darin, dass die vorgesehene Versendung in die Wiederaufbereitungsanlage von Rokkasho nicht zeitgerecht durchgeführt konnte: diese Anlage wurde nach 18 langwierigen Unterbrechungen mit etlichen Jahren Verspätung fertig gestellt. Plutonium und Uran sollten dort aus den abgebrannten Brennelementen extrahiert werden, wobei das Plutonium erneut als Brennstoff für den Schnellen Brüter von Monju vorgesehen war.

Nach mehreren Jahrzehnten und dem Einsatz von Milliarden von US Dollars haben sich die Vereinigten Staaten vor 30 Jahren de facto entschieden, sich vom Konzept des „geschlossenen“ Brennstoffkreislaufes zu verabschieden – sowohl aus Kostengründen als auch, um der Gefahr der Verbreitung von bombenfähigem Material nicht zusätzlich Vorschub zu leisten. Die Geschichte der mit Plutonium betriebenen Schnellen Brüter im Laufe der vergangenen 60 Jahre ist jedenfalls begleitet von andauernden Misserfolgen, wie zuletzt beim Projekt Monju in Japan. Monju wurde im November letzten Jahres gestrichen, was das Ende der Einrichtung eines „geschlossenen“ Brennstoffkreislaufs in Japan bedeuten dürfte.

Verwirklicht TEPCO seine Pläne, dann käme es zu der untragbaren Situation, dass fast aller abgebrannter Brennstoff in Fukushima (und damit eine der größten Konzentrationen von Radioaktivität auf unserem Planeten) auf unabsehbare Zeit in den Abklingbecken des stillgelegten Kraftwerks Dai-Ichi lagern bliebe. TEPCO möchte die abgebrannten Brennelemente aus den beschädigten Reaktoren im gemeinsamen Sammelabklingbecken unterbringen und erst, wenn dessen Kapazität nicht mehr ausreicht, auf die Lagerung in Brennelementbehältern (Castoren) zurückgreifen. Zur Zeit beträgt die Auslastung dieses Beckens allerdings bereits 80% - es müsste also erst einmal Brennstoff entfernt werden, um Platz zu schaffen.

TEPCOS Plan ist es nun, den Aufwand, der durch die Lagerung in Brennelementbehältern entsteht, möglichst gering zu halten, und stattdessen bedenkenlos auf die unverlässlichen Abklingbecken zurückzugreifen. Senator Wyden erklärt, dass TEPCOS Plan der Sanierung ein nicht zu unterschätzendes außerordentliches und fortdauerndes Risiko in sich birgt. Er empfiehlt daher vernünftigerweise die Entfernung der Brennelemente aus den Abklingbecken und die nachfolgende Bevorzugung einer Speicherung in Brennelementbehältern.

Unter den gegebenen Umständen ist ein Kernziel für die Stabilisierung der Anlage von Fukushima Dai-Ichi, dass alle abgebrannten Brennelemente in die oben genannten Behälter verbracht werden. Dies würde ungefähr 244 zusätzliche Einheiten benötigen, bei einem Preis von etwa 1 Mio $ pro Stück. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt es einer internationalen Anstrengung – etwas, was von Senator Wyden gefordert wurde. Wie sich herausgestellt hat, blieben die 9 Brennelementbehälter, die sich zur Zeit der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe auf dem Gelände von Dai-Ichi befanden, trotz der enormen Schäden, die an der Anlage entstanden sind, intakt. Diese wichtige Einsicht zu ignorieren wäre unverantwortlich.

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Akio Matsumura: Fukushima Daiichi - Die Lage dürfte unkontrollierbar bleiben,
solange das Militär nicht einschreitet


Fukushima Daiichi: It May Be too Late Unless the Military Steps in
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/05/fukushima-daiichi-it-may-be-too-late-unless-the-military-steps-in.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: afaz.at (ho,lg,ak)

Die hoch radioaktiven Brennelemente in der Atomanlage von Fukushima-Daiichi stellen ohne jeden Zweifel eine Bedrohung für die ja­panische Bevölkerung und für die ganze Welt dar. Im Reaktor­gebäude 4 [In den 4 Reaktor­gebäuden, Anm. afaz.at] und im benachbarten Allgemeinen Ab­klingbecken lagern mehr als 11.000 hoch radioaktive Brennelemente – vie­le unter freiem Him­mel. Die auf dieser Anlage in den Brennelementen angesammelte Menge an Cäsium137 ist 85-mal größer als jene, die bei der Tschernobyl-Katastrophe frei­gesetzt wurde. Bei einem weite­ren Erdbeben mit der Stärke 7.0 (nach der Richterskala) ist zu be­fürchten, dass die Brennele­mente den Schutz eines Abklingbeckens verlieren oder dass die Was­serkühlung unterbro­chen wird, was un­weigerlich zu einem nuklearen Brand und zum Schmel­zen der Elemente führen würde. Die daraus resultie­rende nukleare Katastrophe läge jenseits aller menschlichen und wissen­schaftlichen Erfahrung. Sie könnte ohne jede Übertreibung als globale Katastrophe bezeich­net werden.

Wenn führende Politiker diese Situation und die sich anbahnende Katastrophe wirklich ernst nehmen, dann ist es schwer zu verste­hen, warum sie weiterhin dazu schweigen.

Das Folgende lässt nur noch wenige Möglich­keiten offen:
1. Viele Wissenschaftler bezweifeln, dass es möglich sein wird, innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre 1.535 Brennstäbe aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 zu entfernen.
2. Japanische Wissenschaftler gehen in­zwischen davon aus, dass es im Gebiet von Fukus­hima-Daiichi in den nächsten Jahren mit einer mehr als 90%-igen Si­cherheit ein Erdbe­ben mit der Stärke 7.0 geben wird.
3. Das beschädigte Reaktorgebäude 4 wird kein weiteres starkes Erdbeben überstehen.
4. Japan und TEPCO besitzen weder die notwendige Nuklear-Technologie noch die Erfah­rung, um eine Katastrophe solchen Ausmaßes allein in den Griff zu bekommen. Senator Ron Wyden (Oregon) übermittelte am 16. April 2012 einen Brief an den japanischen Botschafter in den Vereinigten Staaten, Herrn Ichiro Fujisaki, in dem er über seine Erkun­dungs-Mission in Fukushima berichtet.

Senator Wyden, leitendes Mitglied des Se­natsausschusses für Energie und natürliche Ressour­cen, schrieb, dass „das Ausmaß der Zerstörungen in der Anlage und im Umfeld weit größer als erwartet ist und das Ausmaß der Herausforderung für den Betreiber, die ja­panische Regierung und die Menschen in der Region einem Angst machen kann.“

Er hebt weiters hervor, dass „TEPCO für das Entfernen der Brennelemente aus allen Ab­klingbecken in dieser Anlage in seinem Mass­nahmen-Katalog 10 Jahre veranschlagt. Ange­sichts der am 11. März 2011 so schwer ge­schädigten Gebäude ist dieser Zeitplan ein Spiel mit außerge­wöhnlichen und langfristigen Risiken, sind doch weitere schwere Erdbeben zu erwarten.“

Viele von uns teilen Senator Wydens Ein­schätzung.

Haben die japanische und andere Regierun­gen auf dieser Erde die Gefahren erkannt, die zu ei­ner globalen Katastrophe führen können? Haben sie eine klare Strategie, um dieses Worst-Ca­se-Szenario zu verhindern?

Werden schon Überlegungen dahingehend angestellt, dass das Auslagern der Brennele­mente aus allen Abklingbecken, vor allem aus Reaktor 4, auf zwei oder weniger Jahre ver­kürzt werden kann? Dürfen wir solche außer­gewöhnlichen Aufgaben TEPCO und privaten Unternehmen überlassen? Ich glaube, die japanische Regierung sollte eine Führungsrolle übernehmen und alle zur Verfü­gung stehenden Mittel ergreifen, um eine Katastrophe zu verhindern, die dutzende an Genera­tionen unserer Nachkommen treffen würde.

In diesem Zusammenhang komme ich nicht umhin, die Rolle des Militärs in Ergänzung zu ei­nem internationalen technischen Hilfsteam zu betonen. Das Militär besitzt die technischen und logis­tischen Kapazitäten, die ein Unter­nehmen wie TEPCO nicht hat. Die japanischen Selbstverteidigungs-Streit­kräfte innerhalb der Landesgrenzen aufmar­schieren zu lassen, wäre eine äußerst umstrit­tene politische Entscheidung. Für die Regie­rung würden aber die politischen Folgen eines solchen Schrittes angesichts einer derartig un­beschreiblichen globalen Katastrophe wäh­rend ihrer Amtszeit verblassen.

Aus diesem Grund bin ich im April von New York nach Japan geflogen, um meine Ansich­ten der politischen Führung Japans mitzutei­len. Botschafter Mitsuhei Murata und ich tra­fen uns mit Herrn Fujimara, dem leitenden Ka­binetts-Sekretär, der uns versicherte, er würde unsere Bot­schaft an Ministerpräsident Noda weiterleiten, bevor dieser nach Washington aufbricht, um Prä­sident Obama am 30. April zu treffen. Beide Staatsmänner dürften über die Atomka­tastrophe von Fukushima gesprochen haben, aber die Idee eines unabhängigen Einsatz­teams und einer internationalen Unterstützung angesichts dieser Katastrophe wurde nicht öf­fentlich erwähnt.

Ich bin erfahren genug, um diese Art von Poli­tik zu verstehen, aber ich kann sie nicht ak­zeptieren. Es wird ein nicht wieder gut zu ma­chender Fehler sein, der die Menschen für Jahrtausende treffen wird, wenn nicht jetzt ge­handelt wird.

Wenn es zu dieser Katastrophe kommt, wer­den – ohne Rücksicht auf Verträge und Politik – alle 440 Atomkraftwerke weltweit geschlos­sen werden müssen. Und unweigerlich wer­den unsere Nachfahren die Gefahren des ra­dioaktiven Mülls für 100.000 bis 200.000 Jah­re zu tragen ha­ben.

Um zu verstehen, um welch großen Zeitraum es sich dabei handelt, möchte ich einen Ver­gleich anführen. Man kann davon ausgehen, dass unsere Vorfahren vor etwa 100.000 Jah­ren ihre Reise in den Rest der Welt von Süd­afrika aus angetreten haben und dass wir vor 20.000 Jahren unsere ersten steinzeitlichen Werkzeuge hergestellt haben. So lange, wie die menschliche Spezi­es bereits existiert, wer­den wir wiederum das radioaktive Material si­cher lagern müssen.

Können wir uns überhaupt vorstellen, was es bedeutet, dieses Gift über so lange Zeiträume un­seren Nachfahren aufzubürden? Und wie kann auf solche radioaktiven Lagerstätten überhaupt verlässlich hingewiesen werden? Sind wir uns so sicher, dass hunderte solcher radioaktiven Müllhalden auf der ganzen Erde für so unvorstellbar lange Zeiten sicher vor starken Erdbewegungen gehalten wer­den können?

Wenn diese globale Katastrophe eintritt, dann können wir nur hoffen, dass die Erinnerung an diese Katastrophe bei den künftigen Genera­tionen lebendig bleibt, auf dass diese neue Techno­logien entwickeln, die sie vor weiteren derartigen Katastrophen schützen können.

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Toshio Nishi: Auf der Cäsium Straße


On the Cesium Road
Quelle:
http://www.hoover.org/publications/hoover-digest/article/113111
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (lg,ho)

Die Japaner sind wütend und fühlen sich missachtet, sie fühlen sich als Gefangene der Radioaktivität und der Bürokratie zugleich.

Mehr als ein Jahr habe ich darauf gewartet, dass die japanische Regierung und TEPCO (der Tokio Elektrik Power Konzern) den Mut finden würden, das Unfassbare in Angriff zu nehmen und den durch das Erdbeben und den Tsunami vom letzten Frühling entstandenen atemberaubenden Schaden zu reparieren. Aber noch ist kein Licht in Sicht. Noch immer liegt Totenstille über der trostlosen Landschaft von Fukushima und der langen Küste Nordjapans - der Cäsium Straße.

Die japanische Regierung erweist sich mehr und mehr als inkompetent und handlungsunfähig. Tokio Elektrik hingegen hat sich tief in seiner schützenden Fuchshöhle vergraben und klammert sich an seine Monopolstellung. Als Bürger Japans ist es mir peinlich, den offensichtlichen Schwachsinn zu beschreiben, den Regierung und Kraftwerksbetreiber ein Jahr lang im Lichte der Öffentlichkeit geliefert haben.

1. Untersuchungsausschüsse der Regierung waren damit beauftragt zu klären, warum Tokyo Electric dabei versagte, den Schaden möglichst gering zu halten. Auf einmal gab es aber keine „offenen“ Anhörungen mehr. Die etablierte Bürokratie wächst – wie durch Radioaktivität gefüttert – weiter, während sie unfähig ist, irgend etwas Neues ans Tageslicht zu fördern.

2. Premierminister Yoshihiko Noda, der sechste Premierminister in fünf Jahren, hat mit Kabinett und größter Oppositionspartei der Erhöhung der Mehrwertsteuer von fünf auf zehn Prozent zugestimmt. Offenbar reicht das aber noch nicht aus, um die Kosten der Katastrophe auszugleichen, denn die Regierung berät bereits darüber, ob die Mehrwertsteuer nicht innerhalb des nächsten Jahres auf 17 Prozent angehoben werden sollte. Als Japan nach dem Krieg mitten im berühmten Wirtschaftswunder war, gab es überhaupt keine Mehrwertsteuer.

3. Nur fünf der vierundfünfzig Atomreaktoren sind derzeit noch aktiv. Während der großen Hitze vom letzten Sommer wurde die Bevölkerung aufgefordert, weniger Strom zu verbrauchen, um Ausfälle zu vermeiden. Es wurde ihnen (fälschlicherweise) eingeredet, Japan verfüge nicht über ausreichende Kraftwerkskapazitäten. Patriotische Bürger bestärkten sich darin, in diesen Tagen und Nächten enorme Entbehrungen erlitten zu haben. Weil jeder weniger Strom verbrauchte, nahmen Tokyo Electric und ihre Tochtergesellschaften weniger ein. Die Regierung, die Tokyo Electric begünstigt, billigte Tariferhöhungen von 15 Prozent für Privathaushalte und 35 Prozent für große Betriebe und für die Industrie.

4. In Japan und im Ausland reden nur wenige Medien über Japans größtes Atomgeheimnis: Monju. Benannt nach einem heiligen buddhistischen Weisen, ist Monju Japans erster Schnelle Brüter. Er liegt auf einer Verwerfungslinie. Seine eigentliche Aufgabe wäre es, die 15.000 Tonnen abgebrannter Brennelementen aus ganz Japan wieder aufzuarbeiten und dabei noch endlos Strom zu liefern. Abgesehen davon, dass bereits 15 Milliarden $ an Steuergeldern in den am 5. Januar 1983 begonnenen Bau geflossen sind, erzeugte Monju noch nie Strom, auch nicht einen Tag lang. Die Anlage liegt nördlich von Kyoto, einer unserer schönsten alten Städte und an der Küste des Japanischen Meeres gelegen. Plutonium bleibt bekanntlich mehr als 20.000 Jahre tödlich. Atomenergie ist wie Feuer: Ein guter Diener, aber ein schlechter Meister.

5. Japans Regierung – wie ihr U.S.-amerikanisches Gegenstück – treibt den Schuldenberg weiterhin in astronomische Höhen. Sie hatte – selbst während der letzten beiden „verlorenen“ Jahrzehnte – absolut kein Interesse daran, die zahlreichen gut bezahlten Regierungsbeamten (Japans einzige Wachstumsbranche) oder gar die Horde der Abgeordneten und Senatoren zu reduzieren. (Dieser Inselstaat, kleiner als Kalifornien, hat 722 Senatoren und Abgeordnete für seine 125 Million Menschen - im Vergleich zu nur 535 Kongressmitgliedern bei einer U.S.-amerikanischen Bevölkerung von 307 Millionen Menschen.) Die Katastrophe des Jahres 2011 lieferte nur eine weitere Ausrede dafür, dass die von der Regierung finanzierten Rettungsmaßnamen ausgedehnt und eine noch größere Verschuldung gerechtfertigt werden konnte.

6. Widersinnige oder korrupte Handlungen der Regierung wurden schließlich in den Massenmedien sensationell herausgestellt. In den Nachrichten sickerte durch, dass Toshiba, das die zerstörten Reaktoren von Fukushima Daiichii gebaut hatte, einen Monat nach der Atom-Katastrophe dem damaligen Premierminister Noato Kan ein „Worst-Case“ Szenario unterbreitet hatte. Kan wollte es „höchst geheim“ halten, nur vier Vertrauten wurde Einsicht gewährt. Hätte die japanische Bevölkerung davon erfahren – so seine Befürchtungen –, wäre es in Tokyo unverzüglich zu einer Massenflucht gekommen. War das der wahre Grund, warum die Regierung und Tokyo Electric die Japaner ermahnten, nicht in Panik zu verfallen?
Die Medien verfolgten ebenfalls die Wasseraktionen, bei dem tapfere Feuerwehrleute und Selbstverteidigungstruppen Unmengen an Meerwasser in die brennenden Reaktoren schütteten. Wohin ist all dieses mit Plutonium kontaminierte Wasser verschwunden? Natürlich in den Pazifischen Ozean oder in den Boden. Aber es war nicht leicht, die Wahrheit über die Kontamination zu erfahren. Mittlerweile wurde von radioaktiven Wasserlecks im ruinierten Fukushima-Komplex berichtet, wie vor kurzem im Februar 2012.
Im Januar veröffentlichte die japanische Tageszeitung Asahi Shimbum Namen von prominenten Politikern, die regelmäßig „Geldzuwendungen“ von Tokyo Electric erhalten hatten. Auf der Liste stand der frühere Premierminister Taro Aso und einige Mitglieder des derzeitigen Kabinetts von Premierminister Noda. Die enge Beziehung zwischen Regierung und Atomindustrie war damit wieder einmal offen gelegt.

7. Das Erdbeben und der Tsunami zerstörten Stadt für Stadt, ein Fischerdorf nach dem anderen. Diejenigen, die überlebten und alt waren, konnten nirgendwo hin gehen. Die Regierung errichtete „Siedlungen für Flüchtlinge“, für diejenigen, die alles verloren hatten. Diese Siedlungen wurden in vermeintlicher Sicherheit in abgelegenen Bergregionen gebaut. Viele, denen nichts anderes übrig blieb als wegzuziehen, starben an Verzweiflung. Einige begingen Selbstmord, verlassen auf dem saftig grünen Archipel, deren Bewohner länger leben sollten als anderswo auf Erden.

Falsche Beschwichtigungen
Lügt uns die japanische Regierung an? Ja. Vielleicht ist es gegen die guten Sitten, so zu sprechen, aber die guten Sitten haben für gewöhnliche Japaner, die die hohen Dosen an radioaktivem Staub und Dampf seit dem 11. März 2011 eingeatmet haben, keinen Wert mehr. Aber wir sind immer noch folgsam. Ich nehme an, dass es eine Art von Stolz ist, der es einem jeden von uns untersagt, in einer Krise egoistisch zu sein.

Cäsium – ein neues Wort in unserem täglichen Vokabular – tauchte in gefährlichen Konzentrationen in unserem National-Getränk, dem Grünen Tee, auf. Grüner Tee gilt für unsere Gesundheit als förderlich, vielleicht ist er das Geheimnis hinter der gepriesenen hohen Lebenserwartung der Japaner. Die größte Teeanbaufläche Japans befindet sich in Shizuoka, etwa zweihundert Meilen südlich von Fukushima. Schon bald, nachdem hohe Dosen an Radioaktivität im Tee nachgewiesen worden waren, wurden radioaktive Elemente auch in unseren Milchprodukten, im Geflügel, in Schweine- und Rindfleisch, im Gemüse und in die Muttermilch gefunden. Sie bedrohen die Fischerei bei Fukushima, in einem der reichhaltigsten Fischgründe der Welt. Wer kann die unsichtbare, offenkundige und niemals endende Verseuchung begreifen?

Die Beschwichtigungen von Experten täuschten. Unmittelbar nach der Katastrophe in Fukushima, aber auch noch Monate danach, traten in den nächtlichen Nachrichtensendungen – einer nach dem anderen – Wissenschaftler von berühmten Universitäten und Regierungsbeauftragte auf. Mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit betonten sie, dass die radioaktiven Partikel in Fisch oder Reis augenblicklich „kein unmittelbares Gesundheitsrisiko“ darstellen würden. Wir, die Ungebildeten in Sachen Radioaktivität oder Medizin, fragen uns: Wenn nicht augenblicklich, wann dann? Wann kommt der Krebs?

Die Experten belehrten uns, dass unsere starke Angst und Abneigung gegen alle radioaktiven Dinge grundlos sei. Sie deuteten sogar verschämt an, dass unsere tiefe Furcht einem Herden-Denken gleichkomme, einer Art Panik-Attacke. Wurden sie dafür bezahlt, uns zu erzählen, dass das tödliche Leck im Grunde doch nur ein kleines sei, während es das größte der Welt ist? Oder dass die Katastrophe mit den verfügbaren Mitteln in Griff zu bekommen sei, während die Reaktoren weiterhin als Ruinen dastehen und niemand über das todbringende Wasser oder den todbringenden Dampf wirklich etwas zu sagen vermag?

Diese Gelehrten und Experten treten nicht mehr im Fernsehen auf. Und niemand ist darüber verwundert.

Als diese Experten verschwunden waren, tauchte Tokyo Electric Power Company auf, um im Fernsehen zu bestätigen, dass bereits in den ersten Stunden nach dem Erdbeben und nach dem Tsunami die Kernschmelzen eingetreten waren. Das Eingeständnis einer Dreifachkernschmelze tauchte erst zwei Monate nach dem Unfall auf, nachdem sich Tokyo Electric bis dahin stur geweigert hatte, genau das zuzugeben. Das Geständnis kam allerdings zu spät für diejenigen, die in nicht allzu großer Entfernung vom Reaktor ausgeharrt hatten, nicht wissend, dass sie Tag für Tag von radioaktiven Nebelschwaden umgeben waren. Zehntausende Kinder sind davon betroffen.

Der Spitzenberater des Premierministers bemerkte im Fernsehen, dass Tokyo Electric das Kabinett während der ersten zwei Monate nicht am Laufenden gehalten habe und dass das Kabinett schockiert, sehr schockiert darüber sei. Wir sind auch sehr schockiert – über die Inkompetenz und die Arroganz.

Das Ende eines bestechenden Mythos
Uns wird inzwischen klar, dass Regierung und Manager glauben, dass wir nicht intelligent genug wären, den technische Jargon über Atomenergie zu verstehen. Natürlich waren wir am Beginn der Katastrophe nicht mit diesen esoterischen Begriffen vertraut. Aber wir verstehen sehr wohl, dass wir auf einen atomaren Winter auf diesem wunderschönen Archipel am Feuerring zusteuern. Und vielleicht leben wir nicht lange genug, um selbst solch einen Winter noch mitzuerleben.

In der Vergangenheit, bis zum heutigen Tag, haben wir immer die Autoritäten (die Regierung) respektiert, treu hüteten wir unsere Gesetze und Regeln, auch mal etwas übertrieben. Wir randalieren nicht. Wir plündern nicht. Wir töten nicht. In Schule und in Familie wird uns beigebracht, dass die Zentral-Regierung, die aus unseren besten und hellsten Köpfen gebildet sei, sich jeden Tag darum bemüht, in unsere Nation für Sicherheit, Wohlstand und Glück zu sorgen.

Verraten uns inzwischen die Besten und Hellsten? Versagt Japans Nachkriegsdemokratie gerade jetzt, wo wir ihre kollektive Weisheit am nötigsten bräuchten? Unsere Regierung scheint weder gewillt noch fähig zu sein, unsere Loyalität zu erwidern, noch fördert sie den Mut und die Widerstandskraft, um uns von der Katastrophe zu erholen. Schlimmer noch, wir befürchten, dass unsere Regierung einen Vertrauensvorschuss haben möchte und von uns ein blindes Auge für ihre offenkundige Unfähigkeit erwartet.

Politische Parteien ringen um die Macht und benützen dabei die schlimmste Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte, die – so scheint es – unser aller Fähigkeiten übersteigt, ihr ein Ende zu setzen. Regierungsbeamte, die die Atomindustrie kontrollieren, scheiden aus und finden neue und besser bezahlte Arbeit bei der Industrie, die sie bis dahin überwachen sollten. Beamte suchen noch immer nach Wegen, um hunderttausende Tonnen an Schutt zu entsorgen, vieles davon radioaktiv, was mit weitaus größeren Kosten verbunden ist als wenn sie im Katastrophengebiet selbst entsorgt würden.

Japan hat seine zwanzigtausend Toten beerdigt – zumindest jene, die nicht unter den Trümmern oder in den Wellen verschwunden sind –, aber tausende von Menschen warten noch sehnlichst auf die Rückkehr in ihr gewohntes Leben, das sie inmitten der Ruinen und des atomaren Albtraums verloren haben. Sie hoffen auf den Tag, an dem sie in ihre Häuser zurückkehren können, um ihr Leben wieder aufzubauen. Die meisten wissen nicht oder wurden weder von der Regierung noch von Tokyo Electric darüber informiert, dass sie niemals in ihre kontaminierten Heimatorte werden zurückkehren können, wo die Strahlung weit über ihre Lebenszeit hinaus tödlich bleiben wird.

Die Kraftwerksbetreiber und die Regierung haben es für notwendig befunden, uns Japaner dahingehend zu belehren, dass wir als Nachkriegsgeneration erst dank der Atomkraft zu Wohlstand gekommen seien. Deshalb sollten wir nicht jammern. Konnte irgendein Durchschnittsbürger darüber entscheiden, ob Japan in die Atomenergie einsteigen soll? Nein, es waren andere als die Bewohner vor Ort, die die kleinen, entlegenen Gemeinden der Küstengebiete mit Versprechungen von unglaublichen Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen für die Region, einer neuen Infrastruktur wie Brücken, Straßen, Schwimmbädern, Konzertsälen und Schulen lockten. Ihnen blieb fast keine andere Wahl als das anzunehmen.

Die Regierung und Tokyo Electric haben gemeinsam den äußerst verführerischen Mythos, Atomenergie sei sicher, billig und sauber, genährt. Um dieses Gespinst aufrecht zu erhalten, haben sie zahlreiche Unfälle vertuscht oder deren gesundheitliche Folgen herunter gespielt.

Seit den Bomben über Hiroshima und Nagasaki hat sich Japan in einer Art religiöser Verdammung von Atomwaffen geübt. Japan hat sich aber auch – im Widerspruch dazu – in eine seltsame Kreatur verwandelt, die sich atomaren Gefahren gegenüber immun zu fühlen schien.

Einige Japaner verließen das Land in den ersten Wochen nach der Kernschmelze von Fukushima. Wir aber bleiben gefasst in einer bitteren Realität zurück. Inzwischen dürfte die Lüge von der sicheren, billigen und ewig sauberen Atomenergie – wie das Meer bei Ebbe – verschwunden sein.

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Gordon Edwards: Die Notwendigkeit einer unabhängigen Lagebeurteilung
von Reaktor 4


The Need for Independent Assessment of the Fourth Reactor
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2011/10/447.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (lg,ho)

Unter dem Titel Reaktor 4 und das Schicksal Japans weist Akio Matsumura zurecht in seinem neuesten Blog darauf hin, dass das Abklingbecken im Reaktor 4 am gefährlichsten ist hinsichtlich eines weiteren massiven Austritts von Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.

Wenn abgebrannte Brennstäbe nicht mindestens ein paar Jahre lang mechanisch in Abklingbecken gekühlt werden, drohen diese – bedingt durch die Radioaktivität – zu überhitzen. Die von der Radioaktivität erzeugte Wärme muss in derselben Geschwindigkeit, in der sie erzeugt wird, abgeleitet werden, damit die Temperatur der Brennstäbe nicht außer Kontrolle gerät.

Sollte die Temperatur auf 900° C steigen, verschlechtert sich der Zustand der äußeren Metallhülle der Brennstäbe schnell, wobei große Mengen an radioaktiven Gasen und Dämpfen freigesetzt werden.

Bei diesen erhöhten Temperaturen reagiert die Metallhülle auch mit dem Wasserdampf (H2O) und erzeugt Wasserstoff (H2), der mit großer Kraft explodieren kann, wie es am 15. März 2011 im Reaktor 4 geschehen ist – das Dach des Gebäudes wurde weggesprengt, dadurch wurde für die Radioaktivität der Weg in die Atmosphäre frei.

Bei etwa 1000° C kann sich die Metallhülle entzünden und dabei kleinste radioaktive Aschepartikel aussenden – winzig kleine Partikel radioaktiven Brennstoffs, sogenannte „radioaktive Flöhe“ –, die besonders gefährlich werden, wenn sie eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden.

Zur Zeit ist die Situation in Reaktor 4 unter Kontrolle – dies kann sich aber schnell ändern, sollte das Abklingbecken kollabieren oder die tragenden Teile durch ein starkes Nachbeben massiv beschädigt werden. Es könnte dann unmöglich werden, die radioaktiven Brennelemente wirksam zu kühlen. Die Temperaturen würden steigen, die radioaktiven Brennelemente würden sich überhitzen und eventuell sogar Feuer fangen.

Bei einem solchen Vorfall – ohne Dach über Einheit 4 und ohne Containment beim Abklingbecken – gäbe es keine Sicherheitsvorkehrung mehr, die eine weiteres Austreten von Radioaktivität verhindern oder eindämmen könnte. Es gäbe keine Möglichkeit, die japanische Bevölkerung oder die Umwelt vor diesen neuen Emissionen zu schützen.

Vor zehn Jahren hat eine Studie der US Nuclear Regulatory Agency festgestellt, dass „die langfristigen Folgen eines Feuers in einem Abklingbecken signifikant sein können ... Untersuchungen weisen darauf hin, dass – verursacht durch einen Schaden an der Wanne oder durch ein schweres Erdbeben – die eingeschränkte Luftströmung jahrelang für Feuergefahr [in einem Abklingbecken] sorgen kann.“ (US NRC NUREG-1738, http://tinyurl.com/65aa4ue)

Wegen dieser äußerst schwerwiegenden Bedrohung wäre die japanische Regierung gut beraten, Experten aus allen möglichen Ländern einzuladen, damit diese die Stabilität des Abklingbeckens in Reaktorgebäude 4 feststellen und Maßnahmen vorschlagen, die einer Stabilisierung dienen. Es ist von allergrößter Bedeutung, dass das Abklingbecken samt behelfsmäßigem Unterbau auch dem denkbar stärksten Nachbeben standhalten kann.

Die Erfahrung zeigt, dass TEPCO und die japanischen Behörden bei der Beurteilung der Lage in Fukuschima Daiichi nicht immer richtig liegen. Bei zahlreichen Gelegenheiten wurden die Regierung und die Öffentlichkeit mit falschen Informationen versorgt.

Unter diesen Vorzeichen erscheint es also empfehlenswert, die Ratschläge von wirklich unabhängigen Experten einzuholen, die nicht durch Interessens-Konflikte belastet sind und die nicht das Gesicht wahren müssen. Nationalstolz macht es selbstverständlich schwer, um Hilfe von Außen zu bitten, aber manchmal wäre genau das das Richtige.

In Kanada beispielsweise entschloss sich 1997 der Verwaltungsrat von Ontario Hydro, ein Team amerikanischer Atomexperten für eine unabhängige Leistungsüberprüfung der 20 in Ontario betriebenen Reaktoren anzufordern.

Diese bis dahin beispiellose Entscheidung diente dazu, dem Vorstand einen wirklich unabhängigen Bericht zu Sicherheitsfragen bei der großen Atomkraftwerks-Flotte von Ontario Hydro vorlegen zu können (http://ccnr.org/hydro_report.html).

Diese auswärtige Experten wurden geholt, um die große Verwirrung und Unsicherheit zu überwinden, die damals wegen undurchschaubarer und scheinbar unvereinbarer Berichte von Seiten Ontario Hydro's und von Seiten der kanadischen Aufsichtsbehörde Atomic Energy Control Board entstanden waren.

Diese unabhängige Überprüfung führte dazu, dass 7 Reaktoren von Ontario Hydro 7 Jahre lang abgeschaltet blieben. Das ermöglichte es der Geschäftsführung und der Belegschaft, wichtige sicherheitsrelevante Wartungsarbeiten nachzuholen und die Sicherheitsvorkehrungen von Ontario Hydro (jetzt Ontario Power Generation) zu überprüfen.

In Kanada konnten wir also feststellen, dass es unter gewissen Umständen sehr förderlich sein kann, den Rat auswärtiger Spezialisten einzuholen. Diese bringen einen unbefangenen Blick für die Probleme mit und müssen sich weder um Vergangenes kümmern noch müssen sie Entscheidungen verteidigen, die irgendwann einmal getroffen wurden.

Ich glaube, dass der Bedarf nach einer solchen unabhängigen Begutachtung des Abklingbecken in Gebäude 4 dringend besteht. Diese Diagnose sollte zu Empfehlungen führen, wie der Zustand des Beckens verbessert und wie der stützende Unterbau angesichts vorhersehbarer Erdbeben oder anderer möglicher Belastungen verstärkt werden kann.

Es ist von größter Bedeutung, dass die abgebrannten Brennelemente so schnell wie möglich aus dem zerstörten Abklingbecken in Einheit 4 entfernt werden. Aber dafür muss vorhanden sein:
1) ein geeignetes Abklingbecken, das die Brennelemente aus Einheit 4 aufnehmen kann
2) eine Schutzhülle, die radioaktive Emissionen während des Transfers verhindert
3) ein Kran für das Entnehmen der Brennelemente
4) Transportbehälter mit Kühl-Vorrichtung

Offensichtlich ist es unmöglich, die radioaktiven Brennelemente vor 2014 aus dem Abklingbecken zu entfernen. In der Zwischenzeit ist es von größter Wichtigkeit, in sachlicher Art und Weise Ratschläge von Statikern einzuholen, damit sichergestellt ist, dass die Wanne für die abgebrannten Elemente so stabil und sicher wie nur möglich gehalten werden kann.

Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man den Beschwichtigungen TEPCOs – ohne diese einer unbefangenen Prüfung unterzogen zu haben – glauben dürfte. Die Gefahren, die vom Abklingbecken in Reaktorgebäude 4 ausgehen, wurden in einer erst kürzlich veröffentlichten Simulation der Japanischen Atom- und Industrie-Aufsichtsbehörde beschrieben (die im Juni abgeschlossen, aber erst im Oktober veröffentlicht wurde) – und diese Gefahren sind noch lange nicht vom Tisch (http://tinyurl.com/3b7dmwn).

Gorden Edwards ist Vorsitzender der Kanadischen Koalition für Atomare Verantwortung und Träger des 2006 Nuclear-Free Future Awards
Zur Biographie: Hier klicken

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Akio Matsumura & Robert Alvarez: Die Korrespondenz zum neuen Foto von Reaktorgebäude 4 in Fukushima


Correspondence on the New Photo of Reactor Unit no. 4 at Fukushima
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/02/correspondence-on-the-new-photo-of-reactor-unit-no-4-at-fukushima.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ho,lg)


Lieber Akio,

Dieses Foto ist ziemlich ernüchternd. Wie Du weißt, sind im Abklingbecken von Gebäude 4 1.538 Brennelemente gelagert – mit dabei der ganze Inhalt des Reaktorkerns, der kurz vor der Katastrophe in dieses Becken umgelagert wurde.

Wie bereits erwähnt, befinden sich in einem abgebrannten Brennelement eines typischen Siedewasser-Reaktors rund 30.181 Curie (~1.1E+15 Becquerel) an langlebiger Radioaktivität – ich beziehe mich dabei auf Daten des US-amerikanischen Energie-Ministeriums. Das Becken in Einheit 4 enthält demnach also ungefähr 49 Millionen Curie (~1.8E+18 Bq), davon sind etwa 40% Cäsium137 (Quelle: U.S. Department of Energy, Final Environmental Impact Statement, for a Geologic Repository for the Disposal of Spent Nuclear Fuel and High-Level Radioactive Waste at Yucca Mountain, Nye County, Nevada, 2002, Appendix A, Tables A-7, A-8, A-9, A-10, BWR/ Burn up = 36,600 MWd/MTHM, enrichment = 3.03 percent, decay time = 23 years.)

Wie du weißt, ist laut der European Geosciences Union die Gefahr gewachsen, dass es zu einem weiteren Erdbeben mit hoher Zerstörungskraft kommen wird – sogar näher bei den Fukushima-Reaktoren.

Das ist äußerst bedrohlich für das Abklingbecken in Gebäude 4 in Daiichi, das – Wind und Wetter ausgesetzt – etwa 30 Meter [100 feet] über dem Erdboden liegt. Das Austrocknen des Beckens als Folge eines neuerlichen Bebens würde eine katastrophale atomare Feuersbrunst auslösen – die 8 mal mehr radioaktives Cäsium als bei Tschernobyl freisetzen würde.

Mit den besten Grüßen
Bob Alvarez




Lieber Bob,

Du und Dr. Gordon Edwards habt das gleiche Wort gebraucht, als Ihr das Foto gesehen habt: Ernüchternd.

Mein großes Anliegen ist, was mir Dr. Hans-Peter Dürr, ehemaliger Leiter der Astrophysik am Max Planck Institut in Deutschland, vor zehn Monaten mitteilte. Japan hatte noch nicht einmal die Kernschmelzen zugegeben, da war es für Hans-Peter bereits klar, dass wir durch Fukushima die Grenzen des derzeitigen Wissensstandes überschreiten werden. Er regte ausdrücklich an, dass die japanische Regierung ein unabhängiges Expertenteam bilden sollte, damit sich die besten Atomwissenschaftler und Bauingenieure um die beste Lösung bemühen können. Angesichts solcher Umstände bemerkte auch Dr. Edwards treffsicher: „Es ist wichtig, den Rat von Experten zu suchen, die vollkommen unabhängig sind, in keinen Interessenkonflikten stehen und die nicht ihr Gesicht wahren müssen. Nationalstolz macht es selbstverständlich schwer, um Hilfe von Außen zu bitten, aber manchmal wäre genau das das Richtige.“

Ich habe feststellen müssen, dass der starke Nationalstolz meines Landes es unmöglich macht, demnächst ein solches unabhängiges Expertenteam zu bilden, deshalb setze ich mittlerweile auf die U.S.-amerikanische Führung, dass diese aus Sorge um die allgemeine und globale Sicherheit handeln wird, noch bevor es in nächster Zukunft ein starkes Erdbeben geben wird. Sollte das Reaktorgebäude 4 kollabieren, wären wir mit einer weltweiten humanitären Katastrophe von noch nie erlebtem Ausmaß konfrontiert.

Ich bitte Dich und Deine Kollegen um Unterstützung, die Aufmerksamkeit amerikanischer Senatoren und Abgeordneter auf diese Angelegenheit zu lenken, damit wir die politischen Hürden überwinden und eine konstruktive Lösung finden können.

Hochachtungsvoll
Akio

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Akio Matsumura: Worauf wartet die Regierung der Vereinigten Staaten?


What Is the United States Government Waiting for?
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/06/what-is-the-united-states-government-waiting-for.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ho,lg)


Wir fahren fort, die Ansichten vieler international anerkannter Wissenschaftler zur drohenden globalen Katastrophe als Folge eines Kollabierens des Reaktors 4 in Fukushima Daiichi zu veröffentlichen. Die Botschaft ist inzwischen klar und deutlich – die japanische Regierung wird nichts tun; es liegt an den Vereinigten Staaten, den ersten Schritt zu tun – bis jetzt ist allerdings nichts geschehen.

Ich war erstaunt, als ich hörte, dass 1 Million Japaner unseren Artikel gelesen haben, der vom mutigem Appell des Botschafters Mitsuhei Muratas anlässlich eines öffentlichen Hearings im japanischen Oberhaus berichtet, aber auch von Robert Alvarez' bekannter Angabe, dass es 85-mal mehr Cäsium137 in Fukushima als bei der Tschernobyl-Katastrophe gibt. Menschen aus 176 Ländern haben unseren Blog besucht und Botschafter Murata und Robert Alvarez wurden vielfach in Online-Zeitschriften und Printmedien zitiert. Ungeachtet dieser weltweiten Aufmerksamkeit scheint die japanische Regierung weiterhin von jeder Handlung Abstand zu nehmen, die der wachsenden Gefahr in Fukushima Herr werden könnte. Im April flog ich nach Japan, um mich mit Führern der Regierungs- und Oppositionsparteien zu treffen und um darzustellen, wie gefährlich die Situation wirklich ist. Botschafter Murata und ich trafen Herrn Fujimura, den obersten Kabinettschef, der uns versicherte, dass er unsere Botschaft an Premierminister Noda vor dessen Abflug nach Washington, wo er Präsident Obama am 30. April treffen sollte, weiterleiten würde. Zu unserer großen Enttäuschung wurde der Vorschlag für ein unabhängiges Gutachterteam und für internationale technische Katastrophen-Unterstützung nicht öffentlich erwähnt. Ich war auch überrascht hören zu müssen, dass viele führende japanische Politiker offensichtlich nichts von einer möglichen globalen Katastrophe wüssten, weil sie darüber von TEPCO nicht im Geringsten informiert worden seien. Mir ist diese Mentalität kaum verständlich. Warum halten es japanische Politiker für sachlich gerechtfertigt, sich an nur eine Informationsquelle (noch dazu in einem offensichtlichen und sich zwingend ergebenden Interessenskonflikt) zu halten, um feststellen zu können, welche Fragen sich aus der Katastrophe von Fukushima ergeben und wer am besten geeignet ist, diese Angelegenheit in den Griff zu bekommen? Diese Kurzsichtigkeit hat zur Folge, dass die politische Führung Japans keine klare Vorstellung von der Situation hat und deshalb an einem Ideenmangel leidet, wie es mit Land und Leuten weitergehen kann.

Lassen sie mich kurz erläutern, warum Fukushima Daiichi eine enorme Gefahr bleibt, für die kein Wissenschaftler im Augenblick eine Lösung anbieten kann.

Jeder der folgenden Zwischenfälle brächte die Umgebung von Fukushima Daiichi in schwere Gefahr.

1. In den Reaktoren 1, 2 und 3 kam es zu vollständigen Kernschmelzen. Die japanischen Behörden halten es für möglich, dass der Kern durch den Boden des Reaktorgefäßes geschmolzen ist. Es wird darüber spekuliert, ob es zu einer unerwarteten Kritikalität (neuerlichen Kettenreaktion) oder zu einer mächtigen Dampfexplosion kommen kann – jedes dieser Ereignisse kann zu neuen und massiven Freisetzungen von Radioaktivität an die Umwelt führen.
2. Die Reaktoren 1 und 3 sind Orte von teilweise sehr starker Strahlenbelastung, was diese Bereiche unzugänglich macht. Folglich konnten seit der Katastrophe keine Instandsetzungs-arbeiten durchgeführt werden. Bis zu welcher Stärke diese Bauten einem Nachbeben standhalten können, ist ungewiss.
3. Die provisorisch verlegten Kühlwasser-Leitungen führen in den beschädigten Reaktorgebäuden über Schutt und über Müll. Sie sind ungeschützt und können leicht beschädigt werden. Das kann zum Ausfall der Kühlsysteme führen, was wiederum zu einer Überhitzung von Brennelementen, zu weiteren Zerstörungen von Brennelementen mit radioaktiver Freisetzung, zusätzlichen Wasserstoff-Explosionen, eventuell sogar zum Zirkoniumbrand und zum Schmelzen von Brennelementen in den Abklingbecken führen kann.
4. Das Reaktorgebäude 4 und sein stützender Unterbau ist schwerstens beschädigt. Das Abklingbecken in Einheit 4 – mit einem Gesamtgewicht von 1.670 Tonnen – hängt 100 Fuß (30 Meter) über dem Boden, neben einer Wand, die sich nach außen wölbt.
Wenn dieses Becken kollabiert oder austrocknet, zerstört die folgende Strahlenbelastung das gesamte Gebiet. In der Anlage von Fukushima Daiichi ist in den Abklingbecken eine Menge von Cäsium137 angesammelt, die 85 mal größer ist als jene von Tschernobyl.

Jedes derartige Ereignis kann schwerwiegende Folgen für die gesamte Umgebung von Fukushima Daiichi haben.

Aufgrund des öffentlichen und medialen Drucks schickte die Regierung den Minister für Entwicklung und Atomenergie, Goshi Hosono, am 26. Mai in den Reaktor 4. Er verbrachte eine halbe Stunde auf einer Hilfsstiege in der Anlage. Zu unserer Überraschung äußerte er, die Stützen unter dem Abklingbecken würden einen soliden Eindruck machen. (Auf diese Art wurde unsere wiederholte Forderung nach einem unabhängigen Gutachterteam innerhalb von 30 Minuten abgefertigt. Danke, Japan.) Minister Hosono sagte auf der Pressekonferenz weiters, dass Reaktor 4 einem Beben der Stärke 6 standhalten könne. Wie kann er das sagen? Wir weisen darauf hin, dass japanische Geologen in den nächsten 3 Jahre ein Beben mit der Stärke 7 erwarten – und das mit 90%er Wahrscheinlichkeit.

Hat er bereits die Entschuldigung parat, dass ein Erdbeben der Stärke 7 über seine Vorstellungskraft hinaus gegangen sei?

Glaubt die japanische Regierung, dass die Öffentlichkeit so blöd ist, dieses Märchen zu glauben? Wenn sie so unverfroren ist, dann nur, weil sie weiß, dass die japanischen Medien das decken, was diese auf Bestellung zu decken haben. Wenn wir hier über „Business as Usual“ sprechen, könnte ich das als politisches Theater abtun, aber wir sprechen in diesem Fall von einer globalen Katastrophe, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hat. Frustration und Enttäuschung wachsen von Tag zu Tag.

Ich entschied mich, Washington D.C. zu besuchen, um einen alten Freund – einen Generalleutnant i. R., den ich bei den Vereinten Nationen kennen gelernt habe – zu treffen und um ihm zu erläutern, warum Fukushima als vorrangiges internationales Sicherheitsproblem zu betrachten ist und warum es ein sofortiges Eingreifen der USA braucht.

Er stimmte mit mir überein. Ihm war klar, warum Fukushima ein sofortiges Handeln braucht, und er war verwundert, warum alle möglichen Akteure bis heute so träge in ihrem Handeln sind. Ein Jahr und zwei Monate sind nun vergangen und es ist ein Mysterium, warum die US-amerikanische Regierung weiter zuwartet. Das Reaktorgebäude 4 näher unter die Lupe zu nehmen, sollte eine vorrangige Angelegenheit nationaler Sicherheit sein.

Wir glauben, dass wir 14 Monate lang Glück hatten und dass es eine Zeit der Prüfung war, ob die Meinungsführer aus allen Lebensbereichen fähig sind, diese Herausforderung anzunehmen. Sie waren dazu nicht fähig. Und ich glaube nicht, dass wir weitere 14 Monate mit unserem Glück rechnen dürfen.

Ich traf in Washington auch Bob Alvarez, wir konnten uns mehrere Stunden unterhalten. Ich dankte ihm für seine Berechnung des Anteils an Cäsiums137 im Inventar am gesamten Gelände des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Diese einfache Berechnung hatte geholfen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Herr Alvarez führte aus, dass die Berechnung, in Fukushima sei die 10fache Menge an Cäsium137 im Vergleich zu Tschernobyl vorhanden, zu niedrig gegriffen sei, aber sie sei gut, um Streitereien zu vermeiden. Als höherer Wert könne etwa das 50fache angesetzt werden, was bedeutet, dass auch eine 85fache Menge im Vergleich zu Tschernobyl denkbar ist.

Aber es macht – so Alvarez – keinen Unterschied, ob der Faktor bei Reaktor 4 10 oder 20 ist. Das Cäsium137 in Reaktor 4 würde ganz Japan zur Evakuierungszone machen, die starke Strahlung Ostasien und Nordamerika treffen und der radioaktive Fallout würde für mehrere hundert Jahre zurück bleiben. Er fragte mich, ob die japanische Führung das verstanden habe. Ich antwortete ihm, dass sie das theoretisch versteht, aber nicht praktisch umsetzen kann. Premierminister Noda, der sechste Premier in den letzten fünf Jahren, kann das Ersuchen um ein unabhängiges Gutachterteam und um internationale technische Hilfsmannschaften, die nicht von TEPCO gestellt werden, politisch nicht durchsetzen.

Ich sagte ihm, dass ich nach Washington gekommen sei, um klar zu machen, dass Japan nicht die ersten Schritte setzen wird. Seine Führung hat nicht die Kraft, zuerst zu handeln und das dann politisch auch durchzustehen; sie hat nicht den Mut, den ersten Schritt zu setzen, ohne gleich an den zweiten zu denken.

Unser Gastsprecher beim Moskauer Global Forum von 1990, Dr. Robert Socolow, Professor für Maschinenbau und Luftfahrttechnik an der Princeton Universität, schrieb am 21. März 2011 in seinem Essay an das „Bulletin für Atomwissenschaften“:

Wir müssen immer wieder und wieder erklären, was unter „Restwärme“ zu verstehen ist: Das Feuer, das nicht gelöscht werden kann, die Hitze der Spaltprodukte – jetzt und Wochen und Monate später, die Wärme, die abgeleitet werden muss. Die Journalisten haben schwere Zeiten vor sich, diesen Begriff „Restwärme“ zu vermitteln, denn er ist für sie und für die, für die sie schreiben, noch ziemlich fremd. Jeder Laie glaubt, dass  j e d e s  Feuer löschbar sei.

Es ist laut Dr. Socolow äußerst schwierig, politische Führungspersönlichkeiten davon zu überzeugen, etwas gegen ein Unbekanntes – in diesem Fall gegen eine beispiellose Katastrophe - zu unternehmen, da sie nicht über den nächsten Wahltermin hinaus denken können.

In diesem Sinn betone ich ausländischen Politikern gegenüber immer wieder und wieder, dass Japans Premierminister ein Konsens-Mensch ist, keiner, der etwas riskiert. Er wird sich niemals dieser Herausforderung stellen.

Die Regierung der Vereinigten Staaten erscheint mir als der einzig logische Akteur und es ist für mich sehr schwer verständlich, warum sie bis jetzt still gehalten hat.

Sollte diese globale Katastrophe wirklich eintreten – was werden die Geschichtsbücher schreiben?

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Gordon Thompson: Die atomare Gefahr in Japan –
Über die Notwendigkeit einer unabhängigen Beurteilung der Lage


Nuclear Risk in Japan – The Need for Independent Assessment
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/06/nuclear-risk-in-japan-the-need-for-independent-assessment.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ho,lg,ak)


Lieber Akio Matsumura,

ich antworte Dir auf Deinen Blogeintrag vom 11. Juni 2012 mit dem Titel Worauf wartet die Regierung der Vereinigten Staaten? Dein Eintrag befasst sich mit dem Strahlenrisiko, das zur Zeit im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in Japan be­steht, insbesondere mit der Gefahr, die vom Ab­klingbecken im Reaktorgebäude 4 ausgeht.

Deine Sorge ist angebracht. Das Strahlenrisiko in Einheit 4 wird solange bestehen bleiben, bis alle Brennelemente aus diesem Abklingbecken ent­fernt und trocken gelagert worden sind. Es gibt al­lerdings Möglichkeiten, das Risiko für jene Zeit­spanne zu verkleinern, bis die Übersiedlung der gebrauchten Brennelemente abgeschlossen ist. Bedenke aber bitte, dass die Gefahr nicht allein vom Abklingbecken der Einheit 4 ausgeht. Mit der Atomwirtschaft in Japan sind viele Risiken ver­bunden und es gibt Möglichkeiten, diese zu ver­kleinern.

Du forderst von unabhängiger Seite eine Gefah­reneinschätzung und Vorschläge zur Risikoein­dämmung in Fukushima Daiichi. Eine solche Ein­schätzung der Lage kann - sofern sachgemäß durchgeführt – von sehr großem Nutzen sein. Die Erfahrungen zeigen, dass sich wichtige japani­sche Institutionen in Industrie und Regierung der Gefahr und der Möglichkeiten, die Gefahren zu reduzieren, nicht bewusst sind.

Bei verschiedenen Anlässen hat es im Zusam­menhang mit der Atomwirtschaft immer wieder unabhängige Gutachten zu den Gefahren und zur Gefahreneingrenzung gegeben. Ein Beispiel da­für ist der Gorleben International Review von 1978 bis 1979. Ich hatte die Ehre, als einer von 20 internationalen Wissenschaftlern bei dieser Studie dabei zu sein. Die Studie wurde von der Regierung Niedersachsens, damals noch BRD, in Auftrag gegeben und sollte einen Vorschlag für die Errichtung eines Lagers für abgebrannte Brennelemente erstellen. Die Untersuchung wies auf Strahlenrisiken und anderes hin. Die Studie hatte weitreichenden Einfluss auf die deutsche Atompolitik.

Du hast vorgeschlagen, dass die US-Regierung die Risiken und die Möglichkeiten zur Risikover­minderung in Fukushima Daiichi einschätzen soll­te. Ich bezweifle, dass die US-Regierung eine wirklich unabhängige Beurteilung liefern kann. Ei­nige Einrichtungen der US-Regierung – etwa die National Laboratories – verfügen über die not­wendige technische Kompetenz. Die US-Regie­rung könnte aber der US-Nuclear Regulatory Commission, die mit wenig Einsicht glänzt, eine führende Rolle geben und damit die Gefahr, die bei der Lagerung abgebrannte Brennelemente besteht, nicht erkennt.

Japan könnte selbst eine unabhängige Einschät­zung der Risiken und der Möglichkeiten zur Risi­koverminderung durchführen. Ein derartiger Auf­trag könnte von einer Stadtregierung, einer Prä­fektur oder einem privaten Unternehmen in Auf­trag gegeben werden. Die Expertise sollte von ja­panischen und internationalen Fachleuten getra­gen werden. Es scheint mir wichtig, darauf hinzu­weisen, dass es in Japan sehr viele kompetente Fachleute gibt. Die Atomindustrie mag in vielerlei Hinsicht fehlerbehaftet sein. In Hinblick auf den Einzelnen besteht aber kein Mangel an Fähigkeit oder Objektivität.

Mit besten Grüßen
   Gordon Thompson

Gorden Thompson ist der Direktor des Institute for Resource and Security Studies (Cambridge, Massachu­setts) und leitender Wissenschaftler im Geroge Perkins Marsh Insitut, Clark University (Worcester, Massachusetts)

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Maggie && Arnie Gunderson: Fukushima Daiichi – Die Wahrheit und die Zukunft


Fukushima Daiichi: The Truth and the Future
Quelle:
http://fairewinds.org/content/fukushima-daiichi-truth-and-future
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ho,lg,ak)


12. Mai 2012

Über dieses Video:
Im Rahmen eines Vortrages vom 12. Mai 2012 in Kansai, Japan, beantworteten Maggie und Arnie Gundersen von Fairewinds Energy Education konkrete Fragen der Organisatoren des Symposiums zum Zustand des Abklingbeckens im Reaktorgebäude 4. Fairewinds analysiert die Explosion in Einheit 3. Arnie spricht auch darüber, was es für Japans Zukunft bedeuten könnte, wenn es sich für einen Weg ohne Atomkraft entscheidet.

Video Abschrift / Übersetzung:

Maggie Gundersen: Guten Tag, Mr. Hirose, und guten Tag an alle Menschen in Kansai. Ich bin Maggie Gundersen. Ich bin die Vorsitzende und Gründerin von Fairewinds Associates und die Gründungsdirektorin der gemeinnützigen Organisation Fairewinds Energy Education.

Ich bin heute hier mit Arnie Gundersen, meinem Ehemann und leitenden Ingenieur von Fairewinds Associates. Wir sind heute hier, um über die Dreifachkernschmelze in Fukushima-Daiichi zu sprechen. Wir hoffen, all ihre Fragen beantworten zu können. Ich wünschte, wir könnten direkt bei ihnen sein. Ich danke ihnen, dass sie sich dieses Video ansehen. Und senden sie uns bitte ihre offenen Fragen. Wir werden sie gerne beantworten. Ich möchte nun Arnie in das Gespräch einbinden. Arnie, wie gefährlich ist zur Zeit die Situation in Fukushima-Daiichi Einheit 4, vor allem angesichts der in Japan ständig vorhandenen Gefahr von Erdbeben und seismischen Aktivitäten und angesichts der Möglichkeit, dass es zu einem weiteren Tsunami kommen kann.

Arnie Gundersen: Einheit 4 war stets meine größte Sorge. Bereits in der ersten Wochen nach der Katastrophe sagte ich auf unserer Webseite, dass Tokio evakuiert werden muss, falls es zu einem Brand in Einheit 4 kommen sollte. Im Übrigen berichten wir ausführlich darüber in unserem Buch. Diese Sache ist sehr wichtig und es bleibt die größte Sorge, die ich bezüglich der Anlage in Fukushima habe. In Einheit 4 sind mehr Brennelemente als in den übrigen Einheiten der Anlage, bedeutsamer ist aber noch, dass diese bis vor Kurzem noch in Verwendung waren. Und alle diese Brennstäbe befinden sich außerhalb des Containments.

Das macht die Situation gefährlich genug. Hinzu kommt, dass Einheit 4 eine Reihe von Explosionen hinter sich hat und die Bausubstanz schwer in Mitleidenschaft gezogen ist. Mag das Gebäude zuvor noch einem Erbeben der Stärke 7,5 standgehalten haben, so glaube ich, dass der Schaden am Gebäude in Einheit 4 mittlerweile so groß ist, dass es ein weiteres Beben der Stärke 7,5 nicht mehr überstehen wird.

Sollte Einheit 4 Risse bekommen und Wasser aus dem Abklingbecken fließen, könnte folgendes passieren: die Brennstäbe sind so heiß, dass sie mit Wasser gekühlt werden müssen. Ist nur Luft zum Kühlen da, werden sie zu brennen anfangen. Die den Brennstoff umgebende Zirkoniumhülle beginnt zu glühen, reagiert mit dem Sauerstoff und löst einen Brand aus. Einmal in Gang geraten, kann so ein Feuer nicht mit Wasser gelöscht werden. Wasser würde das Ganze nur noch schlimmer machen. Der nukleare Brennstoff müsste komplett verbrennen, damit das Feuer erlischt.

Sollte das eintreten, würde die Strahlung in die Atmosphäre aufsteigen und über ganz Japan und die ganze Welt ziehen.

Das im Abklingbecken der Einheit 4 vorhandene Cäsium entspricht jener Menge, die bei den Atombombentests in den 40er, 50er, 60er-Jahren bis hinein in die 70er-Jahre freigesetzt wurde. Bei allen oberirdischen Tests wurde weniger Cäsium frei, als derzeit im Abklingbecken von Reaktor 4 in Fukushima vorhanden ist. Die Lage ist ernst. Ich glaube nicht, dass die japanische Regierung schnell genug reagiert. Kommt kein Erdbeben, ist der Plan, die Brennstäbe langsam zu entfernen, ausreichend. Aber wir können nicht abwarten, was Mutter Natur tun wird. Wir sollten die Brennstäbe schnellstmöglich aus dem Becken holen und auf einen sicheren Untergrund bringen. Das Stichwort ist schnellstmöglich. Die japanische Regierung rückte in diesem Monat immerhin mit dem Plan heraus, ein Gebäude um das Gebäude mit dem Abklingbecken zu bauen. Das Entfernen der Brennelemente soll dann 2013 oder 2014 starten.

Bereits vor einem Jahr sagte ich in einem Interview mit Chris Martenson auf der Website von Fairewinds, dass genau das gemacht werden sollte. Die Dinge lagen auf der Hand, aber TEPCO handelt nicht schnell genug und die japanische Regierung drängt TEPCO nicht zu größerer Eile. Ich denke, dass das raschest mögliche Entfernen der Brennelemente aus dem Becken für TEPCO und die japanische Regierung eigentlich von höchster Priorität sein sollte. Parallel dazu müssen sie das Becken verstärken, damit sichergestellt ist, dass es einem Erdbeben standhalten kann. Vergessen Sie nicht – das Becken hat kein Containment. Von einem Satelliten aus kann man die Brennelemente sehen. Das Dach ist weggerissen. Und das macht die Sache so gefährlich.

In Amerika untersuchte das Brookhaven National Laboratory, was im Falle eines Brandes in einem Abklingbecken passieren würde. Dort wurde berechnet, dass in Folge eines Feuers in einem Abklingbecken 187.000 Menschen an Krebs erkranken würden. Das ist besorgniserregend und ich glaube nicht, dass Tokio Elektrik und die japanische Regierung die Sache wirklich ernst genug nehmen. Während des vergangenen Jahres habe ich mit Akio Matsumura zusammengearbeitet und es scheint, als ob die Weltgemeinschaft anfängt, Akio Matsumuras Sorge in Bezug auf das Abklingbecken endlich zu hören. Wir müssen uns als betroffene Weltgemeinschaft dieser Angelegenheit widmen und die japanische Regierung und Tokio Elektrik dazu bringen, das Problem so schnell wie möglich zu beseitigen.

Maggie Gundersen: Arnie, du erwähntest zuvor Cäsium. Warum ist das so wichtig? Welche Auswirkung auf die Gesundheit hat Cäsium und gibt es noch weitere radioaktive Isotope, die bei der Dreifachkernschmelze freigesetzt wurden?

Arnie Gundersen: Cäsium ist eines von vielen radioaktiven Isotopen, die in einem Atomreaktor entstehen. Es hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Es wirkt etwa 300 Jahre und der Organismus behandelt es wie Kalium. Denken sie an einen Muskelkrampf. Nach dem Essen einer Banane löst sich der Krampf. Nun, Cäsium geht auch in ihre Muskeln. Man nennt es auch einen Muskelsucher. Wenn es in ihre Muskeln gelangt, kann es Krebs verursachen, aber auch eine Vielfalt anderer Krankheiten auslösen.

Die Brookhaven Studie untersucht nur Krebs. Sie bezieht nicht alle anderen möglichen Krankheiten mit ein, die durch Cäsium verursacht werden können. Bei kleinen Kindern, deren Muskeln, vor allem ihr Herzmuskel, recht schnell wachsen, kann es das sogenannte Tschernobylherz – einen Schaden am Herzmuskel – hervorrufen. Wenn dieser einmal geschädigt ist, kann er niemals wieder hergestellt werden. Cäsium ist nur eines von vielen Isotopen, ist aber leicht messbar und verursacht von allen Isotopen in einem Reaktor fast den größten biologischen Schaden.

Maggie Gundersen: Arnie, du hast gesagt, du glaubst, dass die Explosion in Einheit 3 durch eine prompte Kritikalität entstanden ist. Was ist eine prompte Kritikalität und warum hast du diese Vermutung?

Arnie Gundersen: Ich gelangte aufgrund der Art der Explosion zur Überzeugung, dass in Einheit 3 eine prompte Kritikalität eingetreten ist. Bei Einheit 1 breitete sich die Explosion mit relativ wenig Energie seitwärts aus. Man kann die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreitet, messen. Ist die Geschwindigkeit geringer als die Schallgeschwindigkeit, dann spricht man von einer Deflagration. Diese verursacht nur in der unmittelbaren Umgebung größeren Schaden. Die Explosion in Einheit 3 war gänzlich anders. Sie können es sehen, es ist leicht zu erkennen. So etwas wird als Detonation bezeichnet. Die Explosionsgeschwindigkeit in Einheit 3 war schneller als die Schallgeschwindigkeit.

Es ist nicht wichtig, wie Einheit 3 explodierte. Das Wichtigste ist, dass es eine Detonation war, keine Deflagration. Die Atomindustrie misst dem bis heute keine Bedeutung bei. Das sollte sie aber, denn ein Containment kann einer sich langsam bewegenden Deflagration standhalten, einer Detonation hingegen nicht. Die Nukleare Aufsichtsbehörde (Nuclear Regulatory Commission - NRC) und die internationale Gemeinschaft ignorieren den Umstand vollkommen, dass es in Einheit 3 zu einer Detonation gekommen ist.

Wie also konnte es zu einer Detonation kommen? Das war die Frage, die ich mir stellte. Ich kam mit Chemikern überein, dass atmosphärischer Druck und Wasserstoff keine Detonation erzeugen können. Wie in Einheit 1 würde es nur zu einer Deflagration kommen. Ich musste also herausfinden, wie eine Detonation entstehen konnte. Es gab mehrere Hinweise. Ein Hinweis war ein im März letzten Jahres erschienener Bericht – der auch auf unserer Webseite zu finden ist –, in der die Atomaufsichtsbehörde (NRC) davon spricht, dass atomarer Brennstoff innerhalb der Anlage niedergegangen ist, aber auch in einem Umkreis von 2 km.

Wie kann atomarer Brennstoff aus einem Reaktor hinausgeschleudert werden? Der Brennstoff, der im Reaktor ist, befindet sich auch im Containment. Es gibt kein Anzeichen für einen gröberen Defekt am Containment oder am Reaktor selbst, durch den der atomare Brennstoff hätte hinausgeschleudert werden können. So musste ich den Grund dafür finden, warum der atomare Brennstoff laut Atomaufsichtsbehörde (NRC) nicht in winzigen Atomen, sondern in Bruchstücken gefunden wurde.

Eine Explosion in Abklingbecken 3 ist die einzig sinnvolle Erklärung. Analysiert man die ersten Bilder der Aufzeichnung des Ereignisses in Einheit 3, so zeigen diese eine Detonation an der Seite des Gebäudes – also dort, wo sich das Abklingbecken befindet. Von dort ausgehend entwickelt sich dann die enorme Rauchwolke. Was also war der Auslöser? Das ist die Frage. Wasserstoffgas hätte sich über dem Brennstoff befunden; durch eine Explosion wären die Brennstoffelemente nach unten gedrückt worden.

Das ist aber nicht passiert. Erinnern wir uns: Bruchstücke des Brennstoffes wurden außerhalb des Gebäudes gefunden. Etwas muss den Brennstoff in die Höhe geschleudert haben. Die einzige Lösung, die ich gefunden habe, ist eine Kritikalität als Ursache. Die Abteilung, die ich leitete, baute Rahmen für Brennelemente in Siedewasser-Reaktoren wie in Fukushima. Bei diesen heute in jedem Reaktor eingebauten engen Gestellen liegen die Brennelemente so dicht beieinander, dass sie rasch kritisch werden können. Und in der von seismische Ereignisse und Explosionen hervorgerufenen Katastrophen-Situation ist es sehr wahrscheinlich, dass sie nahe dran waren, kritisch zu werden. Das bedeutet wiederum, dass sie nahe daran waren, in eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion überzugehen.

Vor etwa 40 Jahren sahen wir auf dem College einen Film über das sogenannte Borax Experiment. Sie können ihn heute im Internet finden. Die Explosion in Borax war Folge einer prompten moderierten Kritikalität. Sie schaut fast genauso aus wie die in Einheit 3 in Fukushima. Ein 40 Jahre altes Bild führte mich also zu der Schlussfolgerung, dass dasselbe in Einheit 3 geschehen ist: dass eine Kritikalität im Abklingbecken aufgetreten ist und dass diese einen Teil des nuklearen Materials in Stückchen zerlegt und in der Umgebung verstreut hat.

Nun, diese Art der Kritikalität wird prompte moderierte Kritikalität genannt. Es ist keine Bombe. Eine Bombe ist eine prompte schnelle Kritikalität. Diese Reaktion läuft langsamer als bei einer Bombe ab, ist aber schneller als im Atomreaktor selbst. Die Borax Experimente wurden durchgeführt, um zu testen, wie heftig so eine Reaktion werden kann. Wenn man Borax anschaut und mit Fukushima Einheit 3 vergleicht, sieht man erschreckend viele Ähnlichkeiten.

Nochmals, das ist eine Theorie. Aber sie liefert als einzige eine Erklärung für die Explosion an jener Seite des Gebäudes, an der sich das Abklingbecken befindet. Sie ist auch die einzige Theorie, welche die aufwärts gerichtete Wucht erklärt, mit der Teile des Brennstoffs bis über 2 km Entfernung in der Umgebung verteilt wurden.

Es gibt noch einen weiteren Beweis: Das Dach über dem Abklingbecken ist vollkommen zerstört worden, das Dach über dem Reaktor mit seinem Containment hingegen ist eingestürzt. Auch darüber sprechen wir im Video auf unserer Webseite und ich bin der Ansicht, dies ist ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, dass das, was den Ausstoß des Brennstoffes verursacht hat, auf der Seite des Gebäudes zu suchen ist, auf der sich das Abklingbecken befindet, und nicht in der Mitte, also dort, wo sich der Reaktor befindet.

Die Videos nach dem Unfall und nach der Explosion zeigen außerdem Lecks im Containment. Man sah in den folgenden Wochen Dampf aus der Mitte des Gebäudes aufsteigen. Und ich glaube, dass sich der Deckel des Containments gehoben und nicht mehr richtig geschlossen hat. Der Deckel dürfte sich gehoben und danach seitlich verdreht haben, wodurch radioaktive Gase dem Containment entweichen können. Aber es beweist noch nicht, dass das die Ursache für die Explosion war, die wir während des Vorfalls gesehen haben. Eine Überprüfung steht noch aus und es wird noch gut 10 Jahre dauern, bis wir diesen Reaktor in Fukushima betreten können, um die Schäden zu begutachten. Ich denke, im Moment erklärt meine Theorie den Schaden, die Geschwindigkeit der Druckwelle und auch die Tatsache, dass eine Kontaminierung im Umkreis von 2 km feststellbar ist.

Maggie Gundersen: Arnie, sprechen wir über das Abklingbecken im Reaktorgebäude 4. Zu diesem Abklingbecken gab es bis jetzt viele Fragen und Befürchtungen. Gab es eine Wasserstoffexplosion im Abklingbecken der Einheit 4? Wenn ja: Was ist eine Wasserstoffexplosion? Und warum sollte sich gerade dort eine solche ereignet haben?

Arnie Gundersen: Eines der größten Mysterien in Fukushima ist: Wie explodierte das Reaktorgebäude 4? Es gibt etliche sehr unscharfe Videos, die deutlich zeigen, dass eine Explosion stattgefunden hat. Die Art der Explosion war ungewöhnlich und möglicherweise ist ihr einige Tage zuvor schon ein Feuer oder eine Explosion vorausgegangen. Wie Einheit 4 also genau explodierte, ist eine der großen Fragen bei der Katastrophe von Fukushima.

Hierzu gibt es 3 unterschiedliche Theorien: Tokyo Electric sagt, dass radioaktiver Wasserstoff aus der Einheit 3 über ein Verbindungsrohr in Einheit 4 gelangt und dort explodiert sei. Laut Tokyo Electric entstand also in Einheit 3 der radioaktive Wasserstoff, der durch ein Rohr in Einheit 4 gelangte und dort explodierte. Dafür gibt es einen einzigen Beleg: In mehreren Filtern der Einheit 4 gibt es Verschmutzungen, die darauf hinweisen, dass die Gase aus Einheit 3 stammen könnten.

Dies ist eine Möglichkeit, aber ich denke nicht, dass sie zutrifft, weil ich glaube, dass das Containment von Einheit 3 derart beschädigt wurde, dass kein Druck mehr da war, um Gase bis in Einheit 4 zu befördern. Ich kann auch nicht verstehen, durch welche Art von Kraft Gase bis in Einheit 4 gepresst worden sein sollen. Ich denke, dass die Wasserstoffexplosion von Einheit 4 selbst kam. Hierfür gibt es zwei Denkvarianten.

Eine kommt von Dr. Gen Saji und ist eine ausgezeichnete Analyse. Er glaubt, dass Wasserstoff aus dem Wasser des Beckens selbst durch die über Monate hinweg einwirkende Radioaktivität gelöst wurde. Und zwar genügend, um eine Sprengung des Gebäudes zu bewirken. Durch die Erwärmung des Beckenwassers sei Wasserstoff aus dem Wasser freigesetzt worden und dieser Wasserstoff habe die Explosion verursacht.

Die zweite Möglichkeit ist, und das ist meine Theorie, dass im Frühstadium des Unfalls – man kann es in einem Video auf unserer Webseite sehen –, der oberste Teil der Brennelemente der Luft ausgesetzt war. Ich will nicht behaupten, dass das Abklingbecken völlig ausgetrocknet war. Aber die Spitze der Brennelemente war, glaube ich, der Luft ausgesetzt und ich denke, die Bilder zeigen dies. Wenn also der obere Teil der Brennelemente der Luft ausgesetzt war, ist es möglich, dass eine Reaktion am oberen Teil der Brennelemente stattgefunden hat, die genügend Wasserstoff erzeugt hat, um das Gebäude zu sprengen.

Dr. Saji ist wie ich der Meinung, dass der Wasserstoff aus dem Abklingbecken von Einheit 4 kam. Er glaubt, dass er im Wasser gelöst wurde. Ich glaube, er kam vom Brennstoff selbst. Erst wenn wir hinein können, um die Reaktion zu analysieren, werden wir über diesen Punkt Klarheit bekommen. Es gibt aber noch eine wichtige Lektion, an die die Atomindustrie bis heute nicht gedacht hat. Und das ist die Temperatur im Abklingbecken. Das Abklingbecken ist ein großes Becken und es kann stellenweise kochen. Die Nukleare Sicherheitskommission (NRC) und die internationale Gemeinschaft schenken dem keine Beachtung. Es kann in einem Becken zu einem punktuellen Sieden kommen, während im Großteil des Beckens nur 80 Grad herrschen. Teilbereiche im Becken können bereits 100° erreicht haben. Das unterstützt Dr. Saji's Aussage, dass durch Sieden Wasserstoff freigesetzt wurde, obwohl das Becken als Ganzes nie den Siedepunkt erreicht hat.

Meine Theorie ist, dass das gesamte Becken so viel Wasser verloren hat, dass es dadurch zum Sieden kam. Aber eigentlich geht es darum, dass die Atomindustrie den Umstand unbeachtet lässt, dass das Wasser bereits punktuell sieden kann, obwohl die Gesamttemperatur weniger als 100 Grad C° beträgt.

Dies ist für die Zukunft von eminenter Bedeutung. In den USA existieren 23 und im Rest der Welt noch weitere 10 dieser Mark I Reaktoren. Ich glaube, dass wir diese Becken so konstruieren müssen, dass das Gebäude bei einer Abspaltung von Wasserstoff nicht gleich in die Luft fliegt.

Für dieses Ereignis wurden niemals Vorkehrungen getroffen, weil es nicht vorhergesehen war. Aber es ist nun einmal in Einheit 4 passiert und wir müssen dem in Zukunft vorbeugen. Nicht nur bei Mark I Reaktoren, sondern auch bei den 400 Reaktoren, deren Abklingbecken alle in gleicher Weise für diese Art von Störfall anfällig sind.

Maggie Gundersen: Arnie, ich möchte noch ein paar Fragen stellen. In deiner Ausführung über Einheit 4 hast du über die dortige Wasserstoffexplosion gesprochen. Besteht bei Einheit 4 weiterhin die Möglichkeit einer Kritikalität oder eine Wasserstoffexplosion? Kann es durch irgendeinen Anlass zu einer weiteren Freisetzung von Radioaktivität kommen?

Arnie Gundersen: Die Brennelemente in Reaktor 4 wurden wenige Monate vor dem Unfall aus dem Reaktorkern entfernt und im Abklingbecken gelagert. Seit der Katastrophe sind sie nun ein Jahr lang abgekühlt. So kühlt der Brennstoff allmählich ab. Er muss noch weitere 2 Jahre lang mit Hilfe von Wasser abgekühlt werden, ist aber bereits viel kühler als zum Zeitpunkt der Katastrophe. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wasserstoff gebildet wird, ist inzwischen wesentlich geringer als zum Zeitpunkt der Katastrophe. So glaube ich nicht, dass wir eine weitere Explosion im Abklingbecken erleben werden, egal was passiert.

Meine größte Sorge ist derzeit, dass das Becken Wasser verliert, denn dann entsteht eine vollkommen neue Situation. Sollte also durch ein größeres seismisches Ereignis das Gebäude einstürzen oder das Becken Risse bekommen und daraufhin das Wasser auslaufen, dann würden die Brennelemente von der Luft nicht ausreichen gekühlt werden und in Brand geraten.

Nun, je nachdem, in welche Richtung der Wind bläst, könnte das im schlimmsten Fall die Evakuierung von Tokio bedeuten. Es könnte aber auch zur Folge haben, dass Japan geteilt wird, so dass der Norden durch eine verstrahlte Zone vom Süden getrennt ist. Dies wäre eine äußerst folgenschwere Havarie, der jederzeit eintreten kann. Wir können nur darum beten, dass kein Erdbeben stattfindet, bevor die Brennelemente entfernt worden sind.

Maggie Gundersen: Arnie, wie gefährlich ist die freigesetzte Radioaktivität aus den 4 Reaktoren von Fukushima-Daiichi im Vergleich zu Three Mile Island und Tschernobyl?

Arnie Gundersen: Three Mile Island war ein Unfall der Stufe 5, Tschernobyl und Fukushima hingegen haben jeweils die Stufe 7. Grob gesprochen heißt das, dass der Unfall in Three Mile Island als 100 Mal geringer einzuschätzen ist als das Desaster in Tschernobyl und in Fukushima. Es sind in Folge des Unfalls von Three Mile Island Menschen gestorben. Die Nukleare Aufsichtsbehörde behauptet auf ihrer Webseite, dass niemand gestorben sei. Es ist aber klar bewiesen, dass die Krebsrate deutlich gestiegen ist. Ich kann zu diesem Thema nur auf den Bericht von Dr. Steve Wing verweisen, der auf unserer Webseite zu finden ist. Hinzu kommen noch einige Berichte der Universität von Pittsburgh, die zeigen, dass wir inzwischen beginnen, Fälle von Leukämie als Folge dieses Unfalls zu sehen.

Obwohl Three Mile Island als weniger bedeutend eingeschätzt wird als Tschernobyl oder Fukushima, starben Menschen an den Folgen der Radioaktivität. In Fukushima-Daiichi ist nachgewiesen worden, dass mindestens die dreifache Menge an radioaktiven Edelgasen aus den Einheiten 1, 2 und 3 entwichen ist als in Tschernobyl. Wir haben radioaktive Staubwolken sowie Edelgaswolken Richtung Nordwesten entweichen gesehen, die viel schlimmer waren, als wir uns das je hätten vorstellen können. Andere entwichene Gas sind u.a. Jod und Cäsium. Die Freisetzungen scheinen ungefähr dem Grad von Tschernobyl zu entsprechen.

Es sind hierbei 2 Umstände besonders zu berücksichtigen: So schlimm es auch ist, es hätte noch schlimmer kommen können: Erstens hat der Wind die meiste Zeit aufs Meer hinaus geblasen. Tschernobyl war nur von Land umgeben. Wo auch immer die Giftwolke hinzog, kontaminierte sie Grund und Boden. Wenn wir nun Fukushima mit Tschernobyl vergleichen, so sind die Freisetzungen in Fukushima wahrscheinlich größer als in Tschernobyl. Dass der Wind das meiste davon aufs Meer hinaus geblasen hat, kam der japanischen Bevölkerung zu Gute.

Der zweite wichtige Sachverhalt war, dass der Unfall an einem Freitag und nicht am Wochenende stattgefunden hat. Wenn man bei diesem Unfall überhaupt von Glück sprechen darf, so war das wohl Glück im Unglück. Es gab an die tausend Menschen am Daini- und am Daiichi-Standort und weil es ein Wochentag war, konnten sie alle auf den Unfall reagieren. Wäre es an einem Wochenende passiert, wäre nur eine kleine Crew anwesend gewesen und der Unfall wäre in beiden Anlagen deutlich schlimmer ausgegangen. Weltweit ist es üblich, dass an Wochenenden und an Abenden immer nur kleine Mannschaften in diesen Atomreaktoren tätig sind. Findet eine gravierende Störung statt, gibt es keine Möglichkeit schnell genug mit dieser kleinen Mannschaft in der Schicht zu reagieren – im Gegensatz zur Hauptschicht untertags.

Die internationale Gemeinschaft muss darauf ihr Augenmerk legen und das ist keine Angelegenheit von: Naja, wir werden die Leute schon in einem halben Tag hinbringen. Dann ist es bereits zu spät. Die Belegschaft vor Ort muss bei einem Unfall von Anfang an größer sein, um die Möglichkeit für eine ernsthafte Ausweitung zu verringern. Aber das hängt letztlich alles am Geld. Die Betriebskosten für ein Atomkraftwerk sollen möglichst gering sein, daher wird die Belegschaft möglichst klein gehalten. Faktum in Fukushima-Daiichi war, dass eine große Belegschaft anwesend war, und gemeinsam mit der großen Belegschaft in Daini hat das wahrscheinlich die Welt gerettet. Das Wichtigste, das wir daraus lernen können, ist, dass die radioaktiven Freisetzungen in Fukushima sehr hoch sind, möglicherweise sogar höher als in Tschernobyl. Und sie wären sogar noch schlimmer ausgefallen, wenn der Unfall an einem Wochenende passiert wäre.

Maggie Gundersen: Danke, Arnie. Wie groß ist die Gefahr, die von „hot particles“ (radioaktivem Feinstaub) ausgeht? Und worin besteht sie?

Arnie Gundersen: Ich bin sehr besorgt wegen der heißen Partikel, die in Folge der Katastrophe in Fukushima frei gesetzt wurden. Ein heißes Partikel ist mehr als nur ein einzelnes Atom. Ein Atom wie Cäsium zerfällt irgendwann einmal, dann ist es nicht mehr radioaktiv. Ein heißes Partikel enthält aber tausende oder hunderttausende Atome von Cäsium oder anderem radioaktiven Material und diese zerfallen natürlich erst nach vielen, vielen Jahren oder Jahrzehnten.

Setzt sich ein Partikel im Körper fest – in der Lunge, in der Leber, im Magen-Darmtrakt oder anderswo –, kann das im Körper über lange Zeit zu einem Strahlendauerbeschuss in der unmittelbaren Umgebung führen. Und das ist es, was Krebs verursachen kann.

Davon spricht auch die Analyse von Dr Kaltofen in der American Public Health Association (Amerikanischer Verband für Gesundheit). Er stellt dar, wie der Luftfilter eines Autos in Fukushima aussah und wie derjenige eines Auto in Tokio. Diese Luftfilter unterscheiden sich nicht von unseren Lugen. Unsere Lungen verhalten sich wie Luftfilter. Und das führt dazu, dass radioaktives Material in unserer Lunge, in unserer Leber oder anderswo im Körper eingelagert wird, von wo aus es über Jahrzehnte kontinuierlich Zellen beschädigt. Besonders Kinder sind gefährdet, da sie ein längeres Leben vor sich haben und ihre Zellen sich rasch entwickeln. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Kinder in Fukushima und in ganz Japan in den nächsten 3 bis 4 Jahrzehnten beobachten, damit sichergestellt werden kann, dass sie nicht an Krebs erkranken als Folge der heißen Partikel, die in Fukushima-Daiichi frei gesetzt wurden.

Maggie Gundersen: Arnie, zum Abschluss noch: Was sollten sich deiner Meinung nach die Menschen von deiner Beschreibung des Unfalls in Fukushima-Daichi merken?

Arnie Gundersen: Ungefähr ein Monat vor dem Unfall gingen wir spazieren und sprachen über einen möglichen Unfall und wo er auftreten wird. Ich sagte, dass ich nicht weiß, wo es dazu kommen wird, dass ich mir aber sicher bin, dass der Unfall in einem Siedewasserreaktor vom Typ Mark 1 geschehen wird – dieses Design haben ja auch die Reaktoren in Fukushima. Das hat sich bewahrheitet.

Aber ich glaube, dass eine noch wichtigere Lehre aus Fukushima ist, dass diese Technologie eine ganze Nation zerstören kann. Nach Fukushima habe ich Michael Gorbatschows Memoiren gelesen und er sagt darin, dass der Unfall in Tschernobyl und nicht die Perestroika die Sowjetunion zerstört hat. Wir wussten das also bereits 30 Jahre und wir haben nicht realisiert, dass das überall passieren kann. Wir wissen also, dass der Unfall in Tschernobyl ein wesentlicher Faktor beim Zusammenbruch der Sowjetunion war. Und wir wissen, dass sich die Kosten des Unfalls in Fukushima-Daichi im Laufe der nächsten 20 Jahre auf etwa eine halbe Billion US Dollar belaufen werden. Das reicht, um Japan in die Knie zu zwingen.

Japan steht an einem Wendepunkt. Es hat die Möglichkeit, die Art seiner Energienutzung zu ändern. Japan kann aber auch zurückfallen, alle Reaktoren wieder hochfahren und mit „business as usual“ weitermachen – natürlich mit dem Risiko eines weiteren Unfalls. Es gibt also eine Wahl, es wäre die Chance, Energieerzeugung und Energieverteilung zu ändern. Sie können Smart Grids aufbauen, um die Energie vom Norden in den Süden, vom Osten in den Westen zu verteilen, wo mit unterschiedlichen Frequenzen gearbeitet wird. Wir können die Energieerzeugung dezentralisieren – und damit Riesenanlagen wie in Fukushima-Daiichi und Fukushima-Daini ersetzen. Wir können diese Kraftwerke über ganz Japan und auch über die ganze Welt aufteilen – mit Windrädern, mit Solaranlagen, mit Speichern und mit dezentralisierten kleinen Produktionseinheiten.

Das ist der andere Weg der Energieproduktion – verglichen mit dem derzeitigen, der auf zentralisierter Stromproduktion beruht. Im 20. Jahrhundert haben wir die zentralisierte Energieproduktion gebraucht. Durch die Computertechnik benötigen wir diese zentralisierte Stromerzeugung nicht mehr. Wir können es anders machen. Und Japan kann darin ein Wegbereiter sein, wenn es sich dafür entschließt. Als Wegbereiter hätte es ein Exportgut, das beim Rest der Welt sehr begehrt wäre. Sie haben die Möglichkeit, damit ihr Land zu verändern. Und sie haben dabei auch die Chance, dem Rest der Welt ein Produkt anzubieten, das wir alle dringend brauchen.

Der Unfall in Fukushima-Daichi ist der schlimmste Industrieunfall der Geschichte. Die Kosten belaufen sich auf mindestens eine halbe Billion Dollar. Der Unfall kann für Japan aber auch eine Wende bringen, indem es eine Wirtschaft für das 21. Jahrhundert und darüber hinaus aufbaut, mit dezentralisierter Stromerzeugung und intelligenten Netzen. Japan steht an einem Wendepunkt. Sie haben die Wahl.

Danke.

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Akio Matsumura: Die Hortensien-Revolution und Japans unerhörte Stimmen


The Hydrangea Revolution and Japan’s Unheard Voices
Quelle:
http://akiomatsumura.com/2012/07/the-hydrangea-revolution-and-japans-unheard-voices.html
Sprache: Englisch
Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (lg,ho,ak)

Wer führt uns in die Atomkatastrophe? Regierungen und Politiker, profitorientierte Unternehmer und bezahlte Atomwissenschaftler. Ja, es ist schwierig, deren Denken zu ändern.

Freilich, wir in Japan und den Vereinigten Staaten leben in Demokratien. Die Regierung leitet ihre Macht vom Volk her und von Gesetzen, die Redefreiheit, Religionsfreiheit und Pressefreiheit garantieren. Und unsere Geschichte zeigt, dass Menschen, die unterdrückt werden, sich eines Tages erheben. Erst vor Kurzem wurde der Nahe Osten durch den arabischen Frühling aus den Fängen verschiedener Diktatoren befreit. Auch wenn ein Großteil der Bewegung Gewalt hervorbrachte – es kam doch zu einer wirklichen Veränderung. Am vergangenen Freitag trat Mohammed Mursi als erster nicht aus den Reihen der Militärs stammender und demokratisch gewählter Präsident Ägyptens sein Amt an.

Seit der Katastrophe von Fukushima ist auch in Japan eine Volksbewegung herangewachsen. Auch an diesem Freitag haben zehntausende Menschen gegen die Entscheidung der Regierung demonstriert, zwei Reaktoren im Atomkraft Oi (Präfektur Fukui) wieder hoch zu fahren. Die Menschen riefen Parolen wie: „Nicht noch ein Fukushima“ und forderten, dass die Atomkraftwerke in Japan abgeschaltet bleiben. Sie wollen Rechenschaft und Verantwortung von der japanischen Regierung und von TEPCO. (Es ist bemerkenswert, dass sich sehr viele junge Mütter an der Demonstration beteiligten und Sicherheit für ihre Kinder einforderten).

Diese Zehntausenden sind die Hortensien-Revolution. Hortensiendolden bestehen aus vielen kleinen Blüten, die bei Wind und Wetter sehr widerstandsfähig sind. Diese Pflanze ist ein Symbol für Einheit und für persönlichen Einsatz. Ich unterstütze ihre mutigen Aktionen.

Aber - die Hortensien-Revolution ist nicht der arabischer Frühling; die Japaner kämpfen nicht, um einen Diktator wie den früheren Präsidenten Hosni Mubarak loszuwerden. Premierminister Noda hat den Ruf eines Vermittlers, nicht den eines Draufgängers und schon gar nicht den eines Diktators. Was will die Hortensien-Revolution also wirklich verändern?

Die Menschen demonstrieren gegen das System der Geheimniskrämerei und den Schacher hinter verschlossenen Türen, das Tokio und das ganze Land im Griff hat. TEPCO hat Einfluss auf die politische Entscheidungsträger, die Medien und die Spitzenwissenschaftler. Gemeinsam haben diese drei Gruppen genügend Macht, Einfluss und Kompetenz, um zu bestimmen, was in Japan als Wahrheit zu gelten hat, auch dann, wenn es ganz einfach falsch ist. Durch diese Verstrickungen hat in Japan die Redefreiheit gelitten. Traditionell sind wir Japaner mehr darauf bedacht, unser Gesicht zu wahren als aufzubegehren. Aber jetzt müssen wir einsehen, dass Stillhalten zu Unterdrückung führt. Und deshalb melden sich die Menschen zu Wort.

Letzte Woche sah ich die Aufnahme eines Theaterstücks mit dem Titel „Unheard Voices“, das am 11. März 2012 von drei Mädchen der Soma High School aus der Präfektur Fukushima in Tokio aufgeführt worden war. Ich bin von ihrem Mut beeindruckt, aber auch verzweifelt angesichts ihres Leides und ihrer Sorgen. Wir haben einen unumkehrbaren Fehler gemacht, der ihre Zukunft beeinträchtigt. Es ist unsere moralische Pflicht ihnen zuzuhören. Das ist um so wichtiger, als das Video in Japan mittlerweile umstritten ist.

Ich möchte einen Auszug vorstellen, der die stille Klage verdeutlicht, die die drei jungen Schauspielerinnen in diesem Stück zum Ausdruck bringen.

Maki: „Später, wenn wir jemanden aus einer anderen Gegend heiraten und Kinder bekommen wollen – was, wenn sie auf die Strahlung in Fukushima zu sprechen kommen? Später, wenn unsere Kinder irgendeine Behinderung haben, werden wir für alles verantwortlich sein. Wird man uns dafür die Schuld geben?“ Sakura: „Aber es ist nicht unsere Schuld! … Ich denke, dass sich die Umgebung nur dank dieses Kraftwerks entwickelt hat - natürlich im Tausch gegen all das Risiko. Aber diesen Risiken hat unsere Generation nicht zugestimmt!“
Maki: „Siehst du nicht? Wir sind unserer Freiheit beraubt worden. Ich frage mich, was ist Freiheit überhaupt? Das Essen ist verseucht! Der Boden genauso! Ebenso das Wasser und das Meer! Können wir da noch sagen, dass wir ´frei´ sind, wenn wir stets in Angst vor der Strahlung leben müssen? Wir leben so nahe beim Atomkraftwerk und nur weil wir außerhalb der offiziellen Gefahrenzone leben, geben die uns keine Garantien. Ich will von denen Zusicherungen auf unsere Zukunft.“

Nozomi (hat Selbstmord begangen): „455 … 456 … 457 … 458 ... In Soma sind so viele Menschen wegen dieser Katastrophe gestorben. Bin ich die 459ste? Warum kapieren die Leute das nicht? Habe ich was Falsches gesagt? […] Wie schön sind die Sterne am Nachthimmel, wie grün und schön wird Soma nach dem Winter. Was weißt denn du schon? Nichts weißt du, gar nichts!“

Diese wenigen Sätze zeigen deutlich auf, welch jämmerliches Leben wir an die nachfolgenden Generationen weitergeben.

Wenn Reaktorgebäude 4 in Fukushima außer Kontrolle gerät, wird die Katastrophe das Leben unserer Nachfahren für hunderte oder tausende Jahre in Mitleidenschaft ziehen. Wenn wir jetzt schon keine Antwort für diese Mädchen haben, wie sollen wir dann Ursache und Auswirkungen einer noch größeren Katastrophe erklären können?

Die Sichtweise von Leben und Natur hat sich für die Mädchen verändert. „Berg, Wald, Fluss, Meer...“ - diese Worte erinnern an Strahlung, nicht an den Wohnort eines Geistes oder Gottes. Unsere Welt ist von Wasser geprägt. Unser Planet erscheint - vom Weltraum aus gesehen - wegen der Ozeane, die 70 Prozent der Oberfläche bedecken, als blau. Wie das Leben unseres Planeten aus dem Wasser stammt, so stammen auch wir von einer einzigen Zelle im Mutterleib ab. Wie die Erdoberfläche sind auch wir zu 70 Prozent aus Wasser. Aber es liegt etwas im Argen, wenn das Wasser als Symbol der Reinheit weltweit verschmutzt wird. Die natürliche Ordnung ist auf den Kopf gestellt, wenn ein Schluck Wasser Siechtum statt Linderung bringt. Wenn ein starker Regen Bäume und Seen umbringt? Wenn unsere Lebensquelle bereits vergiftet ist, wenn sie dem Boden entspringt? Wir sind nur zu Gast auf diesem Planeten. Wir haben kein Recht, ihn zu verändern.

Ich schlage unseren Politikern, Atomkonzernen und Atomwissenschaftlern vor, sich für einen Augenblick zurückzuziehen, einmal in sich zu gehen und als Individuum – nicht als Angehöriger irgendeiner Organisation – darüber nachzudenken, wie es in den kommenden Jahren mit unserer Verantwortung für unsere Kinder, Enkel und Nachkommen aussieht. Die Hortensien-Revolution ist Anstoß für zu einer wahrhaftigen Demokratie in Japan. Die freie Presse ist eine wesentliche Säule einer jeden Demokratie. Es ist für alle Medien Zeit geworden, grundlegende Fragen an Japans Regierung und Wirtschaft zu stellen und die Situation so, wie sie wirklich ist, zu beleuchten.

Dennoch könnte es bereits für jedes Handeln zu spät sein - es sei denn, die Weisheit der internationalen Gemeinschaft und das Militär greifen ein.

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