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Fukushima Nr. 1 - Vom Atomkraftwerk zur Atomwaffe Nr. 1

2012/Okt/30

Anthony Hall: Fukushima Daiichi – From Nuclear Power Plant to Nuclear Weapon #1
http://www.veteranstoday.com/2012/06/13/fukushima-daiichi-from-nuclear-power-plant-to-nuclear-weapon-1/

Übertragung aus dem Englischen (ak/lg/ho): Fukushima Nr. 1 - Vom Atomkraftwerk zur Atomwaffe Nr. 1

„Unsere Welt sieht sich mit einer Krise konfrontiert, die wir uns bis heute nicht einmal annähernd vorstellen konnten …
Die entfesselte Macht der Atome hat alles verändert, nur nicht unsere Denkweisen – und so schlittern wir in eine beispiellose Katastrophe.“
Albert Einstein, Bulletin of the Atomic Scientists, Mai 1946


Albert Einsteins Warnung und das verhängnisvolle Schicksal Fukushima Daiichis

Angesichts der schlechten Nachrichten vom Debakel in Fukushimas Atomanlage Nr. 1, das nicht kleiner wird, sondern sich ganz im Gegenteil steigert, gewinnen Albert Einsteins Worte an Gewicht. Erinnern wir uns: Der legendäre Physiker Einstein trug wesentlich dazu bei, dass das Manhattan Project ins Laufen kam. Die Mitarbeiter dieses Projekts planten und bauten die ersten Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. In seinem Brief vom Jahr 1939 an US-Präsident Franklin Delano Roosevelt hatte Einstein davor gewarnt, dass – sollten die Vereinigten Staaten nicht in den Wettlauf um die Beherrschung der Zerstörungskraft atomarer Waffen eintreten und diesen auch gewinnen – Deutschland diesen Wettlauf mit ziemlicher Sicherheit gewinnen werde.

Das Manhatten Projekt wurde der Prototyp für die sogenannten Forschungs- und Entwicklungs-Partnerschaften (Research- und Development-Partnerships/ R- und D-Partnerschaften), welche die US-Regierung mit profitorientierten Unternehmen verbanden – eine Konstellation, die Dwight D. Eisenhower später als „militärisch-industriellen Komplex“ bezeichnete. Einstein selbst beteiligte sich nicht direkt an diesem gigantischen Unternehmen, das darauf abzielte, die verbündeten Achsenmächte Japan – Deutschland – Italien in die Knie zu zwingen. Einstein, einer der hervorragendsten Denker des 20. Jahrhunderts, schaute dabei zu, wie Physiker und Techniker viele seiner Theorien beim Bau von Atomwaffen anwandten.

Als dann Japan in Trümmern lag – nicht nur wegen den atomaren Zerstörungen in Hiroshima und Nagasaki, sondern auch wegen der massiven Flächenbombardements Tokios und vieler anderer Städte – wandte sich Einstein mit seinen Bedenken und Befürchtungen an die Öffentlichkeit. In jenen berühmten Sätzen – oft übersetzt und zitiert – stellte Einstein fest: „Unsere Welt sieht sich mit einer Krise konfrontiert, die wir uns bis heute nicht einmal annähernd vorstellen konnten. … Die entfesselte Macht der Atome hat alles verändert, nur nicht unsere Denkweisen – und so schlittern wir in eine beispiellose Katastrophe.“

Zum Bild: Es war Albert Einsteins Sorge, dass das menschlichen Denken nicht imstande sein könnte, mit jenen Veränderungen klar zu kommen, die durch die Freisetzung der unermesslichen Energiequellen, welche den Elementarteilchen unseres Mikrokosmos innewohnen, in die Welt gesetzt wurden.

Japan als Laboratorium

Die Katastrophe wurde wiederholt vorhergesagt, beginnend mit Einstein in der Zeit nach 1945 bis hin zum 11. März 2011, bis zu jenem Tag, an dem ein Erdbeben und ein Tsunami eine Serie von miteinander in Zusammenhang stehenden Krisen auslösten, die Japans ältestes noch in Betrieb befindliches Atomkraftwerk zerstörten. Die Gewissheit wächst jeden Tag, dass dieses lokale Ereignis auf nationaler, regionaler und globaler Ebene Konsequenzen nach sich ziehen wird, die auf dem einen oder anderen Weg jenem Japan, wie wir es gekannt haben, ein Ende setzen werden. Und diese Konsequenzen werden unsere Welt auf eine Art verändern, wie es in diesem noch frühen Stadium der Krise nur schwer vorauszusehen ist.

Richtung und Art der Veränderung hängen sehr stark davon ab, inwieweit unser Denken überhaupt dahingehend verändert werden kann, dass es sich an jene Umwälzungen anpasst, die von unseren Forschern und von den ihnen folgenden Technikern hervorgebracht wurden. Nachdem nun einmal der Kurs zur Erforschung des Mikrokosmos und der schwer greifbaren Energieressourcen im Molekularbereich eingeschlagen wurde, ist unsere Zivilisation derart verändert, dass wir Einsteins Prophezeiung unmittelbar gegenüberstehen.

Die vier Jahrzehnte alte Anlage an Japans Ostküste war zum Zeitpunkt der Zerstörung von Fukushima #1 bereits ein wahres Museum der Atomtechnologie. Der Bauplan für die sechs GE Mark I Reaktoren war von jenem Reaktortyp abgeleitet, der Anfang der 50er-Jahre für das erste Atom-U-Boot der US-Navy entwickelt worden war.

Als der Tsunami auf die Küste traf, war Reaktor 3, einer dieser antiquierten GE-Reaktoren, mit der neuesten Generation an plutoniumhältigen Aveda [Areva] MOX Brennstäben bestückt. Plutoniumisotope, ansonsten Bestandteil von Atombomben, sind unter die 500 oder mehr radioaktiven Elemente gemischt, die infolge der gewaltigen Explosionen an die Atmosphäre, das Meer und das Grundwasser abgegeben werden und die das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zur weltweit größten und bedrohlichsten Atomwaffe machen.

Daiichi bedeutet auf Japanisch Nummer eins. Die Atomanlage Fukushima #2 – Fukushima Daini –, befindet sich ebenfalls an der pazifischen Küste, ca. 11 km näher bei Tokio als Fukushima #1. Am 11. März 11 erlitt auch Fukushima #2 großen Schaden. Derzeit sind mit einer Ausnahme alle 54 Atomkraftwerke in Japan heruntergefahren.


Es gibt allen Grund zur Annahme, dass wichtige Informationen über das volle Ausmaß der Atomkatastrophe in Japan immer noch der Öffentlichkeit vorenthalten werden und dass lebensbedrohliche Schäden an der nuklearen Infrastruktur des Landes nicht nur Fukushima #1 betreffen. Das mangelnde Vertrauen der Öffentlichkeit in eine Industrie, die berüchtigt ist für Lüge, Geheimhaltung, für ihre militärischen Grundlagen und für eine fehlende glaubwürdige Regulierung, bestärkt in Japan und im Rest der Welt eine wachsende Bürgerbewegung in ihrer Forderung, dass in dieser seismisch äußerst instabilen Region das Netz der Atomkraftwerke nicht wieder reaktiviert werden soll.

Die Gewissheit wächst, dass die Häufigkeit und Stärke der Beben in Japan zunimmt und die damit verbundene Gefahr von Tsunamis. Das verstärkt die Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass es zu einer dauerhaften Stilllegung der nuklearer Anlagen, die gar nicht erst hätten gebaut werden sollen, kommen muss. Es schaut derzeit so aus, als ob es in dieser Region zu einer grundlegenden Verschiebung der tektonischen Platten kommt.


Das Debakel von Fukushima hat gerade erst einmal begonnen

Die wachsende Einsicht, dass beim Debakel von Fukushima das Schlimmste noch in der Zukunft liegt und nicht in der Vergangenheit, bestätigt die Relevanz von Einsteins Beobachtung. In der Tat findet die prophetische Warnung Einsteins ihre Bestätigung im Versagen von so Vielen in der Regierung, in den Medien, in der akademischen Welt. Und ganz besonders stark ist dieses Versagen in den mit Finanzmitteln prächtig ausgestatteten heiligen Hallen der Nuklearindustrie, wenn es darum geht, angemessen auf das zu reagieren, was in der speienden Atomanlage von Fukushima #1 so schrecklich schief läuft.

Fest verwurzelt in alten und abgelaufenen Anschauungsmustern, hat die Unfähigkeit der Behörden, die sich ausbreitende Bedrohung in diesem beispiellosen Zusammenspiel von Ereignissen zu erkennen, extrem weitreichende Folgen. Was im Atomkraftwerk Fukushima #1 getan wird, und noch wichtiger, das, was nicht getan wird, veranschaulicht in tragischer Weise die zentrale Beobachtung Albert Einsteins, dass die einmal entfesselte Atomkraft alles verändert hat, nur nicht unsere alten Denkmuster.

Ein Hauptgrund für die Unfähigkeit, das Ausmaß des Fukushima-Debakels in vollem Umfang zu erfassen, hat seinen Ursprung in einem Propagandafeldzug der 1950er Jahre. Im Dezember 1953 durch Präsident Eisenhowers Rede „Atome für den Frieden“ vor den Vereinten Nationen in Gang gesetzt, versucht diese Propaganda die beiden Bereiche, aus denen die Atomindustrie besteht, sauber auseinander zu halten.

Wenn auch die Öffentlichkeit weltweit zu dem Irrglauben verleitet wurde, der zivile Bereich der Atomindustrie sei vollkommen unabhängig von dem in dieser Industrie dominanten militärischen Bereich, so ist diese Unterscheidung in Wirklichkeit ein Hirngespinst. Von Beginn an verwendete diese Propaganda die Nutzung der Atomenergie zur Stromerzeugung als Deckung dazu, das immens gewinnbringende und absolut unmoralische Geschäft mit der Herstellung von Atomwaffen zu verbergen. Und in der Tat – bis heute beziehen die Bombenbauer einige Bestandteile für ihre Massenvernichtungswaffen wie z.B. Tritium aus dem Betrieb von Atomkraftwerken.
http://www.timesfreepress.com/news/2010/feb/03/sequoyah-to-produce-bomb-grade-material/

Diese Janusgesichtigkeit macht es schwierig zu erkennen, was wirklich in Fukushima passiert. In Fukushima sehen wir, wie sich eine Anlage, die für den vermeintlich harmlosen Zweck, Strom zu erzeugen, gebaut wurde, plötzlich in eine unbewegliche Waffe verwandelt – bis zum Rand mit spaltbarem Material gefüllt, das ein wesentlich größeres Massenvernichtungs-Potential besitzt als ein gut bestücktes Arsenal von starken Atombomben.


Radioaktivität ist eine zwar langsame, aber umso wirksamere Massenvernichtungswaffe

Um sich den unangenehmen Wahrheiten über das, was denn in Fukushima nun wirklich passiert, stellen zu können, ist es notwendig, ein gewisses Verständnis von den gravierenden Auswirkungen zu haben, die verschiedene Formen atomarer Strahlung auf die Erneuerungszyklen des Lebens haben. Während Strahlung als solche so alt wie das Universum ist, ist die Fähigkeit des Menschen, diese Naturgewalt durch Atomtechnologie zu erzeugen, etwas Neuartiges unter der Sonne.

Diese neue Fähigkeit des Menschen, Energien frei zu setzen, die gottgleich die Macht besitzen, den genetischen Bauplan des Lebens, die DNA zu verändern, ist bei weitem die wichtigste jener Veränderungen, vor denen uns schon Einstein gewarnt hat. Das unbegreiflichen Ausbleiben von angemessenen Antworten Japans, aber auch der internationalen Gemeinschaft in Hinblick auf die radioaktiven Emissionen von Fukushima – Emissionen, die jeden Augenblick über das gigantische Ausmaß, das bei einem ausgewachsenen Atomkrieg freigesetzt wird, hinausschießen können – ist eine tragische Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen Einsteins. Mehr als jede andere Krise macht das atomare Debakel von Fukushima das Unvermögen der menschlichen Spezies deutlich – insbesondere aber derjenigen, die sich als unsere Führer ausgeben – die alten Denkweisen jenem Umbruch anzupassen, der durch die Atomspaltung herbeigeführt wurde.

Die Kunst, die Wirkung von Radioaktivität auf biologische Veränderungen zu messen und zu verstehen, steckt noch in Kinderschuhen. Dennoch gab es seit 1945 bei denen, die die Nutzung der Atomenergie befürwortet haben, die Tendenz, die Auswirkungen der Radioaktivität auf die Lebensgrundlagen zu verleugnen, zu verneinen und herunterzuspielen. Diese Kultur der Verleugnung hat seinen Ursprung in den offiziellen Verlautbarungen US-amerikanischer Regierungsvertreter zur radioaktiven Verseuchung von Menschen, Pflanzen und Tieren, welche die erste Welle der Vernichtung durch die Bomben von Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Diese Abneigung, sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Radioaktivität auf große Bevölkerungsgruppen auseinander zu setzen, wird durch eine Schlagzeile in der New York Times vom 13. September 1945 bestätigt. Die Schlagzeile verkündete: „Keine Radioaktivität in den Ruinen Hiroshimas.“
http://japanfocus.org/-Gayle-Greene/3672

Während der Jahrzehnte, die auf den Beginn des Atomzeitalters durch die Bombardierung japanischer Zivilisten im Auftrag der amerikanischen Regierung gefolgt sind, hat sich die offizielle Sichtweise der Behörden kaum verändert. Wieder und wieder wurde uns versichert, dass die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit durch die Radioaktivität aus der zivilen Nutzung der Atomenergie vernachlässigbar sei, egal aus welcher Quelle. Wieder und wieder wurden öffentliche Gelder dafür eingesetzt, uns davon zu überzeugen, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt – z.B. bei den oberirdischen Atombombentests; beim Abbau, der Verarbeitung und Produktion nuklearer Produkte einschließlich Atomwaffen; bei der Nutzung der Atomenergie zur Gewinnung von Strom und beim Antrieb von Schiffen und U-Booten.

Es überrascht wenig, dass dasselbe Muster der Desinformation sich auf tragische Weise in der Unfähigkeit wiederholt, die atomare Katastrophe von Fukushima in ihrer ganzen Monströsität so zu erfassen, wie sie nun einmal ist. Dieses System professionellen Rechtsbruchs, 1945 begründet, setzt sich angesichts der Fukushima-Katastrophe in den Vertuschungen durch die Atomindustrie und durch die Regierung fort, aber auch in den Vertuschungen durch die Medien und die Universitäten, die sich freiwillig zu kriminellen Komplizen machen ließen. Welche rechtliche Tragweite hat es, wenn der Öffentlichkeit jene Informationen vorenthalten werden, die wir benötigen, um uns, unsere Familien und unsere Gemeinde vor möglicherweise tödlichen Angriffen auf unsere Gesundheit zu schützen?

Diese unverbesserliche Neigung der Bürokratie, die Folgen atomarer Verseuchung herunterzuspielen, erinnert an die jahrzehntelange Blockadepolitik der Tabakindustrie. Wer kann weiterhin blind sein für das Bemühen der Tabakindustrie, die Berge an Beweisen zu verleugnen, dass Rauchen die menschliche Gesundheit stark schädigt?

Ein jüngeres, aber ähnlich gelagertes Beispiel ist die Propaganda der alt eingesessenen und üppig finanzierten Öllobby, die abstreitet, dass das massive Verbrennen ihrer Produkte über Generationen inzwischen die Erdatmosphäre angreift. Die andere Seite der gleichen Münze steht im Verdacht, dass einige der effizienten Hintermänner der Atomindustrie verdeckt die politische Debatte um die globale Erwärmung maßlos angestachelt haben, um Atomkraftwerke als grüne Alternative zu fossilen Brennstoffen erscheinen zu lassen.


Zu den Bildern: Es ist anzunehmen, dass die deformierte Tomate, 280 km von
Fukushima #1 entfernt geerntet, durch Radioaktivität verändert wurde.
Das Baby wurde mit höchster Wahrscheinlichkeit von jener Strahlung
deformiert, welche die von der US-Armee im Irak häufig verschossen
Granaten mit Abgereichtertem Uran (DU, Depleted Uranium)
hinterließen.



Wer sind zuverlässige Quellen?

Obgleich sich die etablierten Medien in Sachen Fukushima hauptsächlich in Schweigen hüllten, meldeten sich einige pflichtbewusste Fachleute aus dem Atomenergiesektor in Medien – u.a. in Russia Today - zu Wort, um auf den Ernst der Lage hinzuweisen. Zu diesen erfahrenen Experten gehören Arnold Gundersen, Christopher Busby, Helen Caldicott und Michio Kaku. Etliche Spitzenbeamte, darunter zwei japanische Botschafter und der japanische Kaiser selbst, erhoben ihre Stimmen, um auf den Ernst der noch nicht bewältigten und fortdauernden Krise in Fukushima hinzuweisen. Akio Matsumura beispielsweise, der Japan regelmäßig bei UN-Konferenzen vertritt, veröffentlichte am 11. Juni 2012 einen Bericht. Bei den vielen Alarmglocken, die er läutet, richtet er die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das man allgemein nach dem gleichnamigen Film als „China-Syndrom“ bezeichnet; und das bereits in greifbarer Nähe liegt, wenn es nicht schon eingetreten ist. Matsumura stellt folgendes fest:

1. In den Reaktoren 1, 2 und 3 kam es zu einer vollständigen Kernschmelze. Japanische Behörden haben zugegeben, dass sich der Brennstoff durch den Boden der Reaktordruckgefäße durchgefressen haben könnte. Es wird vermutet, dass dies zu einer ungewollten Kritikalität (fortgesetzten Kettenreaktion) oder zu einer gewaltigen Dampfexplosion führen könnte – jeder Vorfall dieser Art könnte zu weiteren gewaltigen Freisetzungen von Radioaktivität an die Umwelt führen.

2. Von den Gebäuden der Reaktoren 1 und 3 geht besonders starke Strahlung aus, sodass diese Bereiche nicht zugänglich sind. Daraus folgt, dass seit dem Unfall keine Verstärkungen an den angeschlagenen Gebäuden durchgeführt wurden. Ob diese Gebäude einem stärkeren Nachbeben Stand halten können, ist ungewiss.



Zum Bild: Der Rumpf von Gebäude Nummer 3 der Anlage Fukushima #1, wo es sowohl zur
Kernschmelze als auch zu einer Wasserstoffexplosion gekommen ist. Es ist auch jene
Anlage, die am 11. März 2011 mit plutoniumhaltigen Brennelementen geladen war.
http://akiomatsumura.com/2012/06/what-is-the-united-states-government-waiting-for.html

Während Tag für Tag neue schwere Mängel aufgedeckt werden, erheben sich immer mehr Stimmen, die auf die Katastrophe aller Katastrophen hinweisen, die jederzeit in Reaktor #4 losgehen kann. Mitsuhei Murata, der frühere japanischer Botschafter in der Schweiz, wies den UN-General Sekretär unmissverständlich auf das hin, was er für die gefährlichste Bedrohung hielt. Murata beteuerte: „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Schicksal Japans und das der ganzen Welt von Reaktor No. 4 abhängt.“



Zu den Bildern: Die vier obigen Fotos zeigen Gebäude Nr. 4. Die Ruine enthält eines der 7 zerstörten
Abklingbecken in Fukushima mit über 4.000 Tonnen hochradioaktiven abgebrannten Brennstäben.
Es ist kaum zu erwarten, dass dieser Gebäuderumpf ein weiteres schweres Erdbeben übersteht.
Wenn die Stöße eines weiteren Erdbebens dazu führen würden, dass in dem ohnehin schon maroden
Gebäude die radioaktive Ladung mit der umgebenden Luft in Kontakt kommt, sagen viele
Atomwissenschaftler voraus, dass es zu einem nuklearen Brand kommen würde, der in seinen
Auswirkungen einem ausgewachsenen Atomkrieg in Zeitlupe gleichkäme. Beachten Sie das
große, runde, gelbleuchtende Objekt, das in allen vier Abbildungen zu sehen ist, inklusive
des ersten Fotos vom Abklingbecken über Reaktor Nummer 4 vor dem 11. März 11.
Man beachte den offensichtlichen Irrsinn dieser Konstruktion, in der das Abklingbecken
für die abgebrannten Brennstäbe in einer Höhe von ca 30 Meter liegt.

Der Diplomat kommentierte die prekäre Lage des in mehr als 30 Metern Höhe von einer explosions-geschädigten Gebäudestruktur über der Erde gehaltenen Abklingbeckens, das bei einem weiteren Erdbeben zusammen mit den vielen Tonnen Atommüll höchstwahrscheinlich einstürzen würde. Eine weitere Zerstörung des bereits schwer angeschlagenen Abklingbeckens würde ein gewaltiges radioaktives Feuer auslösen, das möglicherweise ein Jahrhundert lang brennen würde und dabei Dutzende der giftigsten und der Wissenschaft bekannten Radionuklїde in die Luft, ins Meer und ins Grundwasser abgeben würde.

Ron Wyden, US-Senator von Oregon, äußerte ähnliche Bedenken, nachdem er das Fukushima Gelände selbst inspiziert hatte. Er beobachtete,
„das Ausmaß der Zerstörung an der Reaktoren und in der Umgebung übertraf bei Weitem meine Erwartungen. Die Größe der Aufgabe für die Eigentümer, die japanische Regierung und die Menschen in dieser Region ist beängstigend. Der labile Zustand der Gebäude in Fukushima Daiichi und das Gefahrenpotential, das die gewaltige Menge an radioaktivem Material und an abgebrannten Brennelementen in Hinblick auf künftige Erdbeben darstellt, geben uns allen Anlass zur Besorgnis und verlangen nach groß angelegter internationalen Unterstützung und Hilfe.“
http://www.naturalnews.com/035813_Ron_Wyden_Fukushima_radiation.html#ixzz1xWqfblUu

Schon in den ersten Tagen der Krise war Alexander Higgins einer der hartnäckigsten, gewissenhaftesten und wachsamsten Blogger, der regelmäßig von den sich häufenden Hinweisen, dass es in Fukushima #1 nicht mit rechten Dingen zugeht, berichtete und diese interpretierte. Eine seiner Schlagzeilen lautete, dass die Katastrophe in Fukushima bereits 4023 mal mehr giftiges radioaktives Cäsium an die Luft, das Meer und ans Grundwasser abgegeben hat als der Fallout nach dem Angriff auf Hiroshima. Eine andere Schlagzeile lautete: „Fukushima pflastert uns alle kontinuierlich mit hohen Dosen an Cäsium, Strontium und Plutonium ein und wird Millionen Menschen langsam – auf Jahre hinaus – umbringen.
http://blog.alexanderhiggins.com/2011/06/16/scientific-experts-fukushima-potentially-worse-20-chernobyl-governments-hiding-truth-28221/
http://blog.alexanderhiggins.com/2012/05/25/fukushima-cesium-nuclear-fallout-equals-4023-hiroshima-bombs-138001 http://blog.alexanderhiggins.com/2011/09/01/fukushima-continually-blasting-high-levels-cesium-strontium-plutonium-slowly-kill-millions-years-66941

Der Angriff auf den Menschen umfasst in der Luft schwebende, Alphastrahlung aussendende Partikel, die ihren Weg in unsere Lungen, Knochen, Muskeln und Blut finden können. Gleichermaßen sind unsere pflanzlichen und tierischen Verwandten diesem Angriff ununterbrochen ausgesetzt; einige von ihnen dienen uns als Nahrung. Der Mechanismus, dass größere Lebewesen kleinere fressen, begünstigt die Konzentration von auch radioaktiven Schadstoffen, je höher man in der Fesshierarchie aufsteigt – bis man schließlich den herrschaftlichen Platz erreicht, den der Allesfresser Mensch einnimmt.

Die massive nukleare Verseuchung des Pazifischen Ozeans ist möglicherweise von allen Bedrohungen, die von Fukushima ausgehen, das [langfristig] Schlimmste am ganzen Debakel. Die Meeresfrüchte des Pazifischen Ozean waren immer eine besondere reichhaltige und vielfältige Nahrungsquelle für einige der belebtesten Zonen menschlicher Besiedlungen auf unserem Planten, darunter Japan, China, Indochina, Australasien und die gesamte westliche Hemisphäre. Die Entdeckung von radioaktivem Thunfisch und radioaktivem Seetang in Kalifornien, nicht zu vergessen die seltsame Krankheit unter Seehunden und Walrossen in Alaska, sind zweifelsohne nur ein Vorgeschmack von dem, was heftiger und schlimmer auf uns zukommen wird.

Wie bei so vielen anderen wichtigen Recherchen an vorderster Front, wo es um das Aufdecken von unangenehmen Wahrheiten geht, werden aktuell auch die schleichenden Auswirkungen Fukushimas auf das Ökosystem meist von Bürgern in Eigeninitiative und nicht von Regierungsbehörden durchgeführt. Die Reaktion auf das Fukushima Debakel bestand bei den meisten Regierungen – meine eigene kanadische Regierung eingeschlossen – im Großen und Ganzen darin, Kontrollen einzustellen und die Verordnungen über Grenzwerte aufzuweichen, um einen falschen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten.

Die Verseuchung der Meere passt zusammen mit der Entdeckung von Spuren radioaktiver Verschmutzung in Milch, Eiern, Fleisch, Gemüse und Obst. Selbst das Regenwasser ist verseucht. Was passiert mit unseren inneren spirituellen Erneuerungsquellen, wenn wir nicht mehr ohne Sorge die heilenden Kräfte reinigender Spaziergänge im Frühjahrsregen oder im Morgennebel suchen können?

Higgins möchte die Aufmerksamkeit rasch auf die vielen Fälle lenken, in denen die Tokyo Electric Power Corporation (TEPCO) Daten revidiert hat, die sie in früheren Reports selbst veröffentlicht hatte. Fast immer zeigen diese Revisionen, dass TEPCO das Ausmaß der miteinander gekoppelten Katastrophen in seinen Einschätzungen anfänglich heruntergespielt hat.

TEPCO war vor der Katastrophe des 11. März 11 „Eigentümer“ von Fukushima #1. Trotz der vielen, gut dokumentierten Belege für Betrug und gesetzeswidriges Handeln im Vorfeld der Katastrophe von Fukushima bleibt TEPCO unerklärlicherweise weiterhin zuständig für die Sanierungsarbeiten in der verwüsteten Anlage. Bislang verbietet TEPCO unabhängigen wissenschaftlichen Beobachtern zu kontrollieren, was auf der Anlage gemacht oder nicht gemacht wird. Das Unternehmen will solchen Beobachtern nicht gestatten, eigene unabhängige Studien über den wahren Zustand von Fukushima #1 durchzuführen.

Bezeichnenderweise berichtete Bloomberg News kurz nach dem 11. März 11, dass TEPCOS Haftung gegenüber den von der Katastrophe betroffenen Bürgern und Betrieben nur maximal 2,1 Milliarden $ beträgt, unter diesen entsetzlichen Umständen nicht mehr als ein Almosen. Derzeit sieht es aus, als könnte dieser Betrag auf Null reduziert werden, wenn es TEPCO gelingt, einen japanischen Richter davon zu überzeugen, dass dieses Fiasko die Folge höherer Gewalt ist.
http://www.bloomberg.com/news/2011-03-23/nuclear-cleanup-cost-goes-to-japan-s-taxpayers-may-spur-liability-shift.html

Wie so oft, wenn es darum geht, dass die Allgemeinheit das Risiko gefährlicher industrieller und militärischer Aktivitäten trägt, während die Gewinne privatisiert bleiben, macht die Weigerung von Versicherungsgesellschaften, die Betreiberfirmen von Atomkraftwerke abzudecken, die Regierungen und die Bevölkerung der Standortländer zu den eigentlichen Trägern des kolossalen Risikos, das der Stromerzeugung durch Atomspaltung anhängt.


Wissenschaftliche Rationalität als lodernder Irrsinn

In einer der früheren Richtigstellungen verweist Higgins darauf, dass die Einschätzung von TEPCO, in Fukushima befänden sich 1760 Tonnen an frischem und abgebrannten Brennstoff, um 200% daneben lag. Die danach von TEPCO freigegebene Zahl gibt an, dass in Fukushima #1 4277 Tonnen an Brennelementen lagern, die meisten davon Atommüll, verteilt auf sieben Abklingbecken. Alle diese Abklingbecken sind nun beschädigt oder mehr oder weniger angeschlagen. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami begann die Industriekatastrophe von Fukushima mit dem Versagen des Kühlsystems, dass eigentlich Kühlwasser durch die Becken mit den abgebrannten Brennelementen pumpen sollte. Wenn die Wasserumwälzung nicht funktioniert, erhitzen sich die radioaktiven Brennelemente, geraten in Brand und explodieren wegen Kettenreaktionen, die durch prompte Kritikalität verursacht werden. Diese Kettenreaktionen sind bereits weit fortgeschritten und finden direkt vor unseren Augen statt, zumindest f& uuml;r die, die das Ganze aufmerksam verfolgen.
http://blog.alexanderhiggins.com/2011/03/19/the-amount-of-radioactive-fuel-at-fukushima-dwarfs-chernobyl-9281/

Es ist das Ausmaß der enormen Becken, in denen in Fukushima #1 und anderen Atomkraftwerken der Atommüll gelagert wird, das diesen Anlagen zerstörerischer macht als selbst Atombomben. Das sogenannte radioaktive Inventar von Atombomben ist winzig im Vergleich zu den tausenden von Tonnen an Spaltmaterial, das nicht nur in Fukushima, sondern in den meisten der rund 500 über die ganze Erde verstreuten Atomkraftwerke lagert. Das Bewusstsein für die Bedrohung der öffentlichen Gesundheit – eigentlich der Gesundheit aller Lebewesen, die in der Abgabe von allerkleinsten Bruchteilen dieses Atommülls an Luft oder Wasser besteht – diese Bedrohung fordert eine Art von Verständnis, das, wie es Einstein richtig vorhergesagt hat, tragischerweise in einer Welt kaum vorhanden ist, in der das menschliche Bewusstsein gegenüber den sprunghaften Fortschritten in Wissenschaft und Technik immer weiter ins Hintertreffen kommt.

Das dichte Nebeneinander in Fukushima #1 von so vielen unterschiedlichen technischen Einrichtungen – für den Abbrand von Atombrennstoff, die Behandlung und Lagerung von Atommüll etwa – verkörpert die bizarre Vermählung von wissenschaftlicher Rationalität und loderndem Irrsinn, was Kennzeichen einer Industrie ist, die aus der militärischen Überlegung heraus gegründet wurde, die industriellen Möglichkeiten der Massenvernichtung auszuweiten.

Diese geballte Ansammlung der allergefährlichsten industriellen Verfahren ist das Rezept für eine Serie von Ereignissen jenseits der Schwelle zur atomaren Vernichtung. Die Einrichtung von Fukushima #1 in einem Umfeld, das wie geschaffen ist, kleine Probleme in riesige umzuwandeln, spiegelt möglicherweise die Phänomene im Atomkern wider, auf denen die Atomindustrie letztendlich beruht. Der zentrale Vorgang bei der Verbreitung von Atomenergie – sei es durch Bomben oder Kraftwerke – liegt darin, das Entfachen von Kettenreaktionen auf molekularer Ebene des Mikrokosmos zu starten.

Bei den sechs GE Mark I Reaktoren von Fukushima #1 und den 23 ähnlichen Anlagen in den Vereinigten Staaten besteht der Irrsinn darin, die Einrichtungen zum Abbrennen des nuklearen Brennstoffs buchstäblich unterhalb der höher liegenden Abklingbecken für den Atommüll anzulegen.

Dieser Entwurf mag vielleicht in Zusammenhang mit dem stark eingeschränkten Platzangebot in einem Atom-U-Boot Sinn machen. Im Rückblick ist jedoch die Entscheidung von GE, den Prototyp für den Antrieb des Atom-U-Bootes Nautilus aus den 1950er-Jahren einfach aufzublasen und dieses Design für Anlagen auf dem Land zur Erzeugung von Elektrizität aus Atomenergie zu nutzen, sicherlich als eine der fragwürdigsten Maßnahmen zur Senkung von Kosten aller Zeiten zu sehen.

Dass die Ursache der Katastrophe von Fukushima in der Konstruktionsweise von Atomunterseebooten liegt, spricht Bände über die Verhältnisse in weitaus größeren Zusammenhängen. So vieles von dem, was als sogenannte zivile Wirtschaft durchgeht, sind reine Ableger des militärisch-politischen Wirtschaftens, dessen Vorrangstellung sich während des Kalten Krieges etabliert hat und das nun in einer weiteren Militarisierung der Gesellschaft gestärkt wird, diesmal unter dem Deckmäntelchen des Kampfes gegen den „Terrorismus“.

Traurigerweise hilft ausgerechnet die durchaus vermeidbare Katastrophe von Fukushima, die wahren Quellen des verheerendsten Terrors, mit dem die Menschheit konfrontiert ist, aufzudecken. Für die Verwandlung von Fukushima #1 in eine Atomwaffe #1 braucht es kein Trägersystem. Die natürlichen Strömungen der Winde und der Ozeane sorgen besser für die Verbreitung des radioaktiven Gifts als irgend eine Rakete, ein U-Boot oder eine geheime Star-Wars Waffe das tun könnten.

Die alarmierenden Bilder von den Atommüll-Lagerbecken in Fukushima #1 – todbringend unter freiem Himmel in den oberen Etagen der aufgesprengten Rümpfe des sekundären Containments – geben der Öffentlichkeit eine deutliche Einsicht in die intellektuelle, technologische und ethische Unfähigkeit einer Industrie, die geradezu manisch unnötige Risiken eingeht. Diese Bilder können auch als schreckerregende Karikaturen der ausufernden Exzesse der Deregulierung, kombiniert mit der Privatisierung zentraler öffentlicher Versorgungseinrichtungen, gesehen werden. Sie sind wohl der Beleg dafür, dass Einstein nicht weit genug gegangen sein dürfte, als er in dem Augenblick, da der Geist der Atomenergie aus der Flasche entlassen war, von jenem Wahnsinn sprach, der da ausbrechen würde.


Atommüll: Das „Back-End“ des nuklearen Kreislaufes

Abgebrannte Brennstäbe entstehen bei der Erzeugung von Atomstrom in Atomreaktoren. Diese Stäbe enthalten tausende von Pellets, die eine ganze Reihe verschiedener radioaktiver Isotope enthalten, von denen einige für Millionen oder gar Milliarden von Jahren hoch radioaktiv bleiben. Zu den giftigsten und langlebigsten Isotopen gehören Cäsium, Strontium, Uran, Americium, Curium und Neptunium. Offensichtlich gibt es gewaltige technische Probleme, diesen Atommüll vom fragilen Ökosystem des Lebens mit seinen Wechselwirkungen zwischen Erde, Luft und Wasser für weit größere Zeiträume als die bisher bekannte Menschheitsgeschichte fernzuhalten. Diese Probleme sind schon lange als sogenannte Achilles-Ferse der Atomenergie bekannt.
http://coto2.wordpress.com/2011/03/26/us-stores-spent-nuclear-fuel-rods-at-4-times-pool-capacity/

Es gibt keine stichhaltigen Gründe, Anlagen, in denen Atomenergie erzeugt wird, für die Langzeitlagerung von Atommüll zu nutzen, dessen gefährlichste Spielart abgebrannte Brennstäbe sind. In der Tat zeigt die entsetzliche Katastrophe von Fukushima #1 augenfällig die zwingenden Gründe dafür, diese beiden Aufgaben nicht zu vermischen. Diese Praxis, verschiedene Phasen im industriellen Brennstoff-Kreislauf [vor Ort] zu vermischen, kann nicht Folge einer sachgemäßen Planung sein. Sie entstand vielmehr als politische ad-hoc-Notlösung, bedingt durch die allzu verständliche Neigung der lokalen Bevölkerung, die öffentliche Meinung gegen die Errichtung von atomaren Endlagern in ihrer Region, ihren Gemeinden oder ihrer Nachbarschaft zu mobilisieren. Dieses -'Agieren führte zur Bildung einer Abkürzung, eines Akronyms, das auch gerne und abschätzig von Funktionären der Atomindustrie verwendet wurde. Dieser Ausdruck ist NIMBY & ndash; Not In My Backyard [Nicht in meinem Hinterhof].

Aus meiner Sicht gibt es bei der Atomindustrie (außer vielleicht in China) tiefer liegende Gründe für den vollständigen Verzicht, ein Endlager für Atommüll zu entwerfen, seinen Standort festzulegen und schließlich zu errichten. Fast ausnahmslos führt jede Mobilisierung der Bevölkerung, die mit dem NIMBY- Ansatz beginnt, zu einer Ausweitung, zu öffentlicher Aufklärung und Zusammenschlüssen von Gleichgesinnten, die dann auf die Vielzahl von Gefahren hinweisen, die praktisch alle Facetten einer Industrie, die sowohl Atomwaffen als auch Atomkraftwerke herstellt, begleiten.

Eine Strategie der angeschlagenen Atomindustrie, um diesem Problem, sich mit einer organisierten Opposition informierter Bürger herumschlagen zu müssen, aus dem Weg zu gehen, ist der Versuch, möglichst wenig Aufsehen zu erregen, indem man einfach die Anhäufung von Atommüll in den Kraftwerken zulässt und aus dem Blick und dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden lässt. Die fehlende Begeisterung innerhalb der Atomindustrie, tragfähige und sichere Lösungen für die Entsorgung des Atommülls zu finden, geht auf die Ursprünge der Atomindustrie als Ableger militärischer R and D [Research- und Development-Partnerships] zurück. Wie Carol L. Wilson, der erste General Manager der US Atomic Energy Commission, bei seinem Rückblick auf die Anfänge der Industrie aus der Perspektive des Jahres 1979 anmerkte:
„Chemiker und Chemieingenieure waren nicht am Atommüll interessiert. Er war nicht glamourös, da war keine Karriere damit zu machen, er war schmutzig; niemand bekam Pluspunkte für das Interesse am Atommüll. Es gab kein wirkliches Interesse – erst recht keinen Profit – für den Umgang mit der letzten Stufe [back-end] des Brennstoffkreislaufs.“
(Carrol L. Wilson, "Nuclear Energy: What Went Wrong?" Bulletin of Atomic Scientists, Vol. 35, Juni 1979, 15).



Ausdehnen der Grenzen der Atomenergie

Diese Vervielfachung und Vermengung von Gefahren, die dadurch entsteht, dass man Kraftwerksanlagen auch noch die Rolle von Atommüll-Lagerstätten zuweist – und zwar einschließlich abgebrannter Brennelemente, die eine ständige Kühlung brauchen –, hat ihren Ausgangspunkt in den USA und hier wiederum speziell in der erdbeben-/tsunamigefährdeten Zone Kaliforniens. Das speiende Schlamassel an siedender Kritikalität in Fukushima #1 lenkt die Aufmerksamkeit auf andere atomtechnisch hochgerüstete Weltgegenden wie Frankreich oder Ontario, wo Atomkraftwerke ebenfalls als Lagerstätten für die gefährlichsten Sorten von Atommüll dienen.



Zum Bild: Das Atomkraftwerk von Indian Point ist sogar noch älter und unzeitgemäßer als Fukushima #1.
Fast 20 Millionen New Yorker leben im Umkreis von 50 Meilen um diese Anlage. Der Atommüll,
der dort gelagert wird, war Anlass für ein Gerichtsverfahren, das gravierende Auswirkungen
auf die US-Atomindustrie mit sich bringen wird.

Offizielle Stellen bestätigen die Lagerung von 70.000 Tonnen abgebrannter Brennstäbe, aufgeteilt auf 104 „zivile“ Atomkraftwerke in den USA. Die Fortsetzung dieser Art von unbegrenzter Atommüll-Lagerung wurde vor Kurzem von einem Gerichtsurteil in New York in Frage gestellt. Das Verfahren entstand aus dem öffentlichem Widerstand gegen den Betrieb des Atomkraftwerkes Indian Point inmitten der urbanen Umgebung von New York. Fast 20 Millionen Menschen leben im Umkreis von 50 Meilen um diese museumsreife Anlage, die sogar noch älter als Fukushima #1 ist.

In den Vereinigten Staaten ist der militärische Aspekt des sogenannten zivilen Arms der Atomindustrie besonders augenscheinlich. Eine der größten bekannten Ansammlungen von Atommüll weltweit befindet sich im militärischen Sperrgebiet von Hanford im Staat Washington, wo die Fertigung von Fat Man und Little Boy durchgeführt wurde, jenen Bomben also, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Das Gelände in Hanford ist der Standort von Lagereinrichtungen für mehr als 200 Millionen Liter (2 Millionen Hektoliter) an hochradioaktivem Abfall.

Das dauernde Experimentieren mit der Atomenergie wird von den US-Streitkräften und dem Kreis der favorisierten militärischen Auftragnehmer am Leben erhalten. Diese Forschungen und die bisweilen geheime Verwendung der Produkte hat ohne Zweifel große, aber weitgehend unbekannte Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit vieler Völker überall auf der Welt, jedoch insbesondere in Eurasien. Erhöhte Krebsraten und Missbildungen, die der Menschheit durch die Übergriffe des militärischen Zweiges der Atomwirtschaft aufgezwungen werden, sind am offensichtlichsten im Irak bei den Opfern der Angriffe mit Abgereichertem Uran. Dieses Verbrechen, das den Menschen hier und anderswo angetan wurde, wird bald mit größerer Regelmäßigkeit seine Folgen zeigen – so wie die Kurz- und Langzeitfolgen der Fukushima-Katastrophe anfangen werden, sich mit größerer Regelmäßigkeit in Japan, Ostasien, Nordamerika, auf der nördlichen Hemisph& auml;re und der ganzen Welt zu offenbaren.

Manche glauben, dass die gewaltigen Geheimbudgets, die den verborgensten Abteilungen des Sicherheitsapparates zur Verfügung standen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbrachten, die noch nicht öffentlich gemacht wurden. Einige dieser Entdeckungen könnten neue Arten von gezielter und zugleich unmerklicher Anwendung von Atomenergie mit einschließen. Diese neuen Grundlagen und die daraus abgeleiteten Anwendungen könnten beispielsweise am 11. September 2001 eine Rolle bei der fast augenblicklichen Umwandlung des Stahlskeletts der Türme des World Trade Centers in Dampf und feine Staubpartikel gespielt haben. Die offensichtlich fadenscheinige offizielle Version der Ereignisse vo 9/11 war dabei hilfreich, den alten Gruppierungen von Privilegien und Macht, die im Verlauf des Kalten Krieges zusammengefunden hatten, neues Leben einzuflößen.


Tschernobyl, Fukushima und der Zerfall von Imperien

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 war zweifellos eine Mitursache für die Beendigung des kalten Krieges. Das Unglück war einer von mehreren Faktoren, die mitbestimmend waren für die Implosion des öffentlichen Vertrauens in die Glaubwürdigkeit der Ansprüche der sowjetischen Führung. Dieser Verlust an Vertrauen und Renommee hatte eine Schwächung des Ansehens und der Funktionsfähigkeit der UdSSR in der internationalen Gemeinschaft zur Folge. Darüber hinausgehend unterminierte die Explosion in Tschernobyl den konstituierenden Mythos des Sowjetstaates als Bastion wissenschaftlicher Vernunft, wie er im dialektischen Materialismus nach Hegel und Marx als vorrangige Triebkraft der Geschichte ausgewiesen worden war. Der Atomunfall wurde sogar innerhalb der sowjetischen Regierung als Anklage des Sowjet-Systems wahrgenommen.

Aus dem Blickwinkel derer, die sich selbst als die Führer der „freien Welt“ ansahen, war mit dem Untergang der UdSSR, mit dem Verschwinden des Feindes #1 auch die Rechtfertigung für die enorme Macht, den Einfluss und für den Reichtum derer dahin, die die Interessen der nationalen Sicherheit und des nachgeschalteten militärisch-industriellen Komplexes fest im Griff hatten. Die offizielle Interpretation der Anschläge vom 11. September schenkte den alten Eliten schnell wieder die Möglichkeit, einen global agierenden Feind aufzubauen und zu bekämpfen, während die neuen Eliten ein Mittel in die Hand bekamen, lokale Gegner zu allgemeinen Feinden des sogenannten „Westens“ hoch zu stilisieren.

Es ist äußerst lehrreich, die Reaktionen auf die zerstörten Kraftwerksanlagen in Tschernobyl bzw. Fukushima zu vergleichen. Die Mobilisierung von 800.000 Sowjetbürgern, also nicht nur Armeeangehörigen, um die gewaltigen Verwüstungen in der Ukraine, dem Brotkorb des Landes, im wörtlichen Sinne zu deckeln, bleibt einer der rühmlichsten Momente der UdSSR. Auf der Anlage mit höchster Radioaktivität wurde ein gewaltiger Sarkophag errichtet, um dieser Pest – Strahlenkrankheit, Tod, generations-überspannende Gendefekte – ein paar Hindernisse in den Weg zu stellen; dennoch sind wohl Millionen betroffen. Wie viele Millionen oder sogar dutzende von Millionen Menschen mehr wären wohl kontaminiert worden, wäre dieser Sarkophag nicht erbaut worden?



Zum Bild: Die sowjetische Antwort auf die unerwartete Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl 1986
war gewaltig. Die UdSSR mobilisierte 800.000 Helfer, Armeeangehörige wie auch Zivilisten, um auf die
Krise zu reagieren. Teil der Gegenmaßnahmen war die Überdeckung des zerstörten toxischen Baus
mit dem hier zu sehenden gigantischen Sarkophag. Die gewaltige Anstrengung, um die beispiellose
Bedrohung der öffentlichen Gesundheit für hunderte Millionen potentieller Opfer einzudämmen,
kontrastiert in unheimlicher Weise mit der lauwarmen Reaktion auf die Atomkatastrophe in Japan.


Die Reaktion auf das Debakel in Fukushima ist bis heute völlig anders. In den Tagen, die auf den 11. März 2012 folgten, war die gängige Diagnose der Meinungsführer in der Atomindustrie, der Unfall wäre „schwerwiegender als Three Mile Island, aber nicht so schwerwiegend wie Tschernobyl“. Eine andere Verunklärung bestand darin zu behaupten, es sei zu „partiellen Kernschmelzen“ gekommen. Ich erinnere mich, gedacht zu haben, eine partielle Kernschmelze mache in etwa so viel Sinn wie eine partielle Schwangerschaft. Vor allem die Massenmedien wischten die Berichterstattung über Fukushima schnell vom Tisch und viele von ihnen plapperten die von der japanischen Regierung ausgegebene Fehlinformation nach, dass Fukushima #1 im Dezember 2011 in den Zustand der Kaltabschaltung übergeführt worden sei.

Wie bereits angemerkt, war die Berichterstattung bei einigen alternativen Medien zum Teil gut recherchiert und dem Ausmaß der Katastrophe von Fukushima angemessen. Die Einschätzung, dass das Potential der verheerenden Zerstörungen in Fukushima dasjenige des Desasters von Tschernobyl bei Weitem übersteigt, wurde schrittweise immer präziser und gewisser. Was die Krise von Fukushima unter anderem so bedrohlich macht, ist das kümmerliche, inkompetente und furchtsame Vorgehen derer, die TEPCO – zumindest für die Öffentlichkeit – als diejenigen im Vordergrund lassen, die für das offizielle Reagieren auf die sich verschlimmernde Krise verantwortlich sein sollen. Das soll aber nicht heißen, dass dadurch die heroischen Beispiele für Mut, Intelligenz, Einfallsreichtum und Selbstaufopferung durch einzelnen Personen, die den Ansturm der Katastrophe aufzuhalten versuchten, in Frage gestellt werden soll. Es ist schwierig, sich bloß vorzustellen, was es bedeutet, in ihren Schuhen zu stecken.

Aber diese Ode auf die Besten der Besten der Hilfsmannschaften in Fukushima #1 schwächt meine Grundthese aber nicht ab, dass die Reaktion auf die Katastrophe durch das Unternehmen TEPCO wieder das gleiche gesetzwidrige Verhalten an den Tag legt, ein Verhalten, das die Voraussetzungen für das Entstehen dieses Desasters überhaupt erst ermöglicht hat. Diese beispiellose Krise ist aber viel größer als die koordinierten Unzulänglichkeiten der Firma TEPCO.

Am Ende trifft meine Kritik in letzter Konsequenz die Spitzen der US-amerikanischen Atomindustrie, Regierungsfunktionäre mit eingeschlossen. Diese Proponenten aus Politik und Wirtschaft manövrierten Amerikas gefügigste Kolonie – formal, später nicht formal – zynisch dahin, nukleare Ableger der amerikanischen Militärtechnologie für die atomare Energieerzeugung zu akzeptieren, obwohl das japanische Volk auf seinen zwar idyllischen, jedoch erdbeben-geplagten Inseln niemals dazu hätte gedrängt werden dürfen. In diesen Kreisen imperialer Macht ist die eigentliche Verantwortung für diese verheerenden Ereignisse zu suchen wie auch genau dort die Zuständigkeit für die grundlegenden Initiativen zur Eindämmung dieses Desasters zu verorten ist.

Der Unterschied zwischen der sowjetischen Reaktion auf die Tschernobyl-Krise und der von Konzernen bestimmten Reaktion ist also immens, vielsagend und letztlich eine angsteinflößende Bedrohung für die Zukunft der menschlichen Zivilisation, wenn nicht sogar für die Zukunft des Lebens auf der Erde überhaupt. Die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist angesichts des mangelnden Engagements für das öffentliche Interesse und das Gemeinwohl bei jenen, die unsere Anführer sein wollen, nur ein schwacher Trost.

Verkörpern das immer größer werdende Chaos und die Kernschmelzen von Fukushima #1 den Tschernobyl-Moment für das angeschlagene amerikanische Imperium?


Einstein vs. Rickover

Die Entscheidung der japanischen Regierung, durch Fukushima radioaktiv verseuchtes Material aus der betroffenen Region zur Verbrennung in andere Landesteile zu verbringen, hat in Japan selbst und auch außerhalb zu einer heftigen Kontroverse geführt. Es gibt mehre Erklärungsmodelle, warum das passiert. Eine Erklärung ist, dass die Regierung eine Lawine von Prozessen auf sich zukommen sieht und daher Schritte unternimmt, um in Zukunft bei vergleichende Studien zum Auftreten von Krebs und anderen einschlägigen Krankheiten in den betroffenen Gebieten einen Vergleich mit weniger belasteten Gebieten sinnlos zu machen.

Meiner Ansicht nach kann diese irrationale Entscheidung nur dadurch erklärt werden, dass die japanische Gesellschaft unter der Wucht der aufeinander folgenden Schläge zerbricht. Die Menschen in Japan wurden von den schweren Naturkatastrophen traumatisiert. Wir, die wir nicht in Japan leben, müssen uns immer wieder die außerordentlichen Belastungen vor Augen halten, die durch die Naturkatastrophen der japanischen Bevölkerung auferlegt werden. Die schweren Fehler, die der japanischen Regierung in ihrer Reaktion auf die Ereignisse in Fukushima unterlaufen sind, müssen aus diesem Blickwinkel betrachtet werden.

Ein wesentlicher Teil des Fukushima-Problems ist, dass die Antwort auf dieses Debakel eine internationale sein sollte. Anders gesagt, diese Krise sollte nicht zum Großteil der japanischen Innenpolitik überlassen bleiben. Die Nationalisierung der Kontrolle über Atomanlagen – die Auswirkungen von dem, was da in den Anlagen vor sich geht, sind ganz offensichtlich staatenübergreifender Natur – führt uns geradewegs zurück zu Albert Einsteins Befürchtung, dass die meisten Menschen nicht dazu in der Lage sein würden, die Folgen der gewaltigen Veränderungen, die durch die Atomspaltung entstehen, zu erfassen.

Wie Robert Oppenheimer und viele andere am Manhattan Project beteiligten Wissenschaftler war Einstein der Ansicht, dass es bei der Entfesselung der Atomenergie zu viele unüberschaubare und unbekannte Faktoren gibt, als dass man dieses Forschungsgebiet der Souveränität einzelner Nationen überlassen dürfte. Einstein schwebte die Notwendigkeit der Konstituierung einer neuen internationalen Organisation vor, die sowohl mit der Wahrung nuklearer Geheimnisse als auch mit der Überwachung und Regulierung von Fortschritten in der Atomtechnik betraut sein sollte. Die Parteigänger der einstein’schen Überlegungen waren im Speziellen davon überzeugt, dass die Überführung von Erkenntnissen der Atomforschung in ihre technische Anwendung besonders heikel ist. Diese Umsetzung sollte so lange streng verboten bleiben, bis die Auswirkungen jeder Neuerung untersucht und voll und ganz erfasst worden sind.

Die Katastrophe von Fukushima und das Fehlen einer international koordinierten Antwort darauf ist ein deutlicher Hinweis für die Niederlage der Einstein-Partei. Der Anführer der Gegenpartei war Admiral Hymen G. Rickover, jener Ingenieur der US Seestreitkräfte, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg mit der Entwicklung amerikanischer Atom-U-Boote betraut worden war. Nachdem er den Atomantrieb für das U-Boot namens Nautilus realisiert hatte, widmete er sich der Entwicklung von Kraftwerken zur Stromerzeugung an Land. Zwischen 1954 und 1957 entstand unter Rickovers Leitung der Prototyp eines modernen „zivilen“ Atomkraftwerks in Shippingport, Pennsylvania.

Er nutzte diese Anlage als Lehrstätte für eine Methode, von der er die Demokratisierung des Wissens und der Erfahrung in der Beherrschung der Atomkraft erwartete. Seine Anstrengungen liefen parallel zur von Präsident Dwight D. Eisenhower ins Leben gerufenen Propagandakampagne “Atoms for Peace”. Eisenhowers Ziel war es, die steigende Nervosität der Menschen in beiden Lagern des Kalten Krieges zu beruhigen – die Nervositität nämlich darüber, dass die oberirdischen Atomtests mit immer größeren Bomben auf einen nuklearen Holocaust durch einen Atomkrieg hinzuweisen schienen.

„Atome für den Frieden“ wurde in Japan mit besonderer Aggressivität vorangetrieben, in einem Land, dessen Bevölkerung nach den Erfahrungen der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki jeden Grund hatte, allen mit Atomkraft verknüpften Bestrebungen ablehnend gegenüber zu stehen. Diese Hindernisse wurden von den Galionsfiguren des offiziellen, aber auch des informellen Imperiums der Vereinigten Staaten beiseite geräumt. Die Förderung der Atomstromerzeugung wurde ein integraler Bestandteil der anti-kommunistischen Haltung, die damals die US Entscheidungsträger und ihre Wirtschaftsklientel wie GE fest im Griff hatte. Wie geplant wurde Japan zu einer Bastion ausgebaut, die den Einfluss Rotchinas unter Mao eindämmen sollte. Die Präsidentschaft des früheren GE Mediensprechers Ronald Reagan und die sechs GE Atomreaktoren in der Anlage von Fukushima Nummer eins sind ein Ausfluss dieser Epoche.

Jahre später revidierte Admiral Rickover radikal seine Meinung, dass Atomkraftwerke ein für Frieden und Fortschritt förderliches Instrument seien. Als er am Ende seiner Laufbahn zu diesem Thema befragt wurde, antwortete der Techniker:
„Immer, wenn Strahlung produziert wird, entsteht ein Stoff mit einer bestimmten Halbwertszeit, in einigen Fällen beträgt diese Milliarden von Jahren. Ich denke, dass sich die Menschheit selbst vernichten wird, daher ist es wichtig, die Kontrolle über diese fürchterliche Kraft zu gewinnen und zu versuchen, sie aus der Welt zu schaffen. Ich glaube nicht, dass Atomkraft einen Wert hat, wenn sie Strahlung erzeugt.„

http://www.veteranstoday.com/2011/03/28/from-hiroshima-to-fukushima-1945-2011/

Prof. Anthony Hall (Prof. für soziale Politik / Sozialwissenschaftler für Globalisation Studies University of Lethbridge, Canada)


Alle Grafiken in diesem Artikel wurden übernommen von: http://www.veteranstoday.com/2012/06/13/fukushima-daiichi-from-nuclear-power-plant-to-nuclear-weapon-1/


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Dr. Anthony J. Hall: From Hiroshima to Fukushima, 1945-2011

28. März 2011, Version 2, aktueller Entwurf

Von Hiroshima zu Fukushima, 1945 – 2011: Eine strahlende Geschichte von Hochmut und Verderben
http://www.veteranstoday.com/2011/03/28/from-hiroshima-to-fukushima-1945-2011//

Übertragung aus dem Englischen (ho/ak/lg): Von Hiroshima zu Fukushima, 1945 – 2011

Das Atom-Desaster im Atomkraftwerk von Fukushima Daiichi

Atomzeitalter

Von Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945 bis hin zum nuklearen Hexenkessel des schmel­zenden, spuckenden und explodierenden Atomkraftwerks Fukushima Daiichi – die ersten Jahr­zehnte des Umgangs der Menschheit mit Atomkraft stellen sich als ein poetischer Abgesang von Hochmut und Verderben dar.

Auch 2011, wie im Jahr 1945, stand die japanische Bevölkerung im Mittelpunkt eines finsteren wissenschaftlichen Experiments, mit dem am Menschen ausgetestet wurde, wie viel dieser an nuklearer Verwüstung aushalten kann.

Der Tsunami von Vernichtung, gefolgt von schleichenden, durch Strahlung verursachten Krank­heiten und Missbildungen, war durch die furchtbaren Explosionen der beiden amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki in die Welt gebracht worden. Fat Man und Little Boy waren die Codenamen – den beiden Atombomben von der US Luftwaffe spendiert –, die von Boeing B-29 Superfortress' über zwei wehrlosen japanischen Städten abgeworfen wurden: Enola Gay warf Little Boy über Hiroshima ab, Bockscar Fat Man über Nagasaki.

Hochradioaktiv

Die Verheerung, die in Hiroshima und Nagasaki angerichtet wurde, könnte sich als weniger weitreichend erweisen als die Katastrophe, die durch die Verstümmelung der Kraftwerksanlage nördlich von Tokyo losgetreten wurde. Die im Gang befindliche Zerstörung hat deshalb ein solch enormes Vernichtungspotential, weil die Anlage in Fukushima Daiichi (was mit Atomkraftwerk Fukushima 1 aus dem Japanischen zu übersetzen ist) schon seit geraumer Zeit in einer Dop­pelrolle auch als bedeutende Lagerstätte für abgebrannte Brennelemente, der tödlichsten und brisantesten Form von Atommüll, dient.(1)

Schon immer war es die Achillesferse der Atomindustrie, dass die gebrauchten Brennelemente, wie sie in Atomkraftwerken anfallen, über hunderttausende Jahre hoch radioaktiv bleiben. Die gewaltigen technischen Probleme, die entstehen, wenn versucht wird, diesen äußerst schädli­chen Atommüll über solch lange Zeit von den Kreisläufen des Lebens fernzuhalten, haben we­sentlich dazu beigetragen, starken öffentlichen Widerstand gegen eine Ausweitung der Atomin­dustrie zu mobilisieren.

Anstatt diese Achillesferse mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, haben die Bosse der mehr als gut 400 Atomkraftwerke auf Erden schon vor längerer Zeit entschieden, bis auf Weite­res das politisch und technisch unlösbare Problem unter den Teppich zu kehren, wie denn ein geeigneter Ort für die Aufnahme der abgebrannte Brennelemente aus Dutzenden von Atommei­lern eingerichtet werden könnte. Diese Doppelfunktion, die Atomkraftwerke auch noch als La­gerstätte für gigantische Mengen dicht gepackten Atommülls nutzt, ist nirgendwo so ausgeprägt wie in den Vereinigten Staaten.(2)

Die Bedrohung, die von der Ansammlung gefährlicher Aufgaben in US-amerikanischen Atom­kraftwerken ausgeht, wurde verschärft, als Präsident Obama das Atommüll-Lager in Yucca Mountain mit dem Ziel auf Eis legte, aufgebrachte Wähler in Nevada zu beruhigen.

Obama

Das Problem „Was tun mit dem Atommüll“ war von Anfang an ein wichtiger, aber beharrlich ver­nachlässigter Aspekt der Atomindustrie. Ein anschaulicher Beweis für diese Vernachlässigung ist der Umstand, dass sich in der Atomanlage von Hanford im Bundesstaat Washington, auf der einst das Plutonium für die erste Testbombe namens Trinity und die Atombombe von Nagasaki erbrütet wurden, 200.000.000 Millionen Liter an hochradioaktivem Müll befinden.(3) Wie es Ca­roll L. Wilson, der erste Geschäftsführer der US Atomenergiekommission darstellte, als er auf die Anfänge dieser Industrie aus der Sicht des Jahres 1979 zurückblickte:

„Chemiker und Chemieingenieure waren nicht am Atommüll interessiert. Er war nicht glamou­rös, da war keine Karriere damit zu machen, er war schwer in den Griff zu kriegen; niemand be­kam Pluspunkte dafür, sich um den Atommüll zu kümmern... Es gab kein wirkliches Interesse – erst recht keinen Profit – für die Bewältigung der letzten Stufe [back end] des Brennstoffkreis­laufs.“(4)

Das gedrängte Nebeneinander vieler Einrichtungen zur Herstellung von Atomstrom, zur Bear­beitung und zur Lagerung von Atommüll innerhalb der engen Grenzen der desolaten, gerade einmal 400 Hektar großen Anlage von Fukushima versinnbildlicht die Unverantwortlichkeit einer problembeladenen Industrie. Das Ausmaß des Problems spiegelt sich im Vorgehen der Atom­aufsichtsbehörde wider, die es versäumt hat, im Verlaufe der aktuellen Krise die gewaltigen Pro­bleme unmissverständlich beim Namen zu nennen, die aus der Notwendigkeit entstehen, Un­mengen von gifti­gem radioaktivem Material zu isolieren, sodass dieses nicht in Kontakt kommt mit der Luft, mit dem Wasser, mit allen Lebewesen – und das für einen Zeitraum von hundert­tausenden Jahren. In der Annahme, dass das Fukushima-Desaster demnächst seinen „Tscher­nobyl-Moment“ errei­chen könnte, warnt Mike Whitney, dass es das Ziel der meisten Massenme­dien war, & bdquo;das Aus­maß der Katastrophe herunterzuspielen, um die Atomindustrie zu schützen“.(5)

Eine der großen Tragödien des Fukushima-Desasters ist, wie bei Hiroshima und Nagasaki, dass dieses Ereignis Anlass gibt zu einer riesigen Fallstudie über die ungewissen Auswirkungen auf alle Lebewesen, einschließlich des Menschen, die solch umfangreichen Freisetzungen von hoch gefährlichen Radionuklїden ausgesetzt sind – nur um ein paar zu nennen: Cäsium137, Strontium90, Iod129 und Plutonium239. Welche Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat es, wenn unsere Lebensgrundlagen – Essen, Luft und Wasser – derart massiv radioaktiven Elementen ausgesetzt sind, die simultan in schneller Abfolge und sehr großen Mengen an Meer, Fluss, Land und Luft abgegeben werden? Mit welchem Durcheinander und welchen Aus­reden wir es in den Anfängen dieses gigantischen wissenschaftlichen Experiments mit dem Menschen als Versuchsobjekt zu tun hatten, stellte sich am 27. März [2011] dar, als die Funktio­näre zuerst bekannt gaben, dass die Strahlenwerte des Wassers aus Reaktor 2 in Fukushima Daiichi 10 Millionen Mal über dem Normalwert waren. Am Ende des Tages spielte Sakae Muto, Vizepräsident der Tokyoter Stromgesellschaft, die die zerstörte Anlage betreibt, die ursprüngli­che Einschätzung auf das 100-Tausendfache über Normalmaß hinunter. In wenigstens einem Bericht über diese Kommentare wird Muto mit der Aussage kolportiert, dass er „einen unabhän­gigen Beobachter, der die verschiedenen Messungen beaufsichtigen könnte, trotz der Irrtümer ausschließt“.(6)

Das Desaster von Fukushima ist ein Lehrbuch-Beispiel für die gewaltigen Gefahren, die entste­hen, wenn man die gefährlichsten industriellen Prozesse, die der Menschheit bekannt sind, buchstäblich übereinander auftürmt.(7) Ein einziger Ausfall in nur einem Arbeitskreislauf kann sich auf die benachbarten Arbeitskreisläufe übertragen und eine Serie von sich ausweitenden Kettenreaktionen verursachen. Dieses Endresultat spiegelt die Tatsache wider, dass Kettenre­aktionen der atomare Wesenskern der nuklearen Energie sind. Die Abgabe von großen Mengen Radioaktivität an Luft und Wasser in der zerstörten Anlage macht regelmäßige Evakuierungen der zerstörten Kommandozentrale notwendig. Dadurch wird menschliches Eingreifen in die Kettenreaktion von sich gegenseitig aufschaukelnden Ausfällen verunmöglicht, sodass ein lokaler Notfall nach und nach die Schwelle einer globalen Katastrophe erreicht.

Die Anlage von Fukushima Daiichi umfasst sechs nahe beieinander liegende Atomreaktoren und sieben Becken, die eigentlich nur auf eine zeitlich begrenzte Lagerung abgebrannter Brennstäbe ausgerichtet sind. Anstatt die nuklearen Lagereinrichtungen regelmäßig zu leeren, um die Wahrscheinlichkeit eines Störfalles an einem so hochgefährlichen Brennpunkt ineinan­der verflochtener apokalyptischer Szenarien zu verringern, haben die Betreiber über vier Jahr­zehnte hinweg mehr und mehr abgebrannte Brennelemente immer dichter zusammenge­packt. Je mehr Atommüll in den zunehmend überlasteten Kühlbecken konzentriert war, desto größer wurde das Risiko, dass eine Betriebsstörung – wie etwa der Ausfall der Wasserkühlung – den Anstoß dafür geben könnte, dass radioaktive Materialien in Brand geraten, bis hin zum Schreckgespenst von Explosionen und Kernschmelzen unter freiem Himmel. Selbst die weni­gen und stark zensierten Bilder, die aus der Anlage in Fukushima auftauchen, liefern deutliche Hinweise darauf, wie diese Mischung erschreckender Umstände tatsächlich sind.

Es könnte keine besseren Ausdruck für kompletten Irrsinn geben als die auf Gefahrenanhäu­fung und -vermehrung ausgelegte Bauweise des Mark I Reaktors von General Electric – in Fu­kushima und in Dutzenden anderen Anlagen rund um die Welt. Dieses GE System - ursprünglich für den Antrieb der ersten Generation von US Atom-U-Booten entwickelt - hat das Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente direkt ÜBER dem laufenden Atomreaktor. Jede Störung im Reaktor muss deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zum Problem für die Lagerung des Atommülls werden. Umgekehrt gilt das in ähnlicher Weise.(8) Diese Anhäufung von Funktionen mag in den 1950ern unvermeidbar gewesen sein, als sich die Entwickler des Mark I-Systems der Herausforderung gegenüber sahen, möglichst viele Funktionen im engen Raum ei­nes atomgetriebenen Unterseeboots unterzubringen. Aber wie kann die Atomindustrie rechtferti­gen, dass sie die Vorrichtungen zur Herstellung von Atomstrom und jene zum Kühlen und La­gern des Atommülls bei den Atomkraftwerken an Land, wo es genug Platz gäbe, ebenfalls so eng zusammengepackt haben?

In den frühen Tagen der Atomindustrie war geplant, den Vervielfältigungseffekt der kombinierten Atomgefahren zu vermindern, indem man den Atommüll aus der unmittelbaren Umgebung laufender Reaktoren wegkarrt. Durch den sogenannten NIMBY-Effekt – die beharrliche Mobilisierung der Bürgerschaft gegen die Errichtung von Atommüll-Lagern un­ter dem Motto „Nicht in meinem Hinterhof“ – wurde die geplante Entwicklung von Einrichtungen, die ausschließlich einer groß angelegten Lagerung von verbrauchtem atomarem Brennstoff dienen sollten, nie umgesetzt. Das Ergebnis war, das japanischen Atomkraftwerke – wie die meis­ten anderen Atomkraftwerke rund um den Erdball – Aufbewahrungsstätten für große Ansamm­lungen von hochgefährlichem Atommüll wurden. Nur die deutsche Atomindustrie hat ernsthaft damit begonnen, die Wahrscheinlichkeit von einer sich exponentiell ausbreitenden Atomkatastrophe einzudämmen, indem zaghafte Schritte dahin unternommen werden, abgebrannte Brennelemente in spezielle Anlagen zu verfrachten, die weit genug von den laufenden Atomkraftwerken entfernt sind.

ACHTUNG

In Fukushima war ein Teil des Atommülls in mehreren Trockenbehältern gelagert. Bezüglich dieser Behälter, die schwimmen können, wenn sie nur teilweise gefüllt sind, wurde die Frage gestellt, ob nicht einige davon vom Sendai-Tsunami auf das offene Meer hinaus geschwemmt wurden. Der größte Teil des Atommülls aus den Reaktoren war in sieben Becken gelagert, sechs davon sind (oder möglicherweise waren), wie bereits bemerkt, direkt über den laufenden Reaktoren platziert. Das siebte und größte Lagerbecken, dessen Zustand unklar ist, soll laut Aussagen des Tokioter Stromanbieters [TEPCO] mehr als 6000 abgebrannte Brennelemente enthalten. Jedes Brennelement besteht aus 64 Brennstäben. Jeder Brennstab enthält hunderte von radioaktiven Pellets [Tabletten]. Die Mehrheit der Reaktoren – zusammen mit den Lagereinrichtungen für Atommüll – scheinen auf unterschiedliche und noch nicht weiter klärbare Weise schwer besch& auml;digt worden zu sein, als Ergebnis einer Serie von Explosionen und Bränden, die nach dem vorangegangenen Sendai-Erdbeben und -Tsunami in Fukushima Daiichi die Anlage in Mitleidenschaft gezogen haben. Das gleichzeitige Zusammentreffen so vieler Ausfälle war leicht vorhersehbar, zumal Japan an einer mächtigen geologischen Verwerfung liegt und die Atomkraftwerke direkt an die pazifische Küste gebaut wurden. Unterhalb der Anlage mit der sich verschlimmernden Atomkatastrophe, gerade der Küste entlang, liegt die Atomanlage Fukushima Nummer 2 [Daini]. Hier gibt es vier weitere Reaktoren mit den angeschlossenen Gebäuden für die Bearbeitung und Lagerung von abgebrannten Brennelementen. Es wurde uns versichert, dass Fukushima Daini, mit seinen 4 von 53 Reaktoren in Japan, stabilisiert werden konnte. Kann dieses nukleare Inventar durch eine massive Explosion in Fukushima Daiichi in Brand geraten oder sonstwie beschädigt werden?

Die Menge dieser unablässigen, raschen Abgabe von Radionuklїden an Land, Meer und Winde rund um den Pazifik kann – im schlimmsten Fall – vielfach tödlicher werden als die etwa 50 Kilo an spaltbarem Material, die über Hiroshima und Nagasaki zur Explosion gebracht wurden. In Fukushima ist antike Reaktorbauweise aus den frühen Jahren des kalten Kriegs mit der jüngsten Generation an plutoniumhaltigen Brennstäben kombiniert, die von AREVA produziert werden, Frankreichs aggressivstem Atomhändler und -entwickler. Als zentraler Bestandteil in Atombomben ist Plutonium der tödlichste Stoff, den die Wissenschaft kennt.

Der gezielte und kombinierte Einsatz von völlig veralteten Atomreaktoren und der modernsten Form hochwertigen atomaren Brennstoffs ist so unfassbar fahrlässig, dass darin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit zu sehen ist. Es gab viele Einsprüche bei den japanischen Gerichten, um diesen atomaren Wahnsinn zu verhindern. Unglücklicherweise scheiterten diese Interventionen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit.

Ein guter Teil der Kontroverse dreht sich um den Betrieb der sogenannten Wiederaufarbeitungsanlage in Rokkasho. Ab Oktober 2010 wurde der Block von Reaktor 3 mit AREVAs plutoniumhaltigen Brennelementen beladen. Reaktor 3 ist jener von einem schwachen Containment umgebene Reaktor, der am 14. März vor laufender Kamera hoch in die Luft explodierte.(9) Diese Explosion ereignete sich zwei Tage nach jener in Reaktor 1, die ebenfalls gut von der Kamera festgehalten wurde.(10) AREVAs erste Stellungnahme zum Desaster bestand – wie bei GE – darin, jede rechtliche Mitverantwortung an dieser Katastrophe zurückzuweisen. AREVAS Schönredner befanden den Leitartikel einer Zeitung vorbildlich, in dem es hieß, „die Öffentlichkeit muss wieder zur Ruhe kommen, die Umweltschützer sollen aufhören, politisches Kapital aus der schweren Krise zu schlagen und die Politiker sollen Rückgrat zeigen.“(11)

Einer der ursprünglichen Beweggründe zum Bau von Atomkraftwerken lag hauptsächlich darin, Plutonium für die Herstellung von Atomwaffen zu produzieren.(12) Und diese Überschneidung der Aufgaben besteht bis heute. Die enge Verschränkung des Geschäfts, das mit der Planung und Herstellung von Nuklearwaffen als Massenvernichtungswaffen beschäftigt ist, mit dem Geschäftsfeld, das nuklearen Brennstoff verwendet, um Strom für die breite Öffentlichkeit zu produzieren, muss wieder und wieder betont werden.(13) Wer den Zusammenhang zwischen dem Bau von Atomkraftwerken und der Herstellung von Atomwaffen verstehen will, braucht sich nur die Auseinandersetzungen in Erinnerung zu rufen, die es wegen genau diesen Verbindungen in Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea gibt. 1945, in der Morgenröte des Atomzeitalters, bestand noch keiner dieser Staaten – außer Indien. Damals war Indien noch eine Kolonie Großbritanniens. Die Auseinandersetzung, die derzeit um das iranische Atomprogramm schwelt, wiederholt nur unter anderen Umständen genau jene Kontroverse, die es schon früher gab, als versucht wurde, die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhindern.

Der bis heute verfolgte Whistleblower Mordechai Vanunu versorgte 1986 die Welt mit Bildern, die das dichte Gewebe industrieller Verbindungen in Israel verdeutlichen, in dem die Herstellung von Atomstrom und die Entwicklung von Atomwaffen eng miteinander verknüpft sind. Seine Fotografien warfen ein eindeutiges Licht auf Israels hoch geheime Einrichtungen zur Herstellung von Atomwaffen im Dimona-Komplex – im südöstlichen Eck eines der am stärksten militarisierten Länder der Erde.(14) Ein anderes Beispiel nach dem gleichen Muster kam 2010 ans Licht, als berichtet wurde, dass waffenfähiges Tritium, das im Atomkraftwerk von Sequoyah [Betreiber: Tennessee Valley Authority] hergestellt wurde, an die US-amerikanische Atomwaffenproduktion durchgereicht wurde.(15)

Präsident Obamas Genehmigung für diese Weitergabe kommt eigentlich nicht überraschend. Er und viele Mitarbeiter in seinem inneren Kreis, einschließlich David Axelrod und Rahm Emanuel, haben erhebliche finanzielle und politische Unterstützung von der Exelon Corporation erhalten. Exelon betreibt 10 Atomanlagen mit insgesamt 17 Reaktoren.(16). Das Zentrum seines Atomreichs liegt in Illinois, der Heimat des jetzigen US-Präsidenten. Einer von Barack Obamas Hauptsponsoren ist John Rogers Jr., ein Mitglied des Exelon-Vorstands und Leiter von Ariel Investments.(17)

Schon von seinen Anfängen an, in den dunkelsten Tagen des Kalten Krieges, war die Atomindustrie als ein zivilisierter wirkendes friedliches Angesicht gegenüber den heimlichen Operationen des Militärs geplant, welches die Atomenergie als Mittel der Massenvernichtung – einschließlich Massenmord – in bisher unbekanntem Ausmaß vorantrieb. Eine aufschlussreiche Kontinuität liegt nun offen zur Schau, Bindeglied zwischen der Unterjochung der Japaner durch den Horror des Staatsterrors in Hiroshima und Nagasaki einerseits und andererseits der derzeitigen Aussicht auf eine langsame Unterwerfung in atomar verursachter Krankheit und Missbildung, als Folge des in Fukushima gescheiterten Experiments atomarer Deregulierung. Die Aussicht, dass sich diese atomare Plage auf die umliegenden Länder und Regionen ausweitet, unterstreicht, wie überlebt unser altmodisches Konzept von nationaler Souveränität im 21. Jahrhundert geworden ist.

Die Anfänge des AKW-Designs in den Unternehmungen der seit 1941 ständig tätigen Kriegswirtschaft der Vereinigten Staaten helfen, die künstliche Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Funktionen in unseren Gesellschaften und den niemandem zu Rechenschaft verpflichteten transnationalen Konzernen zu verstehen, die schon lange als unsere wahren Herren hinter den Kulissen agieren. Leuren Moret, ehemalige Wissenschaftlerin bei der in Kalifornien beheimateten Livermore Nuclear Weapons Company, hat darauf aufmerksam gemacht, dass 85% aller Atomkraftwerke weltweit von nur zwei Unternehmen entworfen wurden – General Electric und Westinghouse.(18) Beide Unternehmensgiganten wuchsen rund um jene Abteilungen in ihrem Firmenkern heran, die der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen dienten. Wie viele andere Firmen aus dem militärischen Bereich besaßen und kontrollierten diese beiden Firmen große Medien-Konglomerate für die unabdingbare psychologische Kriegsführung, die uns täglich aufgetischt wird, um unsere Aufmerksamkeit vom wirklichen Treiben der fortlaufenden Kriegswirtschaft abzulenken.

Falls doch einmal Untersuchungen zur Entstehung der Atomkatastrophe, die derzeit in Japan im Gang ist, stattfinden sollten, dann wird es wichtig sein, viel höher anzusetzen in der Verantwortungs- und Kommandohierarchie als unten bei den Funktionären von TEPCO. Das notorisch korrupte und betrügerische Verhalten der TEPCO Funktionäre ist nur eine niederschwellige Manifestation im in sich verzahnten System globaler Macht, das auf der engen Verbindung zwischen Banken, Militär und Medienimperien beruht. In der geschlossenen Kleptokratie dieses sich zunehmend konzentrierenden und verantwortungslosen Komplexes der Herrschaft der Wenigen – von Wenigen für Wenige - gibt es einen weiten Spielraum für Interessenkonflikte, Bestechung, Erpressung, Fahrlässigkeit, Vertuschung und übergangene Sorgfaltspflicht. Unter diesen Umständen werden regelmäßige Wahlen, die eigentlich als Schutzmechanismen gedacht sind – gerade in sogenannten liberalen Demokratien – , zu einer Art Fensterdekoration in einer politischen Kultur, in der einem nur noch die Wahlmöglichkeit zwischen – sagen wir – Pepsi und Cola, Westinghouse und General Electrics, Hitachi und Toshiba bleibt.

Die Atomkatastrophe von Fukushima – als Begleiterscheinung der noch lange nicht abgeschlossenen globalen Finanzkrise und unmittelbar nach der massiven Ölverschmutzung des Golf von Mexiko durch BP – beleuchtet wieder einmal den selbstmörderischen Weg, auf dem wir uns befinden. Die Menschheit erlebt einen wilden Ritt auf einem immer schneller werdenden Technik-Monster, das die Kraft unserer altmodischen politischen und Erziehungssysteme klar überfordert. Einige werden wohl sagen, dass wir in diesem Todeslauf kollektiv betrogen worden sind durch eine vermittels des Fernsehens übertragene Massenhypnose, die uns dazu verhalf, einen massiven Transfer von Regierungsmacht an den sogenannten privaten Sektor einfach zu akzeptieren. Die Tragödie von Fukushima unterstreicht die Konsequenzen dieser Reise der Deregulierung hin zu Extremen, die das öffentliche Interesse grob verletzen und das öffentliche Eigentum unterwandern. Wenn sogar die atomare Stromherstellung als privatisiertes Geschäft kosteneinsparender Unternehmen organisiert ist, dann hat das Pendel der Deregulierung eindeutig zu weit ausgeschlagen.

Die offenen Fragen angesichts dieser und vieler ähnlicher Extreme bei der Deregulierung sind schnell gefunden: Wie können die Handlungen jener, die Atomreaktoren und Anlagen zur Lagerung von Atommüll entwerfen und betreiben, in irgendeiner Weise privater Natur sein? Wie können die Tätigkeiten der Gesellschaften, die – sagen wir – im Golf von Mexiko Öl oder in Alberta Teersande ausbeuten, als privat eingestuft werden? Was ist privat an den Angriffen auf Ökologie und öffentliche Gesundheit, die, wie es sich gezeigt hat, regelmäßig und in starkem Maße bei der industriellen Gewinnung von Energie auftreten? Wer zahlt für die Wiederherstellung, wenn so eine vermeintlich private Gesellschaft Pfusch baut? Wer haftet in Gesellschaften, in denen profitorientierte Unternehmen sich ganz legal um das Konzept der eingeschränkten Verantwortung entwickelt haben?

Wie können die Aktivitäten von Goldman Sachs oder den anderen Bankpartnern von AIG in irgendeiner Weise privat sein, wenn ihre deregulierten Derivat-Produkte so giftig sind, dass sie die globale Wirtschaft in den Abgrund treiben? Jetzt, angesichts von Fukushima, ist der Zusammenbruch aufgrund ausartender Deregulierung nicht mehr eine bloße Metapher. Was ist eine „teilweise Kernschmelze“ überhaupt? Hiroshima hat Fukushima gezeugt.

Die Natur dieses, die ganze Menschheit treffenden Dilemmas wird verdeutlicht durch den Hang unserer Massenmedien zur Desinformation, um unsere Aufmerksamkeit von denen abzulenken, die für das Zustandekommen der Verhältnisse, die zur Krise von Fukushima führten, verantwortlich sind – für den massiven Zusammenbruch von Technik, Ökologie, öffentlicher Gesundheit und einer politischen Ökonomie, wie sie in diesem Desaster verkörpert sind. Was vollzog sich da im Hintergrund dieses Debakels, das die Mitarbeiter TEPCOs, eines privaten und profitorientierten Unternehmens, nach dem 11. März in eine derart unhaltbare Position gebracht hat? Was hat hingeleitet zu dieser sich immer noch ausweitenden Krise als Folge eines vorhersehbaren Tsunamis, der die Atommüll-Lager und das lebende Museum antiquierter Atomanlagen von Fukushima Daiichi überrollt hat, gerade einmal 150 Meilen nördlich von Tokio? Wie konnte die Entwicklung einer solchen Anhäufung atomarer Gefahren zugelassen werden, gerade in Japan, einer der seismisch aktivsten Inseln der Erde?

Von der U.S.S. Nautilus bis zu „Atoms for Peace“

Die Dominanz der Mark I Reaktoren in Fukushima verweist auf die Anfänge jener Epoche, die mit den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki über die Welt hereingebrochen war. Das Ende des 2. Weltkriegs mit den Atomangriffen auf Japan war zugleich die Eröffnung eines halben Jahrhunderts an Weltgeschichte, in dessen zweipoligen Kern jener Konflikt stand, der die USA der UdSSR, den Kapitalismus dem Kommunismus, Gottgläubige den Anhängern eines dialektischen Materialismus gegenüberstellte. Dieser zentrale Konflikt, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmte, wird allgemein als Kalter Krieg bezeichnet. Dieser sogenannte Kalte Krieg aber war in Wirklichkeit sehr heiß für die Menschen in Korea, Indochina, im Mittleren Osten, Lateinamerika und in weiten Teilen Afrikas. Auf diesen Schauplätzen des Kalten Krieges traf eine Armee auf die andere – immer mit direkter oder indirekter militärischer Einmischung der beiden sich spiegelnden Superm& auml;chte.

Wie man heute weithin weiß, war die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki darauf ausgerichtet, der Sowjetunion zu zeigen, dass sie auf der Hut sein muss. Die US-Regierung schickte damit eine Botschaft an die Sowjetunion, die besagte, dass sie nicht nur im Besitz von Atomwaffen war, sondern dass das Kommando der US-Streitkräfte bereit, fähig und willens war, diese tödlichen Waffen gegen Massen von Zivilisten einzusetzen. Welchen besseren Beweis für diese Position konnte es geben, als das gerade durchgeführte Bombardement japanischer Städte, das den unmittelbaren Tod von 150.000 Menschen und den langsamen Tod und die Missbildung von noch mehr Opfern bedeutete – verursacht durch strahlungsbedingte Krankheiten, einschließlich Krebsepidemien?

So entschieden die obersten Machtebenen der Vereinigten Staaten von Amerika, Scharen von japanischen Bürgern zu opfern, um damit eine Botschaft an die sowjetischen Machthaber zu senden. Die US-Regierung demonstrierte damit ihre Entschlossenheit, die sowjetischen Macht und ihren Einfluss einzudämmen und zurückzudrängen, ohne Rücksicht darauf, dass Stalins Armee hauptsächlich dafür verantwortlich war, dass Hitlers Armee bei Deutschlands Griff nach Eurasischem Lebensraum abgewehrt werden konnte.(19)

Formell wurde der Kalte Krieg in den Jahren nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren, als 1947 der National Security Act durch den Kongress ging. Als der nationale US-Sicherheitsstaat – die Central Intelligence Agency (CIA) eingeschlossen – neue umfangreiche Macht errang, machten sich die US-Streitkräfte und ihre Kooperationspartner daran, jenes technische Potential umzulenken, das Hiroshima und Nagasaki zerstört hatte. Der neue Feind hatte Josef Stalins kommunistisches Regime in der Sowjetunion zu sein. Die US-Navy, die bei der Herstellung der Atombomben im höchst geheimen Manhattan Project ausgeschlossen gewesen war, war nun bestrebt, ihren Platz in den veränderten geopolitischen Verhältnissen dieser Zeit zu festigen. Die US-Navy betrat das Atomzeitalter mit dem ursprünglichen Ziel, Atomgeneratoren zu entwickeln, die über genügend Kapazitäten verfügten, um Unterseeboote auf langen Unterwasserfahrten anzutreiben.

Die diesen atomar betriebenen U-Booten zugedachte Hauptaufgabe war es, mit Atomwaffen bestückte Flugkörper zu transportieren und diese auf Befehl auf feindliche Ziele abzuschießen. Im Lauf des 2. Weltkriegs war die strategische Bedeutung von Unterwasserwaffen deutlich geworden. In diesem Krieg war klar geworden, wie beschränkt der damalige, auf Batterien beruhende Antrieb war, der es U-Booten für eine Strecke von maximal rund 20 Meilen erlaubte, die Fahrt zu verschleiern.

Rickover

Der Mark I Prototyp nahm in einem militärischen Labor von Idaho in den frühen 1950ern Gestalt an, wo das erste Atomkraftwerk der Geschichte in einem künstlichen See und im Rumpf eines U-Bootes, das speziell für dieses Geheimprojekt entwickelt worden war, zusammengebaut, getestet und verändert wurde. Hyman G. Rickover leitete im Auftrag der US-Streitkräfte und der Atomic Energy Commission [AEC, Vorläufer der heutigen Aufsichtsbehörde NRC] das technische Entwicklungsteam. Als das Projekt von Erfolg zu Erfolg eilte, wurde dieser Marineoffizier und Elektroingenieur zum Admiral befördert. Admiral Rickover sollte die Hauptrolle spielen bei allen bahnbrechenden Konstruktionsentwürfen, bei den Herstellungs- und Trainingsangelegenheiten für die Produktion von Atomstrom – nicht nur in militärischen Fahrzeugen, sondern auch bei Atomanlagen an Land.

Der Entwurf von Mark I wurde umgesetzt, als Rickover auf den Vorschlag der Westinghouse Company einging, einen Siedewasser-Reaktor, der mit der Wärme aus der Atomspaltung betrieben wird, einzurichten. Die Vorgänge im Atomreaktor des Mark I betreiben die stromerzeugenden Turbinen über das Medium Wasserdampf. Die Patente, die auf Westinghouse' erfolgreiches Bewerben um den lukrativen Vertrag mit der Navy folgten, wurden später von General Electric, dem Hersteller von drei der angeschlagenen Reaktoren in Fukushima Daiichi, und zudem Entwickler aller dortigen Reaktoren, angekauft und weiterentwickelt. Die Unternehmen Hitachi und Toshiba stellten die restlichen Reaktoren nach GE Blaupausen zusammen.

Ab der Konstruktion des Atomantriebs für amerikanische U-Boote im Jahr 1954 wurde der Mark I-Prototyp, der von Admiral Rickover übernommen und entwickelt worden war, beim Bau des ersten zivilen Atomkraftwerks in Shippingport, Pennsylvania, und weiters bei insgesamt 32 Atomkraftwerken, die sich weltweit unter den mehreren hundert Reaktoren finden, immer wieder und wieder kopiert – und das trotz eines wiederkehrenden Chores an seriöser professioneller Kritik über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg.

Diese Kritik wurde dann in den 1970-ern besonders laut, als verschiedene Whistle-Blower bei der Atomindustrie ausstiegen und auf eine Vielzahl von strukturellen Schwächen hinwiesen, einschließlich der Anfälligkeit des Kühlsystems von Mark I-Reaktoren beim Ausfall der externen Stromversorgung. Trotz aller Kritik ließen sich die Herren der amerikanischen Atomindustrie nicht davon abbringen, weiterhin stark am Mark I-Design festzuhalten. Gegenwärtig gibt es unter den 103 derzeit laufenden Atomkraftwerken in den USA 23 Mark I-Reaktoren. Das Unterbrechen der Stromversorgung für das Kühlsystem des Mark I nach dem Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 hat zweifellos erheblich zur Atomkatastrophe in Japan beigetragen. Ein anderer Kritikpunkt, der von Experten ins Treffen geführt wurde, hatte mit der Unzulänglichkeit des Mark I-Containments zu tun, ein Problem, dessen Auswirkungen nun offen vor uns liegen – nämlich in Form einer Freisetzung von großen Menge an radioaktiven Gasen aus Japans hochgradig zerstörtem Atomkraftwerk.(20)

Admiral Rickover wurde von der US-Navy für das Ziel ausgewählt, die Abteilung der Seestreitkräfte als Teil der US-Armee stärker an der grundlegenden Neuausrichtung auf jene Energieformen, die mit der Einführung der Atomwaffen aufgetaucht waren, Teil haben zu lassen. Sehr früh setzt sich Rickover das Ziel, die Atomkraft nicht nur auf den Antrieb von Schiffskörpern zu verwenden, sondern auch zur Produktion von Strom in großem Stil für den öffentlichen Verbrauch auszubauen. Er wurde dazu von einer Anzahl von Verbündeten im sogenannten privaten Sektor, die Führungskräfte in Unternehmen wie GE, Westinghouse und General Dynamics waren, ermutigt. Diese Firmen, wie die Mehrheit der großen Fertigungsbetriebe in den USA, waren exponentiell expandiert, als sie während des 2. Weltkriegs militärische Partner der US-Regierung gewesen waren. Rickover und sein Stab spielten eine Hauptrolle, als es darum ging, die gesetzlichen Rahmenbedingungen so für die Atomindustrie einzurichten, dass die Firmeninteressen jener Partnerkonzerne befördert wurden, die schon seit langem in die Schlüsselaufgaben der US-Streitkräfte eingebunden gewesen waren.

Admiral Rickovers Ansatz unterschied sich stark von dem einer mächtigen Koalition, die versuchte, die Kontrolle über alle Facetten der Atomenergie in der Hand einer genuin internationalen Organisation zu vereinen, deren höchste Priorität darin gelegen hätte, diese Quelle gewaltiger Energiekonzentration innerhalb eines eng begrenzten Kreises von Forschung und Reglementierung zu halten. Dieser Koalition, die sich gegen die allzu hastigen Bemühungen, die Atomkraft für die Stromproduktion einzusetzen, zur Wehr setzte, gehörte neben Albert Einstein und Robert Oppenheimer auch der umstrittene anglo-amerikanische Globalist Carroll L. Wilson als Mitglied an. 1946 wurde Wilson der erste Geschäftsführer der in den USA beheimateten Atomenergiebehörde AEC.

Diese Gruppe von Wissenschaftlern – deren theoretische Durchbrüche im Rahmen des Manhattan Projects wichtig waren für die Herstellung der Atombomben, die dann Hiroshima und Nagasaki zerstörten – konnte so noch zu Lebzeiten ihre Bedeutung ins Spiel bringen. Ihre Haltung wurde vom Gewissenskonflikt Robert Oppenheimers verkörpert, der sich seiner Rolle bewusst war, die er durch die Entfesselung jener tödlichen und unkalkulierbaren Kräfte für die ganze Menschheit gespielt hatte. Oppenheimers Leiden wurde dann auch bekannt, als er öffentlich Vishnus Klage aus der Bhagavad Gita, einem alten Hindutext, zitierte: [„Wenn das Licht von tausend Sonnen / am Himmel plötzlich bräch' hervor / das wäre gleich dem Glanze dieses Herrlichen,] und ich bin der Tod geworden, Weltenzertrümmerer.“ (21)

1953 spielte der Verlauf des Kalten Krieges der Rickover-Fraktion im Kampf um die Zukunft der Atomenergie in die Hand. Die Tatsache, dass es der Rickover-Fraktion möglich wurde, die Federführung in der Atomindustrie von denen zu übernehmen, deren Bemühungen die Grundlagen der Atomphysik gebildet hatten, ist vielsagend. Das illustriert vermutlich die Richtigkeit von Albert Einsteins Bemerkung, dass „sich mit der Spaltung des Atoms alles verändert hat, nur nicht unsere Denkweisen“.(22)

Während die USA den Zugriff auf die Atomkraft im Dienste der Kriegsführung in den Jahren unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg monopolisiert hatten, änderte sich die geopolitische Bedeutung der tiefsten Energiequelle der Natur im Jahr 1949, als die Sowjetunion erfolgreich eine Atombombe testete. Im August 1953 brachten die Sowjets die erste Wasserstoffbombe der Menschheitsgeschichte zur Detonation. Die Kalten Krieger Amerikas gaben dieser Waffe den Spitznamen Joe 4 in Erinnerung an Josef Stalin.

Diese Entwicklungen halfen mit, ein Wettrüsten soweit anzuheizen, dass die US-Regierung zwischen 1951 und 1953 siebenunddreißig oberirdische Atomwaffentests durchführte. Diese aggressive Zurschaustellung militärischer Macht schürte erst richtig die wachsende Befürchtung in Nordamerika und der gesamten Hemisphäre, dass eine folgenschwere Verbreitung von Radioaktivität im Laufen war. Angesichts der starken öffentlichen Bedenken, die durch diese Tests entstanden waren, konnte dieses provokative Kettenrasseln nicht anders, als die Ängste vor einem unmittelbar bevorstehenden Atomkrieg mit der Sowjetunion schüren.

Eisenhower

Diese Flut neuer Nachrichten über die militärische Vorbereitung eines Atomkriegs war – um in der Sprache [der Werbeleute] der Madison Avenue zu reden – ein Alptraum für die Öffentlichkeitsarbeit. Gegen diese wachsende Furcht und gegen das allgemeine Unbehagen über das Kriegsgehabe der beiden Gegner im Kalten Krieg wappnete sich Präsident Dwight D. Eisenhower zu Beginn seiner zweifachen Präsidentschaft mit seiner berühmten „Atoms for Peace“-Rede am 8. Dezember 1953 vor den Vereinten Nationen. Allerdings wird Eisenhower – bezeichnenderweise – seine Präsidentschaft dann im Jahr 1961 damit abschließen, dass er vor einer wachsenden Bedrohung einer Tyrannenherrschaft durch Seilschaften im privaten und öffentlichen Raum warnte, die er als militärisch-industriellen Komplex bezeichnete. In seiner „Atoms for Peace“-Rede erklärte Eisenhower, das sein Land danach strebe, „einen Weg zu finden, auf dem der wunderbare Erfindungsreichtum des Menschen nicht der eigenen Vernichtung, sondern dem Leben geweiht sein solle“. Sein Plan sei, „aus dem finsteren Raum des Schreckens heraus ans Licht zu treten“, indem er die Geheimnisse des Atoms „in die Hände jener legen werde, die wissen, wie dieses von seiner militärischen Schale befreit und in den Friedensdienst gestellt werden kann“. Um dieses Ziel zu fördern, wolle er „die größten Zerstörungskräfte“ in „einen Segen zum Wohle der ganzen Menschheit verwandeln.“ Und er führte weiter aus, „die Vereinigten Staaten wissen, dass die friedliche Nutzung der Atomenergie kein Traum für die Zukunft ist. Dieses Vermögen ist bereits erprobt und umgehend verfügbar.“(23)

Im folgenden Jahr begann das US-Atom-Unterseeboot U.S.S. Nautilus seinen Testbetrieb. Der Betrieb dieses atomgetriebenen U-Boots wurde allgemein als Triumph der amerikanischen Technologie gesehen.

Nautilus

Während er die Technologie des Mark I Reaktors nutzte, weitete Admiral Rickover rasch seinen Fokus über die Unterseeboote hinaus aus, indem er zwischen 1954 und 1957 das erste amerikanische „zivile“ Atomkraftwerk in Shippingport, Pennsylvania, plante, baute und testete.

Die Durchführung dieses „landgestützten“ Projekts wurde zum Ausgangspunkt einer breiten US-Initiative, um solche nationalen und internationalen Programme abzuwickeln und zu leiten – ganz im Sinne von Präsident Eisenhowers Rede „Atoms for Peace“-Rede. In einem Rückblick auf diese Geschichte erläuterte – aus dem Blickwinkel des Jahres 1985 – einer von Rickovers Biografen die Bedeutung dessen, was sich in den frühen Jahren dieses Vorzeigeprojekts ereignet hatte, das der Welt dann die ersten sogenannten zivilen Atomreaktoren [in den USA] in Shippingport, Pennsylvania, bescherte. Der folgende Bericht über die Geschichte der Anlage erschien im Sommer 1985 im Fusion Magazine:

Obwohl das Atomkraftwerk Shippingport nur relativ wenig Leistung hatte (60 Megawatt), hatte es einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der zivilen Nutzung der Atomtechnologie.

Shippingport

Weil diese Anlage keine militärische Funktion (im Unterschied zum etwas älteren englischen Reaktor in Calder Hall) besaß, war der Bauplan keine Geheimsache. Hunderte von Ingenieuren aus der ganzen Welt besuchten Seminare, die von der Naval Reactors Branch (Atomreaktorprogramm der US Marine), von Westinghouse und Duquesne [einem Energieversorger] in den Jahren 1954/55 abgehalten wurden. Westinghouse machte zudem tausende von technischen Berichten zu jedem Aspekt der Anlage zugänglich. So diente Shippingport für hunderte Ingenieure bis etwa Anfang der 60er-Jahre als atomtechnische Ausbildungsstätte für Atomtechnologie und die Bauweise des Reaktors war für drei Viertel aller zivilen Atomreaktoren Vorbild, die in den Vereinigten Staaten und vielen Ländern seit dieser Zeit errichtet wurden.(24)

Eisenhowers Rede „Atoms for Peace“ [Atomkraft für den Frieden] wurde bei den „Kalten Kriegern“ in den Vereinigten Staaten zu einem Hauptthema der Außenpolitik. Sie diente als Matrize für einen Aspekt des umfassenderen US-Vorhabens, die Alliierten oder potentiellen Alliierten der USA in die industriellen Abläufe von US-basierten Unternehmen, sowie die finanziellen Kreisläufe von Schulden und Krediten, wie sie von US-basierten Geldinstituten ausgerichtet werden, einzubinden. Sie bot die Vorlage, wie die Belange eines Kapitalismus des Kalten Krieges voranzutreiben wären, der mit der besonderen Zielsetzungen einer militärischen US-Vormachtstellung ebenso verzahnt war, wie mit den Sonderinteressen von großen US-Unternehmen und deren expandierenden internationalen Netzwerken von Konsumenten, Zulieferern, Teilhabern, Lizenznehmern, Techniktransfers und Patentrechten.

Im Sinne der Verlautbarung des Nationale Sicherheitsrats von 1955 war einer der Hauptgründe für die gewaltige Aufblähung der US-Regierung, als der wichtigsten, weltweit operierenden Organisation – die mit offiziellen, inoffiziellen und verdeckten Aktionen gegen den Kommunismus beauftragt war – der, dass „Atoms for Peace die amerikanische Weltherrschaft stärken und die kommunistische Propaganda, dass die USA nur am zerstörerischen Gebrauch des Atoms interessiert sei, widerlegen“ sollte.(25) Ein Komitee des Kongresses zur Atomenergie rückte 1956 mit einer ähnlichen Empfehlung heraus, indem argumentiert wurde, „die Atomkraft muss das greifbarste Symbol für Amerikas Wille sein, durch die friedliche Atomkraft Frieden zu stiften“.(26)

Briefmarke

In Südamerika führte die amerikanische Förderung von „Atoms for Peace“ zu einer baldigen Einrichtung von Atomkraftwerken in Argentinien und Brasilien. Im Fernen Osten wurden Taiwan und Südkorea in den Atomkraft-Klub aufgenommen. Japan sollte ebenfalls in den Bund jener Staaten eingebunden werden, deren Regierungen mit der Inaussicht-Stellung von Zuschüssen und Krediten ermutigt wurden, die Atomenergie im Namen von „Atoms for Peace“ zu adoptieren. Natürlich kollidierte diese Vorgehensweise in Japan mit den eingebrannten Erinnerungen und dem aufkeimenden Widerstand einer Nation, die ein paar Jahre zuvor mit den amerikanischen Atomwaffen Bekanntschaft machen durfte.

Richard Falk, Jurist des internationalen Rechts und UN-Sonderberichterstatter im Konflikt zwischen Israel und Palästina, hat den Zynismus der Faust'schen Versuchung beschrieben, die in diesem Angebot – nachdem der 2. Weltkrieg mit zwei tödlichen Atompilzen beendet worden war – lag. Die wahre Bedeutung dieses Teufelspakts ist nun im Desaster von Fukushima Daiichi wiederauferstanden. In diesem Zusammenhang spricht Falk in Hinblick auf die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki vom „größten einmaligen Staatsterror der Menschheitsgeschichte.“ Vielleicht kann ein Blick entlang der Befehlskette zur obersten Verantwortungsebene für das Fukushima-Debakel dazu beitragen, den längst überfälligen Prozess anzustoßen, die niemals thematisierte Kriminalität, wie sie sich in der Entscheidung ausdrückte, zwei dicht bewohnte und wehrlose Städte auszulöschen, schließlich doch einmal anzusprechen.(27)

Anmerkungen
1 Keith Bradsher and Hiroko Tabuchi, “Greater Danger Lies in Spent Fuel Rods Than in Reactors, The New York Times, 17 March, 2011
2 Interview with Robert Alvarez on the Dangers from Depleted Nuclear Fuel, Living On Earth, 18 March, 2011
Robert Alvarez et. al., “Reducing the Hazards of Spent Power-Reactor Fuel in the United States, Global Security, Vol. 11, no. 1, 3003, 1-60
3 Hanford Quick Facts at
4 Carrol L. Wilson, “Nuclear Energy: What Went Wrong? Bulletin of Atomic Sciences, Vol. 35, June, 1979, 15
5 Mike Whitney, “Fukushima ‘Chernobyl Moment’ Could Be Fast Approach, op ed news, 26 March, 2011
6 Yuri Kageyama and Mari Yamaguchi, “More Obstacles Impede Crews in Japan Nuke Crisis,” Associated Press, 27 March, 2011
7 Stephen Leahy, “Japan Nuke Disaster Could Be Worse Than Chernobyl, IPS, 17 March, 2011
Keith Harmon Snow, “Nuclear Apocalypse in Japan, Lifting the Veil of Nuclear Catastrophe and Cover-Up,” Conscious Being, 18 March, 2011
8 California Fire Department, “Japan: Fukushima Nuclear Plants Reaching Critical Levels Could Explode,” 15 March
9 Fukushima I Nuclear Power Plant Reactor 3 Explosion on March 14, 2011
10 Big Explosion, Reactor No. 1, Live, 12.03.2011
11 AREVA, “Quote of the Moment,” March 18, 2011
12 Rodney P. Carlisle and Joan M. Zenzen, Supplying The Nuclear Arsenal: American Production Reactors, 1942-1992, (Baltimore: Johns Hopkins Press, 1996) 13 See International Campaign to Abolish Nuclear Weapons,” Nuclear Reactors,” Arms Control Association, U.S. Civilian Nuclear Reactor to Produce Weapons Material, November, 2003
14 Israel’s Dimona Nuclear Weapons Facility in 3D
15 A Sample of Morechai Vanunu’s Photographs of the Dimona installation
16 Dave Flessner, “Sequoyah To Produce Bomb-Grade Material, timesfreepress.com, 3 February, 2010
17 John McCormick, “Nuclear Illinois Helped Shape Obama’s View of on Energy Dealing with Exelon,” Bloomberg News, 23 March, 2011
18 Leuren Moret, “Nuclear Power Safety in US— not any safer than in Japan,” 16 March, 2011, Press TV
19 Gar Alperovitz, The Decision to Use the Atomic Bomb (New York: Vintage, 1996)
20 Cathy Schwartz, “Reactors at Heart of Japanese Nuclear Crisis Raised Concerns as Early as 1972, TFD News, 15 March, 2011
21 Robert Oppenheimer filmed
22 Albert Einstein quoted
23 President Eisenhower’s Atoms for Peace Speech, December 8, 1953
24 Robert Zubrin, “Admiral Rickover and the Nuclear Navy,” Fusion, Vol. 7, number 4, July/August, 1985, 14
25 Cited in Daniel Wit, “The United States and Japanese Atomic Power Development,” World Politics, Vol. 8, no. 4, July, 1956, 489
26 Congressional Committee cited in ibid, 490
27 Richard Falk, “Learning From Disaster? After Sendai,” 15 March 2011

Ende Teil 1

Prof. Anthony Hall (Prof. für soziale Politik / Sozialwissenschaftler für Globalisation Studies University of Lethbridge, Canada)


Alle Grafiken in diesem Artikel wurden übernommen von: http://www.veteranstoday.com/2011/03/28/from-hiroshima-to-fukushima-1945-2011/


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