aktuell Niedrigstrahlung


Chris Busby, Cäsium 137 schädigt Herzmuskel bei Kindern: http://www.youtube.com/watch?v=4uIALHOl3wY (Video, 9 min)
C. Busby, Radiation exposure and heart attacks in children of Fukushima: http://www.llrc.org/epidemiology/subtopic/caesiumheart.pdf



Strahlenbelastung und Herzerkrankungen bei den Kindern von Fukushima

update 2012/Okt/27

Chris Busby: Radiation exposure and heart attacks in children of Fukushima
http://www.llrc.org/epidemiology/subtopic/caesiumheart.pdf

Übertragung aus dem Englischen (ho/ak): Strahlenbelastung und Herzerkrankungen bei den Kindern von Fukushima

Es wird gemeinhin angenommen, dass Strahlenbelastung Krebs und Leukämie verursacht. Laut Risiko-Modellen der derzeitigen Strahlenschutz-Ordnung ist das für den Fall einer Strahlenbelastung als Ergebnis zu erwarten. Ein Mensch kann also einer Strahlung ausgesetzt sein und erst viele Jahre später an Krebs erkranken. Bei hohen Dosen wird eingeräumt, dass es schwerwiegende deterministische Auswirkungen mit tödlichem Ausgang gibt. Ich möchte eine Folge der internen Bestrahlung durch Cäsium-137 beschreiben, die nichts mit Krebs zu tun hat. Cäsium-137 ist ein langlebiges Produkt aus Atomkraftwerken, das im Fallout von Tschernobyl zu finden war, aber auch bei der Kontamination durch Fukushima eine Rolle spielt. Ich möchte beschreiben, wie sich die dauernde Bestrahlung mit diesem Element bei Kindern auswirkt und wie dieses Element die sich noch entwickelnden Kinderherzen schädigt.

Zuallererst: Wir müssen bei dieser Angelegenheit keine Mutmaßungen anstellen. Die Daten stehen zur Verfügung. Professor Yuri Bandeshevsky hat eine umfassende Untersuchung über die Auswirkungen der Strahlenverseuchung bei Kindern im Gebiet von Weißrussland, das durch die Tschernobyl-Katastrophe kontaminiert wurde, durchgeführt. Er hat festgestellt, dass Kinder mit einer durchschnittlichen Belastung von über 40Bq/kg Cäsium-137 an lebenslangen Herzproblemen wie Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz (Angina) und Herzattacken (Infarkte), die auch zum Tode führen können, leiden. Fig 1 stammt aus Bandeshevskys Beitrag anlässlich der Konferenz des Europäischen Komitees zu Strahlengefahren auf Lesbos, 2009, wo er auch den Edward Radford Gedenkpreis für seine wichtigen Untersuchungen erhalten hat. Die Grafik beruht auf EKG-Messungen, die zeigen, dass Herzrhythmusstörungen bei Kindern mit einer Belastung von über ca. 20Bq/kg auftreten.

Diese Untersuchungen hatten – nur ganz nebenbei bemerkt – für ihn die Folge, dass er von der weißrussischen Regierung für mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt und erst nach massivem Druck von Seiten der Europäischen Union und nach Ausstellung eines EU-Passes freigelassen wurde. Was ich zum Thema machen will, ist die Frage: Wie kann so etwas passieren? Was läuft da ab?

Der Aufbau des kindlichen Herzens

Laut den Daten der ICRP (International Commission on Radiological Protection) beträgt die Masse eines Kinderherzens im Alter von 5 Jahren 220g, das Gewebe allein wiegt 85g. Das Herz ist ein bedeutendes Organ – und ein faszinierendes zugleich. Es muss ununterbrochen pumpen, ein ganzes Menschenleben lang. Die Herzmuskelzellen sind die kräftigsten Zellen im Körper, sie ziehen sich ununterbrochen zusammen, ohne Unterlass, 3 Milliarden mal und mehr bei durchschnittlicher Lebensdauer. Indem sie ihre Tätigkeit mit der ihrer 3 Milliarden Nachbarn beim Herzschlag koordinieren, pumpen sie ohne jede bewusste Anstrengung täglich – in einer Länge von insgsamt 100.000 Meilen [~160.000 km] – mehr als 7.000 Liter Blut durch die Blutgefäße (Severs 2000). Die Anzahl der Muskelzellen wird mit 3 x 10⁹ angegeben. Ihr zylindrischer Aufbau beträgt 100-150µ in der Länge und 20-35µ im Durchmesser. Sie können nicht ersetzt werden und wenn, dann nur sehr langsam: 1% pro Jahr. Darum ist eine Zerstörung dieser Zellen – wie alle Herzinfarkt-Patienten wissen – äußerst schwerwiegend. Wenn es 3 x 10⁹ Zellen im menschlichen Herzen gibt, ist die Zelldichte in einem Kinderherzen, wo die Gewebemasse 85g beträgt, 3,5 x 10¹⁰ Zellen pro Kilogramm.

Es ist seit Jahren bekannt, dass sich das Nukleid Cäsium-137 in der Muskulatur ansammelt. Nehmen wir an, es werden von diesem Cäsium-137 50Bq/kg in das Herzmuskelgewebe eingebracht. Das sind dann 50 Strahleneinheiten pro Sekunde, die von den Cäsium-137 Betateilchen stammen, und etwa 20 Strahleneinheiten pro Sekunde, die von den Gammateilchen des [Cäsium-]Zerfallprodukts Barium-137m stammen. Das gibt 70 Einheiten pro Sekunde. Jede Strahleneinheit berührt etwa 400 Zellen. Für ein Kind, das dauerhaft verstrahlt ist, weil es ein Jahr lang in einem stark mit Cäsium-137 verseuchten Gebiet gelebt hat, bedeutet das, „seine“ Strah­lendosis beträgt schlicht und einfach pro Kilogramm und Jahr 70 x 60 x 60 x 24 x 365 = 2.2 x 10⁹ Einheiten. Das heißt, dass die Zahl der Zellen, die von den Strahleneinheiten getroffen wurden, pro Kilogramm bei 8.8 x 10¹¹ liegt.

Anhand dieses Modells sieht man sofort, dass jede Herzzelle gut 25 Mal von einer Strahleneinheit getroffen wird. Wenn auch nur 1% dieser Strahlung den Tod einer Zelle verursacht, bedeutet das, dass das Herz des Kindes 25% von seiner Kapazität verliert: alle diese Zellen wären tot. Diese Nekrose (Gewebetod) führt – wie bei alten Menschen – zu Durchblutungsstörungen, Herzrhythmusstörungen und Herzattacken folgen nach. Es muss erwähnt werden, dass sich der Herzmuskel nicht regenerieren kann, und wenn, dann nur sehr langsam, wobei ursprünglich angenommen wurde, dass Herzzellen überhaupt nicht ersetzt werden können. Bei den oberirdischen Atomwaffentests in den 60er-Jahren wurde entdeckt, dass Carbon-14 im Herz inkorporiert wird und dass Herzzellen zu 1% pro Jahr ersetzt werden. Daran kann man erkennen, dass das Herz ein gefährdetes Organ im Körper ist. Zellen, einmal zerstört, können nicht mehr repariert werden. Deshalb haben die Kinder von Tschernobyl Herzprobleme bekommen und sind daran gestorben. Und das ist auch der Grund, warum in der erwachsenen Bevölkerung Weißrusslands die Herz-Probleme zunahmen und mehr Erwachsene daran starben – Fig 2, Fig 3 [Bandeshevsky 2011].



Fig 1: Anzahl der Kinder ohne EKG Veränderungen als Folge einer Cäsium-137 Konzentration
im Organismus (Bandashevsky und Bandashevsky)



Fig 2: Die Entwicklung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Republik Belarus (Weißrussland)



Fig 3: Überblick über die Todesursachen in Belarus (Weißrussland)

Fukushima
Es gab Mitteilungen, dass Kinder in der verstrahlten Umgebung von Fukushima Herzattacken erlitten haben. Das ist eine vorhersehbare Erscheinung und eine Folge der internen [inneren] Verstrahlung des Herzmuskels mit Cäsium-137 und anderen Radionukleiden. Angesichts dieser schwerwiegenden Entwicklungen hat das ECRR Komitee beschlossen, Bandashevskys Präsentation bei der Lesbos-Konferenz aus dem Jahr 2009 zu veröffentlichen (www.euradcom.org).

Auswirkungen auf Menschen, die in den kontaminierten Gebieten Fukushimas leben
Aufgrund der bisherigen Überlegungen scheint es zwingend notwendig zu sein, damit anzufangen, klinische Untersuchungen und EKG-(Elektrokardiogramm)-Messungen bei Kindern, die in kontaminierten Gebieten leben und Cäsium-137 aufnehmen oder einatmen, durchzuführen. Jedes Kind, bei dem eine Herzanomalie entdeckt wird, sollte umgehend in ein sauberes Gebiet evakuiert werden. Wenn klar wird, dass jedes Kind an Herzproblemen leidet, dann ist es eben notwendig, alle Kinder zu evakuieren.

Auswirkungen auf die Einschätzung von Strahlenrisiken
Sich bei epidemiologischen Studien zu Strahlenrisiken einseitig auf Krebs und Leukämie zu konzentrieren, ist eine mangelhafte Herangehensweise, weil sich mit zunehmendem Alter die Krebsraten anders entwickeln als das Auftreten von Herz- und Kreislauf-Erkrankungen. Dieses Problem wird klar, wenn Studien über Strahlenopfer rückwirkend durchgeführt werden und dabei von denjenigen, die diese Methoden anwenden, übersehen wird, dass Risiko-Koeffizienten entsprechend zu entwickeln bzw. abzustützen sind. Beispiele sind die Veteranen der Atombombentests und die vielen Menschen, die Radium und Thorotrast ausgesetzt waren. Dieses Problem wird klar, wenn Studien über Strahlungsopfer rückwirkend durchgeführt werden und dabei von denjenigen, die diese Methoden anwenden, übersehen wird, dass Risiko-Koeffizienten entsprechend zu entwickeln bzw. abzustützen sind. Beispiele sind die Veteranen der Atombombentests und die vielen Menschen, die Radium und Thorotrast ausgesetzt waren. Der springende Punkt ist der: Wenn du an einer Herzattacke stirbst, kannst du keinen Krebs bekommen. Dieses Phänomen wird für Belarus [Weißrussland] in Fig 3 klar und bringt wichtige Folgerungen für die Gesundheitsfürsorge im Fall von Fukushima mit sich. Als Folge der internen radioaktiven Bestrahlung gibt es eine Vielzahl von Alterungseffekten, die zu einer alarmierenden Anzahl von Todesfällen führen – was von Bandashevsky anschaulich beschrieben wurde. Das kann in Fig 4 abgelesen werden, die zeigt, dass bei der Bevölkerung Weißrusslands die Wachstumsrate nach den Tschernobyl-Belastungen in den Minusbereich gerutscht ist.



Fig 4: Bevölkerungsentwicklung in der Republik Belarus, 1950-2004 [Bandashevsky 2011].

C. Busby, 9th September 2011

Quellennachweis:
- Bandashevsky Y I (2011) Non cancer illnesses and conditions in areas of Belarus contaminated by radioactivity from the Chernobyl Accident. Chapter 3 in Busby C, Busby J and de Messiered M Eds: Proceedings of the 3rd International Conference of the European Committee on Radiation Risk, Lesvos Greece, May 5-9th 2009. Brussels: ECRR (siehe www.euradcom.org )
- Severs NJ (2000) The Cardiac Muscle Cell Bioessays 22. New York: John Wiley.

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Strahlenschutz?
Wer falsch misst, dem kann nichts passieren ...

ECRR – CERI
European Committee on Radiation Risk
Comité Européenne sur le Risque de l'Irradiation
Europäisches Komitee für Strahlensicherheit


Deklaration von Lesbos

6. Mai 2009


A. Während die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) gewisse Risikofaktoren für die Belastung durch ionsierende Strahlung verkündet hat,
B. Während diese Risikofaktoren der radioaktiven Strahlung weltweit von Regierungsstellen auf staatlicher und regionaler Ebene dazu herangezogen werden, um Strahlenschutzgesetzgebungen und Dosisgrenzwerte zu veröffentlichen, die anschließend ausschlaggebend sind für die Zulässigkeit der Belastung von Arbeitern und der gesamten Bevölkerung durch die Lagerung von Atommüll, durch Atomwaffen, für die Verwendung von verseuchtem Land und Material, für die Beurteilung von natürlich auftretenden und technisch modifizierten radioaktiven Materialien, für Atomkraftwerke und alle Schritte des Brennstoffkreislaufs, für Kompensationen und Wiederherstellungsmaßnahmen usw,
C. Während der Unfall von Tschernobyl zu der allerwichtigsten und unersetzlichen Gelegenheit geführt hat, das Ausmaß von schwerwiegenden Gesundheitsstörungen infolge der Belastung durch Kernspaltprodukte aufzudecken und somit die Unzulänglichkeit des aktuellen ICRP Risikomodells, speziell in Bezug auf die fötale und frühkindliche Entwicklung bei Strahlenbelastung,
D. Während übereinstimmend erklärt wird, dass das ICRP Risikomodell in sinnvoller Weise weder auf die Belastungen nach einem Atomunfall noch auf die Belastung durch inkorporierte Strahlenquellen angewandt werden kann,
E. Während das ICRP Risikomodell vor der Entdeckung der DNS-Struktur entwickelt wurde und vor der Entdeckung, dass gewisse Radionuklide eine chemische Anziehung zur DNS entfalten, sodass das Konzept der „absorbierten Dosis“, wie es von der ICRP verwendet wird, nicht in der Lage ist, die Wirkung dieser Radionuklide darzustellen,
F. Während die ICRP neue Entdeckungen von Umgebungseffekten (non-targeted effects) wie genetischer Instabilität und der Mitbeeinflussung von Strukturen, die sich in der Nachbarschaft geschädigter Sequenzen befinden (bystander effects) nicht berücksichtigt hat, um das Strahlenrisiko zu verstehen und insbesondere das ganze Spektrum der daraus resultierenden Krankheiten,
G. Während die Auswirkungen von Strahlenbelastung jenseits von Krebs es unmöglich machen könnten, die Krebsrate, die durch Strahlenbelastung verursacht wird, korrekt zu bestimmen, da die Todesursache verwechselt wird,
H. Während die ICRP den Status ihres Reports als lediglich beratend ansieht,
I. Während es eine sofortige, dringliche und andauernde Notwendigkeit für die angemessene Regulierung von bestehenden Situationen beim Umgang mit Strahlung gibt, um Menschen und Biosphäre zu schützen,

halten wir, die Unterzeichner, in unseren jeweiligen individuellen Funktionen, es für unerlässlich

1. zu betonen, dass die Risikofaktoren des ICRP Modells veraltet sind und dass die Verwendung dieser Faktoren dazu führt, dass das Strahlenrisiko erheblich unterschätzt wird,
2. zu betonen, dass der Einsatz des ICRP Risikomodells bei der Vorhersage von Gesundheitsauswirkungen zu Fehleinschätzungen in der Größenordnung des Faktors 10 oder höher führt, während wir uns der Existenz von Studien bewusst sind, die bei einigen Belastungsarten davon ausgehen, dass der Fehler noch wesentlich größer sein könnte,
3. zu betonen, dass Erkrankungen jenseits von Krebs, insbesondere Herz-Kreislauferkrankungen, Störungen des Immun- sowie des zentralen Nervensystems und der Fortpflanzungsorgane, in signifikantem Ausmaß hervorgerufen werden, wenn auch noch nicht quantifizierbar,
4. die zuständigen Behörden aufzufordern, ebenso wie all jene, die für Strahlenbelastungen die Verantwortung tragen, sich nicht mehr länger auf die ICRP als Grundlage für ihre Strahlenschutzmaßnahmen und ihr Risikomanagement zu verlassen,
5. die zuständigen Behörden ebenso wie all jene, die für Strahlenbelastungen die Verantwortung tragen, aufzufordern, stets eine vorsichtige Herangehensweise zu wählen und in Ermangelung eines alternativen tauglichen und ausreichend vorsichtigen Risikomodells ohne unnötige Verzögerung das vorläufige ECRR 2003 Risikomodell zu verwenden, das den aktuellen Beobachtungen zufolge die Risiken wesentlich zutreffender beschreibt,
6. zu verlangen, dass ohne Verzug Forschungstätigkeit zum Thema der Gesundheitsauswirkungen von inkorporierten Radionukliden geleistet wird, speziell durch eine Neuauswertung der vielen in der Vergangenheit durchgeführten epidemiologischen Studien belasteter Bevölkerungsgruppen, inklusive einer neuerlichen Überprüfung der Daten von den japanischen Überlebenden der Atombomben, von Tschernobyl und von anderen betroffenen Gebieten, sowie das unabhängige Monitoring derjenigen Bevölkerungsgruppen, die der Inkorporation von radioaktiven Substanzen ausgesetzt waren oder sind,
7. es für ein Menschenrecht zu erachten, dass jeder Mensch weiß, welchen Strahlendosen er ausgesetzt ist, aber auch, korrekt darüber aufgeklärt zu werden, welche gesundheitlichen Folgen diese Dosen möglicherweise haben können,
8. unserer Besorgnis über die ausufernde Vermehrung des Einsatzes von Strahlung sowohl in der Medizin als auch bei anderen Anwendungen Ausdruck zu verleihen,
9. zu fordern, dass umfassende öffentlich geförderte Forschungsprojekte eingerichtet werden, um Techniken zu entwickeln, die Patienten nicht mehr radioaktiver Strahlung aussetzen.

Die hier getroffenen Aussagen geben die Meinung der Unterzeichner wieder und berühren die Positionen der Institutionen, für die sie tätig sind, in keiner Weise.

Professor Juri Bandazhevski (Belarus)
Professor Carmel Mothershill (Kanada)
Dr Christos Matsoukas (Griechenland)
Professor Chris Busby (UK)
Professor Rosa Goncharova (Belarus)
Professor Alexei Jablokov (Russland)
Professor Michail Malko (Belarus)
Professor Shoji Sawada (Japan)
Professor Daniil Gluzman (Ukraine)
Professor Angelina Nyagu (Ukraine)
Dr Hagen Scherb (Deutschland)
Professor Alexei Nesterenko (Belarus)
Professor Inge Schmitz-Feuerhake (Deutschland)
Dr Sebastian Pflugbeil (Deutschland)
Professor Michel Fernex (Frankreich)
Dr Alfred Koerblein (Deutschland)
Dr Marvin Resnikoff (United States)

Molyvos, Lesbos, Griechenland

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Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: www.afaz.at (ak) && gg-s (www.lagatom.de)
Quelle: http://www.euradcom.org/2009/lesvosdeclaration.htm
Die deutsche Übersetzung steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at) / Mai 2013

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VERTUSCHEN, VERNIEDLICHEN, WEGSCHAUEN –
ALLES KLAR IN FUKUSHIMA!
ODER?


Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Fukushima
Kommentare zu den Projekten und Berichten des Untersuchungsausschusses der Präfektur Fukushima
„Studie der Präfektur zum Gesundheitsmanagement der Bevölkerung“

Prof. Dr Chris Busby
Green Audit; Periodische Herausgaben November 2011
Aberystwyth, England, 27. August 2011

Hintergrund
Eine englische Übersetzung des Tagungsberichtes der dritten Sitzung (2011) des Untersuchungsausschusses der Präfektur Fukushima "Studie der Präfektur zum Gesundheitsmanagement der Bevölkerung" wurde von
Green Action Japan (Bürgerinitiative mit dem Ziel, die Atomkraft in Japan abzuschaffen, Sitz in Kyoto; AdÜ) bezogen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf diese Übersetzung der Beratungen und die damit verbunden Papiere des Treffens am 24. Juli 2011 in der Geschäftsstelle der Präfektur Fukushima.

Berichte über die Strahlenkontamination beim Menschen
Die Seiten 3 – 6 des Berichts [1] zeigen Messergebnisse der radioaktiven Belastung, die angeblich bei 109 Personen vorgenommen wurden.

Diese Messungen wurden mit
1. Ganzkörperzählern vorgenommen, welche die Nuklide 137Cäsium und 134Cäsium umfassen, sowie durch
2. die Erhebung der Werte von 137Cäsium, 134Cäsium und 131Jod in Urinproben. Die Resultate der Ganzkörperzählung von Cäsium-Nukliden zeigen Belastungen zwischen der Nachweisgrenze (320Bq) und rund 3500Bq.

Ein Diagramm der Häufigkeitsverteilung der jeweiligen Dosen ist nicht vorhanden und die Darstellung auf Seite 4, die das Verhältnis zwischen den beiden Cäsium-Nukliden zeigt, enthält lediglich 35 Datenpunkte. Dies ist verwunderlich, wurden doch Messungen an 109 Personen unternommen (Seite 3). Ein Diagramm der Häufigkeitsverteilung wäre normal in solch einer Studie, würde es doch die Verteilung der Belastungsdosen zeigen.
Auch für die Ergebnisse der Urinproben (Seite 5) scheint es lediglich 23 Datenpunkte für 137Cäsium und 26 für 134Cäsium zu geben.

Jod-Messwerte wurden nicht gemeldet und Schilddrüsen-Scans ebenfalls nicht.
Zusätzlich gibt es natürlich auch keine Messungen der gefährlichen Nuklide 90Strontium, 89Strontium, 140Barium, Tritium, 14Kohlenstoff, 35Schwefel, 238Uran und 235Uran und 239Plutonium.

Also, mein erster Kommentar ist, dass die im Bericht zu findenden Ergebnisse
  1. für wissenschaftliche Zwecke nicht ausreichend dokumentiert sind
  2. Datenlücken von 79 Personen aufweisen
  3. die Ergebnisse der vorgenommenen Gamma-Scans der Schilddrüse vermissen lassen
  4. zeigen, dass keine Messungen der Alpha- und Betastrahler vorgenommen wurden.
Alle Ergebnisse können daher als schlechte Wissenschaft verworfen werden.

Atomfreundliche Tendenz
Anstatt ausführlich auf die Ergebnisse einzugehen, wird irreführenden Aussagen und grob unsicher gesponnen Erklärungen der Wissenschaft sehr viel Raum gegeben.

Ich gebe ein paar Beispiele:
  Seite 7: Die Tabelle auf Seite 7 besagt, dass zusätzliche Krebserkrankungen unter 100 Millisievert (mSv) nicht [als gesichert, AdÜ] anerkannt werden. Das ist die Unwahrheit und es gibt eine Menge Beispiele in der wissenschaftlichen Literatur hierfür. Erhöhte Zahlen von Krebserkrankungen finden sich in Bevölkerungen, die Dosen von weniger als 0,1mSv aufgenommen haben [2], wenn es sich um inkorporierte Radionuklide handelt. 40% mehr Krebserkrankungen wurden durch verschiedene Studien nach Tschernobyl bei Kindern nachgewiesen, die 10 mSv ausgesetzt waren. Erhöhte Zahlen an Krebserkrankungen wurden nach Tschernobyl bei Dosen, die üblicherweise unter 2 mSv lagen, gefunden[4]. Für eine Diskussion der Ergebnisse siehe die ECRR-Berichte von 2009 und 2010 [5,6].
  Seite 8: Der Absatz „Radioaktivitätsdosis und Krebs“ wiederholt die falsche Information über Krebserkrankungen bei Dosen unter 100 mSv. Dies ist ein aus den Studien zu den Atombomben abgeleiteter Schluss; diese Studie ist nicht der richtige Ansatz zur Erklärung radioaktiver Risiken durch inkorporierte Strahlenquellen, da die Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki nicht nach inkorporierten und äußeren Strahlenquellen unterschieden wurden [6,7]. Für die Behauptung, dass eine äußerliche Belastung einer innerlichen (inkorporierten) bei gleicher Dosis äquivalent sei, fehlen jedwede wissenschaftlichen Beweise als Grundlage – das Gegenteil ist der Fall [2,6].
  Seiten 16 und 17: "Die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Auswirkungen durch die Radioaktivität des von Tokyo Electric Power Company betriebenen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi wird als sehr gering angenommen, wenn man die derzeit zu erwartenden inkorporierten und äußeren Strahlendosen in Betracht zieht. Doch man bedenke, dass die einzige nachgewiesene gesundheitliche Folge von Tschernobyl die Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern war ... Eine Zunahme von anderen Krankheiten wurde nicht nachgewiesen."

Diese Behauptungen sind nachweislich falsch [4 – 6] und postulieren die Ergebnisse einer Studie, noch bevor irgendeine Studie durchgeführt wurde.

Die Berechnung von absorbierter Dosis. 137Cäsium
Die Strahlenbelastung der Menschen in Fukushima sollte aufgrund der erhobenen inkorporierten und äußeren Belastung berechnet werden. Die Berechnung der äußeren Zusatzdosis ist recht unkompliziert, da die zusätzlichen, gemittelten externen Dosisleistungen bekannt waren.
Der Aufenthalt von einem Jahr in einem Gebiet, in dem die anfängliche Zusatzdosis durch Jodisotope hoch war, welche sich aber dann auf dem Niveau der Cäsium-Oberflächenkontamination stabilisierte, könnte eine zusätzlich Dosis von 1µSv/h bzw rund 9 mSv/a ergeben. Um die inkorporierte Belastung abschätzen zu können, ließ die Regierung 134Cäsium, 137Cäsium und 131Jod messen. Die inkorporierte Dosis wurde dann durch Inhalations- und Einnahme-Modelle berechnet, wobei ICRP-Dosiskoeffizienten benutzten werden. Der Grund, warum Cäsium und Jod-Nuklide herangezogen wurden, war, dass sie leicht zu messen sind: sie geben starke Gamma-Strahlung ab.
Als Beispiel wird die Aufzeichnung des Gammaspektrums (eine Gammaspektrographie?) des Luftfilters eines Autos, das sich in 100 km Entfernung vom Reaktor befand, in Abb.1 wiedergegeben. Die Dosiskoeffizienten werden unten in Tabelle 1 gezeigt, wo sie mit den ECRR-Dosiskoeffizienten verglichen werden.
Es ist klar, dass diese Dosiskoeffizienten anderer Nuklide, die der Reaktor ausgestoßen hat, noch viel größer sind als die für Cäsium – hauptsächlich die der Alphastrahler Uran und Plutonium und die der Strontium-Reihe.
Selbstverständlich wussten das die Behörden, also jene Leute, die diesen Bericht verfasst haben.
Deswegen wurden diese (und andere vom Körper aufgenommenen Nuklide) auch nicht erwähnt.
Es gibt auch keinen Versuch sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass ein Gutteil der inkorporierten Belastung durch ([Mikro-] Staub-) Partikel verursacht wird, von denen bekannt ist, dass für die Beurteilung ihrer Schädlichkeit das Konzept der absorbierten Dosis untauglich ist.
Die ECRR Gewichtung für derartige Belastungen kann zwischen 20 und 1000 liegen.

Abb. 1: Gamma-Spektrum von Luftpartikel-Kontamination in einem Auto-Luftfilter, der 100 km vom Reaktor entfernt entnommen wurde. Klare Spitzen von 134Cäsium und 137Cäsium:

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Vorgangsweise, wie die Strahlenbelastungen der Katastrophe gemanagt werden. Genau wie bei Tschernobyl und der IAEO, werden die Dosen auf der Basis von 137Cäsium berechnet und ICRP-Dosis-Koeffizienten verwendet. Im Bericht sehen wir, dass der Ganzkörperzähler ein Maximum in Höhe von 3500Bq 137Cäsium anzeigte. Mit dem ICRP-Dosis-Koeffizienten von 3,9-8 Sv/Bq (Tabelle 1) führt dies zu einer verbindlichen effektiven 50 Jahresdosis von 0,13 mSv, weniger als 1/10tel der natürlichen Hintergrundstrahlung. Sie werden (und sie tun es bereits) sagen, dass dies eine vernachlässigbare Dosis sei, die keinerlei gesundheitliche Folgen erwarten lasse. Dies ist die bevorzugte Methode der Vertuschung.
Was aber, wenn sich im Körper dieser Person jeweils im Ausmaß eines Zehntels der durchgeführten „Ganzkörpermessung“ auch noch 239Plutonium und 238Uran befinden? Dabei handelt es sich um Alphastrahler, die von dem Zähler nicht erfasst werden. 350 Bq 239Plutonium ergeben 350 x 6-4 = 210 mSv (ICRP und ECRR) und 350 Bq 238Uran ergeben bei einem Erwachsenen 2,8 mSv nach ICRP und 280mSv nach ECRR. Diese Substanzen können im Urin leicht nachgewiesen werden – aber von solchen Tests wird nichts berichtet.

Tabelle 1: Inhalationsdosis-Koeffizienten nach ICRP und ECRR. Inhalationsdosis-Koeffizienten Sv/Bq; Erwachsene und 5-jährige Kinder


Bevölkerungs-Gesundheitsmanagement-Studie (Seite 9 ff)
Es ist wirklich sonderbar, dass ein hochrangiges Regierungsteam in die Untersuchung der Gesundheit von Menschen, die im Kontaminationsgebiet leben, eingebunden ist, sich auf emotionale und psychische Probleme konzentrieren anstatt alle aktuell wesentlichen Indikatoren für die Gesundheit dieser Menschen zu untersuchen. Sei es drum, die Antwort darauf liegt im Titel der Studie, die, wie wir sehen, eine Management Studie ist und nicht eine epidemiologische Studie. Ihre Begründung für dieses Studiendesign:

Die Unterlagen, die uns Einblick in diese Management-Studie geben, zeigen dieses ziemlich klar. Während jeder anständige Epidemiologe sofort eine ordentliche wissenschaftliche Studie eingerichtet hätte, die den derzeitigen Gesundheitszustand der Bevölkerung als Ausgangsbasis erschließt, einschließlich der Krebsraten für alle Krebs- und Leukämie-Arten, Details und Zahlen aller Herz- und Kreislaufstörungen, Atemwegserkrankungen, Erkrankungen des Verdauungs-, Fortpflanzungs-, Immunsystems usw. und auch Geburtenraten, Kindersterblichkeit usw., betreiben diese Leute keinerlei Epidemiologie.
Jeder anständige Epidemiologe würde danach die Bevölkerung regelmäßig untersuchen, um die Zu- oder Abnahme von Krankheiten zu beobachten. Diese Leute haben sich von vornherein entschieden, dass es keine Steigerungen von Krankheitszahlen im Verhältnis zu der Strahlenbelastung geben kann. Das ist keine Wissenschaft. Das ist noch nicht einmal schlussfolgernde Wissenschaft, da die folgernde Vorhersage: keine gesundheitlichen Auswirkungen in einer unzureichenden Analyse von Strahlenbelastung [an sich] begründet liegt (einmal ganz abgesehen von den fehlerhaften Vergleichen mit Hiroshima Überlebenden). Es ist schlicht und einfach Schönfärberei und die Mitglieder des Ausschusses sollten einzeln vor Gericht gestellt werden, um sich im Kreuzverhör zu erklären.

Zusammenfassung
Dies ist ein schockierendes Dokument, das ein frühes Anzeichen für den Weg darstellt, in welche Richtung die Verantwortlichen Pläne entwickeln, die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenbelastung zu vertuschen.
Es konnte a priori vorhergesagt werden, dass es eine Anzahl an Möglichkeiten gibt, wie man dies bewerkstelligen kann:
  1. Eine Verminderung der Strahlenbelastung
  2. Fokussierung ausschließlich auf Cäsium und Jod
  3. Keine Untersuchung der gesundheitlichen Folgen
  4. Sollten dennoch gesundheitliche Folgen festgestellt werden, so werden diese als psychologisch bedingt wegdiskutiert
Die Sowjetisierung von Japan ist abgeschlossen. Alle diese Taktiken entstanden nach Tschernobyl und hier sehen wir sie alle wieder.

Empfehlungen
  1. Der Ausschuss sollte vor Gericht auf kriminelle Verantwortungslosigkeit und Verschwörung untersucht werden.
  2. Eine unabhängige Gesundheitsstudie sollte initiiert werden.
  3. Unabhängige Messungen von biologischen Proben sollten vorgenommen werden, einschließlich von Alphastrahlern und der Autoradiografie von Partikeln.

C. Busby

Anmerkungen:
[1] Third Meeting (2011) of the Review Committee for the Fukushima Prefecture “Prefectural People’s Health Management Survey” Agenda was obtained from the organisation Green Action, Kyoto, Japan.
[2] Busby C.C. (2009) Very Low Dose Fetal Exposure to Chernobyl Contamination Resulted in Increases in Infant Leukemia in Europe and Raises Questions about Current Radiation Risk Models. International Journal of Environmental Research and Public Health.; 6(12):31053114. http://www.mdpi.com/1660-4601/6/12/3105
[3] Wakeford R and Little MP (2003) Risk coefficients for childhood cancer after intrauterine irradiation. A review. Int.J.Rad.Biol. 79 293-309
[4] Tondel M, Hjalmarsson P, Hardell L, Carisson G and Axelson A (2004) Increase in regional total cancer indidence in Northern Sweden. J Epidemiol. Community Health. 58 1011-10
[5] Busby C and Yablokov AV (2009) ECRR 2006. Chernobyl 20 years On. The Health Effects of the Chernobyl Accident. 2nd Edition Brussels: ECRR/ Aberystwyth: Green Audit
[6] Busby C, Yablolov AV, Schmitz Feuerhake I, Bertell R and Scott Cato M (2010) ECRR2010 The 2010 Recommendations of the European Committee on Radiation Risk. The Health Effects of Ionizing Radiation at Low Doses and Low Dose Rates. Brussels: ECRR; Aberystwyth Green Audit
[7] Sawada Shoji (2007) Cover-up of the effects of internal exposure by residual radiation from the atomic bombing of Hiroshima and Nagasaki. Medicine Conflict Survival 23 (1) 58-74


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Übertragung nach der Originalquelle ins Deutsche: gg-s (www.lagatom.de) && www.afaz.at (ak)
Quelle: http://www.crms-jpn.com/doc/CommentForFukushima.pdf [The health outcome of the Fukushima catastrophe ... ]
Die deutsche Übersetzung steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html . Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at) / Mai 2013 / v2a

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