Frage: Was haben Politiker davon, wenn die Bürger viel Auto fahren, viel essen, viel einkaufen?
Chomsky: Konsum lenkt die Menschen ab. Die eigene Gesellschaft lässt sich schlecht mit der Armee kontrollieren, aber sie lässt sich durch Konsum ablenken.
Noam Chomsky im Spiegel-Gespräch, 6.10.2008

An die Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima!

   
An all jene, die als Erste in den fürchterlichen Stunden der Atomkatastrophe zugepackt haben!
An all jene, die Tag für Tag gegen die sich ständig verschlechternde Situation kämpfen!
An all jene, die euch in den kommenden Jahren noch nachfolgen werden – und an deren Familien und geliebte Angehörige!
 
Dieser Brief kommt aus Frankreich – er kommt in Dankbarkeit und in Sympathie.

Es mag sein, dass Ihr euch nicht auf eure Arbeitgeber und nicht auf die politisch Verantwortlichen verlassen könnt – das soll aber nicht heißen, dass ihr mit den Problemen, mit denen ihr zu kämpfen habt, ganz allein seid, auch wenn ihr von den Medien nur Kritik einstecken müsst.

Es mag für euch vielleicht nur ein schwacher Trost sein – aber wir möchten euch sagen, dass es tausende Kilometer entfernt Menschen gibt, die ihr nicht kennt und die wie ihr einfache Bürger sind, die an euch denken und die dankbar sind für euren Mut und euren Einsatz.

Ihr seid wichtige Menschen, die allen Respekt verdienen – angesichts der enormen Verantwortung, die ihr ständig auf euch nehmt, ohne dass Ihr dafür irgendeine Beachtung oder irgendeine Anerkennung bekommt.

Niemand darf einen Arbeiter verurteilen, wenn er das falsche Rohr entfernt, den falschen Knopf gedrückt oder einen Wassertank zum Überlaufen gebracht hat, weil es so gut wie keine Schulung, keine klare Anweisung oder Kontrolle gibt.

Niemand darf einen Arbeiter verurteilen, wenn er angesichts dieser schweren Arbeitsbedingungen, die seine Gesundheit und sein Leben bedrohen, in Depressionen verfällt.

Auf der ganzen Welt gibt es Millionen Menschen, die auf eurer Seite stehen und die auf euch zählen, die euch vertrauen, euch moralisch unterstützen und die nicht vergessen, dass es euch gibt.

Wir kennen euch nicht persönlich, aber wir sind – wie ihr – Menschen und Bürger dieser Erde. Wir können euch nicht unmittelbar helfen, aber wir wollen euch sagen: Danke für das, was ihr tut, danke für all die Risiken, die ihr für uns alle auf euch nehmt. Ihr habt unsere von Herzen kommende Unterstützung.

Unser Dank geht an euch, die „50 von Fukushima“, und an alle mutigen Menschen, die von Anfang an nicht gezögert haben, ihr Leben zu riskieren, um eine noch schrecklichere Situation zu verhindern.

Nochmals herzlichen Dank an all jene, deren Name nie erwähnt werden wird, die aber jeden Tag an der gewaltigen Aufgabe mitwirken, die radioaktive Gefahr in der Atomanlage von Fukushima unter Kontrolle zu halten.

Mögen unsere Wünsche und Gedanken euch erreichen, eure Lieben und all die Familien der Opfer, die ihre Gesundheit und ihr Leben in diesem ewigen Kampf verloren haben.

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Es würde mich freuen, wenn auch andere Menschen oder Gruppen ihre Unterstützung zum Ausdruck bringen für jene, die sich auf dem Kampffeld von Fukushima abmühen.

Veröffentlichen Sie diesen Offenen Brief auf Ihrer Webseite oder auf ihrem Blog, treten Sie mit uns in Verbindung, wenn Sie Übersetzungen in andere Sprachen anfertigen können oder zur Liste der Unterstützer hinzugefügt werden wollen.

Schreiben sie Ihren eigenen Unterstützungsbrief und verbreiten sie diesen.

Sie können aber auch einen Brief an die Arbeiter im J-Dorf in Fukushima-Daiichi senden – hier die Adresse des „Aufenthaltsraums“ der Arbeiter im J-Dorf:

   〒979-0513 福島県双葉郡楢葉町大字山田岡字美シ森福島復興公社
   福島第一原発の作業員の皆様へ
   8番 J ヴィレッジ内

   Fukushima Revitalization Headquarters at J-Village
   8, Utsukushi-mori, Yamada-oka aza
   Naraha-machi oaza, Futaba-gun
   979-0513, Fukushima
   Japan

Je mehr Menschen diese Solidaritätsbekundung weiterleiten und vervielfältigen und je mehr die Medien darüber berichten, desto eher wird das Japan vielleicht dazu ermutigen, auf diese mutigen Menschen zuzugehen.

Mit Dank an Euch alle –
Franck
Kna-blog.blogspot.com


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WHO / IAEA - eine unheilige Allianz  
Interview mit Alison Katz auf Nuclear Hotseat

Das englisch-sprachige Original dieses Interviews finden sie auf folgenden Links: Independent WHO oder Nuclear Hotseat

Libbe HaLevy: Willkommen bei Nuclear Hotseat – dem wöchentlichen, internationalen Nachrichtenprogramm, das Sie über alles am Laufenden hält, was vom Widerstand gegen Atomkraft handelt. Mein Name ist Libbe HaLevy. Ich bin die Produzentin und Moderatorin und außerdem bin ich eine Überlebende des Unfalls von Three Mile Island – ich war damals weniger als 2 km entfernt. Ich weiß also, was es bedeutet, wenn die „Atomexperten“ einen Fehler machen.

Heute ist Dienstag, der 17. September 2013 und dies ist eine Sonderausgabe von Nuclear Hotseat, die erste von zwei Folgen zur unheiligen Allianz von Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) und den Atomkraftbefürwortern der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO, bzw. auch IAEA für International Atomic Energy Agency). Das Gespräch führe ich heute mit Alison Katz, einer Soziologin und Psychologin, die 18 Jahre lang für die WHO gearbeitet hat. Heute in der Führungsspitze der Independent WHO – sie wird uns diese Vereinigung noch vorstellen – seziert Alison die Geschichte, den politischen Schacher und die Manipulationen derjenigen UN-Organisation, auf die wir angeblich zählen können, wenn es weltweit um den Einsatz für den Schutz der Gesundheit geht, insbesondere, wenn radioaktive Strahlung eine Rolle spielt. Dies ist ein Exklusivbericht von Nuclear Hotseat.

Bitte erzähle uns doch vom Zusammenhang zwischen Independent WHO, Gesundheit und Atomkraft.

Alison Katz: Erklären wir zuerst einmal, was der Name ausdrücken soll. Wir fordern die Unabhängigkeit der Weltgesundheitsorganisation, also der WHO. Die Weltgesundheitsorganisation ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (United Nations Organization, UNO bzw UN). Die Gesundheitsauswirkungen der Anwendung von Radioaktivität, egal ob zivil oder militärisch, sind der Öffentlichkeit nicht bekannt. Wir sprechen von solchen Dingen wie dem Unfall in Tschernobyl, auch Three Mile Island und jetzt natürlich Fukushima. Es kam dabei zu Vertuschungen, die international von führenden Einrichtungen getragen wurden, darunter Regierungen, nationalen Behörden, aber auch, und das ist besonders bedauerlich, von der WHO selbst. Wie unser Name „Independent WHO“ nahelegt, fordern wir die absolute Unabhängigkeit dieser Institution von der Atomlobby, insbesondere von ihrem Sprachrohr, der IAEO. Wir verlangen diese Unabhängigkeit, damit die WHO die in ihren Statuten festgeschriebenen Aufgaben im Bereich von Strahlung und Gesundheit erfüllen kann. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Debatte über die Atomkraft morgen vorbei wäre, wenn Gesundheits- und Umweltauswirkungen aller dieser Aktivitäten, bei denen Strahlung freigesetzt wird, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wären; die Öffentlichkeit würde die Atomkraft umgehend als eine Option der Energieerzeugung verwerfen.

Worin besteht nun unsere Kritik an der WHO? Die WHO bescheinigt allen Tätigkeiten im Bereich der Nutzung der Atomkraft die Unbedenklichkeit, und das nun schon seit 50 Jahren. Unser Ansatzpunkt ist die öffentliche Gesundheit. Wir möchten, dass die Menschen verstehen, dass diese Unbedenklichkeitserklärung nicht auf unabhängiger wissenschaftlicher Arbeit beruht. Tatsächlich basiert sie auf einer plumpen Pseudowissenschaft, die von der Atomlobby kontrolliert und geleitet wird.

LHL: Wie hindert diese Lobby, also die IAEO, die WHO daran, die Wahrheit über Atomkraft auszusprechen?

AK: Nun, zuerst einmal ist die IAEO nur ein Teil der Atomlobby, sie ist lediglich das Sprachrohr, sie ist bei Weitem nicht der wichtigste Teil, aber darauf wollen wir in Kürze noch genauer eingehen. In Wirklichkeit ist die WHO innerhalb der UN-Familie der IAEO untergeordnet. Die IAEO berichtet dem Sicherheitsrat, welcher, wie Sie sicher wissen, von den mächtigsten Staaten der Erde gebildet wird. Diese Staaten sind mit einem Vetorecht ausgestattet, der Sicherheitsrat steht also wirklich an der Spitze der Hierarchie. Die Weltgesundheitsbehörde ist in dieser Hierarchie aber sehr viel niedriger angesiedelt, sie berichtet lediglich dem Wirtschafts- und Sozialrat der UN (Economic and Social Council, ECOSOC) – dieser hat nur sehr wenig geopolitische Macht.

Ich denke, es wäre wichtig, die jeweiligen Mandate dieser zwei UN-Behörden genauer zu betrachten, und ich werde mit einem kurzen Abriss zur IAEO beginnen. Die IAEO hat zwei Aufgabenbereiche: einerseits die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern [sic! AK spricht hier versehentlich von Atomkraft; AdÜ]; das ist freilich ein sehr begrüßenswertes Ziel. Die andere Aufgabe ist höchst problematisch, dabei geht es um die Förderung der Nutzung des Atoms – der friedlichen Nutzung des Atoms, aber dennoch, der Nutzung des Atoms. In dieser Angelegenheit ist die IAEO also eine Industrie- bzw Handelslobby. Dennoch ist die IAEO für alles verantwortlich, was die Gesundheitsfolgen dieser nuklearen Aktivitäten angeht, und kontrolliert bei diesem Thema die WHO. Das heißt, wir haben es hier mit einem Interessenkonflikt zu tun. Kurz gesagt, die IAEO ist gleichzeitig Richter und Geschworenensenat, wenn es bei ihren eigenen industriellen Aktivitäten um die Sicherheit geht.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf das Mandat der WHO. Die WHO ist weltweit die führende und koordinierende Autorität in allen Gesundheitsbelangen und das beinhaltet auch Strahlung und Gesundheit. Die WHO verabschiedet Normen und Standards, sie koordiniert die Forschung, sie realisiert zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiet der Statistik und Epidemiologie, Mitgliedsstaaten werden beraten, Forschungsaufgaben werden koordiniert und Richtlinien für die Gesundheitspolitik erstellt. Es sollte also alles im Zuständigkeitsbereich der WHO liegen, was die gesundheitlichen Auswirkungen nuklearer Aktivitäten betrifft. Die IAEO hat in diesem Bereich weder Fachwissen noch ein Mandat, aber dennoch ist es die IAEO, welche die Richtlinien der Gesundheitspolitik verfasst – ja, sie diktiert der WHO diese Richtlinien, genauso, wie sie es über die letzten 50 Jahre hinweg getan hat. Die Grundlage für all dies ist eine Übereinkunft, welche im Jahre 1959 unterzeichnet wurde, ein Abkommen zwischen der IAEO und der WHO. Dies bedeutet für die Praxis, dass die WHO keinerlei Forschung durchführen kann, keinerlei Informationen verlautbaren kann, niemandem zu Hilfe eilen kann, ohne zuvor die Zustimmung der IAEO eingeholt zu haben. Sie erfüllt also hier ihre Satzungen nicht, sie kann ihre Verpflichtungen nicht unabhängig wahrnehmen. Wir arbeiten dafür, dass die WHO ihre Unabhängigkeit zurückgewinnt, damit sie ihre Mission in Bezug auf Radioaktivität und Gesundheit erfüllen kann.

LHL: Es ist fast schmerzhaft, das zu hören, denn wann auch immer es irgendwo zu einem Atomunfall kommt, werden von den Massenmedien als Erstes die Statistiken und Berichte der WHO zitiert und dazu verwendet, der Öffentlichkeit zu versichern, dass keine Gefahr besteht. Dennoch macht das, was du sagst, ganz offensichtlich, dass die Zahlen, mit denen diese Berichte aufwarten, den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht entsprechen. Trotzdem werden die Vertreter der WHO als die ultimativen Experten betrachtet.

AK: So ist es tatsächlich. Du hast da einen ganz wichtigen Punkt angesprochen. Das ist von höchster Bedeutung für die Strategie unserer Bewegung für größere Unabhängigkeit, weil die Menschen weltweit den Aussagen der WHO Glauben schenken – das sollten sie ja eigentlich auch, wenn die WHO ihren Aufgaben nur gerecht würde! Das Problem besteht aber darin, dass die WHO von einer ganzen Reihe außenstehender Institutionen beeinflusst wird; darüber werden wir gleich sprechen. Weil es ein großes Hindernis darstellt, dass die Menschen tatsächlich der WHO vertrauen, müssen wir den Beweis erbringen, dass sie [die WHO] stark beeinflusst wird, in dieser speziellen Angelegenheit in Wirklichkeit ja durch die IAEO gelenkt und kontrolliert.

Lass mich ein paar Beispiele für solche Beweise aufzählen. Nach dem Unfall von Tschernobyl war die Weltgesundheitsorganisation nicht vor Ort: 5 lange Jahre nicht. Dabei handelt es sich wirklich um eine unglaubliche Verirrung, denn ein Teil des Mandates der WHO besteht darin, vor Ort zu sein, und zwar am Tag nach der Katastrophe. Es müsste am Tag nach so einer Katastrophe ein Team losgeschickt werden, um die genaue Art der Krise zu erfassen und Hilfe bereitzustellen. Die WHO war aber fünf lange Jahre nicht vor Ort; das ist einmal das Erste.

Eine weitere interessante Tatsache: Im Jahr 1990 unterbreitete die damalige UdSSR der WHO ein Ansuchen, es sollte ein Forschungsprojekt ausgearbeitet werden. Es war aber nicht die WHO, die antwortete, sondern die IAEO. Die IAEO hat dieses Forschungsprojekt auch tatsächlich ausgearbeitet und sie haben etwas absolut Erstaunliches gemacht, erstaunlich für jedermann, der auch nur ein wenig Ahnung von Strahlung hat und deren Gefahren. Genetische Auswirkungen wurden bei diesem Forschungsprojekt nicht berücksichtigt, zur Priorität wurde Karies erhoben.

LHL: Was nicht den geringsten Sinn ergibt.

AK: Nicht im Mindesten. Es ist fast lächerlich. Ein weiteres Beweisstück besteht darin, dass niemals ein unabhängiger Bericht von der WHO veröffentlicht wurde. Alle sind ident mit IAEO-Berichten oder schlicht von der IAEO verfasst und werden dann im Namen der WHO veröffentlicht. Ein weiteres wichtiges Beweisstück: es gab zwei bedeutende internationale Konferenzen zu Tschernobyl, die eine wurde 1995 in Genf abgehalten, die andere 2001 in Kiew. Die jeweiligen Abschlussberichte wurden nie veröffentlicht. Die WHO hat zu diesem Thema bis vor ganz kurzer Zeit gelogen: auch auf die Frage von Journalisten bedeutender Zeitungen sagten sie aus, dass diese Sitzungsberichte veröffentlicht worden seien. Aber das war einfach nicht der Fall und die WHO kann sie auch nicht herbeischaffen. Ein weiteres interessantes Beispiel dafür, wie wir überhaupt wissen können, dass die WHO schlicht ihre Verpflichtungen nicht erfüllt hat, ist, dass einer der früheren Generaldirektoren, Dr Nakajima, ein japanischer Generaldirektor, der acht Jahre lang an der Spitze der WHO stand, doch tatsächlich ganz offen erklärt hat, dass der Grund dafür, dass diese zwei Berichte nicht veröffentlicht wurden, in den rechtlichen Einschränkungen liegt, welche das Übereinkommen von 1959 der WHO auferlegt. Er hat diese Aussage in aller Öffentlichkeit gemacht, im italienischen Schweizer Fernsehen. In anderen Worten: Er hat diese Unterordnung zugegeben, und dieses Eingeständnis durch einen früheren Generaldirektor ist außerordentlich. Aber selbst dies wird von der WHO heute abgestritten, was natürlich ein wenig lächerlich ist, denn diese Aussage wurde gefilmt, man kann die Quelle einsehen.

LHL: Es hat also den Anschein, dass die Weltbevölkerung in puncto gesundheitlicher Folgen von Radioaktivität niemanden hat, an den sie sich wenden könnte, obwohl das einen wichtigen Aspekt der öffentlichen Gesundheit darstellt.

AK: Ich muss leider sagen, dass dies in der Tat der Situation entspricht. Die Leute haben keine nationale oder internationale Einrichtung, an die sie sich wenden können. Es gibt unabhängige Wissenschaftler und es gibt eine riesige Menge an Information. Was die Öffentlichkeit aber auch wissen muss ist, dass die WHO heute auf diesem zentralen, für das öffentliche Gesundheitswesen so wichtigen Feld, der Auswirkung von Strahlung auf die Gesundheit, nicht die geringste Kompetenz hat. Es gab einmal eine Abteilung bei der WHO, die sich mit Strahlung und Gesundheit befasst hat, wenigstens am Hauptsitz. Sie wurde vor ca drei, vier Jahren aufgelassen. Aber selbst, solange sie bestand, war die Lage nicht optimal. Es gab drei Unterabteilungen, alle sehr interessant. Eine beschäftigte sich mit Mobiltelefonen, eine andere mit elektromagnetischen Feldern und die letzte mit Atomkraft. Alle diese drei Unterabteilungen hatten die verschiedensten Probleme, und es gab einen Direktor, einen gewissen Dr Repacholi, der aus der Industrie kam, in der WHO zehn Jahre lang arbeitete und anschließend wieder in die Industrie zurückkehrte. Wir haben hier also ein klassisches Beispiel für ein Postenkarussell, einen weiteren Interessenkonflikt. Wissenschaftler haben sich anscheinend bei der WHO über Dr Repacholi beklagt, zwei- oder dreitausend Wissenschaftler unterzeichneten einen Beschwerdebrief, denn er wurde beschuldigt, essentielle Informationen über abgereichertes Uran zurückgehalten zu haben. Unglücklicherweise wurden diese Anschuldigungen nie endgültig geklärt, aber hierin spiegelt sich die Macht der Atomlobby. Repacholi gibt es nicht mehr, die Strahlungsabteilung wurde geschlossen und nicht wieder eingerichtet. Das war eine der Fragen, die wir der jetzigen Generaldirektorin gestellt haben, auch darüber in Kürze mehr.

Gegenwärtig gibt es in der WHO also keinen erfahrenen Strahlungswissenschaftler oder auch Strahlenbiologen. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen rund um den Erdball erfahren, dass zurzeit keine international wirksame Institution auf diesem Gebiet existiert. Es ist ganz nützlich zu vermerken, dass die WHO diese Dinge nicht leugnet. Dr Maria Neira, die Direktorin der Abteilung für öffentliche Gesundheit und Umwelt der WHO, erklärte gegenüber der wichtigen französischen Zeitung LeMonde, dass die WHO alle ihre Informationen von der IAEO bezieht.

LHL: Es ist also klar, dass der WHO eigene Kompetenz auf dem Gebiet des Strahlenschutzes fehlt und das ist für sich genommen schon schockierend. Wie sieht es aber weltweit mit anderen Behörden und Einrichtungen aus? Es muss doch irgendwo irgendein Wissen geben?

AK: Das gibt es natürlich. Viele unabhängige Wissenschaftler betreiben unvoreingenommen ihre Forschungen, das ist aber tatsächlich die einzige Quelle verlässlicher Information. Wie man sich aber vorstellen kann, sind sie mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert: Geldmittel werden gestrichen, Forschungsergebnisse nicht publiziert, die Universitäten und Forschungseinrichtungen werden von der Lobby kontrolliert, usw. Daher ist eines unserer Ziele, Bürger und unabhängige Wissenschaftler zusammenzubringen, denn, und es ist fürchterlich, das sagen zu müssen, wir können uns nicht auf unsere eigenen Behörden und Einrichtungen verlassen – das ist natürlich ein ziemlich schockierender Befund. Deshalb haben wir 2012 ein Forum veranstaltet, in dem sich Bürger und Wissenschaftler mit dem Thema Strahlenschutz befasst haben. 2014 werden wir ein weiteres zum Thema „Genetische Auswirkungen von Strahlung“ veranstalten. Ich kann sagen, dass diese beide Foren von der Stadt Genf vollinhaltlich unterstützt und auch im Großen und Ganzen finanziert werden, denn die Stadt Genf hat interessanterweise eine Verfassung, in der Atomkraft abgelehnt wird, was eine ziemlich seltene Sache ist.

Betrachten wir aber zuerst einmal das Establishment und prüfen, wie es dort um die fachliche Kompetenz bestellt ist; aber noch kurz dazu, warum ich es vorziehe, von einem „nuklearen Establishment“ zu sprechen anstatt nur von einer Lobby. Unter einer Lobby versteht man auf Wirtschaft oder Industrie beschränkte Interessen. Wir müssen uns aber in Erinnerung rufen, dass dieses nukleare Establishment unsere eigenen Regierungen mit umfasst, unsere nationalen und internationalen Einrichtungen. Es handelt sich daher wirklich um ein „Establishment“, mit einer Art dünnen Fassade der Respektabilität. Nun, innerhalb dieses nuklearen Establishments ist die IAEA tatsächlich nur das Sprachrohr. Die Macht dahinter liegt bei der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection, ICRP). Das ist jene Einrichtung, welche die Normen und Standards für den Strahlenschutz erstellt. Seit die ICRP jedoch besteht, war unter den Mitgliedern kein Experte für öffentliche Gesundheit. Es ist eine geschlossene, inzestuöse Familie, dieses nukleare Establishment. Es besteht aus der ICRP, UNSCEAR (das ist das Gegenstück bei der UN), der IAEO, nationalen Einrichtungen, wie die der USA, das wäre dann BEIR (Biological Effects of Ionizing Radiation), EURATOM in Europa, und dann gibt es natürlich auch eine nationale britische Behörde. Das nukleare Establishment, vor allem die ICRP, ist eine geschlossene und inzestuöse Familie, es werden Mitglieder immer nur aus dem eigenen Zirkel ausgewählt, und neben der Atomindustrie kontrollieren und leiten sie die Forschungsstätten, sogar auf dem Feld der medizinischen Strahlenforschung, was nun wirklich einen ganz außerordentlich üblen Sachverhalt darstellt.

Wie ist es also um die nötige Expertise bestellt? Spezialisten aus dem Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens wurden von Anfang an ausgeschlossen. Wer sind diese Mitglieder der ICRP? Sie alle kommen aus dem Militär oder der Atomindustrie oder den medizinischen radiologischen Vereinigungen. Wie Rosalie Bertell (eine der hervorragendsten Berichterstatterinnen über Atomkraftthemen) feststellte, ist die ICRP in Wahrheit ein Club der Nutzer [„user“ könnte man auch als Anspielung auf eine Art „drug user“ verstehen, also: Abhängige; AdÜ], keine neutrale, objektive Einrichtung. Tatsächlich handelt es sich bei der ICRP in der Mehrzahl um Atomphysiker. Es gibt dort keine Spezialisten des öffentlichen Gesundheitswesens, keine Radiobiologen, keine Molekularbiologen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass dies aber von größter Wichtigkeit ist, denn ionisierende Strahlung verursacht Veränderungen im Erbgut. Auf Zellebene bedingt sie unausweichlich Schäden und Mutationen. Allein dieser Umstand, dass in einem Gremium, welches die Normen und Standards für den Strahlenschutz festlegt, kein Molekularbiologe arbeitet, weist darauf hin, dass es sich hier um eine massive Fehlentwicklung handelt. Keine andere Einrichtung, nicht einmal die Weltgesundheitsorganisation, kann einen ihrer Leute zur ICRP entsenden.

LHL: Ist das die durchgehende Vorgehensweise?

AK: Absolut. Es ist wirklich schockierend. Die WHO wird einfach an die Wand gedrängt. Ich glaube, die Menschen auf der Erde sollten das wissen, damit sie ihre internationale Gesundheitsbehörde schützen können, denn schlussendlich ist es ihre Gesundheitsbehörde. Ich könnte dazu noch vieles sagen. Was auf der internationalen Ebene passiert, wird aber leider auf der nationalen Ebene reproduziert, in den USA, in Großbritannien oder auch in Europa. Die Atombehörden machen den Gesundheitsbehörden Vorschriften. Das ist eine ziemlich schreckliche Situation.

LHL: Das ist komplett verkehrt. Ich möchte nun die Beziehung zwischen der Independent WHO und dem, was wir die „abhängige“ WHO nennen könnten, ansprechen. Wie viele Kontakte gab es zwischen diesen beiden und was, wenn überhaupt, war die Reaktion der Mitarbeiter der WHO?

AK: Nun, die Weltgesundheitsbehörde gibt zu Protokoll, ja sie gibt sogar zu, dass alle ihre Informationen von der IAEO kommen – gleichzeitig wird behauptet, sie sei völlig unabhängig. Ich habe keine Ahnung, wie sie diesen Widerspruch erklären. Wir hatten zwei lange Treffen mit der WHO, aber ich werde über das erste nicht sprechen, weil wir da nicht mit dem Generaldirektor zusammengetroffen sind. Wir haben den Generaldirektor aber im Jahr 2011 getroffen, mit andern Worten unmittelbar nach Fukushima. Wir sind mit fünf der hochrangigsten Mitglieder der WHO zusammengetroffen. Wenn man so will, dann haben sie uns ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt. Wir wurden außerdem vom Bürgermeister von Genf begleitet, denn, wie ich schon sagte, hat die Stadt Genf einen Artikel in ihrer Verfassung, der sich ausdrücklich gegen Atomkraft richtet. Als Hauptergebnis dieses Treffens sind wir zu dem Schluss gekommen, dass sich die WHO aus ihrer Verantwortung vollends zurückgezogen hat. In gewisser Hinsicht versuchen wir also nicht mehr, innerhalb der WHO irgendwelche Veränderungen zu erreichen. Unser Treffen mit Dr Chan – das ist der Name der Generaldirektorin – war aber sehr interessant und sie hat ein Reihe von wichtigen Punkten zugegeben. Sagen wir es so: Da sie keine wie immer geartete Expertin für Atomkraft ist, ist sie sich der Tragweite der Eingeständnisse, die sie gemacht hat, möglicherweise gar nicht bewusst. Zum Beispiel hat sie erklärt, dass jegliche Strahlung Schäden verursacht. Nun, es mag für Sie überraschend sein zu hören, dass genau dieser Umstand in der Vergangenheit abgestritten wurde. Mit andern Worten: es gibt keinen „sicheren Grenzwert“. Sie hat auch endlich eingeräumt, dass es einen Unterschied gibt zwischen inkorporierter Strahlung und Strahlung, die den Körper von außen trifft. Das ist einer der wesentlichen wissenschaftlichen Streitpunkte, der die Anstrengungen unterminiert hat, gesundheitliche Auswirkungen zu dokumentieren. Ihr Eingeständnis, dass interne und externe Strahlung unterschiedlich wirken, war also von einiger Bedeutung. Sie meinte außerdem, sie selbst würde nicht annehmen, dass lediglich 50 Menschen infolge des Unfalls von Tschernobyl ums Leben gekommen sind. Das ist ein bedeutsames Eingeständnis, wenn man bedenkt, dass bis jetzt in allen Dokumenten behauptet wurde, dies sei die endgültige Anzahl aller Todesfälle, welche die WHO auf die Katastrophe von Tschernobyl zurückführt; das ist natürlich ein absoluter Unsinn, was in der Öffentlichkeit auch so gesehen wird. Wir haben also in gewisser Hinsicht die WHO aufgegeben. Das heißt aber nicht, dass wir unsere hippokratische Mahnwache vor der WHO in Genf beenden. Wir befinden uns nun schon seit sieben Jahren dort, es handelt sich um eine dauernde Anwesenheit. Aber wir sind nicht länger daran interessiert, die derzeitigen Amtsträ ger der WHO zu überzeugen – das ist zwecklos, es wird nichts geschehen. Das ist nicht der Ort, von dem die Entscheidungen ausgehen. Wir legen das Hauptgewicht unserer Anstrengungen nun auf die Verantwortlichkeit der einzelnen Mitgliedsländer, sie sind die leitenden Organe, genauer gesagt sind es die Gesundheitsministerien. Wir haben nun eine Mahnwache in Paris begonnen, vor dem französischen Gesundheitsministerium. Wir würden natürlich gerne Mahnwachen in einigen Landeshauptstädten dieser Erde einrichten.

LHL: Erzähl uns mehr von dieser Mahnwache, diesem Protest, den ihr vor der Zentrale der WHO in Genf seit sieben Jahren durchführt – das ist ziemlich beeindruckend!

AK: Wir sind selbst überrascht, dass wir so lange durchgehalten haben. Es begann im Jahr 2007, am 26. April, natürlich ein Jahrestag des Unfalls von Tschernobyl im Jahr 1986. Unsere Gruppe ist, wie man sich vorstellen kann, ganz klar über das mittlere Alter hinaus, wir sind alle über 60. Drei Menschen mittleren Alters standen also, behängt mit Hinweistafeln, in der Haupteingangshalle der WHO-Zentrale in Genf, und dann war da noch eine weitere Gruppe von 20 friedlichen Demonstranten, die aus der Stadt gekommen waren, um sie zu unterstützen. Wenn ich Ihnen berichte, dass die Genfer Polizei von der WHO gerufen wurde – als wir eintrafen, waren da Barrikaden und sogar Fahrzeuge, dazu gebaut, einen Aufstand niederzuschlagen –, dann ist das eine etwas übertriebene Reaktion auf pazifistische Protestierende mittleren Alters.

LHL: Dasselbe geschah auch hier bei der Demonstration zum ersten Jahrestag von Fukushima beim AKW von San Onofre. Die Marines vom Camp Pendleton waren in Bereitschaft, Helikopter waren in der Luft, und ich schwöre, dass die Polizisten den Protestierenden gesetzteren Alters zahlenmäßig um das Doppelte oder Dreifache überlegen waren.

AK: Dieses Übermaß ist einfach ungeheuerlich. Ich muss aber auch sagen, dass die Polizei in Genf uns sehr wohlgesonnen war und dass sie uns seither immer zur Seite gestanden sind. Diese hippokratische Mahnwache ist der symbolische Teil unserer Tätigkeiten. Sieben Jahre lang waren wir an jedem Werktag dort, von 8 Uhr am Morgen bis um 18 Uhr. Jeder von der Belegschaft der WHO, aber auch jeder Besucher sieht uns. Wir sind sehr gut sichtbar und wir haben sehr große Anschlagtafeln mit Plakaten, die starke Botschaften vermitteln, wie zB die Mittäterschaft an einem Wissenschaftsverbrechen oder: „Fukushima: die gleiche Vertuschung wie bei Tschernobyl“, all diese Dinge. Die Leute könnten sagen: „Nun, was kümmert’s die WHO, wenn ihr draußen steht mit eurem stillen Protest und eurem friedlichen Demonstrieren?“ Das kann man vielleicht auch sagen, aber unsere Inspiration sind die Mütter auf der Plaza de Mayo in Argentinien nach der Diktatur, als das Regime viele junge Leute und Dissidenten einfach verschwunden ließ. Ihre Mütter veranstalteten diesen stillen, pazifistischen Protest auf einem Platz in Argentinien, sie waren zehn Jahre lang dort und schließlich haben sie ihr Anliegen durchgesetzt.

Wir müssen also Geduld haben. Aber es gibt auch noch andere Aspekte bei unserer Aktion. Wir arbeiten mit den Unterorganisationen der UN, die sich mit den Menschenrechten befassen, speziell mit dem Sonderberichterstatter für das Recht auf Gesundheit, dem Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung, und wir arbeiten mit Mitgliedsstaaten, die ihre Missionen in Genf haben, und natürlich verfassen wir Artikel und bemühen uns, so viel Aufmerksamkeit wie nur möglich in den Medien zu bekommen. Es gab bereits sehr, sehr viele kurze TV-Beiträge, aber ein Dokumentarfilm ist natürlich das, worauf wir hoffen. Wir hatten eine Menge Angebote für eine Dokumentation, aber keines von ihnen wurde bis jetzt in die Realität umgesetzt – ich gehe aber davon aus, dass es letztendlich dazu kommen wird. Am 26. April und nun unglücklicherweise wegen Fukushima an jedem 11. März haben wir besondere Aktionen, die wir mit japanischen Gruppen in Japan koordinieren.

LHL: Als jemand, der nur eineinhalb km von Three Mile Island entfernt war, als es dort passierte, würde ich euch dazu anregen, den 28. März auch zu euren besonderen Tagen hinzuzunehmen, um der Tatsache zu gedenken, dass Three Mile Island ebenfalls passiert ist und zu Konsequenzen geführt hat, die auch in diesem Fall unterdrückt wurden, wie alle Informationen über Gesundheitsbeeinträchtigungen unterdrückt wurden.

AK: Selbstverständlich. Es ist unheimlich wichtig, dass die Leute verstehen, dass es sich hierbei nicht um geschichtliche Ereignisse handelt. Alle diese Dinge sind keine Jahrestage, eigentlich ist Jahrestag gar kein passender Ausdruck, und bei Three Mile Island ist es nicht anders. Was wir also sagen ist, dass die Auswirkungen auf die Gesundheit weiterhin andauern. Genetische Folgen werden sich sogar noch ausweiten. Es ist eine furchterregende Sache und schwer zu akzeptieren. Alle möglichen Studien wurden über die genetischen Auswirkungen gemacht, rund um Three Mile Island und eigentlich rund um jeden Reaktor muss es dasselbe sein. Die genetischen Veränderungen werden im Laufe der Zeit nicht weniger, sie nehmen zu. Die Wissenschaft weiß nicht wirklich, warum das so ist, aber die Forschung, die rund um Tschernobyl betrieben wird, zeigt tatsächlich – wir sprechen hier von Tierexperimenten, es geht um Feldmäuse oder Maulwürfe und ähnliche Lebewesen –, dass die genetischen Effekte nach 28 oder 30 Generationen sehr viel schlimmer sind.

Es handelt sich hier also nicht nur um eine andauernde Katastrophe, sondern um eine sich verschlimmernde Katastrophe. Ich glaube, was die Leute beeindruckt, wenn sie erfahren, dass wir seit sieben Jahren vor der Zentrale der WHO stehen, ist einfach diese Tatsache, dass wir hier seit sieben Jahren andauernd präsent sind. Egal, ob diese Leute jemals in Genf gewesen sind oder vor der Zentrale der WHO, das ist nicht wichtig. Allein der Umstand, dass sie wissen, ein Protest geht hier vor sich und das seit nunmehr fast sieben Jahren, das beeindruckt sie.

LHL: Was sagt nun die WHO zu Tschernobyl und was ist die ganze Wahrheit?

AK: Sehen wir uns einmal an, wovon die WHO glaubte, dass es sich dabei um das letzte Wort zu Tschernobyl handeln würde. Ich glaube, das nukleare Establishment wurde ein bisschen unruhig, da es zu Kontroversen über die gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl gekommen war. Daher organisierten sie, was dann das „Tschernobyl Forum“ genannt wurde und seinen Bericht 2005 produziert hat. Dieses Forum war so eingerichtet, dass die Debatte beendet werden sollte – das war zumindest ihre Hoffnung. Dem war freilich nicht so. Nun, die WHO und die IAEO und UNSCEAR von der UN behaupten unglaublicherweise auch heute noch, dass 50 Menschen infolge direkter Auswirkungen des Unfalls verstorben sind, sie gestehen zu, dass es wohl zu 4.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs gekommen ist, sie behaupten, dass 99% davon erfolgreich behandelt wurden, und dann geben sie noch zu, dass es vielleicht – vielleicht! – in Zukunft noch zu weiteren 4.000 Todesfällen durch andere Krebserkrankungen kommen könnte, und sie unterstreichen, dass es sich hierbei um Erkrankungen mit potentieller Todesfolge handeln könnte. Sie versuchen also, die Debatte zu beenden und zu sagen: „Das ist nun das Endresultat.“

Noch übler aber ist die Tatsache, dass die WHO und das nukleare Establishment alle möglichen Gesundheitsprobleme in Tschernobyl auf „Radiophobie“ schieben. Anders gesagt, die Menschen sind so in Angst, sie befürchten … sie glauben, sie seien radioaktiver Verseuchung ausgesetzt worden, somit: es ist alles nur Einbildung. Das ist kaum zu glauben. Hier ist nun also die abschließende Erkenntnis des Tschernobyl Forum, einer ganzen Gruppe von UN-Organisationen, einschließlich WHO, einschließlich IAEO, einschließlich UNDP (UN Development Programme, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen). Dies steht im Tschernobyl Forum, ihrem endgültigen Dokument; dort heißt es: „Das Problem bei der geistigen Gesundheit ist das größte öffentliche Gesundheitsproblem, welches sich auf individuelles Verhalten und das Verhalten ganzer Gruppen ausgewirkt hat. Die Bewohner betroffener Gebiete zeigen eine sehr pessimistische Bewertung in Bezug auf die eigene Gesundheit und das eigene Wohlergehen. Das starke Gefühl, das eigene Leben nicht unter Kontrolle zu haben, das mit diesen Vorstellungen einhergeht, ist eine übertriebene Wahrnehmung der Gesundheitsgefährdungen und der Belastung durch Radioaktivität.“ Ich möchte dazu ein paar Bemerkungen machen: Wenn sie wirklich behaupten, dass „Radiophobie“ das Problem darstellt, dass Probleme der geistigen Gesundheit das Ausschlaggebende sind, wie erklären sie die Gesundheitsauswirkungen auf Kinder, auf Nagetiere, auf Insekten, auf Pflanzen? Es ist eine ganz ausgesprochen dümmliche Behauptung, aber leider geistert sie immer noch herum. Nun wird verbreitet, dass in Fukushima das größte Problem in der „Radiophobie“ liegt. Das ist wirklich verheerend – es ist fast kriminell. Ich möchte nur einen besonders abscheulichen Aspekt dabei herausgreifen: Wenn hier von einer Auswirkung auf die Psyche gesprochen wird – ich meine, selbstverständlich sind die Leute besorgt, selbstverständlich ist ihnen bang. Aber zu sagen, sie hätten sich nur eingebildet, mit Radioaktivität belastet worden zu sein! Sie wurden mit Radioaktivität belastet, daher sind sie natürlich besorgt. Außerdem zählen zur enormen Anzahl an Gesundheitsbeeinträchtigungen auch sehr ernste neuro-psychiatrische Ausfälle. Jedes Organsystem wird geschädigt, einschließlich des Nervensystems. Es ist also nicht weiter überraschend, dass man einen enormen Anstieg von neuro-psychiatrischen Funktionsstörungen feststellen wird. Dies aber einer „Radiophobie“ zuzuschreiben, ohne die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass die Strahlung tatsächlich das Nervensystem geschädigt hat, ist eine unaussprechliche Niedertracht.

LHL: Wir werden gleich noch mehr erstaunliche Informationen von Alison Katz von der Independent WHO hören. Vorher möchte ich Sie aber noch daran erinnern, dass Nuclear Hotseat Ihre Unterstützung benötigt, um Ihnen auch weiterhin kritische Informationen über das Thema Atom zu liefern, die Sie sonst nirgends bekommen: die wöchentlichen Nachrichten aus der Welt der Atomkraft, Tipps zum Strahlenschutz, Gelegenheiten für Aktivisten, Betonschädel (Numnutz) der Woche für nuklearen Stumpfsinn, den NRC-Bericht und vieles mehr. Wenn Sie es also gerne sehen, dass wir uns rühren und wachsen, dann besuchen Sie die Website Nuclearhotseat.com, gehen Sie ans Ende der Startseite und drücken Sie den dicken roten Spendenknopf. Was auch immer Sie tun können, um zu helfen: wir schätzen Ihren Beitrag. Wenn Sie schon auf unserer Homepage sind: tragen Sie sich für unseren Infoletter ein, entworfen für professionelle Nutzung, aber auch ideal für jeden Aktivisten: Die blinden Flecken der Massenmedien bei ihrer Darstellung von Atomthemen werden ausgefüllt und es wird dargelegt, wie man diesen Lücken entgegenwirken kann. Großartige Information für die Nachrichten auf Ihrem Blog, Kommentare auf den Webseiten der Massenmedien und für alle Ihre sonstigen Bedürfnisse im Hinblick auf die neuen sozialen Medien. Finden Sie das blaue Rechteck, setzen Sie Ihren Namen und Ihre Mailadresse ein, ein Klick – und schon bekommen Sie Ihre .pdf via Email. Ich glaube, dass Sie dem einiges abgewinnen können. Nun aber zurück zu Alison Katz von der Independent WHO.

AK: Lassen Sie uns nun einen Blick auf die massive Diskrepanz zwischen den Zahlen werfen, die unabhängige Forscher einerseits und das nukleare Establishment andererseits veröffentlichen. Die Zahlen sind um den Faktor 100 oder sogar 1.000 höher, wenn sie aus unabhängiger Forschung stammen. Eine derart gewaltige Diskrepanz ist sehr viel größer, als wir bei wissenschaftlichen Streitigkeiten als normale Bandbreite gewissermaßen akzeptieren können; tatsächlich ist das ein Hinweis auf Vertuschung. Natürlich kommen alle besonderes niedrigen Zahlen von Einrichtungen des Establishments, die wesentlich höheren Zahlen stammen alle von unabhängigen Forschern. Ich bin also der Meinung, dass wir es hier ganz offensichtlich mit einer Vertuschungsaktion zu tun haben. Die Zahlen der WHO empfinden sogar weite Teile der Öffentlichkeit als absurd, wie ich schon sagte. Tschernobyl ist als der schwerste Industrieunfall anerkannt und bestätigt, mit Freisetzungen, die um mehrere hundert Mal größer sind als die von Hiroshima und Nagasaki zusammengenommen. Ich könnte Ihnen ein Beispiel für diese Absurdität nennen: schauen wir uns die Liquidatoren einmal genauer an. Die Liquidatoren, nur um das unseren Hörern wieder in Erinnerung zu rufen, waren die Männer und Frauen, die ursprünglich herangeschafft worden waren, um den Brand zu bekämpfen. Es dauerte 10 Tage, bis dieses Feuer gelöscht war. Noch Jahre danach waren sie aber mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Diese Leute wurden als „Liquidatoren“ bezeichnet, was zwar ein fürchterlicher Name ist, aber so ist es nun einmal. Es waren ca 800.000 Liquidatoren aus der früheren UdSSR beteiligt, Männer und Frauen. Sie wurden großteils aus dem Militär rekrutiert und waren daher sehr jung: Das Durchschnittsalter betrug 33 Jahre – dies in Betracht zu ziehen ist sehr wichtig, wenn man sich die Mortalitä tsrate ansieht. Der oberste medizinische Rat der Russischen Föderation bestätigte bereits im Jahr 2001, dass 10% der Liquidatoren schon verstorben waren. Vergleichbare Zahlen, um die 10%, wurden auch von der Ukraine und Weißrussland gemeldet, wie auch von der Russischen Föderation. 10% von 800.000, dann ist man schon bei 80.000 Liquidatoren, die nun tot sind. Wir sprechen hier lediglich von den Liquidatoren – nicht von den am stärksten belasteten Bevölkerungsgruppen oder von den Menschen, die evakuiert wurden. Die Anzahl „50“ wird also immer aberwitziger.

LHL: Wie kann man diese massiven Unterschiede erklären?

AK: Das ist eine äußerst wichtige Frage, denn die Öffentlichkeit will das natürlich auch verstehen, sie ist verwirrt durch diese gewaltigen Diskrepanzen, das ist ja gut nachvollziehbar. Die Freisetzungen, die Fehler, das Frisieren der Daten – die Zahl ist Legion. Natürlich ist ein Teil der Erklärung, dass die WHO und die IAEO einfach nur drei sehr spezifische Bevölkerungsgruppen in den drei am stärksten betroffenen Ländern berücksichtigen. Es gibt keine wie auch immer geartete wissenschaftliche oder moralische Rechtfertigung, den Rest der Bevölkerung in diesen Ländern nicht zu berücksichtigen, den Rest von Europa (das stark verseucht wurde) und den Rest der Welt. Es ist zuerst einmal daran zu erinnern, dass 57% des Fallouts außerhalb der drei am stärksten betroffenen Länder niederging: Weißrussland, der Ukraine und Russland. In 13 europäischen Ländern wurden 50% des Territoriums gefä hrlich verseucht. Wie kommt es also, dass die WHO nicht das geringste Interesse zeigt, über die Gesundheitsauswirkungen in diesen europäischen Ländern zu berichten? Man könnte sagen, dass sie eben nicht daran interessiert ist, aus allen Ländern zu berichten, die USA eingeschlossen. Aber es gibt sogar aus den USA Berichte über die Auswirkungen, obwohl die beiden Amerikas jene Kontinente sind, die am wenigsten betroffen waren. Es gab aber sehr gut konzipierte Studien in den USA, wahrscheinlich hat Joseph Mangano, mit dem du bereits vor kurzem gesprochen hast, …

LHL: Das Gespräch mit dir ist eigentlich ein Teil einer zweiteiligen Serie, wir haben ein langes Interview mit Joseph zur Epidemiologie der WHO / IAEO Verbindung und er geht sehr detailliert auf die Studien ein und darauf, wie die Statistiken verfälscht wurden.

AK: Dies ist jene Art von Beweisführung, die nicht zurückgewiesen werden kann – wenn sie der Öffentlichkeit nur bekannt wäre. Ein weiterer Grund, wie diese Diskrepanzen erklärt werden können, besteht darin, dass die WHO nur Krebs berücksichtigt, und auch hier eigentlich nur den Schilddrüsenkrebs. Ich möchte da noch etwas zu den Erkrankungen mit Schilddrüsenkrebs bei Kindern sagen: wenn behauptet wird, dass 99% davon geheilt worden wären, dann ist dies eine abscheulich unehrliche Aussage. Selbst wenn Kindern der bösartige Schilddrüsentumor entfernt wurde, selbst wenn sie Thyroxin als Substitutionstherapie nehmen, so handelt es sich bei Kindern doch um einen sehr ernsten Befund. Wenn sie dies in ihrer Kindheit durchgemacht haben, und man weiß ja von der langen Latenzzeit bei Krebserkrankungen, werden sie ihr ganzes Leben lang mit schweren Gesundheitsstörungen belastet sein. Es ist schändlich von der WHO zu behaupten, dass 99% geheilt worden wären! Es gibt in diesem Zusammenhang keine Heilung, die diese Bezeichnung verdienen würde. Es handelt sich hier um Kinder, die sehr ernsthafte Gesundheitsprobleme haben. Schilddrüsenkrebs ist aber keinesfalls die einzige Krebsart. Es ist die eine Krebsart, welche die WHO nicht leugnen konnte, weil sie, ich weiß nicht, um das 50-, das 100fache angestiegen ist, anstatt sich nur zu verdoppeln. Die WHO berücksichtigt zwar ganz bestimmte Missbildungen, aber wiederum wurden diese Missbildungen extrem genau definiert, damit die Anzahl auf eine sehr kleine, winzige Nummer reduziert werden kann.

Es ist interessant, dass die WHO und das nukleare Establishment alle anderen Zahlen zurückweisen. Die Schätzungen unabhängiger Wissenschaftler werden als „unwissenschaftlich“ deklariert. Ob es sich nun um Greenpeace handelt oder um Mediziner aus Russland, um Forscher aus der ganzen früheren UdSSR, die WHO behauptet jedes Mal, dass seien Leute, die kein hohes wissenschaftliches Niveau hätten. Das ist deshalb ironisch, weil es die eine Kritik ist, die man gegenüber der UdSSR nicht haben kann: der wissenschaftliche Standard dort war extrem hoch, auch in der Medizin! Es ist sogar ganz besonders ironisch, denn die Wissenschaft dieses Establishments ist so fehlerhaft, so gespickt mit Auslassungen, dass sie gerechtfertigtermaßen eine Pseudowissenschaft genannt werden kann.

LHL: Kannst du uns ein paar Beispiele für diese Fehler und Auslassungen geben?

AK: Das Wichtigste ist, dass sie das falsche Modell benutzen. Sie haben über die letzten 50 Jahre hinweg das falsche Modell zur Ermittlungen von Gesundheitsfolgen benutzt, eigentlich seit Hiroshima. Wir nennen es das Hiroshima-Modell. Was ist in Hiroshima und Nagasaki ganz offensichtlich passiert? Es handelte sich um eine einmalige, massive, äußerliche Belastung. Nach Atomunfällen ist die Belastung aber eine andauernde, innere Verseuchung und die Dosis ist sehr gering. Die zentrale Desinformation liegt in der Weigerung, inkorporierte Niedrigstrahlung zu berücksichtigen. Diese zwei Arten der Belastung sind schlicht unvergleichbar, was die Schäden in biologischen Geweben auf molekularer Ebene betrifft.

Dr Chris Busby, ein britischer Wissenschaftler, der die Vertuschungen in Großbritannien angeprangert hat, hat einen wunderbaren Vergleich entwickelt, um einer breiten Öffentlichkeit den Unterschied nahezubringen: Es sei wie der Unterschied zwischen dem Sich-Wärmen an einem Kohlenfeuer und dem Verschlucken eines heißen Kohlenstücks. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die interne Belastung bei Tschernobyl 95% der Verseuchung ausmacht. Der Grund dafür liegt darin, dass die Radioaktivität nun im Boden ist – wohl auch in der Luft, hauptsächlich aber im Boden – und diese Menschen essen Lebensmittel, die in diesem verseuchten Boden angebaut und schließlich geerntet wurden. Wir sprechen hier vom Fleisch, vom Obst, vom Gemüse. Wir sprechen von der Nahrung aus dem Wald, den Pilzen und Beeren, daraus besteht ihre Ernährung; und das haben sie jetzt seit 1986 zu sich genommen. Dies wird nun in den Körpern der Menschen konzentriert, und es ist diese Anreicherung innerhalb von Organen, die so gefährlich ist; besonders aber für Kinder, denn Kinder sind wesentlich gefährdeter durch Radioaktivität. Obwohl das nukleare Establishment über Jahre hinweg den Unterschied zwischen innerer und äußerer Belastung geleugnet hat, haben sie dies nun anerkannt. Sie mussten es tun, ansonsten hätten sie sich lächerlich gemacht, denn alle Kernphysiker wissen, dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen einer inneren und äußeren Belastung gibt. Das ist die zentrale Kontroverse. Sogar die ICRP gibt zu, dass es keinen sicheren Grenzwert bei ionisierender Strahlung gibt. Wie könnte das auch sein? Denn alle ionisierende Strahlung ist erbgutschädigend. Es ist eine ganz grundsätzliche Unterschlagung in Bezug auf die Biologie der Strahlenbelastung, die darin besteht, dass alle Organsysteme des Körpers in Mitleidenschaft gezogen werden.

Ich glaube, ich habe vor ein paar Minuten bereits gesagt, dass Krebs das einzige Problem ist, das überhaupt in Betracht gezogen wird. Das ist absurd! Wir alle wissen – nun ja, die meisten von uns sollten wissen –, dass Strahlenbelastung das Immunsystem beeinflusst. Wenn sie aber das Immunsystem beeinflusst, dann werden alle Organsysteme beeinflusst: das Herz, die Verdauung, die Atmung, Drüsenfunktionen, die Muskeln, das Skelett, die Nerven, die Geschlechtsteile – und natürlich werden Missbildungen verursacht sowie Erbschäden. All das kommt zu den Krebserkrankungen noch hinzu.

LHL: Diese Informationen sind freilich absolut verheerend. Du hast das Frisieren von Daten erwähnt. Kannst du darauf noch etwas näher eingehen?

AK: Es gibt unendlich viele Varianten, wie die Daten verfälscht werden, die Spannbreite reicht von schamlos und skandalös bis subtil und unehrlich. Beginnen wir mit schamlos und skandalös: Es kam zur Fälschung und Unterdrückung von Datenmaterial. Unabhängige Forscher werden angegriffen, ein Beispiel ist natürlich Professor Bandaschewski, ein politischer Gefangener (prisoner of conscience), dessen Fall von Amnesty International aufgegriffen wurde. 2005 kam er aufgrund von internationalem Druck wieder frei. Es werden Studien ganz einfach unterdrückt, Geldmittel gestrichen. Tausende von Studien aus den betroffenen Ländern wurden einfach ignoriert, sie wurden nie aus dem Russischen und anderen slawischen Sprachen übersetzt. Die Anfangsdosis wurde ignoriert, sie wurde schlicht über die Bevölkerung verschiedener Gebiete gemittelt. Wissenschaftliche Untersuchungsbereiche wurden zur Gänze ausgeschlossen, wie zB inkorporierte Niedrigstrahlung, „heiße“ Partikel. Studien wurden nach 10 Jahren beendet, sodass Krankheiten, die eine lange Latenzzeit haben, ignoriert werden können. Eine Verringerung von kindlichen Krebserkrankungen wurde postuliert, obwohl diese Kinder einfach erwachsen geworden sind, also in dieser Datensammlung nicht mehr aufscheinen, usw usf. Es kam zu den unglaublichsten Verfälschungen bei Krebsstatistiken: Überall auf der Welt, sowohl in den betroffenen Ländern als auch in England, ebenso wie – daran habe ich gar keinen Zweifel – in den USA, in Frankreich, einfach überall.

Es gibt bei all diesen Vorgängen noch einen weiteren interessanten Aspekt, und dabei handelt es sich um eine besonders verabscheuungswürdige Argumentationskette, der sich das herrschende nukleare Establishment bedient, welche man aber unglücklicherweise nur schwer entlarven kann: im Grunde wird behauptet, dass die Gegenposition nie zu beweisen sein wird. Man werde niemals in der Lage sein zu beweisen, dass die Krankheiten, die bei verschiedenen Menschen auftreten, auf Radioaktivität zurückgeführt werden können. In gewissem Sinne haben sie sogar recht. Vor dem Hintergrund so vieler Krebserkrankungen ist ein Nachweis nur sehr schwer zu erbringen – beispielsweise haben wir Krebsarten, die durch chemische Schadstoffe verursacht werden. Es ist also häufig extrem schwierig, Einzelfälle mit absoluter Sicherheit auf radioaktive – im Gegensatz zu chemischer – Belastung zurückzuführen. Dennoch, unmöglich ist es nicht! Professor Jablokow erklärt die epidemiologischen Methoden, die er angewandt hat, um Krankheiten ganz klar mit Strahlenverseuchung in Zusammenhang zu bringen. Im Wesentlichen werden sozio-ökonomische Faktoren konstant gehalten, und dann vergleicht man die Krankheiten, die in Populationen auftauchen, welche in stark, mittel und schwach kontaminierten Gebieten leben. Hierbei handelt es sich um ganz einfache epidemiologische Verfahrensweisen, so etwas ist problemlos durchführbar. Und er hat es durchexerziert! Die Behauptung, dass man Krankheiten nicht auf radiologische Verseuchung zurückführen kann, ist demzufolge unrichtig. Diese Behauptung ist unwissenschaftlich, daher sprechen wir hier von Pseudowissenschaft.

LHL: Du beziehst dich auf das Buch: „Tschernobyl. Folgen der Katastrophe für Mensch und Umwelt“, das von Professor Jablokow geschrieben wurde, der bereits ein Gesprächspartner hier bei Nuclear Hotseat war, wie auch Professor Nesterenko und ein Doktor Nesterenko, die alle hervorragende Wissenschaftler sind. Herausgegeben wurde das Buch von Janette Sherman, die ihrerseits auch schon des Öfteren bei Nuclear Hotseat zu Gast war. Erzähle uns doch bitte, wovon das Buch handelt und was es so wichtig macht!

AK: Es ist ein enormes Werk, 330 Seiten stark mit 800 Quellenangaben. Es bezieht sich somit auf mindestens 5.000 wissenschaftliche Studien – auch wenn ich dazusagen muss, dass anscheinend mindestens 30.000 Studien im Internet abrufbar sind, wenn sich irgendjemand daran machen will, sie anzusehen. Ich glaube, dass es an diesem Punkt sinnvoll wäre zusammenzufassen, was dieses Buch über die gesundheitlichen Auswirkungen zu sagen hat. Es ist ein kurzes Zitat, aber meines Erachtens ist es wert, zur Gänze angeführt zu werden: „Tausende von unabhängigen Studien in der Ukraine, in Weißrussland und der Russischen Föderation sowie in vielen anderen Staaten, die in unterschiedlichem Ausmaß durch Radionuklide aus Tschernobyl verseucht wurden, haben einwandfrei festgestellt, dass es zu einem signifikanten Anstieg bei allen Arten von Krebserkrankungen gekommen ist, bei Krankheiten der Atemwege, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen und Krankheiten des Urogenitaltraktes, bei Krankheiten des Drüsen-, Immun-, Lymph- und Nervensystems, bei der pränatalen, perinatalen, Säuglings- und Kindersterblichkeit, bei spontanem Abortus, bei Deformationen und genetischen Abnormitäten, bei Störungen und Hemmungen in der geistigen Entwicklung, bei neuropsychischen Krankheiten und bei Blindheit.“ Dieser Anstieg ist nicht belanglos, er kann nicht einfach verworfen werden. Es ist auch nicht nur ein Anstieg um ein paar Prozent. Es ist eine Verdoppelung, eine Verdreifachung, eine Vervierfachung – in manchen Fällen sogar noch mehr. Warum ist das von so großer Bedeutung? Dies ist wirklich eine Bedrohung! Denn eine Veröffentlichung der New Yorker Akademie der Wissenschaften kann die Weltgesundheitsorganisation nicht einfach ignorieren. Die Akademie ist eine ehrwürdige Einrichtung, und ich möchte hier Janette Sherman meine Anerkennung aussprechen, dass sie dieses Projekt durchgebracht hat, denn ich zweifle nicht daran, dass es beträchtlichen Widerstand gegeben hat – es ist eine herausragende Leistung, dass sie die Publikation durchgesetzt hat. Es ist höchst interessant festzustellen, dass die Weltgesundheitsorganisation den Eindruck zu erwecken versuchte, die New Yorker Akademie der Wissenschaften habe sich irgendwie von dieser Veröffentlichung distanziert. Dabei handelt es sich um völligen Unsinn. Die New Yorker Akademie der Wissenschaften erklärt selbst, dass sie lediglich solches Material publiziert, dem sie wissenschaftliche Stichhaltigkeit zuschreibt. Ich würde also alle diese Verunglimpfungen, die sich gegen diese Veröffentlichung richten, nicht weiter ernst nehmen. Es ist eine Publikation der NYAS und das wird sie auch bleiben, ein historischer Beleg, und zwar deshalb, weil er als wissenschaftlich gültig eingeschätzt wurde.

Die Kritik, welche die Weltgesundheitsorganisation diesem Buch gegenüber formuliert hat, war folgende: Das Buch sei keinem Kreuzgutachten (peer review) unterzogen worden. Ich möchte dazu Stellung nehmen, denn das ist meiner Meinung nach sehr erhellend. Es handelt sich hier um groben Unfug. Bücher werden keinem Kreuzgutachten unterzogen. Kreuzgutachten werden bei wissenschaftlichen und medizinischen Artikeln durchgeführt, die in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erscheinen. Mit Büchern wird nicht so verfahren. Wir waren von diesem Kommentar so erzürnt, dass wir uns dazu entschlossen, die entsprechenden Kapitel zum Thema Sterblichkeitsrate des Tschernobyl Forums zu analysieren – man erinnere sich, beim Tschernobyl Forum handelt es sich um das abschließende Urteil des nuklearen Establishments zum Unfall von Tschernobyl – und mit dem Buch der NYAS zu vergleichen. Nun, was haben wir herausgefunden? 40% der Quellenangaben des Buches der New Yorker Akademie der Wissenschaften stammen aus Fachzeitschriften, die mit der Methode des Kreuzgutachtens arbeiten, während nur der sehr kleine Anteil von 18% im Buch des nuklearen Establishments aus Fachzeitschriften stammt, die mit eben dieser Methode arbeiten. Wenn die WHO also behauptet, im Buch der NYAS wäre keine ernsthafte Wissenschaft zu finden, dann ist das völlig falsch. Wenn es demnach irgendein Buch gibt, das dafür kritisiert werden könnte, dass es nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, die mit Hilfe von Kreuzgutachten geprüft wurden, dann ist es das Buch des nuklearen Establishments, das Buch des Tschernobyl Forum. Wir haben nur das Kapitel zum Thema Sterblichkeitsrate untersucht, es gibt freilich auch noch viele andere. Ich konnte nicht alle Abschnitte überprüfen, denn das hätte viel zu viel Zeit in Anspruch genommen, daher habe ich mich dazu entschlossen, lediglich einen Vergleich dieser zwei Kapitel zum Thema Sterblichkeitsrate zu durchzuführen.

LHL: Nachdem du nun ein klares Bild der WHO gezeichnet hast, indem du uns mit Hintergründen vertraut gemacht hast und mit dem Kontext, den man kennen muss, um ihre Handlungsweise zu verstehen, berichte uns doch bitte darüber, wie die WHO bei der Katastrophe von Fukushima verfährt.

AK: Unglaublich, wenn man die in der Öffentlichkeit bestehenden Zweifel in Betracht zieht. Sie verfahren wieder in genau derselben Art. Zwei Tage nach dem Unfall erklärte die WHO doch tatsächlich öffentlich, dass es keinerlei Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit gebe! Das ist eine Erklärung, die auf keiner wie auch immer gearteten Wissenschaftlichkeit beruht. Wissenschaft hat damit nichts zu tun. Tatsächlich hatten unabhängige Forscher aber bereits zu diesem Zeitpunkt verstanden, dass es in drei der Reaktoren zu Kernschmelzen gekommen sein musste. Sie wussten das auf Grund der Zusammensetzung der Emissionen. Inzwischen sind ihre Annahmen bestätigt worden. Weiters war vielen dieser unabhängigen Forscher die schreckliche Möglichkeit einer noch viel schlimmeren Entwicklung bei den Abklingbecken bewusst, welche riesige Mengen an abgebrannten Brennelementen enthalten. Wenn sich irgendjemand genauer mit dieser Problematik vertraut machen will, so muss er nur Arnie Gundersens Fairewinds Website besuchen.

LHL: Arnie Gundersen wurde letzte Woche bei Nuclear Hotseat interviewt, speziell zur Lage in Fukushima und dazu, was er unternehmen würde, wenn er die Verantwortung für die Anlage hätte, um sie so sicher zu machen, wie es zu diesem Zeitpunkt nur irgend möglich ist.

AK: Das ist sehr interessant und ich werde dem nachgehen, denn ich würde mir dieses Interview gerne anhören. Ich möchte aber noch einmal darauf zurückkommen, dass die WHO, als sie diese aberwitzige Erklärung verlautbarte, es gebe keine gesundheitlichen Auswirkungen, dies auf der Grundlage von keinerlei wie auch immer gearteten Informationen tat. Ich glaube, dass es von größter Wichtigkeit ist zu begreifen, dass sie nicht informiert waren. Die Information war aber verfügbar, und zwar von unabhängigen Forschern rund um die Welt.

Die WHO hat nun zwei Berichte zu Fukushima veröffentlicht: beim ersten geht es um die Einschätzung der Belastungen, diese hängen von den vorläufigen Dosiskalkulationen ab. Beim zweiten, der sich auf diese Dosisabschätzungen stützt, geht es um die zu erwartenden gesundheitlichen Auswirkungen. In Wirklichkeit beziehen sich also beide auf dieselben Daten. Diese Berichte wurden von allen möglichen Leuten harsch kritisiert, ich bin aber besonders an den kritischen Kommentaren von der IPPNW interessiert. IPPNW, das ist die Internationale Vereinigung von Ärzten mit dem Zweck der Verhinderung eines atomaren Krieges. Zwei exzellente Kommentare wurden von Alex Rosen verfasst, es lohnt sich, diese nachzulesen. Sein erster Kritikpunkt besteht darin, dass die Abschätzungen des Umfanges der Freisetzungen von Radionukliden durch die WHO niedriger angesetzt sind, und zwar beträchtlich niedriger – um 50% bis 80% niedriger – als die Abschätzung aller anderen, die Abschätzungen von TEPCO mit eingeschlossen! Darüber muss man sich wirklich wundern, du meine Güte, die WHO versucht hier doch tatsächlich, die allerniedrigste Zahl anzugeben. Sein zweiter Kritikpunkt besteht darin, dass zwei essentielle Bevölkerungsgruppen ignoriert werden. Die erste sind die Menschen innerhalb der 20 km Zone, deren Belastung vor und während der Evakuierung sehr, sehr hoch gewesen sein muss. Die zweite besonders betroffene Gruppe sind die Arbeiter, die sich während des Unfalls und in den darauf folgenden Tagen und Wochen in der Anlage aufhielten. Dies sind die zwei zentralen Personengruppen, deren Belastungen zu berücksichtigen gewesen wären. Warum wurden sie nicht berücksichtigt? Wir haben darauf keine Antwort.

Nun, in diesen Berechnungen der WHO wird von einem einzigen geschätzten Dosisbereich ausgegangen, faktisch werden dadurch die Belastungswerte von Kindern und Erwachsenen gemittelt. Dies ist wissenschaftlicher und medizinischer Unsinn, da Kinder um vieles gefährdeter sind. Es ist absolut inakzeptabel, Richtwerte für Arbeiter in der Atomindustrie oder für die Gesamtbevölkerung heranzuziehen, als ob diese unter Umständen auch für Kinder Gültigkeit besäßen – aber so wurde es gemacht. Am schwerwiegendsten ist aber der Umstand, dass die Weltgesundheitsorganisation die Einführung eines Grenzwertes von 20 mSv pro Jahr durch die japanische Regierung akzeptiert hat, trotz der Tatsache, dass der international gültige, von der ICRP , der internationalen Strahlenschutzkommission, vorgegebene Grenzwert bei einem mSv pro Jahr liegt. Was Kinder anlangt, ist dieses Vorgehen kriminell. LHL: Diese Anpassung des Grenzwertes, also die Anhebung um das Zwanzigfache, wurde die nach dem Unfall gemacht?

AK: Ganz genau. Als die japanische Regierung erkannt hatte, dass Teile der Bevölkerung in Gebieten leben, in denen der Grenzwert von einem Millisievert niemals eingehalten werden kann, und in dem Bewusstsein, dass sie keinesfalls in der Lage wäre, eine derart riesige Anzahl von Menschen zu evakuieren, was hat sie da stattdessen getan? Sie hat das „akzeptable Niveau“ angehoben! Dies ist aber eine ganz außergewöhnliche Vorgehensweise, denn die internationalen Grenzwerte werden von der ICRP erstellt. Ja, deine Frage ist wichtig, sie hat ihn nach dem Unfall hinaufgesetzt. Es ist äußerst verwunderlich, dass die WHO diese Entscheidung der japanischen Regierung mehr oder weniger gebilligt hat.

Außerdem ignoriert die WHO die alarmierenden Berichte über krankhafte Schilddrüsenveränderungen bei Kindern. Nun, bei diesen Veränderungen der Schilddrüse handelt es sich um die ersten Krankheitsanzeichen, die nach einem Atomunfall diagnostiziert werden können. Und tatsächlich haben japanische Forscher berichtet, dass 44% der japanischen Kinder sehr bedenkliche Veränderungen in Form von Knoten und Zysten in der Schilddrüse aufweisen – dies sind mögliche Vorläufer von Schilddrüsenkrebs. 44% der Kinder in diesem Zustand vorzufinden ist eine ungeheuerliche Entdeckung: Diese Erkenntnis sollte öffentlich verbreitet werden, und zwar nicht nur in Japan, sondern weltweit. Wenn die WHO diesen Umstand in ihrem Bericht über Gesundheitsauswirkungen aber nicht einmal erwähnt, dann erfüllt sie nicht ihre Aufgabe.

Wir haben also gesehen, dass die WHO die japanische Regierung in keiner Weise kritisiert. Es ist aber interessant festzustellen, dass es Gott sei Dank wenigstens eine Person in der UN-Familie gibt, die ihren Job aufrichtig ausfüllt. Die Fahrlässigkeit der Japaner wurde vom Sonderberichterstatter des Rechts auf Gesundheit heftig kritisiert. Es handelt sich dabei um einen Mann namens Anand Grover, den derzeitigen Sonderberichterstatter. Seine Schriftstücke im Internet zu studieren ist ein weiteres lohnendes Unterfangen. Er hat zum Beispiel auf das Versäumnis der Berücksichtigung der sogenannten SPEEDI Daten hingewiesen – dabei handelt es sich um Daten, über welche die japanische Regierung verfügte, um das Ausmaß der Verstrahlung in den verschiedenen Verwaltungsbezirken des Landes festzustellen und interpretieren zu können. Es wurde verabsäumt, diese Daten zu nutzen, mit dem folgenden, irrwitzigen Resultat: Menschen wurden aus Gebieten in andere Gebiete evakuiert, obwohl sich herausstellte, dass letztere viel stärker verstrahlt waren als ihr Zuhause; all dies, weil die SPEEDI-Daten ignoriert wurden, die klar anzeigten, dass der Wind die Radioaktivität in jene Gebiete getragen hatte, in die evakuiert wurde. Wir sprechen hier also von krimineller Fahrlässigkeit.

Man hat es unterlassen, die Vergabe von Iod durchzuführen. Jeder weiß, dass man Iod an Kinder auszugeben hat, welches dann innerhalb von 24 bis 48 Stunden eingenommen werden muss. Die Einnahme von Iod eine Woche später ist völlig nutzlos. Die japanische Regierung hat also bei der Vergabe von Iod vollkommen versagt, doch die WHO hatte dazu nichts zu sagen.

Des Weiteren durchzieht den Text der WHO die Annahme, es gebe einen sicheren Grenzwert. Das widerspricht allen Autoritäten im Atombereich, sogar der ICRP, sogar BEIR in den USA, also euren Atomexperten, die bestätigen, dass kleinste Mengen radioaktiver Strahlung Schädigungen von Gewebe und Mutationen im Erbmaterial hervorrufen können. Dass die WHO also schlechter arbeitet als die Atombehörden der USA und die ICRP ist wirklich allerhand. Alex Rosen zitiert ein paar amüsante Fälle, so zum Beispiel: Die WHO hätte eigentlich das Ausmaß der Belastung von Lebensmitteln durch Radionuklide überprüfen sollen, etwa in Eiern. Er berichtet, dass man alles in allem 17, noch einmal, eins–sieben, 17 Eier untersucht hat. Die Kontrolle [? unverständlich; AdÜ] rund um Fukushima ist mickrig, sie ist erbärmlich, aber sie ist außerdem kriminell. Das Phänomen der Anreicherung in lebenden Organismen wie zB in Fisch wurde ignoriert. Es handelt sich hier um fundamentales Wissen, über das eine große Anzahl von gebildeten Laien durchaus verfügt. Fisch ist ein wichtiger Bestandteil der Ernährung in Japan und wir alle wissen, dass sich Radioaktivität am Ende der Nahrungskette in Fisch anreichert.

Dies sind also entsetzliche Kritikpunkte, die man dem WHO-Bericht anlasten muss. Ein weiterer besteht darin, dass die anhaltenden Probleme in der Anlage nicht erwähnt werden. Alex Rosen beschließt seinen Bericht damit, dass er angibt, wer die Autoren dieses WHO-Berichts waren. Nun, es soll sich dabei um 30 internationale Experten handeln, und ich zweifle nicht daran, dass es sich dabei um 30 internationale Experten handelt. Aber jeder einzelne von ihnen arbeitet für dieses nukleare Establishment, die meisten für die IAEO. Viele arbeiten natürlich auch für nationale Aufsichtsbehörden.

So kommen wir wieder auf das Hauptthema unserer Unterredung zurück, nämlich die Interessenkollision. Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit werden vom nuklearen Establishment verwaltet, kontrolliert und gelenkt. Meiner Meinung nach kann es gar kein eindeutigeres Beispiel für einen Interessenkonflikt geben.

LHL: Welche Berichterstattung hat es über die Independent WHO und eure Sichtweise auf das Atomthema gegeben?

AK: Das französische Fernsehen war bei uns, auch das schweizerische, es gab Radioberichte. Was wir aber natürlich sehr gerne hätten, wäre eine einstündige Dokumentation über die Mitwirkung der WHO bei dieser fürchterlichen Vertuschung. Es gab eine große Anzahl von Angeboten verschiedener Fernsehsender, aber noch ist es nicht dazu gekommen.

LHL: Die Zuhörer von Nuclear Hotseat befinden sich buchstäblich auf fünf Kontinenten. Wie können wir am besten mit der Independent WHO zusammenarbeiten?

AK: Es sind zwei Dinge. Das Allererste ist, die Website von Independent WHO zu besuchen. Das ist ganz einfach, man googelt „Independent WHO“ und wird sofort fündig werden, die Website existiert in verschiedenen Sprachen, darunter natürlich Englisch. Das Zweite ist, dass man sich unseren Blickwinkel zu eigen machen sollte, der die öffentliche Gesundheit in den Mittelpunkt stellt. Man sollte versuchen zu begreifen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen immer noch vor der Öffentlichkeit verheimlicht werden; das bedeutet, das nukleare Establishment hat der Öffentlichkeit und den Wissenschaften essentielle medizinische und wissenschaftliche Informationen vorenthalten. Anders gesagt, dabei handelt es sich um ein wissenschaftliches Verbrechen. Die aktuelle Krebsepidemie ist eine Folge der Umweltverschmutzung, der chemischen und radioaktiven Verseuchung. Ich glaube, wenn die Öffentlichkeit zu verstehen beginnt, welche Folgen für die Gesundheit und die Umwelt als Konsequenz aus Tschernobyl, Three Mile Island, Fukushima – durch die Betriebsweise von Atomreaktoren ganz allgemein – zu gewärtigen sind, dann wären sie wohl empört, denn sie glauben wirklich, dass man ihnen die Wahrheit sagt. Von dem Moment an, in dem sie herausfinden, dass dem nicht so ist und dass ihnen die gesundheitlichen Auswirkungen vorenthalten wurden, ist das ein nützlicher Zugang für Anti-Atom-Aktivisten.

LHL: Das war Alison Katz von der Independent WHO. Nächste Woche präsentiert Nuclear Hotseat den zweiten Teil über die unheilige Allianz zwischen WHO und IAEO, ein ausführliches Interview mit Joseph Mangano vom Radiation Public and Health Project. Mit Dr Rosalie Bertells Analyse als Ausgangspunkt zerlegt Joe die epidemiologischen Aussagen der IEAO und enthüllt ihre gut geplanten Atomlügen. Das wird dann Nuclear Hotseat Nummer 119, der am 22. September 2013 erscheint. Unser Dank geht an Cindy Volkers von Beyond Nuclear für ihre Unterstützung.

Dies war der Nuclear Hotseat vom Dienstag, dem 17. September 2013. Unser Archiv findet man auf iTunes oder nuclearhotseat.com. Copyright 2013, Libbe HaLevy und Heartistry Communications.

Alle Rechte vorbehalten, Nutzung aber gestattet, solange meine Urheberschaft, das Podcastprogramm und die Website namentlich aufscheinen. Dies ist Libbe HaLevy von Heartistry Communications, die Sie daran erinnert, dass wir alle, was die Atomindustrie angeht, aus unserem Schlaf geweckt worden sind. Schlafen Sie also nicht wieder ein, denn wir alle sitzen inzwischen auf dem heißen Stuhl, den uns die Atomtechnik beschert hat.

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Fukushima ist offensichtlich ein Problem, das nicht mehr verschwinden will ...
Interview mit Arnie Gundersen, Voice of Russia, 14. Oktober 2013

Voice of Russia: Versteht überhaupt irgendjemand die eigentlichen Probleme, die durch das Desaster in Fukushima entstanden sind? Und gibt es sonst noch etwas, das der Aufklärung bedarf?

Arnie Gundersen: Das Ganze ist offensichtlich ein Problem, das nicht mehr verschwinden will. Es besteht aus drei oder vier Teilbereichen. Wasser sammelt sich in 1.000 Tanks an, jeder Tank enthält 1.000 Kubikmeter Wasser und es gibt also 1.000 Stück von diesen Tanks, wobei einige undicht sind. Dieses Wasser versickert unmittelbar im Boden. Das ist Problem Nr. 1.
Problem Nr. 2 ist aber, dass die Untergeschosse der Gebäude ebenfalls undicht sind und dass dort als Folge der Kernschmelzen vor zwei Jahren die Strahlung weiterhin sehr hoch ist. Das heißt, dass eindringendes Grundwasser mit dem radioaktiven Material in Kontakt kommt und deshalb sind nun alle Gebäude auf der Anlage hoch radioaktiv. Der Lösungsvorschlag von Tokyo Electric [TEPCO, AdÜ] besteht darin, rund um die betroffenen Reaktoren einen 2 km langen Eiswall zu errichten. Das Problem dabei ist allerdings, dass sie dazu mindestens zwei Jahre benötigen werden. Die derzeitigen Probleme werden sich in den kommenden beiden Jahren also noch verschärfen, erst danach könnte Tokio Electric ansatzweise eine Verbesserung der Lage erreichen.

VoR: Ist ein solcher Eiswall in diesem Fall die beste Lösung oder gibt es etwas, das schneller und effektiver wäre?

A.G.: Ich habe vor zwei Jahren eine Idee vorgestellt, die besser gewesen wäre. Meine Vorschlag war: Anstatt Wasser daran zu hindern, in den Pazifik auszutreten, besteht die richtige Lösung darin, sauberes Wasser daran zu hindern, überhaupt erst in die Gebäude einzudringen. Es ist wie bei einer Badewanne. Tokyo Electric hat sich entschieden, die Seiten der Badewanne höher zu ziehen, um das Wasser in der Wanne zu halten. Mein Vorschlag läuft darauf hinaus, den Wasserhahn abzudrehen, sodass die Badewanne erst gar nicht voll läuft. Mir wurde vor zwei Jahren erklärt, Tokyo Electric könne das nicht finanzieren. Aber die Lösung, die sie jetzt vorschlagen, kostet wesentlich mehr.
Das führt an die eigentliche Wurzel des Problems, ihre Frage trifft genau ins Schwarze. Tokyo Electric ist kein Ingenieurbüro; sie wurden dazu aufgefordert, als Ingenieurbüro zu fungieren, tatsächlich sind sie aber einfache eine Betreibergesellschaft. Und zu allem Überfluss haben sie nicht genug Geld! Die japanische Regierung stellt für angemessene Aufräumarbeiten zu wenig Mittel zur Verfügung. Wir haben es also mit einer ungeeigneten Firma, die noch dazu von der japanischen Regierung nicht ausreichend finanzielle Unterstützung erhält, zu tun. Solange diese beiden Probleme nicht gelöst sind, wird es auch weiterhin zu Leckagen und anderen Problemen bei den Gebäuden kommen.

VoR: Wie groß ist die Gefahr für die restliche Welt und warum sind eigentlich die Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft nicht eingesprungen um Hilfe anzubieten, finanzielle Hilfe oder auch technische Unterstützung anzubieten, um bei der Bewältigung dieser Katastrophe zu helfen?

A.G.: Die japanische Regierung hat nicht um Hilfe gebeten; ich weiß nicht, ob aus Stolz oder aus Angst davor herauszufinden, wie schlimm die Dinge wirklich liegen. Erst letzte Woche hat Premierminister Abe um Hilfe gebeten. Aber ich bin von drei amerikanischen Firmen kontaktiert worden, die sich bemüht und geradezu darum gebettelt haben, ihre Technologie weitergeben zu dürfen – und sie wurden von den Japanern abgewiesen. Ich kann deshalb nicht mehr glauben, dass die Japaner eine angemessene Lösung wollen, weil sie sich eine solche gar nicht leisten können.
Und im Hinblick auf die ökologischen Folgen für den Pazifik – wir verseuchen den Pazifischen Ozean radioaktiv. Es war schon einiges an Cäsium durch die Atombombentests im Pazifik, hauptsächlich von den US-amerikanischen und russischen, aber auch anderen Testprogrammen; durch Fukushima kommt aber noch das zehnfache an Cäsium hinzu, als in der Zeit vor der Katastrophe bereits vorhanden war. Und dieses Cäsium arbeitet sich durch die Nahrungskette nach oben. Zuerst werden die Organismen am Grunde des Ozeans kontaminiert und dann die, die sich davon ernähren, und schlussendlich wird die Radioaktivität in jenen Fischen auftauchen, die in der Futterkette ganz oben stehen, im Lachs und im Thunfisch.

Verbessertes Transkript engl + Übersetzung dt: --> download (pdf)
Radio: http://cdn.ruvr.ru/download/2013/10/14/19/14102013_ONAIR_Arnie_Gundersen_Fukushima.MP3

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2 ½ Jahre Fukushima – eine Zwischenbilanz

1) Seit mehr als 2 Jahren fließt radioaktiv verseuchtes Grundwasser in den Pazifik. Dadurch, dass die Klippe beim Bau von Fukushima um 25 m abgegraben wurde, stehen die Reaktor-Fundamente im Grundwasser. Zumindest bei Reaktor 1 ist mittlerweile klar: Das Grundwasser zieht durch den Keller des Reaktors, dessen Kern geschmolzen ist und im Grundwasserstrom liegt. Wasser aus Reaktor 1 wird in die Tanks am Gelände gepumpt, dadurch strömt weniger verseuchtes Grundwasser in den Pazifik.
Die Menschheit ist noch weit davon entfernt, das in den Griff zu bekommen. Und Japan ist von einer Lösung weit entfernt.
Das allerdings trifft mittlerweile eine wichtige Nahrungsquelle der Menschheit – den Pazifik.

2) Das 25 m über dem Erdboden hängende Abklingbecken in Reaktor 4 wurde – nach Drängen von Außen – im Frühjahr 2012 als Gefahr ausgemacht. Ab November 2013 sollen die Brennelemente geborgen werden. Die Welt beginnt zu realisieren, was bei dieser Millimeterarbeit ohne Computerunterstützung auf dem Spiel steht. Es müssen 1500 Brennelemente, davon 200 ungebrauchte, entfernt werden, ohne dass es zu Wasserverlust im Becken oder zu einer Kettenreaktion [200 neue Brennelemente] kommt.
Kommt es zu einem nuklearen Brand [Nachzerfallswärme] und zur Zerstörung des Beckens, wird tonnenweise höchst radioaktives Material freigesetzt.
Kann das Gelände danach noch irgendwie unter Kontrolle gehalten werden?
Auch hier: Es trifft unmittelbar eine wichtige Nahrungsquelle der Menschheit – den Pazifik.
Dennoch: Die Menschheit [vertreten durch die erfahrensten Techniker/Wissenschaftler aus Russland, den USA, Frankreich, Deutschland ...] kann das noch irgendwie in den Griff bekommen. Japan wird es nicht schaffen.

3) Im Sommer 2013 wurde von den Tanks berichtet, die seit 2011 auf dem Gelände errichtet werden und mit hoch kontaminiertem Wasser aus den Reaktoren (nur Reaktor 1?) befüllt werden. Mehrere Tanks wurden undicht, die Wasserpfützen waren hoch radioaktiv.
Kollabieren diese Tanks bei einem starken Erdbeben, bedeutet das für das Gelände eine extreme Strahlenbelastung.
Kann das Gelände danach noch irgendwie unter Kontrolle gehalten werden?
Und auch hier gilt: Es trifft unmittelbar eine wichtige Nahrungsquelle der Menschheit – den Pazifik.
Allerdings: Die Menschheit [vertreten durch die erfahrensten Techniker/Wissenschaftler aus Russland, den USA, Frankreich, Deutschland ...] kann das noch irgendwie in den Griff bekommen. Japan wird es nicht schaffen.

4) Die geschmolzenen Kerne in den Reaktoren 1, 2, 3 fressen sich in die Fundamente. Solange Hitze/Neutronenfluss mit Wasser/Bor/etc. kontrolliert werden können, wird es zu keiner wesentlichen Hitzeentwicklung samt Dampfentwicklung kommen. Gelingt das nicht mehr, folgt eine Dampfexplosion.
Steht das zur Diskussion?
Und was ist da im Griff?

Shinzo Abe, Japans Premierminister, muss nach der Tokio-Olympia-Euphorie nun doch um weltweite Hilfe bitten. Kann das als gutes Zeichen gewertet werden? Nein – aber es ist die letzte Chance für den Pazifik.

Stand: 14.10.2013

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VERTUSCHEN, VERHARMLOSEN, WEGSCHAUEN – NUR AM MEER GIBT ES TSUNAMIS!
ODER?

In einem Aufsehen erregenden Fall klagte PEER (Public Employees for Environmental Responsibilty; US Organisation Beamte für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt) im August 2013 die Atomaufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) auf Veröffentlichung von Untersuchungen, die nachweisen, dass es im Falle eines Dammbruches bei stromabwärts gelegenen AKWs durch die so entstehende Flutwelle zu Kernschmelzen und Strahlenfreisetzungen im Ausmaß des Unfalls von Fukushima kommen könnte. Der Zeithorizont für die zu erwartenden Kernschmelzen beträgt im meistgefährdeten AKW Oconee (drei Reaktorblöcke) nur wenige Stunden, die Frist bis zu ersten Freisetzungen radioaktiver Isotope wohl nur wenig länger, wie die Erfahrungen in Fukushima belegen. PEER stellt fest, dass ein Drittel der gesamten Reaktorflotte der USA von diesem Risiko betroffen ist & ndash; explizit genannt werden die Anlagen von Watts Bar, Prairie Island und Fort Calhoun. Verschärfend kommt hinzu, dass durch die bei einer derartigen Katastrophe zu erwartende weiträumigen Beeinträchtigung der Infrastruktur auch ein Großteil der Evakuierungspläne zu reiner Makulatur werden dürfte.

Grundsätzlich sind bei all den genannten im Inland gelegenen Kraftwerken zwei Sachverhalte zu bedenken: Einerseits, dass sie rundherum von fruchtbarem, bewohntem Land umgeben sind - ein Großteil des radioaktiven Materials wird bei einer atmosphärischen Freisetzung also zwangsläufig über Ansiedlungen und landwirtschaftlich genutztem Gebiet niedergehen. Wie Fukushima darüber hinaus gezeigt hat, fallen bei dem Versuch, durchgeschmolzene Reaktoren abzukühlen, gigantische Mengen an hochkontaminiertem Wasser an. Dieses endet bei einem AKW, das an einem Binnengewässer gelegen ist, zwangsläufig im nächstgelegenen Fluss. Die Auswirkungen auf das Grundwasser und stromabwärts gelegene Landstriche sind bei einer Intensität der Verseuchung, wie sie in Fukushima seit Beginn der Katastrophe ununterbrochen zu verzeichnen ist, schlichtweg unvorstellbar.

Die Atomaufsichtsbehörde, der diese Problematiken seit Jahren bekannt sind, hat es nun nicht nur verabsäumt, die entsprechenden Unterlagen der betroffenen Bevölkerung als Entscheidungsgrundlage für eine realistische Einschätzung der Sicherheit bzw Unsicherheit von Atomanlagen aktiv zugänglich zu machen (wie man es von einer Institution erwarten sollte, welche die Förderung von Transparenz und Sicherheit der Bürger in Bezug auf Atomanlagen zur Aufgabe hat), sondern sie hat ganz im Gegenteil den Zugang zu einschlägigen Unterlagen über das Risiko von Dammbrüchen seit mindestens einem Jahrzehnt fortlaufend immer weiter eingeschränkt – zum Teil gegen die Empfehlungen hauseigener Mitarbeiter. Den Betreibern von gefährdeten AKWs wurden keine verbindlichen Auflagen gemacht, die Sicherheit ihrer Anlagen auch für den Fall dieses jederzeit möglichen Störfalles zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Dammbruch im Fall von Oconee rein rechnerisch höher ist, als es die Wahrscheinlichkeit für einen verheerenden Tsunami in Fukushima jemals war.

Die Atomaufsichtsbehörde NRC verweigert nun weiterhin die Herausgabe der vollständigen und unzensierten Information und verschanzt sich hinter einem Paragraphen, der eigentlich zum Schutz von betriebsinternen Kritikern gedacht war. Dies ist geradezu albern und daher wurde gegen diese Schutzbehauptung Klage eingereicht. Insgesamt legen die Vorgänge aber den Schluss nahe, dass die Behörde durch die Verweigerung der Herausgabe aller relevanten Akten ihr eigenes rechtswidriges Handeln vertuschen will.

Wir werden vom weiteren Verlauf der Ereignisse berichten.

Quelle:
http://www.peer.org/news/news-releases/2013/08/15/lawsuit-to-ventilate-reactor-inundation-nightmare-scenarios/#.UkiSmBxHJEs.facebook)

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Brief einer japanischen Mutter an die UNSCEAR

24. September 2013

福島市出身のお母様(事故後2年4か月で他県に移動)から国連科学委員会への手紙
A mail to UNSCEAR from a mother who used to stay in Fukushima City (60km west of NPP) for more than 2 years
Ein Brief an die UNSCEAR von einer Mutter, die mehr als zwei Jahre lang in Fukushima-Stadt geblieben ist (60 km westlich vom Atomkraftwerk)

私は福島市出身で原発事故当時も福島に住んでいました。
I am from Fukushima City and I was there at the time of Fukushima nuclear accident.
Ich bin aus Fukushima-Stadt und ich hielt mich dort auf, als sich die Atomkatastrophe in Fukushima ereignete.

事故から2年後の今年の春、一気に家族の体調が悪くなり事故後、喉のつまりと痰が絡むのが続いていたのに加え、空咳が止まらなくなり病院で検査してもらいましたが原因不明。
Spring of 2013, 2 years after the accident, members of my family had deteriorated health all at once. We continued to have stuffed throat with phelm, could not stop dry coughing. We had medical inspection at a hospital, but the doctor couldn't tell the cause of our symptoms.
Im Frühjahr 2013, zwei Jahre nach der Katastrophe, hatte sich bei all meinen Familienmitgliedern der Gesundheitszustand verschlechtert. Wir hatten ständig einen entzündeten und schleimigen Hals, der trockene Husten wollte nicht aufhören. Wir wurden im Krankenhaus untersucht, aber der Arzt konnte uns keinen Grund für diese Symptome nennen.

私と同じ症状で原因不明の患者さんがとても多いと言ってました。
However, the doctor said that there are many patients who show the same symptom with unknown causes.
Der Arzt sagte allerdings, dass es viele Patienten mit denselben Symptomen gäbe, deren Ursache aber nicht bekannt sei.

子供は足の裏の骨の痛みを訴えるようになり周りの方に聞くと子供も大人も同じ症状が出ている。
My child began to complain pain in his foot bones and I heard many people including children and adults have the same syptoms.
Mein Kind begann über Schmerzen in den Beinknochen zu klagen und ich hörte, dass viele Leute – Kinder und Erwachsene – dieselben Symptome hatten.

病院に行っても原因不明と。
Again, doctors told us that they didn't know the reason.
Ich wiederhole: Die Ärzt haben uns erklärt, dass sie die Ursache nicht kennen.

そして私も線量の高い地区を仕事で歩いていたら足の裏の骨の痛みに加え手足のあらゆるところの骨が痛みだしイタイイタイ病のようになりドアの開閉も出来ない位痛みました。
I myself had bone pains all over my arms and legs after I worked in high-dose areas.  The pain was so fierce and I could not open and close a door even.  It was like Itai-Itai (Ouch-Ouch) disease.
Ich selbst hatte Knochenschmerzen in Armen und Beinen, nachdem ich in hochbelasteten Gebieten gearbeitet hatte. Der Schmerz war äußerst heftig und ich konnte nicht einmal mehr eine Tür öffnen oder schließen. Es war wie bei der Itai-Itai-Krankheit (Ouch-Ouch-Krankheit).

(翻訳者メモ:イタイイタイ病はカドミウムが原因であり、原子炉では中性子制御材としてカドミウムが使われている。)
(Translator's Note: Ouch-Ouch disease is caused by cadomium, which is used as neutron-control agent in nuclear reactor.  )
(Anmerkung des Übersetzers: Die Ouch-Ouch-Krankheit wird durch Cadmium verursacht, das in Atomreaktoren für die Kontrolle des Neutronenflusses verwendet wird.)

怖くなり線量の高い地区を歩くのを止め一週間で痛みはなくなりましたが腕や足の皮膚を針で刺すようなチクチクという痛痒さはずっと続いてました。
I became scared and stopped walking in high-dose area, then the pain stopped after a week.  However, on my arms and legs, painful and itchy sensation as if being touched by needles continued for a while.
Ich wurde wachsam und ging nicht mehr in stark belastete Gebiete. Daraufhin hörten die Schmerzen nach einer Woche auf. Allerdings hielt sich in Armen und Beinen noch eine Weile ein Schmerzempfinden, ein Juckreiz – wie von Nadelstichen verursacht.

息子と私はその後吐き気と頭痛が続き、息子は血圧低下、血尿が続き原因不明。
After that, my son and I had continued naucea and headaches.  My son had lowered blood pressure and bloody urine, too.
Danach litten mein Sohn und ich ständig unter Übelkeit und Kopfschmerzen. Mein Sohn hatte niedrigen Blutdruck und außerdem Blut im Urin.

家族で7月に県外に避難後1か月過ぎてから体調がよくなりました。
My family moved out of Fukushima in July. One month afterwards, we all became better.
Meine Familie verließ im Juli Fukushima. Ein Monat später ging es uns wieder besser.

私達と同じ症状の方たちがとても増えています。
However in Fukushima, there is a sharp increase of people who show the same symptoms.
Allerdings wächst in Fukushima die Zahl der Menschen schnell, die dieselben Symptome haben.

鼻血が止まらなくなりなる子もとても増えています。
There is a much increase of children who has prolonged nose bleeding.
Es sind immer mehr Kinder, die ständig an Nasenbluten leiden.

急性心筋梗塞で亡くなる方もとても増えています。
The number of people who died of acute myocardial infarction is increasing.
Die Zahl der Menschen wächst, die an Herzinfarkt sterben.

放射能で健康被害が出ていないというのは国が何もなかった事にしようとしていると皆口を揃えて言っています。
Everybody is saying that the government is trying to make up a story where nothing had happened to people's health by just saying, "Radiation did not affect health."
Alle sind sich darüber im Klaren, dass die Regierung versucht uns weiszumachen, dass die Gesundheit der Menschen nicht gefährdet sei, indem einfach gesagt wird: "Die Strahlung hatte keine Auswirkungen auf die Gesundheit."

行政ではなく市民一人一人の声を聞いて下さい。
In stead of listening to such government, please do listen to each citizen's voice.
Hören Sie nicht auf diese Regierung. Hören sie bitte auf die Stimme der Bürger.

子供達も大人もとてもとても辛く苦しい思いをしています。
Both children and adults have been suffering tremendously.
Alle, Kinder und Erwachsene, haben furchtbar gelitten.

どうかちゃんと調べて下さい。お願いします。
Please do conduct a real health survey.
This is my earnest hope.
Führen Sie bitte eine glaubwürdige Untersuchung im Hinblick auf die Gesundheitsgefährdungen durch.
Das ist meine größte Hoffnung.

福島の母より
A mother from Fukushima
Eine Mutter aus Fukushima.

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Fukushima – zwei verlorene Jahre


Die Informationspolitik des japanischen Atomdorfs diktiert der Weltöffentlichkeit, was Sache ist, fernab aller Realität. Ist irgendeine der UNO-nahen Institutionen (IAEO, WHO, UNSCEAR …) gewillt und imstande, die Situation in Unabhängigkeit darzustellen? Nein. Ist die EU zu einem unabhängigen Bild fähig? Nein. Sind die USA dazu fähig? Nein. Wer – außer einigen unabhängigen Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Organisatio­nen – ist dazu fähig?

Es hat mehr als 2 Monate gedauert, bis die 3 Kernschmelzen von Fukushima im Mai 2011 offiziell waren.
Es hat mehr als 2 Jahre gedauert, bis die radioaktive Verseuchung des Pazifiks im August 2013 offiziell wurde.


Die Handelnden von Fukushima sind überfordert, sie laufen im Kreis. Japan verschanzt sich hinter nationalen Positionen. Die Welt wiederum verdankt es diesem Nationalismus, dass sie sich die Hände in Unschuld waschen darf. Es ist in den vergangenen zwei Jahren nicht gelungen, die Arbeiten in Fukushima in die Hand einer internationalen Expertenkommission zu legen.

Die Logik von Fukushima – die auf 3 Kernschmelzen, schwerst beschädigten Abklingbe­cken und gut 14.500 Brennelementen beruht – kennt keine Gnade und wird auch keine Rücksicht darauf nehmen, dass viele zur Freude der Atomwirtschaft dieses Thema nicht mehr hören können, die Nase voll haben.

Unterm Strich: Wir haben zwei Jahre verloren.


Grundwasser: Die folgende Skizze veranschaulicht, was nun offiziell ist:


Die folgende Skizze veranschaulicht, was hinter der offiziellen Version liegt:

Das AKW Fukushima wurde ursprünglich von General Electric (GE) und Ebasco in New York entworfen und geplant, vor Ort gebaut und als schlüsselfertiges AKW übergeben. GE hatte massive Probleme bei der Finanzierung des AKWs. Aus Einsparungsgründen wurde die Klippe von Fukushima um gut 25 m abgetragen (
siehe auch hier, S. 6), was dazu geführt hat, dass die Reaktoren im Grundwasser stehen und dieses seit dem Crash von 2011 radioaktiv verseuchen.

Das Grundwasser wird auf zwei Wegen kontaminiert:
- Nr 1: Beim Durchfluss durch den Kellerbereich der Reaktoren. Ob sich die geschmolzenen Reaktorkerne (Corium) bei den Reaktoren 1, 2 und 3 bereits durch das Fundament gefressen haben, ist ungeklärt.
- Nr 2: Durch die Lecks in den Tanks, in denen das aus den Reaktoren abgepumpte hochradioaktive Wasser auf dem Gelände gelagert wird. Mit der Zeit wird das ausgetretene radioaktive Wasser auf das in Richtung Ozean ziehende Grundwasser treffen.

TEPCO plant eine – staatlich finanzierte – Vereisung des Bodens um die Reaktoren, die in zwei Jahren fertig gestellt sein soll. Eine bereits durchgeführte Bodenverhärtung hat lediglich dazu geführt, dass sich das Wasser andere Wege gesucht hat und der Grundwasserspiegel gestiegen ist. Die umgeleiteten Grundwasserströme unterspülen den Boden und sorgen für eine weitere Destabilisierung des Geländes. Sinn wird eine Vereisung machen, wenn das Wasser vor den Reaktoren abgefangen werden kann.


Abklingbecken: Im Frühjahr und Sommer 2012 wurde der Weltöffentlichkeit klar, wie gefährlich die beschädigten Abklingbecken in Fukushima im Falle eines starken Erdbebens für den ganzen Globus sind. TEPCO wurde von der Regierung angewiesen, der Bergung der 1.500 Brennelemente (1.300 gebraucht, 200 neu) in Reaktorgebäude 4 höchste Priorität zu geben.

Im November 2013 soll die Bergung der Brennstäbe im Abklingbecken von Reaktor 4 beginnen, die Vorbereitungsarbeiten sind in der letzten Phase (Metallgerüst, Kran, teilweise Abdeckung des Gerüsts). Die teilweise Umlagerung der mehr als 6.000 Brennelemente aus dem Allgemeinen Abklingbecken in Castoren [Trockenlagerbehälter] hat begonnen und soll fürs Erste Platz für die Brennelemente aus Reaktor 4 schaffen.

Das Entfernen von Brennelemente aus einem Abklingbecken ist schon im Normalbetrieb Millimeterarbeit. Jetzt aber muss jedes Brennelement – ohne Computerunterstützung – in eine Hülle, die das Umfeld vor der Strahlung schützen soll, herausgezogen und anschließend aus einer Höhe, die etwa dem 6. Stocks entspricht, zu Boden gelassen und in das Allgemeine Abklingbecken verfrachtet werden.

Diese Aktion muss also rund 1.500 Mal wiederholt werden. Sie ist aus mehreren Gründen extrem gefährlich:
- nach dem Brand im Abklingbecken (März 2011) ist unklar, inwieweit die Brennelemente beschädigt und verkeilt sind und inwieweit die anfängliche Notkühlung mit Salzwasser die Struktur des Abklingbeckens und die Brennelemente beschädigt hat
- die Arbeiter am Kran werden größtem Stress und hoher Strahlenbelastung ausgesetzt sein und werden deshalb regelmäßig wechseln – so kann am Kran keine Routine aufgebaut werden
- Wasserverlust im Abklingbecken [Trockenfallen] würde zu einer globalen Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes führen, durch die eintretende hohe und tödliche Strahlung ginge die Kontrolle über die Atomanlage von Fukushima weitestgehend verloren.

Gelingt die Bergung der Brennelemente in Reaktor 4, ist das ein Anfang – denn die Liste der auf dem Gelände der Atomanlage befindlichen Brennelemente ist lang und sieht folgendermaßen aus (in Reaktorkern und/oder Abklingbecken, leicht gerundet):
Reaktorgebäude 1 – 6: 7.700
   R 1: 800 (davon 400 in Kernschmelze – innerhalb oder außerhalb des Fundaments)
   R 2: 1.150 (davon 550 in Kernschmelze – innerhalb oder außerhalb des Fundaments)
   R 3: 1.100 (davon 550 in Kernschmelze – innerhalb oder außerhalb des Fundaments)
   R 4: 1.500
   R 5: 1.500
   R 6: 1.650
Allgemeines Abklingbecken: 6.350
Trockenlager: 400
In Summe: 14.450 Brennelemente


Verseuchung des Pazifischen Ozeans: Quasi offiziell ist mittlerweile, dass die Meeresverseuchung mit dem Total-Crash in Fukushima eingesetzt hat. Das Ausmaß ist nicht bekannt. Auf eine klare Aussage dazu werden wir noch warten müssen, zumal die WHO keine Möglichkeit hat, unabhängig von der IAEO Untersuchungen durchzuführen. Sie ist in Sachen Atomenergie bekanntermaßen seit 1959 das Mietmaul der IAEO.

Das wahre Ausmaß der Verseuchung wird wohl erst dann ans Tageslicht kommen, wenn sich eine größere Anzahl von Staaten dazu entschieden hat, eine unabhängige und permanente Kommission mit unabhängigen Wissenschaftlern einzurichten und zu finanzieren und denen garantiert wird, dass sie regelmäßig und unzensiert in den Mainstream-Medien berichten können.

Bis heute sind entsprechende Forschungsergebnisse nur in Nebensätzen zu hören. So etwa vom Meeresbiologen Ken Buessler, der beim New Yorker Symposium am 11. März 2013 bemerkt hat (Transcript, S 19), dass die Cäsium-Belastung – trotz einer mittleren biologischen Halbwertszeit von Cäsium von nur 50 Tagen – bei Fischen nicht wirklich abnimmt. Die Schlussfolgerung kann also nur sein: Es gelangt weiterhin Cäsium in den Pazifik.

Bei Messungen ist hauptsächlich von Cäsium und (seltener) Strontium die Rede, beides Betastrahler. Brennelemente enthalten aber Dutzende von langlebigen Isotopen. Sollten die etwa nicht existieren, nur weil sie ganz einfach nicht gemessen werden?

Die Menge des hochradioaktiven Wassers, das immer wieder aus lecken Tanks und Becken austritt, ist kalkulierbar. Es wird früher oder später ins Grundwasser und damit ins Meer gelangen.

Unkalkulierbar dagegen bleibt das Wandern der geschmolzenen Reaktorkerne (in der Größenordnung von 1.500 Brennelementen). Wo sich das Corium hinbewegt und ob es bereits direkten Kontakt mit dem Grundwasser gibt, weiß niemand.

Ob und in welchem Ausmaß das Entfernen der Brennelemente aus den Abklingbecken in den nächsten Jahren zu weiteren Freisetzungen von Radioaktivität an die Umwelt führen wird, bleibt abzuwarten.


Gefahren für die Demokratie: Die Gefahren für den gesamten Globus bleiben immens und sind nicht nur ökologischer Natur – sie sind auch politischer Natur. Die martialisch nationalistischen Töne eines Herrn Abe allein lassen wenig Erfreuliches erwarten und verschärfen den Konfrontationskurs in einer Zeit, die angesichts der Situation in Fukushima zu globaler Zusammenarbeit drängt. Jedes weitere Anwachsen der radioaktiven Verseuchung steigert die Spannungen im pazifischen Raum.

Der präpotente Umgang der japanischen Kader mit der Bevölkerung zeigt, wie schwach das Demokratie-Verständnis dieser Kader ausgebildet ist. Ihr zynischer Umgang mit grundlegenden Lebensbedingungen eines demokratischen Systems – mit Informationsrecht und Informationspflicht – mag uns eine Warnung sein.

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Das österreichische Ärztememorandum von 1970

Beim Durcharbeiten des Ärztememorandums (1970 in der Autorenschaft von Rudolf Drobil u.a. in der österreichischen Ärztezeitung erschienen) wird dem Leser schnell klar, dass dieses bis heute, 43 Jahre später, nichts von seiner Aktualität verloren hat. Zum Schmunzeln mag das Finale anregen, wenn davon die Rede ist, dass die Kernfusion der Kernspaltung „in 10 bis 15 Jahren Konkurrenz“ machen werde. Was 1985 eine Illusion war, ist noch immer eine Illusion und wird es bleiben – zumindest für die nächsten Jahrzehnte, auch wenn Milliarden dafür in den Sand gesetzt werden.

In welchem zeitlichen Rahmen liegt das Jahr 1970? Es war
- das 25. Jahr nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki
- das gut 15. Jahr nach der Eröffnung der ersten AKWs in Russland, England und den USA (1954 – 1957)
- das 13. Jahr nach den Atomkatastrophen von Majak und Sellafield/Windscale
- das 8. Jahre vor Zwentendorf
- das 9. Jahre vor Harrisburg/Three Mile Island
- das 16. Jahre vor Tschernobyl
- das 41. Jahre vor Fukushima

L. Pauling, A. Sacharow, E.J. Sternglass, A. Stewart, J.W. Gofman etc. gehörten in den 50er- und 60er-Jahren zu jenen Wissenschaftlern, die dafür sorgen konnten, dass sich das öffentliche Bewusstsein aus der verharmlosenden Meinungs-Manipulation der Atomindustrie (der mit IAEO, WHO, EURATOM, UNSCEAR, ICRP, nationalen Atomargenturen usw. diensteifrige Organisationen zur Verfügung stehen) herausarbeiten konnte.

Das Ärztememorandum gab die Möglichkeit, sich so zu informieren, dass eine Entscheidung aus der Sache möglich war. Es zeigt sich bis heute, von einem zum anderen Mal: Die Bürgerschaft ist in der Sache gut informiert, jedenfalls besser als ihre gewählten politischen Vertreter, die im „Lichte“ der Atomindustrie und ihrer verdeckten Lobbyisten Entscheidungen zu fällen haben, meist in vollkommener Unkenntnis der Sache, weil sie des-informiert wurden. Denn die Atomindustrie informiert nicht – sie manipuliert. Wenn sie wirklich im Sinne der Sache informieren würde, wäre das ihre Selbstzerstörung.

Das folgende Ärztememorandum war das Lebenszeichen einer verantwortungsbewussten und aktiven Zivilgesellschaft. Es war und ist noch immer Sache aller Staatsbürger, in Sachen Nutzung der Atomenergie mit-zu-denken, mit-zu-reden und mit-zu-entscheiden.

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Ärzte-Memorandum betreffend die Errichtung von Kernspaltungs-Kraftwerken

Die Planung von Atomkraftwerken leidet – offensichtlich in der ganzen Welt! – an dem grundsätzlichen Mangel, im wesentlichen – trotz gegenteiliger Beteuerungen – nur von Kern-Physikern, Atom-Technikern und Wirtschaftsexperten durchgeführt zu werden.

Das zwar hervorragende Fachwissen der Genannten auf ihrem Gebiet ist unbestritten; sie vermögen jedoch nicht, jene Gesichtspunkte des unteilbaren Gesamtkomplexes richtig zu beurteilen, welche die ökologisch-biologischen, medizinischen und genetischen Auswirkungen energiereicher Strahlung betreffen, wie sie beim Betrieb von Kernspaltungsanlagen durch Radioaktivität entsteht.

Der eminenten Bedeutung dieser Strahlung für das organische Leben unserer Erde wegen muß verlangt werden, daß unabhängigen, vom Parlament, als dem vom Volk beauftragten Treuhänder des Umweltschutzes, bestimmten und verpflichteten Experten der zuständigen Wissenszweige, Radioökologen, Biologen, Hydrobiologen, Ärzten und Genetikern, als den Hütern der Biosphäre schlechtweg und damit auch von Leben und Gesundheit des Menschengeschlechtes, ein gleichwertiges Mitspracherecht an dem Gesamtproblem eingeräumt wird. Nur so kann eine nicht wieder gutzumachende Schädigung der lebenden und – über die Erbmasse – der zukünftigen Menschheit verhütet werden, die weder Techniker noch Physiker auf Grund ihrer spezifischen Ausbildung allein abzuschätzen vermögen und deren Bewertung durch Mediziner und Biologen, die bei industriebeherrschten Atomgremien hauptamtlich angestellt und somit von ihnen finanziell abhängig sind, nicht als unbeeinflusst objektiv angesehen werden kann. Für die medizinisch-genetisch-biologisch-ökologische und ethische Beleuchtung des Problems sind drei Tatsachen maßgebend:

1. Auch bei der „friedlichen“ Nutzung der Atomkernspaltung entstehen ungeheure Mengen von Radioaktivität, denn es handelt sich um den gleichen Vorgang wie bei der Explosion einer Atombombe, nur in zeitlich gedehnter, „gebremster“ Form (Lit. 6 und 7, Dez. 1968, S. 582 ff). Der Atomphysiker C. F. von Weizsäcker sagte im November 1968 in einem öffentlichen Vortrag in Ludwigshafen, obwohl er in diesem für die Kernspaltungskraftwerke sprach: „Es ist nicht zu bestreiten, daß die Radioaktivität, die in einem Reaktor erzeugt wird, … die in einem Reaktor vorhanden ist, größer (ist) als die Menge Radioaktivität, die eine Atombombe verbreitet, und zwar nicht unerheblich größer!“ (Lit. 23, S. 26)

2. Es gibt keine Möglichkeit, Radioaktivität zu vernichten (Lit. 17, S. 115); sie besteht so lange, bis die gesamte Strahlungsenergie abgegeben ist. Das dauert bei einigen radioaktiven Stoffen kurze Zeit – Sekunden bis Tage –, bei anderen aber Jahre und Jahrzehnte, oft Jahrhunderte und auch Jahrtausende, je nach ihrer „Halbwertszeit“. Unter Halbwertszeit versteht man jene Zeitspanne, in welcher die Hälfte der Atome der ursprünglich vorhandenen Menge eines bestimmten radioaktiven Stoffes unter Abgabe von strahlender Energie umgewandelt wird (Lit. 2, S. 300). Dieselbe Halbwertszeit vergeht nun wieder, bis von der verbliebenen Hälfte neuerlich die Hälfte abgestrahlt ist, usw. So kommt es, daß nach der zehnfachen Halbwertszeit immer noch ein Tausendstel der ursprünglichen Menge des strahlenden Stoffes vorhanden ist. Bei der riesigen Menge sich summierender, langlebiger Strahler aus den Kernspaltungsprozessen ist aber auch ein Tausendstel noch eine enorme Menge (Lit. 7, Dez. 1968, S. 582 ff.). Die Bemühungen, jenen Teil der Radioaktivität, der vom strahlenden Festrückstand, dem „Atommüll“ stammt, mit Sicherheit unschädlich zu machen, haben bisher kein befriedigendes Resultat erbracht. Die Versuche, ihn einzuschließen, damit er uns nicht schaden könne – in tiefen Bergwerksschächten (Atomfriedhöfe), durch Versenken ins Meer in keramisiertem Zustand, in Glasfluß, in Beton- oder Bitumenblöcken –, schaffen seine Strahlung nicht aus der Welt. Durch sie entstehen auch Hitze und gasförmige Produkte, welche den Einschluß erschweren beziehungsweise schon durch den Angriff der Strahlung von innen her unmöglich machen; denn die Strahlenkorrosion versprödet alle bekannten Materialien. Der Atommüll wird durch den Betrieb von Atomreaktoren aber immer mehr und findet – wie Ereignisse zeigen – aus seinen Verwahrungsstellen immer wieder Wege in unseren Lebensraum. Auch bestätigt jeder Fachmann, daß es keinen Beton gibt, der dem Angriff des Meerwassers auf die Dauer widersteht. Es frißt sich schnell durch die Wände dieser Behälter und löst ihren gefährlichen Inhalt auf, der durch die Vertikalzirkulation des Meerwassers todbringend für alles Leben an die Oberfläche gelangt (Lit. 14). Und das zu einer Zeit, in der das Meer als die Nahrungsquelle für die sich rasant vermehrende Menschheit unentbehrlich wird.

3. Jede Art energiereicher Strahlung – seien es Röntgenstrahlen oder Radioaktivität – schädigt lebende Organismen selbst in geringsten Quantitäten. Das diesbezügliche Urteil des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen lautet:
„Selbst die kleinste Menge radioaktiver Ausstrahlung kann schädliche genetische und vielleicht körperliche Wirkungen auslösen.“ Die sogenannte „Toleranzdosis“ – heute „höchstzulässige Dosis“ genannt –, die nach internationaler Übereinkunft jene Strahlenmenge nennen soll, welche dem menschlichen Organismus angeblich zumutbar wäre, ohne zu schaden, wurde 1904 mit 210 Röntgeneinheiten pro Woche angegeben und seither immer wieder – gemäß neuen Einsichten in die Gefährlichkeit der Strahlung – herabgesetzt; die einstweilen letzte Verringerung wurde 1958 vorgenommen, und zwar auf 0,1 Röntgeneinheiten pro Woche (Lit. 17, S. 103), (Lit. 5, S. 159). Und in allerjüngster Zeit haben Dr. John W. Gofman und Arthur R. Tamplin, Kalifornien, festgestellt, daß die seit 1958 für „zulässig“ gehaltene Strahlenbelastung zehnfach zu hoch sei!

Tatsächlich gibt es keine wirklich unbedenkliche Menge von Radioaktivität oder Strahlung, denn ihre schädlichen Auswirkungen werden in den Körperzellen summiert (Lit. 5, S. 186).

Der Versuch, durch den Begriff „Toleranzdosis“ die Radioaktivität denjenigen chemischen Giftstoffen gleichzusetzen, die der Körper durch chemische Umwandlung in harmlose Stoffe unschädlich macht und ausscheidet, so daß er immer wieder bestimmte kleine Mengen zu bewältigen vermag, ohne Schaden zu nehmen – woraus sich eben der Begriff „Toleranz“ ergibt –, geht bezüglich der Radioaktivität völlig fehl. Denn nichts auf der Welt, auch kein lebender Organismus mit all seinen wunderbaren Regel- und Abwehrmechanismen vermag Radioaktivität zu vernichten. Radioaktive Stoffe strahlen so lange, bis ihre sämtlichen Atome umgewandelt sind, und es gibt keine Möglichkeit, sie daran zu hindern. Der tierische Organismus kann sie zwar ausscheiden, gibt sie dabei aber lediglich an die Umwelt zurück, von wo sie wieder in die biologischen Kreisläufe kommen.

Wenn auch die Folgen gewisser Gammastrahlen – wenn die Dosen nicht zu groß waren – mit einer Art Narbe ausheilen können, besteht keine Sicherheit, ob nicht Spätfolgen – Krebs! – dennoch daraus zu erwachsen vermögen. Eine Bestrahlung in Stärke von einem Röntgen erzeugt rund tausend Ionenpaare pro Zelle (Lit. 1, S. 63 und 71) und bewirkt nach Berechnung von Dr. Hardin B. Jones, Professor der medizinischen Physik und Physiologie an der Universität Berkeley, Kalifornien, eine Lebensverkürzung von fünf bis zehn Tagen. Werden diese Zahlen auch von anderer Seite etwas geringer angegeben – 1 Röntgen ergäbe eine Lebensverkürzung von einem Zehntausendstel der durchschnittlichen Lebenserwartung, was für 70 Jahre Lebenszeit immerhin zweieinhalb Tage bedeutet –, so herrscht doch nirgends Zweifel über die grundsätzliche Schädigung (Lit. 5, S. 279/280.

Für die Möglichkeit der Erbschädigung genügt das Treffen eines Genes durch ein einziges Energiequant. Die Schädigungsmöglichkeit beginnt somit bei Null und ist durch die Versuche des Nobelpreisträgers Muller (USA) erwiesen, der zeigte, daß die Bestrahlung von Pflanzen und Tieren ein der Strahlendosis entsprechendes Anwachsen der Zahl der Mutationen zur Folge hat.

Dazu nun im Einzelnen:

Was ist Radioaktivität?

Es handelt sich um die Erscheinung, daß sich ein Atomkern entweder spontan (= natürliche Radioaktivität) oder nach einem vorherigen Anstoß (= künstliche Radioaktivität) unter Abgabe von strahlender Energie und unter dadurch erfolgender Änderung seiner elektrischen Ladung und seiner Masse in einen oder mehrere andere Atomkerne verwandelt (Lit. 2, S. 297). Der Energieausstoß erfolgt in Form

1. von schnell davonfliegenden Alpha-Teilchen, das sind Kernbruchstücke, die einem ganzen Kern des Elementes Helium mit zwei positiven elektrischen Elementarladungen entsprechen und

2. als schnell bewegte Beta-Teilchen, identisch mit Elektronen oder Positronen, mit je einer negativen beziehungsweise positiven elektrischen Ladung. Zu dieser korpuskulären, das heißt Teilchen-Strahlung, gesellt sich noch

3. die Gammastrahlung, eine elektromagnetische Schwingung vom Charakter einer sehr harten, weil äußerst kurzwelligen Energiestrahlung – Wellenlänge 10 bis 1 zehnmilliardstel Millimeter und weniger! –, die sich, da ohne Masse und Ladung, mit Lichtgeschwindigkeit geradlinig fortpflanzt (Lit. 4, S. 9), (Lit. 1, S. 110), (Lit. 3, S. 84).

Biologisch hochwirksam und dementsprechend gefährlich sind die nur bei künstlichen Atomkernspaltungen, besonders in Reaktoren, in größter Menge – bis über 100 Billionen pro Sekunde und Quadratzentimeter (Lit. 2, S. 195) – freiwerdenden Neutronen, atomare Korpuskel ohne elektrische Ladung.

Wodurch wirkt die Radioaktivität?

Die Wirkung der ausgestoßenen Teilchen beziehungsweise Energie-Quanten kommt durch ihre ungeheure Bewegungsenergie zustande. Sie tritt in der solcherart „bestrahlten“ Materie bei Absorption ihrer Energie in Erscheinung als:

1. Umwandlung der kinetischen Energie (= Bewegungsenergie), beim Auftreffen, in thermische Energie, das heißt Erwärmung.
2. Abtrennung von Elektronen eines getroffenen Atoms, das ist Ionisation, sowie auch durch Schaffung angeregter Zustände
    in Atomen mit ähnlichen Folgen hinsichtlich der Reaktionsfreudigkeit der Produkte.
3. Dadurch Erzwingen von chemischen Reaktionen.
4. Auslösung von Kernumwandlungen beim direkten Treffen eines Atomkernes.
5. Strahlungsanregung im getroffenen Atom, so daß dieses nun selber sekundär „strahlend“ wird und
6. Zerstörung der Gitterstruktur von Kristallen, das heißt auch von Metallen! (Lit. 2, S. 300).

Die Eindringtiefe von Strahlung in Materie hängt von ihrer Art und Energie ab. Alpha- und Beta-Strahlen treten unter anderem wegen ihrer elektrischen Ladung in starke Wechselwirkung mit der Materie und verlieren daher ihre Energie sehr rasch.

Alpha-Teilchen haben deshalb nur eine geringe Reichweite, bis etwa acht Zentimeter in der Luft und ungefähr ein Hundertstelmillimeter in lebendem Gewebe, doch ist ihre ionisierende Wirkung infolge ihrer relativen Größe und Masse enorm: ein einziges Alpha-Teilchen vermag auf seinem Weg etwa hunderttausende Ionenpaare zu erzeugen! Beta-Teilchen haben eine je nach ihrer Energiebeladung verschieden hohe Geschwindigkeit – ein Beta-Teilchen von 0,61 MeV (Mega-Elektronenvolt) (= 610.000 eV) Energie erreicht bereits 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit – und sind schon wesentlich durchdringungsfähiger (Lit. 2, S. 301). Ihre Reichweite kann daher in der Luft über einen Meter betragen und in menschlichem Gewebe einige Millimeter. Gamma-Strahlen und schnelle Neutronen besitzen nicht nur ungeheure Energie, sondern haben auch mangels einer elektrischen Ladung eine fast unbegrenzte Reichweite. Sie vermögen den menschlichen Körper zur Gänze zu durchdringen, energiereiche Gammastrahlen sogar 20 Zentimeter starke Bleiplatten (Lit. 8, S. 18/19), und Neutronen werden selbst von meterdicken Betonwänden nicht restlos absorbiert (Lit. 3, S. 98). Beide wirken durch das Herausschlagen von Protonen aus Atomkernen, die dann als „Rückstoß-Protonen“ fungieren, oder durch das Eindringen in Atomkerne beziehungsweise, endlich, durch deren Zerschlagen, indirekt sehr dicht ionisierend (Lit. 3, S. 98 ).

Welche Wirkungen erzielt derart ionisierende Strahlung in lebenden Organismen?

Die Wirkung ionisierender Strahlung auf das Lebendige beginnt mit dem Primärvorgang der Energieabsorption im atomaren und molekularen Bereich. Daran schließen sich Sekundärreaktionen, die zunächst einfacher chemischer Natur sind, bald aber in den Bereich komplizierter Stoffwechselreaktionen hineinreichen. Denn die Zelle ist in jedem Augenblick von einer enormen Anzahl chemischer Lebensprozesse erfüllt, die nur durch die strenge Zuordnung und absolute Konstanz sowohl der sie durchführenden Stoffe als der einzelnen Abläufe erhalten werden kann. Primärereignis und anschließende radiochemische Sekundärfolgen führen also zu zwei Typen von Strahlenschäden: zur Änderung von Zellstrukturen und Änderung des Zellstoffwechsels. Die normalen, lebensnotwendigen chemischen Reaktionen der lebenden Zelle werden durch Wandlung der sie ausführenden Stoffe – die Umstrukturierung eines einzigen Atoms in einem Molekül bedeutet dessen Umwandlung und das eventuelle Ende seiner Bestandsfähigkeit (Lit. 15, S. 7) – verschoben, unterbunden oder in falsche Richtung abgedrängt. Abnorme Stoffwechselprodukte entstehen, das heißt für den Körper – Gifte!

Denn das geordnete System der Unzahl von zum Teil an die Mitochondrien gebundenen Enzymen, die in gesetzmäßiger Weise im Zellstoffwechsel ineinandergreifen, wird gestört oder blockiert, was den Tod der Zelle oder – trifft das Geschehen die Atmungsfermente – ihre Entartung, das heißt die Umwandlung derselben in eine Krebszelle zu bedeuten vermag.

Wird der Zellkern getroffen, und zwar als Arbeitskern, der führend in die Stoffwechselabläufe der Zelle eingeschaltet ist, resultieren Funktionsänderungen; liegt er als Teilungskern vor, führt seine Strahlenschädigung infolge der Hemmung der Bildung von Desoxy-Ribonucleinsäure, der Substanz der Erbanlagen, zur Unfähigkeit weiterer Kern- und Zellteilung und vor allem zu Genmutationen, die wieder – sind Keimzellen betroffen – zu Erbänderungen führen. Daß damit eine Höherzüchtung der Menschheit verknüpft wäre, ist nicht zu erwarten, denn die Vererbungsforschung hat ergeben, daß sich nur unter 1000 bis 10.000 Mutationen eine positive findet. Alle anderen sind negativ beziehungsweise letal (tödlich).

Da die Bildung der stoffwechsellenkenden Enzyme ebenfalls über die Gene erfolgt, kann deren Schädigung auch Störungen der Enzymsynthese bewirken und damit zu erblichen Stoffwechseldefekten Anlaß sein. Wir kennen heute bereits weit über 100, teils sehr schwere, solcher erblicher Erkrankungen, die die Blutbildung, den Eiweißstoffwechsel, den Kohlenhydrat- und den Fettstoffwechsel, den Glycogen- und den Purinstoffwechsel usw. betreffen und zu Blutmangel, zu Schwachsinn, Epilepsie, Hirndegeneration, Ekzemen, Arthritis, Hautkarzinomen, Zwergwuchs, Netzhaut- und Linsendefekten, Erblindung, Verkalkung der Nieren, Nierensteinen, Krampfzuständen und frühem Tod, zum Teil noch im Kleinkindesalter, führen. Andere erzeugen Leberschäden, -schrumpfungen oder -wucherungen, Muskelschwäche, Störungen der Knochenentwicklung, Knochenerweichung und Vitamin-D-resistente Rachitis, und immer wieder Hirndegenerationen mit Schwachsinn und Demenz. Alle diese Krankheiten sind unheilbar, weil in der Erbmasse begründet, und werden großteils an eventuelle Nachkommen weitervererbt.

Ionisierende Strahlung kann nun einen Organismus von außen treffen; dann hängt es von ihrer Art und Energiebeladung ab, wie weit sie in ihn eindringt. Alpha- und Beta-Strahlen aussendende Substanzen verursachen bei Berührung und entsprechender Dosis Strahlenverbrennungen der Haut, aus denen Hautkrebs entstehen kann. Besonders gefährlich aber werden sie, wenn sie als strahlende Partikel aus der Umwelt in das Körperinnere gelangen; das kann über die Atemluft geschehen, aus dem Wasser oder als fester strahlender Rückstand, der auf Dingen haftet, mit denen der Mensch in Berührung kommt. Der zweite wichtige Weg führt über die Nahrung, Pflanzen und Tiere, die radioaktive Stoffe enthalten und solcherarts verschluckt werden. Ein Lebewesen, das in einer radioaktiv verseuchten Umwelt lebt, kann sich praktisch nicht vor der Aufnahme strahlender Materie in seinen Körper schützen, die dann zu den verschiedenen Organen gelangt, um dort durch ihre zerstö rende Energieabgabe schwerste, lebensbedrohende Schäden anzurichten.

Unlösliche strahlende Verbindungen, die mit dem Körper äußerlich oder innerlich in Kontakt geraten sind, wirken nur an den Stellen, an denen sie sich befinden. Lösliche hingegen werden über die Blut- und Lymphbahn gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt; auf Grund ihrer chemischen Natur können sie von einem bestimmten Organ bevorzugt gespeichert werden: so zum Beispiel radioaktives Thorium, Radium, Strontium und Yttrium in den Knochen; Kobalt und Gold in der Leber, Caesium und Barium in der Muskulatur, Jod in der Schilddrüse und Phosphor in Knochen, Milz und Lymphknoten (Lit. 3, S. 106, Tab. 6). Das radioaktive Natrium hingegen verteilt sich gleichmäßig in allen Organen.

Die in Erscheinung tretenden Folgen solchen Geschehens an lebenden Organismen sind äußerst komplex. Die Skala der Empfindlichkeit verschiedener Lebewesen gegen Strahlen zeigt ein Ansteigen mit der Höherentwicklung. Nur Schweine, Hunde und Ziegen sind noch empfindlicher als der Mensch. Hingegen vertragen Sporen, Amöben und Wespen das 250-fache, Schnecken das 50-fache, Fledermäuse das etwa 40-fache des Menschen usw. (Lit. 5, S. 271). Weiters hängen die Auswirkungen von der Art und Dosis der Strahlen ab, sowie von dem Umstand, ob sie den ganzen Körper treffen (Ganzkörperbestrahlung) oder nur einzelne Organe. Schließlich ist entscheidend, welche Organe betroffen sind.

Die akute schwerste Strahlenschädigung mit sehr hohen Dosen führt unter tonisch-klonischen Krämpfen zum Tod, der auch plötzlich, schockartig eintreten kann (Lit. 18). Schwere Schäden führen als sogenannte Strahlenkrankheit (Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Blutungen, Blutstühle, Abfall der weißen Blutkörperchen) innerhalb weniger Tage oder aber erst nach Wochen zum Tod. Überlebende können ein lebenslanges Siechtum vor sich haben. Eine der auffälligsten Späterkrankungen ist die Linsentrübung des Auges (= grauer Star), die besonders durch Neutronenbestrahlung ausgelöst wird (Lit. 16, S. 111), (Lit. 5, S. 277), (Lit. 5, S. 285). Die dauernde schleichende Kleinstschädigung durch heimtückische Minimaldosen beziehungsweise die Spätwirkung einer einmaligen, zuerst scheinbar abheilenden geringeren Strahlenbelastung führt zu Krebs, Knochenkrebs, Leukä mie (Blutkrebs) und durch Schädigung des Knochenmarkes zu sonstigen Blutkrankheiten beziehungsweise zum Versagen der Blutbildung (Lit. 5, S. 279 ff).
In Hamburg, im Garten des allgemeinen Krankenhauses St. Georg, steht ein Gedenkstein mit etwa 200 Namen! Madame Curie, Guido Holzknecht, Heinrich Albers-Schönberg, Friedrich Giesel usw.; alles Namen von Forschern, Ärzten, Krankenschwestern aller Nationen, die an Strahlenkrebs, Leukämie usw., also am schleichenden Strahlentod gestorben sind (Lit. 5, S. 270 ff).

Amerikanische Untersuchungen zeigen für Röntgenärzte, die ständig mit kleinsten Strahlendosen in Berührung kommen, ein Durchschnittsalter von 60,5 Jahren gegenüber 65,7 Jahren bei Ärzten ohne Strahlenkontakt (Lit. 5, S. 279 ff). Auch eine überdurchschnittlich hohe Erkrankungsrate der Röntgenologen an Leukämie gegenüber der übrigen Bevölkerung wurde in Amerika erhoben (Lit. 2, S. 68). Und die Japaner Tanaka und Ohkura haben an Radiologen 13,8 Prozent Kinderlosigkeit gegenüber 6 Prozent bei strahlenunbelasteten Vergleichspersonen festgestellt (Lit. 5, S. 280).

Dazu kommen noch die Tausende von Spät-Toten und heute noch Dahinsiechenden von Hiroshima und Nagasaki, wo vier Jahren nach der Atombombenexplosion die Erkrankungsziffer an Leukämie von normalerweise 1,5 pro 100.000 auf 8,2 pro 100.000 und nach acht Jahren auf 50 pro 100.000 Überlebende angestiegen ist (Lit. 5, S. 280)!

Mit den kaum bekanntgewordenen Erkrankten nach Reaktorunfällen, die verschwiegen werden, sind das alles Opfer radioaktiver Strahlung, deren heimtückische Gefährlichkeit darin begründet liegt, daß wir sie nicht empfinden können, weil wie kein Sinnesorgan dafür besitzen. So vermag sie lange unbemerkt zu wirken, ehe sie zu nicht mehr gutzumachenden, ja tödlichen Folgen führt (Lit. 8, S. 17; Lit. 6).

Der Einwand an dieser Stelle, daß es sich bei Hiroshima und Nagasaki um Atombombenexplosionen gehandelt habe, ein Reaktor beziehungsweise Kernkraftwerk aber doch etwas ganz anderes sei, geht am Wesentlichen vorbei. Bei beiden entsteht die gleiche Art Radioaktivität, bei der Bombe im Bruchteil einer Sekunde, im Reaktor zeitlich gedehnt, aber per saldo sogar in weit größerer Menge. Denn so groß auch die bei der Spaltung der schweren Atomkerne des Uran-Brennstoffes im Reaktor freiwerdende Energie ist, geht dabei an Masse praktisch nichts verloren; es entsteht in der Praxis aus einem Gramm gespaltenen Kernbrennstoffes wieder ein Gramm Spaltprodukte. Und zwar treten beim Spaltprozeß selber etwa 120 verschiedene, zum Teil sehr langlebige und hochradioaktive Isotope und Spaltprodukte auf und bleiben teilweise als hochradioaktiver Atom-Müll zurück (Lit. 6). Da aber eine Reihe dieser strahlenden Stoffe Halbwertszeiten von Jahrzehnten bis zu tausenden Jahren haben ( Krypton85: 10 Jahre, Caesiu137: 33 Jahre, Strontium90: 25 Jahre, C14, das radioaktive Isotop des wichtigsten Elementes des Lebens, des Kohlenstoffes, hat eine solche von 5668 Jahren!), sammelt sich die durch den Reaktorbetrieb laufend entstehende Radioaktivität allmählich in riesigen Mengen an (Lit. 6 und Lit. 7, Dez. 1968, S. 582 ff und Aug./Sept. 1967, S. 413). Ein Drittel der im Reaktorherz entstehenden radioaktiven Stoffe ist leichtflüchtiger Natur, und es ist – da es sich auch um Edelgase handelt, die sich kaum binden lassen – trotz aller Abschlüsse und Filter unvermeidbar, daß ein Teil davon über den Schornstein ins Freie gelangt. Das Krypton85 beispielsweise ist schwerer als Luft und verbleibt daher in Schwaden in unserer Atemluft. Die längerlebigen Strahler sedimentieren langsam und gelangen zusammen mit den Mikrodosen des Kühlwassers im weiten Umkreis über Boden und Wasser in die biologischen Kreisläufe, und über die Nahrungsketten, unter ständiger Summation, in Pflanzen und Tier und damit auch in den menschlichen Organismus, um hier zur Kontaktbestrahlung mit den geschilderten Folgen zu führen (Lit. 17, S. 103, S. 116).

Diese dauernde, unvermeidbare Kleinstbestrahlung in der näheren und weiteren Umgebung eines Kernkraftwerkes setzt somit ebenfalls zwangsweise schwere Schäden, die sich erst nach Jahren oder über das Erbgut in den Folgegenerationen zeigen werden. Denn die unmerkliche Einwirkung ständiger Mikrostrahlendosen führt auch zur Erzeugung von Mutationen in den Geschlechtszellen. Auch wenn solche Mutationen meist recessiv (verdeckt) sind und daher in der ersten Folgegeneration zunächst nicht sichtbar in Erscheinung treten müssen, kommt es so zum Anwachsen der Zahl von Trägern defekter Erbanlagen, dadurch zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens solcher geschädigter Gene und damit zur Gefahr einer nicht mehr rückgängig zu machenden „Erbkatastrophe“ nach wenigen Generationen (Lit. 3, S. 157/158)!

Die Befürworter des Baues von Kernspaltungskraftwerken betonen ständig, derartige Anlagen seien heute mit solchen Sicherheiten ausgestattet, daß nichts passieren könne. Sie sprechen sogar von hundertprozentiger Sicherheit (!), die es im Bereich der Technik niemals geben kann. Das zur Zeit häufig zitierte Buch von Dr. Ing. Schulz: „Vorkommnisse und Strahlenunfälle in kerntechnischen Anlagen“ (Lit. 16) führt vom Beginn der Atomära bis 1963 rund eintausend (!) solcher Ereignisse an und versucht, durch genaue Analyse und Beschreibung der einzelnen Unfälle deren relative Harmlosigkeit und somit die Gefahrlosigkeit solcher Anlagen zu demonstrieren. Für den unvoreingenommenen Leser jedoch wird aus den Angaben des Buches nur ersichtlich, daß es unzählige und unvorausberechenbare Möglichkeiten für Defekte in solchen Werken gibt – je komplizierter ein technisches Werk, desto störungsanfälliger ist es! & ndash;, wobei austretende Radioaktivität auch die Umwelt in großem Ausmaß zu gefährden vermag; zum Beispiel: Der Reaktorunfall von Windscale, England 1957, der einen hohen Anstieg der Radioaktivität über ganz Mitteleuropa verursachte (Lit. 5, S. 143); das Unglück von Swerdlowsk (Lit. 16, S. 111), dasjenige von Rocky Flats/USA (siehe unten) usw. Über die Jahre 1963 bis 1970, in denen bereits zahlreiche Kernkraftwerke entstanden, wurden bis jetzt keine derart zusammenfassenden Mitteilungen veröffentlicht. Allerdings gibt das „Centre d’Etudes de Risques Atomiques“ in Brüssel fallweise Bulletins über solche „Vorkommnisse“ heraus. Dieser Stelle sollen in den letzten fünf Jahren mehrere hundert Reaktorunfälle gemeldet worden sein, doch sind sie praktisch völlig unbekannt geblieben.

Über die Geschehnisse allein des Jahres 1969 sind, zum Teil nach monatelanger strenger Geheimhaltung, folgende Nachrichten in die Öffentlichkeit gedrungen:

1. Im Jänner 1969 ging der erst 13 Stunden in Betrieb befindliche Atomreaktor in Lucens in der Schweiz durch; er war wegen starker Kontaminierung bis Ende 1969 noch nicht zu betreten und ist nun – wie man hört – zugemauert worden.
2. Im Mai 1969 brach in dem Plutoniumwerk Rocky Flats in den USA ein Großfeuer mit bisher immer noch unbekannter Ursache aus, das einen Schaden von 45 Millionen Dollar verursachte und die Umgebung weithin radioaktiv verseuchte. (Siehe Wiener „Presse“ vom 8. Jänner 1970.)
3. Am 7. August 1969 berichtete der „Holsteiner Courier“ unter dem Titel: „Leck im Kernkraftwerk, Emswasser radioaktiv“, daß aus dem neuerrichteten westdeutschen Kernkraftwerk Lingen „ungewollt“ Radioaktivität in die Ems und somit in das Nutzwasser der dortigen Bevölkerung gelangt sei.
4. Am 25. September 1969 war in Wien in der „Presse“ zu lesen, daß sechs englische Kernkraftwerke defekt geworden seien und ihren Betrieb wesentlich einschränken mußten. Die nicht vorgesehenen Verformungen und Risse brüchig gewordener Stahlteile sind strahlenbedingt und traten nach kaum 10jährigem Reaktorbetrieb ein.
5. Wegen ständiger Sprödbrüche an den stählernen Turbinenschaufeln konnte das etwa drei Jahre alte Kernkraftwerk Gundremmingen in Bayern, am Oberlauf der Donau, bisher nur zu 60 Prozent ausgenützt werden, weil es die übrige Zeit wegen Reparaturen still lag.

Es handelt sich bei Kernspaltungswerken eben um Anlagen, deren Gefahren bisher ohne Analogie sind und die weit über die Lebensdauer ihrer Erzeuger hinaus noch ferne Nachkommen bedrohen. Der immer wieder angezogene Vergleich mit anderen Industriewerken, bei denen Unfälle geschehen können – Dynamitwerke usw. – geht völlig daneben. Denn wenn auch in solchen Fällen großer Schaden an Ort und Stelle beziehungsweise in einem relativ kleinen Umkreis sogar Verluste an Menschenleben und Gesundheit eintreten können, so ist der Schadensprozess aber damit beendet und kann nicht jahrelang und weitgreifende Spätfolgen haben.

Die im Katastrophenfall eines Kernkraftwerksunglücks freiwerdende Radioaktivität ergibt eine völlig neue Dimension des Geschehens. Es könnten nicht nur radioaktive Gase, Aerosole und Flüssigkeiten aus dem Reaktorkern in Freiheit gelangen, sondern primär auch eine immense und äußerst gefährliche Neutronenstrahlung, die alles Leben im Umkreis töten oder schwer schädigen und umgebendes Material radioaktiv machen kann. Bei entsprechender Wetterlage können sich Schwaden radioaktiver Stoffe über hunderte Kilometer verbreiten und zur radioaktiven Verseuchung (Kontaminierung) und Unbewohnbarkeit riesiger Flächen führen. Die gesundheitlichen Folgen für die in diesem Bereich Lebenden, sowie für deren eventuelle Nachkommen sind unabsehbar, da eine Evakuierung so vieler Menschen mit der nötigen Schnelligkeit unmöglich ist.

Es war deshalb auch keine Einzelversicherung in der Lage, angesichts der ungeheuren und unübersehbaren Risiken für solche Schäden die volle Haftung zu übernehmen, wie sie von den Staaten auf Grund von Atomhaftpflichtgesetzen vorgeschrieben wird. Bei der Einbringung des österreichischen Atomhaftpflichtgesetzes im Jahre 1964 begründete die referierende Abgeordnete Dr. Stella Klein-Löw die Vorlage damit, daß die Verwendung der Atomkraft Gefahren mit sich bringe, die nicht mit jenen vergleichbar seien, welche es bis jetzt gab! Und Leben, Gesundheit und Erbgesundheit sind überhaupt nicht versicherbar oder zu ersetzen. Für den relativ kleinen österreichischen Versuchsreaktor Seibersdorf, der eine Maximalleistung von bloß sechs Megawatt erbringt, beträgt die versicherte Haftungssumme 130 Millionen Schilling.

Sonst lauten die Haftungsverpflichtungen für Kernspaltungskraftwerke in den USA bis 500 Millionen Dollar, in Westdeutschland bis 500 Millionen D-Mark und in Österreich bis 500 Millionen Schilling für jedes einzelne nukleare Schadensereignis; ausdrücklich ist hinzugefügt, daß für Schäden, die diese Summe übersteigen, ebenso wenig gehaftet wird, wie für solche, die durch Kriegseinwirkung oder Naturkatastrophen (zum Beispiel Erdbeben) ausgelöst werden oder deren Folgen erst nach mehr als dreißig Jahren erkennbar sind. Hier erhebt sich die wohl berechtigte Frage, warum die Staaten Haftungssummen in solcher Höhe gesetzlich vorschreiben und zusätzlich derartige Einschränkungsklauseln beifügen, wenn Kernspaltungsanlagen, wie ständig behauptet, so ungefährlich, risikolos, ja hundertprozentig sicher wären?

Wir sind wohl überzeugt, daß Atomtechniker und -physiker den Bau eines Kraftwerkes mit größter Genauigkeit und Gründlichkeit planen und durchführen, um alle nur erdenklichen Garantien gegen jede Art von möglichen Schädigungen für die Umgebung und die Menschen einzubauen und somit das „nach menschlichen Ermessen“ höchste erzielbare Maß von Sicherheit zu gewährleisten. Dazu versucht sie auch das österreichische Strahlenschutzgesetz zu verpflichten, das allerdings noch einige Schwächen aufweist und zudem erst am 1. Jänner 1971 in Kraft tritt. (Deshalb fällt die Eile auf, mit der das erste österreichische Kernkraftwerk noch im Jahre 1970 Baubeginn haben soll!)

Es wäre aber ungerecht und unrichtig, den Technikern aller anderen Sparten nicht dasselbe Bemühen um Sicherheit zuzugestehen. Trotzdem werden wir buchstäblich tagtäglich mit technischen Unfällen konfrontiert – man denke an die zahlreichen Flugzeugabstürze, Eisenbahnunglücke, Dammbrüche, das Einknicken der 4. Wiener Donaubrücke am 6. November 1969 kurz nach dem feierlichen Brückenschlag, Pannen bei Weltraumflügen mit ihren super-supergenauen Vorbereitungen – die Apollo-13-Aktion! – usw., die uns zeigen, daß auch bei größter Gründlichkeit ein gewisser Prozentsatz an Unsicherheit verbleibt. Einerseits durch nicht zur Gänze ausschließbares menschliches Versagen, anderseits durch Faktoren, die sich der menschlichen Voraussicht und Vorausberechnung überhaupt völlig entziehen – wie aus dem Buch von Schulz immer wieder klar hervorgeht – und daher unvermeidbar, weil nicht einplanbar sind.

Wie, wenn zum Beispiel – was heute schon fast alltäglich ist – aus politischem, nationalem Fanatismus, oder auf Basis einer Geistesstörung Fach- und Werkskenntnisse zur wohlgeplanten Sabotage eingesetzt werden? Wie, wenn im Kriegsfall ein Atomkraftwerk eventuell mit schweren konventionellen Waffen oder einer kleinen Atombombe angegriffen wird?

Oder, wenn ein Erdbeben einen Atomreaktor gänzlich oder auch nur teilweise zerstörte, nur undicht machte? Sicher werden Geologen ihre Gutachten über den Ort des geplanten Baues in dieser Richtung abgeben. Sicher ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses gering; aber die Erklärung von Experten, welche die auffällige Häufung schwerer und schwerster Erdbeben der allerletzten Jahre in der Welt mit der raschen Entnahme großer Mengen von Industrieroh- und Brennstoffen aus der Erdrinde (Milliarden Tonnen Erdöl und Kohle, Billionen Kubikmeter Erdgas usw.) und den dadurch verursachten Hohlraumbildungen, Druckveränderungen und Verschiebungen des isostatischen Gleichgewichtes in Zusammenhang bringen (Lit. 22), stimmen um so bedenklicher, als auch in Niederösterreich erhebliche Mengen von Erdöl und Erdgas dem Boden entnommen werden. Die „Presse“ meldete erst am 31. Dezember 1969 ein Erdbeben in Raum von Wr. Neustadt, dem am 22.& nbsp;Jänner 1970 eines in Süddeutschland mit schweren Schäden im Gebiet der Schwäbischen Alb mit 100 weiteren Erdstößen bis Juni 1970 gefolgt ist. Ein Rest von Möglichkeit ist daher unzweifelhaft gegeben. Und kein Geologe wird mit absoluter Sicherheit dafür garantieren können, daß an dem vorgesehenen Reaktorstandort nie und nimmer ein Erdstoß erfolgen werde; er kann nur nach seinem besten Wissen und „nach menschlichem Ermessen“ ein solches Geschehen als „unwahrscheinlich“ annehmen.

Die auf einer völlig anderen Ebene als bisherige „Industrie“-Katastrophen liegende einmalige Ungeheuerlichkeit der Gefahr und des Unglückes jedoch, das dann über unser Land und Volk und auch über seine Nachbarstaaten hereinbräche, müssen es verantwortungsbewußten Menschen verbieten, gegenüber einer riesigen potentiellen Gefahr auch ein scheinbar minimales „kalkuliertes Risiko“ einzugehen, das nicht gänzlich auszuschalten ist, und dieses dann als „Sicherheit“ zu bezeichnen.

Wenn man annehmen wollte, das Buch des zweifachen Nobelpreisträgers Linus Pauling , Pasadena/USA, „Leben oder Tod im Atomzeitalter“ (Lit. 1) sei überholt, ist das richtig. Allerdings nicht in dem Sinne, daß seine Angaben über die Schäden der Radioaktivität im Gefolge von Atombombenexplosionen nicht mehr gültig wären. Vielmehr deshalb, weil es jetzt, zehn Jahre später, keines Atomkrieges mehr bedarf, um uns den Gefahren der Radioaktivität auszusetzen. Sie erwachsen heute aus den Kernspaltungskraftwerken. Die US-Atomenergiekommission selber schätzt die möglichen Folgen eines Reaktorunglückes in der Nähe einer größeren Stadt bei einem 500 MW (= Mega-Watt = Millionen Watt)-Reaktor wie folgt: Getötet 3400 Personen, verletzt beziehungsweise strahlenkrank (zum Teil unheilbar!) bis 43.000 Personen. 460.000 Personen müssen evakuiert werden! Verseuchte Bodenkultur von 10.000 bis 150.000 Quadratmeilen (= 26.500 bis 384.000 Quadratkilometer; Bodenfläche von Gesamt-Österreich ist 83.849 Quadratkilometer!). Eigentumsvernichtung etwa 7 Milliarden Dollar (= 175 Milliarden Schilling!) (Lit. 9). Auch der deutsche Atomphysiker und Bundestagsabgeordnete Prof. Dr. Karl Bechert gelangt bei seiner Berechnung über die Auswirkungen eines Reaktorunglückes zu ähnlich schockierenden Zahlen; er führt aus, daß die Verseuchungswirkung eines Unglückes beim Kernkraftwerk Würgassen in Deutschland (612 Megawatt), wenn nur 1 Prozent der enthaltenen Radioaktivität entwiche, der einer mittleren Atombombe entsprechen könne.

Wie würde sich ein solches Unglück bei einem geplanten 600 Megawatt-Reaktor in Zwentendorf an der Donau, in Niederösterreich mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern und seiner Bodenfläche von rund 19.000 Quadratkilometern, die Wien mit seinen 1,7 Millionen Menschen umschließt, wohl auswirken? Wie würde man sich die notwendige vollkommene Räumung von Großstädten, wie Wien, Linz, oder auch nur von Sankt Pölten, Wels usw., innerhalb weniger Stunden vorstellen? Und was würde aus der Landbevölkerung, mit ihrem Hab und Gut, ihren Tieren, ihren radioaktiv verseuchten Böden und Häusern? Da es ja sowieso völlig ausgeschlossen wäre, ein ganzes Bundesland, sogar vielleicht mehrere, völlig zu evakuieren, noch dazu in Stundenfrist, könnte man nur zusehen, wie Menschen und Vieh elend zugrunde gingen.

Zur richtigen Einschätzung der Gefahr muss man bedenken, daß auf der ganzen Welt rund 3000 Curie Radium (= 3 kg Radium) in Verwendung stehen (Ein Curie ist die Einheit der Strahlungsstärke. Es ist jene Strahlungsintensität, die von einem Gramm Radium dadurch ausgeht, daß pro Sekunde 37 Milliarden seiner Atome zerfallen.), aber ein 500-Megawatt-Reaktor in seinem Inneren, nach Dozent Dr. Herbst vom Radiologischen Institut der Universität Freiburg, nach halbjährigem Betrieb eine Radioaktivität von etwa 400 Millionen Curie enthält, davon etwa ein Drittel in Form leicht flüchtiger Stoffe (Lit. 21; Lit. 5, S. 130, 136). Das ist die Strahlungsintensität von rund 400.000 Kilogramm Radium. 50 Millionen Curie dieses Spaltproduktgemisches kommen dem leichtflüchtigen, biologisch besonders kritischen Radiojod zu. Die Menge des Stronitum90 ist derjenigen aus der Explosion einer Atombombe von 5 Megatonnen zu vergleichen. Hinzu kommt eine mehr oder weniger große Menge neutroneninduzierter künstlich radioaktiver Atomarten.

Gewichtsmäßig liegt die Giftwirkung einer Reihe radioaktiver Atomarten 1 Million bis 1 Milliarde mal höher als die unserer stärksten chemischen Gifte (Lit. 21)!

Die Größe der geschätzten Folgen eines Reaktorunglücks, bei dem auch nur Bruchteile solcher Mengen von Radioaktivität entwichen, ist damit verständlich. Und zur Tötung eines Menschen genügen schon Tausendstel Curie eingeatmeter Radioaktivität!, entsprechend Tausendstel Gramm Radium, da bei Kontaktbestrahlung im Körperinneren örtlich ungemein hohe Dosen leicht erreicht werden.

Aber nicht nur der mögliche Katastrophenfall ist zu befürchten. Schon im normalen Betrieb ist ein Kernkraftwerk Quelle einer ständig steigenden radioaktiven Verseuchung (Kontaminierung) der engeren und weiteren Umgebung. Es gibt nicht nur über das Kühlwasser, sondern auch über den Schornstein trotz aller Filter ständig Radioaktivität ab (Lit. 7, S. 116). Die amtlich zugelassenen Werte sind beispielsweise für das Kernkraftwerk Gundremmingen (Bayern) bekannt. Das Ansuchen dieser Kraftwerks-Gesellschaft mit beschränkter Haftung lautete: Radioaktive Spaltgase und aktivierte Gase bis zu 0,1 Curie pro Sekunde, und zusätzlich radioaktive Schwebstoffe, Halogene, Strontium90 und Cäsium137 über den Kamin an die Atmosphäre abgeben zu dürfen (Lit. 12, S. 7/8). Der Genehmigungsbescheid des Bayrischen Staatsministeriums des Inneren (Lit. 12) gestattet auf Grund des Betriebsgutachtens des Technischen & Uuml;berwachungsvereines Bayern (Lit. 11, S. 2 ff) die Abgabe von 225 Curie an radioaktiven Gasen, von 325 Millicurie an festen radioaktiven Schwebstoffen und von 2,5 Millicurie an radioaktivem Jod131 pro Stunde (!) im Monatsdurchschnitt über den Schornstein an die Luft. Daraus ergibt sich eine Tagesmenge von mehr als 5400 Curie, die wohl zum größten Teil in kurzer Zeit abklingt, deren langlebige Anteile sich aber zwangsläufig ansammeln. Doch auch Stoffe mit relativ geringer Halbwertszeit verschwinden natürlich nicht kurzfristig zur Gänze, sondern eben immer nur zur Hälfte und nach einer weiteren Halbwertszeit wieder etwa die Hälfte und so fort. Mit der laufend nachgelieferten Aktivität bilden somit auch sie einen immer höher ansteigenden Pegel von Radioaktivität, die sich in der Umgebung: in Wasser, Boden, Pflanze, Tier und damit auch im Menschen speichert. Diese bewilligten Abgabemengen dürfen zudem vorübergehend auf das Zehnfache erhöht werden!

Für das Kühlwasser ist eine Abgabe von 1,34 Curie pro Monat gestattet (Lit. 12, S. 60). Das scheint zweifellos sehr wenig. Das Kraftwerk Hanford (USA) rief im Columbiafluß eine scheinbar nur unbedeutende Radioaktivität hervor, doch diese speicherte sich wie folgt: im Plankton 2000-fach, Enten 40.000-fach, Fische 150.000-fach, Schwalben 500.000-fach und Eigelb der Wasservögel 1,500.000-fach (Lit. 5, S. 210). Wenn das Geschehen auch damals die Folge des Leichtsinns war, radioaktiven Phosphor32 ohne Filterung in den Fluß abzulassen, so zeigt es eindeutig die zugrundeliegende biologische Tatsache: den Anreicherungseffekt von Radioaktivität in Lebewesen über die biologische Nahrungskette bis zum Millionenfachen des Ausgangswertes. Außerdem besteht immer die Gefahr des Undichtwerdens des Primärkühlkreises durch neutronenbedingte Sprödbrüche und damit des direkten Austrittes größerer Aktivität, wie etwa beim Kernkraftwerk Lingen (siehe oben, S. 2439, Pkt. 3).

Kernkraftwerke der heutigen Bauart, nämlich des Spaltungstyps, erbringen zusätzlich das völlig ungelöste und unlösbare Problem der Beseitigung des strahlenden Atommülls, die enorme Kosten verursacht, ohne Sicherheit zu bieten (siehe oben). Auch weiß noch niemand, was mit den bereits in rund 20 Jahren ausgedienten Anlagen geschehen soll, in denen die Radioaktivität noch hunderte von Jahren weiterbesteht. Zusätzlich ist mit einer Verknappung und damit Verteuerung des Kernbrennstoffes zu rechnen, denn die Reserven an natürlichem Uran sind begrenzt und sollen nach Berechnung von Experten nur noch für 20 Jahre reichen (Lit. 13). Bei dem im Juli 1967 in Chicago abgehaltenen „Forum der Atomindustrie“ legte der Kanadische Verband für Kernkraftentwicklung („Canadian Nuclear Association“) einen Bericht vor, aus dem hervorgeht, daß in der Welt bereits ab 1975 mehr Uran benötigt als gefördert werden wird. Australien drosselte bereits 1965 seine Uranerzförderung im Hinblick auf bald zu erwartende höhere Preise (Lit. 22)!

Endlich melden sich in jüngster Zeit die Wasserbiologen mit immer dringlicheren Warnungen zu Wort. Kernkraftwerke werden stets an Flüssen gebaut, da ja nur ein Drittel der in ihnen erzeugten Wärme verwertet werden kann; zwei Drittel müssen mittels der Kühlwirkung des zu diesem Zweck durch das Werk geleiteten Flusses vernichtet werden; der Fluß aber erfährt dadurch eine beträchtliche Erwärmung, die um so größer wird, wenn an ein und demselben Wasserlauf hintereinander mehrere Kraftwerke gebaut werden. Diese Erwärmung führt zu einer Sauerstoffverarmung des Wasser und hat schwerstwiegende, ja vernichtende Folgen für die gesamte Flora und Fauna im und am Fluß (Lit. 19). Die biologischen Folgen solchen Geschehens sind völlig unabsehbar und auch noch völlig unerforscht. Sie werden von den Kernkraftwerksplanern mit einer Leichtfertigkeit ignoriert beziehungsweise in Kauf genommen, die einfach atemberaubend ist. Nur in den USA wurde bereits vorgeschlagen, keine neuen Kernkraftwerke mehr zuzulassen, bis diese Fragen hinlänglich geklärt sind.

Die wirtschaftliche Rentabilität derart kostenaufwendiger und relativ kurzlebiger Werke, wie sie Kernspaltungsanlagen zur Energiegewinnung darstellen, zu prüfen, entzieht sich wohl unserer Kompetenz. Doch stimmt es bedenklich zu hören:

daß die Staaten „Ausfallhaftungen“ übernehmen und – wie bekannt – auch bereits in Millionenbeträgen zu bezahlen haben! (zum Beispiel Bundesrepublik Deutschland – Gundremmingen, siehe oben);
daß die Baukosten eines Atomkraftwerkes wesentlich höher sind als die einer herkömmlichen kohle-, öl- oder erdgasbefeuerten Anlage, wogegen seine Lebensdauer nur ein Drittel einer solchen beträgt; daß der hier erzeugte Strom billiger sein soll, wird damit schwer vorstellbar (Lit. 7, Jg. 1967, S. 431);
daß der Atomstrom – soll ein Reaktor durch ständigen Vollastbetrieb wirtschaftlich arbeiten – nur in Form von ständig gleich großer Band-Energie, ohne Rücksicht auf Verbrauchsschwankungen – als Grundlast – erzeugt werden kann, was hydraulische, insbesondere Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke und auch zum Teil herkömmliche kalorische zur Aufbringung des Spitzenbedarfes daneben erfordert. Österreich ist aber mit Grundlastwerken bereits überversorgt, wogegen gerade Spitzenenergie mangelt. Somit ist ein Kernkraftwerk das Gegenteil dessen, was Österreich braucht;
daß das Brennmaterial für ein Atomkraftwerk aus dem Ausland bezogen werden muß und sich die Industrie eines Landes damit unter das Preisdiktat der Verkäufer dieses „Heizmaterials“ begibt;
daß Österreich, das erst 45 Prozent seiner ausbauwürdigen Wasserkräfte nützt, mit seinen noch übergroßen Möglichkeiten und Reserven an völlig ungefährlicher und autarker Wasserkraft überhaupt keinen Anlaß hat, ein solches Werk zu bauen, wie unabhängige Energiefachleute eindeutig feststellen.

Noch heute gilt, was der österreichische Atomphysiker Hans Thirring 1946 schrieb: „Es liegen nicht die geringsten Anzeichen dafür vor, daß durch die Entdeckung der Atomenergie die Wasserkräfte entwertet werden können. … Denn bei den Wasserkraftwerken ist der Brennstoffverbrauch überhaupt Null, so daß die hydro-elektrische Energieerzeugung hinsichtlich dieses Punktes von keinem noch so billigen Kraftstoff unterboten werden kann!“ (Lit. 19, S. 137).

Außerdem ist Österreich durch internationale Verträge zum weiteren Ausbau des Rhein-Main-Donau-Schiffahrtsweges verpflichtet. Die Anlage der dazu nötigen Donau-Staustufen vermag unseren Strombedarfszuwachs noch für 30 Jahre zu decken.

Einen wirklichen Fortschritt hinsichtlich Atomenergie wird erst die im Kommen begriffene ungefährliche und rationellere Atomkernfusion bringen, die Österreich, das zur Zeit noch große Mengen seiner elektrischen Stromerzeugung exportiert (diese Exporte übertreffen bei weitem jene Strommenge, die das bei Zwentendorf im Tullnerfeld geplante Kernspaltungskraftwerk liefern würde!), abwarten kann und muß, um nicht für ein dann sofort völlig veraltetes Spaltungskraftwerk eine gigantische Fehlinvestition von weit über 4 Milliarden Schilling getan zu haben!

Denn auf der 34. Physikertagung in Salzburg, vom 29. September bis 4. Oktober 1969 wurde berichtet, daß in etwa zehn bis fünfzehn Jahren die Kernfusion bereits technisch so weit sein werde, der Kernspaltung Konkurrenz zu machen. Auf einer Tagung in Oxford, Anfang September 1969, ist deshalb auch davor gewarnt worden, neue Planungen für Kernspaltungsanlagen zu beginnen.

Im Interesse der Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung muß daher der Bau eines Kernkraftwerkes bisheriger Prägung in Österreich unbedingt verhindert werden, da ein solches nur ungeheure Risiken, aber keine echten wirtschaftlichen Vorteile bringen würde. Denn das Wort Hans Thirrings gilt nach wie vor: „Vorher zu wissen, was man riskieren kann und was nicht, ist eine elementare Lebensweisheit. Ihre Nichtbeachtung würde im Atomzeitalter zum Auslöschen der Menschheit führen.“


Literatur:

(1) Pauling, Linus: Leben oder Tod im Atomzeitalter. Sensen-Verlag, Wien, 1960.
(2) Fischer-Lexikon: Physik. Hg. v. W. Gerlach, Frankfurt am Main, 1960.
(3) Barthelmeß, Alfred: Gefährliche Dosis. Erbgesundheit im technischen Zeitalter (Herder-Bücherei, Bd. 61). Basel – Freiburg – Wien, 1959.
(4) Fritz-Niggli, Hedi: Strahlenbiologie. Thieme-Verlag, Stuttgart, 1959.
(5) Manstein, Bodo: Im Würgegriff des Fortschrittes. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 1961.
(6) Higatsberger, Michael J.: Fragen der Abfallproduktbeseitigung bei einem österreichischen Atomkraftwerk aus der Perspektive der bisherigen Erfahrung des Reaktorzentrums Seibersdorf. „Das Atomkraftwerk“, 8. Jg. (1966), Beilage zu ÖZE 19, Heft 8, Nr. 1; Wien, 1966.
(7) Atomwirtschaft – Atomtechnik. Verlag Handelsblatt Ges. mbH, Düsseldorf, Jg. 1967 und 1968.
(8) Kogan, Philipp: Die Urkraft im Atom. Foundations of Science Library, Boston – London, 1966.
(9) Brookhaven-Bericht, AEC-Pub´n Wash. 740/57.
(10) Reaktor-Shielding Design Manual. Th. Rockwell III, Verlag McGrow Hill, 1956.
(11) Betriebsgutachten des Technischen Überwachungs-Vereines Bayern e. V., München, Mai 1966.
(12) Genehmigungsbescheid vom 28.10.1966 des Bayrischen Staatsministeriums des Inneren, für das Kraftwerk Gundremmingen.
(13) „Umschau“ Heft 6, 1964. Umschau-Verlag, Frankfurt am Main.
(14) „Wohin mit dem Atom-Müll?“. Unesco-Kurier, 8.9.1969 (zitiert aus: “Salzburger Nachrichten“ v. 25.10.1969).
(15) Kaindl, Karl: Quantenbiologie. Hollinek-Verlag, Wien, 1951.
(16) Schutz, Erich H.: Vorkommnisse und Strahlenunfälle in kerntechnischen Anlagen. Aus 20 Jahren internationaler Erfahrung. Verlag K. Thiemig, München, 1966.
(17) Artner, Friedrich und Undt, Willibald, Nuklide formen eine neue Welt. Verlag für physikalische Medizin, Heidelberg, 1969.
(18) Grössinger, Heinz: Somatische Einflüsse und Schädigungen durch ionisierende Strahlung. „Neue Physik“, Bd. 2, Heft 3, S. 111; Wien, 1960.
(19) LaMont C. Cole: Sauerstoffnot durch technologischen Fortschritt. Zeitschrift „Naturwissenschaft und Medizin“ Nr. 26/1969 der Böhringer Ges. mbH, Mannheim.
(20) Thirring, Hans: Die Geschichte der Atombombe, Phönix-Bücherei, Wien, 1946.
(21) Herbst, Walter: Aus Brucker: Kernreaktoren und Bevölkerungszentren, Lemgo, 1969.
(22) Jordan, Arnold: Gelbe Kreuze – rote Sterne – und dazu die Ölpest. Meilensteine der „billigen Energiegewinnung“; „Nation Europa“, Coburg, 18. Jg., Heft 9, September 1968.
(23) v. Weizsäcker, C. F.: „Die Kernenergie als wichtigste Energiequelle für die letzten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts“. Materia medica Nordmark 22/1, Januar 1970, Seite 1.



Folgende Persönlichkeiten im In- und Ausland haben bisher das Abwehr-Memorandum gegen Kernspaltwerke mitunterzeichnet:

A) Ärzte

Dr. Gerburg Adam, Salzburg
Dr. Franz Bahn, Mondsee
Dr. Franz Bengesser, Bad Goisern
Ob.-Reg.-Med.-Rat Dr. Ludwig Braun, Bayreuth
Dr. M. O. Bruker, Memgo/Lippe
Med.-Rat DDr. Rudolf Drobil, Weidling b. Kl.
Dr. Leopold Felbermayer, Gaschurn
Dr. Rosemarie Felbermayer, Gaschurn
Dr. Heinz Fiedelsberger, Wien
Dr. Walter Gächter, Feldkirch, Vorarlberg
Dr. Walther Gübitz, Wien
Dr. E. Kittner, Hannover
Dr. Herbert Klaar, Wien
Dr. Johann Krapfenbauer, Klosterneuburg-Kierling
Dr. Erich Kriebernig, Linz
Med.-Rat Dr. Heinz Kruse, Liezen
Dr. Franz Kurzbauer, Mondsee
Dr. Walter Loew, München
Doz. Dr. Bodo Manstein, Detmold
Dr. Wilhelm Maresch, Bad Goisern
Dr. Helmut Milan, Wien
Dr. Roswitha Müller, Hartberg
Doz. Dr. Willibald Pacher, Innsbruck
Med.-Rat Dr. Ludwig Prokop, St. Pölten
Dr. Walther Rosenstingl, Gmunden
Dr. Karl Rumler, Gmunden
Ob.-Med.-Rat Dr. Joseph Ruppert, Bad Langenbrücken
Dr. Siegmund Schmidt, Bad Rothenfelde
Dr. Juliane Schwert, Wien
DDr. Paul Gerhard Seger, Falkensee bei Berlin
Dr. Gert Stampfel, Leoben
Dr. Giselheid Stampfel, Leoben
Prim. Dr. Karl Stampfel, Leoben
Dr. med. vet. Franz Steiner, Irdning
Univ.-Prof. Dr. Robert Stigler, Kirchberg, Tirol
Dr. Günther Weissenborn, Schwäbisch-Gmünd
Dr. Fritz Westrick, Mondsee

B) Nichtärzte

Univ.-Doz. Dr. Gerold Adam, Konstanz
Univ.-Prof. Dr. Hannes An der Laan, Innsbruck
Univ.-Prof. Dr. Alfred Barthelmeß, München
Ing. Eberhard Beisswenger, Gartow
Mr. pharm. Heidrun Dorfer, Obervellach
Dr. Rose Drobil, Weidling bei Klosterneuburg
Dr. Walter Düringer, Zürich
Rechtsanwalt Eberhard Engelhardt, Nürnberg
Dipl.-Ing. Julius Fleischanderl, Graz
Mr. pharm. Emma Gugel, Graz
Univ.-Prof. Dsc. h. c. rer. nat. h. c. Walter Heitler, Zürich, Vorst. d. Inst. f. theoret. Physik an d. Univ. Zürich
Dr. Eckhart und Sieglinde Knab, Wien
Prof. Dr. techn. Erwin Königshofer, Wien
Geologe Dr. J. A. Kopp, Ebikon
Univ.-Prof. Dr. Gertrud Pleskot, Wien
Dipl.-Ing. Johann Schmid-Burgk, Pforzheim
Prof. h. c. Günther Schwab, Salzburg
Dipl.-Chem. Dr. Walfried Seeger, Feldkirch, Vorarlberg
Gen.-Dir. a. D. Dr. jur. Karlheinz Spielmann, Dortmund
Ing. Hans Stephenson, Wien
Univ.-Prof. Dr. Hans Thirring, Wien
Univ.-Prof. Dr. Max Thürkauf, Basel
Strahlenbiologe Dr. Peter Weish, Wien
Schulrat Leopoldine Werndl, St. Pölten
Prof. Dr. D. B. Steyn, Pretoria


Dieses Memorandum ist anerkennenswerterweise 1970 in der Österreichischen Ärztezeitung abgedruckt worden.

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Der Trauma-Hase – wieder in der Aufwärmrunde?


Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe (Winston Churchill)

Am 31. Mai 2013 kam die UN Presse-Aussendung No Immediate Health Risks from Fukushima Nuclear Accident Says UN Expert Science Panel (Keine unmittelbaren Gesundheitsrisiken durch die Atomkatastrophe von Fukushima, sagt ein wissenschaftliches UN-Experten Gremium) heraus, die – wie eingangs bemerkt wird – nur der Information dienen und kein offizielles Dokument sein will. Dennoch wurde sie von der Medien-Newsticker-Welt meist unreflektiert und unkommentiert wiedergeben oder abgeschrieben. So auch vom ORF, der mit dem Morgenjournal vom 1. Juni 2013 („Kein erhöhtes Krebsrisiko“) für 2 Minuten 16 Sekunden am Grab des kritischen Journalismus stehen durfte.

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Kommentar 1 zu dieser Presse-Aussendung: Propagandistische Methodik
„Die Strahlenbelastung in Folge des Fukushima-Desasters hat zu keinen direkten Gesundheitsauswirkungen geführt...“ Was als Ergebnis am Ende einer soliden wissenschaftlichen Untersuchung stehen sollte, wird gleich mal als erster Satz hingeklotzt – im Sinne platter Propaganda.

Kommentar 2: Unfundierte Behauptungen
Diese Aussendung vom 31. Mai ist eine erste Aufwärmrunde – der aktuell zugrunde liegende Bericht soll im Laufe des Jahres in gereifter Form der UN-Generalversammlung als Report vorgelegt werden. Man darf gespannt sein, zumal dann auch die zugrunde liegenden wissenschaftlichen Daten auf den Tisch kommen: „… und die wissenschaftlichen Daten und Auswertungen, die dem Report zugrunde liegen, werden getrennt veröffentlicht.“

Kommentar 3: Der „Orwellsche Neusprech“ lässt grüßen
Es wird darauf Bezug genommen, dass Familien leiden, dass Menschen entwurzelt wurden und sich Sorgen um ihre Zukunft und um die Gesundheit ihrer Kinder machen. Und weiter Carl-Magnus Larsson, Chair, UNSCEAR: „... und das sind die Probleme, die als langlebiger FALLOUT aus dem Desaster bleiben werden.“
Wird jetzt wieder der Trauma-Hase losgeschickt? Wie nach Tschernobyl, als die naturwissenschaftlichen Argumente am Ende waren und die Behauptung in den Raum gestellt wurde, dass nicht die Radioaktivität die Menschen krank mache, sondern emotionaler Stress?

Kommentar 4: Drüberfahren
Wie uns Tschernobyl lehrt, werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten viele Menschen im stark verstrahlten Umfeld von Fukushima aufgrund der inkorporierten Niedrigstrahlung erkranken und sterben. Sie gehen in der UNSCEAR-Statistik ganz einfach unter, denn „im Ganzen gesehen war die Strahlenbelastung der japanischen Bevölkerung niedrig oder sehr niedrig.“ Das Schicksal dieser Menschen in und um Fukushima wird statistisch weg-nivelliert.

Kommentar 5: Manipulatives Spiel mit der Zeit
„Es wurden keine strahlenbedingten Sterbefälle oder akuten Auswirkungen unter den 25.000 Arbeitern, die etwas mit der Katastrophenanlage zu tun hatten, … festgestellt.“
Nach 2 Jahren von einer Art Krankheits-Tabula-Rasa zu sprechen, ist verwegen, weil die Krebs-Inkubationszeit bei mindestens 5 Jahren liegt. Andererseits lassen sich die Folgen inkorporierter Niedrigstrahlung nicht auf Krebserkrankungen beschränken – es wird so gut wie jedes Organ geschädigt, vor allem auch das Herzkreislauf-System.

Kommentar 6: Wissenschaftliche Scheuklappen
Malcolm Crick, Secretary, UNSCEAR: „An diesem Punkt können wir sagen, dass es zwar ein gewisses Risiko für einige Lebewesen in den Gebieten höchster Stahlenbelastung gibt, aber es ist schwer, das mit den verfügbaren Informationen im Detail anzugeben...“
Aha! Wie wär's mit Timothy Mousseau – Tschernobyl, Fukushima und andere Hot Spots: Biologischen Folgen

Kommentar 7: Ist eine Kugel wirklich rund?
„Wenn Radionukleide aufgenommen oder eingeatmet werden, kann das Auftreten von Radionukleiden in einem Organ zu einer höheren Belastung anderer Organe führen, weil die Organe bei Kindern näher beieinander liegen als bei Erwachsenen...“ Ja, das steht wirklich so da!

Kommentar 8: Wer nicht kapieren will, der forscht weiter – bis in alle Ewigkeit
Fred Mettler, Chair, UNSCEAR: „Weitere Untersuchungen sind notwendig, um die Gefahren und die Auswirkungen zu verstehen, die sich aus einer Strahlenbelastung in der Kindheit ergeben … Ihre Erfahrungen dürfen nicht verloren gehen.“ Seit 1945 – also nach fast 70 Jahren – sollten wir diese „Erfahrungen“ eigentlich schon irgendwie verstanden haben. Sind denn diese Ereignisse an uns vorbeigegangen: Hiroshima, Nagasaki, Nevada, oberirdische Atom- und Wasserstoffbombentests, Majak, Windscale/Sellafield, Harrisburg, Tschernobyl usw? Damit das Forschen im Stile eines Sisyphos ein schnelleres Ende nimmt, braucht es nur einen Schritt: ÖFFNEN DER RELEVANTEN ARCHIVE!

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Die Atomwirtschaft hat sich seit Atoms for Peace (1953) mit einem Netz von verlängerten Armen auch im Umfeld der UNO abgesichert – und dieses Netz setzt ihre Interessen lückenlos durch. Sie hat die relevanten Informationskanäle unter Kontrolle, bis hin zu den Medien, die von Werbeeinschaltungen leben und bei Bedarf in Zusammenarbeit mit anderen globalen Kräften zur Räson gebracht werden. Wer sind nun verlängerte Arme der Atomwirtschaft? Ein paar wohlklingende Namen, die durchaus gute Reputation besitzen: IAEO, WHO, UNSCEAR, UNEP, ICRP, BEIR.

Seit dem Abkommen WHA 12-40 vom Mai 1959 darf die WHO in Sachen Radioaktivität nur mehr in Einklang mit der IAEO sprechen oder handeln. Dieses Abkommen ist allerdings in den letzten Jahren der Weltöffentlichkeit nicht mehr verborgen geblieben. Und so ist dann auch 2010 die Radiologische Abteilung in der WHO (RAD) mittels Sparmaßnahmen versenkt worden.

Aber innerhalb der UNO gibt es reichlich Ersatz für die Medienbühne: Als verlängerter Arm der Atomwirtschaft hat die UNSCEAR – bis heute weniger im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit als die WHO – dann auch am 31. Mai 2013 für die Aussendung No Immediate Health Risks from Fukushima Nuclear Accident Says UN Expert Science Panel gesorgt.


Abkürzungen:

WHO = World Health Organisation = Welt Gesundheits Organisation
IAEO = International Atomic Energy Organisation = Internationale Atom Energie Organisation
IAEA = IAEO
UNSCEAR = United Nations Scientific Committee on the Effect of Atomic Radiation = Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung
UNEP = United Nations Environment Programme = Umweltprogramm der Vereinten Nationen
ICRP = International Commission on Radiological Protection = Internationale Strahlenschutzkommission

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Entzug der Betriebsbewilligung für das Atomkraftwerk Mühleberg (CH)


Einleitung

"Es ist der totale Irrsinn, das unendliche atomare Zerstörungspotenzial der kommerziellen menschlichen Fehlerhaftigkeit anzuvertrauen."

Nachdem am 16. Juli 2011 ein Schweizer Pilot in einer 2-motorigen Maschine in der Nordschweiz mit einem Selbstmordeinsatz „erfolgreich“ ein Wohnhaus zerstört hatte, schrieb ich eine Anfrage an Bundesrätin Leuthard, wie man sich das vorstelle, wenn in ähnlicher Art ein Verkehrsjet mit hoher Geschwindigkeit ein Schweizer AKW rammen würde. In ihrer Antwort verwies sie auf die Stellungnahme der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), die 2003 nach den Nine-Eleven Angriffen veröffentlicht worden war. Dieses Papier (HSK-AN-4626) wimmelt von zäh eingestandenen Sicherheitslücken, die sofort mit Unwahrscheinlichkeiten und Aber-Argumenten verwedelt werden.

In der Folge unterstützte mich Peter Sager, indem er Netzwerke knüpfte und Robi Ranzone mit der technischen Aufschaltung einer Website (
atomrechnung.ch). Unsere Thesen wurden in vielen Schweizer-Zeitungen wie auch mehrmals in den Nachrichten vom Schweizer Landessender verbreitet. Auch trafen wir uns an zwei Sitzungen mit der Stiftungsratspräsidentin des ENSI (Eidg. Nuklearsicherheitsinspektorat, Nachfolgeorg. der HSK). Seit dem 5. März 2013 kann man auf der Website des ENSI nachlesen, dass das Thema des vorsätzlichen Flugzeugabsturzes unter Berücksichtigung der seit 2003 erfolgten technischen Entwicklung neu aufgegriffen werden soll. Im untenstehenden Gesuch wird ein Realakteverfahren angesprochen. Ob daraus eine Verfügung entsteht, die dann mit Rechtsmittel eingeklagt werden kann, hängt von den Antworten des ENSI und UVEK (Departement Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation) ab, die noch ausstehend sind.

Max Tobler
(Meine fliegerischen Kenntnisse beruhen auf 32 Jahren Linienpilot bei Swissair [Exkommandant B‐747 und MD‐11] plus weiteren 8 Jahren als Kapitän auf einem grossen Business‐Jet. Aktuell arbeite ich als Simulatorinstruktor für Piloten bei Typenumschulung und dem lizenzrelevanten halbjährlichen Flugtraining.)


Gesuch um Entzug der Betriebsbewilligung KKM (Auszug)
vom 21. März 2013

Die Betriebsbewilligung für das Kernkraftwerk Mühleberg muss dem Betreiber entzogen werden, weil die Schutzziele gegen einen vorsätzlichen Flugzeugabsturz nicht eingehalten werden können und weil der Betreiber nicht darlegen kann, wie die Schutzziele zu erreichen sind.

„Der Inhaber einer Betriebsbewilligung für eine Kernanlage hat nachzuweisen, dass mit den getroffenen Sicherungsmassnahmen die Schutzziele eingehalten werden.“ (Art. 2 Abs. 2 GaSimV Abs. 2, Nachweispflicht)

Die – grundlegenden – Schutzziele zur Gewährleistung der nuklearen Sicherheit (Art. 1 Bst. d GANV) sind:
   die Kontrolle der Reaktivität,
   die Kühlung der Kernmaterialien und der radioaktiven Abfälle,
   der Einschluss der radioaktiven Stoffe,
   die Begrenzung der Strahlenexposition.

Um die Schutzziele doch noch zu erreichen, bedarf es aufwändiger, teurer und umfassender Nachrüstungen. Das nachgerüstete AKW würde von der derzeit gültigen Bewilligung so stark abweichen, dass es ein Bewilligungsabänderungsverfahren braucht. Ein gesetzlicher Zustand wird dann durch eine Neubewilligung erreicht.

Das UVEK (Departement für Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation) als Bewilligungsbehörde muss daher die Betriebsbewilligung bis zur geeigneten Nachrüstung und bis zur Neubewilligung entziehen oder suspendieren.

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Das ENSI vermag bisher nicht zu erklären, weshalb es für die bestehenden alten Atomkraftwerke keine aktuellen Nachrüstungsrichtlinien erlassen hat, namentlich auch nicht nach den 9/11-Angriffen. Das ENSI vernachlässigt damit seine Richtlinienpflicht. Namentlich hätten diese Richtlinien die Beherrschung des absichtlichen Flugzeugabsturzes sicherzustellen.

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Die deutsche GRS-Studie von 2002 (zum Schutz der deutschen AKWs nach 9/11) kommt zu dem Schluss, dass ein gezielter Einflug eines A-320 mit nur 370 km/h in Brunsbüttel zu großflächiger Zerstörung des Reaktorgebäudes führt (Brunsbüttel ist bautechnisch die Referenzanlage zu Mühleberg, der A-320 hat eine angenommene Startmasse von 77 Tonnen).

Wenn – gemäß dieser Studie – Wrackteile das Dach des Reaktorgebäudes treffen, kommt es zu einer erheblichen Freisetzung aus dem Brennelementebecken.

Die GRS hat im Jahre 2004 eine Zusammenfassung ihrer Studie aus dem Jahr 2002 im Internet veröffentlicht, wo sie nicht nur potentiellen Terroristen, sondern auch der schweizerischen HSK zu Verfügung gestanden wäre. Dennoch unterscheidet sich die HSK-9/11-Studie (aus dem März 2003) wesentlich von der deutschen Studie.

Die Stilllegung der 8 deutschen Reaktoren im Jahr 2011 erfolgte auch unter dem Hinweis, dass die mehr als 30 Jahre alten AKWs in keiner Weise gegenüber Flugzeugangriffen gesichert sind.

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Der HSK-9/11-Bericht (2003) nennt als Absturzziele
   (1) Reaktorgebäude und
   (2) Reaktordach (mit darunterliegendem Brennelementebecken).

Es muss aber in Erinnerung gerufen werden, dass es noch weitere Ziele gibt:
   (3) den Notstromdiesel auf dem Dach des Gebäudes für das SUSAN und
   (4) die Kühlwasserleitung zur Aare = einzige Wärmesenke.

(1) Der Anflug aus Nordwesten ermöglicht einen Treffer, ungehindert von Nebengebäuden. Dieser Anflug kann mit einem standardmäßigen 3° Gleitflug durchgeführt werden – Google Earth liefert die Flugroute.
Der HSK-9/11-Bericht von 2003 beschreibt, dass die Betreiber des AKW Mühleberg nach 9/11 aufgefordert wurden, die Widerstandsfähigkeit ihres Werks zu berechnen. Obschon das AKW bei Erstellung offiziell nicht gegen den Lastfall Flugzeugabsturz ausgelegt wurde, finden die AKW-Betreiber in Eigenregie und mit der Öffentlichkeit nicht zugänglichem Datenmaterial heraus, dass das Reaktorgebäude einem gezielten Absturz einer Boeing-707 mit angenommener Masse von 90 Tonnen und einer Geschwindigkeit von 370 km/h widerstehen würde (die B-707 wurde auch schon 2003 praktisch nicht mehr in der zivilen Luftfahrt eingesetzt). Das ergibt eine kinetische Aufprallenergie von 475'368'000 kg m2 sec-2.
Die nur für neue AKWs anwendbare HSK-Richtlinie HSK-R-102-d (Dezember 1986) verlangt die Beherrschung des Anflugs eines Militärjets (20 Tonnen Masse) mit einer Geschwindigkeit von 774 km/h. Das ergibt eine vergleichbare kinetische Energie von 462'250'000 kg m2 sec-2. Damit das Reaktorgebäude dieser Energie beim Aufprall widerstehen kann, darf eine Mindestbetonwandstärke von 1,50 m nicht unterschritten werden. Ein A-380, der heute mit der gleichen Geschwindigkeit wie der Militärjet ins Reaktorgebäude prallen könnte, hat etwa die 28-fache Masse der Richtlinien von 1986. Das AKW Mühleberg hat nicht einmal die für neue AKW 28-fach zu klein gerechnete Wandstärke von 1,50 Meter, sondern nur einen Bruchteil davon, nämlich im Deckenbereich 15 cm und im zylindrischen Teil 60 cm.
Die von UVEK und ENSI 2003 erlassene politische Gefälligkeits-Einschränkung auf die alten, weil leichteren Flugzeugtypen und auf die angenommene langsame Geschwindigkeit hat keinen Bezug zur realen Gefährdung, denn schon seit Betriebsbeginn (1972) des AKW Mühleberg fliegen B-747 herum, die mit der vierfachen Masse und der doppelten Geschwindigkeit der im HSK-Bericht von den Betreibern angenommenen B-707 Werte in ein Erdobjekt gesteuert werden können.
Die Betonwände und Betondecken des Atomkraftwerk Mühleberg sind nie nachgerüstet worden. Es muss also mit massiven Zerstörungen gerechnet werden am Reaktor, an der technischen Einrichtung im Gebäude und hauptsächlich am Brennelementebecken.
9/11 hat gezeigt, dass kaum ausgebildete Piloten in der Lage sind, grosse Verkehrsflugzeuge zu entführen und als Selbstmordattentäter mit hoher Geschwindigkeit zielgenau in ein Objekt zu steuern und dort Gebäude zu zerstören (Twin-Towers, Pentagon). Beim gesteuerten Flug der American Airlines AA 77 ins Pentagon vom 11. September 2001 flog die B-757 in Bodennähe mit 830 km/h ins Pentagon.
Am 16. Juli 2011 hat ein Pilot in Oberhallau (Schweiz) ein Erdobjekt (sein Elternhaus) mit einer Diamond Aircraft DA 42 zielsicher getroffen und zerstört.
Seit 9/11 ist die Navigation noch erheblich präziser geworden.
Eine hohe Treffgenauigkeit – auch bei hoher Geschwindigkeit – kann vorausgesetzt werden. So kann beispielsweise beginnend über dem Bielersee auf 1100 Metern über Meer aus Google Earth – für jedermann zugänglich – mit der Funktionstaste „Lineal“ ein true track von 135° herausgelesen werden, der vertikalnavigatorisch mit einem 3°-Anflugwinkel, wie er auf den meisten Flugplätzen üblich ist, ins Atomkraftwerk Mühleberg führt. Jeder topographische Punkt auf dem „Lineal“ wird von Google Earth automatisch mit den Koordinaten auf 0.30 Meter genau angegeben. Ebenso erscheint die topographische Höhe. Ein allfälliger Kamikaze-Pilot braucht nicht einmal vor Ort gewesen zu sein, um einen gezielten Anflug ins Atomkraftwerk Mühleberg zu planen.

(2) Das Nuklearforum hat die wenig geschützte Lage des Brennelementelagerbecken am 21. 9. 2001 beschrieben: „... Das Brennelementelagerbecken befindet sich im oberen Teil des Reaktorgebäudes“. Die darunterliegenden Anbauten werden wenig nützen, wenn das Dach des Reaktorgebäudes getroffen wird.
Es muss mit dem Eindringen von Brennstoff ins Brennelementelagerbecken schon bei kleineren Verkehrs-Flugzeugtypen gerechnet werden. Der HSK-Bericht hält fest (Seite 10, 4.3): Im Falle des Flugzeugabsturzes spielt das Reaktorgebäude als äussere Barriere die zentrale Rolle beim Widerstand gegen das Eindringen von Flugzeugteilen, insbesondere des Triebwerks, des Rumpfes und dem Treibstoff. Es sei hier nochmals erwähnt, dass das einzige Hindernis zwischen dem Brennelement-Becken und dem freien Himmel aus einer 16 cm dünnen Betonwandstärke besteht. Beim Angriff durch einen gezielten Flugzeugabsturz ist mit einer massiven Beschädigung bzw. Offenlegung des Brennelementelagerbeckens und der Kühlwasserzufuhr zu rechnen. Dieses Szenario kann nur durch eine Verstärkung des gesamten Reaktorgebäudes beherrscht werden.
Die Termine der jährlichen Revisionsarbeiten werden öffentlich bekannt gegeben. Während der Revisionsarbeiten (geöffnetes Containment und geöffneter RDB-Deckel wegen Umschichtung der Brennelemente zwischen Reaktorkern und Brennelementebecken) besteht ein stark erhöhtes Schädigungs- und Verstrahlungsrisiko. Insbesondere kann bei einem Durchbruch des Dachs Flugzeugbenzin bis in den Reaktorkern gelangen (Brand und Explosionsgefahr).

(3) Die HSK-9/11-Stellungsnahme stellt bezüglich der Auswirkungen (eines vorsätzlichen Flugzeugabsturzes) auf den oberen Teil und das Dach fest: Bei den AKWs Mühleberg und Beznau kann nicht ganz ausgeschlossen werden,
   dass eindringende Flugzeugteile sicherheitstechnische Einrichtungen beschädigen,
   dass infolge indirekter Brandeinwirkungen (Rauchgas) die Funktion der Notstrom-/Notstanddiesel beeinträchtigt wird.
Ein Ausfall der externen Stromversorgung und der gleichzeitigen Notstand- und Notstromversorgung führt zum totalen Ausfall der Wechselstromversorgung. Damit kann keine Wärmeabfuhr aus dem Reaktor mehr stattfinden.
Der Notstromdiesel auf dem SUSAN-Dach soll die Kühlwasserzufuhr von der Aare sicherstellen, wenn die 1. Wärmesenke durch die im Juli 2011 eingebauten Wasseransaugstutzen verstopft ist. Dieser Notstromdiesel kann mit der Durchstanzung der Reaktorgebäudewand zerstört werden. Damit kann durch den Ausfall der 1. und 2. Wärmesenke eine Kernschmelze und der GAU nicht mehr ausgeschlossen werden.

(4) Es ist auch zu berücksichtigen, dass ein aus Nordwest bis Nordost anfliegender Verkehrsjet das Gelände vor dem Reaktor trifft. Ein Großraumflugzeug vermag eine Fläche von mehr als 100mx100m zu zerstören. In dieser Zerstörungsfläche befinden sich
   der Rechen des SUSAN-Einlaufbauwerks,
   die Aarewassereinleitung,
   die im Juli/August 2011 eingebauten verbundenen Ansaugstutzen.

Das Atomkraftwerk Mühleberg hat den Nachweis zu erbringen, dass für dieses Szenario der gleichzeitige Ausfall der Kühlsysteme aus der Aare ausgeschlossen werden kann. Die 3 Anprallschutzträger sind nicht ernst zu nehmen.

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Das ENSI hat am 4. Nov. 2011 den Erkenntnisstand des HSK-9/11-Berichts vom März 2003 für vorsätzliche Flugzeugabstürze – wider besseres Wissen – erneut bestätigt, ohne auf die Änderungen bei den Flugzeugtypen, der maximalen Geschwindigkeit in Bodennähe und bei der Navigationstauglichkeit (Treffsicherheit) einzugehen. Der HSK-9/11-Bericht ist nicht auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik, geht deshalb von falschen Parametern aus und weist in 3 Punkten schwerwiegende Fehler auf:
   beim angenommenen Flugzeugtyp,
   bei der Aufprallgeschwindigkeit und
   bei der Navigations- und Treffsicherheit.

Verschärfend kommt hinzu, dass es seit spätestens 2008 (nach KEV, GaSimV) rechtswidrig ist, „den mangelnden Nachweis von Sicherung der Schutzziele mit Probabilitäten [angenommenen Wahrscheinlichkeiten] zu rechtfertigen“.

Schon der besagte HSK-9/11-Bericht von 2003 hat aber auch festgestellt, dass das Durchstanzen der Reaktorgebäudewand von einem größeren Flugzeugtyp und mit erhöhter Geschwindigkeit nicht ausgeschlossen werden könne. Und: Es sei prinzipiell möglich, dass ein Flugzeug mit erhöhter Geschwindigkeit in das Atomkraftwerk Mühleberg gelenkt werden könne.

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An der Unabhängigkeit und Unbefangenheit der ENSI muss gezweifelt werden. Sie hat in einer Medienmitteilung am 5. März 2013 erklärt, dass ihr angekündigtes Nachprüfungsverfahren des vorsätzlichen Flugzeugabsturzes nicht ergebnisoffen sein werde und eine Ausserbetriebnahme und der Entzug der Betriebsbewilligung für das Kernkraftwerk Mühleberg nicht zur Diskussion stünden. Die Überprüfung sei nur auf Nachrüstung ausgerichtet.

In dieser Medienmitteilung vom 5. März wird weiters ausgeführt, es werde eine Aktualisierung der Untersuchungen aus dem Jahr 2003 geben, als offensichtlich risikoerhöhende Faktoren werden genannt:
   bisher angenommene Grenzanflugsgeschwindigkeiten,
   neue schwerere Flugzeugtypen (Grossraumflugzeuge) und
   weiterentwickelte Navigationstechnik, automatische und pilotengesteuerte.

Als sicherungserhöhende Faktoren sollen berücksichtigt werden:
   die Renegade-Maßnahmen und
   die ausgebauten Accident Massnahmen.

Die sicherungserhöhenden Renegade und Accident Massnahmen sind so gut wie wertlos. Die Berücksichtigung von sogenannten Renegade Massnahmen ist von vornherein nicht geeignet, einen vorsätzlichen Flugzeugabsturz zu verhindern, denn:
   - dichte Flugnetze und 4 nahe große Flughäfen lassen es als unmöglich erscheinen, dass ein Selbstmordpilot
     mit Raketen oder Armeeflugzeugen abgeschossen wird;
   - ein Aufstieg von Armeeflugzeugen ab Payerne innerhalb von 10 Minuten käme zu spät;
   - ein Raketenabschuss ohne Vorwarnung oder gar vollautomatisch ist mit gültigem Recht nicht vereinbar;
   - ein Flugzeug mit einem internationalen Zielflughafen könnte Notrufe abgeben und dann mit bordeigener Navigation
     den AKW-Zielflug antreten. Erst nach dem gezielten Absturz würde die Situation klar werden.

Die Schäden an Reaktorgebäude, Reaktor, Brennelementebecken, an der Wärmesenke usw. sind für die Accident Massnahmen nicht beherrschbar. Durch Explosion, Feuer und Verstopfung würde die Kühlung nachhaltig unterbrochen; damit ist die Kernschmelze nicht mehr auszuschließen. Die bis heute nicht vorbereiteten Notfallmaßnahmen wären nicht zielführend. Die allgemein nicht regelmäßig anwesende Feuerwehr hätte mit mehreren Problem zu kämpfen: gegebenenfalls Überlebende aus dem Flugzeug retten, verschiedene Brandherde auf dem Areal und im Gebäude bekämpfen, Wasser aus der Aare pumpen, das mit größter Wahrscheinlichkeit zerstörte SUSAN-Einlaufwerk bespeisen.

Grund für diese angekündigten Untersuchungen dürften insbesondere Erkenntnisse ausländischer Aufsichtsbehörden sein, z.B. der deutschen GRS (die 11 Jahre alt sind, aber entscheidend für die Ausserbetriebnahme der älteren deutschen AKWs waren).

Für dieses Nachprüfungsverfahren wurden von der ENSI keine Termine publik gemacht, d.h. es hat sich nicht zu Fristen und Verfahrensdauer geäussert. Das nährt den Verdacht, dass dieses Verfahren verschleppt werden soll – weil sowie schon klar ist, dass das Atomkraftwerk Mühleberg die Schutzziele niemals erreichen kann oder erreichen wird?

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Die Antragsteller behalten es sich offen, ein unabhängiges Gutachten einzuholen, nachdem die ENSI ihre Stellungnahme zum vorsätzlichen Flugzeugabsturz vorgelegt hat. Dieses unabhängige Guthaben soll klären, wie die Schutzziele zu erreichen sind, wenn vom neuesten Stand in Wissenschaft und Technik ausgegangen wird.

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Dieses Gesuch beruht namentlich auf folgenden öffentlich zugänglichen Dokumenten:
1) Studie des Öko-Instituts Darmstadt vom 31. August 2012 zu den möglichen Folgen eines Unfalls im KKW Mühleberg bei ähnlichen Freisetzungen radioaktiver Stoffe wie aus einem Block des KKW Fukushima-Daichii
2) Fachstellungnahme des Umweltbundesamts zu sicherheitstechnischen Aspekten des Schweizer Kernkraftwerks Mühleberg, Erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft Abteilung V/6 Nuklearkoordination, GZ BMLFUW-UW. 1.1.2/0001-V/6/2011, Wien, 20. April 2012, insbesondere Annex 2
3) Betriebsbewilligung für das Kernkraftwerk Mühleberg KKM des Bundesrats vom 14. Dezember 1992
4) Urteil C 39.07 des deutschen Bundesverwaltungsgerichts vom 10. April 2008
5) Stellungnahme HSK vom März 2003 (HSK-AN-4626)
6) HSK-Richtlinie 49 vom Dezember 2003 (HSK-R-49)
7) Kurzgutachten Eurosolar, Dr. Cornelia Ziehm vom April 2009
8) Erläuternder Bericht des BFE vom Juni 2007 zur Verordnung des UVEK über die Gefährdungsannahmen und Sicherungsmassnahmen für Kernanlagen und Kernmaterialien
9) IAEA-Richtlinie INFCIRC/225/Rev.4 "The Physical Protection Of Nuclear Material And Nuclear Facilities"
10) Entwurf und Erläuterungen KEV, BFE, 12.05.2004


Akronyme (in alphabetischer Reihenfolge):

ABNV  ch  Ausserbetriebnahmeverordnung
AHGNS eu Ad Hoc Group on Nuclear Security
AKW   Atomkraftwerk = Kernkraftwerk
BEB   Brennelementelagerbecken
BMU d Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
ENSI ch Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat
FLA   Flugzeugabsturz
GANV ch Verordnung über die Gefährdungsannahmen und die Bewertung des Schutzes gegen Störfälle in Kernanlagen
GaSimV ch Gefährdungsannahmen und Sicherungsmassnahmen für Kernanlagen und Kernmaterialien
GRS d Gesellschaft für Reaktorsicherheit
HSK ch Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen
KEG ch Kernenergiegesetz
KEV ch Kernenergieverordnung
KKB ch Kernkraftwerk Beznau
KKG ch Kernkraftwerk Gösgen
KKL ch Kernkraftwerk Leibstadt
KKM ch Kernkraftwerk Mühleberg
KKW   Kernkraftwerk = Atomkraftwerk
RDB   Reaktordruckbehälter
SUSAN   Spezielles Unabhängiges System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme
UVEK ch Departement für Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation
VwVG ch Verwaltungsverfahrensgesetz


Hinweis: Dieses Dokument ist in der amtlichen schweizerischen Rechtschreibung gesetzt.

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Offener Brief an den Präsidenten der Republik Österreich

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Medienberichte über Ihr Treffen mit Ihrem tschechischen Amtskollegen Milos Zeman nehmen wir zum Anlass, uns mit einem offenen Brief an Sie zu wenden. Sowohl in österreichischen als auch tschechischen Berichten ist die Rede davon, dass die „Sicherheit“ von Atomkraftwerken als gemeinsames Interesse hervorgehoben wurde, und des Weiteren, dass Sie, Herr Dr. Fischer, versichert haben, jedes Land könne selbst entscheiden, auf welche Weise Energie produziert werde.

An diesem Punkt melden wir jedoch entschieden Widerspruch an. Die „Freiheit“, mit Atomanlagen ein grenzüberschreitendes Bedrohungspotential zu schaffen, ist seit Tschernobyl, spätestens aber nach Fukushima nicht mehr akzeptabel. Während bei Nachbarländern, die beide Atomanlagen betreiben, eine wechselseitige Bedrohung vorliegt, bei der wechselseitige Vorwürfe diskutabel sein mögen, ist die Österreich betreffende Situation fundamental anders. Wir bedrohen niemanden und müssen uns daher eine Bedrohung aus einem Nachbarland auch nicht gefallen lassen.

Mit dem europäischen Stresstest für Kernkraftwerke ist in Europa de facto anerkannt worden, dass auch bislang für „hypothetisch“, d. h. nicht berücksichtigungswert gehaltene Unfallszenarien in der Tat eintreten können. Schlimmer noch: Es treten immer neue Unfallabläufe ein, die zuvor überhaupt nicht bedacht wurden. Angesichts der dramatischen Gefahren und des mehr als fragwürdigen „Nutzens“ – Atomenergie ist bekanntlich weder sicher noch sauber noch billig noch auf Dauer verfügbar noch klimaschonend – ist der Ausstieg aus der Nukleartechnologie nach wie vor das Gebot der Stunde.

Da weder die Ressourcenlage noch die Klimaproblematik ein Zurück zu fossilen Brennstoffen zulassen, ist die Energiewende hin zu deutlich gesteigerter Effizienz und erneuerbaren Energien überfällig.

Von unseren politischen Vertretern erwarten wir daher, dass sie diese Strategie in den Vordergrund stellen und im Übrigen der oberflächlichen und längst überholten Sicherheitsrhetorik mit klaren Argumenten entgegentreten. Im Zusammenhang mit der Atomkraft sind kurz- und mittelfristig zu lösende Kernfragen, wie grenzüberschreitende Alarm- und Katastrophenpläne, unmissverständlich anzusprechen. Wie sollen diese überhaupt realistisch funktionieren? Können Notfallmaßnahmen und Evakuierungen mit ganz Budweis oder Prag vorexerziert werden? Übernehmen Tschechien und die Atombetreiberstaaten insgesamt die volle Schadenshaftung?

Der Widerstand gegen die Atomenergie, der Österreich 1978 zum Vorreiter eines qualifizierten Ausstiegs aus der Atomkraft werden ließ, liegt daher nicht zuletzt auch im Interesse der Bevölkerung unserer Nachbarstaaten.

Im Mai 2013, Unterzeichnende:

Prof. Dr. Reinhold Christian, Doz. Dr. Peter Weish für das Forum Wissenschaft & Umwelt
Patricia Lorenz für Global 2000
Maria Urban für die Wiener Plattform Atomkraftfrei
Christiane Schmutterer für die ARGE ja zur Umwelt, nein zur Atomenergie
DI Manfred Doppler für das Anti Atom Komitee
Hildegard Breiner für den Österreichischen Naturschutzbund Vorarlberg
Hans Kutil für den Österreichischen Naturschutzbund Salzburg
Roland Egger für atomstopp-atomkraftfrei leben!
Isolde Schönstein für die ARGE Schöpfungsverantwortung
Mag. Heinz Stockinger für die Plattform gegen Atomgefahren
Wilfried Leisch für die GewerkschafterInnen gegen Atomenergie und Krieg
Gottfried Brandner, Bernhard Riepl für Gemeinsam für Sonne und Freiheit sowie Waldviertler Energiestammtisch
Matthias Reichl für das Begegnungszentrum für Gewaltlosigkeit
Hermann Ölberg für die Arbeitsgemeinschaft für Atomkraftfreie Zukunft (AFAZ)
Mathilde Halla für SENECA


Download des Textes als pdf

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Müll der Hiroshima-Atombombe sorgt in St. Louis (US) für Krebs-Epidemie

ST. LOUIS COUNTY (KSDK)
31. Jänner 2013:
http://www.ksdk.com/news/article/358520/3/Cancer-map-may-show-enormous-St-Louis-cluster

Ein Blick auf die Krebs-Landkarte von St. Louis

Es gibt radioaktive Geheimnisse an den Ufern und im Wasser eines Flüsschens im Norden von St Louis, die etwas mit der schwindelerregenden Zahl an Krebsfällen, Krankheiten und Geburtsfehlern zu tun haben könnten. Auf einem Gebiet von vier Quadratmeilen (~10 Quadratkilometern) gibt es nachweislich drei Fälle von siamesischen Zwillingen und Krebsraten, von denen eine Datenexpertin sagt, dass es so etwas statistisch eigentlich nicht geben kann.

Es ist gut zwei Jahre her, dass sich Janell Wright und mehrere ihrer Klassenkollegen von der McClur North High School (Jahrgang 1988) die Frage zu stellen begannen, warum so viele Gleichaltrige mit Krebs zu kämpfen haben.

„Wir wurden stutzig, als bei zwei Freunden innerhalb weniger Monate Blinddarmkrebs diagnostiziert wurde. Und beiden wurde erzählt, dass die Wahrscheinlichkeit, an dieser Krebsart zu erkranken, bei 1 zu 1 Million liegt“, sagt Wright.

Wright, eine frühere Rechnungsprüferin und jetzt von Beruf Buchhalterin, begann Daten von ihren Klassenkollegen zu sammeln. Innerhalb kurzer Zeit machten die Kollegen von benachbarten Schulen mit.

„Auf Facebook ging es wie bei einem Lauffeuer los. Die Leute fingen an von ihrem Krebs und von ihren Auto-Immun-Krankheiten zu berichten“, sagt Wright. Anfangs waren es 30 Fälle, aber innerhalb von zwei Monaten hatte sie die Daten von 200 Fällen. Heute sind ihr aus einem Gebiet von vier Quadratmeilen mehr als 700 Fälle bekannt. In der Liste finden sich:

     62 Fälle von Gehirntumoren
     27 Fälle von Leukämie
     26 Fälle von Lungenkrebs
     24 Fälle von Multipler Sklerose
     15 Fälle von Lymphdrüsenkrebs
     10 Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs
     3 Fälle von siamesischen Zwillingen

pdf (Cluster-Grafik: http://www.ksdk.com/assetpool/documents/130201030540_View%20A%20Larger%20Cancer%20Cluster%20Map.pdf

Genauso wurde Wright hellhörig, als die Daten zeigten, dass auch die Kinder einiger Klassenkameraden schwere medizinische Probleme hatten.

„Diese Kinder erkrankten während ihrer ersten 15 Lebensjahre vor allem an Gehirntumoren, aber auch an Leukämie. Es gab mehrere Kinder von Klassenkameraden, denen ein Gehirntumor entfernt werden musste, ehe sie das 10. Lebensjahr erreicht hatten“, sagte sie.

Ein zufälliges Zusammentreffen? Was war da los? Eine der Klassenkameradinnen, Diane Whitmore Schanzenbach, ist Volkswirtschafterin an der Northwestern University. Sie führte ihre eigenen Analysen durch und kam zu dem Schluss, dass das Auftreten so vieler Krebsfälle unter den Klassenkameraden eine Wahrscheinlichkeit von 0.00000001 besitzt. Schanzenbach bezeichnete das als statistische Unmöglichkeit.

Durch Facebook, Highschool und Krankheit einander verbunden, machten die Klassenkameraden eine überraschende Entdeckung. Das Flüsschen, an dem sie als Kinder gespielt hatten, trug ein Geheimnis in sich.

In den 1940er-Jahren verarbeiteten die Mallinckrodt Chemiewerke im Zentrum von St. Louis tausende Tonnen von Uran für die Herstellung der ersten Atombomben. Bei diesem Vorgang fielen aber auch enorme Mengen von radioaktivem Müll an. Unter dem Siegel der nationalen Sicherheit ordnete die Regierung 1947 stillschweigend an, dass dieses Material in den Norden dieses Bezirks von St. Louis geschafft wird.

21 Morgen eines Flugplatzes wurden nun zum Müllplatz, auf dem eine giftige Mischung aus Uran, Thorium und Radium ohne Abdeckung oder in Fässern gelagert wurde. In den 1960er-Jahren musste die Regierung feststellen, dass der Inhalt der rostigen Fässer in ein nahe gelegenes Flüsschen mit dem Namen Coldwater sickerte. Und in den 1990er-Jahren bestätigte die Regierung, dass im Wasser eine nicht näher bestimmte Menge an radioaktivem Material zu finden ist.

„Wir mussten erst einmal zu der Erkenntnis durchringen, dass da etwas nicht in Ordnung war. Niemand wusste Näheres“, sagt Wright.

Wright und mittlerweile 2000 Menschen wollten nun über die Facebook-Seite Coldwater Creek Just the Facts Please herausfinden, ob sie radioaktiven Staub, der vom Wind aus der Müllkippe davongeblasen worden war, eingeatmet oder kleine Mengen an verseuchtem Flusswasser verschluckt haben.

Wright übergab die Daten schließlich dem Army Corp of Engineers (http://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Army_Corps_of_Engineers), das den Fluss überwacht.

Mitglieder der Facebook-Gruppe erwarten von den CDC [Centers for Disease Control], dass diese ihre Daten untersuchen und feststellen, ob es einen Krebs-Cluster gibt. Sie bereiten derzeit eine Klage vor, in der Hoffnung, die Wahrheit herauszubekommen.

Wright hofft, dass sie mit dem Krebs-Cluster und seiner Verbindung zum Coldwater-Flüsschen Unrecht hat. Ihre größte Befürchtung besteht darin, dass die Recht haben könnte.

Auf Grundlage der jüngsten Daten ließ der Army Corp of Engineers verlautbaren, dass es für die derzeitigen Hausbesitzer keine Gefahr einer Kontamination gebe. Und die Beobachtung des Flusses geht weiter.

30 Betroffene streben inzwischen einen Prozess gegen Malinckrodt und andere Unternehmen an. Ein Sprecher von Mallinckrodt, das nun zu Covidian gehört, sagte, dass Mallinckrodt nicht an der Beseitigung oder an der Beseitigung des Atommülls beteiligt waren.

Lynn Phillips, Mitarbeiter in Mallinckrodt's Abteilung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, gab folgende Erklärung heraus:
„Die Anlage des Flughafens von St. Louis wurde für die Lagerung von Abbruchmaterialien von Gebäuden verwendet, die vor beinahe 50 Jahren ausrangiert und abgerissen wurden. Die wurde – unter Aufsicht der Regierung – von einer Vertragsfirma durchgeführt. Ein Teil des Mülls stammte von Gebäuden, die früher – nämlich in den 1940er-Jahren – für die Uranverarbeitung auf einem Mallinckrodt-Gelände genutzt worden waren. Das U.S. Army Corps of Engineers ist – in Zusammenarbeit mit dem Energieministerium – mittlerweile für die Sanierung des St. Louis Flughafengeländes im Rahmen des Formerly Utilized Sites Remedial Action Programms zuständig, das auch den Coldwater Bach mit einschließt. Diese Sanierung ist nahezu abgeschlossen. Mallinckrodt ist nicht an den Sanierungsarbeiten beteiligt, die bis heute auf dem Flughafen von St. Louis durchgeführt wurden.“

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ST. LOUIS COUNTY (KSDK)
2. Februar 2013:
http://www.ksdk.com/news/article/358531/3/Homeowners-lose-faith-with-EPA-over-landfill

Hausbesitzer verlieren wegen der West Lake Deponie ihr Vertrauen in die EPA (Environmental Protection Agency)

Die Mehrheit der Einwohner von St. Louis, die ihr Wasser aus dem Missouri Fluss bekommen, haben wahrscheinlich noch nie etwas von der West Lake Deponie gehört, was sie aber sollten.

Seit 1973 wurden auf dieser Deponie 8000 Tonnen an Atommüll gelagert – ohne Schutzfolie, um den Müll vom Grundwasser zu trennen. Um die Bedeutung der Angelegenheit zu verstehen, muss man sich nur die Gesichter derer anschauen, die die Funktionäre von EPA dazu bringen wollten, ihnen zuzuhören.

„Ich bin kränker als ein Hund“, sagte eine Ortsansässige, die in der Nähe der Mülldeponie lebt.

Karen Nickel, die mit Hauttuberkulose kämpft, glaubt ebenfalls, dass sie wegen des Atommülls, der seit gut 40 Jahren auf der West Lake Deponie gelagert wird, krank ist.

„West Lake ist mittlerweile eine tickende Bombe geworden“, sagte Nickel.

Die Herkunft des Mülls geht auf das Manhatten Projekt und auf die Herstellung der ersten Atomwaffe zurück. Gewaltige Mengen an Uran wurden in den Chemiewerken von Mallinckrodt im Zentrum von St. Louis gereinigt.

Durch diesen Verarbeitungsprozess entstanden Unmengen an Atommüll, den die Regierung auf Lagerplätze in der Nähe des Flughafens verfrachten ließ. In den 70ern wurden 8000 Tonnen an Uran, Thorium und Radium auf West Lake entsorgt.

„Dieses Material lag hier ungeschützt herum, unbedeckt, es gab keine Schutzfolie und keine Absperrung“, sagte Nickel.

West Lake liegt in einem Überschwemmungsgebiet. Viele Menschen, die in der Nähe der Deponie leben und arbeiten, betonen, dass das jeder in der Region im Bewusstsein haben sollte.

Nickel führt weiter aus, „dass 300.000 Menschen ihr Wasser aus jener Pumpstation am Missouri, die acht Meilen von hier entfernt liegt, bekommen und dass das Wasser in diese Richtung fließt.“

„Es ist nass, der Grundwasserspiegel ist hoch, Menschen leben in der Nähe. Es ist wirklich dumm. Der Platz ist für so was wirklich bescheuert“, sagte Bob Criss, eine Geochemiker an der Universität von Washington.

Er bemerkte, dass wenige Dinge so absurd seien wie das Vergraben dieses Mülls in einer nicht dem Standard entsprechenden Deponie, in einem Überschwemmungsgebiet, in der Umgebung einer Stadt.

Im Jahr 2008 hat die EPA empfohlen, die Deponie abzudecken und den Atommüll mit Lehm, Steinen und Erde zu bedecken. Laut Criss besteht das Problem darin, dass dieser Stoff mit der Zeit radioaktiver wird und über Milliarden von Jahren giftig bleibt. Im Jahr 2008 war die öffentliche Empörung so groß, dass die EPA entschied, weitere Studien durchzuführen.

Die letzten Tests, die vor zwei Wochen veröffentlicht wurden, zeigen, dass es bei 25 Brunnen eine starke Kontamination mit Radium gibt.

„Die Leute trinken das Wasser nicht, das zur Zeit geringe Mengen an Radium enthält. Was ist mit der Luft, was ist los, wenn diese eingeatmet wird? Das Radon quillt überall aus dem Boden heraus. Es ist ein natürliches Vorkommen. Es kommt wegen der Deponie ein wenig mehr aus dem Boden, aber es verteilt sich ziemlich schnell“, sagte Dan Gravatt, ein EPA Projektmanager.

Es war wenig tröstlich, was die EPA bei der Informationsveranstaltung vor zwei Wochen zu sagen hatte, vor allem deshalb, weil die Wasserproben im Sommer gezogen wurden – also in der Trockenperiode. Und die Regierung bezahlte jene Firmen, die für die Beseitigung dieser Schweinerei verantwortlich sind, für die Durchführung der Tests.

Nickel und andre sind frustriert, weil das eine Angelegenheit ist, die sich über Jahrzehnte hinzieht.

„Ich schätze, dass das für mich, eine einfache alte Bürgerin, heißt: wenn man weiß, dass es gefährlich ist, ist's damit auch schon erledigt“, sagte sie.

Die EPA plant weitere Tests durchzuführen, bevor sie eine endgültige Entscheidung bekannt geben wird.

Das I-Team fragte nach, wieviel Geld die EPA für Tests, Studien und Berichte in den letzten zwei Jahrzehnten ausgegeben hat. Ein Sprecher erklärte, dass es vier Bereiche gäbe, die für den Großteil der Kosten verantwortlich seien, einschließlich der Bridgeton Deponie, LLC, Cotter Corporation, Rock Road Industries, Inc. und dem Energieministerium. Seit 1989 lagen die Aufwendungen des Energieministeriums bei $883.350,84

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Fukushima: Haben die Aufsichtsbehörden ihre Lektion gelernt?

Der feine Unterschied des Umgangs einer Aufsichtsbehörde mit der Öffentlichkeit einerseits, der Industrie andererseits –
am Beispiel einer Anhörung vor der NRC (Nuclear Regulatory Commission) am 16.01.2013

Primärkreislauf

Friends of the Earth (FoE), der US-amerikanische Zweig des weltweiten Zusammenschlusses von Umweltschutzgruppen, war an diesem 16. Januar 2013 zugestanden worden, ihre Bedenken zur Praxis der Lizenzvergabe durch die Aufsichtsbehörde NRC im Falle des modernisierten Kraftwerks von San Onofre in Kalifornien zu präsentieren.
Ein Bericht von einem der zugezogenen Experten, Arnie Gundersen, der als Sachverständiger und Gutachter von Friends of the Earth bei dem Verfahren beteiligt war, ist in deutscher Version auf
http://afaz.at/downloads/fairewinds/podcast_fairwinds_2013_01_20_spielchen.pdf nachzulesen.

Worum geht es? Das Atomkraftwerk mit zwei Druckwasserreaktoren wurde gegen Proteste in den 70er-Jahren errichtet und ging Anfang der 80er-Jahre in Betrieb. Vom Betreiber der Anlage, Southern California Edison (SCE), wurden im Jahr 2010 bzw 2011 die Dampferzeuger durch neue Aggregate ersetzt. Die Dampferzeuger sind Teil des Primärkreislaufes, stehen also in unmittelbarer Verbindung zum Kernbrennstoff und sind entsprechend hoch kontaminiert; links eine schematische Darstellung (Quelle Wikipedia).

Es sind gewaltige Aggregate, bei denen jede einzelne der fast 10.000 Rohrleitungen nicht nur der versprödenden Strahlung des Primärkreislaufes, sondern auch dem hohen Druck stand halten muss, der notwendig ist, damit das Wasser als Wärmeträger auch bei der normalen Betriebstemperatur von über 300 Grad im flüssigen Aggregatszustand gehalten wird (Quelle Wikipedia).

Nach einer Betriebsdauer von weniger als 18 Monaten konnten die Reaktoren nicht mehr angefahren werden, da die Rohrleitungen der Dampferzeuger bereits nach dieser kurzen Einsatzdauer schwere Verschleißerscheinungen aufwiesen. Nicht nur, dass eine der Leitungen undicht geworden war: nach einer Druckprobe wurden von der Betreiberfirma in beiden Aggregaten jeweils mehrere hundert Rohrleitungen stillgelegt. Ein Defekt dieses Ausmaßes ist extrem ungewöhnlich. Hier eine Liste sämtlicher Vorfälle dieser Art in den gesamten USA mit Angabe der betroffenen Kraftwerke und der Anzahl der jeweils über die Jahre außer Betrieb zu nehmenden Rohrleitungen (Quelle http://www.fairewinds.org/content/san-onofre%E2%80%99s-steam-generators-significantly-worse-all-others-nationwide#endnotes)

Die angeführte Statistik zeigt ganz unmittelbar, dass die in San Onofre verbauten, neuen Aggregate den Belastungen, denen sie ausgesetzt sind, nicht Stand halten. Im Falle eines schweren Unfalls im AKW San Onofre wären innerhalb des 50 Meilen Evakuierungsradius, den die NRC angesichts des Unfalls von Fukushima amerikanischen Staatsbürgern empfohlen hat, von San Diego bis Los Angeles mehr als acht Millionen Menschen betroffen. (Quelle http://noyonews.net/?p=6502)

Dennoch will Southern California Edison die Reaktoren nun wieder hochfahren. Um genau das zu verhindern, wurde bei der Aufsichtsbehörde, also der NRC, eine Petition deponiert, die damit argumentiert, dass es bei der Abnahme der neuen Dampfgeneratoren, entgegen den von der NRC durchzusetzenden Regeln, zu erheblichen Verletzungen der vorgesehenen Prozeduren gekommen ist. Friends of the Earth versuchen darzustellen, dass
   1. Die Konstruktion der Austauschdampferzeuger nicht den Originalteilen entsprochen hat (welche immerhin fast drei Jahrzehnte lang ohne gröbere Störfälle ihren Dienst versehen hatten), und dass daher eine Neuabnahme der Betriebsberechtigung hätte durchgeführt werden müssen; die NRC selbst war allerdings zum Zeitpunkt der Planung und des Einbaus zum gegenteiligen Schluss gekommen, und hatte dem Einbau, ohne weitere Auflagen zu erteilen, statt gegeben.
   2. Eine Erneuerung der Lizenz würde eine Einbindung der Öffentlichkeit vorschreiben, die dann auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf den Entscheidungsprozess hätte. Durch die Vorgangsweise des Betreibers Southern California Edison, den Austausch als nicht lizenzpflichtig darzustellen und durch die Übernahme dieser Auffassung durch die NRC blieb der Öffentlichkeit jegliche Möglichkeit, Einblick in und Einfluss auf die Vorgänge zu erhalten, verwehrt. Nach Ansicht der Proponenten der Petition wäre die versäumte Neulizensierung mit der einhergehenden Parteistellung der Öffentlichkeit umgehend nachzuholen.

Die Kraftwerksbetreiber sind aber der Ansicht, dass im Regelwerk der NRC nicht die Notwendigkeit enthalten ist, dass ein ersetztes Bauteil dem Original konstruktiv entspricht. Entscheidend sei, dass der relevante Passus (im Jargon des NRC ist die Rede von Paragraph 10 CFR 50.59: Austausch/Modifikation, Probeläufe/Tests und Versuche/Experimente; http://www.nrc.gov/reading-rm/doc-collections/cfr/part050/part050-0059.html) einen Antrag auf Neulizenzierung nur dann vorsieht, wenn es im Rahmen eines Austausches zu einer erheblichen Veränderung der Leistungsfähigkeit des betroffenen Bauteiles oder aber zu einer Vergrößerung irgend eines Sicherheitsrisikos kommt. Beides sei im vorliegenden Fall nicht anzunehmen gewesen, was zum Zeitpunkt des Einbaus ja auch die der Interpretation durch die NRC entsprach. Eine rückwirkende Anwendung der genannten Regel sei nirgends vorgesehen und daher abzulehnen.

Nun haben die aufgetretenen schwerwiegenden Defekte aber bewiesen, dass diese Einschätzung zum damaligen Zeitpunkt falsch war. Der gesunde Menschenverstand würde wohl annehmen, dass die Aufsichtsbehörde, deren Aufgabe laut Selbstdarstellung ja darin besteht, höchste Sicherheit und maximale Transparenz zu garantieren, speziell angesichts des Unfalls von Fukushima alles daran setzen würde, das Versäumte aufzudecken und nachzuholen.

Dem ist nicht so. Zwar wurde das Kraftwerk seit dem bekannt werden der schweren Defekte noch nicht wieder hoch gefahren, doch es wurde dem Lizenznehmer nach wie vor nicht die Auflage erteilt, sich einem umfassenden, neuerlichen Abnahmeverfahren mit allen Konsequenzen, wie etwa der Verpflichtung zur Transparenz im Rahmen einer öffentlichen Anhörung, zu stellen. Stattdessen scheint die NRC lediglich noch abzuwägen, ob die Darstellung der von der Betreiberfirma durchgeführten Reparaturarbeiten schon ausreichende Überzeugungskraft besitzt oder ob etwa da oder dort noch ein technisches Detail nachgebessert werden soll, um dann neuerlich die Betriebssicherheit zu attestieren.

Wie reagiert die NRC nun auf das Ansuchen von wohlbegründet besorgten Bürgern, dass sich die NRC ihrer ureigensten Verantwortung als Aufsichtsbehörde stellen möge und entsprechend entschieden zu handeln?

Ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe wird von vorneherein ausgeschlossen. Im Zwangskorsett der Regelungen gibt es zB keine Möglichkeit, unter der Ägide der Behörde Fragen direkt an den Betreiber zustellen, der dann in dieser Situation auch verpflichtet wäre, nach bestem Wissen und Gewissen zu antworten. Der einzige „Prozess“, der einzige Ablauf, der betroffenen Bürgern offen steht, ist die Eingabe einer Petition; für deren Anhörung wurden den Antragstellern an diesem Mittwoch, dem 16.01.2013, von der NRC eineinhalb Stunden eingeräumt: in diesem Zeitraum konnten die hochkomplexen Zusammenhänge der Behörde offiziell zur Kenntnis gebracht werden.


Es folgt nun eine einigermaßen detaillierte Zusammenfassung dieser Präsentation und der daran anschließenden Fragerunde [Anmerkungen in eckiger Klammer]:

Der Vorsitzende der Anhörung, Dr Sher Bahadur (NRC Vizedirektor, Abteilung Sicherheitssysteme) gibt einen kurzen Überblick über den vorausgegangen Prozess, darunter, dass die Antragsteller den in Gang gebrachten Ablauf für die zur Debatte stehende Versäumnis als nicht ausreichend erachteten, dass die NRC aber jede andere Art der Vorgehensweise ablehnen, insbesondere soweit Lizenzerweiterungen und öffentliche Anhörungen nach „10 CFR 2.09“ betroffen sind. [Bezeichnenderweise irrt hier der Vorsitzende der NRC selbst: lt NRC Homepage gibt es keine Regel „2.09“. Gemeint ist vielmehr 10 CFR 2.309, die einem Antragsteller die Möglichkeit gibt, bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit einen Ablauf anzustoßen, dessen Zweck es ist, die NRC dazu zu veranlassen, dem Lizenznehmer eine Fortführung des weiteren Betriebs, ohne um eine neuerliche Lizensierung anzusuchen, zu untersagen.] Er erinnert des Weiteren die Teilnehmer daran, dass alle sicherheitsrelevanten Aussagen sensibler Natur in einer öffentlichen Anhörung zu unterbleiben haben [was angesichts der zur Debatte stehenden Fragwürdigkeiten des Vorgehens der Betreiberfirma einen reichlich ironischen Beigeschmack hat] und fordert die Antragsteller auf, ihre „neuen“ Erkenntnisse dem Gremium zu Gehör zu bringen.

Es spricht nun Richard Ayres, der Rechtsvertreter von Friends of the Earth, welcher rasch zu Arnie Gundersen überleitet, der in den nächsten 45 Minuten darstellt, warum es zu der (nach Sicht des Antragstellers) fehlerhaften Einschätzung durch die NRC kommen konnte, dass die Neuausstattung mit Dampferzeugern für den Betreiber von San Onofre nicht mit der Auflage verknüpft wurde, eine Lizenzerweiterung zu beantragen. (Seine Präsentation kann man unter http://www.fairewinds.org/content/nrc-presentation nachlesen.)

Gundersen beschreibt, dass die Betreiberfirma im Jahr 2004 die lokale Energiebehörde über den geplanten Austausch der Dampferzeuger informiert, und dass bereits Ende 2004 mit Mitsubishi Heavy Industries (MHI) der Preis für die Aggregate und alle mit der Genehmigung zusammenhängenden Prozeduren mit 670 Millionen $ vereinbart wurde. In diesen Spezifikationen wurde der Hersteller vertraglich dazu verpflichtet, dass es bei der Abnahme der Neuaggregate zu keiner Notwendigkeit einer Verpflichtung zu einer Lizenzerweiterung kommen darf. Mit anderen Worten: die Betreiberfirma gibt an, dass ihr keine Nachteile aus der weiter oben genannten NRC Regel 10 CFR 50.59 erwachsen dürfen. Arnie Gundersen: „Damit wird der Karren vor das Pferd gespannt.“

Erst im Juni 2006 tritt SCE an die NRC offiziell heran, um den geplanten Austausch vorzustellen. Über diesen Vorgang gibt es in den öffentlich einsehbaren Dokumenten bei der NRC keine Unterlagen. Das bedeutet, ein Großteil der Informationen, die der Antragsteller hier anführt und welche die Basis für die Petition darstellen, konnte nicht über die zuständige Aufsichtsbehörde erfragt werden, sondern musste erst in mühevoller Detailarbeit auf anderen Wegen recherchiert werden. Nur dadurch wurde bekannt, dass der 50.59 Prozess bereits bei diesen ersten Treffen ein Thema war: in welcher Art aber darüber gesprochen wurde, kann wegen der fehlenden Aufzeichnungen bei der NRC nicht festgestellt werden. Wenn man jedoch die Unterlagen des Betreibers betrachtet, so muss der Eindruck entstehen, dass alles getan wurde, um die NRC dahin gehend zu beeinflussen, dass die von SCE beabsichtigten Änderungen keine Notwendigkeit für eine Neulizensierung darstellen.

Arnie Gundersen gibt an, dass bereits sechs Monate vor der Anhörung durch FoE ein Antrag auf Veröffentlichung relevanter Dokumente im Rahmen des Freedom of Information Acts [FOIA: jeder Bürger hat das Recht, Papiere, die sich im Besitz irgendeiner Teilorganisation des Regierungsapparates befinden, anzufordern] gestellt worden war, um in diesem Punkt Klarheit zu erlangen – ohne jeglichen Erfolg.

In der Präsentation des Betreibers vor der NRC im Jahr 2006 ist nun von einer Reihe von „Verbesserungen“ die Rede – während Fotos von den bereits in Bau befindlichen Dampfgeneratoren davon zeugen, dass der Herstellungsprozess sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die NRC zu den beabsichtigten „Verbesserungen“ also noch gar nicht äußern können. Angesichts der nicht unerheblichen Kosten dieser Bauteile bemerkt Arnie Gundersen, man sollte doch eher erwarten, dass der 50.59 Prozess bereits abgeschlossen wäre, bevor man im Produktionsablauf so weit fortgeschritten ist.

Jedenfalls bestätigt SCE in dem damaligen Treffen vor der NRC auch, dass bei ihnen selbst – und nicht etwa bei MHI, dem Hersteller der Aggregate – die volle Verantwortung für die Einhaltung aller verlangten Entwurfsspezifikationen liegt.

Als Nächstes werden Angaben von SCE an die NRC zu den neuen Dampferzeugern aus dem Jahr 2009 präsentiert, aus denen jedenfalls hervorgeht, dass die neuen Aggregate in ihren Kennzahlen deutlich von denen der Originalausstattung des Kraftwerkes abweichen. Für Gundersen ein klarer Hinweis darauf, dass die NRC sehr viel energischer hinterfragen hätte müssen, ob diese Veränderungen wirklich keiner Lizenzerweiterung bedürfen.

Erst 2011 werden die umfassenden Veränderungen, die SCE bei den neuen Dampferzeugern vorgenommen hat, in einem von SCE und MHI gemeinsam verfassten Report für die Öffentlichkeit sichtbar.

Daraufhin geht Arnie Gundersen auf die von SCE zu verantwortenden Veränderung im Detail ein. Er weist eingehend darauf hin, dass auch ein anderer Experte, der Brite John Large, in seinem detaillierten Befund [zu finden unter http://pbadupws.nrc.gov/docs/ML1302/ML13023A137.pdf] zu dem Schluss kommt, dass die Betriebserlaubnis trotz der massiven Konstruktionsmodifikationen eine implizite Lizenzerweiterung darstellt [ein Ablauf, der aber so nirgends nicht vorgesehen ist].

Unumstritten besagt 10 CFR 50.59, dass es zu einem Ansuchen um Lizenzerweiterung kommen muss, wenn das Betriebsrisiko in acht von der Regelung spezifisch angeführten Kategorien durch die Veränderungen erhöht wird. In einer Tafel zeigt Gundersen auf, welche baulichen Veränderungen seiner Meinung nach diesem Tatbestand entsprechen:

In 39 von 64 Kriterien sieht Gundersen die Bedingungen für die Erfüllung der Regelung 10 CFR 50.59 als gegeben an. Er führt weiter aus, dass der Prüfprozess durch die NRC wohl in dem einen oder anderen Punkt legitimerweise zu einem anderen Ergebnis führen konnte, dass eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für alle 39 Punkte aber höchst unwahrscheinlich ist.

Es wird eine Aussage von SCE zitiert, in der behauptet wird, dass es zu den Defekten bei den Dampferzeugern wohl nicht gekommen wäre, wenn sich MHI an die Entwurfsrichtlinien gehalten hätte. Gundersen weist darauf hin, dass die Kontrolle der Entwurfsrichtlinien ja immer bei SCE lag und dass sogar eine – nach offensichtlich werden der Fehlkonstruktion durchgeführte – Untersuchung der NRC selbst zu dem Schluss kam, dass die Probleme nicht der Umsetzung der Pläne zuzuschreiben sind, sondern dem Entwurf selbst.

Hierauf wird die Konstruktion der Austauschaggregate von San Onofre mit denen des AKW Palo Verde verglichen und darauf hingewiesen, dass ein massives Element der Gesamtkonstruktion, der zentrale Stützzylinder, in Palo Verde beibehalten, in San Onofre aber gestrichen und im Zentrum des Aggregates durch weitere wasserführende Rohrleitungen aus dem Primärkreislauf ersetzt wurde – dadurch würde nicht nur die Statik der Konstruktion kompromittiert, auch die Wärmeverteilung innerhalb des Dampferzeugers erführe eine erhebliche Veränderung. Des Weiteren wurde im Fall von San Onofre die Konstruktion der Abstandhalter zwischen den tausenden von Rohrleitungen verändert. Da es bei der Anlage von Palo Verde in der weiteren Folge nur zu vergleichsweise unerheblichen Beeinträchtigungen im Betrieb nach Installation der Austauschaggregate kam, läge der Schluss nahe, dass alle diese Designveränderungen ursächlich mit der Untauglichkeit des Entwurfs von San Onofre in Verbindung stehen.

In der Folge geht Gundersen auf den Umstand ein, dass ein weiteres Element, die AVBs (Anti-Vibration-Bars : gewellte Stangen „nicht unähnlich einer riesigen Haarspange“) bei der 2. Einheit gegenüber der 1. verändert wurden. Dies weise darauf hin, dass es sich bei den Neuerungen um ein Experiment, einen Test handle [und wenn das der Fall ist, so kann es sich nicht um ein einfaches „Austauschaggregat“ handeln, und muss daher entsprechend deklariert und lizensiert werden...]. (Quelle http://www.nrc.gov/info-finder/reactor/songs/songs-steam-generator-internal-diagram.pdf)

Anti_Vibration-Bars

Aufgrund all dieser Überlegungen bezeichnet Gundersen die Aussage von SCE, dass die zu beobachtenden Probleme bei den Austauschdampferzeugern nicht vorhersehbar gewesen wären, als wenig glaubwürdig.

Die Glaubwürdigkeit von SCE wird auch durch den als nächstes angesprochenen Punkt nicht erhöht. Es wurde vom Betreiber nach Auftreten des Defektes eine Ursachenanalyse durchgeführt. Gundersen weist nach, dass diese unsinnlig ist, da anstatt eines Vergleichs der ursprünglichen Dampferzeuger mit den neu eingebauten, diese letzteren beliebig mit irgendwelchen anderen, nicht baugleichen Modellen innerhalb der Flotte der amerikanischen AKWs verglichen wird. Ein Vergleich von Äpfeln und Birnen also, den SCE aber heranzieht um zu „begründen“, dass einzelne Konstruktionsmerkmale, wie die weiter oben genannten, eben nicht der eigentliche Auslöser für die Fehlfunktion sein können. Das eigentlich Beunruhigende aber ist, dass die NRC lt Gundersen diese fehlerhaften Analyse akzeptiert hat!


In einem letzten Abschnitt stellt Gundersen seine Schlussfolgerungen vor:

Die von SCE durchgeführten Veränderungen sind seines Erachtens nach so groß gewesen, dass SCE von sich aus um ein Lizenzerweiterungsverfahren hätte ansuchen müssen, da die Veränderungen unmittelbare Auswirkungen auf eine Barriere der ionisierenden Strahlung (die Rohrleitungen im Inneren des Dampferzeugers) hatte, was eine gründliche Neuüberprüfung des Sicherheitsrisikos zwingend erforderlich macht.

Gundersen geht in diesem Zusammenhang darauf ein, dass es ihm bewusst ist, dass es sich bei 10 CFR 50.59 nicht um eine retroaktive Regelung handelt. Er bemerkt aber, dass, wenn die Konstruktion rechtzeitig und ausführlich durch die NRC geprüft werden hätte können, der Defekt wohl abzufangen gewesen wäre, das Unentdeckt-Bleiben des Fehlers also wohl auch der von Anfang an bestehenden Verschleierungs- und Beschwichtigungstaktik durch die Betreiberfirma geschuldet ist.

In der Einschätzung von Arnie Gundersen ist dieser Vorfall ein „near miss“, ein Vorgang, der fast in die Katastrophe geführt hätte und für ihn nach Davis Besse das kritischste Ereignis dieser Art in der kommerziellen Nutzung der Atomenergie in den Vereinigten Staaten sei. [Im Atomkraftwerk Davis Besse wurde eine fast durchgerostete Stelle im Reaktorgefäß gerade noch rechtzeitig entdeckt; die Korrosion hatte sich bereits durch 150 mm Stahl durchgefressen gehabt, die verbleibende Hülle war nur mehr 10 mm stark und hatte sich bereits ausgebuchtet.]

Als größter anzunehmender Unfall im Bereich des Dampferzeugers sei man auf den Bruch einer einzigen Rohrleitung eingestellt gewesen. In der Druckprobe, die nach Auftauchen einer leckenden Leitung bei allen Rohren durchgeführt wurde, bestanden aber gleich acht den Test nicht. Im Falle eines größeren Störfalles wäre es also wahrscheinlich zu einer Situation gekommen, auf die von den Eingreifmöglichkeiten der Bedienmannschaft bis zu den Evakuierungsplänen nichts und niemand vorbereitet war. Gundersen zieht den Schluss, dass San Onofre über Monate hinweg jenseits der Annahmen, unter denen eine Betriebsgenehmigung erteilt wurde, gelaufen ist. Er kritisiert, dass dieser Umstand von der NRC niemals thematisiert wurde. Seiner Meinung nach hätte der Bruch von 8 Rohrleitungen bedeutet, dass der Reaktor wegen des immensen Wasseraustritts an der Schadstelle nicht mehr ausreichend gekühlt werden hätte können und eine Kernschmelze daher die unausweichliche Folge gewesen wäre.

Es wird noch aus einem Bericht der NRC zur Bestandsaufnahme nach Entdeckung der Schadhaftigkeit der Dampferzeuger zitiert, welcher auch zu dem Schluss kommt, dass sich der Konstruktionsfehler nicht notwendigerweise, wie erfolgt, durch das größer werdende Leck in einer schadhaften Rohrleitungen manifestieren musste, sondern genauso gut in der Form eines abrupten Leitungsbruches – mit unabsehbaren Folgen.

Richard Ayres fasst dann den Standpunkt von FoE noch einmal zusammen: Die Modifikationen beeinflussten die Funktionalität der Dampferzeuger und waren vorhersehbar. SCE hätte den 50.59 Prozess also mit dem Ziel verfolgen sollen, um eine Lizenzerweiterung anzusuchen und nicht, diese als unnötig darzustellen. Diesen Missbrauch des 50.59 Ablaufes sollte die NRC zum Anlass nehmen, gegen SCE entsprechend vorzugehen, und zwar aus zwei Gründen: einmal um die Sicherheit der Bewohner Südkaliforniens zu gewährleisten und andererseits, um ein starkes Signal an die Atomindustrie zu senden.

Nach Richard Ayres wären diese Ziele zu erfüllen, indem die NRC die existierende Betriebsgenehmigung so lange suspendiert, bis die durchgeführten Veränderungen ein vollständiges Lizensierungsverfahren durchlaufen haben.

Dr Sher Bahadur weist noch einmal darauf hin, dass sicherheitsrelevante Details nicht angesprochen werden dürfen, und eröffnet die Sequenz, in der Fragen durch Vertreter der NRC an die Anfragesteller vorgesehen sind.

Es meldet sich Dave Beaulieu, Vertreter der Abteilung für Atomreaktorregulierung (NRR) der Region IV [Westen der USA], der sich als Spezialist für den 50.59 Prozess vorstellt. Sein erster Kommentar: 50.59 sei ein „vorausblickender“, der Genehmigung durch die NRC vorgeschalteter Ablauf, nicht ein „zurückblickender“. Die Antragsteller hätten gesagt, dass dem Lizenzinhaber die später aufgetretenen Mängel unbekannt gewesen wären, daher wurden sie auch nicht in den 50.59 Prozess von damals eingebracht. Die Frage hört sich dann so an:

„Also…, ahm, bezogen auf…, ich möchte das nur verstehen…, was würden Sie…, warum sollte sie, warum sollte der Lizenzinhaber um eine Lizenzerweiterung ansuchen, auf der Basis eines Umstandes, der…, der…, ahm, gar nicht existieren würde, auf Grundlage eines vorausblickenden Prozesses?“

Richard Ayres weist darauf hin, dass diese Charakterisierung nicht das wiedergibt, was die Antragsteller zum Ausdruck bringen wollten: dass SCE, wenn sie ihre Analyse mit der gebotenen Sorgfaltspflicht durchgeführt hätten, hätten erkennen müssen, dass ihre Pläne das Ersuchen um eine Lizenzerweiterung im Rahmen des 50.59 Ablaufes unumgänglich machen. Es sei in der Verantwortlichkeit des Lizenzinhabers, den richtigen Antrag zu stellen, was SCE nicht getan habe. Die Erklärung, sie hätten das Kommende nicht voraussehen können, weil sie nicht die richtigen Untersuchungen angestellt hätten, widerspräche den Verpflichtungen, die dem Lizenznehmer aus den Umbauwünschen entstehen.

Arnie Gundersen möchte noch ergänzend etwas bemerken und entschuldigt sich dafür, unter Umständen den falschen Eindruck erzeugt zu haben. Er verweist auf Blatt 30 seiner Präsentation, in dem die Haltung von SCE der von FoE gegenübergestellt ist, und macht Beaulieu darauf aufmerksam, dass dieser in seiner Wortmeldung exakt die Position eingenommen hat, die SCE der NRC nur eine Woche vor der Anhörung zukommen ließ.

Er weist noch einmal auf die Vorgangsweise des Lizenzinhabers bei den AVBs hin, die noch nachträglich vor dem Einbau modifiziert worden waren: für ihn ein Hinweis, dass SCE bekannt gewesen sein musste, dass Teile des Dampferzeugers in ihrer ursprünglich geplanten Form den an sie gestellten Ansprüchen nicht gewachsen sein würden.

Gundersen fasst zusammen, das seines Erachtens die Beteuerungen von SCE, dass sie von den ungünstigen Voraussetzungen für ein fehlerfreies Funktionieren der Bauteile nichts wussten, unhaltbar ist, und dass die Modifikationen, die von einer zur anderen Einheit durchgeführt wurden, den Sinn hatten, einige dieser ungünstigen Eigenschaften auszubessern.

Er weist auch auf den Kommentar von Herrn Ayres hin, wonach eine Untersuchung nach 50.59 wohl schon 2004 hätte stattfinden müssen, und nicht erst 2008, zu einem Zeitpunkt, an dem das Vorhaben schon sehr weit fortgeschritten war. Zu diesem Zeitpunkt, also 2008, hätte ein vorausblickendes Verfahren gar nicht mehr stattfinden können, da alle Entwurfsentscheidungen längst gefallen waren.

Es meldet sich Brian Benney zu Wort, ebenfalls von der Abteilung NRR, und speziell mit der Bearbeitung der Petition von FoE betraut. Dieser weist darauf hin, dass die Anhörung ein „begrenzter“ Prozess sei und dass jetzt für die Antragsteller die beste Möglichkeit wäre, „neue“ Informationen über den Zeitraum, bevor die Dampferzeuger installiert wurden, offenzulegen. Er fragt, wann denn eine detaillierte Beantwortung auf den von SCE verfassten Brief der NRC vorgelegt werden würde, denn „man müsste sich schließlich schlussendlich zur Beratung zurückziehen und diesen Prozess beenden“.

Richard Ayres fragt daraufhin, wann denn das Gremium zur Entscheidungsfindung zusammentreten würde?

Brian Benney: es sei noch kein fixer Termin anberaumt, aber der Prozess liefe nun schon seit Juni 2012, und es wäre wichtig zu wissen, „wie viele neue Informationen noch zu erwarten sind“ und bis wann diese denn vorlägen?

Richard Ayres gibt den als für eine Antwort notwendigen Zeitraum mit zwei Wochen an.

Der nächste Sprecher stellt sich als mit der Lizensierung von Reaktorbetreibern befasst vor und dem speziellen Team, das sich mit San Onofre beschäftigt, affiliiert. Er fragt Arnie Gundersen, der die Aufrüstung von Palo Verde als einen gelungenen 50.59 Prozess bezeichnet hatte, welche Punkte des damaligen Verfahrens man sich denn für San Onofre gewünscht hätte?

Arnie Gundersen beschreibt, dass der Betreiber von Palo Verde die geplanten Veränderungen am Dampfgenerator rechtzeitig avisiert hätten, und dass in den darauf stattfindenden Anhörungen die Funktionsweise der Austauschgeneratoren mit Hilfe des sog RAI Prozesses (RAI: request for additional information; Anfrage um zusätzliche Informationen) im Detail analysiert worden wäre. Für die konkreten Fragestellungen, die sich im Zuge dieses Ablaufs ergeben hätten, wären die entsprechenden Dokumente einzusehen.

Richard Ayres macht explizit darauf aufmerksam, dass der Hauptunterschied zu San Onofre eben darin liegt, dass Palo Verde den gesamten Lizenzerweiterungsprozess durchlaufen hat.

Der NRC Experte von vorhin befragt nun noch einmal die Antragsteller nach Details des NRC Anhörungsprozesses von Palo Verde.

Arnie Gundersen klärt auf, dass es sich in Palo Verde um einen doppelten Prozess gehandelt habe, da mit dem Austausch des Dampferzeugers eine Leistungssteigerung um 2,9% beantragt worden war – und dass diese zwei Anträge unauflöslich miteinander verbunden sind.

Eine zweite Frage des vorhergehenden Redners: welche zusätzliche Informationen würde das ASLB (Atomic Safety and Licensing Board; Ausschuss für atomare Sicherheit und Lizenzvergabe) noch erhalten?

Richard Ayres: es liege dem ASLB eine eidesstattliche Erklärung durch Arnie Gundersen vor.

Weitere Nachfrage: ob denn diese eidesstattliche Erklärung auch der jetzigen Anhörung beigelegt werden solle?

Arnie Gundersen erklärt, dass es sich bei dem Affidavit um eine Erklärung der technischen Problemstellungen handelt, dass diese also der NRC bekannt sei, und dass er nun, da SCE ihrerseits eine Eingabe gemacht haben, darauf erst reagieren müsse.

NRC: bemängelt, dass es sinnvoller wäre, wenn die Antragsteller [sic!] eine klare Übersicht darüber abliefere, welche Unterlagen an welche Stellen bereits ausgehändigt wurden.

Wieder Brian Benney: Er habe nun bereits einen Haufen Papiere auf seinem Schreibtisch, da das Verfahren schon seit Juni des vergangenen Jahres laufe, und vieles sei seitdem geschehen. Er beziehe sich nun auf den AIT Report (AIT: augmented inspection team; verstärktes Untersuchungsteam, wird nach der Feststellung schwerer Mängel losgeschickt, um den Sachverhalt zu begutachten) vom, wie sagt er: „war es der 8.November?“ [es war der 18.Juli …] und liest die genau Bezeichnung vor, wie sie der NRC Konvention entspricht. Er verweist auf „Martha-Ludwig-1-2-1-8-8-Anton-7-4-8, auf Seite i-i unter Punkt 5: Die Modifizierungen der Austauschdampferzeuger seien auf der Grundlage des aktualisierten abschließenden Sicherheitsprüfberichts (FSAR: final safety analysis report) der ursprünglichen Aggregate in angemessener Weise überprüft worden und es sei die Einhaltung von 10 CFR 50.59 festgestellt worden.“ Welche zusätzlichen Informationen würden die Antragsteller also besitzen, dass diese Feststellung fälschlicherweise erfolgte? Beispiele? Beweise? Wie wollen sie erreichen, dass der Ausschuss diese damals getroffene Feststellung aufhebt?

Arnie Gundersen gibt an, dass FoE bereits im Juli eine FOIA Anfrage gestartet hätten, auf die sie aber nie Antwort erhalten hätten. Es gäbe also für die Antragsteller keine Informationen darüber, wie die NRC zu ihren Erkenntnissen gelangt ist, speziell zu ihrer Beurteilung des 50.59 Prozesses. Es sei den Antragstellern weder bekannt, wie die NRC ihre Beurteilung begründet hat, noch, wie SCE den Fall der NRC gegenüber dargestellt hat. Auch wann diese Abläufe stattfanden, sei den Antragstellern nicht bekannt. Sie Arnie Gundersen und John H Large könnten als Sachverständige nur feststellen, dass sie auf Grund der vorhandenen Unterlagen in der Bewertung zu einem anderen Ergebnis als die NRC kommen.

Richard Ayres: Bereits im ASLB Verfahren habe man um die fraglichen Dokumente angesucht, die allerdings von SCE als firmenintern deklariert worden seien. FoE müsse daher ohne die Kenntnis genauerer Informationen arbeiten, welche aber der NRC und SCE offensichtlich bekannt sein müssen. Behindert durch diese unfairen Ausgangsbedingungen sei es nicht gerade leicht, „etwas Neues“ aufzudecken.

Ayres weist weiters darauf hin, dass es sich bei dem vorgelesenen Statement [im AIT Bericht] im Kern um eine legalistische Aussage handelt, und dass es nach Aussage der NRC selbst nicht Aufgabe eines technischen Untersuchungsteams sein kann, eine solche zu treffen oder zu fordern.

Ein NRC Sprecher weist nun darauf hin, dass der Report vom 9. November [sic!] ein Zusatzbericht zu dem war, aus dem gerade zitiert wurde. Es wird nun die Unterscheidung getroffen, dass der erste AIT Bericht, rein technische Begutachtung zum Zweck hat, der zweite aber, der mit „special inspection“ bezeichnet wird, würde sich um die Regeleinhaltung kümmern.

Nachdem es von Seiten der NRC keinen Fragesteller mehr gibt, erteilt der Vorsitzende nun einem Vertreter von SCE das Wort, falls dieser eine Frage habe.

Der SCE Vertreter gibt an, dass es für seine Firma klar ist, dass es bei dieser Anhörung nicht um eine Beweisaufnahme, sondern lediglich um eine Fragestunde handelt, und dass von ihrer Seite keine Fragen an FoE vorliegen.

Es wird nun den per Telefon Zugeschalteten die Möglichkeit gegeben, die Antragsteller oder das NRC Gremium zu befragen.

Es meldet sich sofort ein John Lightning (?) aus San Diego. Er sagt, er habe ebenfalls schon Eingaben an die NRC und die NRR wegen der technischen Veränderungen gemacht und erkundigt sich danach, wie man sinnvolle Frage stellen könne, wenn einem die Unterlagen für die Fragestellungen vorenthalten bleiben. Diese Art des Vorgehens sei der atomaren Sicherheit in den Vereinigten Staaten nicht förderlich.

Der Vorsitzende wiederholt, dass Brian Benney die Anlaufstelle sei, um zusätzliche Informationen abzuliefern [sic!].

Als nächstes wird das Wort an einen im Verhandlungsraum Anwesenden weitergegeben.

David Freeman (?), der sich als Aktivist von FoE deklariert, sagt, er habe ein Statement zum Verlauf der Anhörung abzugeben. Er empfinde den Hinweis durch einen Vertreter der NRC, dass ein Lizenzverfahren nur dann angestrebt hätte werden müssen, wenn SCE bereits im Vorhinein gewusst hätte, dass die bestellten Austauschaggregate defekt sein würden, als irreführend. Es gehe darum, dass die Austauschaggregate ganz offensichtlich nicht denen der Originalausstattung entsprächen, womit der Fall eigentlich klar sei.

Danach ist eine Journalistin per Telefon an der Reihe [ihr Name bzw der der Zeitung unverständlich].Schwer verständlich. Auch unter den vor Ort Anwesenden Verwirrung.

Die Frage wird dahingehend interpretiert, ob der 50.59 Prozess beim Austausch der Dampferzeuger in San Onofre durchgeführt wurde.

Antwort durch Dave Beaulieu: Ja, der 50.59 Prozess sei durchlaufen worden und der Lizenzhalter sei zu dem Ergebnis gelangt, dass eine weitere Beaufsichtigung und Zustimmung durch den NRC nicht vonnöten ist. Es seien nur einige technische Spezifikationen verändert worden, aber es seien keine weiteren Auflagen erforderlich.

Richard Ayres erklärt, dass der 50.59 Prozess ein analytischer Vorgang sei, in dessen Verlauf entschieden wird, ob eine Lizenzerweiterung notwendig ist oder nicht. Es gehe nun hier darum, ob SCE die korrekte Antwort gegeben habe. SCE sei zu dem Schluss gekommen, dass keine Lizenzerweiterung notwendig war – FoE hätten gute Gründe, das Gegenteil anzunehmen, und stünden daher auf dem Standpunkt, dass SCE die Regeln verletzt habe, indem SCE nicht von sich aus um eine Lizenzerweiterung angesucht hat.

Daniel Hirsch vom „Komitee, den Abstand zu überwinden“ sagt, er sei ziemlich schockiert über die Tatsache, dass die NRC FoE zu ihren Ansichten über das Genehmigungsverfahrens ausforscht, ohne die Unterlagen des Genehmigungsverfahrens für FoE oder die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seine Frage ist, warum die NRC die zentralen Unterlagen nicht veröffentlicht, anstatt von den Antragstellern zu verlangen, eine kritische Beurteilung von Vorgängen abzuliefern, die sie gar nicht kennen.

Dave Beaulieu (?) fordert den Fragesteller auf, seine Frage so umzuformulieren, dass sie innerhalb der Richtlinien des 2.206 Prozesses verbleibt [sic!].

Daniel Hirsch: Klärt das NRC Mitglied darüber auf, dass es sehr wohl innerhalb der Richtlinien der Befragung sein muss, wenn die NRC Mitglieder von den Antragstellern Informationen über ein Dokument verlangen, das sie, die NRC, selbst ausgefertigt hat, dessen Begutachtung den Antragstellern aber verwehrt wird. Sogar ein zweites Mal betont er diesen zentralen Punkt: Was ist die Begründung dafür, dass eine öffentliche Stelle genau jenes Material den Bürgern vorenthält, das diese Bürger benötigen würden, um Fragen, die ebenjene öffentliche Stelle an sie richtet, beantworten zu können?

Dave Beaulieu (?): [Mehrfach abbrechend und sich wiederholend] Der 2.206 Prozess sei einer, bei dem Fragen gestellt werden können, die der NRC erlauben, die Fragen, die ihnen gestellt werden, zu verstehen. Er möchte ganz klar machen, dass es nicht die Absicht des NRC sei, irgendjemanden oder –etwas anzuzweifeln, sondern nur darum, herauszufinden, welche Informationen der Fragesteller hat, um diesem Ablauf zu entsprechen.

Das 50.59 Dokument sei eines, das unter der Kontrolle des Lizenznehmers stünde [sic!]. Es sei nicht etwas, was bei der Behörde eingereicht würde. Es sei etwas, das während Inspektionen geprüft würde, aber wäre die Aufgabe des Lizenzeigners, diese Papiere für den Fall einer Nachfrage vorrätig zu halten. Es sei der NRC daher unmöglich, die Dokumente zu diesem Zeitpunkt verfügbar zu machen.

Daniel Hirsch: „Es sieht mir danach aus, dass Ihr System vollkommen zusammengebrochen ist, wenn Sie es dem Lizenzhalter überlassen, ob er wegen einer Lizenzerweiterung zu Ihnen kommen soll oder nicht. Und dann halten Sie das auch noch vor der Öffentlichkeit geheim.“

Er gibt weiterhin an, dass es für ihn empirisch außer Frage stehe, dass eine Lizenzerweiterung nach 50.59 im vorliegenden Fall durchgeführt werden hätte müssen und zitiert, dass eine Lizenzerweiterung vorgeschrieben ist, falls eine veränderte Systemkomponente das Sicherheitsrisiko erhöht. Dampferzeuger seien aber nicht nur irgendein Bauteil, sondern ein besonders kritisches Aggregat, die im speziellen Fall ihre Untauglichkeit erwiesen hätten.

Die Frage, die hier gestellt würde, hätte sich durch das gescheiterte Milliarden-Dollar-Dampferzeugerexperiment erübrigt. Es sei dem NRC erzählt worden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Fehlfunktion durch die Veränderungen nicht vergrößert würden, doch genau das war der Fall. Das, so scheine ihm, würde bereits alles aussagen.

Antwort NRC: „Danke mein Herr, wir schätzen Ihre Stellungnahme. Wünscht noch jemand ein Statement abzugeben?

Dr Jerry Brown (?), World Business Academy (?): Der Grund für die temporäre Stilllegung sei das Leck im Primärkreislauf gewesen. Wurde die ausgetretene Strahlung durch die NRC oder den Lizenznehmer gemessen, und wo könne man genaue Angaben zu dem Strahlungsaustritt finden? Und welche Abläufe seien von der NRC nach einem möglichen weiteren Hochfahren vorgesehen, um potentielle Strahlungsaustritte zu überwachen?

Dr Sher Bahadur verweist auf „die E-Mail von Brian“, und möchte auf weitere Erklärungen durch Ayers und Gundersen umlenken, fragt aber schließlich den Anrufer, ob er noch weitergehende spezifische Informationen zum 2.206 Prozess benötige.

Dr Jerry Brown lässt sich nicht abwimmeln, sagt, er finde die Frage relevant, und hätte angesichts des Hinweises, dass dies eine der wenigen öffentlichen Anhörungsmöglichkeiten sei, gerne eine Antwort.

Es antwortet brüsk jemand, der sich als Vertreter von Region IV ausweist: Man möge auf Seite 57 im AIT Report nachschauen, dort würden die Fragen nach der Überwachung und einigen der Isotope behandelt. [Dies ist nur teilweise richtig. Die Frage, wie man sich den genauen Vorgang der künftigen Messungen vorstellen darf, wird nicht erörtert.]

Richard Ayres: Die 50.59 Entscheidung, wie sie von SCE getroffen wurde, sei der zentrale Angelpunkt des Arguments. FoE habe sie nicht gesehen, obwohl darum angesucht wurde. Es seien auch Vereinbarungen unterschrieben worden, dass kein vertrauliches Material weitergetragen würde. Diesem Antrag sei aber durch die NRC nicht stattgegeben worden. Sein Vorschlag wäre es, dass die NRC dies nun nachholen könne.

Die Anregung wird vom Ausschuss „aufgenommen“, aber nicht weiter kommentiert.

Die anwesenden Proponentin von FoE weist nun darauf hin, dass die NRC internen Untersuchungen noch nicht zur Gänze abgeschlossen sind, und die Frage noch offen ist, ob das Computermodell, das von SCE verwendet wurde, um das Verhalten der neuen Dampferzeuger zu beurteilen, nicht von SCE als Auslöser für ein Ansuchen um eine Lizenzerweiterung hätte bewertet werden müssen.

NRC: Es wird zugestanden, dass noch nicht alle strittigen Punkte abgeklärt sind. Dann: „Wir haben unser Zeitlimit von 2 Uhr bereits überschritten, doch wir werden unsere Telefonleitungen noch weitere 5 Minuten im Geiste von Offenheit und Verständigung offen halten.“

Es meldet sich noch einmal Don Lightning (?). Er fragt, wie die Erfahrung mit 8 defekten Rohrleitungen den 50.59 Prozess für Reaktorsicherheit in Hinkunft beeinflussen wird, weil dadurch die Frage nach kaskadenartig sich ausbreitenden Störfällen im Dampferzeuger aufgeworfen ist, die aber bislang gar nicht vorgesehen war.

Brian Benney: Der Grund, warum man davon nichts hört sei der, dass diese Frage in einem anderen Prozess abgearbeitet wird – heute aber würde der 50.59 Prozess betrachtet, bevor die Dampferzeuger eingebaut werden. Es sei eine Herausforderung für die NRC, die verschiedenen Angelegenheiten getrennt zu halten, doch leider ginge es hier darum, diesen Prozess abzuschließen, den 50.59er bevor die Dampferzeuger installiert werden.

Don Lightning: Er stimme mit den meisten anderen überein, dass das System nun ernsthaft beschädigt sei, wenn ein Betreiber damit durchkommt, dass er um Entschuldigung bittet anstatt um Erlaubnis anzufragen. Man würde die schlimmstmögliche Nachricht an die Atomindustrie senden, anstatt dieser Industrie klarzumachen, dass sie bei Veränderungen um Erlaubnis anzusuchen hat und sich Überwachung stellen muss.

Es wird noch eine Frage zugelassen.

Greg Werner von Region IV möchte ein Statement zu FIT-III( dem Computercode, den MHI zur Analyse das Dampfgenerators eingesetzt hat) abgeben: es sei zwar dieser Punkt noch nicht abgeklärt, aber auch nicht Teil des 50.59 Prozesses.

Ein zugeschalteter Anrufer kann nur seinen Namen sagen, dann bricht die Verbindung ab.

Marvin Lee (?) von der Tribune (?) Zeitung San Diego fragt nach dem Zeithorizont für eine Entscheidung in dieser Frage.

Dr Sher Bahadur: Man würde die Antwort der Anfragesteller noch abwarten und dann eine Sitzung des PRB einberufen, deren Termin aber noch nicht fixiert ist. Es sei aber eine Frage von Tagen und nicht Monaten, in 14 Tagen würden die Neuigkeiten der Antragsteller erwartet, es könne sich letztendlich also um einige Wochen handeln.

Die Dame von FoE weist noch einmal darauf hin, dass der Einwurf von Greg Werner unrichtig ist und im AIT Follow Up Report [dem vom 9. November] definitiv das Problem der Computersimulation unter dem Kapitel 50.59 abgehandelt wird.

Dr Sher Bahadur bedankt sich bei den Teilnehmern für die kooperative Zusammenarbeit und schließt die Anhörung.


Die Brisanz des Verlaufes dieser Anhörung und der Grund, warum sie hier in einiger Genauigkeit geschildert wurde, liegt nun darin, dass sie genau jene Verquickung von Industrie, Politik und Aufsichtsbehörde abbildet, die vom sog NAIIC Report, dem Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission in Japan[1], als der eigentliche Auslöser für die Katastrophe von Fukushima ausgemacht wurde. Nicht der Tsunami war nach Meinung der Kommission, die sich in ihrer Urteilsfindung namhafter Experten verschiedener Fachbereiche bediente, das ausschlaggebende Element für den tragischen Unfall (der bezeichnenderweise sowohl von der Industrie wie von den Behördenvertretern stets als so unwahrscheinlich dargestellt worden war, dass man sich mit der Möglichkeit seines Eintretens erst gar nicht zu befassen brauche, ja dass es auf der internationalen Bewertungsskala INES gar keine Stufe mehr gibt, der die gleichzeitige Freisetzung von Radionukliden durch mehrere Emittenten in einer Anlage beschreibt ). Der Grund war die Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit derer, deren Aufgabe es gewesen wäre, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen, um eben diese Geisteshaltung der Verdrängung und der irrationalen Beschwichtigung zu bekämpfen. Das bürokratische Verhalten der amerikanischen Aufsichtsbehörde , die in der Anhörung alles unternimmt, um wirtschaftliche Interessen zu schützen, und in dieser Bestrebung jeglichen Versuch abblockt, zu einem transparenten, demokratisch legitimierten Ergebnis zu gelangen und damit der Wahrheitsfindung förderlich zu sein, hat mit dieser Handlungsweise den Beweis erbracht, dass auch ihre Struktur, nicht weniger als die ihrer zwischenzeitlich abgeschafften Schwesterorganisation NISA, untauglich ist, die Einhaltung der in der Atomtechnik unabdingbaren, maximalen Sicherheitsmaßstäbe zu gewährleisten.

Eine Aufsichtsbehörde, die nicht in der Lage ist, ihre eigenen Regeln umzusetzen, ist wertlos.

Angesichts der Kostenintensität der Atomtechnologie, die eine unheilvolle Verquickung von Akteuren auf politischer und wirtschaftlicher Ebene geradezu erzwingt, ist eine Neuordnung, die diese lebensgefährliche Vermischung unterbinden könnte, allerdings nur äußerst schwer vorstellbar. Solange zu vermuten bleibt, dass der Mensch nicht imstande ist, Institutionen zu schaffen, die jeglichen Sonderinteressen zu widerstehen vermögen, so lange wird sich der Abstand von einer nuklearen Katastrophe zur nächsten verkürzen. Der bestmögliche Weg, den wir in diesem Dilemma kurzfristig beschreiten können, dürfte die Verteidigung und Einforderung der Transparenz und des Mitspracherechts unter breitester Einbeziehung aller Betroffenen sein.

Für die weitere Zukunft kann die Antwort auf die eingangs gestellte Frage spätestens nach Fukushima aber nur mehr lauten:

Lektion gelernt?

Wir haben die Wahl, nutzen wir die Alternativen.

Ausstieg jetzt!


PS.: Es läuft zurzeit ein Verfahren, in dem die NRC ihre internen Abläufe prüft, wie mit öffentlichen Anfragen umzugehen ist. Ziel dieses Unterfangens ist es, „den Prozess zu rationalisieren/ zu straffen“ und so die Beanspruchung der Ressourcen der NRC, die bei der Abarbeitung öffentlicher Anhörungen gebunden werden, möglichst zu reduzieren. Ironischerweise wird als Begründung für die Notwendigkeit dieser Reform angegeben, dass sich die Anzahl der Eingaben durch die Öffentlichkeit in den letzten Jahren dramatisch erhöht habe. Es wird folgende Statistik angeführt (Quelle http://www.nrc.gov/reading-rm/doc-collections/commission/secys/2012/2012-0160scy.pdf):

Eine fruchtbringendere Reaktion wäre es wohl, zu erkunden, warum immer mehr Bürger eine Notwendigkeit darin sehen, die Aufsichtsbehörde zu ihren nicht nachvollziehbaren Entscheidungsfindungen befragen zu müssen.

---------
[1] http://www.nirs.org/fukushima/naiic_report.pdf
"Der Regierung, den Aufsichtsbehörden und Tokyo Electric Power [TEPCO] mangelte es an Einsicht ihrer Verantwortlichkeit dem Leben der Menschen und der Gesellschaft gegenüber“, stellte die unabhängige parlamentarische Untersuchungskommission zum Unglück von Fukushima fest. „Dadurch haben sie das ganze Land um das Recht betrogen, frei von Atomunfällen zu leben. Deshalb kommen wir zu dem Schluss, dass dieser Unfall durch menschliches Handeln herbeigeführt wurde.“ (Governments, regulatory authorities and Tokyo Electric Power [TEPCO] lacked a sense of responsibility to protect people's lives and society," the Diet's Fukushima Nuclear Accident Independent Investigation Commission said. "They effectively betrayed the nation's right to be safe from nuclear accidents. Therefore, we conclude that the accident was clearly 'man-made'." Nach Wikipedia)

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Japaner sagen vor dem Menschenrechtsrat in Genf zu Strahlenrisiken aus [November 2012]

Bürgermeister Idogawa

Eine Anti-Atom-Stadt wie Genf – was für ein Traum muss das für den Bürgermeister von Futaba, einer kleinen japanischen Stadt, die drei Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt liegt, sein. Futaba wurde durch das Erdbeben und den Tsunami vom 11. März 2011 ausgelöscht. Wegen der Strahlung wird die Rückkehr der Bevölkerung für Jahrzehnte unmöglich sein – wenn nicht gar für immer. Bürgermeister Katsutaka Idogawa kam Ende Oktober nach Genf, um gemeinsam mit Toshio Yanagihara, dem leitenden Anwalt des „Fukushima Collective Evacuation Trial“, als Zeuge vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen aufzutreten. Bürgermeister Idogawa wurde am 30. Oktober vom Genfer Bürgermeister Rémy Pagani empfangen, der das Mitgefühl und die Unterstützung der Stadt Genf zum Ausdruck brachte.

Mit Bürgermeister Pagani

„Gibt es weitere Bürgermeister, die sich mit ihnen organisiert haben, um gegen die Politik der japanischen Regierung zu protestieren, die die Gesundheitsprobleme jener Menschen ignoriert, die in kontaminierten Gebieten leben oder sogar dorthin zurückkehren müssen?“ fragte der Genfer Bürgermeister Rémy Pagani. „Nein, ich bin der einzige!” antwortete Bürgermeister Idogawa. „Wie erklären sie sich das?“ fragte der Genfer Bürgermeister weiter. “Weil die anderen Bürgermeister den Lügen der Behörden glauben, die die Gefahr klein reden wollen. Die Behörden geben nicht die tatsächlichen Strahlenwerte heraus. Sie haben auch die Grenzwerte, wie sie von einschlägigen internationalen Organisationen empfohlen werden, um das 20fache hinaufgesetzt: 20 mSv pro Jahr für uns und nur 1 mSv für den Rest der Welt. Wir sind Versuchskaninchen.“ Herr Idogawa wies auch darauf hin, das die sowjetischen Behörden nach Tschernobyl die Bevölkerung aus weniger verseuchten Gebieten evakuiert haben. „Wir wissen, dass der Anteil kranker Kinder in jenen Gebieten, die nicht evakuiert wurden, laut Kinderärzten vor Ort bei 80% liegt.“ Der Bürgermeister sucht nach Unterstützung für seine Bemühungen, die japanische Regierung so unter Druck zu setzen, dass sie die Kinder in sichere Gebiete evakuiert.

Die Zeugenaussage am Genfer UN Hauptquartier

WHO Genf

Nach dem freundlichen Empfang im Genfer Rathaus sprach die japanische Delegation auf einer Informationsveranstaltung am Genfer UN Hauptquartier. Der Veranstaltung ging die Untersuchung vom 31. Oktober voraus, bei der die Menschenrechtssituation in Japan von der Menschenrechtsrats-Arbeitsgruppe für „Universelle Periodische Überprüfung (Universal Periodic Review, UPR)“ untersucht wurde. Bürgermeister Idogawa sagte, dass die Menschenrechte der Bevölkerung durch das Nichttätigwerden der Behörden und durch ihre unkorrekten Informationen zur Strahlenbelastung verletzt werden. Unmittelbar nach dem Atomunfall waren der Bürgermeister und 300 Bewohner extrem hohen Strahlendosen ausgesetzt gewesen, bevor sie dank seiner Initiative evakuiert wurden. „Ich bin der einzige Bürgermeister im heutigen Japan, der persönlich die Erfahrung gemacht hat, mit atomarer Asche bedeckt zu sein“, sagte er. Bürgermeister Idogawa bot detaillierte Informationen, die mit Tabellen und Karten zur Strahlenbelastung in der Präfektur Fukushima veranschaulicht wurden, er berichtete, dass sich die Obrigkeit weigert, der Bevölkerung zu helfen.

Gegen die Ignoranz

In seiner Rede berichtete Anwalt Toshio Yanagihara über die Fukushima Evakuierungs-Sammelklage („Fukushima Collective Evacuation Trial“). Von dieser Sammelklage im Namen von 14 Kindern erhoffen sich die Kläger, die Obrigkeit dazu zwingen zu können, dass sie das gesetzlich garantierte Recht von hunderttausenden Kindern auf Evakuierung aus den kontaminierten Gebieten anerkennen. Die Tatsache, dass Kinder gezwungen sind, kontaminierte Nahrungsmittel zu essen und radioaktive Luft zu atmen, ist ein Verletzung der Rechte der Kinder. Die Presse wird geknebelt oder gibt die von der Regierung herausgegebenen falschen Informationen weiter, was wiederum eine Verletzung des Rechts auf Meinungs- und Informationsfreiheit darstellt.

Der Bürgermeister und der Rechtsanwalt forderten vom Menschenrechtsrat ein, dass er dahingehend Empfehlungen an die japanische Regierung heraus gibt, dass der Gesundheit der Bevölkerung – insbesondere der Kinder – Vorrang eingeräumt werden muss. Herr Yanagihara erklärte mit Ironie, dass die Regierung die Lehren aus Tschernobyl nur dazu verwende, um Entschädigungskosten ausweichen zu können und um die Atomindustrie nicht zu stören: durch Erhöhung der maximal tolerierbaren Strahlendosen, durch Vertuschen von bereits auftretenden Krankheiten, durch die grundsätzliche Weigerung, die Auswirkungen interner Strahlung überhaupt in Betracht zu ziehen und dadurch, dass ganz einfach keine statistischen Kontroll-Informationen vorliegen ...

Mess-Stellen ohne internationale Standards

Herr Yanaghihara zeigte Fotos von den neuen Mess-Stationen, die die Behörden eingerichtet haben: Die Apparate zeigten 40% weniger Radioaktivität an als jene mit internationalen Standards. Der junge japanischer Student Takafumi Honda, Sprecher der Organisation „ World network for saving the children from radiation“ [Weltweites Netzwerk zur Rettung von Kindern vor Strahlung], las aus Briefen von Kindern vor, darunter auch aus dem eines Mädchens aus der Fukushima-Region, das besorgt ist und die Frage stellt, ob sie Kinder bekommen kann und wenn ja, ob diese wohl normal sein werden.

Dr. Michel Fernex, emeritierter Professor an der Universität Basel (Schweiz), Mitglied von IndependentWHO und der vor kurzem Japan besucht hatte, sprach von Geburtsfehlern, die nach Nahrungsaufnahme oder Strahlenbelastung entstehen: die Gene werden beschädigt und es treten Anomalien auf. Diese Anomalien werden an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Bereits jetzt gibt es rund um Fukushima zunehmend Fälle von Fehl- und Totgeburten, gibt es geringeres Körpergewicht bei den Neugeborenen, Kinder mit Abnormitäten an der Schilddrüse, Sekundentod. Krebs, so Dr. Fernex, tritt erst später auf. Es ist geradezu zwingend, dass Kinder und schwangere Frauen evakuiert werden und dass alle Einwohner Zugang zu gesunder Nahrung haben.

Bei der Hippokratischen Mahnwache

Die Japaner besuchten auch die „Hippocratic vigils“ [Hippokratischen Mahnwachen] der „IndependentWHO“-Gruppe, die jeden Werktag gegenüber dem Genfer WHO-Hauptquartier stehen und so seit mehr als fünf Jahren von der WHO verlangen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen, nämlich den bestmöglichen Gesundheits-Standard für die gesamte Weltbevölkerung sicherzustellen. Die WHO hat aber inzwischen keine Abteilung mehr, die sich mit den Auswirkungen von Radioaktivität auf die Gesundheit beschäftigen könnte. Die Organisation hat sich ihrer Verantwortung entzogen und der Politik der Atomlobby, die von den Atommächten unterstützt wird, unterworfen.

Ein Sonderberichterstatter zur Gesundheitslage in Japan

Sonderberichterstatter Grover

Die Bemühungen der Besucher aus Japan und von NGOs – etwa der Japanischen Vereinigung für das Recht auf Redefreiheit (JRFS), die diese Informationsveranstaltung organisiert hat, aber auch die Bemühungen anderer Organisationen wie etwa der ACSIR (Japanische Vereinigung von Bürgern und besorgten Wissenschaftlern über interne Strahlenbelastung), die den Besuch des Bürgermeisters von Futuba, unter Mithilfe des Japanischen Verbands der Rechtsanwaltskammern, nach Genf unterstützt haben – beginnen nun Früchte zu tragen: Während dieser UPR zu Japan wurde eine Empfehlung unter dem Titel „Entsendung eines Sonderberichterstatters nach Japan, um das Recht auf Gesundheit zu gewährleisten und das Leben der Bewohner in der Region Fukushima vor radioaktiven Gefahren zu schützen“ verabschiedet. In Folge kündigte der Sonderberichterstatter – Herr Anand Grover – an, Japan vom 15. bis 26. November [2012] einen Besuch abzustatten. Es sei daran erinnert, dass Mitglieder des ACSIR am Forum teilgenommen haben, das von der IndependentWHO in Genf im vergangenen Mai organisiert worden war.

Unsere Gastgeber und die Hippokratischen Mahnwachen waren von diesem Besuch sehr berührt, der für gegenseitige Solidarität und für das Engagement von so vielen Vereinigungen steht, die der atomaren Bedrohung für so viele Leben ein Ende bereiten wollen.

Odile and George Gordon-Lennox, Independent WHO

Alle Grafiken in diesem Artikel wurden übernommen von http://www.save-children-from-radiation.org/2012/11/16/japanese-testify-on-radiation-hazards-at-human-rights-council-in-geneva/

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Japanischer Finanzminister Taro Aso: Dalli, Dalli – beim Sterben

Hat uns Taro Aso, seit Dezember 2012 japanischer LDP-Finanzminister, im Rat zur Reform der Sozialversicherung (National Council on Social Security Reforms) am 21. Jänner 2013 etwas Grundsätzliches mitteilen wollen, als er im Hinblick auf Pflegebedürftige bemerkte: “The problem won't be solved unless you let them hurry up and die”[1] (Das Problem wird nicht gelöst, bis man sie möglichst rasch sterben lässt)[2][3]?

Taro Aso – der bis heute mit einigen rhetorischen „Schmankerln“[4] glänzen durfte – ist kein Freund alter und hilfsbedürftiger, also "unproduktiver" Mitbürger. Schon als Premierminister stellte er im Jahr 2008 fest: „I see people aged 67 or 68 at class reunions who dodder around and are constantly going to the doctor…why should I have to pay for people who just eat and drink and make no effort?“ (Ich sehe Leute, die 67 oder 68 Jahre alt sind, an Klassentreffen teilnehmen, die herumtattern und ständig zum Arzt laufen … Warum soll ich für Leute zahlen, die nur noch essen und trinken und sonst nichts tun?)[5]

Am 21. Jänner 2013 hatte Aso wiederum eine Gelegenheit, der Öffentlichkeit seine Ansichten über „unproduktive Mit-Esser“ mitzuteilen:
“Heaven forbid if you are forced to live on when you want to die. I would wake up feeling increasingly bad knowing that [treatment] was all being paid for by the government.” (Wehe dem, der zum Weiterleben gezwungen wird, wenn er eigentlich sterben will. Jeden Tag würde ich mit einem noch schlechteren Gewissen aufwachen, da ich ja weiß, dass alles [die ganze Pflege] von der Regierung bezahlt werden muss.) … “The problem won't be solved unless you let them hurry up and die” (Das Problem wird nicht gelöst, bis man sie möglichst rasch sterben lässt)[6]

Eine rhetorische Eintagsfliege? Nein, das ist System. Taro Aso führt uns vor, was passiert, wenn die Ideologie des profitorientierten (Finanz-)Wirtschaftens in ihre letzten Konsequenzen getrieben und der Mensch dabei zum bloßen Kostenfaktor wird.

Wer sich erinnern will, dem kommen jetzt beispielsweise folgende Worte wieder in den Sinn: „Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden? … Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, daß man den 'unproduktiven' Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!“ [Galen, 3.8.1941]

Die Grenzen verschwimmen zwischen dem, was Gahlen als Realität seiner Zeit beschreibt, und dem, was Aso will. Wird das Beschriebene angesichts trister Aussichten wieder zur Methode?

Japans Probleme im Gesundheits- und Sozialbereich steigern sich seit dem 11. März 2011. Schon ein flüchtiger Blick in die Statistiken lässt das Schlimmste ahnen: Im Umkreis von Fukushima haben mittlerweile mehr als 40% der Heranwachsenden Knoten in den Schilddrüsen – im Umfeld von Tschernobyl waren es 1%.

Und das „i-Tüpferl“ läuft gerade an: Der (auch radioaktive) Müll vom 11. März 2011 wird landauf, landab verteilt und verbrannt. Das wird wesentlich dazu beitragen, dass die Zahl der Hilfe- und Pflegebedürftigen (durch Krebs, durch Herzkreislauf-Erkrankungen, durch Genschädigungen u.ä.) – im Unterschied zur Geburtenrate – in Japan nicht kleiner werden wird.

Wohin führt der Weg?

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Werden nun – inmitten der japanischen Müllberge – die Grundrechte zu Müll?

Die seit dem 11. März 2011 in Japan anfallenden Berge von Schutt und Müll, die zum Teil auch radioaktiv verseucht sind, sollen nun im Land verteilt und verbrannt werden. Dieses Thema tümpelt in den Medien so dahin, in diesen Tagen wird es wieder einmal nach oben gespült.

Mit der Verteilung und Verbrennung des Erdbeben- und Tsunami-Schutts im ganzen Land wird auch radioaktives Material verteilt und verbrannt. Mag das vielleicht dem einen oder anderen in einer Art von Solidarität als notwendig erscheinen: Unterm Strich freut sich die japanische Yakuza (Mafia) – die bereits mit dem „Organisieren“ von Arbeitern für die „Reparaturarbeiten“ im „AKW“ Fukushima eifrig mit im Spiel ist – ganz besonders über diese Art der Müll- und Schutt-„Behandlung“. Für dieses X-Dutzende-Milliarden-Geschäft steht die Yakuza mit ihrem Know-How natürlich zu Diensten.

Wenn die Kontamination (radioaktive Verseuchung) landesweit angehoben wird, wird das vermehrt zu Krebssepidemien, genetischen Defekten, Herzkreislauf-Krankheiten etc. (als Folge von Niedrigstrahlung) führen. Denn eine Tatsache kann nicht einmal die Atomindustrie weg diskutieren: Bei den in den Körper aufgenommenen Strahlendosen gibt es keine Grenzwerte, die Gefahr beginnt bei der kleinsten inkorporierten Strahlendosis.

Das Ziel dieses Unterfangens wird erst in Jahrzehnten zum Tragen kommen. Durch die systematische Verteilung von Radioaktivität in Japan wird es mehr und mehr unmöglich werden, mit Hilfe von statistischen Vergleichsgruppen (Referenzgruppen) ernsthafte Studien über die Krankheitsursachen durchzuführen. Jede Klage gegen den Betreiber von Fukushima (TEPCO) oder gegen den Staat wird so im Sand verlaufen – die Vernichtung der Referenzgruppen ist der Schlüssel zur juristischen Un-Angreifbarkeit der Verantwortlichen.

Menschen, die sich gegen diese landesweite Verseuchung Japans wehren, wandern mittlerweile – schwupp di wupp – ganz einfach in den Knast, wie gerade eben in Osaka.

Seit dem 9. Dezember 2012 wurden Prof. Masaki Shimoji und weitere Bürger und Bürgerinnen festgenommen und inhaftiert. Alle Inhaftierten setzten sich für den Stopp der landesweiten Verteilung und Verbrennung von (auch radioaktivem) Müll und Schutt ein. Sie hatten sich am 17. Oktober, 15:00, als Gegner dieser landesweiten Verbrennungsaktion im Bahnhof von Osaka versammelt und waren durch den Bahnhof gegangen.

Dieses "walking through the station" führte u.a. bei Prof. Masaki Shimoji am 9. Dezember (also 2 Monate später) zur Verhaftung.

Prof. Shimoji's Brief aus der Haft ist hier zu lesen:
http://fukushimavoice-eng.blogspot.co.at/2012/12/unjust-arrest-of-professor-opposing.html

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Gordon Edwards: Anmerkungen zu Thorium

2012-September-16: Thinking About Thorium
http://www.ccnr.org/think_about_thorium.pdf

Übertragung aus dem Englischen (ho,ak): Anmerkungen zu Thorium
von Gordon Edwards, Ph.D., Vorsitzender der CCNR [Canadian Coalition for Nuclear Responsibility / Regroupement pour la surveillance du nucléaire], 16. September 2012

In der am Samstag, den 15. September 2012, von der staatlichen kanadischen Rundfunkanstalt CBC [Canadian Broadcasting Corporation] ausgestrahlten Folge der Serie "Quirks and Quarks" wurden Thoriumreaktoren in enthusiastischer Weise als eine geradezu fabelhafte Variante der Atomenergie gefeiert. Diese würden alle gröberen Probleme, die wir heute mit uranbetriebenen Reaktoren verbinden, vermeiden.

Ich wurde von einer ganzen Reihe von Leuten gebeten, meine eigene Meinung zu diesem Ausblick zu verfassen, und habe dementsprechend Folgendes zu Papier gebracht:

Zum Hintergrund
Als die Atomenergie zum ersten Mal einer gutgläubigen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, welche darauf konditioniert worden war, Wissenschaft zu achten und Wissenschaftler zu bewundern, kamen die Menschen schnell zu der Überzeugung, dass Atomkraft sicher, sauber, billig und unerschöpflich sei – nur weil es Wissenschaftler so behaupteten. Des Weiteren wurde gesagt, dass die „friedliche“ Atomenergie überhaupt nichts mit Atombomben und der Verbreitung von Atomwaffen zu tun hat.

Es brauchte Jahrzehnte, bis die Menschen begriffen, dass all dies Lügen sind.

Ich kann nicht glauben, dass die Menschen darauf erpicht sind, nun den Rummel um das Thorium mit den Über-drüber-Verheißungen einfach zu schlucken: dass es sicher, sauber, billig und unerschöpflich sei, in keiner Beziehung zu Atomwaffen stehe und darüber hinaus eine wundersame Möglichkeit sei, das Atommüllproblem zu lösen, das von der vorherigen Generation an Atomreaktoren erzeugt wurde, die – wie bitte? – auch sicher, sauber, billig, unerschöpflich waren und mit Atomwaffen überhaupt nichts zu tun hatten.

Wie das Sprichwort sagt: „Ein gebranntes Kind scheut das Feuer“. Oder etwas deutlicher: Wenn du mich einmal über’s Ohr haust, Schande über dich. Gelingt es dir aber ein 2. Mal, Schande über mich.

Wenn Thorium so eine gute Idee wäre, dann sollten seine Anhänger wohl bereit sein, die Wahrheit zu sagen, und nicht nur Ammenmärchen verbreiten.

Märchen Nr. 1: Thorium ist ein Atombrennstoff

Falsch: Thorium ist KEIN nuklearer Brennstoff. Man fülle IRGENDEINEN Atomreaktor mit Brennstäben aus Thorium, und es wird überhaupt nichts passieren. Denn Thorium ist kein „Spaltmaterial“ – es kann keine nukleare Kettenreaktion aufrecht erhalten, ganz gleich, was man anstellt.

In Wahrheit ist Uran-233 das spaltbare Material, das entweder als Brennstoff in einem Atommeiler oder als Explosivstoff in einer Atomwaffe verwendet werden kann. (Die USA brachten bereits 1955, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, eine Bombe zur Explosion, die mit Uran-233 hergestellt worden war,).

Aber Uran-233 findet man nicht in der Natur. Es kann nur erzeugt werden, indem Thorium-232 mit Neutronen bombardiert wird. Wenn ein Thorium-232-Atom ein Neutron aufnimmt, verwandelt es sich in ein Uran-233-Atom.

Schlussendlich ist Thorium (gemeint ist Thorium-232) weder Brennstoff noch Bombenmaterial, aber es kann als Rohstoff benutzt werden, um Uran-233 zu erzeugen; dieses aber ist beides: nuklearer Brennstoff und Bombenmaterial.

Mir scheint, dass die Thorium-Anhänger, wollen sie glaubhaft sein, diese einfachen Tatsachen den Menschen wahrheitsgemäß sagen sollten, anstatt durch Erzählen von Unwahrheiten deren Unwissenheit für die eigenen Zwecke auszuschlachten.

Märchen Nr. 2: Die Verwendung von Thorium als 'nuklearem Brennstoff' [sic!] steht in keinem Zusammenhang mit Atomwaffen oder nuklearem Sprengstoff.

Das ist gleich mehrfach falsch.

Wie schon beschrieben, muss Thorium in Uran-233 umgewandelt werden, bevor „es“ als Brennstoff verwendet werden kann – und damit haben wir schon eine Verbindung zu Atomwaffen. Auch wenn Uran-233 einige Nachteile als atomarer Sprengstoff hat (die hauptsächlich in der Abgabe von Gamma-Strahlung liegen), so hat es doch einige großartige Vorteile für potentielle Bombenbastler.

Der Hauptvorteil liegt darin, dass Uran-233 zu 100% angereichert ist, während das natürlich vorkommende Uran-235 NIEMALS zu 100% angereichert ist. Je höher der Grad der Anreicherung, desto gewaltiger ist dann auch die Atomexplosion.

Aber Atomwaffen spielen VON ANFANG AN bei Thoriumreaktoren eine Rolle, weil man einen Thoriumreaktor nicht zu Laufen bringen kann, wenn das Thorium nicht mit waffenfähigem Explosivmaterial vermischt wird – entweder Plutonium oder hoch angereichertem Uran. Das heißt: Man kann nicht damit LOS LEGEN, Thorium für die Stromproduktion zu verwenden, ehe nicht zuvor (1) Plutonium aus bestrahltem Brennstoff mit Wiederaufarbeitungs-Technologie gewonnen wird, wie es beispielsweise Nord Korea gemacht hat (dort wurde das Plutonium auch für Atomwaffen genutzt) oder (2) hoch angereichertes Uran in einer Urananreicherungsanlage gewonnen wurde, wie es der Iran – zur Bestürzung der restlichen Welt – gemacht hat.

Jawohl! Applaus für die „friedlichen“ Thoriumreaktoren!

Märchen Nr. 3, 4, 5 … Bei einem Thoriumreaktor kann es nie zu einem katastrophalen Unfall kommen, er wird nicht sehr viel Atommüll produzieren, er wird die „Lagerungszeit“ von Millionen auf Hunderte von Jahren reduzieren usw. usw.

Das sind lauter zutiefst irreführende Übertreibungen. Jede Bombe, die auf einen Thoriumreaktor abgeworfen wird, führt zu einem katastrophalen Unfall. Thoriumreaktoren produzieren hochradioaktiven Atommüll, gerade so wie die heutigen Reaktoren, und wenn auch die Anteile der verschiedenen Radionuklide weitgehend unterschiedlich sein mögen, existiert KEINE CHANCE, dass ein Thorium-Reaktor alle radioaktiven Elemente, die Halbwertszeiten im Bereich von zehntausenden Jahren besitzen, eliminiert.

Thorium ist eine alte Idee, die schon viele Male in der Vergangenheit propagiert wurde. 1977 drängte Atomic Energy of Canada Limited die kanadische Regierung, Milliarden von Dollar in Technologien zur Wiederaufarbeitung von Thorium zu investieren, das Ganze in alptraumhaften Ausmaßen.

Das ist auf der CCNR Website dokumentiert -
siehe http://www.ccnr.org/AECL_plute.html [meine Darstellung]
siehe http://www.ccnr.org/aecl_plute_seminar.html [Das Vorhaben der Industrie]

Und die Moral der Geschichte: Sei nicht zu begierig darauf, die Katze im Sack zu kaufen, wenn du schon einmal diese vollmundigen Versprechungen gehört hast – du weißt ja, wie DIE Sache ausging!

Gordon Edwards

P.S. Im Folgenden das, was ich schon vor 1 Jahr darüber geschrieben habe …
GE

Thoriumreaktoren: Zurück in die Traumfabrik
von Gordon Edwards, Ph.D., Vorsitzender von CCNR, 13. Juli 2011

Die atomare Traumfabrik

Immer dann, wenn das Konzept eines Atomreaktors nicht wirklich funktioniert hat und der einfache Bürger sich abwendet und vielleicht sogar anfängt, an Pracht und Wohltat der Atomkraft zu zweifeln, dann huschen unsere Atomvertreter gleich wieder zurück in ihre gut bestückte Traumfabrik, um eine andere Idee hervorzuzaubern – eine, die ausreichend unbekannt und unerprobt ist, sodass der einfache Bürger keine Ahnung hat, ob sie nun was Gutes oder Schlechtes, was Sicheres oder Gefährliches, Vernünftiges oder Blödsinniges ist und ob die an Wunder grenzenden Versprechungen nun wahr oder falsch sind.

Vor ein paar Jahren trieben unsere Atomvertreter die Sache mit den Reaktoren der 3. Generation voran – gewaltige Atomkraftwerke, die sagenhafte Mengen an Strom erzeugen würden, dabei aber billiger und schneller herzustellen seien und darüber hinaus auch noch sicherer und von längerer Lebensdauer als ihre Vorgängermodelle.

Dann aber verhedderte sich Areva bei dem Versuch, eines dieser Ungetüme in Finnland zu bauen, in einem Berg von Problemen – die Kosten schossen um Milliarden von Dollar in die Höhe, die Bauzeit verlängerte sich um Jahre und grundsätzliche Sicherheitsprobleme der Konstruktion kamen zum Vorschein: spät, aber doch. Schachmatt.

Unverzagt legten unsere Atomvertreter einen Kurswechsel um 180 Grad hin und preisen nun kleine Reaktoren an, die tausendfach und in Massen hergestellt wie Zimt auf Toast über die Landschaft gesprenkelt werden können. Kugelhaufenreaktoren, Flüssigsalzreaktoren, Thoriumreaktoren werden mit Pauken und Trompeten der Öffentlichkeit angepriesen; die Atomindustrie schießt aus allen Rohren, um den Blick vom Fiasko beim Bau, von der endlosen Liste gebrochener Versprechungen, vom immer noch ungelösten Endlagerproblem, von der weiteren Verbreitung von Atomwaffen und letztendlich vom Horror in Fukushima abzulenken.

Die folgenden Absätze wurden geschrieben, um den geheimnisvollen Nimbus der Idee vom „Thoriumreaktor“ zu durchdringen – einem sehr alten Konzept, dass jetzt in neue Kleider gesteckt und als großer wissenschaftlicher Durchbruch verkauft wird; genau das ist es aber nicht.

Thorium ist kein atomarer Brennstoff

Grundsätzlich ist Thorium kein atomarer Brennstoff, weil Thorium KEIN Spaltmaterial ist – was nichts anderes heißt, als dass es keine atomare Kettenreaktion in Gang setzen kann.

Tatsächlich ist NUR Uran-235 ein Spaltmaterial und deshalb ist – zwangsläufig – dies das Material, mit dem weltweit alle Reaktoren der 1. Generation betrieben werden. Thorium kann in dieser Hinsicht Uran-235 nicht ersetzen. Ganz und gar nicht.

Thorium ist ein „Brutstoff“

Aber Thorium-232, das als radioaktives Material natürlich vorkommt, ist dreimal häufiger als Uran-238, das auch als radioaktives Material in der Natur zu finden ist. Keines dieser beiden Materialien kann direkt als Brennstoff verwendet werden, weil sie keine „Spaltstoffe“ sind.

Allerdings sind sowohl Uran-238 als auch Thorium-232 „Brutstoffe“: das heißt, WENN sie in einem Reaktorkern (der ja notwendigerweise mit Spaltmaterial betrieben werden muss) platziert werden, wird ein Teil dieses Brutmaterials in künstliche, also vom Menschen gemachte spaltbare Atome verwandelt.

Einige Uran-238-Atome werden in Plutonium-239-Atome und einige Thorium-232-Atome in Uran-233-Atome verwandelt.

Sowohl Plutonium-239 als auch Uran-233 sind Spaltstoffe, die nicht natürlich vorkommen. Und beide können sowohl für Atomreaktoren als auch für Atombombenmaterial verwendet werden. (Die USA ließen 1955 eine U-233-Atom-Bombe explodieren).

Wiederverarbeitung von „abgebranntem“ [also hoch verstrahltem] Brennstoff

Will man Plutonium-239 oder Uran-233 erhalten, ist es normalerweise notwendig, jenes bestrahlte Material „wiederaufzuarbeiten“, das ursprünglich Uran-238 und Thorium-232 gewesen war. Das heißt, dieses bestrahlte Material wird in Säure gelöst und im nächsten Schritt werden das Plutonium-239 oder das Uran-233 chemisch herausgefiltert, wobei flüssiger radioaktiver Müll zurückbleibt, der Spaltprodukte (die Bruchstücke der gespaltenen Atome wie Iod-131, Cäsium-137, Strontium-90 usw.) und andere radioaktive Abfälle enthält, die als Aktivierungsprodukte und Transurane bezeichnet werden.

Die Wiederaufarbeitung ist der schmutzigste Vorgang in der ganzen nuklearen Brennstoff-Reihe wegen den gasförmigen radioaktiven Freisetzungen, den flüssigen radioaktiven Abgaben und den großen Mengen an hochgefährlichen und leicht flüchtigen radioaktiven Flüssigkeiten. Die Wiederaufarbeitung birgt auch große Gefahren in Bezug auf die Proliferation (Weiterverbreitung von Atomwaffen), weil sie künstliche Spaltstoffe produziert, die von jedem, der an dieses bereits herausgelöste Material herankommt, für Atomwaffen verschiedenster Art verwendet werden können.

Weiterentwickelte Brennstoffkreisläufe und Brutreaktoren

Jedes nukleare Reaktor-Brennstoff-System, das Wiederaufarbeitung benötigt oder das Plutonium-239, alternativ auch Uran-233 verwendet, wird als „weiterentwickelter Brennstoffkreislauf“ bezeichnet. Diese Brennstoffkreisläufe hängen eng mit der Idee des „Brut“-Reaktors zusammen – einem Reaktortyp, der als Nebenprodukt so viel oder sogar mehr an Spaltmaterial erzeugt wie der Reaktor im Betrieb verbraucht.

Nur in diesem Zusammenhang macht ein Thoriumreaktor überhaupt Sinn – wie alle (Schnellen-)Brüter-Konzepte, die entwickelt werden, um die Brennstoffproduktion zu erweitern und damit das Atomzeitalter um Jahrhunderte zu verlängern.

Die Brüter-Konzepte sind für jene sehr attraktiv, die eine praktisch unbegrenzte Zukunft für Atomkraftwerke anstreben, weil die natürlichen Uran-235-Vorkommen nicht länger als die Öl-Vorkommen reichen werden. Ohne diese weiterentwickelten Brennstoffkreisläufe ist die Atomkraft nicht mehr als ein Strohfeuer.

Thoriumreaktoren werden am enthusiastischsten von denjenigen vertreten, die die „Plutonium-Brüter“ als die einzig realistische Alternative sehen, mit der eine langlebige Atomzukunft möglich ist. Sie glauben, dass Thorium/Uran-233 ein besseres Los sind als Uran/Plutonium-239.

Sie halten eine Abschaffung der Atomkraft für weder praktikabel noch wünschenswert.

Flüssigsalzreaktoren

Flüssigsalzreaktoren sind keine neue Idee und sind nicht auf Thorium angewiesen – obwohl beide Konzepte in der Vergangenheit oft miteinander verknüpft wurden.

Die Grundidee, als Kühlmittel geschmolzenes Salz statt (leichtem oder schwerem) Wasser zu verwenden, hat mehrere spezifische Vorteile: der wichtigste ist die Möglichkeit, dass mit wesentlich höheren Temperaturen (650° C statt 300° C) bei gleichzeitig viel geringerem Dampfdruck gearbeitet werden kann.

Die höhere Temperatur bringt größere Effizienz bei der Umwandlung von Wärme in Strom mit sich und der geringere Druck bedeutet eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass Schäden durch Überdruck entstehen, und dass die Folgen eines Risses, falls es dazu kommen sollte, nicht so dramatisch sind.

Flüssigsalzreaktoren wurden in den 1960-ern in Oak Ridge, Tennessee, entwickelt, Höhepunkt war das Molten Salt Reactor Experiment (MSRE), bei dem 7,4 Megawatt an Wärme, aber kein Strom erzeugt wurde. Es war ein früher Prototyp eines Thorium-Brutreaktors, in dem Uran und Plutonium als Brennstoff verwendet wurden. Das eigentliche Ziel des Entwurfs aber, mit Hilfe eines Thorium-Mantels Uran-233 zu „erbrüten“, welches dann durch Wiederaufarbeitung extrahiert werden sollte, wurde nicht umgesetzt.

Die Arbeit in Oak Ridge mündete in der Zeit von 1970 bis 1976 in der Planung für einen Molten Salt Breeder Reactor (MSBR) [Flüssigsalz-Brutreaktor], in dem Thorium als „Brutmaterial“ verwendet wurde, um das „spaltbare“ Uran-233 zu erbrüten, das dann in einer Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) heraus gefiltert werden sollte.

Flüssigsalzreaktoren ohne Wiederaufarbeitung?

Obwohl man sich theoretisch einen Entwurf des Flüssigsalzreaktors vorzustellen kann, bei dem das aus dem Thorium produzierte Uran-233 sofort als Brennstoff verwendet wird, ohne dass irgendeine Wiederaufarbeitung notwendig wäre, so ist eine solche Konstruktion sehr ineffizient in seiner „Brut“-Kapazität und bietet kaum finanzielle Anreize für mögliche Entwickler. Niemand hat bis heute einen solchen Reaktor gebaut, weil es keinen Sinn macht, diesen Typus mit jenen Entwürfen zu vergleichen, bei denen eine Wiederaufarbeitung notwendig ist.

Hier ist, was Wikipedia in dieser Sache zu sagen hat (es sind ausnahmsweise gute Informationen):
http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigsalzreaktor

Um das Brutpotential des Flüssigsalzreaktors voll ausnützen zu können, muss der Reaktor mit einer WAA vor Ort konzipiert werden. Wiederaufarbeitung gibt es nicht in den USA, weil keiner der kommerziellen Anbieter sich darauf einlässt. Die Auflagen und die damit verbundenen Kosten sind sehr hoch, weil die behördlichen Vorschriften unter den verschiedenen Regierungen sehr unterschiedlich waren. England, Frankreich, Japan, Russland und Indien führen zurzeit Wiederaufarbeitung durch. Einige US-amerikanische Verwaltungsbehörden haben befürchtet, dass die Wiederaufarbeitung – in welcher Form auch immer – den Weg in die Plutoniumwirtschaft ebnen könnte, die in engem Zusammenhang mit der Gefahr der Proliferation (der Weiterverbreitung von Atomwaffen) steht.

Ein ähnliches Argument führte zur Schließung des Integral Fast Reactor- Projekts im Jahr 1994. Das Risiko der Proliferation bei einem Thorium-Brennstoffkreislauf stammt von der möglichen Gewinnung von Uran-233, das in Atomwaffen Verwendung finden kann – allerdings nur mit beträchtlichen Schwierigkeiten. Derzeit arbeiten die Japaner an einem 100 - 200 MW Flüssigsalz-Brutreaktor, bei dem eine ähnliche Technik verwendet wird wie in Oak Ridge, allerdings scheint es beim japanischen Projekt Finanzierungsschwierigkeiten zu geben.

Thoriumreaktoren lösen keine Probleme

Zusammenfassend kann gesagt werden: auch Thoriumreaktoren produzieren hochradioaktiven Müll, auch sie machen Probleme in Sachen Proliferation, auch sie stehen für Katastrophenszenarien – z. B. als mögliche Ziele für Terroristen oder militärische Attacken.

Anhänger von Thoriumreaktoren betonen, dass all diese Risiken im Vergleich zu den konventionellen Plutonium-Brüter-Konzepten doch geringer seien. Ob das nun wahr ist oder nicht – die grundsätzlichen Probleme, die mit der Atomenergie in Zusammenhang stehen, werden dadurch auf keinen Fall gelöst.

Gordon Edwards, Ph.D.
Präsident der Canadian Coalition for Nuclear Responsibility


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J.-J. Delfour: La dangereuse imposture nucléaire
[Der gefährliche Atombetrug]

2012-September-7, LE MONDE: La dangereuse imposture nucléaire
Jean-Jacques Delfour (professeur de philosophie en CPGE, ancien élève de l'ENS de Saint-Cloud) beschreibt die Ignoranz der Atomtechnik
http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/09/07/la-dangereuse-imposture-nucleaire_1757119_3232.html

Übertragung aus dem Französischen (ak): Der gefährliche Atombetrug

Langsam kommt es ans Tageslicht: in der Atomanlage von Fukushima bedroht das Abklingbecken des Reaktors Nummer 4, das mit dutzenden Tonnen von hochradioaktiven Brennelementen gefüllt ist, 30 Meter über dem Erdboden, in einem baufälligen Gebäude, versorgt durch einen zusammengestoppelten Kühlkreislauf, die Menschheit mit einer Katastrophe, die noch wesentlich schlimmer ausfällt als jene von Tschernobyl. Eine Katastrophe, die zu der vom März 2011 in Fukushima hinzukommt: 3 undichte Reaktoren, die ihren tödlichen Inhalt über den Luftweg, über das Meer und über den Boden verbreiten.

Die Atomingenieure, mit all diesen Problemen konfrontiert, kennen keine Abhilfe. Sie haben proklamiert, dass bei der Atomkraft die Sicherheit immer schon und jetzt und für alle Zukunft absolut gegeben ist, sodass, wenn nun doch ein größerer Störfall eintritt, niemand weiß, wie man damit umgehen soll. Das ist die erschreckende Wahrheit, die uns Fukushima vor Augen führt. Tschernobyl wurde der Inkompetenz sowjetischer Technik zugeschrieben. Es ist nun unmöglich geworden, sich desselben Politmärchens zu bedienen.

Wenn man sich stattdessen eines vernunftbestimmten Urteils bedient, so kann man nur einen Schluss ziehen: den der Unfähigkeit der Atomingenieure. Im Falle eines Versagens der Kühlung, wenn also die Erhitzung des Reaktors eine Schwelle der Unumkehrbarkeit überschreitet, entgeht er jeder Kontrollmöglichkeit und verwandelt sich in einen Brei von Spaltmaterialien, geschmolzenem Metall und zersetztem Beton, hochgiftig und unkontrollierbar (dem Corium).

Die Wahrheit, wie sie sich uns in Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima darstellt, ist, dass, wenn die Schwelle einmal übertreten, die Techniker machtlos sind: sie kennen keine Abhilfe. Sie haben eine Atommaschine erdacht und erbaut, aber sie haben keine Ahnung, was im Fall eines schwerwiegenden Störfalls zu tun ist, das heißt, bei Eintritt das „Restrisikos“. Es sind aufgeblasene Ignoranten: sie geben vor, ein Wissen zu haben, das sie nicht besitzen. Die Arbeiter in der Ölindustrie wissen, wie eine in Brand geratene Ölquelle zu löschen ist, Bergleute können ihre verschütteten Kollegen auch aus einer Tiefe von mehreren hundert Metern befreien usw. Die Atomtechniker aber sind ratlos – sie hatten ja festgeschrieben, dass so etwas wie ein schwerer Unfall nie passieren wird.

In ihrem eigenen Fachgebiet sind sie also unfähiger als zum Beispiel ein Mechaniker in seiner Werkstatt. Wenn es notwendig ist, einen Zylinder auszutauschen, dann wissen die Mechaniker, wie das geht: die Verfahrensweise dafür existiert. Wenn aber die Hülle eines Atomreaktors undicht wird und der Brennstoff austritt, dann wissen die Atomtechniker nicht, was zu tun ist. Man wird einwenden, dass ein Atomkraftwerk eben komplexer ist als ein Automobil. Freilich, aber dafür ist es auch viel gefährlicher. Die Atomtechniker sollten also auf ihrem Gebiet mindestens so kompetent sein wie die, die sich mit der Reparatur eines defekten Automotors beschäftigen; doch das ist nicht der Fall.

Die Tatsache ist also ebenso evident wie schrecklich und unbestreitbar: die Radionukleïde überschreiten die technisch-wissenschaftlichen Fähigkeiten aller Ingenieure – weltweit. Deren Kompetenz bleibt Stückwerk und wird null und nichtig im Falle eines schweren Unfalls, genau dann, wenn man hochspezialisiertes Wissen erwarten würde: dies ist nun die Wahrheit, eine unbestreitbare Wahrheit. Daher also machen die Techniker und „Spezialisten“ der Atomindustrie den Eindruck von Hellsehern mit Kristallkugeln. Die atomare Verseuchung? Keine Gefahr, wird da attestiert, obwohl sie gar nichts wissen. Der Zustand des Reaktors von Tschernobyl unter seinem Sarkophag? Stabil, behaupten sie, obwohl sie gar nichts wissen. Die radioaktive Verschmutzung des pazifischen Ozeans? Verdünnt, stellen sie fest, obwohl sie gar nichts wissen. Die Reaktorruinen, löchrig, dem Zerfall preisgegeben, die Brennstoffe in den Untergrund von Fukushima abgebend? Sicher heruntergefahren und unter Kontrolle [im „cold shut down“, Anm. d Übers.], versichern sie, obwohl sie gar nichts wissen.

Die Auswirkungen der in die Umwelt ausgetretenen Radionukleïde auf die kommenden Generationen? Keine, beschwichtigen sie, obwohl sie gar nichts wissen. Der Zustand der verbotenen Zonen rund um Tschernobyl und Fukushima? Ohne jegliche Beeinträchtigung für die Gesundheit, heute schon, wie auch für die kommenden Jahrzehnte, verlautbaren sie, obwohl sie gar nichts darüber wissen. Für wen ist also die Strahlung schädigend? Nur für die Schwermütigen, geben sie zu verstehen, obwohl sie gar nichts wissen. Sie sind Wahrsager. Die Atomwissenschaft ist eine Art von Hellseherei. Soll heißen: Quacksalberei.

Die Atomwissenschaft, die sich als Speerspitze der Technik geriert, gesteigert bis hin zu einer Art Religion im Besitz eines absoluten Wissens, erweist sich als von einer ungeheuerlichen Hilflosigkeit durchdrungen, nicht etwa wegen menschlichem Versagen, sondern auf Grund eines Mangels an technischem Wissen. Was auch immer die jeweilige Ursache für ein Überschreiten der Schwelle hin zur Unumkehrbarkeit der Abläufe sein mag (ein terroristischer Angriff, eine Überschwemmung, ein Erdbeben), die Unfähigkeit die Verbreitung von radioaktivem Material zu unterbinden und zu kontrollieren zeigt ein Lücke im Wissen auf, die das Vertrauen der Modernität in sich selbst bedroht. Die Fortschrittlichen haben vorgegeben, mit magischen Vorgängen gebrochen zu haben. Die Atomtechnik ist die Erfahrung einer brutalen narzisstischen Beschädigung der Wissensrüstung, mit der sich der moderne Mensch umgeben hat; ein Leiden, das umso größer ist, als er selbst geschaffen hat, was ihn nun in eine Position maximaler Verwundbarkeit bringt.

Tatsächlich hat die Weigerung, einen schweren Unfall nicht nur als hypothetisch, sondern als real möglich anzunehmen, zur Folge, dass Vorkehrungen zu seiner Beherrschung und entsprechende Techniken vernachlässigt werden. Diese Vorkehrungen existieren also nicht und kein Mensch weiß, ob man sie überhaupt bereitstellen könnte. Möglicherweise ist ein „durchgehender“ Reaktor unbeherrschbar und nicht zu stoppen.

Ich weiß nicht, ob es sich tatsächlich so verhält, aber die „Atomleute“ können es genau so wenig sagen; sicher ist nur, dass es niemand jemals wissen kann, wenn nicht zumindest versucht wird, diese technischen Hilfsmittel zu schaffen. Anders gesagt, die Unterstellung der eigenen Unfehlbarkeit verhindert ihre Entwicklung. Ohne Zweifel bedeutet das Beschreiten dieses Weges, die bisher verheimlichte Gefahr einzugestehen und die zusätzlichen Kosten, die bisher vermieden wurden, einplanen zu müssen. So hat die Unfehlbarkeit der Atompäpste mehrere Vorteile: das Bewusstsein einzuschläfern und den Profit zu vermehren, zumindest so lange, als alles gut geht; der große Nachteil besteht darin, dass wir uns extremen Risiken aussetzten, ohne jegliche Hilfsmittel zu besitzen.

Jede naturwissenschaftliche oder technische Erkenntnis ist, per definitionem, unvollkommen und somit notwendig offen für Veränderungen. Die Unfehlbarkeit einer Technik vorauszusetzen oder sich so zu verhalten, als sei diese Unfehlbarkeit erreicht, bedeutet das Wesen von Wissen[schaft] zu verraten und diese mit einer säkularen Religion zu verwechseln, die jeden Zweifel bannt und jede Niederlage negiert. Daher der psychotische Effekt ihres Diskurses (unfehlbar und gewiss) und ihre Handlungsweise (Fabrikationen und Lügen). Jedem Beobachter ist dieser Widerspruch augenfällig und insbesondere die Unterdrückung desselben. Ein jeder ist einerseits aufgerufen, ihnen ihr Wissen und ihre Technik zu bestätigen und andererseits trotz ihrer Niederlagen zu schweigen. Kurz, die Atomtechnik macht verrückt. Aber das ist nur ein Aspekt unseres Zustands im Zeitalter der Atomtechnik. Verseuchte aller Länder, vereinigt euch!

Jean-Jacques Delfour, Phiosophieprofessor an der CPGE, Schüler des ENS von Saint-Cloud

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Atomkraft ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen

aus: http://ippnw.blogspot.de/2012/04/atomkraft-ist-ein-verbrechen-den.html, 07.04.12

1960 gab es die ersten Ostermärsche der Atomwaffengegner in Deutschland, jedes Jahr wurden es mehr. Zusammen mit einigen Freunden habe ich vor genau 50 Jahren, Ostern 1962, einen 25-km-Marsch von meiner Heimatstadt Hanau nach Frankfurt organisiert. Die Ostermarsch-Idee kam aus England, wo seit 1958 die berühmten Aldermaston-Märsche stattfanden, von der Atomwaffenfabrik Aldermaston über 83 km nach London, organisiert von der CND = Campaign for Nuclear Disarmament = Kampagne für nukleare Abrüstung.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, in dem West und Ost sich unablässig die atomare Vernichtung angedroht hatten, verschwand die Gefahr durch Atombomben leider nicht. Gesetzwidrig lagern in Deutschland, auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel, noch immer 20 Atombomben des Typs B 61, von denen jede eine Sprengkraft von 340 Kilotonnen TNT hat, das ist das 27-Fache der Hiroshimabombe. Die in Büchel befindlichen Sprengköpfe haben also zusammen eine Zerstörungskraft von 540 Hiroshimabomben. Niemand kann erklären, zu welchem Zweck die hier in unserem Land sind.

Vor zwei Jahren hat der Bundestag mit großer fraktionsübergreifender Mehrheit beschlossen, dass die letzten Atomwaffen, „Relikte des Kalten Krieges“ (Westerwelle), sofort aus Deutschland abgezogen werden sollen. Aber die USA wollen die Bücheler Bomben stattdessen „modernisieren“, was auch immer das heißen mag. Wenn wir die nukleare Abrüstung von den Atomwaffenstaaten einfordern, müssen wir gleichzeitig vor der eigenen Tür kehren: Deutsche Düsenjägerpiloten sollen Übungsflüge mit Atombomben-Attrappen verweigern. Wir wollen keine „nukleare Teilhabe“. Wir verlangen den Abzug der Bomben aus Büchel.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurde die Parole „Atoms for Peace“, Friedensatome, ausgegeben. Die gewaltige Energie, die bei der Atomkernspaltung entsteht, sollte gebändigt und kontrolliert zur Stromerzeugung genutzt werden. Atomwaffen und Atomenergie bleiben aber die beiden Seiten der gleichen Medaille – Länder, die Atomkraftwerke betreiben, sind früher oder später auch in der Lage, Atombomben zu bauen. Die angeblich friedliche Atomenergie ist der Türöffner für die Bombe.

Die Desinformation über diese Zusammenhänge war in Japan offenbar optimal gelungen. Schon den Schulkindern wurde eingetrichtert, das Hiroshima-Atom sei „böse“ gewesen, aber das Kraftwerks-Atom sei „gut“ und unverzichtbar. So hat die internationale Atomlobby im erdbebengeschüttelten Inselstaat Japan 54 Atomreaktoren gebaut und der Bevölkerung eingeredet, die seien absolut sicher.

Fukushima hat diese Lügen auf grausame Weise beendet. Zurzeit läuft in Japan nur ein einziger Reaktor, der im Mai auch abgeschaltet werden soll. Dann ist Japan vorerst atomstromfrei! Die Lichter sind nicht ausgegangen. Die langen Küsten und die Gebirgszüge bieten allerbeste Voraussetzungen für Windenergie, die nun mit erheblicher Verspätung endlich geplant und ausgebaut wird.

Horst-Eberhard Richter, einer der IPPNW-Gründer und Ehrenmitglied, im Dezember im Alter von 88 Jahren verstorben, hat in seiner letzten großen Rede gesagt: „Fukushima lässt uns für den Wahn büßen, die atomaren Gewalten berechenbar und beherrschbar machen zu können.“

Die angeblich friedliche Atomenergie bedroht nicht nur bei den großen Katastrophen -  Windscale, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima – alles Leben auf unserer Erde. Nein, die gesamte „Nukleare Kette“ vom Uranbergbau über die Uranverarbeitung, die weltweiten Atomtransporte, die alltäglichen Radionuklid-Emissionen aus den Reaktoren bis hin zum unlösbaren Problem des strahlenden Mülls – das alles ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen.

Atomkraftwerke sind ebenso gefährlich wie überflüssig. Es ist höchste Zeit, dass wir uns ein für alle Mal von der Atomkernspaltung verabschieden. Unseren Strom wollen wir zu 100 % aus dezentralen erneuerbaren Energiequellen gewinnen. Das ist viel früher als 2022 erreichbar, wenn die Weichen entsprechend gestellt werden. Wir sind, oder besser: Wir waren auf einem guten Weg dahin.

Offenbar fühlten sich die großen Energiekonzerne vom spektakulären Sonnen- und Windenergie-Ausbau durch Bürgerinnen, Bürger und Genossenschaften bedroht. Das ist der Grund dafür, dass die derzeitige Regierung in Gestalt der Herren Rösler und Röttgen die Energiewende gnadenlos auszubremsen versucht, indem die Einspeise-Vergütungen so stark und so schnell reduziert werden, dass ein Windrad auf dem Acker oder eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach privat kaum mehr bezahlt werden kann.

Darüber hinaus wird in einer perfiden Kampagne behauptet, die Strompreissteigerungen würden durch die Fotovoltaik verursacht – das ist einfach gelogen. In Wirklichkeit erhöhen die großen Konzerne Eon, RWE & Co auf den Schultern der Haushalte skrupellos ihre Gewinnspannen. Die bis vor Kurzem boomende mittelständische Wind- und Sonnen-Industrie ist jetzt ebenso wie die schnelle Energiewende ernsthaft bedroht.

Die Regierung setzt unter Umgehung des eigentlich zuständigen Parlaments das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) weitgehend außer Kraft. Es scheint, dass die Stromkonzerne als Gegenleistung für den Atomausstieg durch besonders geförderte milliardenschwere Großprojekte wie Offshore-Windparks und Desertec-Wüstenstrom hofiert und bei Laune gehalten werden sollen.

Das dürfen wir uns nicht bieten lassen! Wir müssen die beschriebenen Zusammenhänge immer wieder geduldig erklären, die Verwendung nuklearer und fossiler Brennstoffe aufgeben und auf der schnellen Energiewende beharren, bis sie vollständig gelungen ist.

Winfrid Eisenberg ist Kinderarzt und IPPNW-Mitglied

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ATOMKRAFT MACHT KRANK -
Rede von Reinhold Thiel auf der Anti-AKW-Demonstration in Gundremmingen
11. März 2012

Heute ist der 1. Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima. Ich bin gebeten worden, heute vor Ihnen als politisch denkender Arzt zum Thema ATOMKRAFT MACHT KRANK zu sprechen.

Das ist für mich keine leichte Aufgabe, denn:
Als politisch denkender Mensch muss ich über die Lügen reden, die die Atomindustrie in die Welt setzt. Ich muss reden über die Unwahrheiten und Halbwahrheiten, die von vielen Medien kritiklos und ungeprüft aufgegriffen und an uns weiter gegeben werden. Die Geschichte der Atomindustrie ist eine Geschichte voller Lügen, Unwahrheiten und Halbwahrheiten. Das gilt auch für die Gesundheitsgefahren, die von der Atomkraftnutzung ausgehen.

Als Arzt muss ich in erster Linie an die betroffenen Menschen denken und darüber reden. Betroffen sind in Fukushima die Feuerwehrarbeiter, die dort extremer Strahlung ausgesetzt worden sind und noch werden. Betroffen sind die Menschen, die in nächster Nähe evakuiert worden sind und über Jahrzehnte nicht mehr in ihre verstrahlte Heimat zurück können. Betroffen sind die Menschen, die Hals über Kopf falsch evakuiert worden sind, dann aber teilweise auch in noch höher verstrahlte Gebiete gebracht worden sind.

Betroffen sind etwa 70.000 Menschen in ca. 870 km², die außerhalb der Evakuierungszone, aber in trotzdem radioaktiv belasteter Umgebung leben müssen – 9500 davon sind Kinder. In diesem Gebiet werden die Menschen nach Angaben des französischen Instituts für Strahlensicherheit IRSN einer Gesamtdosis von 200 Millisievert pro Person ausgesetzt. Das entspricht dem 200-fachen unserer sogenannten natürlichen Hintergrundstrahlung. Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass hier nur die äußere Strahlung berechnet ist. Die größte Gefahr für Menschen stellt die zusätzliche innere Verstrahlung durch radioaktive Partikel dar, die durch das Einatmen von radioaktivem Staub und das Essen und Trinken von radioaktiv belasteten Lebensmitteln kommt. Die USA hatte deswegen einen Evakuierungsradius von 100 km empfohlen. Das ist in Japan nicht ausgeführt worden, da es logistisch nicht als machbar erschienen ist.

Betroffen sind Menschen auch noch in über 200 km-Entfernung von Fukushima. Dort sind jetzt schon viele hoch belastete Autofilter gesammelt und ausgewertet worden. Was ein Autofilter aufnimmt, nimmt auch eine menschliche Lunge auf.

Die Menschen von Fukushima und aus der betroffenen Region sind zwar bis heute noch nicht erkrankt. Viele davon werden aber krank werden. Das lehrt uns die Erfahrungen aus Tschernobyl. Dort trat in den Jahren danach eine hohe Rate von Krebs, Missbildungen, Fehlgeburten und genetischen Erkrankungen auf. Auch die Zahl der Infektionen und Herz-Kreislauferkrankungen ist dort überdeutlich angestiegen.

Als politisch denkender Mensch entrüste ich mich nach Tschernobyl über alle gemachten Lügen, Unwahrheiten und Halbwahrheiten und das Kleinreden der Gesundheitsfolgen. Bei Fukushima wird es mit der Wahrheit über Gesundheit und Krankheit nicht anders werden. Als Arzt fühle ich mit den Menschen, die dort leiden und durch diese Unwahrheiten gleich ein zweites Mal gedemütigt werden. Ich finde das beschämend.

Als politisch denkender Arzt sage ich Ihnen:
Wenn es bei uns hier in Gundremmingen zu so einem Unfall kommen sollte, wird es uns nicht anders ergehen, wie den Menschen nach Tschernobyl und jetzt auch nach Fukushima. Unserer Pläne zum atomaren Katastrophenschutz sind Pläne, die uns einen Schutz nur trügerisch vorgaukeln. Sie sind so viel wert wie das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Austretende Radioaktivität wird nicht beim 25-Kilometerstein halt machen. Selbst die einfachsten Maßnahmen – wie das Verteilen von Jodtabletten – werden nicht rechtzeitig und ausreichend effektiv funktionieren.

Auch in Japan haben die Menschen Jodtabletten nicht rechtzeitig und ausreichend effektiv erhalten. Dort wird es wegen der Belastung durch radioaktives Jod-131 vermehrt Schilddrüsenkrebs geben. Die Diskussion um Jodtabletten darf uns aber nicht davon ablenken, dass das Jod nur vor einer Erkrankung – dem Schilddrüsenkrebs – schützen kann.

Es gibt keine allumfassende Strahlenschutztablette, die uns im Ernstfall vor allen anderen drohenden Krankheiten schützen wird.

ATOMKRAFT MACHT KRANK – und das nicht nur beim Super Gau. Das gilt auch schon für den normalen Betrieb der AKW und dabei für alle Glieder der nuklearen Kette.

Für Atombrennstäbe braucht man Uran. Uran wird im offenen Bergbau gewonnen. Der offene Uranabbau gefährdet die Gesundheit und das Leben der dort lebenden Völker. Das wird gerne tot geschwiegen. Da wird auch gerne von uns verdrängt.

Die so genannte „Wiederaufbereitung“ von abgebrannten Brennstäben setzt Unmengen an radioaktiven Stoffen frei, die in die Umgebung abgegeben werden. Diese radioaktiven Stoffe kommen von dort in den Nahrungskreislauf und belasten Mensch und Tier. Leiharbeiter in Atomkraftwerken haben keine Lobby. Aus wirtschaftlichen Gründen wollen diese Menschen auch keine Lobby. Wer dagegen aufbegehrt, ist schnell ausgetauscht. Das ein trauriges Kapitel, das mit seinen Gesundheitsfolgen bis heute leider noch viel zu wenig untersucht worden ist.

Je näher ein Kleinkind an einem Atomkraftwerk wohnt, desto größer ist die Gefahr für das Kind, an Krebs und Leukämie zu erkranken. Das hat die Kinderkrebsstudie bewiesen – weltweit die größte und aufwändigste Studie zu dem Thema. Das gilt für den Betrieb aller Atomkraftwerke in Deutschland. Angeblich kommen die strahlenden Partikel und Gase, die das Atomkraftwerk über seinen Kamin abgibt, für diese erhöhte Erkrankungsrate nicht in Betracht. Aber es hat noch keiner das Gegenteil bewiesen und keiner konnte bis jetzt plausibel erklären, was stattdessen die Ursache – außer Strahlung – sein könnte.

In der Umgebung von allen Atomkraftwerken kommen weniger Kinder auf die Welt. Betroffen davon sind überwiegend Mädchen. Ist das nur ein Zufall?

Der jetzt schon angefallene Strahlenmüll gefährdet Gesundheit und Erbgut von uns und von unzähligen Generationen nach uns. Mit jedem Kilowatt Strom, das wir aus Atomstrom herstellen, produzieren wir Tag für Tag neuen Atommüll – hochgiftig – hochradioaktiv – mit unvorstellbar langen Halbwertszeiten.

Das ist für mich der Gipfelpunkt von Verantwortungslosigkeit.

Hören wir auf mit verantwortungsloser Atomenergie-Politik.
Treten wir gemeinsam ein für eine verantwortbare Energiepolitik.

Atomkraft macht krank – das sollten wir ändern.
Atomkraft macht krank – das können wir ändern.

www.ippnw.de
www.fukushima-disaster.de

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Grenzwerte für Radioaktivität sind “kalkulierter Strahlentod”

aus: http://www.contratom.de/2011/09/20/grenzwerte-fur-radioaktivitat-sind-kalkulierter-strahlentod/#more-3365

20. September 2011

Die Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel in der EU und in Japan sind viel zu hoch angesetzt, sie bieten keinen ausreichenden Gesundheitsschutz. foodwatch und die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) fordern eine drastische Senkung der Grenzwerte. Mit einer Mailingaktion sollen zuständigen Politiker in Bundesregierung und EU-Kommission aufgefordert werden, die Grenzwerte drastisch zu senken!

„Sichere“ Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln gibt es nicht. Jede noch so geringe radioaktive Strahlung bedeutet ein gesundheitliches Risiko, weil sie ausreicht, schwere Erkrankungen wie Krebs auszulösen. Damit ist jede Grenzwertfestsetzung eine Entscheidung über die Zahl von Todesfällen, die toleriert wird.

„Radioaktivität beeinträchtigt lebende Zellen. Selbst kleinste Strahlendosen können die Erbinformation verändern, das Immunsystem schädigen, Krebs auslösen – das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche. Je jünger ein Kind, desto schneller wächst es, desto mehr Zellteilungen finden statt, desto größer ist die Gefahr von Strahlenschäden. Ein Embryo ist um ein Vielfaches strahlensensibler als jeder andere Mensch. Die EU-Strahlenschutzgrenzwerte sind aus ärztlicher Sicht nicht verantwortbar”, so Kinderarzt Dr. med. Winfrid Eisenberg vom IPPNW.

Nötig ist, die EU-Höchstgrenzen für Cäsium von 600 auf 16 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel zu senken, für Babynahrung und Milchprodukte von 370 auf 8 Becquerel. Radioaktives Jod 131 mit seiner kurzen Halbwertszeit von acht Tagen darf gar nicht toleriert werden. Das ist das Ergebnis der Studie “Kalkulierter Strahlentod – Die Grenzwerte für radioaktiv verstrahlte Lebensmittel in EU und Japan”, die Vertreter der beiden Organisationen am Dienstag in Berlin vorgestellt haben. Die Studie wurden von Sebastian Pflugbeil und Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz erstellt.

„Die in EU und Japan geltenden Grenzwerte sind unzumutbar hoch, sie folgen wirtschaftlichen Interessen und setzen die Bevölkerungen unnötig massiven gesundheitlichen Risiken aus. Aus den europäischen Grundrechten, in denen das Vorsorgeprinzip und das Recht auf körperliche Unversehrtheit verankert sind, erwächst eine Handlungsverpflichtung für die europäische Politik: Sie muss die Grenzwerte drastisch senken, um ein angemessenes Schutzniveau für die Bürger zu gewährleisten”, so Thilo Bode von foodwatch.

Auch im internationalen Vergleich seien die Grenzwerte deutlich zu hoch angesetzt. In Deutschland dürften laut foodwatch zum Beispiel Pilze verkauft werden, die in der Ukraine und in Weißrussland aus dem Verkehr gezogen werden müssten. Besonders kritikwürdig sind auch die gesetzlich erlaubte Möglichkeit, im Fall eines Super-GAUs die Grenzwerte – per “Schubladenverordnung” – noch weiter heraufzusetzen. “Die Zelle interessiert es nicht, ob gerade ein Atomunfall stattgefunden hat”, so Sebastian Pflugbeil. “Sie wird einfach geschädigt.”

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