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'Franzl-Brief' eines Soldaten aus Tarnopol oder 'Abschrift vom Franzl-Brief-Aushang' Wiener NS-Funktionäre ?

Quellen- und Sachkritik an der Verwendung eines vermeintlichen Schlüsseldokuments in einer für die öffentliche Meinungsbildung wichtigen Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht.

Von Dieter Schmidt-Neuhaus.

Die nachfolgenden Ausführungen enthalten eingehende Kritik ihres Autors an dem Quellenwert und der Verwendung eines Dokuments, des sog. "Franzl-Briefs" oder genauer des "Franzl-Brief-Aushangs", im Rahmen der Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944". In den vergangenen Jahren wurde diese Austellung öffentlich und fachwissenschaftlich vielfach erörtert. Sie wurde 1999, wegen der vom Autor und anderen geäußerten Kritk an ihr, zeitweilig geschlossen und konzeptionell umgearbeitet. Im März 2004 wurde sie beendet. Der Autor hält seine früher formulierte, dem HIS direkt vorgetragene Kritik auch nach der Neukonzeption der Ausstellung und ihrem Ende aufrecht. Er führt aus, auch in der späteren Ausstellungsversion habe für deren zentrale Aussagen der "Franzl-Brief-Aushang" unrichtigerweise eine Funktion als 'Schlüsseldokument' behalten und über sie hinaus habe er eine unangemessene Öffentlichkeitswirkung entfaltet.

An dieser Stelle wird die im März 2004, noch vor dem Ende der HIS-Ausstellung, abgeschlossene Arbeit auf Bitten ihres Autors publiziert, weil ihm eine andere, spezieller passende wissenschaftliche Publikationsmöglichkeit gegenwärtig - und schon seit längerem - nicht zur Verfügung stehe. Nach Auffassung des Hg. dieser WWW-Seite ist es im Interesse zeitgeschichtlich engagierter, geschichts- und gedenkkultureller Arbeit wünschenswert, daß Quellen- und Quellenverwendungskritik wie die vom Autor formulierte die gebotene wissenschaftliche und öffentliche Beachtung, Erörterung und ggf.auch sachgerechte Widerlegung erfährt.

Wer zu den in diesem Beitrag angesprochenen Fragen an dieser Stelle wissenschaftlich Stellung zu nehmen wünscht, kann das nach Absprache mit dem Hg. dieser WWW-Seite auf einem ggf. eigens zu diesem Beitrag zu eröffnenden Forum tun.

Adresse des Autors: Dr. Dieter Schmidt-Neuhaus, Tel./Fax: (0 86 38) 6 61 71, Balthasar-Neumann-Straße 25, D-84478 Waldkraiburg, e-Mail: schmidtneuhaus@aol.com. Copyright dieses Beitrags beim Verfasser.

Im April 2004, d. Hg. ( Christian.Gizewski@tu-berlin.de )

1. Ein Feldpostbrief aus der Westukraine?

1.1 Die Abschrift eines Briefes taucht in Wien auf.

Deutsche Truppen hatten am 22. Juni 1941 die Grenze zur Sowjetunion überschritten und in der damaligen Westukraine die Städte Lemberg am 30. Juni und Tarnopol am 2. Juli 1941 besetzt. Im August 1941 tauchten in einigen Geschäften des 3. Wiener Bezirks als Aushang Abschriften eines Briefes „Tarnopol, 6.7.1941" auf. Der Unterzeichner, Sohn Franzl, berichtete seinen Eltern über in Tarnopol vorgefundene ermordete kriegsgefangene Kameraden und andere NKWD-Greuel. Der Text enthielt Beschuldigungen gegen Juden und berichtete von Racheakten, mittels derer Franzl und seine Kameraden „bis jetzt zirka 1.000 Juden ins Jenseits befördert" hätten, wobei er fortfuhr „das ist viel zu wenig, für das, was die gemacht haben“. Der Aushang lieferte Gesprächsstoff im Bezirk und beunruhigte die jüdischen Einwohner sowie die jüdische Kultusgemeinde in Wien.

1.2 Die Abwehrstelle des Wehrkreiskommandos in Wien greift ein.

Der Aushang fiel einem Mitarbeiter des Wehrkreiskommandos XVII in Wien auf. Die Abwehrstelle klärte zunächst dessen Entstehen. Ein Kreisleiter der Wiener NSDAP hatte eine angebliche Abschrift aus einem Feldpostbrief an seine Ortsgruppenleiter zur internen Information gegeben. Einer dieser Ortsgruppenleiter fertigte von diesem Schriftstück eigenmächtig Vervielfältigungen an, wohl durch Abschrift oder Hektographie, und verteilte sie an Geschäfte in seinem Stadtbezirk zum Aushang, ohne Auftrag und Kenntnis der NSDAP-Leitung.

So blieb offen, ob der vorgesetzte NSDAP-Kreisleiter wirklich aus einem vorhandenen Feldpostbrief ganz oder teilweise abgeschrieben, ob er etwas hinzugesetzt oder ob er gar den Feldpostbrief, ausgehend von leicht zugänglichen Informationen aus der Westukraine, erfunden, d.h. gefälscht hatte. Auch blieb offen, ob die beschriebenen Vorgänge stattgefunden hatten.

Die Abteilung Ic ( Abwehr) des Wehrkreiskommandos Wien veranlaßte, daß die Aushänge eingezogen wurden. Der beschlagnahmte Aushang – der nicht mehr vorhanden ist - wurde mit der Schreibmaschine abgeschrieben (Anlage 1), wobei das Wort „Abschrift“ als oberste Zeile gesperrt geschrieben vorangestellt wurde.

Ein Angehöriger der Abteilung Ic (nach dem Begleitbrief vielleicht mit Namen Hart, Kurzzeichen H) verfaßte am 12. September 1941 einen Begleitbrief mit dem Aktenzeichen „Abteilung Ic/WPrNr.12277/41g (Geheim)“ und dem Betreff „Greuelberichte in Feldpostbriefen“. Die Abschrift wurde als „Greuelbericht aus einem Feldpostbrief von der Ostfront“ bezeichnet. Der Begleitbrief wurde für den Chef des Generalstabes des Wehrkreiskommandos von einem Major (Tröge ?) unterzeichnet. Zusammen mit der Abschrift des Aushangs ging der Brief an das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) in Berlin, Abteilung Wehrmachtpropaganda (WPr). Die Wiener Dienststelle hatte damit alle Arbeit und allen Ärger an das OKW abgeschoben, indem sie anregte, die Feldtruppe zu belehren, keine Greuelberichte nach Hause zu schicken, und zu einer verschärften Feldpostbriefzensur riet (Anlage 2).

Das Wehrkreiskommando Wien hat sich im Herbst 1941 anscheinend nur dafür interessiert „Greuelberichte“ abzustellen. Es ist jedoch nicht klar, ob damit die sowjetischen Greuel, die Ermordung politischer Gefangener, Tausende in Lemberg und Hunderte in Tarnopol, oder Verbrechen der eigenen Truppe gegen das Kriegsvölkerrecht gemeint waren, oder beides. Nach dem Begleitbrief ist man sich in Wien weder bei der NSDAP noch bei der Wehrmacht bewußt gewesen, daß der Franzl sich und seine Einheit eines schweren Kriegsverbrechens bezichtigte. Der Brief handelt schließlich nicht nur von sowjetischen Greueltaten. Über Kontakte oder gar Auseinandersetzungen zwischen Wehrkreiskommando und NSDAP gibt es keine Informationen. Die Registratur des Wehrkreiskommandos XVII wurde kurz vor Kriegsende vernichtet. Daher weiß man bisher nicht, ob die juristischen Aspekte in Wien erkannt und aufgegriffen wurden. Auch läßt sich nicht klären, ob die Wiener NSDAP-Leitung der Wehrmacht Absender und Empfänger des Briefes – falls sie existierten – nur deswegen nicht bekanntgegeben hat, um den vermeintlich racheübenden Franzl zu schützen.

1.3 Bearbeitung durch die Abteilung Wehrmachtpropaganda im OKW.

Begleitbrief und Anlage gingen am 15. September 1941 beim OKW ein und erhielten das Aktenzeichen „WPr Nr.6855/41g, 1 Anlage.“ In der zuständigen Abteilung Wehrmachtpropaganda 1 (OKW/WPr) erregte der Brief Aufsehen, ebenso wie das sowjetische Flugblatt mit Wiedergabe des echten Wulff-Briefes 2, durch den die Mutter eines gefallenen Soldaten schließlich eine Rente erhielt. Von Berlin aus veranlaßte feldpolizeiliche Ermittlungen brachten keine Ergebnisse zur Existenz eines aus Tarnopol abgeschickten Feldpostbriefes. Der Fall „Franzl-Brief-Aushang in Wien“ wurde bei OKW/WPr mehrmals besprochen, am 12., 17. und 24. Oktober 1941. Dazu gibt es nur die Vermerke auf dem Begleitbrief, „I - von I nichts veranlaßt“, „IIe R! (=Rücksprache)“ „Information III“, „V - Vorlage Gr.Lt.“ und schließlich „z.d.A. = zu den Akten“.

Weiter ist schriftlich durch Dokumente oder indirekt durch Memoiren nichts zu dem Vorgang überliefert worden. Die (so nicht bezeichnete) Akte „Franzl-Brief“ landete nach dem Krieg schließlich im Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA) in Freiburg 3. Sie besteht nur aus zwei Blättern im Format A4, dem kurzen Begleitbrief der Abteilung Ic des Wehrkreiskommandos XVII in Wien an OKW/WPr/ in Berlin und der Abschrift vom Aushang, wahrscheinlich mit der gleichen Schreibmaschine geschrieben. Der Franzl-Brief ist also nur überliefert in einer in Wien angefertigten Abschrift von einem nicht mehr vorhandenen Aushang, der auf Grundlage eines nicht mehr vorhandenen NSDAP-internen Umlaufs unautorisiert entstand. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von „echten“ Feldpostbriefen in Briefsammlungen, deren Originale in Archiven heute noch zugänglich sind. Bei diesen steht die Authentizität nicht in Frage, wenn auch – wie in jedem Brief - die Inhalte nicht immer wahr sein müssen.

1.4 Der Franzl-Brief-Aushang hinterläßt eine Spur in Wien.

Nur eine einzige weitere Spur hat der Franzl-Brief-Aushang 37 Jahre später in einem Buch des später nach Israel emigrierten Wiener Juden Herbert Rosenkranz 4 hinterlassen. Dieser schreibt zunächst: „Reg. Rat. Dr. Kläger vom IKG-Rechtsbüro 5 berichtete am 3. September über die Affichierung des angeblichen Briefes eines Frontsoldaten in einem Anschlagekasten auf dem Radetzkyplatz-Löwengasse.“ Rosenkranz zitiert dann wörtlich aus dem Bericht: „In diesem Briefe heißt es u.a., daß die Soldaten festgestellt haben, wie sich die Juden gegenüber den Soldaten an der Front verhalten haben; darauf seien sie noch sehr menschlich gewesen, hätten 1000 Juden an die Wand gestellt und erschossen; am nächsten Tag hätten sie aber neuerlich festgestellt, daß noch ärgere Greuel verübt worden wären, und daraufhin hätten sie die Juden diese Leichen hervorholen und säuberlich herrichten lassen, hätten dann die Juden auf einem Platz zusammenbetrieben und verdientermaßen mit Knüppeln erschlagen. Diese Affiche erregt Besorgnis bei den Bewohnern des 3. Bezirkes, weil, wie die bei mir erschienene Dame versichert hat, diese Affiche das allgemeine Gespräch der Arier im Bezirk bildet.“

Als Quelle für den Bericht des seinerzeit in der Zweigstelle Wien des Jüdischen Kulturbundes tätigen Regierungsrats Dr. Josef Kläger nennt Rosenkranz das jetzt in Jerusalem befindliche Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG Wien). Die zitierte Signatur A/W 273 umfaßt jedoch alle Akten der IKG des Jahres 1941, so daß der Kläger-Bericht nicht direkt zugänglich ist.

1.5 Das Schicksal der Archivalie: über ein halbes Jahrhundert Ruhe im Archiv.

Der nur zwei Blätter umfassende Franzl-Brief-Vorgang im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg im Bestand „OKW-Wehrmachtpropaganda“ wurde im Laufe der Jahrzehnte von vielen Benutzern des Bestandes nicht beachtet, auf jeden Fall nicht publizistisch verwertet. Einer, der den Vorgang in die Hände bekam, war Mitte der 70er Jahre der damalige Doktorand Ortwin Buchbender. 6 Als er später gemeinsam mit Reinhold Sterz an die Herausgabe einer Auswahl von Feldpostbriefen aus dessen großer Sammlung ging 7, verzichteten beide nach langer Prüfung und ungern darauf, den Brief aufzunehmen. 8 Er entsprach absolut nicht ihren Kriterien, denen jeder der aus der bekannten Sammlung Sterz ausgewählten Briefe genügen mußte: Absender, Dienstgrad, Feldpostnummer und damit Einheit sowie Empfänger mußten identifiziert sein, in anderen Worten, der Brief mußte als Original oder verifizierte Kopie existieren. Das war so selbstverständlich, daß die beiden Herausgeber, ebenso wie andere seriöse Editoren von Briefsammlungen, es nicht für nötig erachteten, darauf hinzuweisen.

Dreizehn Jahre später sahen andere Bearbeiter das nicht so eng und bedienten sich des antijüdischen Hetzpamphlets untergeordneter Wiener Nationalsozialisten. In beiden Wanderausstellungen zu „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) war der „Franzl-Brief“ ein Schlüsseldokument, mit dem Massenverbrechen der Wehrmacht an jüdischen Zivilisten schon bei Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges bewiesen werden sollten.

2. Quellenkritik und Sachkritik zum Franzl-Brief-Aushang.

2.1 Äußere Quellenkritik.

Der Vorgang „Franzl-Brief“ in Freiburg ist authentisch, die äußere (eigentliche) Quellenkritik ist einfach. Die beiden Blätter sind auch nie angezweifelt worden, eine kriminaltechnische Analyse ist nicht nötig. Es gibt zwar weiter keine Augenzeugenberichte und Erwähnungen des Aushangs, aber seine Existenz und einzelne Aussagen werden auch durch den von Rosenkranz geschilderten Bericht von Dr. Kläger bestätigt.

In ihrer Analyse einer Dokumentenfälschung definiert Brigitte Bailer-Galanda 9 die Kriterien für die Authentizität eines Schriftstückes: „Bei der Überprüfung von Dokumenten auf ihre Echtheit geht die Geschichtswissenschaft vom Grundsatz aus, daß entweder ein überprüfbares oder schon überprüftes Original vorliegen muß, oder der Weg von der Behörde, Person oder Institution, die das Dokument erstellt hat, bis zu dessen Abschrift oder Kopie lückenlos verfolgt werden kann.“

Wenn man das erste dieser eindeutigen Kriterien auf den vorliegenden Fall anwendet, so ist unzweifelhaft, daß kein Original vorliegt. Es hat auch nie jemand von einem Original berichtet.

Dementsprechend muß in diesem Fall die zweite Voraussetzung sorgfältig geprüft werden. Der „Weg“ vom Verfasser, dem vermeintlichen Franzl, bis zur Archivalie, der Abschrift als einzigem jetzt greifbaren Dokument, hat vier Etappen, hier zurückverfolgend betrachtet:

(1) Es gibt die beiden am 12. September 1941 in Wien geschriebenen Blätter, Begleitbrief und Abschrift vom Aushang, jetzt im BA-MA in Freiburg als einzige authentische Schriftstücke. Für diesen Schritt kann man annehmen, daß die Abwehrstelle in Wehrkreiskommando XVII in Wien den beschlagnahmten Aushang richtig abgeschrieben hat; beweisen kann man es nicht.

(2) Es gab mit Sicherheit Ende August 1941 einen nicht mehr vorhandenen Aushang in einigen Geschäften oder an einer Anschlagtafel des 3. Wiener Bezirks. Die Existenz des Aushangs ist neben der Erwähnung im Begleitbrief auch bei Dr. Kläger bezeugt, wo sich auch ein Teil des Inhalts verifizieren läßt. Der Ortsgruppenleiter, der ohne Kenntnis und Genehmigung seiner NSDAP-Vorgesetzten den Aushang verfertigte, ist nicht bekannt. Es ist nicht mehr zu klären, ob er den Text gekürzt, ergänzt oder abgeändert, also verfälscht, hat.

(3) Es gab wahrscheinlich im Juli/August 1941 einen Umlauf, Rundbrief oder interne Information eines nicht bekannten Wiener Kreisleiters der NSDAP an seine Ortsgruppenleiter. Der von ihm verfaßte „Franzl-Brief-Umlauf“ liegt nirgends vor. Er wird auch nirgends erwähnt oder bezeugt. Der NSDAP-Kreisleiter könnte daher den Franzl-Brief-Umlauf auch aus leicht zugänglichen richtigen und falschen Informationen aus Tarnopol zusammengestellt, also gefälscht, haben.

(4) Schließlich hat niemand jemals einen Feldpostbrief des unbekannten Franzl gesehen und davon berichtet, und auch keinen Franzl. Familienname und Einheit sind nicht bekannt, ebensowenig die angeblichen Empfänger des Briefes, seine Eltern. Zu dem theoretisch möglichen ersten Schritt auf dem „Weg des Dokuments“, dem Schreiben und Versenden eines Briefes aus Tarnopol, ist nichts belegt.

Es sind also nur zwei der vier Schritte belegt. In diesem Sinne erlaubt die Quellenlage überhaupt nicht, wie seit 1995 praktiziert, von einem „Franzl-Brief“ zu sprechen. Um nicht eine Authentizität vorzutäuschen, die es nicht gibt, sollte man also nur von einem „Franzl-Brief-Aushang“ sprechen, genauer von der „Abschrift vom Franzl-Brief-Aushang“. Letzterer war ein antijüdisches Hetzpamphlet untergeordneter Wiener Nationalsozialisten, das wahrscheinlich ohne Genehmigung von Dienststellen der NSDAP ausgehängt worden war.

Der „Franzl-Brief-Aushang“ darf aber nicht ohne weiteres als Fälschung bezeichnet werden. Neben der dargelegten äußeren Quellenkritik müssen die einzelnen Aussagen im Aushang jede für sich auf ihre Glaubwürdigkeit und Plausibilität geprüft, der gesamte Inhalt des Dokument also einer inneren Quellenkritik oder Sachkritik unterzogen werden.

2.2 Sachkritik zum Franzl-Brief-Aushang.

Es ist nicht auszuschließen, daß irgend jemand aus Tarnopol einen Brief nach Wien geschrieben hat mit Angaben zu den Ereignissen Anfang Juli 1941. Allerdings müssen die Inhalte eines authentischen Dokuments nicht alle wahr sein, sie können sogar alle falsch sein. Umgekehrt können in einem gefälschten Dokument auch Wahrheiten, eine oder mehrere wahre Aussagen, stehen. Deshalb muß jede einzelne Aussage des Franzl-Brief-Aushanges analysiert werden. Für dieses auch als innere Quellenkritik bezeichnete Vorgehen wird hier der von dem Militärhistoriker Hans Delbrück benutzte Begriff der Sachkritik, der Untersuchung organisatorischer, technischer und anderer Sachverhalte 10 verwendet.

Der Franzl-Brief-Aushang enthält sechs Sachaussagen, die in der Reihenfolge des Textes zu prüfen sind.

(1) Nur der erste im Brief genannte Sachverhalt stimmt, nämlich das Datum, der Ort des sowjetischen Massakers (Gerichtsgebäude und NKWD-Gefängnis), die Zahl (zehn) und die Art der deutschen Mordopfer (sieben Luftwaffensoldaten und drei Gebirgsjäger). Der Stadtkommandant ließ die Einzelheiten zu den ermordeten Kriegsgefangenen sofort untersuchen und meldete die Befunde weiter. Das Massenverbrechen des NKWD in Tarnopol Ende Juni 1941 an fast 600 politischen Häftlingen wird durch viele weitere Dokumente, auch sowjetische, bestätigt. Die zehn ermordeten deutschen Kriegsgefangenen wurden am 5. und am 6. Juli 1941 auf dem Südfriedhof von Tarnopol öffentlich bestattet. Diese Tatsache war in Tarnopol und Umgebung bekannt und wurde auch an vorgesetzte Dienststellen gemeldet. Derartige Ereignisse durften aber in der deutschen Presse nicht gemeldet werden.

Alle anderen fünf Aussagen oder Angaben im Franzl-Brief-Aushang sind falsch.

(2) Die Gesamtzahl der NKWD-Opfer in Gerichtsgebäude von Tarnopol lag nicht bei 2.000, sondern knapp unter 600.

(3) Für volksdeutsche Opfer des NKWD gibt es keinen Beleg.

(4) Die Aussagen zu den Tätern sind unklar. Der Ausdruck "Gestern waren wir mit der SS gnädig, ..." kann verschieden interpretiert werden. Waren „wir“ Wehrmachtsoldaten oder Soldaten der Waffen-SS-Division Wiking ? Ober gehörten „wir“ zu den unabhängig vom Heer operierenden Einsatzgruppen? Dann wäre der Franzl kein Soldat der kämpfenden Truppe, sondern Angehöriger des Sonderkommandos 4b der Einsatzgruppe C gewesen. So gab es einen Koch Franzl T. im SK 4b. Er könnte den Brief geschrieben haben.

(5) Für weitere vorgefundene 60 verstümmelte Kameraden gibt es keinen Beleg.

(6) Die Zahl von 1.000 Anfang Juli 1941 ermordeten Juden ist erfunden. Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) nennen wiederholt eine Zahl von 600 Opfern „der Bevölkerung“, also etwa soviel wie die vom NKWD ermordeten politischen Häftlinge. Tatsächlich ist die Zahl der Opfer von Raubmorden, einzelnen Racheakten und von organisierten Rachemassakern bei und nach Abzug des Sowjets in Tarnopol durch die örtliche Bevölkerung immer noch nicht bekannt. Es könnte sich genau so gut nur um einige Dutzend als auch um einige Hundert gehandelt haben. Namenslisten liegen nicht vor, anders als bei den NKWD-Opfern. Nur einzelne Opfer von Rachemorden, meist mit dem Sowjetsystem verbundene Personen, sind aus damaligen Berichten, Memoiren u. ä. namentlich bekannt geworden.

Alle fünf falschen Sachverhalte im Franzl-Brief-Aushang lassen sich jedoch aus Gerüchten erklären, die seinerzeit im Raum Tarnopol bei der Bevölkerung, bei den deutschen Soldaten und den Angehörigen des Sonderkommandos 4b der Einsatzgruppe C umliefen. Einige von diesen Gerüchten und Übertreibungen wurden sogar in Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin aufgenommen und teilweise später korrigiert. Die Aussagen im Franzl-Brief-Aushang sind also nicht völlig unverständlich. Fehler, Auslassungen und Irrtümer in einzelnen Berichten vom damaligen Geschehen sind aus dem Kenntnisstand der Verfasser, wegen ihrer Interessenlage oder aus anderen Gründen erklärbar und verständlich. Es gibt natürlich auch Falschaussagen und Fälschungen von privater und amtlicher Seite. Rachephantasien und falsche Selbstbezichtigungen bis zur Behauptung der Teilnahme an Tötungsdelikten gab es auch im Fall Tarnopol.

2.3 Was geschah Anfang Juli 1941 in Tarnopol?

Auf Grund des Hitler-Stalin-Paktes wurde Ostpolen Ende September 1939 von der Sowjetunion annektiert und in den folgenden 21 Monaten tiefgreifend verändert und ausgeplündert. Alle Bevölkerungsgruppen, Ukrainer, Polen und Juden, waren von Verarmung, Verhaftungen, Deportationen großen Stils und Tötung von Einzelnen oder Gruppen betroffen.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärften die sowjetischen Organe, die Anfang Juni gerade eine vierte Deportationswelle eingeleitet hatten 11, ihre Unterdrückungspolitik. In Tarnopol war das für 446 Häftlinge vorgesehene Gefängnis mit etwa 1.600 Gefangenen belegt. Zu ihrem Abtransport waren 52 Eisenbahnwaggons vorgesehen, jedoch brachte der Kriegsbeginn die Ausführung durcheinander. Am 24. Juni 1941 erhielt die politische Polizei NKWD den Befehl, die politischen Häftlinge, meistens ukrainische Nationalisten, unter ihnen aber auch Polen und Juden, zu evakuieren oder zu liquidieren 12, die kriminellen Häftlinge jedoch freizulassen.. Am 1. Juli 1941 wurden noch 1.008 Gefangene verschleppt, sie mußten zur Bahnstation Woloczyska marschieren. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. 574 politische Häftlinge („erste Kategorie“), überwiegend Ukrainer, aber auch Polen und Juden, wurden ermordet und ihre Leichen im Keller und im Hof des NKWD-Gefängnisses zurückgelassen. 13 Auch zehn deutsche Kriegsgefangene wurden im NKWD-Gefängnis in Tarnopol ermordet.

Die ukrainische Bevölkerungsgruppe in Tarnopol hatte seit Beginn der sowjetischen Herrschaft etwa 2.000 Menschen verloren. Praktisch jede ukrainische Familie in der Stadt war betroffen. Verzweiflung, Haß und der Wunsch nach Vergeltung bestimmten die Haltung der Überlebenden und der Angehörigen der Opfer.

Mit dem Abzug der Roten Armee Ende Juni bis zum 2. Juli 1941 gab es eine chaotische Übergangsphase mit Ausschreitungen, Plünderungen und Morden, die mit der teilweisen Besetzung der Stadt durch die 9. Panzerdivision des XIV. Armeekorps der Heeresgruppe Süd am 2. Juli 1941 nicht sofort aufhörte. Es kam zu individuellen Racheakten von Angehörigen der NKWD-Opfer an wirklichen oder vermeintlichen Kollaborateuren des Sowjetregimes. Örtliche ukrainische Widerstandsgruppen und sogenannte Marschgruppen ukrainischer Exilanten verhafteten Verdächtigte. Der Umfang organisierter Rachemassaker durch ukrainische Nationalisten ist noch nicht geklärt. 14

Zur Beendigung dieser Ausschreitungen setzte der Befehlshaber des XIV. Armeekorps mot., General Gustav von Wietersheim, den Artillerie-Kommandeur 129, Oberst Sander, vom 4. bis 7. Juli 1941 als ersten Stadtkommandanten für Tarnopol ein. Mit einem Aushang wurden für jede Art von Gewalttaten strenge Strafen angedroht. Oberst Sander stellte unter Einsatz seines Stabes und einer ihm vorübergehend zugeteilten Kompanie des Regiments 'Westland' der Waffen-SS-Division 'Wiking' Ruhe und Ordnung wieder her.

Das Sonderkommando 4b der Einsatzgruppe C traf am 5. Juli 1941 in Tarnopol ein. Es übernahm von Ukrainern verhaftete Personen, die man als Beteiligte an den NKWD-Morden oder als Sowjetfunktionäre und Spitzel verdächtigte oder führte auch selbst Verhaftungen aus. Nach einer Ereignismeldung der RSHA erschoß das SK 4b 127, nach späteren gerichtlichen Feststellungen in Westdeutschland vielleicht 40 bis 50 Personen außerhalb von Tarnopol.

2.4 Der Franzl-Brief-Aushang und authentische Feldpostbriefe.

Die Massenmorde der Sowjets im früheren Ostpolen, mit Tausenden von Opfern in Lemberg und vielen Hunderten in vielen anderen Orten, wurden im Sommer 1941 im Deutschen Reich und im Ausland sofort propagandistisch verwertet. Über die Ermordung deutscher Kriegsgefangener durch Rote Armee und NKWD gab es zwar seit Ende Juni 1941 offizielle Berichte, die aber nicht an die Öffentlichkeit kamen. Wenn Zeitungen doch Meldungen über von den Sowjets ermordete deutsche Soldaten brachten, wurden diese sofort scharf unterdrückt. Das könnte auch ein Grund gewesen sein, warum die Abwehrstelle der Wehrmacht in Wien den Aushang einziehen ließ.

Die Morde des NKWD im früheren Ostpolen wurden schon in einer Feldpostbrief-Edition während des Krieges behandelt, z. B. zu Lemberg, Skalat und anderen Orten. 15 In einem anderen Brief handelte es sich bei dem nicht genannten am 6. Juli durchschrittenen Ort mit 600-800 ermordeten Ukrainern wahrscheinlich um Tarnopol. 16 Da die 9. Panzerdivision aus Wien als erste Einheit Tarnopol einnahm, kann die Kenntnis von der Bestattung der zehn deutschen Mordopfer durch Urlauber oder Verwundete oder in Feldpostbriefen rasch nach Wien gelangt sein, ebenso wie viele unzutreffende Gerüchte.

Ein Brief des Gefreiten F. von der 125. Infanterie-Division vom 3. Juli 1941 berichtet von „jüdischer, bolschewistischer Grausamkeit“ in einer größeren Stadt (Lemberg) mit 8.000 toten gefangenen Zivilisten sowie „in einer anderen Stadt ganz ähnliche Fälle, vielleicht noch grausamer“ (wahrscheinlich Tarnopol), und auch von der „Rache ..., die aber auch durchgeführt wird.“ Dieser authentische Brief aus der Sammlung Sterz 17 wurde auch von anderen abgedruckt, so von Kempowski. Berichte über seinerzeit vorgekommene Racheakte oder über Rachegelüste finden sich also durchaus in verschiedenen Briefen, ebenso in Büchern, allerdings ohne Hinweis auf das Ausmaß. In die Reihe derartiger Feldpostbriefe läßt sich der Franzl-Brief-Aushang überhaupt nicht einordnen, wie Buchbender und Sterz 1982 richtig erkannten. Er ist nach den Regeln der Editionswissenschaft kein „überlieferter“, d.h. noch vorhandener ganz oder teilweise erhaltener Brief. Er ist jedoch auch kein „erschlossener Brief“, d.h. ein nicht mehr vorhandener Brief, dessen frühere Existenz direkt oder indirekt belegt werden könnte. 18

3. Der Weg vom nationalsozialistischen Hetzpamphlet zum Schlüsseldokument für „Verbrechen der Wehrmacht“.

3.1 Der „Feldpostbrief aus Tarnopol“ taucht erstmals auf.

Das von Jan Philipp Reemtsma gegründete und geleitete private „Hamburger Institut für Sozialforschung“ (HIS) hatte mit einem Forschungsprojekt „Angesichts unseres Jahrhunderts. Gewalt und Destruktivität im Zivilisationsprozeß" eine Wanderausstellung erarbeitet, die unter dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ von März 1995 bis Oktober 1999 in 27 Städten in Deutschland und in 6 Städten in Österreich über 800. 000 Besucher erreichte, darunter viele geführte Gruppen von Schülern.

Für diese Ausstellung „entdeckte“ der österreichische Historiker Dr. Hans Safrian, der den Teil zur 6. Armee mitbearbeitete, den Franzl-Brief-Vorgang im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg. Aus dem unbekannten oder nichtexistenten Franzl machten die Aussteller und ihre Anhänger schrittweise einen Soldaten, dann einen Soldaten der Wehrmacht, und schließlich sogar den Soldaten einer bestimmten Heeres-Division – obwohl der angebliche Schreiber oder seine Eltern, die Empfänger des Briefes, nie identifiziert wurden.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Ruhe im Freiburger Bundesarchiv-Militärarchiv erfuhr der Franzl-Brief-Aushang ab 1995 mit seiner Aufnahme in zwei Wanderausstellungen, durch die zugehörigen Publikationen, zunächst Begleitbuch und Katalog, und über Sekundärliteratur eine gewaltige Verbreitung. In Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, in den aufwändigen Rahmenprogrammen der einzelnen Ausstellungsorte und in Lesungen wurde der nichtexistierende „Franzl-Brief“ zu einem scheinbar überzeugenden Beweis für Wehrmachtverbrechen gegen Juden schon bei Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges gemacht. An zwei Stellen kam der „Franzl-Brief“ in die Welt.

3.2 Das trojanische Pferd in einer Quellenedition – eine editorische Todsünde.

Der „Fund“ Safrians wurde erstmals Anfang 1995 von dem Wiener Politologen Walter Manoschek in einer Edition judenfeindlicher Briefe 19 aus der bekannten „Sammlung Sterz" in der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart veröffentlicht. In diese Auswahl schmuggelte Manoschek den Franzl-Brief-Aushang ein, ohne das Archiv BA-MA und die Signatur mitzuteilen. Er wies auch nicht darauf hin, daß bei seinem Abdruck Dienstgrad, abgekürzter Namen des Verfassers, Einheit und Feldpostnummer fehlten. Dieser Verstoß gegen elementare Regeln für eine Quellenedition 20 wurde über Jahre nicht wahrgenommen.

Ein wichtiger Schritt bei dieser Manipulation war, daß Manoschek bei seinem Abdruck die im „Original" des BA-MA vorhandene oberste gesperrt geschriebene Zeile „Abschrift“ ausließ. Dadurch vermittelten er, die anderen Bearbeiter des HIS und andere Textübernehmer ihren Lesern den Eindruck, den Abdrucken läge ein authentischer Feldpostbrief mit wahrem Inhalt zugrunde. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, daß der Franzl-Brief nur als Abschrift von einem nicht mehr existierenden NS-Aushang in Wien existiert, daß es einen „Franzl“ möglicherweise gar nicht gab, und daß es unmöglich ist, den angeblichen Feldpostbrief des Franzl auf Echtheit zu prüfen.

Sonst war der Erstabdruck des Textes des Franzl-Brief-Aushangs vollständig, einschließlich eines Satzes in der Mitte des Textes: „Wenn es heute noch einen Kommunisten in Wien gibt, der gehört sofort erschlagen, aber nicht erschossen“. In den meisten späteren Veröffentlichungen fehlt dieser antikommunistische Satz, ohne daß je erläutert wird, warum die Bearbeiter ihn auslassen. In diesem Fall gab es eigentlich keinen Grund, für die Streichung, außer die Verwerter wollten nur den antijüdischen Aspekt des Textes betonen. Auswahl und Weglassen sind Methoden selektiver Geschichtsschreibung, mit denen man verfälschen kann, ohne selbst fälschen zu müssen. Die gleiche einfache Methode, nur einen Satz aus einem Dokument wegzulassen, haben die Autoren der zweiten Wanderausstellung später im Fall Tarnopol beim Zitieren der Aussage von Dr. O. 21 erfolgreich angewandt. 22

Die Bedeutung des „Franzl-Briefes“ für die Argumentation des HIS zur Wehrmacht als verbrecherischer Organisation zeigte sich schon darin, daß Manoschek ihn in seiner kurzen Einführung behandelt, mit eigenwilliger Auslegung: „ .. und andernorts ein Schreiber voller Stolz seinen Eltern berichtet, daß er und seine Kameraden bisher etwa 1000 Juden ‘mit Knüppeln und Spaten erschlagen’ hätten“. 23 Den vorsichtig arbeitenden Herausgebern Buchbender und Sterz, die 1982 den Franzl-Brief wegen seiner unsicheren Provenienz nicht abdruckten, unterstellt Manoschek, daß bei ihnen „zumindest implizit an einem nunmehr umgekehrten ‘Soldatenmythos von unten’ gewoben wird.“

3.3 Der „Feldpostbrief aus Tarnopol“ in der ersten „Wehrmachtsausstellung“ und im Ausstellungskatalog.

Auf einer der 19 Stellwände zu angeblichen Verbrechen der später in Stalingrad untergegangenen 6. Armee 24, entsprechend den Seiten 68 und 69 im 1996 erschienenen Ausstellungskatalog 25, wurde ein „Judenpogrom in Tarnopol" als Massenverbrechen der Wehrmacht präsentiert. Vier Fotos aus dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes in Wien zeigten am Boden liegende Leichen und herumstehende Soldaten. Daneben gab es drei Textblöcke. Der kurze einführende Text nennt die beschuldigten Alleintäter: „In Tarnopol stiftete das Sonderkommando 4b Anfang Juli 1941 antijüdische Pogrome gezielt an. Die ausgegrabenen Leichen von getöteten Ukrainern und 10 deutschen Soldaten wurden gegenüber Wehrmachtssoldaten als Opfer der Juden ausgegeben.“

Im zweiten Textblock wurde als zentrales Dokument mit der Legende „Feldpostbrief aus Tarnopol“ der Text des Franzl-Brief-Aushangs abgedruckt, allerdings ohne die oberste Zeile „Abschrift“ und ohne den Satz über die Kommunisten in Wien. Wichtigste Aussage im Text ist: „Bis jetzt haben wir zirka 1.000 Juden ins Jenseits befördert".

Der Franzl-Brief-Text wurde während der gesamten Laufzeit der ersten Ausstellung bis Ende 1991 weder auf der Stellwand noch in Druckwerken - wie sonst häufig von den Ausstellern praktiziert - als Faksimile (Kopie) gezeigt, sondern als neu gesetzte, tatsächlich aber unvollständige Abschrift. Dieses Vorgehen erweckte den Eindruck, daß ein Feldpostbrief vorhanden sei, den man nur der Lesbarkeit wegen in gedruckte Form gebracht habe. Leser und Besucher konnten nicht erkennen, daß der Brief nirgendwo vorhanden ist und möglicherweise nie existiert hat. Die unvollständig wiedergegebene Abschrift war das Schlüsseldokument für ein angebliches Massenverbrechen der Wehrmacht. Mit der Quellenangabe „Feldpostbrief aus Tarnopol“ wurde suggeriert, daß ein (Wehrmachts-)Soldat der Schreiber sei.

Als dritter Textblock war auf der Tarnopol-Stellwand ein Satz aus der Ereignismeldung 24 (EM 24) des Berliner Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) abgedruckt, der „durchziehende Truppen“ als Täter für den Mord an etwa 600 Juden nannte. Dieser Satz wurde in den ersten Jahren der Wanderausstellung durch den Zusatz „Wehrmachts-„ zunächst in runden, dann in eckigen Klammern verfälscht. Die Relevanz dieser Aussage wird hier nicht näher behandelt. Sie wurde in späteren Meldungen des RSHA widerrufen. Dort und auch in Nachkriegsprozessen wurde die „Bevölkerung“ als Täter bezeichnet.

Ende 1999 brachte das HIS in Vorbereitung für eine Parallelausstellung in den USA eine leicht abgewandelte englische Fassung des Ausstellungskataloges heraus. 26 Die beiden Seiten zu Tarnopol entsprechen der deutschen Fassung. Zusätzlich benannte das HIS auf der Textseite vier Divisionen, deren Täterschaft damit unterstellt wird: „SS Viking Division, 9th Armored Division, 60th Infantry Division, 125th Infantry Division.“ Die Bedeutung des Falles Tarnopol läßt der amerikanische Katalog daraus erkennen, daß er eines der vier Tarnopol-Fotos auf der vorderen und der hinteren Umschlagseite abbildet und auf der hinteren Umschlagseite auf den Franzl-Brief hinweist als „Brief eines jungen Soldaten, der sich rühmt, daß seine Einheit 1.000 Juden getötet hätte, und das sei nicht genug gewesen.“ Der Katalog wurde trotz Absage der Ausstellung in New York ausgeliefert und blieb merkwürdigerweise, im Gegensatz zum deutschen Katalog, im Handel.

3.4 Der Franzl-Brief im Begleitbuch zur Ausstellung - Die Wahrheit in einer Fußnote verborgen.

In dem 1995 erschienenen Begleitbuch zur Ausstellung dient der Brieftext den Verfassern als Beleg dafür, „wie ‘Inspiration’ durch die SS, Greuelgerüchte und tiefsitzender Antisemitismus sich zur Bereitschaft akkumulierten, Lynchjustiz zu üben und unschuldige Menschen zu erschlagen.“ Es handele sich um einen „der wenigen erhaltenen Briefe, in denen ein Soldat über seine Teilnahme an der Ermordung von Juden berichtet“. 27 Beim Abdruck des Franzl-Brief- Textes fehlt wiederum die oberste Zeile „Abschrift“ sowie der kurze Satz über die „Kommunisten in Wien“. Die Verfasser geben, im Gegensatz zur Erstpublikation bei Manoschek, in der zugehörigen Endnote die Signatur des Franzl-Brief-Aushangs richtig an: „Brief aus Tarnopol, 6.7.1941, BA-MA RW 4/v.442“. Auch in dem später veröffentlichten Bericht von einem Symposium in Wien werden der Text des Aushangs und die Endnote in gleicher Weise abgedruckt. Damit wurde jeder Leser des Begleitbuches schon 1995 in die Lage versetzt, nach Freiburg zu fahren, um sich die beiden Blätter der Archivalie anzusehen. Leider hat das offensichtlich jahrelang niemand getan.

Weiterhin teilen die Verfasser in der Endnote mit, daß der „Brief vom Wehrkreiskommando XVII, Wien, Abt. Ic/WPr., beschlagnahmt“ worden sei und zitieren einige Sätze aus dem Begleitbrief des Wehrkreiskommandos. Der aufmerksame Leser kann erkennen, daß nicht ein „Brief“ Gegenstand der Beschlagnahme war, sondern der Aushang, den ein Ortsgruppenleiter der NSDAP im Sommer 1941 ohne Auftrag der Parteiführung (eigenmächtig, so der Begleitbrief des Wehrkreiskommandos Wien) angefertigt und an einzelne Wiener Geschäfte in seinem Bezirk verteilt hatte. Mit der inneren Quellenkritik haben sich die Aussteller sowieso nicht aufgehalten, sonst hätten sie feststellen müssen, daß der Aushang nicht richtig und vollständig wiedergibt, was in Tarnopol geschehen ist. Er gibt nur Aufschluß über die Mentalität einiger fanatisch antijüdischer Wiener Nationalsozialisten.

Letztlich wurden Besucher und Leser jahrelang getäuscht, indem ihnen ein antijüdisches Propagandapamphlet als Beweisstück für ein nicht stattgefundenes Massenverbrechen von Wehrmachtsoldaten präsentiert wurde. Ähnlich waren die Aussteller mit dem sogenannten „Badebild“ aus einer NS-Propagandabroschüre verfahren. Diesen von Stoecker 1997 aufgedeckten Fall 28 hatte das Nachrichtenmagazin Focus 29 bekannt gemacht und mit einer hartnäckig fortgeführten Berichterstattung schließlich die Entfernung des Bildes aus der Ausstellung erreicht. Das Foto aus einer antijüdischen NS-Propagandaschrift zeigte eine jüdische Arbeitsgruppe in Polen beim Baden. Es wurde aber von 1995 bis Anfang 1998 vom HIS mit der Unterschrift „Juden werden exekutiert“ ausgestellt. In beiden Fällen hat das HIS Produkte der antisemitischen NS-Propaganda über 50 Jahre nach deren Entstehen zu Beweismitteln für Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht umfunktioniert, im Falle des Franzl-Brief-Aushangs sogar über zehn Jahre lang.

3.5 Der Franzl-Brief in anderen Buchpublikationen der Aussteller.

Der Franzl-Brief-Aushang wurde in zwei Vorträgen eines Symposiums anläßlich der Eröffnung der Wanderausstellung am 20. und 21. Oktober 1995 in Wien behandelt. Der Entdecker des Franzl-Briefes 30 behandelte „einen der wenigen erhaltenen Briefe, in denen ein Soldat seinen Eltern in Wien über die Teilnahme an einem Pogrom berichtet". Er folgert aus dem Text, wie „gezielte Greuelpropaganda und tiefsitzender Antisemitismus bei einem Soldaten zur Bereitschaft führen können, Lynchjustiz zu üben.“ Manoschek hatte sich nicht zur Person des Franzl geäußert, ihn nur einfach als Feldpostbriefschreiber bezeichnet. Safrian machte den nächsten Schritt in der Täuschungskampagne mit der unbegründeten und durch nichts belegten Behauptung, der (vielleicht gar nicht existente) Schreiber sei ein (Wehrmachts-)„Soldat“. Dabei blieben auch das HIS und viele andere Weiterverbreiter in der Sekundärliteratur noch jahrelang.

Der Ausstellungsleiter Hannes Heer ging in seinem Beitrag 31 noch weiter mit einer eigenwilligen Interpretation, als er auf den Franzl-Brief einging: „... schrieb am 6. Juli 1941 ein Landser aus Tarnopol an seine Eltern in Wien." Für Heer war der Brief ein Beweis für seine Thesen: „Wehrmachtsoldaten reihten sich freiwillig ein in die Exekutionskommandos des SD, oder sie erledigten das in eigener Regie mit Karabiner und Spaten." Während Heer damit nur eine scheinbar plausible Interpretation eines Dokuments lieferte, erfand er im Fall eines Leserbriefes zu Tarnopol sogar eine Aussage. Als die erste Wanderausstellung in Bonn gastierte, schrieb der frühere Eisenbahnpionier Helmut Rothe 32 einen Leserbrief: „Die 6. Armee war gar nicht in Tarnopol. Sie hätte dort 600 Juden ermordet? Fotos haben nur dann Beweiskraft, wenn Herkunft, Opfer und Täter, Zeit und Ort genau belegt werden können. Es ist völlig unseriös, die Verbrechen in Tarnopol in Bausch und Bogen der Wehrmacht anzulasten.“ Rothe hatte erkannt, daß – wie schon die Karte der Aussteller beweist – die 6. Armee gar nicht durch Tarnopol gekommen war. Auch seine Kritik zur Verwertung der Fotos durch die Aussteller und zu den Anforderungen an Fotos als Quelle war treffend. Auf diesen Leserbrief reagierte das HIS nicht, weder gegenüber dem Briefschreiber noch gegenüber dem Bonner General-Anzeiger, noch durch Korrektur der Tarnpol-Stellwand in der Ausstellung. Im Gegenteil, der Ausstellungsleiter Hannes Heer bezog sich in einem Aufsatz im Juni 1999 auf diesen Leserbrief und machte dazu die plumpe und völlig unlogische Falschaussage: „Im Bemühen, die Beteiligung der 6. Armee am Judenmord in Tarnopol zu bestreiten, gesteht der Briefschreiber, daß andere Verbände der Wehrmacht daran mitwirkten“. 33 Diese Darstellung kann man nur als bewußte Irreführung deuten, als eine Geschichtsfälschung mangels vorhandener Beweise für ein seit 1995 behauptetes aber nie belegtes Massenverbrechen der Wehrmacht in Tarnopol. Es handelt sich gewissermaßen um eine „Leserbrief-Fälschung“, auch wenn am Brief nicht gefälscht wurde, sondern ein falscher Inhalt erfunden wurde.

In allen späteren Veröffentlichungen der Aussteller und ihrer Mitstreiter wird der unbekannte Franzl einfach als "Soldat", „Infanterist“ oder "Landser", also als Angehöriger der Wehrmacht, bezeichnet, ohne daß irgendein Beweis präsentiert wird. Leser des Begleitbuches haben nicht gestutzt, Historiker haben nicht recherchiert, und viele Journalisten haben den „Franzl-Brief“ mit seinem schrecklichen Inhalt ungeprüft übernommen, weil er so schrecklich war und zur These der Ausstellung paßte. Die Führer in der Ausstellung haben ihren Gruppen oft den Text vorgelesen.

4. Die Rezeption des „Franzl-Briefes“ – eine Erfolgsstory.

4.1 Die Rolle forschender junger Historiker im Zusammenhang mit der Verbreitung des 'Franzl-Briefs'.

Das erste Beispiel für manche spekulative Deutungen des angeblichen Briefes lieferte die 1994/95 in München vorgelegte und 1996 gedruckte Dissertation von Dieter Pohl 34, der offenbar ungeprüft den gerade „entdeckten“ Franzl-Brief verwertete: „Auch hier gibt es Hinweise auf die Beteiligung deutscher Soldaten, besonders einen überlieferten Feldpostbrief: ,Die Rache folgte sofort’ ...“ Pohl ging mit seiner Spekulation noch weiter als Boll/Safrian, indem er den Franzl sogar einer bestimmten Einheit zuordnete: „Vermutlich handelt es sich bei dem Verfasser um einen Angehörigen der 9. Pz.Div.“ Andererseits weist Pohl an dieser Stelle als erster auf einen Fehler der Ausstellung hin, nämlich daß diese Division „zu diesem Zeitpunkt nicht der 6. Armee angehörte, wie es Boll/Safrian suggerieren.“

Pohl, der schon Anfang 1999 eine Analyse zum Franzl-Brief-Aushang 35 erhalten hatte, blieb hartnäckig bei seinem Glauben an einen Soldaten Franzl und dessen Brief. In einem Leserbrief 36 bezeichnete er den Text als „eine von vielen Abschriften von Feldpostbriefen, die von Wehrmachtstellen zum eigenen Bedarf angefertigt wurden“ und meinte, der Aushang könne keineswegs „angesichts seiner Detailgenauigkeit verfälscht sein.“ Daran ist zunächst einmal reine Spekulation, daß von einem Feldpostbrief abgeschrieben worden sei. Zudem garantieren Details in einem Schriftstück nicht dessen Echtheit, wie gerade die Zeithistoriker seit Konrad Kujau wissen sollten. Die Antwort auf den Leserbrief von Pohl faßte die Situation zusammen: „Der Feldpostbrief eines gewissen (nicht bekannten) ,Franzl’, der mit seiner (nicht definierten) Truppe eine (so nicht zutreffende) Anzahl von 1000 Juden erschlagen haben will, existiert nur als (authentische) Abschrift von einem (nicht mehr vorhandenen) öffentlichen Aushang der NSDAP in Wien. Fünf von sechs der dort enthaltenen Behauptungen sind in der Sache widerlegt. Die Indizien sprechen dagegen, daß es sich um die Abschrift eines wahrheitsgemäß berichtenden Augenzeugen handelt.“ 37

Pohl stellt die Ereignisse Anfang Juli 1941 in Tarnopol falsch dar, wenn er in seiner Dissertation schreibt, daß die Ausschreitungen in Tarnopol „vergleichbar mit den Pogrommorden in Lemberg waren“ und daß „wie in Lemberg ... auch hier die Zahl der Opfer in die Tausende“ gehe. Pohl ist letztlich der falschen Darstellung der Ereignisse Anfang Juli 1941 in Tarnopol aufgesessen, die von der sowjetischen Außerordentlichen Staatlichen Kommission (ASK) 1944 in die Welt gesetzt wurde. Er hatte nicht erkannt, daß die von ihm als Quelle herangezogenen Memoiren einer Tarnopoler Lehrerin Margules 38 nur wiedergeben, was die örtliche ASK, d.h. der NKWD, im Juli 1944 mit einem Bericht zu Tarnopol im Juli 1944 als Sprachregelung vorgab, nämlich daß Anfang Juli 1941 in Tarnopol deutsche Soldaten und ukrainische Nationalisten „etwa 5.000 friedliche Sowjetbürger, unter ihnen Frauen, Kinder und ältere Leute, ermordet" hätten. 39 Dieser Bericht war mit Öffnung der sowjetischen Archive bereits verfügbar, als Pohl seine Dissertation schrieb. Im Gegensatz zum dubiosen Franzl-Brief-Aushang hat er ihn nicht in seine umfangreiche Quellensammlung aufgenommen und analysiert. Für ihn genügte die scheinbare Übereinstimmung zwischen Franzl-Brief-Text und Margules-Memoiren, um ein Massenverbrechen der deutschen Armee anzunehmen.

Die Zahl von 5.000 Opfern ging weltweit ungeprüft in die Literatur und Nachschlagewerke ein. 40 Besonders nachteilig für die Aufdeckung der historischen Wahrheit ist, daß es dem Sowjetsystem – nicht nur im Fall Tarnopol – gelang, in großem Umfang auch außerhalb des sowjetischen Einflußbereiches falsche Darstellungen der Abläufe und wesentlich überhöhte Opferzahlen durch Zeugenaussagen und Memoiren verbreiten zu lassen. Der Mechanismus ist einfach: Für viele Orte, an denen es „doppelte Blutbäder“ gab, d.h. Massenmorde durch die Sowjets, gefolgt von Verbrechen durch andere, schoben die Sowjets ihre Mordtaten den Deutschen in die Schuhe. Die ASK setzte für die Opfer der Deutschen in einer Höhe an, die in der Größenordnung der ihnen natürlich bekannten Zahlen der NKWD-Opfer lagen. Diese Zahlen wurden auch im westlichen Ausland verbreitet. In Nachkriegsprozessen fanden sie Eingang in Gerichtsakten, ohne daß die sowjetische Sprachregelung zu erkennen war. Ausgerechnet angesehene ältere und hochgelobte jüngere Historiker verschafften diesen falschen Darstellungen weltweit Glaubwürdigkeit, obwohl sie seit der ASK-Totalfälschung von 1944 zum Katyn-Komplex und seit Aufdeckung vieler anderer sowjetischer Geschichtsfälschungen schon bei den Nürnberger Prozessen hätten vorsichtig sein müssen.

Die polnisch-jüdische Lehrerin Margules, auf die sich Pohl bezog, stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Patrizierfamilie Tarnopols. Ihre Eltern waren nach Besetzung Ostpolens von den Sowjets zwar als Unternehmer enteignet worden, sie hatten jedoch vorgesorgt und sich außerdem mit den neuen Machthabern arrangiert. Frau Margules, die in einem staatlichen Unternehmen und dann als Lehrerin arbeitete, trat sogar als Propagandarednerin für die Sowjets auf. 41 Den Rachemorden nach Abzug der Sowjets aus Tarnopol fielen Familienangehörige zum Opfer. Frau Margules konnte getarnt als „Arierin“ untertauchen. Nach der Befreiung 1944 ging sie nach Warschau, wo sie ihre Erinnerungen niederschrieb und einer polnischen Kommission übergab. Frau Margules emigrierte 1949 nach Israel. Ihre Memoiren erschienen zuerst in Jerusalem in jiddischer 42 und fünf Jahre später in Warschau in polnischer Sprache. Der in Israel vervollständigte Lebensbericht wurde 1981 in hebräisch in Tel Aviv 43 und 1992 auf englisch in den USA 41 veröffentlicht. Die verschiedenen Fassungen der Memoiren weichen in Einzelheiten voneinander ab. Unter Beibehaltung der von der ASK vorgegebenen Opferzahl schrieb Frau Margules jedoch bis zu ihrem Lebensende immer - auch als sie in Freiheit lebte und als Zeugin in deutschen Nachkriegsprozessen auftrat - , in einer Woche, bis zum 11. Juli 1941, seien „5.000 Juden, davon 800 Frauen und Kinder“ umgebracht worden. Das wurde jahrzehntelang bereitwillig geglaubt.

Pohl hat zu Beginn der sich öffentlich verbreitenden Argumentation mit dem "Franzl-Brief" mit seinen falschen Aussagen zu den Ereignissen Anfang Juli 1941 in Tarnopol viele Leser und Weiterverbreiter beeinflußt und den Darstellungen der Aussteller über ein Massenverbrechen der Wehrmacht zu unbegründeter Glaubwürdigkeit verholfen.

Auch der 1998 in Hannover promovierte Bogdan Musial verwertete im Jahr 2000 den Franzl-Brief-Aushang. In seinem Buch über die Massenmorde des NKWD nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges 44 sah er den Franzl-Brief als echt und wahr an und zitierte ihn auszugsweise: „In Wien hing in Schaufenstern die Abschrift eines Feldpostbriefs aus, in dem es hieß: Tarnopol, 6.7.1941. Liebste Eltern! ... Euer Sohn Franzl.“ Musial hatte als Quelle richtig das Bundesarchiv-Militärarchiv angegeben und auch auf das Begleitschreiben des Wehrkreiskommandos XVII, Wien hingewiesen. Nun war allerdings schon 1999 in einem im Historischen Seminar der Universität Hannover erarbeiteten Lehrmaterial für Schulen 45 der Franzl-Brief als „ein in seinem Quellenwert sehr umstrittener Feldpostbrief“ bezeichnet worden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß an diesem Institut Bogdan Musial promoviert wurde.

Letztlich konnte der Franzl-Brief-Aushang über ein Jahrzehnt erfolgreich als Beweis, als Schlüsseldokument für Wehrmachtverbrechen vermarktet werden, weil zwei junge forschende Historiker ihn frühzeitig kritiklos als authentisch und wahr akzeptierten und andere Historiker ihnen folgten. Dadurch konnten das HIS und seine Anhänger sich bestätigt fühlen. Die Aussagen der Aussteller zu Tarnopol und speziell der Franzl-Brief wurden anschließend sehr oft übernommen. Es ist fraglich, ob der mit der Verbreitung des angeblichen Feldpostbriefes angerichtete Schaden je wieder gutgemacht werden kann.

4.2 Der Franzl-Brief-Aushang in Büchern.

Schon 1996 übernahm Markus Tiedemann 46 unter Bezug auf die Erstpublikation von Manoschek den Franzl-Brief in sein Buch gegen rechtsradikale Lügen. Im Kapitel III. „Wehrmacht“ behandelt er als „Lüge Nr. 17“ das Thema „Die Wehrmacht war nicht am Holocaust beteiligt“ und schreibt, daß „die Wehrmacht auch in eigener Regie am Holocaust teilnahm, läßt sich ebenfalls vielfach dokumentieren.“ Er fährt fort: “Ein deutscher Soldat berichtet seinen Eltern voller Stolz über seine Mordaktionen gegen Juden, die angeblich deutsche Soldaten getötet hätten” und bringt Auszüge aus dem Franzl-Brief-Aushang.

In seinem Buch über die nationalsozialistische Judenverfolgung verbreitete auch Peter Longerich 47 die Version der Aussteller: „Ein erhaltener Brief eines Wehrmachtsangehörigen bezeugt jedoch, daß sich an diesem Massaker auch Soldaten beteiligten: „Jetzt müssen die Juden ... Bis jetzt haben wir zirka 1000 Juden ins Jenseits befördert.“ Auch Longerich bezeichnete den Franzl-Brief-Aushang fälschlich als Brief, der vervielfältigt und in Schaufenstern ausgehängt worden sei, obwohl ihm aus der von ihm zitierten Quelle klar sein mußte, daß kein Brief vorhanden gewesen war.

Als größten Erfolg bei der Verbreitung des ominösen Franzl-Briefes durch das HIS kann man ansehen, daß noch Ende 2001 Walter Kempowski ihn als Feldpostbrief eines „unbekannten Soldaten“ in sein kollektives Tagebuch „Das Echolot – Barbarossa 41“ aufnahm. 48 Aus dem Begleitbuch zur ersten Wanderausstellung von 1995 übernahm Kempowski den Text, auch bei ihm fehlen die oberste Zeile „Abschrift“ und der Satz über die Kommunisten in Wien. Kempowski hat sich nicht das Original des Franzl-Brief-Aushangs beschafft, obwohl ihn die Erläuterungen zur Entstehung des Aushangs bei Boll/Safrian hätten aufmerksam machen müssen. Auch die im Oktober 1999 erstmals publizierten Zweifel an der Authentizität bzw. Existenz eines Franzl-Briefes haben Kempowski, seine Mitarbeiter und die zuständigen Personen beim Verlag nicht zum Anlaß für eine Verifizierung genommen. So kam einer von wenigen Fehlern in einem sonst seriösen Buch zustande. Kempowski, der schon 2002 auf seinen Irrtum hingewiesen wurde, hat nach erneuter Mitteilung bedauert, daß er „dem Franzl-Brief aufgesessen“ sei und daß er „bei einer Neuauflage den Text ganz streichen“ werde. 49

Allerdings gab es danach einen noch größeren Erfolg auf internationaler Ebene, als Christopher Browning in seinem 2003 in deutscher Übersetzung erschienen großen Werk zur „Endlösung“ 50 ebenfalls den „Franzl-Brief“ aufnahm. Er vermerkte zunächst zutreffend, daß „nach jüngsten Studien zu Briefen und Fotografien von Wehrmachtssoldaten ... zwischen den Propagandaparolen und der komplexeren ,Osterfahrung’ vieler Deutscher eine gewisse Diskrepanz [bestand], spielten Juden darin doch keine herausragende Rolle.“ Er wies auch darauf hin, daß nur 15 der über 50 000 Briefe „Sammlung Sterz“ „Verweise auf Juden“ enthielten, „während verächtliche Bemerkungen über die ,primitiven Verhältnisse’ wesentlich häufiger waren“, und daß „es weiterer Forschungen auf der Basis privater Fotografien und schriftlicher Quellen“ bedürfe. Trotzdem druckt Browning über die Hälfte des „Franzl-Briefs“ ab, als Beleg für seine Schlußfolgerung: „In den vergleichsweise wenigen Fällen, in denen die Briefe auf die ,Judenfrage’ eingingen, imitierten die Verfassen stilistisch wie inhaltlich die NS-Propaganda mit ihren vertrauten Klischees. Wie stark Juden als Heckenschützen oder Anstifter von Greueln an deutschen Soldaten stigmatisiert wurden, verdeutlicht ein Brief eines Soldaten aus Tarnopol von Anfang Juli 1941. Der Verfasser berichtete von verstümmelten Leichen, die von der Roten Armee zurückgelassen worden waren, und beschrieb dann ungeschminkt, was weiter geschah.“ Tatsächlich aber ist der Franzl-Brief-Aushang – um eine Formulierung von Browning zu benutzen - unmittelbare „NS-Propaganda mit ihren vertrauten Klischees“ und nicht der Feldpostbrief eines Wehrmachtsoldaten, der die NS-Propaganda imitierte.

4.3 Der Franzl-Brief-Aushang im Internet.

Das Wiesenthal-Zentrum übernahm die Darstellung des HIS und stellte den ersten Ausstellungskatalog in deutscher und englischer Sprache ins Internet 51, so daß man dort bei jeder Recherche zu „Tarnopol“ und „Franzl“ auf die Falschdarstellung des HIS trifft. Andererseits stellt das Wiesenthal-Zentrum die Vorgänge in Tarnopol ganz anders, mit mindestens zehnfach überhöhter Opferzahl, dar. Auf die enormen Widersprüche in der Darstellung des Tarnopol-Falles durch das HIS und durch das Wiesenthal-Zentrum sind die Verantwortlichen beider Institutionen bisher nicht eingegangen. Allerdings hat das auch noch kein Historiker bemerkt und öffentlich darauf hingewiesen.

4.4 Die Rolle der Presse und ein unbeachteter kritischer Leserbrief.

Der erste große Erfolg bei der „Vermarktung“ des Franz-Brief-Aushangs stellte sich schon Anfang März 1995 ein. 52 Eine Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) begann ihren Artikel sogar mit dem wörtlichen Zitat des Kernsatzes „Bis jetzt haben wir zirka 1000 Juden ins Jenseits gefördert, aber das ist viel zu wenig für das, was sie gemacht haben“. Sie fuhr dann mit ihren eigenen Aussagen fort: „schreibt am 6.7.1941 der Soldat Franzl an seine Eltern in Wien. Kein SS-Mann, kein Angehöriger des Sonderkommandos 4b, das dem Vormarsch der 6. Armee folgend das Hinterland ,säuberte’; ein gewöhnlicher Soldat, der dabei war, der mittat, als Juden mit Knüppeln und Spaten erschlagen wurden.“ Im folgenden Absatz räumt sie zwar ein, „Briefe wie dieser, in denen ohne jede Skrupel über die Teilnahme an den Verbrechen von SS und Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion berichtet wird, sind selten“. In Landserbriefen sei nicht „vom normalen Massenmord an den Zivilisten“ die Rede. So vermittelte die Schreiberin die Auffassung der Aussteller von der Kriegführung der deutschen Armee weiter an Zehntausende ihrer Leser. Auch die Täuschung über die Authentizität verbreitete sie weiter: „Der Brief des Soldaten Franzl an seine Eltern, mit der Bitte an den Vater, die Schandtaten – der Juden – in der Ortsgruppe der NSDAP bekannt zu machen, gehört zu der Sammlung Sterz, in der 50 000 Wehrmachtsbriefe archiviert sind.“

Die starke Wirkung des Franzl-Textes auf einen renommierten Journalisten zeigte zwei Jahre später ein Artikel in der SZ, in dem auch eines der vier Tarnopol-Fotos abgebildet wurde. Der Verfasser erwähnt als ein Dokument, das ihn offensichtlich sehr beeindruckt hatte, den „Feldpostbrief vom 6. Juli 1941 aus Tarnopol" eines „Soldaten namens Franzl", der „fröhlich seinen Eltern mitteilt", daß er „zirka 1000 Juden ins Jenseits befördert hat". 53 Mit dem Wort „fröhlich" - welches aus dem Text nicht abzuleiten ist - verstärkt der Schreiber Schrecken oder Abscheu seiner Leser. Er vertraute offensichtlich nicht nur den Ausstellern, wie fast die gesamte Presse im In- und Ausland, sondern fand es zudem noch journalistisch angebracht, den Text mit etwas Unmoral zu würzen.

Ein anschließend abgedruckter Leserbrief fragte indes: „Nehmen wir an, der Brief sei echt. Ist er deswegen aber auch wahr?“ 54 Mit diesen beiden Sätzen hatte der Leser geradezu hellseherisch das Ergebnis einer späteren Analyse vorweggenommen. Dieser eine Leserbrief blieb jedoch gegenüber den vielen zur Ausstellung positiven Artikeln in der SZ unbeachtet. Auch viele andere örtliche Berichte in Ausstellungsorten erwähnten den Franzl-Brief. Diese sind jedoch nicht vollständig erfaßt worden. Lediglich ein besonders krasser Fall der Desinformation in einem Nachrichtenmagazin soll erwähnt werden.

Noch Mitte 2001 stellte der „Spiegel“ 55 den „Franzl-Brief“ als authentisches Dokument und den Inhalt als wahr dar: „Die Landser berichteten bei Fronturlauben oder in Feldpostbriefen von ihren Erlebnissen. In Wiener Geschäften hingen sogar zwei Monate lang die Abschriften des Briefes eines Frontsoldaten namens Franzl an seine Eltern aus, der sich rühmte, mit Kameraden ,circa 1000 Juden ins Jenseits befördert’ zu haben. Das Schreiben sorgte für Stadtgespräch im 3. Wiener Bezirk. Die Wehrmacht sorgte dafür, daß die Abschriften aus den Schaufenstern entfernt wurden.“ Es verwundert, daß ein großes Nachrichtenmagazin mit eigenem Archiv und Recherchedienst im Jahre 2001 noch kritiklos den Angaben der Aussteller vertraute und nach dem Debakel der ersten Ausstellung den Stand des Wissens nicht zur Kenntnis nahm.

4.5 Der Franzl-Brief in Lesungen und Vorträgen.

In öffentlichen Lesungen 56 beeindruckte der „Franzl-Brief“ die ahnungslosen Zuhörer wegen seiner Grausamkeit. Vor der Tarnopol-Stellwand lasen bei Führungen durch die Ausstellung die speziell geschulten Führer, häufig Historiker, ihren Gruppen den Franzl-Brief vor.

4.6 August Graf von Kageneck: Franzl-Brief als Beweis für absurde Behauptungen.

August Graf von Kageneck erhielt als junger Leutnant und Zugführer in der Aufklärungsabteilung der 9. Panzer-Division (9. PD) bei der Einnahme von Tarnopol das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Als Journalist lebte er seit 1955 in Frankreich und veröffentlichte dort 1968 seine Jugenderinnerungen in einem Buch „Lieutenant sous la téte de mort“ 57 (Leutnant unter dem Totenkopf). Auf dem Umschlag ist er in schwarzer Heeres-Panzeruniform mit Totenkopfsymbolen auf den Kragenspiegeln abgebildet. Die spätere Neuauflage 1994 erhielt wegen möglicher Mißverständnisse zum Totenkopf-Symbol, d.h. Verwechslung mit SS-Verbänden, den geänderten Titel „Lieutenant de Panzers“ 58 (Panzerleutnant). Kageneck schreibt unter Berufung auf seinen mit vollem Namen genannten Fahrer H. als Augenzeuge, die damals nach der 9. PD durch Tarnopol ziehende Waffen-SS-Division Wiking habe in zwei Tagen die „gesamte jüdische Bevölkerung Tarnopols“ ermordet, „mehr als 15.000 Männer, Frauen und Kinder.“ Nach anderen Augenzeugen seines Bataillons habe die SS, wegen Knappheit an Munition, den Opfern befohlen, „sich gegenseitig zu töten, mit allem, was ihnen in die Hände fiele“. Kageneck hat sich wohl mit Erfolg darauf verlassen, daß seine Leser ihn für einen glaubwürdigen Zeitzeugen hielten und seine absurde Falschaussage ernst nehmen würden.

In seinem 1996 ebenfalls in Frankreich erschienenen Buch „Examen de Conscience“ 59 (Gewissenserforschung) berichtete Kageneck in einem eigenen Kapitel „Die Juden von Tarnopol" ausführlich über die angeblichen Massenmorde an Juden durch die Wiking-Division. Dabei nannte er einen anderen Augenzeugen, seinen noch lebenden Fahrer R., allerdings ohne dessen Wissen und Einverständnis. Die gesamte jüdische Bevölkerung, die Hälfte der 50.000 Einwohner, das wären also 25.000 Juden, sei von der Waffen-SS-Division Wiking in zwei Tagen, am 3. und 4. Juli 1941, getötet worden. Ein Anführer habe befohlen, „um Munition zu sparen, sich der Spaten und Hacken zu bedienen.“ In diesem Buch nun führt Kageneck den Franzl-Brief als „Brief eines Soldaten mit Datum 6. Juli 1941 aus Tarnopol“ als zusätzlichen Beleg für seine These von der Ermordung aller Tarnopoler Juden an. Kageneck geht auch auf die "Wehrmacht-Ausstellung" ein, die er in Dresden am 18. Januar 1998 mit einer Rede eröffnete 60, wohl ohne mit den Ausstellern die vielen Widersprüche zwischen deren und seiner Darstellung zu klären.

Das nur in Frankreich erschienene Buch „Gewissenserforschung“ erregte in Deutschland Aufsehen, als zwei renommierte Rezensenten großer Tageszeitungen Kagenecks absurde Behauptungen über die Auslöschung aller Juden von Tarnopol durch die Waffen-SS offensichtlich glaubten und in ihren Besprechungen wiedergaben. Damit erfuhren erstmals Zehntausende deutscher Leser die Vorwürfe Kagenecks gegen seine damaligen Waffenbrüder. Kageneck reagierte schnell auf Kritik: In einem kurzen Leserbrief widerrief er seine Aussage hinsichtlich der Wiking-Division. Nicht diese, sondern „die SS-Einsatzgruppe C des Dr. Rasch“ sei für die nach seiner Meinung geschichtlich erwiesenen Morde verantwortlich. Er könne weder sich noch seinem „damaligen Zeugen Gefreiten R. den Vorwurf bewußter Fälschung oder Verleumdung machen.“ Der Zeuge R. habe die Soldaten der Waffen-SS-Division „Wiking“ mit Angehörigen der Einsatzgruppen verwechselt, deren Uniformen „sich von denen der Waffen-SS nur durch Fehlen der doppelten Sigrune auf den Kragenspiegeln unterschieden hätten“. 61 Damit hatte Kageneck zwar eine Ehrenerklärung für die Waffen-SS-Division Wiking abgegeben und ein Sipo-SD-Sonderkommando als Täter benannt. Er hatte jedoch damit seine völlig unsinnigen Angaben zu Ablauf und Umfang eines angeblichen Massenverbrechens nicht berichtigt. Als der von Kageneck benannte Zeuge R. das Buch von Kageneck in die Hände bekam, schrieb er seinem damaligen Vorgesetzten: „Mein alter Kriegskamerad August Graf von Kageneck. Was haben Sie mir angetan. ... Mir war natürlich weder etwas von einem Buch über Tarnopol noch von der Nennung meines Namens bekannt. ... Ich war nicht in Tarnopol. Ich stand mit meinem Spähwagen am Ende unserer Kolonne vor Tarnopol ... Ich kam nicht in die Stadt Tarnopol und habe nichts von den Morden an der Zivilbevölkerung gesehen.“ 62

Kageneck behandelte die Ereignisse in Tarnopol ein drittes Mal in einem 1998 in Deutschland erschienenen Buch „In Zorn und Scham“. 63 In dieser abgewandelten deutschen Version der „Gewissenserforschung“ nannte er für die Massenmorde diesmal keine Opferzahl. Vielleicht war ihm bewußt geworden, wie einfach ein Blick in viele Nachschlagewerk erkennen läßt, daß von allen Schreibern und Abschreibern er mit seinen Angaben von der Wahrheit am weitesten entfernt ist. Er berief sich jetzt - ohne Nennung eines Namens - auf das „Zeugnis meines Spähtrupp-Soldaten“, der ihm erzählt habe, „die SS-Leute hätten am Schluß, des Schießens müde, ihre Opfer mit Spaten erschlagen, vermutlich, um Munition zu sparen“. Kageneck sah diese Aussage seines nicht zu identifizierenden Untergebenen „bestätigt im Brief eines gewissen F. vom 6. Juli 1941 aus Tarnopol an seine Eltern, der in der Ausstellung ‘Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944’ zu sehen ist.“ Er zitiert wörtlich aus diesem angeblichen Feldpostbrief und gibt ihm damit die Rolle seines einzigen dokumentarischen Beweises für Wehrmachtverbrechen in Tarnopol.

In einem im Jahr 2002 in Paris erschienenen Buch 64 liefert Kageneck eine neue Variante, diesmal ohne den Franzl-Brief zu nennen. Einer seiner Soldaten habe gesehen, Männer in SS-Uniformen (laut Kageneck Einsatzgruppe D) hätten in zwei Tagen, d.h. am 3. und 4. Juli 1941, alle Juden der Stadt unter Mithilfe der Bevölkerung ermordet. Um Munition zu sparen, hätten sie die Opfer mit Spaten und Hacken erschlagen. Es habe etwa 1.000 ermordete Juden gegeben. Hier benutzt Kageneck die falsche Zahl vom Franzl-Brief-Aushang.

Der Fall Tarnopol ist für Kageneck wichtig, denn er ist Zeitzeuge, Mitwirkender und Mitbeschuldigter. Er geht nirgends auf verschiedene eklatante Widersprüche ein, weder auf solche, die im Fall Tarnopol überhaupt bestehen noch auf solche, in die er selbst sich verwickelt hat. So gibt es die enorme Diskrepanz zwischen seinen Opferzahlen 15.000 bzw. 25.000 („alle jüdischen Einwohner“) und den Zahlen der Aussteller, 1.000 im „Franzl-Brief“ bzw. 600 in der zitierten Ereignismeldung. Als Täter nennt Kageneck bis 1996 die Waffen-SS-Division Wiking, dann 1997 die Einsatzgruppe C, 1998 die „Wehrmacht“ und 2002 die Einsatzgruppe D. Die Aussteller 65 bezeichnen seine 9. PD als eine der an den Judenmorden möglicherweise beteiligten Divisionen. Der Historiker Dieter Pohl hält Franzl für einen Divisionskameraden von Kageneck. Die Überlebende Margules hatte in ihren Memoiren Soldaten in schwarzen Uniformen mit dem Totenkopfsymbol als die Plünderer und Mörder genannt. Diese Uniform trug Kageneck, ebenso wie seine Kameraden der Aufklärungsabteilung 9 und des Panzerregiments 33, während die anderen Angehörigen der 9. Panzer-Division aus Wien feldgraue Uniformen trugen. Es gäbe also gute Gründe für Kageneck, an der Aufdeckung der Wahrheit zu Tarnopol allgemein und speziell zum ominösen Franzl mitzuwirken.

4.7 Franzl in der Psychoanalyse Reemtsmas.

Auf einem Symposium zur Psychoanalytischen Anthropologie „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ im Mai 2000 hatte Jan Philipp Reemtsma 66 sich mit der historischen Wahrheit auseinandergesetzt. In der Wissenschaft ginge es „um Wahrheiten, und Wahrheiten sind nicht politisch korrekt.“ Seine Ausstellung habe zu einem „wahrheitstauglichen Bild der kollektiven Vergangenheit“ beigetragen mit einer „Geschichte vom Krieg, die hätte erzählt werden können, wäre der Krieg nicht verloren worden.“ Er fährt fort: „Ein Beispiel. Die Ausstellung zitiert aus einem Brief, dem sogenannten ,Franzl-Brief’ ... Dieser Brief existiert nicht als Original, sondern nur als Abschrift. Die Autoren hatten dieses nicht deutlich gemacht, und so die Quelle nicht lege artis ausgewiesen. Dieser Umstand nun führte dazu, daß sich Stimmen erhoben, die den Brief für eine Fälschung erklärten, was die Autoren durch die unvollständige Quellenangabe hätten camouflieren wollen. Nun gibt es – wie nicht nur die Autoren der Ausstellung, sondern auch Historiker, die ihnen ansonsten eher kritisch gegenüberstehen, meinen – keinen vernünftigen Zweifel an der Authentizität des Briefes. Das Original ist verlorengegangen, der Brief wurde abgeschrieben, vervielfältigt, auch in einem Schaufenster in Wien ausgehängt.“ Der Germanist Reemtsma drückt sich ungenau aus, es wurde nicht der Brief, sondern der NSDAP-Propagandaaushang abgeschrieben.

Reemtsma geht immerhin auf die Möglichkeit ein, daß es einen Feldpostbrief nicht gibt: „Man denke, der Brief wäre nicht bloß abgeschrieben, er wäre tatsächlich zu Propagandazwecken erdacht worden. Was wäre damit über die Intentionalität des Vernichtungskrieges gesagt? Genau darum war es der Ausstellung ja gegangen: zu zeigen, daß dieser Krieg nicht das Resultat einer Eskalation gewesen war, sondern in der Beteiligung am Holocaust, der Ermordung von Kriegsgefangenen, der Dezimierung der Zivilbevölkerung durch Hunger und Terror das Ergebnis eines geplanten Krieges nicht nur gegen eine Armee, sondern eine Bevölkerung.“ Anders gesagt: Was kümmern uns falsche Beweise, wir haben ja die Intentionalität. Immerhin stellt Reemtsma die Fabrikation des Franzl-Brief-Aushangs durch Wiener NS-Funktionäre zur Diskussion. Er geht dieser Möglichkeit jedoch nicht nach. Schließlich beschuldigt er seit 1995 die Wehrmacht eines Massenmordes in Tarnopol. Er müßte also beweisen, daß es hier eine „Beteiligung am Holocaust“ durch die Wehrmacht gab. Der Franzl-Brief-Aushang taugt dazu nicht, und andere gerichtsfeste Beweise legt Reemtsma auch nicht vor. Ein Jonglieren mit verschiedenen Wahrheitsbegriffen kann ihn nicht davon befreien, entweder Beweise zu liefern oder einzugestehen, daß er jahrelang einen ungeeigneten Fall als Beweis für seine These benutzt hat.

Der Aussage in einem Symposiumsbericht, daß es für Reemtsma „keine historische Wahrheit, sondern nur pragmatische Wahrheiten“ gäbe 67, hat dieser in einem Leserbrief 68 widersprochen. Er bekenne sich nicht zu einem pragmatischen Wahrheitsbegriff und wolle nicht „die Wahrheitsverpflichtung von Historikern relativieren“. Diese Äußerung läßt eigentlich hoffen. Man wird sehen, ob Reemtsma seine eigene Frage „wie hätte ich mich verhalten?“ im Sinne seiner eigenen Moralvorstellungen beantworten kann. Bis zum Ende seiner zweiten Ausstellung ist Reemtsma im Fall des Franzl-Brief-Aushangs der Wahrheitsverpflichtung nicht nachgekommen.

5. Kritische Stimmen zum Franzl-Brief-Aushang – Der lange Weg zur Wahrheit.

5.1 Frühzeitige Anlässe für Zweifel und amtliche Nichtverfolgung.

Einige Kritiker der ersten Ausstellung hielten den Franzl-Brief, so wie er abgedruckt wurde, nicht für echt, weil keine Feldpostnummer, sondern der Ort Tarnopol namentlich genannt wurde. Tatsächlich war aus militärischen Gründen eine Nennung von Orten streng verboten, in Feldpostbriefen durfte vor dem Datum nur O.U. = Ortsunterkunft stehen. Allerdings wurden gelegentlich doch Orte genannt, und ein derartiger Brief mit unzulässiger Ortsangabe hätte durchaus durch das sehr weitmaschige Netz der deutschen Feldpostzensur schlüpfen können.

Wie gering die Bedeutung des Franzl-Brief-Aushangs als Beweismittel ist, zeigt der Umstand, daß die Strafverfolgungsbehörden für NS-Verbrechen wie die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg den nicht autorisierten NS-Propagandaaushang in Wien nicht zum Anlaß für Ermittlungen genommen haben. Dieser Umstand wurde aber vom HIS, der Fachwelt und den Medien nicht aufgegriffen.

5.2 Nicht alle Historiker und Publizisten halten NS-Propaganda für glaubwürdig.

Der Münchner Historiker Franz W. Seidler 69 sah 1997 offensichtliche Verdrehungen der Ausstellungsmacher beim Franzl-Brief-Aushang: „Der in der Ausstellung zitierte Brief von Franzl wird als Feldpostbrief eines Wehrmachtangehörigen ausgegeben, ist aber eher das Schreiben eines Angehörigen der SS-Einsatzgruppe 4b im Sonderkommando C.“ Diese Vermutung ist genauso gut oder schlecht wie die Auffassung der Aussteller. Falls es einen Brief aus Tarnopol gab, könnte der Schreiber durchaus ein Angehöriger des Sonderkommandos 4b der Einsatzgruppe C (so die korrekten Bezeichnungen) gewesen sein.

Der Hamburger Publizist Rüdiger Proske drückte seine Zweifel Mitte 1999 in seiner dritten Streitschrift gegen die Wanderausstellung in einem Kapitel über den Fall Tarnopol so aus: „... der berühmte ‘Franzl’-Brief existiert nur in Abschrift und Abschriften von Abschriften.“ 70

In einer Auseinandersetzung mit dem Umgang der Ausstellung „Vernichtungskrieg“ mit Fotografien stellt der Münchner Politologe und Historiker Walter Post fest 71, daß die Aussteller bei dem sogenannten „Franzl-Brief“ dem Leser den Eindruck suggerierten, daß „es sich beim Franzl-Brief um einen Feldpostbrief handele“. Post behandelt auch Einzelheiten: „Die Abteilung Ic des Wehrkreiskommandos XVII ... ließ eine Abschrift anfertigen, die als solche gekennzeichnet war ... Dieser Begleitbrief ist das einzige, was am Franzl-Brief zweifelsfrei echt ist. ... Es ist auch möglich, daß dieser ,Franzl’ den Feldpostbrief tatsächlich geschrieben, die darin geschilderten Ereignisse aber übertrieben dargestellt oder gar erfunden hat.“ Die Aussteller hätten „den Fall Tarnopol wohl als eines der am besten dokumentierten Beispiele für die Beteiligung der Wehrmacht an Judenmorden angesehen. Vor allem der ,Franzl-Brief’ schien ein hervorragendes Beweisstück zu sein. Bei näherer Betrachtung erweist sich aber, daß die ganze Beweisführung von Wunschdenken getragen war. Der Franzl-Brief ist ein höchst zweifelhaftes Dokument.“ Zur selben Meinung war, unabhängig von Post, zur gleichen Zeit auch das Historische Seminar der Universität Hannover gelangt.

In einem Ende 2001, also vor Eröffnung der zweiten Wanderausstellung, abgeschlossenen Buch 72 geht der pseudonyme Verfasser beim Tarnopol-Fall auf die „ideologischen Scheuklappen der Aussteller“ ein und stellt zum Franzl-Brief-Aushang fest: „Vielmehr führen sie sogar noch Belege für die Richtigkeit ihrer Annahmen an, die allerdings sehr zweifelhafter Natur sind. Zum einen handelt es sich um den Feldpostbrief eines nicht näher bezeichneten ,Franzl’ aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv, der sich selbst bezichtigt, in Tarnopol an der Ermordung von 1.000 Juden beteiligt gewesen zu sein. Der Brief ist nicht authentisch, sondern die Abschrift eines nicht mehr existierenden Aushangs eines nicht mehr vorhandenen Propagandatextes eines NSDAP-Kreisleiters in Wien. Schmidt-Neuhaus kritisiert, daß die wichtige oberste Zeile des Dokuments in allen Veröffentlichungen der Aussteller bis dato fehlt, sie lautet ,Abschrift’.“

5.3 Flugblatt-Aktion in Bremen behandelt „Franzl“ schon 1997.

Man konnte eigentlich kaum erwarten, daß einem Laien als Besucher der Ausstellung Zweifel am Franzl-Brief kämen. Aber neben dem erwähnten Leserbrief Burkert Anfang 1997 gab es durchaus Zweifel und Kritik weiterer Nichtprofessioneller, also von historischen Laien. Mitte 1997 griff die Landesgruppe Bremen des Verbandes Deutscher Soldaten den Fall Tarnopol anläßlich des Aufenthaltes der Ausstellung in Bremen auf 73. In einem Flugblatt beanstandete sie zunächst, daß die beschuldigte 6. Armee gar nicht in Tarnopol war, wobei sie auf die Karte der Aussteller zum Marschweg der 6. Armee verwies, die für jeden Besucher und erst recht natürlich für die Aussteller selbst sichtbar links von der Tarnopol-Stellwand angebracht war. Auch in einem 1998 erschienenen Buch 74 wird neben einer Kritik am Beweiswert der Fotos darauf hingewiesen, daß die 6. Armee nie in Tarnopol oder Umgebung war, sondern stets mindestens 100 km nördlich davon operierte. Auf den Franzl-Brief ging der Herausgeber nicht ein.

Die alten Bremer Soldaten hatten auf ihrem Flugblatt schon eine beachtliche äußere Quellenkritik geliefert: „Der als Beweis geltende ,Franzl-Brief’ existiert in Wahrheit nur als Abschrift. Die Aussteller haben den Brief nicht fotokopiert, sondern einfach eine neue Abschrift angefertigt und Überschrift und Satzteile ausgelassen – somit ist der Brief ohne jede Beweiskraft. Franzl war offenbar Angehöriger der Einsatzgruppe 4b im Sonderkommando C und kein Wehrmachtsoldat. Diese Umstände wurden verschwiegen oder nicht ordentlich recherchiert.“

Aber auch auf diese Kritik gingen die Aussteller nicht ein. Immerhin überzogen sie den Verfasser nicht mit einem Prozeß. Erst zwei Jahre später wurde der Öffentlichkeit das Ausmaß der willkürlichen und selektiven Geschichtspräsentation im Fall Tarnopol bewußt.

5.4 Früher Versuch einer Quellenkritik: „Franzl-Brief“ eine Fälschung?

In einer umfangreichen Kritik an der ersten Wanderausstellung meinte Mitte 1999 der Berliner Militärhistoriker Karl-Heinz Schmick 75 in einem Abschnitt „Verfälschungen der historischen Realität / Textfälschungen”, der „auf S. 68 des Katalogs abgedruckte Feldpostbrief ist mit Sicherheit eine Fälschung.“ Er leitete dies ab aus der Angabe des Ortes, „was bei Feldpostbriefen aus Gründen der militärischen Sicherheit strengstens verboten war (aber gelegentlich doch vorkam und daher allein als Fälschungsbeweis nicht ausreicht, sondern nur den Verdacht begründet), und es fehlt überdies die Angabe der Feldpostnummer!“

Weiterhin versuchte der Verfasser, aus der Wortwahl eine Fälschung zu belegen: „Vor allem hätte ein Deutscher nie von einer ,Hinrichtung’ gesprochen, wo es sich um unbestreitbar bestialische Quälereien und Folterungen der Opfer handelte“ und „Der Verfasser des Briefes hätte logischerweise Begriffe wie ,Verstümmelungen’ und ,Ermordungen“ benutzt, aber nie das den Tatumständen vollkommen unangemessene Wort ,Hinrichtung’.“ Für Schmick war auffällig, „daß diese sprachliche Schludrigkeit hierzulande erst in den siebziger Jahren auftaucht.“ Nun ist der Text – wie auch immer – mit Sicherheit im Sommer 1941 in Wien entstanden. Man kann weder von einem aus einfachen Verhältnissen stammenden Briefschreiber noch von einem Kreisleiter der NSDAP in Wien eine unbedingt zutreffende Wortwahl erwarten. Hierin liegt also nicht notwendigerweise ein Argument für eine Fälschung.

Das folgende Argument ist eher Sachkritik an einer Aussage im Text als Fälschungsnachweis: „Auffällig ist auch, daß auch die Zahl der laut Feldpostbrief vom 6. VII. 1941 ermordeten Juden erheblich höher ist als die in der Ereignismeldung vom 20. VII. 1941.“ Schmick weist auch auf die Leichtfertigkeit der Aussteller bei der Deutung des Franzl-Brief-Aushangs hin: „Im Korrekturblatt wird durch die Spezifizierung der durchziehenden Truppenteile zwar immerhin die Möglichkeit angedeutet, daß die Verbrechen an den Juden von Einheiten der Waffen-SS-Division Wiking verübt worden sein könnten, aber den Bearbeitern des Katalogs ist auch bei der Korrektur nicht klar geworden, daß die 6. Armee nie in Tarnopol war, und daß die genannten Verbände nicht zur 6. Armee gehört haben, sondern zur 17. Armee. (s. dazu Bildfälschungen Nr. 2).“

Auch aus Zahlendifferenzen will Schmick eine Fälschung ableiten: „Es gibt aber noch einen anderen Fälschungsbeweis. Aus den bei Seidler zu diesem Fall abgedruckten Dokumenten ergibt sich, daß außer den 10 gefolterten Soldaten keine weiteren 60 aufgefunden wurden und daß die Zahl der ermordeten Ukrainer etwa 200, und nicht 2 000 betrug. Die richtigen Zahlen waren Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehörigen bekannt, weil beide an der Auffindung der Leichen beteiligt waren.“ Weiterhin: „Heer zieht als – zweifelhafte – Quelle die Ereignismeldung Nr. 14 des Einsatzkommandos IV b der Einsatzgruppe C heran; in der Nr. 13 war z. B. auch nur von 4-600 Ermordeten die Rede, in der Nr. 28, aus der Heer ansonsten zitiert, wird abschließend die Zahl 600 genannt.“

Aus obigen Angaben, so zutreffend sie im einzelnen sein mögen, läßt sich nicht zwingend ableiten, daß der Franzl-Brief „gefälscht“ worden sei.

5.5 Die erste Analyse zum Franzl-Brief-Aushang.

Im Januar 1999 wurde der Ausstellungsleiter Hannes Heer brieflich 76 um Prüfung und gegebenenfalls Berücksichtigung von drei seit Anfang 1997 erarbeiteten Analysen zur Tarnopol-Stellwand gebeten. Von diesen galten eine den Fotos 77 und zwei den Textexponaten, nämlich den Ereignismeldungen 78 und dem Franzl-Brief-Aushang 79. Letztere enthielt schon die meisten der hier vorgestellten Befunde.

Der Sachbearbeiter Dr. Boll, der Ausstellungsleiter Hannes Heer und der Direktor des HIS, Prof. Dr. Reemtsma, gingen auf diese Untersuchungen nicht ein.

6. Die „falschen“ Fotos und das Debakel der ersten Wehrmachtausstellung.

6.1 Das unerwartete Ende einer erfolgreichen Wanderausstellung.

Eine Reihe konkreter Hinweise auf Mängel und Fehler der Wanderausstellung wurden schon ab 1997 publiziert, aber in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Ebenso gab es kaum ein Echo, als im Januar 1999 der „Spiegel“ und die „Berliner Morgenpost“ über die von Musial aufgedeckten Fotos von Mordopfern des NKWD berichteten, welche die Aussteller fälschlich als Opfer der Wehrmacht ausgaben. Der Erfolg der Wanderausstellung , an dem die „Franzl-Brief-Täuschung“ ihren Anteil hatte, ließ das HIS sogar eine Parallelausstellung in den USA ankündigen.

Im Oktober 1999 erschienen zufällig gleichzeitig in zwei deutschen historischen Zeitschriften drei Artikel zu Fehlern der Wanderausstellung, allerdings beschränkt auf die Fehler bei der Zuordnung von Bildern und auf falsche Bildtexte. In den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte (VfZ) stellte Musial seine Ergebnisse zu den Leichenbergfotos ausführlich dar. 80 Die Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU) brachte in ihrem Oktoberheft mit dem Schwerpunkt „Vernichtungskrieg und Holocaust“ als Hauptbeitrag Ungvárys quantitative und qualitative Analyse des gesamten Bildmaterials der Ausstellung 81, flankiert von einer Fallstudie von Schmidt-Neuhaus zu den Bildern der Tarnopol-Stellwand. 82

Diese drei Artikel bewirkten, nachdem die FAZ das Thema auf ihre erste Seite gestellt hatte, plötzlich ein unerwartetes Echo in allen Medien mit Vorwürfen an das HIS, die örtlichen Aussteller sowie die Zunft der deutschen und österreichischen Historiker. Dies veranlaßte Reemtsma, Anfang November 1999 die Ausstellung vorläufig zu unterbrechen, die bereits für Anfang Januar 2000 fest geplante Ausstellung in den USA abzusagen und seinen Ausstellungsleiter Hannes Heer abzuberufen.

Noch in dem Bericht der New York Times über die Absage wird das Phantom Franzl-Brief erwähnt, als „private Briefe, wie einer 1941 von einem Infanteristen an seine Eltern, in dem er prahlte, seine Einheit habe 1.000 Juden in der Ukraine getötet und hinzufügte ,Das sind viel zu wenige’.“ Reemtsmas Anhänger in den USA waren enttäuscht. Der Verleger Arnold Schiffrin lieferte 10.000 der schon gedruckten Kataloge aus, mit der Rechtfertigung: „Wir bringen nichts ... was historisch nicht korrekt ist“. 83 Während der deutsche Katalog nicht mehr ausgeliefert wird, bestimmen der englische Katalog und die Internet-Präsentation des Wiesenthal-Zentrums immer noch die Auffassungen des amerikanischen Publikums zum Fall Tarnopol Juli 1941, nämlich als Massenverbrechen der deutschen Wehrmacht.

6.2 Die Zweifel am Franzl-Brief-Aushang werden öffentlich bekannt.

In der Fallstudie zu den Fotos der Tarnopol-Stellwand wurde angemerkt, daß die beiden von den Ausstellern vorgelegten Dokumente, der Franzl-Brief und der Satz aus der Ereignismeldung 28, fragwürdig seien. Es gäbe keinen authentischen Feldpostbrief, sondern nur eine Abschrift von einem nicht mehr vorhandenen Propagandaaushang der Wiener NSDAP. Damit waren die Zweifel an dem Schlüsseldokument „Franzl-Brief“ erstmals, wenn auch nur kurz, in einer weit verbreiteten Fachzeitschrift publiziert worden.

Die Kritik am Franzl-Brief wurde nun auch in der Tagespresse 84 detailliert wiedergegeben: „Zentrales Textelement der Tafel ist der so genannte ,Franzl-Brief’. ... Schmidt-Neuhaus weist nach, daß es sich bei dem Dokument nicht um einen Originalfeldpostbrief handelt, sondern um die Abschrift eines Aushanges aus einem Wiener Geschäft. ... Doch weder das Wort ,Abschrift“ noch die undurchsichtige Herkunftsgeschichte sind in der Ausstellung dokumentiert.“

Aus dem letzten Ausstellungsort Osnabrück 85 wurde berichtet, daß auch die örtlichen Veranstalter zu zweifeln begännen: Der als Ausstellungsführer tätige Historiker Andreas Pasing liest „den Franzl-Brief vor – den Feldpostbrief eines jungen Kämpfers an seine Eltern. Das Schreiben macht wegen seiner Grausamkeit immer Eindruck. Ja, räumt er noch schnell ein, die Herkunft des ,Franzl-Briefes’ sei quellenkritisch umstritten, das Ganze sei auch ein Propagandaaushang eines übereifrigen NSDAP-Ortsgruppenleiters in Wien gewesen. ... Und dann sagt er achselzuckend, was er wohl schon länger über die Arbeit der Ausstellungsmacher denkt: ,Schlampig’“.

Diese wohlwollende und entschuldigende Darstellung aus Osnabrück bringt nicht die ganze Wahrheit über die Arbeitsweise der Aussteller und die Leichtfertigkeit, mit der sie Vorwürfe des Massenmordes verbreitet haben.

6.3 Die Reaktion des HIS auf den Fall Tarnopol.

In der Pressekonferenz, in der Reemtsma das Moratorium der Ausstellung verkündete, sprach Hannes Heer zwölf Minuten lang über den Fall Tarnopol 86. Eine Beteiligung deutscher Wehrmachtsoldaten an Tötungsdelikten leitete er weiterhin aus dem Franzl-Brief-Aushang ab, der das Hauptargument der Aussteller und ihrer Anhänger bleiben sollte. Der Brief zeige „eine erstaunliche Übereinstimmung ... mit den Ereignismeldungen. Das ist für uns der Grund gewesen an seiner Authentizität nicht zu zweifeln, zudem, wenn dreimal im OKW über einen solchen Brief beraten wird, ... über solch ein Falsifikat wird man sicher in der Zeit dann nicht zu Tische sitzen.“

Besonders pikant war der Umstand, daß Heer zum Schluß seiner Darlegungen zu Tarnopol von „Dr. Schmidt-Neuhaus, den ich, glaube ich, gerade da hinten sehe, ...“ sprach und so bei den Journalisten den Eindruck erweckte, der genannte (aber gar nicht anwesende) Kritiker habe durch sein Stillschweigen Heers Darstellung zu den Vorgängen in Tarnopol gebilligt. Der Erfolg zeigte sich am folgenden Tag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

6.4 „Franzls Fotos“ - Selbsttäuschung oder Täuschung?

In dieser geistreichen, aber grundfalschen Glosse 87 mit dem Titel „Franzls Fotos“ stellte die phantasievolle Autorin einen Zusammenhang her zwischen den inzwischen als unbrauchbar erkannten, echten, aber falsch betexteten Tarnopol-Fotos und dem ominösen Franzl-Brief. Sie folgte der These der Aussteller, für die Wehrmacht sei „die Ermordung der jüdischen Bevölkerung und die Dezimierung anderer Völker ,Teil der Kriegsplanung selbst’ gewesen.“ Schon in den ersten Kriegswochen habe die Wehrmacht Massenmorde an jüdischen Zivilisten begangen. Die Autorin übernahm die Behauptung der Aussteller, der Briefschreiber sei ein „junger Wehrmachtssoldat“ gewesen. Sie zitierte ausführlich aus dem Exponat der Ausstellung, als ob tatsächlich ein echter und wahrer Brief vorliege. Das war ein für eine als seriös geltende überregionale Tageszeitung ungewöhnliches Vorgehen. Spätestens seit Oktober 1999 wußte auch die Feuilleton-Redaktion der FAZ, daß es sich bei dem Franzl-Brief nur um eine Abschrift von einem NSDAP-Propagandaaushang in Wien handelt und daß die Besucher der Ausstellung über die Natur des „Dokuments“ und die Identität des angeblichen Schreibers getäuscht worden waren.

Dagegen hatte die Neue Zürcher Zeitung den Auftritt von Heer und den Denkfehler der Glosse durchschaut. Heribert Seifert 88 erkannte in ihr das Streben nach einer „rabiaten Komplexitätsreduktion,“ dem die „politisch-pädagogische Affektkontrolle wichtiger ist als historische Erkenntnis. Fragen nach der Wahrheit der Einzelheiten werden mit dem Hinweis auf die Würde der Opfer abgeschmettert.“ Die Wirkungsmacht dieses Musters sah Seifert darin, daß die Glosse die Erinnerung daran beschwor, „daß es nicht um die Photos und ihre fragwürdige Einordnung gehe, sondern ,um die Toten darauf’. Die Autorin berief sich dabei auf eine Quelle, deren Überlieferung höchst fragwürdig ist, die vielleicht sogar nur eine Propagandaerfindung der Nazis selber war.“ So würde „die historische Kritik mit der emphatischen Parteinahme für die Opfer unterlaufen, als ob nicht die mühsame Suche nach der Wahrheit der erste Dienst an den Toten wäre.“

6.5 Reemtsmas Historiker-Kommission zum Franzl-Brief-Aushang.

Die von Reemtsma selbst eingesetzte und allgemein als unabhängig angesehene Historiker-Kommission befaßte sich vor allem mit der Kritik an den Bildexponaten der Ausstellung. Sie ging weder auf die in der GWU-Publikation mitgeteilte Fragwürdigkeit des Franzl-Brief-Aushangs noch auf die dem Vorsitzenden der Kommission, Prof. Dr. Hirschfeld, bekannte ausführliche Studie zum Franzl-Brief-Aushang vom Januar 1999 ein. Ein Bericht zur Pressekonferenz der Kommission stellte dann auch zutreffend fest, daß die Kommission die Studie zum Franzl-Brief vom Januar 1999 nicht berücksichtigt hat. 89

Zum Schlüsseldokument „Franzl-Brief-Aushang“ begnügt sich die Kommission in ihrem Bericht 90 mit nur zwei Sätzen. Sie spricht vom Vorwurf der Kritiker Ungváry, Musial und Schmidt-Neuhaus, die „Echtheit des in der Ausstellung ebenfalls gezeigten ,Franzl-Briefs’ sei höchst umstritten.“ Dazu bringt die Kommission jedoch keine quellenkritischen oder sachlichen Argumente. Ihre einzige dürftige Aussage zu dem angezweifelten Schlüsseldokument ist, „daß inzwischen auch Bogdan Musial den sog. ,Franzl-Brief’ als valide Quelle akzeptiert.“

7. Der Franzl-Brief-Aushang in der zweiten Wanderausstellung.

7.1 Die Tendenz: Tarnopol und Franzl-Brief bleiben in der Ausstellung.

Schon Ende 1999 stellte Reemtsma eine neue Mannschaft von 15 Historikern zusammen, um ein neues Ausstellungskonzept mit der gleichen Hauptthese von der Wehrmacht als verbrecherischer Organisation zu realisieren. Nach Veröffentlichung des Gutachtens der Reemtsma-Kommission wurden Reemtsma und Klein befragt 91 zu „strittigen Textdokumenten der alten Ausstellung, etwa dem ,Franzl-Brief’, einem in Wien ausgehängten Brief eines Soldaten, der Morde an Juden preist, mit unsicherer Authentizität, weil man nur eine Abschrift hat.“ Klein antwortete: „Wir haben ihn wieder aufgenommen, allerdings mit einer genauen Beschreibung der Überlieferungsgeschichte. An seiner Authentizität zu zweifeln, besteht kein vernünftiger Grund. Da sind wir uns nicht nur mit Bogdan Musial ganz einig.“

Nun kann die schon lange bekannte Überlieferungsgeschichte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Exponat Franzl-Brief-Aushang nicht ersetzen. Sie stellt nur ein Verlegenheitsargument dar, das allerdings noch am Ende der zweiten Ausstellung nachdrücklich wiederholt wird. Auch die Quellenkritik kann man nicht durch die Meinung eines einzelnen Historikers ersetzen.

7.2 In der neuen Ausstellung gibt es den Franzl-Brief-Aushang gleich mehrfach.

In der zweiten Wanderausstellung wird endlich die Abschrift vom Franzl-Brief-Abschrift zweimal vollständig als Faksimile gebracht und einmal als Teilabschrift auf der Wiedergabe der Tarnopol-Stellwand der ersten Ausstellung. 92 Erst jetzt könnte ein Besucher die Täuschung erkennen, die durch die erste Präsentation bewirkt wurde, daß nämlich ein Feldpostbrief gar nicht überliefert ist – aber dazu muß er die Vorgeschichte kennen.

7.3 Die Überlieferungsgeschichte beweist nichts.

Ergänzend werden jetzt zwei Dokumente vorgelegt, welche zeigen sollen, daß die neue Mannschaft des HIS die Überlieferungsgeschichte aufgedeckt hat. Diese hatte das HIS allerdings schon Anfang 1999 in einer der drei Analysen erhalten. Den Begleitbrief des Wehrkreiskommandos XVII in Wien an das Oberkommando der Wehrmacht in Berlin bringen die Aussteller gleich zweimal, allerdings nicht in Faksimile, was nahegelegen hätte, sondern nur als teilweise Abschrift und mit ungenauem Titel. Teile aus dem Kläger-Bericht werden ebenfalls zweimal abgedruckt, leider aber nur als Zitat aus dem Buch von Rosenberg, einer Sekundärquelle. Die Aussteller haben in zwei Jahren der Recherche nicht das Original des Kläger-Berichtes aus Jerusalem beschafft und versucht, in Wien die beiden an der Fabrikation des Aushangs beteiligten NSDAP-Funktionäre sowie, falls es sie gibt, die Eltern des Franzl und ihn selbst zu identifizieren.

7.4 Die Aussagen der Aussteller zum Exponat „Franzl-Brief“.

Mit der Wiedergabe des Original-Aushangs (der Abschrift) und der zwei zugehörigen Dokumente - ohne eigene Quellenkritik und Sachkritik, weder in der Ausstellung noch in begleitenden Publikationen - wird nur die schon bekannte Herkunft der Abschrift belegt. Das HIS liefert damit immer noch keinen Beweis für Existenz oder Authentizität eines „Franzl-Briefes“, geschweige denn für die Richtigkeit der Inhalte.

Die Aussteller machen in der zweiten Ausstellung zum Franzl-Brief-Aushang überhaupt keine eigenen Aussagen. Lediglich ein Satz in der Einleitung zum Tarnopol-Kapitel des Kataloges 93 bezieht sich indirekt auf ihn: „Das Pogrom in Tarnopol kostete mindestens 600 Menschen das Leben“. Damit distanzieren sich die Aussteller von der im Franzl-Brief-Aushang genannten Zahl von „zirka 1.000 Juden“. Sie stützen sich nur noch auf die in Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes gemeldete niedrigere Zahl, die allerdings auch nicht gesichert ist. Tatsächlich ist bisher nicht geklärt, ob wenige Dutzend oder einige hundert Personen den Racheakten der örtlichen Bevölkerung zum Opfer gefallen sind, bevor der Stadtkommandant die Ausschreitungen beendete.

Der Franzl-Brief ist weder in Österreich noch in Deutschland jemals aufgetaucht. Die Bearbeiter der Wanderausstellung und die vielen Verbreiter des Franzl-Briefes haben zu seiner Existenz, zu den beteiligten Personen und zu den Inhalten keine Untersuchungen vorgenommen. Für sie bildete der „Feldpostbrief“ eines „Wehrmachtsoldaten“, „Landsers“ oder „Infanteristen“, ein willkommenes Beweismittel für ein Massenverbrechen.

Die schwache Position des HIS beim Franzl-Brief-Aushang zeigte sich zum Ende der zweiten Ausstellung bei und nach einer Pressekonferenz 94 in Hamburg im Januar 2004. Zum „Franzl-Brief“ habe das HIS neue Forschungen, "die darauf hinweisen, daß er echt ist." Als Quellen für diese Auffassung sieht das HIS den Begleitbrief des Wehrkreiskommandos in Wien und den Bericht des Regierungsrates Dr. Kläger an. Auf die Frage, ob damit die Existenz eines Feldpostbriefes eines Wehrmachtsoldaten und die Glaubwürdigkeit bei den sechs behandelten Sachverhalten bewiesen werde, antwortete die Gesamtredakteurin der zweiten Ausstellung, Ulrike Jureit: „Von Beweisen sollte eine seriöse Geschichtswissenschaft meines Erachtens ohnehin nur in Ausnahmefällen sprechen, es geht hier doch eher um Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten. In diesem Sinne sprechen beide Quellen eher für die Echtheit des Briefes als dagegen, nicht mehr und auch nicht weniger". 95

Es wirkt schon ermüdend, wenn man erneut darauf hinweisen muß, daß die beiden Dokumente nur die Existenz des NS-Propagandaaushangs beweisen, aber nach allen Regeln der Quellenkritik nicht die Existenz eines Feldpostbriefes eines Wehrmachtsoldaten mit wahrem Inhalt. Auf die editorische Fehlleistung Manoscheks geht das HIS vorsichtshalber gar nicht ein.

7.5 Die eigenen Fachleute für Feldpostbriefe halten sich zurück.

Ein weiteres Indiz für die fragwürdige Position des HIS liegt darin, wie in der neuen Ausstellung das Thema „Feldpostbriefe“ in einem getrennten Beitrag 96 behandelt wird. In diesem ist der für die Beweisführung der Aussteller so wichtige Franzl-Brief-Aushang erstaunlicherweise nicht enthalten. Allerdings sind die in dem Beitrag von Müller/Latzel abgedruckten Feldpostbriefe auch alle authentisch. Sie werden, wie in seriösen Editionen üblich, identifiziert, sogar zusätzlich als Faksimile abgedruckt. Der Besucher oder Leser hätte gern die Meinung der beiden Experten zur Authentizität und Wahrheit des „Franzl-Briefes“ erfahren.

7.6 Wahrnehmung, Akzeptanz und Kritik des „Franzl-Briefs“.

In den einzelnen Ausstellungsorten hat der jetzt vollständig wiedergegebene Franzl-Brief-Aushang keine besondere Aufmerksamkeit, aber auch keine überregional bekanntgewordene Kritik erregt. Offensichtlich sind die Besucher von der guten Präsentation der Ausstellung im ganzen beeindruckt. Bei Betrachtung der Exponate zum „Franzl-Brief“ dürften sie den Eindruck gewinnen, daß der Fall gut recherchiert und vollständig dargestellt ist. Der naive Besucher wird meinen, daß dem Aushang doch wohl ein Brief zugrunde liegen muß, und – viel wichtiger noch – daß die Aussagen in diesem Brief wahr sind. Die Grausamkeit beeindruckt den Besucher. Nur ein Fachmann kann durchschauen, wie der Fall tatsächlich liegt. Allerdings hält sich die Zunft der deutschen und österreichischen Historiker mit der Prüfung von Exponaten, Vorwürfen oder falschen Anschuldigungen bei der zweiten Ausstellung ebenso zurück wie bei der ersten.

Die immer noch vorhandene Wirkungsmacht des Franzl-Brief-Aushangs zeigte sich mehrmals. In einer Rezension äußert Natascha Freundel 97 ihre Überzeugung, daß „die neue ,Wehrmachtausstellung’ notwendig und richtig ist“. Zum Fall Tarnopol stellt sie zutreffend fest, daß „vor allem jene Fotos, die vom Pogrom in Tarnopol erhalten sind, maßgeblich zum Imageverlust der ersten Ausstellung beigetragen hatten“. Sie zitiert drei Sätze aus dem Exponat „Franzl-Brief-Aushang“. Obwohl die tatsächliche Natur dieses 'Stürmer'-artigen Textes seit Oktober 1999 bekannt ist, bewertet die Autorin noch im Jahre 2001 das antijüdische Hetzpamphlet untergeordneter Wiener Nationalsozialisten als Schlüsseldokument, es sei „nun eben dieser Brief, der alle Zweifel an der deutschen Beteiligung an diesem Pogrom ausräumt.“

So überzeugt waren auch österreichische Historikerinnen, die Schüler durch die Ausstellung führten. Katharina Wegan 98 sah „Anknüpfungspunkte zum österreichischen sozialen Langzeitgedächtnis“ in dem „Feldpostbrief von einem Wehrmachtsoldaten aus Wien namens Franzl, der die antisemitischen Pogrome in Tarnopol guthieß und damit seine nationalsozialistische Gesinnung klar zum Ausdruck brachte.“ Bei einer anderen Führung österreichischer Schüler 99 lief allerdings die Präsentation nicht wie gewünscht: Die Schüler „waren verwirrt und wollten den Brief unbedingt sehen; als sie ihn gelesen hatten, verstanden sie ihn nicht so ganz und interpretierten ihn in die falsche Richtung.“ Leider hat diese Reaktion die junge Historikerin aber nicht veranlaßt, dem Fall „Franzl-Brief“ auf den Grund zu gehen.

Lediglich der Historiker Stefan Scheil griff 2002 erstmals in einer Internet-Rezension des Kataloges der zweiten Wanderausstellung 100 den Franzl-Brief-Aushang auf: „Der ,Franzl-Brief’, der hier erneut dreimal mit vollem Text (!) bemüht wird, um die angebliche Zustimmung eines deutschen Soldaten zum Rachemord an Juden zu behaupten, existiert nur als Abschrift eines gedruckten NS-Propagandaflugblattes. Es kann nur an seinen grellen Formulierungen liegen, wenn man zu seinen Gunsten auf die Präsentation der wenigen vorliegenden Briefe verzichtet hat, in denen Wehrmachtsangehörige tatsächlich in durchweg skeptischem Tonfall auf Massentötungen Bezug nehmen.“ In seinem ausführlichen Buch „Kommentar zur 2. Auflage der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung“ hat Scheil 101 dem Franzl-Brief ein eigenes Kapitel gewidmet. Er weist zu Recht darauf hin, daß die Aussteller eine Auseinandersetzung mit der Authentizität peinlichst vermieden haben: „Die Echtheit des Briefs war denn auch Gegenstand einer Kontroverse, über die der Besucher weder in der neuen noch in der alten Ausstellung das geringste erfährt, auch nicht in dem abschließenden Kapitel „Kontroversen über eine Ausstellung“. 102 Im Zusammenhang mit Reemtsmas Vortrag im Mai 2000 mit der Formulierung über die „Intentionalität des Vernichtungskrieges“ weist Scheil darauf hin, daß der Franzl-Brief-Aushang nicht „als Beweismittel für ein konkretes Wehrmachtsverbrechen in Tarnopol gelten kann, als das er in der Ausstellung vorgewiesen wurde und wird.“

8. Schlußfolgerungen.

Der Franzl-Brief-Aushang ist kein authentischer Feldpostbrief, wie jahrelang in der ersten Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung behauptet wurde und wie in der zweiten Ausstellung immer noch suggeriert wird. Er ist nur die authentische Abschrift von einem nicht mehr vorhandenen antijüdischen Propagandaaushang untergeordneter Wiener NSDAP-Funktionäre, dessen Entstehung nicht im einzelnen bekannt ist. Er ist kein Beweisdokument. Die schon im Januar 1999 dem HIS übermittelten und im Oktober 1999 in größerem Rahmen publizierten Argumente gegen eine Fehlinterpretation des Franzl-Brief-Aushangs wurden nicht hinreichend wahrgenommen.

Die Analyse der Inhalte des Franzl-Brief-Aushangs ergibt keine Beweise oder auch nur Indizien für Verbrechen der Wehrmacht in Tarnopol Anfang Juli 1941. Der „Franzl-Brief“ konnte nur deshalb zu einem Schlüsseldokument werden, weil fälschlicherweise das Vorhandensein eines Feldpostbriefes behauptet und der angebliche Verfasser willkürlich als Wehrmachtsoldat bezeichnet wurde. Diese Täuschung wurde allzu bereitwillig aufgegriffen und ungeprüft weiter verbreitet.

Weder das Schlüsseldokument „Franzl-Brief“ noch die anderen Dokumente im Fall Tarnopol, die hier nicht behandelt wurden, belegen Verbrechen von Wehrmachteinheiten, nicht einmal die Teilnahme einzelner Soldaten an Ausschreitungen. Der Fall gehört überhaupt nicht in eine Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Das hartnäckige Festhalten der Aussteller am Fall Tarnopol zeigt höchstens, daß sie nach dem Desaster ihrer ersten Ausstellung Schwierigkeiten haben, überzeugendes Beweismaterial für ihre „nach wie vor richtige“ These aufzutreiben. Für den „Vernichtungskrieg ohne Präzedenz“ und die Beteiligung der Wehrmacht an Verbrechen „als Organisation ... aktiv ... selbstinitiativ" kann der Fall Tarnopol nicht dienen.

Anmerkungen

1 Hans-Leo Martin: Unser Mann bei Goebbels. Verbindungsoffizier des Oberkommandos der Wehrmacht beim Reichspropagandaminister 1940-1944. Neckargemünd 1973.

2 Ortwin Buchbender/Horst Schuh: Die Waffe, die auf die Seele zielt. Psychologische Kriegführung 1939-1945. Stuttgart, Motorbuch-Verlag 1983, S. 63-66.

3 Bundesarchiv-Militärarchiv BA-MA RW 4/v.442.

4 Herbert Rosenkranz: Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938-1945. Wien, München, Herold, 1978, S. 280-281.

5 IKG = Israelitische Kultusgemeinde (in Wien)

6 Ortwin Buchbender: Das tönende Erz. Deutsche Propaganda gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg, Seewald Verlag Stuttgart, 1978. Dissertation Hamburg 1978.

7 Ortwin Buchbender/Reinhold Sterz: Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945. München 1982.

8 Persönliche Mitteilung Prof. Dr. Ortwin Buchbender.

9 Brigitte Bailer-Galanda: Das sogenannte Lachout-„Dokument“. In: Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hg.): Wahrheit und ,Auschwitzlüge’, Wien 1995, S. 139.

10 Wilhelm Deist: Hans Delbrück. Militärhistoriker und Publizist. Militärgeschichtliche Mitteilungen 57 (1998), S. 375.

11 Alfred M. de Zayas: Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle. Deutsche Ermittlungen über alliierte Völkerrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg. München 1979, S. 327-354.

12 Bogdan Musial: „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“. Die Mordaktionen des sowjetischen NKWD nach dem Einmarsch der deutschen Truppen. FAZ 30.10.1999, S. 11.

13 Krysztof Popinski/Aleksandr Kokurin/Aleksandr Gurjanow: Drogi Smierci - Ewakuacja wiezien sowieckich z Kresow Wschodnich II Rzeczypospolitej w czerwcu i lipcu 1941. Warszawa 1995, S. 84, 97, 102.

14 Dieter Schmidt-Neuhaus: Der Fall Tarnopol Juli 1941. In: Seidler/de Zayas (Hrsg.): Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert. Hamburg, Mittler, 2002, S. 167-169.

15 Feldpostbrief Hptm. Hans K. vom 14.7.1941. In: Wolfgang Diewerge (Hrsg.): Deutsche Soldaten sehen die Sowjetunion. Feldpostbriefe aus dem Osten. Berlin 1941, S. 41-43.

16 Feldpostbrief Soldat Gregor L. vom 7.7.1941. In: Wolfgang Diewerge (Hrsg.): Deutsche Soldaten sehen die Sowjetunion. Feldpostbriefe aus dem Osten. Berlin 1941, S. 43.

17 Buchbender/Sterz: Das andere Gesicht (Anm. 7), S. 72.

18 Siegfried Scheibe: Kleine Schriften zur Editionswissenschaft. Berlin 1997, S. 199-209: Probleme „erschlossener“ Briefe.

19 Walter Manoschek (Hrsg.): „Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung". Das Judenbild in deutschen Soldatenbriefen 1939-1944. Hamburger Edition, Hamburg 1995, S. 7, S. 33.

20 Winfried Woesler: Richtlinienvorschläge für Briefkommentare. In: H.-G. Rohloff (Hg): Wissenschaftliche Briefeditionen und ihre Probleme. Berlin 1998, S. 87-96; Siegfried Scheibe: Kleine Schriften zur Editionswissenschaft. Berlin 1997, S. 199-209: Probleme „erschlossener“ Briefe..

21 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog. Hamburg 2002, S. 105.

22 Meinrad von Ow: Fragen und kritische Anmerkungen zur Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen es Vernichtungskrieges 1941-1944“. München 2004, S. 16.

23 Walter Manoschek: "Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung". Das Judenbild in deutschen Soldatenbriefen 1939-1944. Hamburger Edition, Hamburg 1995, S. 6-7.

24 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg,): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002, S. 109.

25 Bernd Boll/Hans Safrian, Die 6. Armee. Unterwegs nach Stalingrad. 1941 bis 1942. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Ausstellungskatalog. Hamburg 1996, S. 62-101.

26 Hamburg Institute for Social Research (Ed.): The German Army and Genocide. Crimes Against War Prisoners, Jews, and Other Civilians in the East, 1939-1944. The New Press, New York, 1999, S. 82-83.

27 Bernd Boll/Hans Safrian: Auf dem Weg nach Stalingrad. Die 6. Armee 1941/42. In: Hannes Heer/Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Hamburg 1995, S. 260-296.

28 Wolf Stoecker: Fälschung und Agitation. Kritische Bemerkungen zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. In: Joachim F. Weber (Hg.): Armee im Kreuzfeuer. Universitas, München, 1997, S. 80-81.

29 R. Vernier/W. Wendt/M. Zeslewski: Lästige Botschaft aus Warschau. Ausstellungsmacher Hannes Heer präsentiert längst überfällige Korrekturen und entlarvt sich endgültig als Lügner und Fälscher. Focus, 09.02.1998, S. 42-43.

30 Hans Safrian: Komplizen des Genozids. Zum Anteil der Heeresgruppe Süd an der Verfolgung und Ermordung der Juden in der Ukraine 1941. In: Walter Manoschek (Hrsg.): Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der Vernichtungskrieg hinter der Front. Wien 1996, S. 90-115.

31 Hannes Heer: Bittere Pflicht. Der Rassenkrieg der Wehrmacht und seine Voraussetzungen. In: Walter Manoschek (Hrsg.): Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der Vernichtungskrieg hinter der Front. Wien 1996, S. 116-141.

32 Helmut Rothe, Bonn: Verfälschung der Geschichte. General-Anzeiger Bonn, Leserbrief, 31.10.1998.

33 Hannes Heer: Das letzte Band. Kriegsverbrechen und Nachkriegserinnerung. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Hamburg, Juni 1999. Seite 129-130 und Endnote 35 auf Seite 159.

34 Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens. München 1996, S. 63 und 64, Fußnote 133.

35 Dieter Schmidt-Neuhaus: Brief an Dieter Pohl vom 11.1.1999 mit Manuskript „Der Feldpostbrief vom Franzl aus Tarnopol ...,“ 11 S.

36 Dieter Pohl: Die Bilder und der Zweifel. Leserbrief, Die Welt, 30.10.1999.

37 Dieter Schmidt-Neuhaus: Eine Alleintäterschaft der Wehrmacht gibt es nicht. Leserbrief, Die Welt, 02.11.1999.

38 Zaneta Margules: Moje przezycia w Tarnopolu podzas wojny. In: Biuletyn Zydowskiego Instytutu Historycznego Heft 36 (1960), S. 62-94.

39 Städtische Kommission Tarnopol der ASK, Urkunde vom 31.7.1944, GARF 7021-75-105.

40 Z. B.: Martin Gilbert: Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas. Reinbek 1982, S. 67.

41 Yaffa Margulies-Shnitzer: I survived Belzec Crematories. Brooklyn 1992, S. 13-56.

42 Janet Margulies: „Mein Überleben im Tarnopoler Ghetto“. In: Ph. Korngruen: Encyclopaedia of the Jewish Diaspora, Poland Series, Tarnopol Volume. Jerusalem 1955. S. 417 – 436.

43 Yaffa Margulies-Shnitzer: [I escaped from Belzec Crematories]. Printed in Israel, 1981.

44 Bogdan Musial: „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Propyläen, Berlin 2000, S. 204, 326.

45 Elke Fleiter/Rüdiger Kuhlmann/Hans-Dieter Schmid: Verdrängen oder verarbeiten? Wehrmachtsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Wochenschau-Quellenhefte, Schwalbach/Ts., 1999, 10.

46 Markus Tiedemann: „In Auschwitz wurde niemand vergast.“ 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt. Mühlheim an der Ruhr, Verlag an der Ruhr, 1996, S. 56-58.

47 Peter Longerich: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. München, Piper Verlag, 1998, S. 340, 675.

48 Walter Kempowski: Das Echolot. Barbarossa ´41. Ein kollektives Tagebuch. München: Knaus 2001, S. 260.

49 Walter Kempowski, eMail vom 21.01.2004 an den Verfasser.

50 Christopher Browning: Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942. München 2003, S. 387.

51 Wiesenthal Center: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. http://motlc.wiesenthal.com/exhibits/WoA/6army1_g.html.

52 Elisabeth Bauschmid: Hitlers Krieg wurde in Verdun geprobt. Die Verbrechen der Wehrmacht – Ein Projekt des Instituts für Sozialforschung in Hamburg. SZ Feuilleton, 3. März 1995.

53 Herbert Riehl-Heyse: Die Geister einer Ausstellung. Süddeutsche Zeitung, 27.1.1997, S. 3.

54 Helmut Burkert: Angriff mit ungeprüftem Material. Süddeutsche Zeitung, Leserbrief, 8. 2.1997.

55 Klaus Wiegrefe: Die große Gier. Wie antisemitisch waren die Deutschen – wie viele wußten vom Holocaust? Der Spiegel 33, 13.08.2001, 139-144.

56 Uta Rasche: Ungerührt bleibt niemand. FAZ-Sonntagsausgabe 17.4.1997.

57 August von Kageneck: Lieutenant sous la téte de mort. Paris 1968.

58 August von Kageneck: Lieutenant de Panzers. Paris 1994, S. 121-124.

59 August von Kageneck: Examen de Conscience. Paris 1996, S. 35-48, 161.

60 August Graf von Kageneck: ....wenn Verrat ehrenhaft und Treue ehrlos wird. Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944.“ Dresden 18.1.1998.

61 August Graf von Kageneck: Nicht die „Wiking“-Division. Leserbrief, FAZ vom 17.1.1997.

62 So der von August Graf von Kageneck benannte Zeuge K. R. in einem Brief an diesen vom 22.10.1997.

63 August Graf von Kageneck: In Zorn und Scham. Ungesammelte Gedanken zum größten anzunehmenden Unfall unserer Geschichte. Mainz 1998, S. 81-84.

64 Hélie de Saint Marc et August von Kageneck: Notre Histoire (1922-1945). Les arènes, Paris 2002, S. 187-188.

65 Hamburger Institut für Sozialforschung: Errata und Ergänzungen zum Ausstellungskatalog „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Hamburg 1998, S. 2.

66 Jan Philipp Reemtsma: Was ist so interessant an der historischen Wahrheit. Überlegungen anläßlich der Debatte um die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Vortrag in Berlin, 5.-7.5.2000, Vortragsmanuskript, S. 14. Abdruck mit Quellen in: Jan Philipp Reemtsma: “Wie hätte ich mich verhalten?“ und andere nicht nur deutsche Fragen. Reden und Aufsätze. München, 2002, S. 53-74, 200-202.

67 Caroline Neubaur: Diesseits des Todestriebes. Berliner Symposium zur Psychoanalytischen Anthropologie. FAZ 09.06.2000.

68 Jan Philipp Reemtsma: Emotion und Wahrheit. Leserbrief FAZ 15.06.2000.

69 Franz W. Seidler: Verbrechen an der Wehrmacht. Kriegsgreuel der Roten Armee 1941/42. Pour le Mérite, Selent, 1997, S. 12.

70 Rüdiger Proske: Wider den liederlichen Umgang mit der Wahrheit. Anmerkungen zu einer umstrittenen Ausstellung. Dritte Streitschrift wider den Mißbrauch der Geschichte deutscher Soldaten zu politischen Zwecken.
v.Hase & Koehler Verlag, Mainz, 1999, S. 103-118.

71 Walter Post: Die verleumdete Armee. Wehrmacht und Anti-Wehrmacht-Propaganda. Selent: Pour le Mérite-Verlag für Militärgeschichte, Dezember 1999, S. 250-251.

72 Houston Writes: Reemtsma. Von der Feldzigarette zur Anti-Wehrmachausstellung. Selent, Bonus-Verlag, 2002, S. 27-28.

73 Wolfgang Söhner: Angebliche Verbrechen der Wehrmacht in Tarnopol - Absicht oder nur Schlamperei? Flugblatt Nr. 2. Bremen 11.06.1997, 2 S.

74 Klaus Sojka (Hg.): Die Wahrheit über die Wehrmacht. Reemtsmas Fälschungen widerlegt. München 1998, S. 115.

75 Karl-Heinz Schmick: Untersuchungen zur Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Band 7 der Schriftenreihe der Forschungsstelle für Militärgeschichte Berlin. Berlin, Ludwigsfelder Verlagshaus, 1999. S. 27-28.

76 Dieter Schmidt-Neuhaus: Brief an Hannes Heer vom 13.01.1999.

77 Dieter Schmidt-Neuhaus: Falsche Bildlegende auf der Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung “Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Manuskript, 13.1.1999, 9 S., 7 Anl.

78 Dieter Schmidt-Neuhaus: Durchziehende (Wehrmachts-)Truppen in Tarnopol im Juli 1941. Kann eine selektiv präsentierte echte Ereignismeldung des Reichssicherheitshauptamtes einen Massenmord beweisen? Manuskript, 11.1.1999, 10 S., 3 Anl.

98 Dieter Schmidt-Neuhaus: Der Feldpostbrief vom Franzl aus Tarnopol vom 6. Juli 1941 an seine Eltern in Wien. Kann man mit einer Abschrift von einer Abschrift ein Verbrechen beweisen? Manuskript, 6.1.1999, 11 S., 3 Anl.

80 Bogdan Musial: Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47, Heft 4, Oktober 1999, 563-590.

81 Krisztián Ungváry: Echte Bilder - problematische Aussagen.. Eine quantitative und qualitative Analyse des Bildmaterials der Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50, 1999, 584-595.

82 Dieter Schmidt-Neuhaus: Die Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Eine Falluntersuchung zur Verwendung von Bildquellen. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50, 1999, 596-603.

83 Michael Z. Wise: ‘The German Army and Genocide’: Bitterness Stalks an Exhibition. New York Times / Internet Edition, November 6, 1999. http://www.nytimes.com/library/arts/110699warcrime-exhibit.html.

84 Susanne Leinemann: Kritik an der Wehrmachtausstellung weitet sich aus. Neuer Vorwurf: Verfälschungen auch in Textdokumenten - Angeblicher Feldpostbrief mit undurchsichtiger Herkunft. Die Welt, 26.10.1999.

85 Susanne Leinemann: Im Irrgarten der Wahrheit. Die Welt, 29.10.1999, S. 3.

86 Hannes Heer: Beteiligung der Wehrmacht an Pogromen am Beispiel Tarnopol. Tonbandprotokoll aus Pressekonferenz des HIS vom 4.11.1999.

87 Franziska Augstein (fau): Franzls Fotos. FAZ Nr. 258, 5.11.1999, S. 41.

88 Heribert Seifert: Gefährliches Spiel mit der Bildermacht. Die Medienstrategie der Wehrmachtsausstellung. Neue Zürcher Zeitung Nr. 264, Beilage Medien, Freitag, 12.11.99, S. 49.

89 Sven Boedecker: Opfer des eigenen Ruhms. In dieser Woche präsentiert Jan Philipp Reemtsma ein neues Konzept für die umstrittene Wehrmachts-Ausstellung. Es muß schlüssig sein – nur so kann er sein Lebenswerk retten. Die Woche 24.11.2000, S. 42.

90 Omer Bartov, Cornelia Brink u.a.: Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. November 2000, S. 44-45.

91 Eckhard Fuhr/Matthias Kamann: „Es geht nicht um Vergangenheitspolitik“. Jan Philipp Reemtsma und Peter Klein über das Konzept der neuen Wehrmachtsausstellung. Die Welt, 26.11.2001, S. 29, 30.

92 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog. Hamburg 2002. S. 100, 109, 121.

93 Andrej Angrick: Völkermord. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog. Hamburg 2002, S. 100.

94 Joachim Güntner: Ein Vernichtungsfeldzug und seine späten Spiegelungen. Die Wehrmachtsausstellung geht in die letzte Etappe – Bilanz in Hamburg. NZZ, 31. Januar 2004.

95 Ulrike Jureit: eMail 23.02.04 an Dieter Schmidt-Neuhaus.

96 Dr. Sven Oliver Müller/Dr. Klaus Latzel, Universität Bielefeld: Feldpostbriefe. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog. Hamburg 2002, S. 629-636.

97 Natascha Freundel: Die zwölf Gebote des Staatssekretärs Backe. Kein Bombardement der Bilder. Warum die neue "Wehrmachtausstellung" notwendig und richtig ist. Freitag 50, 7. 12.2001.

98 Katharina Wegan: Die "Wehrmachtsausstellung" zwischen Erinnern und Vergessen - Anmerkungen zu einem Rundgang. eForum zeitGeschichte 2/3 2002.

99 Brigitte Straubinger: Geschichte – Geschichten einer Ausstellung! eForum zeitGeschichte 2/3 2002.

100 Dr. Stefan Scheil: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Was dieser Krieg für die heutige Zeit bedeutet! politik-buch.de – digitales rezensionsforum (www.politik-buch.de/rezens/rez_wehrmacht.htm.), 06.03.2002, 4 Seiten.

101 Stefan Scheil: Legenden, Gerüchte, Fehlurteile. Ein Kommentar zur 2. Auflage der Wehrmachtausstellung desHamburger Insitus für Sozialforschung, Graz 2003, S. 114-117.

102 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002. S. 687-729.

Anlagen:

1. Anlage 1: Abschrift vom Franzl-Brief-Aushang „Tarnopol, 6.7.1941“

2. Anlage 2: Brief Wehrkreiskommando XVII, Wien, 12.9.1941 an OKW/WPr

Übersicht.

HAUPTTEXT

1. Ein Feldpostbrief aus der Westukraine?

1.1 Die Abschrift eines Briefes taucht in Wien auf.

1.2 Die Abwehrstelle des Wehrkreiskommandos in Wien greift ein.

1.3 Bearbeitung durch die Abteilung Wehrmachtpropaganda im 0KW.

1.4 Der Franzl-Brief-Aushang hinterläßt eine Spur in Wien.

1.5 Das Schicksal der Archivalie: über ein halbes Jahrhundert Ruhe im Archiv.

2. Quellenkritik und Sachkritik zum Franzl-Brief-Aushang.

2.1 Äußere Quellenkritik.

2.2 Sachkritik zum Franzl-Brief-Aushang.

2.3 Was geschah Anfang Juli 1941 in Tarnopol?

2.4 Der Franzl-Brief-Aushang und authentische Feldpostbriefe.

3. Der Weg vom nationalsozialistischen Hetzpamphlet zum Schlüsseldokument für „Verbrechen der Wehrmacht“.

3.1 Der „Feldpostbrief aus Tarnopol“ taucht erstmals auf.

3.2 Das trojanische Pferd in einer Quellenedition – eine editorische Todsünde.

3.3 Der „Feldpostbrief aus Tarnopol“ in der ersten „Wehrmachtsausstellung“ und im Ausstellungskatalog.

3.4 Der Franzl-Brief im Begleitbuch zur Ausstellung - Die Wahrheit in einer Fußnote verborgen.

3.5 Der Franzl-Brief in anderen Buchpublikationen der Aussteller.

4. Die Rezeption des „Franzl-Briefes“ – eine Erfolgsstory.

4.1 Die Rolle forschender junger Historiker.

4.2 Der Franzl-Brief-Aushang in Büchern.

4.3 Der Franzl-Brief-Aushang im Internet.

4.4 Die Rolle der Presse und ein unbeachteter kritischer Leserbrief.

4.5 Der Franzl-Brief in Lesungen und Vorträgen.

4.6 August Graf von Kageneck: Franzl-Brief als Beweis für absurde Behauptungen.

4.7 Franzl in der Psychoanalyse Reemtsmas.

5. Kritische Stimmen zum Franzl-Brief-Aushang – Der lange Weg zur Wahrheit.

5.1 Frühzeitige Anlässe für Zweifel und amtliche Nichtverfolgung.

5.2 Nicht alle Historiker und Publizisten halten NS-Propaganda für glaubwürdig.

5.3 Flugblatt-Aktion in Bremen behandelt „Franzl“ schon 1997.

5.4 Früher Versuch einer Quellenkritik: „Franzl-Brief“ eine Fälschung?

5.5 Die erste Analyse zum Franzl-Brief-Aushang.

6. Die „falschen“ Fotos und das Debakel der ersten Wehrmachtausstellung.

6.1 Das unerwartete Ende einer erfolgreichen Wanderausstellung.

6.2 Die Zweifel am Franzl-Brief-Aushang werden öffentlich bekannt.

6.3 Die Reaktion des HIS auf den Fall Tarnopol.

6.4 „Franzls Fotos“ - Selbsttäuschung oder Täuschung?

6.5 Reemtsmas Historiker-Kommission zum Franzl-Brief-Aushang.

7. Der Franzl-Brief-Aushang in der zweiten Wanderausstellung.

7.1 Die Tendenz: Tarnopol und Franzl-Brief bleiben in der Ausstellung.

7.2 In der neuen Ausstellung gibt es den Franzl-Brief-Aushang gleich mehrfach.

7.3 Die Überlieferungsgeschichte beweist nichts.

7.4 Die Aussagen der Aussteller zum Exponat „Franzl-Brief“.

7.5 Die eigenen Fachleute für Feldpostbriefe halten sich zurück.

7.6 Wahrnehmung und Kritik zum „Franzl-Brief“.

8. Schlußfolgerungen.

ANMERKUNGEN

ANLAGEN

ÜBERSICHT


 Bearbeitung des Textes und seiner Anlagen für das Internet : Christian Gizewski, (Christian.Gizewski@tu-berlin.de)

An allen in dieser Abteilung 'HOPITIUM' präsentierten Skripten und Beiträgen behalten sich deren Autoren grundsätzlich ihr Urheberrecht vor. Dazu bitte ich, die Erläuterungen "ZUM ZWECK DES PROJEKTS" zu beachten. C. G.