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H. Birkenbertsch, R. Markner, Sprachideologie und Ansätze zur staatlichen Schriftsprach-Reform im NS-Regime.

Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner, Schrift und Rede, Rechtlautung und Rechtschreibung. Traditionslinien der Rechtschreibreform, in [der im S. Fischer-Verlag, Frankfurt M. erscheinenden Zeitschrift für Literatur und zeitgenösssische Kultur; FAX: 069/6062214]: 'NEUE RUNDSCHAU' , III. Jahrgang 2000, Heft 4, S. 112 - 124.

Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner, Schrift und Rede,Rechtlautung und Rechtschreibung. Traditionslinien der Rechtschreibreform.

(Dokument im pdf-Format; zum Empfang siehe ggf.: Versuche.htm , unter II, Experiment 6. Leseverbesserung durch Einstellung des Großformats auf der Darstellungsfläche möglich).

Es handelt sich um eine Zusammenfassung der Grundgedanken des von denselben Autoren verfaßten Buches "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache", Wallstein-Verlag, Göttingen 2000, 136 Seiten.

Hanno Birken-Bertsch, geboren 1966, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Unversität Jena, Reinhard Markner, geboren 1967, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung der Martin-Luther-Universiät Halle-Wittenberg.

Das von ihnen gemeinsam erarbeitete Buch geht bisher wenig beachteten zeitgeschichtlichen Vorläuferphänomenen der vor einiger Zeit in verschiedenen Staaten des deutschsprachigen Raums von Staats wegen eingeführten 'Rechtschreibreform' nach. Konkret geht es den Autoren um die Ansätze zu einer Rechtschreibreform im NS-Regime zwischen 1933 und 1944, ihre Motive und Argumentationsmuster und die Vorbereitung ihrer - 1944 auf Hitlers Weisung eigenstellten - Durchführung. Der ebenfalls von den Autoren gemeinsam erstellte Aufsatz, welcher an dieser Stelle internetgemäß wiedergegeben wird, faßt die Grundgedanken des genannten Buchs in zusammen. Die Autoren heben unter vielem anderen auch gewisse innere gedankliche Kontinuitätsmomente zwischen den Reformansätzen der 30er und frühen 40er und denen der jüngsten 'Reform' hervor. Diese sehen sie vor allemin einer vorherrschenden Auffassung vonder kulturellen 'Äußerlichkeit der Schrift' und in einem politisch-pragmatischen, ungehemmt obrigkeitsstaatlichen Sprachregelungsimpetus.

Die Autoren behaupten dennoch nicht etwa , das gegenwärtige politisch-gesellschaftliche System - zum Beispiel der Bundesrepublik Deutschland - sei dem der NS-Zeit ähnlich. Insoweit wäre ihnen gegenüber die hin un d wieder in der Kritik gemachte Vorhaltung ungerechtfertigt, sie bedienten sich - nach dem Muster einer gegenwärtig in der Bundesrepublik weit verbreiteten, 'politisch korrekten' Einschüchterungsrhetorik - nach Belieben der Materialien der NS- Zeitgeschichte für die Diskreditierung einer von ihnen ungeliebten Sache (vgl. etwa die ansonsten sehr positive Kritik von Joachim Güntner in der Neuen Züricher Zeitung vom 7. 6. 2001 unter der URL-Adresse: http://www.nzz.ch/2001/06/07/fe/page-article7FJTV.html; Text der Kritik auch unten wiedergegeben). Vielmehr geht es ihnen, wie mir scheint, primär um die Zeitbezüge der Denkmuster und der obrigkeitsstaatlich konzipierten Ziele der 'NS-Reformansätze', und so sehen sie notwendigerweise auch einen deutlichen Unterschied zur Gegenwart: d. h. zu demokratisch-sprachpolitischen Steuerungsillusionen, zu einem Reformorganisationswirrwarr und zu einem kulturlosen Opportunismus der die jüngste verordnete Schriftsprachregelung im deutschen Sprachraum tragenden politischen Kräfte und sprachwissenschaftlichen Kreise.

Sieht man über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland und weitergehend die des deutschsprachigen Raums hinaus, so wird man in der Zeitgeschichte und in der weiter zurückliegenden Neueren Geschichte eine Vielzahl staatlicher Sprachregelungsmaßnahmen - der Schriftsprache ebenso wie der Sprechsprache - finden, die mit größerer Gewalt, größerer Kulturindifferenz und größerer Skrupellosigkeit gegenüber Traditionsbindungen und natürlichen Freiheitsrechten der Menschen aus Gründen etwa der 'Wahrung der Staatseinheit', der staatlichen Expansion, der Kolonisierungsinteressen oder der 'fortschrittlichen Revolutionierung der Lebensverhältnisse' umfängliche und strikte Sprachgebote und -verbote anordneten und durchsetzten. Man kann hierbei ewa an so verschiedene Dinge denken wie den primär minderheitenbevormundenden Typus nationalistischer Sprachpolitik in der Zeit vor und nach dem ersten und zweiten Weltkriege, an die 'staatserhaltende' und zugleich 'fortschrittsbewußte' Sprach- und Schriftreform in der Türkei der 20er Jahre, an die - auch - kommunistisch motivierte Nationalitäten- und zugleich Russifizierungspolitik der Sowjetunion oder an die Sprach- und Schriftreformen im heutigen kulturell, national und sprachlich aufgesplitterten Fünf-Sterne-China.

Dennoch wäre es zu einfach zu sagen, solche Eingriffe geschähen anderswo oder seien dort geschehen, oder sie seien zwar auch bei uns geschehen, aber zu ganz anderen Zeiten, d. h. sie geschähen jedenfalls und auf gar keinen Fall bei uns jetzt. Mit ihrer historischen Arbeit tragen die Autoren zwar nicht im Sinne einer suggerierten, unglaubhaften Systemgleichsetzung, wohl aber im Sinne einer Blickschärfung für die trotz Systemwandels tatsächlich vorhamdenen erwähnten Kontinuitätsmomente dazu bei, einen durch die sog. 'Rechtschreibreform' bei vielen Zeitgenossen in Gang gesetzten Prozeß bewußter geistiger Distanzierung von staatlich verordneten oder sonst mit Macht aufgedrängten Sprachregelungen gedanklich zu begründen. Wie kommt es etwa, daß in Deutschland trotz vielfältiger politischer Nachahmung der US-Verhältnisse das dort tradiotionelle sperrige Verhalten der nicht-staatlichen Öffentlichkeit gegenüber obrigkeitlichen Sprachregelungen und gesinnungsrechtlicher Fürsorge des Staates nicht imitiert wird? Weil wir in Deutschland eben eigene Traditionen haben!

Die NS-Zeit ist m. E. lange vorbei; heute geht es um die zielgenaue Einschätzung der heutigen 'kleinen', 'unmerklichen' aber auf ihre Weise durchaus besorgniserregenden totalitären Sprachregelungs- und Konsensfabrikationsansätze, die trotz der Beseitigung des NS-Regimes im Laufe der Zeit - in ideell an sich überzeugenden demokratischen Systemen - zum zunehmend routinemäßig, wenn auch möglichst verdeckt gehandhabten politisch-pragmatischen Handwerkszeug politischer Akteure und Aktionszentren in der Wirklichkeit eines alltäglichen, der institutionellen, verfassungsmäßig verbürgten und zentralen Meinungsfreiheit gegenüber manchmal völlig skrupellosen 'weichen Kampfes um die Macht' geworden sind. Aber diese sind deswegen nicht etwa traditionslos.

Christian Gizewski

Buchbesprechung von Peter Voegeli, Berlin, in: 'Der Bund' (Schweiz) vom 16.12.2000.

(Quelle: http://www.bund.ch/ebund.asp?SOURCE=/Publications/DER_BUND/2000/295/BAU/62956.html).

Nazis wollten Schampanjer.

Als Christian Meier, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, 1998 vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht die umstrittene Rechtschreibereform mit den Plänen des nationalsozialistischen Bildungsminsters Rust von 1944 verglich, erntete er Proteste und musste sich entschuldigen. Mit dem neuen Buch «Rechtschreibereform und Nationalsozialismus» haben Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner ein wissenschaftliches Verteidigungsplädoyer für Meiers These vorgelegt.

Meier spielte mit seinem Vergleich auf das Diktat von oben an, mit dem seiner Meinung nach sowohl die Nazis als auch die deutsche Kultusministerkonferenz in der Bevölkerung ungeliebte Reformen durchsetzten wollten. Birken-Bertsch und Markner gehen weiter und weisen auf inhaltliche Parallelen beider Reformen hin: Damals wie heute glaubten die Reformer an den Vorrang der gesprochenen Sprache gegenüber der Schrift: «Eine Schrift, die von der Sprache abweicht, entspricht nicht ihrem Zweck und führt ein sinnloses Eigenleben», heisst es in einem Schreiben aus Hitlers Reichskanzlei. Wie auch in vielen anderen Berufsgruppen gab es in Sachen Rechtschreibung eine personelle Kontinuität über 1945 hinaus. Sprach-Protagonisten des Dritten Reichs übernahmen in der jungen Bundesrepublik wichtige Rollen in ihrem
Fachbereich.

Kontinuität gesucht.

Kritiker des Buchs betonen, dass Reformvorschläge wie Kleinschreibung, Eindeutschung der Fremdwörter und Änderungen einzelner Buchstaben keine nationalsozialistische Erfindung seien, sondern schon zuvor Bestandteil von Reformbemühungen waren. Die Kontinuität zwischen 1944 und heute sei grösser als zwischen 1932 und 1944, entgegnet Birken-Bertsch. «Wir schreiben nicht die vollständige Geschichte der Rechtschreibreformen, wie wir auch nicht behaupten, die Nazis hätten dieses Vorhaben erfunden», hält Markner fest. Das Buch zeigt aber zumindest, wie die Parallelen zum nationalsozialistischen Reformvorhaben bis heute geradezu verschleiert wurden. Das Buch zeigt Lächerliches und Grausiges der Nazi-Pläne: Wären die verschiedenen Vorschläge zwischen 1933 und 1944 als kriegswichtig eingestuft und verwirklicht worden, würden die Deutschen heute von «Schampanjer und Konjak, von der Kautsch, der Toalette und dem Miliö» schreiben. Die Änderungsvorschläge der Kleinschreibung wurden mit dem kriegswichtigen Argument verteidigt, dass dadurch 35 000 Tonnen Blei gespart werden könnten.

Vorläufer der Leitkultur?

In der Fachzeitschrift «Die Rasse» wollte ein Autor am Beispiel eines Gedichts von Heinrich Heine die «Unausgeglichenheit und Unruhe der rhythmischen Bewegung» nachgewiesen haben, «die nach bisherigen Untersuchungen allen jüdischen Schriftstellern und nur ihnen eigentümlich» seien. In «Mein Kampf» befand Hitler, die minderwertigen Völker sollten nach dem Endsieg weiterhin in ihrer Sprache kommunizieren, andernfalls drohe der deutschen Sprache «Bastardisierung». Den in den vergangenen Wochen heftig umstrittenen Ausdruck «deutsche Leitkultur», den Kritiker als deutschtümelnd und als Nazi-Begriff verurteilten, haben die Autoren bei ihren Recherchen nicht gefunden. Dagegen weckten Titel wie «Die Festung Europa lässt ihre Zugbrücke hinunter», den die «Süddeutsche Zeitung» vor längerer Zeit zur EU-Osterweiterung formulierte, keinen Widerstand, obwohl er - zweifellos ungewollt - reinster Nazi-Jargon ist. Deutsche Sprache, schwere Sprache, nicht nur wegen der Rechtschreibung.

Hanno Birken-Bertsch/Reinhard Markner: Rechtschreibereform und Nationalsozialismus Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache, Wallstein-Verlag, Göttingen 2000, 136 Seiten, Fr. 36.-.


Buchbesprechung von Joachim Güntner in: 'Neue Züricher Zeitung' (Schweiz) vom 7.6.2002.

(Quelle: http://www.nzz.ch/2001/06/07/fe/page-article7FJTV.html).

Rechtschreibreform und Nationalsozialismus.

Eine glänzende Studie - trotz gewisser Demagogie.

Das Provokanteste an diesem Buch ist sein Titel: «Rechtschreibreform und Nationalsozialismus» rückt zwei Dinge zusammen, als herrsche zwischen ihnen Strukturanalogie. Die jüngste Orthographiereform wird dadurch einbezogen und gerät unter Nazismusverdacht. Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner, die Autoren, annoncieren zwar «ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache». Aber rasch wird klar, dass es ihnen nicht nur um Historisches, sondern um eine fortdauernde Gegenwart des Vergangenen geht.

Ähnlich provozierend hatte Christian Meier, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, im Streit um die 1996 beschlossene Rechtschreibreform eine Parallele zu den Reformvorschlägen «des Reichsministers Rust von 1944» gezogen. Das Gemeinsame sah Meier darin, wie sich der Staat in beiden Fällen zum Sprachregenten aufschwingt, neue, vom Schreibusus nicht gedeckte Rechtschreibregeln erarbeiten lässt und autoritär durchsetzen will. Die Reformgegner Birken-Bertsch und Markner erweitern diese Analogie. Auch sie fühlen sich durch die Verordnung neuer Schreibweisen vor allem als Bürger entmündigt, und so bildet die staatliche Sprachpolitik einen Fokus ihrer Untersuchung. Darüber hinaus aber wollen sie den linguistischen Ungeist der Reform belegen: durch den Nachweis inhaltlicher Kontinuität. Noch im Detail ähneln die Reformvorstellungen, die zu Beginn der Nazizeit vom Innenministerium und später vom Erziehungsminister Bernhard Rust verfolgt wurden, den neuen Orthographieregeln unserer Tage - so etwa die Vermehrung der Gross- und Getrenntschreibung, der Wegfall des Kommas vor erweiterten Infinitiven und gleichgeordneten Hauptsätzen, die Worttrennung nach Sprechsilben oder die Tendenz, «ph» durch «f» zu ersetzen und bei «th» sowie «rh» das «h» entfallen zu lassen.

Reform nicht kriegswichtig.

Zweimal - 1941 und 1944 - hatten Reformlinguisten unter Bernhard Rust Vorschläge zur Neuregelung der Orthographie vorgelegt, und beide Male war der Minister damit bei der politischen Führung auf taube Ohren gestossen. Hitler und Goebbels disqualifizierten eine Reform als «nicht kriegswichtig». Imperialistische Argumente, wonach eine vereinfachte Schreibung die «Weltgeltung» der deutschen Sprache fördere, verfingen so wenig wie der Hinweis, die Vereinfachung verkürze die schulische Ausbildung. (Dass das Druckgewerbe zugunsten der Rüstungsindustrie durch eine Einführung der Kleinschreibungtonnenweise Blei sparen könne, hatte ein Mitarbeiter von Göring schon 1937 errechnet.) Auch die institutionelle Basis der Reformer war schwach. Rusts Erziehungsministerium operierte ohne Rückhalt beim Innenministerium, dem der Sache nach federführenden Organ der Regierung. Die Deutsche Akademie in München, ebenfalls eine reformtreibende Kraft, war zwar Goebbels zugeordnet, was aber das Vorhaben nicht stärkte. Als 1944 eine gegenüber 1941 abgemilderte Version für eine Neuregelung der amtlichen Rechtschreibung publik wurde, ernteten die Vorschläge zur Eindeutschung von Fremdwörtern («Ragu, Tese, Träner») den Spott der Zeitungsschreiber, und das Unternehmen als solches stiess auf allgemeines Kopfschütteln in der Bevölkerung. EinVerwirrspiel begann, in dessen Verlauf sich niemand mehr bereit fand, politische Verantwortung für den Vorstoss zu übernehmen. Die Verbreitung des neuen, in einer Million Exemplaren gedruckten «Regel- und Wörterverzeichnisses» wurde gestoppt; die überwiegend noch nicht ausgelieferteAuflage endete als Makulatur. Ein «Führerbefehl» bekräftigte das Aus: Darin hatte Hitlerdie «Zurückstellung der gesamten Rechtschreibungsarbeiten bis Kriegsende» angeordnet. Man könnte meinen, dieses Scheitern einer Neuregelung der Orthographie spräche dagegen, eine Verbindung zwischen Reformdenken und Nationalsozialismus herzustellen. Aber Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner bleiben dabei, die Reformvorhaben von 1941 und 1944 mit dem Reformbeschluss von 1996 auf eine Linie zu rücken. «Zentrale Elemente des linguistischen Diskurses der dreissiger und vierziger Jahre haben ihre Wirksamkeit für das Rechtschreibreformdenken durchgängig behalten», schreiben sie, ein Fazit ziehend, im Schlusskapitel ihres Buches. Vor allem das fortwährende Ideal einer lautgerechten, am Sprechen orientierten Schreibung gilt ihnen als nationalsozialistisch. Nun ist «Vereinfachung» die ewige Parole aller Orthographiereformer, und es verwundert kaum, dass sie auch die Regeln zur Laut-Buchstaben-Beziehung beherrschen soll. Wer einen Satz liest,dem soll sich auf Anhieb erschliessen, wie er korrekt ausgesprochen wird, und umgekehrt soll die Lautfolge die Schrift determinieren - das ist naiv gedacht, aber was daran soll nazistisch sein? Die Autoren verweisen auf den sprachpolitischen Kontext: Im «Dritten Reich» lieferten die Reden Hitlers das Vorbild guten Sprechens. Die Führerrede war das Exempel der, wie man damals formulierte, «volkstumsgebundenen Hochsprache»,und dazu trat in der sprachpolitischen Konzeption das Volk, das am Radio - dem «Volksempfänger» - den Ansprachen Hitlers lauscht und sozur nationalen Hörgemeinschaft zusammengeschweisst wird.

Fügt sich diese Feier des Mündlichen, welche die Schrift nur als etwas Zweitrangiges gelten lässt, nicht ausgezeichnet zum Antisemitismus? Das Judentum ist eine Buch- und Schriftreligion, Hitler hingegen liess die Schrift nur «als mechanische Fixierung der Ausdruckslaute» gelten. Soweit passt alles zusammen. Und doch ist es entweder Demagogie oder Unkenntnis der Historie, die Unterordnung der Schrift unter phonetische Prinzipien als nationalsozialistisch zu brandmarken - zumal wenn dies mit der Suggestion einhergeht, dass jeder, der dem phonetischen Primat huldige, braunes Gedankengut pflege. In einem 1990 erschienenen Aufsatz über die Schwierigkeiten einer Orthographiereform vermerkt der Linguist Peter Eisenberg: «Im 17. und noch verstärktim 18. Jahrhundert forderten Grammatiker, Literaten und Sprachpfleger immer wieder laut die Befolgung des Grundsatzes: &Mac220;Schreibe, wie du sprichst.&Mac221; Die grössten Schriftgelehrten des 19. Jahrhunderts folgten ihnen darin, Jacob Grimm, Rudolf von Raumer und schliesslich Konrad Duden sprachen sich dafür aus, das Deutsche stärker phonetisch zu schreiben.»

Keine braunen Quellen.

Heute weiss man, dass die Orthographie zwar lautbezogen ist, sie jedoch «auch systematische Bezüge auf grössere sprachliche Einheiten, namentlich die Silbe, die Wortform und die syntaktische Phrase» (Eisenberg) hat. Grammatische Zusammengehörigkeit von Wortformen macht die Schrift vielfach visuell kenntlich, abweichend von der Lautung, durch ähnliche Silben- und Wortbilder. Dass die Reformer von 1996 immer noch dem phonetischen Prinzip anhängen, zeigt nur, dass sie wissenschaftlich nicht auf der Höhe sind. Doch ihre Tradition ist ehrwürdig, und es wäre Unsinn, den Theoriestrom, der
1996 die Reformmühle zum Klappern brachte, auf braune Quellen zurückzuführen. Die nazistischen Reformer haben alte Ideen adaptiert, teilweise auch zugespitzt - darauf beschränkt sich ihr Wirken. Birken-Bertsch und Markner hätten diesen Zusammenhang formulieren müssen; dass sie ihn nicht sahen oder nicht sehen wollten, dürfte daran liegen, dass ihr Buch beides sein will: wissenschaftliche Darstellung und Waffe im aktuellen Reformstreit.

Gleichwohl ist «Rechtschreibreform und Nationalsozialismus» eine vorzügliche Studie, detailreich, akribisch recherchiert und gut geschrieben. Wer den Disput um die Rechtschreibreform verfolgt, sollte sich die Lektüre nicht entgehen lassen.


 Bearbeitung aller Texte für das Internet : Christian Gizewski.

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