Zu Kaspar Mann (1):VERIGANTIA.


DAS WERK SELBST.

ÜBERSICHT UND KOMMENTAR ZU DEN EINZELNEN TEXTABSCHITTEN.

I Kriegsendzeits-Wahnsinn
II Der gestauchte Frager und Familienvater
III Begegnung mit der einsamen Radfahrerin
IV Die fremde Schöne und die trivialen Gesellen
V Nächtlicher Traum vom Mädchen
VI Auf die weibliche Tugend
VII Das erste Treffen
VIII Tagelanges Warten an der Brücke
IX Ihr überraschendes zweites Kommen.
X Der Abruf durch den Kompaniestab
XI Bomben aus Gottes Himmel
XII Die Trennung von der Schönen
XIII Schönheit des Waldes und der Frau
XIV Reale Illusion und stumpfer Kapo
XV Die Verschiebung der Verlegung
XVI Der Besuch bei der Freundin
XVII Das kleine Haus
XVIII Gemeinsamer Gang durch die zerstörte Heimatstadt
XIX Friedhof und Abschied
XX Im Wartesaal
XXI Von den entfesselten Mächten
XXII Gelbgesicht (Goldammer) und Liebesglauben
XXIII Gottbestimmte Sonderabordnung
XXIV Vorherbestimmte Rettung für die Liebe
XXV Der Enzian an ihrer Brust
XXVI Auf den Einzian
XXVII Der biologische und der wirkliche Enzian
XXVIII Die Entstehung des Gedichts
XXIX Geistige Impfung durch Frauenblicke
XXX Wesen und Alltag der Ehefrau
XXXI Umständlichkeit eines Liebesgedichts
XXXII Hannoveranerin und Westfälin
XXXIII Lebender Traum in hellem Mantel
XXXIV Gerechter Frieden
XXXV Die litauischen Kameraden und die freundliche Frau im kleinen Haus.
XXXVI Goethe- und Manuskript-Vorlesen im kleinen Haus der Freundin
XXXVII Die zerbombte elterliche Wohnung
XXXVIII Nächtliches Zufallswiedertreffen
XXXIX Vorahnung des Liebes-Endes. Der Glanz der Mädchen-Ehre.
XL Innere Ehrlichkeit in der Liebe. Trennungsentschluß
XLI Der Einladungsbrief der Ehefrau.
XLII Der Antwortbrief
XLIII Traum vom verpaßten Treffen
XLIV Der Gast, der Berg, die Ehefrau, der Tisch, der Schmaus.
XLV Das Gegenüber der beiden Frauen
XLVI Die Geschenke des Gasts an die Kinder. Das Wesen der drei beschenkten Kinder.
XLVII Photoalbenbesichtigung. Photo des Verlobten. Eifersucht. Übernachtung
XLVIII Gemeinsamer Gutwetter-Spaziergang am Berg während ferner Bombardierung
IL Im Luftschutzkeller während des Mittagessens. Dichterlesung.
L Erinnerung an die Märchen der Jugend.
LI Heimbegleitung des Gastes. Stehende beiderseitige Liebesererklärung.
LII Die Tugend-Ehre der Frauen.
LIII Unverbrämte Wahrheit und Ehrlichkeit vor sich selbst
LIV Auf das einfache, allgemeine Volk.
LV Seelentrinken und Handberühren.
LVI Das Spielen auf der Geige
LVII Aufwärts zu den Sternen
LVIII Der Traum vom Glück im Haus mit fremden Fluren.
LIX Die Verwandlung des Kiefernwaldes in ein Paradies mit Schloß.
LX Stockendes Schweigen am Ende.
LXI Der Tanz ist ausgetanzt.
LXII Sich nie mehr sehen.
LXIII Liebe als Leid und Lust. Die Ewigkeit der leidenden Liebe
LXIV Der Jagdbomber-Angriff
LXV Der Fisch am Haken.
LXVI Vergebliches Begehren.
LXVII Der dunkle Grund der körperlichen Ablehnung.
LXVIII Das Opferlamm des Lektüre-Abends
LXIX Die Verantwortung eines Vaters
LXX Vollkommenheit und Todessehnsucht
LXXI Der Herbst und das Schweigen.
LXXII Auf den November
LXXIII Der Untergang 'des Alten' und die Abwesenheit Gottes.
LXIV Umquartierung. Kriegs- und Goebbels-Haß.
LXXV (1) Bombenangriff und Katastropheneinsatz. (2) Die Nochgewogenheit der Ehefrau
LXXVI Neujahr und Front-Urlaub des 'Heinrich Müller'
LXXVII Hinnahme des von den Sternen kommenden Schicksals
LXXVIII Die Rückkehr zur Ehefrau
LXXIX Der bewußte Verzicht.
LXXX An die Knospe
LXXXI Der abschließende, ehrenvolle Abschiedsbrief der Geliebten
LXXXII Triumph und Verlust

1. Zu dem Manuskript-Text und seinem Autor.

Der diesem Kommentar zugrundeliegende 75 Seiten lange Manuskripttext wurde nach Inhalt und Form von einer erkennbar echten Vorlage kopiert. Er ist so lebendig und zugleich so nachdenklich geschrieben, daß er - trotz seiner durch offenbar viel Überlegen und Wortsuchen stark verdichteten und formal bearbeiteten Sprache - selbst noch einen heutigen Leser gefangennimmt. Über den hier aus persönlichen Gründen nicht namentlich zu nennenden, sondern primär werkgerecht zu interpretierenden und zu würdigenden Autor läßt sich aus den Einzelheiten des Textes zuverlässig erschließen, daß sein Verfasser zur Zeit seiner Einberufung zum Militärdienst bei der damaligen deutschen Wehrmacht ungefähr vierzig Jahre alt gewesen sein muß, verheiratet war, zu dieser Zeit drei kleine Söhne hatte, mit seiner Familie am Teutoburger Wald wohnte und in der von dort mit dem Fahrrad in drei Stunden zu erreichenden Stadt Münster aufgewachsen war, welche in der Geschichte eindrucksvoll als schwer bombardiert beschrieben ist. Er fühlte sich im Arbeitsdienst unter dem Kommando eines unangenehmen Vorgesetzten ('Kapo') offenkundig nicht wohl, sah es aber als seine Aufgabe an, die von ihm zu bewachenden und bei Reparaturarbeiten aller Art anzuleitenden Kriegsgefangenen litauischer Herkunft schonend und freundlich zu behandeln. Der Text gibt erkennbar nur eigene Erlebnisse seines Autors wieder. Er beschreibt sich selbst als 'Frager und Familienvater' und als 'Dichter'. Aus der Art und Form seiner Gedanken und Sprache geht hervor, daß es sich um einen gebildeten und belesenen, ein wenig introvertierten, hin und wieder zu dezidierten Bekenntnissen neigenden und dennoch freundlichen, an Natur und Menschen besonders interessierten Mann gehandelt haben muß. Für die von ihm erzählten Ereignisse läßt sich aus dem Text die Zeit von September bis November 1944 erschließen. Der Titel der Textes erklärt sich aus der in ihm symbolisch bedeutsamen Frühlings-Enzian-Pflanze, die den botanischen (lateinischen) Namen 'Verigantia' trägt.

2. Der Aufbau des Textes.

Der Manusktpt-Text besteht aus 82 lateinisch numerierten Passagen ( P. LXXV versehentlich zweimal) von teils gedichtartig kurzem, teils halbseitenlangem, teils mehrere Seiten langem Umfang. Alle stellen eine erkennbare Sinneinheit dar. Sie beschreiben sehr oft Empfindungen, Gedanken und Erinnerungen des Autors. Doch auch die Außenwelt beschäftigt ihn intensiv: so etwa einfache Soldaten und Unteroffiziere, Kriegsgefangene, seine Frau und seine geliebte Freundin - im Äußeren, im Wesen und im Handeln, einzeln und im Vergleich -, seine drei Kinder und deren Unterschiede, häuslich-familiäre Szenen, Wartende in einem Wartesaal, Alarm, Abwarten im Luftschutzkeller, zerstörte Häuser, bombardierte Wohnungen, zerstörte Städte - wie Münster -, bei Tagesangriffen hochfliegende und tieffliegend fern oder nah angreifende Bomber, aber auch Bäume und Blumen - wie der Einzian - ,Vögel - wie die Goldammer -, eine Berglandschaft - wie der Teutoburger Wald -, und Heide - wie die der westfälischen Ebene. Gelegentlich beschreibt und verflucht der Autor das politisch-militärische Zeitgeschehen, die Kriegs- und Durchhaltepropaganda von NS-deutscher Seite, das sich anbahnende Kriegende, die sich vor der Niederlage vollziehende Auflösung von Ordnung und Tradition. Besonders verdichtet erscheinen die pointierten Sinngedichte, etwa von den 'entfesselten Mächten', 'Auf den November' oder 'An die Knospe'.

3. Die Zeitumstände der Text-Entstehung.

a) Der Bombenkrieg der letzten Kriegsjahre und seine Angriffsziele in Nordwestdeutschland.

Nach der Invasion alliierter Truppen in der Normandie im Juni 1944 nahm allmählich ihre Fähigkeit zu, von ihrem Einflußbereich aus die deutsche Luftjäger-Abwehr auf dem Festland und allmählich auch deutsches Gebiet mit ihren Luftwaffen anzugreifen. Mußten die Angriffe zunächst bei Nacht oder in großen Höhen geflogen werden, weil die deutsche Jagdabwehr andernfalls schwere Verluste erzielen konnte, so wurde die Bombardierung von Städten und Verkehrsknotenpunkten im Laufe der Zeit um so leichter möglich, je mehr die deutsche Jagdabwehr geschwächt wurde. Außer der militärischen Schwächung des Feindes war ausdrücklich auch - wie bei der deutschen Luftkriegsführung gegen England seit 1940 - eine durch Bombardierung demoralisierende Terrorisierung der völkerrechtlich an sich geschützten Zivilbevölkerung politisch ausdrücklich formuliertes Ziel der alliierten Luftkriegsführung. Mit der Überschreitung des Rheins im März 1944 wurde über dem Westen Deutschlands sogar eine alliierte 'Lufthoheit' hergestellt. Diese führte dort zur oft mehrmaligen Bombardierung aller erreichbaren größeren Städte und Industrieanlagen und aller das Land durchziehenden Verkehrswege auf Schiene, Straße und Wasser.1)

b) Die Schäden und die Organisation ihrer Beseitigung im zivilen und im militärischen Bereich.

Die Schäden waren erheblich. Zwar konnte wegen einer ständigen Umorganisation und Verlegung der militärisch wichtigsten Raffinerien und Ersatzteilanlagen die Kriegführung im engeren Sinne der deutschen Seite nicht wesentlich behindert werden. Doch wurde die Versorgung der Bevölkerung stark beeinträchtigt, ihre Wohnsituation verschlechterte sich in den bombardierten Städten auf das äußerste, Verlust der Habe, Leib- und Lebensgefahr nahmen spürbar zu. Nur ländlichere Gebiete boten den Ausgebombten Aufnahme, was auch der dortigen Zivilbevölkerung spürbare Einschränkungen bereitete. Belastung gab es auch durch kriegsbedingte Dienstverpflichtungen.2)

Zur Schadens- und Folgenbeseitigung war auch der Einsatz von Militärangehörigen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern erforderlich.3) Wer immer von einer verzichtbaren Tätigkeit 'freistellbar' war, wurde als Dienstverpflichteter herangezogen, um Verwaltungs- und Versorgungsaufgaben zu erfüllen, einschließlich etwa der Mithilfe in Krankenhäusern oder Lazaretten oder der Verkehrsregulierung oder auch der Aufrechterhaltung eines nothilfehalber an bestimmten Orten eingeführten Ersatz-Schulunterrichts.

c) Die bevorstehende Niederlage der deutschen Seite.

Die Niederlage der deutschen Seite zeichnete sich im Laufe des Jahres1944 immer deutlicher ab. Als es den alliierten Truppen nach der letzten, erfolglosen deutschen Offensive im Bereich der Ardennen im Winter 1944 nicht mehr zu verwehren war, nach Osten vorzudringen, wurde sie gewiß. Die Überquerung des Rheins und die Besetzung des Ruhrgebiets im Frühjahr 1945 machten eine wirksame Landverteidigung im Westen für jedermann erkennbar, wenn auch von offizieller deutscher Seite nicht zugegeben, unmöglich. Sie wurde in strategisch unwichtige Randbereiche des Eroberungsgeschehens zurückgedrängt. Das Ziel der alliierten Truppen, schnell und konzentriert in Richtung der großen Städte und Industrieschwerpunkte vorwärtszukommen und alle wichtigen Verkehrslinien zu kontrollieren, war offenkundig.4)

d) Die Kriegsbelastungen und das Bewußtsein der militärischen und zivilen Bevölkerung.

In den Jahren der Kriegszeit hatte sich die Loyalität des Bevölkerung zum NS-System gelockert, auch wenn öffentliche Unmutsäußerungen durch staatliche Propaganda und Überwachung ausgeschlossen wurden.

Die seit 1944 erkennbar bevorstehende Niederlage mußte zur Folge haben, daß sich durch sie die politischen und sozialen Verhältnisse im bisherigen Reichsgebiet grundlegend ändern würden. Allgemeinm, wenn auch hinter der Hand, nahm man in der 'breiten' zivilen und militärischen Bevölkerung an, es werde immer fortgehende Kämpfe geben, bis es schließlich trotz aller offiziellen Nachrichtenpolitik doch zu einer militärischen Kapitulation, zur Besetzung Deutschlands, zur Abtrennung von Gebieten, zu einschneidenden Reparationsleistungen und überhaupt zur Beseitigung dessen kommen werde, was im bisherigen System als Deutschland gegolten hatte.

Doch beschäftigten das allgemeine Denken außer der ferneren, dunklen Zukunft Deutschlands vor allem die zunehmenden Entbehrungen und Verluste der Gegenwart, die die einzelnen Menschen zwar unterschiedlich stark, aber doch alle immer wieder einmal zu erleiden und mitzutragen hatten. Das Schicksal der gefallenen, verwundeten oder auch von der Feindseite möglicherweise gefangengenommenen Soldaten, die Sorge oder Verzweiflung der davon betroffenen Eltern, Frauen und Kinder, die Ohnmacht der von bombardierungsverursachten Totalverlusten Bedrohten und die Hilflosigkeit der davon Getroffenen brachte ein sich allmählich verbreitendes Gefühl grundsätzlich gefährdeter Existenz mit sich. Der nächstliegende Ausweg daraus war für das Denken und Fühlen das Glück des Augenblicks - etwa in irgendeinem unbombardierten Bereich auf dem Lande -, in dem man die kriegsbedingte Unordnung und Überforderung des Alltags, die Furcht vor den Kriegsgefahren und die Sorge um die Nächsten und Liebsten vorübergehend vergessen konnte.

Spürbar machten sich für jeden nun auch die beruflichen Reglementierungen, die Einberufungen, Zwangsverpflichtungen und Kontrollen, welche eine strikte kriegswirtschaftliche und -gesellschaftliche Ausrichtung des Lebens an den 'vorrangigen Belangen der Nation' mit sich brachte. Begleitet war dies von einer allgegenwärtigen, in Rundfunk und Presse gleichförmig und offensiv verbreiteten, auch wichtige Informationen manipulativ verformenden politischen Propaganda, für deren Lenkung der damalige Minister Goebbels zuständig war.5)

4. Die hauptsächlichen Interessen des Autors.

Auch wenn der Text eine Dichtung ist und eine persönliche Liebesgeschichte erzählt, so beschränkt er sich nicht darauf, eine Liebesgeschichte zu sein. Das ist auch ein Grund für seine Länge.

Die Zeitumstände gehören - und zwar auch als 'dramatisch passender' Rahmen - zu ihm. Die langjährige Täuschungssituation der NS-Zeit, die im Laufe der letzten Jahre des Krieges in eine 'Enttäuschung' und politische Hoffnungslosigkeit umschägt, kann als Parallelentwicklung zur Liebesgeschichte verstanden werden. Der Autor selbst sieht es so, wenn er (P. LXXXI) zusammenfaßt: "Auch diesen Krieg, wir werden ihn verlieren". Seine Liebe zu der jungen Frau hat ja unter den gegebenen inneren und äußeren Umständen keine Entwicklungschance.

Dem literarisch (P. XXXVI) und theologisch (P. XI) gebildeten und engagierten Mann, der sich selbst als 'Frager' versteht, liegen Gedanken über das nicht fern, was als Alternative zur damaligen politischen Gegenwart aus seinen eigenen geistigen Voraussetzungen heraus denkbar ist. Von einer politisch-ideellen Alternative zum Nationalsozialismus redet er etwa, wo er für eine gerechte, allgemeine Friedensordung eintritt (P. XXXIV). Zwar lobt er - ein wenig zu nationalideologisch und zeitnah - 'das einfache Volk' - diese unter Manipulationsdruck 'geistig' unzuverlässige und schnell unmenschlich werdende Größe - als ideelle Gegenwelt zu der in Auflösung begriffenen ideologischen Macht der damaligen 'Führung' und ihrer oberen 'Gefolgschafts'-Schicht (P.LIV). An anderer Stelle muß er dann - wegen der realen politisch-manipulativen Fehlleitung der Bevölkerung fast verzweifelnd - sogar Gottes Abwesenheit in Erwägung ziehen (P.XI, P.LXXIII). Doch stehen ihm tröstend wohl ímmer die gutartigen geistigen Traditionen des deutschen Volkes vor Augen, etwa wenn er gelegentlich aus der Dichtung Goethes vorliest. (P.XXXVI). In seiner moderat-'nationalen' Mitprägung kann er jedenfalls nicht als Anhänger des Nationalsozialimus klassifiziert werden.6)

Das Hauptthema der Dichtung ist das zeitweilige Aneinanderklammern und Schutzsuchen zweier Menschen, die trotz Alters- und Bildungsunterschieden zwar unter förderlichen Umständen gut zusammenpassen könnten, aber wegen nichtförderlicher Umstände eben nicht, weil der Autor verheiratet ist und eine Familie und ein ausgeprägtes Gewissen und Anstandsgefühl hat. Um diese Schwierigkeiten geht es in dem Text vor allem.

Der Zufall der Begegung mit der schönen Fremden, die Entdeckung ihrer Schönheit, Klugheit und Einsamkeit, die zunächst zaghafte Erwiderung seiner Gefühle, die gemeinsamen Unternehmungen, das Wachsen und schließlich das ausbruchartige Sichäußern der Empfindungen das Autors, all dies Erleben verbindet sich bei ihm mit einer Art Glauben an dessen Vorherbestimmung. Andererseits kommen ihm aber unübergehbare Bedenken wegen seines Tuns, wegen seiner Pflichten zur Rücksichtnahme und wegen der Ehrlichkeit seiner moralischen Selbsteinschätzung, welche ihn drängen, das Liebesverhältnis im Interesse zugleich der geliebten Freundin und seiner Ehefrau und Familie zu beenden. Die praktische moralische 'Lösung' besteht für ihn schließlich darin, Ehefrau, Familie und Freundin miteinander bekanntzumachen, Ehefrau und Freundin miteinander reden und letztlich darüber entscheiden zu lassen, was werden soll. 'Ethisch' gesehen ist dies zu verstehen als eine Zusammenfassung von Liebe, Treue und Anstand in einer das eigene Interesse notfalls zurückstellenden allgemeinen Menschenliebe.7)

Die vom Autor angestrebte Wahrhaftigkeit in der Selbst- und Fremdbeobachtung ist dabei nicht nur eine Grundlage seines mitmenschlichen Tuns, sondern auch sein dichterisches Thema. Ständig beschreibt er eigene und fremde Empfindungen und Motive und bewertet sie, manchmal auch ein wenig zu dezidiert und bekenntnishaft.

Ein weiteres Haupthema ist die Erlangung einer Art geistiger Unabhängigkeit vom Schicksal, das ja in der 'tragischen' Unausweichlichkeit von Vergehen, Sterben, Verlust und Nierderlage besteht, mit dessen künstlerischer Darstellung. Der Geist des Menschen, so ist der sein, des Autors, Dichten und Trachten tragender Grundsatz, vermag 'in der Hinnahme des Sckicksals' zu bestehen oder 'in der Niederlage zu triumphieren' (P. LXXVII, P. LXXXII). Mit solch paradox erscheinenden Endgedanken macht der Autor deutlich, daß er von einer ständigen Offenheit der Sinnfrage in seiner, aber auch überhaupt in der menschlichen Existenz ausgeht. Hier gibt es wohl eine gedankliche Nähe zu der seit den 1930er Jahren auch in Deutschland einflußreichen existenzialistischen Philosophie.8)

Stark interessiert ist der Autor auch an dem Kreis des häuslich-familiären Lebens und der dieses gewissermaßen ergänzenden außerhäuslichen 'Natur' (Beispiel: P. VII). Genau und scharfsichtig sind die engeren Hausgenossen, Ehefrau und Kinder, dargestellt (Beispiel: P.XXXVI). Von einem zivilen Beruf hören wir dagegen gar nichts; auch Vereinsmitglied oder gar Mitglied einer Partei dürfte der Autor nicht gewesen sein.

Sein beobachtendes Verhältnis zur 'Natur' ist nicht das eines Jägers oder Naturforschers. Vielmehr sieht er in deren Tieren - wie der Goldammer (P. XXII) - und Pflanzen - wie dem Enzian (P. XVI, P. XVII) - Lebewesen von eigener Bestimmung und Bedeutung und fühlt sich ihnen deswegen persönlich verbunden. Um diese Art einer - den Zwängen menschlicher Gesellschaft abgekehrten - Naturverbundenheit mit einem geistesverwandten Wort der 1871 geborenen, sehr familienverbundenen und tierlieben Rosa Luxemburg zu charakterisieren: "Mein innerstes Ich gehört mehr den Kohlmeisen als den Genossen".9)

5. Sprache und literarische Form des Textes.

Auffällig ist an der Sprache des Textes der Kontrast überwiegend hochbildungssprachlicher Elemente mit Worten und Redewendungen aus der zeitüblichen Trivial- oder 'Volks'-Sprache (Beispiele: P.I 'Ratten', 'jene Sorte',P.II 'Kappo' ['Kapo']), P. XVI 'Tommy', P XXVIII 'zum Teufel scheren'). Rhetorisch-poetische Tropen - wie Iteration, Antithese, Metapher, Litotes, Emphase, Asyndeton - werden öfters neben der bewußt antiakademisch-volkstümlichen Form des 'Kurz und Gut'-Sprechens eingesetzt.

Sprachreflexive Einschübe (Beispiele: P. XXIX, P. LXV) und dichterisch-unkonventionelle Worterfindungen (Beispiele: P.III 'blüht das Blut' P. XXIX 'die Impfen') machen die Suche des Autors nach dem angemessenen Ausdruck deutlich und damit auch sein dichterisches Bemühen darum, einprägsamer zu reden, als ein 'normaler' Sprachgebrauch es ermöglicht.

Die Dichtung erinnert an Goethes deutschsprachiges (es existierte sogar eine lateinische Version), hexametrisches 'Epos in neun Gesängen' Hermann und Dorothea (1797). Ähnlichkeiten bestehen ebenfalls mit der dem kleingeistigen privaten Alltag seiner Zeit satirisch entgegengestellten gereimten Versdichtung von Wilhelm Busch: Diese hat als deutschsprachige ein iambisch-tetrametrisches Versmaß. Als 'iambus octionarius' wurde dies Versmaß in der Antike in Komödien wie z. B. denen des Terenz verwendet.

Wie Goethe in seinen - antiken Werken wie Homers Odyssee oder Vergils Aeneis - nachempfundenen - 'Gesängen' beschäftigt den Autor in seiner entsprechend gegliederten Versdichtung zentral das Thema der tugendhaften, edlen, schönen Jungfrau (P. VI, P. XVI, P. XXXXIV), wobei ihm aber daran liegt, in einer bestimmten, konkreten, jungen Frau, die er in Liebe kennengelernt hat, ein menschliches Ideal lebendig zu sehen.

Wie Wilhelm Busch.verwendet er für seine Geschichte die dichterisch nicht leicht zu gestaltende Form der Verbindung von Reim und Metrum. Die damit ständig gegebene Notwendigkeit, deutschsprachige Worte zu finden, die einerseits in das iambische Metrum passen, d. h. nicht zu sprachlich unüblichen Betonungen im Dichtwerk führen, und andererseits in jeweils zwei gereimten Zeilen Endworte, die nicht nur der Bedeutung nach, sondern auch in ihrem ähnlichen Lautaufbau zusammenpassen, setzt einen anstrengenden dichterischen Hürdenlauf voraus, der manchmal auch zu unbefriedigenden Lösungen führt (Beispiel: P. XXIX Anfang: 'impfen' - 'schimpfen').

Dennoch ist diese Dichtungsweise - als sehr intensive Form der Sprachschöpfung - besonders geeignet, eine lebendige, eindrucksvolle und auch vielfach lehreiche Verbindung unerwarteter Elemente eines Erlebnisses herzustellen, dessen Nichtalltäglichkeit die Alltagssprache nicht wiederzugeben vermocht hätte.

13. Jan. 2013 / 15. Januar 2015 Christian Gizewski


Anmerkungen.

1) Zum Luftkrieg über Deutschland: Basil Henri Liddell-Hart, Geschichte des Zweiten Weltkriegs (1972). Aus dem Englischen übersetzt von Wilhelm Duden und Rolf Hellmut Foerster, 2 Bde., Econ Verlag Düsseldorf, Wien 1972, Bd. 2, S. 732 ff.

2) Zum Arbeitsdienst und zu Dienstverpflichtungen im Zweiten Weltkrieg: Wolfgang Benz: Vom Freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 16 (1968) 4, S. 317 ff.

3) Zu den unterschiedlichen Formen des Einsatzes Kriegsgefangener: Ulrich Herbert (Hrsg.): Europa und der 'Reichseinsatz'. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945. Essen 1991.

4) Zur Eroberung Westdeutschlands: Liddell-Hart, Geschichte des Zweiten Weltkriegs (1972), Bd. 2, S. 836 ff.. - Photo eines zuückkehrenden deutschen Soldaten aus: Tony Vaccaro, Entering Germany 1944 - 1949, Verlag Taschen, Köln 2001, S. 119.

5) Zur NS-Kriegspropaganda: Clemens Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933-1945, Italien 1922-1943, Spanien 1936-1951. UTB, Wien u. a. O. 2007

6) Zu den geistigen Voraussetzungen des Nationalsozialismus in Deutschland zusammenfassend: Karl Dierich Bracher, Deutschland zwischen Demokratie und Diktatur, Verlag Scher Berlin, München, Wien 1964, S. 139 ff.

7) Zu den alten Wurzeln des Humanismus und der Philanthropie: Platon, Symposion 189c8-d1, Aristoteles, Nikomachische Ethik 1155a16-22 .

8) Zur 'deutschen' Form der Existenzphilosophie: Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927) Verlag Niemeyer, Tübingen 200619.

9) Max Gallo, Rosa Luxemburg. Eine Biographie (1992). Aus dem Französischen übersetzt von Rainer Pfleiderer und Birgit Kaiser, Verlag Benziger Zürich 1993, Zitate vor dem Inhaltsverzeichnis.


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 Christian Gizewski (christian.gizewski@tu-berlin.de)