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Die Lehre des Aristoteles von der Widerlegung der Sophismen und die Struktur der Öffentlichkeit in der Polis.

Von Christian Gizewski. 

 Dieser i. J. 1992 verfaßte, mehrere Jahre lang nur im Internet publizierte Aufsatz ist nun auch in der Zeitschrift KLIO 81 (1999) 1, S. 112 - 130 erschienen; zu anderen Beiträgen der Ausgabe siehe: http://www.rz.uni-frankfurt.de/FB/fb08/SAG/klio.htm. Die relativ lange, wenn auch nicht völlig unübliche Wartezeit von der Erstkonzeption bis zur Realisierung einer späterhin freundlicherweise gebotenen Chance zur Druckrveröffentlichung läßt erkennen, welche Bedeutung das Internet prinzipiell für das wissenschaftliche Publikationswesen haben kann. D. Hg. im Juli 1999.

INHALT

    I. Fallbeispiele für öffentlich-wirksame Sophismen in der attischen Demokratie des 5. und 4. Jhts.

    II. Zur philosophischen Kritik an der attischen Demokratie des 5. und 4. Jht. v. Chr.

    III. Zum Zusammenhang von öffentlicher Meinungsbildung und sophismatischer 'Argumentation'.

    IV. Zu Ansätzen einer öffentlichen Wahrheitsfindung in Athen, zur Stellung der Wissenschaft darin und zu deren antiker Tradition.

    V. Zur Bedeutung der Prinzipien einer antiken Wissenschaftsautonomie für unsere Gegenwart.


    Zusammenfassung /Summary

    Bei der Abgrenzung eines autonomen wissenschaftlichen Raums gegenüber einer politisch-rhetorischen Praxis in der attischen Demokratie - einem Grundproblem der von Sokrates und Platon konzipierten 'alethine phiosophia' - kommt der Dialektik-/Topik-Lehre des Aristoteles und darin vor allem seiner Lehre von der Widerlegung der Paralogismen/Sophismen eine operational entscheidende Bedeutung zu. Sein Werk ist auch für heutige Diskussionen über das Verhältnis von politischem oder sozialem Engagement (einschließlich seiner pragmatisch bedingten Paralogismen) einerseits zu dem rein erkenntnisbezogenen Eigenwert frei ausgeübter Wissenschaft (Art. 5, Abs. 3 GG) andererseits von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

    Defining a zone of autonomous scientific interaction in contrast to a rhetoric practice of politics in Athenian democracy - one of the fundamental issues of 'alethine philosophia' conceived by Socrates and Platon - is operationally carried out by Aristotle's doctrine of dialectic/topic, especially the part concerning the refutation of paralogisms/sophisms. His work, too, is highly worth remembering in today's discussion about the relation of political or social engagement (including paralogisms caused by pragmatism) on the one hand and autonomous knowledge-related value of constitutionally secured free science on the other.

 

I. Fallbeispiele für öffentlich-wirksame Sophismen in der attischen Demokratie des 5. und 4. Jhts. v. Chr.

In dem politischen System des alten Athen, das einer 'Parrhesie', dem 'Recht, alles zu sagen', zur Zeit der Demokratie des 5. und 4. Jhts. viel Raum läßt, müssen Entscheidungsprozesse anders ablaufen als dort, wo sie autoritären Entscheidungsinstanzen vorbehalten sind und mit den Mitteln der selektiven Beteiligung, der Geheimhaltung und des Befehls durchgesetzt werden. Wo viel geredet wird, muß auch viel abgestimmt werden; aber wo viel geredet wird, da wird auch viel Unwahres gesagt. Ja, die Verbreitung von Unwahrheit durch Reden - deren abstrakt unterscheidbare Typen im Griechischen 'sophismata' , im Lateinischen 'fallaciae figurae' genannt werden -, die Mißachtung von konzeptions- oder deduktionslogischen Regeln der Erkenntnis bei öffentlichem Argumentieren, wird zu einem naheliegenden und üblichen Mittel, um Abstimmungs- und Entscheidungsverfahren, wie sie eine 'Öffentlichkeit' der Demokratie kennzeichnen, in eine opportune oder prioritär nötige Richtung zu bringen. Mehr noch: Sophismen können als kollektive Selbsttäuschungen zeitweilig oder auch längerfristig erhebliche öffentliche Wirkung entfalten, bis die sie in der Regel stützenden mächtigen Interessen entfallen oder auf sie nicht mehr angewiesen sind. Gewiß bedienen sich auch autoritäre politische Systeme auf ihre Weise der Unwahrheit. Aber gerade in der 'alles sagenden' Demokratie verschärfen sich die damit verbundenen Fragen:

Dies Bedürfnis, "in der Wahrheit zu leben", und jener Wunsch, den Staat nicht durch Fehlentscheidungen geschädigt zu sehen, sind bei nicht wenigen Zeitgenossen der antiken Demokratie lebendig. In den Quellen über diese Verfassungsform, deren Meinungsfreiheit ja auch die Freiheit politischer Kritik umfaßt, finden wir sie sogar ausgesprochen häufig; ja eigentlich gibt es in der literarischen Überlieferung nur mehr oder weniger strenge Kritiker. Eine Anzahl von Kritikpunkten werden bekanntlich von Autoren wie Platon, Aristoteles, Thukydides, Xenophon, Aristophanes und selbst Demosthenes, jeweils in verschiedener Intensität, für verschiedene Epochen der Demokratie unterschiedlich, zum Ausdruck gebracht, von der Kritik einzelner Regierungs- oder Systemfehler, wie sie etwa Xenophon vorbringt, bis zur grundsätzlichen Form der Kritik, die wir bei Platon finden. Aristoteles kann man vielleicht in der Mitte zwischen diesen Formen einordnen. Bevor wir auf solche Kritik etwas näher eingehen, ist es sinnvoll, an einigen Fallbeispielen die Öffentlichkeitswirkung von Sophismen in der attischen Demokratie zu illustrieren. Bei ihrer jeweils kurzen Darstellung im folgenden ist sicherlich zu bedenken, daß die Berichte über sie nur von den erwähnten Autoren mit kritischer Einstellung zur attischen Demokratie stammen. Die Überlieferungskritik hat demzufolge auch zu verschiedenen Korrekturvorschlägen oder alternativen Deutungsmöglichkeiten geführt, was die zu besprechenden Beispiele, den Hermen-Frevel d. J. 415 v. C., das Arginusen-Psephisma d. J. 406 und den Sokrates-Prozeß d. J. 399 betrifft. Doch wird sich im einzelnen zeigen, daß dies für die sophismatischen Konstellationen, die uns hier interessieren, jeweils keine größere Bedeutung hat. Es ist m. E. auch kein Zufall der Überlieferung, daß, was den Punkt der politisch- sophismatischen Praktiken in der attischen Demokratie betrifft, von deren uns bekannten, gebildeten, wissenschaftlich und politisch sicherlich nicht einheitlich einzuordnenden antiken Zeitgenossen ein im ganzen doch homogenes Bild vermittelt wird . 1

a) In den Wochen vor dem Auslaufen der attischen Schiffe zur Expedition nach Sizilien (415 v. C.) unter Führung des Alkibiades, des Lamachos und des Nikias wurden im ganzen Stadtgebiet Athens von unbekannten Personen die Hermes-Stelen beschädigt, eine Aktion offensichtlich mutwilligen Religionsfrevels, der in den Augen aller Gläubigen den göttlichen Unwillen auf die Stadt und das bevorstehende Unternehmen lenken mußte (Thuk. 6, 27). Die für die Expedition eintretenden politischen Kräfte aus dem 'demokratischen Lager' waren bei ihrer Leitung zwar durch die Strategen Lamachos und Alkibiades repäsentiert und die Partei, die eher einen Ausgleich mit Sparta anstrebte und bei der Entscheidung über das von ihr nicht begrüßte Unternehmen unterlegen war, trotzdem durch ihren Wortführer Nikias. Dennoch gab es auf den verschiedenen Seiten offenbar weiterhin Animositäten gegen die gefundene Kompromißlösung bei der Einsetzung der 'strategoi autokratores', speziell des Alkibiades, der eine Anzahl politischer Gegner auch im demokratischen Lager hatte. Der geschehene Frevel an den Hermen wurde von seinen Gegnern nun dafür genutzt, ihn durch Verdächtigungen politisch auszumanövrieren. Man sagte ihm nach, er habe früher in einem Privathause in pietätloser Weise eine Nachahmung der eleusinischen Mysterien veranstaltet, erhob aber zunächst mit Bedacht keine weitergehenden Beschuldigungen gegen ihn. Außer auf Alkibiades richteten sich Verdächtigungen aber zugleich auch gegen die Anhänger der sogenannten 'Oligarchen', bei denen seitens der 'Demokraten' stets die Bereitschaft vermutet wurde, den Interessen des Volkes entgegenzuhandeln. Es waren jedoch auch ganz andere Tätergruppen denkbar, so etwa solche aus dem 'radikaldemokratischen' Lager oder solche ohne alle politischen Hinterabsichten. Erst nachdem die Flotte bereits abgefahren war, kam es in Athen zu mehreren Verhaftungen, wobei einer der Verhafteten, Andokides, einige 'Oligarchen' der Tat bezichtigte. Dabei blieben zwar Zweifel an deren Verantwortlichkeit und an den Motiven des Andokides. Er und alle geständigen Beschuldigten wurden trotzdem 'von den Heiligtümern und vom Markt ausgeschlossen', was soviel wie den Verlust der kultischen und politischen Bürgerrechte und die Erschwerung der Verteidigung gegen Anklagen oder Verbannungsanträge bedeutete. Zugleich aber wurde gegen Alkibiades, der um eine Klärung der gegen ihn erhobenen Verdächtigungen noch vor der Abfahrt nach Sizilien ersucht und sein Strategenamt deswegen zur Disposition gestellt hatte, nunmehr in seiner Abwesenheit ein Eisangelie-Verfahren eröffnet, und er wurde deswegen aus Italien nach Athen zitiert, was er bekanntlich mit einem Wechsel der Fronten auf die Seite Spartas beantwortete. Das führte zu einem Todesurteil gegen ihn, welches wiederum später, nach seinem erneuten Frontwechsel im Jahre 408, aufgehoben wurde. Thukydides (6, 60 f.) läßt, in der für die Abfassungszeit seines 'Peloponnesischen Krieges' charakteristischen Vorsicht, erkennen, daß er die Frage nach den Schuldigen in beiden Fällen der Verurteilung für ungeklärt hält; er hebt statt dessen die 'einstweilige Beruhigung in Athen' als Effekt der einen und die 'aufgebrachte Stimmung' des zu Gericht sitzenden Volkes als maßgebliches Moment der anderen hervor. 2

Wie auch immer man das nicht mehr aufklärbare Tatgeschehen deutet und welche Vermutungen man auch immer zulasten der einen oder anderen denkbaren Tätergruppe anstellt: In der Tat widersprechen sich beide Verurteilungen, und sie beruhen beide auf ungeklärten Voraussetzungen. Das hier jeweils wirksame Haupt-Sophisma - als Fremd- oder Selbsttäuschung möglich - ist die 'petitio principii', die in jeder Vorverurteilung steckt: Unzulängliche Indizien, die auch anderer Deutung fähig sind, werden in einem zirkulären Selbstverstärkungsprozeß 'unwiderstehlicher' Grundannahmen über ein gegnerisches Lager zur Schein-Gewißheit. Am Beispiel wird aber auch deutlich, mit welcher Macht sich Sophismen gegebenfalls öffentlich durchsetzen: die 'öffentliche Beruhigung' ebenso wie der Vorteil, eine unklare Verdachtssituation durch Beschuldigung eines nicht anwesenden politischen Gegners gegen ihn nutzen zu können, fegen argumentative Bedenken für den Augenblick beiseite, auch wenn sie sich auf Dauer damit nicht erledigen können. Es wird ferner deutlich, daß die demokratische Gerichtsverfassung Attikas diese Vorgänge ermöglicht und auf ihre Weise sogar fördert.

b): In der Seeschlacht bei den Arginusen-Inseln im Jahre 406 (Xen., Hell. 1, 6) hatten die Athener gegen die spartanische Flotte unter Kallikratidas einen Sieg errungen, der dieser einen Verlust von 70 Schiffen zufügte. Allerdings war der Kampf auch für die Athener verlustreich; 25 Schiffe wurden versenkt. Der größte Teil ihrer Besatzungen fand den Tod. Während der Seeschlacht und nach deren Ende wegen eines Sturms konnten vorgesehene Rettungsmaßnahmen nicht durchgeführt werden. Dafür wurden die acht mit dem Oberbefehl betrauten attischen Strategen in Athen verantwortlich gemacht (Xen., Hell. 1, 7). In einer tumultuarischen Volksversammlung erklärte sich die Ekklesie Athens gegen die Gesetze, welche eine ausreichende Verteidigung der Beschuldigten, auch bei Hochverratsanklagen , und eine geordnete Verhandlung vor einem Gericht erforderten, als politischer Souverän selbst zuständig für die strafgerichtliche Aburteilung der Angeschuldigten. Diesem Verfahren widersprachen in der Versammlung nur wenige, darunter der damals als Prytane amtierende Sokrates, mit der gegen den Druck der öffentlichen Stimmung aufrechterhaltenen Auffassung, auch die Volksversammlung dürfe nichts gegen die Gesetze tun. Alle Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und sechs von ihnen, die in Athen anwesend waren, hingerichtet. 3

Selbst wenn man annimmt, daß sich Athen damals in einem Verfassungswandel befunden habe, innerhalb dessen das von der Volksversammlung praktizierte Verfahren immerhin die Tradition, wenn auch nicht das Gesetz für sich gehabt habe, und selbst wenn man im Bericht des Xenophon Unklarheiten ausmacht, welche den Entlastungshinweis der Strategen auf einen Sturm, als Vorwand erscheinen lassen und eine Befangenheit Xenophons indizieren könnten, so liegt dennoch eine sophismatische Konstellation vor: Bei der unnachsichtigen Einforderung von Verantwortlichkeiten, wie sie bei diesem Volksversammlungsbeschluß (Psephisma) vorliegt, besteht das eine Sophisma - eine 'fallacia non causae ut causa' - darin, daß das Nicht-Tun eines oder mehrerer Verantwortlicher, hier die Nicht-Hilfeleistung der Strategen, durch ein zugleich erwartetes anderes verantwortliches Tun ausgeschlossen ist, nämlich die Anstrengung, in einer für die attische Flotte prekären taktischen Gesamtlage eine Schlacht zu gewinnen und dann die Vorteile des Sieges durch die Verfolgung des Feindes nutzen zu können; das engt notwendig die Möglichkeiten, Rettungsmaßnahmen durchzuführen, ein. Einem Sophisma dieser Art kann erliegen, wer harte Entscheidungssituationen ex post zu beurteilen hat: es fällt ihm evtl. schwer,. vorliegende schwierige und notwendig 'tragisch-schuldhafte' Abwägungen von Pflichten und Werten, in die politisch oder militärisch Verantwortliche gelegentlich verstrickt werden, angemessen nachzuempfinden. Ein anderes Sophisma ist aber in diesem Falle fast wichtiger: die Gleichsetzung von Absolutem und Relativem ('fallacia secundum quid et simpliciter'), insoweit als die bedeutende Rolle, die das Volk - die in der Ekklesie versammelte Bürgerschaft - als Herr der Politik spielt, diesen 'demokratischen Souverän' dennoch nicht zum Herrn des Rechts macht, weder was eine ihm in Athen vorgegebene Aufgabenverteilung der Verfassung noch was fundamentale Maximen der Rechtsprechung (z. B. die der unbehinderten Verteidigung eines Angeklagten) betrifft. Wie bei modernen 'Souveränitäts'- Konzepten - auch demokratischen -, so liegt es beim attischen Volksherrschaftsanspruch gedanklich nahe, daß sich politische Letztzuständigkeit mit politischer Allmacht fälschlich gleichsetzt, obwohl sie, wo gegeben, nur ein Akzidens, nicht ein Wesenszug politischer Herrschaft sein kann.

c): Der Prozeß gegen Sokrates im Jahre 399 verhandelte folgende Anklage:"Sokrates bricht das Gesetz; denn er erkennt die Götter nicht an, welche der Staat anerkennt, und er führt dagegen andere neuartige göttliche Wesen ein. Er bricht außerdem dadurch das Gesetz, daß er junge Menschen zur Schlechtigkeit verführt. Der Antrag geht auf die Todesstrafe" (Xenophon, mem. 1, 1, 1; Diogenes Laertios 2, 40.) Das zuständige attische Geschworenengericht hielt ihn dessen mit 281 von 500 Stimmen für schuldig und verurteilte ihn dann, nach einer Verteidigungsrede, in der er statt der Todesstrafe nur eine geringfügige Geldstrafe von 25 Drachmen für angemessen hielt, zugleich aber als öffentliche Ehrung für seine Verdienste die Speisung im Prytaneion für sich beantragte, mit einer um achtzig Stimmen größeren Mehrheit zum Tode (Diogenes Laertios 2, 41 f.). Er nahm das Urteil an, ging nicht, wie andere aus solchen Gründen Verurteilte, außer Landes und duldete den Vollzug der Todesstrafe mit Schierlingsgift. In der politischen Umbruchszeit nach Beseitigung des 30-Männer-Regimes, in der zwar eine allgemeine Amnestie die politische Verfolgung der 'oligarchischen' Gegner von gestern ausschloß, hatte die Anklage des Meletos, die von dem demokratischen Politiker Anytos unterstützt wurde, dennoch die Funktion einer Bereinigung offener Fragen aus der politischen Vergangenheit. Sokrates, obwohl weder Parteigänger der 'Oligarchen' noch der Demokraten, wurde offenbar für den Schaden, den zwei seiner vertrautesten Schüler, Kritias und Alkibiades, in der Politik Athens, wie manche meinten, angerichtet hatten, mitverantwortlich gemacht. Auch einige seiner Lehren, etwa über das Göttliche (Daimonion) im Philosophen, d.h. das Selbstbewußtsein, mit dem er als Philosoph skeptisch und öffentlich selbstverständliche Gewohnheiten in Frage stellte, erschien denjenigen, die die Anklage erhoben, und auch den vielen, die sie für richtig befanden, als in einem Mißverhältnis zu Traditionen und Werten, deren Einhaltung damals eine restaurative Grundstimmung in Athen forderte 4.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß bei der Anklage gegen Sokrates auch nicht-politische, eher persönliche Motive, etwa des Anytos, eine wichtige Rolle gespielt haben könnten, so weisen doch Platons Angaben in der 'Apologie' auch in eine politische Richtung. In jedem Fall aber wird im Prozeß ein 'Hauptsophisma' wirksam, nämlich die für parteilich-voreingenommen geführte Gerichtsverfahren immer wieder grundlegende 'fallacia accidentis'. Der Vorwand-Charakter der Anklage, mag sie in diesem oder jenem Punkte auch zutreffen, besteht im Aufbauschen von Unwesentlichem und im Weglassen von Wesentlichem, sei es bei der Würdigung von Personen sei es bei der Beurteilung von Tathergängen. Xenophon hat in seiner eingehenden postumen Widerlegung der Anklagepunkte, in den 'Erinnerungen an Sokrates', durch ausführliche Beschreibung der Person des Sokrates und seines Einflusses auf die Umwelt, die im ganzen anzunehmende sachliche Unrichtigkeit der Anklage und Ungerechtigkeit des Urteils glaubhaft gemacht. Daß in der attischen Öffentlichkeit der Prozeß bald ebenso gesehen wurde, ist wahrscheinlich: Sokrates soll kurz danach durch Aufstellung seiner Statue öffentlich geehrt worden sein (Diogenes Laertios 2, 43).

Mit diesen Beispielen, die sich vermehren lassen, wenn man etwa Autoren wie Thukydides oder Xenophon daraufhin durchsieht, ist hinreichend illustriert nicht nur, wie machtvoll und zielgerichtet sophismatisches Argumentieren zu Zeiten im Zusammenhang mit wichtigen Entscheidungsprozessen der attischen Demokratie auftritt, sondern auch, wie grundsätzlich es mit den Verfahrensweisen der öffentlichen Meinungsbildung verbunden ist.

 

II. Zur philosophischen Kritik an der attischen Demokratie des 5. und 4. Jhts. v. Chr.

Bei den zahlreichen Kritikern der attischen Demokratie, insbesondere aber bei Platon und Aristoteles, nimmt der Aspekt der durch Wahrheitsverdrängungen oder -verformungen infolge fehlerhaft konstruierter öffentlicher Meinungsbildungs- und Entscheidungsverfahren entstehenden Schäden oder Gefahren eine zentrale Stellung in ihren politischen Reflexionen ein. Ja er steht im Zusammenhang mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen einer 'Wahrheits- Philosophie' ('alethine philosophia') und einer pragmatischen Rhetorik in Athen, die das grundsätzliche Problem einer wissenschaftlich autonomenWahrheitsfindung als gesonderter Form öffentlichen Argumentierens aufwirft. Bevor wir uns dem Thema einer ideellen 'Wissenschaftsautonomie' in ihrem Entstehungssprozeß und ihrem Zusammenhang mit anderen 'Korrektureinrichtungen' zuwenden, hören wir Platon und Aristoteles mit den für sie wichtigen Einwänden, zumindest gegen die sogenannte 'radikale' Form der Demokratie in der Zeit des peloponnesischen Krieges, und ihren vor allem eine öffentlich wirksame sophismatische Praxis betreffenden Bedenken. 5

Platon konzediert zwar, daß die Demokratie eine für viele Menschen angenehme Verfassung sei, weil äußerlich sehr frei, tolerant und für gesetzgeberische Verbesserungen einschließlich ihrer öffentlichen Diskussion offener als andere: "Sie erscheint als die schönste der Staatsverfassungen. Wie ein Kleid mit farbenprächtigen Blumen bunt geschmückt ist, so ist auch sie ... von prächtigem Anblick. Sicherlich erklären sehr viele Menschen sie für die schönste, wie es auch Frauen und Kinder tun, wenn sie bunte Gewänder bestaunen ... Sie ist - so scheint es - eine angenehme, herrenlose und bunte Verfassung, die ohne Unterschied Gleichen und Ungleichen dieselbe Gleichheit zuteilt" (rep. 8, 557 c und 558 c). Doch das ist nur Schein. Viel wichtiger ist Platon ein 'demokratischer Typ Mensch' ('aner demokratikos'), der das Wesen der Demokratie und ihre selbstschädigenden Aporien bestimme: "... die Demokratie geht an dem unersättlichen Streben nach ihrem höchsten Gut zugrunde.... (der) Freiheit" (rep. 562 b). Ansatzpunkt der platonischen Kritik, die aus der Idee eines Idealstaates hervorgeht, ist, daß sich unproduktive Nutznießer des politischen Systems, die sogenannten "Drohnen" ("kephenes") - gemeint ist damit die ganze Klasse der 'Demagogen' - dort frei entfalten und der Politik bemächtigen können: "Die Leitung des demokratischen Staates liegt fast ausnahmslos in den Händen solcher Menschen". Ihre Herrschaftstechnik besteht nach Platon darin, die Reichen mit Zustimmung des Volkes zu Leistungen für das Volk zu zwingen, sie als "Honiggeber" einerseits zu dulden und andrerseits auszupressen, um von der weggenommenen Habe weniges an das arme und unwissende Volk zu geben, das meiste jedoch für sich zu behalten. Ein Mittel, die Reichen gefügig zu machen, seien die Anklagen wegen 'Umsturz' , 'Feindschaft gegen die Demokratie' und 'oligarchischer Gesinnung' ('neoterizein', 'epibouleuein', 'oligarchikoi einai'), wenn diese ihre Belange in öffentlicher Rede verteidigten. Das führe dazu, daß sich die Drangsalierten zusammenschlössen und daß es ständig innere Konflikte (" Eisangelieverfahren, Strafurteile, öffentliche Kampagnen" - "eisangeliai, kriseis, agones") gebe. Gefährlich sei besonders die Etablierung prominenter Demagogen wegen der darin liegenden Ansätze für eine Tyrannis (rep. 554 c - 565d). Dem demokratischen Menschentypus lastet Platon "lügenhafte und prahlerische Überzeugungen" , "Hochmut und Willkür, Verschwendung und Schamlosigkeit" an. Ein "wahrhaftiges Wort"("logos alethes") nehme er nicht an, er lebe in den Tag hinein und genieße "sein süßes Leben ohne Maß bis zur Neige" (rep. 8. 560 a - 561 d). Diese Charakterisierung meint vor allem das öffentliche Agieren des Demos, und damit den wesentlichen Teil einer 'Öffentlichkeit der Demokratie'. Bei der Erörterung anderer Verfassungsformen erwähnt Platon nichts Derartiges über die tragenden politischen Menschengruppen; dies unterstreicht den sehr zielgerichteten Charakter seiner Kritik. 6

Aristoteles konkretisiert diese - in der Antike später oft, etwa von Cicero in 'De re publica', wiederholte - Position mit historischen Bezügen. Im 'Staat der Athener' erwähnt er eine Anzahl von Fehleinschätzungen und -entscheidungen, deren Kritik er zumeist auch mitträgt. Diese beginnt bei der Areopag-Entmachtung des Jahres 462 v. C.: "Der Areopag wurde seiner Aufsichtsfunktion beraubt. Ergebnis war, daß die Verfassung mehr und mehr verfiel, weil die Volksführer leichtsinig handelten". "Feldherren ohne Kriegserfahrung ... traten an die Spitze, sodaß von den Ausrückenden immer zwei- bis dreitausend fielen und sowohl die Tüchtigen des Volkes als auch der Oberschicht wegstarben." (Ath. pol. 26). Wegen der Einführung der Besoldung für die Volksgerichte durch Perikles gibt er Kritik dahin wieder, daß mit dem gleichzeitig eingeführten Losverfahren nun die Gerichtstätigkeit schlechter geworden sei, weil zufällig ausgeloste, oft unkundige Richter sie betrieben hätten. Auch die Richterbestechung sei erst nach dieser Reform zu beobachten gewesen (Ath. pol. 27). Für die Zeit nach Perikles' Tod kritisiert Aristoteles die demagogische Rhetorik der Führer der Demokraten-Partei. Kleon habe "das Volk durch leidenschaftliche Ausbrüche verdorben", indem er "als erster auf der Rednertribüne schrie und schimpfte und, vulgär gegürtet, Volksreden hielt, während die anderen in der erforderlichen Ordnung redeten" ( "en kosmo legonton" - Ath. pol. 28, 3). "Von Kleophon an übernahmen die Volksführung ununterbrochen nur noch die, die sich am unverschämtesten aufführten und dem Volk am meisten nach dem Munde redeten, dabei aber nur auf das unmittelbar Naheliegende achteten" (Ath. pol. 28, 4). Die Fehleinschätzungen vor und bei der sizilianischen Expedition und späterhin bei der Zurückweisung spartanischer Friedensangebote (413, 410 v. C.), werden indirekt solchen Politikern wie Alkibiades und Kleophon, angelastet. Nikias, Thukydides und Theramenes dagegen erscheinen, im Rahmen der jeweiligen Umstände, als "um die verfassungsmäßige Ordnung und väterlich um das Wohl des ganzen Staates bemüht" ("te polei pase patrikos chromenoi" - Ath. pol. 28, 5). Damit ist die Kritik längst nicht abgeschlossen. Doch wollen wir wegen der eingangs erörterten Beispiele hier nicht fortfahren, sondern nur betonen, daß auch Fehlentscheidungen auf 'oligarchischer Seite' von Aristoteles kritisiert werden, so die gegen den Demokraten-Führer Theramenes erlassenen Sondergesetze und der gegen ihn geführte politische Strafprozeß und generell die durch die oligarchische Diktatur d. J. 404/3 durchgeführte Liquidierung von1500 Angehörigen der Demokratenpartei (Ath. pol. 35, 4 und 37). 7

 

III. Zum Zusammenhang von öffentlicher Meinungsbildung und sophismatischer Argumentation.

Es geht uns hier nicht im einzelnen um die Nachprüfung derartiger Kritik oder um die hinter ihr stehenden sozialen oder politisch-ideellen Affinitäten. Es soll vielmehr der strukturelle Hintergrund einer 'Öffentlichkeit' angesprochen werden, der für den scharfen Meinungskampf der 'Demokraten' untereinander oder gegen die 'Oligarchen' oder für das gelegentlich umgekehrte Vorgehen letzterer erst die Entfaltungsmöglichkeiten und Verfahren bereitstellt. Außerhalb der Möglichkeiten legitimer äußerer oder innerer Gewaltanwendung bildet und äußert sich politischer Willen in Athen ja auf argumentative Art, dabei einteilbar in den Bereich der politischen Beratung in den Gesetzgebungs- und Regierungsorganen, in den der gerichtlichen Rechtsanwednung oder der Rechtmäßigkeitskontrolle und ferner in den der 'auf der Agora', vor einem 'Publikum' stattfindenden öffentlichen Meinungsäußerung. Den Aktionsmöglichkeiten und -notwendigkeiten dieser Bereiche entsprechend, hat die antike Rhetorik-Lehre stets drei 'Genera' ('gene') argumentativer Tätigkeit unterschieden, die von Spezialisten der öffentlichen Rede, den Rhetoren oder Demagogen (hier im positiven oder zumindest neutralen Wortsinne), in Ausübung ihres Berufs bei öffentlichen Meinungskämpfen und Entscheidungsprozessen beherrscht werden mußten: die politische Rede (genos symbouleutikon, genus deliberativum), die Gerichtsrede (genos dikanikon, genus iudiciale) und die 'öffentlich beweisende' Rede (genos epideiktikon, genus demonstrativum); zur dritten Gattung gehört unter anderem auch die - oft sehr unwahre - öffentliche Festrede, das genos panegyrikon. Versteht man all diese Genera einmal weniger als literarische Sprach- , denn vor allem als pragmatisch-politische Aktionsformen i. w. S., die sie eigentlich sind, so wird klar, daß ihre semantischen Bezüge durch Vorgaben pragmatischer Art stark vorgeformt sind und sein müssen. Die Auffindung und Selektion der Redeinhalte (heuresis, inventio), die 'Taktik' der Redeteile (taxis, dispositio)), vor allem die Beweisführung, die sich auch auf situationsangemessene Erwiderungen einzustellen hat (pisteis, probationes), die Formulierungskunst und Sprachwahl (lexis), die Wahl der 'äußeren Redeumstände', die so wichtige und vielsagende Dinge einschließt wie Mimik und Gestik (hypokrisis, actio, 'Inszenierung'), das Bereithalten von Wissen und einprägsamen Formulierungen für verschiedene mögliche Redesituationen im öffentlichen Meinungsstreit (mneme, memoria), all dies ist Inbegriff instrumenteller Nutzung für pragmatische Ziele und wirkt formal sogar auf, reine Redeübungen und reine Unterhaltungsrhetorik ein. Die primär pragmatische Struktur der Genera öffentlicher Rede spiegelt, um es zusammenzufassen, eine primär pragmatische, also nicht primär semantisch-wahrheitsbezogene Struktur der Öffentlichkeit selbst wieder. 8

Die darin liegende Problematik für die Wahrheitsgehalte öffentlicher Meinungskontroversen ist jener Richtung in der griechischen Philosophie Ausgangspunkt für grundsätzliche Überlegungen über eine Methode strikt wahrheitsbezogenen öffentlichen Argumentierens geworden, die man als 'dialektische' mit den Namen Sokrates, Platon und Aristoteles zu verbinden pflegt. Im allgemeinen gelten die sogenannten 'Sophistendialoge' Platons, als erste Manifestationen einer philosophischen Grundsatzkritik an eher pragmatisch-eristischen Verfahrensweisen einer damals sehr aktiven sophistischen Rhetorik, d.h. vor allem die Dialoge 'Protagoras', 'Euthydemos', 'Gorgias' und 'Phaidros'. 9

Doch erst Aristoteles hat die operativ wichtigen Abgrenzungen zwischen 'wahrheitsbezogener Diskussion' und 'eristisch-pragmatischem Streitgespräch' formuliert. Er hat dem Thema zwei systematische Untersuchungen gewidmet, von denen zumindest eine - anders als die platonischen Dialoge - in ihrer ideen- und politikgeschichtlichen Bedeutung im allgemeinen zu wenig Beachtung findet und deshalb hier einmal hervorgehoben werden soll, nämlich die Schrift über die 'Sophistischen Widerlegungen', verständlicher übersetzbar als 'Widerlegungen der Sophismen' -, die neben der anderen, bekannteren über die 'Rhetorik' steht, aber nicht wie diese die sprachliche Form (exo lexis), sondern die logische Beschaffenheit (eso lexis) sophismatischer Grundmuster von Diskussionen betrifft. Ihr Anliegen ist mithin eine dialektisch-topisch richtige oder zumindest angemessene Widerlegung von 'Fehlschlüssen und Irreführungen'.

In der 'Rhetorik' hat er die öffentlich argumentierende Rede in ihren Funktionen analysiert und dabei auf den wissenschaftlich wesentlichen Unterschied zwischen einer argumentativ redlichen Rhetorik und ihrem 'sophismatischen Mißbrauch' Wert gelegt. Danach berühren zwar nicht die rhetorischen Techniken als solche, sondern nur ihr sophismatischer Mißbrauch das Problem der öffentlichen Wahrheitsfindung bzw. Irreführung. Die Sophismatik hat aber faktisch eine tonangebende Bedeutung in der Rhetorik, - dies erklärt einen generell anti-rhetorischen Affekt Platons - und tritt in zwei Formen auf: einmal in Form des weniger gefährlichen, weil relativ leicht zu widerlegenden sophismatischen Vorgehens in Diskussionssituationen, in denen sich kundige Redner, gewissermaßen mit gleichen Waffen ausgestattet, gegenüberstehen, zum andern aber in der viel folgenschwereren Form strategisch konzipierter demagogischer 'Immission', d. h. einer abgesicherten Einflußnahme in möglichst nur eine Richtung, und der damit oft erzielten größeren kollektiven Selbsttäuschungen innerhalb eines Gemeinwesens.

Die Rhetorik-Schrift des 'Aristoteles' läßt die Gefahren 'einseitiger' öffentlich angewandter Sophismatik, d. h. der 'Demagogie' - verstanden im heutigen, ausschließlich negativen Sinne des Wortes -, im Zusammenhang mit Verdikten über die Objekte, Verursacher und Techniken der Praxis des Meinungskampfes und der Meinungsherrschaft in der attischen Demokratie deutlich werden. So etwa, wenn er Demosthenes mit folgenden Aussprüchen zitiert: das Volk sei "gleich denen, die auf Schiffen an Seekrankheit leiden", oder: die Demagogen seien "wie Ammen, die die für die Kinder vorgekaute Speise selbst hinunterschlucken, die Kinder aber mit Speichel beschmieren". Als plastisches Beispiel für die sophismatisch-pragmatische Rhetorik sei die von Aristoteles in der Lehre vom Redeaufbau schulmäßig abgehandelte Stasis der Abwertung (diabole) des Gegners angeführt, die im Aufbau jeder politischen und jeder justiziellen Rede unabdinbar sei. "Bedeutungsloses vage und lang zu loben und Dinge von Bedeutung dann in prägnanter Weise zu tadeln oder nach vorhergehender Aufzählung vieler guter Qualitäten das eine, was in direktem Zusammenhang zu dem vorliegenden Sachverhalt steht, tadelnd herabzuwürdigen: Redner die dergleichen tun, sind diejenigen, welche die rhetorische Technik am besten beherrschen und beim Unrechttun die geringsten Skrupel haben; denn es liegt in ihrer Absicht, die Dinge, die gut sind, durch Beimischung von Bösem in ihrem Wert zu schädigen" (rhet. 3, 1416 b). Auch die große Mehrzahl der rhetorischen Tropen ist - was bei einer philologisch-ästhetischen Analyse der Rhetorik- Schrift nicht im Vordergrund steht, wohl aber bei einer politik- oder logikorientierten - als demagogisch angelegt zu erkennen. 10

Nun zu den 'Sophistischen Widerlegungen'. Diese Schrift wirkt im ganzen eher trocken, pedantisch und unplastisch in ihrer lehrhaften Art, bestimmte Fehlformen der Argumentation abstrakt vorzustellen und zu untersuchen. Dies mag auch ein Grund dafür sein, daß sie sich im allgemeinen eher in der Obhut der Altphilologie oder Philosophie-Geschichte als im Zugriff der politischen Ideengeschichte befindet. Aber das darf keinesfalls vergessen machen, daß in ihr - viel mehr als in der 'Rhetorik'-Lehre - die Grenzen einer autonomen Wissenschaftlichkeit gegenüber allen Formen pragmatischer Wahrheitsverformung, sowohl in der eher privaten als insbesondere auch in der öffentlichen, weithin wirkenden Meinungsbildung gezogen und verdeutlicht sind. Die sokratische und platonische Abgrenzung wahrheits- und logikbezogener Erkenntnis von pragmatisch-rhetorischer Wahrheits- und Logik-Fiktion, d. h. 'sophistischer' Unwahrheit wird dabei systematisch verfeinert.

Schildern wir kurz ihren Inhalt. Im Mittelpunkt der kleinen Abhandlung stehen die dreizehn abstrakten Konfigurationstypen der Fremd- oder Selbsttäuschung (sophismata, paralogismoi, fallaciae), unter die nach Aristoteles alle Fehlschlußarten eingeordnet werden können. Er gliedert sie in 'sophismata para ten lexin' ('fallaciae dictionis', 'sprachbedingte') und 'sophismata exo tes lexeos' ('fallaciae extra dictionem'; 'nicht-sprachbedingte', d. h. nur das logische Denken betreffende). Einige prominente Beispiele: Von den 'sprachbedingten' Täuschungen sind etwa die Verwechslung verschiedener Bedeutungen eines und desselben Wortes (Homonymie; fallacia aequivocationis) wichtig oder die Unklarheit einer Aussage (Amphibolie, fallacia ambiguitatis), oder die - oben schon erwähnte - rhetorische Täuschung durch den Esprit (asteia) der Redefiguren (paralogismoi tropon, fallacia figurae dictionis). Die Figuren 'nur logik-bezüglicher' Täuschung sind wissenschaftlich geläufig, wenn auch oft in ihrer Wissenschaftstradition nicht bewußt, die sich von Aristoteles herleitet. Zu ihnen gehören die folgenden: die Verwechslung wesensbezogener und akzidenzbezogener Aussage ( ho para to symbebekos paralogismos, fallacia accidentis), die Verwechslung von kategorischem und relativem Charakter einer Aussage (ho en merei os haplos paralogismos, fallacia quia simpliciter vel non), die Selbstverstrickung durch Unfähigkeit zur Widerlegung (ho para me dioristhai ti elegchos paralogismos, ignoratio elenchi), die Gleichsetzung von Ausgangssatz (demonstrans) und Schlußsatz (demonstrandum) in einem Syllogismus (to en arche lambanein, petitio principii), die Verwechslung von Ursache und Folge (ho para to hepomenon paralogsmos, fallacia consequentis), die Behandlung eines Nicht-Ursächlichen als Ursache (ho para to me aition hos aition paralogismos, fallacia propter non causam ut causam) und die Behandlung mehrerer Fragen als einer (ho para to ta dyo erotemata hen poiein, fallacia plurium interrogationum ut unius).

Mithilfe dieser Täuschungsarten könne der unredlich Streitende, der Eristiker , so Aristoteles, seinen unkundigen Gegner scheinbar widerlegen, ihn durch scheinbare Unrichtigkeiten oder Paradoxien verunsichern und ihn sogar zu unsinnigem und falschem Sprachgebrauch zwingen. Um dem zu begegnen, legt Aristoteles die - in der Schwierigkeit ihrer Anwendung oft nicht zu unterschätzenden - Taktiken der Widerlegung, der Elenktik, dar: wie man bei der Widerlegung seine Fragen anordnen müsse, wie man ein eigenes scheinhaftes Argumentieren bei der Widerlegung vermeiden könne, wie man die Fähigkeit zu situationsangemessen ausführlicher oder kurzer Widerlegung erwerbe. Den Sinn des Erwerbs solchen Wissens sieht er interessanterweise nicht nur in der Verbesserung einer substanziellen argumentativen Wehrhaftigkeit, deren theoretische Begründung er übrigens für sich in Anspruch nimmt, sondern auch in der Verbesserung der Fähigkeit des Argumentierenden, sein persönliches Argumentieren von Paralogismen freizuhalten, d. h. nicht interessen-, sondern wahrheitsbezogen zu argumentieren. 11

Die große praktische Bedeutung einer Lehre von den Sophismen und ihrer Widerlegung erscheint fast trivial; denn Eristik und Selbsttäuschung sind überall, zumal in der Öffentlichkeit, präsent - von der Praxis des politischen Meinungskampfes bis hin zur öffentlichen Kunstausübung und Unterhaltung. Aber sie werden gerade darum nicht bewußt oder beachtet; vielleicht liegt der Grund auch darin, daß sie zu den mehr oder weniger geheimgehaltenen Hausmitteln der Selbstbehauptung und Machtentfaltung allenthalben gehören. Sie gehen einfach in die sozial unmittelbar normativ wirkenden Komplexe der 'communis opinio', d. h. in Weltanschauungen, Stile, Moden, Glaubensregeln und sonstige Korrektheits-Postulate ein. Besonders in der Politik sind wichtige Sophismen nicht so sehr als einzelne Aussagen oder Schlußfolgerungen, sondern mehr als Resultanten oder Hauptaspekte von Handlungs- oder Ideenkomplexen von Bedeutung, die man erst herausanalysieren muß, z. B. bei politischen Kampagnen, Gesetzesbeschlüssen, Gerichtsurteilen oder politischen Programmen und Kampfbegriffen. Die eingangs erwähnten Fallbeispiele illustrieren darüber hinaus ausreichend, wie machtgestützt-autoritätsheischend und widerspruchsausschließend die Triebkräfte hinter öffentlich-wirksamen Sophismen sein können und wie sehr sie sich vertrauter und an sich vertrauenswürdiger politischer oder rechtlicher Verfahresweisen zu bedienen pflegen, wenn ihre Zeit da ist.

 

IV. Ansätze für eine institutionelle Sicherung öffentlicher Wahrheitsfindung in Athen, die Stellung der Wissenschaft darin und deren antike Tradition.

In der attischen Demokratie gibt es verschiedene traditionsreiche und bemerkenswerte Ansätze, die durch politische Prioritäten oder Interessen erzeugten Wahrheitsverformungen, die man als Problem erkennt, nicht erdrückend für die Bürger oder selbstschädigend für die Politik-Organisation werden zu lassen.

Ein bereits in vordemokratische Zeit (6. Jht.) zu datierender Ansatz ist die schon erwähnte, religionsrechtlich abgesicherte 'Parrhesie' der Komödie, die im definierten öffentlichen Rahmen der religiösen Festspiele, etwa der Dionysien oder Lenäen, wirkt und mindestens seit der Mitte des 5. Jhts. auch den Angriff auf 'Machenschaften' von 'Politikern' ebenso wie den 'Unverstand des Demos' gestattet. Die Komödien des Aristophanes führen sie uns plastisch vor Augen. 12

Ein rein politischer Ansatz ist das jedem Bürger im Rahmen der Volksversammlung zustehende Recht, Anträge zu stellen und mit einer Rede zu begründen (Isegorie). Daß dies Recht in den Sog der Parteiströmungen zu geraten und in politisch wichtigen Angelegenheiten außerhalb ihrer selten ausgeübt zu werden pflegt - eine Ausnahme ist etwa Sokrates beim Arginusen-Psephisma -, schließt nicht aus, daß es sich um eine von der Anlage her wahrheitsfördernde, weil Kritik freisetzende Einrichtung handelt. Man kann zur Verdeutlichung dessen etwa auf die Klage des viel späteren, im frühkaiserzeitlichen Rom lebenden und leidenden Tacitus hinweisen, der in seiner Schrift 'Dialogus de oratore' oder in seinen 'Annalen' (ann. 1, 7 ff.; 4, 32 ff.) die Veränderung von der öffentlichen Meinungsbildung in der Republik bis zu der unter den Kaisern üblichen Kontrolle über die öffentlich verbreiteten Ideen und Meinungen betrauert. 13

Im Rahmen der späteren Verfassungsreformdiskussionen in Athen gibt es einige weitere Korrektur-Ansätze. Aristoteles zählt in seinem 'Staat der Athener' bei den Verbesserungen der Verfassung bis zu seiner Zeit etwa folgende auf: die Einführung der ausschließlichen Zuständigkeit der Gerichte - statt des Rats oder gar der Volksversammlung - für Strafurteile, die Vorberatung aller Beratungsgegenstände der Ekklesie durch die Boule, die Auslosung der meisten Amtsträger aus einer größeren Anzahl von Bewerbern mit anschließender Dokimasie und ggf. gerichtlicher Überprüfung oder die Maßnahmen zur absolut zufälligen - also nicht interessengesteuerten - Zusammensetzung der Gerichte und zur Wahrung der Waffengleichheit der Parteien vor Gericht. (Ath. pol. 42 ff.). 14

Generell gehören alle Formen der Gewährleistung einer unparteiischen und auf Beweismitteln beruhenden Streiterledigung vor Gericht, wie sie schon die Idee eines Gerichtsverfahrens vorschreibt und eine Polis wie Athen frühzeitig gesetzlich festlegt, in diese Aufzählung. 15

Neben all diesen Ansätzen stehen nun die spezialisiert-wissensbezogenen. Alt ist der außerhalb Attikas entwickelte Vorbehalt der ionischen 'Naturphilosophie' gegen religiöse Mythen, die Aristoteles mit dem Solon-Zitat charakterisiert: "Über vieles täuschen [scil. sich und andere] die Sänger" ("polla pseudontai aoidoi" - met. 1, 983 a).

Eine methodisch-wahrheitsbezogene Kritik gesellschaftsbezogenen Wissens beginnt ebenfalls schon vor der Entwicklung der Sophistik, d. h. vor der 2. Hälfte des 5. Jhts. v. Chr., etwa bei der Berichterstattung über fremde Länder und Völker. Im Bereich der - auch geographische und ethnologische Fragen miterörternden - 'Historie' ('Wissen') Herodots finden wir jedenfalls entwickelte Prinzipien der Ermittlung des 'Zutreffendem'('atrekaie') im 'Gerede' ('legomena') und einer eigenen Nachprüfung der Tatsachen ('Autopsie') vor. Nach ihm entwickeln Thukydides und Xenophon das Prinzip der über den Fronten stehenden und beweisbaren Darstellung der politischen Pragmata. 16

Ihr prinzipielles Interesse an der Wahrheit mündet ein oder steht schon im Zusammenhang mit jener wahrheitsbezogene Entwicklungsrichtung innerhalb der Sophistik, die mit Sokrates beginnt. Diese geht von erkenntnistheoretischen Problemen aus, die das Sein des Wirklichen (ontos on) und des Unwirklichen, Scheinhaften (doxa), die grundsätzlich 'zirkuläre' Konstitution der Begriffe (eide, horoi) und die grundsätzliche Uneindeutigkeit aller intersubjektiv wirksamen Sprache (lexis, semeia) betrifft und in dem berühmten Satz des Gorgias von Leontinoi auf den Punkt gebracht sind: "Es existiert nichts.Wenn aber auch etwas existierte, so wäre es für den Menschen unfaßbar. Wenn es aber auch faßbar wäre, so wäre es doch unaussprechbar und unmitteilbar". Von dem 'mäeutischen' und 'paradoxen' Vorgehen des Sokrates gegen allgemein übliche, aber unrichtige Gemeinplätze, über die dialogisch-dialektische Konfrontation Platons mit einer pragmatischen Rhetorik und einem herakliteischen Empiriokritizismus bis hin zur systematisch-dialektischen Fachwissenschaftlichkeit des Aristoteles, entwickelt sich in drei Philosophen-Generationen eine 'wahrheitsbezogene Philosophie' mit expliziten methodischen Grundregeln und wissenschaftsethischen Maximen, die in starkem Maße geprägt sind einmal von einer anti-sophismatischen Grundeinstellung, wie sie in der aristotelischen Schrift Ausdruck findet, und zum andern durch eine theoretisch-prinzipielle Distanz zur Politik, die Platon folgendermaßen ausdrückt: "Kennst du irgendeine andere Lebensform, die sich von der politischen Macht so wenig beeindrucken läßt wie eine wirklich wahrheitsliebende Philosophie?" ("Echeis bion allon tina politikon archon kataphronounta e ten alethinen philosophian?" - rep. 7, 521 a). 17

Es ist leider an dieser Stelle nicht möglich, den philosophischen Prozeß dieser ideellen Entwicklung, insbesondere seine maßgeblichen Schriften - vom platonischen Sophistendialog 'Protagoras' über die 'Ideenlehre' der 'Politeia' bis zur 'Metaphysik' und zum 'Organon' des Aristoteles, befriedigend zu skizzieren.18.

Auch konnten wir den größeren Zusammenhang wahrheitsbezogener Korrektureinrichtungen der Gesellschaft nur andeuten, mit dem eine sich ansatzweise autonom definierende antike Wissenschaft genetisch ebenfalls zusammenhängt. Aus diesen Institutionen dürften manche prinzipielle Prägungen des historisch neuen Phänomens kommen: so z. B. das Prinzip der unparteiischen, auf zuverlässigen Zeugnissen basierenden Sachverhaltsdarstellung aus dem Gerichtswesen oder das Prinzip der durch göttlichen Auftrag aufgegeben bedingungslosen Wahrheitssuche aus der Religion und der Parrhesie des Theaters. 19

Eine ideell begründete antike Wissenschaftsautonomie dürfen wir in ihrer Wirkungsmacht weder über- noch unterschätzen. Einerseits gibt es später weiterhin religiös motivierte Sitten und Gebräuche, die denjenigen, die sich als 'Philosophen' verstehen, unter ungünstigen Umständen den Vorwurf der Asebie einbringen können. Es gibt politische Loyalitätspflichten und schlicht auch einfache Machtverhältnisse innerhalb der Polis ebenso wie innerhalb anderer antiker Staatsordnungen, die für 'Philosophen' verhängnisvoll werden können. Aber weder das Todesurteil gegen Sokrates noch der Mißerfolg des Platon in Sizilien noch das Exil des Aristoteles am Ende seines Lebens ändern prinzipiell etwas an der ideell begründeten und allein dadurch auch öffentlich-wirksam gewordenen Selbstbestimmung der Ziele und Verfahren der Erkenntnis durch die Wissenschaft als überpersonalen Zusammenhang. So oft politische Gewalthaber, auch in späteren Zeiten der Antike, gelegentlich Philosophenvertreibungen organisieren, Bücherverbrennungen veranstalten, unerlaubte Meinungen und Ideen unterdrücken, so so sehr sind sie in der Regel doch auch an Glanz und Leistungen der damaligen Wissenschaften und ihrer Bildungsgüter interessiert. Eine Förderung antiker Gymnasien, Akademien, Lyzeen, Bibliotheken einschließlich der öffentlichen Besoldung wissenschaftlicher Spezialisten für Aufgaben der Lehre und der Forschung wird seit der Entstehung der hellenistischen Reiche üblich und nach Rezeption der griechischen Bildung in Rom bis in die christliche Spätantike hinein fortgesetzt. Im Begriff der 'artes liberales' bleibt dabei auch ein Ansatz antik-wissenschaftlichen Autonomieverständnisses erhalten. Die christliche Orthodoxie, die im römisch-imperialen Rahmen als zugleich religiöser, philosophischer und politischer Ideenkomplex dogmatisch auf die Grundlagen der Erkenntnis Einfluß nimmt, verdrängt zwar verschiedene Richtungen 'heidnischer' Philosophie von ihren Plätzen und greift sie ggf. mit laktanzischem Eifer an - eine altehrwürdige Vorform moderner säkularer Geistesherrschaftsansprüche auch über die Wissenschaft. Aber im Schoße der Klöster überleben mit den 'artes liberales' sogar die Nachlässe Demokrits, Epikurs, Pyrrhons oder Ovids die Glaubensstürme der christlichen Theologie. Mit der Scholastik, insbesondere mit ihrer neuen Aristoteles- Rezeption und der Übernahme der von islamischen Gelehrten in vergleichbar religiös-zwiespältiger Situation rezipierten antiken Literatur, mit den Universitätsgründungen und mit der Emanzipation der Philosophie von der Theologie des späten Mittelalters breitet sich die systematische Neuerschließung des wissenschaftlich-philosophischen Erbes der Antike vor, die am Anfang einer neuzeitlichen Rationalitätsentwicklung - mit hier und da eigener 'negativer Dialektik' - steht und immerhin in liberal verfaßten Gesellschaften zum Verfassungsgrundsatz der Wissenschschaftsfreiheit führt. 20

 

V. Zur Bedeutung der Prinzipien einer antiken Wissenschaftsautonomie für unsere Gegenwart.

Wollen wir deshalb zum Abschluß noch die Frage stellen, was die erörteten Öffentlichkeits- Probleme der attischen Demokratie an Aktualität für unsere Gegenwart haben. Es gibt Analogien zwischen den Öffentlichkeiten moderner Gesellschaften und jener der attischen Demokratie insoweit, als sich eine moderne öffentliche Meinungsbildung, die ja trotz aller Unterschiede sowohl in totalitären als auch in demokratisch-pluralen Systemen ausgeprägt ist, derselben argumentativen und sophismatischen Grundmuster bedienen muß wie jene. Unterschiedlich sind allerdings die medialen Möglichkeiten und ihre Reichweite, die heute gegenüber der Antike ungeheuerlich gewachsen sind. Ich will mich hier darauf beschränken, für eine im Hinblick auf diese medialen Möglichkeiten einheitlich behandelbare 'moderne' politisch-sophismatische Phänomenologie aller Systeme drei Autoren anzusprechen, die sie eindrucksvoll beschrieben oder analysiert haben. 21

1) Den Typus eines Systems der Manipulation der Begriffswelt und des Sprachgebrauchs einer Öffentlichkeit unter 'totalitären' Verhältnissen hat eindrucksvoll - und in wichtigen Aspekten, wie ich meine, auch für 'nicht-totalitäre' politische Systeme aktueller Form - George Orwell in seinem 1949 erstmals erschienene Roman '1984' illustriert. Mit dem überaus prägnanten Begriff der 'Newspeak' hat er eine regulierte öffentliche Sprachwelt charakterisiert, in der die Dinge nach politisch vorweg bestimmtem Bedarf und ganz unabhängig von dem, was der Fall ist, ja ggf. in geradem Gegensatz dazu, zurechtdefiniert und -geredet werden, so daß z. B. ein Ministerium, das für die opportune Verfälschung der historischen Wahrheit zuständig ist, als 'Wahrheitsministerium', das Kriegsministerium als 'Ministerium für Liebe' firmiert usw. 22

2) In seiner 1978, zu Beginn der Charta-77-Aktivitäten, verfaßten Schrift 'Versuch, in der Wahrheit zu leben', hat ferner Vaclav Havel - Orwell bestätigend und weiter fassend - mit Recht ausgeführt, daß es sich bei einem Zusammenhang kollektiv-öffentlicher Täuschung und Selbsttäuschung, wie ihn Ideologie, Agitation, Propaganda und die darauf eingehende Mitwirkung der Bevölkerung in Systemen unter der 'Diktatur des Proletariats' darstellen, gar nicht nur um einen Oktroi aufgrund totalitär ausgeübter Gewalt handelt. Vielmehr sieht er in ihm eine aus zwar parteilich begrenzten, aber dennoch traditionsreichen - hier 'fortschrittlichen' - Strömungen des sozialen und des geistigen Lebens hervorgehende Struktur sich selbst stabilisierender und perpetuierender kollektiver Aporie. Bemerkenswert ist, auch wenn man die Entstehungsumstände dieser Schrift berücksichtigt, daß Havel ein grundsätzliches Mißtrauen gegenüber politischen Systemen und Begriffen ausdrückt und konstruktive Alternativen in der Organisation politisch nicht angeleiteter Wahrheitsfindung und Meinungsbildung nur in solchen gesellschaftlichen Bereichen sieht, die 'übergreifenden' Organisations- und ideellen Kompromiß-Zwängen der politischen Sphäre nicht unterliegen. A. Glucksmann hat denn auch - vielleicht etwas zu weit greifend - Havel mit seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber den zentralen Begriffen und Formeln der politischen Sprachen, die er in seiner Frankfurter Rede 'Ein Wort über das Wort' (Slovo o slovu, 1989) thematisiert hat, einen 'modernen Sokrates' genannt. 23

3) Aus Amerika kommt eine Grundsatzkritik an andersartig entstehenden, aber in ihrer Wirkung ebenfalls gesellschaftsweiten und damit ggf. auch politisch bedenklichen Defekten moderner Öffentlichkeitsstrukturen, nämlich Neil Postmans 1985 erstmalig veröffentlichte Streitschrift 'Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business'. Während Orwell und Havel die Sophismatik einer politisch umfassend und perfekt regulierten, öffentlichen Ideenwelt bedenken, geht es bei Postman um die aus 'freiheitlich verfaßten' Kollektiv-Bedürfnissen entstehenden dramatischen, ästhetischen, metaphorischen oder archetypisch-phantastischen Verformungen öffentlich mitgeteilter Meinungen und Informationen, kurz um die sophismatische Grundstruktur der 'Unterhaltung' als Transport- und Mobilisierungsmittels der modernen 'Medien'. Die begriffliche Schwerfaßlichkeit und oft zirkuläre Argumentationsstruktur des Bildes, die Dauermischung von Wesentlichem und Unwesentlichem in der Flut der 'Neuigkeiten' sind dabei für Postman, wie sein Hinweis auf Aldous Huxley klarstellt, gerade auch als Momente politischer Gefährdung der freien Urteilskraft und der rationalen Verantwortung - als Prinzipien eines menschengemäß und vernünftig eingerichteten Staates - von besonderer und, wie er meint, künftig zunehmender Bedeutung. Manipulation der Erkenntnis und kollektive Selbsttäuschung vollziehen sich nicht nur, vielleicht nicht einmal überwiegend, als intentional bösartige politische Prozesse. Oft sind sie ein Mittel zu höheren Zwecken oder für prioritäre Interessen, denen gegenüber 'unwichtige Wahrheiten' zurücktreten müssen. Sie sind oft - wie in Athen - eher Nebenfolgen an sich sinnvoller, ja sogar wahrheitsverpflichteter Einrichtungen. 24

Die Freiheit der Meinungsäußerung und die Pressefreiheit (Art. 5, Abs. 1 GG), die Freiheit der Berufsausübung einschließlich der Freiheit zur Werbung (Art. 12, Abs. 1 GG), das Recht der Parteien zur Mitwirkung an der politischen Willensbildung des Volkes (Art. 21, Abs. 1 GG) und auch die Freiheit der Wissenschaft (Art. 5, Abs. 3 GG) sind gewiß nicht zur Verbreitung von Unwahrheiten garantiert worden, sondern eher für das Gegenteil. Und doch: wie oft haben wir es - selbst unter den moderaten rechtlichen Bedingungen des Grundgesetzes - bei ihrer Ausübung - und das vor allem in öffentlich-politischen Angelegenheiten - mit Sprachregelungen, unbrauchbar oder irreführend gemachten Begriffen, skrupelloser Nachrichtenselektion, sprachlich-topischen oder bildlich-topischen Simplifizierungen oder auch kunstgerecht-ästhetisch kaschierter Realitätsverzerrung zu tun, neben der simplen Polemik und unsachlichen Image- oder Stereotypbildung für Völker, Staaten und Kulturen, für soziale Gruppen und einzelne Personen oder Persönlichkeiten. 25

Wie jede andere, der Wahrheit verpflichtete rechtliche Institution unserer Gesellschaft, aber wegen ihres besonderen, über das Medium der Wahrheit dem Gemeinwohl verpflichteten selbstbestimmten Zieles in besonderer Weise, muß gerade die Wissenschaft - erheblich mehr als eine 'alethine philosophia' Athens - gegen heutige, ungleich größere Gefahren den Prozeß der öffentlichen Wahrheitsfindung mit ihren distanzwahrenden Prämissen und Erkenntnismitteln begleiten, unterstützen, und, wo nötig, auch konsequent kritisieren.

Einige von Sokrates, Platon und Aristoteles in ihrer Auseinandersetzung mit einer pragmatischen Rhetorik und einem empiriokritischen Skeptizismus innerhalb der Sophistik des 5. und 4. Jhts. v. Chr. entwickelte Prinzipien des dialektisch-systematischen Zugangs zur Wahrheit bleiben dabei nützlich oder gar nötig für eine inhaltliche Abgrenzung der Wissenschaft gegenüber diversen dominant werdenden sophismatischen Tendenzen im gesellschaftlichen und politischen Leben. Es sind:

Die letztgenannte ist vermutlich die auch in unserer Zeit am schwierigsten einzuhaltende Maxime. Ihre Mißachtung ist das Einfalltor der kleineren Irrtümer, Unklarheiten, Kompromißformeln und unerlaubten Verschweigungen, aus denen sich größere und große Irrtümer, ja ganze kollektive Aporien für ganze Gesellschaftssysteme ergeben können. Deshalb stehe am Schluß dieser Ausführungen ein einschlägiges Platon-Zitat. In seiner Schrift 'Politeia' läßt Platon den Sokrates auf eine Vermutung, die sein Gesprächspartner Adeimantos über das Ziel der dialektischen Untersuchung des Gegenstandes, um den es gerade geht - nämlich die Funktion der 'Wächter' in der 'Politeia' - sagen: "Ich weiß es noch nicht. Aber wohin uns der Logos wie ein Windhauch führt, dorthin müssen wir gehen". Und darauf antwortet Adeimantos: "Das hast du schön gesagt" ("Ou gar de egoge po oida, all' hope an ho logos hosper pneuma phere, taute iteon". - "Kai kalos g' ephe legeis" - rep. 3, 394 d). Skeptiker mögen dazu neigen, den letzten Satz einfach mit "Schön gesagt" zu übersetzen. Aber die Skepsis allein reicht als Prinzip der Wahrheitsermittlung nicht aus 27.

 

ANMERKUNGEN

1 Zur Kritik an der attischen Demokratie: A. H. M. Jones, Athenian Democracy, (1957) Oxford 1986, S. 41 - 72 (The Athenian Democracy and its Critics); H. Wolff, Die Opposition gegen die radikale Demokratie in Athen bis zum Jahre 411 v. Chr., ZPE 36 (1979), S. 279 - 302; W. Nippel, Mischverfassungstheorie und Verfassungsrealität in Antike und früher Neuzeit, Stuttgart 1980, 1. Teil (Mischverfassung und Strukturprobleme antiker Staatlichkeit), bes. S. 42 - 123; M. Ostwald, From Popular Sovereignty to the Sovereignty of Law. Law, Society and Politics in Fifth-Century Athens, Berkeley u. a. O. 1986, Part II (Opposition to Popular Sovereignty), S. 175 - 336; E. Ruschenbusch, 'Patrios politeia', Hist. 7 (1958), S. 398 - 424; M. Treu, Pseudo- Xenophon: Die 'Politeia Athenaion', RE 2. Reihe, 9. Bd. (1967), Sp. 82 ff.; ders., Athen und Melos und der Melierdialog des Thukydides, Hist. 2 (1953/4), S. 253 - 273 (264 ff.) ff. C. Hignett, A History of Athenian Constitution to the End of the Fifth Century B. C. , Oxford 1970, S.27 ff.

 

2 Zum Hermenfrevel des Jahres 413 und seiner politischen Nutzung: M. Ostwald, wie Anm. 1, S. 312 ff, (323 ff); W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, HdA 7, 1, 3, München (1940) 1960, S. 130 ff. (zu Andokides); C. A. Powell, Religion and the Sicilian Expedition, Hist. 28 (1979), S. 15 - 31 (zu den religiösen 'Nebenereignissen' bei der Sizilien-Expedition).

 

3 Zum Arginusen-Prozeß: A. Mehl, Für eine neue Bewertung eines Justizskandals. Der Arginusen-Prozeß und seine Überlieferung vor dem Hintergrund von Recht und Weltanschauung im Athen des ausgehenden 5. Jhts. v. Chr., ZRG 99 (1982), S. 32 - 80; A. Andrewes, The Arginusai-Trial, Phoenix 28 (1974), S. 112 - 122. Zum politisch-strukturellen Hintergrund einer Veränderung der Verfassungskonzepte von der Rolle des Demos in Athen: W. v. Wedel, Die politischen Prozesse im Athen des fünften Jahrhunderts, Bolletino del'Istituto di Diritto Romano, 3. ser. (1971), S. 88 - 197 (S. 176 ff.); F. Quass, Nomos und Psephisma. Untersuchungen zum griechischen Staatsrecht, München 1971, S. 24.

 

4 Zum Prozeß gegen Sokrates: T. C. Brickhouse, N. D. Smith, Socrates in Trial, Oxford 1989; W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur. HdA 7, 1, 3, (1940) München 1960, S. 236 - 247; O. Gigon, Xenophons 'Apologie des Sokrates, MH 3 (1946), S. 210 - 245. Zu religiösen und politischen Hintergründen: E. Derenne, Les proces d'impiete aux philosophes a Athenes au 5me et 4me siecles avant J. C., (1930) ND Rom 1968, S. 71 -144.; P. Cloche, La restauration democratique a Athenes en 403 avant J. C., Paris 1915; der Verfasser geht auf den Sokrates-Prozeß S. 306 f. allerdings wegen seiner Einschätzung, der Prozeß habe keine politischen Gründe gehabt, nur kurz ein.

 

5 Zur antiken politischen Bedeutung einer wissenschaftlichen Lehre von den Sophismen: R. Zoepffel, Aristoteles und die Demagogen, Chiron 4, 1979), S. 69 - 90. Zur Sprachform 'der Lüge': H. Weinrich, Linguistik der Lüge. Kann Sprache Gedanken verbergen?, Heidelberg 1966, passim (betr. die generelle Fundierung der 'Lüge' in der Struktur von 'Bedeutungen' und dabei exemplarisch speziell die Lügein der ironischen und in der dichterischen Sprache).

 

6 Zur platonischen Kritik an der Demokratie: W. Jaeger, Paideia, Bd. 3, Berlin 19593, S. 47 - 78 (Zusammenhang mit einer 'anthropologischen' Erklärung aller Staatsformen); U. v. Wilamowitz, Der griechische und der platonische Staatsgedanke, Berlin 1919, 20 S. (insgesamt; ein indirekt die damalige politische Lage in Deutschland aus Sicht des Autors betreffender Vortrag); E. Barker, The Political Thought of Plato and Aristote, New York 1959, S. 81 ff.; R. Maurer, Platons Staat und die Demokratie, Berlin 1970, S. 39 - 68.

 

7 Zum politischen Denken des Aristoteles: E. Barker, The Political Thought of Platon and Aristote, wie Anm. 9, S. 444 ff.; W. Jaeger, Aristoteles, Berlin 19552 , S. 271 ff.; 398 ff., 428 ff.. A. Kamp, Die politische Philosophie des Aristoteles und ihre metaphysischen Folgen, Freiburg 1985, S. 245 - 289; J. M. Moore, Aristotle and Xenophon on Democracy and Oligarchy, London 1975, S. 143 ff.,, 208 ff.; I. Düring, Aristoteles, Darstellung und Interpretation seines Denkens, Heidelberg 1966, S. 434 - 506; G. M. Bien, Die Grundlegung der politischen Philosophie des Aristoteles, Freiburg 1973, S. 344 ff. Zum 'Staat der Athener'; U. v. Wilamowitz, Aristoteles und Athen, 2 Bde. (1893), ND 1966; M. Chambers, J. Day, Aristotle's History of Athenian Democracy, Los Angeles 1962, S. 62 ff.;. C. Hignett, A History of Athenian Constitution, wie Anm. 1, S. 27 ff.; P. J. Rhodes, A Commentary on the Aristotelian Athenaion Politeia, Oxford 1981, S. 260 - 492 (betr. die 'Geschichte der Demokratie', Ath. pol. 20-41). Zur Quellenkritik an dieser Schrift: Chambers, Day, Aristotle's History, w. o., S. 1 ff.

 

8 Zu den Gegnera der Rhetorik: R. Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer in systematischer Übersicht, Hildesheim 1963, S. 33 - 361 (nur für den Bereich 'inventio' ) u. a. O.; J. Martin, Antike Rhetorik, Technik und Methode, München 1974 (hier vor allem die Gliederung; das Buch befaßt sich im wesentlichen nur mit den drei Genera der öffentlichen Rede).

 

9 Zu den 'Sophisten-Dialogen' Platons und den darin von Platon wiedergegebenen antisophistischen Positionen des Sokrates: H. Meier, Sokrates. Sein Werk und seine geschichtliche Stellung, (1919) ND Tübingen 1964, S. 183 ff.; K. Prächter, Die Philosophie des Altertums, Tübingen 192612, S. 225 ff.; W. Jaeger, Paideia, Berlin 1959, Bd. 1, S. 364 - 418 (Sophistik), Bd. 2, S. 228 ff. und Bd. 3, S. 59 ff. (Sokrates) und S. 165 ff. (Protagoras-Dialog).

 

10 Zur Stellung der Elenktik-Lehre und der Rhetorik-Lehre in den Schriften des Aristoteles: I. Düring, Aristoteles, Heidelberg 1966, besonders S. 69- 87 und 126 - 149 (unter Hinweis auf das Neue auch gegenüber den thematisch korrespondierenden platonischen Dialogen 'Phaidros' und 'Euthydemos'). Zur Entwicklung der Rhetorik-Lehre des Aristoteles aus der ideelen Vorarbeit an der Topik-Lehre, einschließlich ihres 9. Buches, der 'Widerlegungen der Sophismen': F. Solmsen, Die Entwicklung der aristotelischen Logik und Rhetorik, Berlin 1929, passim. Die Praxis der Rhetorik in Athen, auf die Aristoteles Bezug nimmt und von deren eher 'handwerklichen' Grundlagen er sich rhet. 1, 1354 a distanziert, stellt anhand einer Analyse der überlieferten attischen Rhetoriker-Reden dar: F. Blass, Die attische Beredsamkeit, 4 Bde., (1887 - 1898), ND Hildesheim 1962; hier interessant etwa 1. Abt., S. 47 ff. (zu Gorgias), 2. Abt., S. 1 ff. ( zu Issokrates; darin S. 240 ff.: zur 'Rede gegen die Sophisten'). Zu den wissenschaftsethischen Prinzipien der aristotelischen Rhetorik-Lehre: M. H. Wörner, Das Ethische in der Rhetorik des Aristoteles, München 1990, bes. S. 101 - 283; A. Hellwig, Untersuchungen zur Theorie der Rhetorik bei Platon und Aristoteles, Hypomnemata 38, Göttingen 1973; E.Hunt, Plato and Aristotle on Rhetoric and Rhetoricians, Ed. by R. F. Howes, Ithaca 1961, S. 19 - 70; G. Kennedy, The Art of Persuasion in Greece, Princeton 1963, S. 52 ff.; F. G. Sieveke, Anmerkungen und Nachwort, in: ders. (Ed.), Aristoteles, Rhetorik, München 19893, S. 226 - 330.

 

11 Zur Topik- und Sophismatik-Lehre des Aristoteles: F. Solmsen, Entwicklung der aristotelischen Logik, wie Anm. 10 ; I. Düring, Aristoteles, wie Anm. 13. P. Wilpert, Aristoteles und die Dialektik, Kant-Studien 48, 1956; R. Zoepffel, Aristoteles und die Demagogen, Chiron 4 (1974), S. 69 - 90. Zur Fortentwicklung seit Aristoteles und zur heutigen Gestalt der Lehre von den Fehlschlüssen im Rahmen der Logik: W. und M. Kneale, The Development of Logic, Oxford 1978, S. 12 ff., 227 ff. und 298 ff.; W. K. Essler, Einführung in die Logik, Stuttgart 19692, S. 262 ff.

 

12 Zur Parrhesie der Komödie: V. Ehrenberg, Aristophanes und das Volk von Athen (dt. Übers.), Stuttgart 1968, S. 356 ff.; H. W. Parke, Athenische Feste, Mainz 1987, S. 197 ff. (Erörterung der rechtlichen Kontrollverfahren); A. Pickard-Cambridge, The Dramatic Festivals of Athens, 19682 , S. 58 ff.; W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, HdA 7, 1, 4, München (1946) 1956, S. 4 - 67. A. W. Gomme, Aristophanes and Politics, in: H. J. Newiger (Hg.), Aristophanes und die alte Komödie, WdF Nr. 265, Darmstadt 1975, S. 75 - 98. Auch die Tragödie vermag sich zu Fragen der Zeit kritisch zu äußern: E. Eberlein, Die verschiedenen Deutungen des tragischen Konflikts in der 'Antigone' des Sophokles, Gymnasium 68 (1961); S. 16 - 34 (S.25 - Hinweis auf Thukydides 1, 138 und die harte attische Sitte).

 

13 Zur allgemeinen Isegorie und Parrhesie der Politen: A. H. M. Jones, Wie funktionierte die athenische Demokratie (1957), in: F. Gschnitzer (Hg.), Zur griechischen Staatskunde, Darmstadt 1969, S. 219 - 268 (236ff.); V. Ehrenberg, w. Anm. 12 ; K. Raaflaub, Des freien Bürgers Recht auf freie Rede. Ein Beitrag zur Begriffs- und Sozialgeschichte der athenischen Demokratie, in: W. Eck (Hg), Studien zur antiken Sozialgeschichte. Festschrift für für F. Vittinghoff, Köln 1980, S. 7 - 57; M. H. Hansen, Die athenische Volksversammlung im Zeitalter des Demosthenes, Konstanz 1984, S. 93 ff..

 

14 Zu den Umbauten der attischen Demokratie im 4. Jht.: C. Mossé, Der Zerfall der attischen Demokratie (404 - 86 v. Chr.), München, 1979 (insgesamt); M. H. Hansen, Die athenische Volksversammlung, wie Anm. 13; J. Engels, Das Eukrates-Gesetz und der Prozeß der Kompetenzerweiterung des Areopags in der Eubulos- und Lykurg-Ära, in: ZPE 74 (1988), S. 181 - 209.

 

15 Zu den Grundsätzen des Gerichtsverfahrens in Attika: J. Bleicken, Die athenische Demokratie, Paderborn u. a. O. 19882, S. 162 ff.; J. H. Lipsius, Das attische Recht und Rechtsverfahren mit Benutzung des attischen Prozesses, (3 Bde. 1905 - 1915), ND Darmstadt 1966, S. 866 - 895 (Beweismittel).

 

16 Zu den Prinzipien der frühen Geschichtsschreibung: W. F. Otto, Herodot und die Frühzeit der Geschichtsschreibung, Einleitung zur Herodot-Übersetzung von A. Horneffer, hg. v. H. W. Haussig, Stuttgart 1971, S. XI- XXVIII.; W. Meister, Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart u. a. O. 1990, S. 19 ff.

 

17 Quellen des Gorgias-Zitats in: H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, hg. v, H, Kranz, Berlin 1959, 2. Bd., Nr. 87, S. 279 (Sextus u. w. ). Zur Schrift des Gorgias "Von der Natur oder dem Nicht-Seienden: O. Gigon, Gorgias über das Nicht-Sein, Hermes 71 (1936), S. 186 - 213.. Zu den relativistisch-empiriokritischen und pragmatisch-rhetorischen Ansätzen in der Sophistik: H. Gomperz, Sophistik und Rhetorik, und: R. Pfeiffer, Die Sophisten, ihre Zeitgenossen und Schüler im fünften und vierten Jahrhundert, in: C. J. Classen (Hg.), Sophistik, WdF Nr. 187, Darmstadt 1976, S. 21 ff. und 171 ff.; W. Jaeger, Paideia, Bd. 1, 2 und 3, wie Anm. 9; A. Graeser, Sophistik, in: W. Röd (Hg.), Geschichte der Philososphie (Altertum), Bd. II, München 1983, S. 19 - 85.

 

18 Zur Entwicklung der 'wahrheitsliebenden Philosophie' aus der Sophistik: W. Windelband, Geschichte der abendländischen Philosophie im Altertum (1888) 1923 4 (bearb. v. W. Goedecke- Meyer), S. 68 - 207; A. Graeser, Sokratik. Platon. Aristoteles, in: W. Röd (Hg.), Geschichte der Philosophie II, w. Anm. 17, S. 86 - 266; s. auch Anm. 10.

 

19 Zu verschiedenen genetischen Entwicklungszusammenhängen wissenschaftlicher Erkenntnisprinzipien: K. v. Fritz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft, Berlin, New York 1971, S. 197 - 326 (betr. Logik und Dialekik, Sophistik und Wahrheitslehre); F. Jürss u. a., Geschichte des wissenschaftlichen Denkens im Altertum, Berlin 1982, S. 239 ff. ("Die sophistische Aufklärung und die Systematisierung der materialistischen und idealistischen Denkform"), S. 321 ff. (Historiographie).

 

20 Zur Entwicklung der antiken Wissenschaften und ihrer Institutionen; C. Schneider, Kulturgeschichte des Hellenismus, Bd. 2, München 1969, S. 225 - 642 ("Die objektiven Ausprägungen der hellenistischen Kultur" im Bereich der theoretischen und praktischen Wissenschaften; W. Kroll, Die Kulturgeschichte der ciceronischen Zeit, Darmstadt 1963, S. 117 ff.; U. Kahrstedt, Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit, Bern 19582, S. 312 ff. ; H. I. Marrou, Gerschichte der Erziehung im klassischen Altertum, Freiburg 1957, S. 75 ff.; 259 ff.. Zur nachantiken Überlieferung auch einiger mit Glaubensgrundsätzen des Christentums imkompatiblen antiken Literatur oder ihrer Wiederentdeckung seit dem hohen Mittelalter: H. Hunger, U. Stegmüller u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 243 ff., S. 346 ff., S. 511 ff.

 

21 Zu den Funktionsveränderungen der Rhetorik von der Antike bis in das mediale Zeitalter im Überblick: H. Schlüter, Grundkurs der Rhetorik, München 198610 , S. 9 - 21. Zu heutigen Dimensionen 'persuasiver Kommunikation', besser wohl 'Immission', z. B.: G. N. Gordon, Persuasion. The Theory and Practice of Manipulative Communication, New York 1971, S. 77 ff. (Logical Perspectives) und 213 ff. (u. a. 'Mass Culture' und 'Political Persuasion'), mit zeitgemäßer Systematisierung, aber doch - trotz Zitats von Platon und Aristoteles - auffällig traditionsunbewußtem Unverständnis für die antiken Vorläuferphänomene und den Beginn ihrer Verarbeitung durch die griechische Philosophie; V. Packard, Die geheimen Verführer. Der Griff nach dem Unbewußten in jedermann (The hidden persuaders, 1957). Frankfurt 1982 ('Tiefenpsychologische' Motivforschung und auf ihr aufbauende 'Marketing'- und Politik-Strategien). Wie Packard (S. 6 ff.) die Ausgangsannahmen bei 'Marketing'-Forschern prägnant zusammenfaßt, beruht der 'Erfolg' der auf sozialwissenschaftliche Verhaltensforschung zurückgehenden sophismatischen Immissionsmethoden darauf, daß 1) Menschen oft nicht, wissen, was sie wollen, 2) daß sie außerdem andere oft über die ihnen bewßten eigenen Motive täuschen und 3) daß sie sich oft leidenschaftlich 'unvernünftig' verhalten. Daß die 'Marketing'-Forschung seit den 50er Jahren lebensstilprägend geworden ist, daß sie ferner das Ansehen und die Routine einer angewandten Wissenschaft hat (vgl. mit V. Packard etwa: H. Assael, Consumer Behavior and Marketing Action, Cincinnati 1995) und daß es schließlich mittlerweise auch einige ihr explizit entgegenarbeitende Tendenzen, so im Verbraucherschutz oder in politisch-historischer Bildung im engeren Sinne, geben kann, ändert nichts an einem zumindest nicht selten skrupellosen Täuschungscharakter der Aktionen, die sich ihrer bedienen. Das gilt nicht nur, aber besonders für die politische Sphäre.

 

22 George Orwell, 1984 (Nineteen Eighty-Four, Ersterscheinung 1949, dt. Übersetzung von K. Wagenseil, Stuttgart 1960. Eine gewisse Aktualisierung des Themas für die USA der 60er Jahre bietet: V. Packard, Die wehrlose Gesellschaft, (1964), München 1968.

 

23 Václav Havel, Versuch in der Wahrheit zu leben (1978), Übers. v. G. Laub, Hamburg 1989; ders., Ein Wort über das Wort (Slovo o slovu), in: Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1989. Vaclav Havel. Ansprachen aus Anlaß seiner Verleihung, Frankfurt 1989, S. 41 ff.

 

24 Neil Postman, Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business, New York 1985 (dt. Übersetzung von R. Kaiser: N. Postmann, Wir amüsieren uns zu Tode, Frankfurt 1988). Ähnlich wie N. S. Gordon (Anm. 21) schlägt Postman leider keine Brücke zur antiken Rhetorik- und Sophismatik-Lehre, etwa von der 'fallacia figurarum', d. h. von der Täuschung durch Witz, Spannung und Schönheit, wie sie auch 'modernen' Publikationss-Gattungen, etwa dem medialen 'infotainment', der politischen 'Inszenierung', der 'Image'-Bildung für Werbezwecke oder dem 'Show'-Geschäft allenthalben innewohnt.

 

25 Art. 2, Abs. 1 GG (Wahrnehmung der ihm zustehenden Rechte für jedermann garantiert, mit der Einschränkung: "soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungs- mäßige Ordnung und das Sittengesetz verstößt"), die Paragraphen 153ff., 164 ff., 263 ff. StGB (falsche Aussage, Falschverdächtigung, Betrug), 138 ZPO (Parteienpflicht zur vollständigenund wahren Darstellung im Prozeß) und verschiedene andere Rechtsnormen sanktionieren zwar in bestimten Zusammenhängen die Pflicht zur wahren Aussage. Doch ist die rechtliche Grenze tolerierter Unwahrheit im allgemeinen in allen Lebensbereichen - entgegen dort an sich in größerem Umfang geltenden Moral-Traditionen - sehr weit gezogen.

 

26 A. B. Hentschke, Politik und Philosophie bei Platon und Aristoteles, Frankfurt 1967, S. 388 ff.; Th. Ebert, Meinung und Wissen in der Philosophie Platons. Untersuchungen zum 'Charmides', 'Menon' und 'Staat', Berlin 1974, S. 105 ff. (doxa und episteme); A. Graeser, wie Anm. 21; N. Hartmann, Platos Logik des Seins, (1909) ND Berlin 1965, S. 82 ff. (zur 'Doxa' als 'Nichtsein'); H. Gundert, Dialog und Dialektik, S. 4 ff. (Dialektik als Wissenschaft von der Wahrheit des Seienden), Amsterdam 1971.

 

27 Zum gedanklichen Hintergrund von rep. 3, 394 d: R. C. Cross, A. D. Woozley, Plato's 'Republic'. A Philosophical Commentary, London, New York 1980, S. 94 ff. (guardians, ideal city), 166 ff. (knowledge, belief).


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