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Zu Walter Eder, Aristocrats and the Coming of Athenian Democracy.

Beitrag in: Democracy 2500 - Questions and Challenges, ed. by Ian Morris and Kurt A. Raaflaub. With Contributions of David Castriota, Walter Eder, Michael E. Jameson, Leslie Kurke, Ian Morris, Josiah Ober, Kurt A. Raaflaub, David B. Small, Barry S. Strauss, Robert W. Wallace, Archaeological Institute of America. Colloquia and Conference Papers Nr. 2, Dubuque / Iowa 1997, S. 105 - 140 (Kap. 6).

Von Christian Gizewski

Diese Rezension (Okt. 1998) betrifft einen ursprünglich an anderer Stelle veröffentlichten Aufsatz, der zusätzlich im Rahmen dieser WWW-Seite ('AGIW', Abt. HOSPITIUM: Eder,_Aristocrats_and_the _Coming_of_the_Athenian_Democracy) veröffentlicht wird.

Der Sammelband, dem der Aufsatz zugehört, faßt verschiedenartige, aufeinander Bezug nehmende und in einzelnen Punken stark dissentierende Beiträge zu den Fragen zusammen,

Solche Fragen wurden und werden vor dem Hintergrund der sich als demokratisch definierenden und auch erlebenden Staatsordnungen der Gegenwart naturgemäß immer wieder als Probleme empfunden und diskutiert; als ältere Autoren aus jüngerer Zeit mit markanten Beiträgen zu ihnen wären etwa M. I. Finley (Antike und moderne Demokratie [Democracy Ancient and Modern]1973), J. Bleicken (Über antike und moderne Demokratie, in: Die athenische Demokratie, 1988 2 ) oder C. Meyer (Enstehung des Begriffs Demokratie. Vier Prolegomena zu einer historischen Theorie, 1977 3 ) zu nennen. Die immer wieder aufgenommene Diskussion dieser Fragen ergibt sich aber auch aus der historischen Materie selbst; denn sie erfordern als Antworten nicht nur besonders quellenfundierte, sondern vor allem auch theoretisch-schlüssige Deutungsansätze. Um diese geht es der erneut aufgenommenen Diskussion besonders, und darin liegt auch ihr besonderer Sinn.

Entsprechend der Zielsetzung des Sammelbandes formuliert Eder ein vor allem auf Schlüssigkeit angelegtes Konzept, dessen tragende Positionen deswegen manchmal etwas scharf, ja extrem erscheinen, wenn man ihre Begründung nicht genau beachtet. Einige wichtige Punkte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1) Zwischen antiker (d. h. vor allem attischer) Demokratie und heutigen Demokratieformen gebe es keine institutionengeschichtliche Kontinuität, was die Gleicheit der Staatsbürgerrechte und die Erstreckung der Souveränitätsidee auf den Gesamtbereich der Bürgerschaft betreffe, weil jahrhundertelang andere Staatsformen in der europäischen Geschichte den Ton angegeben hätten. Nur in der Bindung aller Staatsangehöriger an das Gesetz sieht Eder eine von der Antike bis zur neueren Neuzeit durchgängig wirksam gebliebene politische Ordnungsform (S. 197 - 112).

2) Der Ausgang neuzeitlicher Demokratie-Formen einerseits vom 'Naturrechtsdenken' und andrerseits von einer im wesentlichen 'antimonarchischen' Interessenlage unterscheide sie prinzipiell von dem prominenten antiken Vorläuferphänomenen in der attischen Demokratie (S. 108).

3) Das Unterscheidungsmerkmal antiker Demokratie gegenüber monarchisch oder oligarchisch / aristokratisch strukturierten Staatsformen sei die praktizierte, prinzipiell gleichmäßige und gesetzlich geordnete Beteiligung aller Angehörigen der Politeia - nicht nur der Vermögenden - an den verfassungsmäßig vorgesehenen Verfahren zur Bildung des Staatswillens. Bei Anlegung dieses Maßstabs könne auch in Athen erst für das Ende des 5. Jhts. v. Chr. von einer Demokratie die Rede sein (S. 114 f.).

4) In diesem Sinne stelle Athen aber eine atypische Entrwicklung im Rahmen der zumeist moderat aristokratischen / oligarchischen griechischen und generell mediterranen Stadtverfassungen dar, die zwar die Gesetzesherrschaft und die partielle Beteiligung auch weiterer Bürgerkreise an den Staatsgeschäften, nicht aber die prinzipielle Verlagerung des zentralen politischen Gewichts auf die politische Beteiligung der gesamten Bürgerschaft vorsähen. Diese besondere Entwicklungssituation Athens setze besondere Momente der historischen Entwicklung voraus (S. 123 f.).

5) Weder die imperialen Bedürfnisse im Rahmen des attischen Seebundes, die Athen mit manchen anderen nicht-demokratischen Staatsbildungen der Antike gemeinsam habe, noch auch die politischen Folgewirkungen der Kriegführung durch ein Bürgerheer, die andernorts ebenfalls nicht zur Einführung einer 'demokratischen Verfassung' führten, könnten die attische Sonderentwicklung allein ausreichend erklären. (S. 135 f.)

6) Vielmehr sei sei die Entwicklung der demokratischen Formen politischer Willenbildung in Athen vor allem aus einem politischen Wettstreit innerhalb der traditionellen Aristokratie zu verstehen, die infolge der Tyrannisgeschichte des 6. Jhts. einerseits stark an das Gemeinwesen gebunden, zum andern nicht strikt ständisch abgeschlossen gegen die unteren Volksschichten gewesen sei. Die im politischen Wettstreit konkurrierenden Persönlichkeiten und Gruppen in der Aristokratie seien, zumal unter den kriegerischen und imperialen Zeitumständen des 5. Jhts., auf die politische Unterstützung durch das breite Volk angewiesen gewesen und hätten diese mit ständig erweiterten Formen der politischen Beteiligungsrechte zu ihren Gunsten zu beeinflussen gesucht (S. 123 - 137).

7) Die 'Demokratisierung' Athens habe sich folglich als eine ungeplante Nebenfolge aus der stark komptetitiven Praxis eines aristokratischen Milieus in einem politisch und militärisch expansiven Polis-Staate ergeben. Die demokratischen Formen Athens zeigten an charakteristischen Stellen deshalb aristokratische Formelemente. Insbesondere der Ostrakismos sei nicht primär ein Mittel zur Sicherung politischer Volksbeteiligung, sondern durchweg ein solches zur Ausschaltung aristokratischer Wortführer bestimmter 'hetaireiai' durch andere Aristokraten gewesen. Auch die 'Staatsziele', die man in den Quellen zur attischen Demokratie formuliert finde ('Größe', 'Einmaligkeit') seien in typischer Weise aristokratisch getönt (S. 128 - 130).

In der Auseinandersetzung mit einer Anzahl andersartiger Positionen vor allem im angelsächischen und im deutschen Bereich, auf die hier generell verwiesen werden muß, macht Eder deutlich, in wie starkem Fluß die aktuelle althistorische Diskussion über all diese Fragen tatsächlich noch ist; dies ist - neben dem Konzept selbst und seinem prinzipiell einleuchtenden neuartigen Erklärungsansatz - m. E. der durch den Beitrag ermöglichte Erkenntnisgewinn.

Einige kritische Bemerkungen seien gemacht.

a) Es gibt m. E. mehr Kontinuität zwischen antiker und moderner Demokratie, als Eder annimmt. Sie besteht zwar nicht primär im ununterbrochenen Fortwirken institutioneller Momente, aber schon in einer ideengeschichtlich durchgängigen Vertrautheit der nachantiken Bildungswelt mit dem antiken Demokratie-Konzept, zumindest wie es etwa in Platons 'Politeia' oder in Aristoteles 'Staatslehre' Ausdruck findet. Sind die platonischen Dialoge dem Mittelalter stets gegenwärtig, so ist die aristotelische Staatslehre es zumindest seit seit der scholastischen Aristoteles-Rezeption des Hochmittelalters. Zwar erscheint Demokratie in Anknüpfung an die Positionen schon Platons, später Ciceros und erst recht der römischen Kaiserzeit im Mittelalter und später zumeist als negativ bewertetes Gegenkonzept zu einer moderaten Politeia (z. B. bei Thomas von Aquin, De regimine principis I, 3 oder bei Marsilius von Padua, Defensor Pacis I, 8). Aber gerade als oft beschworenes Gegenbild zu den in der Regel andersartigen Herrschaftsverhältnissen des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist sie vielleicht doch ernster zu nehmen, was die in ihr enthaltenen und gelegentlich auch realisierten praktischen Ansatzmöglichkeiten betrifft. Immerhin traten diese ja auch schon in den italienischen Stadtverfassungen (S. 109) oder auch in den Schweizer Stadt- und Landrepubliken des Hochmittelalters in größerem Umfang hervor.

b) Wenn Eder meint, die modernen Demokratie-Konzepte seien im wesentlichen aus einer gegen die absolute Gewalt eines Monarchen gerichteten Interessenlage hervorgegangen (S. 108) und insoweit anders motiviert als das eine funktionierende monarchielose Politeia bereits voraussetzende attische Demokratie-Konzept, so trifft das m. E. nur teilweise das Wesen der neuzeitlichen Demokratie-Bewegungen. Was die 'Monarchie' betrifft: einerseits ist etwa die amerikanische Verfassung das Ergebnis eines Konfiktes der sich politisch emanzipierenden Teile der Oberschicht eines Kolonial-Territoriums mit dem Mutterland - nicht nur mit dessen König - , und in der bürgerlichen französischen Revolution wendet der 'tiers état' sich gegen ein 'ancien régime' als ganzes, insbesondere gegen die Standesprivilegien des Adels, und zunächst nicht gegen den König. D. h.: einerseits erscheinen zumindest eine konstitutionelle Monarchie oder eine königsähnliche Präsidentschaft jeweils mit dem prinzipiell demokratisch reorganisierten Staatsleben nicht unvereinbar. Andrerseits bedeutet 'Demokratie' nicht, daß die Bildung neuer politischer 'Eliten' - also entscheidungtragender Gruppen mit tendenziell verselbständigtem politischen Einfluß - etwa ausgeschlossen wäre. Das zeigen auch die weiteren Entwicklungen sowohl in Frankreich (z. B. der Caesarismus Napoleons) als auch in den USA. - Was die 'absolute Gewalt' betrifft, so beweist die Übertragung des 'Souveränitäts'-Konzepts auf 'das Volk' doch, daß die Ungeteiltheit der über den Gesetzen stehenden (d. h. 'absoluten') konstitutiven politischen Gewalt auch in der 'Demokratie' prinzipiell beibehalten, aber in die praktische Verfügungsgewalt anderer Instanzen - notfalls etwa eines französischen 'Wohlfahrtsausschusses' - übergehen sollte. - M. a. W: es gibt, was die hintergründigen Machtverhältnisse betrifft, doch mehr Gemeinsamkeit zwischen 'aristokratischen Momenten' der attischen Demokratie und modernen Formen der Führer-, Partei- und Elitenherrschaft in 'Demokratien'.

c) Nicht ganz zutreffend erscheint mir auch Eders Annahme, die attische Aristokratie habe keine besonders stark ausgeprägte Standeshomogenität gehabt. Zumindest gab es auch ausgeprägte Abschließungstendenzen innerhalb der attischen Aristokratie - und sie werden sowohl in den Äußerungen des von Eder zumeist so genannten 'alten Oligarchen' Platon als auch in Aristoteles Bericht über den Staat der Athener, z. B in den ohne Einwirkung von außen stattfindenden verschiedenen oligarchischen 'Beschränkungen der Demokratie' nach dem Fehlschlagen der Sizilien-Expedition im peloponnesischen Kriege (d. J. 413 - 410), deutlich. Daß sich einige Aristokraten im 5. Jht.- wie in Rom z. Zt. der späten Republik - zuvor und hernach auf die Seite des breiten Volkes stellten und mit seiner Hilfe Politik betrieben, heißt deshalb m. E. nicht, daß es etwa von aristokratischer Seite keine Vorbehalte, keinen Widerstand und überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten gegen Ausmaß und Richtung der demokratische Entwicklung in Athen gegeben hätte. - Andrerseits sahen sich - ähnlich wie in Rom, aber ohne vorgängige Konflikte mit einer 'plebs' und bemerkenswerterweise dennoch in größerem Umfang- auch in Athen die ihrer Gesinnung nach 'nicht-popularen' Aristokraten zumeist genötigt, dem breiten Volk wichtige politische Beteiligungsrechte dauerhaft zu konzedieren und als dem Gemeinwesen innewohnend zu respektieren. - Insoweit muß man auch für Athen an eine vom theoretisch entwickelten Typus abweichende 'Mischverfassung' denken, in der sich aristokratische und demokratische Formelemente verbanden. Letztlich ist es deshalb m. E. in gleicher Weise bedingt richtig, wenn man einen damaligen aristokratisch denkenden Politiker, jedenfalls wenn er im Rahmen der athenischen Verfassung handelte, als Angehörigen einer 'demokratischen Elite' oder als Exponenten residualer 'aristokratischer Ordnungselemente' in einem ansonsten demokratischen Staatsaufbau auffaßt.

d) Eder unterlegt - trotz häufigeren Hinweises auf die unterschiedlichen historischen Bedingungen - in einem Punkte der attischen Demokratie in gewissem Umfang ein modernes - nämlich ein parteienstaatliches - Demokratie-Konzepte, wenn er begrifflich davon ausgeht, ihr Hauptzweck sei es gewesen, Raum für die friedliche Formulierung 'politischer Alternativen' im Rahmen eines Polis-Gemeinwesens zu schaffen (S. 119, 121). Dieser Gedanke ist, soweit ersichtlich, zuerst im Zusammenhang mit der Entstehung des amerikanischen Parteiensystems formuliert worden (vgl. etwa: V. O. Key, Politics, Parties and Pressure Groups, New York 1964 5, S. 218 - 249 = G. Ziebura [Hg.], Beiträge zur allgemeinen Parteienlehre, Darmstadt 1969, S. 174 - 214). Die friedensstiftende Wirkung der demokratischen Verfassungform scheint in der Antike dagegen auschließlich im Abstimmungs- und Mehrheitsprinzip und der unbedingten Sicherung seiner Verfahren und seiner Ergebnisse, insbesondere der Gesetze (nomoi), gegen Störungen und Illoyalitäten gesehen worden zu sein. Danach muß auch der Ostrakismos als eine durchaus demokratische - und nicht als im Kern aristokratische Einrichtung - gelten, selbst wenn seine Härten auch etwas Friedensgefährdendes haben konnten und insoweit ja auch weithin vermieden wurden (S. 120).

e) In dieser Hinsicht problematisch - weil letztlich eine anachronistische Rückspiegelung der natürlichen menschlichen Überzeugung vom höheren Wert des jeweils Gegenwärtigen gegenüber dem Vergangenen- erscheint mir auch die Einordnung von staatszielartigen Vorstellungen wie 'Größe' und 'Einmaligkeit' der attischen Polis als typisch 'aristokratische Denkweisen'. Warum überhaupt sollte die Demokratie - ob antik oder modern - im Kontrast zu anderen Staatsformen prinzipiell , d. h. gewissermaßen schon per definitionem eine friedlichere, menschenfreundlichere und moralischere Staatsform sein, wie Eder annimmt (S. 108 f., 129)? Warum sollte - aus der stets relativierenden historischen Perspektive betrachtet, eigentlich das demokratisch organisierte attische Volk nicht Kriegs- und Expansionsbeschlüsse fassen wollen, wenn es Interesse daran und gesicherten Erfolg damit zu haben glaubte?

Diese Einwände berühren nicht den Kern des Deutungskonzepts, die Demokratie sei gewissermaßen unbeabsichtigt von politisch konkurrierenden Aristokraten 'erfunden' worden (S. 131). Vielmehr unterstreichen sie gerade eine wirkungsgeschichtliche Bedeutung dieses Aspekts der attischen Demokratie für spätere Zeiten, ordnen ihre Form in das Spektrum der vom Idealtypus 'Demokratie' abweichenden antiken 'Mischverfassungen' ein und wenden sich gegen eine gewisse 'Idealisierung' des Demokratie-Begriffs sowohl für die Gegenwart als auch für die Antike.

Christian Gizewski


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