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Wie konnte sich das Christentum verbreiten? Zum Verhältnis zwischen geschichtlicher Erklärung und geschichtstheologischer Deutung.

Von Christian Gizewski.   

Vortragstext und Internetpublikation Jan. 1999.

Einleitung.

Wer als Historiker - womöglich in einem christlichen Kreise, aber vor allem auch vor nicht christlich konfirmierten Hörern - die Frage beantworten soll 'Wie konnte sich das Christentum verbreiten?', fühlt sich, was seine eigene Person betrifft, einer Gretchen-Frage gegenüber - "Wie hältst Du es mit der Religion?". Nicht nur nach seinem - möglichst fundiert und exakt, aber natürlich auch knapp und ohne Umschweife - darzulegenden historischen Wissen fühlt er sich befragt. Ebenso fühlt er sich bei einem solchen Thema aufgerufen, nicht zu schweigen über den ' inneren Wert' dieses Wissens für Überzeugungen und existenzielle Orientierungen, ja vielleicht für seine eigenen - des Historikers persönliche - Überzeugungen und Orientierungen , d. h. dazu, unüblicherweise etwas auch über das zu sagen, wofür man - wenn auch nach einem leichten Zögern - mit gutem Grund generell das Wort 'Glauben' einsetzen kann.

Geschichtswissenschaft befaßt sich ja - dem Prinzip nach in einer wissenschaftlich objektivierbaren und manchmal deshalb unpersönlich wirkenden Weise - ausschließlich mit der Welt 'diesseiteiger' Geschichtsphänomene. Zu ihnen gehören auch die Formen und Systeme menschlichen Denkens und Vorstellens - wie etwa , zumal in der Altertumsgeschichte, die Religionen und dabei insbesondere auch das Christentum als Religion. Deshalb kann ein Althistoriker einerseits, soweit er als Wissenschaftler zu dem anstehenden Thema angesprochen ist, zunächst nicht anders, als Aussagen zu machen, die eine bestimmte Glaubensentscheidung nicht voraussetzen. Andrerseits plegt auch er im Laufe seines Lebens Auffassungen zu den Glaubensfragen zu entwickeln, wie sie etwa im christlichen Glaubensbekenntnis angesprochen sind. Und in diese Auffassungen kann auch sein historisches Wissen mit eingehen, wenn es auch für sie vielleicht gar nicht letztentscheidend ist oder sein kann, wie noch darzulegen ist.

Ich möchte deshalb meine Ausführungen in zwei Sinnabschnitte aufteilen - mit einer betonten Zäsur zwischen beiden.

Im ersten Teil werde ich mich in einigen Thesen der i. e. S. historischen Frage zuwenden, die mir gestellt ist. Dabei behandle ich 'das Christentum' als diesseitiges historisches Phänomen, eben als eine 'Religion', eine menschliche Erscheinung, die sich ohne jede Einschränkung ideen-, entwicklungs- und formgeschichtlich objektiv beschreiben lassen muß, wenn sie wissenschaftlich-objektiv beschrieben werden soll. Objektive Beschreibung bedeutet etwa: nach den tragenden Ideen, wie der von der Gottheit oder von den religiös begründeten Pflichten der Menschen, oder nach den sich über diesen Ideen auseinanderentwickelnden und oft - gerade im Altertum - bekämpfenden recht unterschiedlichen Richtungen oder nach dem institutionellen Charakter der Glaubensbetätigungen oder schließlich nach dem Verhältnis einer 'christlichen' zu ihren Herkunfts- und Nachbarreligionen.

Im zweiten Teil versuche ich dann, noch kürzer gefaßt, einige Gedanken zum Glauben auf der Basis eines historischen Relativismus zu formulieren, d. h. aus meiner persönlichen Sicht ein wenig die Frage zu beantworten, woran man denn als methodisch grundsätzlich zur Skepsis und zur Relativierung verpflichteter Historiker überhaupt persönlich glauben kann und glaubt.

I. Historische Gründe für die Ausbreitung des Christentums.

1. Zu einem historischen Begriff vom Christentum und zu einer historischen Einmaligkeit typisch-christlicher Religionsrichtungen.

These 1: Historisch ist es nicht sinnvoll, einen auf bestimmte Kriterien der Rechtgläubigikeit beschränkten Begriff des Christentums zugrundezulegen, wenn man eine über mehrere Jahrhunderte gehende religionsgeschichtliche Entwicklung des Altertums verstehen will.

Spricht man historisch vom 'Christentum', so muß man zunächst, auch wenn nur vom Altertum die Rede sein soll, wenigstens ungefähr eingrenzen, was man meint. Einerseits wäre es - im Hinblick auf die gestellte Frage historisch gesehen - unzweckmäßig, wenn man nur einige oder gar nur eine einzige der später auf diese oder jene Weise staatsreligiös maßgeblich gewordenen Entwicklungsformen (z. B. die später 'römisch-katholisch' oder 'griechisch-orthodox' genannten) unter den vielen religiösen Richtungen beachten wollte, die sich in der Antike auf Christus Wirken zurückführten und sich selbst als jeweis richtige Auslegung des alt- und neutestamentarischen Gottesworts betrachteten. Andrerseits wäre es unzweckmäßig weit, wenn man auch synkretistische Religionen, in denen auf diese oder jene Weise neben Bezügen auf andere Religionen ausdrücklich auch auch eine Berufung auf Christus stattfand, dazurechnen würde, wie z. B. die Religion des Mani (Manichäismus) oder die des Mohammed (Islam). Allerdings könnten engere oder weitere Begriffe bei anderen - sei es glaubensbezogenen oder theologischen, sei es historischen - Fragen durchaus ihren Sinn haben.

Unter 'Christentum' sollen in diesen Ausführungen jedenfalls alle Richtungen verstanden werden, die in der Antike selbst entweder als orthodox-christlich oder aber als christliche Häresien angesehen wurden, d. h. sich auch im Streit miteinander nicht den Charakter 'christlich' generell absprachen. Die einen politisch sanktionierten, christlich-dogmatischen Dominanzanspruch vertretenden spätantiken Rechtsquellen unterscheiden etwa christliche konziliiar bestätigte Rechtgläubigkeit ('Orthodoxie' im ursprünglichen Sinne des Wortes ), christliche 'Häresien' (d. h. religiös illegitime 'Abspaltungen'), Judentum und 'Heidentum' ('gentes', 'pagani'). Sie sprechen den 'Häretikern', die sie mit äußerster Schärfe als verderblich bekämpfen, dennoch ihren christlichen Ursprung nicht ab. Historisch gesehen erweisen sich die Abspaltungen von dem schließlich mit dem chalzedonensischen Glaubensbekenntnis d. J. 451 n. Chr. abgegrenzten 'rechtgläubigen' (später 'griechisch-orthoxen' und 'römisch-katholischen') Christentum lediglich als verschiedenartige religiös-ideelle Entwicklungsmöglichkeiten. Sie waren bereits in älteren Zuständen des Christentums angelegt, stellten sich aber erst im Laufe der Zeit als mit jeweils anderen Komponeten älteren christlichen Denkens unverträglich heraus, wie z. B. der 'Arianismus' mit dem 'Athanasianismus', oder der 'Monophyitismus' mit dem 'Dyophysitismus'. Über diese prominenten Kontroversen hinaus gibt es, wie man betonen muß, eine Vielzahl anderer, und zwar seit Entstehung der frühen christlichen Gemeinden, in denen etwa die Frage zu kären war, ob man einem neuen oder dem alten Volke Gottes, den Juden, zugehöre und ob der Herr bald wiederkäme oder erst in unbestimmter Zeit. 

2. Zum Begriff einer historischen Einmaligkeit, auch des antiken Christentums.

These 2: Wenn man von mehreren - in ihren Glaubensannahmen (dogmatisch) teilweise sehr unterschiedlichen - Richtungen innerhalb des Christentums ausgeht, so bleibt dennoch eine historische Einmaligkeit des Christentums als Typus religiösen Verhaltens zu konstatieren: allerdings nur in dem Sinne, wie dies auf andere historische Phänomene auch zutrifft, nämlich i. S. einer charakteristischen Konstellation historischer Merkmale, die einen Religions-Typus von anderen Religionstypen seiner Epoche unterscheidbar macht. Historisch ist mit dem Terminus 'einmalig' also nichts über die Berechtigung oder Nicht-Berechtigung gläubiger Annahmen über Gottes einmaliges Wirken in der Geschichte gesagt.

Mit der Einordnung der fast unendlich vielen und langwierigen dogmatischen Kontroversen, deren Erörertung hier nur beiläufig möglich ist, unter einen historischen Begriff des antiken Christentums wird deutlich, daß nicht immer bestimmte klar definierte Glaubensformeln den Historiker am Phänomen Christentum interessieren, sondern - zumal unter dem Aspekt der Entwicklung, der ja auch immer Differenzierung bedeutet - eher eine Typizität der religiösen Denkweisen, die aus einem gemeinsamen Ansatz hervorgehen wie die Zweige aus dem Stamm eines Baumes und deswegen - trotz unterschiedlicher Entwicklungsrichtung - einige wesentliche Ähnlichkeiten bewahren.

Christentum bildet und entwickelt sich so gesehen unter bestimmten historischen Voraussetzungen und Einflüssen als ein historisch besonderes, charakeristisch gestaltetes Phänomen aus den jüdischen Anfängen im 1. Jht. n. Chr. heraus. Entstehung und Entwicklung eines in diesem Sinne einmaligen Phänomens und seiner Verzweigungen sind hier also historisch in Kurzform zu analysieren.

Die mehrfache Wiederholung des Wortes 'historisch' soll verdeutlichen: die Erklärung der Entstehung und Verbreitung des Christentums in seiner historischen Einmaligkeit ist eine ohne Bezugnahme auf das Wirken Gottes als gläubig angenommene Ursache zu bewältigende wissenschaftliche Aufgabe.

3. Zu den historischen Momenten, die zu einer Ausbreitung und schließlichen Dominanz des Christentums im antik-mediterranen und -nahöstlichen Raum beigetragen haben.

These 3: In der mehrhundertjährigen Geschichte des antiken Christentums gibt es einige Momente, die seiner Verbreitung - wie auch der anderer Religionen seiner Zeit - günstig waren, aber auch einige, die es in der Verbreitung für längere Zeit eher behinderten, aber auf lange Frist dennoch zu seiner schließlichen Dominanz - jedenfalls in den staatsreligiösen, 'orthox-katholischen' Varianten - führten.

A. Als begündigende Momente lassen sich vor allem die folgenden ausmachen:

a) Das Christentum entsteht zunächst unter dem Dach des Judentums, als eine eher volkstümliche, für hellenistisch-römisch und iranisch geprägte religiöse Muster in einem gewissen Maße offene Form jüdischer Frömmigkeit. Trotz des römisch-jüdischen Krieges der Jahre 68 - 70 (73) n. Chr., der zu einem Verlust eines Teils der dem Judentum bis dahin zustehenden Vorrechte im römischen Reich führt, und trotz vieler Spannungen mit den pharisäischen Traditionen des Judentums kann das Christentum zumindest während des ganzen 1. Jhts. n. Chr. in seiner Mission auf die inneren organisatorischen Verbindungen des damaligen außerpalästinensischen 'Judentums' (etwa die Synagogen der 'hellenistai' des Neuen Testaments) zurückgreifen. Erst an dessen Ende tritt eine definitive Trennung zwischen Judentum und Christentum ein.

b) Wie bei anderen Religionen aus dem Vorderen Orient auch - z. B. bei der aus dem Iran stammenden Mithras-Religion, bei der aus Ägypten stammenden Isis-Osiris- bzw. Sarapis-Religion, bei der aus Kleinasien stammenden Religion der Kybele und des Attis, bei der Baals-Religion aus dem syrisch-palästinenischen Raum und natürlich bei der jüdischen Religion - führen die militärisch abgesicherten und rechtlich vereinheitlichten Verkehrs- und Kulturbedingungen innerhalb der Grenzen des römischen Reichs zu einer erleichterten Verbreitung auch religiöser Ideen aller Art in allen Reichsteilen. Diese Verbreitung erfolgt relativ schnell besonders entlang den Hauptverkehrswegen und pflegt sich an den Verkehrsknotenpunkten, d. h. vor allem in den damaligen größeren Städten (metropoleis) zu organisieren, von wo aus sie dann in viel längeren Zeiträumen auch Wege in die jeweils umgebenden riesigen Landgebiete (der 'pagani') findet. Auch über die Grenzen des römischen Reiches hinaus in kulturell benachbarte und handelsmäßig an den römischen Bereich intensiv angebundene Räume (Armenien, Parther- und Sassanidenreich, Arabien, Sudan, Äthiopien) findet, vor allem in Friedenzeiten, eine erleichterte Ausbreitung dieser verschiedenen Religionstypen statt.

c) Das Christentum nimmt in seinen tragenden Ideen Bezug auf einen Fundus 'gemeinreligiöser' Ideen und Handlungsformen seiner Entstehungsepoche; dazu gehören vor allem die folgenden:

Dies alles ist der Verbreitung des Christentums günstig. Auch wenn sich im Laufe seiner dogmatischen Entwicklung über die o. e. Vielzahl dogmatischer Kontroversen Abgrenzungen oder Präzisierungen gegenüber gemeinreligiösen Denkweisen ergeben, so zeigen diese Kontroversen - u. v. a. z. B. mit dem Judentum, mit der 'Gnosis', mit der Lehre des Marcion, mit einem christlich akzentuierten Manichäismus oder mit ägyptischen Emanationslehren über die Gottesnatur - keineswegs lediglich Differenzen, sondern ebenso auch grundlegende Gemeinsamkeiten mit einem gemeinreligiösen Umfeld auf, die auch nach Beendigung der jeweiligen Kontroversen in irgendeiner Weise fortbestehen (z. B. in der 'Logos-Theologie' des Johannes-Evangeliums).

d) Das Christentum nimmt im Laufe seiner antiken Entwicklung fast die gesamte Bildung der Antike auf und integriert sie entweder in seine seit dem 3. Jht. (etwa mit Origenes) entstehende gelehrte Theologie oder bewahrt sie, auch soweit sie christlichen Moral- und Glaubensvorstellungen nicht entspricht, auf andere Weise zumeist dennoch auf, z. B. im Rahmen klösterlicher Pflege auch profaner Literatur (erkennbar etwa in den Literaturlisten Cassiodors im 6. Jht. n. Chr. ).

B. Eher ungünstig für die Verbrertung des Christentums ist

a) in den ersten Jahrhunderten einerseits die die Verehrung anderer Götter ausschließende, von dem einen Gott gebotene prinzipielle Ablehnung auch des römischen Kaiserkults. Der römische Staat sieht darin eine Ablehnung der Loyalitätsanforderungen auch an die christlichen Bürger oder Untertanen. Das führt zur Einstufung des Christentums als 'religio illicita' und zu zahlreichen spürbaren Verfolgungen von Amts wegen, darunter auch einigen besonders schweren wie der in einigen Regionen für das christentum fast vernichtenden der Zeit Diokletians und seiner Mitkaiser.

b) Eher ungünstig ist auch ein zumindest gelegentlich aggressiv-kulturkritisches Verhalten einiger Bischöfe und Lehrer christlichen Glaubens, die auf nicht-christlicher Seite nicht selten Antipathien und Verfolgungsbereitschaft mitbedingt haben dürften - eine Parallerscheinung zu gelegentlichem 'heidnischen' Verhalten gegenüber zelotischen oder sonst betont 'gesetzestreuen' Formen des Judentums.

C.Umschlagende Momente:

In der langjährigen Bürgerkriegssituation nach der ersten Tetrarchie (seit dem Jahre 305 n. Chr.) erhält das Christentum jedoch gerade infolge der beiden unmittelbat zuvor genannten Momente eine wichtige politische Bedeutung; denn einige Kaiser, die in diesen Konflikten auftreten, sichern sich die politische Unterstützung und Loyalität der zahlreichen durch die damaligen staatlichen Verfolgungen schwer bedrängten Christen, indem sie für ihren Herrschaftsbereich das Christentum zu einer erlaubten Religion erklären (religio licita; Edikte des Galerius und Licinius d. J. 311 - 313). I. J. 313 tritt der römische Kaiser Konstantin sogar selbst zum Christentum über (der Gesinung nach - wegen einer Kreuzesvision in der Schlacht an der Milvischen Brücke; Taufe erst auf dem Sterbebett i. J. 337). Da sich Konstantin gegenüber seinen Konkurrenten durchsetzt, bleibt es auch in den folgenden Jahrzehnten, in denen Nachfolger aus seiner Dynastie regieren, bei der nunmehr eingeschlagenen Religionspolitik gegenüber dem Christentum (mit Ausnahme der kurzen Herrschaft des Kaisers Iulianus Apostata i. d. J. 361 - 363). Diese Politik entfaltet im weiteren Verlaufe des 4. Jahrhunderts ihre eigene Dynamik und führt schließlich - im Jahre 380 n. Chr. - zu einer Anerkennung des Christentums - in einer als ausschließlich rechtgläubig deklarierten Form - als exklusive Staatsreligion. Damit beginnt eine Epoche des Christentums, deren Bedingungen seine Ausbreitungen gegenüber den früheren Verhältnissen naturgemäß erheblich erleichtern. Sie werden zur Grundlage mancher römisch- politischen und römisch-rechtlichen Traditionen im Leben der christlichen Kirche, die auch über das Ende des römischen Reiches hinaus im Abendland wirksam bleiben.

Zusammenfassend läßt sich zu den historischen Momenten, auf die die Ausbreitung des Christentums in der Antike zurückgeführt werden kann, sagen: Es gibt sicherlich einige günstige Bedingungen dafür. Aber andrerseits gehen diese eigentlich nicht über das hinaus, was für andere Religionen der damaligen Zeit auch gegeben ist. Vielleicht hat das Christentum einen Entwicklungsvorteil insoweit, als es sich insgesamt besser den - gemeinreligiösen - Umweltbedingungen der damaligen Zeit anpassen kann, weil es sich als 'neue Religion' definiert. Doch bringt dies sicherlich auch Nachteile, und insbesondere die oben erwähnten ungünstigen Momente dürften unter etwas anderen Umständen vielleicht doch zu seinem historischen Ende im römischen Reich geführt haben - vergleichbar dem durch Verfolgung herbeigeführten frühen Ende oder Abnehmen des Christentums oder anderer Religionen in anderen Kulturräumen. Diese natürlich theoretische Möglichkeit läßt sich formal mit derjenigen vergleichen, daß sich das römische Reich im ersten und zweiten punischen Kriege und den darauf folgenden Auseinandersetzungen mit den hellenistischen Reichen nicht militärisch würde behauptet haben. Auch dies ist nach allem, was wir über manche prekäre Entscheidungssituation dieser Begründungsepoche des römischen Weltreiches wissen, keineswegs undenkbar. Das spätere Selbstverständnis der tonangebenden Schichten im römischen Reiche (hervortretend etwa in der Aeneis Vergils) ebenso wie das spätere historische Selbstverständnis der christlichen Kirche in ihren verschiedenen fortwirkenden Gestalten kann sich zwar nur eine göttliche Vorherbestimmung eines bestimmten 'historischen Weges zum Erfolg' vorstellen. Aber für die Annahme einer von Anfang bestehenden historischen Notwendigkeit in diesem Sinne gibt es m. E. in beiden Fällen keinerlei tragfähige oder gar zwingende Erkenntnisgrundlage. 

II. Die 'Wahrheit' der christlichen Botschaft trotz der generellen Unmöglichkeit eines 'historischen 'Wahrheitsbeweises' für sie.

Die Ausführungen zum zweiten Teil möchte ich noch kürzer halten als die historischen Thesen des ersten Teils. Es geht um die Frage, wie sich die vorherigen Feststellungen auf Glaubensentscheidungen oder -notwendigkeiten auswirken können, die von einem Wirken Gottes in der Geschichte ausgehen und vielleicht gerade in der Ausbreitung des Chistentums eine göttlich gewollte äußere Bestätigung für dessen innere Wahrheit zu sehen geneigt sind. Eine Antwort scheint mir nur in dem Sinne möglich, daß eine Wahrheit der christlichen Botschaft zwar nicht geschichtstheologisch bewiesen werden kann, aber unabhängig von aller Geschichte Bestand hat. Eine Begründung mögen die folgenden Thesen liefern.

1. Gibt es Gott und ist Gott allmächtig, so ist er nach menschlichem Ermessen auch Herr der Geschichte, d. h.: alles, was geschieht, ist letztlich Wille Gottes, oder er läßt es in seiner Allmacht wenigstens zu.

2. Andrerseits: Ist Gottes Ratschluß für uns nicht faßlich, dann entziehen sich seine Motive - möglicherweise von Gott gerade so gewollt - unserer begrifflichen Erfassung, sowohl was die Vergangenheit als auch was unsere Vorausschau in die Zukunft betrifft. So können wir jedenfalls auch aus der historischen Verbreitung und Durchsetzung einer Religion - nicht nur des Christentums, sondern auch anderer Religionen- in keiner Weise sicher darauf schließen, was an deren Glaubensaussagen von Gott etwa gewollt ist oder nicht; wohlgemerkt: wir können es nicht aus der Tatsache der historischen Verbreitung schließen, ebensowenig wie wir aus der historischen Nichtverbreitung oder dem historischen Rückgang der Verbreitung eines religiösen Phänomens auf eine von Gott nicht gewollte Glaubensaussage schließen können. Insoweit gibt es m. E. keine Möglichkeit einer geschichtstheologischen Beweisführung, und mit dieser entfallen historische 'Gott-mit-uns'-Konzepte ebenso wie historische 'Gott-gegen-uns'-Konzepte' und generell geschichtstheologische Deutungen geschichtlicher Phänomene aus einem bestimmten Willen Gottes heraus. Das Problem des selbstgewissen Herauslesens eines bestimmten göttlichen Willens aus historischen Ereignissen und Entwicklungen zeigt sich aber nicht nur hier, sondern auch an manchen anderen Stellen früheren oder heutigen Geschichtsbewußtseins. Als eine für unsere Zeitgeschichte problematische Deutung eines Geschehens kann man etwa auch den letzlich geschichtstheologischen Begriff eines 'Holokaust' ansehen, welcher auf das 'gänzlich verbrannte Opfer ' des hebräischen Opferrituals (hebr. 'kalil', griech. 'upokaúthma - vgl. Lev. 22, 17 -25) Bezug nimmt.

3. Die zentralen Glaubensaussagen des Christentums, wie sie etwa im apostolischen Glaubensbekenntnis zusammengefaßt sind, treffen - m. E. unabhängig von aller Geschichte - dennoch 'das nach Gott suchende menschliche Herz' ("unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir" - Augustinus, Confessiones). Das gilt m. E. für alle tragenden Ideen dieses Bekenntnisses auch heute, selbst wenn man zu ihrem Verständnis immer auch ihren historischen Bedeutungsusammenhang mitzuberücksichtigen hat. Ich meine vor allem

4. Es gibt - aus der Perspektive menschlicher Erkenntnis - zwar keine argumentativ stringente Notwendigkeit, diese Glaubensentscheidungen zu treffen, generell: bestimmte religiöse oder nicht-religiöse Gefühle oder Einstellungen zu haben oder bestimmten Formen christlich geprägter oder anderer, nicht-christlich gepägter Moral anzuhängen. Insoweit ist der Mensch 'völlig frei' in seinen Glaubensentscheidungen. Es ist folglich auch unmöglich, diese Freiheit der Glaubensentscheidung durch historische Tatbestände, wie gewichtig sie auch sein mögen, für zwingend vorgegeben zu erachten. Gibt es Gott, so läßt er m. E. die Freiheit des Glaubens jedenfalls zu und will es vielleicht gerade so, indem er den suchenden Menschen vielleicht auf sich zukommen lassen und dann vielleicht in Empfang nehmen will - wenn er es will . Gibt es keinen Gott, so wird der Mensch aber m. E. dadurch nicht 'freier' in seinen Glaubensentscheidung, als er es ist, wenn es Gott gibt. Mit den Möglichkeiten des Erkennens erweisen läßt sich weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes, und nach menschlichen Maßstäben moralisch besser ist a priori weder ein atheistisches noch ein auf Gott setzendes Glaubensbekenntnis.

5. Für die Glaubensentscheidungen, die wir treffen, sind die historischen Traditionen, in denen wir bewußt und vor allem auch unbewußt stehen, weitaus wichtiger, als uns zumeist klar ist und als es auch das zuvor häufiger verwendete Wort 'Entscheidung', nimmt man es in seinem umgangssprachlichen Sinne, nahelegt. Das gilt auch für die Traditionen des Christentums. Wer sich als Historiker mit dessen Quellen befaßt, fühlt sich - zwar nicht immer und auf Anhieb, aber doch häufig genug unmittelbar angesprochen oder gerührt etwa durch die Frömmigkeit, ihren Eifer und ihre Bemühung, das für den Geist des Menschen wirklich Wichtige zu erfassen und abzusetzen gegen das, was an der Welt eher unwichtig ist. Auch wenn man als Historiker von Berufs wegen relativiert, so hat man deshalb doch keinen zwingenden ideellen Grund zu einem engagierten Atheismus oder gar Nihilismus, wie er in einigen Geistesströungen unserer Zeit seit längerer Zeit dominiert, oder zu irgendeiner anderen radikalen Abkehr von christlichen Denkweisen und Moralformen, wie sie aus der Antike bis heute fortwirken. Es gibt nicht einmal die Notwendigkeit irgendeiner 'Modernisierung' des Christentums i. S. einer Anpassung der zentralen Glaubensentscheidungen dieser ideell wohlfundierten Glaubenstradition an manche m. E. ideell eher flachwurzelnde politische, wirtschaftliche oder kulturelle Ideenysteme unserer gegenwärtigen, d. h.insoweit - auch nach christlichem Verständnis - irgendwann hoffentlich vorübergehenden Epoche.


ANLAGEN

1) Kartenbilder.

Zwei Karten zum Thema 'Christentum und orientalische Religionen in der Kaiserzeit', aus dem 'Großen Atlas Weltgeschiche', Westermann-Schulbuchverlag, Sonderausgabe, Braunschweig 1990, S. 44. 

2) Literatur:

J Becker, C. Colpe u. a., Die Anfänge des Christentums. Alte Welt und neue Hoffnung, Stuttgart 1987.

R. Bultmann, Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen, Düsseldorf 1998 6 .

Mircea Eliade, Heschichte der religiösen Ideen, Freiburg 1997 3.

A. (v.) Harnack, Dogmengeschichte, Leipzig 1898.

A. v. Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig 1924 11.

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, Freiburg 1966 2 (S. 259 ff. zum Opferritual).

M. J. Vermaseren, Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981.

John Mc Manners (Hg.), Geschichte des Christentums, ins Deutsche übersetzt von Wolfdietrich Müller, Frankfurt M. 1993 , S. 29 - 100 (Geschichte der frühe Christengemeinden und staatsreligiöse Entwicklung).


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