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Die Bibel und andere Zeugnisse antiken Glaubens als Gegenstand geistigen Interesses.

Von Christian Gizewski. 

Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit einer Vorlesung des Verfassers(WS 1998/99) entstanden. Literatur- und Quellenhinweise lassen sich dem WWW-Skript zur Vorlesung (http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Auditorium/Bibel/Anfang.htm) entnehmen. - Die Abbilldung im Text stellt einen lammtragenden König von Elam (heute ungefähr: Fars/Iran) des 13. /12. Jhts. v. Chr. dar. Standort heute: Musée du Louvre, Paris. Abb. entnommen aus: Edith Porada, R. H. Dyson, C. K. Wilkinson, Alt-Iran . Die Kunst in vorislamischer Zeit, Baden-Baden 1962, S. 57.

Unter 'Glauben' seien im folgenden verstanden nicht nur 'religiöse', sondern in einem allgemeineren Sinne lebensbestimmende Wertorientierungen und nicht weiter begründbare Ansichten im Hinblick auf das, was war, ist und sein wird, d. h. grundlegende Überzeugungen, die wir als notwendig oder wahr erfahren haben und annehmen. Bei ihnen geht es nicht um etwas Beliebiges, sondern um etwas persönlich Zwingendes und Bewegendes, und nicht nur um gefühlsmäßige Eingebung oder spontane Meinungsäußerung, sondern auch um Wissen und geordnetes Nachdenken. Dabei kann auch das 'historische' Wissen eine besondere und durchaus lebenspraktische Orientierungs-Bedeutung haben.

Bilden wir zur Erläuterung zunächst einige nicht spielerisch, sondern ernst gemeinte Beipielsfälle. Bei ihrer Beschreibung werden Worte, die schon als solche eine 'Glaubens-Form' ausdrücken, apostrophiert.

Wer einmal in wirkliche 'Bedrängnis' geriet oder 'vom Schicksal heimgesucht' wurde, weiß, daß er nach Fassung und Trost sucht und sie bei Menschen nicht immer oder nicht ausreichend finden kann. Wo aber findet er sie sonst?

1. Vielleicht in dem, was im folgenden Bibel-Psalm (23) ausgedrückt ist:

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zu frischem Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

2. Ein anderer Mensch meint 'im Grunde seines Herzens' dagegen vielleicht, einen 'Gott' gebe es nicht, wohl aber ein 'Schicksal', und dies habe ihm eben sein Unglück - wie sonst alles andere auch - 'vorherbestimmt', und das müsse er 'gefaßt tragen'.

3. Oder jemand ist 'in tiefster Seele' davon überzeugt, daß es weder 'Gott' noch 'Schicksal', sondern nur Naturgesetzmäßigkeiten und/oder unentwirrbare Zufälligkeiten im Geschehen der Welt gebe, und zieht daraus etwa die notwendig pessimistische Konsequenz, daß man das Leben zwar 'ertragen' und auch genießen könne, solange es eben gehe, daß man ihm ggf. aber auch selbst eine Ende machen könne und sollte, wenn es 'unerträglich' werde.

4. Oder schließlich könnte jemand daran glauben, daß der Mensch allein oder im Zusammenwirken mit anderen Menschen 'die Aufgabe habe', mutig, entschlossen - vielleicht 'heroisch', vielleicht 'stoisch' - 'seine Pflicht' zu tun oder in der Verwirklichung einer 'Idee', z. B. von 'Menschlichkeit' oder 'Fortschritt', 'Erlösung' oder 'Erneuerung' der 'Menschheit', einen auch durch Gefahren und Schicksalsschläge 'tragenden' Lebenssinn zu finden.

Solche heute überall wahrnehmbaren Formen des 'Glaubens' sind prinzipiell tief verankert 'im Inneren' derer, die ihnen anhängen; sie werden etwa als von einem 'Gewissen' oder 'der Vernunft' oder anders benannten Quellen innerer Überzeugung zwingend vorgegeben und wahr erlebt und begriffen, selbst wenn sich Menschen öfters über sie nicht klar oder eindeutig äußern können oder wollen. Kommen aber diese Glaubensformen nur aus dem 'Inneren' menschlicher Individuen, was anzunehmen vielleicht demjenigen naheliegt, der nicht an einen 'Gott' zu glauben vermag?

Bei dem zu 1. zitierten Psalm ist es offensichtlich, daß seine Wirksamkeit nicht vorwiegend im 'Inneren' eines heutigen individuellen 'Gläubigen' entstanden sein kann. Das ist an den manchmal 'altertümlichen' deutschen Redewendungen, aber auch an manchen inhaltlichen Unverständlichkeiten zu erkennen, die sich bei spontaner Lektüre einstellen können. Wieso ist z. B. in einem so schönen Trost- und Barmherzigkeitsgedicht, wie es scheint, ganz unpassend, von 'Feinden' die Rede, in deren 'Angesicht' Gott dem Frommen 'einen Tisch bereitet' hat? Der deutschsprachige Text stammt zunächst leicht erkennbar generell aus dem geistigen Zusammenhang des Christentums und speziell aus der Bibelübersetzung Martin Luthers, die vor knapp 500 Jahren entstand. Der Urtext, auf den sich diese Übersetzung bezieht, liegt seinerseits aber viel weiter zurück. Er entstammt einer althebräischen Sammlung von 150 Gebeten und Liedern ('Psalmen') des israelitisch-jüdischen Kultus, die etwa um 300 v. Chr. ihre - später religiös verbindlich gewordenene ('kanonische') - Form erhalten hat. In ihnen gibt es eine Anzahl (41) dem damals als beispielhaft fromm geltenden König David zugeschriebener - wenn auch zumeist wohl nicht von ihm stammender - Psalmen, zu denen auch der Psalm 27 gehört.

Die Vorstellung, daß Gott ein Hirte sei, dem sich der Fromme uneingeschränkt anvertrauen könne, ist aber noch viel älter als das 3. Jht. v. Chr. oder auch die Zeit des Königs David, der in Juda und den anderen Stammesgebieten Israels im 10. Jht. v. Chr. historisch sicher bezeugt ist. Ein dem ägyptischen Pharao Ramses III., der im 12. Jht. v. Chr. regierte, zugeschriebener Hymnus an den Gott Amun lautet, ins Deutsche übersetzt, etwa so:

"Ich hebe an, Deine Größe zu verkünden. Wer deinen Namen ausspricht, dem bist Du ein Hirte, den setzt Du in das Fahrwasser Deines Gebotes. Wer sein Herz mit Dir erfüllt, dessen Herz ist süß; denn siehe, Du richtest Dein Auge auf ihn. Tag für Tag bewahrst Du den, der auf Deiner Flut wandelt. Wer sich umwendet, Dich anzuschauen, dessen Auge leuchtet. Du läßt ihn sich ersättigen an Deiner Schönheit, die im Himmel ist." (Übersetzung aus: Jan Assmann, Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur, Stuttgart 1991 2 , S. 269).

Die inbrünstig fromme Vorstellung vom 'guten Hirten' in Anwendung auf eine machtvolle und fürsorgliche Gottheit, gibt es auch an anderen Stellen des vor und außerisraelitischen Altertums Das Bild wird im übrigen auch auf mächtige Herrscher - wie z. B. im sog. 'Codex Hammurabi' auf den König Hammurabi von Babylon (18./17. Jht. v. Chr.) - angewandt und dient natürlich in allen Bereichen der landwirtschaftlich oder nomadisch geprägten Altertumskulturen generell dazu, die Tugend und die legitime Macht einer vorausschauenden menschlichen Fürsorge für die Irrenden oder Schwachen in einer einprägsamen Metapher auszudrücken.

Was an dem hier hergestellten religiösen Traditionszusammenhang besonders hervorgehoben werden soll, ist, daß er - über verschiedene Vermittlungsstufen des Judentums und Christentums die Denkweisen von Menschen verbindet, die etwa im ägyptischen Altertum des 2. Jahrtausends v. Chr. dort und in der Gegenwart hier leben - und zwar nicht nur in einer zufälligen, sondern in einer durch geistesgeschichtliche Überlieferungsbeziehungen hergestellten Gleichheit oder Ähnlichkeit.

Natürlich gibt es bei einer solchen Zeitspanne auch Unterschiede bzw. Veränderungen der Glaubensform - und auch dies ist hervorzuheben. So sind die hier zitierten Ansprachen an Gott solche eines israelitischen Königs hier und eines Pharao dort- die beide naturgemäß auch Feinde haben, wodurch sich etwa das zunächst fremdartig Wirkende des Psalm-Textes erklärt. Beide sind sich - gerade als Herrscher - dem Text nach der göttlichen Fürsorge auch für ihren Herrschaftsbereich sicher, weil sie fromm sind und Gottes Sache leidenschaftlich vertreten. In unserer Zeit dagagen wird der Psalm oder der Hymnus spontan eher als Zeugnis individuellen Glaubens verstanden und könnte zur Rechtfertigung politischer Herrschaft kaum noch dienen.

Auch für das Beispiel zu 2. läßt sich eine lange Traditionslinie zurückverfolgen, zumal dann, wenn man einen heutigen 'Schicksals-Glauben' mit dem scheinbaren Trivialphänomen der 'Astrologie' zusammenrückt. Gewiß gibt es 'Schicksals-Glauben' in unterschiedlichen Gestalten und Traditionsbeziehungen, aber die astrologische ist vielleicht die heute sinnfälligste und auch aufschlußreichste. Von heutiger 'Horoskop-Gläubigkeit', die - ist man nur ehrlich - bei nicht wenigen Menschen einem tiefgehenden Glauben entspricht, führt eine Traditionslinie über einen dem Christentum gegenüber kritischen religiösen 'Freigeist', wie er in der Renaissance - in Neuanknüpfung an antike Muster - deutlich hervortritt, und über eher untergründige Formen mittelalterlicher Astrologie im christlichen und jüdischen Bereich zurück zur römischen und griechischen Antike, die ihrererseits im Laufe der Jahrhunderte astrologische Denk- und Glaubensformen aus dem Alten Orient, vor allem aus Mesopotamien, übernahm. Dort gab es seit frühesten Zeiten die religiöse Vorstellung eines Götterpantheons, in dem die Gestirnsgötter eine maßgebliche Bedeutung für das Weltgeschehen hatten. Die Tierkreiszeichen und Planetenbenennungen des alten Babylon sind jedenfalls zu einem großen Teil noch die unseren.

Das Beispiel zu 3 weist zurück auf historische Wurzeln etwa in einer 'skeptisch-akademischen' und einer 'epikuräisch-atomistischen' Richtung der antiken Philosophie. Beide Richtungen, die es seit dem 4. Jht. v. Chr. gab, waren nicht nowendigerweis atheistisch, wahrten aber eine -manchmal auch spöttische - Distanz zu unbeweisbaren oder unbegründbaren Aussagen über das Göttliche, und ihre Vertreter hingen praktisch eher einer die religiösen Konventionen zugleich respektierenden und relativierenden Frömmigkeit an. Eine gewisse Verbreitung gewann diese Form der philosophisch reflektierten Frömmigkeit in der römischen Kaiserzeit, etwa in der Auseinandersetzung mit den unbedingten Glaubens-Postulaten des sich ausbreitenden Christentums, wie z. B. die sich darauf beziehende Schrift des Minucius Felix, 'Octavius' aus dem 2. Jht. n. Chr. eindrücklich deutlich macht. Daraus ein kurzes Zitat (11, 5):

"Und nun erst die Christen: welche Ungeheuerlichkeiten, welche Ausgeburten ersinnt ihre Phantasie! Dieser ihr Gott, den sie weder zeigen noch sehen können, der soll seinerseits genauestens das Tun und Treiben aller Menschen verfolgen, ihren Worten und sogar ihren geheimsten Taten nachspüren, indem er überall hinrennen und überall dabei sein muß; lästig wollen sie ihn haben, ein ruheloses Wesen, von schamloser Neugier! Ist er doch bei jeder Tat dabei, irrt allerorten umher, daß er weder imstande ist, den einzelnen zu helfen, da er durch das Ganze in Anspruch genommen ist, noch dem Ganzen zu genügen, weil er mit dem einzelnen beschäftigt ist" (Übersetzung aus: B. Kytzler (Hg.), M. Minucius Felx, Octavius, reclam, Stuttgart 1997, S. 30 f.)

Diese Form steht mit einem in unserer Zeit weit verbreiteten Typus 'religiöser Zurückaltung' oder auch 'Religionskritik' in einem geistesgeschichtlichen Zusammenhang, und zwar über eine humanistische Vermittlung antiker Philosophie, die dadurch neben dem Christentum zumindest in der Neuzeit zu einer prägenden Kraft für das europäische Geistesleben wurde.

Das Beispiel 4 schließlich läßt sich in traditionsgeschichtliche Verbindungen bringen mit ganz unterschiedlichen, erst in späteren Epochen kombinierten religiösen oder philosophischen Wurzeln der Antike, wie z. B. mit der stoischen Philosophie, mit der volkstümlichen Verehrung der Heroen, die ihre zeitweilig menschliche Natur durch gute und große Taten in eine göttliche zu transzendieren vermochten, und nicht zuletzt auch mit karitativen und eschatologischen Komponenten religiösen Glaubens, wie sie in der christlichen, der jüdischen und auch der iranischen Religiosität der Antike zu finden sind und in unserer Zeit auch in mancher säkularisierten Idee weiterwirken.

Diese Beispiele können nur andeuten, wie vielfältig die historischen Wurzeln dessen sein können, was wir für unsere ureigensten und persönlichsten Glaubensüberzeugungen halten. Wir sollten erkennen, daß ihre bewegende Kraft auch mit ihrem Alter und ihrer 'traditionellen Würde', d. h. ihrem seit Jahrhunderten wirksamen Einfluß auf unser geistiges Leben zu erklären ist, der auch in der 'Moderne' und der 'Gegenwart', so wenig sie manchmal von der Geschichte weiß und wissen will, nicht aufhört.

Antike Religionen und Philosophien haben in ihren jeweiligen Gesellschaften anderen Einfluß gehabt und standen in anderem Verhältnis zueinander als ihre Fortwirkungen und Rekombinationen in unserer Zeit. Die Religionen der Antike sind politisch bestimmender, geistig dominanter und in der Alltagspraxis präsenter gewesen, als etwa das Christentum in den säkularisierten europäischen Jetztzeit-Gesellschaften, in denen das philosophische Erbe der Antike für die grundlegenden politischen, geistigen und technisch-zivilisatorischen Orientierungen neben oder über dem christlichen Prägemoment spürbar ist.

Glaubensfragen im oben definierten allgemeinen Sinne bewegen unsere Zeit aber letztlich in demselben Maße wie die Antike, und sie führen fast alle auch auf sie zurück. Aus diesem Grunde ist es nicht nur ein 'geistiges Abenteuer', sondern es verschafft auch stets nicht wenig Klarheit über die Eigentümlichkeiten und Wurzeln einer 'modernen' geistigen Form des Menschen, wenn man etwa die Bibel - von der Schöpfungsgeschichte bis zur Apokalypse - liest, oder in den heute in wichtigen Texten gut zugänglichen religionsgeschichtlichen Quellen etwa des Alten Mesopotamiens oder Ägyptens, Griechenlands und Roms. Auch in einigen der zusammenhängend überlieferten Werke antiker Philosophen wie Platon und Aristoteles oder in der Philosophengeschichte des Diogenes Laertios oder in den Lebensbeschreibungen und in den moralischen Betrachtungen Plutarchs oder den moralischen Briefen Senecas zu lesen, um nur dies zu erwähnen, bringt den Leser in die zeitliche Ferne und zugleich stets auch zu sich selbst.


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