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Täuschung als Erfolgsprinzip öffentlicher Argumentation: ein praktisches Erbe antiker Rhetorik.

 Von Christian Gizewski.

Dieser Aufsatz ist im Zusammenhang mit einer Lehrveranstaltung des SS 1999 (Musik und Rhetorik als Mittel öffentlichen Handelns in antiken Gemeinwesen) entstanden.

ÜBERSICHT:

I. Einleitung:Täuschung als wesentliches Element erfolgsorientierter Rhetorik in Antike und Gegenwart.

II. Die Täuschungsmöglichkeiten aus der Perspektive der aristotelischen Topik- und Rhetorik-Lehre.

A. Die in der Verletzung von Wahrheitspflichten, in unrichtigen Gewichtungen und verzerrenden Begriffsbildungen liegenden Täuschungen öffentlicher Argumentation.

B. Arten und Funktionen logischer Fehlschlüsse in der öffentlichen Argumentation.

C. Die Tropen der Rhetorik und ihr sophismatische Disposition.Die Bedeutung der in der Rhetorik verwendeten Täuschungsarten für nicht-verbale Ausdrucksformen öffentlicher Argumentation.

I. Einleitung: Täuschung als wesentliches Element erfolgsorientierter Rhetorik in Antike und Gegenwart.

Die antike 'Rhetorik' ist eine der sieben 'artes liberales', der bis zur Spätantike kanonisch gewordenen Disziplinen 'höherer', 'freier' Bildung. In dieser Eigenschaft ist sie 'kulturelles Erbe', d. h. eines von mehreren hochgeschätzten Gütern aus der Antike tradierter Geisteskultur geworden. Wie andere Kulturgüter, die aus der Antike ererbt sind, erscheint sie uns in ihren sprachlich-philologischen, ästhetischen, erkenntnisbezogenen, philosophischen und historischen Begleitaspekten oft bedeutungsvoller als in ihrer handfesten praktischen Nutzbarkeit und Vorbildfunktion für heutige Formen öffentlicher Publikumsbeeinflussung wie die 'politische'Meinungsbildung' oder die 'Werbung' aller Art.

Der wesentliche Kern der Rhetorik ist aber - in der Antike ebenso wie heute - ihre praktische Seite. Sie ist eine praktische, auf die Beeinflussung einer Gegenseite oder eines 'Publikums' gerichtete Kunst und Technik. Mit ihr wird planmäßig und systematisch ein Überzeugungs- oder ein Überredungserfolg gegenüber einzelnen Menschen, Gruppen oder Institutionen angestrebt. Mit 'Überzeugung' ist gemeint eine sachlich tragfähige, mit 'Überredung' eine scheinhafte, aber dennoch zwingende oder motivierende Argumentation. Der Terminus 'Argumentation' soll 'Überzeugung' und 'Überredung' zusammenfassen, d. h.nicht nur, wie sprachlich an sich auch möglich, eine 'sachlich argumentierende und tragfähige Darlegung' meinen. Dieser Sprachgebrauch rechtfertigt sich vor allem etymologisch; denn 'argumentatio' stammt von dem lateinischen Verb 'arguere', dessen Grundbedeutung ungefähr bei 'deutlich machen', 'dezidiert behaupten', 'rednerisch darstellen' liegt, wobei in diesen Grundbedeutungen des Wortes die Wahrheit des Behaupteten nicht notwendig vorausgesetzt ist.

Der Erfolg einer öffentlichen Rede kann einerseits auf wahrheitsentsprechenden Aussagen und sachlich zutreffenden Argumenten, man kann auch sagen: 'auf der zwingenden Kraft' der Logik, der Wahrheit oder der normativen Richtigkeit ihrer Argumente beruhen. Er kann aber andrerseits auch - und dies ist weit häufiger der Fall, ja eigentlich üblich - darauf zurückzuführen sein, daß der Redner simplizierende Vorstellungen und irrtumshaltige Allgemeinplätze, emotional geladene Wunschvorstellungen und gerüchtartig verbreitete Fehlinformationen, Fehlschlüsse, Vergeßlichkeit und Unaufmerksamkeit des Publikums nutzt, kurz: die verschiedenartigen Dispositionen des Publikums zu Selbttäuschung und sonstigem Irrtum. Unter Irrtum oder Selbsttäuschung sei im folgenden verstanden die im Hinblick auf Tatsachen und Wahrscheinklichkeiten unwahre Aussage ebenso wo wie die im Hinblick auf Normen und Werte unrichtige Aussage. Zumeist verbindet sich in der öffentlichen Rede beides miteinander. Sie kann dabei im Interesse eines 'ausreichenden' Maßes an Glaubwürdigkeit nie in vollem Umfang nur unwahr und unrichtig sein. Aber ein wenig kann sie es doch, und die wenigen Stellen sind zumeist auch für den argumentatorischen Erfolg wesentlich. In welchem Maße Täuschung und Selbsttäuschung des Publikums bei einer Rede möglich sind, hängt natürlich in starkem Maße auch von der Redesituation ab, insbesondere von der Vorbildung oder Vorabinformation des Publikums und der Emotions- und Werthaltigkeit des Themas, aber auch von 'Äußerlichkeiten' wie z. B. Zeitdruck, Gerüchtbildungen, Diskussionsverläufen, Sympathie- oder Antpathieeffekten während oder im weiteren Umfeld einer Rede.

Die öffentliche Rede ist ein Instrument der Öffentlichkeitsbeeinflussung und der Aktion in politischen Auseinandersetzungen unter prinzipiell zivilen und friedlichen Umständen. Im Kriege entspricht ihr die Gewaltanwendung zur Durchsetzung bestimmter Ziele. Wie es in der militärischen Gewaltanwandung die Täuschung als wichtiges Intrument der taktischen oder strategischen Nötigung oder Ausspielung des Gegners gibt, so ist auch in der öffentlichen Rede die Täuschung ein übliches, je nach den Umständen ausgeprägtes und wichtiges Mittel zur Nötigung oder Ausmanövrierung von Gegnern. Der Umfang der Anwendung des Täuschungsprinzips gegenüber einem Publikum oder einem gegnerischen Adressaten wird für die heutige Gegenwart am besten deutlich, wenn man einmal - ohne Rechtfertigung und Beschönigung - den ganzen Umfang und die vielfach grundlegend simplifizierenden und irreleitenden Inhalte politischer 'Meinungsbildung' bzw. 'Aufklärung' oder wirtschaftlicher 'Werbung' ins Auge faßt - ganz unabhängig von den jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Tendenzen und Systemen, in denen sie vorkommen. Auch im Hinblick auf antike Gemeinwesen gibt es, sieht man einmal von den 'typisch neuzeitlichen' 'medialen Strukturen' 'moderner Gesellschaften' ab, keinen Grund, ein grundsätzlich anderes Verhältnis von Wahrheit und Täuschung in der öffentlichen Argumentation anzunehmen. Das Wirksamwerden der Täuschung in der öffentlichen Argumentation läßt sich für die griechische und die römische Staatspraxis in den Quellen gut belegen.

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Dies festzustellen, heißt nicht, darüber sinnlos zu klagen. Es heißt aber auch nicht etwa, es in jeder Hinsicht als Schicksal hinzunehmen. Insbesondere wissenschaftlicher Erkenntnis und Argumentation ist es mit Rücksicht auf ihre primär an der 'Wahrheitsmaxime' orientierten Aufgaben grundsätzlich anzuraten und sogar aufgegeben, sich nicht mit denjenigen zahlreichen Momenten öffentlicher Argumentationen, Ideologien oder Kampagnen zu identifizieren, die auf Selbsttäuschung und Täuschung beruhen. Dies ist auch möglich, und dafür - nicht nur für die Tradition öffentlich-rhetorischer Täuschung - gibt es sogar markante antike Vorbilder. Vor allem ist hier die Philosophiegeschichte des klassischen Athen zu erwähnen.Das bereits damals in der Praxis öffentlicher Argumentation als grundsätzlich problematisch empfundene Verhältnis zwischen dominanter erfolgsorientierter Täuschung und zumindest zeitweilig effektiv schwacher Wahrheit bestimmter öffentlich vertretener Auffassungen wurde in Athen mitursächlich für die Verselbständigung eines speziellen, 'autonomen' Bereichs primär 'wissenschaftlicher' und dennoch prinzipiell öffentlicher Argumentation. Dessen gedankliche Begründung und Abgrenzung unter dem Namen einer 'alethine philosophia', d. h. einer 'wahrheitsliebenden Philosophie', ist vor allem der Generationenfolge der Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles zuzuschreiben. Sie ist für die spätere europäische Geistesgeschichte ebenso bedeutend geworden wie die die praktische Kunst der antiken Rhetorik.

Das Grundsatzproblem hat Platon etwa in seinen Dialogen 'Gorgias' und 'Protagoras' thematisiert. Um eine systematische theoretische Durchdringung des Verhältnisses zwischen 'Überzeugung' und 'Überredung' hat sich vor allem Aristoteles verdient gemacht. In zwei Schriften, nämlich in der 'Rhetorik' und in der Topik', befaßt er sich mit wichtigen Aspekten rein erfolgsorientierten rhetorischen Argumentierens. In der 'Rhetorik' erörtert er systematisch - unter dem Aspekt des Erfolgs-, nicht des Wahrheits-Prinzips - die dem Redner zur Verfügung stehenden gedanklichen und sprachlichen Mittel. In der Topik legt er die Grundsätze 'topologisch-sachgerechten' alltäglichen Argumentierens mit Wahrscheinlichkeitsannahmen und Generalisierungen (Enthymemen) dar. Die Frage mißbräuchlichen Umgangs mit den Möglichkeiten des Schließens spricht er in der Abhandlung 'Über die Widerlegung der Sophismen' an, die ein Teil der 'Topik' ist. Er erörtert dort das Problem der argumentativen Täuschung durch Fehlschluß (griech. 'sophismos' oder 'paralogismos', lat. 'fallacia'), indem er dafür typische Figuren unterscheidet und analysiert.

Sophismen sind nach Aristoteles Scheinargumentationen, genauer: Elemente einer Beweisführung ('pistis'), die zu verdeckten Fehlschlüssen führen (soph. el. 164 a und b): Aristoteles faßt zu ihrer Untersuchung diejenigen typischen Elemente ('stoicheia'; sing. 'stoicheion') in logischen Satzfolgen ins Auge, die zu einem Fehlschluß ('paralogismos', 'sophisma') führen. Einige beruhen in ihrer Wirkung darauf, daß sie den Adressaten der Rede rein gedanklich von einer sachangemessenen Begriffsbildung, von logischer Schlußfolgerung oder Vorsicht bei unsicheren Schlüssen oder von der Notwendigkeit einer empirischen Nachprüfung ablenken. Andere Figuren erzielen diesen Erfolg bereits durch bewußt eingesetzte Mittel einprägsamer oder faszinierender - und damit vom Denken ablenkender - sprachlicher Gestaltung: so etwa durch die Dramatik, den Witz oder die Schönheit sprachlichen Ausddrucks. Aristoteles unterscheidet aus diesem Grunde die 'sprachlich bedingten' Sophismen ('paralogismoi lexeos) von den 'außerhalb der Sprache entstehenden' Sophismen ('paralogismoi exo tes lexeos'). Für jene stellt er fünf Typen, für diese sieben Typen fest. Diesen Typenkatalog sieht er nicht als erschöpfend an (soph. el. 165 b): bei den Sophismen handele es sich um ein "Gebiet ohne Grenzen" ( soph. el. 169 b). In der Erörterung der einzelnen Paralogismen bildet er dann exemplarisch verschiedene weitere Unterarten.

Aufgabe einer 'Widerlegung der Sophismen' ist es nach Aristoteles Konzept, im Bereich der Schlußfolgerungen den 'Topos', den Ort der Entstehung eines Fehlschlusses, genau zu identifizieren, zu analysieren, typologisch einzuordnen und dadurch das Ergebnis des fehlerhaften Argumentationsganges abzuwehren. Aufgabe ist es dabei aber nicht, bei einer solchen Widerlegung positiv selbst vollständige und zutreffende Beweise anzutreten oder Wahrheitsaussagen zu machen, um daran abmessend unwahren oder verzerrten Aussagen entgegenzutreten (soph. el. Kap. 11/ 171 b, Kap. 34/ 183a). - Mit seiner 'Rhetorik' will Aristoteles zwar einer offenen Form der Argumentation, aber nicht etwa dem demagogischen Argumentieren durch systematische Klärung rhetorischer Handlungsmöglichkeiten zuarbeiten: "Daß die Rhetorik nicht zu tun hat mit irgendwelchen fest definierten Erkenntnisobjekten, sondern vielmehr eine Entsprechung zum Prozeß dialektischer Erkenntnis darstellt, ist offenkundig; ebenso, daß sie nützlich ist. Ferner ist es nicht ihre Aufgabe zu überreden, sondern zu untersuchen, was es an Glaubwürdigem bei einer zur Diskussion stehenden Sache gibt" (rhet. 1355b). Allerdings muß man hier klarstellen, daß diese Definition der 'Rhetorik' nicht notwendigerweise die normale Praxis antiken Rhetorik-Unterrichts oder antiker Rhetorik-Anwendung betrifft, für die der 'Erfolg' des öffentlichen Redens und die damit verbunden Einfluß-, Karriere- und Verdienstmöglichkeiten verständlicherweise im Vordergrund stehen.

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In seiner 'Rhetorik' und in seiner 'Widerlegung der Sophismen' hat Aristoteles viele wichtige, wenn auch - aus damaliger ebenso wie aus heutiger Perspektive - nicht alle wichtigen Bereiche des hier interessierenden Themas der 'öffentlichen Täuschung' durch 'erfolgsorientierte' rhetorische Aktionen zur Sprache gebracht.

In der 'Widerlegung der Sophismen' befaßt er sich nur mit der Täuschung durch unbemerkte Fehlschlüsse, nicht dagagen mit den vielfältigen Formen der Täuschung durch Desinformation, Begriffsverzerrung, Ausblendung oder Überbetonung, bei denen der Fehlschluß nicht der primäre Grund des erzeugten oder stabilisierten Irrtums ist. Er setzt sich auch nicht mit ganzen, konkreten, in irgendeiner typischen Weise wahrheitswidrigen und ihre Unwahrheit verdeckenden Argumentationsgängen auseinander, sondern nur abstrakt mit den in ihnen etwa enthaltenen fehlerhaften logischen Grundmustern. Ferner gibt es, wie Aristoteles selbst konzediert, mehr als die von ihm aufgezählten Täuschungsarten.

In der 'Rhetorik' berührt Aristoteles - unter anderem - zwar prinzipiell alle Momente der rhetorischen Täuschung: durch Stoffauswahl und -gewichtung, Gebrauch der Emotionen, Eingehen auf die 'charakterlichen' Dispositionen des Publikums, situationsangemessenen Aufbau der Beweisführung und sprachlich-stilistische Gestaltung. Da es sich aber um eine Grundsatzschrift handelt, werden für die einzelnen Komplexe bestimmte Aspekte eher nur exemplarisch erörert : so z. B. 'Amplifikation' oder 'Depretiation' als Beispiele für den Gesamtkomplex der gedanlichen Auswahl und Gestaltung des Redestoffes, 'Redestile', einige 'Redefiguren', 'Rhythmus', 'hypotaktischer oder parataktische Satzbau' als Beispiele für die unendliche Vielzahl der Wortwahl- und sonstigen sprachlichen Gestaltungsmöglichkeite,'Witz', 'Esprit', 'Verleumdung' als Beispiele für die vielfältigen Möglichkeiten der gedanklichen Rededisposition und 'Beweisführung'.

Trotzdem sind die beiden genannten Schriften für fast alle interessierenden Aspekte des Themas 'Täuschung durch öffentliche Rede' aufschlußreich. Es zeigt sich dabei, daß sie ihren analytischen Wert sogar für eine Kritik heutiger sophismatischer Gewohnheiten der Öffentlichkeit behalten hat, und dabei nicht nur für die mündliche Rede, sondern prinzipiell für alle Ausdrucksformen politischer und sonst öffentlicher Argumentation -verbale wie nicht-verbale. Das gilt weitgehend, was die rhetorischen Arbeitsstationen der 'Heuresis und der 'Taxis', und in naturgemäß beschränkterem Maße, was die der 'Lexis', also der gesprochenen Sprache betrifft. Die grundlegenden Überlegungen über den Inhalt einer Botschaft, die ein öffentlicher Ausdrucksakt übermitteln soll, und den Aufbau ihrer Elemente, sind für jede Ausdrucksform ähnlich, auch wenn es einen Unterschied für Stoffauswahl und -anordnung bedeutet, ob sich ein Ausdrucksakt bei der Übermittlung seiner Botschaft erst entwickelt - wie bei Rede, Zeremonie oder Drama - oder bereits fertiggestellt ist - wie beim Buch, Bild oder Bauwerk. Wichtigere Unterschiede gibt es bei den teilweise sehr verschiedenartigen Ausdrucksformen, weil sich die hier jeweils nutzbaren Techniken und Muster-Fundi stark unterscheiden; denn der Redner, der Publizist oder Literat, der Architekt oder Bildende Künstler, der Musiker oder Dramaturg, der Zeremonienverantwortliche, der Protokollchef oder der Werbeagent können, vor allem wenn sie primär erfolgsorientiert - und das heißt ggf. auch unter optimalem Einsatz des Täuschungsprinzips - agieren wollen, sinnvoll ja nur im Rahmen der jeweils gegebenen Ausdrucksmöglichkeiten handeln.

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Die rhetorische Täuschung eines Publikums pflegt bereits in der rhetorischen Station der 'Heuresis', d. h. beim Auffinden, bei der Zusammenstellung und bei der Auswahl situationsrelevanter Redeaspekte zu beginnen. Schon hier können Verpflichtungen zu unverzerrter und vollständiger Darstellung, die sich aus den wohlverstandenen Interessen der breiteren Öffentlichkeit oder des konkreten Publikums an der 'Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit' ergeben, verletzt werden. In dieser Station sind notwendigerweise auch die eingesetzten 'Suchbegriffe' des Redners und die von ihm vorgenommenen terminologischen Festlegungen von großer Bedeutung, weil sich in ihnen etwaige einseitige Selektionen und Gewichtungen der Stoffauswahl begrifflich verfestigen, denen später nur durch eine - zumeist argumentativ aufwendige, d. h. praktisch oft schwer realisierbare - Begriffskritik begegnet werden kann. Die Entscheidungen, die in der 'Heuresis'-Station für die weitere Bearbeitung einer Rede fallen, sind für ihren argumentativen Erfolg einschließlich eines Täuschungs-Erfolgs, grundlegend.

Der Aufbau der Rede in der rhetorischen Station der 'Taxis', d. h. die gedankliche Reihenfolge und Hervorhebung oder zumindest Bereithaltung der Argumentationselemente, die der Redner zur Verfügung hat, entspricht in gewisser Weise der militärischen 'Taktik': es geht darum, die argumentatorischen Mittel zur rechten Zeit am richtigen Platz parat zu haben und einzusetzen, insbesondere auch gegen einen rednerischen Gegner. Die Mittel rein gedanklicher Täuschung sind vielfältig: sie gehen von der einfachen, aber zur Zeit der Rede nicht aufklärbaren, glaubwürdigen Desinformation bis zum unbemerkten oder schwierig zu widerlegenden Fehlschluß. Die Ablenkung kritischer Aufmerksamkeit erfolgt oft durch persönlichen oder sachlichen Autoritäts-Schein ('Prestige'), durch Hinweis auf unbestritten gültige, wenn auch im konkreten Zusammenhang unrichtige allgemeine Überzeugungen ('Gemeinplätze') oder durch ein kunstgerechtes - z. B. witziges oder pathetisches - Beiseiteräumen kritischer Urteilshemmungen gegen Wunschvorstellungen, Vorurteile und vereinfachende Erklärungsmuster beim Publikum. An dieser Stelle wird auch der aristotelische Katalog der sieben Typen der 'paralogismoi exo tes lexeos' wichtig - als Reservoir, aus dem die täuschungswillige Redepraxis immer wieder zu schöpfen pflegt.

In der rhetorischen Station der 'Lexis' finden die im engeren Sinne sprachbezogenen Vorbereitungsarbeiten für eine Rede statt; die dabei auszuwählenden Mittel sind also eng mit der Ausdrucksform der mündlichen Sprache verbunden. Die gesprochene Sprache stellt in ihrem Satzbau, in ihrem Wortschatz, in Betonung, Stimmführung und Sprachästhetik - z. B. in Rhythmus und Melodik der Sprechens - die Möglichkeiten auch bewußter Gestaltung der bei der 'Heuresis' ausgewählten und bei der 'Taxis' angeordneten täuschenden Argumente bereit. Der aristotelische Typenkatalog der 'paralogismoi lexeos' hebt dabei , wie erwähnt, Haupttypen hervor, auch um die Vielfalt unter bestimmten Aspekten überschaubar zu machen. Doch zeigt sich bei einer Musterung der vielfältigen sprachlichen Figuren rhetorischer Textgestaltung eine fast unbegrenzte Zahl vielfältig einsetzbarer sprachlicher Mittel, deren übersichtliche, systematische Gliederung wegen der notwendigen Vereinfachung darum stets Schwierigkeiten bereitet.

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Gewiß ist die 'Rhetorik' nicht nur Täuschung , ebenso wie das topische Argumentieren nicht nur sophismatisch ist. Beides folgt auch sachlich legitimen Bedürfnissen: die Rhetorik etwa dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit für die wichtigen Botschaften einer Rede in hinreichendem Maße überhaupt zu erzeugen, indem sie zunächst ihrer Form nach die Zuhörerschaft interessiert oder gar 'fesselt'; die Topik der Notwendigkeit, in unklaren Situationen der Erkenntnis dennoch zu möglichst abgesicherten, vorläufigen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu kommen - auch und gerade in öffentlichen Angelegenheiten, die ja oft zwangsläufig unter dem Druck der Verhältnisse auf unsicherer Erkenntnisbasis zu entscheiden sind. Aber dies festzustellen bedeutet fast schon eine zu große Inschutznahme für die vielfältig in die öffentliche Rede eingebauten Täuschungsformen, die eben nicht sachlich begründet sind und insoweit unerlaubte Wirkungen erzielen. Auch die heutigen Formen der öffentlichen, insbesondere der medialen Argumentation werden von den für sie Verantwortlichen ja prinzipiell immer wieder mit 'sachlichen Gründen' gerechtfertigt: 'multimediale Faszination', 'Unterhaltung', 'Popularisierung' (oder gar 'Demokratisierung'), 'sprachliche Auflockerung des sachlich Schwierigen' - alles Ausdrucksgestaltungen mit außerordentlich großer Täuschungskapazität - seien in einer 'medialen Massengesellschaft' geboten oder gerechtfertigt, um Botschaften an das Pubklikum zu übermitteln.1)

Festzustellen ist aber: strikt unter Wahrheits- und Richtigkeitsaspekten betrachtet, handelt es sich bei medialen Botschaften - etwa wirtschaftlich-werbender ebenso wie politischer Art - tendenziell oft um Täuschungen des Publikums oder auch um 'leeres Gerede' i. S. des aristotelischen Begriffs des 'Soloikismos' (soph. el ., 165 b); d. h. um taktische Ziele eristischer Rhetorik, die damit nichts weiter will als ihre Adressaten zu verunsichern. Die Bedeutung der Täuschung in der öffentlichen Argumentation kann gar nicht überschätzt werden. Aus diesem Grunde konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf diesen Aspekt der aristotelischen Topologie und Rhetoriklehre.

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E soll dabei zusammengestellt werden, was wir aus den genannten Texten des Aristoteles über die Anwendung oder das Vorkommen der 'Täuschung' in der öffentlichen Rede entnehmen können. Dabei ist - anhand von Beispieln vor allem aus der Gegenwart - mitzubedenken, in welchem Maße das für heutige Formen öffentlicher Argumentation von Bedeutung ist (Abschnitt II). Es soll ferner bedacht werden, welche Bedeutung die aristotelischen Überlegungen auch für schriftsprachliche und nicht-verbale Ausdrucksformen öffentlicher Argumentation haben können (Abschnitt III).

Es geht um nicht mehr, aber auch um nicht weniger als ein übersichtliches systematisches Gerüst, das man - in Ausübung einer wissenschaftlich grundlegend wichtigen, historisch abgesicherten und vergleichenden Urteilsautonomie - gegenüber der Vielfalt auch und gerade heutiger Erscheinungen öffentlicher Täuschung praktikabel handhaben kann.

II. Die Täuschungsmöglichkeiten aus der Perspektive der aristotelischen Topik- und Rhetorik-Lehre.

A. Die in der Verletzung von Wahrheitspflichten, in unrichtigen Gewichtungen und verzerrenden Begriffsbildungen liegenden Täuschungen öffentlicher Argumentation.

Die an erster Stelle zu nennende Art der öffentlichen Täuschung ist die öffentliche Lüge. Sie ist in der öffentlichen Rede keineswegs einfach zu handhaben, aber bei geschickter Deckung nicht sofort oder nicht angemessen aufklärbar. Aus diesem Grunde kann sie - etwa bei Gerüchtbildungen oder falschen Beschuldigungen - zumindest zeitweilig- manchmal jahrzehntelang - eine erhebliche Wirkung entfalten. Sie kann andrerseits aber auf Dauer die Glaubwürdigkeit des Redners und der hinter ihm stehenden Sache oder Partei erschüttern.

Eine in dieser Hinsicht zumeist besser brauchbare Täuschungsart ist es, wenn zwar die Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit oder nicht die ganze Wahrheit gesagt wird, wenn man also durch Aussagen oder Begriffsbildungen unzutreffend einen Schein der 'ganzenWahrheit' erweckt. Die Täuschung bezieht sich dabei auf den Umfang einer Obliegenheit oder Verpflichtung zur Wahrheit. Wie groß diese Pflicht ist, bestimmt sich bei Obliegenheiten (Pflichten sich selbst gegenüber) aus denjenigen Erkenntnisinteressen des einzelnen erkennenden Subjekts, die darauf ausgerichtet sein müssen, all das zu wissen, was für eine definierte Fragestellung oder eine bestimmte Bedarfssituation zutreffende Antworten ermöglicht. Bei Wahrheits-Verpflichtungen gegen andere bestimmt sich der Umfang immer auch nach deren definierten Fragestellungen und erkennbarem Erkenntnisbedarf. Der Feststellung solcher Wahrheitspflichten liegen normative, einen Erkenntnisbedarf messende Abwägungen zugrunde und folglich der Täuschung über solche Pflichten unrichtige normative Abwägungen. Solche Abwägungen sind manchmal mit sachlichen Gründen kontrovers, aber keineswegs immer. Selbst wenn aber eine Täuschungsabsicht vorliegt, so sind sie nicht selten schwierig zu beurteilen und u. U.noch schwieriger öffentlich als unrichtig zu erweisen. Dies stellt - ähnlich wie die Schwerwiderlegbarkeit mancher Formen des Fehlschlusses - eine Deckung und einen Schutz des die Täuschung anwendenden Redners dar.

Aristoteles spricht die beiden hier erwähnten Arten grundlegender rhetorischer Täuschung in seiner Schrift 'Widerlegung der Sophismen' nicht eigens an. Unter seine dortigen Typen 'gedanklich bedingter' Fehlschlüsse passen sie eigentlich nicht und noch weniger unter die der 'sprachlich bedingten'; denn die bewirkte Täuschung beruht ja nicht auf Fehlschlüssen im 'formalen' logischen Sinne, sondern auf einer 'materialen', inhaltlichen Unrichtigkeit tatsachenbezogener oder sogar wertender Aussagen. Die insoweit aufgeworfenen Fragen der Stoffauswahl und Begriffsbildung hängen zwar mit dem Thema der Täuschung durch Paralogismen manchmal tatsächlich zusammen, weil in täuschenden Stoffdarstellungen und Begriffsbildungen Fehlschlüsse (Paralogismen) vorausgesetzt und verfestigt zu sein pflegen. Doch beschränkt sich der Vorgang der Stoffauswahl und der der begrifflichen Synthese nicht auf das Schließen, sondern setzt intuitive, heuristische, empirische und ordnende Denkoperationen voraus, in denen irrtumserzeugende Momente eigener Art wirksam werden können. Andrerseits erinnern die Typen 'fallacia divisionis' oder die 'fallacia compositionis', d. h. der 'Trennung des Zusammengehörigen' und der 'unzulässigen Vermengung unterschiedlicher Dinge', doch daran, daß nicht nur bei Schlußlfolgerungen, sondern generell beim sprachlichen Ausdruck und bei der Gedankenführung Genauigkeits- und Vollständigkeitspflichten bestehen.

Das Problem der 'sachlich zulässigen und normativ akzeptablen Aspekt-Selektion' bei wahren oder richtigen Aussagen ist auch in der aristotelischen 'Rhetorik'-Schrift nur aspektuell und kurz erörtert, obschon unter verschiedenen für die Praxis der öffentlichen Argumentation wichtigen und ggf. folgenreichen Aspekten. Zu diesen gehören die Aspekte der 'Amplifikation' und der 'Depretiation', d. h. der - bei Täuschungsabsicht - unerlaubten Verzerrung des Gewichts und der Bedeutung einer Sache im Hinblick auf die erkennbaren Interessen der Rede-Adressaten, die Aristoteles im Rahmen der Ausführungen über die 'Beweismittel' als 'Enthymeme' einordnet, deren Bereitstellung Sache der 'Heuresis' ist. Ferner sind die mit der 'Verleumdung' und mit dem 'Lächerlichmachen' des Gegners zusammenhängenden Fragen in der 'Rhetorik' erörtert, und zwar als solche des Redeaufbaus (taxis, dispositio).

Daß Aristoteles diese Aussagen zu einer 'materialen Wahrheitsverletzung' durch rhetorische Argumentation in den genannten Werken nicht zusammenfassend erörtert, deutet darauf hin, daß ihm die damit zusammenhängenden,tieferreichenden erkenntnistheoretischen und erkenntnisethischen Fragen zwar an diesen Stellen nicht ausführlich behandlungsbedürftig erscheinen. Aber es ist zugleich unübersehbar, daß er ihre große Bedeutung in der Praxis öffentlichen Argumentation erkennt (rhet. 1, 9; 3. 15 und 18). Wie in heutiger Zeit sind die Proportionsverzerrungen - von der Überbewertung bis zum völligen Verschweigen - und die ad personam argumentierenden Image-Bildungs- bzw. -Destruktionsoperationen die in öffentlichen Kampagnen am häufigsten vorkommendenTäuschungsmanöver. Allerdings gibt es für diese Zwecke viele weitere Möglichkeiten, die auch immer wieder Anwendung finden - von der nachrichtlichen Desinformation bis zum werbenden Appell an die unbewußten Wunschvorstellungen der Adressaten an ihrer Urteilskraft vorbei.Vielleicht entfalten sie eine zur eingehenderen Reflexion herausfordernde 'Massenwirksamkeit' aber erst unter den Bedingungen perfekter einseitiger Kommunikation, wie sie unsere mediale Gegenwart kennzeichnen, und sind aus diesem Grunde für Aristoteles nicht Gegenstand einer systematischen Erfassung und Analyse gewesen.

 B. Arten und Funktionen logischer Fehlschlüsse in der öffentlichen Argumentation.

Zu den im Mittelpunkt der aristotelischen Abhandlung stehenden dreizehn Konfigurationstypen der Fremd- oder Selbsttäuschung gehören, wie erwähnt, sechs 'sprachbedingte' (sophismata para ten lexin, fallaciae dictionis) und sieben 'nicht-sprachbedingte', d. h. nur das logische Denken betreffende (sophismata exo tes lexeos, fallaciae extra dictionem). Für die öffentliche Argumentation sind diese von unterschiedlicher Bedeutung. Der Bezug auf die Sprache bei den sprachbedingten Fehlschlüssen macht deutlich, daß die Täuschung mit den lautlichen, verbalen und syntaktischen Möglichkeiten der gesprochenen Sprache zusammenhängen. Das weist darauf hin, daß andere - d. h. schriftsprachliche oder nicht-verbale - Ausdrucksformen öffentlichen Argumentierens andere spezifische Täuschungsmöglichkeiten bieten. Die Figuren einer 'nur-gedanklichen' Täuschung sind dagegen für alle Ausdrucksformen prinzipiell gleichermaßen von Bedeutung.

Bei der Lektüre der - hier unsystematisch zusammengestellten und beliebig vermehrbaren - Beispiele möge der Leser einmal an sich selbst beobachten, wie stark der Druck ist, eine im aktuellen politischen Sprachgebrauch verwendete rhetorisch-eristische Figur tatsächlich ernst und ggf. argumentativ in Schutz zu nehmen. Er kann daran abmessen, wie bedeutend der Faktor 'Täuschung' generell in der öffentlichen Argumentation zu sein vermag. Sollte der Leser dabei ferner, wie vorherzusehen und angesichts der glücklicherweise unregulierbaren Vielfalt politischer Meinungen unvermeidlich, hinter einzelnen Beispielsfällen Auffassungen des Autors wahrnehmen oder wahrzunehmen meinen, die den seinen nicht entsprechen, so ist ihm anheimgestellt, sich einfach auf den zu illustrierenden abstrakten Gedanken zu konzentrieren und ein seinen Überzeugungen entsprechendes Beispiel selbst zu suchen.

1. Täuschung durch sprachbedingte Fehlschlüsse (sophismata para ten lexin, fallaciae dictionis).

a) Die absichtlich herbeigeführte Verwechslung verschiedener Bedeutungen ein und desselben Wortes (homonymia, aequivocatio):

Diese Täuschungsart ist in der politischen Sprache etwa bei der Selbstbenennung von Gruppen zu beobachten, die eine bestimmte Idee oder die Vertretung von Allgemeinheiten für sich reklamieren, obschon ihnen die sachliche Legitimation dafür bestritten werden kann.Der Wortgebrauch erzeugt insoweit den Schein einer Legitimation. Heutige Beispiele: 'Die Demokraten', 'Die Republikaner', 'Die Frauen'. Gemeint sind jeweils tatsächlich nur relativ kleine politische Aktivistengruppen. Es entsteht aber der Schein von etwas viel Größerem und Bedeutenderem. Auch etwa die pauschale Zuordnung von Verantwortlichkeiten an Gruppen, die - in einem Krieg, einem Bürgerkrieg oder auch nur einer normalen politischen Auseinandersetzungen - , differenziert betrachtet, kollektiv nicht für irgendetwas verantwortlich zu machen sind, bedient sich der Äquivokation, um gerade eine solche Verantwortungsbelastung - allerdings scheinhaft - zu begründen: Heutige Beispiele: 'Die Serben', 'Die Kapitalisten', 'Die Kommunisten', 'Die Linken', 'Die Rechten'.

b) Die auf der Unklarheit eines Terminus beruhende Täuschung (amphibolia, ambiguitas):

Diese Täuschungsart hat etwa in öffentlich-ideellen Strategien zur Verunklärung oder Beseitigung unerwünscht wirksamer Begriffe der politischen Sprache ihre Bedeutung. Ein bestimmtes Wort wird systematisch in einer anderen als der ihm ursprünglich zukommenden Bedeutung öffentlich verwendet. Heutige Beispiele: 'Null-Wachstum': gemeint ist 'Stagnation', sprachlich entsteht aber der scheinhafte Eindruck von etwas tendenziell Wachsendem und jedenfalls unter Kontrolle Befindlichem. 'Ost-Deutschland': gemeint ist in der nach der deutschen Wiedervereinigung amtlich verbreiteten politischen Terminologie das Gebiet der ehemaligen DDR, obschon das Wort im historisch gewachsenen deutschen Sprachgebrauch im wesentlichen die Gebiete östlich der Oder meint. Die neue Wortbedeutung erzeugt den Schein, als sei die mit der alten verbundene für eine deutsche Politik heute gegenstandslos. 'Abtreibungsmedikament': es handelt sich tatsächlich um ein Abtreibungsmittel, nur dem Scheine nach um ein Heilmittel.

c) Die Täuschung durch sprachliche Zusammenfassung tatsächlich auseinanderzuhaltender Dinge (synthesis, fallacia compositionis):

Sie kann etwa im Kunstgriff der Zusammenfassung unter einem Begriff bestehen, um die Behandlung in der Öffentlichkeit als verschiedenartig geltenderer Tatbestände zu egalisieren. Heutige Beispiele: 'Alkohol, Nikotin, Haschisch und andere Drogen'; 'deuschsprachige und andere Immigranten'. Die Täuschung besteht hier nicht im Vergleich der verschiedenen Aspekte, sondern in ihrer Subsumtion unter einen einzigen Begriff, der den Anschein erweckt, als gebe es keine sachlichen oder wertenden Gründe für eine Differenzierung.

d) Die Täuschung durch terminologische oder syntaktische Trennung tatsächlich zusammengehöriger oder gleichartiger Dinge (dihairesis, fallacia divisionis):

Eine Anwendung dieser Täuschungsform ist etwa die politisch demonstrative sprachliche Differenzierung, die aus begrifflichen Gründen unnötig oder aus tatsächlichen Gründen unangemessen ist. Heutige Beispiele: 'Die Parteioberen und das Parteivolk', 'Ostdeutsche und Westdeutsche'; 'Die Mütter und Väter des Grundgesetzes'.Die Differenzierung, die in solchen Formulierungen vorgenommen wird, entbehrt häufig einer sachlichen Grundlage; dann wird ein Sachlichkeitsschein erzeugt, wo es eigentlich nur gesinnungsdemonstrative oder taktisch-argumentative Gründe für ein solches Sprachverhalten gibt.

e) Die Täuschung durch Gestaltung der Aussprache (prosodia, fallacia accentus):

Diese Täuschungsmöglichkeiten finden nach der Definition primär in der gesprochenen Sprache der öffentlichen Sphäre Anwendung, müssen also heute vor allem in Radio und Fernsehen gesucht werden. Sie sind dort aber, wie es scheint, nicht allzu häufig; denn, nehmen sie schriftsprachliche Form an, lassen sie sich zumeist leicht identifizieren: Ein Beispiel: das gesprochene '[westberlin]', ein im DDR-Sprachgebrauch zeitweilig statt 'Berlin-West' verwendeter Ausdruck, der die Selbstverständlichkeit der Teilung der Stadt seit 1961 propagandasprachlich zu demonstrieren suchte.

f) Die Täuschung durch Redefiguren (tropos, fallacia figurae dictionis):

Diese Täuschungsart faßt generalklauselartig das ganze Spektrum der in wirkungssteigernden rhetorischen Redefiguren liegenden vielfältigen Täuschungsarten zusammen und könnte deshalb auf die anderen hier aufgeführten Täuschungsarten aufgeteilt werden. Aristoteles betont mit ihrer Erwähnung an dieser Stelle seines Typenkatalogs der Sophismen nur prinzipiell, daß Tropen dem sprachlichen Ausdruck nicht nur Schönheit und Einprägsamkeit verleihen, sondern überwiegend auch eine Disposition zur Täuschung des Zuhörers in sich tragen.

2. Rein gedanklich bedingte Fehlschlüsse (sophismata exo tes lexeos, fallaciae extra dictionem.

Diese Figuren sind gut bekannt und auch im Alltagsgebrauch einer Fehlschlußkritik geläufig. Sie bedürfen deshalb an dieser Stelle keiner ausführlicheren Vorstellung. Trotz ihre allgemeinen Bekanntheit finden sie aber in der politisch-öffentlichen Argumentation dennoch ständig Anwendung. Gründe dafür hat man in einer geeigneten Deckung durch rhetorische Gestaltungsmittel oder in einer schwierigen praktischen Widerlegbarkeit, etwa wegen der medialen Verhältnisse 'einseitiger Kommunikation', zu suchen. Das weist erneut darauf hin, welche Macht hinter öffentlichen verbreiteten Täuschungen stehen kann.

a) Die Verwechslung von Wesensaussage über eine Sache und Aussage über ein sie betreffendes Akzidenz ( ho para to symbebekos paralogismos, fallacia accidentis):

'Indem sich der subjektive Wille der Menschen dem Staat - d. h. der Objektivität des Geistes - unterwirft, verschwindet der Gegensatz von Freiheit und Notwendigkeit'. 'Die Demokratie, die auf den Prinzipien des Grundgesetzes aufbaut, ist die beste aller denkbaren Staatsformen'.

b) Die Verwechslung von Allsätzen und Sätzen über Teilmengen sowie von Existenz- und Prädikationsaussagen (ho en merei os haplos paralogismos, fallacia quia simpliciter vel non):

'Deutsche haben das Unrecht des Völkermords auf sich geladen'.

c) Die Selbstverstrickung durch Unfähigkeit zur Widerlegung (ho para me dioristhai ti elegchos paralogismos, ignoratio elenchi):

Diese Fehlschlußart faßt generalklauselartig die individuelle Unfähigkeit zusammen, auf ganz verschiedenartige Täuschungen argumentativ angemessen zu reagieren, und läßt sich deshalb theoretisch auch auf die anderen hier aufgeführten Täuschungsarten aufteilen. Sie hat eine besonders große Bedeutung für die Praxis.

d) Die unzulässige Vorwegnahme des Beweisziels mit der Gleichsetzung von Ausgangssatz (demonstrans) und Schlußsatz (demonstrandum) in einem Syllogismus (to en arche lambanein, petitio principii):

'Es gibt zwei Arten von Wissenschaft, eine [richtige] und eine ideologische, und wer das nicht erkennt, befindet sich bereits in einer ideologischen Gedankenbewegung '.'Wer sich berechtigt glaubt, Kritik zu üben, muß erst einmal zeigen, daß er praktische Verantwortung tragen kann und etwas von der Sache versteht'.

e) Die Verwechslung von Ursache und Wirkung (ho para to hepomenon paralogsmos, fallacia consequentis):

'Grund der Wirtschaftsflaute ist im wesentlichen die schlechte Wirtschaftspsychologie'.'Ein Volk ist das, was es zu sein meint '.

f) Die Fiktion von etwas, das nicht Ursache sein kann, als Ursache (ho para to me aition hos aition paralogismos, fallacia propter non causam ut causam):

'Die Versäumnise einer Politik, die prinzipiell auf Frieden hätte ausgerichtet sein müssen, haben zum Kriege geführt'. Wenn alle Menschen immer nur an das Gute dächten, gäbe es nichts Böses in der Welt'. 'Die Armut kommt von der pauvreté '.

g) Die Behandlung mehrerer Fragen als einer (ho para to ta dyo erotemata hen poiein, fallacia plurium interrogationum ut unius).:

Der 'Nord-Süd-Konflikt'. 'Das Asylantenproblem'. 'Die Frauenfrage'.

C. Die Tropen der Rhetorik und ihre sophismatische Disposition.

Wie oben unter B. 1. f) erwähnt, sieht Aristoteles mit den Möglichkeiten kunstvoller sprachlicher Gestaltung prinzipiell eine Täuschungsmöglichkeit verbunden. Die Täuschung durch sprachliche Figuren ist also bei Aristoteles ein Teil ebenso der Rhetorik- wie der Sophismatik-Lehre. Für die öffentliche, besonders die politische Argumentation haben aber die 'Tropen' der Sprache - und ihre oft viel wirksameren funktionellen Äquivalente in einer Bild-Semantik oder anderen nicht-verbalen Ausdrucksformen - eine hervorragende praktische Bedeutung. Dennoch befaßt sich Aristoteles mit der Täuschung durch Tropen nicht im Detail, indem er etwa auf ihre Vielfalt und Funktionen genauer einginge. Vielmehr behandelt er diesen Themenkreis in den 'Sophismatischen Widerlegungen nur kurz und prinzipiell (166 b, 178 a ff.). Und auch in der 'Rhetorik' (3. Buch) erörtert er diese Frage nur kurz im Rahmen allgemeiner, wenn auch praktisch äußerst wichtiger Überlegungen zu Stil, Esprit und fesselnder Sprachwirkung. Deswegen sei hier die 'sophismatische Eignung ' einer Anzahl häufig verwendeter Tropen etwas eingehender dargestellt.

Allgemein haben Tropen die Aufgabe, die in der alltäglichen Normalrede üblichen Negativ-Wirkungen des Ausdrucks zu vermeiden: Ermüdung des Zuhörers durch Länge, Wiederholung, Unanschaulichkeit, Ungeschicklichkeit oder Gleichförmigkeit des Ausdrucks sollen vermieden verwden. Durch eine motivierende, ja fessende Form der Spache soll zunächst einmal Aufmerksamkei erregt und die Bereitschaft des Zuhörers gesichert werden, dem Redner bei seinen Gedanken bis zum Schluß zu folgen. Darüber hinaus sind Tropen im allgemeinen auch darauf ausgerichtet, im Zuhörer die Annahme der rhetorisch übermittelten Botschaft durch Einprägsamkeit, Abwechselung, spannungsreichen Aufbau, Witz, Autoritätsschein, überzeugende Leidenschaft oder persönliche Glaubwürdigkeit der Aussage zu erreichen. Hierin liegt aber auch ihre besondere sophismatische Eignung.. Einmal können der Wahrheitsgehalt und die Schlüssigkeit etwa bei einer fesselnden, glanzvollen Rede ganz in den Hintergrund treten, ja mit den rhetorischen Effekten schlicht verwechselt werden - und dies ist häufig ihr Ergebnis. Zum andern können Tropen - z. B. der Witz - vorhandene Probleme unangemessen außer Streit stellen, Diskussionen in einem gemessen am Klärungsbedarf sachlich unrichtigen Sinne vorstrukturieren und unerwünschte Erkenntnisse und Begriffe hintanhalten, also Funktionen der Sprach- und Begriffsregulierung übernehmen, die dem Erkenntnisbedarf der Adressaten nicht entsprechen.

Aus der Zahl der rhetorischen Tropen sind viele auf irgendeine Weise sophismatisch verwendbar. Zu einigen, die sich für solche Zwecke ganz besonders eignen, werden im folgenden einige Anmerkungen gemacht. Dabei werden hier unter 'Tropen' oder 'figurae' - in Übereinstimmung mit einigen rhetorischen Theoretikern der Antike wie Theophrast oder Fronto - alle sprachlichen Anordnungen verstanden, in denen 'von der gewöhnlichen Wirkung der Sprache abgewichen wird' ('ab usitata verborum potestate receditur' - Cornificius 4, 31, 42), gleich ob sie nur einzelne Worte oder Gruppen von Worten, ob sie eher Redefiguren oder eher Gedankenfiguren betreffen. Auch Stilbegriffe, soweit sie eine tropische Nebenbedeutung haben können, werden hier einbezogen. Das heißt: es kommt bei der Zusammenstellung weniger auf grammatische Kategorisierung oder die ästhetisch-literarische Form ('kosmos', 'ornatus') an als auf die Persuasionswirkungen, die sophismatische Brauchbarkeit begründen. Die folgenden Tropen i. w. S. sind, soweit möglich, im Hinblick auf affine Wirkungsweisen jeweils zusammengeordnet. Doch ist nochmals zu betonen, daß die Funktionen rhetorischer Figuren vielfältig sein können und sich gegen eine Systematisierung deshalb öfters sperren. 2)

1. Figuren der Häufung und der Wiederholung.

Palillogie, Iteration: Die Wiederholung von Worten, Silben oder Buchstaben am Anfang oder am Ende mehrerer Sätze oder Wortfolgen (Reim) macht insbesondere Schlagworte eingrägsam und lenkt durch die sicher, weil sprichwortartig und erprobt wirkende Formelhaftigkeit von der Überprüfung eines evtl. problematischen Inhalts ab. Unter diese Kategorie fallen:

- Anaphora: Beispiele: 'Ein Volk, ein Reich, ein Führer'. 'Fressen, Ficken, Fernsehen'.
- Epiphora: Beispiele: 'Cuius regio, eius religio'. 'Frieden schaffen ohne Waffen'. 'Mens sana in corpore sano'.
- Symploke: Beispiel: 'Mitgefangen, mitgehangen'.

Dihairesis (als Tropos), Distributio: Die Charakterisierung eines Gegenstandes durch akkumulierende Aufführung seiner Bestandteile gibt dieselben Möglichkeiten der sophismatischen Fehlleitung wie die Periphrase. Beispiel: 'Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt'.

Hendiadyoin: Ähnliche Funktion wie bei der(tropischen) Dihairesis, wobei die Kürze, die Zweierzahl und eine eventuelle Alliteration einprägsam und prägnant wirken. Beispiele: ' Glanz und Gloria', 'Arbeit und Brot'.

Synathroismos, Congeries: Die Aneinanderreihung formal gleichartiger Satzglieder weist auf ihre fest gefügte inhaltliche Zusammengehörigkeit hin und kann daher auch dazu mißbraucht werden, Nicht-Zusammengehöriges zusammenzubringen oder Unwesentliches mit Wesentlichem zu verbinden oder kategorische Bekenntnisse auszusprechen. Beispiele: '...we hold these truths to be self evident, that ..., that ..., that ... .' 'Blut, Schweiß und Tränen'.

 2. Figuren der Spannungserzeugung oder -steigerung.

Spielarten spannungsgeladener, oft dramatischer oder witziger Gedankenführung, die wegen der Unerwartetheit und kategorisch formulierter Unmittelbarkeit der Entgegensetzungen auch besonders eingrägsam ist, sind Klimax, Antithese, Antimetabole, Oxymoron und Paradoxon. Die stufenartige Steigerung einer gedanklichen Reihung gibt die Möglichkeit, Prozeß-Konsequenzen, Handlungs- und Leidensformen dramatisch und prägnant zusammenzufassen und dabei ggf. Notwendigkeiten und Erwartungen zu suggerieren.Gegenüberstellungen eignen sich für die Verdeutlichung von Grundideen oder für den energischen Angriff auf Positionen, die in ihrer Selbstverständlichkeit oder Üblichkeit unanfechtbar erscheinen. Sie sind im übrigen seit der Antike Inbegriff der 'urbanitas', des 'asteion', d. h. eines eleganten, überlegenen Argumentationsstils, und der philosophischen 'Dialektik' innerlich nahe verwandt. Sie eignen sich daher aber auch besonders gut für sophismatische Zwecke, weil der äußere Glanz der Argumentation von ihren ggf. vorliegenden inneren Schwächen perfekt abzulenken vermag.

Klimax, Gradatio: Beispiele: 'En roi penser, vivre et mourir'. 'Ecclesia martyrans, militans, triumphans'.

Antithese, Oppositio: Beispiel: 'Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen'. 'Lieber ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach'.

Antimetabole, Commutatio: Beispiele: 'Arbeiten, um zu leben. Nicht leben, um zu arbeiten'.

Oxymoron: Beispiele: 'Summum ius, summa iniuria'. 'Nur Ungleichheit schafft Gleichheit'.

Paradoxon: Beispiele: 'Si vis pacem, para bellum'. 'Der Klügere gibt nach'. 'Ein halbleeres Glas ist immerhin halbvoll'.

3. Figuren der Gleichsetzung von Ungleichem.

Ein Bild, Gleichnis oder Symbol dient der Veranschaulichung eines Grundgedankens oder eines konkreten, aber komplexen Phänomens durch eine einfacher faßliche, formal in den wichtisten Bezügen gleiche und anschauliche Struktur. Das bringt es notwendig mit sich, daß diese in irgendeiner Hinsicht 'schief' zu sein pflegt, d. h. in ihrer Struktur nur teilweise zu dem zu erklärenden Gegenstand paßt, in anderer - und möglicherweise durchaus wichtiger Hinsicht- aber nicht. Hier setzen die erheblichen Täuschungs- und Selbsttäuschungsmöglichkeiten an, die insbesondere auch in einer nicht-sprachlichen Bild-Semantik gegeben sind. Unter diese Kategorie fallen:

- Allegorie, Analogon, Simile: Beispiel: 'Der bürokratische Sozialstaat ist wie ein Zoo mit vielen Tieren und noch mehr Wächtern'.
- Metapher, Translatio: Beispiel: 'der Staatsorganismus ', ein 'Black-Box '-Problem.
Symbol (tropisch), Signum: 'Heil Hitler', 'Rot Front'.

Synekdoche, Pars pro toto oder Genus pro specie: Kurzgefaßte, bestimmte Aspekte oder Teile eines Gegenstandes in den Mittelpunkt rückende Charakterisierungen, bringen auch die Möglichkeit der 'verkürzenden' Darstellung mit sich. Das ist die für 'Schlagworte' und wiederum für die Bild-Semantik typische Sophismatik. Beispiel: 'der deutsche Michel'.

Metonymie, Denominatio: Die Bezeichnung eines Gegenstandes durch eines seiner Attribute bietet dieselben sophismatischen Möglichkeiten wie die Synekdoche. Beispiel: 'die Demokratie' statt: 'der Staat'.

Autonomasie: Die Identifikation eines Eigennamens mit einem Begriff birgt in sich die Möglichkeit und damit auch die Gefahr einer Personalisierung von Sachbezügen und - positiver oder negativer - Imagebildung für Personen, insbesondere des politischen Lebens. Beipiele: 'der eiserne Kanzler',' die stählerne Lady'.

Periphrase: Die Umschreibung eines Begriffs oder abstrakten Tatbestands durch eine exemplarische, typische Konkretion gibt die Möglichkeit ihrer Fehlauswahl oder Verzerrung. Beispiel: 'Jener Vorgang der Zusammennagelns zweier Gesellschaften, den man Wiedervereinigung nennt'. 'The Sauerkrauts', die 'Birne von Oggersheim'.

Prosopopoiia, Personificatio: Die Gleichsetzung von Völkern, sozialen Strukturen, Gruppen oder Schichten mit konkreten oder fiktiven Personen erfüllt ähnliche Funktionen wie die Metapher, ist aber wegen der Möglichkeiten des Witzes oder einer personenbezogenen Dramatik für die Verdeckung von Sophismen noch geeigneter als jene. Die Personifikation von Sachverhalten ist ein oft angewandtes Mittel medialer Darstellung. Beispiele: der 'Stalinismus', 'Ludwig Erhardts Wirtschaftswunder', 'Hitlers Krieg'.

4. Figuren der Verkleinerung oder Vergrößerung.

Tapeinosis, Diminutio, Depretiatio: Das Schlecht- oder Klein-Reden von Sachverhalten, die für Adressaten der Rede größere Bedeutung haben, ist eine Möglichkeit, Fehlschlüsse zu erzeugen und Unwahrheiten zu übermitteln, ohne die Sachverhalte zunächst konzedieren oder rechtfertigen zu müssen. Beipiele: 'Null-Wachstum', 'eine kleine radikale Minderheit', 'das Geisel-Drama'.

Euphemismos, Amplificatio: Umgekehrte Wirkung wie die Tapeinosis hat der Euphemismos. Beispiele: 'Die große französische Revolution', Friedrich der Große'. 'Der Produktivkräfte im Sozialismus wachsen mehr und mehr'..'Zu den unverbrüchlichen Wahrheiten des historischen Materialismus gehört, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist'.

5. Figuren des Richtigkeits- oder Rationalitätsscheins.

Praestigia (auch paestigiae [pl.] oder paestigium, gr. psephopaixia; dt. Übersetzung: Blendwerk, Gaukelspiel; etymologisch mit dem in Politik, gesellschaflichem Verkehr und Werbung so wichtigen Terminus 'Prestige' zusammenhängend): Von den vielfältigen Möglichkeiten, dem Redner oder der von ihm vertretenen Sache durch nebenher und unbemerkt zugeordnete, bloß äußerliche Attribute den Schein des Ehrwürdigen, Vertrauenswürdigen, auf Kenntnis und Erfahrung Aufbauenden, moralisch Integren, sorgfältig Vorbereiteten etc. zu verleihen, können nach dem Prinzip 'Des Kaisers neue Kleider' erhebliche Täuschunswirkungen ausgehen, wenn oder soweit dem äußerlichen Schein kein angemessener Inhalt entspricht: 'Prof. Ludwig Erhard'; 'der moderne Lebensstil'; 'die demokratische Streitkultur', 'die Leistungsträger der Gesellschaft'.

Erotema: Die Frageform läßt es formell wahrheitsgemäß offen, ob eine Behauptung der Wahrheit entspricht oder eine Forderung begründet ist, aber sie bringt sie in die Diskussion ein und setzt auf ihre latenten Folgewirkungen bei dem nicht weiter prüfkomptenten oder -bereiten Zuhörer. Jedes Sophisma läßt sich mit ihr evtl. eine Zeitlang 'auf redliche Weise' verdecken. Beispiel: 'Es muß erlaubt sein, öffentlich zu fragen, ob sich ein Politiker wie ... nicht allein aufgrund der gegen ihn mittlerweile auch aus seiner eigenen Partei erhobenen Vorwürfe genötigt sehen sollte, zurückzutreten, um einem unbelasteten Nachfolger eine unbelastete Amtsführung in dieser kritischen Zeit zu ermöglichen'.

Pysma: Die selbstgestellte Frage nach dem Inhalt des Diskussionsgegenstandes oder nach dem Vorgehen in einer Diskussion, die selbst beantwortet wird, suggeriert Offenheit und Wahrheitsbezogenheit des Redners, läßt ihm aber alle Möglichkeiten auch mißbräuchlicher Verkürzung oder Verzerrung der Wahrheit über einen Gegenstand. Beispiel: 'Sollten wir nicht einmal ausführlich über das Wie und nicht in der altbekannt unergiebigen Weise über das Ob der (europäischen Einigung, Abtreibung, Zuwanderung) diskutieren?

Paraleipsis, Praeteritio: Das ausdrücklich erwähnte Übergehen von Aspekten, die an sich zur Erörterung einer Sache gehören, erzeugt den Schein sachlicher Konzentration, bietet aber - zumindest bei Weglassung von Wichtigem - dieselbe sophismatische Mißbrauchsmöglichkeit wie das Pysma. Beispiel: 'Ich übergehe hier aus Zeitgründen die schwierige Frage, ob...' 'Dazu wäre noch viel zu sagen'.

Polysyndeton: Die Zusammenfassung vieler formal gleichartiger Sätze oder Satzglieder mit derselben Verbindungspartikel erzeugt den Eindruck eines reichen Erfahrungsschatz des Redners oder eines Alternativenreichtum seines Denkens, kann aber auch mißbraucht werden, um solche vorzutäuschen oder von einem wichtigen, aber nicht miterwähnten Aspekt abzuzlenken. Beispiel: 'und, und, und'. 'oder..., oder..., oder...'.

Epanorthosis, Correctio: Die Selbstberichtigung zeigt Offenheit und Wahrheitsbemühtheit der Argumentation an, die jedoch nicht überall im Argumentationsgang gegeben sein müssen. D. h.: die Figur kann auch zur Verdeckung eines Sophismas an anderer Stelle dienen, insbesondere wenn sie demonstrativ eingesetzt wird. Beispiele: 'Zweifellos wirft der Begriff der Übergangsepoche auch grundsätzliche Fragen für die materialistisch-historische Epochenbildung auf. Aber es steht fest und ist bei intensiver Untersuchung der komplexen Sachverhalte auch nachweisbar, daß ... '. 'Ich beziehe mich ausdrücklich mit ein, wenn ich sage: wir alle haben Fehler gemacht (sind schuldig, haben eine Verantwortung etc.)'.

Praemunitio, Occupatio, Concessio, Fictio: Mit der Vorwegnahme von Einwänden kann der Redner versuchen, diese so zu verzerren, daß ihre Widerlegung leichter fällt. Zugleich betont er wie bei der Epanorthosis seine Offenheit und Wahrheitsbemühtheit, sodaß seine sophismatischen Absichten Deckung erhalten. Beispiele: 'Es könnte nun einer einwenden, ...'. 'Zu einigen denkbaren Fragen will ich gleich sagen, ...'.

Aporia, Dubitatio: Das vorsichtige Ausdrücken von Bedenken, insbesondere Selbsteinwände, und der Hinweis auf den Meinungscharakter des Vorgetragenen deuten auf ein abwägendes und aufnahmebereites Urteilsvermögen hin, können aber mißbräuchlich auch zur Einführung und Verstärkung sophismatischer Argumentation unter dem Mantel der Scheinredlichkeit führen: 'Ich frage mich, ob ...'. 'Ich denke, daß...'. 'Ich gehe davon aus, daß...' .

Epitrope, Permissio: Ähnliche Wirkung wie bei der Dubitatio. Beispiel: 'Zweifellos ist ... ein kenntnisreicher, verdienstvoller Mann. Aber das schließt nicht aus, daß er sich in seine Fachkompetenz verrennt'.

Ellipse, Omissio: Das Auslassen von Satzgliedern, die sonst üblich sind, kann außer zur Abkürzung unrationeller Längen auch der Prägnanzsteigerung oder der Beteuerung und dem formelhaften Ausdruck von Wünschen dienen. Es ist aber auch u. U. geeignet, einen Gedanken unangemessen zu verkürzen: 'Wanderer, kommst du nach Spa ...'.

6. Figuren des Witzes.

Geloion, Ridiculum: Indem der Witz eine bestimmte Erwartung durch eine unerwartete Konfrontation mit ihrer Nichterfüllung auflöst oder relativiert, lenkt er die Aufmerksamkeit von der Berechtigung der Erwartungshaltung ab und suggeriert auf zugleich einprägsame Weise den Grund der Nichterfüllung oder Relativierung als zutreffend. Der Witz ist einer der wichtigsten Träger sophismatischer Effekte in konfrontativen, insbesondere politischen Argumentationgängen, wo er auch in den Formen des Sarkasmus, der Ironie oder der Satire auftritt. Beispiel: 'Die SPD kann nicht eine Faust ballen, wenn sie überall ihre Finger drin hat'.

Hyperbel, Superlatio: Die Überspitzung eines Grundgedankens schirmt ihn gegen Widerspruch ab oder macht ihn durch Witz eingrägsam. Die Überspitzung wird entweder nicht zugegeben, oder die Täuschung beruht darauf, daß der Zuhörer von einer genaueren Musterung der Übertreibung durch Witz abgelenkt wird. Beispiel: 'Der unsterbliche Name Stalins wird immer im Herzen des Sowjetvolkes und in den Herzen der Werktätigen der ganzen Welt leben'. Oder: 'Viel Feind, viel Ehr'.

Ironie, Dissimulatio, Illusio: Die bedeutungsvolle Anspielung auf das Gegenteil dessen, was gerade gesagt wird, ermöglicht die Ablenkung vom Wahrheitsgehalt des Gemeinten, weil die Anspielung Sicherheit suggeriert, zumeist Witzwirkung hat und den Rezipienten mit Deutungsarbeit beschäftigt. Beispiel: 'Es genügt in dieser Sache nicht, keine Meinung zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken'.

 7. Figuren der persönlichen Anspache oder des begründenden Zitats.

Argumentatio ad personam: Die Konfrontation des Zuhörers mit einem direkten oder indirekten Unwerturteil über seine Person für den Fall, daß er bestimmte Auffassungen des Redners nicht teilt, ist eine häufig angewandte Figur sophismatischer Argumentation. Funktion dieser rhetorischen Figur ist im Vordergrund, längere Argumentationsgänge durch Hinweis auf Autoritäten, bekannte Diskussionszusammenhänge und Grundkenntnisse abzukürzen, im Hintergrund aber öfters auch, Diskussionsbedürftiges zu umgehen. Beispiele: 'Wer etwas von Geschichte (Wirtschaft, Politik) versteht, ist sich klar darüber, daß ...'. 'Alle ernstzunehmenden Wissenschaftler sind der Meinung, daß ...'

Homologie, Confessio: Die Abgabe eines Bekenntnisses, das der Sache nach stets an ein Publikum gerichtet ist, in feierlich und aufrichtig gemeinter oder wirkender Weise kann auch zum Zwecke der Täuschung eingesetzt werden: 'ich komme aus einem Elternhaus, in dem [...] Überzeugungen allgegenwärtig waren'; 'ich habe schon immer die Auffassung vertreten, daß ...'; ich verspreche hiermit, daß ...'; 'ich werde nicht rasten und ruhen, bis ...'.

Apostrophe, Allocutio: Das Richten einer Frage an jemand, der sie nicht beantworten kann oder soll, täuscht Offenheit und Interesse an der Auseinandersetzung, damit auch Sicherheit der eigenen Position vor, affirmiert aber in Wirklichkeit die im Hintergrund der Frage stehende Überzeugung vor einer Zuhörerschaft Dritter ohne Auseinandersetzung und in eine Richtung. Beispiele: 'Wollt ihr den totalen Krieg?'

Etopoiia, Sermocinatio: Indem er fremde Personen zitiert oder fiktiv reden läßt, kann ein Redner u. U. auch davon ablenken, daß er eigene Gedanken vorbringt oder fremde Gedanken aus dem Zusammenhang reißt. Ferner kann er seinen Gedanken ohne argumentativen Nachweis einen Autoritätsschein geben, der ggf. als Deckung auch für Fehlschlüsse und Wahrheitsverzerrungen dienen kann. Beispiele: Nun gibt es aber nicht wenige und gering zu achtende Leute, die sagen ...'. 'Es gibt einen bekannten Ausspruch des großen [Soundso], welcher sagte:...'.

 8. Figuren der Leidenschaft oder der Nüchternheit.

Aposiopese, Reticentia: Das Abbrechen von Ausführungen weist darauf hin, daß die Mittel der Sprache versagen oder weiteres Reden sinnlos ist, etwa aus Gründen eines überwältigenden Gefühls oder weil irgend jemand dies nicht verstehen würde. Die Möglichkeiten sophismatischen Mißbrauchs sind dieselben wie bei der Paraleipsis. Beispiele: 'Mir fehlen die Worte'. 'Was soll man da noch sagen?'.

Ekphonesis, Exclamatio: Die emotionale, bewußt begründungslose und Widerspruch eigentlich nicht duldende Mitteilungsform des Ausrufs weist auf die Selbstverständlichkeit oder die Rezeptionsnotwendigkeit einer Ansicht oder Wertung hin. Beispiele: 'Gott mit uns'.'Ich bin ein Berliner'. 'Super'.

Brachylogie, Präzision, Prägnanz: Durch akzentuierte Kürze der Formulierung kann die Mehrdeutigkeit oder das Gewicht einer Mitteilung oder eine Kompetenz zu kategorischen Feststellungen oder das Bemühen, die Aufmerksamkeit des Zuhörers nur für etwas ganz Wesentliches in Anspruch zu nehmen, zum Ausdruck gebracht werden. Indem diese Aspekte den Zuhörer mehr beanspruchen oder interessieren als mitgeteilte Unrichtigkeiten, kann sophismatischen Tendenzen Deckung zuteilwerden. Beispiele: 'Nie wieder Krieg'. 'Alle Macht den Räten'.'Business as usual'.

Litotes: Die Untertreibung, etwa durch doppelte Verneinung eines Tatbestands, erzeugt einmal den Eindruck von Schlichtheit und Zurückhaltung und steigert dadurch die Glaubwürdigkeit einer Aussage, zum andern steigert sie ihre Bedeutung, ohne doch der äußeren Sprachform nach unrichtig zu werden. Sie ist deshalb als Deckung für sophismatisches Vorbringen u. U. besonders geeignet. Beispiel: 'Der Bewerber um dieses Amt ist ein nicht gerade unerfahrener Politiker, der sich auf nicht wenigen Gebieten der Kommunal- und Landespolitik bewährt hat'.

Emphase: Die besondere Betonung bestimmter Bedeutungshintergründe von Worten und Sätzen, die üblicherweise nicht-komplex verwendet werden, treten häufig in den hervorgehobenen Passagen einer Rede, etwa am Anfang oder am Ende, auf und geben auch die Möglichkeit, mit dem Anschein des autoritativen Zitats, des Feierlichen, des Bekenntnisses oder des essentiell Durchdachten ausgestattete Sophismen zu verbreiten. Beispiele: 'Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.' 'I have a dream'. 'I am a Berliner'.

Epanalepsis, Geminatio: Die Verdopplung beziehungsreicher Worte hat eine ähnliche Funktion wie die Emphase. Beispiele: 'Deutschland, Deutschland über alles'. 'Alle, alle kamen'.

Asyndeton: Die grammatikalische Unverbundenheit von Sätzen ist eine Spielart der Brachylogie und der Litotes und hat daher ähnliche Wirkungen wie diese Tropen. Sie unterstreicht die Zusammengehörigkeit von Dingen, auch wenn deren Zusammengehörigkeit evtl. problematisch oder bestritten ist, auf demonstrative Weise: Beispiele: 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit'. 'Veni, vidi, vici'.

 9. Andere Figuren.

Eine Anzahl von Tropen i. w. S. - wie z. B. die Syllepsis, das Hysteron Proteron, das Zeugma, das Anakoluth, das Epitheton ornans, der Pleonasmus - sind ebenfalls für sophismatische Zwecke disponiert, brauchen aber an dieser Stell nicht erörtert zu werden, weil eine Vollständigkeit hier nicht angestrebt werden kann, sondern nur systematische Übersicht und ihre Veranschaulichung.

III. Die Bedeutung der in der Rhetorik verwendeten Täuschungsarten für nicht-verbale Ausdrucksformen öffentlicher Argumentation.

Die bisherigen Ausführungen bezogen sich auf die Rhetorik als eine Technik und Kunst, die sich der Ausdrucksform der gesprochenen Sprache bedient. Ihre Täuschungsarten lassen sich, wie schon erwähnt, teilweise auf andere Ausdrucksformen übertragen, wobei eine Übertragung weithin, aber am wenigsten dort möglich ist, wo die Täuschung direkt auf der verwendeten Ausdrucksform beruht: mit dem gesprochenen, dem geschriebenen, dem bildlichen oder dem musikalischen Ausdruck kann man ggf. eben nur auf ganz unterschiedliche Weise täuschen. Aber selbst hier gibt es formale Analogien zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen.

Am nächsten steht der gesprochenen Sprache die geschriebene. Die Täuschung durch Sprechen ist zwar etwas anders als die durch die Schrift; so kann das oben unter B 1 e) als Beispiel erwähnte gesprochene '[westberlin]' im Schriftbild weniger irreführend sein, weil einerseits die Schriftform 'Westberlin' deutlich synthetisch wirkt und andrerseits im schriftlichen 'West-Berlin' der Bindestrich den Teil-Charakter des Gemeinten markiert. Aber davon abgesehen, kann man mit dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort ungefähr dasselbe an Täuschung erreichen. Deswegen seien die folgenden Ausführungen vor allem den nicht-verbalen Ausdrucksformen gewidmet, die gegenüber der Sprache größere Unterschiede in ihrer 'Täuschungskapazität' aufweisen.

Die Täuschungsmöglichkeiten nicht-verbaler Ausdrucksformen können sich mit den sprachlichen verbinden wie im Drama, im Zeremonienwesen oder im Fernsehen, und sie dadurch verstärken. Sie können aber auch für sich wirksam werden wie in einem nur für sich dargebotenen oder dastehenden Bildwerk, Musikstück oder Bauwerk.

Bei nicht-verbalen Ausdrucksformen muß sich die Täuschungsabsicht oder die Selbsttäuschung zunächst - bei den grundlegenden Entscheidungen über die Stoffauswahl, die der rhetorischen Station der 'Heuresis' entspricht - für die Verwendung von Lügen, für normative Irreführung oder andere den Adressaten gegenüber unvertretbare Unrichtigkeiten entscheiden. Wenn eine Selbsttäuschung vorliegt, findet zwar keine Entscheidung zur Täuschung im engeren Sinne des Wortes statt, wohl aber eine objektiv irrtümliche Auswahl. Welche Ideen soll zum Beispiel ein Denkmal verkörpern, welche Züge eines Nationalcharakters eine Nationalhymne ansprechen, welche Tatsachen ein Bild reflektieren - und welche nicht, obschon sie unter Aspekten einer unverkürzten Wahrheit oder solchen der moralischer Richtigkeit mitzubeachten sind? Was ist im Interesse einer Täuschung besonders hervorzuheben, was zu verkleinern oder zu relativieren? Welche einseitigen Erklärungs- und Deutungsmuster soll die Botschaft vermitteln? Welche berechtigten Interessen eines Publikums an einer in seinem Sinne umfassenden Information müssen fehlinterpretiert und welche normativen Maßstäbe müssen übergangen oder verformt werden, damit Unwahres oder Unrichtiges als wahr und richtig erscheinen kann? An zwei Beispielen (siehe dazu auch: Kap. 1, 2 c des Skripts 'Musik und Rhetorik'), einem Bildbeispiel und einem Musikbeispiel, läßt sich konkret zeigen, wie sich bereits auf der Ebene der Motivauswahl Weglassungen und Verzerrungen dessen vollziehen, was die jeweils Angesprochenen genau und richtig wissen müßten. In der Unternehmensgründung durch Anfänger mit geringer Berufserfahrung und Kapitalausstattung sieht etwa die reine bildliche Aussage des Beispiels nicht das geringste Risiko, und der 'Mauerbau' des Jahres 1961 erscheint in dem Beispiel eines damaligen Marschliedes aus der DDR als Maßnahme im Interesse einer 'Nation'.

Was die Überlegungen zum Aufbau der nicht-verbalen Argumentation betrifft, die der rhetorischen Station der 'Taxis' entsprechen, so stehen sie schon mehr unter den Prämissen der jeweiligen Ausdrucksform. Eine Täuschung durch geeignete Stoffdisposition muß etwa beim Bild mit den farblichen und formalen Gewichtungsmitteln der nur in der Bildfläche und ohne zweitliche Entwicklung operierenden Bildkomposition agieren, beim Musikstück mit den Gewichtungen durch die zeitliche Sequenzbildung und instrumentelle, melodische oder rhythmische Hervorhebung inhaltlicher Motive. Ob eine Täuschung durch Bild- oder Musik-Botschaften realiserbar ist, hängt dabei zwar theoretisch davon ab, ob sich die jeweiligen Ausdrucksakte in überprüfbare sprachlich formulierte Aussagen übersetzen lassen. Aber praktisch reicht dafür schon ein in einer bestimmten Situation gegenüber einem bestimmten Publikum zu erwartender, in die Richtung einer solchen Aussage resultierender Eindruck bei den Adressaten aus. So entsteht etwa in dem zitierten Bildbeispiel allein schon durch die Motivkomposition im Bildaufbau der Einbanddeckel - entgegen der wirtschaftsstatistisch festgestellten Realität bei Unternehmenserstgründungen durch kapitalschwache, noch unerfahrene Jungunternehmer - der Eindruck, jugendliche Energie und wagemutige Dynamik seien so gut wie gewiß mit Aufstieg und wirtschaftlichem Erfolg verbunden. An dem zitierten Musikbeispiel wird eine musikalische Botschaft deutlich, für deren Inhalt allein schon durch den iterativen (strophischen) Aufbau 'narrativ' und 'konfessorisch' wirkender Passagen der Einduck von etwas Begründetem und zweifellos Richtigem entsteht. In beiden Fällen handelt es sich um semantisch unscharfe Botschaften, 'bloße Eindrücke', allerdings solche mit anzunehmender situationsbezogen eindeutiger Wirkung. Diese ist sogar emotional viel stärker als die der hier jeweils ebenfalls vorhandenen, begleitenden Texte. Man kann sogar sagen, der emotionale Aspekt ist das mit Abstand Wichtigste an ihnen. Bei dem Bildbeispiel ist ferner davon auszugehen, daß der Text sachlich im allgemeinen viel vorsichtiger gefaßt ist als die bildliche Aussage. Das verdeutlicht, daß bei der Kombination verbaler und nicht-verbaler Ausdrucksform im Aufbau des Ausdrucksakts die Bildung einer 'Resultante' aus sich möglicherweise widersprechenden Botschaften durchaus möglich, ja üblich ist und sinnvoll sein kann, um Täuschungseffekte zu erzielen und zugleich zu decken.

Am ausgeprägtesten macht sich die Unterschiedlichkeit der einzelnen nicht-verbalen Ausdrucksformen mit ihrer jeweiligen Täuschungskapazität bei der öffentlichen Argumentation dort bemerkbar, wo es um den Einsatz ihrer spezifischen Mittel bei der Ausdrucksgestaltung geht, d. h. auf derjenigen Ebene der Vorbereitung eines öffentlichen Ausdrucksakts, die der rhetorischen 'Lexis' entspricht. Wie man mit wohllautender Rede und einprägsamen sprachlichen Figuren täuschen kann, so auch mit den vielfältigen Mitteln musikalischer Instrumentalisierung und Melodiegestaltung, bildlicher Form- und Farbgebung, plastischer oder architektonischer Form- und Raumgestaltung, dramatischer oder zeremonieller Inszenierung usw. In dem schon zitierten sorgen etwa folgende Gestaltungsmittel für die Verstärkung der intendierten - nicht ganz richtigen - Botschaft: die farbliche Unterstreichung der unbeschädigten Jugendlichkeit, Kraft und Schönheit, vermittelt der Zielgruppe den Eindruck des persönlich Angemessenen und Erstrebenswerten, die Wahl des Zappelns, Rennens und Treppenhochspringens als Metapher für unternehmerische Dynamik erzeugt den Eindruck einer sportlichen Realisierbarkeit von Unternehmensgründungen, und die symbolische Verwendungvon Zielscheiben, aufsteigenden Kurven, und Aktentaschen soll den prinzipiellen Erfolg eines solchen Tuns außer Zweifel stellen. Das zitierte Musikbeispiel erzielt den beabsichtigten - unrichtigen - Eindruck von etwas zweifellos Richtigem und Unwiderstehlichen seiner Botschaft besonders durch seinen Marschrhythmus. Zugleich sollen auflockernde musikalische Motive diesem Rhythmus seine Verbissenheit nehmen und dadurch auf das besonders Menschliche und Natürliche einer Wacht an der Mauer hinweisen.

Die Entsprechungen zu den rhetorischen Gestaltungsmitteln der Sprache, wie sie in der antiken Tropen-Lehre zusammengefaßt sind, wirken bei den nicht-verbalen Ausdrucksformen, wie im Hinblich auf unsere heutige 'mediale Öffentlichkeit' nicht oft genug zu erwähnen ist, im ganzen sehr viel intensiver als bei den verbalen. An die Stelle eines sprachlich beschworenen Bildes tritt etwa ein wirkliches, an die Stelle eines sprachlich erzeugten Pathos tritt das viel direktere des musikalischen, an die Stelle eines sprachlich beschriebenen Typus tritt ein Schauspieler aus Fleisch und Blut mit seiner Rolle usw. Zugleich sind nicht-verbale Ausdrucksformen mit einer typischen semantischen Unschärfe ausgestattet. Beides bedingt ihre - im Vergleich zur Sprache - viel höhere Täuschungskapazität.

Das zeigt sich im einzelnen etwa an den Fehlschlußarten des aristotelischen Kanons (siehe oben unter B). 'Homonymie' und 'Amphibolie' als Fehlschlußarten, die auf Namens- und Bedeutungsverwechslungen beruhen, lassen sich im nicht-verbalen Ausdruck wegen seiner semantischen Unschärfe viel besser zu Täuschungszwecken einsetzen als im sprachlichen. Unvergleich größer ist ferner die Einsatzmöglichkeit der täuschenden 'Synthese' oder 'Dihärese', d. h. des Vermengens von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben, und der künstlichen Trennung von Dingen, die zusammengehören, im nicht-verbalen Ausdruck. Für heutige Werbung ist beispielshalber charakteristisch, daß in ihr weniger sprachlich als bildlich und musikalisch Dinge komponiert werden, die überhaupt nichts mit dem Aussagekern der Werbebotschaft, sofern er vorhanden ist, zu tun haben. Die Fehlschlußart der 'fallacia accidentis' ist nicht-verbal ebenfalls viel besser zu nutzen: das zufällige Aussehen einer Person wird zum Beispiel an die Stelle der von ihr vertretenen Sache gerückt, eine musikalische Stimmung an die Stelle einer Sachverhaltsschilderung, der eine solche Stimmung vielleicht nur zufällig entspricht usw. Ähnliches gilt für die Verwechslung von Ursache und Wirkung, die 'petitio principii' oder die Behandlung mehrerer Fragen als einer einzigen. Dies alles ist im nicht-verbalen Ausdruck wegen seiner semantischen Unschärfe viel leichter als im sprachlichen.

Hinzukommt die gegenüber der Widerlegung einer sprachlich übermittelten Täuschung viel schwerere oder aufwendigere Widerlegung einer nicht-verbalen: sie setzt voraus eine genaue, also zeitaufwendige und streithaltige Interpretation und Übersetzung des nicht verbalen Ausdrucks in einen sprachlichen und darauf aufbauend dann die bei sprachlicher Täuschung nötigen argumentativen Schritte der Widerlegung (elenchus). Es ist kein Wunder, daß dem Täuschenden diese Schwierigkeit oft praktisch zustatten kommt, insbesondere bei einer nur in eine Richtung gehenden 'einseitigen Kommunikation', wie sie für die heutigen Medien charakterisch ist. Die von Aristoteles als Täuschungsursache genannte 'ignoratio elenchi', die bereits die individuelle Unfähigkeit zusammenfaßt, auf ganz verschiedenartige Täuschungen argumentativ angemessen zu reagieren, wird bei den nicht-verbalen Ausdrucksformen unter solchen Umständen sogar zu einer praktischen Unmöglichkeit, eine Widerlegung überhaupt zu formulieren und dem Täuschenden verbindlich zu übermitteln.

Die durch sprachliche Tropen möglichen Täuschungen faßt Aristoteles, wie erwähnt, in einem einzigen Begriff (paralogismos tropou, fallacia figurae) global zusammen, obschon mit solchen Figuren auf ganz verschiedene Weise getäuscht werden kann. Entsprechend vielfältig, ja fast unüberschaubar, sind die Möglichkeiten der Täuschung durch nicht-verbale Gestaltungsmittel. Für die einzelnen nicht-verbalen Ausdrucksformen gibt es zumeist irgendwelche den sprachlichen formal ähnlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Diese sind in ihrer Täuschungsdisposition ebenso ausgeprägt wie die sprachlichen oder noch wirksamer.

Figuren der Iteration und der Congeries gibt es etwa in der Musik in der Wiederholung von Motiven und Sätzen bzw. in der Häufung von Instrumenten und Klangwirkungen an bestimmten Stellen.

Musik und bilderzeugende Künste aller Art verwenden die Allegorie, die Metapher, das Symbol, die Synekdoche, die Autonomasie, die Periphrase, die Prospopoiie oft und teilweise viel effektiver als die Sprache, weil im bildlichen oder typisierend-anschaulichen Ausdruck ihre Stärke (und zugleich ihre Begrenzung) liegt.

Die in Gradation oder Antithese liegenden Formen dramatischer Sprachgestaltung haben in Figuren der Spannung und Spannungssteigerung derf Bildenden Kunst, Musik, Architektur und Dramatik ihre Entsprechungen.

Die Möglichkeiten sprachlichen Größer- oder Kleinermachens der Bedeutung einer Sache gibt ähnlich auch in der Bildenden Kunst und Architektur, in der Dramatik und im Zeremonienwesen.

Wie in der Sprache gibt es auch in der Bildenden Kunst oder im Zeremonienwesen gestaltende Mittel, mit denen sich der Eindruck der Rationalität, Sachlichkeit und Begründetheit einer Sache erzeugen läßt, auch wenn dieser trügt. Von besonderer Bedeutung sind allenthalben die Möglichkeiten der Täuschung durch 'Praestigiae'.

Die Bildende Kunst oder das Drama vermögen den Witz oft viel unmittelbarer einzusetzen als der sprachliche Witz, weil die situationsbezogene Anschaulichkeit, die den Witz auslöst, in diesen Ausdrucksform leichter darstellbar ist als mit bloßer Sprache. Beispiel dafür sind etwa heutige Karikaturen oder Kabarettvorführungen.

Musik, Drama und Bildende Kunst bieten wie die Sprache mannigfache Mittel der persönlichen Ansprache eines Publikums.

Musik, Bildende Kunst, Drama und Zeremonien vermögen wie die Sprache Gefühle in der ganzen Bandbreite zwischen Leidenschaft, ästhetischer Dezenz und Nüchternheit zu erzeugen.

IV. Zusammenfassung.

Die rhetorisch möglichen Täuschungen sind alltäglich und lebensbestimmend, auch und gerade in der öffentlichen Argumentation. In welchem Maße sie konkret wirken, zeigt sich zumeist erst am Einzelfall in aller Deutlichkeit. Diesen überzeugend zu analysieren, erfordert Zeit und Gelegenheit , und daran fehlt es nicht selten. Das ist der eigentliche Schutz öffentlich vorgenommener Täuschung in allen Ausdrucksformen und ein Grund für ihren Erfolg. Die Verwendung der schon von Aristoteles bereitgestellten begrifflichen und kritischen Mittel ermöglicht jedoch eine nicht geringzuschätzende Unabhängigkeit des historisch und erkenntniskritisch gebildeten Urteils gegenüber den nicht wenigen im öffentlichen Raum stattfindenden sophismatischen Zumutungen an das Publikum, auch und gerade heute.


ANMERKUNGEN

1) Eine scharfe Kritik an heutigen urteilsdeformierenden Tendenzen massenmedialer Meinungsbildung und Unterhaltung wurde vor einigen Jahren in den USA formuliert durch Neil Postman (Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business, 1985; dt. Übersetzung: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Übers. Reinhard Kaiser, Frankfurt M. 1988). Es handelt es sich aber um ein weitaus älteres und auch weiter greifendes Phänomen der Entwicklung 'moderner Öffentlichkeitsstrukturen'; die Gesamtheit der politischen Meinungsbildung mit ihren älteren Mitteln sophismatischer Öffentlichkeitsbeeinflussung und auch die Techniken der wirtschaftlichen Werbung - als jüngerer Schwester der politischen Propaganda - sind älter als die von Postman vor allem thematisierten Konsequenzen des Fernsehens. Zu diesen Aspekten etwa: Hermann Schlüter, Grundkurs der Rhetorik, München 1974 10. (mit Sammlung anschaulicher historischer Redebeispiele); G. N. Gordon, Persuasion. The Theory and Practice of Manipulative Communication, New York 1971 (allgemein die politische und wirtschaftliche Werbung in den USA betreffend).

2) Hilfreich bei der Zusammenstellung der Tropen waren die Gesamtdarstellungen oder Zusammenfassungen von R. Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer, (18852) ND Hildesheim 1965, S. 362 - 505 und H. Menge, Repetitorium der lateinischen Syntax und Stilistik, bearb. von A, Thierfelder, München 1961, S. 355 - 390. Dort findet man auch verschiedenartige Beispiele aus der griechischen und römischen Rhetorik-Praxis, die hier wegen des rezeptionsgeschichtlichen Zusammenhangs und des Gegenwartsbezugs der Ausführungen nicht übernommen wurden.


Verantwortlich. Christian Gizewski (christian.gizewski.tu-berlin.de )