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Zu Georg Schöllgen, Die Anfänge der Professionalisierung des Klerus und das kirchliche Amt in der Syrischen Didaskalie.

Jb. für Antke und Christentum, Erg.-Bd. 26, Münster 1998 (227 Seiten).

Von Christian Gizewski

Rezension (Okt. 1999), in kürzerer Form veröffentlicht in 'Gnomon', Jg. 2002, S. 559 - 561.

Das zu besprechende Werk ist die leicht überarbeitete und aktualisierte Habilitationsschrift seines Autors, die im WS 1991/92 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn angenommen wurde. Der Autor ist neben dieser Schrift u. a. mit einer Reihe von Aufsätzen und Quelleneditionen zum Themenkreis der frühchristlichen Kirchen- und Gemeindeordnung hervorgetreten.

Sein Interesse gilt hier der in der ersten Hälfte des 3. Jhs. n. Chr. stattfindenden Entwicklung, in deren Verlauf sich das institutionelle kirchlich-gemeindliche Gefüge in wichtigen Aspekten umstellt. Die Entwicklung nimmt ihren Ausgang vom Typus des frühen, noch sehr minoritären Gemeindelebens der letztlich schon im 1. Jh. durch Paulus mitbegründeten und verbreiteten Form Dieses hat als charakteristische Merkmale u. a. ein Wanderapostolat, einen eschatologischen Prophetismus, ausgeprägte Schutzvorkehrungen des Gemeindelebens zur Wahrung der Rechtgläubigkeit, eine aktive Einbeziehung aller Gemeindemitglieder in die Gemeindeaufgaben und kennt dabei selbst für besonders verantwortliche Gemeindeaufgaben lediglich ihre 'nebenberufliche' Erfüllung und offenbar verschiedenartige Modelle, bei welchen die geistlichen Gaben in den Mittelpunkt gestellt werden - i. S. etwa der Abstufung nach 1. Kor. 12, 27 - 32 , wo bekanntlich das Amt eines 'episkopos' noch nicht namentlich erwähnt ist. Demgegenüber ist das Entwicklungsergebnis am Ende des 3. Jhs. ein durch das Wachsen der Gemeinden und die Zunahme ihrer Aufgaben bedingter Typus des Gemeindelebens, in dem sich, soziologisch gesprochen, die Gemeindefunktionen stärker 'differenziert', im organistorischen Sinne 'hierarchisiert' und 'professionalisiert' haben. Der Verfasser bedient sich solcher organisationssoziologischer Begriffe, vor allem desjenigen der 'Professionalisierung', wie mir scheint, jedenfalls prinzipiell sinnvoll, immer wieder zu Erklärungszwecken und macht damit deutlich, daß er u. a. auch einen organisationstheoretischen Erklärungsansatz für kirchengeschichtliche Entwicklungen verfolgt. Zentrales Moment für die Entwicklung des späteren Typs scheint ihm vor allem die Etablierung und Legitimation eines 'monarchischen Episkopats' und eine 'Professionalisierung' der verantwortlichen Gemeinde-Aufgaben zu sein. Mit diesen Momenten sieht der Verf. verschiedene organisatorische ebenso wie theologische Neben- und Folgewirkungen für das Gemeindeleben verbunden, denen er seine Untersuchung ebenfalls widmet.

Die so markierte Entwicklung wird durch recht verschiedenartige und in der Entstehung ihrer Elemente nicht immer eindeutig zu datierende Quellen des 2., 3. und/oder 4. Jhs. direkt beleuchtet, insbesondere die noch erhaltenen 'Gemeindeordnungen'. Dazu gehören a) die der Zeit um 100 n. Chr. zuzuordnende 'Zwölf-Apostel-Lehre '('Didacæ [tøn dådeka a¬postólwn]'), b) die dem Beginn des 4. Jhs. zuzuordnende 'Apostolische Überlieferung' ('Traditio apostolica') und c) die nach ihrer mutmaßlichen Entstehungszeit in die 1. Hälfte des 3. Jhs. zu datierende 'Didaskalie'. Dies ist eine in ihrer griechischsprachigen Ausgangsform nicht mehr vorhandene Textquelle, die nur noch in einem fragmentarischen lateinischen Übersetzungstext vermutlich des 3. Jhs. ('Lateinische Didaskalie'; Abk.: LatD), ferner in einer 'Syrischen Didaskalie ' (Abk.: SyD, für die Edition von A. Vööbus 1979 auch: CSCO), einer Übersetzung ins Aramäische des 6. Jhs., sowie - in einer inhaltlich angepaßten und umgearbeiteten Form - in den sog. 'Apostolischen Constitutionen' des späten 3. oder frühen 4. Jhs. (dort in Buch 1 - 6; 'Constitutiones Apostolicae; Abk.: CA) vorliegt. Diese Quelle (im folgenden 'Hauptquelle' genannt), die von Anfang an ziemlich umfänglich in ihren Regelungen für das Gemeindeleben gewesen sein muß (später, in der modifizierten Form der 'Syrischen Didaskalie' enthält sie 6 Bücher), macht der Autor zu einem Schwerpunkt seiner Untersuchung. Er hält sie zumindest in wichtigen Bereichen für inhaltlich rekonstruierbar, was angesichts der von ihr abstammenden, zwar in manchem unterschiedlichen, aber ihr nicht allzu fern stehenden drei weiteren Quellen immerhin plausibel erscheint. Neben den 'Kirchenordnungen' stehen dem Verf. die Kirchenväterschriften des Untersuchungszeitraums, etwa des Clemens von Alexandrien, Origenes, Tertullian, Hippolyt, Irenäus, Kallist oder Cyprian zur Verfügung. Diese lassen sich in einzelnen Fragen daraufhin untersuchen, was sie über die gemeindekirchliche Organisationsentwicklung ihrer Zeit direkt oder indirekt aussagen bzw. nicht aussagen. Aus der Notwendigkeit einer philologischen Rekonstruktion der Hauptquelle, aus der zeitlichen Streuung und aus dem - im Hinblick auf die Untersuchungsfragen - nicht immer 'systematischen' Charakter der anderen Quellenaussagen ergeben sich bei der gestellten Aufgabe manchmal methodische Schwierigkeiten, im Ergebnis erkennbare Veränderungen gemeindlicher Gewohnheiten nach Zeit und Umständen genauer zu datieren bzw. zu lokalisieren und tragfähige generelle Hypothesen über sie zu bilden. Wahrscheinlichkeiten sind abzuwägen, vorsichtig schlußfolgernde und zugleich konstruktiv-umfassende Deutungen des Geschehens zu versuchen. Hier liegt die besondere Leistung dieser Arbeit.

Der Verfasser gewinnt eine Übersicht über die Gesamtentwicklung durch verschiedene sorgfältige, in ihrer abwägenden Argumentation hier in Kürze nicht angemessen wiedergebbare Einzelanalysen, aus denen er eine Gesamtanalyse aufbaut. Obschon die Hauptquelle, die (rekonstruierte) 'Didaskalie', vielfältigen Untersuchungsstoff bietet, beschäftigt sich der Autor schwerpunkmäßig mit nur wenigen Teilthemen, die allerdings in der Auswahl ebenso zentrale Punkte der altchristlichen Gemeindeorganisation selbst berühren,wie sie auch heutige Fragen an die kirchliche Tradition berücksichtigen.

Die Arbeit enthält

jeweils in der Absicht, Gründe für die Entwicklung dieser Elemente der Gemeindordnung aus früher nachweisbaren anderen etwa des 1. und 2. Jhs. zu ermitteln und in einen Gesamtzusammenhang der organisatorischen Gemeindeentwicklung in vorkonstantinischer Zeit einzuordnen, d. h. in der Epoche noch vor der von ganz neuen Rahmenbedingungen bestimmten Einpassung des Christentums in die spätantiken staatlich-römischen Strukturen.

Zu 1.

Zu den charakteristischen Organisationsmerkmalen des Christentums im 1. und 2. Jh. n. Chr. gehören einerseits seine auf einer eschatologischen und zugleich strikt rechtgläubigen Ausrichtung basierende, familienanalog formierte, stark bindende gemeindliche Gruppenbildung im sozialen Nahbereich, damit verbunden eine vielfältige und affektive Grenzziehung zu den größeren sozialen Milieus des 'heidnischen' Staates und der 'heidnischen' Alltags- und Geisteskultur und eine gewisse innere Autarkie in der Organisation der innergemeindlichen Aufgaben. Andrerseits gehört dazu eine prinzipiell übergemeindliche missionarische Aufgabenstellung und Abstimmung, die in den ersten beiden Jahrhunderten erst allmählich eine festere institutionelle Gestalt - etwa in den Synoden und den kirchlichen Metropolitanbereichen - annimmt. Anders als bei anderen - offiziell anerkannten - Religionen im Römischen Reich fördern beide Momente die Entwicklung eigenständiger Organisationsformen auf einem möglichst einfachen, autarkie-sichernden Organisationsniveau. Dies ist etwas anderes als das 'Priester-Honoratioren-System' der offiziell anerkannten religiösen Kulte im römischen Reich (S. 7 - 15). Dagegen gibt es interessante organisatorische Parallelen zu orientalischen religiösen Kulten der Kaiserzeit wie dem Isis-Sarapis-Kult (S. 13 - 20). Daß nicht-christliche Kulte dieser Zeit eine Wanderpriesterschaft kennen und daß es - ein allerdings in Argumentationsstil und Inhalten davon deutlich unterschiedliches - Wanderphilosophentum der kynischen Richtung gibt, markiert interessante Vor- und Parallelformen zur christlichen Entwicklung - auch insoweit, als es sich dabei um die Organisation von Gemeinden und Anhängerschaften auf einem sehr einfachen, institutionell nicht besonders differenzierten Niveau handelt (S. 21 - 31).

Zu 2.

Zu dem erwähnten anfänglichen Entwicklungsstand christlicher Gemeinden in den ersten beiden Jahrhunderten paßt - teilweise aus eschatologisch-theologischen Gründen, organisatorisch betrachtet aber auch aus Finanzgründen - noch nicht die Existenz bezahlter Funktionsträger der Gemeinde. Vielmehr sind für diese Zeit zwei nebeneinander verwendete Modelle einer gemeindlichen Leitungsorganisation anzunehmen, die beide auf 'unbezahlter Nebenberuflichkeit' basieren: nämlich ein 'Presbyter-Modell' und ein 'Bischof-Diakonen-Modell'. Beide setzen zwar den völligen Einsatz der zu gemeindlichen Ämtern Berufenen voraus; diese werden aber prinzipiell nicht durch Unterhaltszahlungen entlastet oder unterstützt. Die Überzeugung und die Notwendigkeit, mit dem innergemeindlichen Spendenaufkommen das Wichtigere zuerst zu tun, d. h. vor allem die Aufgaben der innergemeindlichen 'caritas' zu erfüllen oder geistlichen Gästen von auswärts eine - begrenzte - Unterstützung zukommen zu lassen, schließen die Bezahlung örtlicher 'Gemeindefunktionäre' lange aus. Das dauert jedenfalls solange, bis nach einem längeren Entwicklungsprozeß die Richtigkeit, bestimmte innergemeindliche und übergemeindliche Aufgaben durch ausschließlich dafür tätige Funktionsträger wahrnehmen zu lassen, durch kollektive Erfahrung erwiesen und außerdem ein dafür ausreichend hohes kirchlich-gemeindliches Einkommen vorhanden ist. Schoellgen findet zwar Belege für ein - bewußt restriktiv gehandhabtes - Unterhaltsrecht für wandernde Apostel, Propheten und Lehrer in einer Anzahl auch früherer Quellen (Didache, Kap. 11 - 13; Hirt des Hermas, mand. 11, 12; Lukian von Samosata, Tod des Peregrinus; Apollonius in Eusebius, h. e. 5, 18, 1 / 14; Pseudoklementin. Briefe 'De virginitate 1, 13, 5), nicht dagegen frühe Belege für eine regelmäßige Alimentation von Bischöfen, Diakonen und/oder Presbytern. Hinweise darauf gibt es in den Quellen erst seit dem Ende des 2. Jhs. (Irenäus von Lyon, haer. 4, 17, 5; Artemon in Eusebius, h. e. 5, 28, 10 - 12; Kallist in Hippolyt, ref. 9, 11, 1 -12, 26; Traditio Apostolica, Kap. 31 f.; Tertullian, ieun. 13, 3; Cyprian, ep. 1. 34. 39 und 65; Cyprian in Eusebius, h. e., 6, 43, 11; in verschiedenen verstreuten, aber wichtigen Stellen der Homilien und Kommentare des Origenes, in den pseudoklementinischen Homilien), nicht zuletzt in der Hauptquelle (SyD Kap. 8 und 9), die die ausführlichste Erörterung eines bereits in der Mitte des 3. Jhts. als selbstverständlich geltenden Unterhaltsrechts für gemeindliche Kleriker geboten haben muß:

Die Entwicklung dahin hängt, wie Schöllgen belegt, von komplexen Voraussetzungen ab, die sowohl in den einzelnen Gemeinden als auch in ihrer übergemeindlichen Verbindung erst allmählich in das Bewußtsein getreten sein und nirgendwo bestimmte, sofortige, geschweige denn einheitliche organisatorische Konsequenzen gehabt haben können. Die Herausbildung institutioneller Gemeindeleituungen aus einem früheren inneren presbyterischen bzw. episkopisch-diakonischen Kern von Gemeindeverantwortlichen, der Übergang freiwillig übernommener allgemeiner Dienstpflichten der Gemeindeangehörigen zu einem System 'professionell' ausgeübter gemeindlicher Kirchenfunktionen kann vielmehr von ganz unterschiedlichen Anstößen aus seine Entwicklung genommen haben. Die Zunahme karitativer Aufgaben kann dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Notwendigkeit, in Rechtgläubigkeitsauseinandersetzungen oder Verfolgungssituationen zu klaren Entscheidungen und Führungsstrukturen zu gelangen, wie auch die allmähliche Verfestigung übergemeindlicher Zusammenhänge und die mit ihnen verbundenen Außenvertretungsaufgaben.

Obschon in der alttestamentlichen Leviten-Tradition (Num. 18) das Muster des regelmäßigen Unterhalts für priesterliche Funktionsträger und ihre Gehilfen vorgebildet ist, wirkt es erstaunlich, daß die christliche Tradition darauf erst zu Beginn des institutionalisierten Vollzeit-Klerikertums legitimierend zurückgreift, wie Schöllgen ausführlich darlegt. Doch zeigt sich daran markant, daß auch im antiken Kirchenleben geistliche Legitimationsformeln von praktischen Bedürfnissen und organisatorischen Entwicklungen provoziert werden können, d. h. ihnen nicht stets vorhergehen müssen.

Zu 3.

In engem Zusammenhang mit der erwähnten Gesamtentwicklung, bei der einerseits eine erhebliche Zunahme innergemeindlich zu bewältigender Aufgaben und die Notwendigleit klarer Entscheidungs- und Führungsstrukturen in geistlichen Angelegenheiten, zum anderen eine deutliche Ausprägung der übergemeindlich-kirchlichen Entscheidungsformen - und -institutionen vorauszusetzen ist, sieht Schöllgen eine wichtige organisatorische Neuerung, die erst im 3. Jht., und zwar in der Hauptquelle, voll ausgeprägt hervortritt: die Konzentration der Gemeindeleitungsfunktionen im Amt des Bischofs. Diese Stellung, das ist entwicklungsgeschichtlich wichtig, erwähnt die paulinischen Ämter-Ordnung (1. Kor. 12. 27 - 31 noch nicht namentlich und wohl auch noch nicht der Sache nach. Zwar drückt sich der Leitungscharakter dieser Funktion, seit es sie gibt, in der Amtsbezeichnung ('episkopos' = 'Aufseher' oder 'Verwalter') und in einem hohen Ansehen des Bischofs (vgl. Didacæ 15, 1: 'eure Geehrten' ) aus. Aber erst in der Hauptquelle treten die gebündelten disziplinarischen Befugnisse des Bischofs im Rahmen des kirchlichen Buß- und Gemeindegerichtswesens gegenüber den im Rang unter ihm stehenden Klerikern und gegenüber den Laien seiner Gemeinde deutlich hervor. Dazu kommen die ihm ebenfalls zugewachsenen Befugnisse eines 'Oikonomos' (Gottes) zur Disposition über das Gemeindeeinkommen, d. h seine ausschließliche Letztzuständigkeit zur Verwaltung des Spendenaufkommens zum Zwecke der Armen-, Witwen-, Waisen- und Fremdenversorgung ebenso wie zum Unterhalt der gemeindlichen Kleriker. Eine solche 'Zuspitzung' des gemeindlichen Organisationsaufbaus ist, wie Schöllgen darlegt, akzeptabel und wahrscheinlich nur bei Vorliegen neuer unabweisbarer Bedürfnisse der inneren Gemeindeordnung. Der Rezensent meint, daß sie darüber hinaus auch das Bestehen zumindest gewisser übergemeindlicher Kontrollmöglichkeiten (vor allem der Synoden) voraussetzt.

Schoellgen stellt die amtstheologische Begründung für einen 'monarchischen Episkopat', wie sie sich in der Hauptquelle um die ideellen Muster des 'Hirten', des 'Priesters', des 'Königs', des 'Vaters' (und sogar der 'Mutter') sowie des Haushalters ('oikonomos') Gottes herum ausbildet (SyD 4; CSCO 401, 52), eingehend dar. Für die Begründung der neuen praktischen Kompetenzen wichtig scheinen dabei vor allem die Muster des 'pater' und des 'oikonomos' zu sein (nicht so sehr das eines königlichen 'Monarchen', das dem wissenschaftlichen Terminus 'monarchischer Episkopat' zugrundeliegt); denn organisatorisch geht es offensichtlich vor allem um eine bevollmächtigte Person, die mit den Kompetenzen eines 'Familienvaters' ausgestattet ebenso das 'Familienvermögen' wie die Angelegenheit seiner 'Familienangehörigen' - beides zu denken etwa i. S. des römisch-rechtlichen familia-Begriffs - in alleiniger Verantwortung gerecht zu verwalten und zu regeln in der Lage ist (S. 116; 127 - 134).

Von besonderer theologischer Bedeutung für die Begründung eines 'monarchischen Episkopats' scheint dagegen ein von Schoellgen so genanntes 'Korrelationenschema' der Gemeinde-'Stände' (SyD 9; CSCO 401, 103, 22 - 104, 4; i. S. des neutestamentlichen kläroß-Begriffs; vgl. Apg. 1, 25 f.; lat. Entsprechung: 'ordo') zu sein, in dem der Bischof 'nach dem Bilde' Gottes amtiert, die Diakonen nach dem Bilde Jesu, die Presbyter nach dem Bilde der Apostel, die Diakonissen nach dem Bilde des Heiligen Geistes und die 'Witwen und Waisen' nach dem Bilde des Altars (S.117 ff.). Das entsprechende Wort im verlorengegangenen griechischen Ausgangstext der Hauptquelle ist offenbar zumeist 'typos': in LatD steht an entsprechenden Stellen allerdings teils 'typus', teils sogar 'locus', was dem griechischen 'topos' entspricht, also sogar eine Stellvertreter-Stellung des Bischofs zum Ausdruck bringen soll. Es handelt sich bei diesem Schema aber nicht um ein in allen Aspekten unwidersprüchlich formuliertes, etwa juristisch konzipiertes System von 'ordines', sondern um eine offenbar primär theologisch entworfene und begründete Stufenordnung, bei der bildlich-analogisches Nachdenken über die Aufgabenverteilung in der Gemeinde vorherrscht und gelegentlich - wie auch z. B. beim 'Diakonissen'-oder beim 'Witwen-''Stand' (S. 123, 161 - 169) - zu widersprüchlichen Konsequenzen führen kann.

Zu 4.

Die Angelegenheiten der 'Witwen' müssen in der Hauptquelle eine besonders ausführliche Regelung gefunden haben und werden deswegen von Schöllgen ausführlicher erörtert.

Witwen und die mit ihnen stets eng zusammengedachten Waisen werden bereits seit der sog. 'Witwenregel' der Pastoralbriefe des Neuen Testaments (1. Tim. 5, 3 - 16) als Gruppe von Gemeindeangehörigen eigener Schutzbedürftigkeit und geistlicher Dignität aufgefaßt, dem viele innergemeindliche Sorge und Aufmerksamkeit gilt.

Dies Verständnis ist einerseits verbunden mit einem gewissen Versorgunsanspruch, dessen Mißbrauch allerdings seit jeher vorgebeugt wird, für Witwen insbesondere durch die traditionsreiche Regel, daß zu ihrem 'Stande' (kläroß, ordo) nur solche im Alter über 60 Jahren gehören sollen (so etwa auch Tertullian, virg. vel. 9, 2; f.; Basilius, ep. 199, 24; traditio apostolica 10). Auch im verlorenen griechischen Ausgangstext der Hauptquelle ist offenbar dieses Alter festgelegt; allerdings setzt SyD (14; CSCO 407, 155, 3 f.) 50 Jahre und nur CA (3, 1, 5) noch 60 Jahre fest.

Andrerseits nehmen bis zum 3. Jh. Witwen traditionell gewisse pastorale Aufgaben der Gemeindebetreuung wahr, etwa bei der Vorbereitung der Taufe, bei Krankenbesuchen und bei der Spendung von Trost und Beistand gegenüber den bedürftigen Gemeindeangehörigen. Ein besonderer Respekt vor der Tugend des Unverheiratetbleibens nach dem Tode des Ehemannes dürfte dabei - nicht nur bei den 'ordo-Witwen', sondern auch bei den jüngeren verwitweten, im Gemeindeleben engagierten Frauen, die nach dem Tode ihres Ehemannes nicht erneut heirateten - zu Ansehen und Einfluß in der Gemeinde geführt haben. Schon im 1. Timotheus -Brief und später immer wieder ist erkennbar, daß hier Konfliktthemen angelegt waren, wie sie sich indirekt etwa in folgendem Ausspruch Tertullians niederschlagen:

sie sind die Erklärungen für manche belegbare Bestrebungen auch der frühen Jahrhunderte, gewissen als Ausuferung empfundenen Verhaltensweisen bei der Übernahme geistlicher Aufgaben durch Frauen entgegenzutreten.

Eine weitere Verschärfung erfährt diese Problematik mit einer 'Professionalisierung' der Ämter in der Gemeindeverfassung, welche eine ursprünglich weniger festgelegte Aufgabenverteilung innerhalb der Gemeinden abändert zugunsten einer Zusammenfassung der theologischen und amtlichen Funktionen bei den Klerikern männlichen Geschlechts. Ausdrücklich wird in der Hauptquelle, die diesen Zustand repräsentiert, nun etwa das Taufen durch Frauen (SyD 15; CSCO 407, 166, 12 - 60; Ca 3, 9, 1), ihr theologisch-lehrendes Tätigwerden (CA 3, 5, 3 f.; CSCO 408, 144), oder ihr fortgesetzter Umgang mit Exkommunizierten (d. h. ein Kontakt entgegen einem für die Gemeinde verbindlich gefaßten Auschlußbeschluß des Bischofs - SyD 15, CSCO 407, 163, 3 - 11; CA 3, 8, 3) mißbilligt und ausgeschlossen.

Die theologische Begründung dafür wird in der zu 3. erörterten übergeordneten Stellung der Gemeindebischöfe und -diakone gesehen, deren Entscheidungskompetenz gegenüber die Frauen zu Respekt und deren Entscheidungen gegenüber sie zum Gehorsam verpflichtet seien.

Schöllgen wendet sich gegen die Theorie (H. Achelis, J. Flemming [Hg.], Die syrische Didaskalie, 1904, S. 205), einer Betrauung verwitweter oder eheloser Frauen mit bestimmten pastoralen Aufgaben habe noch im 3. Jh. die Annahme einer besonderen prophetischen Kompetenz dieser Gruppe von Gemeindeangehörigen zugrundegelegen und gegen diese hätten sich die neuen zu beobachtenden Einschränkungen gewandt; er sieht - zumindest nach dem Ende der montanistischen Bewegung und der Diskreditierung des Montanismus schon im 2. Jh. - dafür keine Grundlage. Er findet vielmehr eine 'weniger spektakuläre' - organisationsgeschichtliche - Erklärung:

Zu 5.

Die Existenz einer Kategorie von Gemeindangehörigen, die nach Vermögen und Einkommen, Bildung und sozialer Stellung außerhalb der Kirche normalerweise als 'wohlhabend', 'angesehen' oder 'weltgewandt' angesehen werden, wirft für die Gemeindeorganisation von Anfang an - denkt man etwa an Jesus Wort vom 'Nadelöhr' (Matth.19, 16 - 26) ) - verschiedene Probleme auf. Die eschatologisch und strikt rechtgläubigkeitsbedingten Kriterien einer geistlichen Existenz vertragen sich nicht mit einer Hervorhebung oder gar einer Sonderstellung der Inhaber 'rein weltlicher Werte und Lebenschancen'. Deshalb wird es den 'Reichen' zwar nicht verwehrt, der christlichen Gemeinde anzugehören, aber sie stehen doch ggf. unter besonderen Anforderungen, was den Einsatz ihrer finanziellen Mittel und den Verzicht auf Vorteile und 'sittlich unangemessene Annehmlichkeiten' aus ihrer Bildung und sozialen Stellung betrifft. Diese Anforderungen stehen allerdings in einem gewissen Widerspruch zu der Notwendigkeit, den erheblichen Beitrag, den die 'Reichen' zum Gemeindeinkommen - und damit zur Armenfürsorge und auch zum Unterhalt der Kleriker - beitragen können und beizutragen pflegen, in irgendeiner angemessenen Weise anzuerkennen und zu erhalten. Letzteres bleibt gerade beim Wachsen der Gemeinden und damit der Gemeindeaufgaben wichtig.

Ein Kompromiß ist auf der Linie denkbar, die Zugehörigkeit der 'Reichen' zur Gemeinde zwar nicht theologisch-grundsätzlich in Frage zu stellen und sie auch nicht mit übermäßigen praktischen Konsequenzen aus ihrer Zugehörigkeit als Laien zur Gemeinde - etwa mit dem prinzipiellen Verzicht auf ihr Vermögen - zu konfrontieren und damit abzuschrecken, sondern nur in einzelnen Punkten demonstrative Zeichen immateriell-geistlicher Gesinnung von ihnen zu erwarten. Eine Balance dieser Anforderungen hat sich allerdings auch in der Hauptquelle noch nicht völlig hergestellt. Manche prinzipiell erhobene Anforderung an die 'Reichen', etwa die, Waisen der Gemeinde zu adoptieren - und damit eigenen ehelichen Kindern, etwa erbrechtlich gleichzustellen - (SyD 17; CSCO 407, 176 - 177, 3; latD 36, 32 - 37, 12), oder die, auf die Lektüre liebgewordener 'heidnischer' historischer oder philosophischer Schriftsteller zu verzichten (SyD 2; CsCO 401, 17, 7 - 18, 3; latD 3, 1 - 18; CA 1,5, 12 - 6, 6), wirken - wie auch in früheren Entwicklungsphasen der christlichen Gemeindeentwicklung - ein wenig zu unerbittlich, andere, wie etwa die, auf besondere Ehrungen - etwa bei der Sitzordnung im gemeindlichen Gottesdienst - zu verzichten /SyD 12; CSCO 407, 147, 17 - 25; latD 29, 32 - 30, 6; CA 2, 58, 4 f. ) oder gar wegen geleisteter Spenden in gemeindegerichtlichen Bußverfahren bevorzugt behandelt zu werden (SyD 10; CSCO 401, 122, 1 - 5; CA 2, 42 , 1), wirken angemessen.

Schöllgen gelingt es hier, wie auch bei den anderen Schwerpunkten seiner Untersuchung, das Prozeßhafte und teilweise durchaus Widersprüchliche in der Entwicklung der christlichen Gemeindeorgansiation des 3. Jhs. deutlich zu machen.

Insgesamt bietet die Untersuchung einen farbigen, mit vielfältigem Quellenmaterial substanziierten Zugang zu der aus heutigen Formen kirchlichen Selbstverständnisses - z. B. was die Abgrenzung eines 'professionalisierten' Klerus von den Laien oder die Eingrenzung weiblicher Gemeindetätigkeiten betrifft - 'fremdgewordenen', 'fernen' Zeit des alten Christentums. Allgemeinhistorisch ebenso wie kirchengeschichtlich betrachtet weist sie aber gerade deswegen mit sachlichem Recht auf solche Elemente des alten christlichen Gemeindelebens als essenziell für dessen Bestand hin, die tonangebenden Strömungen unserer Zeit als 'überholt' zu erscheinen pflegen.

Erwähnenswerte Fehler oder Mängel in Aufbau und Stoffdarstellung sind dem Rezensenten nicht aufgefallen. Die Arbeit, einschließlich ihres ausführlichen, von ständiger Beschäftigung mit dem Thema zeugenden Quellen- und Literaturverzeichnisses (S. 196 - 220), macht auf ihn als Althistoriker - auch wegen ihres moderat angewandten, d. h. einerseits realistischen und andrerseits nicht etwa 'ideologiekritisch' übertriebenen organisationsgeschichtlichen Erklärungsansatzes und angesichts der Tatsache, daß nur wenige, lang zurückliegende Arbeiten anderer Autoren zu ihrem Thema vorliegen - einen sehr nützlichen Eindruck.

Nur zwei Verbesserungsanregungen für spätere Auflagen wären zu geben:

1) Der Verfasser verwendet den - unserer säkularen Zeit entnommenen - Begriff der 'Professionalisierung' im Hinblick auf die geistlichen Aspekte der Alten Kirche nicht ganz geklärt oder zumindest undefiniert. Im Hinblick auf die von ihm gemeinten Prozesse ist das nicht immer problemlos; denn historisch könnten mit einem solchen Begriff doch grundsätzlich all die folgenden Aspekte gemeint sein: a) die Herausbildung von Verfahren zur geistlichen Berufung in ein kirchliches Amt und b) die Entwicklung von Kriterien (etwa eines 'Bischofsspiegels, S. 107 ff.) betreffend ein für eine kirchliche Funktion voll ausreichendes Maß an geistlichen Qualitäten, an Vorbildung, Sachkunde und Lebenserfahrung, ferner c) die Tendenz zur Ganztagsbeschäftigung eines kirchlichen Funktionsträgers, d) die Tendenz zur Alimentierung einer kirchlichen Funktion und schließlich e) die funktionelle Differenzierung einer kirchlichen Amtsstellung bis zu ihrem organisatorischen Optimum. Die meisten dieser - nicht notwendigerweise miteinander verbundenen - Aspekte spricht der Verfasser irgendwann an, meint unter 'Professionalisierung' schwerpunktmäßig aber sicherlich die zu c) bis e). Es wäre aber nun trotz einer organisationsgeschichtlichen Perspektive zum Beispiel nicht ganz richtig, einem geistlich erwählten, aber 'nebenberuflich' tätigen Bischof der früheren Zeit des Untersuchungszeitraums zumindest implizit einen 'professionellen' Status nicht zuzuerkennen.

2) Interessant wäre künftig ferner noch eine vergleichende Einbeziehung der Organisationsentwicklung jüdischen Gemeindelebens - wenigstens im Untersuchungszeitraum. Die Begründung des Verfassers für ihr Fehlen mag möglicherweise ausreichende arbeitsökonomische Gründe gehabt haben (S. 4); sachlich scheint sie dem Rezensenten letztlich nicht gerechtfertigt.


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