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S 18

Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften.

Bemerkungen zu

1. Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media (1988)1,

2. Noam Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies (1989)2 und 3. dem Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, mit zugeh&Mac226;àö&Mac226;àÇrigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994)3.

Von Christian Gizewski..

Zusammenfassung:

Internet-Publikation, März 2000. Eingehende Rezension zweier dem deutschen wissenschaftlichen Publikum im allgemeinen wenig bekannt Bemerkungen zu
1. Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media (1988)1,
2. Noam Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies (1989)2 und
3. dem Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, mit zugeh&Mac195;&Mac182;rigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994)3.gewordener englischsprachiger politologischer Publikationen der Hochschullehrer N. Chomsky und E. S. Herman (USA) sowie eines Dokumentarfilms der Regisseure P. Wintonick und M. Achbar (USA, Kanada), verbunden mit anschließenden analogen Schlußfolgerungen des Rezensenten speziell für die derzeitigen bundesrepublikanisch-deutschen Öffentlichkeitsverhältnisse.

Nach Auffassung der rezensierten Autoren und auch des Rezensenten ist es heute - wie im US-amerikanischen und kanadischen, so im deutschen und weitergehend im europäischen Bereich - für die Bürger an sich demokratischer Gesellschaften nötig geworden, im eigenen Interesse

  • die Anstrengung einer begrifflich klaren, differenzierenden Analyse 'Informeller politischer Meinungssteuerungssysteme' (Chomsky/Herman: 'manufacturing consent', 'thought control')
  • und darauf fußend ggf. einer hartnäckigen und koordinierten 'Selbstverteidigungs -Praxis' (Chomsky: 'intellectual self-defense') auf sich zu nehmen.

Diese muß sich gegen eine in den Institutionen der öffentlichen Meinungsbildung des 'medialen Zeitalters' heute trotz 'Pressefreiheit' leider weit fortgeschrittene, oft 'politisch informell' koordinierte und durchgeführte Meinungssteuerung richten. Denn nicht nur die brachiale Gewaltanwendung gegen unliebsame Meinungen in Diktaturen, sondern auch entmündigende Praktiken einer medial vermittelten 'weichen' Herrschaftsausübung über allgemeines Denken und öffentliches Sprechen stellen eine zutiefst illegitime, demokratiewidrige Einschränkung der dem ganzen Volke und dem einzelnen Bürger verfassungsmäßig gesicherten kulturellen Freiheits- und politischen Mitwirkungsrechte (Chomsky: "thought control in democratic societies") dar.

Ihre Abwehr ist vor allem in zentralen Fragen der Politik nötig. Sie setzt eine gründliche Gegenargumentation und, soweit nötig, auch ein hartnäckiges politisches Handeln voraus.

Sie entspricht in besonderem Maße auch den Interessen einer geistig uneingeschränkt freien Wissenschaft. Diese sollte eine in ihr angelegte Distanz zu jeder Art systematischer, politisch-manipulativer und auch politisch -'engagierter' Vereinnahmung besonders sorgfältig wahren, wenn sie in ihren vor allem erkenntnis- und wahrheitsbezogenen Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit ernst genommen werden will.

Der Rezensent hält - über die Postulate der rezensierten Autoren hinausgehend - ferner eine zeitgemäße Fortschreibung oder Klarstellung demokratischer Prinzipien der staatlichen Verfassung für erforderlich. Ziel sollte dabei der eindeutige Ausschluß sowohl demokratisch unakzeptabler 'privater' ( faktisch 'oligarchischer') Teilstrukturen 'der politischen Parteien' als auch der als sog. 'Vierte Gewalt' fungierenden Medien (Presse, Rundfunk, Fernsehen) sein; letzterer vor allem in ihrer privatwirtschaftlichen und sich gegenwärtig übermäßig unkontrolliert internationalisierenden Organisationsform.

Inhalt:

    I. Motive einer Kritik an informellen politischen Meinungssteuerungssystemen in 'westlichen' Demokratien.

    II. Zu: E. S. Herman, N. Chomsky, Manufacturing Consent, 1988.

    III. Zu: N. Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies, 1989.

    IV. Zum Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, und dem zugehörigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994).

    V. Zum differenzierten Gebrauch des Begriffes 'IPMS' und zum prinzipienfesten politischen Handeln.

    Anmerkungen.

    Anlage: Englischsprachiger akustischer Auszug aus dem Video-Film mit beigefügter deutscher Übersetzung (nach dem deutschen Textbuch zum Film, S. 148 - 159).

I. Motive einer Kritik an informellen politischen Meinungssteuerungssystemen in 'westlichen' Demokratien.

Bemerkungen zu
1. Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media (1988)1,
2. Noam Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies (1989)2 und
3. dem Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, mit zugeh&Mac226;àö&Mac226;àÇrigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994)3.

Wie kommt ein Linguist, der mit maßgeblichen Werken zu Fragen einer universellen 'generativen Grammatik' international bekannt geworden ist, dazu, die Verfassungswirklichkeit der medialen und poltischen 'Meinungsbildung' in einer demokratisch-freiheitlich verfaßten Republik, in der er lebt und wirkt, nämlich in den USA, vehement und dauerhaft nicht nur zu kritisieren, sondern zu attackieren?

Wie kommt ein Kommunikationswissenschaftler, der sich vor allem mit Fragen der publizistischen Meinungsbildung und ihren rechtlichen Prinzipien in den USA befaßt, zu dem Ergebnis, daß Freiheitsrechte und institutionelle Garantien der Verfassung einerseits und das System öffentlicher Meinungsbildung andrerseits dort unerträglich weit auseinanderklaffen?

Wie kommen schließlich zwei praxis- und lebenserfahrene Dokumentarfilmer dazu, in einem jahrelangen, wirtschaftlich ungesicherten und keineswegs erfolgversprechenden Arbeitsprozeß detailliert zu verfolgen, wie einer der beiden oben genanntenWissenschaftler mit seinen publizierten, eingehend begründeten und belegten Auffassungen in 'tonangebenden' Foren der medialen, wissenschaftlichen oder politischen Öffentlichkeit selektiv toleriert, fehlinterpretiert oder einfach 'weggelassen' wird und wie er andrerseits - insbesondere im Ausland oder auf nicht offiziös moderierten Foren seines Landes - großes Publikumsinteresse findet?

Ein Zitat aus einem Vortrag von Noam Chomsky vor der 'American University', Wahington, benennt die Ausgangslage, d . h. das sachliche Motiv für soviel Bereitschaft, es sich persönlich unbequem zu machen:

Es geht demgegenüber um ein Handeln aus einer freiheitsbewußten Abneigung gegen angemaßte öffentliche Meinungsherrschaft. Dieses Motiv fußt genaugenommen auf zwei Grundpositionen - und keine von beiden sollte übersehen werden - nämlich:

Wessen politische, kulturelle oder religiöse Überzeugungen, wessen geistige Interessen und berufliche Arbeit an den vielfältig spürbaren Formen einer öffentlichen Meinungsherrschaft und Sprachregelung in einem beliebigen, demokratisch verfaßten heutigen Gemeinwesen - etwa in der Bundesrepublik Deutschland - Anstoß nehmen, dessen Aufmerksamkeit wird zwangsläufig mit den praktischen Fragen eines 'geistigen Widerstandes', einer 'intellektuellen Selbstbehauptung' oder gar 'Selbstverteidigung' beschäftigt . Es ist sinnvoll, dies so allgemein, d. h. von den Überzeugungen, Einschätzungen und Aktivitäten der hier vorzustellenden Autoren, die dem in den USA 'linken' politischen Spektrum zuzurechnen sind - ein wenig abstrahierend, zu formulieren. Denn einerseits sehen die Autoren selbst, trotz ihres politischen Engagements, ihrer konkreten Rechereche und Argumentation für den Bereich der USA, das Problem als 'generelles Demokratieproblem' an; Titelformulierungen wie "thought control in democratic societies" machen das deutlich. Andrerseits kommt es für sinnvolle persönlich-praktische und politische, insbesondere verfassungspolitische Konsequenzen gerade auch auf die allgemeineren Züge des Problems an, also darauf, wie es sich unter verschiedenen demokratischen Systemen und für verschiedenartige politische und kulturelle Aktivitäten darstellt, die alle auf ihre Weise Komplexe kultureller und politischer Korrektheit und Sprachregelung gegen sich haben. Das Ziel muß - wo auch immer - ja sein, eine für alle Betroffenengruppen akteptable freiheitliche Verfassungsform zu sichern oder fortzuentwickeln, die tatsächliche partiell oligarchische Machtverhältnisse bei der 'Fabrikation eines öffentlichen Konsenses' im Rahmen einer nicht nur dem Anspruch nach , sondern wirksam freiheitsverbürgenden Medien- und Parteienverfassung beseitigt.

Es handelt sich ferner in besonderem Maße um ein kultur- und sprachbezogenes, also um ein 'geistiges' Problem - besser: um ein Problem der Geistesfreiheit. Es macht daher Wissenschaftlern und anderen Intellektuellen - vorausgesetzt, sie sehen sich nicht primär in politischen oder anderen institutionellen Loyalitäts- oder Interessenbindungen oder sie haben nicht ein primär materielles Interesse an geistigen Fragen -, selbst dann zu schaffen, wenn sie nicht selbst von entsprechenden Einschränkungen und Schwierigkeiten betroffen sind. So ist es auch erklärlich, daß für den Linguisten Chomsky neben seinem linguistischen Hauptforschungsgebiet - den dem Menschen von Natur aus eingeborenen Mustern der Sprachgenerierung - notwendig auch jene Momente der objektiven Sprachformung und der inneren Sprachwahl von wissenschaftlichem Interesse sind, die auf Kultur und Politik, d. h. auch: auf den heute so wichtigen, in unserer Zeit vor allem medial vermittelten 'fabrizierten' Denkverboten, Wertprioritäten und Sprachvorgaben beruhen. Hierher dürfte der - von Chomsky selbst interessanterweise in dieser Deutlichkeit nicht gesehene, ja manchmal sogar bezweifelte - Impuls kommen, solche Sprachregelungen im weiteren Sinne, die in 'fabrizierten Formen öffentlichen Konsenses' eine zentrale Rolle zu spielen pflegen, zu benennen und als Wissenschaftler, der sich vor allem den Prinzipien einer produktiven und wahrheitsbezogenen Erkenntnis verpflichtet sieht, institutionelle Sicherungen für die Verbreitung von Unwahrheiten und die Unterdrückung geistiger Produktivität in der Gesellschaft anzugreifen.

II. Zu: E. S. Herman, N. Chomsky, Manufacturing Consent, 1988.

Kritik an Bildungstypen, Medienstruktur und Bewußtseinspolitik ist in den USA nichts Neues. Manche Autoren - von David Riesman mit seiner Kritik an der institutionalisierten 'Außenleitung des modernen Menschen' 5 über Vance Packard mit seiner Veranschaulichung der Bewußtseinsmanipulation in wirtschaftlicher und politischer Werbung 6 bis zu Neil Postmans Abrechnung mit den Kulturdeformationen durch das Fernsehen 7 sind über den Bereich der USA hinaus bekannt geworden, und zwar wohl vor allem dort, wohin sich in den letzten Jahrhzehnten im Rahmen einer Internationalisierung 'westlich'-kultureller Verhältnisse vorwiegend 'amerikanische Formen' der Gesellschaftsorganisation und des Lebensstils übertrugen; so auch in Deutschland. Den eben genannten Werken ist aber trotz der gelegentlichen Schärfe ihrer Argumentation insgesamt eine eher moralische oder kulturkritische, d. h.: was die praktisch-politischen Konsequenzen betrifft, eher zurückhaltende, d. h. wiederum: eine letztlich auf eine verantwortliche Politik hoffende oder an die Selbstverantwortung der Individuen appellierende Tendenz gemeinsam. Im Unterschied dazu steht das von Herman und Chomsky gemeinschaftlich verfaßte Werk in einer deutlich kämpferisch-konfrontativen Argumentationstradition, die sich als theoretisches Langzeitergebnis aus bürgerrrechtlich motivierten Auseinandersetzungen in den USA der 60er bis 80er Jahre verstehen läßt, aber auch auf traditionsreiche Formen politisch aktiven rationalen und libertären Denkens im Verfassungsdenken und sogar im Journalismus (Walter Lippman) der USA, insbesondere zu Fragen der allgemeinen Meinungs- und der Pressefreiheit, zurückgeht.8 Die Autoren ziehen gewissermaßen die Summe aus den über Jahre hin beobachteten Schwierigkeiten umfassender politischer Information und Argumentation bei bestimmten, die offizielle Politik des Landes betreffenden Fragen in einem politisch-medialen Institutionengefüge, das öffentliche Meinung nur in einer verformten, manchmal in einer propagandistisch verzerrten Form entstehen läßt. Es handelt sich bei dem größten Teil des Buches um Fallstudien, die es gestatten, den Gegenständen und Verfahren offiziöser und medialer Wahrheitsverzerrung im einzelnen nachzugehen (Kap. 2: 'Worthy and unworthy Victims' (gemeint ist die unterschiedliche Berichterstattung in den USA über Priester, die politischer Verfolgung anheimfallen, für den Bereich des Ostblocks und den Südamerikas) Kap. 3: 'Legitimizing versus Meaningless Third World Elections: El Salvador, Guatemala, and Nicaragua', Kap. 4: 'The KGB-Bulgarian Plot to Kill the Pope: Free Market Disinformation as 'News' ', Kap. 5 und 6:' The Indochina Wars' (Die Verzerrungen und Unterschlagungen in der Berichterstattung über das amerikanische Engagement in Vietnam, Laos und Kambodscha). Diese Kapitel sind mit einem reichen Anmerkungsmaterial und weiteren Appendices versehen. Von Nutzen ist angesichts dieser thematischen Weite ein ausführliches Sach- und Personenregister. Das erste Kapitel ('A Propaganda Model') enthält auf 37 Seiten die eindrucksvoll prägnante Darstellung eines systematischen Zusammenhangs, den der prominente amerikanische Journalist Walter Lippmann schon in den 20er Jahren erstmalig als 'manufacture of consent' bezeichnet hat. Der Begriff, ursprünglich aus den angewandten Sozialwissenschaften kommend ('social engeneering', 'consent engeneering') und durchaus positiv besetzt , hat schon bei Lippmann eine eher negative Bedeutung.9

Die Autoren greifen im Ergebnis die weit verbreitete Überzeugung an, die Presse, generell die Medien seien in den heutigen USA in jeder Hinsicht zuverlässige Garanten der Informations- und Geistesfreiheit. Sie bestreiten zwar keineswegs, daß den Medien eine solche - freiheitliche und letztlich politische - Aufgabe zukommen könne. Aber sie weisen zugleich auf das tatsächlich nicht seltene Zusammenwirken öffentlich tonangebender Medien mit anderen machtvollen Instanzen der Gesellschaft und Politik in Prozessen abgestimmter öffentlicher 'Konsensfabrikation' hin. Edward S. Herman, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Harvard University, und Noam Chomsky, Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology, haben ferner beide - neben ihrer akademischen Tätigkeit, aber durchaus auch in innerer Verbindung mit ihr - als Vordenker und Mitstreiter im Zusammenhang mit politischen Aktionen und Bewegungen, etwa gegen das Vietnam-Engagement der USA, praktische Erfahrungen zu den von ihnen behandelten Themen sammeln können. Auch diese dürften in dem schließlich gemeinsam verfaßten (nach Chomskys Angaben zum größeren Teil von Herman stammenden) Buch verarbeitet worden sein. Das Ergebnis der detaillert vorgetragenen Analysen - deren Skizzierung an dieser Stelle nicht sinnvoll möglich ist (s. u. zu P. IV) - läßt sich etwa so zusammenfassen: Es gibt eine im großen und ganzen funktionierende informelle politische Abstimmung unter öffentlich tonangebenden, letztlich oligarchisch- also in einer Demokratie insoweit nicht politisch legitimiert - agierenden, einflußreichen privatwirtschaftlichen, medialen und politischen Institutionen des Landes darüber, welche Themen Gegenstand der politisch-öffentlichen Erörterung sein bzw. nicht sein sollen, welche Grundmuster und Sprachregelungen der politischen Wahrnehmung und Bewertung verbreitet bzw. nicht verbreitet werden sollen.

Diesem Phänomen geben die beiden Autoren den Namen 'consent manufacturing'. Im Deutschen entspricht ihm ungefähr der Terminus 'veröffentlichte Meinung', bei dem allerdings das Ergebnis und nicht so sehr die institutionellen Grundlagen einer 'Fabrikation öffentlichen Konsenses' benannt werden, oder der Begriff 'Propaganda', der allerdings eher staatliche Tätigkeiten in totalitären Regimen zu kennzeichnen pflegt. Vielleicht sollte man deshalb im Deutschen einen neuen Begriff bilden und prägnanter von einem oder - da eine faktisch eng mit heutiger demokratischer Ordnung verbundene Erscheinung gemeint ist - von dem 'Informellen politischen Meinungssteuerungssystem' (im folgenden gelegentlich abgekürzt zu 'IPMS') sprechen; statt 'informell' kann man in diesem Falle bewertend auch 'illegitim'sagen, weil grundlegende Prinzipien der Verfassung einer systematisch angelegten, informell steuernden Einflußnahme auf die Struktur der 'öffentlichen Meinung' und den politischen Willensbildungsprozeß eines Landes entgegenstehen.

Es handelt sich dabei einerseits um eine zumeist gut funktionierende, andererseits um eine nicht ganz feste und etwas verborgen agierende institutionelle Verbindung verschiedenartiger öffentlicher und privater Akteure und Instanzen, welche in der Regierung eines Landes oder in ihrem näheren Umfeld oder in enger Verbindung mit ihr tonangebenden öffentlichen Einfluß auf Gesetzgebung, Regierungsentscheidungen und Publizistik besitzen. Eine solche Verbindung ist - wie generell die staatliche und wirtschaftliche, die außen- und die innenpolitische Entwicklung, von der sie abhängt - Wandlungen öffentlich tonangebender großräumiger Interessenverbindungen unterworfen. Sie funktioniert nicht überall und ständig, und - großräumig betrachtet - auch nicht stets gleichsinnig. Dennoch führt sie zu einer spürbaren, ständigen, faktischen Einschränkung der allgemeinen Meinungsfreiheit insoweit, als die Äußerung und die Organisation - einschließlich der Präsentation bei politischen Wahlen - verschiedenartiger Positionen, deren öffentliche Vertretung die Verfassung an sich uneingeschränkt garantiert, faktisch erschwert oder gar unmöglich wird, wenn sie sich in einem praktisch wesentlichen Widerspruch zum 'fabrizierten öffentlichen Konsens' befinden. Das Phänomen hängt sicherlich auch mit dem Umstand zusammen, daß bei einer zunehmenden technischen Verbesserung der aktiven Massenkomunikationsmöglichkeiten - bis hin zur gegenwärtigen, hocheffektiven, sich schnell ausweitenden Internet-Kommunikation - "bislang marginalisierte Bevölkerungsschichten sich organisieren und ihre Forderungen energischer vorbringen" 10 Als Gegenstrategie der dadurch bedrängten Einflußträger bieten sich 'Maßnahmen zur Mäßigung der Demokratie'11, d. h. der 'informellen' 'Führung' und informell koordinierten medialen Gegnerbekämpfung und Publikumsbeeinflussung an. Doch sind solche Maßnahmen durch eine freiheitliche, gewaltenteilige und demokratische Verfassung nicht nur nicht legitimert, sondern sie verletzen sie.

Es werden dabei nicht etwa Kleinigkeiten zum Problem gemacht, sondern Fragen aufgeworfen, die den Kern staatbürgerlicher Loyalität in demokratischen Systemen betreffen, und zwar

III. Zu: N. Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies, 1989.

Ein Jahr nach 'Manufacturing Consent' erschien ein weiteres Buch zum Thema, verfaßt von N. Chomsky allein, und zwar eine Zusammenfassung einer Reihe von Vorträgen, die er i. J. 1988 in der staatlichen Rundfunkanstalt 'Canadian Broadcasting Corporation Radio' gehalten hatte. In diesen unterzog er sich der Aufgabe, eine über das vorgenannte Buch hinausgehende zusammenfassende Formulierung einer allgemeineren Theorie über informelle politische Meinungsssteuerungssysteme vorzulegen. Chomsky blickt hier nicht nur auf die USA, sondern auch nach Europa und berücksichtigt überhaupt historische Erfahrungen in aller Welt mit Systemen der Steuerung öffentlicher Meinung. Das Buch enthält die Vortragstexte und ergänzend zu ihnen jeweils umfangreiche, teilweise auch viel Neues formulierende und leider auch ein wenig unübersichtliche Appendices, die der Autor zu ihrer Illustration und weiteren Ausführung dem Buche beifügte. Hier können und sollen - der vielfältigen inhaltlichen Aspekte wegen; siehe unten zu P. IV - nur Intention und Aufbau der Arbeit skizziert werden; .

Hauptanliegen der Vorträge über 'Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften' ist es, eine Systematik für die Analyse eines informellen Meinungssteuerungssystems zu entwickeln, die in den USA, aber prinzipiell auch anderwärts anwendbar ist. Der Titel 'Necessary Illusions' macht deutlich, daß es sich bei den Ergebnissen der Meinungssteuerung um essentielle Wahrheitsverkürzungen im politischen Raum zu handeln pflegt, die von den an der 'Konsensfabrikation' mitwirkenden Instanzen für nötig gehalten werden, um bestimmte Interessen und Politiklinien, für die sie stehen, in der Öffentlichkeit akzeptabel zu machen, beispielsweise eine Intervention ihres Staates im Ausland oder den Fortfall sozialstaatlicher Politikelemente. Der systematische Aufbau der Erörterungen ist so gehalten, daß er als Muster für die systematische Untersuchung entsprechender Zustände auch in anderen Ländern dienen kann. Im Vorwort faßt der Autor dies als Appell an die 'Bürger demokratischer Gesellschaften':

In einem ersten Kapitel 'Democracy and the Media' entwickelt er eine nützliche Typologie: er befaßt sich mit drei Typen heutiger 'Medienverfassung' ('media organisation') 'demokratischer' Länder:

Die Chomskysche Zielprojektion ist - auf ihre möglichen praktisch-politischen Konsequenzen bedacht - m. E. nicht mehr und nicht weniger als ein sich entwicklendes aktuelles Konzept zur Fortschreibung und Ausdifferenzierung demokratischer Verfassungsprinzipien im Hinblick auf die sog.'Vierte Gewalt'. Sie wohnen dem Begriff der 'Demokratie' in den USA und anderswo seit jeher inne, sind aber bisher nur mit unterschiedlicher Inkonsequenz auf den Bereich von Medien und Parteien - um von einem allgemeinen, verfassungsmäßig nicht gedeckten öffentlich-politischen Einfluß der Privatwirtschaft an dieser Stelle abzusehen - angewandt worden. Hier liegt m. E. die eigentliche praktisch-politische Zielrichtung und die Wertbasierung der Systemkritik Chomskys. Die 'utopische' Motivation eines besonders freiheitsbewußt, moralisch, wissenschaftlich und volksfreundlich denkenden und handelnden Autors sollte dabei nicht etwa als ein 'Mangel an politischem Realismus' mißverstanden werden. Einwände dieser Art sind in dem weiter unten zu erörternden Videofilm gelegentlich zitiert (F. Bolkestein) , aber nicht überzeugend, wenn man sich etwas in Chomskys Arbeiten vertieft. Sie sind auch nicht überzeugend, wenn man bedenkt, worin eigentlich der Vorteil und Sinn der 'Demokratie' für die Normalbevölkerung besteht: sicherlich nicht in dem 'Realismus', Verfassungsverhältnisse als angebliche Notwendigkeiten zu akzeptieren, die das Stimmgewicht des 'breiten Volkes' faktisch zur Bedeutungslosigkeit verurteilen.

Die folgenden Kapitel bieten mit den in den Titelüberschriften angesprochenen zentralen Aspekten eine Systematik der Analyse 'Informeller (d. h. hier auch: illegitimer) politischer Meinungssteuerungssysteme' in 'demokratischen Gesellschaften'.

'Containing the Enemy' ('Eingrenzung des Gegners', Kap. 2): Die Verfahren publizistischer Verschweigung, Diskussionsverweigerung, Eingrenzung, Ausgrenzung, Entwertung und Verzerrung gegenüber gegnerischen Postionen durch ein informelles politisches Meinungssteuerungssystem. Anknüpfend an den Begriff der 'Containment'-Politik gegenüber den Ostblock-Staaten z. Zt. des 'Kalten Krieges' legt Chomsky anschaulich die Verfahrensweisen und Ziele einer innerstaatlichen 'Containment'-Politik gegenüber unerwünschten politischen Positionen und Bewegungen dar.

'The Bounds of the Expressible' ('Grenzen der allgemeinen Meinungs- und Ausdrucksfreiheit', Kap. 3): Aufbau und Sicherung von Denkbarrieren, Begriffsherrschaft und Sprachregelungen im Raum der öffentllichen Meinungsbildung durch ein IPMS. Chomsky befaßt sich hier anhand anschaulicher Beispiele mit den heute jedem Zeitungsleser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer - um nur von diesen zu reden - ständig begegnenden Tabus und Verschweigungen, Bekenntnis- und Korrektheitsformeln, Einseitigkeiten und unsachlichen Personalisierungen in wichtigen öffentlichen Angelegenheiten.

'Adjuncts of Government' ('Gehilfen der Regierung', Kap. 4): Die in einem informellen politischen Meinungssteuerungssystem zusammenwirkenden Instanzen und Kräfte. Chomsky stellt hier anschaulich die 'Systemelemente' eines IPMS dar, unter denen die Regierung des Landes selbstverständlich, wie es scheint, eine zentrale Rolle spielt. Allerdings handelt es sich, wie sich aus den Ausführungen im einzelnen ergibt, um einen 'staatlich-medial-privatwirtschaftlichen Komplex', bei dem man nicht immer genau weiß, wer initiativ und dominant ist; denn die Regierung ist zumindest gelegentlich - direkt oder indirekt - in starkem Maße von medialen und privatwirtschaftlichen Einflüssen abhängig, sodaß die Überschrift des Kapitels vielleicht nicht ganz zutrifft.

'The Utility of Interpretations' ('Der Einsatz der Interpretationsmacht', Kap. 5): Die Nutzung der Möglichkeiten nachrichtlicher Schwerpunktbildung, öffentlicher Kommentierung, administrativer und rechtlicher Ermessenskompetenzen gegenüber gegnerischer Positionen durch ein IPMS. Hier geht es um die faktische und nicht selten auch rechtlich abgesicherte Auswahl-, Ermessens- und Beurteilungskompetenz der bei der 'öffentlichen Meinungsbildung' mitwirkenden politischen, administrativen, privatwirtschaftlichen und nicht zuletzt medialen Instanzen - von der Regierung und den dominierenden Parteien bis zu privatwirtschaftlichen Medienkartellen oder / und den Nachrichtenagenturen.

Diese Systematik der Analyse von IPMS-Phänomenen ist, wie mir scheint, allein schon ein großes Verdienst dieses Werkes. Sie ermöglicht einmal einen Systemvergleich und lenkt dadurch den Blick nicht nur geschärft auf die einzelstaatlichen Besonderheiten, mit denen es die 'Bürger der Demokratien' jeweils zu tun haben, sondern auch auf übergreifend wirksame Momente für bedenkliche Verfassungszustände in 'modernen Demokratien', d. h. auf einen überall vorhandenen, gegenwärtig - noch - relativ kleinen und verborgenen, aber zumindest ansatzweise totalitären Kern einer - im formellen Selbstverständnis freiheitlichen und volksfreundlichen - Verfassungs- und Regierungsform.

IV. Zum Video-Film 'Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media', von Peter Wintonick und Mark Achbar, und dem zugehörigemTextbuch gleichen Titels, hg. von Mark Achbar (1994).

Chomskys und Hermans zahlreiche Publikationen zu dem hier erörterten Thema sind in Buch- und Aufsatzform erschienen, öfters auch in Verlagen, die einer 'alternativen Gegenöffentlichkeit' der USA oder anderer Länder zuzurechnen sind. Chomsky ordnet sich selbst - mit wechselnden, offen gehaltenen Begriffen - als 'libertären Sozialisten' oder in der Tradition eines 'klassischen, liberalen Anarchismus' stehend ein 15. Bücher solcher geistigen Provenienz muß man zunächst einmal auffinden. Man muß sie aber nicht nur auffinden können, sondern auch lesen und genau verstehen. Die genannten Werke sind materialreich und wissenschaftlich in Aufbau und Formulierung, manchmal darüberhinaus auch ein wenig unübersichtlich. So ist ihre Aufnahme gewiß schon im englischen und amerikanischen Bereich nicht jedermanns Interesse oder Möglichkeit. Erst recht macht sie im nicht-englischen Sprachbereich Mühe. Allein schon die obigen Übersetzungen der bloßen Kapitelüberschriften ins Deutsche veranschaulichen das Problem des bei solchen Werken nötigen inhaltlich genauen Verständnisses. Hinzu kommt die mit der reinen Textdarstellung verbundene Notwendigkeit für den Leser, sich in die der Anschauung halber oft ausführlich dargestellten Beispielsfälle genau einzufühlen. Auch der Aufbau der Werke, denen, wie erwähnt, anzumerken ist, daß die Autoren in einem fortdauernden gedanklichen Entwicklungsprozeß stehen, nötigen zu eigenaktiver Ordnungstätigkeit des Lesers. Das alles sind Umstände, welche vielen Interessenten vermutlich den gedanklichen Zugang erschweren.

Andererseits drängen die in ihnen formulierten Erkenntnisse und Appelle förmlich zur Verbreitung und zu einer politisch aktiven Praxis. Es war daher sinn- und verdienstvoll, daß die Dokumentarfilmer Peter Wintonick und Mark Achbar den Versuch unternahmen, mit den Mitteln des Dokumentarfilms Kerngedanken der im Ansatz auch in den USA heute offenbar weitverbreiteten Kritik an einem' Informellen politischen Meinungssteuerungssystem' zu veranschaulichen und zu propagieren, indem sie sich auf einen der beiden Autoren, die zu dem für den Film namensgebenden Buch 'Manufacturing Consent' beitrugen, nämlich N. Chomsky konzentrierten, um ihn als Menschen und als Wissenschaftler und dabei vor allem in der Genese und bei der praktischen Vertretung seiner politikbezogenen Positionen zu charakterisieren. Letzteres taten sie trotz gewisser Einwände Chomskys, der eine Personalisierung und auch eine multimediale Übersetzung seiner, wie er meinte, prinzipiell im Medium der akademischen Schriftsprache zu publizierenden Positionen für unrichtig hielt. 16 Sie beobachteten und filmten ihn - aber nicht nur ihn - einige Jahre lang (1988 - 1992) immer wieder bei öffentlichen Auftritten und Diskussionen - in den USA, in Kanada, Europa, Australien oder Japan. Die Themen, um die es jeweils ging, und die interessanten Reaktionen der jeweiligen 'Gegenseiten' erfahren in dem Film eine, wie mir scheint, nicht simplifizierende Darstellung; auch Chomsky hat dies schließlich anerkannt. Der Rezensent ist übrigens durch diesen Film - und nichts anderes - auf die Bedeutung Chomskys, Hermans und anderer Autoren in den USA für die zu erhoffende politische Diskussion über das Thema 'IPMS' auch in seinem eigenen Lande aufmerksam geworden.

Der Film besteht aus zwei Teilen : I.'Thought control in a democratic society '(Gedankenkontrolle in einer demokratischen Gesellschaft), II. 'Activating Dissent' (Aktivierung des Widerspruchs, Ermutigung zum Andersdenken). Die innere Gliederung dieser Teile ist wohldurchdacht, aber - zumindest bei erstmaliger Betrachtung des Films - wegen der Fülle der gebotenen Materialien und Eindrücke etwas unübersichtlich. Es ist deswegen gut, daß es ein Textbuch zum Film - in englischer Sprache und mittlerweile auch in deutscher Übersetzung gibt 3, in dem die jeweils im Mittelpunkt der filmischen Behandlung stehenden thematischen Aspekte betreffend die Person, das Wirken, die Publikationen und das politisch-gesellschaftliche Umfeld Chomskys in Ruhe nachzulesen sind. Die Fimregisseure zeigen mit diesem (von M. Achbar herausgegebenen) Textbuch, in das sie neben allen im Film verwendeten Texten und zahlreichen seiner Schlüssel-Bilder auch eine Vielzahl weiteren, vertiefenden Lesestoffs eingestellt haben, wie sorgfältig sie bei ihren Recherchen und bei ihrer Filmkomposition verfahren sind. Ihr Film ist insoweit m. E. ein eigenständiger Beitrag zu einer nicht-'moderierten' öffentlichen Diskussion des Themas mit Mitteln des - wie mir scheint, hier besonders anerkennenswert sinnvoll genutzten - Dokumentarfilms. Er hat deswegen verdientermaßen zumindest in denjenigen Rezipientenkreisen, die seine Mitteilungen aufzunehmen bereit sind, hohe Anerkennung gefunden und manchen Preis gewonnen.17

Die in fast drei Stunden angesprochenen und dennoch sorgfältig ausgewählten thematischen Aspekte sind so zahlreich, daß hier nur eine Grobübersicht möglich ist:

Mit der persönlichen, der wissenschaftlichen und der politischen Entwicklung Chomskys findet mehrfach eine eingehende, nicht personalisierende oder die Person hochstilisiernde Auseinandersetzung statt. In diesem Sinne werden etwa seine wissenschaftlich-linguistischen Positionen oder der Beginn seines politischen Engagements oder seine politischen Überzeugungen genau porträtiert.

Der größte Teil des Filmes befaßt sich jedoch mit der anschaulichen Analyse des konkreten Funktionierens einer öffentlichen Gedankenkontrolle und Konsensfabrikation etwa an den Beispielen des Golfkriegs, der amerkanischen Politik in und gegenüber Kambodscha oder der amerkanischen Zurückhaltung im Falle der indonesischen Besetzung Osttimors i. J. 1975. Berührt werden ferner die Behandlung der Palästinenserfrage und der israelischen Besatzungspolitik, die Invasion Panamas und die Politik gegenüber Nicaragua und El Salvador seitens der USA im IPMS dieses Landes.

Erheblicher Raum wird ferner einer Darstellung der Kritiker Chomskys gegeben, ob es sich nun um in Nordamerkia bekannte Journalisten und Fernsehmoderatoren (W. F. Buckley - TV: 'Firing Line' -, D. Frum - Washington Post - , J. Greenfield - TV: 'Nightline', K. E. Meyer - New York Times-, P. Worthington - Ottawa Sun), einen Verteidigungsminister der Niederlande (F. Bolkestein), den Philosophen M. Foucault, den Schriftsteller Tom Wolfe oder Kollegen (Y. Olmert, J. Silber) und Studenten von USA-Hochschulen handelt.

Das Textbuch enthält über die schon erwähnten Elemente hinaus eine zum Gesamtthema gehörende Darstellung der Geschichte des Films und der Zusammenarbeit der Regisseure mit Chomsky sowie ein Literaturverzeichnis und - in der englischen Fassung - eine Übersicht über 'alternative' Institutionen, Verlage, Zeitungen und Aktionsgruppen in den USA mit genauen Adressenangaben. Daran zeigt sich seine auch politisch-praxisbezogene Zweckbestimmung.

Die Mittel des Dokumentarfilms, so sehr er die Aufmerksamkeit des gleichzeitigen Zuhörers und Zuschauers herausfordert, sind zumindest als schnelle Veranschaulichung und informative Ergänzung des Stoffes der oben besprochenen Werke gut geeignet und, wie mir scheint, sowohl sachlich argumentierend als auch stil- und formulierungssicher eingesetzt. Der Video-Film ist knapp drei Stunden lang und deswegen durch eine Pause unterbrochen: er will ganz offensichtlich Diskussionsprozesse nicht verkürzen, sondern - im Gegensatz zu den oft dem Fernsehen eigenen Verkürzungsmethoden - gerade genau beobachten und vertiefen. Er will durch Einsatz seiner multimedialen Möglichkeiten nicht ablenken oder gar unterhalten, sondern in interessanter und über die Möglichkeiten der Papierdarstellung manchmal weit hinausgehender Weise ein Problem verständlich machen. So veranschaulicht etwa die filmische Darstellung eindrucksvoll die Kampfsituation, in der sich Chomsky bei öffentlichen Diskussionen in den USA über die von ihm vertretenen Thesen zumindest öfters zu befinden scheint; sie tut dies eindrucksvoller als jede gedruckte Kontroverse, wenn sie etwa feindselige, mit Abbruchknöpfen spielende Fernsehmoderatoren, rhetorische Verkürzungen oder Unterstellungen in brodelnden Diskussionen oder zu Chomsky kämpferisch-argumentativ Stellung nehmende oder routiniert gegen ihn polemisierende gegnerische Politiker oder Wissenschaftlerkollegen ins Bild bringt.

Man muß die Ansichten und Einschätzungen weder des dargestellten Protagonisten Chomsky noch der Filmregisseure Achbar und Wintonick in jedem Punkte teilen. Vielleicht (vielleicht aber auch nicht) ist manche Einschätzung der späten achziger und frühen neunziger Jahre heute anders vorzunehmen, denkt man etwa an die amerikanische Politik in der Osttimor- oder in der Panama-Frage. Vor allem beeindruckend und m. E. zentral ist bei dem von Achbar und Wintonick filmisch unterstützten Aufruf Chomskys zum aktiven geistigen Widerspruch gegen ein informelles politisches Meinungssteuerungssystem seines Landes die Bereitschaft, allgemein anerkannte Prinzipien der Informations-, Sprach- und Meinungsfreiheit konsequent zu vertreten, d. h. unter anderem

Das sei an zwei Beispielen verdeutlicht.

Zu a)

Der Film befaßt sich in einem längeren Abschnitt mit der 'Affäre Faurisson', die nicht selten dazu benutzt wurde, Chomsky (der selbst aus einer jüdisch-religiösen Familie stammt) des Antisemitismus zu beschuldigen, weil er sich (neben 499 weiteren Petenten) entgegen den in den USA und anderwärts herrschenden 'Korrektheitsregeln' für die Meinungsfreiheit eines mit einem Buch 'The Problem of the Gas Chambers' gegen die Annahme einer nationalsozialistischen Politik zur 'Judenvernichtung' argumentierenden französischen Historikers, Robert Faurisson, einsetzte. Chomsky sagt dazu im Film:

Chomsky hat damit gerade an diesem 'sensiblen', d. h. in der gegenwärtigen 'Medienlandschaft' fast allgegenwärtig gemachten Beispiel einer öffentlichen Sprachregelung und Denkvorschrift - die in der Bundesrepublik Deutschland als 'Leugnung des Holokaust' nach § 130, Abs. 3 StGB sogar strafbewehrt ist - ihre grundsätzliche und im Einzelfall beachtlich einschneidende Unverträglichkeit mit der verfassungsrechtlich garantierten allgemeinen Meinungsfreiheit deutlich gemacht. Es geht ihm erkennbar primär um diese Institution. Denn wie wahr auch immer historische Aussagen über die Vernichtung der Juden oder über andere wichtige historische Faktizitäten sind, wie sehr man hier auch Partei zu ergreifen berechtigt ist, die Feststellung von Wahrheit und Unwahrheit kann trotzdem in einer freiheitlichen Verfassung auch in solchen Fällen nicht dem öffentlichen - und dabei insbesondere auch nicht dem öffentlich-wissenschaftlichen - Meinungsstreit entzogen werden. Sie darf weder Gegenstand einer amtlichen Verordnung noch einer informellen politischen Meinungssteuerung sein. Verfassungen und Gesetzeszustände, die dies nicht generell garantieren, sondern gar die zumindest faktische Kompetenz dafür nicht legitimierter Instanzen dulden, allgemeine Sprachregelungen zu diktieren und festzulegen, was im formalen wissenschaftlichen Rahmen diskutiert werden darf und was nicht, bedürfen nach Chomskys, nach Achbars und Wintonicks und auch nach meiner Meinung insoweit dringend der unmißverständlich und uneingeschränkt freiheitswahrenden Klarstellung oder aber einer Reform.

Zu b)

Chomsky wird in dem Film öfters mit provokativen Sentenzen zitiert, die sich aus der reinen Anwendung unbefangener Erkenntnismaßstäbe auch auf das eigene Land ergeben. Ein Beispiel dafür ist das folgende Zitat, das sich auf das durch Interventionen der USA in andere Länder verursachte völkerrechtliche Unrecht bezieht:

Es ist mir nicht bekannt, ob Chomsky dieser Äußerungen wegen in den USA vor Gericht gezogen worden ist. Ein Risiko in dieser Hinsicht wird es sicherlich gegeben haben. Daß Chomsky solche Risiken nicht scheut, ist beispielhaft und lehrreich, auch für dissentierende Bürger anderer demokratischer Länder und gegenüber anderen vorgegebenen Denkmustern informeller politischer Meinungssteuerungssysteme.

V. Zum differenzierten Gebrauch des Begriffes 'IPMS' und zum prinzipienfesten politischen Handeln.

Bei der theoretischen und praktischen Anwendung des Begriffs 'IPMS' auf die politische Struktur irgendeines 'westlich-demokratischen' Landes wird man sich tunlichst vor Simplifizierungen und ungerechtfertigten Vorwürfen in ähnlicher Weise hüten, wie dies N. Chomsky und E. S. Herman persönlich vorgemacht und generell methodisch klargestellt haben. Es geht nicht etwa darum, für alle Fälle des Unbehagens an der Politik oder der Kultur einfache Erklärungen oder leicht identifizierbare Gegner in einem 'neuartigen Verschwörungszusammenhang' zu suchen und scheinbar zu finden, sondern darum, ein intolerables politisch-struktuelles Phänomen genau einzukreisen und, wenn möglich, zu beseitigen.

Dazu muß man den Begriff 'IPMS' genau fassen und dann einige Fallgruppen, bei denen er überwiegend zutrifft, von solchen unterscheiden, auf die er überwiegend nicht zutrifft.

A. Der sozialsystemische Zusammenhang, über den eine informelle und illegitime, aber öffentlich tonangebende politische Meinungssteuerung stattfindet, ('IPMS') hat, wie oben zu P. II. bereits dargelegt, eine gewisse Konstanz und Kontinuität. wechselt aber dennoch - je nach politischen Umfeldbedingungen - in seiner Kontur und in seinen Zielrichtungen. Der Begriff läßt es somit zu, daß Teile der Politik, der Medien oder der Wirtschaft in ein 'IPMS' vorübergehend oder längerfristig nicht einbezogen sind. Es kann auch sein, daß die maßgebenden Kräfte in einem 'IPMS' quantitativ letztlich sehr klein sind (Beispiel: informelle Absprachen auf 'höchster politischer Ebene' oder in 'vertraulichen Gesprächen' irgendwelcher 'Führungskreise'). Trotz solcher Varianzmöglichkeiten handelt es sich um einen faßbaren, wirksamen und analysierbaren funktionellen Kernbereich innerhalb der Herrschaftsausübung , welche auch in Demokratien stattfindet - und zwar um einen solchen, der nicht den Grundorientierungen und verfassungsmäßigen Schranken einer demokratischen Verfassung entspricht. Wie oben zu P. I erwähnt, tritt er dadurch in Erscheinung, daß er einen mehr oder weniger ausgearbeiteten, faktisch normativ wirkenden Codex offiziöser politischer oder kultureller Wertprioritäten, Denkformen, Tabus und Sprachregelungen und entsprechende - heute vor allem medial, zumeist aber auch mit einer gewissen Unterstützung aus Wissenschaft, Kulturleben und Kunst realisierte -Verbreitungs- bzw. Ausgrenzungsstrategien zu erzeugen pflegt. Dieser 'Codex' pflegt damit seiner Zweckbestimmung nach die allgemeine Meinungsfreiheit faktisch einzuschränken, indem er die - sachlich stets möglichen - gegenläufigen Orientierungen und Meinungen sich gar nicht oder nur unangemessen erschwert öffentlich vernehmbar machen und somit politisch und kulturell organisieren läßt. Diejenigen, die ihn erzeugen und öffentlich vertreten, glauben nicht selten auch an seine alternativlose Richtigkeit und/oder sind im Rahmen ihrer Machtmöglichkeiten aus rein pragmatischen Gründen 'effektiven politischen Handelns' rigide gegenüber 'Abweichungen' von ihrer Linie.

B. Dem Begrif 'IPMS' unterfallen insbesondere informelle politische Steuerungsvorrichtungen und -vorgänge im Zusammenhang mit politisch-medial-wirtschaftlich koordinierten Kampagnen oder auch längerfristigen politischen oder kommerziellen Strategien verschiedener Art.

Wer die Art und Weise der Durchsetzung der genannten und anderer wichtiger politischer Projekte - einmal aufmerksam geworden - genauer zu verfolgen sich angewöhnt hat, wird die von Herman und Chomsky gezeichneten Konturen der politischen 'Konsensfabrikation' in den gegenwärtigen bundesdeutschen Verhältnissen ohne weiteres wiedererkennen. Er wird irgendwann auch genauer danach fragen, wer eigentlich Souverän in unserem Lande ist. Das Volk?

C. Es gibt ferner eine Form des 'öffentlichen Konsenses', die nicht primär auf koordinierten Kampagnen, sondern eher auf der Abwesenheit oder Neutralisierung widersprechender politischer und kultureller Kräfte von Gewicht beruht.

D. Es gibt viele Gegenstände eines 'öffentlichen Konsenses', die auf allgemeinüblichen kulturellen und politischen Überzeugungen beruhen, aber nicht im Zusammenhang eines 'IPMS' zu sehen sind, jedenfalls soweit sie nicht zu einem faktisch normativen Codex offiziöser Meinungssteuerung wurden. Darunter gibt es sicherlich nicht wenige, die aus diesen oder jenen Gründen kritischen Betrachtern kulturell oder politisch bedenklich erscheinen können. Manchmal beruht derartiges aber auf nichts anderem als auf der Bereitschaft vieler Menschen, sich Sprach- und Handlungsmuster, die sie aus irgendwelchen Gründen als allgemeinüblich, zeitgemäß oder modisch verbindlich wahrnehmen, wegen der sozialen Anpassung oder des Sozialprestiges zu eigen zu machen.

Es wäre nun nicht sinnvoll, derartiges primär einem 'IPMS' zuzuschreiben, auch wenn sich politische Steuerung solcher Verhaltensweisen zu bedienen pflegt. Vielmehr empfiehlt es sich für diejenigen, die in solch unangemessener Anpassung ihrer Mitmenschen einen Mißstand sehen, wo nötig, zunächst für sich und beispielgebend für andere im persönlichen Handeln prinzipienfest in Richtung auf das zu wirken, was Immanuel Kant den 'Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit' genannt hat. Solches Handeln hat m. E. durchaus gewisse Erfolgschancen, vor allem dann, wenn es angemessen begründet und auch koordiniert betrieben wird (und sich womöglich noch der mittlerweile hocheffektiven Mittel heutiger aktiver Massenkommunikation über das Internet bedient).

Es kann aber auch in solchen Angelegenheiten eine politische Widerständigkeit, d. h. ein mehr als individuelles oder vereinsmäßiges Handeln erforderlich sein, wenn sich abzeichnet, daß sie zum wesentlichen Hilfsmittel informeller politischer Steuerung werden.

E. Nicht als 'IPMS' können - das sei an letzter Stelle, aber nachdrücklich betont - legitime Gesetzgebungs- und Regierunsgmaßnahmen in einer Demokratie begriffen werden; denn das legitime politische Handeln der staatlichen Organe - und das heißt auch: seine konzeptionelle Abstimmung, seine organisatorische Vorbereitung, seine öffentliche Erläuterung und die Werbung um Unterstützung - muß im Interesse des allgemeinen Wohls auf wirksame Weise möglich sein.

Allerdings darf dies die Freiheit der Meinungsäußerung dennoch nicht - auch nicht faktisch - außer Kraft setzen. Denn legitime Gesetzgebungs- und Regierungsentscheidungen setzen auch immer - insbesondere in zentralen politischen Angelegenheiten wie

eine in jeder Hinsicht - auch faktisch - uneingeschränkt freie öffentliche Meinungsbildung und eine substantielle Mitwirkung, ja eine Letztentscheidung der den Staat tragenden und von der Politik betroffenen Bevölkerung voraus. Hängen die 'publizistische Meinungsbildung' oder das Ergebnis politischer Wahlen, etwa eines Parlaments oder eines Präsidenten, letztlich nur davon ab, wer wieviel Geld oder sonstige informelle - d. h. verfassungsmäßig nicht legitimierte - Macht hat, entscheidend darauf einzuwirken, was im allgemeinen 'öffentlich' ausgedrückt und gedacht und was schließlich konkret gewählt wird, so ist die 'öffentliche Diskussion' nicht uneingeschränkt frei, und damit sind, wie oben ausgeführt, auch andere wichtige Verfassungsprinzipien tangiert. Insbesondere Wahlergebnisse auf einer solchen Grundlage taugen dann prinzipiell nicht mehr zur ausreichenden Legitimation staatlichen oder überstaatlich organisierten politischen Handelns.

In der Bundesrepublik Deutschland stellt sich insoweit seit einiger Zeit offenbar ein ähnliches Problem wie in den USA: Wie können Parteien- und Medienverfassung zeitgemäß so umgestaltet werden,

Eine - angesichts der Vielzahl heute wahrnehmbarer verfassungswidriger Hintergrundseinflüsse auf die Politik - sachgerechte politische Reform müßte bereits heute auch die Medienstrukturen einbeziehen, und, was die Parteienordnung und das Wahlsystem betrifft, viel tiefer reichen, als es für alle gegenwärtig politisch tonangebenden Parteien akzeptabel sein kann. Wenn die Zeit gekommen ist, wird es dafür sicherlich zukunftsweisende, konstruktive Denkfiguren geben; sie müßten m. E. in Richtung

gehen. Man darf allerdings wohl nicht erwarten, daß es jetzt oder bald zu einer solchen nötigen Reform kommt. Der Grund dafür dürfte sein, daß alle Beteiligten zumindest spüren, daß eine wirkliche Reform auch ihren eigenen Einfluß - wenn auch nur auf ein verfassungsmäßig angemessenes Maß - reduzieren müßte.

Aber wiederum: Chomsky, Herman und manche andere haben das Problem eines verfassungswidrigen 'informellen politischen Meinungssteuerungssystems' - und das damit eng zusammenhängende der verfassungswidrigen Formen einer Einflußnahme auf die Regierungs- und Gesetzgebungsentscheidungen - wie mir scheint, nicht mehr übersehbar - auf die Tagesordnung der politisch-ideellen Grundsatzdiskussion der Demokratien 'westlicher Art' gesetzt. Es wird zwar schätzungsweise einstweilen politisch-praktisch 'unbehandelt' bleiben, aber dennoch seine geistige Wirkung entfalten. Diese dürfte u. a. in einem zunehmenden geistigen Abrücken dissentierender Bevölkerungsgruppen von Politikformen bestehen, deren demokratischer Charakter , d. h. deren ausreichende Legitimation in wichtigen Punkten zweifelhaft geworden ist.

Christian Gizewski, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de.

ANMERKUNGEN.

1) Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media (1988). Pappeinband, 412 Seiten , erschienen im Okt.1988 in den 'Pantheon Books / Random House', New York; ISBN: 0679720340. Einband.

2) Noam Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies (1989). Pappeinband, 422 Seiten, erschienen 1989 bei 'Pluto Press', London; ISBN: 0-7453-0380-3. Einband.

3) Mark Achbar (Ed.), Manufacturing Consent, Noam Chomsky and the Media (Companion Book to the Film by Peter Wintonick and Mark Achbar, 1994. Pappeinband, 264 Seiten, erschienen 1994 und später in den 'Black Rose Books', New York und Montreal; ISBN 1-551640-02-3.Im folgenden auch abgekürzt als 'Englisches Textbuch zum Film'. Einband.

Deutsche Übersetzung: 'Noam Chomsky - Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens', übersetzt von Helmut Richter, Pappeinband, Marino-Verlag / Trotzdem Verlag, München 1996, ISBN 3 927527 72 6. Im folgenden auch abgekürzt als 'Deutsches Textbuch zum Film'.

Der 164 min. lange Video-Film der Dokumentarfilmer Peter Wintonick und Mark Achbar 'Manufacturung Consent. Noam Chomsky und die Medien' ist u. a. erhältlich über den Direktbestelldienst der Firma 'Arthaus', Schwere-Reiter-Straße 35, 80797 München, Tel. 05521/73502 oder FAX 05521/73503 unter der Bestellnummer AH 00204.Ein akustisches Zitat aus diesem Film (3 min 45 sec) ist dieser Besprechung in der ANLAGE beigegeben.

Photos von N. Chomsky, E. S. Herman und Achbar zusammen mit Wintonick aus: M. Achbar (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 15, 204 und 234.

Übersicht über weitere Schriften N. Chomskys und eine postalische Adressenangabe unter URL http://web.mit.edu/linguistics/www/chomsky.home.html . Peter Wintonicks und Mark Achbars Filme sind in einer Übersicht des 'National Filmboard of Canada' unter den URL http://www.nfb.ca/FMT/E/real/W/Wintonick_Peter.html und http://www.nfb.ca/FMT/E/real/A/Achbar_Mark.html zusammengestellt. Über diese Netzadresse dürfte ein Zugang auch zu ihnen persönlich möglich sein. Edward S. Herman ist Professor emeritus an der 'Wharton School' der 'University of Pennsylvania' und vermutlich über die enstsprechende URL http://www.wharton.upenn.edu/ persönlich ansprechbar.

4) Zitiert in: M. Achbar (Hg.),Deutsches Textbuch zum Film 1996, S. 29. - Eine neuere zusammenfassende Darstellung der linguistischen Auffasungen Chomskys enthält eine Vorlesungsreihe über 'Probleme der Sprache und des Wissens', die von ihm im Jahre 1986 an der Zentralamerikanischen Universität Manugua ( Nikaragua) parallel zu einer anderen Vorlesungsreihe über 'Macht und Ideologie' gehalten wurde. Sie ist in zusammengefaßt in: N. Chomsky, Probleme sprachlichen Wissens, dt. Übersetzung von M. Schiffmann, Weinheim 1996. - Eine Zusammenfassung sprachbezogener und politischer Positionen Chomskys findet sich in dem von Michael Schiffmann herausgegebenen, übersetzten und mit einem Nachwort versehenen Lesebuch 'Noam Chomsky, Sprache und Politik', Frankfurt M. 1999, das verschiedene grundsätzliche Aufsätze, Vorträge und Interviews des Autors etwa zu den Themen 'Sprache und menschlicher Natur', 'Demokratie und Medien' (aus dem hier besprochenen Buch 'Necessary Illusions'), 'Staatskapitalismus und seine Alternativen', 'libeträrer /anarchsyndikalistischer Sozialismus' und 'öffentliche Meinungfreiheit' enthält.

5) David Riesman, Reuel Denney, Nathan Glazer, Die einsame Masse (The Lonely Crowd). Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters, dt. Übersetzung, mit einer Einführung von Helmut Schelsky, Hamburg 1977.

6) Vance Packard, Die wehrlose Gesellschaft /The Naked Society), Übersetzung ins Deutsche, Düsseldorf 1965.

7) Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (Amusing Ourselves to Death.. Public Discourse in the Age of Show Business), dt. Übersetzungvon R. Kaiser, Frankfurt M. 1991.

8) Dazu etwa: M. Achbar (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 34 - 39.

9) E. S. Herman, N. Chomsky, Manufacturing Consent, 1988, S. XI.

10) Aus der Studie 'M. P. Crozier, J. S. Huntington, J. Watanuki, The Crisis of Democracy. Report on the Governability of Democracies to the Trilateral Commission, New York University 1975, zitiert in: M. Achbar (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 16. Zur 'Trilateral Commission' eingehender: N. Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies, 1989, S. 2 f..

11) Wie Anm. 10.

12) N. Chomsky, Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies, 1989, S. VIII.

13) N. Chomsky, Necessary Illusions, S. 21.

14) N. Chomsky, Necessary Illusions, S. 1 ff.

15) Chomsky in Gesprächen mit D. Barsamian und P. Jay, zitiert in: M. Achbar, Deutsches Textbuch, S. 33 f. und 217.

16) M. Achbar, Einührung, in: ders. (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 8.

17) Übersicht über die zahlreichen Preise und Auszeichnungen in M. Achbar (Ed.), Englisches Textbuch zum Film, S. 237.

18) Chomsky in einem Interview bei 'Humanist TV', Niederlande, zitiert in: M. Achbar (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 178.

19) Chomsky in einem Vortrag am St. Michael's College, Winooski, Vermont, USA, zitiert in: M. Achbar (Hg.), Deutsches Textbuch zum Film, S. 29.


ANLAGE

Englischsprachiger akustischer Auszug aus dem Video-Film mit beigefügter deutscher Übersetzung (nach dem deutschen Textbuch zum Film, S. 148 - 159).

Die Passage steht einmal im Zusammenhang mit dem Themenaspekt 'Kürze als strukturelle Einschränkung', zum andern mit der demonstrativen Ignorierung Chomskys durch tonangebende Medieneinrichtungen in seinem Lande - hier verkörpert durch einen 'Moderator' einer in den USA, wie es scheint, zu Zeiten stark frequentierten TV-Show 'Nightline', Jeff Greenfield -, die Chomsky seinerseits mit entsprechender Verachtung behandelt. In einem Gespräch an der Georgetown University, Washington, macht er deutlich, wie das 'Kurzfassungsgebot', das er in US-amerikanischen Medien aus kommerziellen oder kommerzideologischen Gründen (Raumbedarf für die Werbung, 'Zielgruppen'-Orientierung und -Attraktivität des Programms, Anpassung an politische Gegebenheiten im geschäftlichen Interesse) als besonders ausgeprägt sieht, die Verbreitung und Verstärkung unproblematischer Gemeinplätze fördere, die Diskussion eventuell wichtiger strittiger Themen, für die öffentlicher Diskussionsbedarf bestehe, aber ausschließe. Zunächst bezieht er sich auf eine persönlich-polemische Aussage Greenfields über seine, Chomskys, angebliche Unfähigkeit, sich kurz zu fassen, und seine daraus angeblich folgende fehlende Eignung für eine Fernsehschau. Dann spricht er einige politisch oder kulturell provokative und deshalb trotz ihrer Plausibilität diskussionsbedürftige Thesen in einer fernsehüblichen plakativen Kurzform aus. Die Dokumentarfilmer zitieren an dieser Stelle Passagen aus verschiedenen Interviews, die Chomsky hier und da in den USA offenbar besonders übel genommen wurden. Es wird so klar: das von Greenfield mit zwingenden kulturellen Gegebenheiten der Massenkommunikation motivierte Simplifizierungs- und Verkürzungsprinzip ist eine kommerziell und politisch motivierte Vorrichtung zum Ausschluß unerwünschter öffentlicher Diskussionsthemen. Es handelt sich dabei nur um eine kleine Auswahl solcher Themen und nur um ein exemplarisch ausgewähltes kleines funktionelles Element einerseits der fernsehüblichen Verfahrensweisen zur Meinungs-'Moderation' und andrerseits des größeren Funktionszusammenhangs eines IPMS. - Im Textbuch zum Film sind die Textzusammenhänge, aus denen die Zitate Chomskys stammen, eingehend wiedergegeben, dabei auch einige ergänzende Bemerkungen, die er zum medialen System in Europa machte, welches er, allerdings nur auf der Ebene der öffentlich-rechtlich organisierten Radiosender, gegenwärtig noch für demokratischer als die weitestgehend privatwirtschaftlich organisierte Medienstruktur der USA hält.

Eine Passage in der Mitte der hier zitierten Sequenz, die bei rein akustischer Wiedergabe verwirrend wirken könnte, wurde weggelassen.

Es handelt sich um eine mit einer WAV-Datei kombinierte MOV-Datei, Länge: 3 min 45 sec. - Für die sofortige Wiedergabe dieser Art einer Audio-Datei ist das Programm 'Quicktime-Player' (ab Version 'Quicktime 4.0') oder ein vergleichbares Programm zur Sofortwiedergabe erforderlich. 'Quicktime' ist kostenlos erhältlich für den Macintosh- und den PC-Bereich unter: QuickTime Download . Die Ladung der reinen WAV-Datei dauert für den Macintosh-Benutzer bei Anklicken des obigen Querverweises ('link') und Dateisicherung etwa 20 min. - Für PC-Benutzer läßt sich die WAV-Datei, wenn das entsprechende Audio-Programm nicht nur vorhanden, sondern auch installiert ist, normalerweise sofort abspielen.

Deutsche Übersetzung (in Anlehnung an die Übersetzung Helmut Richters im deutschen Textbuch zum Film):

"[Chomsky in der Diskussion an der Georgetown University, Washington:] Ich will Ihnen jetzt mal etwas erzählen, was ich selbst erlebt habe. Ich war im Studio eines Hörerradios in Madison, Wisconsin, eines sehr guten Lokalsenders, und wurde vom Nachrichtenleiter [Jeff Hansen] interviewt. Ich war vorher schon zigmal auf dem Sender gewesen, meistens über das Telephon. Das ist ein beeindruckender Mann, er trifft die verschiedensten Leute. Er spielte mir also ein Band mit einem Interview vor, das er gerade geführt und auch gesendet hatte, mit einem dieser Wichtigtuer von 'Nightline'. Der Typ hieß Jeff Greenfield oder so ähnlich - sagt jemandem hier der Name was?

[Jeff Greenfield, eingeblendet:] Hier ist 'Nightline' in New York, und ich bin Jeff Greenfeeld.

[Jeff Hansen und Jeff Greenfeeld im Interviewgespräch; Jeff Hansen:] Was ist denn eigentlich gerecht an der Auswahl der analytischen Köpfe, die zu 'Nightline' eingeladen werden, wenn Noam Chomsky dort nie auftritt?

[Jeff Greenfield:] Also - also das kann ich nun auch nicht sagen.

[Jeff Hansen:] Er ist einer der größten Intellektuellen auf der ganzen Welt.

[Jeff Greenfield:] Ich weiß es wirklich nicht, aber ich könnte ja mal vermuten. Vielleicht ist er einer der großen Intellektuellen, die sich nicht auf Fernsehauftritte verstehen. Da gibt es betimmte Regeln, die für uns enorm wichtig sind. Wenn die ganze Fernsehschau 22 Minuten dauert und jemand erst nach fünf Minuten so langsam warm wird - ich weiß nicht, ob das auf Chomsky zutrifft - also so jemand ist 'out'. Warum haben wir bei 'Nightline' immer die üblichen Vorzugspartner? Weil man, wenn man jemanden für eine Schau einplant, sicher sein muß, daß der oder die Betreffende innerhalb der von den Medien diktierten Grenzen auch auf den Punkt kommen kann. Wem das nicht paßt, der sollte sich mal merken: wer für eine Anwort acht Minuten braucht, der ist genauso fehl am Platze wie einer, der kein Englisch spricht. Natürlich ist das, wie üblich, kulturabhängig. Bei uns müssen die Leute eben Englisch sprechen. Und sich kurz fassen.

[Wieder Chomsky in der Diskussion an der Georgetown University:] Dieser Greenfeld, oder wie er heißt, sein Name spielt nicht die geringste Rolle *), trifft den Nagel auf den Kopf. Denn nur in den US-Medien - nur dort müssen sich alle simpel fassen. Was man sagt, darf 600 Worte lang sein und muß zwischen zwei Werbespots passen. Und nun kommt's, das Schönste an der Kürze des Ausdrucks - nicht wahr: man bringt zwischen zwei Werbeeinlagen gerade mal einige Sätze hervor -, also das Schöne daran ist nämlich, daß man auf diese Weise nur Gemeinplätze wiederkäuen kann. ...

Nehmen wir einmal an, ich würde mich in 'Nightline' hinstellen, man gibt mir, sagen wir, zwei Minuten, und ich verkünde dann, daß Khadafi ein Terrorist ist und Khomeini ein Mörder, daß die Russen nach Afghanistan eingefallen sind und so weiter und so fort - dafür muß ich keine Beweise erbringen, weil jeder das abnickt. Nun nehmen wir aber mal an, ich täte etwas anderes als die üblichen Predigten abzuspulen. Ich würde etwas äußern, das auch nur im geringsten unerwartet oder umstritten ist. Beispielsweise:

[Es folgen nun mehrere provokative Thesen Chomskys - in einer bewußt plakativen Kurzform]

    Die größten internationalen Terrorunternehmen, die wir kennen, werden von Wahington aus gesteuert [aus einem Interview mit der Seattle Times, Seattle, USA].

    In den achtziger Jahren mußte die amerikanische Regierung im Untergrund operieren [in der Iran-Contra-Affäre; aus einer Rede am Malaspina College, Nanaimo].

    Oder ich sage, daß die USA in Südvietnam einfallen, was sie wirklich getan haben [Äußerung in Radio KUWR, Laramie)

    Faule und korrupte politische Führer - das sind die besten [Äußerung in einer Rede am Massachusetts Institue of Technology].

    Wenn es nach den Maßstäben der Nürnberger Gesetzen gegangen wäre, dann hätte man seitdem jeden US-Präsidenten gehenkt [aus einer Rede am Michael's College, Winoosksi, Vermont, USA].

    Unter all unseren klassischen Büchern steht wohl die Bibel am meisten für Völkermord [aus einem Diskussionsbeitrag im Rowe Conference Center].

    Das Ausbidlungssystem beruht auf verordneter Unwissenheit [aus einer Rede an der University of Wyoming, Laramie]."

    Im Grunde ist die Weltpolitik heute nicht moralischer als in den Zeiten Dschingis Khans. Man hat es nur mit andereren Faktoren zu tun [aus einem Interview im autralischen Sender ABC]

[David Ransom, Interviewer des australischen Fernsehens] Vielen Dank, Noam Chomsky.

[Chomsky, wieder in der Diskussion an der Georgetown University:] Die Leute möchten doch gern wissen, was man [als prominenter Redner] so meint. 'Warum sagt er das jetzt?' 'Sowas habe ich ja noch nie gehört'. 'Wenn er das sagt, dann muß er auch einen Grund, muß Beweise dafür haben - tunlichst eine Menge Beweise. Besonders, wenn er so etwas Aufregendes vorträgt.' Wo man sich aber so kurz fassen muß, da kann man einfach keine Beweise liefern, und gerade darin liegt der geniale Kern dieser systematischen Beschränkung. Ich denke aber auch, die Leute von 'Nightline' und ähnlichen Veranstaltungen wären sogar bessere Propagandisten, wenn sie Dissidenten häufiger in ihre Programme hineinließen. ..."

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*) Jeff Greenfield war immerhin Moderator einer in den USA sehr beliebten TV-Show und zeitweilig sogar Regierungssprecher des amerikanischen Präsidenten. Chomsky formuliert also bewußt, wenn auch verständlicherweise provokativ-peiorativ, auch gegen eine US-amerikanische Form der massenwirksamen TV-Volksverdummung.

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