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Zu Karl Leo Noethlichs, Das Judentum und der römische Staat. Minderheitenpolitik im antiken Rom,

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996, 250 S.

Von Christian Gizewski.

Diese Rezension wurde auch in ZfG 9 / 1997, S. 842 - 844 veröffentlicht.

Klappentext der Neuerscheinung

Nicht als 'dediticii', sondern als 'socii et amici' ordneten sich die Juden am Ende der Orient-Konflikte des 1 Jhts. v. Chr. der römischen Herrschaftssphäre ein, weil ihre letzten Könige mit Rom ein freundschaftliches Verhältnis herzustellen verstanden. Das führte einerseits zum zeitweiligen Fortbestand jüdischer Klientel- Herrschaften in Palästina, andrerseits zu einer privilegierten Behandlung der Juden als eigener, in Vereinsform organisierter Kultus- und Rechts- Sondergemeinschaften innerhalb der Stadtgemeinden des römischen Reichsgebiets. Die Sonderrechte betrafen die Erhebung der Tempelsteuer, die Ungestörtheit des religiösen Kultus und die gemeindeinterne Rechtsprechung nach jüdischem Gesetz (Ios., ant. 14, 10. 2. 8; 16, 6, 2; 19, 5, 3)

Trotz einiger größerer Auflehnungen (u. a. d. J. 66 - 70 und 132 - 135 n. Chr.) gegen steuer- und religionspolitische Maßnahmen oder Fehlgriffe des Reiches, die aber letztlich stets nur zum Abbau mancher zuvor zugestandener Rechte und zu symbolischen Demütigungen der jüdischen Tradition führten ((Ios., b. I. 7, 163; 216 - 218; Cass. Dio 66, 7, 2), bestand auf der Ebene der stadtgemeindlichen Vereinsexistenz ein lockerer Zusammenhang des antiken Judentums immer fort; denn auf dieser Ebene sah die römische Regierung die politische Loyalität der Juden nicht in Frage gestellt.

In der christlichen Ära des römischen Kaiserreichs änderte sich allerdings die staatstragende politisch-religiöse Doktrin (Cod. Iust. 1, 1, 1). Auch die Iudaei galten nun als "unvernünftig und von Sinnen" ("dementes et vesani"). Wegen Ausschlagung des Heilsweges hatten sie den göttliche Zorn ("vindicta divina") zu fürchten , und, um diesen vom übrigen Gemeinwesen fernzuhalten, hatte die korrigierende Hand des Gesetzgebers das Judentum als eine Art Seuche ("contagies") sowohl im staatlichen als auch im städtisch- gemeindlichen Leben mit strenger Konsequenz ("severitas") so einzugrenzen, daß ein Konversionsdruck auf seine Anhängerschaft erzeugt und jedenfalls eine Verbreitung seiner - wie anderer - religliöser Irrlehren i. S. des nizänischen Glaubensbekenntnisses (Cod. Iust. 1, 1, 2) ausgeschlossen war.

Eine Vielzahl von Vorschriften der spätantiken Rechtskodifikationen (zentral: Cod. Theod 16. 5 - 11; Cod. Iust. 1. 5 - 11; daneben viele weitere) schaffen aus diesem Grunde einen benachteiligten Gesamtrechtsstatus für Juden und für andere Ungläubige: Iudaei dürfen z. B. nicht missionieren (Cod. Iust. 1, 9, 3), nichts in ihrem Kultus tun, was als Verachtung des christlichen Glaubens gelten könnte (Cod. Iust. 1, 9, 11), nicht mit Christen eine Ehe eingehen (Cod. Iust. 1, 9, 6), nicht christliche Sklaven haben (Cod.Iust. 1, 10, 1), kein öffentliches Amt und keine öffentliche Würde übernehmen ("omnes administrationes et dignitates interdictae"- Cod. Iust. 1, 9, 18). Zum systematischen Charakter dieser Staatsmaßnahmen gehört essentiell ihr theologischer Hintergund, der in ganz entsprechenden Konzilsbeschlüssen der Alten Kirche hervortritt. Trotzdem gibt es aber auch einige 'Schutzgesetze' zugunsten der Juden (z. B. Cod. Iust. 1, 11, 6 - gegen Belästigung; Cod.Iust. 1, 9, 9 gegen - 'Sonderpreise für Juden' im Geschäftsleben).

Eine "äußerste Schärfe" ("meritissima severitas") richtet sich dagegen damals gegen die vielen Häretikergruppen, deren Versammlungstätten zerstört und enteignet, die für eine verbotene - auch private - Betätigung ihres 'Fehlglaubens' mit hohen Geldsrafen und Zwangsdiensten belegt (Cod. Iust, 1, 9, 5), bürgerlich- rechtlich völlig entrechtet und enteignet (Cod. Iust. 1, 9, 4 - Manichäer und Donatisten), und deren religiöse Schriften verbrannt werden können (Cod. Iust. 1, 5, 6 - Nestorianer), auch wenn die Todesstafe nur in 'äußersten Fällen' antichristlichen Affronts verhängt zu werden pflegt.

Die Einstellung des christlich-römischen Staates zu den Nicht-Gläubigen - einschließlich der zu den Juden - ist traditionsbildend für die Welt der christlichen Reiche und Völker des Mittelalters geworden, und darüber wieder auch für manche neuzeitlich- säkulare Bewußtseinsformen - einschließlich des Antisemitismus und insbesondere des Nationalsozialismus, welchletzterer allerdings anders als der römische Staat eine Ausrottung der Juden betrieb.

Den Autor K. L. Noethlichs interessiert dieser Traditionszusammenhang, und er verfolgt insoweit einen traditionsgeschichtlichen Erklärungsansatz für die Zeitgeschichte, als er seine althistorische Fragestellung strukturgeschichtlich versteht und den römischen Staat auch aus der Perspektive der nationalsozialistischen Rassendoktrin und -vernichtungspraxis und der durch sie aufgeworfenen Gegenwartsfragen beobachtet (S. 1 f.). Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Judentum und römischem Staat faßt er zugleich in einer - angesichts der schon vorhandenen, von ihm in einem ausführlichen Litertaturverzeichnis (S. 215 - 240) mitgeteilten Literatur zu den verschiedenen historischen Aspekten dieses Themas - auf 250 Seiten sinnvoll knappen, sehr quellenbasiert- informativen, sehr übersichtlichen und daher sehr nützlichen Darstellung zusammen.

Seine Begrifflichkeit - 'Toleranz', 'Integration', 'Minderheitenpolitik'- , erscheint manchmal etwas zu direkt der Gegenwart entnommen. So konnte es z. B. eine 'Minderheitenpolitik' im antiken Rom insoweit nicht geben, als es politisch bestimmende 'Mehrheiten' im demokratischen Sinne und einen - sogar kollektiv-egalitär intendierten - Grundrechtsschutz dort nicht gab. Im Gegenteil: dominant und zu respektieren selbst für privilegierte Gemeinschaften waren im Römischen Reich auch in der vor-christlichen Ära immer die römische Tradition und das römische Gesetz und in der christlichen Ära außerdem noch die christliche Staatsdoktrin. Auch wenn den Juden in allen Epochen der erwähnte vereinsrechtliche Status eingeräumt war, so wurden sie nicht nur 'gelegentlich' militärisch unterworfen und 'diszipliniert', sondern in christlicher Zeit immerhin zu Bürgern zweiter Klasse degradiert - dies ein Parallele zur Behandlung der Juden durch den nationalsozialistischen Staat, die historischen Nachdenkens wert ist.

Nach Informationen über sein Forschungsziel (Kap. 1, S. 1ff. ) und einer Einleitung zur Quellenlage (Kap. 2, S. 5 ff.) beginnt der Autor mit einer Analyse des expansiven Charakters der römischen Herrschaft, der Stadtkultur des Reiches, des Staatskultes und der politischen Loyalitätsanforderungen an seine 'subiecti', aber auch der 'pax romana' und ihrer Bedeutung für ein Nebeneinander von an sich unvereinbaren politisch-religiös-ethnischen Traditionen im Imperium Romanum (Kap. 4: Pluralismus als Herrschaftsprinzip: Möglichkeiten und Grenzen von Toleranz und Integration in der römischen Gesellschaft; S. 27 ff.).

In Kap. 5 (Das Bild der Juden im römischen Reich, S. 44 ff.) geht es um die Fremdwahrnehmung der Juden im römischen Reich, und zwar zunächst in der nicht-jüdischen und nicht-christlichen literarischen Überlieferung, und dann um die Selbstwahrnehmung des Judentums (bei Philo von Alexandrien und Flavius Iosephus). An der Fremdwahrnehmung fallen neben einer gewissen Faszination, z. B. durch ein hohes Alter des Volkes, und einer Anzahl anderer halbrichtiger ethnographischer Annahmen verschiedene schon in vorchristlicher Staatsära bestehende Animositäten und Antipathien gegen das Beschneidungswesen, gegen eine als übertrieben wahrgenommene religiöse Reglementierung des Alltags und gegen eine Tendenz zur Abschließung und Geheimniskrämerei auf (Tac., hist. 5, 5, 2; Cass. Dio 37, 17). Bei Philo ebenso wie bei Flavius Iosephus tritt andrerseits ein apologetisches Werben für die Reinheitsgebote des ererbten Glaubens gegenüber der heidnischen Umwelt hervor (Ios., contra Apionem 1, 7 ff.; Philo, Vit. Mos. 2, 19 f.) , das im inneren Engagement dem der Christen gegen ihre heidnische Umwelt entspricht.

Ein weiteres Kapitel (Kap. 6, S. 76 ff.) widmet sich der rechtlichen Lage der Juden - als zunächst noch politisch verfaßten Volkes des Nahen Ostens und als - später nur noch - rechtlich-kultischer Sondergemeinden in den Städten des Reiches - bis zum Ende des 3. Jhts., also bis an die Schwelle der christlichen Staatsära.

Das Kapitel 7 faßt zwei verschiedene, aber zusammengehörige und, wie erwähnt, für die Traditionsgeschichte besonders wichtige Themenkreise der christlich- römischen Spätantike zusammen: a) die Rechtsstellung der Juden unter den spätrömischen Kaisern, b) die kirchenrechtliche Stellung der Juden in der Spätantike und im frühen Mittelalter (S. 91 ff.; 100 ff.).

Ein abschließendes und für die Arbeit zentrales Kapitel (Kap. 8, S. 125 ff.) unternimmt dann einen epochenübergreifenden Vergleich, der heutige Zeitgeschichte und Antike unmittelbar konfrontiert: " Religion und 'Rasse': Zur Typologie staatlicher Minderheitenbehandlung: Spätrömische Kaisererlasse, Konzilsbestimmungenund NS-Judengesetzgebung im strukturellen Vergleich".

Eine Kurzfassung der Grundgedanken der Arbeit ("Strukturanalyse einer Minderheit" S. 132 - 141 ) schließt die Arbeit ab.

Der Autor stellt im Ergebnis "prinzipielle Parallelen" (S. 128 ) zwischen staatsbürgerlicher, öffentlich-, religions- und privatrechticher Diskriminierung der Juden in beiden staatlichen Systemen fest, hebt aber die andersartige ideelle Ausgangslage und die prinzipielle Exstenzsicherung des antiken Judentums als Kollektivformation selbst unter christlich-römischer Herrschaft - allerdings in einer Art "repressiver Toleranz" (S. 140) - hervor.

Aber einerseits muß man m. E. seine Schlüsse schärfer fassen: wenn der Kampf des Christentums für das Gotteswort in der Spätantike vernichtend nicht für die Juden, sondern für einige Häretikergruppen war, so heißt das nicht, daß dieser Grad an Unerbittlichkeit nicht dennoch in judenfeindliche Bewußtseinsformen späterer Zeiten eingehen konnte. So mögen sich in dem nationalsozialistischen, politisch-totalitären Glauben an die Notwendigkeit, die jüdische 'Rasse' im Interesse der Wahrung der rassischen 'Reinheit' einer höherwertigen, für ein künftiges Reich der Größe und Herrlichkeit bestimmten anderen Rasse auszurotten, drei aus der Antike stammende Formmomente in transformierter Gestalt verbunden haben, obwohl sie in der Antike selbst noch nicht strikt verbunden waren: das der 'reichsweiten' staatlichen Religionspolitik, das des theologischen Antijudaismus und das der um des Heiles willen nötigen Ketzerausrottung. Diese Momente standen und stehen im gesamten traditionsgeschichtlichen Wirkungsbereich der christlichen Antike zur modern- ideellen Rekombination zur Verfügung.

Andrerseits darf dies wiederum nicht dahin mißverstanden werden, daß dadurch Entwicklungen wie die zur nationalszozialistischen Rassenpolitik hinreichend vorausbestimmt gewesen seien. Das kann eine traditionsgeschichtliche Erklärung nicht leisten. Und sie endet auch nicht beim spätantiken römischen Staat oder beim Christentum. Beide haben vielmehr, wie der Autor andeutet (S. 100), die zentrale Idee eines kompromißlosen Kampfes für die Reinheit und Wahrheit des göttlichen Wortes aus dem Judentum geerbt und 'nur' okumenisiert. Die jüdische Religion ist ihrerseits in dieser Hinsicht zumindest auch von der iranischen Ahuramazda- Religion des Achämenidenreiches geprägt worden. Generell wird die Bedeutung traditiongeschichtlicher Erklärungsansätze für den Nationalsozialismus m. E. in gewissem Umfang dadurch relativiert - wenn auch gewiß nicht nutzlos -, daß strukturgeschichtliche Vergleiche, wie der Autor sie anstellt, eine Anzahl früherer und heutiger Religions-, Sitten- und Ideensysteme auf der Welt mit einer analogen geistig-geistlichen Missions- oder Kampfbereitschaft ausmachen können, welche - stets unter der Voraussetzung als Existenzbedrohung formulierter rechtfertigender Umstände - in eine politisch sanktionierte Verfolgung Andersgläubiger übergehen kann. 


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