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Zu Ernst Nolte, Die Frage nach der 'historischen Existenz'. Zwischen Universalgeschichte und Geschichtsphilosophie.

Von Christian Gizewski.

Kommentiert wird ein Thesenpapier von Ernst Nolte, in dem dieser eine Erklärung seines 1998 erschienenen Werkes 'Historische Existen' und darüber hinaus seiner generellen wissenschaftlichen Positionen gibt. Noltes Thesenpapier ist im Jahre 2002 in einem größeren Diskussionszusammenhang erstveröffentlicht worden, nämlich als 'Hauptartikel' in 'Ethik und Sozialwissenschaften', Streitforum für Erwägungskultur, hg. von Frank Benseler, Bettina Blank, Reinhard Keil-Slawik und Werber Loh, Universität - Gesamthochschule Paderborn, FB1, Warburger Straße 100, 33098 Paderborn, Tel. 05251-602322, FAX: 05251-602321, EP: euspad@hrz.uni-paderborn.de, Netzseite: http://iug.uni-paderborn.de/ewe). -

Es ist sinnvoll, Noltes Beitrag selbst als 'Referenzpapier' der nachfolgenden Kommentierung hier mitzuveröffentlichen:

Die Frage nach der ,historischen Existenz'. Zwischen Universalgeschichte und Geschichtsphilosophie? Von Ernst Nolte.

Die Kommentar-Zitate beziehen sich im folgenden auf die Thesen-Nummern des Nolte-Hauptartikels. Eine ausführlichere Selbstdarstellung seiner wissenschaftlichen Positionen, Intentionen und Leistungen gibt Nolte in seiner WWW-Seite http://www.ernstnolte.de/ .

April 2004 D. Hg.

Vorbemerkung.

((1)) Im Vorwort zu seinem 1998 erschienenen Werk 'Historische Existenz' stellt Ernst Nolte mit Blick auf die seit 1986 andauernden, sein Werk betreffenden, 'zeitgeschichtlichen' Kontroversen und politischen Invektiven die Frage, ob nicht gerade Zeithistoriker wegen ihrer unvermeidlichen Nähe zu aktuellen Problemen weit weniger als Althistoriker und Mediävisten qualifiziert seien, "sich auch nur versuchsweise und auf dem Weg der Analyse dem Ganzen der Geschichte zuzuwenden".[1] Was die neuzeitlichen und speziell zeitgeschichtlichen Gegenstände einer solchen Analyse betrifft, macht aber gerade die in ihrer kenntnisreichen Vielfalt beeindruckende, langjährige wissenschaftliche Arbeit des Autors an seinen Schwerpunktinteressen deutlich, wieviel Wissen nicht nur über ältere, sondern auch über neuere und jüngste Epochen der Geschichte eine solche Analyse des 'Ganzen der Geschichte' voraussetzt. Der Kommentator kann - als Althistoriker - hier nur Begrenztes leisten.

Was andererseits Noltes in 'Historische Existenz' zum allergrößten Teil 'älteren Epochen' der Geschichte gewidmeten Überlegungen betrifft, so ist schon seine eigene Zusammenfassung zahlreicher - auch aus althistorischer Perspektive - interessanter und diskussionswerter Gesamtbeurteilungen, Textinterpretationen und Einzelbeobachtungen, die er dort auf knapp 500 Seiten darlegt, in fünf Thesen (16 - 20) eine im Hinblick auf den von ihm erörterten Stoff übermäßige, wenn auch im Hinblick auf die ihm vorgelegte Frage nötige Verkürzung. Es ist deshalb unmöglich, an dieser Stelle aber auch unnötig, auf viele der im Werk selbst angesprochenen, auch althistorischen Fragen, selbst solche grundsätzlichen, geschichtstheoretisch bedeutsamen Charakters, einzugehen. Der Darstellung der' älteren Epochen' in Noltes Werk wird hier also nicht die an sich gebotene angemessene Beurteilung und Würdigung zuteil.

Dem Kommentator scheint in diesem Beitrag vielmehr vor allem hervorhebungsbedürftig, daß eine Anzahl von Klarstellungen grundsätzlicher Positionen durch Nolte in den letzten Jahren [2] bei wissenschaftlichen und politisch-publizistischen Gegnern kaum Beachtung gefunden hat. Denn der hier zu kommentierende Autor wird inzwischen sogar von renommierten politischen Bildungswerken und für den 'Kampf gegen rechte Gewalt' etablierten Internetaufklärungseinrichtungen als Wegbereiter 'rechten Denkens' eingeordnet und angegriffen [3], obschon eine Nachprüfung seiner Selbsterklärungen und -zitate, soweit mir jedenfalls scheint, genau besehen dafür gar nichts hergibt. Ein solches in meinen Augen fast systematisches wissenschaftliches und öffentliches Mißverständnis des historischen Denkens einer Person muß sowohl politisch als auch wissenschaftlich beunruhigen. Man kann nur wünschen, daß die erneute Selbsterklärung Noltes nun endlich die nötige Beachtung findet. Auch dafür können die folgenden Ausführungen allerdings nur wenige Hinweise geben.

Zu den einzelnen Thesen.

Zu 1) - 11)

Ernst Nolte weist in seinen Thesen, welche sein oben genanntes letztes (1998) größeres Werk erklären sollen, eindringlich darauf hin, daß schon seine erste größere Arbeit 'Der Faschismus in seiner Epoche' [4] nicht primär als Arbeit zur Zeitgeschichte hätte mißverstanden werden dürfen, sondern daß es dieser - wie allen seinen größeren Arbeiten - um das umfassende, grundsätzliche Problem der Deutung neuzeitlicher Geschichte gegangen sei, nämlich um die neuzeitliche Form einer grundsätzlichen menschliche Bereitschaft: 'im Wege des Fortschritts' die historischen Zwänge menschlicher Existenz zu 'transzendieren'. In den Thesen ((1)) bis ((11)) legt er dies eingehender dar.

Zu 1) bis 3)

Nolte führt dazu aus, ihn hätten in seinen Studien stets vorrangig interessiert:

a) die im Rahmen einer (bis auf das Mittelalter zurückreichenden, aber vornehmlich) neuzeitlichen "Transzendenz"-Bewegung entstehende Form eines "liberalen Systems" mit den diesem innewohnenden 'revolutionären' Bewegungen und 'linken' Tendenzen,

b) die Dialektik der politischen und ideellen Bewegungen und Gegenbewegungen der Geschichte, die in 'Marxismus' und 'Faschismus' polar widersprüchlich geworden sei, und

c) die Entwicklung einer 'Nachgeschichte', d. h. einer neuzeitlichen Überschreitung charakteristischer vormaliger Formen einer Herrschafts-, Kriegs- und Konfliktsgeschichte der Menschheit,

Seine Arbeit 'Der Faschismus in seiner Epoche' sei - trotz ausdrücklicher und unübersehbarer, wenn auch noch nicht ausgearbeiterer Hinweise auf ihre Grundintention - dennoch von Anfang an insoweit unrichtig verstanden worden. Sie sei vielmehr als ein Versuch angelegt gewesen, fundamentale Strukturen auch der Zeitgeschichte in einem angemessen umfassenden, die Gesamtgeschichte mitberücksichtigenden Rahmen zu deuten. Diese Deutungsabsicht sei bedauerlicher- und an sich unnötigerweise mit heutigen politisch-ideellen Darstellungssensibilitäten betreffend die jüngere deutsche Geschichte in Konflikt geraten, auch und gerade nachdem er, Nolte, versucht habe, sie zu verdeutlichen und auszuarbeiten, nämlich im Zusammenhang des 1986 beginnenden sog. 'Historikerstreits'.

Zu 4)

Nolte verdeutlicht diese Selbstcharakterisierung mit einer Skizzierung des Werks 'Der Faschismus in seiner Epoche'. Eine der Grundannahmen des Werks sei die Annahme, es gebe eine anthropologischen Anlage des Menschengeschlechts zur 'Selbsttranszendierung', welche mit einer dem Menschen eigenen Tendenz zur 'Weltbemächtigung' identisch und Haupttriebkraft solcher Entwicklungsprozesse 'moderner Gesellschaften' sei wie der neuzeitlichen 'Industrialisierung'und der heutigen 'Globalisierung'. Um eine 'Weltbemächtigung' von einer 'ideellen' oder 'religiösen' Selbsttranszendierung zu unterscheiden, habe er die Begriffe 'praktische Transzendenz' und 'theoretische Transzendenz' eingeführt.

Mir scheint zunächst, diese im Werk belegbare [5] Selbstcharakterisierung stellt für seine Diskussion Ausgangsbedingungen fest, über die man sich als Interpret oder Kritiker nicht hinwegsetzen darf.

Versucht man ferner, eine solchen Perspektive auf die Neuzeitgeschichte angemessen inhaltlich zu verstehen und geistesgeschichtlich einzuordnen, so scheint jedenfalls mir, daß es bei diesen Grundannahmen über 'Transzendenz' eigentlich um ganz unterschiedliche Dinge geht, nämlich - außerhalb der Nolteschen Begrifflichkeit formuliert -

bei der 'praktischen Transzendenz' um in starkem Maße ungesteuerte, ja auch bewußtseinsunabhängig sich vollziehende historische Wachstums- und Strukturüberschichtungsprozesse - d. h. allenfalls um einen nicht-finalen 'Fortschritt', wenn es übergaupt so etwas geben sollte - und

bei der 'theoretischen Tranzendenz' um jeweils zeittypische, in ihren Erkenntnismöglichkeiten begrenzte und außerordentlich fehlerträchtige Menschheits- und Geschichtskonzeptionen und die ihnen zugeordneten Typen von Zukunftserwartungen und politischer Praxis.

Wegen der Vereinigung dieses, wie mir jedenfalls scheint, Widersprüchlichen im Begriff der 'Tranzendenz' meine ich, Nolte geistesgeschichtlich als in irgendeiner der auf Hegel zurückreichenden Traditionen der Geschichtsphilosophie stehend einordnen zu müssen. Diese 'geistesdialektische' Grundposition ist m. E. mit Vor-, aber auch mit Nachteilen verbunden, was die Deutung 'der' Geschichte betrifft. Ein Nachteil kann - kurz gesagt - in der historischen Überschätzung 'des Geistes' als Wirkungsmacht und Erklärungsfaktors bestehen. Die Geschichte besteht m. E. nicht nur und nicht einmal vornehmlich aus geistigen Bewegungen und Gegenbewegungen. Aber selbst wenn diese das allgemeine Bewußtsein zu bestimmen pflegen, so können sie doch - etwa wegen ihrer oft erst im nachhinein erkennbaren, nicht selten absurden, inhaltsleeren oder praktisch unsinnigen - bewußtseinsabhängigen Beschaffenheit die zeitgleich mit ihnen entstehenden, sich teilweise bewußtseinsunabhängig entwickelnden historischen Stukturen nicht ausreichend erklären. Ständige menschliche Irrtümer und Fehleinschätzungen in Politik und Wissenschaft mit nicht selten gravierenden Folgen belegen dies.

Zu 5) bis 8)

Nolte hebt hier weitere, seit dem 'Historikerstreit oft, wie er meint, übersehene Grundaussagen aus seiner 'Faschismus'-Untersuchung von 1963 vervor, nämlich solche über eine 'bürgerliche', bereits im Mittelalter beginnende Gesellschaft. Er habe diese Formation als 'liberale Gesellschaft' oder als 'das liberale System' charakterisiert, dessen Wesen im organisierten oder gerade noch ermöglichten Nebeneinander miteinander weitgehend unverträglicher historischer Kräfte bestehe. Er macht daran deutlich, daß seine 'Faschismus'-Analyse in den Zusammenhang einer nicht eigentlich 'zeitgeschichtlich', sondern von Anfang an zeitlich und räumlich viel umfassender konzipierten Geschichte eines 'liberalen Systems' gehöre.

Dabei erscheinen mir einige vom Autor hervorgehobene Grundannahmen sachlich problematisch.

a) Im Rahmen eines 'liberalen Systems' sei, so meint er etwa, "erstmalig in der Weltgeschichte" "der Schrei der Gequälten" nicht unterdrückt worden, sondern habe zumindest teilweise zum gesellschaftlichen Ausdruck gelangen können. - Gibt es denn nicht gewisse humanere Bereiche und Zeiträume auch in älteren Epochen der Menschheitsgeschichte, und ist umgekehrt die Geschichte der Neuzeit bis heute nicht immer wieder von großen, mitleidlosen Brutalitäten und Vernichtungen bestimmt?

b) Der Autor sieht im 'Marxismus' eine prinzipiell zutreffende Analyse der 'Dialektik' der 'liberalen Gesellschaft' und ihrer gegeneinander gerichteten Kräfte; nur in einem zentralen Punkte sei sie fehlorientiert , nämlich was die Voraussage und die aktive Herbeiführung einer Vernichtung historisch zu überwindender Kräfte betreffe. - Ist nicht schon die so zentrale theoretische Konstruktion 'objektiver Klasseninteressen', der historischen Mission einer 'Klasse' oder zielgerichtet herbeigeführter politisch-sozialer Umbrüche als 'Emanzipationswerks' einer Klasse voller folgenreicher Aporien gewesen und deshalb zum ideologischen Legitimationsschein über der Neuformation eines übermäßig machtkonzentrierten und widerspruchsintoleranten, d. h. 'illiberalen' Herrschaftssystems geworden?

c) Die spätere Entstehung einer ebenfalls Vernichtung - nämlich des Marxismus - anstrebenden Gegenideologie der angegriffenen 'historischen Kräfte' der Gegenseite, nämlich des 'Faschismus'sieht der Autor - und zwar, dies sei unterstrichen, im Rahmen seines oben angesprochenen übergreifenden geistes- und geschichtsdialektischen Konzepts - als Reaktion auf eine im marxistischen Theorie- und Praxis-Gebäude angelegte Vernichtungsintention. - In dieser engen, dialektischen Aufeinanderbeziehung von Marxismus und Faschismus liegt zwar der Absicht des Autors nach ganz offenkundig keine 'Beschönigung' des 'Faschismus', wie sie Nolte immer wieder vorgehalten wurde. Aber es handelt sich hier m. E. um einen konkreten Beleg für die Überschätzung der Dialektik politischer Ideen in ihrer Bedeutung für die Erklärung von Konflikten, die - außerhalb ihrer ideologischen Momente betrachtet - in starkem Maße die aus der Geschichte altvertrauten Herrschaftssystem-Konflikte sind. M. a. W.: der Autor überschätzt möglicherweise die geschichtsbewegende Kraft des 'Marxismus/Bolschewismus' hier und des 'Faschismus' dort als 'Ideensysteme'. Wären sie - so erweist es sich möglicherweise erst aus heutiger Rückschau und mit Blick auf die sehr lange Menschheitsgeschichte - wirklich so geschichtsmächtig und geistig grundlegend gewesen, so müßte doch ín unseren noch gar nicht allzu weit von ihnen entfernten Tagen etwas von ihnen übrig sein. Sind sie nicht wie andere vor ihnen nur von relativ kurzer Dauer gewesen, haben sich ideell und politisch selbstüberschätzt und sind folglich auch von den sie beobachtenden Zeitgenossen ein wenig überschätzt worden, aber dann beide zu der ihnen bestimmten Zeit verhältnismäßig schnell vergangen, ohne künftig noch viel am Lauf der Welt zu ändern?

Zu 9 und 10)

Nolte verdeutlicht hier die von ihm schon früh in seinem Werk 'Der Faschismus in seiner Epoche' vertretene Position, die historische 'Überwindung des Faschismus' habe letztlich eine 'Nachgeschichte' eingeleitet. Er meint damit eine Entwicklungsrichtung der Menschheit , die mehrtausendjähige charakateristische konfliktuöse Prozessformen und Unterdrückungszustände des historischen Geschehens hinter sich gelassen habe.

Der von Nolte aus der zeitgenössischen Diskussion aufgegriffene Begriff einer 'Nachgeschichte' - bezogen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg- erscheint mir begrifflich zu weitgreifend und voraussetzungsvoll. Angesichts neuer Formen 'globaler' Unterdrückung und sich für die Zukunft deshalb abzeichnender großräumiger Konflikte ist mir nicht klar - und Nolte hat dies an anderer Stelle durchaus konzediert [6] -, warum heutige 'nachgeschichtliche' Unannehmbarkeiten von 'geschichtlichen' grundsätzlich unterschieden sein sollten. In einer zeitgenössischen Form des Geschichtsdenkens für die Gegenwart von 'Nachgeschichte' (oder etwas Ähnlichem) zu reden, ist m. E. ungefähr so, als ob man im Hinblick auf besonders wichtige zivilisatorische oder politische Veränderungen des heutigen menschlichen Gemeinschaftslebens von einem 'Nach-Menschen' redete. Einmal sollte man m. E. solche grundlegenden Begriffe einer 'Historik' nicht für Epochenbildungen verwenden. Zum anderen geht es m. E. aber auch um Illusionsabwehr: auch die Gegenwart ist m. E. nur eine Epoche. Der Autor weist allerdings immerhin selbst darauf hin, daß 'Nachgeschichte' nicht etwa die 'Harmlosigkeit eines gesicherten Kulturfortschritts' bedeute, sondern fortdauernde und gravierende 'Unannehmlichkeiten' verschiedener Art mit sich bringe. Dennoch halte ich den Begriff 'Nachgeschichte' für eher irreführend.

Mit seiner Auffassung, daß man die Motive Hitlers oder Mussolinis "empathisch verstehen" müsse, um sie historisch zu begreifen, spricht Nolte eigentlich Selbstverständliches aus. Diese und weitere Formulierungen (z. B.: es bedürfe zum Verständnis einer "Sympathie besonderer Art") werden bei ungenauem Lesen unter derzeitigen Vorverständnisbedingungen in der Diskussion der Zeitgeschichte offenbar häufig als eine Art politischer oder geistiger Inschutznahme verstanden. Sie sind sachlich aber geradezu das Gegenteil. Eine 'Sympathie für den Faschismus' bei Nolte vermag ich auch sonst nicht zu erkennen. Immer wieder betont der Autor - aus der Perspektive der heutigen Gegenwart wohl nur für einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg zutreffend -, 'Marxismus' und sogar 'Bolschewismus' seien die zukunftsträchtigeren Ideensysteme gewesen. Ich deute eine hin und wider in der derzeiten Geisteslandschaft 'provokativ wirkende' Wortwahl aber nicht als Ungeschicklichkeit, sondern als bewußte Demonstration einer Grundüberzeugung des Autors, und zwar des Inhalts, einen politischen Bekenntniszwang dürfe es auch bei der Wortwahl für einen Historiker nicht geben. Diese Überzeugung teile ich. Im Art. 5 des Grundgesetzes ist mit der Wissenschafts- und Meinungs- auch die unreglementierte Ausdrucksfreiheit garantiert. Diese gilt auch im Wissenschaftsbereich.

Zu 11)

Nolte erläutert hier, warum es ein Mangel seines Werks 'Der Faschismus in seiner Epoche' gewesen sei, daß es sich zu seiner Zeit mehr für das Thema und den Begriff des 'Faschismus' interessiert habe, als dafür, den tieferliegenden, motivierenden wissenschaftlich-theoretischen Zusammenhang systematisch auszuarbeiten. - Hierauf dürfte in der Tat ein großer Teil der Invektiven engagierter Zeitgeschichtler zurückzuführen sein; allerdings m. E. letztlich unbegründeter; denn der Autor gab für sein frühes Werk, wie er ausführt, doch ausreichend viele deutliche Hinweise, welche bei genauer Lektüre seine schon damals hervortretenden Grundpositionen unübersehbar machten.

Zu 12) bis 30)

Im zweiten Teil seines Hauptartikels legt Nolte in sympathisch bescheidener und offener Weise dar, wie er die Ausarbeitung des anfänglich noch nicht ausreichend entfalteten systematischen Zusammenhangs seines Geschichtsdenkens später in verschiedenen Arbeiten einschließlich seines letzten Werks über die 'Historische Existenz' nachgeholt habe.

Zu 12)

Nolte belegt den von Anfang an vorhandenen größeren geschichtstheoretischen Zusammenhang und die immer wieder zum Ausdruck gebrachten Grundintentionen seiner Arbeiten.

Zu 13)

Nolte verteidigt sich - m. E. unnötig - gegen gelegentliche Kritikervorwürfe betreffend seine 'enzyklopädische' Darstellungsweise der Menschheits-, Kultur- und Religionsgeschichte im Zusammenhang seines Werkes 'Historische Existenz'. - Bei dem von ihm gewählten legitimen Ansatz einer Analyse 'historischer Existenz' ist m. E. eine intensive Nutzung des Handbuchwissens die einzige realisierbare Art, - als Nicht-Spezialist auf vielen Gebieten, der auch ein gebildeter Allgemeinhistoriker notwendig ist - mit der Fülle des dabei wissenschaftlich zu berücksichtigenden Stoffes fertigzuwerden. An diesem Punkt wird eigentlich nur deutlich, wie schwer es generell in unserer wissenschaftlich-spezialisierten und zugleich dennoch überall in Weltzusammenhängen denkenden Zeit ist, ausreichend fundierte und zugleich angemessen selektive geschichtstheoretische Gesamtentwürfe zu erarbeiten. Versuchte man nicht, sie auf wissenschaftliche Weise zu entwickeln, so würden sie notwendig zur Sache ausschließlich nicht-wissenschaftlicher Meinungsbildung. Auf einem anderen Fachgebiet mit universeller Extension, dem der Soziologie, hat Niklas Luhman in analoger Weise bei der Entwicklung einer Theorie der 'Gesamtgesellschaft' - und dabei insbesondere bei der gesellschaftstheoretischen Deutung historischer Globalentwicklungen - seine Schwierigkeiten gehabt - und gesehen [7].

Zu 14)

Nolte beschreibt in interessanter Weise die Bibel als ein grundlegend erhellendes Werk, was das ihn, Nolte, geschichtlich interessierende Thema der 'Transzendenz' betreffe. - Diese Position beleuchtet auch ein wenig einen weiteren geistesgeschichtlichen Untergrund des Nolteschen Denkens.

Zu 15)

In 'Historische Existenz' , so betont Nolte zur Erläuterung seiner historischen Interessen, sei die Erörterung der 'Zeitgeschichte' im Umfang auf die ihr im systematischen Zusammenhang seines umfassenden Geschichtskonzepts zukommende Bedeutung reduziert worden, nämlich auf drei von insgesamt einundsechzig Kapiteln. - Dies ist m. E. nicht als polemische Spitze zu verstehen, sondern als angemessene Erläuterung eines von Anfang an bestehenden, aber im allgemeinen nicht beachteten wissenschaflichen Grundinteresses.

Zu 16) bis 20)

Von besonderer Bedeutung für das Verständnis des Werkes 'Historische Existenz' ist naturgemäß die Darlegung 'historischer Existenzialien' (d. h. geschichtstheoretischer Grundannahmen) im Wege einer historisch substanziierten, aber letztlich philosophisch-anthropologischen Reflexion über menschliche 'Transzendenz'. - In dieser Reflexion und in einer nach dem Beispiel A. Toynbees betriebenen vergleichenden Kultursystem-Musterung findet letztlich ein fundamental ideengeschichtlicher Ansatz des Nolteschen Geschichtsverständnisses seine argumentative Grundlage. Mit diesem Ansatz hängt andererseits aber auch Noltes - m. E. übersteigerte - Begrifflichkeit von 'linken Spuren' in allen Phasen der Geschichte zusammen. Eine 'Übersteigerung' scheint mir deshalb vorzuliegen, weil der Eindruck irgendeiner - wenn auch eher untergründigen - Begriffs- und Interessenkontinuität entstehen muß, obwohl doch - wie etwa bei einem Konzept von universeller 'Frauengeschichte' - nur eine heutige Rückschau auf die Geschichte das historisch Unterschiedliche unter einem abstrakten Aspekt zusammenfaßt. Allerdings trifft es ebenfalls zu, daß nicht nur das 'Veränderliche' (Historische), sondern auch das 'Gleichbleibende' (Anthroplologische) in der Geschichte Wirkungen entfaltet und deshalb für Erklärungen mitzuberücksichtigen ist.

Zu 21)

Nolte meint, wie es eine 'Vorgeschichte' gegeben habe, so müsse es auch eine 'Nachgeschichte' geben.

Dagegen lassen sich Einwände erheben:

a) Der Begriff der 'Vorgeschichte' beruht auf dem 'Hochkultur'-Kriterium für die 'Geschichte'; wo es Schriftquellen und andere Elemente einer 'Hochkultur' noch nicht gibt, spricht man von 'Vorgeschichte'. Selbst wenn vor allem der Schriftgebrauch für die Entwicklung der 'Hochkulturen' grundsätzlich wichtig ist, so handelt es sich bei der Zueinanderordnung von schriftquellenbasierter Geschichtsschreibung und 'Geschichte' m. E. um eine nicht zulässige Gleichsetzung von Teil und Ganzem. Vor allem aber: die Perspektive auf die sog. 'Vorgeschichte' - sowieso schon durch das Fehlen von Textquellen erheblich erschwert - wird dadurch noch einmal verzerrt: die ihr vermutlich durchaus anteilig zukommende Bedeutung in der Menschheitsgeschichte wird gewissermaßen begrifflich ausgeblendet.

b) Ebensowenig ist es m. E. zwingend und sinnvoll, eine 'Nachgeschichte' grundsätzlich von einer 'Geschichte' zu unterscheiden. Bei einer solchen Unterscheidung handelt es sich, wie jedenfalls mir scheint, um eine Übergeneralisierung temporärer und jedenfalls partieller Phänomene der heutigen geschichtlichen Erscheinungswelt, wie sie Nolte z. B. mit den Hinweisen auf eine "globale Kommunikationsgesellschaft" ((20)) oder einen liberal-systemtypischen "Individualismus und Hedonismus" ((27)) anspricht.

Zu 22) - 28)

Nolte hebt hier mit eingehenden Argumenten hervor, daß seine "kehrseitenbetonende" Darstellung der "Weltgeschichte einer Linken" - und insbesondere der "Linken in der Zeitgeschichte" - nichts mit einer "Sympathie für das Reaktionäre und Hinschwindende" zu tun habe, sondern mit der Unmöglichkeit, in der Frage der 'Tranzendenzgeschichte' klare Fronten zu bilden.- Mir erscheint dabei lediglich erkenntnisbezogen-problematisch, daß Nolte überhaupt eine 'Linke' in einem historisch-theoretisch verallgemeinernden Sinne annimmt. Es zeigt sich daran aber eine offenbar tieferreichende, politisch-emotionale Seite seines Denkens, die man gerade bei politischer Kritik an seinen Werken, die ihm das Gegenteil unterstellt, hätte beachten sollen.

Zu 29 - 31)

Nolte betont hier eine besondere geschichtliche Bedeutung "der Juden als Volkes der Nachgeschichte" - Das erscheint mir sachlich - und nur sachlich - problematisch: 'die Juden' - ob man sie nun als 'Volk', als 'Religion' oder als 'Kulturtradition' betrachtet - werden dabei m. E., verglichen mit anderen traditionsreichen Völkern, Religionen und Kulturen, historisch übergewichtig und erscheinen dazu in ihrem geschichtlichen Zusammenhang übermäßig einheitlich .

Für seine Einschätzung beruft sich Nolte auf "Aussagen führender Juden" wie beispielsweise eines Autors wie Simon M. Dubnow, immerhin Verfassers einer mehrbändigen wissenschaftlichen 'Universalgeschichte des Judentums', mit einer Tagebuch-Notiz aus dem Jahre 1918. [8] - Ich meine, man müßte solche Einschätzungen des 'Judentums', ob es sich nun um 'Selbst'- oder um 'Fremdeinschätzungen' handelt - aus dem oben genannten Grunde relativieren.

Der Autor sieht ferner durch die von ihm angenommene Bedeutung "der Juden als Volkes der Nachgeschichte" verschiedene, mir ganz unterschiedlich erscheinende zeitgenössisch-ideelle 'Gegenbewegungen' bedingt, wie z. B. eine "postmodere Kritik am okzidentalen Logozentrismus" oder eine "feministische Anklage gegen den fanatischen Patriarchalismus der Priester und Propheten des Alten Testaments". - Hier handelt es sich nach meiner Einschätzung wiederum um das übergeneralisierte Ergebnis einer akzentuiert geistesdialektischen Erklärungsweise. Es handelt sich andereseits aber deutlich nicht um irgendeine Sympathie mit dem 'Antisemitismus' oder gar um irgendein Bestreben, ihn politisch zu 'reetablieren'.

Zu 32 und 33)

Nolte antwortet abschließend auf die ihm als Thema seines Hauptartikels gestellte Frage. Sein Werk 'Historische Transzendenz' sei weder 'Universalgeschichte', weil zu theoretisch, noch Geschichstphilosophie, weil geschichtstheoretisch zu begrenzt in seinem zentralen Erkenntnisinteresse. Es sei vielmehr ein "Geschichtsdenken, das die überwältigende Masse der historischen Details weit stärker als die Universalgeschichte unter leitende Gesichtspunkte bringen muß und doch nicht zum Diener einer geschichtsphilosophischen Fundamentalkonzeption werden darf". - Ich meine, dies ist eine in allem zutreffende Selbsteinschätzung.

Schluß.

Nolte hat, auf die mittlerweile fast siebzehnjährige Kontroverse um seine Positionen zurückblickend, eine Selbstbeschreibung gegeben, die offenkundig der Klarstellung und Verständigung dienen soll und an der man künftig nicht vorbeigehen darf. Wenn Noltes Auffassungen von Anfang an so waren, wie er sie hier darstellt - und daran zu zweifeln oder gar das Gegenteil zu beweisen, ist nach einer Überprüfung seiner Selbstzitate m. E. kaum möglich -, dann ist ihm mit zahlreichen Angriffen auf seine wissenschaftliche Arbeit und persönliche Integrität seit Mitte der achziger Jahre erheblich Unrecht geschehen. Es stellt sich m. E. daher mit der Veröffentlichung dieser Thesen wieder einmal die Frage nach dem fast systematischen Charakter des öffentlichen Mißverständnisses seiner Gedanken. Nach der Lektüre der Thesen meine ich, dieses Mißverständnis dürfte einem bei Themen der 'Zeitgeschichte' besonders hervortretenden Geltungsanspruch 'politischer Sensibilität und Korrektheit' hinsichtlich der Themenstellungen, Argumentationsweisen, Begriffsbildungen und Sprachwahl im Wissenschaftsbereich weit eher zuzurechnen sein als den vom Autor gelegentlich gewählten, m. E. demonstrativen und insoweit auch gelegentlich 'politisch provokativ' wirkenden, aber ihrer eigentlichen Absicht nach offenbar häufig unnötig gegendemonstrativ mißverstandenen Formulierungen. Ich meine mit letzterem ausdrücklich auch vom Autor öfters verwendete metaphorische oder durch Anführungsstriche problematisierte Begriffe, die, obschon einer wissenschaftlichen Diskussion legitim dargeboten, die Verständigung unnötig erschweren: "Transzendenz ... nicht das Ruhebett des endlichen Menschen, sondern in rätselvoller Einheit sein Thronsessel und sein Marterholz" ((9)), "die Deutschen als letztes Volk des Mars in Europa" ((10)), "Sympathie" für Adolf Hitler, "freilich eine besondere, nicht-emotionale und nicht-zustimmende" ((10)), "die besten unter den demokratischen Politikern als im Vergleich zum besten Typus des Adligen der Vergangenheit sehr dürftige Figuren" ((22)), "Vernichtung der Männer als tendenzielles Ziel des radikalen Feminismus" ((26)), "die Juden als das eigentliche 'Feindvolk' des Nationalsozialismus" ((28)). [9]

Noltes historische Begriffsbildungen (wie z. B.die des 'liberalen Systems') und Einschätzungen (z. B. betreffend eine 'Nachgeschichte') sind einerseits - das macht sie als historischen Diskussionsgegenstand interessant und wertvoll - oft stark wertbezogen, ja sogar moralisch-parteiergreifend, andererseits aber m. E.manchmal auch zu raumgreifend und unsicher, um darauf wirkliche theoretische und praktische Konsequenzen für ein historisch-politisches Engagement in unserer Zeit aufbauen zu können.

Ist zum Beispiel 'eine mehrtausendjährige Geschichte' denn wirklich so abgeschlossen und 'überwunden', daß man von ganz neuen Maßstäben für die Menschheitsentwicklung unserer und künftiger Zeit, d. h. von einer so genannten 'Nachgeschichte', ausgehen müßte'? Sind zum Beispiel 'die Juden' wirklich 'das' Volk mit der ausgeprägtesten säkular orientierten eschatologischen Tradition? Warum denn nicht die 'Christen' und andere mit eschatologischen Denktraditionen ungefähr der gleichen Provenienz ausgestattete Religionen gleichermaßen?

Nolte bezieht sich zwar in all dem in beispielhafter und lehrreicher Belesenheit stets auf frühere oder heutige wissenschaftliche Diskussionszusammenhänge. Er nimmt aber die ganze traditionsreiche Gedankenwelt eines 'linken Idealismus' dennoch m. E. viel zu ernst, ja er ist in meinen Augen fast ein Musterbeispiel einer der geschichtlichen Welt m. E. nicht ganz angemessenen intellektuellen Art, die Geistesgeschichte gedanklich in den Mittelpunkt historischen Denkens zu rücken. Wie ich es einschätze, ist etwa auch die heutige Gegenwart - trotz eines weitverbreiteten - positiv getönten - Bewußtseins von einer 'Globalisierung' nicht durch eine Anlage hin auf eine längerfristige 'Friedensgeschichte neuer Art' gekennzeichnet, sondern vielmehr durch neue, potenzierte Möglichkeiten 'weltweiter' Kriege und 'interner' gesellschaftlicher Konflikte. Die künftige dürfte jedenfalls die altvertraute Geschichte in nicht einmal neuem Gewande sein. Aufgabe historischer, insbesondere neuzeithistorischer und zeitgeschichtlicher Erkenntnis müßte m. E. heute, angesichts, wie es scheint, potenzierter Gefahren in der Weltentwicklung, die Entwicklung einer dem gerecht werdenden, prognostischen Methode sein, die das wissenschaftliche Urteil über das geschichtliche Werden von den gesellschaftlich und politisch produzierten Suggestionen, Illusionen, Denk- und Sprechverboten strikt abzukoppeln in der Lage wäre, - d. h. etwas Komplementäres neben der von einem Autor wie Ernst Nolte betriebenen, zeitübergreifenden, 'kehrseitenbetonenden ', vergleichenden Interpretation eines großen vergangenen Gesamtgeschehens. [10]

ANMERKUNGEN.

1) Ernst Nolte, Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte, Piper-Verlag, München, Zürich 1998, S. 13.

2) So u . a. im Vorwort zur 9. Auflage von 'Der Faschismus in seiner Epoche', Piper-Verlag, München 1995, S. V - XVII (Rückblick nach 30 Jahren) oder im Vorwort zu 'Historische Existenz' (1998), S. 9 - 14.

3) Als zwei Beispiele unter vielen negativ eingestellten seien genannt eine Personenbeschreibung Ernst Noltes als Vordenkers einer 'neuen Rechten' in dem seit dem Sommer 2000 bestehenden 'IDGR - Informationsdienst gegen Rechtsextremismus', hg. von Margret Chatwin, URL-Adresse: http://www.idgr.de/lexikon/bio/n/nolte/nolte.html, Stand 2000, oder ein Beitrag 'Volkspädagogik von rechts : Ernst Nolte, die Bemühungen um die "Historisierung" des Nationalsozialismus und die "selbstbewußte Nation" ', von Michael Schneider, Bonn, 1995. - 56 S. = 213 Kb, Text . - (Gesprächskreis Geschichte ; 11). - ISBN 3-86077-463-8 Electronic ed.: Bonn: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1998, URL-Adresse: http://www.fes.de/fulltext/historiker/00024toc.htm . Beide Beiträge, entstanden in einem professionellen Rahmen politischer Internetpublikation, sind auf ihre Weise sorgfältig ausgearbeitet und sicherlich in gewisser Weise auch nützlich, nämlich was die von ihnen zusammengefaßten Informationen einschließlich der Literaturzusammenstellungen und der elektronischen Querverweise betrifft. Aber dem Grundanliegen der charakterisierten Person Nolte werden sie bei allem politisch-theoretischen und -praktischen Interesse m. E. nicht gerecht, ja sie sind in ihrer zentralen Wertung dieser Person gegenüber ausgesprochen ungerecht und unverständig.

4) Erstauflage: Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche. Action française. Italienischer Faschismus. Nationalsozialismus, Piper-Verlag, München 1963.

5) Der Faschismus in seiner Epoche (1995 9, etwa S. 51 oder 506 - 512.

6) So innerhalb der Schlußbetrachtung zu 'Historische Existenz' ("Die Nachgeschichte - außerhalb oder innerhalb der Geschichte?"), vor allem etwa S. 678 f.

7) Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt M., 1997, etwa S. 893 ff. ("Die Semantik Alteuropas"). Auch hier wäre es nicht sinnvoll, einen gewissen, im Interesse der Durchführbarkeit eines Gesamt-Entwurfs, d. h. einer komplexen theoretischen Aussage völlig unvermeidlichen 'interdisziplinären Dilettantismus' (von dem bei Nolte m. E. für die älteren Geschichtsepochen weit weniger die Rede sein kann als bei Luhmann) als Argument gegen den Entwurf einer umfassenden Deutung 'traditionell-historischen und 'nach-historischen' (in analoger Gegenüberstellung bei Luhmann: 'alteuropäischen' und 'modernen' einschließlich 'postmodernen') Geschehens ins Feld führen zu wollen.

8) Simon Dubnow, Mein Leben (Autobiographie. Auswahl und Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche von Elias Hurwicz), Berlin 1937, S. 224. Das Zitat stammt aus einer Tagebucheintragung vom 3. Sept. 1918 und betrifft die Situation des "Terrors und Gegenterrors" im Rußland dieser Zeit, speziell zwei Attentate auf bolschewistische Führer (Uritzki und Lenin). Dubnow äußert: Die beiden Attentäter, "ein junger Jude namens Kannegießer" und eine "Jüdin Kaplan", "erklärten, daß sie die vernichtete Freiheit, die verratene Demokratie und die Auflösung der Konstituierenden Versammlung hätten rächen wollen. Es ist gut, daß gerade Juden diese Tat voll bracht haben. So haben sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben." - Ich meine, die in diesem Zitat gemeinte 'maßgebliche jüdische Mitwirkung' (Schuld und Sühne) aufseiten beider Konfliktparteien des beginnenden Bürgerkriegs muß auf die Situation bezogen werden und hat, selbst wenn Dubnow vielleicht anderer Meinung gewesen ist, dennoch in Wirklichkeit keine geschichtstheoretische Qualität.

9) In einer noch dem 'Historiker-Streit' zuzurechnenden Schrift, "Der Hysterikerstreit. Ein unpolemischer Essai", Schriftenreihe Extremismus und Demokratie, Bd. 1, Bouvier-Verlag, Bonn, Berlin 1992, hat dessen Autor Imanuel Geiss die m. E. zutreffende Bemerkung gemacht, bei dem Vorwurf an einen Autor wie Ernst Nolte, die Erinnerung an eine Geschichte, zu der Faschismus, Diktatur und staatlich betriebener Massenmord gehörten, theoretisch-relativierend zu verdrängen, handele es sich "in Wirklichkeit ... darum, einigen Historikern die Verwischung der 'Abgrenzung zum negativen Bezuggspunkt des Nationalsozialismus' zu unterstellen. Keiner der angeblichen Neokonservativen hat je die 'Erinnerung' an 'eine Geschichte, zu der Faschismus, Diktatur und staatlich betriebener Massenmord gehörten', oder die 'Anerkennung' des NS-Erbes verweigert" (S. 184 f.). Wenn man annimmt, daß eine solche Unterstellung in Besorgnis um die geistige Entwicklung des fachlichen und allgemeinen Geschichtsdenkens geschah, so ist angesichts der vielen Klarstellungen, die Ernst Nolte mittlerweile getroffen hat, - einschließlich der hier besprochenen - diese Besorgnis, was seine Person betrifft, als nicht zutreffend widerlegt und sollte schon aus diesem Grunde zurückgenommen werden. Sie sollte aber auch wegen ihres eristischen Charakters und wegen ihrer Unbesorgtheit um ein sowohl freiheitliches als auch funktionelles wissenschaftliches Prinzip zurückgenommen werden: Auch in sogenannten 'sensiblen' Fragen der Zeitgeschichte muß es eine inhaltlich nicht-'moderierte' (d. h. eine politisch unkontrollierte) Dialektik zwischen Gegnern geben, wenn man, den Diskussionsprozeß als ganzen soll ernstnehmen können.

10) Ein Beispiel, an dem das Nichtgenügen des geschichtswissenschaftlichen Selbstverständnisses und Methodeninstrumentariums für die angemessene Gewichtung historischer Erkenntnistätigkeit mit aller Deutlichkeit hervortrat, war m. E. die Wiedervereinigung zweier Teile des früheren Deutschland in den Jahren 1989/1990. Wie es scheint, waren 1989 weder das 'allgemeine Geschichtsdenken' noch irgendwelche speziellen historisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekte und -intentionen darauf ausgerichtet, Bedingungen für das genauer zu beurteilen, was sich in wenigen Monaten zur vollen historischen Realität entwickelte. M. E. sind daran aber nicht nur unzweckmäßige 'methodische' und 'fachzweckspezifische' Selbstbeschränkungen ('Geschichtswissenschaft als auf die Deutung des Vergangenen beschränkte hermeneutische Wissenschaft') , sondern auch der ganze Umfang heutiger 'politisch-ideeller Eingrenzungen' geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis schwer widerlegbar deutlich geworden. Das, was eintrat und von großer historischer Bedeutung war, als möglich oder gar bevorstehend zu analysieren, galt im allgemeinen wohl nicht nur als 'unfachlich', sondern auch als 'politisch sensibel' oder gelegentlich wohl auch als unerwünscht. Darf die Geschichtswissenschaft, die doch mit so viel öffentlichem Glauben an ihre Erklärungsfähigkeiten ausgestattet ist, ähnlich wichtigen oder vielleicht noch wichtigeren historischen Schnellentwicklungen künftig ähnlich blind und unvorbereitet gegenüberstehen?


Bearbeitungsstand: 1. Febr. 2013.

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