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Christian Gizewski, Rechtliche Bedenken gegen problematische Formen einer 'europäischen Arbeitssprache'.

Thesen zur Tagung 'Bildung und Kommunikation in und für Europa', veranstaltet von der 'Akademio Internacia de la Sciencoj (AIS)', San Marino, der 'Stiftung Europaverständigung e. V., Hamburg und der 'Gesellschaft für sprachgrenzüberschreitende europäische Verständigung' (Europa-Klub e. V.; http://www.europa-dokumentaro.de), Hagen, vorgetragen am 9. 11. 2001 am Tagungsort (Clubhaus der Freien Universität, Zehlendorf) in Berlin.Veröffentlicht auch in: Siegfried Piotrowski, Helmar Frank (Hg.), Europas Sprachlosigkeit, München 2002, S. 215 - 227.

I. Vorbemerkungen.

1. Zur Klarstellung des Themas.

Das ursprünglich gestellte Thema "Rechtliche Belange bei der Einführung einer europäischen Arbeitssprache" spitzt der Referent wie folgt zu: "Rechtliche Bedenken gegen problematische Formen einer 'europäischen Arbeitssprache' ".

Der Grund dafür ist folgender: Der Begriff 'Arbeitssprache' meint in einem engeren Sinne nach den Regelungen der EU-Verträge eine oder mehrere ím internen Gebrauch der Organe, Behörden und Gerichte der EU übliche Sprachen der behördeninternen Verständigung, etwa (zumeist) Englisch oder Französisch, (seltener) Spanisch oder auch Deutsch. Was die Handhabung solcher Arbeitssprachen im internen EU-Behördenverkehr betrifft, sieht der Verfasser keine größeren erörterungsbedürftigen Probleme, vorausgesetzt es bleibt bei der begrenzten Form der rein internen behördlichen Anwendung. Er ist allerdings auch kein europarechtlicher Fachmann. Davon strikt zu unterscheiden und von weitaus größerem allgemeinem Interesse sind jedoch:

a) 'Amtssprachen', in denen 'Richtlinien', 'Verordnungen', 'Verwaltungsakte' oder 'Gerichtsurteile' 'europäischer Behörden' oder Anträge, Klagen und sonstiger Schriftwechsel von Staaten und Bürgern mit diesen Behörden formuliert werden bzw. ggf. formuliert werden müssen, ferner

b) im Hinblick auf eine gegenwärtig noch nicht absehbare gesamtstaatliche Zukunft der EU denkbare rechtsverbindlich vorgesehene Subsidiär- oder Parallelssprachen für den allgemeinen Amts-, Rechts- und Geschäftsverkehr in den nationalsprachlich bestimmten Einzelstaatsgebieten des Bereichs der EU sowie schließlich

c) faktische Subsidiär- oder Parallelsprachen zu den Nationalsprachen des europäischen Bereichs, gegenwärtig insbesondere des Englisch-Amerikanischen als 'transatlantisch-globaler Verkehrshilfssprache', die auf bestimmten Lebensgebieten (Firmenorganisation, Technologie, Naturwissenschaft, Verbraucheraufklärung) die Funktionsfähigkeit der traditionellen nationalsprachlichen Kommunikation jeweils erheblich stören kann.

Soweit unter 'Einführung einer europäischen Arbeitssprache' in einem erweiternden Sinne derartige Sprachentwicklungen verstanden werden - wie in zahlreichen Veröffentlichungen auch im Zusammenhang mit dem gerade zuende gehenden sog. 'Jahr der europäischen Sprachen' - , so stellen sich grundsätzliche rechtliche Bedenken ein, die mir an dieser Stelle deshalb vor allem mitteilungs- und erörterungsbedürftig erscheinen.

Diese Bedenken können hier nur thesenartig formuliert werden, obschon sie teilweise komplexere Begründungen nötig machen und sich auf eine oft als unklar empfundene und deshalb besonders erörterungsbedürftige 'europäische' und 'global-transatlantische' Rechtssituation beziehen.

2. Rechtlich unproblematische und deshalb hier nicht erörterungsbedürftige Formen einer 'Arbeitssprache' und einer kommunikationsförderndern Mehrsprachigkeit in Europa.

a) Unproblematisch ist die geförderte Mehrsprachigkeit in der schulischen und beruflichen Ausbildung mit Blick auf bestimmte internationale berufliche und europäisch-amtliche Anwendungsbereiche, vorausgesetzt allerdings

aa) eine Beeinträchtigung der herkunftssprachlichen Sprachkompetenz der Auszubildenden ist nicht zu befürchten und

bb) eine rechtliche Konsequenz der Art, etwa die Herkunftssprache in beruflichen oder amtlichen Arbeitsfeldern des jeweiligen Herkunftslandes aufgeben zu müssen, ist damit nicht verbunden.

b) Unproblematisch ist ferner die Verwendung sog. 'Arbeitssprachen' im rein internen Behördengebrauch europäischer Institutionen, vorausgesetzt allerdings,

aa) mehrere wählbare 'Arbeitssprachen' i. e. S. sind dort in allseitigem Konsens eingeführt und

bb) im Verhältnis zu Außenadressaten von Akten einer europäischen Administration i. w. S. ist die Übersetzung in deren jeweilige europäische Herkunftssprache ohne Kostenbelastung des Adressaten gewährleitstet.

Diese Einschränkungen machen schon deutlich, daß der Begriff 'europäische Arbeitssprache', auch wenn man ihn eng faßt, nicht gänzlich ohne praktische Probleme ist; diese können vor allem in der Folge unterschiedlicher Abgrenzungen eintreten.

3. Problematische und deshalb hier erörterungsbedürftige Formen einer 'europäischen Arbeitssprache':

Die hauptsächlich wichtigen Problemgruppen lassen sich jedoch als solche der deutlichen Grenzüberschreitung verstehen und , um sie wegen ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit nochmals zu benennen, wie folgt zusammenfassen:

a) verbindlich konzipierte 'europäische Amtssprachen', die in amtlichen Verlautbarungen und Gesetzestexten der Europäischen Union an die Stelle zumindest mehrerer im Bereich einer 'Europäischen Union' üblicher Nationalsprachen treten sollen,

b) gegenwärtig noch nicht vorhandene rechtsverbindlich eingeführte Subsidiär- oder Parallelsprachen für den allgemeinen Amts-, Rechts- und Geschäftsverkehr und

c) eine die herkunftssprachliche Kommunikation eines bestimmten Sprachgebietes erheblich störende, übermäßige Verwendung 'globaler Hilfssprachen' (insbesondere des Englich-Amerikanischen) in bestimmten, nicht rein privaten Lebensbereichen bestimmter Länder mit eigener Sprachtradition (Kommunikation international agierender Firmen, Geschäftsverkehr, Werbung, Warenverkehr, Technik, Wissenschaft) mit der Folge, daß ein Grundrecht auf Verständigung in der landesüblichen Umgangssprache verletzt wird.

Diese Formen einer 'europäischen Arbeitsprachentwicklung' im weiteren Sinne bedürfen der Erörterung an dieser Stelle aber nur, soweit sie bereits jetzt Probleme aufwerfen. Die mittlere Variante braucht wegen ihrer gegenwärtigen Nichtaktualität an dieser Stelle und heute noch nicht eingehender behandelt zu werden.

4. Um wessen rechtliche Belange geht es?

Praktisch geht es bei derartigen Sprachentwicklungen heute im wesentlichen um nicht mehr und nicht weniger als um die Belange der zahlreichen nicht-englischsprachigen Völker in Europa bzw. ihrer überwiegenden Bevölkerungsanteile, bei denen die Kenntnis und praktische Anwendbarkeit des Englisch-Amerikanischen weder in der Weise verbreitet ist noch auch nur ansatzweise vorausgesetzt werden darf wie die der jeweiligen traditionellen Muttersprachen.

Es geht ferner um die Wahrung kulturell-sprachlicher Indentität, die ein grundlegendes Staatsziel aller europäischer Staaten und auch der völkerrechtlichen Staatenkoordination innerhalb der Europäischen Union ist (Art 2 und 6 EU-Vertrag).1) In den europäischen Verträgen ist eine staatliche Einheit Europas wegen der Vielfalt der europäischen Völker und der politsich fundamentalen Souveränitätsansprüche ihrer Nationalstaaaten bisher zwar in keiner Weise vorgesehen. Es ist aber sinnvoll, auch für Zukunftsvisionen oder -konzeptionen darauf zu achten, daß die europäische Entwicklung von anderen historisch-ethnographischen und -kulturellen Voraussetzungen ausgeht als etwa die der USA, die mehr oder weniger bewußt dafür als Beispiel herangezogen zu werden pflegt. Gewiß kann man die Entwicklung der USA als eine Art historischer Alternative zur europäischen Neuzeitgeschichte, realisiert auf einem anderen Kontinent, ansehen. Aber das seit 1787 auf einem Einwanderungs-Kontinent bestehende US-amerikanische Modell kann aus diesem Grunde nicht die künftige historische Entwicklung in Europa vorzeichnen. Die Bevölkerungen der europäischen Staaten haben ein weitaus stärkeres und tieferreichendes Interesse als die dreizehn Gründerstaaten des USA-Föderation an der Aufrechterhalung einer traditionellen, intakten und voll funktionsfähigen Einzelstaatlichkeit, die sowohl ihre demokratischen und sozialen Rechte und Interessen als auch ihre besonderen nationalen Traditionen in wirksamer und erprobter Form zu wahren versteht.

Zwar gibt es auch treibende Interessen großer, international agierender Unternehmen an einer gewissen 'Entstaatlichung', 'Europäisierung' und 'Internationalisierung' - auch der sprachlichen und kulturellen Verhältnisse - im europäischen Raum. Doch kommen diese nach meiner Überzeugung - ebenso wie generell die Rolle 'global' agierender 'Privatwirtschaft' - in diesen Jahren der europäischen Gegenwart in der 'öffentlichen Meinung' mit einem sachlich nicht gerechtfertigten politischen und publizistischen Übergewicht zu Wort.

Auch andere - eher politisch-ideell oder politisch-idealistisch motivierte - Interessen an einer 'Europäisierung' und 'Globalisierung' sind innerhalb der europäischen Bevölkerungen nicht wirklich stark verbreitet, wie Volksabstimmungen und Wahlen mit europäischer Thematik immer wieder einmal recht deutlich machen.

5. Welche 'Arbeitssprachen' unterliegen aus praktischen Gründen überhaupt rechtlichen Bedenken?

Vor allem geht es um das Englisch-Amerikanische, das wegen der sprachlich-kulturellen Nachwirkungen des Britischen 'Commonwealth' und des heutigen Einflusses der US-amerikanischen Politik, Wirtschaft und Alltagskultur in ihren 'globalen Zusammenhängen' auch im europäischen Bereich sprachpolitische Probleme aufwirft.

Um Französisch, Spanisch oder Deutsch geht es praktisch nicht, weil diese Sprachen nicht eine solche Verbreitung haben wie derzeit das Englisch-Amerikanische. Nur dann, wenn für diese Sprachen innerhalb der Europäischen Union gegenüber anderen europäischen Sprachen eine bevorzugte Rolle (etwa bei einer Begrenzung der 'Arbeissprachen') gefordert oder eingerichtet wird oder werden sollte, entstehen oder entstünden ähnliche Bedenken wie gegenüber dem Englisch-Amerikanischen.

Lateinisch und Esperanto kommen ebenfalls praktisch nicht in Frage, weil es sich bei dem einen um eine nicht mehr lebende funktionelle Bildungssprache, bei dem anderen um eine zumindest nicht als Volkssprache lebende Kunstsprache handelt. Beide Sprachen dürften für den wirklichen allgemein- und spezialsprachlichen Verständigungsbedarf der Gegenwart vor allem wegen der jeweils relativ sehr kleinen Zahl ihrer kompetenten Sprecher im europäischen Raum und wegen der Existenz weitgehend faktisch schon eingeführter anderer Sprachen für die internationale Verständigung kaum adaptiert und verbreitet werden könnten.

Zu einer nicht anzunehmenden 'Einführung' der eben erwähnten Sprachen brauchen an dieser Stelle daher auch keine rechtlichen Bedenken vorgetragen zu werden. Im wesentlichen geht es vielmehr tatsächlich um das Englisch-Amerikanische.

II. Die rechtliche Unzulässigkeit der Einführung einer rechtsverbindlich an die Stelle von Mitgliedersprachen tretenden 'europäischen Amtssprache' mit Außenwirkung für Bereiche der 'Richtlinien- und Verordnungsgebung', Gerichts- oder Administrationstätigkeit der Europäischen Union.

1. Fehlende Kompetenz der Europäischen Union für Sprachregelungen mit direkter Außenwirkung für Bürger europäischer Staaten.

1. Ob der Europäischen Union generell Kompetenzen staatlicher oder staatsähnlicher Herkunft im Verhältnis zu den Bürgern der Einzelstaaten zukommen können, entscheidet sich danach, ob sie überhaupt als Hoheitsträgerin in Betracht kommt. Als Hoheitsträger kommt nach freiheitlich-demokratischem Verfassungsverständnis nur die politische Organisation eines Volkes in Betracht, die in allen Funktionen üblichen, rechtsgültig bestehenden (und nicht nur für irgendeine Zukunft in Aussicht gestellten) verfassungsmäßigen Bindungen, rechtsstaatlichen Normen und sozialsstaatlicher Verantwortung unterliegt; sie muß ferner in regelmäßiger und tatsächlich wirksamer Weise aus dem politischen Willen des gesamten Volkes, dem sie dient, hervorgehen. Sind diese Bedingungen nicht gegeben, kann eine politische Organisation nicht Hoheitsträger sein; denn es gibt für die Bürger keinen Grund, sich ohne ausreichende Garantien für ihre Freiheiten und berechtigten Belange irgendeinem fremden Willen zu unterwerfen, und verspreche dieser für eine unabsehbare Zukunft noch so viel Verfassungsrechte, Freiheit und Wohlstand.

Die 'Europäische Union' ist keine solche Organisation und wird auch in absehbarer Zukunft wohl nicht zu einer solchen werden. Sie ist - trotz aller ' Verdichtung der Kooperationsbeziehungen europäischer Staaten' - bis heute lediglich ein Verbund mehrerer rein völkerrechtlich begründeter Vertragsgemeinschaften und nur auf dieser Basis eine politische Koordination europäischer Staaten. Sie hat in keiner Weise die Qualität eines Staatenbundes oder gar eines Bundesstaates und unterscheidet sich deshalb nicht nur ihrem gegenwärtigen Zustande, sondern auch ihrer Konzeption nach von den schon erwähnten USA, die i. J. 1787 - nach zehnjähriger Existenz als Staatenbund - die Verfassung eines Bundesstaates annahmen. Die Europäische Union als solche ist nicht einmal ein Völkerrechtssubjekt; nur drei verschiedene in ihr zusammengefaßte Gemeinschaften (für Atomangelegenheiten , für Kohle- und Stahl-Fragen und für europäische Wirtschaft generell) haben jeweils diese Qualität. Sie ist aus all diesen Gründen prinzipiell nicht Hoheitsträger gegenüber den Bevölkerungen der Mitgliedsstaaten: europäisches Recht, Verwaltungsakte europäischer Behörden und Gerichtsurteile des Europäischen Gerichtshofes haben vielmehr Bindewirkung prinzipiell nur gegenüber den Mitgliedsstaaten.

Zwar können Mitgliedstaaten Direktwirkungen europäisch-institutioneller Rechtsakte gegenüber ihren Bürgern zulassen. Doch liegt darin nicht etwa eine dauerhafte Aufgabe staatlicher Kompetenzen. Selbst eine 'Übertragung von Hoheitsrechten' nach dem Wortlaut des Art. 23 GG ist - unter dem Aspekt der verfassungsmäßig bekräftigten, vorverfassungsrechtlich bestehenden Volkssouveränität rechtlich genau genommen - nichts weiter als eine prinzipiell temporäre, politisch revisible Ermächtigung, die in einem sehr eng gehaltenen Rahmen den Institutionen der Europäischen Union ein Handeln im Auftrage der jeweiligen Staaten ermöglicht. 2) Lediglich durch die verfassungsmäßige Konstitution einer europäischen Union als Staat im Verfahren einer deutlichen und direkten Zustimmung aller derzeitigen Staatsvölker Europas könnte vielmehr ein wirklicher Souveränitätsübergang auf ein gesamteuropäisches Staatsvolk eintreten. 3) Alles also, was im derzeitigen und unabsehbar künftigen Zustande einer Europäische Union nicht ausdrücklich zugestanden ist, liegt außerhalb der Komptenz europäischer Einrichtungen. Sprachregelungskompetenzen - soweit sie überhaupt ausnahmsweise Sache von Staaten sind - sind in den Verträgen von Maastricht und Nizza nicht auf die Europäische Union übertragen worden.

Gerdazu im Gegenteil ist vielmehr die Achtung der nationalen Identität ihrer Mitglliederstaaten nach Art. 2 und 6 des konsolidierten Vertrages von Maastricht eines der grundlegenden und den Zweck der Organisation bestimmenden rechtlichen Prinzipien der Europäischen Union. Dazu gehört - das ergibt sich aus einer rechtsprinzipiellen , von dem Wesen des Nationalstaates und des demokratisch verfaßten Staatsvolkes ausgehenden Argumentation - naturgemäß auch der Schutz der jeweils landesüblichen Sprachen der Mitgliedsstaaten in ihrer Geltung in den europäischen Gemeinschaftseinrichtungen und gegenüber den von ihnen ausgehenden Wirkungen auf europäische Staaten und ihre Bürger.

2. Grundsätzlich fehlende Sprachregelungskompetenzen freiheitlich verfaßter europäischer Staaten.

Es ist an dieser Stelle aber auch sinnvoll, die Grenzen schon einer ordentlich konstituierten staatlichen Gewalt in Angelegenheiten allgemeiner Sprachregelung hervorzuheben. Eine mehr als in engsten Grenzen vorgenommene Disposition bestehender Staaten oder einer künftig etwa staatsartig werdenden Europäischen Union über die Sprache der Mitglieder-Bevölkerungen oder Teile der Mitglieder-Bevölkerungen des Gemeinschaftsgebiets widerspräche nämlich den dem Staate von Natur aus (naturrechtlich) gesetzten Grenzen seiner Handlungsmacht. Der im Sinne naturrechtlicher Prinzipien freiheitlich verfaßte Staat ist nicht allzuständig, sondern hat Regelungsbefugnisse nur zum Zwecke der Wahrung grundlegender Freiheiten seiner Bürger und genereller Menschenrechte. Bestimmte Angelegenheiten entziehen sich deshalb sogar prinzipiell seiner Regelungsbefugnis, so etwa das Gewissen, das Denken, die Religions-, Wissenschafts- und Kunstausübung und nicht zuletzt das private und vor allem das öffentliche Äußern von Meinungen wie überhaupt das Sprechen und Schreiben. Zu den naturrechtlichen Bürgerrechten gehört dabei auch die Freiheit, eine landesübliche Herkunftssprache in ähnlicher Weise unreglementiert und undiskriminiert zu sprechen, wie etwa Meinungsäußerung, Religion, Wissenschaft und Kunst unreglementiert und undiskriminiert müssen ausgeübt werden können. Staaten mit freiheitlicher Verfassung haben daher zumindest grundsätzlich keine Sprachregelungskompetenz. Ausnahmen sind zwar nötig und begründbar, aber nur, wenn sie restriktiv und nicht in der heute selbst in 'westlichen' Gesellschaften sich unangenehm abzeichnenden Weise ausweitend auf mancherlei Lebensgebieten gehandhabt werden (Beispiele: übermäßige Sprachregelungen im medialen und behördlichen Sprachgebrauch, allgemeine Schriftsprachregelung durch 'Rechtschreibreform', staatlich tolerierte obligatorische Fremdsprachigkeit in international operierenden Unternehmen). Folgende Ausnahmen sind sinnvollerweise zu machen:

a) Freiheitlich verfaßte Staaten dürfen auf ihrem Territorium bestehende Sprachen als Amtssprachen im Interesse der Ermöglichung einer staatlichen Existenz und Funktionsfähigkeit rechtlich festlegen, müssen dabei aber von den bestehenden Sprachtraditionen ausgehen und ggf. auch Sprachminoritäten schützen,

b) Im Rahmen einer Kompetenz für den Schulbereich können sie Spracherziehung in den natürlich vorgegeben Landessprachen rechtlich organiseren .

c) Sie können für gewisse Bereiche der internen Behördenorganisation strikt zweckgebundene - nicht jedoch allgemeine - Sprachregelungen vornehmen.

d) Sie können einen rein defensiven und fördernden Schutz landesüblicher Sprachen als Amts- undVerkehrssprachen organisieren und sind als Nationalstaaten sogar aus ihrem staatsrechtlichen Wesen heraus dazu verpflichtet. 3)

Aus der prinzipiell fehlenden Sprachregelungskompetenz freiheitlich verfaßter Staaten selbst folgt notwendig, daß Sprachregelungskompetenzen, die über die genannten Ausnahmen hinausgehen, von ihnen auch nicht übertragen werden können, auch nicht an eine vielleicht irgendwann zu einem Staat werdende Europäische Union. Denn niemand kann Rechte übertragen, die er selbst gar nicht hat.

Die Einrichtungen der Europäischen Union - einschließlich ihres Ministerrats - haben in ihrem gegenwärtigen Zustande ferner in keinerlei Hinsicht den Charakter 'konstituierender Verfassungsorgane' für den europäischen Bereich, die etwa neues gemeineuropäisches Verfassungsrecht - noch dazu von freiheitswidrigen Charakter - zu schaffen legitimiert wären. D. h. nicht einmal ein einstimmig beschließender Ministerrat kann europäische Amtssprachen (i. S. der obigen Definition) explizit oder implizit festlegen; er kann nicht mehr regeln als den Gebrauch von Arbeitssprachen im internen Gebrauch der europäischen Institutionen und im Verkehr der Mitgliedsstaaten als solcher miteinander.

Bedenken erzeugt aus diesem Grunde selbst ein einstimmig gefaßter Beschluß des Europäischen Ministerrats des Jahres 1994, in dem er für Anträge europäischer Bürger an das 'Europäische Markenamt' in Alicante (Spanien) die Benennung einer von drei zur Wahl stehenden 'Arbeitssprachen' vorsah, die u. U. nicht mit der Nationalsprache des Antragstellers identisch ist. In dieser Sache hat sich die niederländische Rechtsanwältin Christina Kik, unterstützt von Griechenland, mit einer Klage an den Europäischen Gerichtshof gewandt und ist dort zunächst unterlegen. 4) Der Fall hat im Hinblich auf die derzeit umstrittene Begründung eines 'Europäischen Patents' und generell im Hinblick auf die künftige Sprachform anderer 'europäischer Rechtsakte' grundsätzliche Bedeutung. Ggf. ist das eine Kompetenzüberschreitung einer 'europäischen Behörde' gutheißende Urteil eines nur völkerrechtlich institutionalisierten Gerichts, wenn es nicht revidiert wird, von Einzelstaaten unter dem Aspekt ihrer nicht geminderten einzelstaatlichen Souveränität verwerfbar.

III. Rechtliche Verpflichtung und Berechtigung der Staaten zum Schutz und zur Förderung der Funktionsfähigkeit landesüblicher Sprachen, auch gegenüber einer im Sprachgebrauch partiell dominant werdenden 'globalen Hilfssprache' für den politischen, wirtschaftlich-geschäftlichen, innerbetrieblichen, wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Bedarf.

1. Die Unzulässigkeit der faktischen Dominanz einer 'globalen Hilfssprache' im Bereich der Organe der europäischen Union.

Im Bereich der EU-Institutionen muß aus prinzipiellen Gründen die Gleichheit der Mitgliedsvölker der Gemeinschaft auch für den Bereich der Arbeitssprachen im engeren Sinne gewährleitstet sein, d. h. so, daß für die EU-Amtsträger und -Bediensteten keine unangmessenen Vor- oder Nachteile aus ihrer herkuntssprachlichen Sprachkompetenz entstehen.

Als EU-Amtssprachen sind alle in den Mitgliedsstaaten üblichen Landessprachen anzusehen. Von dem zwingenden Erfordernis der Übersetzung aller Rechtssetzungen, Verwaltungsakte und Gerichtsurteile in die Nationalsprachen sämtlicher Mitgliesstaaten als Voraussetzung für ihre Rechtswirksamkeit kann im Hinblick auf Art. 2 und 6 des Konsolidierten Vertrages von Maastricht nicht abgegangen werden.

Da es denkbar ist, daß an dieser Stelle Gründe ökonomischer Rationalität vorgeschoben werden könnten, um ein grundlegendes Prinzip mit politisch weitergehendem Bedacht zu beseitigen, entscheidet sich bereits an dieser Stelle die Legimität jedes einzelnen Rechtsaktes, der von EU-Behörden ausgeht.

Beispiele: der Fall 'Kik':/: Europäisches Markenamt'), und FICPI-Resolution für die Beibehaltung der Mehrsprachigkeit bei 'Europäischen Patentschriften' (Sept. 2001).4)

2. Die Unzulässigkeit der faktischen Dominanz einer faktischen 'globalen Hilfssprache' im Bereich des Warenverkehrs und der technischen Dienstleistungen in Deutschland.

Wie in Frankreich, Polen und anderen europäischen Ländern, so bricht sich auch in wibem Teil der deutschen Öffentlichkeit gegenwärtig die Auffassung Bahn, daß es

a) einen rechtlichen Schutz landesüblicher Verkehrssprachen gegen ein intolerables, die allgemeine Kommunikation störendes Maß an Überlagerung durch faktische 'globale Hilfssprachen' wie das Englisch-Amerikanische geben muß,

b) daß sich dieser bereits aus den Staatszielbestimmungen der Nationalstaaten mit ausreichender Rechtsverbindlichkeit ergibt, aber einer Präzisierung durch verfassungsgemäße Formen nationaler Gesetzgebung bedarf.

Besonders deutlich zeigt sich der allgemeine Bedarf daran im Bereich des Warenverkehrs, der Verbraucheraufklärung ('Werbung') und der Alltagstechnik. Die Abwesenheit sprachlich vollverständlicher Informationen führt ggf. zu einer erheblichen Benachteiligung oder gar Schädigung der Verbraucher- und Benutzerschichten, die des Englischen nicht ausreichend mächtig sind, um englisch-sprachige Informationen wirklich zu verstehen und zu beurteilen. Generell ist ein individueller Übersetzungsaufwand für das sprachliche Verständnis einer alltäglichen Infomationen schon aus Gründen des verfassungsrechtlichen Schutzes einer landesüblichen Sprache rechtlich nicht zumutbar.

3. Die Unzulässigkeit der faktischen Dominanz einer 'globalen Hilfssprache' im betriebsinternen Gebrauch von internationalen Unternehmen im Bereich der Bundesrepublik Deutschland.

In wirtschaftlichen Unternehmungen mit internationalen Aktionsfeldern, aber Firmensitz im Inlande kann die Verwendung einer internationalen 'Arbeitssprache' insoweit geboten sein, als es um die Verständigung gegenüber Unternehmensteilen und Kunden im Auslande geht. Eine solche 'unternehmensinterne Arbeitssprache' darf jedoch im Bereich eines Landes den Gebrauch der dort üblichen Landessprachen nicht verdrängen, sondern muß sich - und zwar aus Verfassungsrechtsgründen, die sich auf die Privatrechtssphäre auswirken - strikt auf den Anwendungsbereich des internationalen Verkehrs beschränken. Mirtarbeiter des Unternehmens haben ein verfassungsrechtlich verbürgtes Recht, die landesübliche Sprache bei allen betrieblichen Verrichtungen zu sprechen, die nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem internationalen Geschäftsverkehr stehen. Es entspricht dem Wesen eines demokratisch geordneten Verfassungsstaates, daß das Privatrecht, soweit von ihm allgemeine, faktisch öffentliche Wirkungen ausgehen, nicht außerhalb des Verfassungsrechts steht ; folglich hat ein Unternehmen noch weniger als der Staat eine allgemeine Sprachregelungskompetenz.

Beispiel: Über die angebliche arbeitsrechtliche Verpflichtung eines Arbeitsnehmers, auf einem Arbeitsplatz im Inland, der funktionell nicht wesentlich und notwendig mit außenwirtschaftlichen oder verkehrstechnischen Belangen des Unternehmens zusammenhängt, Englisch zu sprechen. ('Lufthansa'-Fall), wurde vom Arbeitsgericht und Landesarbeitsgericht Frankfurt M. i. d. J. 1999 und 2000 ohne Erörterung der verfassungsrechtlichen Grundfrage zuungunsten des Klägers, eines leitenden Mitarbeiters in einem 'Lufthansa'-Wartungsbetriebes, entschieden. Das grundsätzliche verfassungsrechtliche Problem, das dieser Fall aufgeworfen hat, wartet damit in künftig zu erwartenden vergleichbaren Fällen noch einer angemessenen höchstrichterlichen Erörderung.5)

4. Die Unzulässigkeit der faktischen Dominanz einer 'globalen Hilfssprache' im Bereich inländischer wissenschaftlicher und technologischer Publikation und Lehre.

Die wissenschaftlichen und technologischen Publikationen, die in einem Lande entstehen, betreffen dessen Öffentlichkeit und deren Interessen in demselben Maße wie die einer internationalen Öffentlichkeit. Der unmittelbare sprachliche Zugang einer 'nationalen' Öffentlichkeit ist deshalb ein vom Staat zu schützendes rechtliches Interesse. Es bedarf, wo sich aus dem Grundsatz allein nicht schon praktische Rechtsfolgen ergeben, evtl. der Konkretisierung durch ein nationalstaatliches Sprachschutzgesetz, wie es oben schon erwähnt wuirde. Bereits das Prinzip des verfassungsrechtlichen Schutzes der landesüblichen Umgangssprachen gebietet es m. E. jedoch den Behörden und Körperschaften des Inlandes, darauf zu achten und hinzuwirken, daß wissenschaftliche und technologische Publikationen, die nicht ausschließlich für ausländische Adressaten bestimmt sind, stets auch in der oder einer landesüblichen Sprache veröffentlicht werden.

Ähnliches gilt prinzipiell auch für den mündlichen Vortrag wissenschaftlicher Erkenntnisse im Inland, etwa im Hochschulbereich, wenn dieser öffentlich und für ein primär inländisches Publikum erfolgt.

Auch der verfassungsrechtliche Schutz der persönlichen Wissenschaftsfreiheit (Art. 5, Abs. 3 GG) wirkt in diese Richtung: Wissenschaftler einer bestimmten Herkunftssprache können durch tatsächlich oder rechtlich zwingende, wissenschaftlich-sachlich aber nebensächliche oder gar ungerechtfertigte Fremdsprachigkeits-Anforderungen in der Mitteilung und im Verstehen wissenschaftlicher Leistungen unangemessen beeinträchtigt sein. Das gilt insbesondere, aber keineswegs nur für die Geisteswissenschaften. Wissenschaftler müssen solche rechtswidrigen Beeinträchtigungen grundsätzlich nicht hinnehmen.

Empirische Studien zur Verwendung an sich vorhandener Fremdsprachenkompetenzen durch Wissenschaftler bei ihren Publikationen lassen erkennen, daß die Bereitschaft, fremdsprachige Texte zu zitieren - im Inlande ebenso wie im Auslande - vorausgesetzt, es besteht keine Notwendigkeit zur fremdsprachigen Verständigung, relativ gering ausgeprägt ist 6). Der Grund dafür dürfte im wesentlichen darin liegen, daß eine fremde Sprache nicht als vollkommen taugliches Medium zur Formulierung der eigenen Erkenntnisse empfunden wird, und dies läßt Mehrsprachigkeit, selbst wenn sie formal besteht und in gewissem Umfang praktisch angewandt wird, in ihrer tatsächlich begrenzten Bedeutung für das Denken eines Wissenschaftler-Individuums erscheinen. 6)

Und schließlich läßt das Prinzip der institutionellen Wissenschaftsfreiheit eine Fremdsprache als faktisch oder gar rechtlich exklusive Wissenschafts- und Technologiesprache im Inlande nicht zu. Für den wissenschaftlichen Gebrauch im Inland ist vielmehr verfassungsgrundsätzlich die Verwendung der üblichen Landessprache uneingeschränkt zulässig. Entgegenstehende Vereinbarungen oder Regelungen, etwa innerhalb bestimmter staatlicher Hochschulen oder in privatwirtschaftlichen Einrichtungen des Bildungswesens, sind insoweit rechtlich angreifbar. Der Parallelgebrauch einer Fremdsprache ist damit nicht ausgeschlossen und natürlich vielfach sinnvoll.

5. Rechtliche Bedenken gegen eine Störung des Erwerbs der muttersprachlichen Sprachkompetenz durch zu frühe übermäßige Mahrsprachigkeitsanforderungen im Schulbetrieb.

Die schulische Einführung in den kompetenten Gebrauch der landesüblichen Sprache einschließlich anerkannter Minderheitensprachen ist ein bereits aus dem verfassungsrechtlich gewährleiteten Schutz der üblichen Landesprachen hervorgehendes Rechtsgebot an den Staat als Organisator des Schulwesens. Wie aus empirischen Untersuchungen über den Erwerb mehrsprachiger Sprachkompetenz im Kindesalter hervorgeht, können uneineindeutige und unvollkommene Formen der Sprachvermittlung zu einer Unvollkommenheit im Sprachgebrauch einer zu erlernenden Herkunftssprache führen. Ferner kann die allgemein fehlende Dringlichkeit, eine bestimmte Landessprache zu erlernen, deren Entwertung für den allgemeinen umgangssprachlichen Gebrauch zur Folge haben. Bei dem schulischen Erwerb einer Mehrsprachigkeit ist daher auf eine eindeutige Prioritätensetzung der Art zu achten, daß der Erwerb einer jeweiligen landesüblichen Muttersprache pädagogisch und lernpsychlologisch vor jedem anderen Spracherwerb zeitlichen und sachlichen Vorrang haben muß.

Der kindliche Erwerb der Zweisprachigkeit scheint zumindest durch Phasen der uneindeutigen Orientierung zu führen, in denen die erlernten Sprachelemente ihren unterschiedlichen Sprachsystemen nur unsicher zugeordnet werden können. 7) Auch wenn die weitere Entwicklung zumeist zu einer klaren Zuordnung führen mag, ist nicht ausgemacht, ob dies unter den Bedingungen des Schulunterrichts und für alle denkbaren Sprachbegabungen bzw. fehlenden Begabungen auf diesem Gebiet so sein muß. Untersuchungen über die Fehlerhäufigkeit in Rechtschreibleistungen bei Schülern nach Einführung der sog. 'Rechtschreibreform' machen etwa plausibel, daß eine Mehrfachorientierung an tatsächlich fortwirkenden 'alten' Regeln und 'neueingeführten' Regeln der eigentliche Grund für eine gegenüber früheren vergleichbaren Zuständen zunehmende Rechtschreibuntersicht bei Schülern ist. Mit solchen Mehrfachorientierungen und ihren Auswirkungen ist m. E. auch für den Parallelerwerb mehrerer Sprachen in irgendeiner Weise zu rechnen.

6.Rechtlich unzulässige sprachliche Lernanforderungen an Erwachsene.

Zu den verfassungsrechtlich unter dem Aspekt der Freiheit der Person (Art. 2 GG) rechtsbedenklichen Zumutungen des alltäglichen Lebens gehört es in unserer Zeit, daß sowohl der Staat als auch die Wirtschaft im Wege ihrer verschiedenartigen 'Rationalisierungs'-Prozesse nicht nur Organsations- und Informationslasten, sondern auch ganze Lernprozesse, und zwar was relativ komplizierte Rechts-, Nutzungs- und Informationssysteme betrifft, auf den Bürger, Kunden oder Endabnehmer 'verlagern' und zwar in einem Ausmaß, das sogar deren Identität als Persönlichkeit gelegentlich in Frage zu stellen vermag.

Zu diesen manchmal übermäßig weit gehenden Anforderungen gehören nach meiner Überzeugung gewiß auch rechtliche oder faktisch zwingende Verfahren, Erwachsene zu einem bestimmten traditionell unüblichen Sprachgebrauch sei es der Schrift-, sei es der Sprechsprache zu nötigen. Weder die Kenntnis einer 'neu eingeführten Rechtschreibung' noch die einer tatsächlich oder rechtlich eingeführten 'globalen Hilfssprache' kann daher der Bevölkerung zugemutet werden, die sich sprachlich anders auszudrücken aufgrund der landesüblichen Tradition gewohnt ist und ein Recht hat. Dieser Einwand ergänzt den bereits formulierten verfassungsrechtlichen Einwand der fehlenden staatlichen Zuständigkeit für allgemeine Sprachregelungen insoweit, als von ihm auch staatliche Organisationsvorgänge ohne ausdrückliche Sprachregelungsintentionen und ebenso solche privatwirtschaftlicher Unternehmen erfaßt werden.

Schlußbemerkungen.

Der Referent formuliert seinen Beitrag ein wenig aus der Perspektive eines Althistorikers und Juristen, der er ist, und eines den kaum ersetzbaren politischen Zweck und kulturellen Wert auch nationalstaatlicher und -sprachlicher Traditionen für die Zukunft erkennenden Zeitgenossen. Einem Althistoriker sind die gemeinsamen Wurzeln Europas in der antiken Kultur wohlbekannt. Er kennt aber auch die historischen Wurzeln der in nachantiker Zeit entstandenen Völker- und Sprachvielfalt auf dem Boden der vormaligen antiken Kultur und das bereits im frühen Mittelalter beginnende Ende des Lateinischen als Volkssprache, das spätere Ende zunächst als 'gemeineuropäischer' Sprache des Rechts und der Politik, sodann als Sprache der abendländischen Bildung und schließlich sogar als Sprache der katholischen Kirche.

Als Juristen fällt ihm einerseits die politisch-prinzipielle Zurückhaltung des sinnreich konstruierten, weil rein völkerrechtlichen Regelwerks des Maastrichter Vertrags über die EU in Fragen der Schaffung einer gesamteuropäischen Staatlichkeit auf. Im auffälligen Kontrast dazu erscheint ihm andererseits manche zumindest im gegenwärtigen 'publizistischen Deutschland' omnipräsente, im wirklichen Deutschland dagegen nicht sehr volkstümliche 'Zukunftsvision' von Europa, die etwa einen angeblich 'längst fälligen europäischen Bundessstaat', eine 'von den nationalistischen Übeln der Vergangenheit gereinigte' Kultur und darüber noch weit hinausgegehend eine 'transatlantisch-globale', also im wesentlichen mit den USA, gemeinsame 'Weltgesellschaft' im Sinne hat.

Von derartigen Perspektive bewegt, wird man die dem Referenten ursprünglich gestellte Frage nach der 'Einführung' einer 'europäischen Arbeitssprache' sicherlich völlig anders beantworten, als es der Referent tut und als es der Begriff für den heutigen internen Amtsgebrauch der Organe und Behörden der Europäischen Gemeinschaft gegenwärtig besagt, nämlich in einem weitaus umfassenderen politischen und kulturellen Sinne, der auch bestimmte Risiken und Negativaspekte solcher Entwicklungen allzu 'optimistisch' auszublenden bereit ist. Ungute Tendenzen zur Überschreitung verfassungsmäßig üblicherweise gesetzter Grenzen und zu einer Einschränkung bewährter staatlicher Kompetenzen gibt es jedoch durchaus. Ihre treibende Interessen liegen kaum bei den breiten Bevölkerungsschichten der europäischen Nationalstaaten, sondern bei politisch-ideell und wirtschaftlich international engagierten, in ihren Angelegenheiten besonders aktiven Interessengruppen, welche sowohl bei der sog. 'Globalisierung' als auch bei der Entwicklung einer europäischen Gemeinschaftspoltik politisch und publizistisch zu übergewichtig und mit ihrem Einfluß, wie es scheint, auch in gewissem Umfang demokratieunverträglich zu werden drohen. Der Referent sieht - bei einer gewissen Sympathie für den Prozeß einer allseits nützlichen und moderat 'voptimierten' europäischen Interessenkoordination - daher zunehmend Anlaß zu einer gewissen Vorsicht vor Übertreibungen.

In diesem Rahmen meint er, einige rechtsgrundsätzliche Bedenken gegen die 'Einführung' von Amts- und Verkehrssprachen formulieren zu sollen, die der großen Mehrzahl der europäischen Völker bzw. einem Großteil ihrer Bevölkerungen weder vertraut sind noch einfach zuzumuten wären, selbst wenn sie als Amts- und Verkehrssprachen 'lediglich subsidiär' konzipiert wären. Auch dem Begriff einer 'europäischen Arbeitssprache' steht er , zumindest was die in ihm angelegten Tendenzen zur Grenzüberschreitung betrifft, krititisch gegenüber. Zu kritisieren sind sowohl ein aktives, rechtsprinzipiell bedenkliches Tun als auch ein rechtswidriges Unterlassen; kritikwürdig sind sowohl eine allzu große Anpassungsbereitschaft staatlicher Obrigkeiten als auch und erst recht mehr oder weniger gezielte Komptetenzüberschreitungen innerhalb der Europäischen Union als auch - und gegenwärtig vielleicht amwichtigsten - rein faktische, staatlicherseits hingenommene Sprachverdrängungsprozesse im gesamten europäischen Bereich.

Es ist Sache der Völker, nicht irgendwelcher 'Eliten', zumindest über die grundlegenden Ziele ihrer Entwicklung und über ihre Lebensordnung selbst zu bestimmen, wenn wir in demokratischen und nicht in oligarchischen Gesellschaften leben. Was auch immer an noch so 'rational' konzipierter und angeblich allseits vorteilsverheißender 'überstaatlicher' Zukunftsplanung sich mit diesem unaufhebbaren Prinzip demokratischer Staatlichkeit nicht vereinbaren läßt , darauf sollte man lieber verzichten.

Anmerkungen:

1) Art 2 des konsolidierten Verrages von Maastricht enthät in den Zielbestimmungen des Art. 2 keinerlei Bestimmung der Art, daß eine gemeinsame Staatsbildung für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union angestrebt wird, bestätigt also negativ die uneingeschränkte Fortgeldung des Nationalstaatsprinzips auch unter völkerrechtlich 'verdichteten', 'immer enger', 'kohärenter' und 'solidarischer' gestalteten zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa. Art. 6 Abs. 3 drückt die Fortgeltung des Nationastaatsprinzips auch positiv aus: "Die Union achtet die nationale Identität ihrer Mitgliedstaaten." Die Vertragstexte für die Europäische Union sind u. a. zugänglich unter: http://europa.eu.int/eur-lex/de/treaties/index.html .

2) Art 23 Abs. 1 GG besagt: "Zur Verwirklichung eines vereinten Europas wirkt die Bundesrepublik Deutschland bei der Entwicklung der Europäischen Union mit, die demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen und dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist und einen diesem Grundgesetz im wesentlichen vergleichbaren Grundrechtsschutz gewährleistet. Der Bund kann hierzu durch Gesetz mit Zustimmung des Bundesrates Hoheitsrechte übertragen. Für die Begründung der Europäischen Union sowie für Änderungen ihrer vertraglichen Grundlagen und vergleichbare Regelungen, durch die dieses Grundgesetz seinem Inhalt nach geändert oder ergänzt wird oder solche Änderungen oder Ergänzungen ermöglicht werden, gilt Art. 79, Abs. 2 und 3."

Obschon diese Formulierung die Möglichkeit nicht ausschließt, daß das Volk der Bundesrepublik Deutschland irgendwann einmal zu einem Teil eines gesamteuropäischen Staatsvolks werden könnte, so ist diese Möglichkeit nicht der hauptsächlich gemeinte Anwendungsfall der Norm. Vielmehr enthält sie ihrer Hauptintention nach eine Regelung für 'Verdichtungsprozesse' rein völkerrechtlicher Koordination im weiten Vorfeld etwaiger europäischer Staatsbildung, welche Rückwirkungen auf die verfassungsrechliche Lage in Deutschland haben können. Für das insoweit entstehende 'europäische Gemeinschaftsrecht' in seinen verschiedenen Kategorien werden Rechtsanforderungen formuliert, die Vorasussetzung seiner Güligkeit in der Bundesrepublik Deutschland sind. Diese Einschränkungen schließen einen dauerhaften Souveränitäsverzicht zumindest zugunsten eines nicht-staalichen und nicht umfassend und in bestimmter unverzichtbarer Weise verfassungsrechtlich geordneten Rechtgebildes wie der derzeitigen Europäischen Union aus.

Für den Fall, daß irgendwann die Frage ansteht, ob aus der jetzigen Europäischen Union ein staatliches Gebilde werden kann, enthält Art. 23 Abs. 1 GG zwar auch Rechtsvoraussetzungen, jedoch m. E. nicht das gesamte dann nötige Verfahren zur Feststellung des Willens des demokratischen Souveräns. Weder dem Bundestag noch dem Bundesrat noch beiden gemeinsam - und sei ihre jeweilige Mehrheit noch so 'qualifiziert' - kann dann das nach Art. 79, Abs. 3 in Vbdg. mit Art 20, Abs. 2, S. 1 den Gesetzgebungsorganen verfassungsmäßig nicht zustehende, weil nach dem Grundgesetz nicht gesetzgeberisch veränderbare Recht zugestanden werden, für den demokratischen Souverän zu agieren. Dieser müßte sich vielmehr in einem geeigneten und in jeder Hinsicht rechtsgrundsätzlich überzeugenden, heute noch nicht rechtlich festgelegten Volksabstimmungsverfahren selbst dazu äußern.

3) Die Einführung von Sprachschutzgesetzen, welche die Funktionsfähigkeit traditioneller Landessprachen als Amts-und Verkehrssprachen zu sichern bestrebt sind, ist aus diesem Grunde berechtigt, sofern u. a. wiederum eine staatliche Zurückhaltung in sprachinhaltlichen Fragen und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. auch bei der gesetzgeberischen Festlegung von Überwachungs- und Sanktionsmaßnahmen, gewahrt bleiben. Zum französischen und zum polnischen Sprachschutzgesetz siehe etwa: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/FrSprG.htm und http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/PolSprG.htm . Zu einem liberal konstruierten Regelungsmodell für den Bereich des heutigen, kulturföderal aufgebauten deutschen Staates (Entwurf einer Bund-Länder-Vereinbarung "über die allgemeine Amts- und Verkehrssprache Deutsch in der Bundesrepublik Deutschland", Gizewski) : http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Forum2.htm .

4) Informationen zum 'Fall Ki'k unter: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/FallKik.htm , zur Resolution der 'Internationalen Vereinigung der Patenetanwälte' (FICPI) : http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/FICPIRes.htm .

5) Informationen zum Rechtsstreit Vogelgesang ./: Lufthansa unter: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/ArbGFfm.htm .

6) Zu den 'wirklichen' sprachlichen Präferenzen von Wissenschaftlern bei Publikationen, deren Sprache sie selbst bestimmen können: David Crystal, Die Cambridge-Enyzyklopädie der Sprache, dt. Übersetzung, Frankfurt M., New York 1995, S. 345. - Ein m. E. überzeugendes Plädoyer für das Deutsche als Wissenschaftssprache zumindest in Deutschland enthält der von Konrad Ehlich i. J. 2000 vor der Mainzer Akademie der Wissenschaft gehaltene Vortrag "Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert", zugänglich auch unter: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Cricetus/SOzuC1/SOBFDtSpr/Archiv2/Ehlich.htm .

7) Zur zumindest zeitweilig verunsichernden Wirkung des frühen Mehrsprachenerwerbs im Kindesalter: Crystal, w. o., S. 363. -

Zu neuen Erkenntnissen betreffend die Schwervermittelbarkeit 'neuer Schreibregeln'( ss-ß-Regeln) im Grundschulunterricht: Harald Marx, Universität Bielefeld und Universität Leipzig, Kurzfassung (http://www.rechtschreibreform.com/Schule/014UniBielefeldMarx.html ) und ausführliche Fassung (http://www.rechtschreibreform.com/Seiten2/Wissenschaft/011MarxBielefeld.html ) einer Untersuchung (veröffentlicht auch in der 'Zeitschrift für Entwicklungpsychologie und Pädagogische Psychologie' 31 (4), S. 180 - 189, Hogrefe-Verlag, 37085 Göttingen, Tel.: 0551-49609-0). -

Auch die im unvollkommenen Spracherwerb sowohl der türkischen Mutter- und als auch der deutschen Gastlandessprache bestehenden Schwierigkeiten bei der Alphabetisierung türkischer oder türkischstämmiger Kinder , welche etwa in der gegenwärtigen Berliner Schulsituation ein häufig diskutiertes sprachpädagogisches Thema darstellt, weisen darauf hin, daß man sich vor Illusionen in diesem Bereich hüten sollte. -

Zum Ende des von der Europäischen Union im Rahmen einer 'Breiten-Kampagne' veranstalteten sog. 'Europäischen Jahres der Sprachen' (http://europa.eu.int/comm/education/languages/de/actions/year2001.html) mehren sich, wie zu erwarten war, nicht nur in der Politik (Bund und Länder) und in den sie flankierenden Medien, sondern auch unter politisch besonders bewußten Pädagogen und Schulverwaltungen in einigen Bundesländer die Stimmen, welche nicht etwa für europäische Sprachenvielfalt, sondern mehr oder weniger ausschließlich für einen möglichst frühzeitigen Erwerb des Englischen schon in der Grundschule plädieren. Wenn dies auf eine weitgehende Synchronizität des Erwerbs der Muttersprache und des Englischen hinausliefe, bedürfte es schon in diesem Punkte m. E. der öffentlichen wissenschaftlichen Kritik seitens der Sprach- und der Erziehungswissenschaften. Problematisch erscheint mir bei einer solchen Prioritätensetzung aber auch, wie durch ein solches Konzept andere Sprachen als das Englische, die in der Sprachausbildung in Deutschland bisher zurecht eine wichtige Rolle spielen oder künftig sinnvollerweise eine solche spielen könnten - nämlich die Sprachen der Nachbarvölker und das Lateinische hier , aber evtl. auch eine Sprache wie das Chinesische dort - außerhalb der Betrachtung bleiben. - Es ist zu hoffen, daß solche derzeit politisch intendierten Einseitigkeiten vorübergehen und, sollte das nicht so sein, jedenfalls nicht allzu viel wissenschaftliche Beschönigung erhalten.


Verantwortlich: Christian Gizewski (christina.gizewski@.tu-berlin.de )