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Zu: Jean-Jacques Aubert and Boudewijn Sirks (Ed.), Speculum Iuris. Roman Law as a Reflection of Social and Economic Life in Antiquity.

University of Michigan Press, Ann Arbor 2002, 203 S.

Von Christian Gizewski.

Diese Rezension erschien in gekürzter Form in der Historischen Zeitschrift. Jan. 2003. D. Hg.

Das Werk, ein gemeinschaftliches Projekt von Althistorikern, Altphilologen und Historikern des Römischen Rechts aus den USA, Israel, der Schweiz und Deutschland, enthält zwei Arten von Aufsätzen, nämlich solche mit Übersichtscharakter zum Projekt und solche zu speziellen Themen.

Zur ersten Gruppe lassen sich neben dem Vorwort der Herausgeber und einer Einführung von Michael Peachin, Professor für Classical Studies an der New York University, New York, die Beiträge von Boudewijn Sirks, Professor für Rechtsgeschichte und Zivilrecht an der J. W. Goethe-Universität, Frankfurt M,. Some Reflections, und Jean-Jacques Aubert, Professor für Antike Geschichte und Kultur an der Université de Neuchâtel, Schweiz, A Historian’s Point of View, zählen.

Die speziellen Beiträge betreffen disparate Themenbereiche: Peter Wyetzner, Lecturer für Alte Geschichte an der Bar Ilan Universität, Jerusalem, Sulla’s Law on Prices and the Roman Definition of Luxury; David Cherry, Associate Professor of Classical Studies an der Montana State University, Bozeman), Gifts between Husband and Wife. The Social Origins of Roman Law; Thomas A. J. McGinn, Associate Professor of Classical Studies an der Vanderbilt University, Nashville, Tennessee, The Augustan Marriage Legislation and Social Practice: Elite Endogamy versus Male ‘Marrying Down’; Jean Jacques Aubert, A Double Standard in Roman Criminal Law? The Death Penalty and Social Structure in Late Republic and Early Imperial Rome; Boudewijn Sirks , Sailing in Off Season with Reduced Financial Risk; Susan D. Martin (Professorin für Classical Studies an der New York University, New York), Roman Law and the Study of Land Transportation.

Ferner finden sich ein beitragsübergreifendes Sach- und Namensverzeichnis und ein Quellenverzeichnis. Alle Beiträge sind außerdem mit Anmerkungsapparaten und Literaturverzeichnissen ausgestattet.

In ihrem Vorwort weisen die Herausgeber auf die seit einigen Jahrzehnten bestehenden fachgrenzüberschreitenden Tendenzen in der i. e. S. rechtsgeschichtlichen und der in ihren verschieden Zweigen altertumsgeschichtlichen Forschung hin, das Römische Recht zeitgemäß neu zu erschließen: Die juristischen Forscher des Römischen Rechts strebten an, die Interpretation der juristisch relevanten, in antiker wie nachantiker Zeit für die Rechtsanwendung direkt wichtigen ,Quellen’ des Römischen Rechts nicht nur dogmatisch oder applikativ-rechtspraktisch zu analysieren, sondern sie auch in ihren allgemeinhistorischen Entstehungs- und Anwendungsbezügen für unsere Gegenwart verständlicher zu machen, indem ihre mittlerweile fachlich hochspezialisiert erschlossenen kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrundsfelder neben ihrer i. e. S. rechtlichen Aussage methodisch mitberücksichtigt würden. Vertreter der allgemeinhistorischen, philologischen, epigraphischen, papyrologischen, numismatischen oder archäologischen Erforschung des Antike übernähmen es ihrerseits häufiger, die im juristischen Sinne bedeutsamen Quellen des Altertums, speziell des Römischen Rechts, wo möglich, mit den Materien ihrer Forschungsgebiete zu Kontexten zusammenzuführen, wobei sie davon ausgingen, daß, entgegen den Annahmen früherer Interpolationenkritik an den uns überkommenen, spätantik kodifizierten und bearbeiteten Rechtsquellen, eine beachtliche Menge antiker Rechtsregelungen auch in einer authentischen Gestalt vorlägen oder doch in dieser rekonstruiert werden könnten.

Ein grenzüberschreitendes Zusammenführen mehrerer systematisch und methodisch unterschiedlicher Fachgebiete setze jedoch angemessene Kompetenzen auf ihnen voraus, und dies bedeute einmal, so meinen die Herausgeber, das Gebot besonderer Vorsicht und angemessener thematischer Selbstbeschränkung für die verantwortlichen Forscher, andererseits für wissenschaftliche Herausgeber die Schwierigkeit, thematisch umfassende Darstellungen zu publizieren, weil es dafür in der Forschung an kompetenten Arbeitskräften bzw. Arbeitszeit fehle. Aus diesem Grunde beabsichtigten die Herausgeber nicht, Untersuchungen wie die von J. A. Crook, Law and Life of Rome, 90 B.C. – A.D. 212 (1967) oder D. Johnston, Roman Law in Context (1999), nach ihrer Einschätzung zusammenfassende Systembeschreibungen des Rechts, fortzuentwickeln, sondern hielten die Vorlage von Einzeluntersuchungen zum Zusammenhang von Rechtsordnung und gesellschaftlichem Leben aus der Sicht sowohl der altertumsbezogenen Rechtswissenschaft als auch der altertumsbezogenen Kultur- und Geschichtswissenschaften für angemessener.

Ein Nachteil mag dabei auf den ersten Blick darin liegen, daß es außer dem abstrakten - und in seiner Abstraktheit nicht eigentlich untersuchungsbedürftigen - Projekt-Thema ,Römisches Recht als Spiegel sozialer und wirtschaftlicher Realität’ wenig rechts- und institutionengeschichtlich Verbindendes zwischen den o. a. speziellen Einzelbeiträgen gibt. Doch versuchen die Autoren Peachin, Sirks und Aubert, aus altertumswissenschaftlicher und aus römisch-rechtshistorischer Sicht in zusammenfassenden Beiträgen diesem Mangel abzuhelfen, und zwar durch Erklärung des verbindenden Erkenntnisinteresses.

Zweifellos ist das eigentliche Gewicht des Projekts zwar in seinen fachlich informativen speziellen Einzelbeiträgen zu sehen, deren Spannweite die Antiluxusgesetz- und Preisbildungsgesetze der späteren Republik, zweimal das Eherecht, nämlich seine frühen Mitgift- und Schenkungsregelungen und die augusteische Ehegesetzgebung, das Strafrecht mit seinen standesbezogenen Verfahrens- und Strafdifferenzierungen und zweimal das Handels- und Verkehrsrecht, nämlich das Gesellschaftsrecht des Seehandels und Rechtsfragen des Landtransports, einschließt. Es ist aber auch erkennbar, daß diese Rechtsthemen auf ihre jeweilige Weise einen intensiven Bezug haben einerseits vor allem zu ständischen Strukturen der den Rechtsregelungen zeitlich zuzuordnenden römischen Gesellschaftsordnung und andererseits zu den Bedingungen einer überregional verflochtenen und stark marktbezogenen, wenn auch durch die Begrenzungen der antiken Transportmöglichkeiten charakterisierten Wirtschaftsordnung. Diese verbindenden Erkenntnisinteressen zwischen den Teilthemen sind also dezidiert gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtlicher Art - und dies erklärt den Titel des Werks: Rechtsgeschichte wird vor allem als Teil einer stark differenzierenden Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte behandelt. Insoweit dürfte es sich, zumindest der Intensität nach, um eine Neuerung des jeweiligen fachwissenschaftlichen Interesses handeln, das in den mit den römischen - und auch den griechischen - Rechtsgestaltungen befaßten Altertumswissenschaften, ob in Europa, in den USA oder anderwärts, seit langem - seit etwa einem Jahrhundert - häufig eher politik-, religions- oder allgemein-kulturgeschichtlich Forschungsinteressen verfolgt haben mag. Allerdings ist auch schon früher in der jüngeren altertumsbezogenen Wissenschaftsgeschichte zumindest mit verschiedenen beachtlichen methodischen Ansätzen , z. B. August Böckhs, Robert Pöhlmanns oder Theodor Mommsens oder eines von Karl Marx oder Max Weber inspirierten, auch an Rechtsfragen interessierten Gesellschaftsdenkens etwa M. I. Finleys oder einer allgemeinhistorisch dynamisierten Rechtsanalyse etwa J. Bleickens, immer wieder auch wirtschafts- und allgemein-gesellschaftsgeschichtlichen Implikationen antiker Rechtsordnungen Rechnung getragen worden.

Christian Gizewski


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