S 28

Zu: Jens-Uwe Krause, Kriminalgeschichte der Antike.

Verlag C. H. Beck, München 2004, 228 S.

Von Christian Gizewski.

Diese Rezension ist zur Veröffentlichiung in der Historischen Zeitschrift vorgesehen. März 2006. D. Hg.


Der Autor, Althistoriker an der LMU München, ist seit den achtziger Jahren mit verschiedenen, teilweise großangelegten Untersuchungen im Bereich der kombinierten antiken Rechts- und Sozialgeschichte ('Spätantike Patronatsformen im Westen des römischen Reiches', 'Witwen und Waisen im Römischen Reich', 'Gefängnisse im Römischen Reiche') hervorgetreten und betreibt an seinem Lehrstuhl weitere dieser Orientierung. Zu ihnen gehört auch seine 'Kriminalgeschichte der Antike'

Der Titel des Buches läßt eine die gesamte Antike umfassende Darstellung erwarten. Doch ist das nureingeschränkt der Fall - und möglich -, worauf der Autor von Anfang an (S. 7 ff.: Einleitung) hinweist. Der Titel ist eher als Forschungsprogramm zu verstehen und als Hinweis darauf, daß die heute gegebene Quellenlage substanziellere Aussagen nur für knapp zwei Jahrhunderte antik-athenischer Geschichte und für etwa acht Jahrhunderte antik-römischer Geschichte zuläßt. Aber auch hier, darauf weist der Autor ebenfalls mehrfach hin, lassen sich kaum je irgendwelche quantitativen Aussagen treffen. Es gibt eben in der griechischen und in der römischen Geschichte nicht wie 'heute' eine im nachhinein sozialgeschichtlich untersuchbare Kriminalstatistik und Kriminologie als Instrumente einer polizeilichen und justiziellen bzw. politischen Praxis des Rechtsgüterschutzes und der Sicherung der öffentlichen Ordnung. Es gibt nur - bis auf die strafrechtsrelevanten Rechtstexte der römischen Codices der Spätantike - Gelegenheitsüberlieferungen etwa aus rhetorischen, historischen, künstlerisch-literarischen, christlich-theologischen, manchmal auch aus inschriftlichen und archäologischen Quellen. Diese können aber nur durch sehr vorsichtige Interpretation in den vom Autor von Wissenschafts wegen angestrebten verallgemeinenrnden, historisch-systematischen Zusammenhang gebracht werden. Dies ist ein Problem der Darstellung. Wenn etwa am Schluß (S. 202) zusammenfassend formuliert ist, "ein vergleichweise geringer Anteil der Armen' sei in den untersuchten antiken Gesellschaften "in die Kriminalität abgeglitten", habe "Randgruppen" zugehört oder eine "kriminelle Subkultur" gebildet, so spiegelt sich darin die quantitative Schwerfaßlichkeit strukturell wichtiger Fragen in den vorhergehenden Einzeldarstellungen des Buches. Man hätte m. E. auch - wie der Autor 'hyptothetisch' - von einem 'je nach Umständen wechselnd, manchmal sehr großen Anteil' oder überhaupt 'von einem vermutlich relativ großen Anteil' der armen Bevölkerung an einer 'Gesamtkriminalität' sprechen können.

Gerade wegen der genannten Schwierigkeiten handelt es sich aber um eine mutige und auch für den vorgebildeten Leser in den Einzeldarstellungen interessante Zusammenfassung des Wißbaren. Das Buch hat sachlich zwei Teile, einmal die Darstellung der Kriminalgeschichte des 'klassischen Athen' (im wesentlichen des 5. und 4. Jh. v. Chr.), zum anderen die des Römischen Reichs in den Epochen der Republik und der Kaiserzeit (im wesentlichen vom 2. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr.), die jeweils unterteilt sind in institutionen- und rechtsgeschichtliche Ausführungen ('Polizei', 'Selbsthilfe', 'Strafgerichtsbarkeit', 'Strafrecht': Kap. II und IV) sowie in Ausführungen über die faktischen Muster und Entwicklungen der Übergriffe in fremde Rechtssphären ('Delikte' wie Beleidigungen, Körperverletzungen, Mord und Totschlag, Raub und andere Gewalttaten, Verletzung der sexuellen Anstandstradition, Ehre und Selbstbestimmung einschließlich Ehebruchs und Homosexualität) und ihr sozialgeschichtliches Umfeld (Kap. III und V); nicht erörtert werden die Straftaten gegen den Staat, einschließlich solcher von Amtsrträgern und Militärs. Bei einer anderen Konzeption des Werkes (s. u. zu 2.) wäre dies sicherlich sinnvoll.

Zweierlei hätte man m. E. vielleicht besser machen können:

1. Es wäre der Anschaulichkeit der Darstellung und auch dem Verständnis für ihre methodischen Probleme möglicherweise zugutegekommen, wenn in exemlarischer Auswahl einige Quellentexte aufgenommen und dem mitangesprochenen breiteren Lesepublikum fachgerecht gewissermaßen vor-interpretiert worden wären.

2. Die Perspektive des Autors auf 'die antike Kriminalgeschichte' erscheint dem Rezensenten manchmal zu stark geprägt durch die Begrifflichkeit, Erkenntnisinteressen und Bewertungen polizeilicher, justizieller und politischer Deliktsprävention der Neuzeitgeschichte und Gegenwart (z. B. in den o. e., zu wenig distanzierten Formulierungen 'Abgleiten in die Krminalität', kriminelle 'Randgruppen' und 'Subkulturen'). Dafür besteht in einer ' Kriminalgeschichte der Antike' aber m. E. keine Notwendigkeit. Die in manchem außerordentlich repressive Klassenstruktur antiker Gesellschaften ist zweifellos eine 'Ordnung', die - wie andere historische - ihre 'eigenmächtig-gewaltsame' Verletzung bzw. die ihrer maßgeblichen 'Werte und Güter' ahndet , d. h. 'strafrechtlich' mit 'Gegengewalt' erwidert. Aber sowohl die Legitimität als auch die Verhältnismäßigkeit ihrer 'Ahndungs'-Methoden sind oft mangelhaft, auch aus antiker Sicht. Der Autor bemerkt dies durchaus, etwa im Zusammenhang mit der unverhältnismäßig-drakonischen Ahndung von 'Sklavenflucht' und 'Sklavengewalt'. Neben dem Sklavenrecht böten aber auch das Familienrecht, das Eigentums- und Vermögensrecht, das Standesrecht und nicht zuletzt das 'öffentliche Recht' in den untersuchten Epochen der Antike Ansätze zur kritischen historischen Betrachtung 'antiker Kriminalitätsbekämpfung'. Es mag sein, daß, wie der Autor abschließend (S. 203 f.) feststellt, antike Gesellschaften aus verschiedenen Gründen - verglichen mit späteren der europäischen Geschichte - 'relativ friedlich' organisiert waren. Gründe dafür dürften aber nicht nur in einer 'besseren Affektkontrolle', wie der Autor sagt, gelegen haben, sondern auch in den aus heutiger Sicht deutlich hervortretenden repressiven Funktionen 'typisch antiker' Herrschafts-, Besitz- und Verfügungsstrukturen öffentlich- und privatrechtlicher Art.

Christian Gizewski


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