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S 29

Kriegsbeute und Kriegsgewinn in der römischen Kaiserzeit.

Gedanken zu einem Fundament römisch-imperialer Herrschaftsform. Vortragstext.1)

Von Christian Gizewski.

INHALT:

I. Zur rechtlichen 'Begründung‘ und politischen Bedeutung eines 'Beuterechts des Siegers' nach dem heutigen Völkerrecht, dem 'Klassischen' Völkerrecht und den Rechtsvorstellungen der Antike, speziell der römischen Kaiserzeit.

1. Die Sicht des heutigen Völkerrechts.

2. Die Sicht des 'Klassischen' Völkerrechts.

3. Kriegsrechtliche Vorstellungen in der Antike.

II. Die historischen Gestaltungswirkungen des kriegerischen Okkupationsrechts auf das Imperium Romanum seit Caesar.

1. Das Beuterecht als ein Fundament römisch-imperialer Ordnung.

2. Das System einseitig bestimmter, militärisch begründeter und gesicherter, völkerübergreifender römischer Provinzialherrschaft (Imperium Romanum) in seiner historischen Entwicklung.

A. Vor der Kaiserzeit.

B. In der Kaiserzeit bis zum Beginn des 3. Jhts. n. Chr.

C. In der Kaiserzeit vom 3. - 6 Jht. n. Chr.

III. Gründe für den Expansions- und Selbsterhaltungserfolg des dauernd und 'universell' kriegführenden Imperium Romanum (Beurteilung antiker Erklärungstypen).

IV. Thesen zur Diskussion.


I. Zur rechtlichen 'Begründung‘ und politischen Bedeutung eines 'Beuterechts des Siegers' nach dem heutigen Völkerrecht, dem 'klassischen' Völkerrecht und den Rechtsvorstellungen der Antike, speziell der römischen Kaiserzeit.

1. Die Sicht des heutigen Völkerrechts.

Die nicht wenigen, aus Motiven 'nationalistischer' oder 'imperialistischer' Weltpolitik zum Zwecke der Einfluß- und Grenzausweitung unternommenen, immer aufwendigeren und folgenreicheren Massenkriege schon des 19. Jahrhunderts, vor allem aber die Weltkriege des 20. Jahrhunderts, haben unter vielem anderen folgende völkerrechtliche Fragen neu gestellt, die bis dahin eindeutig beantwortet schienen:

1) Unter welchen Bedingungen ist die Führung eines Krieges völkerrechtlich erlaubt bzw. verboten?

2. Welche Rechte der Besetzung, Beschlagnahme und Aneignung der einem gegnerischen Staate und seiner Bevölkerung gehörenden Territorien und Mobilien aller Art gibt es während des Krieges, d. h. im Rahmen nicht abgeschlossener Kriegshandlungen, für eine zeitweilig siegreiche Partei?

3. Welche Rechte zur dauerhaften Aneignung von Territorien ('Annexion') und sonstigen Besitztümern eines besiegten ('debellierten') Staates und seiner Angehörigen stehen der siegreiche Partei nach Abschluß des Krieges zu?

Die neuen Antworten darauf, welche grundlegende völkerrechtliche Vereinbarungen (Haager Landkriegsordnung 1899, Völkerbundssatzung 1919, Brand-Kellogg-Pakt 1928, UNO-Charta 1973) gaben, waren und sind historisch etwas relativ Junges. Die ausufernde Unkontrollierbarkeit einer über das Schlachtfeld weit hinausgehenden Zerstörungskraft und einer ungehemmt-rücksichtslosen, politisch-kriegerischen Interessenverfolgung dre Kriege 'moderner Zeiten' einerseits, andererseits die Entstehung internationaler diplomatischer Foren und völkerrechtsanwendender Gerichte im zwischenstaatlichen Verkehr in der neueren Geschichte und nicht zuletzt überhaupt die Entstehung einer internationalen, die Zugriffsbereiche von Kriegskonfliktparteienüberschreitenden internationalen Öffentlichkeit - auch massenmedial vermittelten Charakters - führten seit dem 19. Jht. in einem allmählichen Entwicklungsprozeß zu folgenden - hier kurzgefaßt wiedergegebenen Regeln:

1. Generell ist heute die Führung eines Krieges völkerrechtlich verboten. Zulässsig ist 'lediglich' die kriegerische Gewaltanwendung einer angegriffenen Partei gegen einen Angreifer zum Zwecke der 'Notwehr'. Der Zweck der Notwehr bestimmt letztlich auch Art und Ausmaß einer zulässigen kriegerischen Angriffsabwehr.

2. Während eines Krieges ist die Beschlagnahme sowohl staatlicher Einrichtungen als auch Vermögenswerte aller Art des feindlichen Staaates und seiner Angehörigen für die Zeit der Kriegshandlungen zwar zulässig, soweit dies zur Abwehr eines Angriffs nötig und verhältnismäßig ist. Die dauerhafte Aneignung fremden Vermögens einschließlich fremder Territorien während des Krieges ist jedoch nicht zulässig.

3. Eine politisch-institutionell odentlich vollzogene freiwillige Abtretung von Vermögenswerten und Territorien durch eine im Krieg unterlegene Partei an eine siegreiche in einem 'Friedensvertrag' ist zwar zulässig, nicht jedoch eine rechtlich oder auch faktisch einseitig durchgesetzte, dauerhafte Aneignung bzw. Annexion durch den Sieger. Letzteres gilt auch im Falle eines an sich erlaubterweise zur Notwehr geführten Krieges. 2)

2. Die Sicht des 'Klassischen Völkerrechts'.

Demgegenüber kannte das seit Hugo Grotius (De iure belli ac pacis, Paris 1625) als bestehend geltende sog. 'Klassische' Völkerrecht in diesen Fragen folgende Antworten:

1. Es gehört zur freien Wahl des souveränen Staates, ob er einen Krieg gegen einen anderen führen will oder nicht ('ius ad bellum'). Entscheidet er sich für einen Krieg, so gelten in diesem gewisse Regeln eines 'Kriegsvölkerrechts' ('ius in bello').

2. Der Sieger im Kriege, ob sein Sieg nun zeitweilig oder endgültig, ob der Krieg 'gerecht' oder 'ungerecht ist', hat nach diesen Regeln das prinzipielle Recht, alles, was der besiegte gegnerische Staat oder seine Angehörigen besitzen, zu beschlagnahmen, für seine Zwecke zu verwenden und es sich - ggf.schon während der Kriegshandlungen dauerhaft zu eigen - zu machen. 3)

Zwar werden, so Grotius, im allgemeinen politische Vorausschau und Rücksicht auf die Notwendigkeit, nach dem Kriege eine stabile Friedensordnung zu begründen und trotz Sieges dennoch in gewissem Umfang die Loyalität einer debellierten Bevölkerung zu gewinnen, dazu führen, dieses 'Recht' nicht 'in vollem Umfang' wahrzunehmen und gewissen rechtsregelähnlichen, aber letztlich nur moralisch oder politisch-praktisch gebotenen Einschränkungen zu folgen. Prinzipiell jedoch - und dies ist hier zu unterstreichen - erlaubt das von Grotius begründete 'Klassische Kriegsvölkerrecht' auch imperiale Annexionskriege, Völkerunterjochungs- oder -vertreibungskriege oder wirtschaftlich motivierte Kriege um Ressourcen unf Handelseinflüsse in großem Stil. Man geht nicht fehl, wenn man die Mehrheit der von Hugo Grotius historisch überblickten antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Kriege mit einem wesentlichen Teil ihrer Motivation und nach ihren tatsächlichen Verläufen diesen Kategorien zuordnet. Auch späterhin ist es so geblieben. Ja, wie es scheint, hat nicht einmal das seit dem 19. Jht. neuentstandende 'moderne' Kriegsvölkerrecht in den letzten größeren Kriegen auf der Welt in dieser Hinsicht grundsätzlichen Wandel zu schafen vermocht. Allerdings ist es, wie es scheint, in unserer Zeit innen- und außenpolitisch, argumentativ und praktisch schwieriger geworden, solche Kriege zu führen.

Die prinzipielle Anerkennung eines Kriegführungs- und eines Beuterechts im 'Klassischen Völkerrecht' geht im wesentlichen auf Hugo Grotius Auseinandersetzung mit antiken Quellen zurück. Er beruft sich zwar auch auf nachantike Autoren, etwa Theologen und Dichter, in seinem systematischen Bemühen vor allem auf Juristen seiner Zeit (Jean Bodin, franz. Jurist d. 16. Jhts., Balthasar Ayala, span. Jurist d. 16. Jhts., Alberigo Gentile, ital. Jurist d. 16. Jhts.). Der weitaus größte Teil seiner Zitate entstammt jedoch einerseits der Heiligen Schrift und den Werken christlicher Theologen (Paulus, Justinus, Tertullian, Lactantius, Ambrosius und Augustinus) , zum anderen in starkem Maße den Äußerungen antiker nichtchristlicher griechischer und römischer Autoren. Am häufigsten bezieht er sich auf dabei die Philosophen Platon, Aristoteles, Seneca und Philon v. Alexandria, die Politiker und Rhetoren Demosthenes, Cicero und Quintilian, die Juristen Paulus und Ulpian, die Historiker Thukydides, Xenophon, Dion von Prusa, Livius, Sallust, Polybios, Tacitus, Plutarch und Valerius Maximus, die Dichter Homer, Euripides und Vergil, sowie den Geographen Strabon. Zahlreiche andere antike Autoren sind nur gelegentlich zitiert; etwa die Hälfte von ihnen gehört der römischen Kaiserzeit zu.

Veranschaulichung: Aus Grotius' Anmerkungsverzeichnis.4)

3. Kriegsrechtliche Vorstellungen in der Antike.

Wie sehen nun, überblicksartig betrachtet, die uns durch Autoren und Quellen der Antike überlieferten Positionen zu den oben formulierten Fragen aus, einschließlich der Zeit, mit der sich dieser Vortrag beschäftigen soll? Wir müssen dabei von den Systematisierungen absehen, die Grotius vorzunehmen bestrebt ist - wie z. B. seinem von Bodin stammenden Begriff einer staatlichen 'Souveränität' oder seinem Sytem von Kriesgbegrenzungsregeln. Tun wird dies, so können wir in der Antike mancherlei religiöse, geschichtsphilosophische und rechtliche Positionen zu den angesprochenen Fragen ausmachen, und zwar mit überaus unterschiedlichen Begründungen und Motiven.

Zunächst einige Beispiele, die sich mit der Rechtfertigung von Kriegseroberungen befassen. Dabei zunächst solche, die Kriegseroberungen aus einem in ihnen angenommenen Prinzip göttlicher Entscheidung oder schicksalhafter Fügung legitimiert sehen.

2. Buch Mose 34, 11 f.: Gottes Befehl an Mose und das Volk Israel bei der 'Bundeserneuerung' zum Zwecke der Inbesitznahme des Landes Israel: "Halte, was ich dir heute gebiete. Siehe, ich will vor dir ausstoßen die Amoriter, Kanaaniter, Hethiter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Hüte dich davor, einen Bund zu machen mit den Einwohnern des Landes, in das du kommen wirst, damit sie dir nicht zum Fallstrick werden. ... ."

Plutarch, Alexander 30, 31: Siege und Kriegseroberungen als Entscheidung des Schicksals. - Gebet des Kyros vor der Entscheidungsschlacht bei Gaugamela: "Ihr Götter meines Geschlechts, Wahrer meiner Königswürde, möget ihr mir meinen größten Wunsch erfüllen, das Glück der Perser neu zu begründen und es in der Machtfülle zu hinterlassen, in der ich es übernommen habe ... . Sollte aber die Schicksalsstunde herannahen, die dem Gesetz der Vergeltung und dem ewigen Wechsel der Dinge Rechnung trägt, die Stunde, dei der Perserherrschaft ein Ende setzen wird - dann soll kein anderer Mensch auf der Welt auf dem Throne des Kyros sitzen als Alexander!" - Ausspruch Alexanders ebda., bei Gelegenheit eines ihm vorgelegten Planes, Kyros in einem nächtlichen Überfall zu überrumpeln: "Ich will den Sieg nicht stehlen."

Es gibt aber auch 'rationalere' Begründungen von Kriegseroberungen. Eine solche liegt etwa darin, den Krieg als 'natürlicherweise' rechtlosen Prozeß anzusehen, d. h. auch, ihn als ein rechtlich nicht verhinderbares und beeinflußbares, sondern ausschließlich gewaltbasiertes Aneignungsgeschehen zugunsten der jeweils stärkeren, also 'siegreichen' Partei zu begreifen. Cicero (Rede für Milo 4, 10) hat dies für seine Zeit der Antike so formuliert - und Grotius hat es in seiner über die Antike hinausweisenden Bedeutung aufgenommen:

"Silent leges inter arma."

D. h.: "Im Kriege schweigen die Gesetze" oder noch prononcierter: " Im Kriege gibt es kein Recht".

Dies ist philosophisch eingeordnet die Position der skeptischen Akademie (Karneades), welche die Gerechtigkeitsvorstellungen - unter anderem - des Völkerrechtsverkehrs grundsätzlich als idealistischen Schein begreift, weil die rechtliche Ordnung dort letztlich immer - selbst im Frieden - der Dynamik und dem Zwang der jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnise folge. 5)

Zwar widersprechen diesem Prinzip einige auch in antiken Kriegen erweislich berücksichtigte Regeln , so etwa über die Behandlung von Parlamentären oder über die Einhaltung vonVereinbarungen über Waffenstillstand oder Gefangenenaustausch. Aber im allgemeinen kann man nicht abstreiten, daß das Kriegsgeschehen in besonderer Weise als durch ein 'Recht des Stärkeren' bestimmt erscheint, in der Antike wie auch in späteren Epochen.

In diesem Sinne - eines 'Rechtes des Stärkeren' - gehört nach römischem Rechtsverständnis zum Kriegsrecht einmal das unbegrenzte Recht jeder irgendwie ausreichend - eine Systematik des Souveränitätsbegriffs ist, wie oben angesprochen, in der Antike noch nicht entwickelt - politisch legitimierten Staats- oder Herrschaftsmacht zur Kriegführung . 6)

Ferner ergibt sich nach diesem Rechtsverständnis aus einem 'Recht des Stärkeren' jener ebenso kurze und wie folgenreiche Satz über ein unbegrenztes Okkupationsrecht des Siegers im Kriege, den wir in den Institutionen des Gaius (2, 69) und später - mit kleinen Modifikationen als Gaius-Zitat - in den Digesten Justinians finden. Wir dürfen ihn - trotz seiner Wiedergabe in einer Juristenschrift (2. Jh. n. Chr.) und sogar einem Gesezeswerk der römischen Kaiserzeit (6. Jh. n. Chr.) - streng genommen nicht als einen Grundsatz staatlichen römischen Rechts verstehen: "Ea quoque quae ex hostibus capiuntur, naturali ratione nostra fiunt" ("Item quae ex hostibus capiuntur, iure gentium statim capientium fiunt"; Dig. 41,1, 5, 7 - "Item ea, quae ex hostibus capimus, iure gentium statim nostra fiunt: adeo quidem, ut et liberi homines in servitutem nostram deducantur, qui tamen, si evaserint nostram potestatem et ad suos reversi fuerint, pristinum statum recipiunt"; Inst. 2, 1, 17). D. h.: nach dem ursprünglichen Gaius-Text ergibt sich die Weite dieses Rechtssatzes und seine Richtigkeit aus einer 'iuris naturalis ratio' und - nach der spätantiken Bearbeitung der Gaius-Stelle - aus einem 'ius gentium'. Kein römischer Gesetzgeber hat also förmlich bei seiner Aufstellung mitgewirkt. Von dieser Regel zu reden, heißt - juristisch gesehen - nichts weiter zu tun, als etwas zu deuten, was in seiner Geltung sogar dem Staate rechtlich vorgegeben ist: nämlich als 'naturalis ratio' oder als unter den Völkern in ihrem Rechtsverkehr ohne weiteres, insbesondere ohne Vertrag, beachteter anerkannter Rechtsbrauch. Einer allerdings, der dem Römischen Reich in der langanhaltenden Phase seiner Expansion durchaus förderlich war und vielleicht auch deswegen einer wenigstens kurzen rechtlichen Erwähnung und Erörterung wert war.

Diese Regel findet sich auch von einer Anzahl nicht-juristischer antiker Autoren geteilt und damit in ihrer üblichen Anerkennung bestätigt. Grotius nennt (Buch 3, Kap. 6) zahlreiche Belegstellen: sie stammen einmal aus dem Alten Testament (5. Mos. 20, 14; 4. Mos. 31, 11; 2. Chron. 14, 11 - 13; Josua 22, 8), zum anderen u. a. aus Platon (Gesetze, B. 1), Aristoteles (Politik B. 1, Kap. 6), Xenophon (Kyroupädie, B. 2, Kap 5 und Erinnerungen an Sokrates, B. 4, Kap. 11, § 15), Plutarch (Alexander; mehrfach), Livius (B. 26, Kap. 31; B. 39, Kap. 29; B. 40, Kap. 17) und Cicero (De off., B. 1, Kap. 7; Contra Rullum, Kap. 16).

Die uns von den römischen Juristen überlieferte kriegsvölkerrechtliche Regel des unbeschränkten 'capere' oder 'occupare' eines Siegers ist, um es zu wiederholen, einschränkungslos gefaßt: sie bezieht alles ein, was der feindliche Gegenseite 'nicht mehr in der Hand hat', einschließlich der gefangenen Feinde selbst, d. h. ihrer Freiheit und sogar ihres Lebens. Das alles darf man auch zusammenfassend - und um es auf einen passenden, der angesprochen Rechtsregel entsprechenden Begriff zu bringen, als Kriegsbeute - hier gebraucht in einem weiteren Sinne des Wortes - bezeichnen. Es schließt in diesem weiteren Wortsinne ein:

a) einmal das, was im Interesse der Kriegsführung an Gütern des Feindes beschlagnahmt und verbraucht wird,

b) ferner das, was plündernde Truppen an mobilem Gut während oder nach Abschluß des Kampfes mitnehmen und

c) was sich die siegreiche Seite nach Abschluß des Krieges an Immobilien (Territorien) und Mobilien (Sachen und Vermögen), aber auch an Personen, Dienst- und Steuer- bzw. Tributleistungen dauerhaft aneignet.

Dieses praktisch so viel - auch Unterschiedliches - umfassende Beuterecht ist von römischen Juristen, wie es scheint, mit Absicht so knapp formuliert worden, obwohl es zahlreiche - auch von antiken Schriftstellern angesprochene - und von Grotius zitierte und in seinem Völkerrechtssystem weiterentwickelte - moralische und politische Humanitäts- und Vernunftgründe für verschiedene Einschränkungen (wie z. B. die Schonung an den Kampfhandlungen unbeteiligter Zivilbevölkerung oder die Begrenzung der Beutenahme auf Kriegsführungszwecke) gibt. Rechtlich jedoch werden solche Einschränkungen in der Antike offenbar weitestgehend nicht als bindend angesehen. Die fehlende Differenzierung des kriegsbedingten Okkupationsrechts dürfte aus antiker Sicht letztlich denselben Grund haben wie das unbegrenzte Kriegführungsrecht selbst: es ist unmöglich, sich mit dem Willen eines nach einem Sieg allesbestimmenden Kriegsgegners in Widerspruch zu setzen oder dessen Verhalten während des Krieges zu kritisieren, wie ungerecht, unmoralisch und unvernünftig es auch sein mag. Und was unmöglich durchsetzbar ist, kann sinnvollerweise auch nicht Gegenstand einer rechtlichen Regelung sein. Die Auffassung von der prinzipiellen Uneinschränkbarkeit eines 'ius in bello' ändert sich erst in späteren Epochen des Völkerrechtsgeschichte, beginnend mit Hugo Grotius.

II. Die historischen Gestaltungswirkungen des kriegerischen Okkupationsrechts auf das Imperium Romanum seit Caesar.

1. Das Beuterecht als ein Fundament römisch-imperialer Ordnung.

So kurz einerseits, d. h. so weitgehend begründungs- und einschränkungslos im Römischen Recht das Beuterecht des Siegers angesprochen ist, so grundsätzlich wichtig ist es andererseits in seiner tatsächlichen politischen Bedeutung für die Entwicklung des Römischen Reiches, und zwar

a) einmal für die Expansion des Imperium Romanum als staatlicher Organisation, die einen großen Bestand ausschließlich im Kriege eroberter Territorien in sich vereinigt,

b) zum anderen für die innere Struktur des römischen Staates, der darauf angelegt ist, diesen Territorialbestand im Interesse eines 'Volkes römischer Bürger' ('populus Romanus'), wie die politische Formel lautet, insbesondere aber im Interesse seiner Senatoren- und Ritter-'Aristokratie' zu sichern, zu gestalten und zu nutzen.

Die Anerkennung eines unbeschränkten und unbefristeten Rechtes, Beute bei einem besiegten Feinde zu machen, 'legitimiert' nämlich mit seinem Rechtscharakter

a) direkt die Kriegseroberungen des römischen Staates,

b) die staatsrechtlich-verfassungsmäßige Unterscheidung zwischen 'cives' römischen Rechts und provinzialen 'subiecti', welche sich etwa darin auswirkt, daß sie der Provinzialbevölkerung generationen-, um nicht zu sagen, jahrhundertelang politisch nur eng begrenzte Selbstverwaltungsrechte auf lokaler Ebene beläßt und ihnen - zumindest in den ersten Jahrhunderten der römischen Expansion - schwer drückende Tributlasten auferlegt,

c) die Struktur einer mit politischen und justiziellen Mittel schwer kontrollierbaren, auch korruptionsanfälligen römischen Provinzialverwaltung, die organisatorisch lange Zeit mit einem privatunternehmerisch aufgebauten Staatspächterwesens ('publicani') verbunden ist,

d) die Enteignung und partielle Entvölkerung eroberter Territorien zwecks Anlage von Kolonien für römische Bürger bzw. militärische Veteranen.

Das Beuterecht in der genannten Form begünstigt ferner strukturell

e) die Herausbildung einer patrizisch-ritterlichen Schicht von Inhabern großer Vermögen, welche einerseits durch kriegsbedingte rechtmäßige Remunerationen zustandekommen, andererseits durch Geschäftstätigkeit in den eroberten Territorien und schließlich auch durch eine zumindest öfters nicht unerhebliche, nach dem 'Repetunden'-Recht unrechtmäßie, von Cicero exemplarisch und anschaulich beschriebene (s. u. 2 A) Bereicherung bei der Provinzialverwaltung.

f) Aus Beutegut wird ferner die Verteilung politisch motivierter Geschenke unterschiedlicher Art und Größe an 'das Volk' finanziert - von der Getreideversorgung über öffentliche Spiele bis zu öffentlich-repräsentativer und -unterhaltender Bautätigkeit, etwa in Rom. Davon erhalten wir eine Anschauuung u. a. im 'Tatenbericht des Augustus', auf den später (s. u. III.) noch zurückzukommen ist.

g) Nicht zuletzt ist das Beuterecht eine wichtige Grundlage der Kaiserherrschaft, deren Inhaber - der Imperator - als Herr des Staates und Befehlshaber des römischen Heeres, seine verschiedenen Kassen (fiscus Caesaris, patrimonium Caesaris) in verschiedener Weise auch aus Beutegewinnen, sei es seiner selbst sei es seiner Vorgänger speist; dies schließt auch die in Bürgerkriegen gegen 'Staatsfeinde' gemachte Beute ein.

Nicht alle diese Aspekte können im folgenden eingehend angesprochen werden. Es kann nur um die Formulierung und Veranschaulichung einiger Grundgedanken gehen 1), und zwar

- zum einen zu den Phasen der historischen - vor allem kaiserzeitlichen - Entwicklung eines Systems einseitig bestimmter, militärisch begründeter und gesicherter, völkerübergreifender römischer Provinzialherrschaft (Imperium Romanum) ,

- zum anderen zu den vermutbaren Gründen für den historisch langandauernden Expansions- und Selbsterhaltungserfolg dieses imperialen Systems.

2. Das System einseitig bestimmter, militärisch begründeter und gesicherter, völkerübergreifender römischer Provinzialherrschaft (Imperium Romanum) in seiner historischen Entwicklung.

A. Vor der Kaiserzeit.

Seit dem Ende des 1. punischen Krieges bildet sich bekanntermaßen ein außeritalisches 'Imperium Romanum' heraus, dessen einzelne Elemente die Struktur von 'Provinzen' haben. Das Wort 'provincia' ist etymologisch ungeklärt. Eine Ableitung aus dem Worte 'provincere', die wir bei bei Festus (253 L) finden -

"provinciae appellantur, quod populus Romanus eas provicit, i. e. ante vicit." -

- erscheint latinistisch unrichtig, wenn auch als politisch-historischer Deutungsversuch eines immerhin schon dem 2. Jht. n. Chr. angehörenden Autors interessant. Sachlich bezeichnet 'provincia' generell den Amtsbereich eines römischen Beamten, in der Provinzialverwaltung speziell den Amtsbereich des Statthalters, der für den römischen Staat die Herrschaft über außeritalische Gebiete und eine dortige, überwiegend peregrine, d. h. nicht mit römischen oder italischen Zivitätsrechten ausgestattete Bevölkerung ausübt. Bis zur Zeit des Augustus hat aller direkter, also nicht durch Klientelherrschaften vermiittelter außeritalischer Territorialbesitz des Imperium Romanum Provinzialcharakter.

Geht man diese Provinzen im einzelnen durch, so sind sie fast alle seit dem 3. Jht. v. Chr. durch Kriege erlangt, d. h. 'siegreich gewonnen' und 'der Herrschaft des Römischen Volkes unterstellt', worden. Ihre Inbesitznahme ist alsoin aller Regel die Folge einer 'occupatio bellica' bzw. einer vertraglichen Übertragung von den bisherigen Landesherren an die Römer aufgrund eines verlorenen Krieges. Oft steht beides nebeneinander und vollzieht sich in mehreren Schritten. Kriegerisch erworben sind bis zum Beginn der Prinziptaszeit die Provinzen Sizilien (241/ 227), Sardinien (238/ 227), Corsica (238/ 227, Hispania citerior und ulterior (208/197/ 181/154/139 - 133), Gallia cisalpina (222/191/177/121), Africa (146) Gallia transalpina 121, 58- 50), Asia (190), Macedonia (148), Achaia (146), Epirus (146), Phrygia (103), Lycaonia, Pisidia (102), Cyrenaica (96/ 74), Bithynia et Pontus (74 / 65), Cilicia (67), Syria (64), Numidia (46). Das ist eine beachtliche, durch Krieg gewonnene Ländermasse, schätzungsweise das 9 -Fache des nicht-provinzialen Italien.

Veranschaulichung: Karte des Römischen Reiches um 31 v. Chr..7)

Vergil, der dichterische Kommentator nicht nur dieser Geschichte, sondern auch eines in die Zukunft weisenden, in diesem Sinne fortgehenden 'geschichtlichen Auftrages' des römischen Volkes, hat das alles auf eine bekannte Formel gebracht (Aeneis 6, 847 ff.):

"Andere mögen Gebilde aus Erz wohl weicher gestalten,
dünkt mich, und lebensvoller dem Marmor die Züge entringen,
besser das Recht verfechten und mit dem Zirkel des Himmels
Bahnen berechnen und richtig den Aufgang der Sterne verkünden:
Du aber Römer, gedenke die Völker der Welt zu beherrschen;
darin liegt deine Kunst, und schaffe Gesittung und Frieden .
Schone die Unterworfenen und ringe die Trotzigen nieder (parcere subiectis et debellare superbos)." 8)

Man könnte dieses vergilische Konzept, betrachtet man nur die in ihm verkündete 'Weltversittlichungsidee', als 'römisch-imperial gesicherten, ethischen Universalismus' bezeichnen - eine auch in unseren bildungsvermittelt ererbten Vorstellungen vom 'Römischen Reich' immer noch sehr präsente Idee. Doch ist es wohl wirklichkeitsnäher, unbeschönigt von einem 'universellen kriegsbeutemachenden Imperialismus' sprechen; denn so formell 'begründet' im Sinne eines antiken 'ius gentium' das sog. Beuterecht im Kriege und gelegentliche Zessionsvereinbarungen zwischen besiegter und siegreicher Partei nach dem Kriege in einzelnen Falle auch sein mögen - dies wird von römischer Seite offiziell allerdings stets in Anspruch genommen -, so handfest politisch-unternehmerisch geht es bei dem Erwerb neuer Provinzen doch stets zu; und es geht dabei immer um weitaus mehr als nur um die Niederwerfung ('subiectio') gefährlicher, feindlicher Staaten zum Zwecke der Beseitigung etwa einer kriegerischen Aggression oder Bedrohung und eine damit verbundene vorübergehende Beschlagnahme feindlicher Besitztümer, Ressourcen und Gebiete.

Es steht immer die dauerhafte Enteignung zumindest all dessen an, was für den Sieger interessant ist, insbesondere eine dauerhafte Neunutzung und großmaßstäbliche Tributbelastung des Territoriums des unterlegenen feindlichen Staates und seiner begüterten Schichten, aber auch, wenn opportun, die Umsiedlung oder Vertreibung und Landenteignung größerer Teile der Bevölkerung, für die der besiegte Staat einmal zuständig war.

Der Ausdruck 'subiecti', den Vergil gebraucht, kennzeichnet ja nicht nur den untergeordneten Rechtsstatus einer Provinzialbevölkerung des römischen Reiches, die nicht das römische Bürgerrecht hat, sondern vor allem, daß diese infolge irgendeines früheren Krieges wichtige Rechte verloren hat. Dem römischen Staat gegenüber sind die Provinzialen nur mit denjenigen Rechten ausgestattet, die eine römische 'lex provincialis' ihnen jeweils verleiht. Dazu gehören in der Regel nicht Rechte auf Wiedererlangung des im Kriege von der römischen Seite Beschlagnahmten oder Erbeuteten oder später aufgrund Kriegsrechts Angeeigneten. Durch Provinzialgesetze wird lediglich das nach den Vorgängen einer Neuverteilung den Provinzialen Verbliebene privatrechtlich neu zugewiesen. Öffentich-rechtlich erwerben Angehörige der Provinzialbevölkerung ferner nicht etwa - ersatzweise für ihnen verlorengegangene politische Rechte - das römische Bürgerrecht. Vielmehr pflegen sie durch römisches Provinzialgesetz nur mit Selbstverwaltungsrechten auf der gemeindlichen Ebene und mit dem Zugang zu einer niederen, gemeindlichen Gerichtsbarkeit unter Kontrolle der römischen Bestzungsmacht bzw. in besonderen Fällen zum Gericht des römischen Provinzialstatthalters ausgestattet zu werden. Die Autorität des - nicht kollegial, sondern als Einzelperson bevollmächtigten - Provinzialstatthalters ist gegenüber der Provinzialbevölkerung faktisch schrankenlos und von ihr direkt nicht unkontrollierbar. Schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. erscheint es deshalb dem römischen Gesezgeber nötig, zur Wahrung einer gewissen Rechtssicherheit und Loyalität in den Provinzen gegen um sich greifenden Amtsmißbrauch und gegen damit verbundene Korruption, auf Antrag des Volkstribunen M'. Acilius eine 'Lex Acilia repetundarum' (d. J. 122 v. Chr.) zu beschließen. Durch diese werden alle 'socii, nominisve Latini exterarumve nationum, quoive in arbitratu dicione potetstate amicitiave populi Romani', wenn sie von römischen Amtsträgern selbst oder amtlich oder persönlich eng mit ihnen verbundenen Personen rechtsgrundlose Beschlagnahmungen, Konfiszierungen, Erpressungen, bestechungsbedingte Schädigungen oder Unterschlagungen ('ablatum, captum, coactum, conciliatum, aversumve') erdulden müssen, dazu berechtigt, dagegen eine Klage vor einem Prätor in Rom zum Zweck der Wiedererlangung des unrechtmäßig Erlangten ('repetundae') zu erheben. Caesar hat achtzig Jahre später eine Erneuerung dieses Gesetzes veranlaßt.

Die ihm zugrundliegenden Mißstände in der römischen Provinzialverwaltung sind hartnäckig, Gesetzesregeln dieser Art nur beschränkt in der Lage, den vielfältigen Mißbrauchsmöglichkeiten in der Provinzialverwaltung wirklich zu steuern. Die berühmten Reden Ciceros d. J. 70 und 69 v. Chr.sogar gegen einen Statthalter, den von Sizilien, Verres, veranschaulichen nicht nur die bedenkenlos gesetzwidrige und eigennützige Bereicherung eines bestimmten hochgestelten Amtsträgers, gegen den nach Beendigung seiner Statthalterzeit - unter besondern, untypischen Bedingungen und unter vielen Schwierigkeiten - eine Anklage in Rom zustandekommt. Sie haben vielmehr einen exemplarischen Charakter insoweit, als sie am Einzelfall die vielen Machtmißbrauchsmöglichkeiten, die sogar an der Spitze der Provinzialverwaltung auftreten könnben, eingehend erörtern.

Er übernehme die Anklage gegen Verres, so äußert sich Cicero ja (In Verrem 1, 2),

" um des Staates willen, damit " nicht nur "ein Mensch von so einzigartiger (singularis) Habgier, Skrupellosigkeit und verbrecherischen Gesinnung, dessen Diebstähle und Schandtaten nicht nur in Sizilien, sondern auch in Achaia, Asien, Kilikien, Pamphylien und schließlich in Rom vor unserer aller Augen stattfanden ... vor Gericht gestellt werden" könne. --- Vielmehr sehnten sich überhaupt "die ausgeplünderten, gequälten und gänzlich zerrütteten Provinzen [provinciae], die hart bedrückten Bundesgenossen und auswärtigen Völkerschaften" nach einer solchen Klarstellung. 9)

Es wird damit -trotz Ciceros ebenso rhetorischer wie anwaltlich-vorsichtiger Formulierung 'singularis' - ein systemischer Charakter solcher Mißstände angesprochen, der letztlich in einem kriegsbedingten, fort und fort wirkenden 'Subjektions'-Status der Provinzen sein Fundament hat.

Dieser fast unveränderliche 'Subjektions'-Status der provinzialen Bevölkerung kann zwar von einzelnen Provinzialen -man kann sagen ausnahmsweise - wegen ganz besonderer Verdienste um das Imperium Romanum für sich überwunden werden, vor allem etwa wegen jahzzehntelangen, ehrenvoll absolvierten Militärdienstes.

Veranschaulichung einer Bürgerrechtsverleihung nach 'mindestens 26-jährigem Militärdienst': Militärdiplom aus dem 1. Jh. n. Chr. 10)

Das ändert aber nichts daran. daß die provinziale Bevölkerung generell dennoch, und zwar lediglich aufgrund irgendeines früheren Kriege mit Rom, in den ihre Vorfahren irgendwann einmal verstrickt waren, als 'dauerhaft unter Besatzungsregime stehend' , um mit einem heutigen Ausdruck zu sprechen, zutreffend beschrieben ist. Vor allem deshalb ist die normale provinziale Bevölkerung auch - im Gegensatz zu den Inhabern des römischen Bürgerrechts (seit dem 2. Jh. v. Chr.) - mit erheblichen tributären Abgaben belastet, die vom römischen Staat rigoros über ein privatwirtschaftlich organisiertes Steuerpachtsystem eingetrieben und vor allem für seine militärischen Bedürfnisse verwendet zu werden pflegen. Cicero hat diese Tribute - zumindest für seine Zeit bezeichnend (In Verrem 2, 3, 6, 12 ) - als

"quasi victoriae praemium ac poena belli"

bezeichnet, also also eine Art - allerdings dauernder - 'Strafe für die Kriegführung' und 'Kriegsfolgenwiedergutmachung'.

B. In der Kaiserzeit bis zum Beginn des 3. Jhts. n. Chr.

Die Entstehung des römischen Kaisertums ändert zwar weder an den zuvor dargestellten Formen kriegerisch und kriegsrechtlich zustandekommenden Provinzerwerbs noch an dem System eines durch kriegsbedingte 'Subjektion' gekennzeichneten Rechtsstatus der Provinzialbvölkerung etwas Grundsätzliches, bringt aber doch im Laufe der Zeit einige charakteristische Veränderungen.

Augustus setzt, zur Alleinherrschaft gelangt, zunächst die anerkannte Regel durch, daß der größere, mit kriegsführungsfähigen Militärkontigenten belegte Teil der Provinzen seiner Regierung als Imperator im Rahmen eines 'imperium proconsulare maius' direkt unterstehe. Von ihm persönlich ernannte und ihm persönlich verantwortliche 'Legaten' üben dort -. statt bisheriger prokonsularischer Statthalter - das Provinzialregime aus. Dem entsprechend verfügt der kaiserliche Imperator über eine eigene, kaiserliche Kasse, aus der das provinziale Militär und die kaiserlich regierte Provinzialverwaltung bezahlt werden. Der Kaiser ist berechtigt, den Provinzialbesitz und die Steuererhebung in den Provinzen für diese Zwecke zu belasten und einzusetzen.

Durch Kriegführung werden unter Augustus im übrigen neugewonnen die Provinzen Illyricum (33), Moesia (29), Ägyptus (31), Galatia (25), Cyrenaica (Binnenland, 20), Raetia (15) und Pannonia (10 n. Chr.). Ein Teil des vormals durch den Klientelkönig Herodes zur Zufriedenheit Roms verwalteten Judaea wird nach dessen Tode provinzialisiert (6 n. Chr.). Für Ägypten läßt Augustus vom Senat anerkennen, daß es dauerhaft unter dem personalen Regiment des Kaisers stehe und daß dem Senat bzw. den Senatoren dort jegliche Intervention bzw. Visitation verwehrt sei. - Lediglich die Provinzialisierung Germaniens (12. v. Chr. - 9 n. Chr.) mißlingt bzw. wird letztlich wohl als zu unergiebig aufgegeben.

Die Arrondierung des römischen Territorialbesitzes in Form neugewonnener Provinzen, die unter Augustus in so großem Maßstabe stattfindet, setzt sich - unter Beibehaltung seiner Neuregelungen über die kaiserlich verwalteten Provinzen und das personale kaiserliche Regime in Ägypten - unter seinen Nachfolgern fort, allerdings langsamer: Cappadocia (18/ 63 n. Chr.), Mauretania (42 n. Chr.), Britannia (43, 78, 80 n. Chr.), das Dekumatland (als Teil einer neubegründeten Provinz Germania superior, 83 n. Chr.), Arabia (105/108 n. Chr.), Daciae (107 n. Chr.) Mesopotamia et Assyria (115 - 117 n. Chr.) kommen noch hinzu. Damit ist aber im 2. Jht. n. Chr. der größte provinziale Territorialbestand des Römischen Reiches erreicht. Er umfaßt an dieser Wendemarke ungefähr das Doppelte von dem, was unmittelbar vor Beginn der Prinziptaszeitzeit an Provinzialterritorien vorhanden ist.

Veranschaulichung: Karte des Römischen Reiches in der Prinzipatszeit.11)

Zusammengefaßt: an dem imperialen Expansionsprinzip als solchem ändert sich unter kaiserlicher Herrschaft in der Prinzipatszeit nichts. Aber die kaiserliche Kontrolle über die römische Provinzialherrschaft nimmt zu. Es bleibt ferner zwar das Prinzip einer besonderen Belastung der provinzialen Bevölkerung in den ersten Jahrunderten der Kaiserzeit bestehen, aber die Verwaltung der Provinzen wird wegen der kaiserlichen Kontrolle - zumindest bei 'guten Kaisern' - im ganzen ruhiger, zielbezogener und gleichförmiger, d. h. wohl auch korruptionsunanfälliger.

C. In der Kaiserzeit vom 3. - 6. Jht. n. Chr.

Dann tritt allerdings eine Wende ein. Zunächst wird infolge dieser Wende die Provinzialverfassung zu Beginn des 3. Jhts. n. Chr. mit der 'Constitutio Antoniniana' d. J. 211 n. Chr. insoweit in einem wichtigen Punkte geändert, als nunmehr der gesamten Bevölkerung der freien Provinzialen - mit Ausnahme der sog. 'dediticii' - das römische Bürgerrecht verliehen wird, Man wird gewiß an dieser Maßnahme nicht das Motiv übersehen, durch bürgerrechtliche Gleichstellung der Provinzialbevölkerung - die nach dem uns bekannten Gesetzestext ja ihren 'civitates' zugeordnet bleibt, zusätzlich auch gewisse für römische Bürger bestehende Steuerlasten (Erbschaftssteuer) aufzubürden, worauf Cassius Dio (Hist. Rom. 77, 9, 5) hingewiesen hat . Man muß sie aber wohl auch im Zusammenhang mit einer bereits im 2. Jht. - in langen und wiederholten Kriegen mit Parthern, Markomannen und Kaledoniern - zunehmenden Unsicherheit im Verhältnis zu expansions- und invasionsbereiten Nachbarn sehen. Auf dem Hintergund solcher Wahrnehmungen ist auch eine Absicht des Verordnungsgebers Caracalla anzunehmen, die Loyalität der Reichsbevölkerung in den Provinzen und insbesondere an den Grezen gegenüber dem Reiche zu befestigen.

Veranschaulichung: Text der Constitutio Antoniniana.12)

Ferner hat diese Regelung längerfristig wohl auch eine grundsätzlich bedeutsame Folgewirkung, die sich daraus ergibt, daß mit ihr die bisherige 'traditionelle' Begründung für eine steuer- bzw. tributrechtliche Unterscheidung zwischen römischen Bürgern einerseits und Provinzialen ohne römisches Bürgerrecht andererseits völlig entffällt. Dieser notwendigen Konsequenz der 'bürgerlichen Gleichberechtigung' wird spätestens durch die diokletianische Steuerrechtsreform Rechnung getragen. Ein einheitliches System einer 'capitatio - iugatio' macht schließt zwar Differenzierungen, was den Bürgerstatus betrifft, in einer insoweit einheitlich verfaßten römischen Reichsbevölkerung aus. In dieser entwickeln sich andererseits allerdings in der Folge um so größere andere Differenzierungen, insbesondere die zwischen wirtschaftlich gutgestellten Schichten und in Armut lebennder steuerbedrückter Landbevölkerung. Dies wird etwa am spätantiken System der massenhaft aus Steuergründen an den Boden gebundenen Kolonen deutlich.

Beachtenswert ist schließlich als indirekte Folge einer bürgerrechtlichen Gleichstellung der Reichsbevölkerung , daß die 'cives Romani' nunmehr allesamt auch als als 'subiecti' bezeichnet werden. Dieser Begriff verliert mit der Zeit seine inferiorisierende Bedeutung. Orosius (Historiae adversus paganos 3, 14, 10) etwa hat den - in seiner Zeit 'positiv' gewordenen - Bedeutungsinhalt des Begriffs 'subiectus' eindrücklich dokumentiert. In der Spätantike wird das Wort jedenfalls in einer ähnlich positiven politisch-affektven Bedeutung verwendet, wie späterhin jahrundertelang das deutsche Wort 'Untertan', das ja eine deutsche Übersetzung des lateinischen Wortes 'subiectus' ist.

Es folgen die kriegerischen Zeiten des 3. Jhts. n. Chr. und seiner 'Soldatenkaiser', mit ständigen, teilweise tiefreichenden und zerstörerischen Invasionen auswärtiger Völkerschaften auf römisches Reichsgebiet (Iren, Alamannen, Franken, Friesen, Sachsen, Markomannen, Wandalen, Gepiden und andere Goten, Sassaniden, Blemmyer und Mauren) und den ersten dauerhaften Territorialverlusten im mesopotamischen und armenischen (seit 238 n. Chr.), dakischen (seit 270 n. Chr.) und germanischen ( 233, 260 n. Chr.) Bereich.

Veranschaulichung: Karten 1) der Zeit der 'Soldatenkaiser' (3. Jh. n. Chr.) und 2) zur Neuorganisation des Imperium Romanum seit Diokletian (3., 4.und 5. Jht. n. Chr.). 13)

In dieser Epoche entwickelt sich eine für die spätere Antike charakteristische, bereits durch die Kriege des 3. Jhts. herausgeforderte außenpolitisch-militärische Defensivstruktur des Römischen Reiches. Diese Defensivstruktur mildert dennoch seinen militärischen, kriegsorientierten Grundcharakter nicht etwa, sondern verstärkt ihn noch.

Zum einen erscheint es noch mehr als bisher nötig, eine militärisch direkt zuständige, zu energischem Handeln fähige monarchische Allgewalt an der Spitze des Reiches zu haben, um eine Einheit des Reiches nach außen und gegen eventuelle Auflösungserscheinungen im Inneren zu sichern.

Sodann gibt es eine bedeutende militärorganisatorische Konsequenz , nämlich die Aufgliederung der Militärmacht in stehende, regional gebundene Grenzverteidigungstruppen einerseits und geignet dislozierte mobile Großverbände andererseits, welche eine offensive Defensive ermöglichen. Diese Struktur bringt noch größere militärische Finanzbelastungen für den Staat mit sich als die schon in den Epochen der römischen Expansion hohen Militärausgaben; denn es entfallen in einer im besten Falle statischen Defensive die einträglichen direkten und indirekten Eroberungsgewinne der Expansionsphase, und die Verteidigung kostet wegen der räumlichen Verteilung und Auf-Dauer-Stellung ihrer Anstrengungen mehr als der Angriff.

Eine wichtige Veränderung besteht schließlich darin, daß die Größe der gewachsenen politisch-militärischen Verantwortung an der Spitze im Gegenzug ihre häufige und am Ende dauernde Aufteilung auf mehrere größere Reichsteile mit sich bringt. Diese Veränderung beginnt mit der diokletianischen Reichsreform (i. J. 284 n. Chr.). Zwar bedeutet sie keine von römischer Seite herbeigeführte Aufteilung des Reiches, und es kommt nicht einmal zu längeren dauerhafteren Sezessionen bestimmter Reichsteile - Entwicklungen, die abstrakt-historisch durchaus denkbar gewesen wären. Vielmehr gehen alle Verluste römischer Territorialhoheit des 5. Jhts. n. Chr. im Westen auf kriegerische Landnahmen germanischer Völkerschaften oder auf die Beendigung der römischen Kaiserherrschaft durch Usurpation eines germanischen Militärführers in römischen Diensten zurück.

Auch die in späteren Jahrhunderten im byzantinischen Osten eintretenenden Territorialverluste beruhen allesamt auf kriegerischen Landnahmen nicht-römischer Völkerschaften (Bulgaren, Awaren, islamische Araber, Ungarn, Serben, Kroaten, Bosnier, Rum-Seldschuken).

Das alles bedeutet: Bis zu seinem Ende sowohl im Westen als auch im Osten behaupten die Vertreter der römischen bzw. byzantinischen Reichsgewalt prinzipiell den nach einem monarchischen Hoheitsprinzip verfaßten, militärisch-imperialen Charakter des Reiches, seine territoriale Einheit, seinen in kultureller, religiöser und 'friedenspolitischer' Hinsicht 'universellen Auftrag'. Die Existenz des römischen Reiches beruht bis zu seinem Ende auf einer extremen Belastung sozial inferiorisierter großer Teile der Bevölkerung mit den großenteils militärbedingten Kosten des Staates, ferner auf den Vorrechten einer in einem aktiven Sinne staatstragenden, staatsverwaltenden und wirtschaftlich besonders gut gestellten Oberschicht sowie einer erträglich lebenden loyalen Mittelschicht zumeist der Städte. Man kann also trotz relativ starker Veränderungen doch von einem gewissen Gleichbleiben der Grundstrukturen des Römischen Reiches in seinen eher defensiven Epochen sprechen.

III. Gründe für den Expansions- und Selbsterhaltungserfolg des dauernd und 'universell' kriegführenden Imperium Romanum (Beurteilung antiker Erklärungstypen).

Es sei nun die aufgrund der vorhergehenden Ausführungen naheliegende Frage gestellt , warum dieses - gerade dieses - für viele von ihm Betroffene gar nicht besonders attraktive, auf ständiger Kriegführung, harter Provinzialverwaltung und späterhin auf harter Steuerpolitik gegen die 'unteren' Bevölkerungsschichten beruhende - Modell staatlicher Organisation sich in der Antike dennoch historisch so erfolgreich durchsetzt und so dauerhaft behauptet. So erfolgreich, daß in späteren Epochen alle von der Antikentradition beeinflußten größeren Staatenbildungen im vorderorientalischen, afrikanischen und europäischen Bereich einschließlich der in der Neuzeit europäisch kolonisierten Erdteile auf irgendeine beachtliche Weise das römisch-imperiale Staatsmodell, zumeist in seiner kaiserzeitlichen Form, praktisch aufgegriffen, ja dessen oftmals nur all zu ideologische Selbstdarstellung als universell ausgelegter, Kulturvermittlungs- und Weltfriedenssicherungseinrichtung ideell wie selbstverständlich anerkannt und übernommen haben?

Ist der römische Staat dieser Form historisch zufällig so erfolgreich? Oder hat sich hier erstmalig eine auch sonst zur dauerhaften politischen Ordnung größerer, von mehreren Völkern auf der Welt bewohnter Territorien geeignete, ja möglicherweise unumgängliche Organistionsform gebildet? Wäre es anderereits, ernsthaft erwogen, nicht auch denkbar gewiesen, daß zum Beispiel ein in der Antike ja ebenfalls hervorgetretenes politisches Organisationsprinzip - nämlich das verfaßter Stadtstaaten und Volksstämme und ihrer Föderation oder prinzipiell friedlichen Interaktion - gegenüber dem Modell einer monarchisch beherrschten, militärisch gesicherten, auf 'universelle' - also 'imperiale' - Expansion ausgerichteten und in ihrer Binnenstruktur extrem ungleich belastenden staatlichen Ordnung historisch durchgesetzt' hätte?

Diese Fragen wurden auf diese oder jene Weise auch schon in der Antike gestellt, zumal sich ja der historische Expansionserfolg und die Dauer des Römischen Reiches von denen anderer antiker Reichsbildungen - denkt man etwa an die historisch etwas besser bekannten Reiche der Perser oder Alexanders und seiner Nachfolger - deutlich unterschieden. Antworten zur Erklärung der Unterschiede waren allerdings nicht leicht zu finden. Die folgenden Ausführungen sollen die erkennbaren Erklärungstypen vorstellen und kurz beurteilen.

Einmal wird in der Antike etwa wegen einer angenommenen historischen 'Einmaligkeit' des Geschehens eine götter- oder schicksalsbestimmte Besonderheit der römischen Reichsbildung hervorgehoben.Von dieser Art ist das Verständnis des Römischen Reiches, das bei Vergil in den vorher zitierten, von dem in der Unterwelt weilenden Anchises an Aeneas gerichteten, zukunftsenthüllenden Worten zum Ausdruck kommt: die sog. 'historische Bestimmung' Roms, Gesittung und Frieden durch Kriegführung und Weltbeherrschung zu schaffen.

Wir finden dieses Erklärungsmodell auch bei gelegentlich durchaus romkritisch und im übrigen nüchtern-politisch denkenden Geistern wie Plutarch (45 - 125 n. Chr.). In seiner kleinen Abhandlung über 'das Glück der Römer' (323) führt er etwa aus:

"Der große Schutzgeist Roms pflegte den Römern" [bei ihren bevorstehenden oder aktuellen Konflikten mit anderen Mächten, wie z. B. mit Philipp von Makedonien oder Hannibal] "eine kräftige günstige Briese zu schicken, nicht nur einen Tag lang und mit einer nur kurzfristigen Kraftentfaltung, wie das bei den Makedonen der Fall war, auch nicht nur einen Landwind wie bei den Spartanern oder nur einen Seewind wie bei den Athenenern, noch einen zu spät kommenden wie bei den Persern, noch einen zu schnell abflauenden wie bei den Karthagern. Dieser Geist nahm von seinem Anfang an an Reife und Macht zu, und zwar in der inneren und in der äußeren Politik, und so blieb er, bei allen Angelegenheiten zu Lande und zur See, im Krieg und im Frieden, gegenüber Barbaren und auch gegenüber den Griechen. ... Und er verließ Rom nicht einmal in Zeiten des größten Unglücks und der größten Unordnung." 14)

Dieses Zitat mag belegen, wie wirkungsmächtig eine die Schicksalsfügung betonende - d. h. historisch völlig ungenügende - Art des Erklärens der Reichsbildungsgeschichte Roms in der kaiserzeitlichen römischen Gesellschaft ist und für wie alternativenlos man sie selbst in historisch gebildeten Kreisen das Römische Reich hält.

Die zweite Art des Erklärens ist eine auf politisch-militärische Strukturen bezogene nach der Weise "die stärkere, besser organisierte, leistungsfähigere, bedachtsamer und einfallsreicher geführte Seite hat, auch wenn sie gelegentlich kriegerische Niederlagen erleidet, dennoch allen anderen gegenüber den historisch längeren Atem; sie wird nicht nur nicht erobert werden, sondern auf Dauer kriegerisch erfolgreich sein." Diese Position finden wir eindrucksvoll vertreten etwa in einem längeren Vergleich, den Livius zwischen der Kriegführung Alexanders und derjenigen der Römer (Ab urbe condita B. 9, Kap. 17 - 19) vornimmt. Die Kriegführung Alexanders sei zu sehr auf kurzfristigen, schnellen militärischen Erfolg gegründet gewesen, während die der Römer trotz aller gelegentlichen Probleme auf langen Kriegserfahrungen des Staates und optimaler Heeresorganisation sowohl auf der Führungsebene - dort im übrigen mit einigen Alexander durchaus ebenbürtigen Feldherren - als auch in Bewaffnung und Stärke der Heere beruht habe.

Trotz des hier vorliegenden Versuches, eine strukturelle Erklärung für den Expansions- und Selbstbehauptungserfolg des Imperium Romanum zu finden, erscheint der Erklärungsansatz doch zu einseitig von einem römisch-nationalen Leistungsbewußtseins geprägt, um überzeugend zu sein. Auch andere ähnliche Ansätze, etwa solche, die eher darauf hinaushehen, die kulturellen, politisch-organisatorischen und insbesondere 'friedensstiftenden' ('Pax Romana') 'Leistungen' des Imperium Romanum zur Erklärung heranzuziehen, erscheinen mehr von dem Stolz auf ein Ergebnis bestimmt, als von der methoischen Intention, dieses zu erklären.

Gibt es demgegenüber in der Antike Kritik an den Prinzipien des Aufbaus des römischen Reiches, welche in dieser Hinsicht weiterführen könnte, indem sie politisch oder moralisch negative Prinzipien des Reichsaufbaus feststellte und zugleich in ihrer Bedeutung für den Bestand des Reiches hervorhöbe?

Ein Beispiel dafür ist die gelegentlich geäußerte Kritik an dem Unterschied zwischen römischen Bürgern einerseits und Provinzialen andererseits. Der Status der Provinzialen ist, wie erwähnt, trotz oft mehrhundertjähriger Zugehörigkeit ihrer Provinzen zum Römischen Reich, gekennzeichnet von striktester, autoritärster, besatzungsregimeähnlicher Ausübung der römischen Regierungsmacht dort. Von hier aus könnte sich ja durchaus ein Erklärungsansatz finden lassen.

Plutarch gehört zu den Kritikern dieser Art. Er ist zwar ein Rom gegenüber loyaler griechischer Geist, der sich jedoch auch der 'früheren griechischen Freiheiten' im Bereich des politischen Lebens aufgrund seiner historischen Bildung vollauf bewußt ist. Er bringt um ungefähr 100 n. Chr. in seiner Schrift 'Politika Parangelmata' (824) die politische Friedhofsruhe in den Provinzen unter römischer Herrschaft zur Sprache - in einer bezeichnend vorsichtigen, ironisch-diplomatischen Weise:

"Der Politiker" [im Bereich der griechischen lokalen Selbstverwaltung] "wird" heutzutage] "seine Mitbürger immer wieder, zusammen oder einzeln, darauf hinweisen, daß sich die griechischen Angelegenheiten in einem Zustand der Schwäche (astheneia) befinden, in welchem es für den klugen Mann das Beste ist, den einzigen Vorteil zu akzeptieren, den ihm das öffentliche Leben bietet: ein Leben voller Harmonie und Ruhe. Denn welche Möglichkeiten politischer Betätigung und Entfaltung haben wir" [Provinzpolitiker] "schon? Was ist das schon für eine politische Macht, die ein klitzekleines Edikt des" [in der Provinz regierenden] "Prokonsuls mit sofortiger Wirkung aufheben und einem anderen übertragen kann? Eine politische Macht, die aber auch bei längerem Bestande nichts an sich hat, was der Mühe wirklich wert wäre [ouden spoudes axion echousa dynamis]? 15)

Dabei geht es hier nur um die Lokalpolitik und deren Honoratiorenschicht - und nicht etwa um die die breite Bevölkerung in ihrer Strenge oft besonders drückende Besteuerung.

Plutarch zieht jedoch aus seiner Kritik keine ausdrücklichen politischen Konsequenzen, weder in dem Sinne, daß er den latent kritisierten Zustand als wesentlich für den Bestand des Reiches, noch in dem Sinne, daß er ihn für abänderbar hielte. Vielmehr spricht er an anderer, früher zitierter Stelle voll Bewunderung oder Staunen von 'dem großen Schutzgeist Roms', also etwas historisch Unfaßlichem, und sieht offenbar keinerlei Zusammenhang zwischen diesem 'Unfaßlichen' in Roms Expansions- und Selbstbehauptungserfolg und der kriegsbedingten, militärischen und 'provinzverwaltenden' Struktur des römisch-imperialen Besatzungsregiments über die Welt.

Die deutlichste Form einer grundsätzlichen Kritik am Römischen Reich habe ich bei Augustinus gefunden. Lange nach der Gleichstellung der Provinzialen mit den römischen Bürgern in der Constitutio Antoniniana d. J. 211 n. Chr. bringt er sie in seiner Schrift 'De civitate Dei' (um 420 n. Chr.) zum Ausdruck, und zwar in kritischer Auseinandersetzung mit einer Reihe nicht-christlicher Historiker und Philosophen. Augustins Darlegungen sind vorwiegend kriegs- und expansionskritisch, und zwar unter der bestimmenden Grundidee, daß die Expansionskriege des Römischen Reiches nicht etwa gottgewollt und vernünftig gewesen seien, sondern letztlich nur ein Werk des Satan.

Augustinus schreibt (3, 9f. und 4, 3f.) - die folgenden Zitate sind gekürzt, um ihre kriegs- und expansionskritischen Grundgedanken hervortreten zu lassen -:

[3, 9f.] "In der langen Zeit von der Gründung der Stadt an bis zu Augustus erwähnen die Geschichtsschreiber wie ein Wunder jenes eine Jahr nach dem ersten Punischen Kriege, in dem die Römer die Pforten des Janustempels schließen konnten. Vielleicht erklärt man das so, daß das römische Reich eben nur durch anhaltende und stets aufeinanderfolgende Kriege sich so weit und breit ausdehnen und so hohen Ruhm erlangen können. Fürwahr, ein trefflicher Grund! Warum nur macht man sich so viel Unruhe, um großmächtig zu werden? Denken wir zum Beispiel an die Körperbeschaffenheit des Menschen. Ist es nicht wünschenswerter, mäßig groß, aber gesund zu sein, als unter beständigen Beschwerden zu riesenhafter Größe heranzuwachen und auch dann keine Ruhe zu finden, sondern von um so schwereren Übeln geplagt zu werden, je mehr die Gliedmaßen an Umfang gewonnen haben? ... Mußte denn wirklich, damit bloß das Reich sich so weit ausdehne, geschehen, was Vergil mit Abscheu folgendermaßen schildert: "Schlechter und häßlicher wurden nun allmählich die Zeiten, Kriegswut brach jetzt herein und unersättliche Habgier"?

Doch die Römer sagen zu ihrer Rechtfertigung wegen der vielen Kriege, die sie angefangen und geführt haben: nicht Ruhmsucht, sondern die Notwendigkeit, Wohlfahrt und Freiheit zu schützen, habe sie gezwungen, den leidigen Angriffen der Feinde Widerstand zu leisten. Mag sein" [solange es so war] . ... "Doch wie war es, wenn, wie etwa während der Regierung Numas, langer Friede herrschte: haben auch dann böse Nachbarn kriegerische Einfälle gemacht, oder geschah nichts dergleichen, sodaß der Friede hätte erhalten bleiben können?" ....

"Um dies leichter zu entscheiden wollen wir alles leere, windige Gerede beiseite und die Schärfe unseres Blicks nicht durch die hochtönenden Worte 'Völker', 'Königreiche', 'Provinzen' trüben lassen." .....

[4,3f.] "Was sind also" [grundlos expandierende] "Reiche, weil ihnen eben die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche. Auch da ist eine Schar von Menschen, die unter Befehl eines Anführers steht, sich durch Verbredung zu einer Gemeinschaft zusammenschließt und nach fester Übereinkunft die Beute teilt. Wenn dies üble Gebilde durch Zuzug verkommener Menschen so ins Große wächst, daß Ortschaften besetzt, Niederlassungen gegründet, Städte erobert, Völker unterworfen werden, nimmt es ohne weiteres den Namen Reich an, der ihm offenkundig nicht etwa hingeschwundene Habgier, sondern erlangte Straflosigkeit erwirbt. Treffend und wahrheitsgemäß war darum die Antwort, die einst ein aufgegriffener Seeräuber Alexander dem Großen gab. Als der König den Mann fragte, was ihm einfalle, daß er das Meer unsicher mache, erwiderte dieser mit freimütigem Trotz: 'Und was fällt dir ein, daß du das Erdreich unsicher machst? Freilich, weil ich es mit einem kleinen Fahrzeug tue, heiße ich Räuber. Du tust es mit einer großen Flotte und nennst dich Herrscher.' " 16)

Diese freimütige und grundsätzliche Kritik an etwas, das Augustinus offensichtlich als Wesen des römischen Weltreichs begreift, hat zwei Hauptpunkte, nämlich

1. den Hinweis auf eine 'Ungerechtigkeit' der imperiumsbegründenden römischen Expansionskriege,

2. den Hinweis auf 'räuberische Züge' auch der Binnenordnung des römischen Reiches.

Sie lassen sich dabei insoweit als Ansätze einer Erklärung verstehen, als sie auf negativ zu bewertende Zustände hinweisen, die dem Römischen Reich nach Augustins Meinung Dauer verleihen. Allerdings führt dabei die Annahme, dies erkläre sich aus ihrem Charakter als 'Teufelswerk', historisch nicht weiter.

Damit ist der Kreis antiker Erklärungsversuche, was den römisch-imperialen Expansions- und Selbstbehauptungserfolg betrifft, umschritten. Wirklich andere antike Erklärungsmodelle gibt es m. W. nicht, und wir sind deswegen - ähnlich wie gegenüber manchen Herrschaftsphänomenen anderer Epochen und auch unserer Gegenwart - darauf angewiesen, uns abseits weit verbreiteter oder sonst herrschender Erklärungsversuche, soweit sie zu systemkonform-einseitig oder intellektuell zu gutgläubig sind, aufgrund eigener historischer Tatsachenfeststellung und ihrer historisch-theoretischen Deutung eine möglichst widerspruchslose und umfassend erklärende Antwort auf sinnvoll gestellte Fragen selbst zu geben.

Bei dieser Arbeit können uns, was die zuvor gestellte Frage nach dem historischen Expansions- und Selbsterhaltungserfolg des Römischen Reiches betrifft, wie es scheint, antike Selbstdarstellungen römischer Regierungspolitik nützlich sein, die, ohne daß sie irgendeine historische Erklärungsabsicht hätten, zumindest in ihrem freimütigen Stolz und ihrem - wie selbstverständlich - zweifelsfreien politischen Selbstbewußtsein ihre tragenden Motive und Ziele gut erkennen lassen. Zu ihnen gehört der 'Tatenbericht des Augustus', der insoweit nun abschließend und exemplarisch erörtert sei. 17)

Wenn irgendwo, so können wir am ehesten wohl hier einige zumeist eher ungenannte Motive und Kräfte angesprochen finden, die den Expansionserfolg und die Selbstbehauptungsdauer des Imperium Romanum zumindest stark mitbedingen. Sie liegen in der innenpolitischen Absicherung einer Kriegseroberungs- und Provinzialpolitik durch eine 'politische Führungselite' und eine bevorrechtigte römischen Bürgerschaft. Betrachtet man vergleichend auch andere antike Reichsbildungen, so ist es offenbar nötig, reicht aber andererseits auch aus, für die innere politische Stabilisierung eines Reiches von der Größe des Imperium Romanum von Regierungs wegen einen nur begrenzten Kreis von Institutionen und einen relativ kleinen Bevölkerungsausschnitt aus der gesamten Reichsbevölkerung so nachhaltig zu überzeugen und interessenvertretend so zu gewinnen, daß die Führung von Expansionskriegen und die Verwaltung benachteiligter Provinzialterritorien von dort aus eigenaktiv oder zumindest besonders loyal unterstützt wird. Dieses Modell einer Erklärung legt uns Augustus' Tatenbericht nahe. Sehen wir im einzelnen, was er insoweit sagt.

Zunächst gibt Augustus zu bzw. bekennt stolz, daß er viele Kriege geführt und dadurch den Provinzialbesitz des römischen Volkes sehr gemehrt habe (Augustus, Res gestae 3 und 26):

[3] "Kriege zu Wasser und Land gegen innere und äußere Feinde habe ich auf dem ganzen Erdkreis oftmals geführt, und als Sieger habe ich allen Mitbürgern, die um Gnade baten, Schonung gewährt. Auswärtige Völker, denen man ohne Bedenken Verzeihung gewähren konnte, habe ich lieber erhalten als ausrotten wollen." ...

[26] "Das Gebiet aller Provinzen des römischen Volkes, die Volksstämme zu Nachbarn hatten, die nicht unserem Befehl gehorchten, habe ich vergrößert. ... Mit keinem Volk wurde widerrechtlich Krieg geführt."

Damit ist nach der Stellung im Text und sachlich aus Augustus' Perspektive deutlich ein Hauptstück kaiserlicher Politik angesprochen. Dabei ist es das Bemühen des Kaiser, seine Kriegs- und Expansionspolitik als nötig, vernünftig und gerecht darzustellen. Er wirbt mit solchen Ausführungen, wie es scheint, primär um ihre gemeinschaftsstiftende Anerkennung in der stadtrömischen Öffentlichkeit, und zwar sowohl durch die dortige senatorisch-ritterliche Oberschicht als auch durch das römischen Stadtvolk. In zweiter Linie sind römische Bürger angesprochen, die - etwa als Veteranen, sonstige Kolonisten oder Handelsleute in den römischen Provinzen leben. Die Aufstellung des 'Tatenberichts' sowohl in Rom als auch an Zentren des Rom- und Kaiserkultes in einigen Provinzen, wie sie die Archäologie ermittel hat 18) - spricht dafür bzw. widerlegt diese Annahme nicht.

Als ein zweiter Hauptbereich kaiserlicher Regierungsselbstdarstellung lassen sich die Wohltaten benennen, die er den genannten Ansprechpartnern hat zugutekommen lassen. Dabei geht es zu einem großen Teil um finanzielle Aufwendungen erheblicher Größenordnung. So hebt der nicht von Augustus stammende Nachtrag zu den 'Res gestae' den Gesamtbetrag der Summe hervor, den Augustus zu seinen Lebzeiten für öffentliche Belange eingesetzt habe:

"Summa pecuniae, quam dedit vel in aerarium vel plebi Romanae vel dimissis militibus: denarium sexiens milliens" ("Die Gesamtsumme des Geldes die er für die Staatskasse, das römische Volk oder die Veteranen ausgab, betrug 600 Millionen Denare."

Dabei geht es hier, das ist zu unterstreichen, nicht um einen Betrag, den Augustus aus dem 'aerarium', der allgemeinen Staatskasse entnommen hätte, sondern den er als kaiserlicher Imperator aus einem sog. 'patrimonium' - d. h. aus 'eigenen' von ihm für solche Ausgaben vorgesehenen, ausschließlich ihm politisch konzedierten, 'quasi-privat' verfügbaren Mitteln - für diese und für andere öffentliche Zwecke bereitgestellt hat.

Über Einzelheiten dieser Ausgaben erfahren wir folgendes. Zunächst:

"In Privatinitiative und mit privaten Mitteln" ("privato consilio und privata impensa")

habe Oktavian zu Beginn seiner politischen Karriere eine Privatarmee aufgestellt.

Der spätere Augustus, so betont der Bericht, habe Veteranenkolonien in Afrika, Sizilien, Makedonien, Spanien, Griechenland, Kleinasien, Syrien und Gallia Narbonnensis sowie in Itailien - dort 28 - angelegt, persönlich 300000 Veteranen in Neugründungen angesiedelt und ihnen Ackerland oder eine Geldremuneration zugewiesen. Für den Erwerb entsprechender Grundstücke in Italien habe er 600 Mill. Sesterzien, in den Provinzen 260 Mill. Sesterzien aufgewandt. Den Ansiedlern unter seinen Soldaten - etwa 120000 - habe er pro Kopf 1000 Sesterzien aus der Kriegsbeute ("ex manibiis") ausgezahlt. Für andere, in ihre Heimat zurückgekehrte Veteranen habe er als Lohn insgesamt 400 Mill. Sesterzien aufgewandt.

Gelegentlch habe er für die gesamte Bürgerschaft in Rom auf eigene Kosten ("impensa et cura mea") die Getreideversorgung organisiert. Ferner habe er dort 12mal aus seinem Privatvermögen Getreidespenden bezahlt, die an das Volk ausgeteilt worden seien, und einmal Geld in Höhe von 60 Denaren für diesen Zweck an 200000 empfangsberechtigte Bürger direkt.

Dem Volk in Rom -

"niemals weniger als 250000, manchmal bis zu 320000 Menschen"

- habe er mehrmals Geldspenden zukommen lassen: zunächst eine testamentarische Zuwendung Caesars in Höhe von pro Kopf 300 Sesterzien, ferner aus eigenem erebten Vermögen oder aus Kriegsbeute dreimal 400 Sesterzen und einmal 60 Denare. Späterhin habe er weitere Getreidespenden finanziert oder manchmal mehr als 100000 Bedürftigen aus eigenen Vorratslagern zukommen lassen

Viermal habe er mit eigenem Vermögen ("pecunia mea") die Staatskasse aufgefüllt ("aerarium iuvavi"), mit einem Kostenaufwand von insgesamt 150 Mill. Sesterzien. Zu der auf seine Initiative eingerichteten Militärkasse ("aerarium militare") habe aus seinem Vermögen ("ex patrimonio meo") 170 Mill. Sesterzien beigesteuert.

Zahlreiche Bauprojekte repräsentativen und allgemeinnützlichen Charakters (Kurie, Forum, Basilika, zahlreiche Tempel - insgesamt 82 -, etwa des Juppiter, der Minerva, der Juno, der Magna Mater u. a., ferner das Pompeius-Theater und mehrere Wasserleitungen habe er mit großem Aufwand neu herrichten oder erbauen lassen. Für die Erneuerung zahlreicher Straßen und Brücken habe er ebenfalls 'eigene Mittel' eingesetzt. Die Grundstücke für größere Baumaßnahmen habe er manchmal selbst bereitgestellt, manchmal aus Kriegsbeute bezahlt. Weihgeschenke für Tempel hätten ihn zusammen 100 Mill. Sesterzien gekostet.

Ebenfalls selbst finanziert ("meo nomine dedi") habe er öfters großangelegte Spiele unter aktiver Beteiligung tausender Menschen und Tiere und sonstigem großen Aufwand.

Der Tatenbericht gibt im wesentlichen nicht an, woher die von Augustus staatshaushaltsähnlich eingesetzten Mittel stammen. Manchmal ist von Kriegsbeute (manibiae) die Rede. Einmal erfahren wir, daß Augustus während seiner Regierungszeit dreihundert größere Schiffe gekapert habe. Ein anderes Mal ist zu lesen, daß er ihm von Gesandtschaften italischer und provinzialer Kolonien ehrenhalber angebotenes 'Kranzgold' (aurum coronarium) in Höhe von immerhin 35000 Pfund Goldes nicht angenommen habe. Wie sich sein 'patrimonium', das offenbar solcher Zuschüsse nicht bedarf, aber sonst gebildet hat - oder auch das von Caesar an ihn verebte Vermögen - ist leider nicht Gegenstand des Berichts.

Gerade deswegen dürfen und müssen wir jedoch als selbstverständlich annehmen, daß Augustus während seiner Regierungszeit ständig Mittel zur politisch-persönlichen Verfügung hat, die den Umfang des römischen Staatshaushalts (i. S. von 'aerarium', s. o.. Res gestae 17) erreichen, ja diesen, der ja gelegentlich von Augustus aufgefüllt werden muß, sogar übersteigen. Wir müssen ferner annehmen, daß der Imperator diese Mittel aus nichts anderem als aus seiner politischen und militärischen Tätigkeit bezieht. Ebenso aber wie Augustus seine Prinzipatsstellung als eine 'eigenmächtige' und zugleich 'politisch verantwortliche', also nicht eigentlich als 'private' versteht, so dürfte er auch die von ihm beanspruchten und erzielten Einkünfte sei es aus der Beute seiner zahlreichen Kriege, sei es aus den Tributen der zahlreichen römischen Provinzen, sei es aus Schenkungen römischer Bürger oder den Überweisungen römischer Behörden, nicht eigentlich als 'Privatvermögen', sondern als 'persönliches Vermögen mit politischer Zweckbestimmung' verstehen. Dies ist es jedenfalls, was er in den 'Res gestae' als 'mea pecunia' oder 'patrimonium meum' bezeichnet.

Der Tatenbericht des Augustus macht so akzentuiert deutlich, daß das Wohl und Wehe des römischen Bürgervolkes von seiner kaiserlichen Politik abgehangen habe und von einer solchen Politik auch in Zukunft abhängen werde, und daß ferner eine wesentliche Basis dieser bürgerfreundlichen Politik ihre Finanzierung aus den - der Kriegführung und den Provinzialtributen entstammenden -Mitteln des Kaisers sei.

Nicht erwähnt sind dabei verständlicherweise die Parteigänger des Kaisers in Verwaltung und Politik und die durch seine Politik sonst Begünstigten, d. h. die - wie schon vor der Kaiserzeit - begünstigten Angehörigen der Senatoren- und Ritter-Klasse, und darüber hinaushinausgehend generell der 'publicani', solange es sie gibt. Die vom Kaiser direkt oder indirekt vermittelte Fähigkeit zur politischen Karriere und zur Bildung großer Vermögen macht sie vermutlich ohne eine öffentliche Überzeugungsarbeit zu Anhängern seiner Politik.

Kaum erwähnt ist auf der anderen Seite auch die Mehrheit der Bevölkerung des Römischen Reiches, nämlich die provinziale Reichsbevölkerung. Kaum je ist im 'Tatenbericht' ist - bezeichnenderweise, wie es scheint - die Rede von kaiserlichen Wohltaten für die provinziale Bevölkerung - wie ausnahmsweise etwa in Nr. 24 für die Privinz Asia. Nach Schätzungen für die augusteische Epoche betrug die Gesamtbevölkerung des Reiches aber ungefähr 40 Millionen, und nur knapp 5 Millionen von diesen - so auch der 'Tatenbericht' (8) - waren, , römische Bürger.19)

Die römischen Bürger machten also zur Zeit des Augustus ein Achtel der Gesamtbevölkerung des Reiches aus. Neben anderen, wie vorher skizziert, schon in der Antike hervorgehobenen Faktoren verlieh dieses Achttel, so dürfen wir annehmen, richtig umworben und politisch-militärisch organisiert, dem Römischen Reich seine innere Stabilität und Dauer. Zumindest kann dieses in Augustus 'Tatenbericht' angesprochene Moment gut zur Erklärung des Erfolgs und Stabilität des kaiserzeitlichen Modells des Imperium Romanum in seiner expansiven Phase dienen.

IV. Thesen zur Diskussion.

1) Die in den Kriegen der Kaiserzeit nach antikem Kriegsrecht von römischer Seite in großem Umfang erworbene Beute - im hier verwendeten weiten Sinne des Wortes - bereichert zunächst einmal direkt den römischen Staat - die Staatskasse -, den kaiserlichen Imperator - als Verfügungsberechtigten über spezielle kaiserliche Kassen, wie fiscus und patrimonium Caesaris, und als Privatperson -, die militärischen Feldherren und ihre politisch-militärische Begleitung aus senatorischem und ritterlichem Stande je nach Verdienst sowie die, die beuteberechtigten Offiziere und Soldaten nach ihren verschiedenen Rängen und Verdiensten. Dies motiviert verschiedene Schichten einer staatstragenden römischen Bevölkerung wenigstens teilweise, sich für erfolgversprechende Kriege einzusetzen und selbst daran zu beteiligen.

2) Das römische Provinzialsystem faßt seit seiner Entstehung den fast durchweg aufgrund siegreich geführter Kriege zusammengekommenen Territorialbesitz des Römischen Reiches zusammen. Es bevorrechtigt indirekt einen kleinen Teil der Bevölkerung des Römischen Reiches, nämlich den 'populus Romanus': Die Provinzialbevölkerung hat in der Expansionsphase des Römischen Reiches generationenlang den Status einer kriegsunterworfenen Bevölkerung ('subiecti') mit geringen politischen Rechten und hohen Tributverpflichtungen. Die provinzialen Trubute speisen den römischen Staatshaushalt, insbesondere was seine hohen militärischen Kosten betrifft, und stellen die Gesamtheit der 'römischen Bürger', die sich in ihren Rechten deutlich von den Provinzialen unterscheiden, weitgehend von entsprechenden Belastungen frei. Insoweit besteht ein 'Interesse' des Volkes 'römischer Bürger' an der der Aufrechterhaltung der traditionellen römischen Ordnung und an dem Erwerb weiterer Provinzen.

3) Wie für die republikanische Zeit in der von Cicero (In Verrem) anschaulich gemachten Weise, so dürfte es auch in der Kaiserzeit Korruption und gesetzeswiderige Selbstbereicherung römischer Amtsträger in den Provinzen zu Lasten der dortigen Bevölkerung in nennenswertem Umfang geben. Eine große Belastung für die Provinzialbevälkerung stellt ferner die 'Privatisierung' der staatlichen Steuer- und Dienstleistungseintribung in den Händen privatunternehmerisch tätiger 'Staatspächter' (publicani) dar. Auch hier sind materielle Interessenr, zumeist einflußreicher und wohlhabender römischer Bürger anzunehmen, nämlich an der Aufrechterhaltung und Erweiterung einer insoweit ausbeutbaren Provinzialordnung, .

4) Die 'Legitimation' der Kriegführung in einer, soweit vorhanden, 'römischen Öffentlichkeit' setzt faktisch nicht mehr als ihre Unterstützung durch einen ausreichend großen, einflußreichen und politisch-militärisch organisierbaren Teil der Bevölkerung voraus. Dieser ist braucht quantitativ nur einige Millionen groß und kann im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung völlig minoritär sein (zur Zeit des Augustus schätzungsweise 5 Mill. bzw. 1/8 der Reichsbevölkerung).

5) Die Transformation des römischen Provinzialsystems seit der 'Constitutio Antoniniana' und der diokletianischen Steuerreform (capitatio - iugatio) des 3. Jhts. n. Chr. verbindet sich mit dem Beginn einer 'defensiven' Phase römischer Reichspolitik, die bis zum Ende der römischen Antike andauert. In den Jahrhunderten dieser Zeit gehen einige für die dominanten Schichten der römisch.imperialen Gesellschaft gegebenen 'Vorteile' der vorherigen Phase imperialer Expansion verloren - insbesondere die Möglichkeiten des beutemachenden Expansionsgewinns und der Ausbeutung einer vorwandartig in einem Kriegsunterworfenenzustand gehaltenen Bevölkerung provinzialer 'subiecti'. Es bleiben aber erhalten die Merkmale eines auf dauernder Kriegführung beruhenden, seine Provinzen mit äußerster Konsequenz verteidigenden und ggf. zurückerobernden Staates, der Existenz einer begünstigten, staatstragenden Minorität der Reichsbevölkerung und der Aufbürdung der gewachsenen Staats- und Kriegskosten auf eine Majorität rechtlich inferiorisierter dienst- und steuerabgabeverpflichteter Reichsangehörigen nach dem Muster des 'bodengebundenen Kolonats'.

6) Nicht nur auf eindrucksvollen, machmal allerdings deutlich ideologischen Formen der Selbstdarstellung ('Pax Romana') beruht die historische Nachwirkung des Modells, welches das kaiserzeitliche Imperium Romanum sowohl in seiner expansiven als auch noch in seiner defensiven Phase darstellt, sondern auch auf seiner praktisch-politischen Verwendbarkeit bei der Konstruktion von Reichsbildungen, die dem Römischen Reich historisch nachfolgten. Das kriegerische, minoritär dominierte und provinzverwaltendeWesen des Römischen Reiches kann man zusammenfassend auch als 'römisch-antiken Imperialismus' bezeichnen. Diese Feststellung bedeutet, daß man in neuzeitlichen, 'modernen' Formen eines 'Imperialismus' nicht nur etwas historisch Neues, sondern durchaus auch etwas in einer wirkungsgeschichtlichen Tradition von der Antike her Stehendes zu sehen hat.


1) Text eines Vortrages, gehalten am Seminar für Alte Geschichte der Universität Mannheim am 10. Juli 2006. Wiedergegeben sind der vorgetragene Text selbst in ausgearbeiteter Form und die zur mündlichen Veranschaulichung einer grundsätzlichen Gedankenführung nötig erscheinenden Quellenstellen, Literaturbelege und Materialien. Eine explizite Auseinandersetzung mit einigen besonders einschlägigen und beachtlichen Werken der alt- und rechtsgeschichtlichen Literatur war bei dieser Gelegenheit nicht möglich; d. h. sie steht noch aus.

2) Zum Kriegführungsrecht und zum Recht kriegerischer Okkupation und Annexion heute: Eberhard Menzel, Völkerrecht, München und Berlin 1962, S. 337 ff. (Verbot des Angriffskriegs), S. 169 ff., 377 ff., (Okkupation, Annexion), Knut Ipsen, Völkerrecht. 5. völlig neu bearbeitete Auflage. München 2004, S. 1195 ff. (Bewaffneter Konflikt).

3) Hugo Grotius, De Jure Belli ac Pacis. Libri tres. Drei Bücher vom Rechte des Krieges und des Friedens. Paris 1625. Nebst einer Vorrede von Christian Thomasius zur ersten deutschen Ausgabe des Grotius vom Jahre 1707. Neuerer deutscher Text und Einleitung: Walter Schätzel, Tübingen 1950, 2. Buch (ius ad bellum), S. 135 ff. und 3. Buch (ius in bello), S. 419 ff.; S. 462 ff. (Erwerb des Eigentums an den im Kriege erlangten Sachen).

4) Hugo Grotius, S. 599 - 632 (Anmerkungsverzeichnis); Auszug S. 618 f. Siehe auch die Zusammenstellung der von Grotius aufgeführten Autoren [vor allem aus der Antike], S. 633 - 641.

5) Zu Karneades und Cicero: F. Ricken, Antike Skeptiker,1994, S. 53 ff.

6) Das 'Recht des Stärkeren' wird in der Antike zwar schon von Sophisten wie Gorgias von Leontinoi in den Mittelpunkt ihres politisch-philosophischen Denkens gestellt (Helena 6). Dennoch benötigen die prominenten antiken Theoretiker der 'besten Staatsverfassungerfassung' wie Platon, Aristoteles und Cicero diese Idee offenbar weder für die systematische Begründung eines Begriffes staatlicher Hoheit ('Souveränität' im Sinne der Staatstheoretiker der frühen Neuzeit) noch erst recht für die systematische Begründung eines staalichen Kriegsführungsrechts. In der Antike bleibt es wohl aus diesem Grunde bei den bekannten begrifflichen Unschärfen in den Fragen nach dem Wesen des Staates und nach den kriegführungsberechtigten Einrichtungen.

7) Karte entnommen aus: Großer Altlas zur Weltgeschichte. Hg. und bearbeitetet von H.-E. Stier u. v. a., Westermann-Verlag, Braunschweig - Sonderausgabe Orbis-Verlag, München 1990. S. 28.

8) Vergil, Aeneis. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden 1943. S. 186 f. (Sechster Gesang, 821 - 826).

9) Deutsche Übersetzung aus: M. Tullius Cicero, Reden gegen Verres, übersetzt und herausgegeben von Gerhard Krüger, 1. Rede, 2, S. 7

10) Abb. eines 'Militärdiploms' d. J. 71 n. Chr., entnommen aus: Fontes Iuris Romani Antejustiniani (FIRA). Pars prima: Leges. Iterum edidit Salvator Riccobono, Florenz 1968. S. 228.

11) Karte entnommen aus: Großer Altlas zur Weltgeschichte. Hg. und bearbeitetet von H.-E. Stier u. v. a., Westermann-Verlag, Braunschweig - Sonderausgabe Orbis-Verlag, München 1990. S. 34; technische Bearbeitung für den Gebrauch als OH-Folie.

12) Textedition der 'Constitutio Antoniniana' entnommen aus: Fontes Iuris Romani Antejustiniani. Pars prima: Leges. Iterum edidit Salvator Riccobono, Florenz 1968, S. 447 - 449

13 Karten 'Römisches Reich im 3. Jht. n. Chr.' und 'Römisches Reich in der Spätantike' entnommen aus: Großer Altlas zur Weltgeschichte. Hg. und bearbeitetet von H.-E. Stier u. v. a., Westermann-Verlag, Braunschweig - Sonderausgabe Orbis-Verlag, München 1990. S. 42 und 42/43 (technische Bearbeitung der letzteren für den Gebrauch als OH-Folie).

14) Übersetung des Plutarch-Textes - aus der Edition Plutarch, Peri tes ton Romaion tyches (323), in: Plutarch's Moralia, vol. 4, ed. and transl. by Frank Cole, Cambridge (Mass.) 1962, S. 365 - ins Deutsche: Christian Gizewski.

15) Übersetung des Plutarch-Textes - aus der Edition Plutarch, Politika Parangelmata (824), in: Plutarch's Moralia, vol. 10, ed. and transl. by Harold North Fowler, Cambrdige (Maas.) 1960, S. 293 - ins Deutsche: Christian Gizewski.

16) Deutsche Übersetzung nach: Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat (De civitate Dei), 2 Bde. (Buch 1 - 10 und Buch 11 - 22). Aus dem Lateinischen übertragen von Wilhelm Thimme. Eingeleitet und kommentiert von Carl Andresen, Bd. 1, München 1977, S. 121 - 123 und S. 171 - 174.

17) Deutsche Übersetzung der verschiedenen folgenden Zitate aus dem 'Tatenbericht' nach: Augustus, Res gestae - Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinisch, griechisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1980.

18) Zu den Fundstätten von Abschriften des 'Tatenberichts in den Provinzen: Nachwort M. Giebel zur Textedition wie Anm. 17), S. 80 f.

19) In mindestens dieser Größenordnung hat J. Beloch, Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, 1886, die Bevölkerung des gesamten römischen Reiches eingeschätzt. Über die Zählungen der römischen Bürger, deren letzte ungefähr 5. Mill. beträgt, äußert sich der 'Tatenbericht' des Augustus.

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