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Zu Hans-Werner Goetz / Karl-Wilhelm Welwei (Hrsg): Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich.

Quellen der Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr. Erster und zweiter Teil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1995, 783 S.

Von Christian Gizewski.

Ausgangsversion einer mit kleineren Kürzungen in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft44/1996 (H. 5), S. 453 - 546 veröffentlichten Rezension.

 Klappentext der Neuerscheinung.

Die vorliegenden beiden Teilbände bilden zusammen Band 1 a der 'Ausgewählten Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein-Gedächtnis- Ausgabe' (begründet von Rudolf Buchner und fortgeführt von Franz-Josef Schmale). In mittlerweile 25 Bänden präsentierte die Reihe seit Ende der 50er Jahre bislang - beginnend bei der 'Frankengeschichte' Gregors von Tours und endend bei den Reformkonzilien des 15. Jhts. - verschiedenartige neubearbeitete Quellenkomplexe des Mittelalters für die zeitgenössische historisch-wissenschafliche Bildung. An den Anfang der Gesamtreihe tritt jetzt ein althistorischer Quellenkomplex, der - so betrachtet - weder der deutschen noch der mittelalterlichen Geschichte zugehört. Vielmehr enthält er die antiken Quellen lateinischer und griechischer Sprache über die 'Germanen', und dies 'auch nur' bis zum Jahre 238 n. Chr. Die spätantiken Quellen zur Germanengeschichte sind einem Band 1 b vorbehalten.

Die Herausgeber, H.-W. Goetz (Prof. für Mittelalter-Geschichte, Universität Hamburg, zuständig für Auswahl und Bearbeitung der lateinischen Quellentexte) und K.-W. Welwei (Prof. für Alte Geschichte, Universität Bochum, zuständig für die griechische Quellentexte) begründen diesen Ausgriff in ihrer Einleitung (Tbd. 1, S. 2 ff.) wie folgt:

a) Bereits im Spiegel der lateinisch-griechischen Quellen der römischen Zeit seien Formen sozialer Schichtung und politischer Organisation bei den "Barbaren"-Völkern erkennbar, die späterhin in den mittelalterlichen Institutionen - etwa im Sippen- und Gefolgschaftswesen oder im Königtum - fortwirkten.

b) In der Entwicklung einer mittelalterlich-"abendländischen" Kultur seien neben den vorchristlich-antiken und den christlich-spätantiken Momenten speziell diejenigen germanischer Herkunft von dauerhaftem und maßgeblichem Einfluß.

c) Die lateinisch-griechischen Quellen über die Germanen hätten spätestens seit der Zeit des Humanismus - mit der Auffindung der 'Germania' des Tacitus - ein deutsches Geschichtsbewußtsein entscheidend bestimmt.

Anliegen der Herausgeber ist es, eine auf der Basis der gegenwärtigen Forschungsstände ausgearbeitete Quellen-Zusammenfassung über die Germanengeschichte zu geben, die in der Form konzentriert ist und doch den wissenschaftlichen Unterbau enthält. Sie tun dies auch mit der ausdrücklichen, allerdings nicht näher ausgeführten Absicht, "verbreitete Vorurteile auszuräumen" und "das Wissen auf den gesicherten Bestand zu reduzieren" (S. 3). Zumindest wohl was den wissenschaftlichen oder allgemeingebildeten Bestand des gegenwärtigen historischen Bewußtseins betrifft, will das erkennbar verschiedenen in Deutschland traditionellen, scheinhaften Verankerungen nationaler Stereotype in der Germanengeschichte ("Mythos der Germanengeschichte", S. 3) begegnen, welche meist auf die Quellen über die Varus-Schlacht oder die taciteische 'Germania' zurückgehen. Doch sei in diesem Zusammenhang auch an die Wirkungsgeschichte entgegengesetzter - also negativer - Stereotype über 'die Deutschen' mit hin und wieder ebenfalls althistorischer Scheinbegründung erinnert ("Die Deutschen zerschlugen die lateinische Zivilisation in der Schlacht von Adrianopel im Jahre 378 ... Sie machten den Krieg zu ihrem Beruf ... Wo sie hintraten, starb die Kultur ab. Sie plünderten ... Dutzende ... Städte, die dann in späteren Generationen erneut von ihren kriminellen Nachfahren heimgesucht wurden" - L. Nizer, What to do with Germany?, Chicago 1944 2. , S. 23 [übers. vom Rez.]). Daß sich die Sammlung auf die literarischen Quellen als immer noch "entscheidende Grundlage" für das heutige Wissen über die Germanengeschichte konzentriert - trotz der Bedeutung, die die heutige archäologische Forschung für ihre Ergänzung oder Korrektur hat - (S. 4), ist zwar ein wenig zu bedauern, wird aber durch einige gleich zu nennende Vorteile ausgeglichen.

Auch wenn bereits zwei - in vielem anders konzipierte - übersetzte Quellensammlungen zur germanischen Geschichte zur Verfügung stehen, nämlich die von W. Capelle (1929, 1937 2 , ohne altsprachliche Texte, mit den Quellen aus der Spätantike) und die von J. Herrmann herausgegebene (1988 - 1991, mit 4 Bänden weiter angelegt, die spätantiken Quellen einschließend), ist die modernisierte und konzentrierte Form der neuen Quellen-Präsentation hervorzuheben. Es beginnt bei der angemessen vereinfachten Darbietung wissenschaftlich aktueller altsprachlicher Editionstexte und einer im Rahmen der üblichen Übersetzungsprobleme (Tbd. 1, S. 27) durchweg klaren und sachgerechten Übersetzungssprache. Ein übersichtlich aufgebautes Verzeichnis der in der Quellensammlung vertretenen antiken Autoren und Werke, ein sorgfältig erstelltes und gegliedertes Quellenregister, eine sinnvoll konzentrierte Übersicht über die bei Bedarf heranziehbare althistorische, altphilologische und archäologische Literatur und nicht zuletzt ein gut gegliedertes, leicht handhabbares Stichwort- und Namensverzeichnis ('Stämme', 'Personen', 'Geographie', einschlägige Sachgebiete von 'Bodengestalt' über 'Heerwesen' bis 'Verkehr') vervollkommnen das Quellen-Erschließungssystem.

Die Anordnung der Quellen nach den gewählten Referenzthemen erleichtert die Zusammenschau des für die heutigen größeren historischen Schwerpunktinteressen jeweils wichtigen Quellenmaterials. So finden sich unter "Geographie Germaniens und Ethnographie der Germanen" (Kap. 1, 1. Tbd.) alle insoweit wichtigen und immer wieder benutzten 'grundlegenden' Quellentexte von Caesar, Strabon, Plinius d. Ä., Tacitus und Ptolemaios - und manche andere - an einer Stelle leicht vergleichbar nebeneinander. Weitere Schwerpunktbildungen sind die Überlieferung über Kimbern und Teutonen (Kap. 2, 1. Tbd.), die Quellen über Caesars Konfrontation mit den Germanenstämmen im gallischen Raum (Kap. 3, 1. Tbd.) und über die Germanienpolitik der ersten Jahrzehnte des Prinzipats (Kap. 4, 2. Tbd.). In diesen - nochmals thematisch untergliederten - Schwerpunkten dominieren die 'prominenten' Werke etwa von Caesar, Tacitus, Velleius Paterculus und Cassius Dio mit ihren zusammenhängenden und längeren Darstellungen. Die folgenden Schwerpunkte hatten dagegen - sieht man von Tacitus' ausführlicher Schilderung des Bataveraufstands im Jahre 69/70 n. Chr. ab - aus vielen recht verschiedenartigen, meist kürzeren, für manche Zeiten zwischen den Jahren 20 und 238 n. Chr. auch sporadisch werdenden Quellen sinnvoll auszuwählen. Vertreten sind öfters solche aus Frontin, Festus, den Cassius-Dio-Epitomen, der Historia Augusta, Aurelius Victor, Herodian und Eutrop; doch auch einige Dichter und Inschriften. Kap. 5 (2. Tbd.) enthält die Quellen für die Epoche der Grenzkonsolidierung und Vorfeldsicherung von den letzten Jahren des Tiberius bis zu Antoninus Pius - d. h. für etwa 140 Jahre. In Kap. 6 (2. Tbd.) finden sich die Quellen zu den Markomannenkriegen Mark Aurels, und Kap. 7 (2. Tbd.) enthält die literarische Überlieferung zur beginnenden Auseinandersetzung mit den erstmals unter diesem Namen auftretenden Alamannen seit d. J. 211 n. Chr. Ein Anhang des 2. Teilbandes schließlich ist den Bastarnern gewidmet, einem spätestens für das 2. Jht. v. Chr. an der unteren Donau bezeugten Volk, das von einigen antiken Autoren teils den im 3. Jht. auf den Balkan vorgedrungenen Kelten, teils den steppennomadischen Sarmaten, vonTacitus und Plinius d. Ä. aber den Germanenvölkern zugerechnet oder zumindest nahegerückt wird und über dessen sprachgeschichtlich-ethnische Zuordnung auch die heutige Forschung noch keine Sicherheit hat gewinnen können. - Alle Schwerpunkte/Kapitel sind mit einer kurzen Einleitung in die zusammengestellten Quellen und ihre Referenz-Thematik versehen.

Die beiden Teilbände laden durch diese Vorteile zum gründlichen Quellenstudium ein. Immerhin sind es aber 330 Seiten altsprachlicher Text, die einen Kern antiker Überlieferung über die Germanenvölker darstellen - eine große Nachrichtenmenge, die eine Vielzahl von Auswertungs- und Kombinationsmöglichkeiten bietet. Manche der nicht wenigen zentralen Fragen an die Germanengeschichte ist trotzdem - oder deshalb - nicht befriedigend eindeutig zu beantworten. Über einige dieser Erkenntnisprobleme informieren prägnante Ausführungen der Einleitung (S. 5 - 25).

 

Wenn es auf die dort angesprochenen und weitere wichtige Fragen in der heutigen Forschung recht unterschiedliche Antworten gibt, so ist es auch hier eine der Hauptaufgaben einer Quellensammlung, den Deutungsrahmen erkennbar zu machen, den die Quellenüberlieferung für verschiedene Antworten läßt. Selbst für die uns so ferne Germanengeschichte gerät dieser allerdings auch heute manchmal unter einen emotionalen und/oder interessenbedingten Aktualitätsdruck, dem die Quellenkenntnis sinnvoll entgegenwirken kann, indem sie die Fragen einfach offen hält. Zwei Anwendungsexempel dafür:

1) War Arminius ein zur prinzipiellen Abwehr römischer Expansion entschlossener und deswegen nach seinem frühen Tode, wie Tacitus mitteilt, von den Barbarenvökern besungener "Befreier Germaniens" ("haud dubie liberator Germaniae" - Tacitus, ann. 2, 88) oder nach seiner - nur mit großer Mühe den Quellen abzuringenden - Biographie eher ein revoltierender "dux popularium" im römischenHeeresdienst, der wegen seiner vornehmen germanischen Herkunft zwar verschiedene Germanenstämme auf seine Seite ziehen konnte, aber eher nicht aus 'nationalen' Gründen, wie es D. Timpe in seinen Arminius-Studien (1970, S. 35 ff.. 49 ) als mögliche Deutung vertritt?

2) Führte die Route der mehrtägigen 'Varus-Schlacht' in ihrer letzten, zur Vernichtung der drei römischen Legionen führenden Phase, wie Tacitus (ann. 1, 60) schreibt, durch eine Gegend , die "Lupiam et Amisiam amnes inter" und " ad ultimos Bructerorum" liegt, oder ist z. B. der Ort Kalkriese am westlichen Wiehengebirge, dessen Lage vielleicht zu anderen Gefechten, etwa tiberischer Zeit ( z. B. ann. 1, 63 ff.) paßt, nicht aber mit der nach dem Wortlaut nur begrenzt deutbaren und relativ genauen geographischen Angabe über den "saltus Teutoburgiensis" bei Tacitus vereinbar ist, archäologisch als Ort der römischen Niederlage d. J. 9 n. Chr. erweisbar? Warum aber sollte Tacitus mit seiner der römischen Seite doch sehr wichtigen und von ihr gewiß registrierten und archivierten Ortsangabe im Irrtum gewesen sein?

Diese beiden Beispiele plausibilisieren das Postulat, das die Herausgeber auch für die Germanengeschichte unterstreichen: das der alten 'Epoche', d. h. der Notwendigkeit ständiger Reduktion des Wissens auf seinen angemessen gesicherten Bestand (S. 3 f.). Es steht dem der ebenfalls immer nötigen, lebendigen wissenschaftlichen Hypothesen- und Theoriebildung nicht entgegen.

 

Quellenbezogene Zurückhaltung ermöglicht es, die historische Bedeutung anderer Ereignisse und Prozesse in der Germanengeschichte - sozusagen 'neben' der Varus-Schlacht - wahrzunehmen und diese selbst wissenschaftsimmanent zu gewichten. So ist mit der Befreiungstat des Arminius etwa die Aussage der Quellen über eine im Jahre 47 n. Chr. stattfindende Annäherung des Cheruskerstamms an Rom (Bitte an Claudius, einen König einzusetzen - Tac., ann. 11, 16) und über eine Unterwerfung der Cherusker durch die benachbarten Chatten im späten 1. Jht. (Tac., Germania 36) zusammenzusehen. Dasselbe gilt für den Bataveraufstand d. J. 69/70, der politisch-militärisch größere Wirkungen entfaltete als die 'clades Variana', aber - wie diese - nicht etwa zur Beseitigung der Rheingrenze , d. h. der römischen Herrschaft dort führte (Tbd. 2, S. 170 ff.). Ferner sind die Entwicklung im markomannisch-böhmischen Bereich bereits seit augusteischer Zeit (Tbd. 2, S. 118 ff. - Reich des Marbod), aus der seit d. J. 166 n. Chr. mehrere kriegerische Konflikte mit Rom hervorgehen (Tbd. 2, S. 281 ff. - Markomannenkriege), und die Entwicklung im hermundurisch-suebischen Bereich Mittel und Süddeutschlands, aus der sich spätestens zu Beginn des 3. Jhts. n. Chr. eine gegen Rom gerichtete Stammesbildung der Alamannen zu entwickeln beginnt (Tbd. 2, S. 329 ff.), in einer historisch übergreifenden Perspektive mindestens ebenso wichtig wie die Entwicklung im norddeutschen - später teils fränkischen, teils sächsichen - Bereich zur Zeit des Augustus und Tiberius.

 

Eines ebenso unbefangenen Zugangs wie die Quellen der politischen Vorgeschichte der später deutschen Stämme sind die kulturgeschichtlichen - darunter die mentalitätsgeschichtlichen - Hinweise der 'ethnographisch-geographischen' Quellen fähig, die die Herausgeber ja an den Anfang ihrer Quellensammlung stellten. Tacitus und Ptolemaios, Strabon und Plinius d. Ä. mögen sich häufiger in Irrtümern und Vorurteilen befunden haben. Die handschriftliche Überlieferung ihrer Werke hat - wie bei Ptolemaios - gewiß viele zusätzliche Fehler erzeugt. Das sollte aber nicht dazu führen, diese Texte, wo die Quellenkritik es zuläßt, nicht inhaltlich so ernst zu nehmen, wie sie es verdienen, d. h. sie nicht produktiv und unbefangen zu nutzen. Wenn, um dafür ein - vielleicht belanglos erscheinendes - Beispiel von vielen anderen möglichen zu geben, Tacitus (Germania 24) mitteilt, beim Würfelspiel pflegten 'sie' auch ihr Leben und ihre Freiheit einzusetzen, der Verlierer begebe sich willig in die Knechtschaft, so groß sei ihr Starrsinn an verkehrter Stelle, sie selbst redeten von Treue ("ipsi fidem vocant") - muß man dies als eine Zufallsbeobachtung abtun, oder handelt es sich nicht vielleicht doch um eine zumindest 'mentalitätsgeschichtlich' ernstzunehmende Nachricht über eine unter den beobachteten Germanen weitverbeitete Charakterstruktur, die auf irgendeine Weise im späteren Deutschland fortwirkte - dauerhaft, wie solche Charaktertraditionen nun einmal sind?


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