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Christian Gizewski, Zu: Benjamin Straumann, Hugo Grotius und die Antike. Römisches Recht und römische Ethik im frühneuzeitlichen Naturrecht.

Studien zur Geschichte des Vxxlkerrechts, Bd. 14, hg. von A. v. Bogdandy, M. Stolleis, W. Graf Vitzthum, Nomos-Verlag Baden-Baden 2007. - Dissertation an der Universitx¬ßt Zx¬&Mac186;rich 2005/2006.

Der niederländische Rechtsgelehrte und Staatsmann Hugo Grotius (1583 - 1645) verband sein Leben lang stark politisch exponierte Funktionen - wie z. B. schon früh die eines Wortführers der arminianischen Religionspartei oder die eines holländischen Ratspensionärs, späterhin die eines langjährigen Gesandten Schwedens am französischen Hofe - mit ausgeprägten ebenso theologischen wie rechtlichen wie historischen Interessen und Kenntnissen. Diese führten u. a. zu dem bekanntesten seiner Werke, dem 1625 erstmals erschienenen „De Iure Belli ac Pacis“. Dieses Werk untersuchte in systematischer Absicht die Grundlagen der normativen Verbindlichkeit eines Kriegs- und Friedensvölkerrechts, d. h. eines staatenübergreifenden Rechts. Die Realität des Völkerlebens war jedoch schon damals geprägt durch eine kämpferische Rivalität europäischer Reiche und Staaten mit weitgetriebenen 'Souveränitäts‘-Ansprüchen, wie sie sich u.a. auch im 30-jährigen Kriege äußerte.

Die Aufgabe, die Grotius bearbeitete, wirkt daher ein wenig paradox; denn sie bestand in der Untersuchung in dieser Welt dennoch erforderlicher Arten staatenübergreifender Rechtsnormen und ihrer Geltungsvoraussetzungen. Diese ließen unter den damaligen Bedingungen aber im wesentlichen nur finden

a) in rechtsbegründenden Verträgen (lat. &Mac226;contractus‘), die Einzelstaaten aus bestimmten Anlässen miteinander schlossen, und

b) in den mit dem zwischenstaatlichen Rechts- und Wirtschaftsverkehr verbundenen sog. &Mac226;Gewohnheiten‘ (lat. &Mac226;consuetudines‘), die für die Praxis der Staaten, die sie dauerhaft respektierten, einen prinzipiell zwar nur faktischen, aber doch der Wirkung nach rechtsähnlichen Charakter hatten.

Über diese beiden für einen von Grotius empfundenen Regelungsbedarf unzureichenden Gruppen hinaus stellte sich ihm jedoch die Frage, ob es weitere und bedeutendere Formen dauerhafter übernationaler Rechtsgeltung gebe. Er dachte dabei wegen des Mangels an &Mac226;positven‘ Rechtsregeln an solche, die gewissermaßen &Mac226;von der Natur selbst‘ eingerichtet seien.

Die theoretisch formulierte Annahme und die systematische Untersuchung derartiger 'Naturformen des Rechts‘ stellt die eigentliche, politisch-rechtlich belangvolle Neuerung der grotianischen Untersuchung dar. Es geht umt eine frühe Form dessen, was späterhin unter Begriffen wie 'Naturrecht‘ oder 'Menschenrechte‘ auch im innerstaatlichen Verfassungsrecht europäischer Staaten überragende Bedeutung erhielt. Grotius schreibt die normativen Sätze dieses von ihm auch als überstaatlich verstandenen Rechtes einer ihm zwar als zeitlos und universell, aber nicht als göttlich geltenden Instanz zu. Es geht ihm bei dieser um nicht weniger als eine menschlichem Wesen überall und zu allen Zeiten innewohnende und deswegen auch überall und stets gleichmaßstäblich wirksame &Mac226;Vernunft‘. Auf der damit als 'rationalistisch‘ einzuordnenden Basis des 'Naturrechtsbegriffs‘ beruht seine Bedeutung für die grotianische Völkerrechtslehre: sie ermöglicht eine theoretisch wie praktisch gleichermaßen wichtige Systembildung eines Rechts, das außerhalb der Willensbildung einzelner Staaten steht, ja dieser ggf. übergeordnet ist.

Straumanns Arbeit ist vor allem dieser Frühform eines neuzeitlichen Naturrechts gewidmet. Eine Hauptfrage seiner Arbeit ist, aus welchem Grunde ein neuzeitliches Naturecht gerade in der Zeit des 17. Jhts. entstehe. Er findet Antworten - kurz zusammengefaßt - einmal in der Notwendigkeit, rechtliche Begründungen für die Entstehung von Handelsrechten und Besitzansprüchen in den von europäischen Mächten damals neu &Mac226;erschlossenen‘ Teilen der Welt zu entwickeln, zum anderen in der Notwendigkeit, neuentstehenden europäischen Staatenbildungen - wie etwa den Niederlanden - eine von positiven Setzungen und Gewohnheiten einer bereits existierenden, politisch-militärisch machtvollen Staatenwelt unabhängige, rechtlich begründbare Verfassungs- und internationale Handlungsfähigkeit zu verschaffen.

Zum anderen interessiert sich Straumann - und dies ist der Kern und weitaus größte Teil seiner Arbeit - für die geschichtlich-ideellen Gundlagen, aus denen Grotius‘ normatives Konzept und System eines &Mac226;rationalen‘ Naturrechts zusammengesetzt ist. Er findet sie - dies kann hier wiederum nur stichwortartig erwähnt werden, obwohl es geistes- und rechtsgeschichtlich besonders bedeutungsvoll ist - in fast allen wichtigen Aspekten grundlegend beeinflußt sowohl vom Römischen Recht in der seit der Zeit der Glossatoren wissenschaftlich erschlossenen und allgemeinzugänglich gewordenen Form der justinianischen Codices, besonders der Digesten, als auch von der europäisch-bildungsgeschichtlich zentralen rhetorischen Topologie und philosophischen Lehre Ciceros.

Es gelingt Straumann, seine Untersuchungsergebnisse mit einer Fülle von Textbeispielen sowohl aus Grotius' Werk als auch aus dem Römischen Recht und - u. v. a. - aus Ciceros Schriften zu belegen. Seine gleichzeitige Auseinandersetung mit zahlreichen geschichtsbezogenen und aktuell-wissenschaftlichen Literaturfeldern ist bewundernswert gründlich und erfordert eine entsprechend gründliche Lektüre. Sie ist für alle Arbeiter auf diesem ideen- und rechtsgeschichtlich besonders interessanten und bedeutungsvollen Gebiet ohne Einschränkung zu empfehlen.


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