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N. G. Tschernyschewski, Was tun? Zu den geistesgeschichtlichen Wurzeln des 'Anarchismus'.

Von Christian Gizewski.

IN BEARBEITUNG.

Stand: 5. Jan. 2013.


Vorbemerkungen.

Das hier in einer heutigen Lesebedürfnissen entgegenkommenden, übersichtlichen und dennoch substanziellen Darstellung und Kommentierung vorgesehene Werk Tschernyschewskis

Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski, Was tun (russ. 'Tschto delatj')? Aus Erzählungen vom neuen Menschen (1863). Ins Deutsche übersetzt von Dr. M. Hellmann und Hermann Gleistein, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1951.

war für den Bearbeiter in Berliner Bibliotheken mit angemesenem Zeitaufwand nicht aufzufinden. Im Buchhandel liegt es nach seiner Kenntnis in aktuellen Neubearbeitungen oder Neuauflagen nicht vor.

Die 1951 erschienene, mit einer knapp vierzig Seiten langen Einführung von Georg Lukacz versehene Ausgabe scheint die bisher letzte allgemeinzugängliche, deutschsprachige Ausgabe des - zwar 1863 erstmals erschienenen, aber dennoch bis heute politisch-theoretisch und -praktisch bedeutungsvoll gebliebenen - Werks zu sein.

Auf die eingehende Einführung von G. Lukacz, auf den Seiten 5 - 41 des unten zugänglichen Gesamtwerks Tschernyschewskis ( > Zur Lektüre des Gesamtwerks ) sei deshalb zunächst nachdrücklich hingewiesen.


Tschernyschewski ist ein teils innerhalb, teils außerhalb der von Marx und Engels begründeten Ansätze stehender Theoretiker der Abschaffung illegitimer Herrschaft in 'modernen', aber zugleich stark traditionell-konservativ gepägten Formen des Staates, der gesellschaftlichen Organisation und der familiär-persönlichen Beziehungen. Als solcher hat er sich nicht damit abgefunden, solche Konzepte als 'Utopie' bis zu einem St.-Nimmerleinstag verschieben oder als in im unsinnigen Sinne einer politischen 'Herrschafts- und Ordnungslosigkeit' mißverstehen zu lassen.

Derartiges Denken war im zaristischen Rußland der vorrevolutionären Zeit bis 1917 in weiten Kreisen einer 'linksgerichteten' und sogar einer 'bürgerlichen' politischen 'Intelligenz' verbreitet. Tschernyschewski wurde seinetwegen mit mehrjähriger Verbannung nach Sibirien und einem Verbot der Publikation politischer Schriften bestraft. Lenin nahm trotz wichtiger Unterschiede in seiner gleichbetitelten Schrift 'Was tun' das Denken Tschernyschewskis auf.

Zu diesem Denken gehören auch eine Theorie und Praxis des - gelegentlich sinnvollen, nötigen und naturrechtlich begründeten, aber gesetzeswidrigen - Widerstandshandelns kleiner Gruppen und sogar von Einzeltätern gegen Illigitimitätszustände und ihre Vertreter - in 'direkter Aktion'. 'Direkte Aktion' ist zwar ein erst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts entstandener politisch-theoretischer Begriff. Er umfaßt aber auch heute häufig vorkommende politische Kampfhandlungen wie Boykott, wilder Streik, Sabotage, Blockade, ungenehmigte Demonstration, Haus- und Straßenbesetzung. Es gehören auch Attentate dazu. Deren Ziel kann äußerstenfalls die demonstrative und politisch-schadenstiftende Tötung des Repräsantenten einer politisch etablierten Gegenmacht sein.

Das 'unmittelbare Agieren' etwa gegen einen mit seinen Machtmitteln überlegenen Staat - wie traditionell im europäischen Bereich - beruht auf der Einschätzung des Handelnden, er könne weder bei dessen Gesetzen, noch bei dessen politischen Organen noch bei dessen Gerichten für seine gerechten Anliegen Gehör und Beistand erlangen. Der Weg über politische Interessenvertreter, Parteien und politische Beziehungsnetze empfindet er deshalb ebenfalls als nutzlos.

Die ideellen Maßstäbe seiner Gerechtigkeitsforderungen können dabei unklar, widersprüchlich und ihrerseits ungerecht sein; auch kann dabei eine religiöse, der andersgläubigen Mitwelt nicht verständlichen Fundierung vorliegen. Aber auch bei klaren, unwidersprüclichen und gefühlsmäßig allgemeinverständlichen Gerechtigkeitsideen gibt es für die sie vertretenden 'direkt Agierenden' 'das Gesetz', die staatlich gesetzte Norm, als zu notwendig zu überschreitende Grenze ihres Handelns. Bei der Entscheidung, ob gesetzliche Normen für ihn an die Stelle der 'Gerechtigkeit' treten können oder nicht, entscheiden sich 'direkt Agierende' jedenfalls gegen 'das Gesetz' - und damit auch gegen die diesem seinerseits möglicherweise innewohnenden Gerechtigkeitsideen.

Dieser Wert-Konflikt politisch 'direkt' Handelnder' und ihrer für ihr Ziel zweckmäßigerweise vor der Öffentlichkeit verdeckten Verbindungen hat in der christlich-antik geprägten europäischen Kulturzone eine spezielle, mehrfach in der Antike wurzelnde Tradition, nämlich

1. die politische des 'Tyrannnenmords', d. h. der durch Gerechtigkeits- und Allgemeinwohlideen begründeten Beseitigung 'illegitimer Herrschaft',

2. die philosophische des grundsätzlichen Mißtrauens gegenüber der 'Vernunft' der Staatsgewalt, selbst einer 'demokratisch' legitimierten,

3. die religiöse des.christlichen Widerstands gegen eine gottlose Staatsgewalt.

Obschon die Traditionen zu 2. und 3. an keiner in der historisch-philologischen Überlieferung eindeutig belegbaren Stelle zu 'direkten Widerstandsaktionen' gegen irgendeine Staatsgewalt aufrufen, so findet sich doch in der kynisch-skeptischen Tradition genügend ideelles Grundmaterial für eine auch praktische werdende Staatsfeindschaft. Der sokratische Gehorsam gegenüber seiner Verurteilung durch demokratischen Beschluß zum Trinken des Schielingsbechers war deshalb vermutlich nicht jedes, vor allem nicht jedes skeptischen Philosophen Sache. - Auch in den apokalyptischen Traditionen des Judentums und des mit ihm auch insoweit verwandten Christentums findet sich ein explosiver Haß gegen die staatliche Herrschaft in Gestalt des römischen Reiches.

Die 'direkt Agierenden' gegen die Herrschaft des Russichen Zarenreiches vor 1917 hatten deswegen, gerade wenn sie gebildet - und nicht sozial wie bildungsmäßig Benachteiligte - waren, viele vorgegebene ideelle Traditionen für sich, aus denen sie für ihr politisches Handeln Begründungen herleiten und produktiv verbinden konnten. Auch ihr system-revolutionärer, also überindivididueller Impuls, der vor 1917 noch nicht in strikt voneinander abgegrenzte bürgerlich-freiheitliche, menschwistische und bolschewistische Parteibildungen aufgeteilt war, baute auf diesem Ideengut auf.

Andererseits wehrte das zaristische Herrschaftssystem solche ihm durchaus gefährlichen Geistesbewegungen seit etwa 1880 durch eine intensive geheimpolizeiche Tätigkeit (Ochrana, Amt für Sicherheit) und eine politische Strafjustiz ab, deren Ziel darauf gerichtet war, die gefährlichen Ideen nicht massenwirksam werden zu lassen.

Tschernyschewski war einer der vielen Gebildeten und folglich wohl auch für Führungsaufgaben Geeigneten unter den potentiellen Systemzerstörern. Er wurde als solcher bei seiner journalistischen Tätigkeit in St. Petersburg ausfindig gemacht und gerichtlich zunächst zu Gefängnishaft, sodann zur Verbannung nach Sibrien verurteilt und späterhin - nach der ihm erlaubten Rückkehr - mit einem Publikationsverbot belegt. In der Gefängnishaft schrieb er den Roman, um den es in den folgenden Ausführungen geht. Dessen Titel 'Was tun?' ließ späterhin (1902) Lenin eine gleich titulierte revolutionäre Angriffsschrift gegen die Zarenherrschaft und für ein Bündnis zwischen allen Teilen des ideell-revolutionären politischen Spektrums verfassen. In seiner marxistisch geprägten Denkweise sprach Lenin von einem Bündnis von 'Bildungsbürgertum und Proletariat'.


Zur Erörterung sind im folgenden vorgesehen folgende Teilthemen:

Teil A. Die Methoden der politischen Überwachung und Repression politischer Ideen am Beispiel Tschernyschewskis.

1. Die staatliche Überwachung Tschernyschewskis, seine Verurteilungen und die ihn treffenden Verbote politischer Publikation.

2. Die aufgenötigte Form einer literarischer Verkleidung seines politisch-ideellen Agierens.

Teil B: Tschernyschewskis politisch-ideeller Widerstand und weiterführender Kampf gegen das illegiitime zaristische Regime.

1. Tschernyschewskis in der romanhaft entwickelten Idee vom 'neuen Menschen' enthaltene, aber aufgenötigt implizit bleibende naturrechtliche Konzeption von Regierungslegitimität und legitimem Widerstand.

2. Tschnyschewskis in der romanhaft entwickelten Idee vom 'neuen Menschen' enthaltene, aber aufgenötigt implizit bleibende Konzeption eines wirksamen Widerstandes gegen illegitime politische Herrschaftsausübung.

3. Tschernyschewskis romanhaft-explizit geäußerte Konzeption eines wirksamen Widerstandes gegen illegitime familiäre, soziale und privatrechtliche Herrschaftsausübung.

Teil C: Allgemein- und geistesgeschichtliche Erörterung der von Tschernyschewski während seines politischen Lebens und in seinem Roman bedachten politischen und sozialen Praxis-Modelle.

1.In Gruppen oder Parteien organisierte Formen politischen Widerstandes und weiterführenden politischer Kampfes.

2. 'Direkte Aktionen' (Einzeltäter-Handlungen, Attentate).

3. Defensiv-autonom abgegrenzte ('kompromißlose', 'konspirative') Entwicklung alternativ-konfrontativer politischer Gesamtkonzepte.

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Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, GF Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin .