S 39:

Zu den Wurzeln zeitgeschichtlicher Vorstellungen von einer 'Kollektivhaftung' in kriegsrechtlichen und sakralen Traditionen des vorderorientalisch-mediterranen Altertums.

Anmerkungen zu: Walter Bodenstein, Ist nur der Besiegte schuldig? Die EKD und das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945.

Von Christian Gizewski.

IN BEARBEITUNG.

Stand: 12. Dezember 2012.

I. Vorbemerkung.

Die in Kriegen und Bürgerkriegen nicht nur früherer menschheitsgeschichtlicher Epochen, sondern auch der Zeitgeschichte und der Gegenwart, hervortretende Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit der militärischen, bewaffneten Sieger und der politischen Siegerseiten gegenüber den Besiegten und den Völkern und Menschgruppnen, denen sie zugehören, werfen mehrere Fragen auf:

1. Reicht es wirklich aus anzunehmen, es gehe bei solcher kollektiver Unmenschlichkeit gewissermaßen um eine regellose, nur auf fehlender Rechtskontrolle beruhende Form der Entartung menschlichen Wesens? Oder gibt es Regeln, auch rechtlicher Art, die ein solches unmenschliches Verhalten gewissermaßen 'legitimieren' und 'steuern'? Woher kommen sie?

2. In welchem Verhältnis stehen sie zu zu solchen anderen Rechtstraditionen und -setzungen, die die waffenlosen, verwundeten und gefangenen Feinde prinzipiell schonen, die ihr Leben erhalten, die diejenigen, die nicht am militärischen Kampfgeschen teilnehmen, insbesondere Kinder, Frauen, Kranke, Gebrechliche und Alte, nicht verletzen und die auch im Falle gerichtlicher Verurteilung von Feinden diesen strikte schuldangemessene Gerechtigkeit und Mäßigung sichern? Woher kommen diese Rechtsregeln?

3. Das hier zu besprechende Werk des Religionswissenschaftlers Walter Bodenstein hat die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland viel und leidenschaftlich diskutierte Frage nach der 'Schuld auch der Siegerseite' gestellt, in der die damalige 'Evangelische Kirche in Deutschland (EKiD)' deutlich Partei nahm, indem sie nicht nur von einer 'gesamtkirchlichen', sondern auch von einer 'gesamtdeutschen' Verantwortung' sprach.

Bodensteins speziell der damaligen Diskussion in Deutschland geltendes Buch geriet, wie ich meine, zu Unrecht in Vergessenheit. Die Vorstellungen von einer 'gesamtdeutschen Verantwortung' für den Zweiten Weltkrieg, gegen die es viele - nicht nur theologische und philosophische, sondern vor allem auch historische - Einwände gab und gibt, blieb dagegen grundlegende Maxime einer - zu Recht - auf Ausgleich mit den früheren 'Feindmachten' bedachten deutschen Nachkriegspolitik. Das brachte allerdings für fast alle Gruppen der deutschsprachigen Bevölkerung in den Grenzen des vormaligen 'Großdeutschen Reiches' das Ertragen vieler unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten unerträglicher und ihrer Begründung nach unverständlicher Härten und auch Unmenschlichkeiten mit sich, wie zum Beispiel die Vertreibung mehrerer Millionen 'Deutscher' - i. S. von 'Deutschsprachigen' - aus 'Ostdeutschland', d. h.den seit Jahrhunderten von dieser deutschsprachigen Bevölkeung besiedelten Gebieten östlich der Oder und aus Osteuropa. Noch der gegenwärtige Sprachgebrauch des Wortes 'ostdeutsch' für die Gebiete zwischen der Oder-Neiße-Linie und der früheren Demarkationslinie der DDR zur alten BRD stellt eine unter Gerechtigkitsaspekten unerträgliche, durch politisch-'korrekten', aber historisch unrichtigen medialen Sprachgebrauch aufgedrängte sprachpolitisch-sophistische Nachwirkung dieser Härten dar. Wer bei einem Verkehrsunfall seine beiden Beine verliert, wird das untere Ende seines Körpers fortan verständigerweise ja auch nicht 'Füße' nennen.

In heutiger, inzwischen fast 70 Jahre von den damaligen Geschehnisen entfernter Zeit ist vielleicht der Versuch sinnvoll, die von Bodenstein aufgeworfenen Fragen in einen historisch und anthropologisch weiter gefaßten Rahmen zu stellen.

Diese sind in der folgenden Gliederung zu einer weiteren Bearbeitung vorgesehen.

II. Zusammenfassung der zentralen Thesen des Bodensteinschen Werks.

Walter Bodenstein, Ist nur der Besiegte schuldig? Die EKD und das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945. Herwig Verlagsbuchhandlung München, Berlin 1986.

Zum Seitenindex.

III.:Konzept einer weitergefaßten Erörertung des Konflikts normativer Leitvorstellungen bei der Kriegführung und bei der Behandlung des 'besiegten Feindes'..

IV. Die 'archaischen' Rechtsvorstellungen des vorderorientalisch-mediterranen Altertums, ihr Begriff aus heutiger Sicht, ihr Kreis und ihre Fortwirkung bis in die Gegenwart.

V.. Der Kreis 'archaischer' Rechtsprinzipien, illustriert an wichtigen Beispielen.

A. 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'.

B. 'Blutrache' zur Verteidigung der Ehre.

C. Die Todesstrafe für 'Gotteslästerung' und 'Majestätsbeleidugung'.

D. Abschreckende Grausamkeit beim Vollzug einer Strafe.

E. Unbegrenztes Kriegsführungsrecht 'selbständiger' (autonomer, souveräner) 'Herrschaften' und 'Staaten'.

F. Unbegrenztes Recht des Siegers im Kriege an Leib, Leben, Freiheit, Eigentum und Besitz der besiegten Partei einschließlich des Rechts zur Versklavung der Angehörigen der besiegten Partei.

G. Die kollektive Haftung von Völkern und Verwandtschaftsverbänden für die aus ihrer Mitte begangenene Unrechtshandlungen gegenüber anderen Völkern und Verwandtschaftsverbänden.

H. Die kollektive Haftung eines Volkes gegenüber einem göttlichen Strafgericht..

VI. Gegentendenzen gegen die Geltung 'archaischer' Rechtsprinzipien in der Geschichte des vorderorientalischen Altertums und der griechisch-philosophischen, römisch-rechtlichen und christlichen Antike.

A. 'Gnade' und 'Verzeihung' bei erlittenem oder zu bestrafendem Unrecht.

B. Prinzip und Tugend der 'phronesis'/ 'moderatio' als 'Verhältnismäßigkeits'-Prinzip im Vollzug von Rache und Strafe.

C. Prinzip der individuellen, tatbestandlich klaren Vorsatz- und Fahrlässigkeitsschuld ausschließlich bei verantwortlichen Personen (oder personenähnlichen Rechtsfiguren)..

D. 'Skepsis' gegenüber 'logos'-widrigen ('vernunft'-widrigen') Gesetzen, politischen Ordnungen, religiösen und moralischen Sitten (Gewohnheiten, Traditionen).

E. Prinzip der 'Feindesliebe' und einer 'positiv-aufbauenden Vergeltung' (speziell im Christentum).

F. Die Milderung der Vergeltung durch Opfer, Buße und Schuldbekenntnis.

VII. Beibehaltung und Beseitigung 'archaischer' Rechtsprinzipien in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Rechtsgeschichte.

A. Beibehaltung des 'Archausimuns' in 'Majestätsbeleidigungs'- und 'Aufruhr'-Angelegenheiten

B. Beibehaltung des 'Archausmus' in der mittelalterlich-frühneuzeitlichen 'Ketzerverfolgung'.

C. Beibehaltung des 'Archaismus' im christlichen 'Antijudaismus'.

D. Beibehaltung des Prinzips des 'freien Kriegsführungsrechts' einschließlich des Verfügungsrechtes des Kriegs-Siegers, wobei allerdings das Recht zur Versklavung des besiegten Gegners eingeschränkt wird..

E. Beibehaltung des Kriegssiegerrechts, was die nachträgliche und abschreckende gerichtliche Verurteilung 'verantwortlicher' Besiegter betrifft..

F. Einschränkung des freien Kriegsführungsrechts durch Völkerrechtskonventionen gegen Kriegsverbrechen und Menschlichkeitsverletrzungen.

G. Aufklärerische Beseitigung der Straftatbestände der 'Gotteslästerung' und der 'Majestätsbeleidigung'.

H. Aufklärerische Abgrenzung der 'Menschenrechte'.

VIII. Das 'Schuldbekenntnis' der 'Evangelischen Kirche in Deuschland (EKD)' des Jahres 1945 als Beispiel für die zeitgeschichtliche Nachwirkung 'archaischer' Rechtsprinzipien.

A. Die Vorstellung von der 'kollektiven Schuld' einer ganzen kirchlichen Gemeinschaft.

B. Die Vorstellung von der 'kollektiven Schuld' eines 'ganzen deutschen Volkes' und den deshalb von diesem insgesamt zu tragenden 'Folgen'.

C. Die geistige und 'klerikal-rhetorische' Apassung evangelisch-theologischen Denkens an die 'archaische' Form einer 'praventiven', volkserzieherischen Kriegssieger-Justiz in den Nürnberger Prozessen d. J. 1945.

D. Die evangelisch-innerkirchliche Opposition gegen das 'Stuttgarter Schuldbekenntnis' d. J. 1945 und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Bewußtsein am Beispiel der Schrift des Kieler Professors für Religion und ihre Didaktik Walter Bodenstein.

E. Die bis zur Gegenwart reichende politische Verallgemeinerung des 'Stuttgarter Bekenntnisses' 'für' die gesamte deutsche Bevölkerung der nationalsozialistischen Epoche.zum heutigen, allgegenwärtigen innen- und außenpolitischen rhetorisch-argumentativen Topos.

***

Verantwortlicher WWW-Autor: Christian Gizewski. Stand: 19. Sept. 2012